Kitabı oku: «Götter, Monster und Heroen»

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176 Seiten mit 19 Abbildungen und einer Farbtafel

Titelbild: Caravaggio, Kopf der Medusa

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2013 by Nünnerich-Asmus Verlag & Media, Mainz am Rhein

ISBN 978-3-943904-11-6

Gestaltung: Scancomp GmbH

Lektorat: Frauke Itzerott

Gestaltung des Titelbildes: Scancomp GmbH

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten. Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages ist es auch nicht gestattet, dieses Buch oder Teile daraus auf fotomechanischem Wege (Fotokopie, Mikrokopie) zu vervielfältigen oder unter Verwendung elektronischer Systeme zu verarbeiten und zu verbreiten.

1. digitale Auflage 2013

Digitale Veröffentlichung: Zeilenwert GmbH

Weitere Titel aus unserem Verlagsprogramm finden Sie unter: www.na-verlag.de

Cornelius Hartz

GÖTTER

MONSTER

und HEROEN

Berühmte Stimmen zu den bedeutendsten ­mythologischen Gestalten der Antike


Diese stillen Leute sitzen unbewußt auf dem Pegasus, ich will sagen, sie leben in einer inneren Poesie, die ihnen im Traume mehr von dem gibt, was ihre leiblichen Augen nie sehen werden, als wir anderen übersättigten Menschen mit unseren Händen davon ergreifen können.

Annette von Droste-Hülshoff,

Bei uns zu Lande auf dem Lande (1862)

Inhalt

Cover

Copyright

Titel

Zitat

Mythos, Märchen, Sage?

Götter, Göttinnen & Co.

Aphrodite/Venus

Apollon

Athene/Minerva

Castor und Pollux

Dionysos/Bacchus

Grazien

Hades/Pluto

Hera/Juno

Hermes/Merkur

Isis und Osiris

Janus

Kronos/Saturn

Moiren

Musen

Poseidon/Neptun

Prometheus

Zeus/Jupiter

Helden und Heldinnen

Herakles

Medea

Ödipus

Orpheus

Perseus

Theseus

Epische Gestalten

Achilleus

Aeneas

Hektor

Helena

Kirke

Odysseus

Monster und Fabelwesen

Harpyien

Medusa

Minotaurus

Pegasus

Phönix

Sirenen

Skylla und Charybdis

Sphinx

Zentauren

Zerberus

Zyklopen

Mythische Menschen

Amazonen

Dädalus

Deukalion und Pyrrha

Europa

Pandora

Sisyphos

Tantalos

Literaturhinweise

Quellennachweis

Abbildungsnachweis

Mythos, Märchen, Sage?

Gustav Schwab (s. S. 113) lebte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und war ein Pfarrer und Lehrer aus Stuttgart. Sein großes Verdienst ist es, ein Standardwerk zur Mythologie geschaffen zu haben: Die Sagen des klassischen Altertums waren vor allem dazu gedacht, die Mythen der Römer und Griechen, mit denen sich Schwab beschäftigte, der zu dieser Zeit bei mehreren Verlagen als Herausgeber antiker Autoren tätig war, der deutschen Jugend näherzubringen. Natürlich konnte man dieser nicht alles zumuten, was da bei Homer, Hesiod oder Vergil zu finden war, und so kürzte Schwab munter vor sich hin oder erzählte dies und das neu, wenn die antiken Vorlagen zu kompliziert schienen oder zu viel Gewalt und Sex enthielten.

Dass Schwab im Titel seines Werks nicht nach griechischer und römischer Mythologie unterscheidet, ergibt durchaus Sinn, hat doch das Römische Reich den griechischen Götterapparat und Mythenschatz im Großen und Ganzen übernommen. Bereits lange vor der militärischen Eroberung Griechenlands durch Rom im 2. Jahrhundert v. Chr. sorgten griechische Pflanzstädte wie Neapel dafür, dass die Bewohner des Römischen Reichs mit der griechischen Kultur in Berührung kamen. Im Laufe der Zeit wurden die Funktionen der einzelnen Gottheiten den heimischen Göttern angepasst – so wurde aus Zeus Jupiter, aus Hermes Merkur usw. Bald gab es nur noch wenige komplett römische Götter (z. B. Janus). Gustav Schwab indes sorgte dafür, dass auch heute noch der Begriff „Sage“ zur Anwendung kommt, wenn von Zeus, Orpheus, Perseus oder Medusa die Rede ist – dabei ist eine Sage durchaus etwas anderes als ein Mythos, auch wenn beide ähnliche Elemente aufweisen. Vom Märchen ganz zu schweigen. Doch wo liegen die Unterschiede zwischen Mythos und Sage, Märchen und Legende?

Wir alle werden als Erstes in unserem Leben mit dem Märchen konfrontiert. Diese Bezeichnung beschreibt eine mündlich tradierte Erzählung mit wundersamen Begebenheiten und phantastischem Personal (Hexen, Zauberer, sprechende Tiere), die in einer unbestimmten Vergangenheit angesiedelt ist („Es war einmal . . .“). Es dient der Unterhaltung, allerdings oft mit einem bestimmten päda­gogischem Hintergedanken. Die Legende rankt sich um tatsächlich existierende Personen oder Geschehnisse und dient dazu, diese nachträglich zu überhöhen. Sie ist zumeist räumlich und zeitlich genau verortet und enthält oft sogar einen wahren Kern. Heute sprechen wir z. B. von der „Legendenbildung“ um eine Person oder ein Groß-ereignis. Die Sage verbindet beides: Sie operiert mit phantastischen Elementen, ist jedoch zeitlich und räumlich verortet. Der ursprüngliche Verfasser ist meist unbekannt, ihre Motive können interkulturell weitergegeben werden. Diese Definition der Sage trifft auch auf die meisten Mythen zu, doch gibt es einen wichtigen Unterschied: Der Mythos trägt eine viel weiterreichende Bedeutung als die drei anderen Erzählformen, die vor allem der Unterhaltung dienen – er verortet den Menschen und erzählt, wie seine Welt so wurde, wie sie ist. Die wichtigste Beziehung, die im Mythos zum Ausdruck kommt (in den Geschichten der Ilias genau wie in denen der Bibel) ist die zwischen Mensch und Göttern.

Ob und wie lange man in der Antike glaubte, dass die einzelnen Erzählungen der Wahrheit entsprachen, ist dabei zweitrangig. Auch wenn man sagen kann, dass z. B. um die Zeitenwende in Rom zumindest die obere Gesellschaft nicht mehr an eine anthropomorphe Entourage von über einem Dutzend Göttern glaubte: Die Mythologie (das Kollektiv der Mythen einer Gesellschaft) blieb auch für aufgeklärte Zeitgenossen ein wichtiger Teil ihrer Kultur – wie ja auch heute viele Atheisten zustimmen würden, dass es durchaus lohnt, sich mit dem Christentum zu beschäftigen, da es eine wichtige Säule unserer heutigen Kultur und Gesellschaft ist. Zugegeben: Hier und da können die Übergänge zwischen den Erzählformen fließend sein. So gibt es z. B. innerhalb der Odyssee von Homer, die Mythen wiedergibt, die sich um Odysseus’ Irrfahrten ranken, Elemente, die aus uralten Märchen des Mittelmeerraums eingeflossen sind.

Was die Mythologie der griechisch-römischen Antike so besonders macht und zugleich von anderen Kulturen unterscheidet, ist der starke Hang zur „Vermenschlichung“ der Götterwelt. Die Olympischen Götter haben nicht nur äußerlich menschliche Züge – sie streiten sich untereinander, spinnen Intrigen gegeneinander, haben Schwächen und machen sich angreifbar. Göttliche Allmacht sieht anders aus. So schreibt Karl Philipp Moritz 1791 in seiner Götterlehre: „Keines der höheren Wesen, welche die Phantasie sich darstellt, ist von Ewigkeit, keines von ganz unumschränkter Macht. [. . .] Weil aber die zu große Nähe und Deutlichkeit des Wirklichen ihrem dämmernden Lichte schaden würde, so schmiegt sie sich am liebsten an die dunkle Geschichte der Vorwelt an, wo Zeit und Ort oft selber noch schwankend und unbestimmt sind“ – und doch hat man Ereignisse wie den Trojanischen Krieg lange Zeit als historisch angesehen. Selbst Schliemann ließ sich noch von Homers Schriften leiten, als er versuchte, Troja zu verorten und auszugraben.

Dass er die Stadt tatsächlich fand, scheint ihm im Nachhinein recht zu geben, zeigt aber vor allem, dass Mythen zu einem gewissen Grad in der Realität verankert sind. So meint man z. B. herausgefunden zu haben, dass der Mythos der Hydra, jener Riesenschlange, der zwei Köpfe nachwachsen, wenn man ihr einen abschlägt, auf bestimmte geografische Bedingungen am Ursprungsort zurückgeht – dort wurde die ländliche Bevölkerung von den unberechenbaren Überschwemmungen eines Flusses in ihrer Existenz bedroht. Dass man die Entstehung eines Mythos aber bis zu einem bestimmten Ort und einer Zeit zurückverfolgen kann, ist in der Regel nicht der Fall. Wir wissen nicht, wer sich diese Mythen wann ausgedacht hat, wir wissen nur, wer sie lange Zeit später aufgeschrieben und für die Nachwelt festgehalten hat – sei es nun Homer (als ältestes schriftliches Zeugnis Griechenlands), Ovid (als wichtigste Rezeption in Rom) oder Schwab (als Aufbereitung für die Moderne, die heute die Originale nicht mehr liest).

Indes, was Schwab da beschrieb, war für die Menschen natürlich nicht neu. Die antiken Mythen gehörten seit der Wiederentdeckung der Antike ab dem 15. Jahrhundert z. B. zum festen Repertoire der bildenden Kunst. Die Originaltexte, in denen sich diese Geschichten finden, wie Ovids Metamorphosen, wurden durchaus rezipiert und gehörten bis in die Zwanzigerjahre auch auf deutschen Gymnasien zum festen Repertoire des Latein- und Griechischunterrichts. Heute ist dies nicht mehr der Fall, und doch finden wir uns immer noch von den mythischen Gestalten der Antike umgeben – sei es in Museen, im Theater oder auch in der Literatur.

In diesem Band kommt nun also vor allem die Literatur zu Wort. Auf die Beschreibung der jeweiligen mythischen Figur, der sie umrankenden Geschichten und einer kurzen Analyse ihrer kulturellen Bedeutung folgt eine Textpassage aus der Weltliteratur, von Sappho bis Kafka, die die Figur aufgreift und in ihrem Sinne verwendet. Es muss kaum erwähnt werden, dass die Auswahl dabei eine subjektive ist – wie auch die Auswahl der Quellen, an denen sich die Nacherzählung einzelner Mythen orientiert. Denn oftmals geben verschiedene Überlieferungsstränge verschiedene Varianten wieder, z. B. in Hesiods Theogonie, Ovids Metamorphosen usw.

