Kitabı oku: «Leichte Sprache»

Yazı tipi:

Cristina Morales

LEICHTE SPRACHE

Aus dem Spanischen

von

Friederike von Criegern


Für meine Aya Paca: Bernarda Alba, die lauthals lachend oder mit der Diskretion weißer Spitzenhäubchen der Autorität von Ehefrauen, Ärztinnen, Altenpflegerinnen, Krankenschwestern und Sozialarbeiterinnen die Stirn bot.

Für die jugendlichen Brüste, die sich Francisca Vázquez Ruiz (Baza, 1936 – Albolote, 2018) mit zweiundachtzig Jahren bewahrt hatte.

Man sollte die Probleme der Menschen, die sich dem Tanz zuwenden, nicht mit den Problemen verwechseln, die der Tanz bereitet.

AMADOR CERNUDA LAGO,

»Psicopatología de la danza«, 2012

Ich bestätige, die Hure ist meine Mutter

und die Hure ist meine Schwester

und die Hure bin ich

und alle meine Brüder sind Schwuchteln.

Es genügt uns nicht, unsere Unterschiede

zu benennen und herauszuschreien:

Ich bin Frau,

Ich bin Lesbe,

Ich bin Indigene,

Ich bin Mutter,

Ich bin Irre,

Ich bin Hure,

Ich bin jung,

Ich bin alt,

Ich bin behindert,

Ich bin weiß,

Ich bin braun,

Ich bin arm.

MARÍA GALINDO,

Feminismo urgente. ¡A despatriarcar!, 2013

Inhalt

DANKSAGUNGEN

Ich habe Schiebetüren an den Schläfen. Sie schließen vertikal, wie am Eingang der Metrostation, und schotten mein Gesicht ab. Man kann sie mit den Händen darstellen, indem man das Kinderspiel Kuckuck-Da macht. »Wo ist Mama, wo ist Mama? Daaa!«, und beim Da gehen die Hände auseinander und das Kind lacht sich kaputt. Die Schiebetüren meiner Schläfen bestehen nicht aus Händen, sondern aus einem glatten und widerstandsfähigen, durchsichtigen Material, sie sind mit einer Gummileiste eingefasst, die für gedämpftes Öffnen und Schließen sorgt und für ihre hermetische Verschlossenheit. Genauso wie die Schiebetüren in der Metro. Zwar ist glasklar zu erkennen, was auf der anderen Seite geschieht, doch sind sie zu hoch und zu glatt, als dass du darüberspringen oder dich ducken und darunter durchkriechen könntest. Auf die gleiche Weise legt sich, wenn sich die Schiebetüren schließen, eine harte, transparente Maske auf mein Gesicht, die es mir zwar erlaubt, zu sehen und gesehen zu werden, und die wirkt, als würde nichts zwischen mir und der Außenwelt stehen, tatsächlich aber können keine Informationen mehr von der einen zur anderen Seite fließen, und es werden nur die grundlegendsten Reize zum Überleben ausgetauscht. Um die Schiebetüren der Metro zu überwinden, muss man auf den Automaten klettern, der die Fahrscheine entwertet und der als zugleich verbindendes und trennendes Element zwischen zwei benachbarten Türenpaaren dient. Oder aber einen Fahrschein bezahlen, klar.

Manchmal sind sie keine harte, transparente Maske, meine Schiebetüren, sondern ein Schaufenster, durch das ich etwas betrachte, was ich nicht kaufen kann, oder durch das ich von einem anderen mit dem Verlangen betrachtet werde, mich zu kaufen. Wenn ich von meinen Schiebetüren spreche, meine ich das nicht im übertragenen Sinne. Ich versuche ganz unbedingt wörtlich zu sein, ihre Mechanik zu erklären. Als ich klein war, habe ich viele Liedtexte nicht verstanden, weil sie so voller Euphemismen, Metaphern, Ellipsen, kurz gesagt voll ekelhafter Rhetorik waren, voll ekelhafter Redewendungen, wo »Frau gegen Frau« nicht bedeutet, zwei Frauen kämpfen miteinander, sondern zwei Frauen ficken. Wie verdreht, wie unterschwellig und verranzt. Wenn es wenigstens »Frau mit Frau« hieße … aber nein: Wehe, jemand merkt, dass sich da zwei Mädels die Möse lecken.

Meine Schiebetüren sind keine Metapher für irgendwas, für so was wie eine psychologische Barriere, die mich von der Welt fernhält. Meine Schiebetüren sind sichtbar. An jeder Schläfe ist ein versenkbares Scharnier. Von den Schläfen bis zum Kinn öffnen sich Schlitze, durch die die jeweilige Schiebetür ein- und ausfährt. Sind sie deaktiviert, lagern sie hinter meinem Gesicht, jede auf ihrer Seite: halbe Stirn, ein Auge, halbe Nasenscheidewand und ein Nasenloch, eine Wange, halber Mund und halbes Kinn.

Zuletzt haben sie sich vorgestern in der Stunde für Zeitgenössischen Tanz aktiviert. Die Lehrerin tanzte sechs oder sieben genussvolle und kurze Sekunden lang für sich allein und markierte dann die Choreographie ein klein wenig langsamer für uns, damit wir sie uns einprägen und wiederholen konnten. Sie drückte auf Play und stellte sich in der ersten Position vor den Spiegel. Es fällt mir leicht, ihr zu folgen, wenn sie es langsam macht. Ich führe die Bewegungen mit einer Sekunde Verzögerung aus, oder noch weniger, diese Zeit brauche ich, um sie aus dem Augenwinkel nachzuahmen und mich zu erinnern, was als Nächstes kommt, aber ich führe die Bewegungen intensiv und vollständig aus, das erfüllt mich und ich fühle mich wie eine gute Tänzerin. Ich bin eine gute Tänzerin. Dieses Mal allerdings hatte die Lehrerin mehr Lust zu tanzen als Tanz zu unterrichten, und ich konnte ihr nicht folgen. Sie zählte fünf-sechs-sieben-acht und legte los, die Haare flatterten im von ihr selbst verursachten Wind, und über die Musik hinweg und ohne anzuhalten benannte sie die Schritte, die sie gerade machte. Versenkbare Scharniere, die sich aktivieren, Polyurethanplatten, die sauber und geräuschlos von der Rückseite des Gesichts auf dessen Vorderseite gleiten und sich schließen. Ich tanze nicht mehr, sondern brummele unwillig vor mich hin. Halbherzig mache ich ein paar Schritte, lasse andere aus, imitiere die glücklicheren Kameradinnen im Versuch, wieder reinzukommen, und schließlich bleibe ich stehen, während die anderen tanzen, lehne mich an die Wand und schaue zu. Es sieht aus, als würde ich mit höchster Aufmerksamkeit die Choreographie einstudieren, aber weit gefehlt. Weder dekonstruiere ich das Wollknäuel, das der Tanz ist, in einzelne Bewegungen, noch packe ich das Ende des Fadens, um mich nicht im Tanz zu verirren, diesem Labyrinth verschiedener Richtungen. Stattdessen spiele ich wie ein Kätzchen mit dem Faden, achte auf die Beschaffenheit der Körper und der Kleidung meiner Kameradinnen.

Unter den sieben oder acht Schülerinnen ist ein Schüler. Er ist ein Mann, aber vor allem ist er ein Macho, ein ständiger Zurschausteller seiner Männlichkeit in einer Gruppe von Frauen. Er trägt ausgeblichene Farben und langes Haar, er ist schlecht rasiert und sein Appell an die Gemeinschaft und die Kultur ist stets einsatzbereit. Mit anderen Worten, ein Faschist. Für mich sind Faschist und Macho Synonyme. Er tanzt sehr unbeholfen, er ist aus Holz. Letzteres ist keineswegs verwerflich, genauso wenig wie meine Schiebetüren, die alle Frauen bemerkt hatten und mich daher in Ruhe ließen. Der Macho aber tat so, als würde er sie nicht sehen, und als die Choreographie, aus der ich ausgestiegen war, zu Ende war, kam er zu mir, erklärte mir, was ich falsch gemacht hatte, und bot an, mich zu verbessern. Nicht nur sein Körper, auch sein Gehirn ist aus Holz, und das ist sehr wohl verwerflich. Ja, ja, gut, gut, antwortete ich, ohne mich vom Fleck zu rühren. Du kannst mich jederzeit fragen, wenn du unsicher bist, sagte er lächelnd. Meine Güte, nur gut, dass die Schiebetüren geschlossen waren und diese Machohaftigkeit dank meines vollständigen Desinteresses für die Außenwelt nur abgeschwächt zu mir durchdrang. Das ist ein gutes Beispiel für die Schiebetüren als Schaufenster, hinter dem ich ausgestellt und unberührbar bin.

Es ist ja nicht so, dass ich der Choreographie vorgestern nicht hätte folgen können, vielmehr wollte ich ihr nicht folgen, ich hatte keine Lust, im Gleichschritt mit sieben fremden Frauen und einem Macho zu tanzen, ich hatte keine Lust, die feuchten Choreographinnenträume der Tänzerin zu befriedigen, die als Tanzlehrerin in einem städtischen Bürgerzentrum geendet war, und ich hatte keine Lust, das Niveau einer professionellen Tanzkompanie vorzutäuschen, wenn wir in Wirklichkeit doch eine Gruppe Mädchen aus einer Tagesförderstätte für Erwachsene sind; und dass man willens ist, etwas nicht zu tun, das verstehen die Leute nicht.

Keine Ahnung, ob ich im totalitären Staat weniger schlecht dran war, aber zum Teufel mit diesem totalitären Markt, sagt meine Cousine, die während der Sitzung der PAH losgeheult hat, als sie erfuhr, dass sie mindestens 1025 Euro pro Monat verdienen muss, um eine Sozialwohnung zu bekommen. Weine nicht, Marga, sage ich und reiche ihr ein Taschentuch. Du solltest dich damit trösten, dass der Markt jetzt einen weiblichen Namen hat: Der Supermarkt Mercadona, ein totalitärer Ort, wo die Überwachungskameras nicht in den Gängen, sondern über den Köpfen der Angestellten hängen, und darum können wir das Deo und die Binden mitgehen lassen und sogar Kondome aus den Kartons holen, die diese piepsenden Aufkleber haben, und sie uns in die Taschen stecken. Ich sage Margarita immer, sie soll mal zur Menstruationstasse wechseln, dann müsste sie keine Binden und Tampons mehr klauen und hätte in den Taschen mehr Platz für anderes Zeug, für Honig zum Beispiel oder den sauteuren ColaCao. Sie sagt, die Menstruationstasse kostet dreißig Euro, und dass sie keine dreißig Euro hat und dass es die Tasse nicht im Supermarkt gibt, sondern in der Apotheke, und in Apotheken ist es total schwierig zu klauen, denn da sind die Kameras ja auf die Kunden gerichtet und die Tür klingelt jedes Mal, wenn jemand rein- oder rausgeht. Ich habe versucht, einer Freundin zum Geburtstag eine Menstruationstasse zu klauen, aber ich hab keine gefunden, nicht mal im Corte Inglés, und bei Apotheken hab ich Hemmungen. Aber wie wäre es mit einer Apotheke, wo der Apotheker schon ganz alt ist, und zwar nachts, beim Notdienst? Du solltest aufhören, Kondome zu klauen, und die Pille nehmen, sagt sie, denn bis du endlich die vierzig Plastikhüllen der Schachtel offen hast – unauffällig geht anders. Vergiss es, sich mit Hormonen vollstopfen, systematisch unter Drogen setzen lassen, nur um dem Macho den Spaß zu gönnen, ihn nicht rausziehen zu müssen. Und die Pille hat ja wohl einen Scheiß mit Emanzipation zu tun. Die Dermatologen verschreiben sie, damit die Mädchen ihre Pickel loswerden, denn die Pubertätsakne ist natürlich eine Krankheit, klar, aber es geht nicht darum, mehr oder weniger hübsch zu sein, oh nein, und auch nicht darum, als Gefäß für den Samen herzuhalten. Es geht doch um die Gesundheit unserer Jugend, das will mir nicht in den Kopf. Man kann ohne Kondome nicht promiskuitiv sein, Marga, schon wegen der sexuell übertragbaren Krankheiten, schon darum nicht. Ach, das sind jetzt also Krankheiten, ja?, antwortet sie. Etwa nicht?, antworte ich. Aber Aids gibt es gar nicht, Nati, was erzählst du denn da. Nicht einmal ein Prozent der Bevölkerung. In Spanien haben wir mehr Selbstmorde pro Jahr als Aids-Diagnosen. Aber ich fick ja nicht mit Spaniern, Marga, das sind nämlich alles Faschisten. Fuck, Nati, du bist echt reaktionärer als eine Reliquienmonstranz. Und du bist ein Hippie, schneid dir doch mal diese Zotteln ab.

In einer anderen Tanzstunde in der Tagesförderstätte für Erwachsene La Barceloneta (TAFEBAR) sagte uns die Lehrerin für Zeitgenössischen Tanz, dass wir uns die Socken ausziehen sollen. Wir würden Pirouetten machen und sie wollte sichergehen, dass wir nicht ausrutschten. Also zogen sich alle ihre Socken aus, alle außer mir, denn ich hatte eine gerade verheilende Blase am rechten großen Zeh. Die Lehrerin wiederholte ihren verschleierten Befehl. Er war aus zwei Gründen verschleiert: Erstens, weil sie nicht sagte »Zieht euch die Socken aus«, sondern »Wir ziehen uns die Socken aus«, sie gab also keinen Befehl, sondern benannte das Ergebnis und ersparte sich so die unpopuläre Verwendung des Imperativs. Und zweitens war er verschleiert, weil er sich nicht an die anderen richtete, an jene Alterität, die wir Schülerinnen in jedem Unterricht, sei es nun Tanz oder Verwaltungsrecht, im Gegensatz zur Lehrerin darstellen. Sie sagte »Wir ziehen uns die Socken aus« und nicht »Ihr zieht euch die Socken aus«, bezog sich damit selbst in diese Alterität ein und löste sie dadurch auf, schuf ein trügerisches »Wir«, in dem sich Lehrerin und Schülerinnen vermischen.

Sie wiederholte den verschleierten Befehl mit neuen Verschleierungen: Ich war die einzige Person mit Socken im Saal, und dennoch wiederholte sie statt »Du ziehst dir die Socken aus« im Plural »Wir ziehen uns die Socken aus«. Sie verschleierte also nicht nur den Imperativ und das Ihr, sondern jetzt auch die Tatsache, dass eine einzige Schülerin ihr nicht gehorcht hatte. Wären wir mehrere Personen mit Socken gewesen, hätte die Lehrerin verstanden, dass es irgendeinen Grund gab, der uns, auch wenn wir in der Minderheit waren, dazu brachte, uns anders zu verhalten, und sie hätte diesen Unterschied toleriert. Der Grund einer Minderheit für Ungehorsam kann Anerkennung finden. Der eines Individuums nicht. Alle schauten auf die nackten Füße der anderen. Ich bin kurzsichtig und muss zum Tanzen meine Brille absetzen, darum kann ich nicht mit absoluter Gewissheit sagen, dass sich alle Blicke auf meine bekleideten Füße richteten. Zum Glück sind die Schiebetüren geschliffen, 2,25 Dioptrien im linken Türblatt und 3,10 im rechten, allzeit bereit für die glasklare Beobachtung des Faschismus, gegen den sie mich abschirmen.

Nach den beiden nicht befolgten verschleierten Befehlen kam die schwedische Lehrerin Tina Johanes zu dem Schluss, dass ich nicht nur kurzsichtig, sondern auch taub sein müsse oder der spanischen Sprache nicht mächtig. Von diesem menschlichen Verständnis bewegt, drückte sie auf Play, und während die Schüler die vorgegebene Pirouette übten, kam sie zu mir, unterbrach meine tölpische Drehung und sprach mich, jetzt doch, in der korrekten grammatischen Person an.

»Geht es dir gut?«

»Mir?«

»Verstehst du Spanisch?«

»Ja, ja.«

»Nur weil du dir nicht die Socken ausgezogen hast.«

»Ich habe eine Wunde am Fuß.«

»Ah, okay, okay«, sagte sie, machte einen Schritt zurück und zeigte mir ihre Handflächen als Zeichen der Entschuldigung, der Konfliktvermeidung, des Nichtbesitzes von Waffen unter ihrem dehnbaren Gymnastikanzug.

Und schon Schluss mit lustig und Pirouetten. Und schon pausenloses Konstatieren des Ortes, an dem ich mich befinde, wer die anderen sind, wer Tina Johanes ist und wer ich bin. Zum Teufel mit dem Hirngespinst, dass ich tanzen lerne. Zum Teufel mit den vier Euro pro Stunde, die der Unterricht mit der Ermäßigung für Arbeitslose kostet. Vier Euro, die ich auch für die Hin- und Rückfahrt zum Probensaal der Universidad Autónoma hätte ausgeben können, wo ich allein tanze, nackt, schlecht, Mambo. Vier Euro, die ich auch auf der Terrasse eines Chinarestaurants für vier Bier hätte ausgeben können, vier Euro, die ein Fest beginnen lassen oder mich erschlagen aufs Bett werfen könnten, und kein Platz für Gedanken an den Tod. Ich bin in der Tagesförderstätte für Erwachsene La Barceloneta (TAFEBAR). Die anderen sind Wähler von Podemos oder der CUP. Tina Johanes ist eine Autoritätsperson. Ich bin Bastardistin, aber mit bovarystischer Vergangenheit, und wegen dieses beschissenen Erbes denke ich noch immer an den Tod, und darum bin ich schon im Voraus gestorben.

Kannst du nicht über die Schiebetüren der Bahnstation springen, um zur Autónoma zu fahren? Das ist gefährlich, die Fahrt ist lang, und ganze zwölf Stationen nach dem Kontrolleur Ausschau zu halten, vor dem man dann weglaufen muss, das zerrt an den Nerven, sie knüllen sich mir im Magen zusammen und ich muss kacken, und so bin ich zwölf Stationen lang damit beschäftigt, meine Magenkrämpfe zu veratmen. Ich lasse leise Fürze fahren, presse die Pobacken zusammen, damit sie lautlos sind, balanciere auf meinen Sitzhöckern, schäme mich wegen des Gestanks. Ein paar Mal bin ich schon mit vollgeschissenen Unterhosen an der Autónoma angekommen. Wenn du ein bisschen Kacke rausgelassen hast, hältst du es besser aus, aber dann sind es immer noch sechs Stationen mit Bremsspur am Arsch. Gibt es in der Bahn keine Toiletten? Nein, in den Nahverkehrszügen der Generalitat gibt es keine Toiletten. Man muss leergepinkelt, leergeschissen und durchgevögelt in den Zug steigen. In den Zügen, die von der Renfe und vom Innenministerium bereitgestellt werden, gibt es Toiletten. Zwischen Cádiz und Jerez, was genauso weit auseinanderliegt wie Barcelona und die Universidad Autónoma, kannst du vögeln. Halten wir also fest, dass das Fehlen von Toiletten in den Zügen ein weiteres Repressionsinstrument ist, und was Toiletten und Züge angeht, ist die Generalitat von Katalonien totalitärer als der spanische Staat.

Sprich es aus, Angelita, ich weiß doch, was du denkst, und ich würde es gerne von dir selbst hören: Tina Johanes hat dich nur zu deinem eigenen Besten darum gebeten, dir die Socken auszuziehen. (Angelita sagte nicht Tina Johanes, sie sagte »die Lehrerin«.) Damit du nicht ausrutschst. Damit du nicht hinfällst und dir wehtust. Damit du besser tanzt. So wie der Junge in der Stunde neulich, als du aus der Choreographie ausgestiegen bist (sie sagte nicht Choreographie, sie sagte »Tanz«). Du übertreibst. Dir fehlt jegliche Empathie (sie sagte es nicht so, sie sagte »du kannst dich nicht in andere hineinversetzen und bist eine Egoistin«). Du hast für den Tanzkurs bezahlt, das heißt, du hast dafür bezahlt, Anweisungen zu bekommen (auch das sagte sie nicht so, sie sagte: »Du hast dich für einen Tanzkurs angemeldet, und was nützt es, sich für einen Tanzkurs anzumelden, wenn du die Tanzschritte nicht lernen willst«). Du willst (und das sagte sie genau so) auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen, Nati, und außerdem bist du ganz schön prospanisch. Jetzt haben wir es doch, Angelita, das ist genau der Schuh, den ich mir anziehen wollte, danke, danke, danke! (Darauf antwortet sie beleidigt, weil ich sie bei ihrem eigentlichen spanischen Namen rufe und nicht bei ihrem umgetauften katalanischen – Àngels –, und weil ich überdies das Diminutiv benutze.) Das Reaktionäre kann man dir nachsehen, Nati, weil du ganz gut aussiehst (in Wirklichkeit bedeutete das: »Du verhältst dich wie eine Rotzgöre und niemand sagt dir was, weil du so hübsch bist«). Da liegst du falsch, antwortete ich. Du liegst total falsch. Wer einigermaßen gut aussieht, und ich rede nicht mal von einer wirklichen Schönheit oder einer heißen Braut, hat kein Recht, radikal zu sein. Warum beschwert sie sich, so schön, wie sie ist? Wie kann sie so gut aussehen und trotzdem so unzufrieden mit ihrem Leben sein? Wie kann sie so gut aussehen und dann quellen lauter Kröten und Schlangen aus ihrem Mund, das ist doch so hässlich bei einer Frau, die gar nicht hässlich ist. Wie kann sie es wagen, mein Kompliment oder meine Pfiffe zu missbilligen, ich schmeichle der Nutte damit doch nur? Der andere Zensurmechanismus gegen Radikalität von hübschen Frauen funktioniert ganz ähnlich wie das, was du gerade gesagt hast: Sie üben Kritik, weil sie hübsch sind, sie trauen sich, weil sie hübsch sind, und weil sie hübsch sind und eine adrette Verpackung für ihre Antwort, kommt ihre Kritik an und wird gehört. Aber Vorsicht, du und ich ziehen gerade genau die gleiche Scheiße ab, Angelita! Gerade so wie diese Hippies mit ihren Modelmaßen, sie sind keine fünfundzwanzig, stecken sich Blümchen ins Haar und zeigen ihre Titten im Kongress und im Vatikan, statt Femen sollten sie sich besser Samen nennen, bei all den Ergüssen, die sie bei ihren patriarchalen Zielen auslösen.

