Kitabı oku: «Carl Laemmle»
Cristina Stanca-Mustea
Carl Laemmle
Der Mann der Hollywood erfand
Biografie
Saga
Einleitung
»Carl Laemmle ist das personifizierte Hollywood. Niemand hat die Filmindustrie mehr beeinflusst als er. (...) Er ist der eine, der den damals verachteten Film im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts in die Hand nahm und ihn mit Adjektiven wie kolossal, erstaunlich und gewaltig versah. (...) Carl Laemmles Geschichte ist die Geschichte der Filmindustrie.«1 So beschrieb die New York Times im Februar 1936 die erfolgreiche Karriere von Hollywoods erstem Filmmogul, dem deutschen Einwanderer und Gründer von Universal Pictures – Carl Laemmle. In ihren Superlativen über Laemmle waren sich die amerikanische und internationale Presse mit der Filmindustrie einig. Sie erklärten Laemmle zum Symbol der Branche schlechthin. Insbesondere galt er als entscheidende Figur bei der Entstehung der Traumfabrik in den Bergen Hollywoods und wurde zum Befreier im Kampf für die Unabhängigkeit des Filmgeschäfts hochstilisiert.
Die Los Angeles Times schrieb in einem Nachruf zu seinem Tode im September 1939: »Carl Laemmle war mehr als ein Pionier, er hat etwas erschaffen. Ein netter, höflicher Mann, der für die Filmindustrie zu einer Zeit kämpfte, als sie schwach war und auf wackeligen Beinen stand. Durch seinen Mut konnte er den landesweiten Kampf für die Unabhängigkeit der Filmindustrie gewinnen, der damals von nationaler Bedeutung war.«2
Der Zeitpunkt, an dem sich Laemmle ins Filmgeschäft einmischte, im Frühjahr 1906, markierte die Geburt des Films als Massenmedium. Dabei war er der Erste, der dieses Potential erkannte. Seine Taten waren es, die entscheidend dazu beitrugen, dass sich Hollywood zu jener amerikanischen Traumfabrik entwickelte, die wir heute alle kennen. Er baute das erste große Filmstudio in Hollywood, Universal City, erfand das Star-System, indem er aus unbekannten Stummfilmschauspielern Filmstars machte, schaltete transkontinentale und transatlantische Werbekampagnen für seine Filme und kämpfte gegen die Monopolbildungen in der jungen Filmindustrie.
Doch obwohl in den 1920er und 1930er Jahren Carl Laemmles Leben und die Geschichte der Filmindustrie untrennbar miteinander verbunden schienen, ist davon über 80 Jahre später sehr wenig geblieben. Niemand im Filmpublikum kennt seinen Namen, und auch in der Filmindustrie erinnert man sich kaum an ihn. In Universal City, der von ihm geschaffenen Filmstadt, die heute noch wie damals ein Themenpark für Filmfans ist, weist lediglich eine kleine Vitrine im wenig besuchten Raum zur Entstehung des Studios auf Laemmle hin. Zwar hat er einen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame, doch da dieser Ehrenweg erst Ende der 1950er Jahre errichtet wurde, gab es keine feierliche Verleihung an Lammle selbst. Sein Name und die Erinnerung an ihn sind aus dem Gedächtnis der Öffentlichkeit verschwunden, wurden teilweise gar gelöscht.
Während die anderen frühen Filmmogule wie Samuel Goldwyn, Louis B. Mayer, die Warner-Brüder oder David O. Selznick noch heute allgemein bekannt sind, und die Namen ihrer Studios an sie erinnern, gibt es keinen Hinweis auf Carl Laemmle. Er hat seinen Namen nicht in seinem Studio Universal verewigt – und bislang gibt es keine Biografie, die diesen Namen verdient, während seit Jahrzehnten fleißig über die anderen frühen Filmmogule geschrieben wird. Dass Laemmle vergessen ist, verwundert um so mehr, wenn man bedenkt, welche Filmklassiker er schuf und wie bekannt er zu Lebzeiten war.
Zwischen 1906 und 1939 war Carl Laemmle permanent in der amerikanischen und internationalen Presse zu finden. Seine Jubiläumsfeier wie der 50. Jahrestag seiner Ankunft in Amerika, der 20. Jahrestag der Gründung von Universal und sein Ausstieg aus dem Filmgeschäft am Ende seiner Karriere waren Ereignisse, die im ganzen Land gefeiert oder zumindest wahrgenommen wurden. Zu seinem Geburtstag gratulierten ihm internationale Politiker und Künstler, und zur Eröffnung von Universal City im Jahre 1915 reisten nationale Größen nach Kalifornien, unter ihnen Berühmtheiten wie Buffalo Bill und Thomas Alva Edison.
Im schwäbischen Laupheim, Laemmles deutscher Geburtsstadt, war die Situation nicht viel anders. Auch hier fand er die meiste Zeit seines Lebens ringsum Anerkennung. Die regionalen Zeitungen berichteten über ihn, feierten seine Jubiläen, seinen Geburtstag und sein Mäzenatentum. Doch trotz dieser unübersehbaren Beweise seiner Bedeutung für die damalige Zeit ist die Erinnerung an ihn verblasst. Die TV-Doku des deutschen Filmemachers Hans Beller führte immerhin in den frühen 1980er Jahren dazu, dass sich ein paar Filmfreunde sowie ein kleiner Kreis aus seinem Geburtsort Laupheim seiner seitdem wieder erinnern. Dennoch kennt fast niemand den Mann, der das Filmgeschäft nachhaltig prägte und das neue Medium zu einem Massenphänomen werden ließ. Laemmle war der erste Filmmogul, der ein großes Studio in Hollywood baute, doch eine Reihe von politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Gründen machte ihn zu einer vergessenen Größe Hollywoods.
Seine Geschichte spielt sich zwischen Chicago, Los Angeles, New York und Laupheim und in der Zeit des Ersten Weltkriegs, den Roaring Twenties und dem Aufkommen des Nationalsozialismus ab. Stets saß er aufgrund seiner Herkunft zwischen den Stühlen. Vor und während des Ersten Weltkriegs wurden die Deutsch-Amerikaner in den USA öffentlich verfolgt. Viele ignorierten ihre Muttersprache und ihre deutsche Herkunft, um nicht anzuecken. Nach dem Weltkrieg geriet die Filmindustrie in die Weltwirtschaftskrise, und Laemmle wurde in seinem geliebten Heimatort Laupheim durch die Nationalsozialisten zur persona non grata.
Er gründete mit Universal Pictures das erste große Hollywoodstudio, erstritt in unzähligen Gerichtsfällen gegen den sogenannten Filmtrust von Thomas A. Edison das Recht, dass auch unabhängige Filmemacher in den Vereinigten Staaten Filme produzieren durften, er produzierte über 9000 Filme, darunter Klassiker wie Dracula, Frankenstein, Das Phantom der Oper, Im Westen nichts Neues und 20 000 Meilen unter dem Meer. Nicht zuletzt erhielt er zusammen mit seinem Sohn für Im Westen nichts Neues den Oscar für den besten Film bei der 3. Oscarverleihung im Jahre 1930.
Während seiner Zeit als Leiter von Universal holte Laemmle viele deutsche Filmschaffende nach Hollywood. Unter ihnen waren sein Neffe William Wyler, Conrad Veidt, Paul Leni, Erich von Stroheim und viele weitere Filmschaffende. Mehr als die Hälfte der Belegschaft von Universal sprach deutsch. Dabei war Laemmle eine Größe unter den Deutsch-Amerikanern im »Weimar am Pazifik«, wie sich die deutsche Künstlergemeinde in den 1920er Jahren in Los Angeles nannte, sowie unter den geflüchteten Exildeutschen in den dreißiger Jahren. Während zwei Weltkriege die Erinnerung an die Deutsch-Amerikaner und besonders an die deutschen Ursprünge Hollywoods ausgelöscht haben, stellt sich trotzdem die Frage, warum Carl Laemmle heute vergessen ist.
Die vorliegende Biografie beruht auf den Forschungsergebnissen meiner an der Universität Heidelberg verfassten Dissertation über Carl Laemmles Leben. Sie stützt sich auf ein Korpus aus veröffentlichten und unveröffentlichten Quellen aus Archiven auf beiden Seiten des Atlantiks. Hinzu kommen zahlreiche deutsche und amerikanische Tageszeitungen, die über Laemmle berichteten oder ihn interviewten, Briefwechsel von Laemmle mit Angestellten, Freunden und Filmschaffenden seiner Zeit und eigene Publikationen Laemmles wie beispielsweise das Filmmagazin Universal Weekly.
1. Kapitel
In Laupheim
1867–1883
Der »Laupheimer Verkündiger« fragte in einem Artikel aus dem Jahre 1923 seine Leser voller Stolz: »Und warum kommt Carl Laemmle jedes Jahr zur Sommerzeit nach Laupheim? Weil er es liebt! Er liebt seine Bewohner, jede Straße, jede Gasse, jedes Winkelchen. Das Band, das ihn mit dem Leben verknüpft, kann nicht stärker sein als das, welches ihn mit der Heimat verbindet.«
Dieser kleine Auszug beschreibt vielleicht am treffendsten die Verbindung, die Carl Laemmle zu seiner Heimatstadt hatte. Er wurde nicht nur in Laupheim geboren und lebte dort gern, er war von ganzem Herzen ein »Laupheimer«. Obwohl er sich entschlossen hatte auszuwandern und er die meiste Zeit seines Lebens auf der anderen Seite des Ozeans weit entfernt von Laupheim verbrachte und später auch die amerikanische Staatsbürgerschaft annahm, änderte sich seine Verbundenheit zu seiner Heimatstadt nie. Carl Laemmles Lebensgeschichte kann man daher nur erklären, wenn man die Bedeutung von Laupheim für sein Leben versteht: Laupheim verkörperte für Laemmle nicht nur seine Vergangenheit, Kindheit und Jugend, sondern bildete auch die Grundlage für seine Identifikation mit der deutsch-jüdischen Gemeinschaft.
Die Tatsache, dass er so häufig wie nur möglich nach Laupheim zurückkehrte, zeigt auch, dass die Verbindung zwischen ihm und seinem Geburtsort mit den Jahren sogar noch stärker wurde. Beinahe jedes Jahr besuchte er Laupheim, denn die Stadt war für ihn emotional genauso bedeutsam wie Universal City, die Studiostadt, die er selbst in den Hollywoodhügeln Kaliforniens erbauen ließ.
Seine jährlichen Besuche in Deutschland waren ein besonderes Ereignis sowohl für seine Familie als auch für die Bewohner Laupheims. Immer wieder wurde er als alter Freund wie auch als internationaler Geschäftsmann willkommen geheißen. Während seiner Besuche weilte er zumeist im Gasthaus »Zum Roten Ochsen«, das in der Nähe seines Elternhauses stand. Dort traf er sich mit alten Bekannten und Fremden, die ihn zu begrüßen eilten, und nicht selten Gesuche an den berühmten Sohn Laupheims richteten. Carl Laemmle spielte dabei gern den »reichen Onkel aus Amerika«, dem es im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten gelang, seinen American Dream Wirklichkeit werden zu lassen. Sein Reichtum, sein Einfluss und seine Position in der amerikanischen Gesellschaft erregten die Bewunderung der Bewohner seines Geburtsortes.
Laemmles Unterstützung für die Menschen in Laupheim verschaffte ihm hohes Ansehen unter seinen ehemaligen Nachbarn. Mit seinem Geld konnten Schulen, Parks, öffentliche Bäder und sogar Häuser für die Armen der Stadt gebaut oder wieder errichtet werden. Sein größter Beitrag war jedoch seine Unterstützung der Laupheimer Gemeinde nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Er stellte Essen, Kleidung und Geld für die Einwohner der Stadt zur Verfügung und half ihnen, die Stadt, die zwar nicht vom Krieg zerstört wurde, dennoch aber in den Kriegsjahren gelitten hatte, wieder aufzubauen. Der »Laupheimer Verkündiger« schrieb: »Wir vergessen nicht, wie es war nach dem Krieg: Nur Not, kein Brot, Krankheit und Elend. Carl Laemmle aber hatte immer ein offenes Herz für seine Vaterstadt. Wir vergessen es nicht!« Angesichts seiner Philanthropie wurde er von der Stadt Laupheim im Jahr 1919 zum Ehrenbürger ernannt. Schließlich wurde eine der großen Straßen zu seinen Ehren »Carl-Laemmle-Straße« genannt.
Aber auch er geriet mit den Nationalsozialisten in Konflikt und war in seinen letzten Lebensjahren nicht imstande, nach Laupheim zurückzukehren, da er ab 1933 nicht mehr nach Deutschland einreisen durfte. Doch Laemmle kannte den Schuldigen. Für das Einreiseverbot machte er niemals Laupheim, sondern lediglich die NSDAP verantwortlich. Das zeigt sich auch darin, dass er in seinen letzten Lebensjahren eine Stiftung in Höhe von 100000 Dollar für Laupheim ins Leben rief. In seinem Testament forderte Laemmle zudem seine Kinder auf, seine Tätigkeit fortzuführen und die deutschen, besonders die Laupheimer Juden, die ihre Hilfe benötigten, zu unterstützen und ihnen zu helfen.
Auch auf seinem Sterbebett richtete Carl Laemmle seine letzten Gedanken an Laupheim. Laemmles Sohn, Carl Laemmle Jr., erinnerte sich: »Er hat Laupheim geliebt und sich an so viele Leute, an so viele Plätze erinnert ...« Seine Verbundenheit mit der Heimat wurde weder durch die Zeit noch durch die politischen Umstände jemals geschwächt. Er war mit ganzem Herzen bis zum Ende seines Lebens ein wahrer »Laupheimer«.
Die deutsch-jüdische Gemeinde in Laupheim
Carl Laemmles Geburtsstadt Laupheim war um 1860 ein kleines Städtchen, wie es viele in Württemberg gab. Die Bevölkerung der Stadt bestand wie in dieser Zeit üblich aus Katholiken, Protestanten und Juden. Das einzig Beachtenswerte an Laupheim war die hohe Anzahl an jüdischen Einwohnern. Darin unterschied sich die Stadt deutlich von ihren Nachbargemeinden. Aufgrund des hohen Anteils jüdischer Bürger war Laupheim eine der wichtigsten und größten jüdischen Gemeinden im Süden Deutschlands.
Die jüdischen Einwohner waren in vielerlei Geschäfte involviert. Sie handelten mit Gewürzen, Pferden und Rindern. Einige von ihnen waren Pelzhändler. Am 25. April 1828 erließ das Königreich Württemberg das »Gesetz in Betreff der öffentlichen Verhältnisse der israelitischen Glaubensgenossen«, auch Gleichstellungsgesetz genannt. Damit wurden alte Verbote, die den Juden bezüglich ihrer Arbeit auferlegt worden waren, zurückgenommen. Bis zu diesem Gesetz war den Juden in Württemberg die Ausübung von akademischen und handwerklichen Berufen verboten. Danach wurde zwar ein Berufsfindungsprogramm aufgelegt, das Juden vorzugsweise in handwerkliche Berufe bringen sollte, doch lebten die Laupheimer Juden noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts vorwiegend vom Handel. Teilweise blieb ihnen auch nichts weiter übrig, weil sie auch weiterhin nicht in die Handelsgilden und Zünfte aufgenommen werden durften.
Trotz dieser Restriktionen war Laupheim zu jener Zeit ein Paradebeispiel an jüdischer Integration. Durch das Gleichstellungsgesetz war es den Juden in Laupheim erlaubt, eigenes Land zu besitzen, in der Landwirtschaft zu arbeiten und zum Militärdienst eingezogen zu werden. Bis 1824 hatte die jüdische Gemeinschaft in Laupheim eine Schule gebaut und mehrfach die alte Synagoge erweitert, die 1771 ursprünglich am Marktplatz auf dem »Judenberg« errichtet worden war. Im Jahr 1864 erhielten die Juden das Wahlrecht, und sie durften ihre eigenen Repräsentanten in den Gemeinderat wählen. Dies führte sowohl zu einigen Spannungen zwischen den Juden und den anderen Einwohnern Laupheims, als auch zu Berührungspunkten. Beides waren zwei geschlossene und separierte Gesellschaften, die bis zum Ende des 18. Jahrhunderts zwar nebeneinander existierten, allerdings wenig Austausch hatten. Seit Jahrhunderten waren die jüdischen Gemeinden aufgrund ihres Äußeren als solche zu erkennen. Ihr Erscheinungsbild bestimmte die Art und Weise, wie sie behandelt wurden, beziehungsweise ob sie akzeptiert oder ausgeschlossen wurden. Ihre Kleidung, Tradition, Häuser, Sprache, Gebete und Erscheinung machten sie – rein äußerlich – zu einer eigenständigen Gruppe innerhalb einer Dorfgemeinschaft. Nun, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, änderte sich das. Beide Seiten machten einen Schritt aufeinander zu. Dies hatte eine positive Auswirkung auf die Gesellschaft, Politik und nicht zuletzt auch auf die Wirtschaft beider Seiten. Die neue Politik führte zu einer höheren Integration und Toleranz in Laupheim:
»Darum konstatieren wir ... mit allem Nachdruck, dass in unserem Laupheim die ächte, wahre und wirkliche Toleranz im besten Sinne des Wortes allseitig zur Geltung gekommen ist. Eine jede Konfession übt unbehindert und unangefochten ihre Rechte und Pflichten, so dass niemals ein Zwiespalt zu Tage getreten ist. Daher kommt es auch, dass der Verkehr zwischen allen Konfessionen ein reger und ungetrübter ist, ohne dass je an dem Konfessionellen gerührt würde. Selbst bei der äußerlichen Feier der konfessionellen Festtage und Festgebräuche wird immer die gegenseitige Achtung und Harmonie gewahrt, so dass andere Städte hier das schönste Beispiel wirklicher Toleranz nachzuahmen finden könnten.«
Die soziale und wirtschaftliche Emanzipation führte zu einem Prozess der Säkularisierung. In Laupheim gingen die Spannungen und antisemitischen Reaktionen mit der Zeit zurück, verschwanden letztlich aber nicht. Trotz der Toleranz und Offenheit gegenüber den Laupheimer Juden waren die Ereignisse um die Reichspogromnacht im November 1938 von zerstörerischem Ausmaß wie andernorts auch.