Auch die Literaten hatten es nicht immer leicht, sich in der großen Vielfalt der Gestalten zurechtzufinden, und mussten genau aufpassen, wo sie sich bedienten. So sagt Goethe einmal im Gespräch mit Eckermann: „Das Schwierige indessen war, sich bei so großer Fülle mäßig zu halten und alle solche Figuren abzulehnen, die nicht durchaus zu meiner Intention paßten. So habe ich z. B. von dem Minotaurus, den Harpyien und einigen andern Ungeheuern keinen Gebrauch gemacht.“ Andere Autoren hatten durchaus Platz in ihren Werken für diese Monster, wie im Mittelteil des Buches zu sehen sein wird. Neben den literarischen Aufarbeitungen gibt es für jede Figur noch einen weiteren Hinweis auf ein Beispiel zur Rezeption von der Antike bis zur Jetzt-Zeit (aus verschiedenen Bereichen wie Malerei, Musik, Technik u. v. m.). Da nichts von all diesem einen Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann, soll auch dieses kleine Rezeptionsbeispiel nur einen Denkanstoß bieten und zeigen, wie sehr uns auch heute noch die antiken Mythen umgeben – zum Teil ohne dass wir uns dessen wirklich bewusst sind.

Ahnentafel der griechischen Götter


Götter, Göttinnen & Co.

Großer Apollo! wenn du zum Geben aufgelegt bist, so gieb mir – ich fordere nicht mehr – nur ein wenig natürlichen Humor, mit einem Fünkchen deines eigenen Feuers darin, und dann schicke den Merkur, wenn er abkommen kann, mit allen Richtmaßen und Zirkeln und mit meinen besten Empfehlungen obendrein zum – nun, du wirst schon selbst wissen.

Laurence Sterne, Tristram Shandy (1759)

Aphrodite/Venus


Aphrodite (römisch: Venus) ist in der Mythologie die Göttin der Schönheit und der Liebe. Eines der wichtigsten Zentren ihres Kults war die Insel Zypern, die als ihr Geburtsort galt und auf der ihr schon früh ein Tempel errichtet wurde. Entstanden ist der Aphroditekult wahrscheinlich aus der Verehrung einer archaischen Natur- und Fruchtbarkeitsgottheit. In der antiken Mythologie ranken sich um Aphrodite naturgemäß viele Geschichten. Wie bei allen olympischen Göttern gibt es Erzählungen zu ihrer Geburt, ihrer Interaktion mit den anderen Göttern und zu ihren Begegnungen mit Menschen. Was ihre Geburt betrifft, so gibt es mehrere Varianten – die bekannteste ist zugleich die blutigste: Nachdem der Titan Kronos – der Vater der olympischen Götter – seinen Vater Uranos kastriert, wirft er dessen Genitalien hinter sich ins Meer. Aus dem Schaum, der dabei aufspritzt, entsteht Aphrodite, aus den Blutstropfen die Erynnien (Rachegöttinnen). Vom Meeresschaum stammt auch Aphrodites Name: aphros bedeutet auf Griechisch „Schaum“, die Bedeutung des zweiten Teils des Namen ist unklar. Im Mythos ist Aphrodite mit Hephaistos, dem Schmiedegott, verheiratet, hat aber zahlreiche Liebschaften, so z. B. eine Daueraffäre mit dem Kriegsgott Ares, aus der bezeichnenderweise der Liebesgott Eros (römisch: Amor) hervorgeht. Außerdem zeugt sie mit Dionysos den stets mit riesigem Phallus dargestellten Fruchtbarkeitsgott Priapos und mit Hermes den Hermaphroditos mit männlichen wie weiblichen Geschlechtsmerkmalen (eigentlich wohl eine mythische Figur, die auf eine alte männliche Liebesgottheit auf Zypern namens Aphroditos zurückgeht).

Die sicherlich berühmteste Darstellung Aphrodites in der Malerei, Die Geburt der Venus von Botticelli (1485), zeigt die Göttin in Anlehnung an ihre Entstehung im Meer, wie sie in einem homerischen Hymnus beschrieben ist, in der Schale einer riesigen Jakobsmuschel. Ebenso bekannt ist die Venus von Milo, eine ca. 100 v. Chr. entstandene Marmorplastik, die Anfang des 19. Jahrhunderts auf der Insel Milos von einem Landwirt entdeckt wurde – trotz der fehlenden Arme ein Bildnis von großer Schönheit. Allein deshalb bezeichnete man sie als „Venus“, andere Anhaltspunkte dafür, dass es sich überhaupt um eine Götterdarstellung handelt, gibt es nicht.


Geliebte Aphrodite (von Woody Allen, 1995)

Die Geschichte um einen Mann, der die leibliche Mutter seines Adoptivkinds, eine Prostituierte, kennenlernt und sich in sie verliebt, wäre in der Antike Stoff für eine Tragödie gewesen – bei Woody Allen wird eine intelligente Komödie daraus. Nicht nur der Titel gemahnt an die Antike: Ein klassisch gewandeter Tragödienchor kommentiert immer wieder die Handlung, wie damals bei Euripides oder Sophokles.

Sappho, An Aphrodite (um 600 v. Chr.)

Sappho (ca. 630 – ca. 570 v. Chr.) war eine griechische Dichterin von der Insel Lesbos. Ihre meist an Frauen gerichtete Liebeslyrik galt bereits in der Antike als Spitze der Dichtkunst. Platon bezeichnete sie als „zehnte Muse“. Leider sind ihre Gedichte heute nur noch fragmentarisch erhalten.

Golden thronende Aphrodite,

listenersinnende Tochter des Zeus,

nicht mit Angst und Sorgen belaste,

Hocherhabne, dies pochende Herz!

Sondern komm, wenn jemals dir lieblich

meiner Leier Saiten getönt,

deren Klängen du öfters lauschtest,

verlassend des Vaters goldenes Haus.

Du bespanntest den schimmernden Wagen,

und deiner Sperlinge fröhliches Paar,

munter schwingend die schwärzlichen Flügel,

trug dich vom Himmel zur Erde herab.

Und du kamst; mit lieblichem Lächeln,

Göttliche, auf der unsterblichen Stirn,

fragtest du, was die Klagende quäle,

warum erschalle der Flehenden Ruf.

Was das schwärmende Herz begehre;

wen sich sehne die klopfende Brust

sanft zu bestricken im Netz der Liebe.

Wer ist’s, Sappho, der dich verletzt?

Flieht er dich jetzt, bald wird er dir folgen.

Verschmäht er Geschenke, er gibt sie noch selbst.

Liebt er dich nicht, gar bald wird er lieben,

folgsam gehorchend jeglichem Wink.

Komm auch jetzt und löse den Kummer,

der mir lastend den Busen beengt;

hilf mir erringen, nach was ich ringe,

sei mir Gefährtin im lieblichen Streit.

(Übersetzung: Franz Grillparzer)

Apollon

Apollon (römisch: Apollo) nimmt in der Mythologie in vielerlei Hinsicht eine Sonderstellung ein. Auch wenn er in der Hierarchie der olympischen Götter eine eher untergeordnete Rolle einnimmt, ist er für die Menschen umso wichtiger – und das bereits aufgrund seiner verschiedenen Funktionen: Er ist der Gott der Weisheit, der Heilung und des Lichts, der Prophezeiungen, der Kunst, der Musik und der Dichtung. Als Lichtgott trägt er den Beinamen „Phoibos“ und in der Ilias beweist er sich zudem als exzellenter Bogenschütze. Dabei tritt er im Mythos oft nicht, wie seine Funktionen vermuten lassen, als positiver Menschenfreund auf, sondern als todbringender Vernichter. Zahlreiche Gestalten und Personen tötet er selbst (einen Satyr, die Zyklopen, die Töchter der Niobe) oder er lässt töten (so Orestes seine Mutter Klytaimnestra). Allerdings sind viele dieser Vorfälle Racheakte und somit zumindest gut motiviert. Eine der wichtigsten Kultstätten des Apollon war das berühmte Orakel von Delphi, das lange sogar als „Nabel der Welt“ galt – seine Verehrung dort hing mit seiner Rolle als Gott der Weissagungen zusammen.

Die hellseherischen Fähigkeiten, so der Mythos, sind ihm jedoch nicht angeboren: Erst als er die Riesenschlange Python tötet, geht deren diesbezügliche Kraft auf ihn über. Seine prophetische Begabung kann er auch weitergeben: so z. B. an Kassandra, die daraufhin die Troer vor dem Trojanischen Pferd warnt; leider hat Apollon es zugleich so eingerichtet, dass ihr niemand glaubt (ein weiteres Beispiel dafür, dass der Gott eher Schaden als Heil bringt). In Homers Ilias spielt Apollon aber auch sonst eine wichtige Rolle: Nachdem die Griechen Chryseis, die Tochter eines Apollon-Priesters, rauben und sie Agamemnon zur Frau geben, übt der Gott fruchtbare Rache und schickt eine Seuche über die Griechen. Später dann sorgt Apollon dafür, dass Hektor Achilleus’ Freund Patroklos umbringt. Erst als sich Hektor über den ihn unterstützenden Gott hinwegsetzt, wendet sich das Blatt für die Troer. Doch nicht nur in der Literatur ist Apollon zu Hause – als Gott der schönen Künste ist er sozusagen Dienstherr der Musen und so findet er sich auch in unzähligen Darstellungen in der bildenden Kunst wieder, von der Antike bis in die Neuzeit.


Apollo-Programm (NASA, 1961–72)

Das Apollo-Programm der NASA ist vor allem bekannt dafür, dass es im Rahmen der Raumfahrtmission Apollo 11 im Jahre 1969 die ersten Menschen auf den Mond schickte. Das Programm erhielt seinen Namen, weil man so an die Treff­sicher­heit des Bogenschützen Apollon anknüpfen wollte – genau wie dessen Pfeile immer treffen, sollten die amerikanischen Raketen stets ihr Ziel erreichen. Spätestens bei der katastrophal verlaufenden Mission Apollo 13 wusste man jedoch, dass dies nicht der Fall war.