Ich schieße mich wahnsinnig gern so auf Angelita ein, denn auch wenn man uns äußerlich kaum etwas anmerkt, sind wir innerlich wie im Rausch, wir sind total eloquent, Ángelas Stottern verstärkt sich und wir reden den Rest der kleinen Versammlung an die Wand, normalerweise sind das die immer gleichen Leute: Ángela selbst, Marga und ich. Und manchmal kommt noch meine Halbschwester Patricia dazu oder irgendeine Freundin von ihr, eins von diesen Samen-Mädels, oder irgendeiner von ihren Freunden, keine Ahnung, ob die Machos sind, das sind nämlich weder Spanier noch habe ich je länger als fünfzehn Minuten mit einem geredet, Bohemiens sind sie nämlich auf jeden Fall, und die sind noch unerträglicher als ihre üblichen Kampfgenossinnen von Samen. Meine Halbschwester hat ihre winzigen Titten aber nur ein einziges Mal in der Öffentlichkeit gezeigt – Nippel wie Eidotter auf einem glatten Brustkorb –, und zwar am Schalter eines Pornoterrorismus-Spektakels, als die Kassiererin ihr sagte, wenn sie ihre Brüste zeigt, kommt sie umsonst rein.

Marga liest überhaupt gar nichts, nicht mal Zeitschriften beim Frisör, nicht mal die Zeitschriften beim Frisör, in denen nur Fotos von Frisuren sind, also war es eine überaus selbstlose Geste von ihr, mir ein Fanzine aus dem autonomen Zentrum mitzubringen, wohin sie die vom PAH geschickt hatten. Das Fanzine lässt den glücklichen Augenblick wieder aufleben, in dem die Bolivianerin María Galindo das Konzept des Bastardismus begründete, siehe Seite 106 und 107 ihres Buches Feminismo urgente. ¡A despatriarcar!, erschienen 2013 in Buenos Aires:

Da sich das Verlangen in der Gesellschaft nicht frei verbreitet und dies auch nie tat, da es durch den kolonialen Herrschaftskodex gezügelt wurde, können wir nicht von Mestizaje sprechen.

Wegen jener kolonialen Zähmung des erotisch-sexuellen Verlangens ziehe ich es vor, bei der Mischung von Weißen und Indigenen nicht von Mestizaje zu sprechen, sondern von Bastardisierung. Es gab eine Vermischung, ja, und diese Vermischung war so weitreichend, dass sie die gesamte Gesellschaft umfasst, ja, aber es war keine freiwillige, horizontale Vermischung; es war vielmehr eine erzwungene, unterdrückte, gewalttätige oder verborgene Vermischung, und ihre Rechtmäßigkeit war stets mit Erpressung, Überwachung und Erniedrigung verknüpft. Mestizaje ist die halbe Wahrheit, und wenn man das Deckmäntelchen der Scham und der Heuchelei wegzieht, dann heißt es Bastardisierung. Die halbe Wahrheit, und wenn man ihr die Schminke, die Verstellung und die Masken wegnimmt, heißt es Bastardisierung.

Mestizaje ist nur die halbe Wahrheit über einen gesellschaftlichen Ort brutaler Konflikte, herzzerreißend ungelöst, schmerzhaft unrecht und etliche Male verboten. Dies mit seinem eigenen Namen zu benennen ist ein Akt der Befreiung, ebenso wie die Möglichkeit zu sagen, hier gibt es keine Mestizinnen, sondern nur Bastarde. Der Status als Weiße ist ebenso wie der Status als Indigene eine Art fiktiver Zufluchtsort, um zu verbergen, was am furchterregendsten ist, und das ist die ungelöste Frage nach der Herkunft.

Man könnte sagen, dass der Bastardismus meine Ideologie ist, auch wenn die Begründerin des Konzepts das Konzept der Ideologie verabscheut, denn es enthält zu viel Avantgarde, Akademie und deshalb auch hierarchische und patriarchale Strukturen. Tatsächlich spricht María Galindo nicht von Bastardisten, sondern schlicht und einfach von Bastarden. Das mit dem Bastardismus, mit der Endung -ismus, die die klassische ideologische Verhaftung anzeigt, ist meine Angelegenheit.

Vor ein paar Monaten hörte ich begeistert einen Vortrag, den die Autorin im Museum für Zeitgenössische Kunst Barcelona (MACBA) hielt, vor genau so vielen Monaten, wie es brauchte, um die in Spanien nicht erhältlichen Bücher, die darum von ihr aus Bolivien mitgebracht worden waren, zu Fanzines zu verarbeiten und in anarchistischen Räumen zu verteilen. Ihre Bücher waren zwar sehr billig (10 Euro für über 200 Seiten, mit Farbfotos und sogar einer DVD dabei), aber ich habe weder Geld noch die Absicht, Bücher von einer Lesung mitgehen zu lassen, die mich zum Weinen gebracht hatte. Erst dachte ich, dass ich aus demselben Grund weine, aus dem Kinder bei der Geburt weinen, wegen des Übergangs von einem Leben in ein anderes, wegen des Übergangs von der Dunkelheit ins Licht. Aber dieses Weinen hat etwas Schmerzhaftes, und die Worte Galindos hatten mir nicht wehgetan, sondern mich gestreichelt, sie hatten mich umarmt, sie hatten mich geliebt, wie ein verständnisvoller und erfahrener Liebhaber seine unerfahrene oder gar jungfräuliche Geliebte liebt. In Sachen bastardistischem Bewusstsein war ich eine Jungfrau. Galindo glaubt nicht, dass Schmerz oder Trauma eine Quelle der Befreiung sind. Also weinte ich vor lustvoller Freude. In diesem konkreten Fall vor Freude an der Politisierung, genauer, vor Freude daran, aus dem Sumpf der Unterdrückung aufzutauchen. Freude daran, den Zeigefinger zu entdecken, ihn auszustrecken und auf den Unterdrücker zu richten. Zeigen zu lernen, vom Opfer zum handelnden Subjekt zu werden: diese Freude. Die Politisierung vollzog sich schnell, in den gerade mal fünfzig Minuten, die María Galindo für ihre Rede hatte.

Irgendeine linke Eurozentrikerin wird sagen, dass Galindo von der bolivianischen Gesellschaft spricht und dass dieser Kontext nicht auf meine Situation der Unterdrückung in Barcelona übertragen werden kann. Diesem weißzentristischen Häschen muss man Folgendes antworten: Hast du etwa im Jahr 1848 in England gelebt? Und beziehst du dich nicht jedes Mal, wenn du von Klassen sprichst, auf diesen Lauch-Opa Marx? Hast du denn in den dreißiger Jahren im Gulag gelebt? Nein? Und hindert dich das etwa daran, den autoritären Trotzki zu beschwören? Hast du den bürgerlich-frivolen Tantchen Simone de Beauvoir und Simone Weil etwa keinen säkularen Altar errichtet, obwohl du weder in Paris noch in den Zwischenkriegsjahren in Berlin geboren wurdest? Sieht ganz so aus, als würde die faschistische Linke nur diejenigen Theorien für allgemeingültig halten, die aus dem Westen kommen, da kann die Faschofeministin keine Kontextprobleme erkennen. Man muss diese dumme Sau daran erinnern, dass auch in Außenbezirken des Fortschritts Gedanken artikuliert, aufgeschrieben und angewendet werden, und wer keine westliche Rotzgöre ist, wird die verbindende Kraft erkennen können, die von dem ursprünglichen Vorort bis zu unseren Vororten reicht. Ich spreche nicht von Bastardin, sondern von Bastardistin, und das mache ich, um dem Bastardismus eine theoretische Dimension zu verleihen, die über seinen Kontext hinausgeht und die Galindo selbst nahelegt und die in mir, neuntausend Kilometer von seinem Ursprung entfernt, einen Widerhall gefunden hat.

Vorher hatte ich ganz ohne Eröffnungszeremonie den Club der Bovarys oder Dooferys gegründet, inspiriert vom Bovarysmus oder Dooferysmus, je nach dem Ausmaß an Blödheit, mit der wir uns unseren Liebesangelegenheiten widmeten. Wir waren vier Mitglieder, und von uns vieren hatte nur eine Madame Bovary gelesen, und nur ich hatte die beiden auf dem Roman basierenden Filme gesehen, beim Buch kam ich trotz größter Anstrengungen und meiner Hingabe für die Literaturgeschichte nicht über Seite 14 hinaus. Die Filme sind aber anregend und bereichernd. In einem ist Madame Bovary blond und im anderen brünett. Die zwei weiteren Kameradinnen, die dem Club angehörten, standen jeweils für den höchsten und den geringsten Grad an bovarystischem Leiden und wussten von Madame Bovary nur das, was die einzige Leserin des Buchs und ich ihnen erzählt hatten. Es ist denke ich ziemlich normal und ein Zeichen von Reife, vom Bovarysmus zum Bastardismus zu kommen. Ich glaube, dass es auch ein Zeichen von Reife und ein erster Ausdruck von Bastardismus ist, Madame Bovary nicht zu Ende zu lesen.

Meine bovarystische Phase fällt mit meinen Jahren am Konservatorium zusammen, sie erreichte ihren Höhepunkt, als ich meinen Master machte, und endete, als ich der Forschungsgruppe für meine Promotion beitrat. Wenn ich es rückblickend betrachte, fällt mir auf, dass der Jiminy Grille des bastardistischen Gewissens schon früh begonnen hatte, mir Dinge ins Ohr zu flüstern. Ich kann mich erinnern, wie ich an einem Nachmittag für meine Tanzprüfung im dritten Jahr lernte und zum ersten Mal am eigenen Leib spürte, was Entfremdung ist. Zum zweiten Mal. Das erste Mal war vier Jahre zuvor, mit sechzehn, bei einer Antikriegsdemonstration gegen die zweite Invasion im Irak. Nach fünfzehn Minuten, die ich mit der Masse marschierte, musste ich da raus, genau wie bei der Lektüre von Madame Bovary. Zweifellos eine bastardistische Geste.

Entfremdung kann zwei Dinge bedeuten: die ursprüngliche von Großvater Marx und die an die Unterdrückung des Einzelnen angepasste, die darauf basiert. Opa Karl sagte, dass Entfremdung die Besitzlosigkeit des Arbeiters in Bezug auf das Arbeitsprodukt ist. Ich sage, Entfremdung ist die Identifikation unserer Wünsche und Interessen mit den Wünschen und Interessen der Macht. Der Schlüssel liegt jedoch nicht in jener Identifikation, die in der Demokratie ständig zu beobachten ist: Wir glauben, dass Wahlen zu unserem Vorteil sind, und gehen zur Wahl. Wir glauben, dass Unternehmensgewinne uns zugutekommen, und arbeiten effizient. Wir glauben, dass Recyclen zu unserem Vorteil ist, und haben vier verschiedene Müllsäcke in unseren dreißig Quadratmeter großen Wohnungen. Wir glauben, dass Pazifismus die Antwort auf Gewalt ist, und laufen Kilometer um Kilometer auf Batucada-Märschen mit. Der Schlüssel liegt, davon bin ich überzeugt, nicht im lächerlichen bürgerlichen Leben, sondern darin, dies zu erkennen: zu bemerken, dass man von früh bis spät das tut, was einem gesagt wird, und sogar wenn man ins Bett geht, gehorcht man noch, denn man schläft unter der Woche sieben oder acht Stunden und am Wochenende zehn oder zwölf, und man schläft am Stück, ohne sich Nachtwachen zu erlauben, und man schläft nachts, ohne sich Mittagsschläfchen zu erlauben, und nicht die vorgegebenen Stunden zu schlafen, wird als Störung angesehen, das ist dann Schlaflosigkeit, Narkolepsie, Faulheit, Depression, Stress. Angesichts der allgemeinen bürgerlichen Glückseligkeit können drei Dinge geschehen: Erstens, du bemerkst nicht, wie gehorsam du bist, und fühlst dich daher auch nicht entfremdet. Du bist eine Bürgerin mit Entscheidungsfreiheit bei Wahlen und deiner Sexualität. Anders ausgedrückt: Du setzt dein Tanzstudium im dritten Jahr fort, weil es deine Pflicht ist, und weil sie dir dafür ein Stipendium gegeben haben. Du schreist weiter deinen Protest heraus, Kein Blut für Öl, Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, U-, Un-, Unabhängigkeit, denn darum lebst du ja in einer Demokratie und hast das Recht auf freie Meinungsäußerung.

Zweite Möglichkeit: Du bemerkst, wie gehorsam du bist, aber es ist dir egal. Du fühlst dich nicht entfremdet, weil du den geforderten Gehorsam rechtfertigst. Du machst dir den Satz zu eigen, dass wir in dem am wenigsten schlechten aller Systeme leben und dass die politischen Parteien das kleinere Übel sind. Du verteidigst den Sozialstaat. Du studierst weiter Ballett, weil dir keine andere Wahl bleibt, besser das als Kellnern, und außerdem willst du irgendwann mal eine anständige Arbeit haben. Du schreist bei Demos weiter Die am Rand stehen sollen mitgehen, Rettet die Bildung und A-, Anti-, Antikapitalisten, weil du glaubst, man muss auf die Straße gehen, weil du glaubst, du musst dir nehmen, was dir sowieso gehört.

Dritte Möglichkeit: Du merkst, wie gehorsam du bist, und erträgst es nicht. Dann bist du entfremdet. Herzlichen Glückwunsch! Du erträgst es nicht anzustehen, um Rechnungen zu bezahlen. Anzustehen, um Rechnungen zu bezahlen, anstatt dass die anstehen, die bei dir abkassieren wollen, das ist wirklich der Gipfel der Entfremdung! Du erträgst Wahlsonntage nicht. Der Wähler tritt gut angezogen und glatt rasiert vor die Tür, wo er seinen Nachbarn trifft und sich darüber austauscht, wen er wählt und warum, er studiert aufmerksam alle Wahlzettel, er erlaubt sich einen winzigen Rest Zweifel in Bezug auf seine Wahl, aber letztlich setzt sich immer die bereits zu Hause getroffene Entscheidung durch. Sie bringen ihre Kinder mit, die Kinder spielen mit anderen Kindern, sie flitzen umher, ihre Eltern heben sie hoch zur Urne, damit sie den Stimmzettel einwerfen können, wenn sie schon etwas größer sind, werfen sie ihn ohne Hilfe ein. Manche nehmen sogar von jeder Partei die Zettel mit, weil sie die sammeln. Dann gehen sie und genehmigen sich ein Bier, bei gutem Wetter gern auf einer Terrasse. Die Feier der Demokratie! Wer auch gewinnt, die Demokratie gewinnt immer! Bei der letzten Europawahl bin ich in die Schule gegangen, um mich meiner Abneigung zu versichern, und alle starrten mir auf die Titten. Ich trug keinen BH unter dem engen T-Shirt. Den Bürgerinnen und Bürgern, all den frohen Demokratinnen und Demokraten quollen die Würmer aus dem Mund, während sie sich heiter und sonntäglich unterhielten und ihre Aufmerksamkeit von ihren Gesprächspartnern auf meine Nippel lenkten, vom Tisch mit den Wahlzetteln auf meine Nippel, und sie wirkten auf mich wie stille Unterstützerinnen und Unterstützer der Prostitution, selbst wenn sie nie bei einer Hure gewesen waren (allerdings haben sie oft ihre Freundinnen oder Frauen gefickt, wenn die überhaupt keine Lust hatten) und auch nie ausdrücklich fürs Ficken Geld genommen hatten (allerdings haben sie oft lustlos mit ihren Freunden oder Ehemännern gefickt, getrieben vom sexamorösen Vertrag, der sie verbindet). Die einen, Freier. Die anderen, Serviererinnen des Abendessens für den Freier, wenn der nach Hause kommt. Ich war keine Prostituierte, ich verkörperte auch keine, meine ganze Anmache bestand darin, zu existieren. Ich blieb ganz ruhig, rief niemanden zur Ordnung und ging, sobald ich bemerkte, dass die Schiebetüren sich aktivierten. Die Prostituierte, also das Wesen, über das Macht ausgeübt wird, war nicht da. Im Wahllokal in der Schule wurde keine Hure gebraucht, denn die politische Aufgabe des Wählers, ach so mystisch, ach so symbolisch, braucht zum Unterdrücken kein Objekt. Anders als bei der politischen Aufgabe des Tyrannen oder des Vergewaltigers, der auf die Anwesenheit seines Objekts und die unmittelbare Erfahrung der Herrschaft angewiesen ist, genügt dem Wähler die Illusion, sie zu besitzen, die Illusion, mit dem Wahlzettelchen in seinem Umschlag ein klein wenig Schicksal zu spielen. Die Feier der Demokratie ist eine Messe, bei der sich das Bankett auf eine Hostie pro Person beschränkt. Es konnte also gar nicht anders sein, als dass die Wähler noch machthungrig waren, und so verschlangen sie meine harten Nippel mit ihren Blicken. Natürlich nur mit den Blicken, mehr nicht. Ich vögele nicht mit Spaniern und auch sonst mit niemandem, der je bei einer Wahl seine Stimme abgegeben hat, egal ob bei der Kommunalwahl, in den Autonomen Regionen, bei der National- oder Europawahl, bei Gewerkschaftswahlen oder Vorwahlen, um den Vorsitzenden einer Partei zu bestimmen, oder bei einem Referendum für die Unabhängigkeit, für die Unterzeichnung eines Friedensvertrags, für die Ausweitung der präsidialen Befugnisse, für die Verfassungsreform, für die Aufhebung des europäischen Rettungsschirms oder für den Austritt aus der Europäischen Union – allesamt bescheuerte Bürger.

Der Macho hat eine Tochter, das arme Kind. An diesem Nachmittag spazierte er mit ihr an der Hand in der Umgebung des Bürgerzentrums La Barceloneta herum. Wer hatte hier wen aus der Tagesbetreuung abgeholt? Wie in diesen Märchen aus der verkehrten Welt, wo die Hexe die Liebe des Prinzen entfacht und man die Suppe mit der Gabel isst, so holen in der TAFEBAR die Kinder ihre Eltern ab, ihre Onkel und Tanten oder Großeltern. An diesem Nachmittag führten geduldige Kinder ihre Erwachsenen zur Abschlussvorführung des Tanzkurses in der Tagesstätte, dort sollten zwölf Frauen zeigen, was sie neun Monate lang in den Kursen für Zeitgenössischen Tanz, Tanztheater und Angewandte Genderperspektiven auf die darstellenden Künste gelernt hatten. Die Show würde auf der Straße stattfinden, und während die Erwachsenen und die Direktorin Eleonora Stumpo in der Eingangshalle höflich das akademische Viertel abwarteten, um das sich das Publikum verspätete, beschäftigten die Kinder also ihre Eltern, indem sie sich von ihnen hochwerfen ließen, indem sie ihnen die Freude machten, mit ihnen im Rhythmus der herüberwehenden Musik des Soundchecks oder auch ganz ohne Musik zu tanzen, indem sie so taten, als hätte es ihnen nicht wehgetan, als sie bei einem dieser wilden Tänzchen auf die Nase gefallen sind, und sie schluckten die Tränen herunter, ganz wie es die ewige Forderung der Erwachsenen von ihnen verlangte, »es ist nichts passiert, nicht weinen, du bist doch mein großer Junge, du bist doch mein großes Mädchen«, bloß nicht weinen und sie vor den anderen Eltern beschämen, alles für ein friedliches Fest der Erwachsenen.

