Kitabı oku: «Wenn Sie wollen, nennen Sie es Führung»

Yazı tipi:

Gewidmet allen Führungskräften

Cyrus Achouri

Wenn Sie wollen, nennen Sie es Führung

Systemisches Management im 21. Jahrhundert


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Lektorat: Anke Schild, Hamburg

Umschlaggestaltung: Martin Zech Design, Bremen | www.martinzech.de

© 2014 GABAL Verlag GmbH, Offenbach

Das E-Book basiert auf dem 2011 erschienenen Buchtitel „Persönlichkeit führt“ von Dietmar Hansch, ©2011 GABAL Verlag GmbH, Offenbach.

ISBN Buchausgabe: 978-3-86936-174-1

ISBN epub: 978-3-86200-956-5

Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages.

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Inhalt

Vorwort

1. Einführung

Systemtheorie gestern, heute und morgen

Der Blick auf das Ganze

Wir kommen aus dem Wasser

Begrifflichkeit und Methode

2. Wie Leben funktioniert

Emergenz

Selbstorganisation als Ordnungsprinzip in der Natur

Mutation und Selektion

Anpassung

Konkurrenz, Kooperation und Koevolution

Evolution und Spieltheorie

Teleologie

Systemische und darwinistische Evolutionsbiologie im Vergleich

Der unverstandene Darwin?

ZUSAMMENFASSUNG

3. Warum der Apfel nicht nach oben fällt

Die Suche nach dem Bauplan der Welt

Kybernetik

Thermodynamik

Der quantenphysikalische »Fall« der Objektivität

Determinismus und Zufall

Selbstorganisation als Ordnungsprinzip im Universum

Licht, Zeit und Quanten

ZUSAMMENFASSUNG

4. Ordnung im Chaos

Komplexität oder die Unmöglichkeit von Prognosen

Selbstorganisation im Chaos

Ordnung in der Evolution

ZUSAMMENFASSUNG

5. Die gesellschaftliche Konstruktion von Wirklichkeit

Konstruktivismus und andere Missverständnisse

ZUSAMMENFASSUNG

6. Lernen, Lehren, Coaching

Lernende und Lehrende

Coaching

Die philosophische Hebamme

ZUSAMMENFASSUNG

7. Wer wir sind

Kognitionsforschung und künstliche Intelligenz

Die wahren Abenteuer sind im Kopf

Sein und Identität

Ein Gefühl für die richtige Entscheidung

Wie Motivation entsteht

ZUSAMMENFASSUNG

8. Was wir erkennen

Wie Darwin den Baron aus dem Sumpf zieht

Mögliche Begründungen für Erkenntnis

Historische Entwicklung

Geltung

Der hypothetische Realismus

Mesokosmos

Anpassung und Telos

Trial and Error

ZUSAMMENFASSUNG

9. Was wir tun sollen

Ist der Mensch schlecht?

Alles nur Fassade?

Aggressionen

Soziobiologie versus Konkurrenz

Egoismus und Altruismus

Systemische Ethik

Vom Sein zum Sollen

Ethik und Selbstorganisation

Vom Gen zum Mem

Identität als Memplex

ZUSAMMENFASSUNG

10. The Great Man

Von Transaktionen und Transformationen

Transformationale und charismatische Führung

Wird man als Führer geboren?

Der (Aber-)Glaube an den »Great Man«

ZUSAMMENFASSUNG

11. Vom Homo oeconomicus zum Homo systemicus

Ave, Homo oeconomicus

Power to the People

Wie sich Komplexität managen lässt

Selbstorganisation

Motivation

Leistung durch Konkurrenz?

Kooperation, kollektive Intelligenz und Hochleistungsteams

Nachhaltiges Management

Systemische Personalauswahl

Personalentwicklung

Lernen von Familienunternehmen

Homo systemicus oder die Kunst der Führung

Der systemische Rahmen

Bilanz

Schluss

12. Was nun? Der 30-Punkte-Plan systemischer Führung

Literaturverzeichnis

Der Autor

Vorwort

»Unser Zeitalter ist stolz auf Maschinen, die denken, und blickt misstrauisch auf Menschen, die zu denken versuchen.«

H. MUMFORD JONES

Um mich mit meiner eigenen Rolle als Führungskraft in der Industrie näher auseinanderzusetzen, habe ich öfter einige Kollegen zu ihrer Führungsphilosophie befragt. Die Antworten, die ich bekam, hatten interessanterweise selten mit Führungsstilen oder Führungstechniken zu tun. Vielmehr schien es bei Führung eher um das Menschenbild der Führungskraft als um rationale Methoden oder Werkzeuge zu gehen.

Was mich dabei am meisten erstaunte, war, dass dieses Menschenbild sehr häufig eine »Natur des Menschen« zugrunde legte, wie sie von Thomas Hobbes, den Neodarwinisten oder auch der neobehavioristischen Schule vertreten wird. Demnach ist der Mensch eigennützig, er steht in ständiger Konkurrenz mit anderen, und Leistung ist von ihm nur unter Druck zu bekommen. Allerdings hatte ich den Eindruck, den Befragten wäre selbst nicht wohl dabei, einem Menschenbild zu folgen, das zwar in der ökonomischen Praxis inzwischen durchaus verbreitet ist, aber nur sehr bedingt durch wissenschaftliche Argumente gestützt wird. Ich habe mich seither mit den aktuellen wissenschaftlichen Begründungen der – durchaus dem Common Sense entsprechenden – »Natur des Menschen« näher befasst und sie scheinen in eine andere Richtung zu weisen. Mein Ziel war dabei nicht, eine idealistische Führungsphilosophie abzuleiten, sondern zu verstehen, wie Leistung bei Mitarbeitern entsteht. Dass unternehmerische Leistungsfähigkeit zugleich mit der Motivation und Sinnerfüllung der Mitarbeiter einhergeht, habe ich mit Freude als Ergebnis der Arbeit zur Kenntnis genommen.

Zahlreiche Menschen haben daran mitgewirkt, dass ich dieses Buch schreiben konnte. Ich danke zunächst Dr. Fritjof Capra, Center for Ecoliteracy California, für seine Unterstützung und die Inspiration durch seine Arbeit. Dank gebührt auch Prof. Dr. Detlef Dürr vom Mathematischen Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München für den Austausch zum quantenmechanischen Zufall.

Besonderen Dank schulde ich Ute Flockenhaus vom Gabal Verlag für ihre Neugier, ihre Kreativität und ihre Professionalität sowie Anke Schild für ihr professionelles Lektorat.

Für zahlreiche Anregungen, ihre Kritik und ihre inhaltliche Auseinandersetzung mit meinem Text danke ich außerdem ganz herzlich meiner Frau Jutta sowie Renate Achouri und Karl-Heinz Remy, ebenso den Mitgliedern des »Münchner Gesprächskreises für Philosophie«, Annette Großschmidt, Michael Zschaeck sowie Wolfgang Spitzauer.

Nicht zuletzt danke ich Elias und Charlotte für die viele Zeit, die nur geborgt war und deshalb auch zurückgegeben wird.

1. Einführung

»Der Sinn ist ewig ohne Handeln, und nichts bleibt ungewirkt. Wenn Fürsten und Könige ihn zu wahren verstünden, so würden alle Geschöpfe von selber sich gestalten.«

LAOTSE

Systemtheorie gestern, heute und morgen

»Es gibt sie nicht: ›die systemische Wirtschaftstheorie‹. Bestenfalls kann von Ansätzen dazu gesprochen werden. Eine ernst zu nehmende, breite wissenschaftliche Auseinandersetzung über die Anwendung der neueren Systemtheorie auf die Wirtschaftswissenschaften ist nicht zu finden. Und die Fragen, die sich aus einem systemtheoretisch-konstruktivistischen Paradigma in den Wirtschaftswissenschaften ergeben, sind zahlreicher als die Antworten.« (Simon 2009, 11)

Weit verbreitet: systemische Begriffe

Für einen Großteil der »systemischen« Managementliteratur gilt, dass sie zwar systemische Begriffe aufgenommen hat, beispielsweise den der »Vernetzung«. Eine konsistente Ausarbeitung, insbesondere im Bereich Führung, scheint aber bis heute noch nicht erfolgt zu sein.

Betrachtet man den Status quo der Systemtheorie insgesamt, bietet sich ein sehr heterogenes Bild einzelner Ansätze. Während in einzelnen Teilgebieten wie der systemischen Therapie große Fortschritte und Erfolge erzielt wurden, hat die Zahl der in entsprechenden Verbänden organisierten Systemforscher und -praktiker seit den 1970er-Jahren kontinuierlich abgenommen. (de Zeeuw 2005) Charles François (1995) dagegen ist der Überzeugung, dass eine allgemeine Systemtheorie noch gar nicht formuliert wurde. Und für Oswald Neuberger (2002) steht die Umsetzung auf Teilgebiete wie die Wirtschaftswissenschaften noch aus – was ein völliges Umdenken im Rahmen einer systemischen Personalführung erfordere.

In der führenden amerikanischen Managementliteratur zeigt sich systemisches Denken als hochaktuell, wenn auch meist unter anderem Namen. Theoreme wie »Emergenz«, »Singularität« oder »Best Practices zu kollektiver Intelligenz in Hochleistungsteams« führen bekannte, systemische Paradigmen in neuem Gewand weiter.

Anfänge der Systemtheorie

Die Systemtheorie wurde vor allem ab den 1940er-Jahren populär. Hier spielten der Zweite Weltkrieg wie auch das Aufkommen der Neurophysiologie und die Entwicklung des Computers eine wichtige Rolle. Den entscheidenden Durchbruch für eine neue Sicht lebender Systeme im Sinne von Selbstorganisation leiteten der Physikochemiker Ilya Prigogine – mit seiner Arbeit zu dissipativen Strukturen – und Heinz von Foerster – Mitbegründer der kybernetischen Wissenschaft – ein. Die chilenischen Biologen Humberto Maturana und Francisco Varela führten das Paradigma der Selbstorganisation lebender Systeme dann in ihrer Konzeption der »Autopoiese« weiter.

Autopoiese/Selbstorganisation

Die Eigenschaft lebender Systeme, sich unter Beibehaltung ihrer inneren Integrität ständig selbst zu erneuern und Strukturen in Prozesse aufzulösen, führte zu einem völlig neuen Verständnis lebender Systeme. (Jantsch 1992) Die Grundprinzipien der Selbstorganisation wurden auf immer mehr Bereiche ausgeweitet: auf ökologische und soziobiologische Aussagen (Eigen/Winkler 1996) bis hin zu makroskopischen Aussagen über die Biosphäre (Margulis/Lovelock 1974). In diesem Sinne wurden Biosphäre und Atmosphäre als autopoietisches System gesehen, das sich selbst organisiert und regelt. Man spricht hier von der Gaia-Hypothese, die ihren Namen in Anlehnung an die Erdmutter der griechischen Mythologie erhalten hat.