Aus: Johann Joachim Winckelmann: Beschreibung des Apollo im Belvedere (1759)

Johann Joachim Winckelmann (1717–1768) war ein deutscher Archäologe und Kunstschriftsteller. Die Veröffentlichung seines Werks Gedanken über die Nachahmung der Griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst (1755) war ein ebensolcher Meilenstein für die Entwicklung der Archäologie und Kunstgeschichte wie seine Geschichte der Kunst des Alterthums (1764).

Die Statue des Apollo ist das höchste Ideal der Kunst unter allen Werken des Altertums, welche der Zerstörung entgangen sind. Der Künstler derselben hat dieses Werk gänzlich auf das Ideal gebaut, und er hat nur eben so viel von der Materie dazu genommen, als nötig war, seine Absicht auszuführen und sichtbar zu machen. Dieser Apollo übertrifft alle andere Bilder desselben so weit als der Apollo des Homerus den, welchen die folgenden Dichter malen. Über die Menschheit erhaben ist sein Gewächs, und sein Stand zeugt von der ihn erfüllenden Größe. Ein ewiger Frühling, wie in dem glücklichen Elysien, bekleidet die reizende Männlichkeit vollkommener Jahre mit gefälliger Jugend und spielt mit sanften Zärtlichkeiten auf dem stolzen Gebäude seiner Glieder. Gehe mit deinem Geiste in das Reich unkörperlicher Schönheiten und versuche, ein Schöpfer einer himmlischen Natur zu werden, um den Geist mit Schönheiten, die sich über die Natur erheben, zu erfüllen; denn hier ist nichts Sterbliches, noch was die menschliche Dürftigkeit erfordert. Keine Adern noch Sehnen erhitzen und regen diesen Körper, sondern ein himmlischer Geist, der sich wie ein sanfter Strom ergossen, hat gleichsam die ganze Umschreibung dieser Figur erfüllt. Er hat den Python, wider weichen er zuerst seinen Bogen gebraucht, verfolgt, und sein mächtiger Schritt hat ihn erreicht und erlegt. Von der Höhe seiner Genugsamkeit geht sein erhabener Blick, wie ins Unendliche, weit über seinen Sieg hinaus. Verachtung sitzt auf seinen Lippen, und der Unmut, welchen er in sich zieht, bläht sich in den Nüstern seiner Nase und tritt bis in die stolze Stirn hinauf. Aber der Friede, welcher in seiner seligen Stille auf derselben schwebt, bleibt ungestört, und sein Auge ist voll Süßigkeit, wie unter den Musen, die ihn zu umarmen suchen. In allen uns übrigen Bildern des Vaters der Götter, welche die Kunst verehrt, nähert er sich nicht der Größe, in welcher er sich dem Verstande des göttlichen Dichters offenbarte, wie hier in dem Gesichte des Sohnes, und die einzelnen Schönheiten der übrigen Götter treten hier, wie bei der Pandora, in Gemeinschaft zusammen. Eine Stirn des Jupiters, die mit der Göttin der Weisheit schwanger ist, und Augenbrauen, die durch ihr Winken ihren Willen erklären, Augen der Königin der Göttinnen, mit Großheit gewölbt, und ein Mund, welcher denjenigen bildet, der dem geliebten Branchus die Wollüste eingeflößt. Sein weiches Haar spielt wie die zarten und flüssigen Schlingen edler Weinreben, gleichsam von einer sanften Luft bewegt, um dieses göttliche Haupt. Es scheint gesalbt mit dem Öl der Götter und von den Grazien mit holder Pracht auf seinem Scheitel gebunden. Ich vergesse alles andere über dem Anblicke dieses Wunderwerks der Kunst, und ich nehme selbst einen erhabenen Stand an, um mit Würdigkeit anzuschauen. Mit Verehrung scheint sich meine Brust zu erweitern und zu erheben, wie diejenigen, die ich wie vom Geiste der Weissagung aufgeschwellt sehe, und ich fühle mich weggerückt nach Delos und in die lykischen Haine, Orte, welche Apollo mit seiner Gegenwart beehrte, denn mein Bild scheint Leben und Bewegung zu bekommen, wie des Pygmalions Schönheit. Wie ist es möglich, es zu malen und zu beschreiben! Die Kunst selbst müßte mir raten und die Hand leiten, die ersten Züge, welche ich hier entworfen habe, künftig auszuführen. Ich lege den Begriff, welchen ich von diesem Bilde gegeben habe, zu dessen Füßen, wie die Kränze derjenigen, die das Haupt der Gottheiten, welche sie krönen wollten, nicht erreichen konnten.

Athene/Minerva

Die mythische Göttin der Weisheit und des Handwerks – das ist Athene (römisch: Minerva). In Griechenland ist sie außerdem die Schutzherrin der Stadt Athen, wie der Name schon sagt. Oft wird sie auch als „Pallas Athene“ bezeichnet, dies hat mit einer weiteren göttlichen Gestalt zu tun – Pallas, einer Tochter des Meeresgottes Triton, die (nach unterschiedlichen Überlieferungen) entweder Vater, Schwester, Gefährte, Gefährtin oder Gegnerin Athenes ist. Auf jeden Fall tötet Athene versehentlich Pallas und erhält dadurch deren Namen als Beinamen. Ebenso bizarr ist, wie Athene zur Welt kommt: Zeus zeugt sie mit Metis, einer Tochter des Titanen Okeanos. Als Metis schwanger ist, erfährt Zeus durch ein Orakel, dass ihm das noch ungeborene Kind gefährlich werden kann: Wenn es sich um einen Sohn handelt, wird er Zeus stürzen. Daher verspeist Zeus die noch schwangere Metis. Das Kind kommt schließlich aber doch zur Welt, und zwar indem der Schmiedegott Hephaistos Zeus den Kopf einschlägt. Dem Spalt in Zeus’ Schädel entsteigt zu Zeus’ Glück kein Sohn, sondern eine Tochter: Athene, bereits in voller Rüstung mit Speer und Schild, wie sie auch in der Kunst stets dargestellt wird. Athene ist also im wahrsten Sinne des Wortes eine „Kopfgeburt“.

Eine weitere Besonderheit bei Athene ist, dass sie niemals einen Geliebten hat; daher stammt auch ein weiterer ihrer Beinamen: Parthenos, „die Jungfräuliche“. Ein Attribut Athenes neben der Rüstung ist die Eule, die so zum Symbol für die Stadt Athen wurde und vor allem in der Numismatik eine Rolle spielt. Von den antiken Drachmen, auf denen die Eule zu sehen war, stammt das geflügelte Wort: „Eulen nach Athen tragen“. Und auch heute noch findet sich auf der Rückseite der griechischen 1-Euro-Münze eine Eule. Doch auch in Rom spielte die Göttin, in Form ihrer Entsprechung Minerva, eine wichtige Rolle. Zusammen mit Jupiter und Juno bildete sie die sogenannte Kapitolinische Trias, das Göttertrio, das als Schutzgötter der Stadt auf dem Kapitol verehrt wurde. In der Neuzeit findet sich Athene/Minerva als Verkörperung von Fleiß, Tugend und Intelligenz vor allem in Form von Skulpturen, gerne an Schulgebäuden oder vor staatlichen Einrichtungen wie dem österreichischen Parlamentsgebäude in Wien.


Parthenon (Athen, 430 v. Chr.)

Der große Athene-Tempel auf der Athener Akropolis ist das berühmteste Bauwerk der Antike. Dabei ist bis heute nicht klar, warum man den Tempel „Parthenon“ nannte – vielleicht weil im Tempel Jungfrauen (griech. parthenoi) im Dienste Athenes beschäftigt waren, oder nach einem Beinamen Athenes selbst. Immer wieder wurde der Tempel zerstört und wieder aufgebaut, zuletzt im 19. Jahrhundert, nachdem venezianische Bomben 200 Jahre zuvor die Akropolis in Schutt und Asche gelegt hatten.

Karl Kraus, Unsere Pallas Athene! (1918)

Karl Kraus (1874–1936) war ein österreichischer Publizist, Schriftsteller und Kulturkritiker. 1899 gründete er die bedeutende Satirezeitschrift Die Fackel, die sein wichtigstes Sprachrohr wurde. Er kritisierte die Kriegstreiberei und später den Nationalsozialismus. In den 1920er-Jahren war Kraus dreimal für den Literatur­nobelpreis nominiert.

Gestern früh gab ein Soldat von einem Straßenbahnwagen aus bei der Haltestelle vor dem Parlamentsgebäude gegen die vor diesem stehende Statue der Pallas Athene zwei scharfe Schüsse aus einem Gewehr ab. Der Mann wurde von einem Offizier und zwei Soldaten entwaffnet und das Gewehr entladen. Der Soldat, der offenbar geistesgestört ist –

Wieso? Die kann einen schon aufregen. Ich war nicht im Krieg und trage kein Gewehr bei mir. Aber so oft ich die sehe, in ihrer vollkommenen Nichtbeziehung zu den Dingen, die in dem Haus drin und außerhalb vorgehen, höchstens daß einem der Abgeordnete Groß einfällt oder daß einem jetzt um das viele Stearin leid ist – wie sie dasteht, ein Denkmal des Wiener Schönheitssinnes, so eine noch immer fesche Hausmeisterin des hohen Hauses oder Verkörperung des Ideals halt von etwas Idealem oder Antikem oder in der Art, die meisten Passanten glauben jetzt, daß es die Austria ist oder die Germania, aber die Gebildeten wissen, daß es eine Palastathene ist, eigentlich gehört sie vors Burgtheater, weil sie akkurat aso aussieht, wie ich mir das christlichgermanische Schönheitsideal des Herrn Dr. von Millenkovich in antiker Gewandung vurstelle – so oft ich die sehe: was ist, frage ich da, aus all den Arbeitskräften geworden, die das in den Neunzigerjahren hinpappen mußten, ja die Katzelmacher die haben mit ihnerem Colleoni einpacken können aus Furcht vor uns, aber unserer Pallas Athene, der kann nichts g’schehn, in dem Punkt sind wir sicher, sie steht einmal da, keine feindliche Bombe, keine Kugel wird die treffen, und wenn jetzt einer von den Unsrigen sich so weit hat hinreißen lassen, so handelt es sich um die Tat eines offenbar Geistesgestörten, man darf nicht generalisieren, solche Leute soll man nicht auf die heimischen Kunstschätze loslassen, sondern soll sie einrückend machen, die Pallas Athene die muß uns erhalten bleiben im Weltkrieg, wär’ nicht schlecht – und so oft ich die sehe und alles andere rings herum sehe und höre, da spür’ ich ordentlich, daß ich kein Gewehr bei mir trage!