Wie herrlich sind die Sommerabende in La Barceloneta! Hier ist es fünf Grad kühler als im Rest der Stadt, die Luft wirkt sauber, und kaum betritt man das Viertel, sinkt die Zahl der Touristen pro Quadratmeter auf erträgliche Werte, da alte Charnegos und pakistanische Familien die Plätze besetzen, Tische und Stühle, Radios und Fernsehgeräte auf die Straße stellen und Karten oder Domino spielen und dabei Fußball oder die Spielshow Pasapalabra schauen. Die Touristen wagen sich nicht über den Wechsel der Pflasterung zwischen Bürgersteig und besetztem Platz und begnügen sich damit, aus der Entfernung ein paar Fotos zu machen. Wäre ich eine dieser Alten, die dort Fan Tan spielen, dann würde ich zu dem Touri gehen und von ihm verlangen, vor meinen Augen das Foto zu löschen, das er gerade ohne meine Erlaubnis von mir gemacht hat, genauso wie bei Unruhen immer, wo garantiert irgendein Journalist auftaucht, ein bekloppter Hipster oder sogar ein Tourist, der wegen dieser einzigen Prise Realität, die er aus Barcelona mitnehmen wird, völlig von der Rolle ist und aus nächster Nähe die Vermummten fotografiert, wie sie Schaufenster einschlagen oder Geldautomaten zertrümmern. Dann löst sich aus der Gruppe der Demonstranten immer eine andere Vermummte, die sich um diese Liebhaber der objektiven Berichterstattung kümmert, und mit gezücktem Schlagstock und Schulter an Schulter mit dem Schisser von Fotografen weisen beide Nacken zum Himmel, bis das letzte Foto vom Display verschwunden ist. Nach der Serie Vermummter beginnt eine endlose Serie von Selfies mit Vintage-Filter, aber der immer noch total eingeschüchterte Journalist-Hipster-Scheißtouri zeigt der Vermummten eins nach dem anderen alle seine Fotos, immer weiter, um seinen guten Willen zu demonstrieren: Füßchen mit bunt lackierten Nägeln, Muskelspiele im Spiegel, Fahrer und Beifahrer, die im Auto anstoßen, mit den Fingern geformte Schnauzbärtchen und Vs, während man aus dem Augenwinkel in die Kamera schaut, gefällige Dekolletés, Teller mit Essen, Bierkrüge, unterbelichtete Fotos von Sonnenuntergängen im Gegenlicht, Blumen, Tiere im Arm, Ausschnitte der Sagrada Familia, der Statue von Kolumbus, der Marktstände auf dem Mercat de la Boqueria, der Eidechse von Gaudí, und so weiter mit dreihundert Bildern, auch wenn die Vermummte schon längst weg ist und sich die letzten Demonstranten entfernt haben, der Scheißtouri-Hipster-Journalist seiner eigenen Existenz aber ist auf dem Asphalt zurückgeblieben, den Nacken über das Handy gekrümmt, und geht mechanisch und blind die Fotos durch, antwortet nicht auf die eingehenden WhatsApps, reagiert noch eine Stunde später nicht auf die Anrufe seiner Freunde, mit denen er verabredet war, rührt sich nicht vom Fleck und steht mitten auf der Straße, als die Polizei sie wieder für den Verkehr freigibt und die Autos ihn anhupen, ist taub für die Beschimpfungen der Fahrer, die an ihm zerren, und für den Polizisten, der ihm sagt, komm mit, den Arm über die Schulter des Sanitäters gelegt, der ihm sagt, komm mit, aber nichts, der Journalist-Scheißtouri-Hipster mit Haarlack im Pony löst sich weder vom Handy noch von der Straße. Wie ein Butoh-Tänzer oder ein Stehaufmännchen mit einem Medizinball im Nacken steht er da, keine Chance, ihn zu Fall zu bringen oder zum Gehen oder dazu, den Kopf zu heben, nicht einmal mit dem einladenden Kinn des hübschesten Sanitäters, der es ihm als Vorspiel eines Filmkusses bietet. Die Bauchmuskeln sind gespannt wie die eines Tänzers oder Boxers, bereit, fünf Meter in die Arme seines Partners zu springen oder den rechten Haken zum Knockout zu setzen. Also bleibt nur noch, ihn zu überwältigen, und da kommt die Nadel ins Spiel, die ein wenig nackte Haut sucht und eine Wade voller blonder Härchen findet. Die Sanitäter schließen den Kreis um ihn enger, und als Erstes gibt das Handy auf, ein Sanitäter rettet es vor dem Sturz und bringt es in Sicherheit. Danach geben sich die Knie geschlagen, eine Sanitäterin steht schon bereit und packt ihn unter den Achseln. Da der Kopf schon gesenkt ist, bleibt er, wo er ist, aber jetzt, als sie ihn auf die Trage verfrachten, baumelt er hin und her.

Um Viertel nach acht kamen die Erwachsenen aus der Tagesstätte und nahmen ziemlich martialisch ihre Positionen auf der Plaza Carmen Amaya ein, wo sie schon erwartet wurden und wo ich wohne, weshalb ich mir das Spektakel vom Balkon aus anschauen konnte, ein Logenplatz, auf den die Äste der Bäume ragen. Die Direktorin Eleonora Stumpo trat vor das Publikum, und da nur wenig Leute da waren, brauchte sie kein Mikrofon, um zu erklären, dass es sich um eine Straßen-Performance an verschiedenen Orten des Viertels handele und das Publikum sie dort anschauen könne, wo es wolle. Sie begleite sie zum ersten Schauplatz, dann würden die Tänzerinnen die weiteren Stationen vorschlagen. Stumpo konnte die typischen Wendungen einer Kindergärtnerin von Erwachsenen nicht unterdrücken und schloss: »Noch irgendwelche Fragen?« Ach, Eleonora, Eleonora, du gibst so tollen Tanzunterricht, in deinen Stunden haben sich meine Schiebetüren fast nie geschlossen, warum erliegst auch du dem Hang zum Pädagogisieren? Warum glaubst du, man muss dem Publikum das Sehen erst beibringen? Glaubst auch du, dass Unterricht etwas Unschuldiges ist? Auch du, Eleonora, glaubst wie jeder dahergelaufene Lehrer auf den Kundgebungen für bessere Bildung an Alphabetisierung abseits der emanzipatorischen Politisierung? Alles Fassade, weil so halt die Kröten reinkommen? Darum also sollen sich weiter Wahnsinnige wie der Machofaschist mit den verwaschenen Klamotten zu deinen Kursen anmelden? Seinetwegen komme ich nicht mehr zu deinem Unterricht. Jetzt siehst du, liebe Freundin, wer hier wen hinauswerfen kann und welche Ideologie in den Bürgerzentren vorherrscht.

Einmal wagte es der Macho, den italienischen Akzent von Eleonora Stumpo zu verbessern. Sie sagte »ausfuhren« statt »ausführen«. Sie sagte »um diese Bewegung auszufuhren« und was weiß ich, und als sie die Bewegung gerade ausführen wollte, unterbrach der Macho sie:

»Es heißt ausführen, Ele.«

»Entschuldige, mein Spanisch ist nicht so gut, ich verstehe, dass ihr mich manchmal nicht versteht. Danke, dass du mich verbesserst. Wir fuhren also diese Bewegung aus …«, wiederholte sie gelehrig und sah dabei den Macho in der Spiegelwand an, zu der wir uns alle gedreht hatten, bereit zu tanzen.

»Nein, nein. Du sagst ausfuhren, das ist Bergbauernspanisch. Üüü! Üüü! Kriegst du das Üüü nicht hin?«, insistierte er grob, als wollte er ausspucken.

»Ach, das fällt mir schwer, im Italienischen haben wir das nicht«, Stumpo lächelte immer noch, der breite Mund zog sich in ihre zarten und melancholischen Wangen, und dann wiederholte sie dem Rotzlöffel die Grimasse: »Üüüü!«

Und alle Schülerinnen lächelten flaubertianisch, alle außer mir, denn das gleiche fiepende Geräusch machten dann die Scharniere meiner Schiebetüren, denen es nach einer glücklichen Phase des Nichtgebrauchs an Öl fehlte.

»Das ist es! Genau so! Ausfüüühren!«

Ich war so abgeschottet wie hinter der Frontscheibe eines Einsatzwagens, dennoch war mir völlig klar, dass niemand, der nicht in der Nacht zuvor auch einem Bettler eine Ohrfeige verpasst hätte, nun noch weitertanzen dürfte, auch wenn noch eine halbe Stunde Unterricht blieb und die Weibchen im Spiegelbild den phonetischen Witz mit sechs zuckersüßen, weltläufigen Lächeln begleiteten. Ich zog den Kopf aus dem Tanzzustand, in dem sich der Rest meines Körpers noch befand, um mit Eleonora und nicht mit ihrem Spiegelbild zu reden:

»Man versteht dich perfekt und dein Spanisch ist ausgezeichnet. Ausfuhren klingt außerdem sehr hübsch.«

»Ach, vielen Dank! Ich bin euch immer dankbar, wenn ihr mich korrigiert, dann kann ich mich verbessern. Bene, machen wir weiter?«

»Klar, darum habe ich sie ja auch korrigiert, Nati, denn so lernt man ja Sprachen, nicht wahr?«

»Eleonora, du hast einen hinreißenden Akzent, und nur ein Faschist kann ernsthaft von dir verlangen, ihn abzulegen.«

Das Wort Faschist verwandelte die Knopfaugen der Vogelscheuche in echte Augen, die Lippen aus rotem Steppstich in echten Sabber, und seine Holzhände in die geöffneten Hände eines 15M-Aktivisten:

»Hey hey hey hey! Ich habe hier niemanden beleidigt, okay?«, sagte er zu meinem Spiegelbild, ohne seine Position in der Choreographie zu verlassen.

»Basta, Ragazzi, jetzt ist gut, nichts passiert, hort auf zu streiten«, goss Eleonora die langsam dahinwelkenden Lächeln im Spiegel. Noch immer wahrten wir alle die ätherische Tanzhaltung, den Scheitel erhoben, die Schultern gleitend, die Knie leicht gebeugt, die Füße parallel, das Volumen des Hinterns unterdrückt, und so folgten wir der Diskussion im Spiegel. Ich war die Erste, die die Formation verließ.

»Heißt gut sprechen etwa wie im Fernsehen zu sprechen, hm? Warum korrigierst du nicht mich? Ich sag auführn, weil ich aus einem Dorf ganz im Westen komme. Oder wenn wir schon dabei sind, warum korrigierst du dich nicht einfach selbst, du als Andalusier?«

»Sieh mal, ich spreche nicht perfekt, okay?«, bemühte sich der Macho aus seiner Tanzposition heraus, den Frieden wiederherzustellen; er begriff sie als Stillgestanden und traute sich nicht einmal zu gestikulieren, um bloß nicht die Balance von Hingabe und Aufmerksamkeit aufzugeben, von Spannung und Entspannung, die so schwierig zu erreichen ist und die das tänzerische Stillstehen ausmacht, »aber ausführen spreche ich gut aus, obwohl ich aus Cádiz bin. In vielen anderen Fällen muss man mich sicher korrigieren, aber nicht bei diesem konkreten Wort. Aus-füh-ren, aus-füh-ren, siehst du? Ich sage es richtig.«

Meine Schiebetüren beschlugen vom Lachen, und die anderen Mädchen machten es mir nach, sie hielten mein vergilbtes Lächeln für eine weiße Fahne. In einem nie dagewesenen Anflug von Intelligenz begriff der Macho, dass ich über ihn lachte, und durch den Spalt zwischen meinen Türblättern drang – zischend und gedämpft – der Schuldspruch seiner Idiotie. Er glaubte, das harmlose Gekicher der anderen Frauen wäre ebenfalls spöttisch, und das scheuchte seinen Blick auf, der über den Spiegel flog wie Billardkugeln nach dem Eröffnungsstoß. Er verließ als Zweiter die Formation.

»Aber du! Was willst du eigentlich von mir, blöde Tussi? Was laberst du für einen Müll von wegen Faschist? Keine verfickte Ahnung haben, aber Leute beleidigen – du bist hier doch der Fascho!«

Eleonora Stumpo trat aus der Reihe und nach ihr auch der Rest des Trupps. Sie stammelte »aber bitte, Leute«, oder etwas in der Art, und es bildete sich eine neue Formation: Nun standen die Tänzerinnen mit dem Rücken zum Spiegel und umringten den Macho und mich. Sie wollten die Lage beruhigen, aber die neue Verteilung im Raum reizte mich nur noch mehr. Ich ging einen Schritt auf den Macho zu, die Schiebetüren nach vorne geklappt wie ein Geweih:

»Jetzt hör mir mal gut zu, ich hab wenig Ahnung, keine verfickte Ahnung habe ich, aber Ahnung vom Ficken hab ich genug, also bin ich in deinen Augen sicher eine Nutte, und die Nutte hat genug Ahnung, um sie Deppen wie dir um die Ohren zu hauen, oder findest du außer Spanisch redenden Italienerinnen auch denkende Nutten wahnsinnig komisch, du verschissener Macho?«

Danach passierte das, was in solchen Fällen immer passiert. Der Macho sagt, dass du spinnst und eine schlechte Kinderstube gehabt hast, und die Weiber fassen dir liebevoll an die Schultern und sagen, du sollst nicht so empfindlich sein. Dann schüttelst du sie ab und sagst, dass du weder empfindlich bist noch spinnst und dass es dir nun wirklich nicht an guter Kinderstube gefehlt hat, du allerdings die Nase voll davon hast, dass alle über die Machosprüche des Machos lachen und sich niemand angesprochen fühlt. Im Geheimen machen dir alle Vorwürfe, weil du die Stunde gesprengt hast. Im Geheimen bemitleiden alle den Macho, der unter deinen Ausbrüchen zu leiden hat. Du hoffst, dass dir eines der Weibchen zur Seite steht, siehst aber nur gesenkte Blicke, Eleonora Stumpo eingeschlossen. Wenn dir die Tränen in die Augen schießen, verstehen das alle als Zeichen der Reue oder dafür, dass dir die Nerven wegen weiß Gott was für persönlichen Problemen durchgehen, und sie müssen die Suppe jetzt auslöffeln, ohne sie eingebrockt oder bestellt zu haben. Niemand erkennt darin die Wut oder Frustration oder das Gefühl der unmittelbaren und immanenten Demütigung an diesem Morgen, in diesem Kurs, durch sie selbst. Sie glauben, du brauchst Trost, aber was du tatsächlich brauchst, ist, dass irgendjemand in diesen vier Wänden die Bedeutung des Worts »korrigieren« versteht, der Ausdrücke »sich gut ausdrücken«, »sich schlecht ausdrücken«, »Bergbauernspanisch«, »keine verfickte Ahnung«. Der Erste, der kommt, um dich zu trösten, ist natürlich der einfühlsame Macho. Er bittet dich um Verzeihung für das, was dich möglicherweise verletzt hat, er sagt, dass ihr euch da beide reingesteigert habt, aber schon gut, wir sind auch nur Menschen, nichts passiert. Und du gehst, und anstatt ihm mit den Schiebetüren eine ordentliche Kopfnuss zu verpassen, hältst du den Mund, und die Schiebetüren ziehen sich zurück, als gäbe es keine Freundlichkeit mehr, vor der man sich schützen müsste, und dann hockst du da, in Erwartung der nächsten chauvinistischen Unterwerfung, während du dir die Schuhe zubindest. Zum tausendsten Mal schluckst du den Schrei, der in deiner Kehle steckt, wie einen Fingerling voller Haschisch herunter, zum tausendsten Mal trägst du ihn einen Tag lang im Magen, scheißt ihn am nächsten Tag aus, und wenn du den Joint dann in der Siesta rauchst, gibst du dem Macho Recht, denn letztlich ist es ja wirklich so: schon gut, nichts passiert.

Fall der Besetzung durch Gari Garay

Überstellt von der PAH

Autonomes Zentrum Sants, 18. Juni 2018

Mein Name ist Gari Garay und der Fall, den ich vor das Besetzungsbüro bringen will, ist der folgende. Unter der Adresse Plaza Carmen Amaya Nr. 1, 1. Stock, Wohnung 2, im Stadtviertel La Barceloneta leben vier miteinander verwandte Frauen, alle vier geistig behindert. Die am wenigsten behinderte von allen ist die, die am meisten fernsieht, das neuste Handy hat und mit Hängen und Würgen 40 % Einschränkung, was mit Hängen und Würgen 189 Euro Rente entspricht. Sie ist die Bestimmerin, was die anderen drei allerdings leicht ignorieren, und ihre Rangfolge untereinander variiert in Abhängigkeit von ihrer Halsstarrigkeit und ihren psychomotorischen Fähigkeiten. Diejenige, die am aufrechtesten geht und die Arme am besten im Takt mitschwingt (aber die nicht die am wenigsten Behinderte von allen ist, die am wenigsten Behinderte von allen ist nämlich übergewichtig und geht darum mit so einer Pendelbewegung im Oberkörper, die Arme fest angelegt), hat auf der Straße das Sagen und kann die anderen anhalten, wenn sie die Straßenseite wechseln müssen oder wenn sie oder eine der anderen sich ein Schaufenster angucken möchte. Dass sie das Sagen hat, heißt nicht, dass die anderen automatisch gehorchen, es heißt nur, dass sie nicht mit ihr diskutieren, sie lassen sie munter befehlen, und dass sie ihr nicht widersprechen, genügt der Befehlenden, um zufrieden zu sein und sich befolgt zu fühlen.

Diejenigen, die sich selbst die Nägel schneiden (was die am wenigsten Behinderte von allen und die am zweitwenigsten Behinderte von allen tun, Letztere ist daran zu erkennen, dass sie raucht, ohne zu husten, und sich schminkt), die haben die Macht zu entscheiden, wann die anderen sich die Nägel schneiden lassen sollen, und darüber hinaus, wann und in welcher Farbe sie sie lackieren sollen und wann und wie sie ihre Haare schneiden sollen, aber das mit den Haaren bestimmt die am wenigsten Behinderte von allen, die gibt vor, wann sie zum Friseur gehen, und dieser Befehl ist nicht verhandelbar (sie bezahlt, denn ihre Teilnahme am Pilotprojekt zur Integration in den Arbeitsmarkt als Regalbefüllerin im Mercadona macht sie zur Schatzmeisterin des Hauses), auch nicht für die am zweitwenigsten Behinderte, die mit einer Einschränkung von 52 % und 324 Euro staatlicher Rente den anderen lieber selbst die Haare schneiden würde.

Die am drittwenigsten Behinderte von allen ist die ruhigste, sie wirkt am sanftesten und nimmt die meisten Pillen, denn die Psychiaterin hat ihr gesagt, dass sie nicht nur behindert ist, sondern außerdem noch depressiv, weil sie behindert ist, denn eines schönen Tages hat Marga (66 %, 438 Euro), so heißt die am drittwenigsten Behinderte, glasklar begriffen, dass sie zurückgeblieben ist und dass die drei Frauen, mit denen sie zusammenlebt, es ebenfalls sind, und diese Erkenntnis, das sagt die Psychiaterin, brachte Marga dazu, entweder irgendwo in der Wohnung heimlich zu masturbieren, so wie eine Katze, die als Zeichen des Protests, dass man sie so lange allein gelassen hat, in die Ecken pinkelt und scheißt, oder aber eingeschlossen in ihrem Zimmer zu masturbieren, um dort der Wut und den spontanen Ohrfeigen ihrer Cousine Patricia zu entgehen, der am zweitwenigsten Behinderten, die sich schminkt.

Wenn ihr Durchblick durch die Pillen getrübt ist, kann Marga wieder das tun, worin sie am besten ist: putzen. Aber da Marga letztlich die fast am meisten Behinderte von allen ist, lassen sich weder ihre Cousine zweiten Grades Patricia noch ihre Cousine Àngels, so heißt die Exmitarbeiterin des Mercadona, auch nur ansatzweise etwas von ihr sagen. Nur die Behinderteste von allen geht der depressiven Margarita gelegentlich zur Hand. Auch wenn die Sozialarbeiterin Susana Gómez und die Psychologin Laia Buedo darauf drängen, dass die arme Nati, die am sogenannten Schiebetürensyndrom leidet (70 %, 1118 Euro), so oft wie möglich an die Luft und etwas tun soll, worauf sie Lust hat, möchten ihre Halbschwester Patricia und ihre Cousine zweiten Grades Àngels nicht mit ihr ausgehen, weil sie befürchten, die Verhaltensweisen ihrer vormaligen nichtbehinderten Betreuer, Krankenpfleger, Fürsorger, Erzieher und Sozialarbeiter zu reproduzieren, von denen sie sich mit so viel Mühe emanzipiert haben. Nati hat wie alle Bewohnerinnen dieser betreuten Wohnung der Generalitat einen Schlüssel, und im Prinzip kann sie kommen und gehen, wann sie will. Margarita bin ich, aber in der Okupa-Szene möchte ich sicherheitshalber Gari genannt werden.

Als wir die Musik hörten, sind wir alle in unseren jeweiligen Nachthemden in Zartviolett, Babyblau, Pistaziengrün und Pastellgelb auf den Balkon gegangen. Das pastellgelbe ist meins. Abgesehen von der Farbe sind sie alle gleich, und wir sehen damit aus wie verrückte alte Damen, denn heutzutage trägt keine Frau mit 32 (Nati), 33 (Patricia), 37 (ich) oder auch 43 Jahren (Àngels) ein Nachthemd. Sie sind aus dem Chinaladen und vollsynthetisch – du gehst kaputt, so schwitzt du darin, aber wenn ich es mir ausziehen würde, wäre ich barbusig, mein schöner Rothaarigen-Busen wäre nackt, und Patri würde mich ausschimpfen, denn sie hat im Vergleich zu mir 14 % weniger Behinderung, aber auch 99 % weniger Titten, und wenn ich nackt bin oder nur im BH, dann glotzt sie meine Dinger mit ihren zweiundfünfzig Prozentpunkten geistiger Zurückgebliebenheit an und ihre rot geschminkte Unterlippe hängt runter. Damit ich nicht das Epithelgewebe meiner Cousine angucken muss, stopfe ich mir mein Nachthemd einfach in die Unterhose (auch so ein synthetisches Chinateil, in dem man schwitzt), um Luft an die Beine zu lassen, meine Hammer-Rothaarigen-Beine mit Cellulitis-Dellen unter den Pobacken, sinnliche Versprechen.