Nach einer außerordentlich fruchtbaren Zeit bescheinigt Dirk Baecker (2005) der Systemtheorie, heute kaum noch eine wissenschaftliche Rolle zu spielen. In Deutschland und Österreich bzw. europaweit scheine noch am ehesten ein Interesse an diesen Fragestellungen vorhanden zu sein. Der Versuch, mit den einzelwissenschaftlichen Erkenntnissen Schritt zu halten und diese immer wieder aufs Neue systemtheoretisch zusammenzuführen, scheint aufgegeben worden zu sein. Gerade die Selbstverständlichkeit des Wechsels zwischen Naturwissenschaft und Sozialwissenschaft habe sich früher als sehr produktiv erwiesen, während heute die intellektuelle Neugier nachgelassen habe. (Stichweh 2005)

In Krisenzeiten populär?

Anders als Dirk Baecker zeichnet Peter Kruse ein durchaus positives Bild der Entwicklung der Systemwissenschaften im letzten Jahrzehnt. Gerade die Chaostheorie, die Theorie der Selbstorganisation sowie die Synergetik hätten sich zu einem intensiv diskutierten, interdisziplinären Forschungsbereich entwickelt. (Kruse 2009) Nehmen wir den Bereich der evolutionären Systemtheorie noch dazu, so könnten wir auch Disziplinen wie die Bionik anführen. Auch scheint die Systemtheorie populärer zu sein, wenn die Bewältigung globaler Krisen ansteht, wie sich anhand der Debatte um die Klimakrise oder die Finanzkrise zeigt.

Vielleicht treffen systemtheoretische Überlegungen auch gerade deshalb den gesellschaftlichen Nerv, weil in einer zunehmend komplexer werdenden Welt Vorhersagen immer schwieriger werden. Notwendig sind dann Konzepte, die dieser Komplexität versuchen gerecht zu werden und Innovationspotenzial besitzen, ohne die Gültigkeit bestehender Erkenntnisse und Forschungsstrategien zu widerlegen. So folgert Kruse: »Die Zeit der Vordenker ist ein für alle Mal vorbei. Ob in Kultur, Wirtschaft oder Politik – angesichts der Komplexität und Dynamik der von uns selbst erzeugten gesellschaftlichen Wirklichkeit gibt es keine Patentrezepte mehr. Wir sind angewiesen auf die Bereitschaft aller, sich bei vollem Bewusstsein der Risiken immer wieder neu auf die Faszination gemeinsamer Lernprozesse einzulassen.« (Kruse 2009, 212)

Der Arbeitnehmer der Zukunft

Wenn man sich mit dem möglichen Stellenwert systemischer (Personal-)Führung in der Zukunft beschäftigt, muss man zunächst verstehen, wie sich die Arbeitnehmerwelt generell entwickelt. Dauerhafte, lebenslange Anstellungsverhältnisse werden immer weniger den Normalfall darstellen, Mitarbeiter müssen ihre Karrierewege selbst in die Hand nehmen. Um mit den schnellen Veränderungen mithalten zu können, müssen sie eine erhebliche permanente Lern- und Veränderungsfähigkeit mitbringen. Lernen endet nicht mit dem Hochschulabschluss oder der Ausbildung, sondern wird ein Leben lang anhalten. Die Verantwortung für die eigene »Employability« wird nicht mehr von den Unternehmen übernommen, jeder Arbeitnehmer hat selbst seine Personalentwicklung und Marktkompatibilität im Auge zu behalten. Globale, hochkomplexe Zusammenhänge können nicht mehr eindimensional, monokausal und lokal verstanden werden. Visionen und unternehmerische Leitbilder werden nicht mehr von nur wenigen Führungspersonen getragen. Systemisches Denken bietet hier einen hochaktuellen theoretischen und praktischen Ansatz, mit dieser Komplexität umzugehen.

Der Blick auf das Ganze

Systemisches Denken hat nichts mit der vielstrapazierten Vernetzung, einer Suche nach Weltharmonie, mit Esoterik oder dergleichen zu tun. Trends wie »Kooperatives Führungsverhalten«, »Hedonismusprinzip«, der Ruf nach »Selbstentfaltung« und »Selbstverwirklichung« (Malik 2009, 59) mögen eine gewisse Faszination ausüben, haben aber mit systemwissenschaftlicher Forschung wenig zu tun und bringen die Systemtheorie durch ihre mangelnde Fundierung eher in Misskredit.

Kein einheitliches Verständnis von »systemischer Führung«

Von einem einheitlichen Verständnis systemischer Führung kann kaum gesprochen werden, die verschiedenen Schulen haben bestenfalls das Denken in »vernetzten Systemen« gemeinsam und unterscheiden sich ansonsten doch erheblich in Inhalt, Praxis- oder auch Theorie- und Wissenschaftsbezug. (Steinkellner 2007) So ähneln beispielsweise die Inhalte der »Human-Relations«-Strömung – partizipative Führung, teilautonome Gruppen, Selbstverwirklichung der Arbeitnehmer oder die Schaffung einer Unternehmenskultur des Vertrauens – denen der systemischen Führung, ohne jedoch auf die von der Systemtheorie getroffene Argumentation zurückzugreifen. Ich werde in diesem Buch keine humanistisch orientierte Systemtheorie entwerfen, sondern vielmehr die Erkenntnisse aus der Systemtheorie nutzen, um systemische Führung als effizienten, der Natur lebender Systeme entsprechenden Ansatz zu präsentieren.

Systemtheorie und Betriebswirtschaftslehre

Gerade Ansätze der Selbstorganisation bieten ein Vorbild für die Bewältigung komplexer Managementaufgaben, einer Komplexität, die in dieser Form vor einigen Jahrzehnten noch nicht vorhanden war. Ein interdisziplinärer Ansatz wie die Systemtheorie hat es allerdings schwer, sich in der Betriebswirtschaftslehre durchzusetzen. Dabei ist gerade die Betriebswirtschaftslehre durch ihre generalistische Ausrichtung aufgefordert, aktuelle, einzelwissenschaftliche Ergebnisse aufzunehmen. Der Betriebswirt kann sich nicht auf Bilanzierungsfragen beschränken; sein angewandtes Wissen speist sich heute aus so unterschiedlichen Disziplinen wie Mathematik, Psychologie oder Rechtswissenschaften.

Empirische Daten und Theorie

Oft wird vergessen, was die Ursprünge systemischen Denkens ausgemacht hat, nämlich eine übergreifende interdisziplinäre Suche nach Zusammenhängen. Systemtheorie kann sich demnach nicht in der empirischen Suche nach passenden Daten erschöpfen. Selbst wenn sich heute in vielen Studien und praktischen Beispielen zeigt, dass kollektive Intelligenz, Kooperation und Selbstorganisation für die Team- und Einzelleistung in Unternehmen eine große Rolle spielen, müssen wir doch auch verstehen, wieso das so ist, welche theoretische Annahme hier zugrunde liegt.

Notwendig ist dies, um sich von den vorliegenden empirischen Daten zu »emanzipieren«; vergleichbar mit der Vermeidung des naturalistischen Fehlschlusses in der Ethik – bei dem alles gut wäre, was praktiziert wird. Zum anderen würde eine Begrenzung auf die empirischen Daten unseren Spielraum auf das beschränken, was bereits gemacht wird. Das würde sowohl unser derzeitiges Handeln als auch unsere Kreativität und Überlebensfähigkeit für die Zukunft erheblich begrenzen.

Empirische Forschung ist einerseits unverzichtbar. Andererseits sollten wir nicht vergessen, dass empirischer Erfolg nicht notwendigerweise die zugrunde liegenden Konstruktionen beweist. (Gergen 2002) Die Entwicklung qualitativ hochwertiger theoretischer Ansätze in der Forschung bleibt unabdingbar.

Rückgriff auf einzelwissenschaftliche Ergebnisse

Wir kommen um eine fundierte Rückführung des systemischen Paradigmas auf aktuelle, einzelwissenschaftliche Ergebnisse nicht umhin. Darüber hinaus müssen die Aussagen ihrerseits wiederum empirisch überprüft werden. Für systemische Führung heißt das beispielsweise, Prinzipien für lebende Systeme aus biologischer und kultureller Evolution aufzufinden, um in der Folge konkrete Aussagen daraus ableiten zu können, beispielsweise wie Motivation entsteht und wie mit Mitarbeitern umgegangen werden muss, sodass diese möglichst motiviert und leistungsfähig sind.

Ziele dieses Buches

All dies wollen wir in diesem Buch tun. Diese Arbeit wird notwendigerweise immer bruchstückhaft bleiben. Schon auf dem Gebiet einzelwissenschaftlicher Forschung ist es unmöglich, den aktuellen Stand der Forschung zu spiegeln. Mithin kann dies nicht das Ziel eines Überblicks sein, der den Bogen von einzelwissenschaftlichen Aussagen bis hin zu praktischen Managementempfehlungen spannt. Vielmehr soll dieses Buch Verbindungen schaffen, Ideen geben, einen roten Faden spinnen, der sich über die einzelwissenschaftliche Isolation hinausbegibt und einen Anstoß für systemisches Management in Wissenschaft und Praxis liefert.

Bewusst ausgeklammert habe ich einige Strömungen der Systemtheorie, die den Rahmen sprengen würden. So werden etwa soziologische Systemtheorien (Parsons, Luhmann et al.) zur Aufklärung gesellschaftlicher Verhältnisse nur gestreift, politische (Kaplan, Easton, Deutsch et al.), wie sie insbesondere in den 1950er-Jahren in den USA im Rahmen des Szientismus aufkamen (Albert/Walter 2005), ganz ausgelassen. Insbesondere die soziologische Systemtheorie findet sich in der deutschen Systemlandschaft schon erheblich weiter ausgearbeitet, als dies bei den Wirtschaftswissenschaften der Fall ist. Dieses Buch soll dazu beitragen, den Entwicklungsabstand zu verringern.

Keine Trennung von naturwissenschaftlicher und geisteswissenschaftlicher Systemtheorie

Die Differenzierung in naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Systemtheorie erscheint mir wenig sinnvoll. Das Unterscheidungskriterium, dass naturwissenschaftliche Systemtheorie von objektiver Messung ausgehe, während sozialwissenschaftliche den Beobachter mit einschließe (Tschacher 2004), entspricht spätestens seit Aufkommen der Quantenphysik nicht einmal mehr dem naturwissenschaftlichen Weltbild. Zudem ist das systemtheoretische Paradigma gerade angetreten, eine für Natur- und Geisteswissenschaften gemeinsame Beschreibung anzubieten.

Interdisziplinarität

In der Folge werden deshalb Themencluster gebildet: von Evolutionsbiologie, Physik, Chaosforschung, Erkenntnistheorie, Philosophie, Kognitionswissenschaften, Entwicklungspsychologie, Coaching/Therapie und kultureller Evolution bis hin zur aktuellen Führungsstillehre und zu systemischem Management. Systemtheorie bündelt durch die interdisziplinäre Vernetzung viele Beobachtungen, auch wenn es sich dabei nur um relativ wenig Merkmale handelt, wie die Merkmale der Verschränktheit aller Systeme, Selbstorganisation und Autonomie oder auch der Koevolution und Kooperation. (Hawking 2009) Systemtheorie kann als gemeinsame Sprache verstanden werden, die sich aus so unterschiedlichen Bereichen wie Physik, Chemie, Biologie, Biochemie oder auch Physiologie herausgebildet hat. (Kriz 2004) Gerade auch Vertreter der »harten« Naturwissenschaften wie Hermann Haken begrüßen die interdisziplinäre Grenzüberschreitung in Systemtheorie und Synergetik. (Haken 2004) Ebenso haben sich Vertreter der Geisteswissenschaften immer wieder für ein interdisziplinäres Verständnis der Systemtheorie ausgesprochen, das angeborene Strukturen, biochemische und neuronale Prozesse, die Physis, die Familie oder auch die ökonomische Situation miteinbezieht. (Kriz 1989; Schiepek 2004)

Wir kommen aus dem Wasser

Evolutionsbiologie als Grundlage

Unsere Kultur und unser menschliches Selbstverständnis lassen sich nicht nur durch die biologischen Ursachen verstehen, zu ihrem Verständnis sind wir auf die Gesamtheit verfügbaren Wissens naturwissenschaftlicher wie geisteswissenschaftlicher Art angewiesen. (Damasio 2007) Wir müssen uns allerdings entscheiden, ob wir die Geschichtlichkeit unseres Daseins anerkennen und damit die Evolutionsbiologie als Grundlage anderer Disziplinen verstehen wollen.