Carl Laemmles Kindheit
Mitten im Ersten Weltkrieg und unmittelbar vor dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten im Jahr 1917 feierte ganz Laupheim Carl Laemmles 50. Geburtstag. Der 17. Januar, der Tag, an dem Laemmle geboren worden war, wurde in seiner Heimat zum Carl-Laemmle-Tag. Beinahe jeder, der ihn auch nur entfernt kannte, wurde zum feierlichen Festessen eingeladen, denn Carl Laemmle liebte große Festgesellschaften. Wenn er an seine Nachbarn und Bekannte aus Laupheim dachte, so bezeichnete er sie vielmehr als seine erweiterte Familie.
Fünfzig Jahre zuvor, am 17. Januar 1867, konnte sich jedoch niemand vorstellen, dass das Kind armer jüdischer Eltern, das an diesem Tag geboren worden war, einmal einen derartigen Bekanntheitsgrad erlangen würde. Carl war das zehnte Kind des jüdischen Kaufmannes Julius Baruch Laemmle und seiner Frau Rebekka. Ihm war es beschieden, berühmter zu werden als die ganze Stadt und als die jüdische Synagoge. Obwohl Carl in einer Zeit geboren wurde, in der die jüdische Wirtschaft aufblühte und die Integration der Juden in Laupheim weit vorangeschritten war, verbrachte er seine Kindheit in Armut. Sein Vater Julius Laemmle handelte zwar mit Vieh und war auch an einigen Grundstücksgeschäften beteiligt, doch reich waren die Laemmles nicht. Als Carl zur Welt kam, war sein Vater bereits 47 Jahre alt und kämpfte stetig mit dem harten Alltag, um seine Familie über die Runden bringen zu können. Carls Mutter Rebekka Laemmle wurde 1831 geboren und war elf Jahre jünger als ihr Gatte. Alle nannten sie nur bei ihrem Spitznamen »Babette«. Ihr Lebensinhalt konzentrierte sich auf die Erziehung ihrer zahlreichen Kinder.
Carl wurde wie seine Geschwister zu Hause geboren. Er kam am 17. Januar 1867 gegen neun Uhr am Morgen auf die Welt. Eine Woche später, am 25. Januar, wurde er nach jüdischer Tradition von Aron Wolf Straus in Gegenwart der Familie beschnitten.
Der junge Laemmle wuchs in einer Großfamilie aus vielen Geschwistern, Onkeln und Tanten auf. Doch unglücklicherweise überlebten nur vier der zwölf Laemmle-Geschwister die Kindheit. Die Geschwister, mit denen Carl aufwuchs, waren sein ältester Bruder Joseph, der 1854 geboren worden war, der vier Jahre ältere Siegfried, die 1864 geborene Karoline und sein jüngerer Bruder Louis, der im Jahr 1870 das Licht der Welt erblickte. Während sechs seiner Geschwister vor seiner Geburt bereits verstorben waren, verschieden zwei weitere Geschwister zu Laemmles Lebzeiten.
Die Familie besaß ein Haus in der Radstraße 9 auf dem sogenannten Laupheimer »Judenberg« nahe dem Gasthaus »Zum Ochsen«, dem traditionellen jüdischen Gasthaus. Das Haus der Laemmles war nicht sonderlich beeindruckend, doch erfüllte es seinen Zweck und gab der Familie ein Dach über dem Kopf. Später, als Carl Laemmle bereits zu einer Berühmtheit aufgestiegen war, wurde das Haus mit seinem kleinen Garten auch als »Villa Laemmle« bezeichnet. Hier verbrachte Carl die meiste Zeit, wenn er Laupheim besuchte.
Als er sieben Jahre alt war, wurde Carl in die jüdische Schule geschickt, die er vier Jahre lang, von 1874 bis 1878, besuchte. Danach ging er auf die Lateinschule, die in Laupheim die weiterführende Schule darstellte. Um an dieser Schule angenommen zu werden, musste Carl zwei Voraussetzungen erfüllen. Zunächst musste er das Zulassungsexamen bestehen, das aus einem Leseverständnistest auf Deutsch und Latein, einem Diktat auf Deutsch und Latein sowie aus einer Prüfung in Arithmetik bestand. Die zweite Voraussetzung bestand darin, dass seine Eltern Schulgebühren entrichten mussten, die nicht unbeträchtlich waren.
Das Lehrprogramm der Lateinschule beinhaltete vor allem eine Erziehung im Sinne der klassischen Bildung. Neben dem Erlernen von Latein, das 14 Wochenstunden einnahm, wurde Carl Laemmle drei Wochenstunden in Deutsch und vier in Arithmetik unterrichtet. Zu diesen drei Hauptfächern kamen jeweils ein oder zwei Stunden Geschichte, Erdkunde, Rechtschreibung und Religion hinzu. Der Unterricht in Religion wurde dabei bald von den christlichen Kirchengemeinden oder von der Synagoge übernommen, so dass Laemmle weitere Wochenstunden in Deutsch und Arithmetik besuchen konnte.
Obwohl Laemmle immerhin 32 Wochenstunden Unterricht absolvieren und sich darauf auch noch vorbereiten musste, erinnerte er sich immer gern an seine Schulzeit. In einem Film, den er Jahre später über seine Heimatstadt produzieren sollte, baute er ein kleines Gedicht voller Melancholie und schöner Erinnerungen ein: »Als ich ein kleiner Junge war / Mit kurzen Hosen und langem Haar / Ging ich in’s Schulgebäude hin / Mit frohem Mut und heiterm Sinn / Ach, lang ist’s her – der Weg war weit, / Den ich gegangen in der Zwischenzeit / Ich arbeitete schwer, rastete nie / Jungens von Laupheim / Ich sag’s Euch wie!«
Laemmle war kein außergewöhnliches Kind. Wie alle anderen auch spielte er auf der Straße oder ging mit Freunden im nahen Bach schwimmen oder fischen. Als man sie später befragte, konnten seine Schulkameraden sich mit dem besten Willen nicht daran erinnern, dass Carl Laemmle in irgendeiner Weise aufgefallen wäre. Wie es bei ärmeren Familien dieser Zeit üblich war, musste Carl die Schule schon früher verlassen. Eine Ausbildung seines Sohnes von der Grundschule bis zum Gymnasium konnte sich Julius Laemmle schlicht und ergreifend nicht leisten. Statt der üblichen drei oder vier Jahre durfte er nur zwei Jahre die Lateinschule besuchen. Danach sollte er sich etwas Praktischerem zuwenden. Für Carl Laemmle begann somit 1880 der Ernst des Lebens.
Die finanzielle Situation der Familie zwang den 13 Jahre alten Carl, sich nach einer Anstellung umzuschauen. Dabei spielte seine Mutter Rebekka eine entscheidende Rolle. Sie widmete sich zwar fast ausschließlich den häuslichen Pflichten sowie der Kindererziehung, dennoch hatte sie einen ausgeprägten Sinn für die Realität und galt als kluge und verantwortungsbewusste Frau. Über einen Cousin gelang es ihr, eine dreijährige Ausbildung für Carl zu arrangieren. Hierzu musste der Junge nach Ichenhausen, das etwa 50 Kilometer entfernt in Bayern lag. Für Rebekka war es normal, dass sie solche Entscheidungen für ihre Kinder traf. Sie war es auch, die am 26. April 1880 gemeinsam mit dem jungen Carl in Richtung Ichenhausen aufbrach, um seinen künftigen Arbeitgeber, die Familie Heller, zu treffen. Die Hellers besaßen dort einen Gemischt- und Handelswarenladen. Dort sollte Carl eine Kaufmannslehre absolvieren. Es fiel dem jungen Laemmle schwer, Abschied von der Mutter, seiner Familie, den Freunden und der Laupheimer Gemeinschaft zu nehmen. War er doch 1880 noch ein halbes Kind, wenngleich er der jüdischen Tradition zufolge nun dem Erwachsenenalter angehörte. Doch Rebekka Laemmle war sehr bestimmend, und Carl fügte sich in sein Schicksal.
Laemmle blieb keine andere Wahl. Er musste sich mit seinem neuen Leben anfreunden und an den Alltag in der fremden Familie gewöhnen, die ihn als Lehrling aufgenommen hatte. Dabei waren die Hellers sehr freundlich zu Carl und beobachteten mit großem Wohlwollen seine Fortschritte. Sie brachten ihm einen großen Vertrauensvorschuss entgegen, bis Carl schließlich vom Laufburschen zu einem ausgezeichneten Buchhalter herangewachsen war. Die Hellers vertrauten ihm so sehr, dass sie ihn schließlich auch auf Geschäftsreisen mitnahmen. Betrachtet man Laemmles Leben insgesamt, so war seine Ausbildung in Ichenhausen in dem kleinen Handelsgeschäft der Hellers von großer Bedeutung für alles, was er später als Filmproduzent und Leiter eines großen Studios tat. An eine solche Karriere war jedoch damals noch nicht zu denken. Für den Moment sah es so aus, als würde sich der Wunschtraum seiner Mutter erfüllen. Nach dem Ende seiner Ausbildung im Jahr 1883 hatte Carl Laemmle ein gutes und inniges Verhältnis zur Heller-Familie und dachte darüber nach, auch weiterhin dort – dann aber als fester Angestellter – zu arbeiten. Auch seine Mutter riet ihm dazu, seiner Karriere bei den Hellers nachzukommen. Sie wünschte sich, dass er einmal bis zum Geschäftspartner aufsteigen und sich fest in Ichenhausen niederlassen würde.
Im Alter von 16 Jahren sah Laemmles Welt gar nicht so schlecht aus. Er hatte bereits einige Berufserfahrung – und vor allem einen großen Ehrgeiz. Ihm gefiel es, als Buchhalter bei den Hellers zu arbeiten und in seiner Freizeit besuchte er die nahe gelegene Stadt Ulm – die größte Stadt im ganzen Umkreis. Vor allem aber nutzte er jede Möglichkeit, um nach Laupheim zurückzukehren.
Doch Ende des Jahres 1883 nahm Carls Leben, das bereits vorbestimmt und durchgeplant erschien, eine scharfe Wendung. Im September wurde seine Mutter sehr krank. Sie starb nach einer misslungenen Operation am 3. Oktober 1883 im Alter von 52 Jahren. Rebekka Laemmle wurde auf dem jüdischen Friedhof in Laupheim begraben. Ihr plötzlicher Tod war für die Familie ein schwerer Schlag. War sie doch sowohl das Herz als auch der planende Verstand der Familie, der sie bislang zusammengehalten und durch alle Krisen geführt hatte. Für Carl, der seiner Mutter sehr nahe stand, war ihr Tod eine Tragödie. Er hatte zwar immer auch ein gutes Verhältnis zu seinem Vater gehabt, aber aufgrund des großen Altersunterschiedes war ihm die Mutter immer näher gewesen. Dass sie so plötzlich aus dem Leben gerissen wurde, traf den jungen Laemmle hart. In Laupheim erinnerte ihn alles an seine Mutter, hier wollte und konnte er nicht mehr bleiben.
2. Kapitel
Der Einwanderer
1884–1906
Der Tod von Rebekka Laemmle bedeutete einen Wendepunkt in seinem Leben. Ihr hatte er immer versprochen, in der Heimat zu bleiben. Nun war sie gegangen, und Carl fühlte tief in seinem Inneren, dass er zu einem neuen Leben aufbrechen musste. Seine Trauer zog ihn in die Ferne, und er beendete seine in Ichenhausen begonnene Laufbahn, die im Grunde nur der Plan seiner Mutter gewesen war, nie sein eigener. Nun wollte seinem Instinkt folgen, weggehen und sein Glück woanders versuchen.
Nur wenige Wochen nach der Beerdigung seiner Mutter stellte Carl Laemmle daher den Antrag, aus der deutschen Staatsbürgerschaft entlassen zu werden. Nun war er fest entschlossen: Er wollte auswandern und den vielen Millionen Deutschen folgen, die ihr Glück in Nordamerika versuchten!
Am 19. Dezember 1883 erhielt er schließlich die ersehnten Papiere, die bestätigten, dass er das Deutsche Reich verlassen und auswandern durfte. Ihm stand es nun frei, es seinem Bruder Joseph gleich zu tun und in die Vereinigten Staaten zu gehen.
Obwohl die Entscheidung zur Auswanderung nach dem Tod der Mutter nachträglich wie übers Knie gebrochen wirkt, hegte Laemmle bereits zuvor Gedanken an ein Leben in der Neuen Welt. Ausgelöst wurden diese Überlegungen von seinem älteren Bruder Joseph. Er hatte Deutschland schon vor über 10 Jahren, im Jahre 1872, in Richtung Amerika verlassen. Damals war Carl noch ein Kind, kaum fünf Jahre alt, und er erinnerte sich nur dunkel an seinen Bruder. Was er aber mitbekam, waren die vielen Briefe, die Joseph regelmäßig an seine Familie schickte. Darin beschrieb er die Wunder und Besonderheiten des amerikanischen Alltags, die er in der Neuen Welt erlebte. Besonders beeindruckt war der in Chicago lebende Joseph Laemmle von der Schönheit der Natur, den weiten Prärien, der Möglichkeit, eigenes Land zu besitzen, und den schnell wachsenden, gewaltigen Städten. Josephs Briefe wiederum imponierten dem jungen Carl sehr. Sie spielten eine große Rolle dabei, den Entschluss zur Auswanderung in Carl Laemmle reifen zu lassen.
Die sogenannten »Amerikabriefe« der deutschen Überseeauswanderer waren weit verbreitet in Deutschland. Von Beginn des 19. Jahrhunderts an bis zum Ersten Weltkrieg wanderten insgesamt über 5,5 Millionen Deutsche nach Nordamerika aus. Die meisten von ihnen schrieben zurück in die alte Heimat. Teilweise übertrieben die Auswanderer in ihren Schilderungen, um ihren Entschluss vor der Familie zu rechtfertigen, in Deutschland aber galten die Informationen über die Vereinigten Staaten, die man von einem Familienmitglied erhielt, als wahrheitsgemäße Beschreibung aus erster Hand. Die Briefe lieferten in den Augen der Daheimgebliebenen exakte Details, was einen Auswanderer in Nordamerika erwarten würde, auch wenn die Wirklichkeit der Einwanderer in den Ghettos und Quartieren der großen Städte oft anders aussah.
Die Tatsache, dass Joseph Laemmle seit seiner Auswanderung nie wieder nach Hause zurückgekehrt war, verlieh ihm innerhalb der Familie Laemmle einen legendären Status. Was er schrieb, kam bei den Laemmles einem Mythos gleich, an den sie fortan glaubten. Nicht selten wurde das Eintreffen seiner Briefe mit viel Trubel gefeiert, und auch der junge Carl erlebte diese »Familienereignisse« seine gesamte Kindheit und Jugend lang stets mit.
Doch die Laemmles waren damit nicht allein. Mit großer Macht beeindruckten die »Amerikabriefe« nicht nur Carl und seine Familie, sondern alle Auswanderungswilligen. Beinahe jeder kannte einen Auswanderer, hoffte und bangte mit ihm und wartete auf Post. So erhielten auch die Nachbarn der Laemmles Briefe von ihren amerikanischen Verwandten, die das, was Joseph geschrieben hatte, auf ihre Weise bestätigten. Manche Briefe enthielten auch direkte Aufforderungen, die Daheimgebliebenen ebenfalls zur Migration zu ermutigen und ihnen in »das Land der unbegrenzten Möglichkeiten« zu folgen.
Heute sind sich die Historiker einig: Keine Werbeagentur hätte die auswanderungswilligen Deutschen effektiver zum Verlassen der Heimat bewegen können als die Briefe der Verwandten, Bekannten und Freunde aus Amerika. Sogar kritische Briefe lösten Begeisterung aus und hatten keine negative Auswirkung auf den Auswanderungswilligen.
Durch Josephs Briefe wuchs Carl gewissermaßen damit auf, sich Amerika als ein magisches Land vorzustellen, das unfassbar weit entfernt lag und geradezu märchenhafte Züge besaß. Hätte es die Briefe nicht gegeben, Laemmle hätte fast an der Existenz von Amerika gezweifelt. Auch wenn Carl stets im Stillen gehofft hatte, die Wunder von Amerika einmal mit eigenen Augen sehen zu können, erstickte seine Mutter solche Erwartungen schon im Keim. Sie wollte auf keinen Fall ein weiteres Kind an Amerika verlieren. Carl sollte zu Hause bleiben und eine anständige Ausbildung erhalten. Deshalb kümmerte sie sich nicht nur darum, dass Carl eine gute Anstellung in der Region fand, sondern rang ihm zusätzlich das Gelübde ab, niemals an Auswanderung zu denken, solange sie noch lebte. Da Carl zu jung war, um zu verstehen, was Amerika war und Auswanderung bedeutete, gab er seiner geliebten Mutter dieses Versprechen.
Doch damit verschwand keineswegs seine Begeisterung für Amerika. Angeregt durch Josephs Briefe wollte er bald mehr über das ferne Land erfahren. Als er in Ichenhausen bei den Hellers seiner Ausbildung nachging, besorgte er sich Bücher und Groschenhefte über die Vereinigten Staaten, über Cowboys und über Indianer. Wie viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene in seiner und den nachfolgenden Generationen flüchtete er sich in seiner Fantasie in den Wilden Westen und erlebte dort Abenteuer. Je mehr er las, desto mehr wünschte er sich, Amerika einmal mit eigenen Augen zu sehen. Eine zentrale Rolle spielten dabei seine Vorstellungen von den Indianern. Carl Laemmle wollte unbedingt einmal in seinem Leben einem »echten« Indianer begegnen.