Castor und Pollux


Im Griechischen heißen sie Kastor und Polydeukes, bekannter sind sie aber unter ihren römischen Namen: Castor und Pollux, die man auch die „Dioskuren“ (Zeus’ Söhne) nennt. Im Mythos sind sie zugleich Halbbrüder und Vierlinge, denn beider Mutter ist die ätolische Königstochter Leda. In ein und derselben Nacht zeugt Leda vier Kinder: zwei mit Zeus, nämlich Pollux und die schöne Helena, und zwei mit ihrem Ehemann Tyndareos, nämlich Castor und Klytaimnestra (die spätere Frau des Agamemnon). Durch Helena und Agamemnon ist der Zeugungsmythos von Castor und Pollux also eng mit dem Krieg um Troja verbunden. Was besonders skurril anmutet, ist, dass diese Vierlinge im Mythos im wahrsten Sinne des Wortes „zweieiig“ sind: Leda bringt nämlich keine Säuglinge zur Welt, sondern zwei Eier, aus denen dann später die Kinder schlüpfen – da Zeus sich mit Leda in Gestalt eines Schwans vereinigt hat, verwundert dies nicht allzu sehr. Castor und Pollux tauchen immer wieder in der Mythologie auf, etwa als Begleiter Jasons auf der Argo. Gemäß ihrer Abstammung ist Pollux ein Halbgott, Castor jedoch sterblich – dafür, dass dennoch beide als Götter verehrt wurden, liefert der Mythos ebenfalls eine Erklärung: Als Castor stirbt, stellt Zeus Pollux vor die Wahl, entweder dauerhaft auf den Olymp überzusiedeln oder seinem Bruder einen Teil seiner Unsterblichkeit abzugeben. Pollux entscheidet sich für Letzteres und so verbringen beide abwechselnd einen Teil ihrer Zeit in der Unterwelt und auf dem Olymp.

Der Dioskuren-Mythos zeigt also vor allem eines: eine brüderliche Verbundenheit und Loyalität bis über den Tod hinaus. Kein Wunder, dass sie zu den beliebtesten Göttergestalten der Antike gehörten. Vor allem im Römischen Reich gab es zahlreiche Dioskurentempel. Besonders bekannt ist derjenige auf dem Forum Romanum, dessen erster Bau bereits 484 v. Chr. entstand. Dass man Castor und Pollux in Rom schon relativ früh verehrte, ist darauf zurückzuführen, dass sich in der römischen Mythologie bei den Dioskuren griechische mit etruskischen Mythen vermischten. In der Rezeption der Neuzeit hat man alle möglichen Brüderpaare „Castor und Pollux“ getauft – so z. B. zwei Elefanten des Pariser Zoos, die während der Belagerung 1870 durch die Deutschen traurige Berühmtheit erlangten, als sie erschossen wurden, weil man ihr Fleisch brauchte. Wirklich geschmeckt hat das Elefantenfleisch wohl niemandem.


CASTOR (von Gesellschaft für Nuklear-Service, seit 1995)

Heute denkt man bei „Castor“ wohl eher an Atommülltransporte als an die olympischen Götter. Dabei ist der geschützte Markenname CASTOR der deutschen Firma GNS für ihren Behälter zur Zwischenlagerung bestrahlter Brennelemente eigentlich ein clever gewähltes englisches Anagramm (cask for storage and transport of radioactive material), als dass er auf den Mythos verweist. Für den ebenfalls von GNS hergestellten Behälter POLLUX zur atomaren Endlagerung fand die Firma übrigens (noch) kein Anagramm.

Aus: Wilhelm Heinse, Die Entführung der Töchter des Leykippos von den Dioskuren (1776)

Wilhelm Heinse (1746–1803), eigentlich Johann Jakob Wilhelm Heintze, war ein deutscher Schriftsteller und Bibliothekar. Er war Mitglied im einflussreichen Halberstädter Dichterkreis. Mit seinem Roman Ardinghello, geschrieben nach einer langen Italienreise, brachte er den Lesern bereits 30 Jahre vor Goethes Italienischer Reise Italien näher.

Das Gemälde ward also durch meinen Begriff von mir angesehn, wie andre dasselbe durch ihren Begriff von der biblischen Geschichte der Dina betrachteten, durch ihren Begriff von dem Fragment eines Sabinerinnenraubes, von der Geschichte der Himmel weiß was für einer Prinzessin Armenia und so weiter: und folgendergestalt dem Maler große Gewalt angetan. [. . .]

Es ist die Entführung der Bräute des Lynkeus und des starken Idas, wobei die Söhne der Leda, wenn es sich zugetragen wie Theokrit zu ihrem Lobe singt, nun freilich mehr gezeigt, daß ihr Vater ein Schwan gewesen, als in unserm Gemälde; wo sie nicht so sehr Halbgötter zu sein scheinen, und gütiger aussehn. Auch dürfte man heutiges Tages, wo der Gewalt der Natur Flügel und Kralle abgeschnitten sein soll, auf Prinzen die gleiches täten, kein solches Loblied anstimmen, wie Theokrit auf den Kastor, dessen heißer Begierde der Sicilianer noch dazu das letzte Hindernis seinen Vater Zevs mit einem Wetterstrahl aus dem Wege räumen läßt, damit sie in aller Gemächlichkeit sich austobe: ohngeachtet ihn Braut und Bräutigam freundschaftlich zur Hochzeit eingeladen hatten. Welches jedoch Pindar in der zehnten Nemeischen Ode zur Ehre des Zevs ganz anders erzählt.

Die Hauptperson in unserm Gemäld ist Kastor in griechischer Rüstung auf einem braunroten Rosse, dem ein Amor den Zügel hält, mit dem Pollux, der von seinem Schimmel gestiegen ist, dessen Zügel gleichfalls ein Amor hält. Kastor zur Rechten, Pollux zur Linken.

Kastor hebt auf freiem Feld eine ganz entblößte junge Dame an einem rotseidenen Tuche (das ihr vom Rücken am Hintern durchgeht, der davon einen schönen Widerschein wirft) mit der rechten um den in die Höhe gezogenen linken Schenkel am Knie herum, mit der linken um den rechten Arm – nach seinem Rosse. Pollux hat dieselbe unterm linken Arm mit seiner rechten Schulter gefaßt, und hält mit der linken Hand ihre Schwester unter der rechten Achsel.

Die Schönheit der Gruppe ist schwerlich mit Worten nur einigermaßen sinnlich zu machen.

Kastors Roß steht rechter Seite des Gemäldes zu, und der Schimmel bäumt sich von der Linken her in die Höhe. Die beiden Jungfrauen sind in vollem Licht vor den Pferden in der Mitte.

Die erste, von der linken Seite her, mit den Brüsten und dem Kopf von ihrem Räuber abgedreht, der den linken Schenkel mit dem Knie schon oben am Sattel hat, indes sie das rechte Bein mit dem Schenkel am Pferde sinken läßt, den linken Arm über des Bruders Schulter hinausstreckt, und die rechte Hand an des Räubers Arm über das gehobene Knie hält.

Die zwote steht, gleichfalls von der linken Seite, an der ersten; erstaunt sich sträubend und den Rücken in die Seite krümmend, mit dem Gesicht nach dem Kastor sehend, und mit der Linken ihren Räuber etwas von sich haltend, der sie unter der rechten Achsel faßt. Ihr rechtes Bein steht, bis auf den Schenkel welcher sich schräg zieht, noch gestämmt auf den Boden, und der linke Schenkel, der ganz zu sehen ist, berührt fast mit dem Knie die Erde.

Pollux ist nackend, so weit man ihn sehen kann; denn die Mädchen verbergen von ihm Unterleib und Schenkel.

Kastors Gesicht ist wahrhaftig schöne männliche Jugend, im aufgesproßten braunen krausen Barte. Inbrunst leuchtet überall hervor. Die erhabene Stirn, das in süßer Begierde Wollust ziehende Auge, die Lippen voll Glut, und die Wangen voll Scham, der nervichte Arm, und das Hippodamische der Stellung machen einen reizenden Räuber. „Ach, daß ich dir Leid tun muß! (flüstert er) aber es war nicht möglich, daß du die Meine nicht sein solltest!“ Das Bittende, die Zärtlichkeit ist unbeschreiblich: und die Kühnheit in dem über den Augen Hervorgehenden der Stirn, und die Blüte der Stärke.

Die Jungfrauen sind beide ganz nackend in blonden Haaren, die los und in Flechten den Lüften zum Spiele dienen, wie aus dem Bett oder Bade: und in Jugendfülle, die im Zeitigwerden ist. Der Ausdruck im Gesicht der ersten ist unbeschreiblich fürtrefflich: Ergebung, in der Ohnmacht zu widerstehen; Scham und das süßstechende Gefühl derselben, und Außenbleiben der Überlegung. Die Brüste schwellen sich empor in der drängenden Lage. Sie wendet das Gesicht vom Räuber, und schielt doch zurück. „Ha, nun bist du weg! (scheint sie zu seufzen) er hat dich!“ und doch furchtsam Hoffnung künftiger Freuden. Der junge Halbgott, der das goldne Vließ zurückgebracht und den Archipelagus von den Räubern befreit, hat wider ihren Willen mehr Liebesgewalt über sie, als ihr Bräutigam, was bei einem Mädchen nicht anders sein konnte; aber doch geht ihr dessen Schicksal nahe. Es ist Furcht und Liebe; Zweikampf zwischen Moral und Natur; um die Augen das Bange und Süße, um die Lippen das Weinen und Lächeln. Nur eine Phantasie, wie Rubens hatte, konnte diesen Ausdruck treffen. Ihr Leib schwebt wie eine Rose im Gepflücktwerden.

Die zwote ist im Profil, voll Schönheit und Mädchenheit, und scheint sich auf das, was Mann ist, in Unschuld ein wenig zu verstehen. Sie blickt, sich lässig sträubend, nach dem Kastor, und was dieser mit der Schwester anfängt, und blickt nach ihm nicht ungern, und lieber, als nach dem, welchem sie zu Teile werden soll. Die Drehung, und das Ringen in den Muskeln des Rückens, wie überhaupt das Fleisch des ganzen Rückens gehört unter die fürtrefflichste Malerei.

Dionysos/Bacchus

Er ist der mythische Gott des Weins und der rituellen Ekstase: Dionysos (römisch: Bacchus oder Liber). Er ist einer jener olympischen Götter, deren Verehrung sich am weitesten zurückverfolgen lässt, bis zu den Mykenern im 2. Jahrtausend v. Chr. Ursprünglich stammt sein Kult wohl entweder aus dem Osten oder aus dem Süden (z. B. aus Äthiopien). Er geht mit Sicherheit auf bereits prähistorische Riten zurück, bei denen Rauschmittel wie Cannabis und natürlich auch Alkohol, der schon vor rund 9000 Jahren hergestellt wurde, zur Erlangung religiö-ser Ekstase dienten.