Ein gängiger Einwand gegenüber der Evolutionstheorie betrifft die nach wie vor nicht mögliche lückenlose Beschreibung aller Ursache-Wirkungs-Ketten. In der Systemtheorie wird ein ähnlicher Einwand formuliert, indem darauf hingewiesen wird, dass die angeblich interpretierte Ordnung nicht lückenlos aufzufinden sei und immer nur in Teildisziplinen mit ihren jeweils eigenen Gesetzmäßigkeiten beschrieben werden könne. Diese Haltung vertritt die Systemtheorie jedoch selbst, indem sich Aussagen immer nur im jeweiligen Rahmen auf ein bestimmtes Bezugssystem beziehen lassen. Der Gedanke lässt sich bereits beim Mathematiker René Thom finden. (Miermont 2005)

Übernahme evolutionsbiologischer Begriffe

Interessant ist hierbei auch die Übertragung evolutionsbiologischer Begriffe auf die Ökonomie. Begriffe wie »Knappheit«, »Präferenz«, »Opportunität«, »Kosten« oder auch »Nutzen« werden dabei bivalent verwendet. Allerdings gibt es durchaus widersprüchliche Auffassungen in den Konzepten, da manche Vertreter den ökonomischen Ansatz sogar als »noch umfassender als den evolutionstheoretischen« verstehen (Radnitzky 1987, 117; Radnitzky/Bernholz 1987; Hirschleifer 1986), während andere die Ökonomie im Sinne eines »Lernens von der Natur« als kulturell und evolutionär geschaffen verstehen (Malik 2009; Otto et al. 2006). Diese Auffassung findet in der Bionik, also der Übertragung biologischen Wissens auf die Technik, ihre praktische Anwendung. Ich folge hier dem letzteren Verständnis.

Begrifflichkeit und Methode

Etymologisch geht das Wort »System« auf das griechische Wort »Synistánai« (zusammenstellen) zurück. Hierbei ist gemeint, dass Systeme sich nicht rein naturwissenschaftlich-analytisch verstehen lassen, da die Eigenschaften der Teile nicht isoliert betrachtet werden können, sondern nur im Kontext des größeren Ganzen zu begreifen sind.

Die doppelte Bedeutung von »Systemtheorie«

Der aufmerksame Leser wird merken, dass der Begriff »Systemtheorie« hier in zweifacher Weise verwendet wird – und zwar formallogisch durchaus widersprüchlich. Zum einen bezieht er sich auf die ursprüngliche Bedeutung des »Zusammenstellens«, sodass Systemtheorie den roten Faden interdisziplinärer Forschung bildet, im Sinne eines Bauplans, der die Welt zusammenhält. Zum anderen hat die Systemtheorie aber auch eigene Inhalte und Aussagen, ist also gleichsam ein System im System, eine Disziplin unter anderen Disziplinen. Da das Ganze nicht zugleich ein Teil desselben sein kann, schließt sich die doppelte Verwendung des Begriffes im engeren formallogischen Sinne aus. Weil aber die Welt nicht nur formallogisch zu verstehen ist, werden wir diese Ambivalenz im Weiteren nicht auflösen. Ebenfalls wird hier auf eine strenge Unterscheidung zwischen den Begriffen »Führung«, »Management« und »Leadership« verzichtet; ich folge damit der Pragmatik Neubergers (2002). Nicht notwendig für diesen Kontext ist beispielsweise die Unterscheidung von »Führung« mit personaler und interaktionaler Akzentuierung gegenüber »Management« mit strukturellen und institutionellen Schwerpunkten.

Zur Methode

So einfach die Hypothesenbildung sein mag, so schwierig gestaltet sich die Hypothesenprüfung. Wir können dafür mehrere Möglichkeiten in Betracht ziehen (modifiziert nach Vollmer 2002) und uns beispielsweise fragen, was der systemische Führungsansatz leistet, was sich mit ihm erklärt und was er eben nicht imstande ist zu leisten. Welche Vorteile hat er gegenüber den herkömmlichen Theorien und wie steht er zu diesen? Ergeben sich Widersprüche, ist die Theorie komplizierter oder einfacher als andere und wie wirkt sich das auf die Problemlösefähigkeit aus? Da Personalführung und Management vor allem praktische Anwendungsgebiete sind, ist auch zu prüfen, welche Best Practices es in der Führung gibt und ob sie mit systemischem Management in Einklang stehen. Auch die Frage »Cui bono?« wird relevant sein, um Gewinner und Verlierer, Befürworter und Gegner des systemischen Paradigmas transparent werden zu lassen. Ich werde diese Frage am Ende des Buches wieder aufgreifen, um Bilanz zu ziehen.

Wie dieses Buch zu lesen ist

Das Buch setzt – dem Thema entsprechend – auf Ihren Willen und Ihre Fähigkeit der Selbstorganisation, liebe Leser. Sie können es von vorne bis hinten durchlesen oder beliebig einzelne Kapitel herausgreifen. Die Zusammenfassungen am Ende jedes Kapitels werden Ihnen dieses Vorgehen erleichtern. Sie können aber auch mit dem 30-Punkte-Plan systemischer Führung beginnen und nur bei Bedarf die wissenschaftlichen Begründungen nachschlagen. Es ist schließlich Ihr Buch.

2. Wie Leben funktioniert

»Let everything be allowed to do what it naturally does, so that its nature will be satisfied.«

ZHUANGZI

Emergenz

Kollektive Probleme – kollektive Lösungen

Die ökologischen Herausforderungen, wie sie beispielsweise auf dem Klimagipfel in Kopenhagen 2009 formuliert wurden, wie auch die Weltfinanzkrise, die 2008 ihren Ausgang nahm, sind kollektive Probleme und erfordern eine kollektive Lösung. Die Herausforderung besteht darin, über Einzellösungen hinaus kollektive, systemische Lösungen zu finden, wie es Einzelne nicht vermögen. Dieses Auftauchen synergetischer Kräfte nennt man auch Emergenz. In der Biologie bezeichnet man als emergente Eigenschaften solche, die im Ganzen entstehen, ohne dass sie in den Teilen jeweils für sich selbst schon vorhanden wären.

Beispiel Ameisenkolonie

Bienen oder Ameisen etwa würden nicht als Einzelwesen überleben, entwickeln aber zusammen eine kollektive Intelligenz, die denen der einzelnen Individuen weit überlegen ist. Die emergente Intelligenz selbstorganisatorischer Systeme lässt sich anhand einer Ameisenkolonie gut verdeutlichen. Aufgrund der Komplexität einer Ameisenkolonie ist es für die Königin unmöglich, jede Ameise zu überwachen oder zu steuern. Dort gibt es keine Führungsstrukturen, auch wenn wir Systeme lange Zeit aus diesem Blickwinkel analysiert – und missverstanden – haben. (Johnson 2001)

Die argentinische Ameisenart Linepithema humile zeigt, dass Kooperation innerhalb einer Spezies einen großen Überlebensvorteil bringt. Linepithema ist deshalb in der Lage, »fremde Ökosysteme extrem erfolgreich zu erobern, weil diese Art – wie bei Ameisen sonst üblich – ihr Territorium nicht gegen jede andere Ameisenkolonie verteidigt. Linepithema geht stattdessen bei der Eroberung neuer Territorien mit anderen Kolonien ihrer eigenen Art gemeinsam vor.« (Kruse 2009, 117)

Beispiele Bienenvolk und Zugvögel

Auch Bienenvölker kennen keine Führung, es gibt kein Individuum, das anführt und entscheidet. Die Bienen organisieren sich einfach selbst. (Laughlin 2009) Ein anderes Beispiel bieten Schwärme von Zugvögeln, die sich von der Basis her ausrichten, ohne »Leithammel« und ohne die Befolgung komplizierter Regeln: »Wer einen Vogelschwarm am Himmel beobachtet, gewinnt eine Vorstellung von spontaner Ordnung, um einen Begriff des Ökonomen Friedrich Hayek zu verwenden.« (Surowiecki 2007, 143f.)

Schon auf biochemischer Ebene sind komplexe Systeme nicht nur als bloßes Nebeneinander ansonsten nicht zusammenhängender Teile zu verstehen. Alle Teile stehen miteinander in Wechselwirkung, und diese Dynamik eines Systems ist als Wirkungsgefüge zu verstehen, als Programm, das die eigene Veränderungsfähigkeit in sich trägt. (Vester 2002)

Kooperative Intelligenz

Heutzutage gewinnt die Idee, zusätzlich zu den Anforderungen von kognitiver und emotionaler Intelligenz auch kooperative Intelligenz zu nutzen, immer stärkere Bedeutung. Den Begriff der »collaborative intelligence« hat William Isaacs (2002) eingeführt. Isaacs meint damit die Fähigkeit, die Energie von Beziehungsnetzwerken zu nutzen und zu verstärken. Doch unabhängig von der Idee der Kooperation geht dieser Gedanke tiefer. Er stützt sich nämlich auf die Idee, dass alle Lebewesen auf einer bestimmten Ebene miteinander verbunden sind. Unterstellt wird eine kollektive Intelligenz, zu der wir nicht nur alle beitragen, sondern auf die wir auch potenziell zugreifen können. (Joyce 2008)

Kooperation versus Wettbewerbsorientierung

Diese Auffassung konterkariert die im Wirtschaftsleben tief verwurzelte Überzeugung, Erfolg auf Wettbewerbsorientierung zu gründen. Dabei zeigt uns die Tierwelt viele mögliche Beispiele für Alternativen. Schwärme von Staren mit Tausenden Vögeln koordinieren Millionen von Flügelschlägen. Diese Synchronie verdankt sich jedoch nicht, wie man vielleicht vermuten mag, den spontanen Reaktionen der Vögel auf die jeweiligen Nachbarn. Die Reaktionszeit wäre hierfür, zieht man das Nervensystem der Vögel in Betracht, viel zu kurz. Dieses Phänomen zeigt sich auch bei Fisch- oder Insektenschwärmen und sogar in großen Tierherden.