Nach dem Tod seiner Mutter fühlte sich Carl nicht mehr länger an sein Wort gebunden. Er war frei zu gehen. Und er wusste, dass seine Zukunft weder in Laupheim noch in Ichenhausen lag. Brav hatte er seine Ausbildung abgeschlossen, doch nun wollte er sich jenen Träumen hingeben, die er seit Kindheitstagen in sich trug. Er wollte nach Amerika. Er verabschiedete sich von den Hellers und bereitete sich auf die Auswanderung vor. Dabei glaubte Carl fest daran, dass ihn sein älterer Bruder unter die Fittiche nehmen würde. So fiel es ihm leicht, den schwerwiegenden Entschluss zu fassen. Er würde in Amerika nicht allein sein und rechnete damit, dass Joseph ihn in die Gesellschaft der Neuen Welt einführen würde. Von ihm würde er alle notwendigen Auskünfte über Miete, Arbeit und Verkehr erhalten.
Carl Laemmle war auch in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Viele Auswanderer immigrierten als Familie, Verein oder sogar ganzes Dorf. Oder sie wanderten zu einem Verwandten beziehungsweise Bekannten, der bereits zuvor übergesiedelt war. Dieses Phänomen der Kettenwanderung bestimmte weite Teile der deutschen Überseeauswanderung im 19. Jahrhundert.
Die weiteren Schritte der Auswanderung dauerten nicht lange, nachdem Laemmle die Entlassung aus der deutschen Staatsbürgerschaft im Dezember 1883 erhalten hatte. Im Prinzip fehlte es ihm nur am nötigen Geld, die Überfahrt zu finanzieren. Die notwendige Hilfe und Unterstützung kam von Laemmles Vater, der die Entscheidung des Jungen verstand und akzeptierte. Er half ihm, die notwendige Summe, die Carl sowohl als Garantie hinterlegen als auch für die Überfahrt bezahlen musste, aufzubringen. So schenkte Julius Laemmle seinem Sohn zu dessen 17. Geburtstag im Januar 1884 einen Fahrschein, mit dem er auf einem Dampfschiff von Bremerhaven nach New York reisen konnte. Obwohl es heute schwierig ist, die Beziehung von Vater und Sohn nachzuzeichnen und Carl sich wohl eher zu seiner Mutter hingezogen fühlte, unterstützte ihn der Vater nach Kräften. Neben dem nötigen Geld für die Passage stand Julius Laemmle seinem Sohn vor allem moralisch bei. Bevor Carl aufbrach, schrieb Julius für seinen Sohn ein Gedicht mit Ratschlägen, dessen Inhalt ihn durch sein weiteres Leben führen sollte:
Vertrau auf Gott wie auf Lebens Freuden
Die letzte auch Dich zu verlassen droht.
Wenn Dir die Gegenwart nur unter Leiden
Die Zukunft Dir erscheint als Bild der Noth
Vertrau auf Gott, der unsichtbar Dich schützet.
Sein Kind verlässt der gute Vater nicht.
Er weiß am besten was Dir nützet
Und ewig hält er was er Dir verspricht.
Mögen Dich, lieber Karl diese Zeilen
Manchmal erinnern an Deinen Dich
Liebenden treuen
Vater Julius.
Am 28. Januar 1884 war es schließlich soweit. Voller Aufregung, aber entschlossen verabschiedete sich Carl Laemmle gemeinsam mit seinem Schulfreund Leo Hirschfeld, der ebenfalls auswanderte, von seinem Vater am Laupheimer Bahnhof. Dann bestieg er den Zug in Richtung Stuttgart und begann das Abenteuer seines Lebens. Carls Bruder Siegfried begleitete die beiden bis in die württembergische Hauptstadt. Von dort mussten Carl und Leo allein ihren Weg nach Bremerhaven finden. Drei Tage später, am 31. Januar 1884, befanden sich die beiden Schulfreunde an Bord des Dampfers S.S. Neckar, der sie nach New York bringen sollte. In diesen Tagen waren sie weiter gereist als jemals zuvor in ihrem Leben.
Bremerhaven war ein belebter Ort. Er quoll von Auswanderern nahezu über. Menschen aus allen Ecken und Enden Deutschlands und Europas waren aus den unterschiedlichsten Gründen in die Hafenstadt gekommen, um nach Nordamerika auszuwandern, alle aber hofften, dort ein besseres Leben zu finden. Viele hatten noch keinen Fahrschein für die Überfahrt oder mussten auf ihre Schiffe warten und schliefen solange in Baracken und Hallen, die für die Auswanderer im Hafengebiet errichtet worden waren.
Carl und Leo besaßen jedoch schon ein Ticket, und so blieb es ihnen erspart, länger in Bremerhaven verweilen zu müssen. Das Schiff, das sie nach Amerika bringen sollte, gehörte dem Norddeutschen Lloyd, der in den Jahren von 1874 bis 1886 regelmäßig zwischen Bremerhaven und New York verkehrte. Der Dampfer war über 106 Meter lang, knapp 13 Meter breit und konnte 144 Passagiere in der ersten Klasse, 68 in der zweiten Klasse und 502 in der dritten Klasse im Zwischendeck befördern, wo die meisten Amerikaauswanderer ihren Platz hatten und in gemeinsamen Schlafräumen die Überfahrt verbrachten.
An Bord des Schiffes lernten Carl und Leo zwei weitere deutsche Jungen kennen, die auf der Suche nach Glück, Wohlstand und Abenteuer nach Amerika aufgebrochen waren: Julius Hilder und Julius Klugman aus Bayern. Die vier Jungens waren sich sehr schnell einig, dass die Unterbringung im Zwischendeck nicht zu ertragen war. Sie waren dazu bereit, einen Teil ihres Geldes, das sie für den Start in New York eingeplant hatten, in eine eigene Kabine zu investieren. Einer der Offiziere des Dampfers erbarmte sich und bot Leo und Carl unter der Hand eine Kabine für 30 Dollar an. In der eigenen Kabine hatten die beiden wenigstens ihre Ruhe, wenngleich die Schlafvorrichtung auch nicht viel komfortabler als im Zwischendeck war. Schon bald ärgerte sich Laemmle, dass er die 30 Dollar investiert hatte, die er eigentlich erst in der Neuen Welt hatte ausgeben wollen.
Leo und er blieben die meiste Zeit während der dreizehntägigen Überfahrt in ihrer Kabine. Am 13. Februar 1884 erreicht die S.S. Neckar endlich New York. Jedoch musste das Schiff wegen des starken Nebels einen Tag lang vor dem Hafen vor Anker gehen, und Carl und Leo mussten warten. Als sie endlich in den Hafen einfuhren, stürmte Julius Klugman in Carls Kabine und zog ihn an Deck. Zwar wurde die Freiheitsstatue erst zwei Jahre später im New Yorker Hafen errichtet, dennoch fühlten die meisten Einwanderer bei der Einfahrt in den Hafen, dass sie endlich das Land der Freiheit erreicht hatten. Es fiel ein feiner Nieselregen, und Laemmles erster Blick an der Seite von Julius Klugman auf das Land der Freiheit wurde durch einen nebligen Schleier getrübt. Im Hintergrund erschienen die grauen Hochhäuser Manhattans unter einem ebenso grauen Himmel. Später erinnerte sich Laemmle an diesen Augenblick: »Das erhoffte ›El Dorado‹ war ein eher entmutigendes Spektakel.«
Erste Schritte in der Neuen Welt
Im Februar 1934 erhielt Carl Laemmle von Herbert H. Lehman, dem Gouverneur von New York, folgendes Telegramm: »Mein lieber Herr Laemmle, ich habe gerade erfahren, dass Sie morgen den 50. Jahrestag ihrer Ankunft in New York feiern werden. Darf ich die Gelegenheit wahrnehmen und Ihnen ganz herzlich zu den vielen Errungenschaften und ihrem Dienst an der Gesellschaft gratulieren. Ich weiß, dass sie als armer Junge hierher kamen, ohne jegliche Unterstützung und unter vielen Beschwernissen. Der Erfolg, den Sie errungen haben – in der Geschäftswelt wie in örtlichen Aktivitäten – ist daher umso erwähnenswerter. Und ich bin sicher, dass Sie, Ihre Familie und Ihre Freunde sehr stolz darauf sind. Ich sende Ihnen die herzlichsten Glückwünsche und besten Grüße für viele weitere gesunde, glückliche und aktive Jahre. Ihr Herbert H. Lehman.«1
An dem nebligen und regnerischen Morgen des 14. Februar 1884, als Laemmle zum ersten Mal New York erblickte, hätte er sich nicht vorstellen können, dass er in genau 50 Jahren ein Glückwunschschreiben vom Gouverneur des Staates New York zu seiner Einwanderung erhalten würde. Für Carl war Amerika zu diesem Zeitpunkt ein unbekanntes Universum, mit eigenen Regeln, geschrieben und gesprochen in einer fremden Sprache, die er nicht verstand. Amerika war für ihn voll von Träumen und Vorstellungen, die er sich durch die Briefe seines Bruders und Groschenhefte angeeignet hatte. Die Realität sah nun etwas anders aus.
In späteren Jahren, als Laemmle ein etablierter und bekannter Filmmogul war, wurde seine Ankunft in der Exhibitors Daily Review, einem Filmmagazin, verklärt und entsprechend heroisch dargestellt: »Vor 45 Jahren, um genau zu sein, am Valentinstag 1884, zog ein junger Mann einen schweren Koffer aus dem Bauch des Dampfers Neckar die Planke hinab ... Voller Enthusiasmus betrat er amerikanischen Boden. Er besaß nicht viel mehr als 50 Dollar und die Kleidung, die er trug. Aber er trug mehr als das bei sich – etwas, das nicht in Dollar und Cent gemessen werden kann. Er besaß die Begeisterungsfähigkeit und die Lebenslust eines siebzehn Jahre alten Jungen und er hatte das unbeschränkte Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten, in diesem Land der Möglichkeiten erfolgreich zu werden.«2
Die erste Herausforderung von Carls Abenteuer in Amerika bestand darin, Castle Garden zu passieren. Castle Garden fungierte seit 1855 als Empfangsstation für Einwanderer. Erst 1892 wurde es durch das heute viel bekanntere Ellis Island abgelöst. Es war die erste zentrale Sammelstelle für Einwanderer in die USA überhaupt und wurde schnell zu einem der belebtesten Punkte New Yorks. Täglich passierten hunderte Immigranten die Station, die an der Südspitze von Manhattan lag. Zwischen 1865 und 1873 kamen über 200000 Einwanderer allein durch Castle Garden nach New York. Dort mussten sie mehrere offizielle Stellen passieren, bekamen ihre Papiere ausgehändigt und wurden gründlich medizinisch untersucht. Niemand sollte eine Seuche einschleppen. War der Gesundheitszustand zweifelhaft, konnte es einem Einwanderer passieren, dass er wochenlang in Quarantäne kam.
Ungeduldig betrat Carl Laemmle Castle Garden als registrierter Passagier Nummer 334. Zusammen mit den anderen drei deutschen Jungen erhielt er seine Papiere, wurde untersucht und erhielt die Bestätigung, dass es ihm nun freigestellt sei, amerikanischen Boden zu betreten. Nun überkam Laemmle Wehmut. Er konnte all die anderen Einwanderer beobachten, auf die irgendjemand, ein Freund, Bekannter oder ein Familienmitglied, in der Neuen Welt gewartet hatte. Doch auf Carl Laemmle wartete niemand. Auch sein Bruder Joseph nicht. Ringsherum umarmten sich die Menschen und waren überglücklich, einander wiederzusehen. Laemmle stand inmitten dieser Menge und fühlte sich plötzlich allein.
Doch dann atmete er erleichtert auf, als sein Schulfreund Leo Hirschfeld den Arm um ihn legte. Auch auf ihn wartete niemand in der Neuen Welt. Laemmles Wehmut wich, als ein Bruder der beiden anderen Jungen auftauchte und das Quartett zu einem »Boarding House«, einer Art Pension an der Ecke 59th Straße/3rd Avenue, führte, in der man in einem Schlafsaal lebte und bleiben konnte, bis man in der Lage war, sich eine eigene Wohnung zu leisten. Dort verbrachte Carl Laemmle seine erste Nacht in der Neuen Welt.
Trotz des anfänglichen Schocks über die neue und lebhafte Stadt, die größer war als alles, was er bislang gesehen hatte, war Carl Laemmle nicht an einem völlig fremden Ort angekommen. In New York City existierte damals noch das sogenannte »Little Germany«, Kleindeutschland, nach Wien und Berlin die drittgrößte Ansiedlung von Deutschen in der Welt. Kleindeutschland allein war im 19. Jahrhundert etwa so groß wie Buffalo oder die Städte Milwaukee und Detroit zusammen. Mit teilweise über 200000 Deutsch-Amerikanern lebten nur knapp weniger Deutsche als Iren, die größte Einwanderergruppe dieser Zeit, in der Stadt.
Die damals etwas außerhalb liegende Lower East Side entwickelte sich zum Zentrum des deutsch-amerikanischen Lebens. Dort gab es deutsche Straßenschilder, Restaurants, Kirchen, Tageszeitungen, Feste und Vereine. Mit den Deutschen und den Iren kamen auch das erste Mal katholische Einwanderer nach New York, was den protestantischen Amerikanern ein Dorn im Auge war. Papisten und natürlich auch Monarchisten repräsentierten für die Amerikaner das Alte Europa – und dort sollten sie auch bleiben. Die Amerikaner fürchteten sich vor einer Verwässerung ihrer Gesellschaft durch die Deutschen, weil diese mehrheitlich keinerlei demokratische Traditionen und politisches Bewusstsein mit in die USA brachten und zudem – sofern katholisch – treue Anhänger des Papstes waren. Amerika sollte etwas Neues sein und nicht der Gesellschaft, Struktur und Politik der Alten Welt ähneln. Auch ließ sich das freizügige Leben und Feiern der Deutschen mit der puritanischen Lebensart der Amerikaner nicht vereinbaren. Ein besonderer Reibungspunkt waren die Sonntage, an denen sich die Deutschen oft mit der ganzen Familie in Parks oder Biergärten niederließen und in aller Öffentlichkeit Bier tranken, sangen und feierten. Für die amerikanischen Temperenzler war diese Verhaltensweise gottlos und vulgär.
Obwohl sich schon zu Beginn des Jahrhunderts deutsch geprägte Straßenzüge herausbildeten, konnte ein Kleindeutschland erst entstehen, als mit den Einwanderungswellen ab den 1830er Jahren auch Arbeiter und Handwerker aus Deutschland in die USA kamen. Ab 1840 kann somit von einem »Little Germany« als Wohnviertel der Deutschen gesprochen werden. Es umfasste den 10., 11., 13., und 17. Wahlbezirk, sogenannte Wards, der Lower East Side und war bis zum Ersten Weltkrieg das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum der Deutschen in New York. Es unterschied sich nicht nur rein optisch durch deutschsprachige Aushänge und deutsche Architektur von den amerikanischen Wohnvierteln, auch kulturell war hier manches anders. Unzählige Biergärten und Bierstuben entstanden entlang der Bowery Lane und sorgten für ein buntes Leben in der Öffentlichkeit. Zahllose Bälle, Sänger- und Turnfeste wurden von den Deutschen mit Paraden auf den Straßen gefeiert.
Carl hatte keinerlei Verwandte oder Bekannte, die im New Yorker Kleindeutschland lebten. Mit einer solchen Unterstützung wäre es viel leichter für ihn gewesen, eine Anstellung zu finden. Nach Laemmles Tod veröffentlichte die New York Times am 25. September 1939 einen Nachruf, in dem sie schrieb, dass Laemmle mit 50 Dollar in der Tasche in New York ankam, wo die Straßen damals mit Gold gepflastert waren. Laemmle sei aber bei seiner Ankunft so ernüchtert gewesen, dass er bereitwillig auch nur jede Anstellung angenommen hätte, die sich ihm bot. Er sei bereit gewesen, diese Anstellung auch sofort wieder aufzugeben, wenn ein anderer Arbeitgeber ihm auch nur ein paar Cent mehr bezahlt hätte. Laemmle war in den ersten Tagen wirklich verzweifelt. Sein Kapital schwand dahin, ohne dass er Aussicht auf eine Anstellung hatte.
Da nicht daran zu denken war, dass er trotz seiner Ausbildung als Buchhalter arbeiten konnte, nahm er schließlich einen Job als Laufbursche an und begann wieder ganz von vorne. Er verdiente vier Dollar in der Woche. Doch Laemmle zerstritt sich schon bald mit seinem Chef und hängte seine erste Anstellung an den Nagel.
Die vorhandenen Quellen geben keinen Grund dafür an, warum Laemmle seinen Bruder Joseph nicht schon vorher kontaktiert hatte. Einige Historiker vermuten, dass die Familie Laemmle keine Adresse von Joseph besaß, weil der Kontakt in den letzten Jahren abgebrochen war. Carl aber entschied sich nun – nach seinem missglückten Einstand in der Neuen Welt – nach seinem Bruder zu suchen.
Alles, was er über Joseph in Erfahrung bringen konnte, war, dass sein Bruder für eine deutschsprachige Zeitung in Chicago arbeitete: die Illinois Staatszeitung. Carl schrieb daher an den Herausgeber des Blattes und fragte nach dem Verbleib seines Bruders Joseph Laemmle. Die Antwort kam prompt und zu seiner Verblüffung von Joseph selbst: Er war der Assistent des stellvertretenden Herausgebers der Zeitung. In seinem Antwortschreiben an seinen jüngeren Bruder befanden sich außerdem zehn Dollar sowie ein Ticket von New York nach Chicago.
Laemmle wird Amerikaner
In einem Radiointerview, das Laemmle anlässlich der Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag seiner Einwanderung gab, erinnerte sich der Filmmogul: »Es war heute vor 50 Jahren, dass ich an einem nebeligen und regnerischen Tag als unerfahrener Junge aus Laupheim, Deutschland in die Vereinigten Staaten kam. Ihre Ohren sagen Ihnen bereits, dass ich noch immer nicht akzentfrei spreche, aber trotzdem bin ich glücklich, weil ich glaube, dass ich ein Amerikaner bin wie alle anderen, die mir jetzt zuhören. Denn ich bin mit Amerika aufgewachsen, als es seine schnellste Entwicklung nahm.«3
Er unterstrich damit, dass er einerseits seinen »Migrationshintergrund«, an den sein deutlich vernehmbarer Akzent stets erinnerte, nicht leugnen wollte, er sich andererseits aber als Amerikaner fühlte und die meiste Zeit seines Lebens in den Vereinigten Staaten verbracht hatte. Laemmle war »akkulturiert«. Der Prozess der Akkulturation ersetzt heute viele ältere Erklärungsmodelle wie zum Beispiel den »Melting Pot« (Schmelztiegel) oder die »Salad Bowl« (Salatschüssel), um zu beschreiben, wie sich Einwanderer in die neue Gesellschaft einfügten und wie die neue Gesellschaft sich durch die Einwanderung veränderte.