In der Mythologie ist Dionysos der Sohn von Zeus mit der Sterblichen Semele. Sein Zeugungsmythos ist äußerst bizarr: Zeus’ Ehefrau Hera sagt Semele, sie solle (den verkleideten) Zeus bitten, sich ihr in seiner wahren Gestalt zu präsentieren. Als er dies tut, verbrennt sie durch Zeus’ Blitze. Sie ist jedoch bereits von ihm schwanger und es gelingt Zeus, den Fötus zu retten und ihn sich in eine Wunde einzunähen, die er sich selbst am Schenkel beigebracht hat. Dionysos kommt so schließlich als „Schenkelgeburt“ zur Welt. Einer der wichtigsten (und in Kunst und Literatur des öfteren aufgegriffenen) Auftritte des Dionysos in der Mythologie hängt mit dem Theseus-Mythos zusammen: Nachdem Theseus Ariadne einsam und allein auf der Insel Naxos ausgesetzt hat, erscheint der Gott und rettet ihr das Leben, indem er sie in sein Gefolge aufnimmt. Diese umfangreiche Entourage ist besonders für die Welt der Kunst wichtig: Auf festlichen Umzügen begleiten Dionysos Mänaden (bzw. Bacchantinnen), ein glatzköpfiger Silen und zahlreiche Satyrn (römisch: Faune) – vor allem Letztere finden sich auf unzähligen griechischen Vasenbildern, oft in ekstatischen Szenen bzw. beim Geschlechtsverkehr mit Frauen, Männern oder untereinander.

Das wichtigste Fest des Gottes in Athen war zugleich der Höhepunkt des attischen Kulturschaffens: Bei den städtischen Dionysien führten Tragödien- und Komödiendichter wie Sophokles und Menander im Wettstreit ihre neuesten Werke auf. Im heutigen Sprachgebrauch findet sich vor allem der Name Bacchus, und zwar losgelöst von jedem Kontext als eine Art Schutzpatron des Weinanbaus: Allein in Deutschland gibt es Hunderte Restaurants und Weinkeller, die sich mit seinem Namen schmücken.


DJ Dionysos. Geschichten aus der Diskowelt

(von Hans Nieswandt, 2010)

Der DJ als neuer Dionysos, als Herr der Lust und des Überschwangs, dem die Tanzwütigen, die modernen Mänaden und Satyrn, hinterherlaufen – Hans Nieswandt, selbst DJ, gibt in diesem Buch eine Bestandsaufnahme der Clubkultur rund um den Globus und hat sich für dieses Projekt das richtige Pseudonym ausgesucht: DJ Dionysos. Eine clevere Mischung aus Roman und Tatsachen­bericht.

Gottfried August Bürger: Herr Bacchus (1770)

Gottfried August Bürger (1747–1794) war ein deutscher Schriftsteller des Sturm und Drang. Er war Redakteur des Göttinger Musenalmanachs und veröffentlichte darin viele seiner teils komischen und politisch-satirischen Gedichte. Sein bekanntestes Werk ist eine Bearbeitung der Feldzüge und Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen (1781).

Herr Bacchus ist ein braver Mann,

Das kann ich euch versichern;

Mehr, als Apoll, der Leiermann,

Mit seinen Notenbüchern.

Des Armen ganzer Reichtum ist

Der Klingklang seiner Leier,

Von der er prahlet, wie ihr wißt,

Sie sei entsetzlich teuer.

Doch borgt ihm auf sein Instrument

Kein Kluger einen Heller.

Denn frohere Musik ertönt

Aus Vater Evans Keller.

Obgleich Apollo sich voran

Mit seiner Dichtkunst blähet:

So ist doch Bacchus auch ein Mann,

Der seinen Vers verstehet.

Wie mag am waldigen Parnaß

Wohl sein Diskant gefallen?

Hier sollte Bacchus Kantorbaß

Fürwahr weit besser schallen.

Auf, laßt uns ihn für den Apoll

Zum Dichtergott erbitten!

Denn er ist gar vortrefflich wohl

Bei großen Herrn gelitten.

Apoll muß tief gebückt und krumm

In Fürstensäle schleichen;

Allein mit Bacchus gehn sie um,

Als wie mit ihresgleichen.

Dann wollen wir auf den Parnaß,

Vor allen andern Dingen,

Das große Heidelberger Faß

Voll Nierensteiner bringen.

Statt Lorbeerbäume wollen wir

Dort Rebenstöcke pflanzen,

Und rings um volle Tonnen, schier

Wie die Bacchanten tanzen.

Man lebte so nach altem Brauch

Bisher dort allzunüchtern.

Drum blieben die neun Jungfern auch

Von je und je so schüchtern.

Ha! zapften sie sich ihren Trank

Aus Bacchus’ Nektartonnen,

Sie jagten Blödigkeit und Zwang

Ins Kloster zu den Nonnen.

Fürwahr! sie ließen nicht mit Müh

Zur kleinsten Gunst sich zwingen,

Und ungerufen würden sie

Uns in die Arme springen.

Grazien


Früher gab es eine Redensart: Wenn man Gäste zu sich einlädt, soll die Zahl der Anwesenden weniger als die der Musen (neun) und mehr als die der Grazien (drei) betragen. Diese Faustregel geht auf die Antike zurück und findet sich beim römischen Schriftsteller Varro; heute hört man sie wohl vor allem deshalb kaum noch, weil die Anzahl von Musen oder Grazien nicht mehr zum allgemeinen Bildungsschatz gehört – ebenso wenig wie ihre Funktion und Herkunft. Die Grazien (griechisch: Chariten) sind Göttinnen der Anmut, der Schönheit, der Kreativität und Fruchtbarkeit. Sie gehören nicht zu den 12 olympischen Göttern, sondern sind sozusagen in zweiter Riege zu finden – Homer schreibt, sie gehören dem Gefolge der Aphrodite an. Laut Hesiod sind ihre Namen Thalia (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Muse), Euphrosyne und Aglaia. Die drei Göttinnen sind Töchter von Zeus und Eurynome (einer Tochter des Meeresgotts Okeanos). Andere antike Autoren nennen andere Namen, Herkunftsmythen und sogar Anzahl, aber Hesiods Beschreibung ist es, die kanonisch geworden ist.

Da ihr Name, das griechische charites wie auch das lateinische gratiae, direkt auf ihren Liebreiz verweist, gelten die Grazien als äußerst schön und werden infolgedessen in der bildenden Kunst seit der Antike traditionell nackt dargestellt. Auch heute noch verwendet man den Begriff „Grazie“ als Synonym für ein schönes weibliches Wesen – wenn auch inzwischen oft als ironischen Kommentar. Eine solche Verwendung findet sich bereits in Julius Stettenheims Modernem Knigge (1902), in dem dieser rät, wenn man jemanden besuche und die „Dame des Hauses“ einem ihre nicht allzu hübsche Tochter vorführe: „Ist das Kind ein Affe, so nenne man es eine künftige Venus von Milo. Giebt die Mutter Zeichen der Unzufriedenheit, so lege man noch eine der drei Grazien zu, man gehe aber nicht höher. Wird das Kind dann wieder hinausgeführt, so gebe man seiner Freude durch bedauernde Worte Ausdruck.“


Frühling (von Sandro Botticelli, 1487; siehe Bild)

Eines der berühmtesten Renaissancegemälde, heute in den Uffizien in Florenz, beherbergt links vom Zentrum, neben der Göttin Venus, eine der bekanntesten Darstellungen der drei Grazien. Die Grazien wurden seit der Antike zumeist im Kreis stehend, einander berührend dargestellt – so auch hier. Bemerkenswert ist bei Botticelli die Stellung der einander fassenden Hände: über dem Kopf, in Augenhöhe und in Schenkelhöhe. Was dies (wie das ganze Gemälde) bedeuten mag, beschäftigt noch heute die Kunsthistoriker.

Aus: Otto Ernst, Semper der Jüngling (1908)

Otto Ernst (1862–1926), bürgerlich Otto Ernst Schmidt, (s. S. 132) war ein deutscher Schriftsteller. Der Hamburger war zunächst als Lehrer tätig, bevor er mit Humoresken und seinen populären Semper-Romanen reüssierte. Er gründete in Hamburg die Literarische Gesellschaft.

Ein merkwürdiger Mann, dieser Herr Stahmer. Er sprach außer seinen Vorträgen kaum ein Wort zu seinen Schülern; er verlängerte fast jede Stunde um die ganze folgende Erholungspause – ein Ding, das Schüler nicht lieben – er verlangte viel und verschonte weder Trägheit noch Dummheit. Aber er bedurfte keiner Disziplinarmittel. Von diesen jungen Leuten, unter denen manch ein dreister Gelbschnabel war, hätte nicht einer ein unehrerbietiges Wort gegen ihn gewagt; instinktiv verehrten sie in ihm das lautere Gefäß einer großen Kraft. Während zweier Jahre brauchte er wohl nie die Worte „Wahrheit“ und „Gerechtigkeit“, und doch war das die stumme Lehre seines ganzen Wirkens: Wer Wissenschaft will, der muß wahrhaftig und gerecht sein, und wenn es das Leben gilt. Kein Gottesdienst hatte je das Herz des Asmus erhoben wie dieser.

Leider gab es davon nur zwei Stunden die Woche. In seiner Dorfschule waren es wöchentlich sieben bis acht Stunden gewesen. Und welchen Erfolg hatten die gehabt? Mit einem leidenschaftlichen Haß gegen diese sogenannte „Religion“ hatte er die Schule verlassen. In dieser Schule hatte die „Religion“ die ganze Naturgeschichte aufgefressen. Ein einziges Mal hatte Herr Cremer von den Giftpflanzen gesprochen und Bilder dazu gezeigt, nicht etwa die Pflanzen selbst, und ein andres Mal hatte ein anderer Lehrer ganz unmotiviert die Feigwurz behandelt. Die Giftpflanzen und ranunculus ficaria – das war die Naturgeschichte, mit der Asmus Semper, ein Kind der darwinischen Zeit, das Präparandeum bezog. Aber da stapfte nun zweimal wöchentlich mit drolligen Koboldschritten der naturselige „Papa Hamann“ herein; er schleppte jedesmal eine Botanisierdose, die so groß war wie er selbst, und sein Gesicht glänzte wie ein Pfannkuchen, wenn er mit anstoßender Zunge sagte: „Heute meine Herren, hab’ ich Ihnen etwath ganth Bethondereth mitgebracht!“

Und dann kramte er aus mit dem Gesicht eines Vaters, der seine Kinder zur Weihnacht überrascht, und Asmus hörte zum erstenmal vom Bau und vom Leben der Pflanze, und wenn man ihn sah, so konnte man glauben, er wolle die Pflanzen im wörtlichsten Sinne verschlingen, so versessen war er auf dies neue Erkennen. Freilich blieb die Wissenschaft des guten Papas einigermaßen an der Oberfläche; er sprach allerlei vom Chlorophyll; aber was es für eine Bedeutung habe, wußte er eigentlich selbst nicht. Für den ausgehungerten Geist des kleinen Semper aber war alles, was er ihm bot, Gewinn, und überdies war die Lehrweise des Alten so väterlich und fröhlich und mit so wundervollen Redeblumen geschmückt!