Auch Termiten oder Ameisen wenden Verhaltensweisen an, die aus dem Kollektiv entstehen. Termiten bauen im Verhältnis zu ihrer eigenen Größe die größten Bauwerke der Erde und erschaffen in Gruppen architektonisch hochkomplexe Behausungen. Dabei stehen sie nicht unter der Führung von einzelnen »Architekten« oder »Ingenieuren«. Das Wissen entsteht vielmehr im Kollektiv und beim Tun. Dieses emergente Wissen ist demnach in der Gesamtheit der Population vorhanden, nicht aber bei einzelnen Individuen zu beobachten. (Joyce 2008) Auch Ameisen zeigen emergente Eigenschaften in der Gruppe, ohne die Präsenz von Spezialisten oder Anführern. Komplexe Aufgaben, etwa beim Errichten neuer Kolonien, werden von verschiedenen Individuen übernommen. Sie wechseln die Aufgabe gemäß den gerade anfallenden Erfordernissen.

Erfolg durch Kommunikation

Bereits Bakterien beweisen kollektive Intelligenz, wie Eshel Ben-Jacob und James Shapiro anhand der E.-coli-Bakterien gezeigt haben. Die Bakterien stehen in Kommunikation zueinander; und obwohl sie einzeln äußerst geringe Möglichkeiten haben, können sie im Kollektiv Leistungen vollbringen, die für Menschen nicht möglich wären. So haben sie sich etwa von ihrer Nahrungsquelle Laktose auf Aspirin umgestellt. (Joyce 2008)

Während wir Technologien wie Gentechnik oder Internet für fortschrittliche Leistungen unserer Zivilisation halten, gehen Bakterien in analog kreativer Weise schon seit Milliarden von Jahren vor. Nehmen wir nur die Geschwindigkeit, mit der sich die Widerstandsfähigkeit gegen neue Medikamente unter Bakterien ausbreitet. Sie beweist, dass ihre Kommunikation effizienter ist, als es eine Anpassung durch Mutationen wäre. So sind Bakterien in der Lage, sich an Umweltveränderungen innerhalb weniger Jahre anzupassen. Andere Organismen würden dazu Jahrtausende benötigen. (Capra 1996) Bei den Bakterien gibt es anstelle einer vertikalen genetischen Informationsübertragung horizontale Fluktuationen mit außerordentlich rascher Verbreitungsgeschwindigkeit. (Jantsch 1992)

Was können wir daraus lernen?

Durch diese Beispiele angeregt, können wir uns fragen, welche Fortschritte für uns möglich sind, wenn wir unsere kooperative Intelligenz entdecken und einsetzen. Schließlich scheint die Intelligenz beispielsweise von Ameisen oder Termiten als Individuen betrachtet sehr begrenzt zu sein, durch ihr Gruppenverhalten agieren sie aber sehr klug. Was könnten Menschen, die für sich genommen schon individuell klug sind, erst im Kollektiv erreichen? Stephen Joyce (2008) fragt mit Recht, welchen gewaltigen Evolutionsschritt die Entwicklung der kooperativen Intelligenz für die Menschheit bedeuten könnte. Emergenz bedeutet demnach, ebenso wie der mengentheoretische Grundsatz, wonach das Ganze mehr als die Summe seiner Teile darstellt, dass ein Team als Ganzes es schafft, Probleme zu lösen, die kein einzelnes Mitglied allein lösen könnte.

Selbstorganisation als Ordnungsprinzip in der Natur

Den Begriff »Systemtheorie« benutzte erstmalig der österreichische Biologe Ludwig von Bertalanffy (1969) an der Universität von Chicago im Jahre 1937, indem er von einer »General System Theory« spricht. Er formulierte auch den Gedanken der »Emergenz«, wobei er nicht nur die Vernetztheit, sondern auch die Eigengesetzlichkeit von Systemen annimmt. Für ihn stellt dieses neue Paradigma ein neues Menschenbild dar, das die immanente Aktivität anstelle der Reaktion auf Fremdeinflüsse betont. Bertalanffy ahnt bereits, was dieses neue Paradigma auch für andere Disziplinen als die Biologie bedeutet, etwa für die Erziehungswissenschaften oder die Psychotherapie.

Betonung von Ziel- und Zweckorientierung

Bei seiner Definition der General System Theory hebt Bertalanffy die Ziel- und Zwecksetzung von lebenden Systemen hervor. Ähnlich wie bei der aristotelischen Entelechie (griech. telos = Ziel und echein = haben) tragen Lebewesen das Ziel ihrer Entwicklung immer schon in sich. In den Worten der General System Theory heißt dies nun Zielorientierung, Zweckorientierung und Selbstorganisation.

Offene Systeme

Zugleich sind alle Lebensformen als »offene Systeme« zu verstehen: Damit wird ihre Abhängigkeit von ständigen Energieflüssen und Ressourcen betont. Bertalanffy prägt hierbei einen zweiten zentralen Begriff der Systemtheorie, den des »Fließgleichgewichts«, um das Miteinander von Struktur und Veränderung in allen Lebensformen zum Ausdruck zu bringen. Auch dies unterscheidet die General System Theory vom klassischen, naturwissenschaftlichen Verständnis ihrer Zeit. Das konventionelle physikalische Verständnis betonte die Geschlossenheit und die Isolation von Systemen. Für die General System Theory dagegen befinden sich lebende Systeme in einem kontinuierlichen Zu- und Abfluss, sie stehen in einem ständigen metabolischen Auf- bzw. Abbau mit ihrer Umwelt. Bertalanffy definiert damit sowohl das Kriterium metabolischer Offenheit lebender Systeme als auch ihre Aktivität gemäß der inneren Organisationsgesetzlichkeit des Nervensystems.

Veränderung wird nicht von einer äußeren Kraft bewirkt, vielmehr differenziert sich etwa ein sich entwickelnder Embryo über die internen Gesetze seiner Selbstorganisation. Bertalanffy hält dieses Prinzip interner Aktivität für wichtiger als externe Stimuli. Indem er diese Annahme auch auf die Funktionsweise niederer Tiere ausdehnt, formuliert er ein evolutionäres Prinzip. Das Prinzip der Selbstorganisation schließt dabei die Funktionsweisen von Mutation und Selektion keineswegs aus, sondern ergänzt sie. Das allerdings wurde lange Zeit nicht verstanden.

Mutation und Selektion

Charles Darwin

Charles Darwin hat das evolutionäre Grundprinzip in seinem Werk Die Entstehung der Arten im Jahre 1850 dargelegt. Über die Evolution spekuliert hatte schon sein Großvater Erasmus Darwin, ebenso wie etwa Jean-Baptiste de Lamarck. Entsprechende Gedanken finden sich sogar noch früher, etwa bei Empedokles, Buffon oder Saint-Hilaire, aber vor Charles Darwin hat niemand eine plausible Theorie eines Evolutionsmechanismus formuliert. Darwins Verdienst besteht also nicht darin, die Artengenese in die Welt gebracht, sondern als Erster die Ursachen der Evolution angegeben zu haben. (Vollmer 2002)

Darwin geht dabei von drei Hauptfaktoren aus: Vererbung, Mutation und Selektion. Durch Mutationen kommt es zu Varianten; die Individuen unterscheiden sich also. Die Selektion erfolgt durch eine Umwelt, die nicht alle Individuen überleben lässt und einigen bessere Chancen einräumt. Evolution entsteht damit dadurch, dass ein Replikator nur unvollkommene Kopien herstellt, was man auch als »Unausweichlichkeit« der Evolution bezeichnet hat (Blackmore 2005, 38), sofern diese Startbedingungen einmal gegeben sind.

Entwicklung und Stabilität

Darwins ursprüngliche Theorie der Selektion basierte auf dem Gedanken der gegenseitigen Konkurrenz und gegebenenfalls der Vernichtung. Diese Theorie ist heute wissenschaftlich nicht mehr zu halten. Im Gegensatz zur zufälligen Mutation geht man heute vielmehr von einer Selbstveränderung der Organismen durch »im biologischen System selbst angelegte Prinzipien« (Bauer 2008, 66) aus. Anstatt ihr genetisches Substrat wahlloser Veränderung im Sinne der darwinschen Mutation auszusetzen, schützen Organismen den für die Stabilität notwendigen Bestand. Der Freiburger Genforscher Joachim Bauer nennt zwei Grundprinzipien biologischer Systeme: zum einen das der »durch externe Stressoren angestoßenen Entwicklung und zum anderen das der aktiven Bewahrung von biologischer Stabilität« (2008, 67), was nicht nur auf den ersten Blick den systemischen Grundsätzen von struktureller Störung und operationaler Geschlossenheit zu entsprechen scheint.

Die Entstehung neuer Arten geht demnach auf Umbauprozesse innerhalb des Genoms selbst zurück, es organisiert die Veränderungen selbst aktiv, indem beispielsweise genetische Elemente neu kombiniert oder erweitert werden. Ein Beispiel hierfür sind etwa Bakterien, die die Architektur ihres Genoms verändern, um der Vernichtung durch Antibiotika zu entkommen: »Wären Bakterien gemäß der darwinistischen Doktrin in ihrer Abwehr gegen Antibiotika auf in ihrem Genom zufällig auftretende Mutationen angewiesen, hätten wir heute in den Krankenhäusern keine Probleme mit sogenannten nosokomialen Keimen, stattdessen wären Bakterien dort schon lange ausgerottet.« (Bauer 2008, 87)

Selbstorganisation der Gene

Diese Selbstorganisation der Gene unterliegt in einem zweiten Schritt zwar der Selektion, sie fungiert hier allerdings, wie auch der Chaosforscher Stuart Kauffman ausführt, nicht als Ordnungsprinzip erster Ordnung, sondern lediglich als »Veto« gegenüber Organismen, die sich als nicht überlebensfähig erweisen. Die Ablehnung zufälliger Mutationsprinzipien versteht Bauer nicht als Determinismus, er spricht vielmehr von »intrinsischen biologischen Regeln« (Bauer 2008, 118). Sowohl Mutation als auch Selektion behalten demnach durchaus einen Beitrag zur Artenentwicklung in der modernen Evolutionsbiologie, beide bekommen jedoch einen anderen, nämlich sekundären, Stellenwert.

Im Sinne der Systemtheorie ist Leben demnach schon vor Mutation und Selektion durch den operationalen Aufbau bestimmt, Ordnung im Sinne einer spezifischen Selbstorganisation schon vor jeder Mutation vorhanden: »Das genomische Programm, welches den Urbauplan bewahrte, blieb in seiner Grundordnung die gesamte seitherige Evolution hindurch stabil.« (Bauer 2008, 132)

Ordnung ist bereits da

Mit der Mutation als spezifischer und deshalb nicht zufälliger Varianz treten danach ebenso wie mit der Selektion zwei Prinzipien hinzu. Ordnung kommt aber nicht erst mit diesen in die Welt, sondern ist immer schon vorhanden. Die Natur lässt dabei mehr überlebensfähige Varianten entstehen, als durch Selektionsdruck erklärt werden könnte, ein Prinzip, das auch als »Exaption« (Brosius 2005; Cooper et al. 2007) bezeichnet wird. Die Vielzahl neuer Gene und Genkombinationen geht damit weit über das hinaus, was zum unmittelbaren Überleben notwendig wäre, weil sich dies zu einem späteren Zeitpunkt noch als nützlich erweisen kann. Um Überlebensfähigkeit zu gewährleisten, dürfen genetische bzw. epigenetische Veränderungen dennoch wahrscheinlich nicht sehr groß sein, wenn man daran denkt, wie langsam organische Evolution erfolgt. So wird der mögliche Spielraum sicher ausgenutzt, drastische Änderungen würden den Organismus aber wahrscheinlich die Reproduktionsfähigkeit kosten. (Diettrich 1989)

Geht man einmal von einer Stabilität des genomischen Programms während der bisherigen Evolution aus (Bauer 2008), so kann man sich in der Tat fragen, warum der Ursprung dieses Ordnungsprinzips auf die Zeit der Erdentstehung datiert wird. Es ließe sich berechtigterweise, wenn auch noch ohne jegliche naturwissenschaftlich empirische Fundierung fragen, ob dieses Ordnungsprinzip nicht schon zehn Milliarden Jahre vorher, bei der Entstehung des Universums, vorhanden gewesen sein könnte. Das Ordnungsprinzip in der Natur wie auch in den daraus entstehenden Organismen wäre das gleiche und die Gegenüberstellung von Mensch und Natur damit unsinnig. In diesen makrokosmischen Verhältnissen stellt sich die Frage von Anpassung im Sinne von Repräsentanz der Umwelt gar nicht mehr, denn sie wäre durch eine Analogie der Entstehungs- und Ordnungsprinzipien von Organismus und Welt schon immer gegeben.