Unterwegs nach Chicago wurde Carl klar, dass er sich anpassen musste, wenn er Erfolg in der amerikanischen Gesellschaft haben wollte. Der erste und wichtigste Schritt hierfür war das Erlernen der fremden Sprache. Die meiste Zeit der 40-stündigen Zugfahrt nach Chicago las Laemmle daher intensiv in einem deutsch-amerikanischen Wörterbuch und versuchte sich die allernotwendigsten Worte einzuprägen. Nun fühlte er sich besser vorbereitet auf das, was ihn in Chicago erwartete.
Im Jahr 1850 zählte Chicago nicht einmal 30000 Einwohner, doch nach dem amerikanischen Bürgerkrieg begann die Stadt rapide zu wachsen. Die Einwohnerzahl von 109206 im Jahr 1860 verzehnfachte sich bis ins Jahr 1890 auf 1099805. Dabei hielt sich der Anteil der deutsch-amerikanischen Bevölkerung in den Jahren von 1850 bis 1900 konstant zwischen 25 und 30 Prozent. Das deutsch-amerikanische Leben blühte in Chicago und in der näheren Umgebung regelrecht auf.
Die Deutschen waren um 1880 aufgrund ihrer zahlenmäßigen Bedeutung und ihrer langen Präsenz in Chicago in allen sozialen Schichten vertreten. Die größte Gruppe von 72,2 % aller Berufstätigen waren die Arbeiter. Ihnen folgten mit 18,2% Geschäftsleute und Angestellte des unteren Mittelstandes. Mit Beginn der 1840er Jahre expandierte vor allem die Nordseite Chicagos im Zuge der deutschen Zuwanderung stark. Dieses deutsche Viertel bewahrte mit seinen typischen Lebensmittelläden, Einzelhandelsgeschäften, Kneipen, Restaurants, Biergärten, Kirchen und Turnhallen seinen deutschen Charakter bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. Der deutsche Anteil – bestehend aus der ersten und der zweiten Generation deutscher Einwanderer – an der gesamten Chicagoer Einwohnerschaft betrug zu Spitzenzeiten sogar über 30 Prozent. Hinsichtlich dieses Größenverhältnisses ließ sich die deutschsprachige Chicagoer Arbeiter-Zeitung im Jahr 1884 dazu verleiten, Chicago noch vor Frankfurt/Main, Hannover, Bremen, Leipzig, Köln und Stuttgart zu den fünf größten deutschen Städten zu zählen. Solche Schlagzeilen wurden von den Deutsch-Amerikanern jubelnd gefeiert. Der Aufschwung der Stadt resultierte daraus, dass Chicago das Hauptziel der letzten großen deutschen Auswanderungswelle war, die in den 1880er Jahren begonnen hatte. Die deutschen Einwanderer dieser Welle waren ohne Familien auf der Suche nach Arbeit in die USA gekommen und siedelten sich bewusst in den großen Städten an.
Carl Laemmle war da keine Ausnahme. In Chicago fiel ihm daher der Einstieg wesentlich leichter als in New York. Auch hier konnte er nicht sofort als Buchhalter arbeiten, dennoch hatte er seine Sprachkenntnisse verbessert und konnte so mit seiner Umwelt kommunizieren – und er hatte die Unterstützung seines Bruders Joseph, den er seit langer Zeit nun wiedersah. Aber trotz alledem war Chicago weit davon entfernt, Laemmles Vorstellungen vom »Land der unbegrenzten Möglichkeiten« zu erfüllen. Die erste Lektion, die Laemmle in Chicago lernte, war die Tatsache, dass das Leben in der Neuen Welt keine Abkürzung auf dem Weg zum Erfolg war. Auch hier musste er hart arbeiten.
Laemmle nahm eine Anstellung als Laufbursche für eine Tageszeitung an und bewarb sich sofort für die amerikanische Staatsbürgerschaft. Dies war die gängige Praxis. Einwanderer erhielten sie, nachdem sie in ihrem Heimatland aus der Staatsbürgerschaft entlassen worden waren und fünf Jahre in den Vereinigten Staaten gelebt hatten.
Bei der Arbeit für die Chicagoer Zeitung lernte Laemmle Theodore Regensteiner kennen und freundete sich mit ihm an. Regensteiner und Laemmle waren aus dem gleichen Holz geschnitzt, beide hatten Ehrgeiz, waren sparsam, wollten den sozialen Aufstieg – und sie lebten im gleichen »Boarding House«. Sie hatten also genügend Anlass und Gelegenheit, ihre nächsten gemeinsamen Schritte zu planen. Bald gründeten die beiden einen kleinen Tauschhandel, doch der Erfolg blieb aus. Nur mit Mühe konnte Laemmle die 25 Cent aufbringen, um am Sonntagabend das deutsche Theater Chicagos zu besuchen – seine einzige Ablenkung. Aus der Not heraus begannen beide, gemeinsam nach einer neuen Anstellung zu suchen. Ihr Enthusiasmus war für einen Moment gewichen, doch Wille und Ehrgeiz trieb die beiden weiter voran.
Leider hatten sie in den nächsten Monaten mit enormen Schwierigkeiten zu kämpfen. Keine seiner Anstellungen konnte Laemmle einen echten Einstieg in das Berufsleben bieten. Ein Chef feuerte ihn nach kurzer Zeit, bei einer anderen Anstellung gab er schließlich selbst alsbald auf. An ein Arbeitsverhältnis, wie er es in Ichenhausen bei der Familie Heller gehabt hatte, war in Chicago nicht zu denken.
Im Juli 1885, Laemmle lebte nun schon fast eineinhalb Jahre in Nordamerika, setzte er sich mit Theodore zusammen und beriet mit ihm die Lage. Beiden war klar, dass sie alles Erdenkliche in Chicago versucht hatten, um Fuß zu fassen. Nichts hatte wirklich funktioniert. Die Lösung lag für Laemmle daher auf der Hand: Sie mussten die Stadt verlassen und ihr Glück an einem anderen Ort versuchen. Ihn zog es wie so viele Einwanderer in den Wilden Westen.
Entschlossen nahmen die beiden Jungen einen Zug in das Dakota-Territorium – in ein Land, in dem noch immer die Indianerkriege tobten. Erst vier Jahre später sollte das Territorium in zwei Teile aufgeteilt und als North bzw. South Dakota als Staaten in die amerikanische Union aufgenommen werden. Auch das traurige wie brutale Massaker am Wounded Knee, das die Indianerkriege Weihnachten 1890 endgültig beendete, lag noch in der Zukunft.
Im Jahr 1885 war das Dakota-Territorium also noch immer wildes Grenzland. Die zu den Sioux gehörenden Lakota widersetzten sich mit ihrer letzten Kraft der Verdrängung in die Reservation durch die US-Army. Laemmle und Regensteiner fürchteten sich vor dieser Situation nicht. Im Gegenteil – dieser Schritt kam Laemmles Abenteuerdrang durchaus entgegen. Er erinnerte sich an die Groschenhefte über Cowboys und Indianer, die er noch vor wenigen Jahren gelesen hatte. Nun war er selbst im Wilden Westen.
Die beiden Freunde hatten davon gehört, dass man als Farmarbeiter auf einer Ranch 2,75 Dollar am Tag verdienen konnte. In Dakota würden sie mehr verdienen als in Chicago, darin waren sich die beiden einig. Carl wurde von einem irischen Einwanderer eingestellt, der eine Farm in der Nähe von Yankton, der ehemaligen Hauptstadt des Dakota-Territoriums, besaß. An seinem ersten Arbeitstag als Landwirtschaftsgehilfe musste Carl zunächst die passende Kleidung sowie einen Hut, der ihn vor der Sonne schützen sollte, ausleihen; er versuchte auch wie ein Farmer auszusehen und sich entsprechend zu verhalten. Doch am Ende musste sich Laemmle eingestehen, dass sein Versuch mit der Landwirtschaft ein veritabler Misserfolg war. Ein ordentlicher Farmer würde er nie werden. Laemmle war viel zu klein und zu schmächtig, um mit den anderen Arbeitern mithalten zu können. Schon nach kurzer Zeit fand er dies heraus und gab auf. Später sagte er einmal darüber: »Ich fand es schockierend, dass die Arbeit mit Getreide für mich härter war, als jeder andere Job davor. Doch die Arbeit an sich war großartig und gab mir den Wert eines einzelnen Dollars mehr als jemals zuvor zu erkennen.«4 Doch nicht nur die schwere Arbeit setzte dem schmächtigen Laemmle zu und entsprach in keiner Weise seinen Erwartungen. Carl war in einer orthodoxen jüdischen Gesellschaft aufgewachsen und hatte bislang nur koscher gegessen. In Yankton aber bestanden die meisten Mahlzeiten aus Schweinefleisch und Schinken aus eigener Schlachtung. Carl erbat daher von seinem irischen Chef, dass er etwas Huhn und ab und zu ein paar Eier essen durfte. Der freundliche Ire erlaubte es ihm. Dennoch konnte es für Laemmle so nicht weitergehen. Er sah keine Perspektive in der Arbeit auf der Farm. Nach sieben Wochen beendeten Carl und Theodore ihr Abenteuer an der amerikanischen Siedlungsgrenze. In Dakota hatten sie sich allzu fremd und beinahe lächerlich gefühlt.
Zurück in Chicago nahm Laemmle nacheinander mehrere Anstellungen als Sekretär an. Er wurde nun etwas besser bezahlt. Doch blieb dies ein Alltag fern von dem romantischen Ideal, das er sich in Deutschland von Amerika erträumt hatte. Zugute kam ihm nun, dass sich seine Sprache verbessert hatte. Als Sekretär arbeitete er sich in die Welt der Finanzbuchhaltung hinein. Das lag ihm weitaus besser als die Landwirtschaft. Später berichtete er in einem Interview mit der Zeitschrift Moving Picture World, dass er in dieser Zeit ein Händchen für Statistiken und Zahlen erworben hatte. Weiter erzählte Laemmle, dass er als Buchhalter bei mehreren Chicagoer Unternehmen angestellt war. Dennoch gibt es außer Laemmles Interview keine weiteren Quellen über diese Phase seines Lebens.
Trotz seiner Fortschritte fiel ihm die »Akkulturation« mit der amerikanischen Gesellschaft nach wie vor sehr schwer. Er erkannte nun den Unterschied zwischen der Realität der Einwanderer in Amerika und den »Amerikabriefen«, die die Einwanderer nach Hause schickten. Es ist möglich, dass er in dieser Phase auch daran gedacht haben mag, in die alte Welt zurückzukehren. Immerhin entschloss er sich im Juni 1886, nach nur zwei Jahren in der Neuen Welt, für einen Besuch nach Laupheim heimzureisen. Von dieser Idee konnte er sogar seinen Bruder Joseph überzeugen, der nun schon ununterbrochen seit 15 Jahren in Amerika lebte. Trotz aller Zweifel an Amerika blieb die Heimreise von 1886 nur ein Besuch, bildete aber zugleich den Beginn einer Tradition, die Laemmle lange Zeit pflegte. Bis 1936 reiste er immer wieder nach Hause, um die Menschen, Freunde und Verwandte in Laupheim zu besuchen. Doch trotz aller Zweifel wollte er seinen Entschluss, in Amerika ein neues Leben zu beginnen, nicht aufgeben. Er hatte sich um die neue Staatsbürgerschaft beworben – und dabei sollte es bleiben. Erwartungsgemäß erhielt er sie nach fünf Jahren.
In diesen Jahren entwickelte er sich sprachlich weiter und konnte bald halbwegs fließend Englisch sprechen. Auch arbeitete er vermehrt für amerikanische Unternehmen und kam somit immer stärker mit Amerikanern in Kontakt. Das half ihm, sich ein Stück weit zu integrieren – auch wenn er bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht die feste und lukrative Anstellung gefunden hatte, von der er immer geträumt hatte. Nach zehn Jahren in den Vereinigten Staaten hatte sich seine Situation nicht grundlegend geändert. Der mittlerweile 27-jährige Laemmle lebte von Gelegenheitsjobs als Buchhalter, verdiente sich als Zeitungsjunge etwas hinzu und wohnte noch immer in dem »Boarding House«, in das er nach seiner Ankunft in Chicago gezogen war.
1894 verschaffte ihm ein Bekannter die Möglichkeit, in der Textilbranche Fuß zu fassen. Er wurde wegen seiner Fähigkeiten als Buchhalter der »Continental Clothing Company« in Oshkosh empfohlen. Oshkosh war eine Kleinstadt in Wisconsin und lag nicht weit entfernt von Chicago. Laemmle nahm das Angebot an. Seine beiden Brüder Joseph und Louis, der mittlerweile auch in die Vereinigten Staaten ausgewandert war, brachten ihn zum Bahnhof.
Oshkosh war zu jener Zeit eine typische Arbeiterstadt und das Zentrum der Holzwirtschaft. In keiner Weise besaß es die kosmopolitische Atmosphäre einer Großstadt wie Chicago. Wieder musste sich Laemmle anpassen und versuchen, sich in die neue Gesellschaft einzufügen. Seine neue Anstellung half ihm dabei. Oshkosh bedeutete für Laemmle nicht nur einen Neuanfang; endlich, nach zehn harten Jahren, sah es so aus, als hätte er seinen Platz in der amerikanischen Gesellschaft gefunden.
Er verkaufte nun Hosen, Hosenträger und 10-Dollar-Anzüge. Diese Anstellung war besser als jede andere zuvor. Sam Stern, der Besitzer der »Continental Clothing Company«, war ein früherer deutsch-jüdischer Einwanderer. Er hatte einen traditionellen jüdischen »Sweatshop« mit schlechten Arbeitsbedingungen in eine heutzutage typische amerikanische Kette verwandelt, die Niederlassungen in mehreren Städten des Mittleren Westens unterhielt. Indem er Laemmle einstellte, erhielt Sam Stern nicht nur einen ehrgeizigen, sondern auch einen äußerst kreativen Mitarbeiter. Neben der Buchhaltung war es bald Carls Aufgabe, Ideen zu entwickeln und so viel Umsatz zu machen, wie nur irgend möglich. Dieser Bereich eröffnete Laemmle eine neue Welt. Zum ersten Mal in seinem Leben hörte er von Begriffen wie »Kundschaft«, »Öffentlichkeit«, »Entertainment« und »Showbusiness«. In Oshkosh erwarb er zudem seine ersten Erfahrungen im Bereich »Werbung und Marketing« und entwickelte dabei seinen eigenen Werbestil, der später zum Eckpfeiler seines Filmimperiums werden sollte.
Laemmle fühlte sich voll und ganz in seinem Element. Er entwarf eigene Werbestrategien für »Continental«, die die bisherigen Verkaufsmaßnahmen in den Schatten stellten. Er ließ einen Verkaufskatalog drucken, den er der Landbevölkerung zuschickte, und das Ladengeschäft in Oshkosh umbauen, um mit größeren Schaufenstern für die Passanten attraktiver zu werden. Jeder Jahreszeit und jedem Ereignis, das sich in Oshkosh und Umgebung zutrug, passte er seine Werbemaßnahmen an und konnte dadurch einen größeren Absatz an Waren erzielen. Tag für Tag erfuhr Laemmle mit seinen eigenen Maßnahmen den Wert, den die Werbung für ein Unternehmen hat. So wurde aus dem Buchhalter Carl Laemmle allmählich ein richtiger Kaufmann, der den Markt für seine Produkte genauso gut kannte wie den Geschmack seiner Kundschaft.
Auch Sam Stern bemerkte, welches Juwel er mit Carl Laemmle in den Händen hielt. Aufgrund seiner Erfolge beförderte Stern Laemmle vom Buchhalter zum Geschäftsführer der Zweigstelle in Oshkosh. Dies war für Laemmle ein wichtiger Schritt – und mit Abstand der beste Job, den er seit seiner Auswanderung innehatte.
Im gleichen Jahr, 1898, heiratete Laemmle die Nichte seines Chefs: Recha Stern. Sie stammte ursprünglich aus dem hessischen Flieden, wanderte dann nach Chicago aus und lebte nun bei ihrem Onkel. Mit Recha war der sonst so nüchterne Laemmle überglücklich. 1901 kam das erste Kind der beiden auf die Welt. Recha und Carl tauften es auf den Namen Rosabelle. Als Rosabelle drei Jahre alt war, reiste die kleine Familie gemeinsam zurück nach Deutschland, um dem Kind nicht nur die Heimat der Eltern zu zeigen, sondern auch um Rosabelle den Verwandten aus der Heimat vorzustellen. Bis zu diesem Zeitpunkt war dies bereits das sechste Mal und das vierte Mal seit dem Tod seines Vaters im Jahr 1892, dass Laemmle nach Deutschland zurückkehrte.
Am 28. April 1906 brachte Recha schließlich das zweite Kind der Laemmles zur Welt. Es war ein Sohn, den die beiden in Erinnerung an Carls Vater auf den Namen Julius Laemmle tauften. Doch schon bald nannten ihn alle nur »Junior«, bis er schließlich seinen Namen in Carl Laemmle jr. änderte.
Im Jahr 1906 schien Carl Laemmle in der Position des Geschäftsführers endlich alles erreicht zu haben, was er sich zuvor erträumt hatte. Finanziell war er in einer stabilen und sicheren Position, er hatte geheiratet und mit seiner Frau Recha zusammen zwei Kinder. All das hatte er sich vor 22 Jahren, als er nach Amerika kam, gewünscht. Auch wenn er bislang keinen »geraden« Lebensweg eingeschlagen hatte und mehrere »Umwege« nehmen musste, hatte er sein Ziel erreicht. Trotzdem, obwohl er nun seit 12 Jahren für die »Oshkosh Continental Company« gearbeitet und in dieser Zeit viel gelernt und erreicht hatte, kam es ihm so vor, als hätte sich sein »American Dream« noch immer nicht erfüllt.