Nati in ihrem pastellpistaziengrünen Nachthemd sagte, dass die vom Bürgerzentrum gegenüber sind und mit ihr im Tanzkurs waren. Àngels in ihrem bauschigen, babyblauen Nachthemd fragte, ohne vom Handy aufzusehen, warum sie nicht bei der Abschlussaufführung ihres Kurses mitmacht, aber sie fragte das mit einem Lachen, sie lachte, ohne den Blick von ihrem Handy zu lösen, sodass es schien, als würde sie über das Handy lachen oder über etwas, was sie im Handy gesehen hatte. Vielleicht lachte sie wirklich deshalb, und die Frage, warum sie nicht mit ihren Kameradinnen tanzte, war ernst gemeint. Nati, die wegen ihres Schiebetürensyndroms Witze nicht erkennt oder nicht versteht, nahm die Frage ernst, so wie sie alles ernst nimmt, und antwortete das Gleiche wie immer: Weil das alles Faschisten sind und weil das Bürgerzentrum eine Tagesstätte für Erwachsene ist, und die ist noch schlimmer als die Bastelgruppe in den Heimwerkstätten (die Bastelgruppe hat nichts mit den Nachthemden unserer Pastellgruppe zu tun; das ist ein Ort, wo die geistig Behinderten hingehen und sich mit Handarbeiten beschäftigen müssen).

Nati ist zwar reaktionärer als eine Reliquienmonstranz, aber es ist auch so, dass Àngels die am wenigsten und Nati die am meisten Behinderte ist, und darum ist es sehr leicht für Àngels, sich über sie lustig zu machen, obwohl Nati auch diejenige ist, die von uns allen am aufrechtesten geht und mit der größten Anmut, wahrscheinlich weil sie mal Tänzerin war.

Patricia, violettes Nachthemd und violette Finger- und Fußnägel, mahnte sie zur Ruhe, weil die Aufführung anfing. Auf einer Bank auf dem Platz saß eine Frau und spielte Cello, und zwei weitere Frauen bewegten sich wie schnurrende Katzen auf den Bänken gegenüber vom Chinesen, der aus seinem Laden getreten war, um zuzuschauen. Eine dritte Tänzerin kreiste leicht und luftig um den Carmen Amaya gewidmeten Brunnen herum und streifte mit den Fingerspitzen das Wasser. Eine vierte ging roboterhaft die Treppen rauf und runter, die den Platz mit der Schnellstraße der Touris verbinden, der Strandpromenade. Eine fünfte, schon auf der Promenade, hielt sich abwechselnd mit einer, beiden oder keiner Hand am Geländer fest, und das war ihr Tanz. Jede trug eine andere Farbe, so wie wir, aber anders als wir waren sie nicht uniformiert, wir haben alle die gleichen Nachthemden, weil der Chinese Àngels alle vier Stück für zwölf Euro gegeben hat, so steht es auf der Rechnung. Um in einer betreuten Wohnung wie dieser wohnen zu dürfen, müssen wir für alles, was wir kaufen, bei der Generalitat eine Rechnung vorlegen und dabei am Monatsende immer die folgende Befehlskette einhalten: Patri, Nati und ich übergeben unsere jeweiligen Rechnungen unserer Cousine Àngels; Àngels gibt sie Diana Ximenos, das ist die Leiterin unserer Wohnung, also diejenige, die dafür sorgen muss, dass bei uns vieren die Ziele der Integration, Normalisierung und des unabhängigen Lebens erreicht werden; und die Wohnungsleiterin gibt sie dann der Generalitat. Für die Rechnungen von Àngels und Patri endet die Übergabe an dieser Stelle, aber für meine und die von Nati fehlt noch, dass die Generalitat sie derjenigen gibt, die uns beide gerichtlich entmündigt hat, also der Amtsrichterin, die dafür sorgt, dass unsere Rechtswahrerin, die Generalitat, im Interesse der Behinderten über uns wacht, obwohl die Richterin schon die Generalitat ist, Diana Ximenos ist schon die Generalitat, unsere Cousine Àngels ist schon die Generalitat, und Patricia, Natividad und ich sind auch die Generalitat, weshalb die ganze Befehlskette nichts weiter ist als eine bürokratische Kopfgeburt.

Das Ding war nun, dass Patricia Àngels und Nati mit einem knappen Pssst befohlen hatte, still zu sein, obwohl keine von uns die Macht hat, den anderen den Mund zu verbieten, ganz egal ob sanft oder barsch. Niemandem den Mund zu verbieten ist eine der Goldenen Regeln unseres Zusammenlebens, denn wir alle haben unsere Kindheit in Schulen für schwachsinnige Kinder verbracht, in den Ländlichen oder Städtischen Wohnheimen für geistig Behinderte (LÄWOs und STÄWOs) und bei meiner Tante Montserrat, wo uns immer das Wort abgeschnitten wurde, wenn wir unpassend redeten. Àngels und Nati hatten das Zischen von Patricia gehört, ignorierten es aber. Ich schaute in diesem Moment ganz still der Aufführung zu und versuchte zu verstehen, was die Tänzerinnen tanzten, ich war so aufmerksam wie Patri, die gelassen und nachdenklich rauchte und ihre Rolle als Zuschauerin genoss. Es war sehr angenehm, denn um diese Zeit scheint die Sonne nicht mehr auf den Balkon und der Wind ist frisch, und wenn ich genug nach unten geschaut hatte, blickte ich nach vorn und da war das Meer, und wenn ich genug aufs Meer geschaut hatte, blickte ich nach unten und da waren die urbanen Nymphen, denn das wollten sie glaube ich mit ihrem Tanz vermitteln, dass sie Elfen waren, die ihren Feenstaub über den erhitzten Sommerasphalt rieseln ließen, Elfen, die ihre Knospen verließen, in denen sie lebten, um der Stadt die schöne Abenddämmerung zu bringen und sie so von der Hitze der Hundstage zu befreien, und die die Bewohner, die in ihren Häusern oder Büros mit ihren Ventilatoren und ihren Klimaanlagen und ihren Fernsehern eingesperrt waren, dazu brachten, endlich die Fenster zu öffnen, zu duschen und nach Shampoo und Bodymilch riechend auf die Straße zu gehen, das Haar noch nass, denn es trocknet an der Luft, mit Sandalen aus feinen Lederriemen, in kurzen Hosen und luftigen Baumwollkleidchen, mit dem zum Wurf bereiten Ball für den Hund, mit barfüßigen Kindern in ihren Buggys oder Tragetüchern.

»Was für eine widerliche Scheißperformance!«, rief Nati, und da einige der frisch geduschten Zuschauer aufhörten, dem Tanz zuzuschauen und ihn mit ihren Handys zu fotografieren oder zu filmen, um stattdessen unseren Balkon anzuschauen und zu fotografieren oder zu filmen, wiederholte sie: »Was für eine widerliche Scheißperformance!«

Nun hatten sich ausnahmslos alle Zuschauer zu uns umgedreht, und so aktivierten sich bei Nati, überwältigt davon, dass man sie gehört hatte, und weil dann kommen würde, wovon wir alle wussten, dass es kommen würde, die Schiebetüren. Auf ihr Gesicht legte sich die durchsichtige Maske, die ihre Stimme dämpft und sie zwingt, doppelt so laut zu reden, weshalb sie sich mit ihrem pistaziengrünen Nachthemd über die Brüstung lehnte, um sich Gehör zu verschaffen, darum und weil sie so wahnsinnig aufgeregt war wegen der sich ihr anbietenden zehn Sekunden für das, was sie direkte Aktion und Patricia direkte Beleidigung nennt: »Was ist dieser Tanz denn bitte für ein beschissener faschistischer Amélie-Film! Alle Unterdrückten, die den Arsch zusammenkneifen, bitte mal die Hand heben, und die Idioten, die Ada Colau wählen, und die Idioten, die eine Menschenkette für die Unabhängigkeit bilden, und die Idioten, die beides tun!« Die Cellistin hörte nicht auf zu spielen und die Tänzerinnen hörten nicht auf zu tanzen, aber während dieser paar Sekunden direkter Aktion oder direkter Beleidigung, die genau mit der Zeit übereinstimmten, die ein nicht geistig Behinderter braucht, um zu begreifen, dass wir vier geistig Behinderte sind, da spielte die eine etwas langsamer und die anderen tanzten etwas langsamer, und das frisch geduschte Publikum war nicht sicher, ob das Teil der Aufführung war oder ob da wirklich ein Schiebetürensyndrom im Nachthemd es wagte, sie derart wüst zu beschimpfen. Mir fiel ein Typ mit Rastas auf, der völlig perplex war und vor sich hinmurmelte und der, obwohl er es letztlich nicht tat, da er die geistige Behinderung noch rechtzeitig bemerkte, kurz davor war, auf die direkte Aktion-Beleidigung von Nati zu reagieren (was natürlich genau das ist, was sie wollte), gerade so, als wäre sie eine ernstzunehmende Gesprächspartnerin und nicht jemand, mit dem man Mitleid haben sollte.

Patricia wiederholte den verbotenen Befehl zu schweigen. »Halt den Mund!«

»Mach ich nicht!«, und Nati wandte ihr die bedrohlichen Schiebetüren zu. Aber sie hielt den Mund, und nicht nur das, sie verließ auch den Balkon und das Haus und knallte die Tür hinter sich zu. Wir sahen, wie sie mit ihrem gleichmäßigen Tänzerinnengang die Aufführung der urbanen Nymphen auf dem Platz durchquerte, einfach geradeaus ging, ohne jemanden anzugucken oder jemandem auszuweichen, die Schiebetüren geschlossen, wie eine Bereitschaftspolizistin in pistaziengrünem Nachthemd.

So weit die Beschreibung des Falls, wie ich ihn vor zwei Wochen der Plataforma de Afectados por la Hipoteca, also der Plattform für von Hypotheken Betroffene (folgend PAH), vorgetragen habe, die ihn aber nicht als kritische Wohnsituation einstufen, sondern als hoffnungslosen Fall, und die mich darum zu euch geschickt haben, denn – um es in ihren Worten, also mit einem kräftigen PAH, zu sagen – »ihr seid dichter dran«. Nachdem die von der PAH den Kopf geschüttelt hatten, weil ich kein Opfer einer Zwangsvollstreckung oder einer bevorstehenden Zwangsräumung bin, und weil ich weder für Vorfahren noch Nachkommen Verantwortung trage, sagten sie mir, dass vor einer Besetzung alle rechtlichen Mittel ausgeschöpft werden müssten, denn so hätte die Besetzung mehr Berechtigung und eine Räumung würde länger dauern. Die von der PAH haben nicht verstanden, dass es schon eine Menge ist, für mich selbst Verantwortung zu tragen, vor allem, wo ich doch über keinen Cent verfüge, weil meine Cousine Àngels alles einbehält. Sie haben auch nicht verstanden, obwohl ich es bei dem Treffen so klar gesagt habe wie jetzt, dass ich von der öffentlichen Verwaltung nichts mehr wissen will, weil ich mein ganzes verdammtes Leben in Einrichtungen eingesperrt war, sie haben nicht verstanden, dass ich gerichtlich entmündigt bin und dass ich, wenn ich mit meinen Beschwerden über die betreute Wohnung zu einem Beamten gehe, dieser Beamte den Sozialdienst ruft, der mich postwendend in die LÄWO-Heimwerkstatt zur Beschäftigungsförderung Behinderter schickt. Die Heimwerkstätten haben, ich sage es gerne noch mal, auch nichts damit zu tun, dass in einer Werkstatt ein Heim gebaut wird, auch nicht damit, dass man zum Beispiel ein Haus besetzt und es zu seinem Heim macht, zu seiner Okupa, es geht um die Beschäftigung einer Person, darum, »beschäftigt zu sein«, »eine Beschäftigung zu haben«, konkret: damit beschäftigt zu sein, Lesezeichen aus Tonpapier zu basteln oder Weidenkörbe zu flechten – aber wenn ich eine Besetzung schaffe und ein Haus okupiere, dann werde ich meine Okupa »Heim-statt-Werken« nennen, nur um mich darüber lustig zu machen. Die LÄWO-Heimwerkstätten sind auch ein rechtliches Mittel, oder etwa nicht, ihr PAHviane? Die von der PAH haben nichts von dem verstanden, was ich ihnen gesagt habe: dass sich die zur Verfügung stehenden rechtlichen Mittel niemals erschöpfen, sondern im Gegenteil vervielfachen werden (als ich das gesagt habe, haben die PAHlamentarier empört geschwiegen), denn die Verwaltung möchte nichts lieber, als mich wieder einsperren und Gegenklage erheben, sobald ich eine Titte raushole. Oder vielleicht haben mich die PAHzifisten doch verstanden, denken aber, dass ich eine zurückgebliebene Pissnelke bin, die sich über den Staat beschwert, der ihr ein Dach über dem Kopf und was zu essen gibt, und zwar umsonst!, dabei ist alles, was ich will, ganz einfach nur, nicht mehr mit diesen drei Zurückgebliebenen zusammenzuleben, die mich noch zurückgebliebener machen, denn dass ich diese Depression habe und darum Dinge erkenne (oder Dinge erkenne und darum diese Depression habe), das ist das Beste, was mir im ganzen Leben passiert ist.

Ich danke dem Kameraden Jaén für seine Großzügigkeit und seine Geduld beim Aufschreiben meiner Worte, denn ich kann nicht schreiben.

Gari Garay

Aussage von Doña Patricia Lama Guirao, getätigt vor dem Amtsgericht Nr. 4 von Barcelona am 15. Juni 2018 betreffend den Antrag zur Genehmigung einer Sterilisation einer behinderten Person aufgrund der vorgelegten Klage seitens der Generalitat von Katalonien gegen Doña Margarita Guirao Guirao.

Vorsitzende Richterin: Ehrenwerte Doña Guadalupe Pinto García

Rechtspfleger: Don Sergi Escudero Balcells

Die Vorsitzende Richterin wurde vor der dargelegten Anhörung von der Psychologin Doña Laia Buedo Sánchez, verzeichnet unter der Nummer 58698 ihrer Berufskammer, Mitarbeiterin des Städtischen Wohnheims für geistig Behinderte La Barceloneta, welches die Zeugin aufsucht, um Aktivitäten der Zerstreuung und der persönlichen Autonomie auszuüben, darüber informiert, dass Letztere unter einer Sprachstörung (Logorrhö) leide, weshalb es vorzuziehen sei, die Aussage aufzuzeichnen und nicht durch den Gerichtsschreiber mitschreiben zu lassen.

Die Zeugin und der Gerichtsschreiber wurden über diese Änderung im üblichen Verfahren in Kenntnis gesetzt und erteilten beide ihre Zustimmung. Es folgt die Transkription, die auf Grundlage besagter Aufnahme angefertigt und am Folgetag der Aussage der oben Genannten zur Genehmigung und Unterzeichnung verlesen und der Akte beigefügt wurde.

Ich werde Euer Ehren die Dinge so erzählen, wie sie sind, nicht mehr und nicht weniger, nicht mehr und nicht weniger, wie es in der Rumba heißt.

»Die« Àngels hat es vom ersten Moment an sehr gut gemacht, auch wenn dieser erste Moment einige Jahre auf sich hat warten lassen, so lange wie es gedauert hat zu begreifen, was ein LÄWO ist und was ein STÄWO, was das LISMI ist und was die PNC. Vor allem musste sie diese Kürzel ganz allein entziffern, denn das Personal vom Zentrum hat sie nicht verstanden, wenn sie geredet hat, oder es wollte sie nicht verstehen. »Die« Àngels stottert, und je nervöser sie ist, desto mehr stottert sie, und wie alle »Stammler« stottert sie nicht, wenn sie singt, allerdings singt »die« Àngels ziemlich selten. Die drei Wörter der Frage »Was bedeutet LÄWO?« hat sie im Leben nicht rausgebracht. In ihrem Kopf waren sie klar und deutlich, aber beim Reden blieb sie immer beim D in »bedeutet« hängen, als hätte sie eine Gräte verschluckt. Und wie sie schreibt ist »ne« Katastrophe, das kam für sie also nicht infrage.

Es waren acht oder neun Monate vergangen, seit ihre Mutter gestorben war, meine Tante Loli, die sie mit 48 Jahren bekommen hatte, und sie sagen, dass »die« Àngels darum minderbemittelt auf die Welt gekommen ist. Was ich Ihnen jetzt sage, sollte ich Ihnen eigentlich nicht sagen, denn das könnte einen Rattenschwanz bei der Sozialversicherung nach sich ziehen, aber damit Sie sehen, dass ich nichts vor Ihnen verberge und dass ich will, dass alles ordentlich gemacht wird, werde ich Ihnen sagen, was ich denke: Ich glaube, meine Cousine Àngels ist gar nicht behindert. Ich bin ganz klar zu 52 % behindert und es wird immer mehr, obwohl ich ziemlich ansehnlich bin wegen einer Essstörung als Jugendliche, und auch wenn ich wegen einer Sprachstörung ein flinkes Mundwerk habe, habe ich ein bisschen Tuberöse Sklerose im Frontallappen und noch ein bisschen in den Augen, darum sind meine Brillengläser dick wie Flaschenböden und darum »häng« ich manchmal so am Handy, und weil ich die Buchstaben nicht erkenne, »dreh ich durch« und werfe es auf den Boden. Früher sind die davon nicht kaputtgegangen, diese zwei Finger dicken Nokias und Motorolas konnten ganz schön was aushalten, aber die neuen Modelle werden immer empfindlicher und wenn man so ein Ding auf den Boden wirft, zerspringt es in tausend Stücke, und jetzt kaufen sie mir kein neues mehr.

»Die« Àngels halten alle für behindert, weil sie stottert, 120 Kilo wiegt und in der Schule kein einziges Fach jemals bestanden hat. Aber »die« Àngels war nie ein »Mamakind« oder dergleichen, wie wir Minderbemittelten es normalerweise sind. Sie war total unabhängig, zog immer allein los oder war mit den Hunden oder mit den anderen Kindern »am Spielen«, denn meine Tante Loli war über 50 und den ganzen Tag auf dem Feld, sie hat einen Klappstuhl mitgenommen und sich unter einen Feigenbaum auf dem Weg zum »Los Maderos« gesetzt. »Los Maderos« war seit ich denken kann ein »Puff«, den haben sie im alten Haus von ein paar anderen Onkeln von mir und von »der« Àngels aufgemacht, das Haus hatten sie noch vor unserer Geburt an die »Luden« verkauft.

Ich glaube ja, und das sage ich Ihnen, wie ich es auch meiner Cousine gesagt habe, der ich viel verdanke, dass meine Tante Loli eine »Prosti« war und dass sie die Tochter von einem Kunden ist, meine Tante Loli war nämlich nie verheiratet und hat auch nie in »wilder Ehe« mit jemandem gelebt. Dagegen protestiert »die« Àngels immer, zweifelt das an und beweist dann, dass sie nicht mal die 33 % Behinderung hat, die man braucht, um Lose der Blindenlotterie ONCE zu verkaufen, »die« Àngels protestiert also, wie gesagt, wenn nämlich ihre Mutter den »Prostis« direkt an der Tür vom »Puff« die Kunden geklaut hätte, dann hätten ihr die »Prostis« oder ihre »Luden« ja wohl eine Lektion verpasst.

»Ihr guckt zu viele Filme«, hat uns »die« Marga eines Tages vorgeworfen, plötzlich aus ihrer Depression erwacht. »Als einmal Kirmes war, ist Tante Loli mit ihrem Cousin, Henrique dem Portugiesen, ins Bett gegangen, und Ende Gelände. Du«, sagte sie zur Àngels, »bist geistig zurückgeblieben, weil du das Ergebnis von Inzest bist, genau wie wir alle.« Das schloss sie in einem Moment, »wo« sie sich über ihre Behinderung völlig im Klaren war, und »die« Àngels und ich freuten uns ehrlich über diesen Fortschritt. Aber was für »die« Marga eine Schlussfolgerung und in ihrer Behandlung ein Schritt nach vorne ist, das ist für »die« Nati das glatte Gegenteil, nämlich ein Faden, an dem sie ziehen, eine Wunde, in der sie stochern, ein Glutnest, das sie anfachen muss, also alles in allem: eine weitere »Schiebetüren«-Episode. Sie hat den Blick von dem Fahrrad gehoben, das sie umgekehrt auf dem Balkon stehen hatte und »am Ölen war«, und uns mit dem Schraubenschlüssel eine Predigt gehalten:

»Filmglotzerinnen, Inzestlerinnen und obendrein faschistische ›Machas‹ seid ihr« – so nennt sie uns, keine Ahnung, warum – »weil ihr nicht blickt, dass eine achtundvierzigjährige Frau mit irgendjemandem, auf den sie Lust hat, eine Nacht lang ›vögeln‹ kann, und danach Adiós, ich kenn dich nicht« – genau diese gemeinen Wörter hat sie benutzt und keine anderen – »nur weil ihr nicht blickt, dass sie eine Tochter haben kann und sie nicht mit der Hingabe einer Säuglingsschwester pflegt. Nein, dann muss sie natürlich« – entschuldigen Sie bitte, Frau Richterin, aber so redet meine Schwester Natividad – »eine ›Hure‹ sein. Sie muss natürlich« – entschuldigen Sie nochmals, aber ich muss es so sagen, wie sie es gesagt hat – »fürs ›Ficken‹ kassieren. Sie muss einen guten Grund dafür haben, den Tag nicht bei ihrer Tochter zu verbringen, es muss einen wirtschaftlichen Grund für dieses Fehlen von Mutterliebe geben« – sie hat, wie gesagt, die geistige Reife einer »Rotzgöre«, Euer Ehren. – »Sonst ist es für euch nicht zu erklären. Kann man nicht einfach aus Spaß vögeln, dumme ›Fotze‹? Und kann einem der ganze ›Scheiß‹ mit der Tochter nicht bis hier stehen?« – »Die« Nati redet den ganzen Tag so, »Fotze« hier und »Scheiß« da. – »Und kann sie nicht einfach nichts von ihrer Tochter wissen wollen, genau wie ihr Vater nichts von ihr wissen will« – sie weiß sich nicht anders zu helfen als mit Flüchen und Beschimpfungen – »dieses ›Arschloch‹ von Vater, von dem hier überhaupt niemand spricht?«

Es stimmt, dass »die« Àngels und ich am Computer viele Filme schauen, die wir uns aus der Bibliothek ausleihen, und ich habe das wirklich aus einem Film, in dem eine ältere total rausgeputzte Frau jeden Abend ihr Stühlchen auf einen Feldweg schleppt und dort »hockt«, bis irgendein Mann sie nachts wieder nach Hause bringt. Aber weil sich bei der Nervensäge Nati die Schiebetüren aktivierten, hab ich den Mund gehalten, denn wir haben zwar die Regel, dass wir uns nicht gegenseitig den Mund verbieten, mir selbst aber verbiete ich ständig den Mund, um bloß nicht mit diesem »Sturkopf« von Schwester diskutieren zu müssen, denn so behindert die »blöde Kuh« auch ist, sie gewinnt doch jeden Streit, die Schiebetüren klappen nach vorne und sie zerlegt deine Argumente, bis du dastehst, als wärst du doof, »konsumgeil« und eine »Fascha«, und du kannst sie so »doll« beschimpfen, wie du willst, und da treffen, wo es ihr am meisten wehtut, an den Schiebetüren prallt alles ab und kommt wieder zu dir zurück. Aber an diesem Tag ist mir der Kragen geplatzt und ich habe ihr den Mund verboten.