Anpassung

Geschlossenheit versus Offenheit

Bertalanffy war sich darüber im Klaren, dass die Annahme von Selbstorganisation und Geschlossenheit eines Systems auf der einen Seite und von Verwiesenheit auf Stoffwechselprozesse mit der Umwelt andererseits die Frage aufwirft, inwieweit Umwelt und Systemorganisation aufeinander abgestimmt sind. Eine einseitige Sicht, welche die Offenheit lebender Systeme betont, würde zur Abbildtheorie führen, also zu der Aussage, dass die innere Organisation eines Organismus die Außenwelt mehr oder minder abbilde oder repräsentiere. Eine Sicht, die einseitig die Selbstorganisation betont, würde die Unabhängigkeit eines Organismus von seiner Umwelt behaupten.

Biologisches Driften

Dieser Punkt ist deshalb so entscheidend für die Systemtheorie, weil er die Frage der Anpassung eines Organismus an seine Außenwelt betrifft bzw. die Frage, ob eine solche Anpassung für das Überleben überhaupt notwendig ist. Bertalanffy entscheidet sich für einen Mittelweg und nimmt damit wieder einmal einen Ausdruck, wie ihn auch die aktuelle Systemtheorie noch gebraucht, vorweg. Es ist der Begriff des »biologischen Driftens«, der die Koexistenz eigengesetzlicher Strukturen ausdrücken soll.

Für Bertalanffy ist klar, dass Tiere oder Menschen schon allein durch ihr Überleben einen Beweis dafür erbringen, dass ihre Organisation in irgendeiner Weise mit der Realität korrespondiert. »Korrespondenz« versteht er dabei nicht im schwachen Sinne, wonach die Eigengesetzlichkeit eines Organismus sich nicht in einen Gegensatz zur Gesetzlichkeit der Umwelt stellen darf. Bei einer »Korrespondenz« im schwachen Sinne würde ein Organismus in seinem Handeln durch die Umwelt nur behindert, im Extrem bis hin zum Untergang des Organismus. Abgesehen von diesen möglichen Behinderungen würde ein Organismus mehr oder weniger unbeeindruckt von den Strukturen der Außenwelt seinem Leben nachgehen – ein Gedanke, den die Biologen Humberto Maturana und Francisco Varela in den 1980er-Jahren wieder aufnahmen.

Überlebensfähigkeit

Bertalanffy versteht die Korrespondenz von Organismus und Umwelt in einem starken Sinne, wonach eine völlige Übereinstimmung zwar nicht notwendig ist, ein bestimmter Grad an Isomorphie aber die Überlebensfähigkeit sichert. Die Art dieser Isomorphie stellt er mit einer Metapher dar, die das rote Licht einer Verkehrsampel als Symbol für Überlebensgefährdungen nimmt. Herannahende Autos oder Züge würden demnach einen Hinweis darauf erhalten, ob eine Gefahr besteht (rote Ampel) oder nicht (grüne Ampel), auch wenn die Gefahr, die in der Realität lauert, selbst nicht abgebildet wird. Wieso das Erkennen der Ampel als rot und die damit zusammenhängende Bedeutung eine Isomorphie voraussetzt, erklärt Bertalanffy nicht. Maturana und Varela streichen diese Annahme deshalb berechtigterweise später, indem sie darauf hinweisen, dass Überleben durchaus auch mit einem völligen Irrtum, was die Korrespondenz von Organismus und Umwelt angeht, möglich sei. Überleben können Organismen demnach auch dann, wenn die Symbole falsch gedeutet werden. Zum anderen spricht gegen die Ampelmetapher, dass die Möglichkeit eines Organismus, die Symbole zu erkennen, nicht durch die Symbole oder deren ursprüngliche Herkunft bestimmt wird. Vielmehr unterliegt diese Deutung selbst der Selbstorganisation des Systems, die Bedeutungen der Symbole werden erst im System geschaffen.

Dennoch war Bertalanffy mit seiner erkenntnistheoretischen Konzeption der Evolutionsbiologie seiner Zeit weit voraus. Selbst systemtheoretisch nahestehende Evolutionsbiologen, Vertreter der Symbiogenese – denen zufolge die Komplexität von Organismen auf Kooperation oder Verschmelzung mehrerer einfacher Organismen beruht –, haben bis Ende des 20. Jahrhunderts biologischen Erfolg mit Lernen gleichgesetzt. So weist etwa der Biologe Werner Schwemmler (1991) darauf hin, dass biologischer Misserfolg keinen Lernerfolg nach sich ziehe, dieser sei nur auf dem Gebiet der kulturellen Evolution zu erzielen. Evolutionäre Selbstorganisation bedeutet aber gerade kein Lernen im Erfolgsfall. Selbst der Misserfolg wäre nicht instruktiv, sondern nur ein Anstoßen der Selbstorganisation eines Organismus aufgrund eines graduell mehr oder minder beunruhigenden Vetos der Umwelt.

Ambiguität von Offenheit und Geschlossenheit

Während in einem geschlossenen System die Energie konstant bleibt, wird in offenen Systemen ständig Energie umgesetzt: aufgrund des fortwährenden Stoffwechsels. Wie ist nun die Ambiguität von Offenheit und Geschlossenheit lebender Systeme zu denken? Nicht alle Impulse aus der Umwelt verursachen strukturelle Veränderungen eines Organismus; vielmehr ist zu beobachten, dass er nur auf einen Bruchteil von Reizen reagiert, denen er ausgesetzt ist, auch wenn man in Betracht zieht, dass diese Auswirkungen nicht immer zeitlich unmittelbar erfolgen müssen.

Operative Eigengesetzlichkeit

Entscheidend ist, dass Veränderungen, die stattfinden, struktureller und nicht operativer Natur sind. Die operative Eigengesetzlichkeit eines autopoietischen Systems (»Autopoiesis« von griech. autos = selbst und poiein = machen) ist demnach durch die Umwelt kausal nicht zu beeinflussen. So erfährt ein autopoietisches System laufend strukturelle Änderungen, bewahrt aber zugleich die eigene Organisationsstruktur.

Der Körper ändert sich permanent

Viele der metabolischen Veränderungsprozesse spielen sich häufiger und schneller ab, als wir uns das vielleicht vorstellen. Innerhalb von zehn Tagen werden beispielsweise alle weißen Blutkörperchen erneuert, innerhalb eines Monats bereits 98 Prozent unseres Gehirnproteins. Trotz vielfältiger Umbauprozesse im Körper werden durch Umwelteinflüsse nur strukturelle Veränderungen ausgelöst, während die operationale Ebene inhaltlich nicht beeinflusst wird. Die Umwelt löst die strukturellen Veränderungen nur aus, ohne sie zu steuern. Organismen erhalten ihre Gesamtidentität oder ihr Organisationsmuster aufrecht, obwohl diese strukturellen Veränderungen ständig ablaufen. (Capra 1996) Wenn wir uns überlegen, dass von den vielen Trillionen Zellen in unserem Körper, die ihrerseits hundertfach hinsichtlich ihrer Funktionen für Muskeln, Blut, Nerven etc. unterschieden werden können, jede Woche Milliarden sterben und neue hinzukommen, erscheint es schon merkwürdig, dass unser Selbst dennoch über die Zeit beständig bleibt. (Johnson 2001) Biologisch gesprochen ist unser Verständnis einer durchgängigen Identität, sieht man vom Genom ab, also eine Illusion.

Schwache Korrespondenztheorie

Es gibt einige Gründe, die evolutionsbiologisch für eine schwache Korrespondenztheorie sprechen. Je weiter sich das Gehirn von Wirbeltieren entwickelt, desto unspezifischer sind die Areale in der Großhirnrinde; sie lassen sich nicht mehr eindeutigen Funktionen, wie etwa Sehen oder Hören, zuordnen. Dies ermöglicht Wirbeltieren ein flexibles Reagieren auf Umweltereignisse. Anders als Insekten oder Schnecken, die auf einen Reiz eher mit einem festgelegten Verhalten antworten, wird der Input bei höheren Tieren über viele Zwischenstationen hinweg bearbeitet und moduliert. Die jeweilige Reaktion kann dann sehr unterschiedlich ausfallen.

Überleben als entscheidendes Kriterium

Die ursprüngliche klassische Anpassungstheorie geht davon aus, dass sich die Reaktionen eines Organismus als Anpassung an seine Umwelt gebildet haben und demnach in ihrem Erfolg auch davon abhängen, wie gut diese Umwelt abgebildet und erkannt wird. Für die biologische Systemtheorie hingegen ist der Erfolg der jeweiligen Reaktion von der Anpassung an die Umwelt entkoppelt. Demnach ist das entscheidende Kriterium vor allem, ob ein Organismus überlebt oder nicht. Die inneren Gesetzmäßigkeiten eines lebenden Systems sind dabei nicht als unveränderlich zu sehen, sondern stehen in einem dynamischen Wechselwirkungs- und Entwicklungsprozess.