3. Kapitel
Eintritt ins Filmgeschäft
1906–1909
Will Hays, der Präsident der Motion Picture Producers and Distributors Academy, der amerikanischen Filmzensur, bezeichnete Carl Laemmle einmal als einen »wahrhaftigen Pionier«, weil er eine Vision von der Zukunft des Filmgeschäfts hatte, bevor andere den Film überhaupt als ein Geschäftsfeld wahrnahmen. Doch als Laemmle für sich das Filmgeschäft entdeckte, hatte dies weniger mit einer Vision als vielmehr mit einer Kombination aus Inspiration, Glück und der Gunst des richtigen Augenblicks zu tun. Es gibt verschiedene, teilweise einander widersprechende Versionen der Geschichte, wie Laemmles Interesse für das Filmgeschäft geweckt wurde, keine einzige erzählt mit Sicherheit die ganze Wahrheit.
Warum Laemmle seine feste und sichere Anstellung in Oshkosh aufgab und sein ganzes Vermögen in das Filmgeschäft steckte, wurde schon sehr bald von ihm selbst und seinen späteren Mitarbeitern zu einem Gründungsmythos verklärt. Den Rest seines Lebens war er stets bemüht, sein Image als Filmpionier und seine Rolle bei der Entwicklung des Filmbusiness zu unterstreichen und so seine Person zu vermarkten. Die Geschichte, wie Laemmle zum allerersten Mal mit dem Medium Film in Kontakt kam, wurde seither oft erzählt. In Zeitungen, Magazinen, Interviews und Filmgeschichtsbüchern wurde manches hinzugefügt und umgedichtet, doch der komplexe Wandlungsprozess, wie Laemmle aus sich selbst eine Persönlichkeit des öffentlichen Interesses machte, blieb stets im Großen und Ganzen gleich. Dieser Prozess zieht sich wie ein roter Faden durch seine gesamte Filmkarriere und spielt eine entscheidende Rolle in seiner Biografie.
Ein Mittel, das Laemmle hierfür nutzte, war das Radio. Mit Hörspielen über sein eigenes Leben, in denen sowohl der »echte« wie auch der »fiktive« Laemmle auftraten, verarbeitete er seine Vergangenheit zu einem Mythos. So trat er beispielsweise am Sonntag, dem 7. April 1935 bei Radio KFI in einer Sendung mit dem Titel »Makers of History« auf. Carl Laemmle beschrieb darin alle wesentlichen Stationen seines Lebens von der Einwanderung, über seine Schwierigkeiten, einen Platz in der Neuen Welt zu finden, bis hin, wie er die Welt des Kinos für sich entdeckte. In einer halbstündigen Sendung konnten die Zuhörer von KFI verfolgen, wie einer der ersten Filmpioniere der Geschichte vom Laufburschen zum Filmmogul aufstieg.
Laemmle stellte seine Entscheidung, Oshkosh und »Continental« zu verlassen, als das Streben nach einem besseren Leben dar. In einem »autobiografischen Interview«, das 1912 in der New York Times erschien, erklärte Laemmle diesen Wendepunkt in seinem Leben: »Ich war der Geschäftsführer eines Bekleidungsladens in Oshkosh. Und obwohl ich eigentlich zufrieden hätte sein können, wollte ich etwas anderes tun. Ich besaß ein Vermögen von 3000 Dollar und war fest entschlossen, damit ins Filmgeschäft einzusteigen, sobald ich eine Möglichkeit dazu finden würde. Ich lief durch Chicago und stand plötzlich vor einem Gebäude in der Milwaukee Avenue. Vor dem Haus sah ich Tausende Menschen vor einem Nickelodeon stehen. Hier traf ich meine Entscheidung. Ich fuhr sofort nach Oshkosh zurück und gab meinen Job auf.«1
In einem anderen Artikel (aus der Chicago Daily Tribune vom 13. Dezember 1908) über die Entstehung des amerikanischen Filmbusiness, zog Laemmle es vor, sich als Einwanderer darzustellen, der den »American Dream« erleben und selbst das Risiko tragen wollte, sein Leben zu verändern: »Zwei Jahre zuvor war er der Geschäftsführer eines Bekleidungsladens in Oshkosh. Jetzt ist er der Präsident und Gründer eines Unternehmens, das 10000 Dollar in der Woche umsetzt, eine halbe Million im Jahr! All das hat er der Chicago Sunday Tribune zu verdanken, die er vor zwei Jahren in Oshkosh in den Händen hielt und die über die Möglichkeiten des Filmbusiness berichtete. Damals war seine Aufmerksamkeit geweckt!«2
Dieser Version der Geschichte zufolge dachte Laemmle über das Potential des neuen Geschäftsfeldes nach und investierte dann sein ganzes Vermögen von 3300 Dollar. Die vielen harten Jahren sollten sich lohnen. Laemmle brauchte definitiv eine neue Herausforderung. Die Unzufriedenheit, die er in der letzten Zeit mit seiner Anstellung in Oshkosh verband, veranlasste Laemmle schließlich, selbständig zu werden. Er fühlte, dass er zu energiegeladen und ehrgeizig war, um mit knapp 40 Jahren als Geschäftsmann in Oshkosh zu bleiben und diese Arbeit für den Rest seines Lebens zu verrichten. Oshkosh war nie sein Ziel gewesen und erfüllte auch nicht das, was er sich schon immer von Amerika erträumt hatte.
Zu seinem eigenen Ehrgeiz kamen Probleme mit seinem Chef hinzu, obwohl Laemmle mit dessen Nichte verheiratet war. Das Verhältnis zwischen Sam Stern und Carl Laemmle war angespannt, seit Laemmle nach einer größeren Gewinnbeteiligung gefragt hatte. Stern verweigerte Laemmle diesen Wunsch. Stattdessen begann er Laemmle zu kritisieren, um seinem Angestellten vor Augen zu führen, wer das Sagen hatte, und ihn davon abzuhalten, noch einmal nach mehr Geld zu fragen. Laemmle war über diese Haltung sehr erbost. Er erwiderte seinem Chef, dass er ihm seine Kündigung geben könnte, wenn ihm danach sei. Als Sam Stern die Kündigung emotionslos akzeptierte, war Laemmle tief getroffen und verletzt. Aber er blieb bei seinem Entschluss, weil er wusste, dass er mehr wert war, als Stern ihm bezahlte, und mehr leisten konnte, als »Continental« von ihm verlangte. So kehrte Laemmle seiner sicheren Anstellung in Oshkosh den Rücken und ging wieder nach Chicago zurück.
In dieser Phase spielte zudem eine wichtige Rolle, dass Laemmle zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Leute traf. Einer von ihnen war Robert H. Cochrane. Der zwölf Jahre jüngere Cochrane wurde 1879 geboren und strebte zunächst eine Karriere als Journalist an, die ihn zu einem eloquenten, selbstsicheren jungen Mann machte. Später entschloss er sich, in die Werbebranche zu gehen. Zu der Zeit, als er Laemmle das erste Mal traf, arbeitete er als Manager einer Werbeagentur in Chicago zusammen mit seinen Brüdern.
Bevor sich Laemmle und Cochrane persönlich begegneten, kannten sich beide nur aus ihrer geschäftlichen Korrespondenz, da Cochrane im Rahmen der Werbeagentur Kampagnen für Textilien entworfen hatte und auf diese Weise an Laemmle geraten war. Laemmle hatte Cochrane danach mehrfach mit Werbeanzeigen beauftragt. Zwischen beiden entwickelte sich aus der Geschäftsverbindung zunächst ein Vertrauensverhältnis und schließlich eine Freundschaft. Wochen bevor Laemmle seinen Job in Oshkosh an den Nagel hängte, schrieb er Cochrane und klagte ihm sein Leid. Cochrane antwortete ihm: »Was immer Sie tun oder auch nicht tun, werden Sie kein Sklave ihres Einkommens! Aber wenn Sie irgendetwas Neues anfangen, dann tun Sie es, bevor Sie 40 werden ... Tun Sie es jetzt! Heute ist der Tag. Verzögerung, Aufschub und Unsicherheit sind die Sünden eines Geschäftsmannes!«3
Cochrane überzeugte Laemmle und gab ihm den nötigen Anschub, sich in das Abenteuer Selbständigkeit zu stürzen. Cochrane selbst war von diesem Tag an stets an Laemmles Seite und sein treuer Geschäftspartner in den kommenden 30 Jahren. Gemeinsam bauten sie ein Filmimperium auf, wie es die Vereinigten Staaten bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gesehen hatten.
Nachdem Laemmle seinen Job in Oshkosh an den Nagel gehängt hatte, führte ihn daher sein erster Weg zu Cochrane, um mit ihm seine Zukunft zu besprechen. Das Treffen der beiden endete mit folgendem Ergebnis: Laemmle war entschlossen, ein eigenes Geschäft aufziehen und eine eigene Firma zu gründen. Da Laemmle bislang ausschließlich Erfahrungen im Einzelhandel hatte, schien es ihm nur logisch, einen »Five-and-Ten-Cents-Store«, also einen Billigwarenladen, in Chicago zu eröffnen. Damit erhoffte sich Laemmle zumindest die gleiche finanzielle Sicherheit, die er auch in Oshkosh hatte. Insgeheim glaubte er aber, damit erfolgreicher werden zu können.
Doch am selben Tag hatte Laemmle noch eine weitere Begegnung, die ihm eine neue Richtung geben sollte. Es war seine erste Berührung mit dem Kino, aus purem Zufall: Vor einem Gebäude fiel ihm eine lange Warteschlange auf. Er eilte hin, um zu sehen, was in dem Gebäude verkauft wurde. Vielleicht war es etwas, das er in das Sortiment seines neuen Ladens aufnehmen sollte? Doch was er entdeckte, war keine herkömmliche Ware. Es war eine nickel show, wie die ersten Kinos damals genannt wurden. Laemmle wollte mehr darüber erfahren. Er stellte sich am Ende der Schlange an, bezahlte seinen Nickel, also zehn Cent, und betrat die Show. Das, was er sah, begeisterte ihn über alle Maßen. »Mehr habe ich noch nie für einen Nickel bekommen! Dieses Business hat unglaubliche Möglichkeiten«, war Laemmle überzeugt.4
Der Ort dieser Begegnung war The Hale Tours, ein Vaudeville mit Filmen und Showeinlagen. Hier sah Laemmle 1906 seinen ersten Film. Genaugenommen waren diese Shows aber noch weit entfernt von dem, was wir heute unter »Film« verstehen. Die Theater waren nichts anderes als umgebaute Ladengeschäfte, in denen Stühle und Wartebänke von Bahnhöfen wild durcheinanderstanden, um den andrängenden Zuschauern Sitzmöglichkeiten zu bieten. Auch die Filme selbst waren nach heutigen Maßstäben nicht sonderlich beeindruckend. Sie besaßen jedoch eine große Anziehungskraft für das Publikum der damaligen Zeit. Später beschrieb Laemmle seinen ersten Eindruck so: »Die Filme brachten mich zum Lachen, obwohl sie sehr kurz waren und der Projektor immer wieder Bilder übersprang. Ich mochte sie, und jeder mochte sie. Augenblicklich war ich überzeugt, dass ich in das Filmgeschäft einsteigen wollte.«5
Doch nicht nur das Vertrauen in das Potential des Films als Unterhaltungsmedium war das entscheidende Argument für Laemmle, er fällte seine Entscheidung auch aus rein pragmatischen Überlegungen. Denn Laemmle war beeindruckt von der bloßen Anzahl der Leute, die vor den Nickelodeons Schlange standen und auf die nächste Show warteten. Sie alle bezahlten für etwas, das sie nicht mitnehmen konnten und das sie am nächsten Tag wieder haben wollten. Der geschäftstüchtige Laemmle stellte sofort die ersten Kalkulationen auf und berechnete, wie viel Geld man mit einem Nickelodeon verdienen konnte. Er war beeindruckt. Das Filmgeschäft erschien ihm äußerst lukrativ.
Daneben versuchte er eifrig, in den nächsten Tagen mehr über das Filmgeschäft herauszufinden. Dabei beobachtete er, welcher Typus Zuschauer sich die Filme ansah, zu welchen Tageszeiten sie das taten und wie viele Zuschauer pro Tag und Stunde kamen.
Laemmle war optimistisch, ein Geschäftsfeld für sich gefunden zu haben. Dennoch wollte er wissen, wie Cochrane die Sache einschätzte, und suchte ihn deshalb wieder in dessen Agentur auf. Er erzählte ihm von seiner Entdeckung und der Absicht, ein Filmtheater zu eröffnen. Zunächst war Cochrane skeptisch, doch nach reiflicher Überlegung versicherte er Laemmle, dass er seine Idee für gut und lukrativ hielt. Er begriff Laemmles Geschäftsvorhaben und sicherte ihm seine volle Unterstützung bei der Eröffnung eines solchen Filmtheaters zu.
Laemmle dachte weiter über seinen Plan nach. Von großer Bedeutung erschien ihm der Standort seines Nickelodeons. Das Geschäft war abhängig von der Laufkundschaft und musste sich somit in einer belebten Gegend befinden. Leider verfügte Laemmle jedoch über keine ausreichenden Finanzen, um einen Laden in der Innenstadt zu mieten. Laemmles Enthusiasmus wurde immer größer. Zu Fuß lief er durch Chicago und sah sich nach einem guten Platz für sein Filmtheater um. Während seines Spaziergangs entschied er sich für ein dicht besiedeltes Viertel in der Chicagoer Westside. Ein Laden in der Milwaukee Avenue schien seinen Ansprüchen gerecht zu werden. Vor seinem inneren Auge verwandelte sich das schäbige Ladengeschäft in ein Nickelodeon. Laemmle träumte weiter: Tausende von Menschen würden vor seinem Filmtheater Schlange stehen, sich Filme anschauen und am nächsten Tag wiederkommen. »In diesem Moment war meine Entscheidung gefallen«, erinnerte sich Laemmle später.
Nun sah sich Laemmle mit dem nächsten Problem konfrontiert. Sein Budget reichte selbst für den Laden in der Westside nicht aus. Immerhin musste das Geschäft renoviert und umgestaltet und nicht zuletzt mit einem Filmprojektor ausgestattet werden. Deshalb kehrte er nach Oshkosh zurück und bat den einzigen Menschen um Hilfe, der über solche finanziellen Mittel verfügte: Sam Stern, seinen früheren Chef und Onkel seiner Frau Recha. Stern zögerte zunächst, willigte aber schließlich aufgrund der Verdienste von Carl und seiner Verbindung mit Recha ein, die Miete für das Ladengeschäft für einige Zeit zu übernehmen. Laemmle zog nun mit seiner Familie nach Chicago und begann ein neues Leben als Besitzer eines Filmtheaters.
Laemmles erstes Nickelodeon: The White Front
Am 24. Februar 1906 war es schließlich soweit, Laemmle eröffnete auf der Chicagoer Milwaukee Avenenue sein erstes Filmtheater, The White Front. Er übernahm damit unternehmerische Verantwortung und riskierte seine sichere Anstellung für das gerade erst entstehende Filmgeschäft. Das White Front war darauf ausgelegt, beinahe 4000 Zuschauer am Tag aufnehmen zu können. Daher war es ihm möglich, die investierten 1200 Dollar innerhalb des ersten Monats wieder einzunehmen. Bald nahm er wöchentlich 600 Dollar bei 200 Dollar Kosten ein. Laemmle war begeistert. Sein unternehmerisches Gespür hatte sich schnell ausgezahlt!
Den Besuchern des White Front, die sonst die schmutzigen und schäbigen Nickelodeons gewohnt waren, bot sich ein überraschender Anblick. Laemmle wusste, dass alle Filmtheater vor allem wegen ihres Schmutzes und verkommenen Zustandes kritisiert wurden. Daher machte er den Namen des Theaters zum Programm. Und in der Vermarktung seines Nickelodeons nahm er den Namen wörtlich: Laemmle ließ die gesamte Fassade weiß streichen, um Eleganz und Sauberkeit zu suggerieren. Wenn sein Theater den besten Anblick und Komfort bot, dann würden seine Besucher auch annehmen, dass er die besten Filme zeigte. Nicht nur die Zuschauer sprachen daher über das Gebäude, auch den Passanten fiel es in der Straßenlandschaft der Milwaukee Avenue auf. Zudem waren die Innenräume sowie die gesamte Ausstattung und Bestuhlung weiß. Laemmle schaffte es mit dieser simplen, doch genialen Vermarktungsidee, schnell zum Stadtgespräch zu werden. Hinzu kam, dass er ab Sommer 1906 mit dem Slogan »The Coolest 5 Cent Theatre in Chicago« warb und auch damit sein Gesamtkonzept unterstrich.
Zusätzlich startete Laemmle eine Werbekampagne, um auch Frauen als Zuschauer zu gewinnen. Einer seiner späteren Angestellten erinnerte sich: »Mr. Laemmle hatte ständig neue Ideen, während er das White Front Theater führte. (...) Er war der erste Kinobesitzer, der Freikarten an Frauen in Ladengeschäften verteilen ließ. Damit gewann er das Interesse der Frauen für seine Filme.«6
Bereits zwei Monate nach der Eröffnung des White Front Theaters entschied sich Laemmle, in ein zweites Nickelodeon in der Halstead Street zu investieren. Er versuchte, sein Publikum zu erweitern, und wollte nach wie vor von dem schlechten Image wegkommen, das die anderen Nickelodeons hatten. Daher stellte er auch sein zweites Filmtheater unter eine bestimmte Vermarktungsidee und nannte es: The Family Theater. Dort konnte ein Familienvater für den gleichen Preis, den normalerweise eine Einzelperson zahlte, für sich und seine Gattin oder Partnerin Tickets kaufen. Zudem war alles auf Komfort getrimmt, denn er hatte bei den anderen Filmtheatern beobachtet, dass deren Besitzer zwar sehr wohl in die Filme, aber nicht in die Ausstattung der einzelnen Theater investierten.