„Eth mag wohl funfthehn Jahre thein,“ sagte Papa Hamann zum Beispiel, „dath ich dath Vergnügen hatte, den Schwanth eineth Walfischeth von Angethicht zu Angethicht zu thehen!“

Oder wenn er zu den Damen von den Pflanzen einer bestimmten Familie sprach, so sagte er: „Einige von ihnen, meine Damen, thind ganth reitthende Pfläntthchen; andere dagegen thind häthlich und widerlich!“

Und darin hatte er recht, einige von diesen Präparandinnen, die in einer anstoßenden Straße unterrichtet wur­den, waren wirklich ganz reizende Pflänzchen, und Asmus und ein paar Bürschchen mit ihm ließen es sich nicht nehmen, dreien von ihnen, die auf gleichem Wege heimwärts wandelten, an laulichen Abenden in respektvoller Entfernung zu folgen und sich ihnen durch lautgesprochene Galanterien und wundervolle Witze bemerklich zu machen. Bald schon taufte Asmus die drei auf die Namen Aglaia, Euphrosyne und Thalia, und die eine von ihnen – es war Aglaia – verehrte Asmus viele Monde hindurch, ohne jemals ihre Vorderseite gesehen zu haben. Aber sie hatte einen anmutsvollen Gang, und ein schöner Gang griff Asmussen ans Herz.

Auf andern Wegen schwärmten andre Herzen, und nach den drei Grazien zu urteilen, schien den jungen Damen der schüchterne Kultus der Jünglinge durchaus nicht zu mißfallen; sie verfielen wenigstens aus einer zeitweiligen entrüsteten Gangart immer wieder in Kichern, Lachen und träumendes Hinschlendern; aber sei es nun, daß irgendwo ein Jüngling dem Drange seines Busens zu weit nachgegeben hatte, sei es, daß sich unter den verfolgten Unschulden ein strenges oder ein eifersüchtiges Herz befand – eines Tages lief eine Klage beim Seminardirektor ein, und dieser Mann hatte aus seinem heimischen Preußen und aus dem französischen Kriege, in dem er als Reserveoffizier gefochten, einige üble Gewohnheiten mitgebracht. Er hielt eine donnernde Standrede und nannte die ritterlichen Präparanden „grüne Jungen“. Man war sich sofort darüber einig, daß man sich das mit fünfzehn bis sechzehn Jahren nicht mehr bieten lassen könne und daß der einmütige Austritt aller aus der Anstalt die einzig würdige Antwort auf diese Roheit sei.

Hades/Pluto

Wie in der Religion spielt das Jenseits auch in jeder Mythologie eine wichtige Rolle – sei es das jüdisch-christliche „Paradies“, das katholische „Fegefeuer“ oder die „ewigen Jagdgründe“ der nordamerikanischen Indianer. Im alten Ägypten gab man den Toten kostbare Grabbeigaben mit, damit sie im Jenseits ihr gewohntes Leben weiterführen konnten, in Griechenland legte man den Toten lediglich eine Münze auf die Zunge – sie war für Charon bestimmt, den Fährmann, der die Verstorbenen über den Fluss Styx übersetzte, der das Reich der Lebenden von dem der Toten trennte. Dieses Totenreich, der Hades, war ursprünglich für alle gleich – ob gut, ob böse, hier wurden alle Menschen zu flüchtigen Schatten. Erst spät erkannte man die Notwendigkeit des Trostes und der Abschreckung im Transzendentalen und teilte das Totenreich auf: Im Elysion verbrachte man das Nachleben auf glückliche Art und Weise, im Tartaros (dem tiefsten Punkt der Unterwelt) auf äußerst unglückliche.

Der Gott, der in der antiken Mythologie für dieses Totenreich zuständig ist, heißt bei den Griechen Hades (genau wie das Reich, über das er herrscht) oder Pluton (römisch: Pluto). Er ist der Bruder von Zeus und Poseidon, also ein Sohn des Titanen Kronos. Die Mythen, die sich um ihn ranken, sind meistens düster, was nicht weiter verwundert. Am bekanntesten und bis in die Neuzeit am meisten rezipiert ist wohl der Mythos von der Entführung der Persephone: Darin verliebt sich Hades in die Göttin Persephone (römisch: Proserpina), eine Tochter von Zeus und der Erntegöttin Demeter (römisch: Ceres), und entführt sie in die Unterwelt. Demeter ist so traurig darüber, dass sie die Ernte verdorren lässt, was unter den Menschen zu einer Hungersnot führt. In der Angst, dass die Menschheit ausstirbt und niemand mehr den Göttern opfert, greift Zeus ein und holt Persephone zurück. Leider stellen sie jedoch fest, dass sie in der Unterwelt von einem Granatapfel gegessen hat, den Hades ihr gereicht hat – und da niemand, der im Hades etwas von den dortigen Speisen gekostet hat, mehr dauerhaft diesen Ort verlassen kann, kommt es zu einem Kompromiss: Jeweils die Hälfte (in anderen Überlieferungen acht Monate) eines Jahres darf Persephone bei ihrer Mutter sein, die übrige Zeit verbringt sie im Totenreich. Somit ist der Persephone-Mythos eine ätiologische Erklärung für die Jahreszeiten und das Winterhalbjahr, in dem auf der Erde keine Früchte wachsen.


Perséphone (von Igor Stravinsky, 1934)

Dieses musikalische Melodrama nach einem Libretto von André Gide fällt in Stravinskys neoklassische Periode. Es erzählt in drei Teilen die Geschichte von Persephone, wie sie von Hades (hier: Pluto) in die Unterwelt verschleppt wird. Anders als im Mythos nervt Persephone bei Stravinsky Pluto in der Unterwelt so lange mit ihrer Nörgelei, bis er sie wieder nach oben lässt. Sie kommt später freiwillig immer wieder zurück, weil sie Mitleid mit den Schatten der Toten hat.

Aus: Edgar Wallace, Der Goldene Hades (1900)

Richard Horatio Edgar Wallace (1875–1932) war ein britischer Schriftsteller. Er stammte aus sehr einfachen Verhältnissen und kam zur Schriftstellerei durch den Burenkrieg, während dem er als Kriegsberichterstatter tätig war. Am bekanntesten wurde Wallace für seine über 100 Kriminalromane wie Der Hexer (1926) oder Der Frosch mit der Maske (1933). Er verfasste aber auch zahlreiche Romane anderer Genres und Sachbücher zur Militärgeschichte.

Peter wurde in das Arbeitszimmer des Professors geführt und fand den kleinen Herrn an einem großen, höchst imposanten Schreibtisch, der mit offenen Büchern, Dokumenten, Papieren und Manuskripten bedeckt war; Cavan schrieb gerade eifrig an einer Abhandlung. Als der Butler Peter hereinführte, blickte der Gelehrte auf, griff nach Peters Visitenkarte und las sie, indem er sie nahe an die Augen hielt. Dann nahm er die Brille ab und lehnte sich mit einem verbindlichen Lächeln in seinem Sessel zurück.

„Bitte, nehmen Sie Platz, Mr. Corelly. James“, wandte er sich an den Butler, „schieben Sie doch einen Stuhl zurecht. Darf ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten?“

„Danke, nein“, entgegnete Peter. „Das ist ein Getränk, an dessen Genuß ich mich noch nicht gewöhnt habe.“

„Außerordentlich schade“, meinte Cavan und schüttelte den Kopf. „Es ist ein herrliches Getränk, erhält einen frisch und munter, so daß man angestrengt arbeiten kann, ohne irgendwelche Ermüdung zu spüren. James, Sie können gehen.“

Als sich die Tür schloß, sah er wieder auf die Visitenkarte.

„Mr. Corelly, soviel ich verstehe, haben Sie mich aufgesucht, um mit mir über eine Spezialfrage der griechischen Mythologie zu sprechen. Ich glaube auch zu wissen, worum es sich handelt.“ Er sah Peter mit einem sonderbaren Lächeln an. „Sie wollen genauere Angaben über den goldenen Hades von mir haben.“

Peter konnte sich sehr gut beherrschen, aber trotzdem war es ihm in diesem Augenblick kaum möglich, seine Überraschung zu verbergen. Er hatte geglaubt, die Einzelheiten dieses geheimnisvollen Kriminalfalls wären nur den obersten Beamten der Geheimpolizei bekannt.

Der Professor war befriedigt von dem Eindruck, den seine Worte hervorriefen.

„Mr. Corelly, ich bin kein Hellseher, ich lese nur die Zeitungen sehr genau. Gestern abend fand ich eine Bemerkung im ‚Evening Herald‘, die von der Sache handelte. Allem Anschein nach hatte ein Redakteur dieser Zeitung einen Brief erhalten . . .“

„Ach ja, ich entsinne mich“, entgegnete Peter schnell. „Natürlich. Mr. Wilbur Smith hat ihn jetzt.“

„Gewiß, das stimmt mit den Zeitungsnachrichten überein. Also, Mr. Corelly, was kann ich für Sie tun?“

„Ich möchte Sie bitten, mir möglichst genau zu erklären, welche Funktionen der griechische Gott Hades oder Pluto bei den Römern hatte. Ich habe selbst studiert, aber natürlich besitze ich keine Spezialkenntnisse in griechischer Mythologie. Deshalb wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir über diese Frage genauere Auskunft geben könnten.“

Cavan nickte bedächtig.

„Ich dachte mir schon, daß Sie sich danach erkundigen würden.“

„Ich weiß, daß Sie der beste Kenner der alten Götterkulte sind, die sich bis auf diesen Tag erhalten haben. Vielleicht müßte ich besser sagen, die in neuerer Zeit wieder aufgelebt sind.“

Der Professor nickte wieder.