Selbst zur Entwicklung hochkomplexer Lebensformen scheint die Natur nur wenige Schlüsseldaten genetisch festzulegen; sie scheint es dem System selbst zu überlassen, die Antworten auf die Herausforderungen im Leben zu finden. (Vester 2002) Die inneren Gesetzmäßigkeiten geben dem Organismus seine Ausprägung und »Geschlossenheit«, während zugleich eine Öffnung zur Umwelt durch die Notwendigkeit des Stoffwechsels erhalten bleibt. Reine Isolation würde ein homöostatisches Gleichgewicht bedeuten, was für lebende Systeme nicht möglich ist. Dieses fiktive thermodynamische Gleichgewicht würde für lebende Systeme auch bedeuten, dass keine Information im System entstehen kann. (Eigen 1987) Stagnation und Gleichgewicht können nur temporär bestehen. Bestand auf Dauer hat nur der Prozess. Lebende Systeme ähneln eher einem Fluss als etwas Statischem. Das zeigt sich schon auf der Ebene der sich ständig regenerierenden Zellen: »Der Körper gibt den Erinnerungen nur ein Zuhause.« (Chopra 1990, 87)

Veränderung und Umfeld

Die Vertreter des traditionellen Darwinismus argumentieren gegenüber den modernen Selbstorganisationstheoremen der Evolutionsbiologie, dass die Repräsentationstheorie der Anpassung sich doch schon darin zeige, dass ein und derselbe Organismus sich je nach Umfeld, in dem er aufwächst, verändert. Halbiert man beispielsweise eine junge Löwenzahnpflanze längs und pflanzt eine Hälfte im Tiefland, die andere im Hochland an, bildet die Tieflandform längere Stängel und größere Blätter aus, während die Hochlandform kürzere Stängel, kleinere Blätter und tiefer reichende Pfahlwurzeln entwickelt. (Otto/Ondarza 2009) Dies ist aber kein wirklicher Einwand gegen die Selbstorganisationstheorie, da diese Veränderungen im Kontext von Umwelteinflüssen keineswegs ausschließt. Im Gegensatz zur traditionellen darwinschen Lehre wird die Veränderungsleistung aber nicht als Repräsentationsleistung gewertet, vielmehr entsteht die Veränderung durch eigengesetzliche Operationen des Organismus. Mit anderen Worten: Die Umgebung beeinflusst die Pflanze jeweils unterschiedlich; die Lösung, die der Löwenzahn hierfür findet, beruht jedoch auf seiner inneren Organisation.

Hierzu ein Beispiel mit einfacheren Organismen: Wenn wir an die Orientierung von Bakterien in der Umwelt denken, macht es kaum Sinn, von Erkenntnis, Wahrnehmung und Repräsentation der äußeren Umwelt zu sprechen. Vielmehr werden physische Änderungen registriert und bewertet, so etwa, wenn sich Bakterien auf Zucker oder Licht zu- bzw. von Säure oder Wärme fortbewegen. Die Impulse von außen sind nicht instruktiv, sondern nur restriktiv. Die traditionelle darwinsche Lehre versteht Anpassung als Repräsentation der Umwelt, die moderne Evolutionsbiologie versteht sie im Sinne der Selbstorganisation als Überlebensfähigkeit. Veränderungen zwingen uns zur Anpassung. Aber auch hier gilt: Je größer unsere Fähigkeit ist, uns so zu organisieren, dass dies mit den Anforderungen der Umwelt übereinstimmt, umso erfolgreicher können wir Veränderungen bewältigen und umso besser sind unsere Regenerationsaussichten nach Rückschlägen, psychologisch auch Resilienz genannt. (Joyce 2008)

Komplexe Lebensformen – nach darwinistischer Theorie unsinnig

Der moderne evolutionsbiologische Gedanke der Koevolution von makro- und mikroskopischen Lebensaspekten modifiziert das darwinistische Verständnis von rückkopplungsfreier Anpassung des Lebens an eine vorgegebene Umwelt. Im Darwinismus passt sich die Mikroevolution an eine Umwelt an, deren Evolution nicht im Fokus steht. Postdarwinistische Evolutionsbiologie sieht jedoch nicht in der erfolgreichen Anpassung des Lebens an eine bestehende Umwelt das formende Element, vielmehr bestimmt demnach die Gesamtheit der ökologisch vernetzten Lebensprozesse die genetische Verankerung von Lebensformen. Bestünde der Sinn der Evolution in der darwinistischen Anpassung, so wäre die Entwicklung komplexer Lebensformen unsinnig, die frühesten Lebewesen waren bereits weitaus besser an ihre Umwelt angepasst. (Jantsch 1992)

Konkurrenz, Kooperation und Koevolution

Kooperation – wichtiger als Konkurrenz

Darwin hat die Rolle der Konkurrenz überbetont, und dies ist später im Sozialdarwinismus, insbesondere bei den Nationalsozialisten, missbraucht worden. In der modernen Evolutionsbiologie wird dagegen die Bedeutung der Symbiose in der Natur betont. Mehr als die Hälfte der Biomasse lebt in symbiotischen Beziehungen. Und auch für die heutige Ökonomie mit ihren hochkomplexen Produkten ist Kooperation nicht nur logistisch eine Voraussetzung für den Erfolg. Die zukünftigen globalen Herausforderungen lassen sich nur synergetisch und kooperativ lösen, miteinander und nicht gegeneinander. Betrachtet man die evolutionsbiologischen Prinzipien näher, so zeigt sich, dass dem (sozial-)darwinistischen Begriff der Konkurrenz nicht die Bedeutung zusteht, die er vielfach bekommen hat. Kooperation und Kreativität haben demgegenüber eine viel stärkere Rolle in der Evolution gespielt.

Schon der russische Fürst Peter Kropotkin, ein Zeitgenosse Darwins, wies darauf hin, dass bereits im Tierreich die gegenseitige Unterstützung unter Artgenossen und ihre Verteidigung mehr zähle als das Prinzip von Kampf und Konkurrenz. So steht für Kropotkin fest, dass die im Sinne Darwins »Fittesten« nicht diejenigen sind, die ständig Krieg gegeneinander führen, sondern die, die sich unterstützen und wechselseitige Hilfe annehmen. Ameisen und Bienen etwa hätten auf den hobbesschen »Kampf aller gegen alle« verzichtet und stünden sich besser dabei.

Kritik an Darwins Selektionsprinzip

Kropotkin geht so weit, einen evolutionären Imperativ aufzustellen: »Streitet nicht! … Daher vereinigt Euch – übt gegenseitige Hilfe!« (Kropotkin 1908, 67f.) Streit und Konkurrenz seien für eine Art immer schädlich. Auch lehre die Natur uns, dass die Mittel zur Vermeidung von Kampf vorhanden sind. Zwar könne im Kampf ums Überleben während bestimmter Lebensperioden, bestimmter Jahreszeiten oder Generationen tatsächlich eine Selektion der Fittesten erfolgen, das aber sei kein allgemeines evolutionäres Prinzip. Wenn sich die Evolution zu einem Großteil auf das Überleben der Fittesten in Zeiten des Unglücks gründen würde, so wäre nicht Darwins nach oben gerichteter Gradualismus die Folge, sondern der evolutionäre Rückschritt. Dies liegt für Kropotkin daran, dass natürliche Auslese lediglich diejenigen Individuen schonen kann, die mit der größten Fähigkeit zur Entbehrung begabt sind, letztlich aber in ihren Möglichkeiten immer hinter denjenigen zurückbleiben, die bessere Umstände vorfinden. Diese Kritik an Darwins Selektionsprinzip hatte bereits Tschernyschewski angeführt: »Das Übel kann kein Gutes hervorbringen.« (Zit. nach: Kropotkin 1908, 66) Vielmehr sei zu beobachten, dass die natürliche Auslese fortwährend gerade solche Wege wählt, bei denen sich Konkurrenz möglichst vermeiden lässt.

Koevolution

Die Prinzipien von Kooperation und Selbstorganisation führen zu einem weiteren Prinzip der Systemtheorie, dem der Koevolution. Im Gedanken der Koevolution beeinflussen sich zwei benachbarte Systeme, und aus diesen Feedbackschleifen entstehen emergente Systeme, die Lernen und Evolution auf einer höheren Ebene ermöglichen. (Johnson 2001) Evolution lässt sich nicht auf die einseitige Anpassung eines Organismus an die Umwelt beschränken, weil die Umwelt selbst wieder durch lebende Systeme gestaltet wird, die wiederum zur Anpassung und Kreativität fähig sind. Die Frage, wer sich nun wem anpasst, lässt sich daher am ehesten dadurch beantworten, dass es eine gemeinsame, fortwährende Entwicklung gibt. (Lovelock 1991)

Der Gedanke der Koevolution rückt die Integration pluraler Lebensformen in den Mittelpunkt, Leben, das nicht darauf aus ist, sich gegenseitig zu zerstören, sondern vor allem daran interessiert ist, zu überleben, in Koevolution mit anderen Lebensformen. Selbst da, wo auf denselben Lebensraum und dieselben Ressourcen zurückgegriffen wird, kommt es selten zu einem Konkurrenzkampf, bei dem nur der Stärkere überlebt.

Vernetzung statt Kampf

Es gibt dagegen viel mehr Beispiele für Koexistenzen, die sich nebeneinander entwickeln, um sich gegenseitig nicht mehr zu stören. Die Leguane der Gattung Anolis beispielsweise leben in der Dominikanischen Republik eng zusammen und ernähren sich von denselben Insekten. Jede Art bewohnt jedoch eine andere Ebene der Bäume, manche bevorzugen den Schatten, manche die Sonne – und so vermeiden sie einen Konflikt. (Otto/Ondarza 2009) Leben hat die Erde nicht durch Kampf, sondern durch Vernetzung erobert, wie es die Biologin Lynn Margulis (Margulis/Sagan 1986) ausdrückt. Die These, dass individuelle Konkurrenz die dominante evolutionäre Überlebensstrategie sei, ist auch schon deshalb angreifbar, weil Individualismus in der Evolution erst spät auftritt. Primitives Leben ist dagegen in hohem Maße durch makroskopische Strukturen wie Kolonien, Gesellschaften und Ökosysteme geprägt.

Dawkins und das »egoistische Gen«

Das Konzept der »egoistischen« Gene, das der Biologe Richard Dawkins entworfen hat (1989), widerspricht nicht den Prinzipien von Kooperation und Koevolution, auch wenn das auf den ersten Blick so scheinen mag. Das Interesse der Gene, nicht nur auf den eigenen Fortpflanzungserfolg zu blicken, sondern auch auf den der Verwandten, kann man zwar im weiteren Sinne egoistisch nennen, im Rahmen der Erhaltung des Genpools liegt hier aber durchaus auch ein kooperatives Verhalten vor. Kooperation ist sogar als eine der Grundeigenschaften von Genen zu verstehen. Über den selektiven Druck und die damit verbundene Reproduktionsfähigkeit hinaus verdanken Gene ihre komplexe Entwicklungsfähigkeit vor allem drei biologischen Grundprinzipien, dem der Kooperation, der Kommunikation und der Kreativität.

Insbesondere der Kooperation wird dabei eine zentrale Rolle für die Entstehung lebender Systeme zugeschrieben: »Erste lebende Systeme waren entscheidend mehr als die Summe ihrer Einzelteile. Keine der Komponenten innerhalb eines Ensembles – weder RNS noch Proteine – war autonom. Es herrschte ausnahmslos wechselseitige Abhängigkeit. Nichts konnte geschehen außer durch Kooperation.« (Bauer 2008, 35)

Der Freiburger Genforscher Joachim Bauer wendet sich gegen Dawkins’ Konzept »egoistischer Gene«, auch wenn es als biopsychologisches Korrelat vorzüglich zur herrschenden Wirtschaftsordnung passen würde. Vielmehr unterliege die DNS samt den enthaltenen Genen der Regie der Zelle. Biologische Kooperation kann nach Bauer demnach nicht als Mittel zum Zweck im Überlebenskampf gesehen werden. (Bauer 2008, 36)

Ein gutes Beispiel für biologische Kooperation ist auch das biologische Prinzip der Endosymbiose, das dem Darwinismus widerspricht. Etwa vor zwei Milliarden Jahren waren die sogenannten Archaeazellen nicht in der Lage, mit der Zunahme an Sauerstoff umzugehen. Doch anstatt in darwinistischer Selektion unterzugehen, nahmen sie Bakterien in sich auf, die Sauerstoff verbrauchten resp. erzeugten, und ließen durch diese Endosymbiose einen neuen Zelltyp entstehen, der zur Basis für alle späteren Tier- und Menschenkörper (als Sauerstoff verbrauchende Version) wie auch für alle Pflanzen (als Sauerstoff produzierende Version) werden sollte: die eukaryontische Zelle.