Das Programm des Theaters bestand aus Melodramen, die zwei Filmrollen lang waren, und einem kürzeren Slapstickfilm, der eine Rolle dauerte. Zwischendurch gab es »Präsentationen« auf der Projektionsfläche, die die Zuschauer durch das Programm führen sollten. Auch Laemmles zweites Filmtheater wurde zu einem Erfolg. Die Massen strömten geradezu in seine Häuser. Nach neun Monaten hatte er schließlich so viel verdient, dass er sich und seiner Familie eine Reise nach Laupheim leisten konnte.
Laemmles plötzlicher Erfolg kann vor allem auf seinen Geschäftssinn zurückgeführt werden, gepaart mit einem ungewöhnlichen Gespür für Timing. Denn Laemmle war tatsächlich zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Dennoch: Er verdankte den Erfolg auch seinem inneren Antrieb, die Dinge permanent zu verbessern und nicht stillzustehen. Dabei hatte er das Glück, dass er solche Überlegungen in einem Moment anstellte, als der Film in den Kinderschuhen steckte und das Filmgeschäft gerade im Begriff war, zu einem weltweiten Phänomen zu werden. Er war einer der ersten Filmtheaterbesitzer in Chicago und gewissermaßen am Puls der Zeit des neuen Unterhaltungsmediums.
Der Erfolg der Nickelodeons war kein kurzfristiges Erfolgsphänomen, das sich auf eine Region beschränkte. Überall im Land wurden in Städten in der Folge Filmtheater eröffnet. Im Jahr 1908 gab es fast 600 Nickelodeons allein in New York, die täglich bis zu 4000 Zuschauer begeisterten. In den anderen großen Städten wie Boston oder Chicago sah es ähnlich aus. Im Jahr 1910 besuchten 20 Millionen Amerikaner einmal die Woche ein Filmtheater.
Dieser Boom lässt sich aus dem Erfolg der Filme vor allem in der Arbeiterschaft, unter Einwanderern und allgemein bei der ärmeren Stadtbevölkerung erklären. Aufgrund seines Publikums bezeichneten Filmhistoriker das Nickelodeon und den Film im Allgemeinen als »democracy’s theater« oder auch als »the laboring man’s university«. Die Annahme, dass Filme basisdemokratisch waren, beruhte auf dem Aspekt, dass sie zu jedermann »sprechen« konnten, ganz gleich ob der Betrachter arm oder reich, Mann oder Frau, Erwachsener oder Kind, Amerikaner oder Einwanderer war. Mit Sicherheit spielte das Medium Film auch eine gewichtige Rolle darin, aus eingewanderten Europäern Amerikaner zu machen.
Der Laemmle Film Service
Auch die nächsten Monate verliefen für Laemmle traumhaft. Doch bald sah sich Laemmle mit einer neuen Herausforderung konfrontiert, die er Anfang des Jahres noch nicht hatte absehen können. Er stellte fest, dass er mehr Filme brauchte, um den Andrang seiner Besucher aufrechtzuerhalten. Er wollte mit seinen Theatern nicht stagnieren, sondern dieses Problem lösen und weitere Filme anbieten. Daher entschied er, sich in einer anderen Branche des Filmgeschäfts zu engagieren: im Filmverleih.
Da die Nickelodeons im Laufe des Jahres 1906 immer mehr Besucher verzeichneten, war auch die Nachfrage nach neuen Filmen geradezu explodiert. Laemmle und andere Filmvorführer fanden schnell heraus, dass sie, im Sinne des Wettbewerbs untereinander und um den Zuschauern ständig ein neues, attraktives Angebot zu liefern, ihre Filmprogramme regelmäßig ändern mussten.
Die Nachfrage nach neuen Filmen führte schließlich zu großen Veränderungen innerhalb des Filmgeschäfts. Ab Ende 1907 mussten die Filmtheater schließlich täglich ihr Programm ändern, um die Nachfrage der Zuschauer zufriedenzustellen. Daher war die direkte Abnahme von Filmen von den Produktionsfirmen undurchführbar geworden.
Die nun aus dem Boden sprießenden Filmverleihe lösten das Problem. Unter den Vorreitern befand sich der ehemalige Kameramann Harry J. Miles, der zusammen mit seinem Bruder Herbert eine Verbindungsstelle zwischen den Produktionsfirmen und den Theaterbesitzern etablierte: den »Miles Brothers Exchange«. Sie kauften die Filme direkt bei den Produktionsfirmen und verliehen sie für ein Viertel des Preises weiter an verschiedene Theaterbesitzer. Dieses System sah zunächst für alle Beteiligten sehr lukrativ aus und führte zu einer besseren Verteilung der Filme auf die Theater. Aber auch für die Filmproduktionen bot dieses System viele Vorteile, da sie nun von vorneherein eine garantierte Abnahme ihrer Filme hatten und die Filmverleiher noch dazu einen hohen Preis zahlen konnten. Das Geschäft boomte abermals, und bis 1907 entstanden so beinahe 150 Verleihe über die Vereinigten Staaten verstreut. Das Zentrum des Verleihgeschäfts mit 15 Filmverleihfirmen, die 80 Prozent des gesamten US-amerikanischen Marktes ausmachten, lag in Chicago.
Das neue System brachte aber auch Probleme mit sich. Und Carl Laemmle war einer der ersten Theaterbesitzer, der die neuen Schwierigkeiten zu spüren bekam. Zunächst verbesserte sich seine Lage, weil er über die neuen Verleihe Filme für seine beiden Theater leihen konnte. Doch mit der Zeit wurde die Geschäftspraxis seinen Anforderungen nicht mehr gerecht. Seine Filme wurden zu spät gebracht, manche Lieferungen blieben aus oder gingen gar an ein konkurrierendes Filmtheater, dessen Besitzer einen höheren Preis gezahlt hatte.
Laemmle war damit unzufrieden. Als einer seiner Lieferanten einmal einen Vertrag zwischen ihnen beiden kurzfristig annullierte, begriff Laemmle, dass er sein Geschäft unabhängig von den Verleihen machen musste. Er begann selbst Filme zu kaufen und an andere Theater zu verleihen. Der Film The Pearl Fisher’s Dream, mit dem er sein Verleihgeschäft begann, markierte somit einen weiteren Eckpunkt in Laemmles Karriere als Filmmagnat. Im Oktober 1906 eröffnete er seinen eigenen Filmverleih: The Laemmle Film Service. Während die Eröffnung der beiden Filmtheater allgemein Laemmles Einstieg in das Filmgeschäft bezeichnete, war es der Beginn des Verleihgeschäftes, der Laemmles weiteren Weg als Filmproduzent ebnete. Laemmle wusste genau, worauf es im Verleihgeschäft ankam, hatte er doch die andere Seite des Geschäfts als Theaterbesitzer seit Monaten beobachtet. Er wollte mit seinem Verleih pünktlich und zuverlässig liefern.
Bis 1908 wuchs der Laemmle Film Service rasant. Er konnte Büros in vielen Städten des Westens wie Memphis, Tennessee, Omaha, Nebraska, Portland, Oregon, Salt Lake City, Utah, Minneapolis, Minnesota und Evansville, Indiana eröffnen und dadurch gewährleisten, dass die von ihm vertriebenen Filme auch außerhalb von Chicago zur richtigen Zeit an die Filmtheater ausgeliefert wurden. In nur zwei Jahren hatte er es damit geschafft, zum größten Filmverleiher Amerikas zu werden.
Sein schneller Erfolg war atemberaubend und spektakulär. Doch er kann auch aus Laemmles Geschäftspraktiken heraus einfach erklärt werden. Laemmle wollte bereits als Theaterbesitzer mit seinem Namen für Qualität stehen. Diesen Anspruch vermisste er bei den Verleihern, die ihn mit Filmen belieferten. Gewissermaßen sah er sich gezwungen, selbst in das Verleihgeschäft einzusteigen, um seinen Anspruch auf Qualität zu halten.
Basierend auf seine Erfahrungen im Bekleidungshandel wusste Laemmle, dass der Schlüssel zum Erfolg nur darin lag, seine Kunden zufriedenzustellen. Laemmle hatte keine seiner Methoden vergessen, die er in Oshkosh angewandt hatte, um Kunden anzuwerben. Er war sich bewusst, dass er bereits in der Werbung für seine Filme anders aufgestellt sein musste als seine Mitbewerber. Und um dieses Ziel zu erreichen, wandte er sich wieder seinem Freund Cochrane zu, der mittlerweile seine eigene Werbeagentur führte: Cochrane Advertising Agency.
Im Dialog mit Cochrane fand Laemmle die richtige Mischung an Filmen, die nicht unbedingt die allerneuesten waren, die aber genau den Geschmack des Publikums trafen und deshalb umso effektiver und beliebter waren. Ihre Werbekampagnen schufen eine persönliche Atmosphäre, in deren Mittelpunkt stets Laemmle stand, der direkt zu seinen Kunden sprach und seine Filme empfahl. Er machte sich selbst zu einem Markenzeichen und stand gewissermaßen persönlich für die Qualität seiner Filme ein. Er zog es zudem vor, sich eher als Freund oder netten Onkel denn als Geschäftsmann darzustellen. An dieser Strategie hielt er sein Leben lang fest, und sie zog sich wie ein roter Faden durch seine späteren Kampagnen.
Neben der Investition in Werbemaßnahmen versuchte Laemmle auch neue Absatzmärkte für seine Filme zu gewinnen. Als durch eine gesetzliche Verordnung alle Bars in Chicago schließen mussten, ein Vorbote der späteren Prohibition, schafften es Laemmle und Cochrane, 200 Wirte davon zu überzeugen, ihre Räumlichkeiten in Filmtheater umzugestalten. Laemmle garantierte den Wirten, dass er sie mit Filmen versorgen würde – und hatte so auf einen Schlag 200 neue Kunden. Auch im Bereich der Vaudevilles wurde Laemmle tätig. Bislang zeigten die Vaudeville-Theater während ihrer buntgemischten Aufführungen aus Sketchen, Musik und Theater kürzere Filme. Laemmle konnte sie nun davon überzeugen, verstärkt Filme einzusetzen und garantierte auch ihnen, dass er sie mit Filmen aus seinem Verleihgeschäft versorgen würde.
Mit dem fortwährenden Erfolg und dem Anstieg seines Geschäfts wurde Laemmles Name, ganz wie er es wollte, zu einem Markenzeichen im Filmverleih. Er garantierte für Qualität und Service, niemand sollte je behaupten, der Laemmle Film Service habe die Filme nicht ausgeliefert. Während seine beiden Filmtheater prächtig liefen, konzentrierte er sich auf das Verleihgeschäft, das ohnehin viel profitabler war. Die Träume und Erwartungen seiner Kunden wollte er zu jedem Zeitpunkt erfüllen. Dies machte Laemmle zu einer besonderen Person im Filmgeschäft. Er wollte nicht nur ein Filmtheater besitzen oder den Filmverleih managen, er wollte vielmehr den Gesamtprozess mitgestalten, den Film der Öffentlichkeit näherzubringen und so aus der gerade erst entstehenden Filmindustrie ein »big business« zu machen.
Wie selbstbewusst er dabei vorging, zeigt eine landesweite Zeitungswerbung, die am 19. September 1908 in der Saturday Evening Post erschien. Unter der Überschrift: »Ich bin der Mann des Filmgeschäfts« (Original: »I Am the Moving Pictures Man«) war Laemmle mit einem Filmprojektor und einer Kamera abgebildet. Der dazugehörige Text war so einfach, dass ihn jeder verstehen konnte: »Ich bin der Mann des Filmgeschäfts. Ich werde Männern wie Frauen helfen, in das Filmgeschäft einzusteigen, indem ich sie mit den notwendigen Apparaturen versorgen und ihnen helfen werde, ein profitables Programm zu erstellen. Die Gelegenheit ist Gold wert. Schreiben Sie mir sofort, und ich werde Ihnen mein kostenloses Buch ›How to start a Moving Picture Business‹ zuschicken. Laemmle Film Service, Carl Laemmle, President. Dept. 25, 196–198 Lake Street, Chicago, ILL.«7
4. Kapitel
David gegen Goliath
1909–1912
Den Kampf, in den Laemmle nun geriet, verklärte die Universal Weekly zwei Jahrzehnte später und beschrieb ihn so: »Vor genau 20 Jahren erhob sich eine furchtlose Stimme gegen die Sklaverei in der Filmindustrie. Mit aller Ernsthaftigkeit, Kraft und allem Scharfsinn griff Carl Laemmle die Festung Edisons an. Laemmles Ansinnen war rechtmäßig und daher gewann er. Er gewann die Unabhängigkeit für sich selbst, und er gewann zugleich die Unabhängigkeit aller Filmverleiher in den Vereinigten Staaten, die den Mut hatten, ihm zur Seite zu stehen.«1
In den Augen seiner Zeitgenossen war Carl Laemmles größte Errungenschaft sein erfolgreicher Kampf für die Unabhängigkeit der frühen Filmindustrie. Sein Bemühen galt als der typisch amerikanische Kampf von Gut gegen Böse, der sein Urbild in dem biblischen Duell zwischen David und dem übermächtigen Goliath hatte. Laemmle vertrat dabei in Gestalt des »Kleinen Mannes« die gute Seite der unabhängigen Filmemacher und Verleiher, die sich gegen die böse Geschäftswelt und kapitalistische Monopolbildung aufbäumten. Laemmle war sich der Symbolik bewusst und nutzte sie für sein Anliegen.
Doch Laemmles »Befreiungskampf« gegen Thomas Alva Edison, der nicht zuletzt auch den Film offiziell erfunden hatte, hat weitaus mehr Facetten als der stilisierte Kampf gegen das Böse. Der deutschjüdische Einwanderer Carl Laemmle, Besitzer zweier Filmtheater und des Laemmle Film Service, traf auf den landesweit gefeierten Erfinder und Wissenschaftler Thomas A. Edison, dessen wahre Rolle in diesem Kampf »David gegen Goliath« bis heute zu Edisons Gunsten verschleiert wird.
Bis 1909 machte die Ausweitung seines Verleihgeschäfts Laemmle zu einem der größten Kunden der filmproduzierenden Industrie. Die Filmproduktion wurde in dieser Zeit von zwei Unternehmen dominiert: The American Mutoscope & Biograph Company und The Edison Company. Neben den beiden großen Produktionsgesellschaften gab es nur ein paar wenige kleinere, unabhängige Produzenten. Dies war kein Ergebnis von mangelndem Interesse an diesem Berufsfeld, das ohnehin in allen Bereichen boomte, sondern eine Folge von Thomas A. Edisons erfolgreicher Strategie, die Filmindustrie zu kontrollieren.
Verglichen mit allen anderen Mitbewerbern hatte die Edison Company einen entscheidenden Vorteil: Sie wurde von einer Persönlichkeit geleitet, die mehr war als nur ein Filmproduzent. Edison war der gefeierte Erfinder der Filmtechnologie und wurde von Zeitgenossen und Historikern immer wieder als Amerikas größter Erfinder gefeiert und genoss höchstes Ansehen. Über Jahrzehnte galt er als unantastbar.
1877 hatte die Erfindung des Phonographen, eines Vorläufers des Grammophons und der Schallplatte, Edison in eine landesweit gefeierte Berühmtheit verwandelt. Er galt als Prototyp des amerikanischen Helden und besaß in den Augen seiner Zeitgenossen magische Kräfte. Seit dieser Zeit hatte er es verstanden, seine Person öffentlichkeitswirksam in Szene zu setzen. Seine Erfindungen kamen Wundern gleich, und seine Person umgab eine Art Heiligenschein.
Auch wenn Edison dies stets bestritt, hat er die Idee, sich mit der Filmtechnologie zu beschäftigen, von Prof. Eadweard Muybridge übernommen. Nun begann er, den Phonographen weiter in Richtung eines »Kinetographen« zu entwickeln, eine Maschine, die Filme abspielen können sollte. Später behauptete Edison mehrfach, dass er der alleinige Erfinder der meisten Techniken sei, die den Film ermöglichten. Doch eigentlich war die Erschaffung des Films eine Verbindung mehrerer Innovationen, an denen andere kreative Geister ebenso ihren Anteil hatten. Sobald sich abzeichnete, dass die Filmtechnologie ein Erfolg war, begann eine harte Konkurrenz unter den einzelnen Entwicklern. Edison spielte dabei eine entscheidende Rolle, versuchte er doch so viele Patente wie möglich zu erhalten und überging dabei andere Wissenschaftler und Erfinder, ohne die er seinen Beitrag gar nicht hätte leisten können.
Gleichzeitig gelang es Edison, sich in der Öffentlichkeit als einsamen, wortkargen Wissenschaftler zu inszenieren, der so ehrgeizig wie selbstlos seine Versuche und Erfindungen in den Dienst der Wissenschaft stellte und sich in keiner Weise für etwas so Profanes wie den finanziellen Aspekt des Filmgeschäfts hergeben würde. Die Fassade des zurückgezogenen, Erfinders hätte eigentlich schon zu seinen Lebzeiten bröckeln müssen, betrachtet man die permanenten Klagen gegen ihn und seine Versuche, Patente zu erhalten.
Im Jahr 1894 führte Edison alle seine Geschäfte, die mit der Filmindustrie zu tun hatten, in der Edison Manufacturing Company zusammen. Dieses Unternehmen verklagte jedes Filmunternehmen und jeden Erfinder, die ihm gefährlich wurden. Mit diesen Klagen schaffte es Edison, seine Konkurrenten entweder auf seine Seite zu bekommen oder sie für immer aus dem Filmgeschäft zu verdrängen. Was er sich also nicht mittels Patenten sichern konnte, sicherte er sich mit Gerichtsklagen. Die Produzenten und Verleiher, die nun noch übrig waren, mussten jeweils einen Obolus an ihn bezahlen, weil sie »seine« Technologie verwendeten.