„Ich habe allerdings eine sehr eingehende Kenntnis gerade dieser Materie. Es ist erstaunlich, wieviel von den alten Kulten sich bis in unsere Tage herübergerettet hat. Es gibt einige darunter, die eine große Anzahl von Anhängern, ich möchte sogar sagen, von Priestern haben, und es existieren noch ganz bestimmte Rituale. Zum Beispiel gibt es in Norwegen noch Verehrer der altheidnischen Gottheit Troll. Das ist eine Art Teufel aus der skandinavischen Göttersage. In Rußland waren sehr viele Anhänger des Geheimkults von Baba Yaga, auch einer mythologischen Gestalt. Es ist mir gelungen, sie mit der altgriechischen Gottheit Chronos zu identifizieren. In England und Amerika leben eine ganze Anzahl recht unangenehmer Leute, die meistens ein bewegtes und böses Vorleben haben und noch einen anderen Gott der griechischen Mythologie zu ihrem Schutzpatron erklären.“

„Bedeutet das auch, daß sie einen gewissen Kult mit ihm treiben?“

„Ja, sie verehren diese Gottheiten etwa so, wie die Parsen die Sonne verehren.“

„Legen Sie ihnen auch übernatürliche Kräfte bei?“

„Ganz gewiß. Nehmen wir einmal den Fall des Gottes Hades, für den Sie sich ja ganz besonders interessieren. Es gibt drei Gruppen von Hadesverehrern. Aus verschiedenen Gründen übt dieser Gott eine größere Anziehungskraft auf die Menschen aus als irgendeine andere Gestalt der alten Mythologie.“

„Gibt es denn tatsächlich solche Hadesverehrer hier in Amerika – speziell im Staat New York?“

„Ja, die gibt es“, entgegnete der Professor und sah Peter wieder sonderbar an. „Einige von ihnen sind begeisterte Anhänger, und zwar mit vollem Bewußtsein, andere sind in der Beziehung weniger fanatisch. Sie dürfen nicht vergessen, daß Hades oder Pluto unter anderem auch der Gott des Reichtums ist“, fügte er lächelnd hinzu.

„Ich möchte eine direkte Frage an Sie stellen. Sie verkehren doch hier in der besten Gesellschaft. Kennen Sie unter diesen Leuten Mitglieder einer Sekte, die den Gott Hades verehrt? Bevor Sie mir antworten, darf ich Ihnen sagen, daß ich ihre Namen jetzt nicht wissen will.“

„Ich würde Ihnen gern auch die Namen mitteilen, wenn ich sie wüßte, aber glücklicherweise habe ich mit diesen Dingen direkt nichts zu tun. Meine wissenschaftliche Tätigkeit liegt auf einem anderen Gebiet. Ich weiß wohl, daß solche Sekten existieren, weil ich im allgemeinen davon gehört habe, aber um derartige Absurditäten selbst habe ich mich weniger gekümmert. Und wo man derartige Gemeinden von Hadesverehrern finden kann – das mag der Himmel wissen!“

Er erhob sich und reichte seinem Besucher die Hand, „leben Sie wohl, Mr. Corelly.“

Peter hatte durchaus nicht die Absicht gehabt, schon zu gehen, aber nun blieb ihm nichts anderes übrig, als die Wohnung zu verlassen.

Hera/Juno

Inzestuöse Beziehungen waren in den antiken Kulturen genauso verboten wie in den modernen – außer, wenn es um die Götterwelt ging. Es war für die alten Griechen nicht verwerflich, dass Zeus mit seiner Schwester verheiratet war. Für Götter galten nun einmal andere Maßstäbe. Allerdings blieb auch wenig Spielraum für Fantasie: Da die olympischen Götter entweder Kinder des Titanen Kronos waren und damit Zeus’ Geschwister (Hera, Hades, Poseidon, Demeter, Hestia) oder Kinder von Zeus, musste es zwangsläufig zu einer Geschwisterehe kommen, wollte man Zeus eine „standesgemäße“ Ehefrau andichten. Die archaische italische Göttin Juno, die mit Hera gleichgesetzt wurde, gehörte zu den frühesten auf der italischen Halbinsel verehrten Gottheiten. Dies hängt auch hier mit ihrer Funktion als Schutzherrin von Familie und Geburt zusammen, denen in archaischen und antiken Gesellschaften eine besondere Bedeutung zukam.

Hera (römisch: Iuno) ist im Mythos dann auch die Ehefrau par excellence. Als Göttin ist sie zuständig für Ehe, eheliche Sexualität und Geburt, als Gattin von Zeus wacht sie eifersüchtig über ihren Mann und seine sexuellen Eskapaden – und entspricht damit beiden Rollen, der der Ehefrau und der der Ehegöttin. Bei Hera und ihren ewigen Querelen mit Zeus kommt der Anthropomorphismus der griechisch-römischen Götterwelt besonders schön zum Ausdruck, hier offenbaren die Unsterblichen Schwächen, die die Menschen bei sich selbst wiederfinden. Im Mythos hat Hera aber auch allen Grund, eifersüchtig zu sein, schließlich geht ihr Ehemann ständig fremd – und sie rächt sich hin und wieder an den Frauen, die zumeist gar nichts für ihre Lage können; zumal wenn es sich um Sterbliche handelt wie z. B. Io, die von Hera sogar prophylaktisch in eine Kuh verwandelt wird, damit sich der verliebte Zeus ihr nicht nähert. Im Troja-Mythos steht die notorisch schlecht gelaunte Göttin auf Seiten der Griechen, weshalb sie später den Troer Aeneas auf dessen Irrfahrt mit ihrem Zorn verfolgt und verhindern will, dass er sein Ziel erreicht – bis wiederum Zeus eingreift. In der antiken Literatur werden die Darstellungen des innerehelichen Zwists zwischen dem Göttervater und seiner Frau im Laufe der Zeit immer mehr satirisch oder komödiantisch verarbeitet (besonders schön in Lukians Göttergesprächen).


Juno (von Jason Reitman, 2007)

In dieser intelligenten Tragikomödie spielt Ellen Page eine schwangere Teenagerin namens Juno, die ihr Kind zunächst abtreiben will, es dann aber doch bekommt und zur Adoption freigibt. In einer Szene erzählt die Protagonistin, ihre Eltern hätten sie nach der Ehefrau von Zeus benannt; hier passt es natürlich außerordentlich gut, dass die Hauptfigur des Films so heißt wie die griechisch-römische Göttin der Ehe und der Geburt.

Aus: Lukian von Samosata, Göttergespräche (ca. 160 n. Chr.)

Lukian von Samosata (ca. 120 – ca. 185 n. Chr.) war ein griechischsprachiger Schriftsteller. Mehr als 70 Werke gehen auf ihn zurück. Bekannt wurde er durch satirische Dialoge wie die Göttergespräche und die Hetärengespräche, die mehr oder weniger verdeckt die herrschenden politischen und gesellschaftlichen Zustände kritisierten.

Juno: Dieser Ixion, dem du einen so freyen Zutritt bey uns verstattest, Jupiter, was meynst du wohl, was er für ein Mann ist?

Jupiter: Ein sehr hübscher Mann, liebe Juno, und ein angenehmer Tischgesellschafter. Würde ich ihn wohl zu meiner Tafel ziehen wenn er dessen unwürdig wäre?

Juno: Er ist aber dessen unwürdig und kann nicht länger bey uns geduldet werden.

Jupiter: Was hat er denn ungebührliches gethan?

Juno: Was er gethan hat? Es ist so arg, daß ich es vor Scham nicht sagen kann.

Jupiter: Um so weniger darfst du mirs verschweigen, wenn er was so schändliches begangen hat. Hat er einer unsrer Göttinnen etwas zugemuthet? Denn ich merke aus deinem Zögern, daß es so was dergleichen seyn wird.

Juno: Mir selbst und keiner andern, Jupiter, und dieß schon eine geraume Zeit her. Anfangs konnte ich lange nicht begreifen, warum er mich immer so starr und unverwandt ansah; mit unter seufzte er auch und hatte die Augen voll Wasser. Wenn ich dem Ganymed den Becher einzuschenken gab, bat er ihn heimlich, ihm aus demselben Becher zu trinken zu geben, und wenn er ihn bekam, küßte er ihn und drückte ihn an die Augen, und blinzelte dabey immer nach mir. Nun fieng ich an zu merken, daß er mir seine Liebe dadurch zu verstehen geben wolle: aber die Scham hielt mich immer zurück, dir etwas davon zu sagen, und ich hoffte auch, der Mensch würde von seinem Unsinn endlich ablassen. Aber da er sich nun gar unterstanden hat mir mündliche Liebeserklärungen zu thun, hab ich ihn auf dem Boden, wo er weinend vor mir hinfiel, liegen lassen, mir die Ohren zugehalten, um die beleidigenden Bitten nicht zu hören, die er zu meinen Füßen vorbrachte, und bin hieher gekommen, es dir anzuzeigen. Siehe nun selbst, was für eine Rache du an dem Menschen nehmen willst.

Jupiter: Ey der verruchte Kerl! Was? Mich selbst anzutasten, und auf der empfindlichsten Seite! Ists möglich, daß ihn der Nektar bis auf diesen Grad trunken machen konnte? – Aber freylich sind wir selbst schuld daran, und treiben die Menschenliebe offenbar zu weit, da wir sie mit uns essen und trinken lassen. Wahrlich, es ist ihnen zu verzeihen, wenn sie bey einem Wein wie der unsrige, und über dem Anschauen himmlischer Schönheiten, dergleichen ihnen auf der Erde nie vorgekommen sind, vor Liebe den Verstand verliehren und ihrer zu genießen begehren. Denn Amor ist ein gewaltthätiger Tyrann, der nicht nur über die Menschen, sondern zuweilen über uns Götter selbst den Meister spielt.

Juno: Von dir ist er in der That unumschränkter Herr, zieht dich bey der Nase, wie man zu sagen pflegt, ohne den geringsten Widerstand wohin er will, und verwandelt dich in jede beliebige Gestalt; kurz, du bist, im eigentlichsten Verstande, Amors Eigenthum und Spielzeug. Auch weiß ich sehr gut, warum du dem Ixion jetzt so leicht verzeihen kannst. Du erinnerst dich ohne Zweifel, daß du noch in seiner Schuld bist, und daß sein vermeinter Sohn Pirithous eine Frucht deiner ehemaligen Vertraulichkeit mit seiner Gemalin ist.

Jupiter lachend: Erinnerst du dich der kleinen Kurzweile noch, die ich mir ehemals auf der Erde da unten machte? – Aber soll ich dir sagen, was wir mit dem Ixion machen wollen? Ihn zu strafen und von unsrer Tafel wegzujagen, wäre in der That zu hart, da der arme Kerl die Liebe im Leibe hat, und, wie du selbst sagst, so erbärmlich daran leidet, daß er die hellen Thränen weint.