Evolution meint nicht die Entwicklung von Einzelkämpfern

Die amerikanische Biologin Lynn Margulis beschrieb die Theorie der endosymbiotischen Entstehung eukaryontischer Zellen bereits 1970. Dieser Theorie zufolge geben die Teilnehmer ihre Identität in der Fusion nicht völlig auf. Erstmalig lässt sich der Gedanke der Endosymbiose sogar schon 1905 in den Forschungen des russischen Biologen Mereschkowski nachweisen. Er konnte als antidarwinistisches Evolutionsprinzip später bestätigt werden. (Kutschera 2009) Die Endosymbiose zeigt sogar, wie Kooperation zwischen der Sauerstoff produzierenden Pflanzenwelt und einer Sauerstoff verbrauchenden Tierwelt funktioniert: »Die Evolution ist keine Entwicklung von Einzelkämpfern (weder einzelkämpferischer Individuen noch einzelkämpferischer Spezies), sie ist eine Entwicklung von biologischen Systemen.« (Bauer 2008, 54)

Die Analogie mit einfachen Organismen setzt das menschliche Leben keineswegs herab. Wir können die Geschichte auch aus einem anderen Blickwinkel betrachten: Prokaryontische Bakterien haben sich im Laufe der Evolution in eukaryontische Zellen mit Zellkern gewandelt, die sich dann in selbstorganisatorischer Weise zu pflanzlichen und tierischen Vielzellern weiterentwickelt haben. Und diese wurden im Laufe der Evolution ihrerseits wieder zum Wirt für Bakterien; wir tragen mehr bakterielle DNS in uns als eigene. So könnten wir auch bescheiden feststellen: »In fact bacteria dominates the earth’s biomass. Standing on the sun, who would you say rules the earth?« (Meyer/Davis 2003, 245)

Evolution und Spieltheorie

Kooperation als Überlebensstrategie

In den letzten Jahren haben sich die Argumente der Spieltheorie als sehr nützlich dabei erwiesen, Kooperation als dominante Überlebensstrategie nachzuweisen. Obwohl eigentlich als Computersimulation entstanden, lässt sich die Spieltheorie als Erklärungsmuster für Evolution nutzen – und der Begründer der Spieltheorie, der Mathematiker und Politikwissenschaftler Robert Axelrod, tut dies auch ausdrücklich. Wir wollen die Spieltheorie deshalb, wenngleich es sich nicht um eine biologische Disziplin handelt, zur Erklärung der Evolution der Kooperation heranziehen.

Gefangenendilemma: kooperieren oder verraten

Ein wichtiges Element der Spieltheorie ist das sogenannte Gefangenendilemma. Den Ausgangspunkt bildet folgende Situation: Zwei Männer werden beschuldigt, gemeinsam eine Straftat begangen zu haben. Sie werden separat verhört und haben deshalb nicht die Möglichkeit, ihre Aussagen abzustimmen. So muss nun jeder für sich überlegen, was er tun will. Die Höchststrafe für die Straftat beträgt sechs Jahre Freiheitsentzug. Wenn beide schweigen, werden sie aufgrund kleinerer Delikte zu je zwei Jahren Haft verurteilt. Wenn beide gestehen, werden sie jeweils mit vier Jahren Freiheitsentzug bestraft. Wenn jedoch einer die Tat gesteht und der andere schweigt, gilt jener als Kronzeuge und erhält nur eine einjährige Bewährungsstrafe, wohingegen sein Komplize sechs Jahre hinter Gitter muss.

Axelrod hat nun iterierte Computersimulationen zu diesem Gefangenendilemma entwickelt. Bei solchen iterierten Spielen entfällt das Moment der Unkenntnis über das Verhalten des anderen. In den Simulationen zeigte sich, dass das einfachste und erfolgreichste aller eingereichten Programme der beteiligten Spieltheoretiker »Tit for Tat« war. Es sieht so aus, dass der Spieler zunächst auf Kooperation setzt und danach jeweils das tut, was der andere Spieler beim Zug zuvor getan hat: kooperieren oder defektieren (nicht kooperieren).

Axelrod (2009) schlägt nun vier Imperative als richtungsweisend für ein optimales Entscheidungsverhalten vor:

1. Sei nicht neidisch auf den Erfolg des anderen.

2. Defektiere nicht als Erster.

3. Erwidere sowohl Kooperation als auch Defektion.

4. Sei nicht zu raffiniert.

Imperativ eins: Sei nicht neidisch

Um Imperativ eins zu verstehen, ist es sinnvoll, sich die Abgrenzung zu Nullsummenspielen zu verdeutlichen. Während etwa Schach ein Nullsummenspiel ist, bei dem der eine verliert, wenn der andere gewinnt, lässt sich das für das Leben nicht behaupten. Beide Seiten können gut oder schlecht abschneiden. Menschen neigen dazu, einen Vergleichsmaßstab anzulegen, in diesem Fall den Erfolg des anderen im Vergleich zum eigenen Erfolg – und damit begründen sie ein Konkurrenzverhältnis. Dieser Vergleich mithilfe eines externen Maßstabs führt zu Neid. Der Versuch, diesem Neid durch die Korrektur des Vorteils des anderen zu begegnen, lässt sich im Gefangenendilemma nur durch Defektion erzielen. Da Defektion aber nur zu weiterer Defektion führt, wirkt Neid selbstzerstörerisch.

Die Strategie Tit for Tat war nicht dadurch erfolgreich, dass einer den anderen besiegte, sondern durch die Herbeiführung einer Situation, die es beiden ermöglichte, gut abzuschneiden. Dementsprechend muss man in einer Situation, die nicht als Nullsummenwelt konzipiert ist, nicht besser als ein anderer sein, um gut abzuschneiden: »Es macht nichts, wenn jeder so gut wie Sie oder ein wenig besser ist, solange Sie selbst gut abschneiden.« (Axelrod 2009, 101) Axelrod formuliert damit das Prinzip der systemtheoretischen Koevolution. Demnach hat es keinen Sinn, auf den Erfolg eines anderen neidisch zu sein und sich in Konkurrenz mit diesem zu begeben, denn in einem iterierten Gefangenendilemma ist gerade der Erfolg des anderen eine Voraussetzung für den eigenen Erfolg.

Imperativ zwei: Defektiere nicht als Erster

Imperativ zwei verweist auf den Vorteil der Nachhaltigkeit. Wenn es auch kurzfristig vielversprechend erscheinen mag, nicht zu kooperieren, wird langfristig genau das Gegenteil erreicht und sogar die Umgebung zerstört, die man für den eigenen Erfolg benötigt. Solange der andere kooperiert, sollte man also auch selbst kooperieren. Was aber nun, wenn der andere nicht kooperiert? Soll man dann auch »die andere Wange hinhalten«? Diese Frage beantwortet Imperativ drei.

Imperativ drei: Erwidere Kooperation und Defektion

Man riskiert, ausgebeutet zu werden, wenn man nicht Defektion auf Defektion folgen lässt, andererseits riskiert man aber auch eine Eskalation, wenn man eine Defektion der anderen Seite mit mehr als einer eigenen Defektion beantwortet. Das optimale Maß an Nachsicht hängt demnach von der Umgebung ab. Großzügigkeit ist sinnvoll, wenn andernfalls endlose wechselseitige Bestrafungen als Gefahr drohen. Sollte man aber eine ausbeutende Umgebung vorfinden, kann ein Übermaß an Nachsicht kostspielig werden. Die Beantwortung einer Defektion mit einer eigenen Defektion ist daher voraussichtlich ziemlich erfolgreich. Ein Spieler ist mithin gut beraten, sowohl Defektion als auch Kooperation zu erwidern.

Dabei zeigt sich, dass es besser ist, auf eine Provokation schnell zu antworten. Je länger Defektionen ungestraft geduldet werden, umso wahrscheinlicher zieht die andere Partei den Schluss, dass sich diese auszahlen können, und umso schwieriger wird es, dieses Muster wieder aufzubrechen. Provozierbarkeit ist dabei natürlich nicht ungefährlich, da Vergeltung zu einer endlosen Folge wechselseitiger Defektionen führen kann, Axelrod rät hier zu gemäßigter, »begrenzter« Provozierbarkeit. Die Stabilität der Kooperation wird demnach gestärkt, wenn die Reaktion etwas geringer ausfällt als die Provokation.

Imperativ vier: Sei nicht zu raffiniert

Anders als in Nullsummenspielen wie Schach, wo sich entgegengesetzte Interessen gegenüberstehen, sollte im Gefangenendilemma, wie im wirklichen Leben, der Gegner nicht als jemand betrachtet werden, der darauf aus ist, den anderen zu schlagen. Der andere wird vielmehr nach Anzeichen im Verhalten suchen, ob man zur Kooperation bereit ist oder nicht. Demnach fällt also das eigene Verhalten auf einen selbst zurück. Diesen Aspekt übersehen Regeln, die wie in Nullsummenspielen darauf zielen, den eigenen Vorteil zu maximieren, und die dabei den anderen Spieler als unbeeinflussbaren Teil der Umgebung betrachten, Interaktion also außer Acht lassen. Die Antizipation von Interaktion setzt aber demnach auch interdependente Verlässlichkeit und damit Verständlichkeit voraus. Zu komplexes Verhalten kann chaotisch wirken, wie sich in Axelrods Computerturnier anhand komplizierter, wahrscheinlichkeitstheoretischer Verfahren zeigen ließ. Ist ein Verhalten so komplex, dass es für den anderen undurchschaubar wird und insofern willkürlich erscheint, erzeugt es keinen Anreiz zur Kooperation.

Während es bei Nullsummenspielen äußerst wirksam ist, seinen Gegner strategisch zu verunsichern, ist es im Gefangenendilemma wie im richtigen Leben gerade wichtig, dem anderen die eigenen Intentionen deutlich zu machen; Raffinesse zahlt sich also nicht aus. Die Herausforderung besteht vielmehr darin, den anderen zur Kooperation zu ermutigen. Dabei lässt sich die Absicht zur Kooperation durch beidseitige Taten praktisch demonstrieren. Axelrod spricht sich ausdrücklich dagegen aus, Vertrauen bei den Akteuren vorauszusetzen. Gegenseitigkeit reicht aus, um Defektion unproduktiv zu machen. Ebenso ist auch Altruismus unnötig, da auch Egoisten kooperativen Strategien in ihrer Nützlichkeit folgen.