Zwischen 1903 und 1908 gerieten so nach und nach viele amerikanische oder ausländische Unternehmen, die in den Vereinigten Staaten aktiv waren, unter seine Kontrolle. Sie sahen keinen anderen Ausweg, als sich dem Willen Edisons anzupassen, zumal ihnen auch finanziell die Hände gebunden waren, gegen seine Machenschaften vorzugehen.
Trotzdem schaffte es Edison nicht, die gesamte Filmindustrie unter seinen Einfluss zu bekommen. Das lag daran, dass einige der großen Unternehmen wie beispielsweise Biograph und Vitagraph eigene Patente besaßen, mit denen sie ihr Geschäft weiterführen konnten. Außerdem öffnete die Situation der illegalen Filmproduktion Tür und Tor. Kameras und anderes Equipment wurde verliehen, gestohlen und heimlich nachgebaut, weil viele Produzenten und Verleiher es sich nicht leisten konnten, auf Edisons Geräte zurückzugreifen.
Edisons Hauptgegner blieb dabei die Biograph Company, die von W.K.L. Dickson, Edisons früherem Assistenten, gegründet worden war. Dickson hatte viele Experimente selbst durchgeführt, die den Film zum finanziellen Erfolg machten, und hielt einige der Patente in eigener Hand, auch wenn er von Edison dafür mehrfach verklagt worden war. Das Unternehmen Biograph lief so gut, dass Dickson in der Lage war, sich der Klagen zu erwehren.
Bis 1908 hatten die beiden Rivalen den amerikanischen Filmmarkt unter sich aufgeteilt. Als Edison einsah, dass er den Rivalen nicht bezwingen konnte, änderte er seine Taktik. Er schlug Biograph eine Zusammenarbeit im Rahmen eines einzigen Unternehmens vor, das die entscheidenden Patente halten und so die volle Kontrolle auf den amerikanischen Filmmarkt ausüben würde.
Im Januar 1909 bildeten die Edison Company, Biograph und Eastman Kodak zusammen die Motion Picture Patents Company (MPPC). Dieses Unternehmen etablierte ein System mit Lizenzvergaben an Produktionsfirmen, Verleiher und Theaterbesitzer, denen sie Ausstattung und Technologie gegen eine wöchentliche Gebühr verliehen. Daneben wurden die Filmhersteller vertraglich verpflichtet, ihre Filme nur an Filmtheater zu verleihen, die von der Motion Pictures Patents Company lizensiert waren. Schnell wurde MPPC im Filmgeschäft als »der Trust« bekannt.
Verleiher und Produzenten, die es bislang geschafft hatten, unabhängig von den beiden großen Unternehmen zu bleiben, standen nun vor der Wahl, sich dem Trust zu beugen oder sich aus dem Filmgeschäft zurückzuziehen. Doch Carl Laemmle wollte in seinem Innersten weder das eine noch das andere.
Die Unabhängigen
Laemmle beobachtete diese Entwicklung in der Filmindustrie mit großer Sorge. Als Besitzer der größten Filmverleihkette in den Vereinigten Staaten stand nun auch er vor der Frage, ob er sich der MPPC anschließen und eine Lizenz gegen wöchentliche Zahlungen erwerben sollte, oder ob er sich wieder aus dem Filmgeschäft zurückziehen sollte. Zunächst sah es danach aus, als würde kein Weg für ihn daran vorbeiführen, ebenfalls eine Lizenz zu erwerben, denn das Filmgeschäft, da war sich Laemmle sicher, wollte er nicht wieder verlassen. Seine Gedanken drehten sich um seine berufliche Zukunft, und die sah Laemmle genau dort, wo er sich bereits befand. Später erinnerte er sich an diesen Moment in seinem Leben: »Ich war gerade an der Spitze einer Erfolgswelle, wie ich sie mir zuvor nie erträumt hätte, als Edison und Biograph fusionierten. Mir war sofort klar, dass dies mittelfristig das Ende für uns ›Kleine‹ bedeuten würde. Solange ich konnte, hielt ich mich vom Trust fern. Denn ich war mir sicher, dass ich ein unglücklicher Mann werden und letztendlich eines Tages mein Geschäft verlieren würde, wenn ich mich dem Trust anschließen würde. Dann würde ich nach Oshkosh zurückgehen und dort wieder bei dem Onkel meiner Frau in der Textilindustrie arbeiten müssen.«2
Er unterzeichnete noch im Januar 1909 den Vertrag mit der Motion Picture Patents Company, weil er fast täglich neue Filme von den Produktionsfirmen für seine beiden Filmtheater und den Laemmle Film Service brauchte. Laemmle sah nicht, dass die kleinen, unabhängigen Filmproduzenten ihm die benötigte Menge liefern können würden. Daher war er zu diesem Zeitpunkt überzeugt, dass eine Geschäftsallianz mit Edison und der MPPC die einzige Möglichkeit für ihn sei.
Doch schon bald hegte er starke Zweifel an seiner Entscheidung. Er befürchtete, dass zu viele seiner Abnehmer versuchen würden, Edisons Angebot abzulehnen. Als Lizenznehmer der MPPC durfte er aber nur Filme an Filmtheater verleihen, die ebenfalls eine Lizenz besaßen. Wenn zu viele seiner bisherigen Kunden sich gegen eine Lizenz entscheiden würden, dann würde dies sehr bald das Ende seines Verleihgeschäfts bedeuten und seine Profite würden stark zurückgehen. Daher war sein erster Gedanke, seine Abnehmer davon zu überzeugen, ebenfalls Edisons Lizenz zu kaufen.
Begeistert war Laemmle von dieser Lösung allerdings nicht. In den folgenden Wochen geriet er ins Grübeln und überdachte seine Entscheidung. Als er spürte, dass der Widerstand gegen Edison und seinen Trust auch unter seinen Kunden zunahm, schlug er sich im April 1909 auf die Seite der unabhängigen Verleiher, Produzenten und Theaterbesitzer, die noch nicht bei Edison unter Vertrag standen und auch größtenteils nicht die Absicht hegten, dies zu tun. Laemmle stand also plötzlich auf der Seite derer, denen er Wochen zuvor noch das Gegenteil angeraten hatte.
Was bewog ihn tatsächlich dazu? Rückblickend sagte Laemmle am Ende seines Lebens, dass er versuchte, die Filmindustrie vor der Monopolbildung durch Edison zu retten: »Die Unabhängigkeit ist die Sicherheit der Filmindustrie – vor allem die des Filmverleihers. Starke, unabhängige Kämpfer, die die Filmindustrie vor der Sklaverei ... retten konnten, waren von großer Bedeutung für das Filmgeschäft.«3 Bereits im Frühjahr 1909 vermutete er, dass Edison auch das Verleihgeschäft zentral steuern und Verleiher wie ihn selbst innerhalb eines Jahres gänzlich aus dem Markt drängen wollte.
Laemmles Leistung war es dabei nicht, der Erste gewesen zu sein, der in Opposition gegen Edison trat, wie er es selbst später in einigen Interviews darstellte. Er schaffte es vielmehr, dem Kampf der Unabhängigen eine Richtung zu verleihen, indem er die »Gesetzesbrecher«, wie Edison sie nannte, organisierte. Er wollte nicht ein weiterer Unabhängiger sein, er wurde ihr Anführer und Sprachrohr, der den Aufstand vieler in einen gemeinsamen »Krieg« verwandelte.
Laemmle kannte die meisten Unabhängigen aller Unterbranchen der Filmindustrie und wusste, was es bedeuten würde, ihr Wortführer zu sein. Zunächst waren die Unabhängigen lose als Mitglieder der sogenannten Film Service Association organisiert – ohne gemeinsame Identität und ohne wirklichen Zweck. Über diese Gruppe bemerkte der Filmhistoriker I.G. Edmonds einmal zynisch, dass die Film Service Association so »aufrichtig« gewesen sei, dass ihr Präsident Bill Swanson nicht einmal einen Scheck von einem ihrer Mitglieder angenommen hätte. Die Unabhängigen misstrauten sich gegenseitig, und daher schien es für Laemmle nahezu unmöglich, aus ihnen eine Gemeinschaft zu formen, die es mit dem Monopol des Trusts aufnehmen konnte. Wenig änderte sich daran, als die Unabhängigen sich als National Independent Moving Picture Alliance reorganisierten. Noch immer waren sie untereinander uneins und es fehlte ihnen an einer gemeinsamen Zielsetzung, die sie zusammen mit aller Kraft verfolgen sollten.
Laemmle war sich dessen bewusst. Daher versuchte er zunächst, die internen Unstimmigkeiten und Meinungsverschiedenheiten zu schlichten und in einem zweiten Schritt einen kohärenten Plan für die Schritte der Unabhängigen zu entwickeln, denn – und darüber war sich Laemmle immer im Klaren – den Trust würde er allein nicht besiegen können.
Daher ist es als seine größte Leistung im Kampf gegen Edison anzusehen, dass er es verstand, die unabhängigen Verleiher, Produzenten und Theaterbesitzer zu einen und sie an allen Fronten dazu zu bringen, die Angebote des Trusts dauerhaft abzulehnen. Durch sein Charisma und seine Führungsstärke verstand es Laemmle, den Unabhängigen ein gemeinsames Ziel, die Niederringung des Trusts, zu vermitteln, und galt innerhalb kurzer Zeit nicht nur als Sprachrohr, sondern auch als anerkannter Anführer der Unabhängigen. In dieser Funktion wurde er zu einer öffentlichen Person, die für die Freiheit der Filmindustrie kämpfte. Natürlich kämpfte Laemmle aber nicht nur für dieses abstrakte Ziel. Er stritt auch für seine eigene Existenz. Immerhin riskierte er diese voll und ganz, als er in den »Krieg« gegen den Trust von Edison zog.
Gegen den mächtigen Trust
In einem Artikel, der in der Motion Picture News vom 30. November 1929 veröffentlicht wurde, erinnerte sich Laemmle daran, wie der Kampf gegen den Trust begann: »Meine Gegner prügeln in anonymen Schreiben an die Filmtheaterbesitzer, die zu meinen Kunden zählen, auf mich ein. Wenn es nicht so geschmacklos wäre, wäre es beinahe lustig. Aber offensichtlich trauen sie sich nicht, mit ihren Schreiben an die Öffentlichkeit zu gehen. Sie verwenden Guerilla-Taktiken, arbeiten im Dunkeln und hinter meinem Rücken. Dies beweist einmal mehr, warum so viele Filmtheaterbesitzer letztlich zu mir kommen und meine Kunden werden. Und genau dies trifft die anonymen Schreiberlinge schwer. Aber alle Briefe dieser Welt können der Qualität meiner selbstproduzierten, unabhängigen Filme keinen Schaden zufügen. Ich bin im Filmgeschäft aufgrund meiner Qualität groß geworden und mit diesem Grundsatz werde ich durch dick und dünn gehen.«4
Laemmle verfolgte damit mehrere Ziele: Auf der einen Seite wollte er die zweifelhaften Taktiken des Trusts enthüllen und auf der anderen Seite die Unterstützung aller Unabhängigen gewinnen. Dazu wollte er einen gemeinsamen Feind für alle Unabhängigen erschaffen: den Trust. Wenn alle Unabhängigen dem zustimmen würden, dann könnte man gemeinsam gegen Edison vorgehen und die Zwistigkeiten untereinander beiseite lassen. Laemmle wusste von Anfang an, dass er nur mit einer erfolgreichen Kommunikationsstrategie Filmemacher, Verleiher und Theaterbesitzer auf seine Seite bringen würde. Daher arbeitete er beständig daran, auf die gemeinsame Bedrohung durch Edisons Monopolbildung hinzuweisen.
Doch schon bald musste er feststellen, dass er nicht der Einzige war, der Briefe an die Gegenseite schreiben konnte. Auch die Motion Picture Patents Company verfolgte diese Strategie und nutzte gegen Laemmle gerichtete offene Briefe wie auch Werbeanzeigen.
Überwiegend aber arbeitete der Trust anders als die Unabhängigen, denen oftmals keine andere Möglichkeit blieb, als mit einer Mischung aus Polemik und Information an die Öffentlichkeit zu gehen, scharfe rhetorische Attacken zu reiten und humoristische Anzeigen zu schalten. Dem Trust stand seine komplette finanzielle und logistische Maschinerie zur Verfügung.
Im Allgemeinen verwendete er harschere Methoden als Briefe und Werbeanzeigen gegen die Unabhängigen. Auf diejenigen, die das Lager der MPPC verlassen wollten, übte der Trust direkt Druck aus, um sicherzustellen, dass niemand abtrünnig werden würde. Der Trust tat alles, um seine Regeln befolgt zu wissen. Unabhängige Filmtheaterbesitzer, die Filme des Trusts ohne Lizenz vorführten, verklagten sie vor Gericht. Daneben verschickten sie permanent Drohbriefe an die Unabhängigen, um sie so auf ihre Seite zu bringen.
Um sich gegen den Trust zu wehren, entschied sich Laemmle, ein Exempel zu statuieren. Er glaubte, dass seine einzige Chance gegen Edison darin bestünde, angesichts der Anschuldigungen des Trusts mit Transparenz und Offenheit zu antworten. Daher veröffentlichte er die anonymen Briefe der MPPC und verschickte sie mit Kommentaren im typischen Stil Laemmles an Besitzer anderer Filmtheater: »Der Trust droht den Kinobesitzern mit Strafen und einer satten Gebühr, falls sie meine Filme zeigen sollten. Glaubt mir, wenn irgendeiner meiner Kunden eine solche Strafe erhält, werde ich ihn mit allem, was ich habe, unterstützen. Ich werde für ihn kämpfen, bis ich nicht mehr kann. Wenn irgendjemand zu Ihnen kommt und versucht, Sie mit irgendeinem Schwindel unter Druck zu setzen, treten Sie ihm schwungvoll in seinen Allerwertesten, und ich werde den Schaden bezahlen.«5 In der Tat hielt Laemmle stets sein Wort, das er den unabhängigen Verleihern und Theaterbesitzern gegeben hatte, indem er für den Widerstand gegen den Trust die Ressourcen bereitstellte und alle Entschlossenheit zeigte, ihren Kampf für sie auszufechten.
Um zumindest einige der Unabhängigen zu organisieren, erwog Laemmle mit anderen die Gründung einer eigenen Filmgesellschaft. Diese hätte er gern Yankee Films genannt, doch Robert Cochrane riet ihm davon ab. Dieser Name würde in den amerikanischen Südstaaten nicht besonders gut ankommen und dem neuen Unternehmen unter Umständen Schaden zufügen. Daher entschieden Laemmle und Cochrane gemeinsam, das Publikum in den Prozess miteinzubinden. Ein Mr. Mapes aus New York City gewann den Wettbewerb schließlich mit seinem Vorschlag, die Gesellschaft Independent Moving pictures Company (IMP) zu nennen, und erhielt den ausgelobten Preis von 25 Dollar für seine Idee. Das Kürzel IMP stand in den nächsten Jahren für ein abenteuerliches, mutiges und kreatives Leben. Es wurde Laemmles Markenzeichen im Kampf gegen Edisons Trust und er versah es immer wieder in seinen Kampagnen mit neuen Attributen wie »IMPertinent«, »IMPudent« oder »IMPortant«.
In ihren Maßnahmen und Kampagnen bezogen Cochrane und Laemmle nun auch die breite Öffentlichkeit mit ein, für die Laemmle zum Symbol der Unabhängigen geworden war. Dabei nutzte Laemmle vor allem seine altbekannten rhetorischen Fähigkeiten, die er in seine Werbeanzeigen einfließen ließ. Durch sie bewarb Laemmle nicht nur die Bewegung der Unabhängigen, er wollte vielmehr die Öffentlichkeit auf seine Seite bringen und den Trust mit einem negativen Image belegen.
Es war für Laemmle noch nie ein Problem gewesen, spritzige, geistreiche Werbeanzeigen zu verfassen und sie überall, wo er nur konnte, zu veröffentlichen. Bald wurde es für ihn aber immer schwieriger, seine Annoncen in den Handelsmagazinen zu platzieren, weil seine Kommentare zu bissig wurden. Zudem war auch der Trust Kunde dieser Magazine, die sich durch Laemmles Beiträge das Geschäft mit Edison nicht verderben lassen wollten. Daher entschied sich Laemmle, selbst ein Magazin herauszugeben, in dem er in seiner bekannt furchtlosen und direkten Art seine Anzeigen und Artikel veröffentlichen konnte. So schuf er für IMP eine Tageszeitung, Implet, als die Stimme der Unabhängigen in der Filmindustrie. Für ihn war es wichtig, damit ein Instrument in der Hand zu halten, das es ihm ermöglichte, »das Böse« in der Industrie anzugreifen.
Seine Werbeanzeigen versah er mit einem hochmoralischen Ton und schuf von sich selbst das Bild von »Laemmle, dem Unabhängigen«. Laemmle trat selbstbewusst auf und zeigte somit auch seine vollständige Integration als Einwanderer. Nach 20 Jahren fühlte er sich nicht nur seiner neuen Heimat vollständig zugehörig, er war auch selbstbewusst genug, um gegen den Trust und Amerikas gefeierten Erfinder zu Felde zu ziehen – und dabei im Recht zu sein.
Implet wurde schnell zu einem wichtigen Medium für Laemmle im Kampf gegen den Trust. Er erhielt dabei viel Unterstützung und konnte weitere Unabhängige hinter sich bringen. Doch Laemmle war sich nicht sicher, ob er mit seiner Zeitung alle erreichte, die er erreichen wollte. Daher ging er noch einen Schritt weiter und rief die Zeitschrift The Trust Buster ins Leben, mit der er weitere Attacken gegen Edison fuhr. Zusammen mit Cochrane entwickelte er immer wieder neue Anzeigen, Kommentare und Artikel für seine beiden Magazine, um sowohl die Öffentlichkeit wie auch die Unabhängigen auf seine Seite zu bringen.