Juno: Und was also? – Du wirst doch nicht fähig seyn, deiner eigenen Gemahlin einen beleidigenden Antrag zu thun?

Jupiter: Warum nicht gar! Ich will eine Wolke nehmen, und eine Art von lebendigem Bilde daraus machen, das dir so gleich sehen soll als ob du es selbst wärest; und wenn wir von Tische aufstehen, will ich, während er sich schlaflos (wie einem unglücklichen Liebhaber geziemet) auf seinem Lager herumwälzt, das Wolkengebilde neben ihn legen. Das wird ihm, ohne Nachtheil deiner Tugend, von seinen Liebesschmerzen helfen, und was kannst du mehr verlangen?

Juno: Ein schöner Einfall! So sollte er also, anstatt der Strafe, die seine übermüthige Leidenschaft verdient, noch dafür belohnt werden?

Jupiter: Laß doch! Was kann es dir denn schaden, wenn sich Ixion mit einer Wolke ergötzt?

Juno: Aber er wird doch die Wolke für mich halten, und so wird es eben so viel seyn, als ob er mich selbst entehrt hätte!

Jupiter: Das sind Spitzfündigkeiten! Die Wolke wird nie zur Juno, und du nie zur Wolke werden: bloß Ixion wird getäuscht, das ist die ganze Sache.

(Übersetzung: Christoph Martin Wieland)

Hermes/Merkur

Bekannt ist er vor allem als „Götterbote“: Hermes, der Gott der Reise, des Verkehrs und der Kaufleute – kurz: aller Lebensbereiche, die etwas mit Fortbewegung zu tun haben. In der Mythologie ist Hermes der Sohn von Zeus und der Nymphe Maia und die meisten Mythen zeigen ihn als ebenso erfindungsreich wie listig (mitunter auch hinterlistig – so erhielt er noch eine weitere Funktion: als Schutzgottheit der Diebe). Seinem Einfallsreichtum verdankt die Menschheit zahlreiche nützliche Erfindungen: Das Würfelspiel, die Lyra, das Alphabet, die Astronomie sowie mehrere Sportarten gehen laut Mythos auf ihn zurück.

Ursprünglich war Hermes wahrscheinlich eine Gottheit, die in Form eines Steinhaufens (griech. hermaion) oder -pfeilers verehrt wurde, der als Wegmarke oder Grenzstein gedient haben könnte – oder auch als Grabstein: So ist Hermes später nicht nur für Reisen auf der Erdoberfläche zuständig, sondern er begleitet auch Tote in die Unterwelt. Bereits in archaischer Zeit stellte man in Griechenland an Weggabelungen Pfeiler mit aufgesetzter Büste und angedeutetem Phallus auf, die zwar ursprünglich nicht aus dem Hermes-Kult stammten, aber durch die Etablierung des Hermes als Gottheit, die die Wege und Straßen beschützt, die Bezeichnung „Herme“ erhielten. Der mobile Hermes wurde in klassischer Zeit mit Attributen ausgestattet, die seine Funktion unterstrichen: einem Helm und Schuhen, die mit kleinen Flügeln versehen waren, sowie einem Stab, ebenfalls mit Flügeln daran, der ihn als Überbringer der Botschaften des Zeus auswies. In Rom wurde Hermes’ Funktion als Gott der Kaufleute herausgestellt; man übertrug seine Eigenschaften auf Mercurius (eingedeutscht: Merkur), dessen Name bereits auf seine Funktion als Handelsgott hinweist (lat. merces: „Lohn“ bzw. „Preis einer Ware“). In der Moderne ist Hermes einer der am meisten rezipierten Götter. Nicht nur sein Name findet sich in den Begriffen „hermeneutisch“ und „hermetisch“ wieder, auch seine ikonischen Attribute, vor allem der Flügelhelm und die Flügelschuhe, finden sich überall, sei es in Logos von Firmen und Sportvereinen oder auf Otto Waalkes’ LP Der ostfriesische Götterbote (1979), und der Heroldsstab, oft auch mit zwei sich darum herumwindenden Schlangen dargestellt, war beispielsweise auf den Verdienstmedaillen der Zollverwaltung der DDR zu finden.


Mercurius (von Markus Lüpertz, 2007)

Diese 10 m hohe Bronzeplastik vor dem Bonner Post Tower ist eine von vielen bildhauerischen Werken von Lüpertz, die sich mit dem antiken Mythos aus­einandersetzen (wie Das Urteil des Paris, Daphne oder Herkules). Mercurius zeigt den Götterboten – passenderweise vor einem Gebäude der Deutschen Post – mit Farbklecksen im Gesicht und auf einer stilisierten Erdkugel stehend. Sein Flügelhelm erinnert in der Form eher an die Wehrmacht denn an klassische Darstellungen.

Aus: Felix Dahn, Gelimer (1885)

Felix Ludwig Julius Dahn (1834–1912) war ein deutscher Schriftsteller. Eigentlich Jura-Professor, interessierte sich Dahn, der mit Annette von Droste-Hülshoff verschwägert war, sehr für Literatur – und für Geschichte, vor allem für die Zeit des Übergangs von der Antike zum Mittelalter. Sein heute noch bekanntestes Werk ist der Goten-Roman Ein Kampf um Rom (1876).

Einstweilen hatten die Schiffe das Ufer erreicht: in breiter Auffahrt neben­einander landeten sie, mit rauschender Musik von Pfeifen und Pauken von dem Balkon herab begrüßt. Alsbald warfen die Kähne von ihren Schnäbeln herab zierliche Falltrepplein, deren Holzwerk reich mit Teppichen bedeckt war. Sklaven streuten Blumen auf die Stufen: über diese hin stiegen das Brautpaar und die Gäste an das Land, während gleichzeitig, auf ähnlichen Treppen, von den Schaugerüsten herab die Geladenen herniederschritten: die beiden Gruppen reiheten sich nun am Ufer zu festlichem Aufzug. Ein schöner, nur etwas weibisch aussehender junger Vandale, einen geflügelten Hut auf den blonden Locken und Flügelschuhe an den Füßen, eilte rastlos hin und her, den von goldenen Schlangen umwundenen Elfenbeinstab schwingend: er schien der Ordner des Festes.

„Wer ist das?“ fragte Victor. „Wohl der Herr der schönen Aphrodite? Er nickt! Und sie lächelt ihm zu.“ „Jawohl! Das ist Thrasabad,“ zürnte Laurus, die Faust ballend, aber gar ängstlich. „Sankt Cyprian schicke ihm Skorpionen in das Bett! Ein vandalischer Dichter! Der mir das Handwerk verdirbt. Mir, dem Schüler des großen Luxorius.“ – „Schüler? Ich denke, du warst . . . –“ – „Sein Sklave, dann Freigelassener. Ganze Eselshäute lang hab’ ich ihm seine Verse abgeschrieben.“ – „Aber doch nicht als Schüler . . .–“ – „Das verstehst du nicht. Die ganze Dichterei besteht aus einem Dutzend kleiner Kniffe: die lernt man beim Abschreiben am besten, weil sie immer wiederkehren. Und dieser Barbar dichtet gratis! Natürlich: muß froh sein, hört ihm jemand zu.“

„Er führt den Zug – als Merkur.“ – „O, er taugt dazu! Aufs Stehlen versteht er sich! Nur schlagen sie dabei den Eigentümer tot. ‚Fehde‘ nennen sie das, diese edeln Germanen!“ – „Sieh – er gab das Zeichen: sie ziehen in den Cirkus! – Auf! Laß uns folgen!“ Merkur streckte Aphroditen weit die Hand entgegen, ihr an das Land zu helfen. „Hab’ ich dich wieder?“ flüsterte er ihr zärtlich zu. „Zwei Stunden hab’ ich dich entbehrt, du Vielschöne. Ich habe dich wirklich lieb, Schätzchen.“ Sie lächelte anmutvoll – dankbar, selbst liebevoll schlug sie das schöne Auge zu ihm auf. – „Das ist der einzige Grund, daß ich noch lebe,“ flüsterte sie: gleich senkten sich wieder traurig die langen Wimpern. „Aber so ganz eingewickelt – meine Aphrodite?“ – „Ich bin nicht deine Aphrodite! Ich bin deine Glauke!“ Hand in Hand mit ihr eröffnete nun Thrasabad den Zug, der sich, nicht ohne Stockungen, durch die gaffende Menge drängte.

Sowie man in dem Cirkus angelangt war, wiesen zahlreiche Sklaven den Gästen, je nach ihrem Stand oder ihrer Wertschätzung durch den Festgeber, ihre Plätze an. Die ehrenvollsten waren die vorderen, ursprünglich für die Senatoren, die Kurialen von Karthago bestimmten, jetzt leer stehenden Sitzreihen; leer blieb der Ausbau auf der südlichen Langseite, das Pulvinar, die kaiserliche Loge, die gar mancher Vorgänger Gelimers besucht hatte. [. . .]

Der Merkur trat vor an die weiße Marmorbrüstung der Loge und schwang seinen Schlangenstab zweimal in der Luft: die beiden Pforten zur Rechten und zur Linken der Ställe sprangen auf: in die Arena traten aus der Rechten ein ganz in Blau, aus der Linken ein ganz in Grün gekleideter Tubabläser und zwei schmetternde Rufe verkündeten weithin den Anfang des circensischen Aufzugs. In der kleinen Pause, die nun vor der Auffahrt der Wagen entstand, zupfte Modigisel den Bräutigam leicht an seinem Pantherfell. „Höre,“ flüsterte er, „meine Astarte da verschlingt dich ja förmlich mit den Augen! Ich glaube, du gefällst ihr schon lange viel besser als ich. Nun sollte ich sie wohl totschlagen – vor Eifersucht. – Aber – Uff! – es ist mir zu heiß: zu beiden, zur Eifersucht und zum Schlagen.“ „Ich denke,“ erwiderte Thrasarich, „sie ist nicht mehr deine Sklavin.“ – „Ich habe sie freigelassen, aber die Gehorsamspflicht, das Obsequium, mir vorbehalten. – Bah, deshalb würd’ ich sie doch totschlagen, wäre es nicht so heiß. – Aber – wie wäre es, wenn wir – ich bin ihrer überdrüssig! – Und deine Kleine da, diese schlanke Eugenia gefällt mir: – vielleicht des Gegensatzes wegen – wie wär’ es, wenn wir – tauschten?“

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23 aralık 2023
Hacim:
248 s. 31 illüstrasyon
ISBN:
9783943904291
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