Wir hatten so friedlich auf dem Balkon gesessen und frische Luft geschnappt. Unser Balkon liegt in der allerersten Reihe ganz direkt am Strand, alle betreuten Wohnungen der gesamten Generalitat sind darauf neidisch, und die Metro ist nur fünf Minuten entfernt und der Bus fünf Sekunden, wir haben vier Schlafzimmer, zwei Bäder, ein großes Wohnzimmer mit Plasmafernseher, Waschmaschine und eben diesen Balkon, so lang wie die Fassade vom Gebäude und so tief, dass du ein Tischchen aufstellen und da dein Bier genießen kannst, deine Chips und deine Zigaretten, und genau das hab ich gemacht und war total zufrieden und im Reinen mit der Welt, verdammt noch mal, zufrieden und im Reinen mit mir selbst und mit der Welt, nachdem ich mein ganzes Leben lang im STÄWO oder im LÄWO um zehn Uhr abends ins Bett musste, zufrieden und im Reinen mit mir selbst und mit der Welt, weil ich mich mit »der« Marga vertragen hatte nach dem letzten »Zoff«, den wir wegen dem Wohnungsputzen hatten, denn so eine Wohnung, wie wir sie haben, verdient es wirklich, sauber und ordentlich zu sein, mal ganz abgesehen davon, dass die Sozialarbeiterin Doña Susana Gómez kommt und das Erste, was sie macht, ist, mit dem Finger über die Regalbretter fahren, und das Erste, was Doña Susana in ihre Berichte über die betreuten Wohnungen schreibt, und das Erste, weshalb sie dich da wieder rausholen können und dir die »Behinderung auf Bewährung« widerrufen, wie das »die« Marga nennt, seit sie sich ihrer Behinderung bewusst geworden ist: das ist die Selbstpflege, die persönliche Hygiene und die der Wohnung, und hier, in der allerersten Reihe direkt am Strand, da kommt jeden Tag jede Menge Sand rein, und jeden Tag muss man fegen und Staub wischen, und außerdem kommen die von der Sozialarbeit unangekündigt, so wie die Kontrolleure vom Zoll, die nachts um drei in die Disko kommen, einen Cuba Libre auf Staatskosten trinken und dann die Verträge sehen wollen. Das weiß ich von einer Freundin, die im Mágic kellnert, und so haben sie den Chef »rangekriegt«, für den sie alle schwarz gearbeitet hatten.

Ich selbst hatte Stühle für uns vier rausgestellt, eine Chipstüte aufgemacht und eine Litrona (die Literflaschen Bier schreibt mir der Chinese von unten als Orangensaft auf die Rechnungen, die wir der Generalitat vorlegen müssen – damit Euer Ehren sehen, dass Sie meiner Aussage vertrauen können, erzähle ich Ihnen sogar Geheimnisse, die mich in Schwierigkeiten bringen können), und ich hatte allen Tabak angeboten (bei der Tabakhändlerin haben wir keine Chance, den Tabak als Kaugummis oder Briefmarken auf die Rechnung zu schmuggeln, also gebe ich einem Freund, der nicht in einer betreuten Wohnung lebt, etwas Geld, damit er ihn mir »organisiert«, und danach gehe ich mit diesem Freund los und kaufe ihm im Mercadona irgendwas, was er braucht, und wir bitten um eine Rechnung auf meinen Namen).

Nur »die« Nati wollte rauchen und ich musste ihr die Zigarette drehen, denn mit ihrer Behinderung kann sie zwar den Schwanensee tanzen, das arme Ding ist aber psychomotorisch nicht in der Lage, sich eine »Kippe« zu drehen; und nur »die« Àngels hat ganz ordentlich in die Chipstüte »gelangt«, ohne dabei den Blick vom Handy zu heben. »Die« Marga, der ständig heiß ist, hatte ihr Nachthemd hochgekrempelt, aber diesmal habe ich nichts gesagt, weil sie zumindest ordentlich rasiert war, ich hatte ihr am Tag davor die ganzen Beine und die Leisten gemacht. Das haben »die« Marga und ich so verabredet: Sie darf ihre »Titten« rausholen, so oft sie will und wo sie will, aber bitte schön ohne Haare auf den Brustwarzen. Sie darf in Unterhosen auf die Terrasse gehen, einverstanden, aber dann sieht man bitte nur die Unterhosen und keine lockigen Zotteln rundherum. Gut, und weil »der« Marga immer heiß ist, hat sie dem kühlen Bierchen zugesprochen, und ich fand es schön, wie meine Cousine ganz entspannt den Tanz auf dem Platz angeschaut hat. Entspannt und nicht deprimiert.

Ein paar vom Bürgerzentrum haben zu nostalgischer und träumerischer Musik einen klassisch-modernen Tanz aufgeführt, ein Tanz wie in einer Werbung für gutes Parfum, ein Chanel, ein Cacharel, ein Lancôme, eine edle und geschmackvolle Werbung, in der das Model die absolute Hauptfigur ist und kein einziger Mann vorkommt. Der Mann ist nur im Blick des Models. Diesem Mann, der nicht selbst auftaucht, gilt das ganze betont unauffällige Flirten des Models, ihr Verlangen ist hinter sieben Schlössern sicher verwahrt. Ich stellte mir gerade diese Begegnung der Liebenden vor, die immer kurz bevorsteht und zu der es doch nie kommt, als »die« Nati eine ihrer Beleidigungen loslässt, die sie direkte Aktion nennt, die aber schlicht und einfach direkte Beleidigungen sind, komplett überzogene Beleidigungen, sie schießt tausend Kilometer am Mond vorbei. Der Tanz und die Musik haben mich an diesen Punkt getragen, wo die Liebe einsetzt, an diesen Punkt, wo es nicht zum Kuss kommt, an diesen bebenden Augenblick vor dem Kuss, der immer, immer, immer spannender ist als der Kuss selbst. Den Kuss gibst du dann, weil du nicht anders kannst, wenn du schon mal da bist, gibst du ihn auch, du machst nicht die Kobra und drehst den Kopf weg und beendest das Ganze. Aber du kannst den Mund ein winziges bisschen zur Seite ziehen und ein verrutschtes Küsschen bekommen, womit du Zeit gewinnst für das wahre Vergnügen, und das ist eben nicht das mit den Zungen, sondern das Verstecken, das Theater von wegen die Nacht ist noch jung, der große Spaß, Nein zu sagen. Und »die« Nati versaut mir den ganzen Film mit ihrem »Dreckssyndrom«, »heilige Scheiße«! Die jungen Mädchen vom Bürgerzentrum konnten unschuldiger nicht sein, ganz im Ernst, aber »die« Nati, keine Ahnung was für ein »Bockmist« da bei ihr »abging«, dass sie loskreischt wie angestochen, sie hat sich von denen beleidigt gefühlt und zurückbeleidigt, von wegen »Idioten«, von wegen Faschisten, von wegen ekelhaft. Übertreibt »die« Nati oder etwa nicht? Und dann hat sie Sachen über Politik gesagt, die überhaupt nichts mit dem Tanz zu tun hatten: »die« Ada Colau, die Unabhängigkeit Kataloniens und der Film Amélie. Und dabei ist dieser Film so wunderschön! Was um Gottes willen hat Amélie meiner Schwester getan? Wir wissen hier alle, was »die« Nati hat, und wenn sich ihre Schiebetüren schließen, lässt man sie besser in Ruhe, sagt weder Ja noch Nein, lässt sie einfach, ohne ihr zu widersprechen oder zuzustimmen, denn wenn du ihr widersprichst, hört sie nicht auf, bis sie die Diskussion für sich entschieden hat, und wenn du ihr Recht gibst, sogar dann, wenn sie wirklich Recht hat, dann fangen ihre Augen an zu glänzen und sie sagt, dass du mitkommen sollst, um die Angelegenheit zu klären, um Rache zu üben, und sie hört nicht auf, bis du mit ihr mitgehst und bei irgendeinem ihrer Streiche mitmachst oder zumindest »Schmiere« stehst.

Aber dieses Mal konnte ich es nicht mehr ertragen, ich hatte das Gefühl, sie nimmt die Leute auf dem Platz vollkommen grundlos »aufs Korn«. Sie war höchst intolerant und ungezogen, und das, auch wenn wir geistig Behinderte sind, auch wenn sie uns mit den ganzen Verhaltenstherapien und Lügengeschichten umgebracht haben, auch wenn wir nach unserem Tod in den Händen der Gesundheits- und Bildungseinrichtungen wieder auferstanden sind und jetzt geistig Behinderte sind, aber »Zombies«, geistig Behinderte, aber »Hirnfresser«, geistig behinderte Expertinnen in geistiger Behinderung, trotz all dem müssen wir immer Respekt und gute Manieren zeigen, sogar unseren ärgsten Feinden gegenüber, denn die Direktorin der betreuten Wohnung (Doña Diana Ximenos, sehr gut in ihrem Beruf und ein noch besserer Mensch, Euer Ehren) kommt nicht nur in unsere Wohnung, sondern hört sich auch im Viertel über uns um, sie fragt den »Chinesen von unten«, sie fragt die Nachbarn und sie fragt im Bürgerzentrum, und da haben wir es schon »verbockt«. Die vom Bürgerzentrum von La Barceloneta sagen, dass sie extrem respektvoll mit der besonderen Situation von »der« Nati umgehen, die wie eine normale Schülerin an den Tanzstunden teilnehmen darf, und dass sich alle ihrem Tempo anpassen und es ertragen, wenn sie sich nicht nur ausnahmsweise im Ton vergreift, dass aber »die« Nati, auch wenn sie mit ihrer starken geistigen Behinderung nichts dafür kann, die Anstrengungen ihrer Lehrer und Kameradinnen, sie zu integrieren, nicht wertschätzt oder gar nicht erst bemerkt, und wenn ihr etwas nicht gefällt, greift sie sie an und sabotiert den Unterricht, oder sie sondert sich ab und bringt alle anderen in eine ausgesprochen unangenehme Situation, denn selbst wenn sich niemand mit ihr anlegen möchte, verhindert sie eben, dass die anderen in Ruhe tanzen können. Auch davon hängt ab, ob wir in der Wohnung bleiben können, von unseren kommunikativen Fähigkeiten, von unserer Teilnahme am Gemeinschaftsleben, wie gut wir unsere Erwartungen an unsere tatsächlichen Fähigkeiten anpassen können, von unserer Frustrationstoleranz, dass wir gewisse Kommentare und Ausbrüche kanalisieren können, eine angemessene Selbstkenntnis fördern, und bei meiner »Fotz«, ich sage Ihnen, Euer Ehren, meiner Schwester muss und wird darum die gesamte Aberrant Behaviour Checklist, Zweite Ausgabe (für ambulante Versorgung) in den Kopf gehen, und wenn wir dafür ihre Schiebetüren mit dem Rammbock durchbrechen müssen.


Die Vorsitzende RichterinGuadalupe Pinto Die ZeuginPatricia Lama Der GerichtsschreiberJavier López Mansilla

ROMAN

TITEL: ERINNERUNGEN VON MARÍA DELS ÀNGELS GUIRAO HUERTAS

ART: LEICHTE SPRACHE

AUTORIN: MARÍA DELS ÀNGELS GUIRAO HUERTAS

KAPITEL 1: VORSTELLUNG

STÄWO bedeutet: Städtisches Wohnheim für geistig Behinderte.

Man sagt nicht: Sie haben mich im STÄWO eingesperrt.

Man sagt auch nicht: Sie haben mich ins STÄWO gesteckt.

Man sagt: Sie haben mich eingewiesen.

Und wenn man das sagt

muss man nicht mehr STÄWO sagen.

Vorher war ich nicht in einem STÄWO eingewiesen.

Ich war in einem LÄWO eingewiesen.

LÄWO bedeutet:

Ländliches Wohnheim für geistig Behinderte.

Das war in der Nähe von Arcuelamora.

Arcuelamora ist mein Dorf.

Meine Mutter ist gestorben.

Die Bank hat das Haus von meiner Mutter behalten.

Darum bin ich eingewiesen worden.

Meine Mutter hatte Nießbrauch auf Lebenszeit an dem Haus.

Nießbrauch auf Lebenszeit bedeutet:

Du und deine Kinder dürfen an dem Ort leben

bis ihr tot seid.

Im gleichen Jahr behielt die gleiche Bank

den Club Los Maderos.

Die Prostituierten hatten keinen Nießbrauch

auf Lebenszeit.

Ich zog dann zu meinem Onkel Joaquín.

Nach drei Monaten kam die Sozialarbeiterin.

Sie heißt Mamen oder Doña Mamen.

Sozialarbeiterin bedeutet:

Sie hilft Menschen die von gesellschaftlicher Ausgrenzung bedroht sind.

Gesellschaftliche Ausgrenzung bedeutet:

eine Person bettelt

oder sie ist kriminell

oder sie ist drogenabhängig.

Oder sie hat keine Wohnung.

Ich fragte Mamen:

Bin ich eine Person

die von gesellschaftlicher Ausgrenzung bedroht ist?

Sie sagte mir: Leider ja.

Ich fragte warum.

Sie sagte: Weil du besondere Bedürfnisse hast.

Und weil es bei deinem Onkel nicht mal ein Badezimmer gibt.

Ich sagte ihr: Kein einziges Haus in Arcuelamora

hat ein scheiß Badezimmer.

Außer Los Maderos.

Sind die Nutten als Einzige in ganz Arcuelamora

nicht von gesellschaftlicher Ausgrenzung bedroht?

fragte ich Mamen.

Sie sagte: Ich bin hier

um über dich zu sprechen

und über niemanden sonst.

Sie sagte mir auch:

Man sagt nicht Nutte.

Man sagt Prostituierte.

Und man sagt nicht Scheiße.

Man sagt Scheibenkleister.

Denn wenn du Schimpfwörter sagst

bist du noch mehr

von gesellschaftlicher Ausgrenzung bedroht.

So lernte ich das Wort Prostituierte.

Mamen hat viele Interviews mit mir gemacht.

Ein Interview ist wie in den Zeitschriften

oder im Fernsehen.

Nur bei dir zu Hause.

Sie kam oft in das Haus von meinem Onkel.

Manchmal kam sie am Vormittag

und manchmal kam sie am Nachmittag.

Manchmal kam sie im Winter.

Manchmal im Sommer.

Manchmal im Frühling und

manchmal im Herbst.

Aber die Interviews waren sehr langweilig.

Mamen hat mir immer die gleichen Fragen gestellt.

Einmal hat Mamen mir einen Schlafanzug geschenkt.

Und einmal hat sie mir einen Pullover geschenkt.

Sie sind schon kaputtgegangen.

Eines Tages hörten die Interviews auf.

Wir sind nicht mehr alleine spazieren gegangen.

Das hatten wir oft gemacht.

Und Mamen ist auch nicht mehr in den Gemüsegarten gekommen.

Im Gemüsegarten haben mein Onkel Joaquín und ich

Bohnen geerntet

oder Äpfel.

Oder wir haben gepflügt.

Oder wir haben der Agustinilla Futter gegeben.

Die Agustinilla ist die Stute von meinem Onkel.

Mamen ist auch nicht mehr kurz vor die Tür gegangen

um mit den Nachbarn frische Luft zu schnappen.

An diesem Tag wollte Mamen mit meinem Onkel

und mit mir

ins Haus gehen.

So haben wir es im Winter manchmal gemacht.

Aber es war Sommer.

Und wir sollten uns setzen.

Mamen wollte uns eine wichtige Sache sagen

und zwar allein.

Aber es war nicht nur eine Sache.

Es waren 4:

1) Das war die erste Sache

die sie uns gesagt hat:

Die Regierung kann mir eine Rente zahlen.

Regierung bedeutet: die Politiker im Fernsehen

oder die Leute die ein Fest eröffnen.

Rente bedeutet:

Sie geben dir jeden Monat Geld.

Aber um das Geld zu bekommen

musst du ein Konto bei einer Bank haben.

Ein Konto bei einer Bank bedeutet:

Die Regierung gibt das Geld der Bank.

Danach gibt die Bank das Geld dir.

Wir haben für mich ein Konto bei einer Bank gemacht.

Es war die Bank

die mein Haus behalten hat

und die Bank

die das Haus von den Prostituierten behalten hat.

Denn die Bank war die einzige Bank in Arcuelamora.

Diese Bank heißt BANCOREA.

BANCOREA bedeutet: Bank der Región de Arcos.

Jeder weiß was eine Bank ist.

Und was die Región de Arcos ist.

Ich muss das nicht erklären.

2) Das war die zweite Sache

die Mamen uns gesagt hat:

Ich kann im LÄWO in Sommorrín wohnen.

Somorrín ist ein Dorf.

Es ist größer als mein Dorf.

Mit dem Auto ist es nah.

Dort sind die Ärzte

und dort sind die Läden

und dort ist die Schule

und dort ist die BANCOREA

und dort ist das Rathaus.

Das Rathaus ist da wo die Politiker aus dem Dorf sind.

Mit dem Fahrrad oder mit dem Fuhrwerk

ist Somorrín nicht so nah.

Aber mich haben sie immer im Auto hingefahren.

3) Das war die dritte Sache

die Mamen uns gesagt hat:

Das LÄWO behält dann jeden Monat fast das ganze Geld

von meiner Rente.

Ich soll das dem LÄWO erlauben.

Dann bezahlen sie mit dem Geld mein Zimmer

und sie bezahlen meine Kleidung

und mein Essen

und mein Badezimmer

und meine Ausflüge am Wochenende

und alles was ich zum Leben brauche.

Mamen hat gesagt:

Mit dem Rest von deinem Geld kannst du machen was du willst.

Ich habe gesagt:

Na so ein Glück Doña Mamen.

Mamen hat gesagt:

Nenn mich doch nicht Doña Liebes.

Wir sind doch jetzt Freundinnen.

Und ich bin nur sechs Jahre älter als du.

Da war ich 18 Jahre alt.

Und Mamen war 24 Jahre alt.

Jetzt bin ich 43 Jahre alt.

Und Mamen ist wenn sie nicht gestorben ist 49 Jahre alt.

Wenn ich 49 Jahre alt bin

ist sie wenn sie nicht gestorben ist 55 Jahre alt.

Und immer so weiter.

Wenn keine von uns wegstirbt.

Ab da habe ich zu Doña Mamen

einfach nur Mamen gesagt.

Meine Cousine Patricia hat nicht Mamen gesagt.

Patricia hat »die Mamen« gesagt.

So wie Patricia zu mir auch »die Àngels« sagt.

Zu ihrer Schwester sagt sie »die Nati«.

Zu ihrer anderen Cousine sagt sie »die Marga«.

Zu dem Chinesen von unten sagt sie »der Ting«.

Sie setzt einfach ein »die« oder ein »der« vor jeden Namen.

So wie es die Katalanen machen

wenn sie Katalanisch sprechen.

Und manchmal auch wenn sie Spanisch sprechen.

Weil so was hängenbleibt.

Aber meine Cousine Patricia ist keine Katalanin.

Und sie kann auch kein Katalanisch.

Ich bin Katalanin von der Seite meiner Tante her.

Ich heiße Ángela.

Ángela heißt auf Katalanisch Àngels.

Jetzt lebe ich in Katalonien.

Und ich muss mich in die katalanische Gesellschaft integrieren.

Ich muss ihre besondere Sprache respektieren

damit die Katalanen meine

besonderen Bedürfnisse respektieren.

Darum sage ich in Barcelona:

Ich heiße Àngels.

Das ist keine Lüge.

Das ist nur eine Übersetzung.

Auf Katalanisch kann man »die Àngels« sagen

oder »die Marga« oder »die Nati«.

Aber auf Spanisch nicht.

Auf Spanisch klingt das sehr hässlich.

Es klingt nach schlechter Erziehung.

Wenn Patricia »die Mamen« gesagt hat

dann hat sie immer den gleichen Scherz gemacht.

Der ging so:

Wenn ein anderer Eingewiesener etwas von ihr wollte

oder wenn er sich über etwas beschwerte

oder wenn er etwas brauchte

dann sagte Patricia zu ihm:

Schade Schokolade scheiß auf die Mamenlade.

Weil Patricia »Schade Schokolade scheiß auf die Mamenlade«

gesagt hat

deshalb wurde Patricia oft bestraft.

Sie durfte nicht fernsehen.

Sie bekam kein Geld.