In seinen Kampagnen war es eine von Laemmles Lieblingsstrategien, den Trust als »das Böse« darzustellen, das die gesamte zukünftige Entwicklung der Filmindustrie bedrohte und den freien Wettbewerb ohne Gnade durch den Missbrauch einiger Privilegien zum Zusammenbruch bringen würde. Obwohl die Motion Picture Patents Company sehr mächtig war, konnte sie sich gegen die öffentlichen Vorwürfe der Monopolbildung nicht wehren, denn sie war wirklich ein Trust, was in der damaligen Zeit aufgrund anderer Monopolbildungen und der gesamten wirtschaftlichen Entwicklung im Gilded Age in den USA zwangsweise in der Öffentlichkeit zu einem negativen Bild führte. Die MPPC gab es alsbald auf, sich gegen Laemmles Vorwürfe zu wehren, und nahm es hin, von ihm und anderen als »Trust« bezeichnet zu werden.
Laemmle fuhr mit seinen Kampagnen fort und stellte den Trust als eine seelenlose Maschinerie dar, der es nur um den reinen Profit ging, und die die menschliche Seite der Filmproduktion und des Publikums nicht beachtete. Darüber hinaus arbeitete Laemmle mit ur-amerikanischen Symbolen: Er kämpfte für Freiheit und Unabhängigkeit, und er stellte sich als »kleinen Mann« dar, der gegen das Big Business kämpfte. Und genau in diesem Punkt fielen ihm viele Sympathien vieler anderer »kleiner Männer« zu. Mit allen ihm damals zur Verfügung stehenden Mitteln der Medien wollte Laemmle die Öffentlichkeit wachrütteln. Dazu gehörte auch eine karikaturistische Figur, mit der er dem Trust ein Gesicht gab. Sie bekam den Namen »General Filmco« und agierte in mehreren Zeitungscartoons gegen die Unabhängigen. General Filmco zeichnete sich dabei vor allem durch Geiz, Gier und Unbarmherzigkeit aus.
Zur gleichen Zeit erfanden Laemmle und Cochrane gemeinsam eine weitere Strategie, an der Laemmle bis zum Ende seines Lebens festhielt, sie bezogen die Leserschaft und ihr Publikum mit ein. »Schreibt mir und sagt mir, was ihr denkt!«, forderte Laemmle seine Leser auf. Wenn seine Artikel sich nicht direkt an den Trust richteten, dann führte Laemmle mit seinen Lesern eine Art Dialog, fragte sie nach Rat und bat um neue Ideen. So konnte er auch in sein Publikum »hineinhorchen« und somit verstehen, was seine Leser dachten, und Schlüsse daraus ziehen, wie die öffentliche Meinung aussah.
Im April 1910 wurde schließlich Realität, was Laemmle bereits ein Jahr zuvor vermutet hatte: Der Trust kündigte an, dass er einen eigenen Filmverleih einführen werde, über den alle unter der Lizenz Edisons produzierten Filme an die Filmhäuser verliehen werden würden. Diesen zentralen Verleih nannte der Trust die General Film Company. Mit ihr versuchte er zunächst, alle lizensierten Verleiher aufzukaufen und zugleich alle unabhängigen vom Markt zu verdrängen. Andere Verleiher sollten bald vom Markt verschwinden. Daher wurde die General Film Company schnell zu Laemmles größtem Gegner und zum Hauptziel seiner Angriffe auf Edison und den Trust.
Die Erschaffung der General Film Company hatte sofortige Auswirkung auf die Filmproduktion und den Verleih. Sie standardisierte den Verleih aufgrund einer Klassifizierung der einzelnen Filmhäuser nach Standort und Publikum und bevorzugte jene Filmtheaterbesitzer, die in den besseren Wohngegenden ihre Häuser hatten. Um die Hierarchie zwischen den Filmhäusern zu untermauern, erschuf die General Film Company ein besonderes System. Die besser klassifizierten Häuser erhielten das Recht zur Erstvorführung von neuen Filmen, dann folgten Filmhäuser, die die erste Wiederholung dieser Filme zeigen durften und schließlich führte man eine dritte Klasse ein, die alte Filme ins Programm nehmen mussten. Der frühere Wettbewerb zwischen den einzelnen Filmtheatern verschwand damit. Der Trust fügte darüber hinaus eine Frist von mehreren Wochen ein, bevor der gleiche Film wieder im gleichen Kino gezeigt werden durfte.
Auch die Filmproduktion selbst wurde im Sinne einer Massenfertigung standardisiert. Die General Film Company forderte von den Produktionsfirmen des Trusts billige Filme, die nur eine Rolle (etwa 15 Minuten/1000 Fuß) lang waren, und bezahlte eine fixe Summe von 10 Cent pro Fußlänge des Filmstreifens, ohne dass Inhalt und Qualität des Films eine Rolle spielten. Damit konnte der Trust sowohl die Kosten als auch die konstante Anzahl der hergestellten Filme steuern.
MPPC und sein Präsident, J. J. Kennedy, sahen in der Gründung der General Film Company eine gewinnbringende Strategie, um Sicherheit und geregeltes Geschäftsgebaren unter den Theaterbesitzern und Verleihern zu gewährleisten. Laemmle auf der anderen Seite nahm die General Film Company als von Grund auf undemokratisch wahr und deutete sie als einen Versuch, den Markt und freien Wettbewerb in der amerikanischen Filmindustrie zu unterbinden.
Laemmle wird Filmproduzent
Zunächst war es Laemmles Wille, mit IMP den freien Kinobesitzern unabhängig vom Trust produzierte Filme zu liefern. Doch schon nach nur einem Monat musste Laemmle feststellen, dass die Unabhängigen nicht in der Lage waren, eine ausreichende Zahl an Filmen für den Markt zu produzieren. Aus dieser Not heraus entschied er sich zu einem Schritt, der seinem Leben abermals eine neue Richtung geben würde. Er wollte fortan selbst Filme produzieren.
In einem Interview, das Laemmle drei Jahre nach der Gründung von IMP gab, stellte er dar, dass er ursprünglich nicht geplant hatte, selbst Filme zu produzieren, vor allem weil sich auch die Technologie hierfür in den Händen des Trusts befand. Doch schließlich folgte er dem Rat des Vaudeville-Magnaten John J. Murdock, der die International Production and Projecting Company gegründet hatte.
In dem besagten Interview berichtete Laemmle: »Als ich mitten in meiner scheinbar auswegslosen Katastrophe steckte, kam Mr. Murdock zu mir und sagte ›Warum verwenden Sie nicht ausländische Filme, um aus Ihren Schwierigkeiten herauszukommen? Sie würden sofort alle ihre Büros wieder betreiben können und wären aus dieser schrecklichen Lage erlöst. Sie wissen, was passiert, wenn Sie mit dieser Art von Leuten Geschäfte machen.‹ Ja, ich wusste, was passieren würde. Aber ich war mir nicht sicher, ob Mr. Murdock und seine ausländischen Filme mir helfen würden. Und obwohl mir Mr. Murdock seine Hilfe anbot, hatte ich das Gefühl, dass ich in Amerika kein Geld ohne amerikanische Filme verdienen würde. Und die einzigen Filme, die ich nach meinem Bruch mit dem Trust kaufen konnte, waren von zu schlechter Qualität.«6
Die Vorstellung, dass man in Amerika nur mit amerikanischen Filmen Geld verdienen konnte, wurde später von Laemmle persönlich »getestet«, als er sich für die Öffnung des Filmgeschäfts und für den internationalen Markt einsetzte. Im Jahre 1909 aber ging es Laemmle schlicht darum, überhaupt im Filmgeschäft verbleiben zu können.
Nach der Gründung von IMP war es die nächste Aufgabe für Laemmle und Cochrane geworden, genügend unabhängige Filme auf den Markt zu bringen, um den hohen Bedarf der Verleiher und Theaterbesitzer zufriedenzustellen, die den Mut hatten, auf Laemmles Seite zu bleiben. Laemmle wollte zudem beweisen, dass die Qualität der unlizenzierten Filme mindestens genau so hoch, wenn nicht noch besser war, als die der Filme, die die MPPC produzierte. Die Realität sah allerdings anders aus. Die Qualität der unabhängigen Filme ließ stark zu wünschen übrig. Diesen Missstand wollte Laemmle zunächst angehen.
Ein zweites Ziel war, unentschlossene Theaterbesitzer für die Bewegung der Unabhängigen zu begeistern. Denn der Trust machte einen bedeutenden Fehler in der Vergabe seiner Lizenzen. Zwar hätte Edison allen Filmtheatern eine Lizenz erteilen können, jedoch wählte er nur etwa die Hälfte bis zwei Drittel aller Filmhäuser aus, die 1908 in den Vereinigten Staaten existierten. Beinahe 3000 Häuser erfüllten seine Kriterien nicht und wurden von ihm übergangen. Die Betreiber dieser Häuser gingen – ebenso wie Edison – davon aus, dass sie in Kürze schließen mussten. Dabei unterschätzte die MPPC allerdings Laemmles Entschiedenheit, gerade diese Kinobesitzer hinter sich zu bringen.
Laemmle erkannte sofort die Nische, die sich vor ihm auftat, und nutzte die Gelegenheit, die unlizenzierten Lichtspieltheater mit seinen Filmen zu versorgen. Dabei griff er zunächst hauptsächlich auf Filme von europäischen Produzenten zurück, die ebenfalls nicht mit dem Trust kooperierten. Allerdings konnte dies nur eine kurzfristige Lösung sein, weil die Filme, die er beziehen konnte, unzulänglich und von minderer Qualität waren.
Sein einziger Ausweg war, auf die Filme zu setzen, die IMP, seine eigene Produktionsfirma, herstellen würde. Hierfür musste er zwei Probleme lösen: Er musste an Kameras und andere Filmgeräte kommen, die er legal verwenden durfte, weil Edison und der Trust daran keine Patente hatten, und er brauchte das »Rohmaterial« – unbelichteten Film. Und genau in diesem Punkt geriet er abermals an Edison, da Eastman Kodak, der Haupthersteller, Teil des Trusts war. Zumindest dieses Problem schien schnell lösbar. Die Gebrüder Lumières eröffneten im September 1909 in New York eine Niederlassung und verkauften an die Unabhängigen unbelichtete Filmstreifen. Laemmle reagierte sofort und kaufte bei ihnen, obwohl er nicht wusste, ob er sich dauerhaft auf den Nachschub aus Europa verlassen konnte.
Das andere Problem war die Beschaffung von unpatentierter Filmtechnik, die Laemmle verwenden durfte, ohne dass Edison ihn rechtlich belangen konnte. Denn die MPPC überwachte den Gebrauch der Filmtechnik und hatte schon einige Klagen gegen die Verwendung ihrer Patente durch unlizenzierte Filmemacher vor Gericht eingereicht, die gegen die Spielregeln des Trusts verstoßen hatten.
Doch die Unabhängigen mussten nicht nur Angst vor den Gerichtsklagen haben, deren Verhandlungen sich teilweise lange hinzogen. Laemmle und Cochrane vermuteten, dass Edison bald zu drastischeren Mitteln greifen würde. Sie behielten Recht. Bald tauchten bei Produktionen der Unabhängigen Schlägertrupps auf, die der Trust geschickt hatte. Sie zerstörten die Kameras und die übrige Ausrüstung, so dass die Filmproduktion eingestellt werden musste.
Im Juni 1909 war es nun soweit: Die erste Produktion seines neuen Unternehmens stand an. In weniger als einem halben Jahr war er der Anführer der Unabhängigen geworden und produzierte überdies den ersten unabhängigen Film. Obwohl er für seine Produktion ein Studio in New York gemietet hatte, fand der eigentliche Dreh unter sehr primitiven Bedingungen an einem anderen Ort statt. Mit einer gebrauchten Kamera aus zweiter Hand und zwei Schauspielern reiste Laemmle nach Minneapolis, Minnesota, um ein klassisches Gedicht von Henry Wadsworth Longfellow (1807–1882), das populäre Epos The Song of Hiawatha, in Szene zu setzen. Später erzählte er in einem Interview, wie es zur Wahl dieses damals bekannten Stoffes kam: »Dann begann der eher schwierige Teil. Wir mussten entscheiden, mit welcher Art von Film wir beginnen wollten. Filme waren in dieser Zeit noch keine Spielfilme, sondern Szenen bewegter Bilder. Ich schloss daraus, dass wir durchaus Handlungen erzählen konnten, wenn wir es nur richtig anstellen würden. Daher habe ich mich für das Gedicht ›Hiawatha‹ entschieden, habe es für Pantomime dramatisiert und für IMP produziert.«7 In diesem Zusammenhang ist Pantomime als eine Filmkunstform zu verstehen, in der die Stummfilmschauspieler keine Lippenbewegungen machten.
Im Film, der am 25. Oktober 1909 erschien, spielten Gladys Hulette die Rolle der indianischen Jungfrau Minnehaha und William Ranous die des Häuptlings Hiawatha. Weil die erste Produktion von IMP für das Unternehmen an sich wie auch für die Bewegung der Unabhängigen von großer Bedeutung war, schaltete Laemmle eine groß angelegte Werbekampagne, die den Film bewarb. Ein Teil dieser Kampagne bestand aus einem kurzen Werbefilm, der Laemmle selbst als »Presenter« in den Mittelpunkt stellte: Laemmle steht am Set und überwacht die Produktion, wendet sich dann aber der Kamera zu und spricht direkt den Zuschauer an. Diese Art der Präsentation behielt Laemmle seine ganze Karriere bei. Auch alle Printprodukte seiner Filme wie Poster, Handzettel und Werbeanzeigen waren stets mit dem fortan üblichen »Gütesiegel« – Carl Laemmle presents – versehen.
Obwohl der Film weit davon entfernt war, ein großer Erfolg zu sein, etablierte er dennoch Laemmle als unabhängigen Filmemacher und zeigte die Richtung auf, in die IMP in den nächsten drei Jahren ging: IMP produzierte unter schwierigen Produktionsbedingungen Kurzfilme, versuchte stets Anerkennung in der Bevölkerung zu erlangen und zugleich Edisons Produktionen auszustechen.
Obwohl es fast vier Monate dauerte, bis der erste Film der IMP endlich in den Filmtheatern der Unabhängigen war, schaffte es Laemmle, seine zweite Produktion, Love’s Stratagem, nur eine Woche später Ende Oktober ins Rennen zu schicken. Danach produzierte IMP mit hohem Tempo und den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln fast wie am Fließband.
Mit seinem Vorstoß provozierte Laemmle die Gegenseite umso mehr. Doch Laemmle und die Unabhängigen konnten dabei nicht einmal auf die Unterstützung des Gesetzes hoffen, da sie das Recht zuerst brachen, indem sie Kameras und Geräte verwendeten, für die die MPPC das Patent hatte. Laemmle blieb also nur eine Möglichkeit: Er musste vor den Schergen des Trusts fliehen und die Produktionen im Verborgenen durchführen.
Nun begann eine aufregende Zeit für Laemmle, er war nicht nur gezwungen, sein Studio zu verlegen, er befand sich zusammen mit den anderen Filmschaffenden der IMP ständig auf der Flucht. Zunächst floh er aus New York nach New Jersey, dann nach Florida und schließlich nach Kuba, um den Spionen und Handlangern des Trusts zu entkommen. Überall wurde kurz gedreht und dann weitergereist. Im Gepäck hatte er immer die Kamera, Kameramänner und Schauspieler. Er legte Finten, reiste an andere Orte als das Produktionsteam und produzierte so seine Filme in großer Eile und unter dem ständigen Druck, von den Detektiven Edisons entdeckt zu werden.
In der gesamten Zeit musste die Produktion weiterlaufen – und das auch noch in hoher Stückzahl, um genügend Filme (ein neuer Streifen pro Woche) für die Unabhängigen zu haben. Da Laemmle aber gezwungen war, Kameras zu verwenden, die er ohne die Lizenz des Trusts nicht verwenden durfte, griff er zu einem Trick, um sowohl die Kameras als auch seine Schauspieler zu schützen. Für die Studioaufnahmen beziehungsweise Innenaufnahmen verbarg Laemmle die Filmkamera in einer riesigen Eisbox, aus der heraus ein Kameramann filmte. Sollten seine Schauspieler im Falle des Falles vor Gericht gefragt werden, ob sie vor einer Kamera standen oder ob sie gefilmt wurden, konnten sie einen Eid darauf ablegen, dass sie dies nicht wissentlich taten. Nach neun Monaten kehrte Laemmle wieder aus Kuba zurück. Die Wetterbedingungen waren zu schwierig, um dort langfristig zu produzieren. Immer wieder waren seine Teams in Unwetter und Stürme geraten.
Zurück in New York stellten vor allem die Außendrehs Laemmle vor noch größere Herausforderungen: Außerhalb des Studios wurde die Kamera in einem geschlossenen Wagen verborgen, aus dessen Rückseite der Kameramann durch ein kleines Loch filmte. Der Trust setzte daraufhin zwei permanent für ihn tätige Detektive auf Laemmles Produktion an, deren Aufgabe darin bestand, seinen Wagen zu finden und gegebenenfalls zu zerstören. Später erzählte er rückblickend von dieser abenteuerlichen Zeit und einem Dreh mitten in New York: »Außerhalb des Studios, das damals an der Ecke Columbus Avenue/100th Street lag, war die Kamera immer in einem Wagen versteckt. Sie schoss ihre Bilder durch ein kleines Loch, das sich hinten am Wagen befand. Die beiden Detektive, die der Trust dauerhaft angestellt hatte, sollten uns entlarven und jegliche ›ungesetzliche‹ Kamera beschlagnahmen oder zerstören, die Laemmle oder einer der anderen Unabhängigen, die sie Piraten nannten, verwendeten.«8
Für die Schauspieler, die für die Unabhängigen arbeiteten, war jeder Tag ein neues Abenteuer. Sie wussten nicht, was wann und wo gedreht werden würde. Sie hatten keine Ahnung, wo sich die Kamera befand, und mussten sich ganz auf ihr schauspielerisches Talent verlassen. Auch mussten sie darauf vorbereitet sein, kurzfristig verreisen zu können und für Wochen an einem unbekannten Set irgendwo im Land zu drehen. Im Studio mussten sie sich an die Sicherheitsvorkehrungen von Laemmle gewöhnen und gegebenenfalls, sollte ein Spion Edisons auftauchen, so schnell wie möglich die Flucht ergreifen, denn einige Schläger hatten es nicht nur auf die technische Ausrüstung, sondern auch auf die Schauspieler abgesehen.
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