Sie durfte keinen Spaziergang machen am Sonntag.

Ich habe ihr gesagt:

Sag das besser nicht mehr.

Und sie hat auf mich gehört.

Und sie hat sich besser benommen.

Sie hat nicht mehr die Mamen oder Mamen gesagt.

Sie hat Doña Mamen gesagt.

Und da hat Mamen nicht gesagt:

Nenn mich doch nicht Doña Mamen Liebes.

Damals war Mamen 34 Jahre alt.

Denn ich war 28 Jahre alt.

Und Patricia war 18 Jahre alt.

Patricia war gerade erst eingewiesen worden.

Sie kannte die Regeln noch nicht so gut.

Ich glaube:

Mamen gefiel Doña.

Denn Mamen war nicht die Freundin von Patricia.

Und Mamen war schon die Direktorin vom LÄWO in Somorrín.

Direktorin bedeutet: Sie ist die Bestimmerin

und sie hat das größte Büro.

Einmal sagte ein Eingewiesener:

Ich finde den orangen Wachsmaler nicht.

Und Patricia sagte zu ihm:

Schade Schokolade scheiß auf Doña Mamenlade.

Ich habe den Namen von diesem Eingewiesenen vergessen.

Ich weiß aber noch: Er hat das Fragiles-X-Syndrom.

Das Fragiles-X-Syndrom ist eine schwierige Sache.

Ich weiß: Nur wenige wissen was das Fragiles-X-Syndrom ist.

Ich kann das jetzt nicht erklären.

Es würde zu lange dauern.

Ich will nur sagen: Von da an

haben sie Patricia die Pillen gegeben.

Denn sie haben gesagt:

Patricia ist verhaltensauffällig.

Das von Patricia und das mit dem Fragilen X

sind Abschweifungen.

Abschweifen bedeutet:

Mitten in einer Geschichte

fängt man eine andere Geschichte an.

In Leichter Sprache sollen wir nicht abschweifen.

Denn das macht es schwieriger

die Hauptgeschichte zu verstehen.

Die Hauptgeschichte in diesem Text

ist meine Geschichte.

Ich muss noch die vierte Sache erklären

die Mamen gesagt hat.

Zu meinem Onkel und zu mir.

Das war nämlich die wichtigste Sache.

Ich schreibe in Leichter Sprache.

Und wenn du in Leichter Sprache schreibst und glaubst:

die Leute verstehen ein Wort nicht

dann musst du das Wort erklären.

Du musst alle Wörter erklären

die schwierig sind oder die unbekannt sind.

Darum sollte ich jetzt erklären:

Fragiles-X-Syndrom

verhaltensauffällig

und Leichte Sprache.

Aber dann schweife ich noch 3 Mal ab.

Ich sehe jetzt: Hier gibt es ein Problem.

Und die Leitlinien für Materialien in Leichter Sprache

der Abteilung Bibliotheksservice

für Menschen mit besonderen Bedürfnissen

können das Problem nicht lösen.

Gut.

Ich sage es meiner Betreuerin

in meiner Selbstvertretungsgruppe

am Dienstagnachmittag.

Aber bis dahin mache ich so weiter wie ich denke.

Ich erkläre jetzt nicht

was Richtlinien bedeutet

oder was Bibliotheksservice bedeutet

oder was Betreuerin bedeutet.

Okay?

Ich erkläre jetzt nur

was Selbstvertretungsgruppe bedeutet.

Denn das ist eine sehr wichtige Sache.

Es ist nicht die gleiche wichtige Sache

wie das mit der Nummer 4

was Mamen zu meinem Onkel und zu mir gesagt hat.

Aber sie ist auch wichtig.

Ich schreibe diese Geschichte.

Und darum entscheide wohl ich was wichtig ist

und was Abschweifen ist.

Auf Seite 19

in den Leitlinien für Materialien in Leichter Sprache

steht es ganz klar:

»Beschränke die Freiheit des Autors nicht zu sehr.«

Und etwas später steht da noch eine Sache.

Diese Sache verstehe ich nicht ganz.

Denn ich glaube: Sie sagt ungefähr das Gleiche.

»Sei nicht dogmatisch.

Lass die Fiktion Fiktion sein.«

Ich glaube: Fiktion ist Science-Fiction.

So wie »Avatar« und »Krieg der Sterne«.

Und das finde ich sehr gut.

Also mache ich mein Ding.

Selbstvertretungsgruppe bedeutet:

Eine Gruppe aus erwachsenen Menschen

die eine geistige Behinderung haben

oder die besonderen Förderbedarf haben.

Und sie treffen sich 1 Mal in der Woche

um 6 Dinge zu tun:

1) Fähigkeiten der Kommunikation erwerben.

2) Größere persönliche und soziale Autonomie erlangen.

3) Ihre Möglichkeiten verbessern, für sich selbst zu sprechen und zu entscheiden.

4) Lernen, im täglichen Leben Entscheidungen zu treffen.

5) Lernen, am Vereinsleben teilzunehmen.

6) Über Themen diskutieren, die sie interessieren.

Ich erkläre jetzt nicht

was geistige Behinderung bedeutet

oder was besonderer Förderbedarf bedeutet

oder was Vereinsleben bedeutet.

Okay?

In Leichter Sprache

soll man kurze Sätze schreiben

Oder man soll die Sätze selbst kürzen.

Denn so liest du schneller.

Und du wirst beim Lesen nicht so schnell müde.

Auch beim Schreiben wirst du nicht so schnell müde.

In Leichter Sprache soll man den Text nicht einrücken.

Man soll den Text auch nicht als Blocksatz formatieren.

Das hat nichts mit dem Rücken zu tun oder mit Blockaden.

Es bedeutet:

Alle Zeilen fangen zusammen an.

Alle fangen auf der linken Seite vom Blatt an.

Das bedeutet: nicht einrücken.

Und die Zeilen gehen immer nach rechts.

Darum muss man jede Zeile so lang lassen

wie sie eben ist.

Manche Zeilen sind länger.

Und manche Zeilen sind kürzer.

Der Text wird kein perfekter Kasten.

Das bedeutet: nicht als Blocksatz formatieren.

Es gibt einen Test.

Mit dem Test kann man überprüfen

ob ein Text ein guter Text in Leichter Sprache ist:

Man dreht die Seite um.

Dann muss es aussehen

als ob die Sätze Gras sind

oder als ob die Sätze Berge sind

oder als ob die Sätze

Hochhäuser in einer großen Stadt sind.

Wie im Film.

Es gibt noch viel mehr Leitlinien für Leichte Sprache.

Ich lerne sie gerade.

Und ich glaube: Ich mache das gut.

Meine Betreuerin in der Selbstvertretungsgruppe hat mir gesagt:

Mach weiter so.

Dann kannst du ein Buch über dich schreiben.

Und du kannst das Buch in einem Verlag veröffentlichen.

Veröffentlichen bedeutet:

Die Buchläden haben das Buch.

Und die Buchläden verkaufen das Buch.

Dann können andere es lesen.

Dann bin ich eine Autorin.

Und ihr seid meine Leser.

Das ist stark.

Das ist das Stärkste

was mir in meinem ganzen scheibenkleister Leben passiert ist.

Seit meine Betreuerin Laia mir das gesagt hat

denke ich an nichts anderes mehr.

Ich lerne den ganzen Tag lang die Leitlinien

für Materialien in Leichter Sprache

der Abteilung Bibliotheksservice

für Menschen mit besonderen Bedürfnissen.

Diese Abschweifung war sehr lang.

Die Leitlinien sagen:

So kann dieses Material nicht veröffentlicht werden.

Das macht mich ein bisschen wütend.

Denn ich habe 4 Tage dafür gebraucht.

Aber ich weiß auch:

In den Filmen machen die Autoren viele Papierkugeln

aus vielen Seiten

die sie nicht veröffentlichen können.

Die Papierkugeln werfen sie in den Papierkorb

wie Bälle beim Basketball.

Ich möchte diesen Satz zu Ende schreiben

und das Handy an den Computer anschließen

und alles runterladen

was ich geschrieben habe.

Alle Abweichungen

die ich nicht veröffentlichen kann.

Ich möchte sie ausdrucken

und eine Papierkugel daraus machen

und ich möchte die Papierkugel

in den Müll werfen.

Ich war so wütend, wie man sein muss, um über das Drehkreuz der Metro zu springen, und ich fühlte mich wie eine bastardistische Guerillera, als ich an der Plaza España ausstieg. Auf der Fahrt hatten mich alle angestarrt, weil ich im Nachthemd und mit geschlossenen Schiebetüren unterwegs war, allerdings ist anstarren übertrieben, denn in der Metro starren alle nur auf ihr Handy und sonst sehen sie gar nichts. Ich würde also sagen, dass sie mich aus dem Augenwinkel angeschaut haben, aber ich schlug meine Beine übereinander und klimperte mit den Schlüsseln, mehr hatte ich nicht dabei. Sie hätten es verdient, dass ich sie mit einem Was zur Hölle glotzt ihr so anrüffele, beugt den Nacken wieder unter euer Joch und pflügt weiter über das Display von eurem Handy!, aber wenn du schwarzfährst, musst du unauffällig bleiben, sonst taucht der Typ vom Sicherheitsdienst mit seiner Hündin auf, und der ruft dann den Kontrolleur und der die Polizei und dann darfst du 100 Euro latzen, und wenn du dich weigerst, deinen Ausweis zu zeigen, wirst du verprügelt und keiner von denen, die sich durch ihre Displays pflügen, rührt einen Finger, allerhöchstens heben sie das Handy und filmen journalistisch, heldenhaft und denunzierend den Übergriff, um das Video ins Internet zu stellen, während du dich auf dem Boden windest.

Ich nahm die Carretera de la Bordeta, das ist die einzige einspurige Straße, die von der Plaza España abgeht, und darum ist sie am ruhigsten, am dreckigsten und hat die wenigsten Läden. Ich hasse Kneipen, aber noch viel mehr hasse ich Läden, und die Läden, die ich am meisten hasse, sind die für Kleidung, gefolgt von Buchhandlungen und Supermärkten. Im Viertel La Bordeta gibt es keine einzige Buchhandlung und keinen einzigen Klamottenladen. Es gibt zwei pakistanische Supermärkte, einen Laden für Haushaltsgeräte, einen Sportladen, eine Bank, einen Alten, der seinen ganzen Krempel am Schaufenster aufgetürmt hat, eine Schule, einen Kindergarten, vier oder fünf Spelunken mit den immergleichen Besoffenen, den Sitz der PAH Barcelona, wo Marga um Informationen gebeten hatte und mit eingezogenem Schwanz wieder rauskam, und El Bloque La Bordeta, das Mutterschiff der Grup d’Habitatge von Sants, ursprünglich mal von der PAH besetzt, aber inzwischen ist El Bloque aus der Colauistischen Organisation geflogen, denn seit ihre Heilige Ada ins Rathaus eingezogen ist, toleriert die PAH Barcelona nicht mehr, dass die von La Bordeta Besetzungen so fröhlich, so hinterfotzig und so effektiv anpreisen. Beide Organisationen sind in der gleichen Straße ansässig, da sie einander politisch aber diametral gegenüberstehen (PAH Barcelona wirkt als Verbündete der Sozialdienste eher vermittelnd, während El Bloque auf Konfrontationskurs geht und besetzt), grüßen sie sich nicht einmal. Darum haben die PAHcolauisten Marga zehn Straßen weiter geschickt, zum autonomen Zentrum, was sie – als naive Bürokraten, die sie nun einmal sind – für eine Einrichtung ohne echte politische Einflussnahme halten, wo sich die Halbstarken nur zum Kiffen treffen.

In La Bordeta haben sie mich zwar kaum beachtet, teilweise, weil sich meine Schiebetüren wieder öffneten, vor allem aber, weil die Leute da auch im Nachthemd auf die Straße gehen, trotzdem habe ich mir eine Hose genommen, die oben auf einem Müllcontainer lag. Die war noch gut, keine Kacke dran, kein Blut, nichts, sie war aus dünner Baumwolle und weit, luftig und leicht, ohne Taschen oder Knöpfe, nur mit ein paar Bleicheflecken, wegen denen man sie wohl weggeworfen hatte. Hier in Barcelona werden gut erhaltene Kleider, Möbel, Bücher oder Lebensmittel oft auf statt in die Mülltonne gelegt, das kenne ich so von keinem anderen Ort der Welt. Ein Akt der Großzügigkeit, anonymer, bedingungsloser, leichter und stiller Großzügigkeit, ohne Zwischenhändler oder Bürokratie, was sie von der Wohltätigkeit, dem NGOismus oder staatlichen Zuwendungen unterscheidet.

Es war schon Nacht, kühlte aber nicht ab, La Bordeta ist ja nicht La Barceloneta, denn wo La Barceloneta das verschmutzte Mittelmeer hat, hat La Bordeta die verschmutzte Gran Vía. Eigentlich wasche ich die Kleidung aus dem Müll immer, bevor ich sie anziehe, egal, in welchem Zustand sie ist, aber mir war so heiß in meinem Plastiknachthemd, dass ich in der zerlumpten Hinterlassenschaft irgendeines großzügigen Menschen noch weiter nach etwas suchte, was ich mir anziehen konnte. Ich zog ein Tanktop mit einem ziemlich abgeblätterten Aufdruck eines kitschigen Kätzchens aus dem Haufen, das war der Grund (das Abblättern, nicht der Kitsch), warum man es weggeworfen hatte. So langsam mochte ich die großzügige Spenderin dieser Lumpen nicht mehr leiden, denn dieses Kätzchenoberteil war ganz offensichtlich nicht mehr in Ordnung, und doch hatte die Großzügige es für diejenigen, die sich etwas aus dem Müll nehmen, weil sie nichts in den Läden kaufen können oder wollen, für würdig und angemessen gehalten. Wäre sie wirklich großzügig, hätte sie versucht, die Überreste vom Kätzchen abzufriemeln, bevor sie es der Allgemeinheit anbietet. Und wenn ihr das nicht gelungen wäre, hätte sie es in die Mülltonne gesteckt, wo dieses Top seinem miesen Zustand gemäß hingehörte, oder sie hätte es behalten und als Putzlappen verwendet. Aber weder noch: Großzügig war die hier überhaupt nicht. Die hier war nicht Teil des Versorgungsnetzes auf den Mülltonnendeckeln. Die hier war losgegangen, um den zum Recycling vorgesehenen Müll wegzubringen, darunter Kleidung, für die es einen eigenen Container gibt, zusammen mit dem Glascontainer der einzige, aus dem man nichts wieder rausholen kann, was einmal drin ist. Und als die falsche Großzügige sah, dass es in der Nähe keinen Altkleidercontainer gab, und nachdem sie sich die Mühe gemacht hatte, die Straße ein Stück rauf und runter abzusuchen, kippte sie den Inhalt (die Tasche nahm sie nämlich wieder mit nach Hause, um sie wiederzuverwenden, die hat schließlich zwei Euro gekostet) kurzentschlossen auf eine Mülltonne, so wie sie es schon so oft gesehen und im Stillen verurteilt hatte, da dieser rumliegende Müll die Straßen verunstaltet, aber so brauchte sie ihre Kleider wenigstens nicht in die falsche Mülltonne zu werfen.

Die hier hatte in ihrem ganzen Leben nichts aus dem Müll geholt, weder Kleidung noch Essen noch Bücher noch Möbel, sonst hätte sie gewusst, dass man dort Sachen ablegt, die zumindest noch in Ordnung sind, die – wenn überhaupt – ein klein wenig repariert werden müssen oder von denen man überreife Stellen wegschneiden muss, schon aus Respekt vor denjenigen, die für ihren Lebensunterhalt von Container zu Container gehen, Respekt, den sie sich nicht als Benachteiligte verdient haben (das würde eine karitative Seele sagen) und nicht als Opfer des Raubtierkapitalismus (das würde ein NGOler sagen) und auch nicht als Bürger mit den gleichen Rechten und Pflichten wie alle anderen (das würde das Amt für Familie und Wohlfahrt sagen). Nein, der Containernde wie auch der Dieb und der Zechpreller verdienen Respekt und Bewunderung und sollten Vorbilder sein, weil sie sich nicht zu Komplizen der Schädlinge dieser Stadt machen, und das sind die beschissenen Läden und die beschissenen Kneipen.

Kurz und gut: Ich warf also dieses Scheißtop in den Müll, stieg unter dem Nachthemd in die Hose, zog das Nachthemd aus und stand im BH da, luftiger geht es nicht, und angestarrter auch nicht, und so ging ich zum anarchistischen Zentrum, wohin die PAH Marga geschickt hatte, damit sie ihr bei einer Hausbesetzung helfen, um mal zu sehen, ob die heute Abend irgendwas machen, was mir den üblen Geschmack vertreiben würde, den die Tänzerinnen in La Barceloneta in meinem Mund hinterlassen hatten, mal sehen, ob da heute eine Party war oder ein Vortrag oder die Möglichkeit, sich nicht über Privatmeinungen auszutauschen, sondern über klare und einfache Wahrheiten zum Stand der Dinge.

In meinem ganzen Unileben mit all seinen Kongressen, Seminaren, runden Tischen und Vorlesungen habe ich niemanden so klarsichtig sprechen gehört wie im autonomen Zentrum. Mit Gestammel und suchenden Pausen, Pausen, die so lange dauerten, wie der Sprecher eben brauchte, ohne dass die Stille von einem eifrigen Gegenredner unterbrochen würde. Es gab keine einstudierten Reden, sondern Sprache, die durch die zwanzig Filter eines jeden Körpers geflossen war. Man merkte, dass da jemand mit der Möse redete, jemand anderes mit der Möse und dem Kopf, einer mit dem lahmen Bein, ein weiterer mit der Halsschlagader, ein anderer mit dem Arsch und Herzen, und dann hatte der Sprecher nicht irgendeine Meinung zu einer Angelegenheit. Wer sprach, besaß das Thema und verbreitete es unter allen Anwesenden. Jemand erzählte, wie schwierig es war, Molotowcocktails gegen die Fassade einer bestimmten Polizeiwache zu werfen, weil der Abstand zwischen der Menschenmenge und den Absperrungen zu groß war, und das war keine Zeugenaussage und überhaupt nichts Persönliches, es gab keine Hand, die den Cocktail warf, und darum gab es auch keine Geschichte: Es gab nur Bedeutung, nur die Entdeckung einer zuvor verborgenen Realität, die der Sprechende mit seiner Rede nun denjenigen schenkte, die ihm zuhören wollten. Dank ihm wurden wir alle zu vorsichtigen Molotowcocktail-Werfern vor der Fassade dieser Polizeiwache. Was für ein Geschenk!, dachte ich. Wie anders ist es, eine Bedeutung zu verschenken, anstatt eine Idee zu verkaufen, welch glückliche Abwesenheit von Verführung doch in diesem Geschenk von Bedeutungen liegt und welch ekelhafte Rhetorik dagegen im Verkauf von Ideen, im Wissen, wie man Botschaften vermittelt und Gedanken weitergibt! Das ist wahre Großzügigkeit, wie anständiges Essen auf den Müllcontainern!

An diesem Tag diskutierten sie darüber, ob es zweckmäßig war, sich dem von den Gewerkschaftsverbänden ausgerufenen Streik anzuschließen. Die Verbände konnten sie nicht ausstehen, ihren Streikaufruf wollten sie aber für ihre eigenen Ziele nutzen. Im Stuhlkreis gab es keine zugeteilten Redezeiten, weil die unnötig waren: Man hörte einander aufmerksam zu, spürte das Redebedürfnis des Nachbarn, und der Nachbar wusste genau, wann der richtige Augenblick war, um etwas zu sagen, ohne jemanden zu unterbrechen; und geschah dies doch, dann wies der Unterbrochene treffsicher auf die begangene Missetat hin, und sofort schlossen sich ihm andere an, die versuchten, den misslichen Missetäter seine Missetat erkennen zu lassen, und die ihn warnten, dass Propheten zu Hause nicht gern gehört wurden. Wenn der Missetäter nicht klein beigab, wenn er aufmüpfig wurde oder wenn der Dummkopf sich für besonders schlau hielt, dann umzingelte ihn die Gruppe verbal, bis er schließlich über die Stimmen der anderen hinwegbrüllte und schimpfte. Dann wurde er gebeten, das Zentrum zu verlassen, eine Bitte, der er selbstverständlich nicht nachkommt, stattdessen spricht er die Zauberworte aus: Ihr seid Faschisten. Ich werd verrückt! Das passiert auch dort! Das ist also eine Kettenreaktion, und alle Faschisten nennen jeden, der ihnen die Stirn bietet, wiederum Faschist! Das ist das faschistisch-machistische Gesetz: Für den Fascho bedeutet Toleranz, dass der andere sich ihm anschließt. Der Fascho-Macho erkennt Andersartige nicht an, es sei denn, sie sind ihm untergeordnet oder, das ist das Mindeste, mit ihm verbündet, oder, wenigstens das, still, und am besten ist es natürlich, wenn die Andersartigen tot sind. Marga und ich waren dorthin gegangen, ohne eine Vorstellung von diesen Gewerkschaftsgeschichten zu haben, und ich weiß nicht, wie es ihr ging, aber eine halbe Stunde nach unserer Ankunft hatten sie mir, einer völlig Unbekannten, schon einen ganzen Streik geschenkt, und wegen des undankbaren Geizhalses, der sein Spielzeug nicht teilen wollte, hatten sich meine Schiebetüren aktiviert. Es war Zeit, ihn mit der ganzen Kraft von Stößen und Worten hinauszuwerfen: »Das hier ist ein politischer Ort, an dem kein verdammter Fußbreit faschistischer Scheißdreck toleriert wird, ist das klar? Wenn du willst, dass jemand deinen Scheiß schluckt, geh in eine verfickte Kneipe oder ein verficktes Bürgerzentrum, verstanden?«, sagte irgendjemand, bevor er ihm die Tür vor der Nase zuschlug. Alle gingen auf ihre Plätze zurück und setzten das Treffen fort.

Was für ein herrlicher Nachmittag! Welch Verlangen, im Mund Bedeutungen zu kneten, die küssen und nähren! Was für eine neugegründete Stadt entstand da vor meinen Augen, als wäre Barcelona innerhalb von zwei Stunden abgebrannt und eine neue Zivilisation aus der Asche gestiegen! An jenem Tag schauten sie Marga und mich an, als wären wir verkleidete Undercover-Polizistinnen, so wie man in dieser Stadt jeden anschaut, der gerade angekommen ist und einen Fuß in ein besetztes Haus setzt, bei einer Demo besonders laut schreit oder mit einer Prostituierten, einer Schrottsammlerin oder einem fliegenden Händler spricht. Dieses zweite Mal, als ich im Zentrum auftauchte, schauten sie mich anders an, denn keine Undercover- Polizistin, sosehr sie auch in ihrer Rolle aufgeht, läuft nur im BH und mit Haaren unter den Achseln herum, und ich kam gerade rechtzeitig zu einem Dokumentarfilm, der nichts weiter war als eine machistische Beleidigung syrischer Guerillakämpferinnen, in dem nicht eine einzige syrische Guerillakämpferin vorkam, mehr noch: Die beiden Male, die in der Stunde überhaupt eine Frau zu sehen war, kam sie nur vor, um über die männlichen Guerilleros zu reden oder um den Tisch zu decken, aber weil es nach dem Film noch für drei Euro eine Diskussion mit dem Regisseur und einer Guerillera sowie ein Abendessen gab, bin ich geblieben, um zu essen und zu diskutieren. Und da sagte ich, dass zunächst einmal die Perspektive des Dokumentarfilms die eines Machos mit guten Absichten war, wofür sich der Regisseur entschuldigte, indem er erklärte, dass es die Frauen gewesen seien, die nicht reden und sich nicht vor der Kamera haben zeigen wollen. Zweitens sagte ich der Guerillakämpferin, mit dem Gewehr wüsste ich ja nicht, aber den Tee hätte sie großartig serviert, weshalb mich die Guerillera und die anderen vom Zentrum eurozentrisch nannten; und drittens und abschließend sagte ich, dass ich keinen Duro für das Essen dabeihatte, aber wenn du denen im Zentrum sagst, dass du keine Kohle hast, dann laden sie dich ein.

Ein Porté, das aus dem Stegreif glückt, kommt einem überraschenden Kuss am nächsten. Einem überraschenden ersehnten Kuss. Man kann Porté oder Porte sagen. Im Unterricht verwenden wir im Plural normalerweise den spanischen Ausdruck, Portes machen. Im Singular sagt man es üblicherweise auf Französisch, also ein Porté machen. Es gibt auch spanische Tanzlehrer, die zu Hebungen Cogida sagen, von coger, nehmen: Jetzt machen wir Cogidas, was für eine gute Cogida, passt auf, wenn ihr aus diesen schwierigen Cogidas herausgeht. Diese Bezeichnung finde ich wegen ihrer sexuellen Konnotation am passendsten, denn Portes sind ganz eindeutig mehr oder weniger lange, mehr oder weniger ausgekostete Küsse, mit oder ohne Zusammenstoßen der Zähne, und mir gefällt der Gedanke, dass spanische Tänzer, die in ihrem Unterricht »Cogidas machen« sagen, das in dem Wissen tun, dass eine Cogida ein lateinamerikanischer Fick ist, und damit ihren Schülern Schlüpfrigkeit einflüstern, aber nach zehn Jahren Tanz kann ich versichern, dass kein spanischer Tänzer aus diesem Grund Cogida sagt, sondern sie sagen das einfach nur, weil Porte oder Porté in ihren Ohren nach verstaubtem klassischen Ballett klingt. Lateinamerikanische Tänzer sagen blöderweise nicht Cogida, dabei wäre es so naheliegend. Tanz ist leider ein sehr konservatives Geschäft.

Das antwortete ich bei dem Treffen der Selbstvertretungsgruppe, zu der Patricia und Ángela jeden Dienstag gehen und zu der ich mitgehen musste – ich war aber nur wegen Marga dabei, die es einfach draufhat, ehe du dich versiehst, hat sie dich flachgelegt –, auf die Frage, was ein Porté ist. Marga ist diesen Quatsch mit der Selbstvertretungsgruppe los, weil sie jetzt ganz offiziell depressiv ist. Sie musste einige Wochen um die Diagnose der Psychiaterin kämpfen, und gestern hat sie sie endlich bekommen, trotz aller Berichte der Psychologin und der Sozialarbeiterin, die meinten, dass Marga sehr heißblütig sei und dass der schwüle Sommer die Frequenz ihrer exhibitionistischen Episoden steigern würde, über welche sich die Leute amüsieren oder entsetzt sind oder wegen der sie die Polizei rufen und die nur in wenigen Einzelfällen in einem der Sexualkontakte enden, die aber Margas eigentliches Ziel sind, und wenn sie das nicht erreicht, schließt sie sich in ihrem Zimmer ein und masturbiert mit allem, was sie zwischen die Finger kriegt. Die Therapie, die ihre Psychologin Laia Buedo und die Sozialarbeiterin Susana Gómez vorschlugen, bestand natürlich in einer Gehirn- und Vaginalwäsche: häufigere Teilnahme an den geselligen Freizeitaktivitäten, die von den lokalen und regionalen STÄWOs organisiert wurden, darunter das Treffen der Selbstvertretungsgruppe am Dienstag, weil dort Einheiten zur Sexual- und Fortpflanzungserziehung dazugehörten, um auf diese Weise Margas Interaktion mit Leuten ihres Alters und aus ihrem Umfeld zu fördern und die Etablierung einer gesunden intimen Beziehung mit einem Kameraden oder einer Kameradin zu begünstigen.

Zum Glück für meine Cousine und für die Unterwerfung dieses therapeutischen Faschismus bestand die vom medizinischen Faschismus – also der Psychiaterin – vorgeschlagene und letztlich durchgesetzte Therapie in einer Tablette Tripteridol alle zwölf Stunden für die Dauer von zwei Monaten und darin, dass Marga zu nichts gezwungen wurde, was sie nicht tun wollte, wenn das Pharmazeutikum erstmal seine zähmende Wirkung entfaltet hätte. Und weil die Sozialarbeiterin schon so ein Gesicht gezogen hat, als ich letztens um zehn Uhr morgens nach Hause kam und in ihre Erklärung platzte, wie man das Brot mit Butter bestreicht, und weil Patricia und Ángela jedem in den Arsch kriechen, um bloß die betreute Wohnung nicht zu verlieren, lassen sie mich jetzt nicht aus den Augen und Marga in Ruhe, die das Tripteridol ansonsten nach Bedarf nimmt, und in den drei Stunden, die wir anderen unterwegs sind – bis wir bei der Selbstvertretungsgruppe ankommen, die Sitzung abgehalten wird und wir zurückkehren –, auf die Straße geht, irgendjemanden mit in die Wohnung schleppt und ihn ganz entspannt vögelt (viel entspannter als sonst, wenn sie so mit Tripteridol vollgepumpt ist), und wenn sie kein Glück oder keine Lust hat, masturbiert sie vor dem Wohnzimmerspiegel und stöhnt wie ein Schwein im Schlachthaus. Sie kann mit allem masturbieren, was sie findet, aber die Klitoris meiner Cousine ist so empfindlich und ihre Technik so ausgefeilt, dass sie auch ohne irgendwelche Gegenstände und sogar ohne die Hände zu benutzen masturbieren kann. Ihr genügt es, in den Vierfüßlerstand zu gehen und das Becken zu bewegen, damit die Reibung der Nähte ihr Vergnügen bereitet, wobei sie die Reibung gar nicht unbedingt braucht, sie kann sich auch einfach nur durch ihre Bewegungen genital stimulieren. Das habe ich ihr beigebracht: Es ist eine Aufwärmübung aus dem Tanzunterricht. Die ist dafür da, alle Muskeln und Gelenke unterhalb der Hüfte zu lockern. Es geht nicht darum, sich wie eine Katze zu strecken; wenn du das machst, verlierst du den Fokus auf die Lust und schwitzt umsonst. Es geht darum, dass du im Geist – wenigstens näherungsweise – deine Hüften, deinen Unterbauch, dein Schambein, die großen Schamlippen, deinen Damm, dein Steißbein, deine Sitzhöcker, deinen Anus findest. Fortgeschrittenes Niveau ist, die kleinen Schamlippen, die Vagina, den Enddarm zu verorten. Du findest also im Geist all das und gehst auf alle viere, in einen stabilen Vierfüßlerstand. Stabil heißt, dass deine Beine, deine Arme und dein Rücken praktisch die vier Beine und die Platte eines Tisches sind. Bei dieser Übung nehmen wir an, dass die Tischplatte da beginnt, wo das Gummi hochgeschnittener Unterhosen sitzt, und am Scheitel endet, das heißt, der Nacken sollte so ausgerichtet sein, dass dein Blick genau in den Zwischenraum zwischen deinen Händen fällt. Die Position des Nackens ist entscheidend. Wenn sich der Blick nicht dorthin, sondern weiter nach hinten richtet und du deine Beine anschaust, oder weiter nach vorne und du die Wand anschaust, dann ist das keine Masturbation mehr, sondern einfach nur eine Aufwärmübung, um einen Hexenschuss zu vermeiden.

Wenn du dich in einen Tisch verwandelt hast, musst du zu einem Tisch mit Motor werden, aber ein Motor, mit dem du dich nicht im Raum fortbewegst, sondern innerlich; oder du wirst zu einem Tisch, auf dem eine Kristallkugel liegt, in der die Vektoren der Zukunft aufblitzen: Dein innerer Motor oder deine Kristallkugel ist dein zuvor identifiziertes Masturbationssystem. Das musst du nun in der Luft und mit der Luft durchkneten, und die Luft knetest du, indem du das System nach vorne und hinten bewegst, in Kreisen und Halbkreisen, ruckartig oder geschmeidig, langsamer oder schneller, wie es dein Körper von dir verlangt, und das klappt immer. Es ist eine Stimulation von geringer Intensität, dafür aber ungewöhnlich ausdauernd. Bist du zehn Minuten lang in dieser Position, dann wird deine Möse zehn Minuten lang gestreichelt. Ich fasse mich während der Übung nicht an, aber meine Klitoris wird davon so spitz und heiß, als hätte ich sie an einen Schleifstein gehalten. Ich verlasse den Vierfüßlerstand, um ganz traditionell zu masturbieren, und bin in drei Sekunden fertig.

Ich erzählte das in der Selbstvertretungsgruppe, weil sie mich als Tänzerin eingeladen hatten. Sie fragten nach meinen Tanzstunden und ich fing vorne an, mit dem Aufwärmen, mit den neusten Trends im Zeitgenössischen Tanz, die nun auch die Aktivierung der Genitalien einschlossen, aber als ich das Wort Vagina aussprach, passierte, was aus Faschismusgründen immer passiert. Patricia unterbrach mich und versuchte, einen Themenwechsel zu erzwingen. Meine Schiebetüren begannen zu klicken und rote LED-Leuchten zeigten diese über sie laufende Nachricht: WENN IHR NICHT WOLLT, DASS ICH REDE, WOFÜR BRINGT IHR MICH DANN HER, IHR MIESEN FUNKTIONÄRSWICHSERINNEN. Aber meine Schwester ist nicht nur Gelegenheitsfascho, sondern auch blind wie ein Maulwurf, sie sieht nicht mal Neonbuchstaben. Das mit den LEDs ist metaphorisch gemeint, meine Schiebetüren sind nicht beleuchtet. Ich wollte damit ausdrücken, dass meine Schwester Patricia so kurzsichtig ist, dass sie von ihrem Platz aus das Klicken der Schiebetüren nicht bemerkt hat und auch nicht, dass die Nachricht aus metaphorischen Leuchtbuchstaben nun zu einer wortwörtlichen aus meinem Mund werden sollte. Weder bin ich schuld daran, dass sie die Hand vor Augen nicht sieht, noch sind ihre Faschoallüren meine Schuld, also hatte sie sich mein Wieso lädtst du mich zum Reden ein, wenn ich nur das Echo eines Diskurses sein soll, der nicht einmal deiner ist, ehrlich verdient, und doch hielt ich inne. Mir tat Patricia leid, wie sie vor der Betreuerin der Selbstvertretungsgruppe, diesem unlustigen Clown, die Rolle des Gutmenschen spielte. Die Betreuerin sollte das Gespräch moderieren, also wieder zurückführen, gewisse Entwicklungen unterbinden, die so ein Treffen nehmen kann, aber ihr Eingreifen war nicht nötig, weil sich meine Schwester schon darum kümmerte und als Moderatorin des Nachmittagsprogramms auftrat. Mir tat Àngels leid, wie sie auf dem Bildschirm ihres Handys die ersten Absätze des Romans las, den sie gerade schreibt, und dafür beglückwünscht wurde. Mir taten alle übrigen leid, die auf die Frage, wohin sie in den Ferien fahren würden, nach Port Aventura antworteten, vor allem eine andere aus der Selbstvertretungsgruppe tat mir leid, sie hatte Schiebetüren wie ich, die von einem Aerobicstirnband zurückgehalten wurden. Es tut höllisch weh, wenn sie dir das abnehmen, denn dann schießen die Schiebetüren raus und knallen derart in der Mitte zusammen, dass sie davon sogar kaputtgehen können.

»Es geht darum, dass du im Geist – wenigstens näherungsweise – deine Hüften, deinen Unterbauch, dein Schambein, die großen Schamlippen, deinen Damm, dein Steißbein, deine Sitzhöcker, deinen Anus findest. Fortgeschrittenes Niveau ist, die kleinen Schamlippen, die Vagina, …«

»Was für interessante Aufwärmübungen, Nati, wirklich. Aber da wir nicht viel Zeit haben, erzähl uns doch direkt von diesen schönen Sachen, die du machst, wenn du mit einem Partner tanzt?«, fuhr mir Patricia in die Parade.

Ich schob meine Schiebetüren zur Seite, um meine übliche Abwehr von Autoritätsbeschuss zu unterbinden und ihren Befehl zu mir durchdringen zu lassen, sonst wäre er abgeprallt und mitten in ihrem Gesicht eingeschlagen und hätte ihre daumendicken Brillengläser zerschmettert. Nachdenken, um langfristig zu handeln, ist Nachgeben. Nachdenken, um mittelfristig zu handeln, ist Nachgeben. Nachdenken, um kurzfristig zu handeln, ist Nachgeben. Jede Planung für die Zukunft ist ein Trugbild, das uns von den Institutionen, also dem Militär, also dem Kapitalismus, eingeimpft wurde, und was damit erreicht wird, ist einzig und allein das Verlangsamen unserer unmittelbaren Reaktion, wodurch dem Aggressor – in diesem Fall meiner Schwester – ein Vorteil verschafft wird. Und dennoch saß ich da und dachte, dass ich mir das hier aufhebe, um es ihr später in irgendeiner Form heimzuzahlen.

Ich unterbrach also meine Beschreibung des masturbatorischen Apparats und erzählte davon, wie in einer Jam-Session ein mir unbekannter Tänzer mit Bart und ich ein blitzschnelles Porté gemacht haben, das nicht mehr als drei Sekunden dauerte, aber so gut ausgeführt war, so sauber und so hoch, dass es mir noch immer im Körper nachhallte. Da fragten sie mich, was ein Porté ist, und ich erklärte das mit den Hebungen und Cogidas. Sie fragten mich auch, was eine Jam-Session ist. Ich antwortete, eine Tanzimprovisation mit verschiedenen Tänzern, die sich vorher kennen oder auch nicht. Sie fragten noch einmal, was ein Porté ist, weil sie es immer noch nicht verstanden hatten.

»Ist ein Porté was mit Sex?«, fragte mich einer, der Ibrahim heißt, mit guttural gepresster Stimme, verkrampften Händen, X-Beinen und Gehhilfe.

»Ibrahim, immer das Gleiche!«, fuhr wieder meine Schwester dazwischen, woraufhin sie ihrerseits von der Betreuerin unterbrochen wurde:

»Patricia, wir lassen Ibrahim und Natividad bitte aussprechen, meinst du nicht?«

»Entschuldigung, Laia.«

Wie wohlerzogen Laia, die Faschistin, und wie gehorsam meine Schwester, die Faschistin.

»Es kann was mit Sex sein oder auch nicht, Ibrahim. Es ist dann sexuell, wenn du jederzeit auf Lust eingestellt bist, was nicht heißen muss, dass du rund um die Uhr vögeln willst. Es heißt eher, dass du jemand bist, der die Lust sucht, so wie einer von diesen Wünschelrutengängern, die mit ihren Apparaten am Strand nach Münzen suchen. Damit ein Porté dir sexuelle Lust bereitet, muss das seltene Wunder geschehen, dass du und dein Partner euch wie dieser Apparat verhaltet, aufmerksam auf den eigenen und den fremden Körper achtet, und wenn das Gerät piepst, was sagen will, dass du auf genau die richtige Art und Weise berührt hast oder berührt wurdest, auf eine Art, die dich aufweckt, auf eine Art, die bewirkt, dass dein Leben auf einmal einen Sinn hat, wenn du also auf diese Art berührt wirst, dann hör auf zu denken, hör mit allem auf, was du gerade tust, und grabe diesen Schatz aus, ich meine, gib dich den Armen deines Partners hin, seinen Beinen, seinem Rücken, wohin auch immer das Porté dich trägt, denn dein Partner wird zu deinem Retter, zur einzigen Person, die es für dich auf der Welt gibt, und unter keinen Umständen wird er dich fallenlassen, er begleitet dich bis zum Ende des Flugs. Diese Verbindung ist ein gelungenes spontanes Porté. Ist es das Eindringen eines Körpers in den anderen? Nein. Ist es eine Masturbation, allein oder gegenseitig? Auch nicht.«

»Ist es ein Quickie?«, presste Ibrahim langsam hervor.

»Für mich war es nie wie ein Quickie. Ich habe es als Kuss empfunden, aber so ein langsamer Kuss mit weicher Zunge, mit einer Zunge, die beim Kontakt mit der anderen Zunge wie ein Eis schmilzt. Um auf deine Eingangsfrage zurückzukommen: Verstehen wir den Kuss, diesen Kuss, wie ich ihn gerade beschrieben habe, als lustvoll? Meine Antwort ist ein klares Ja. Wenn also ein Porté mit diesem Kuss verglichen werden kann, ist das Porté dann etwas mit Sex? Ich muss schlussfolgern, dass es das ist.«

»Vielen Dank für die Erklärung, Natividad. Ich verstehe zwar nicht mal die Hälfte von dem, was du sagst, aber ein bisschen was kommt an.« Dieser lange Satz von Ibrahim war schwierig zu verstehen, weil er bei jedem Wort Spucke einsog, aber ich glaube, das hat er gesagt. Ein hübscher kleiner Macho neben ihm beeilte sich mir zu übersetzen, was Ibrahim gesagt hatte. Gleichzeitig übersetzte meine Macha-Schwester, was ich gesagt hatte. Wie gründlich sie bei der Gehirnwäsche die Lektion gelernt hatten, den anderen nicht zu fragen, ob er Hilfe braucht oder haben möchte. Wie supergut hatten sie die Maxime der öffentlichen Wohlfahrt verinnerlicht, dass Helfen bedeutet, für den anderen zu handeln, ihn also zu repräsentieren, ihn also zu ersetzen. Welche Legion von unbezahlten, unter ihrem Befehl stehenden Sozialarbeitern hatte die schamlose bezahlte Sozialarbeiterin da herangezogen, die mit ihnen im Stuhlkreis saß und ihre Rekruten beim Kampf gegen finstere Redeweisen beobachtete. Ein Kampf der nicht normalisierten Leibeigenen gegen ihre eigene nicht normalisierte Sprache und für den Sieg der normalisierten, von allen Normalisierten verstandenen Sprache, der Sprache von Angelitas Roman. Fascha zu Fascha, Macho zu Macho, das Dutzend Selbstvertreter nutzte die Gelegenheit, dass das obligatorische Schweigen gebrochen war, und in diesem Geschnatter beendeten Ibrahim und ich unser Gespräch.

»Danke für dein Interesse am Tanz, und entschuldige bitte, dass ich mich nicht anders ausdrücken kann.«

»Kein Problem. Verstehst du mich, wenn ich rede?«

»Das meiste. Was ich nicht verstehe, entnehme ich dem Kontext.«

»Dann frage ich dich noch etwas.«

»Klar.«

»Glaubst du, dass ich ein Porté mit dir machen könnte oder du eins mit mir?«

Ateneo – Autonomes Zentrum Sants.

Sitzungsprotokoll der Okupa-Gruppe. 25. Juni 2018

Aus dem Inventar leerstehenden Wohnraums, der für Hausbesetzungen geeignet ist, bittet die Kameradin Gari Garay die Versammlung um Hilfe bei der Überprüfung der Wohnung in der Calle Duero Nr. 25 und jener in der Calle Viladecavalls sowie des Hauses in der Passage Mosén Torner. Sie benennt ausdrücklich die Hausnummer, die sie in der Calle Duero interessiere, da es – wie die Kameradin erklärt – in dieser Straße mehrere infrage kommende Häuser gebe, und sie betont, dass sie abgesehen von diesem einen Mal die Hausnummern immer und auch während eines jeden Gesprächs geheim gehalten habe.

Die Kameradin Mallorca weist sie darauf hin, dass eine Wohnung zu überprüfen und hineinzugehen, um sie zu okupieren, im Prinzip das Gleiche sei, außer wenn die Wohnung sich in einem so schlechten Zustand befinde, dass sie nicht mehr infrage komme. Das sei so, fährt die Kameradin Mallorca fort, weil das Öffnen einer Wohnung sehr kompliziert und zeit- und planungsaufwändig sei und viele Kameradinnen involviere, weshalb es nicht umsetzbar sei, zunächst verschiedene Wohnungen zu prüfen, um dann eine auszusuchen.

Badajoz stimmt zu und empfiehlt der Kameradin, die besetzen will, sich die Wohnblöcke von außen genau anzuschauen, um deren Zustand einzuschätzen, und zu versuchen, in den Eingangsbereich zu gelangen, zum Beispiel indem sie sich als eine Anwohnerin oder eine Austrägerin von Werbeblättern ausgibt, und dort zu schauen, wie das Treppenhaus oder der Aufzug sind, falls es einen gibt. Badajoz bietet G. G. an, sie zu begleiten und die Immobilien von außen zu inspizieren, und ergänzt schließlich, dass Diskretion bei Okupationen unbedingt vonnöten sei, dass aber unter uns, ob nun während einer Sitzung oder außerhalb, die Hausnummern ruhig genannt werden dürfen.

Murcia bietet an, sie zu begleiten, und fügt hinzu, das Haus in der Mosén Torner sei völlig heruntergekommen und es sei nicht nachzuvollziehen, wie es auf die Inventarliste habe kommen können, wenn doch auf den ersten Blick zu erkennen sei, dass das Dach halb eingestürzt ist.

Coruña entgegnet, man habe alle leerstehenden Wohnungen des Bezirks auf die Inventarliste setzen müssen, wogegen Murcia einwendet, nicht nur die leerstehenden, sondern die auch zur Besetzung geeigneten, worauf Coruña antwortet, dass das Haus in der Mosén Torner absolut zur Besetzung geeignet sei, tatsächlich sei es sogar leichter zu besetzen als viele andere im Bezirk, gerade weil es heruntergekommen und aufgegeben sei, weshalb es gewiss viel länger dauern würde, bis die Besetzung entdeckt und beendet würde. Murcia sagt ihm, es sei kaum zu glauben, dass er schon sein halbes Leben Okupa sei, wenn er immer noch nicht begriffen habe, dass die Räumung eines besetzten Hauses nicht von dessen Zustand abhänge, sondern vielmehr von der städtebaulichen Spekulation, von der die Eigentümer abhängen. Aber es sei noch etwas anderes, fährt Murcia fort, Besetzen sei nicht nur öffnen und reingehen, sondern öffnen, reingehen und in Würde leben, und dafür gebe es diese Versammlung, darum nenne sich das selbstverwalteter Raum, darum verteidige und ermögliche sie die Selbstverwaltung anderer Räume wie eben die Okupas, die besetzten Häuser, worauf Coruña antwortet, dass vielleicht etwas, was für die einen unwürdig, für andere würdig sei und dass vielleicht auch die Würde unter das Prinzip der Selbstverwaltung fallen solle, in dem Sinne, dass jemensch andere Bedürfnisse habe und diese auf unterschiedliche Weise befriedige, denn so brauche zum Beispiel eine fünfköpfige Familie für ein würdevolles Leben eine Wohnung mit mindestens zwei Schlafzimmern, was schon beengt sei, während einer einzelnen Person ein Mansardenzimmer oder eine Einraumwohnung völlig ausreichen könne, um in Würde zu leben.

Oder auch nicht, sagt Ceuta, auch eine einzelne Person könne wegen ihrer besonderen Bedürfnisse drei Schlafzimmer und einen Innenhof brauchen.

Oder einfach aus einer Laune heraus, sagt Tarragona, und Launen seien nicht verkehrt, und wir sind nicht hier, um die Bedürfnisse oder Gründe oder Schrullen von irgendjemandem zu beurteilen.

Murcia sagt, dass wir sehr wohl da seien, um die Bedürfnisse von jemandem zu beurteilen, denn wenn jetzt ein Neonazi käme, der erzählt, er wolle für seine Neonazitreffen ein Haus besetzen, dann werfen wir den doch hochkant hier raus, oder etwa nicht?

Coruña antwortet, dass der eventuelle lebensmüde Neonazi, der sich hypothetisch trauen würde, einen Fuß ins Autonome Zentrum zu setzen, sich niemals als solcher zu erkennen gäbe, und er fragt Murcia, ob wir jetzt vielleicht jede Person, die durch diese Tür kommt, fragen müssten, ob sie Neonazi sei, und was mensch mit dem Haus vorhabe, das mensch mit unserer Hilfe besetzen will.

Oviedo mischt sich ein, um zu sagen, dass nach diesem Dreisatz folglich auch alle Männer, die in das Besetzungsbüro kämen, gefragt werden müssten, ob sie vorhaben, ihre Freundinnen hinter verschlossenen besetzten Türen zu misshandeln, und ergänzt, dass diese Diskussion zwar interessant sei, wir sie aber von der postmodernen Banalität her angingen, wenn wir derart die Bedürfnisse und die Würde der Menschen relativierten, denn zufällig sei es so, dass sogar der Neonazi und der misshandelnde Partner ein Haus brauchen, bei dem nicht das Dach einstürzt, um in Würde zu leben, und in diesem Punkt wären wir wohl sogar mit den Neonazis und misshandelnden Partnern einer Meinung, und Oviedo fragt sich, ob wir uns dann nicht auch untereinander einigen könnten.

Murcia versteht nicht ganz, ob die Meinungsäußerung der Kameradin, die zuletzt das Wort hatte, eine für oder gegen die Entfernung des Hauses in der Mosén Torner aus der Inventarliste besetzbarer Häuser gewesen ist.

Dafür, ganz eindeutig, antwortet Oviedo, aber Murcia hat es noch immer nicht ganz verstanden und fragt, ob sie für das Haus als mögliche Okupa oder für die Entfernung des Hauses als mögliche Okupa sei, und diese Frage verursacht viele durcheinandergehende und gleichzeitig geäußerte Antworten, die nicht im Protokoll aufgeführt werden.

Als nach einigen Sekunden die übliche Ordnung von Redebeitrag und Zuhören wieder hergestellt ist, sagt G. G., dass sie nicht sicher sei, ob sie es richtig verstanden habe, aber sie meine gehört zu haben, dass diese Versammlung die Selbstvertretung verteidige, worauf zahlreiche Kameradinnen antworten, dass sie das sehr richtig verstanden habe und wir ein selbstverwalteter Raum seien, der natürlich für die Selbstverwaltung einstehe. G. G. ergreift erneut das Wort und fragt, ob wir also eine Selbstvertretungsgruppe seien, worauf Coruña antwortet, dass wir dieses Wort nicht benutzten, dass es aber wohl logisch erscheine, oder jedenfalls grammatisch logisch, dass wir, wenn wir uns als Gruppe selbst vertreten, auch eine Selbstvertretungsgruppe seien. Badajoz meint, dass ihr dieses Wort nicht gefalle, weil es nach Bürokratie und Betriebswirtschaft klinge, und dass sie sich nicht Selbstvertreterin nennen würde, sondern schlicht und einfach Anarchistin, denn wenn man Anarchistin sage, dann sage man auch, dass man seine Konflikte und Wünsche selbst vertrete, ohne Teil des neoliberalen institutionellen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Kreislaufes zu sein, der unser ganzes Leben verwalte, und zwar mit Gewalt.

Ceuta schlägt G. G. vor, und zwar gerade weil er an die Selbstvertretung glaube und total dahinterstehe, dass wir uns alle selbstvertreten sollten, und weil G. G. selbst aus irgendwelchen Gründen als Erste auf das Haus in der Mosén Torner aufmerksam geworden sei, darum also sagt dieser Kamerad, dass sie selbst entscheiden solle, ob sich die Mühe lohne, dieses Haus zu öffnen oder lieber eins, das besser aussehe.

G. G. stimmt zu und der zuvor genannte Kamerad sagt, dass sie sich nicht gleich entscheiden müsse, auch nicht morgen oder nächste Woche, dass sie die Immobilien ganz in Ruhe von außen inspizieren und gut darüber nachdenken könne, welche sie wolle, und wann immer es ihr passe, könne sie dann vorbeikommen und der Versammlung ihre Entscheidung mitteilen.

G. G. bedankt sich für das Entgegenkommen und den Rat, sagt aber, dass sie schon jetzt damit einverstanden sei, das Haus in der Mosén Torner zu öffnen, da sie weder Zeit noch Ruhe habe, um viel nachzudenken, denn ihre aktuelle Wohnsituation sei kritisch, und darum habe sie, während sie den verschiedenen Kameraden gut zugehört und verstanden habe, dass Besetzen schwierig sei, aber bei diesem Haus nicht ganz so, ihre Entscheidung getroffen.

Mehrere Kameraden erinnern daran, dass das Haus sich in einem wirklich schlechten Zustand befinde, aber wenn sie sich sicher sei, dann nur zu.

Andere Kameraden warnen noch einmal, dass das Haus in einem so schlechten Zustand sei, dass G. G. – wenn sie die Besetzung in Angriff nehmen – schon beim Betreten des Hauses merken werde, was für eine Ruine das sei, und es bereuen werde, eine so übereilte Entscheidung getroffen zu haben.

Tanger sagt, dass zuvor gesagt wurde, Besetzen sei nicht einfach nur öffnen und reingehen, sondern öffnen, reingehen und in Würde leben; wozu er ergänzen wolle, dass Besetzen nicht nur öffnen, reingehen und in Würde leben sei, sondern öffnen, reingehen, in Würde leben und alle Reparaturen vornehmen, die nötig seien, denn man werde kaum in Würde leben, wenn man sich zum Schlafen in einer Ecke zusammenrollen und Schutz vor Wind und Regen suchen müsse, oder wenn man in einen Eimer scheißen müsse oder nicht einmal morgens Kaffee kochen könne, und er fragt G. G., ob sie sich stark genug fühle, das zu tun, also selbstverwaltet all diese Reparaturen vorzunehmen, zumal sie ja alleine leben möchte.

Palma wendet ein, vor hundert Jahren hätten alle noch in Eimer gekackt, oder genauer gesagt in Nachttöpfe, und dass man daran nicht die Würde einer Person festmachen könne. Es sei auch keine Frage der Würde, ob man einen Kaffee zum Frühstück habe statt beispielsweise ein Croissant und einen Orangensaft, für deren Zubereitung man weder Gas noch Strom brauche, falls sich Tanger auf das Fehlen von Gas oder Strom bezogen haben sollte, als er die Würde des Kaffees anführte.

Vorausgesetzt, man habe das Croissant in einer Bäckerei gekauft oder es geklaut oder im Müll gefunden, antwortet Tanger.

Natürlich, entgegnet Palma, denn ich gehe mal davon aus, dass wir normalerweise keine Croissants bei uns zu Hause backen, wofür man dann Gas oder Strom brauchte.

Oder auch nicht, denn es gebe ja auch Holzöfen, erwidert Tanger, und er fragt, ob die Versammlung es für wahrscheinlich halte, dass das Haus in der Mosén Torner einen Holzofen habe, in dem man zum Frühstück Croissants backen könne.

Ceuta sagt, dass es vielleicht einen Kamin gebe, weil es ein sehr altes Haus sei.

Tanger sagt, das mit dem Kaffee oder in den Eimer scheißen habe Schwung in die Diskussion gebracht, was ihn freue, aber wir hätten trotzdem noch nichts dazu gesagt, wie es darum stehe, wegen der Kälte und des Regens zusammengerollt in einer Ecke schlafen zu müssen, also nehme er an, dass wir darin durchaus eine Frage der Würde sähen und genau darum gehe es im Haus in der Mosén Torner, da es eben ein halb eingestürztes Dach habe.

Oviedo antwortet, dass sie persönlich nicht in einen Eimer, sondern auf die Würde scheiße, und wenn nicht auf die Würde, deren Bedeutung ihr nicht ganz klar sei, dann auf unseren Gebrauch des Ausdrucks »in Würde leben«, der für sie journalistisch und institutionell klinge, also zutiefst kapitalistisch, denn er beziehe sich nur auf die materiellen Bedingungen des Lebens und gehe davon aus, dass jemensch, der schön warm eingekuschelt schlafe, mit mehr Würde lebe als jemensch unter freiem Himmel. Dieser Logik folgend, fährt die Kameradin fort, lebe ein Mensch mit Viskomatratze würdevoller als jemensch mit einer Federkernmatratze, und wer am Hafen Meeresfrüchte zu Mittag esse, habe mehr Würde als jemensch mit Kichererbseneintopf an einem Tisch mit Kohlebecken, oder wer, noch schlimmer, bei McDonald’s oder sogar überhaupt nicht zu Mittag esse!

Tanger antwortet, sie würde die Argumentation ad absurdum führen und dass sie die Annehmlichkeiten der Bourgeoisie mit Grundbedürfnissen verwechsle, und natürlich gebe es auch materielle Grundbedürfnisse, die ja die ebenfalls aus Materie bestehenden Menschen schlicht und einfach zum Überleben sichern müssen; woraufhin die Kameradin einwirft, dass sie in der Tat einen apagogischen Beweis angeführt habe, weil die Argumente ad absurdum geführt werden müssten, um dadurch ihre Fehlbarkeit zu beweisen, also die Last der Vernunft, also ihre Wahrheit, und diese Argumentation über das Leben in Würde halte dem Stoß nicht stand. Und sie fügt an, dass sie die reductio ad absurdum ganz bewusst angewendet habe, dass aber der erste Kamerad, ohne es zu merken, zwei kleinste gemeinsame Nenner gekürzt habe, also zwei Analogien, diese Mütter der Demagogie, indem er – erstens – die materiellen Bedürfnisse von Menschen mit den Menschen selbst gleichgesetzt und – zweitens – den bourgeoisen Materialismus, auf den sie sich zuvor bezogen habe, mit dem Fleisch und Blut, den Knochen und Nerven gleichgesetzt habe, aus denen wir alle bestehen.

Mallorca bittet die Kameradin, die zuletzt gesprochen hat, dies ein wenig genauer zu erklären, eine Forderung, der sich mehrere andere Kameraden anschließen und der Oviedo nachkommt, und zwar, wie sie selbst sagt, sehr gern. Die von Tanger vorgebrachten Analogien seien in argumentativer Hinsicht trügerisch und in ideologischer Hinsicht tendenziös im Sinne einer kapitalistischen Rechtfertigung. Das sei so, weil der Kamerad Würde und materiellen Besitz miteinander in Verbindung setze, womit er den Diskurs des Wohlfahrtsstaates reproduziere, der Würde sage, wo er Wohlstand meine. Und was denn Wohlstand sei?, fragt die Kameradin oder fragt sie vielmehr sich selbst, und sie erklärt, dass sie sich auf den Wohlstand im Wohlfahrtsstaat beziehe, der eigentlich ein Wohlstandsstaat sei. Sie glaube nämlich, dass es das Konzept des Wohlstands nicht gegeben habe, bevor es die westlichen Staaten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erfunden hätten, und wenn es das schon gegeben habe, dann nicht mit der Konnotation, die ihm diese Staaten ein für alle Mal gegeben hätten. Die Wohlfahrt oder der Wohlstand der Nachkriegszeit würden also als der notwendige Mechanismus ausgestaltet, um im zerstörten Europa die Wirtschaft wieder auferstehen zu lassen, und in den Vereinigten Staaten zum Ruhme des Kapitalismus. Arbeitslosengeld, Krankenversicherung, Sonderzahlungen, bezahlter Urlaub, Maßnahmen zur Steigerung der Geburtenrate, subventionierte Industrie, Verbilligung vormaliger Luxusgüter, Ausweitung der öffentlichen Schulen und Universitäten. Die Kameradin sagt, wenn sie von der keynesianischen Konsumfunktion spreche und der Geburt des Konsumismus, entdecke sie nicht den Stein der Weisen neu, und sie fragt, dieses Mal offen in die Runde und nicht sich selbst, ob uns interessiere, was sie erzählt, oder ob wir besser wieder über das Dach des Hauses in der Mosén Torner sprechen sollten, damit wir nicht – und die Kameradin bittet den Scherz zu erlauben, der ihr zufolge sehr passend sei – das Haus vom Dach aufzäumen, indem wir vom blöden Keynes reden, wenn wir uns doch eigentlich fragen sollten, wo wir eine Betonmischmaschine herbekämen.

Coruña antwortet, dass das für ihn durchaus wie die Entdeckung des Steins der Weisen sei, und Ceuta sagt, er würde nicht zwischen Reflexion und Aktion unterscheiden, denn die Aktion, in diesem Falle die Okupation eines verfallenen Hauses, müsse stets von Motiven geleitet sein, und diese seien für uns die Etablierung der anarchistischen Gesellschaft. Andernfalls handele es sich um eine unpolitische Aktion, oder zumindest nicht im radikalen Sinne politisch, und wenn unpolitisch, dann auch harmlos und verwundbar durch die Attacken der Unterdrücker, Attacken, die in diesem Falle von eventuellen Eigentümern ausgehen könnten, die wieder in den Vollbesitz des Hauses gelangen wollten, oder vom Richter, der den Rauswurf der Besetzer anordnet, oder von den Mossos d’Esquadra, den Zivilpolizisten, die die Räumung durchführen. Der Kamerad kommt zu dem Schluss, dass es, damit unsere Aktion kein reiner Aktionismus bleibe, nicht nur gut, sondern entscheidend sei, dass wir über Besetzung sprächen, über Betonmischmaschinen, über den Preis von Kartoffeln, und gleichzeitig über John Maynard Keynes und Paulo Freire, und er bittet Oviedo, fortzufahren, und Oviedo fährt fort, aber sie sagt, dass sie, bevor sie weiter über Würde spreche, einerseits gerne ausdrücken möchte, wie erhellend die Reflexionen des Kameraden gewesen seien, und andererseits zumindest anmerken, dass es die vermeintlich großherzigen Zuschüsse nicht gebe ohne andere Wohlfahrtserfindungen wie die Verschärfung des Strafrechts, die zahlen- und größenmäßige Erweiterung der Gefängnisse und Irrenhäuser, die massive Durchsetzung der Psychiatrie, von Pharmazeutika, von Werbung und Fernsehen, die Vernichtung der Wälder und Urwälder sowie die regelmäßige Provokation von Kriegen in Ländern außerhalb des Fortschrittsgürtels, um deren Rohstoffe auszubeuten, um nur einige wenige der offensichtlichsten Säulen dieses Wohlfahrtswohlstandes zu benennen, der uns alle – einschließlich guter Teile dieser Versammlung von Anarchisten – davon überzeugt habe, dass gutes Leben ein Leben mit leichtem Zugang zu Konsum sei, und der dieses gute konsumistische Leben in die Kategorie des Lebens in Würde gehoben habe und dabei das, was vormals als Würde begriffen wurde, von seinem moralischen Gehalt befreit, ein moralischer Gehalt, den diese Versammlung, so fährt die Kameradin fort, auf den Tisch bringen und sich fragen sollte, ob solche rein materiellen Überlegungen wie das Dach oder das Fehlen von fließendem Wasser Priorität haben sollten, wenn man G. G. bei der Besetzung helfe, oder nicht vielmehr Erwägungen, die nicht das Objekt in den Mittelpunkt stellen, sondern beispielsweise die Notwendigkeit, aus einer familiären und persönlichen Krisensituation zu fliehen, wie G. G. selbst es zu Beginn der Sitzung dargestellt und gerade noch einmal wiederholt habe, und das sei nichts anderes als eine dringliche Notwendigkeit zur Emanzipation, bei der weder Kälte oder Regen noch der Nachttopf eine Rolle spielten.

Tanger antwortet, er sei nicht der Meinung, mit einer Wohnung mit Dach und Toilette mache man sich des Konsumismus oder Kapitalismus verdächtig, im Gegenteil: Den Wunsch nach einem Leben unter minimalen hygienischen Bedingungen als bourgeois zu bezeichnen, sei nicht nur ein Argument des Bürgertums selbst, sondern komme von einem noch viel schäbigeren Unterdrückertypen, nämlich dem Revolutionsführer, der unter Berufung auf solch emanzipatorische Rhetorik das Elend der Stützen der Revolution rechtfertige. Nachdem er dies gesagt hat und noch bevor andere Kameraden das Wort ergreifen, macht der Protokollführer die Versammlung darauf aufmerksam, dass es fast Mitternacht sei und dass die eigentlich Betroffene, G. G., bereits vor über einer halben Stunde gegangen sei und man noch keinen einzigen der anderen Punkte auf der Tagesordnung behandelt habe.

Palma fragt, ob die Versammlung lieber die Debatte über Wohnraum und Würde fortsetzen möchte, auch wenn sie das nicht für sinnvoll erachte, da G. G. bereits habe gehen müssen, oder ob wir in der Tagesordnung weitergehen sollten, oder ob wir alle gehen und in einer außerordentlichen Sitzung morgen oder übermorgen weitermachen sollten, worauf der Protokollführer als Erster antwortet und erklärt, dass er sofort losmüsse, da die letzte Metro in fünf Minuten fahre, wobei er bereits aufsteht, seine Sachen nimmt, den Satz im Stehen beendet, darum bittet, ihm die Entscheidung auf Telegram mitzuteilen, und ankündigt, dass jemand anders das Protokoll fortsetzen müsse.

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