Kooperation braucht keine Überwachungsinstanz

Axelrod kommt zum Ergebnis, dass sich gegenseitige Kooperation selbst überwacht und demnach in ihrer Selbstorganisation keine zentrale Herrschafts- oder Überwachungsinstanz benötigt. Zwar sind Axelrods spieltheoretische Ergebnisse immer wieder auch dafür genutzt worden, den Vorteil der Defektion herauszustreichen. Dabei wird aber unterschlagen, dass Defektion nur dann eine erfolgreiche Strategie ist, wenn sie auf den unmittelbaren Vorteil aus ist. Wenn die Akteure sich nicht wiederholt treffen, ist die Strategie der Defektion durchaus erfolgreich. Mittel- und langfristig stellt sich ein Akteur jedoch besser, wenn er mit seinem Gegenüber ein Muster wechselseitiger Kooperation installiert. Angewandt auf evolutionäre makroskopische Zeiträume bis hin zu Spannen, die mehrfache, wiederholte Interaktionen im Mikrobereich betreffen, im Sinne nachhaltigen Wirtschaftens beispielsweise, ist Kooperation also die dominante Strategie, solange sie nicht einseitig propagiert wird. Eine reine Kooperationsstrategie ohne »Provokationsfähigkeit« würde ebenso scheitern wie eine reine Defektionsstrategie.

Auch für Extremsituationen nennt Axelrod Beispiele erfolgreicher Kooperationen. Demnach zeigt sich kooperatives Verhalten sogar bei verfeindeten Kriegsparteien. Im Sinne einer »Leben-und-leben-lassen-Strategie« entwickelten sich etwa im Ersten Weltkrieg Kooperationen zwischen Feinden, sogar gegen den Widerstand des oberen Kommandos. Freundschaft ist demnach keine Bedingung für Kooperation, sie zeugt vielmehr von der Dauerhaftigkeit einer Beziehung.

Kooperation: sogar ohne Gehirn möglich

Die Theorie der Kooperation kann auch Verhaltensmuster im biologischen Bereich erklären, von Vögeln bis zu Bakterien oder Viren. Die Existenz eines Gehirns ist dabei keine Voraussetzung. Kooperation kann sich in biologischen Systemen selbst dann entwickeln, wenn die Beteiligten nicht miteinander in Beziehung stehen, und auch dann, wenn sie unfähig sind, die Konsequenzen ihres eigenen Verhaltens zu erkennen. Ein Organismus, der eine günstige Antwort bei einem anderen erreicht, wird sich und sein Verhaltensmuster mit größerer Wahrscheinlichkeit fortpflanzen und damit in der biologischen Welt Kooperation, die sich auf Gegenseitigkeit gründet, stabilisieren. (Axelrod 2009) Kurzfristige Vorteile werden in der Evolution zugunsten mittel- und langfristiger Vorteile hintangestellt.

Bei Lebensgemeinschaften von Fischen unterschiedlicher Arten kommt es beispielsweise vor, dass ein kleiner Fisch Parasiten vom Körper sowie aus dem Inneren des Mauls größerer Fische entfernt, und dies selbst bei Raubfischen, die seine potenziellen Feinde sind. Langfristig profitieren beide davon unter Erhaltung der egoistischen Vorteile. Der Raubfisch wird von Parasiten befreit, der kleine Fisch erhält Nahrung. Der Raubfisch untergräbt seinen kurzfristigen Nutzen, den kleinen Fisch zu fressen, dadurch erhält er aber den langfristigen Vorteil der Parasitenbeseitigung. Überdies hätte er durch die Dezimierung der hilfreichen Kleinfische eine starke Zunahme der Parasiten zu beklagen. Umgekehrt hätten die Kleinfische unter Umständen Vorteile, wenn sie nicht nur auf die Parasiten abzielten, sondern versuchten, sich auch direkt vom Raubfisch zu ernähren. Langfristig würde dies aber zum Abbruch der Kooperation führen und beide Seiten hätten damit einen Nachteil. (Gräfrath 1997)

Kooperation – eine langfristige und wechselseitige Strategie

Kooperation kann durch eine kleine Gruppe in Gang gebracht werden, die auf die Erwiderung von Kooperation eingestellt ist, auch wenn sonst niemand auf der Welt kooperiert. Kooperation muss auf Gegenseitigkeit beruhen und langfristig gedacht sein, um stabil zu werden. Evolutionär stabil bleibt eine Strategie dann, wenn eine Population von Individuen, die diese Strategie verwendet, einer Invasion durch einen einzelnen Mutanten mit einer abweichenden Strategie widerstehen kann. Wenn Kooperation in einer Population einmal etabliert ist, kann sie sich gegen die Invasion von unkooperativen Strategien schützen. Es zeigt sich außerdem, dass es nie rational ist, als Erster unfreundliche Akte zu begehen. Die erfolgreiche Strategie lautet also: Kooperiere im ersten Zug, und tue ab dem zweiten Zug genau das, was dein Gegenüber im vorherigen Zug getan hat. Man könnte also humanisierend sagen, Tit for Tat sei »nett«, »provozierbar« und »vergebend«. (Gräfrath 1997, 31)

Dabei darf nicht übersehen werden, dass Tit for Tat immer nur auf lange Sicht erfolgreich ist, da die Strategie von der Kooperationsbereitschaft aller anderen Mitspieler abhängt. Wenn alle anderen Mitspieler Kooperation stets ablehnen, wird Tit for Tat im ersten Spielzug am schlechtesten abschneiden. Auf lange Sicht zeigt sich aber, dass diejenigen Programme, welche die schwächeren »ausbeuten«, nach und nach ihre eigene Erfolgsgrundlage zerstören, da die Kooperateure nach und nach aussterben. Tit for Tat kann, einmal etabliert, auch nicht von Nicht-Kooperateuren erobert werden, da die schnelle Provozierbarkeit das Programm davor bewahrt. Für erfolgreiche »Verhandlungen« im Sinne der Spieltheorie sind also wiederholte Kontakte notwendig, ein minimales Gedächtnis sowie die Fähigkeit, bisherige Verhandlungspartner zu identifizieren. (Gräfrath 1997)

Rat: Keinen Ärger beginnen

Axelrod fasst die Verhaltensmaximen, die sich aus den Interaktionssimulationen ergeben, so zusammen: »Wenn Sie von anderen erwarten, dass sie Ihre Defektion ebenso wie Ihre Kooperation erwidern, dann sind Sie gut beraten, keinen Ärger zu beginnen. Darüber hinaus sind Sie gut beraten zu defektieren, nachdem jemand anderes defektiert hat, um zu zeigen, dass Sie sich nicht ausbeuten lassen. Folglich sollten Sie eine Strategie verwenden, die auf Gegenseitigkeit beruht. Da dies auch für jeden anderen zutrifft, bekommt die Wertschätzung von Gegenseitigkeit einen selbsttragenden Charakter. Sobald sie in Gang kommt, wird sie stärker und stärker.« (Axelrod 2009, 170)

Teleologie

Teleologie spielt heute kaum eine Rolle

In der Evolutionsbiologie ist man heutzutage zu einem großen Teil von teleologischen Aussagen abgekommen, also von der Annahme, es gäbe einen Plan, einen Zweck oder eine zielgerichtete Entwicklung des Lebens. (Dawkins 2005; Capra 1996) Charles Darwin (1859) hingegen ging noch von einer Stufenleiter aus, wonach die späteren Formen bessere Formen seien, welche die alten im Daseinskampf besiegt hätten.

Obwohl Richard Dawkins ein teleologisches Verständnis von Evolution ablehnt, spricht er dennoch von einer »Evolution der Evolutionsfähigkeit« und nimmt auf der Ebene der Makroevolution eine Entwicklung an: im Sinne eines fortschreitenden Trends zu einer immer besseren Evolutionsfähigkeit. Diese beinhaltet eine verbesserte Überlebens- wie auch Fortpflanzungsfähigkeit. Susan Blackmore teilt Dawkins moderate Evolutionsteleologie, indem sie zwar ein konkretes Ziel der Evolution sowie einen definierten Schöpfer verneint, aber durchaus in der Zunahme der Komplexität einen Fortschritt sieht: »Die Evolution benutzt ihre eigenen Produkte als Trittleiter.« (Blackmore 2005, 41)

Versteckte Teleologie bei Dawkins

Dieser Gedanke lässt viele Fragen offen. Konkurrenz im darwinschen Sinne ist auf die jeweilige Umweltsituation bezogen, in der sich die einen gegenüber den anderen durchsetzen. Einen allgemeinen Trend im Sinne von erfolgreichen Modulen für Überlebensfähigkeit abzuleiten, macht demnach eigentlich gar keinen Sinn, da sich je nach Umweltbedingungen auch die Selektionskriterien ändern. Zudem wäre fraglich, inwieweit es evolutionär nützlich sein soll, Schlüsseldaten im Genmaterial, im Sinne selektiver Mutabilität, festzulegen. Die Selektion beinhaltet ihrerseits aber eine Richtung, die Dawkins im Gedanken der Modulstandards zur besseren Überlebensfähigkeit ausdrückt – und damit entwirft er implizit eine Teleologie.

Schubweise, nicht linear verlaufende Entwicklung

Der Gedanke der kontinuierlichen, linearen Entwicklung der Arten im Pflanzen- und Tierreich ist heute nicht mehr haltbar. Die Entwicklung erfolgte vielmehr in Schüben, die mit massiven Veränderungen der geophysikalischen Bedingungen einhergingen. Stephen Jay Gould von der Harvard University spricht hier von einem »punctuated equlilibrium«. (Gould/Eldredge 1993) Solche geophysikalischen Veränderungen (Extinktionen) können etwa durch Kontinentaldriften, Vulkanismus oder auch extraterrestrische Ursachen wie Meteoriteneinschläge bedingt sein. (Bauer 2008)

Um zu verstehen, welche Konsequenzen das Paradigma der Selbstorganisation evolutionsbiologisch mit sich bringt, macht es Sinn, sich die Unterschiede zum klassischen darwinistischen Verständnis in einem formalen Vergleich vor Augen zu führen.

Systemische und darwinistische Evolutionsbiologie im Vergleich

Der Begriff der Ordnung

Mit dem Gedanken der Selbstorganisation erhalten Begriffe wie »Selektion«, »Ordnung« und »Anpassung« im evolutionsbiologischen Kontext eine neue Bedeutung. Während im Darwinismus Ordnung im Wesentlichen durch den Selektionsprozess in die Welt kommt, beschreibt eine systemtheoretische Sicht Ordnung auf zwei andere Weisen: zum einen als Ordnung, die bereits vor jeder Selektion vorhanden ist, und zum anderen als Ordnung, die sich in iterativen Prozessen, bei genügend häufigen Wiederholungen von selbst einstellt.

Hier stellt sich die Frage, ob Selbstorganisation als Kriterium wiederholter Prozesse verstanden werden muss bzw. ob sie sich darin erschließend beschreiben lässt. Auf der anderen Seite lässt sich Selbstorganisation noch vor jeder Selektion (Kauffman 1998; Dawkins 2005a), also schon im Bereich der Mutation und darüber hinaus, als evolutionäre Determinante bestimmen. Schließen sich beide Verständnisweisen aus oder meinen sie das Gleiche? Muss jede Ordnung als Ergebnis eines iterativen Prozesses verstanden werden? Und in welcher Art und Weise wird der Begriff der Selbstorganisation in der Systemtheorie verwendet? Diese Fragen wollen wir im Folgenden versuchen zu klären.

Konkurrenz und Selektion als Ordnungsprinzip?

Relevant sind diese Fragen insbesondere im Rahmen eines Diskurses, der die Übertragbarkeit evolutionsbiologischer Thesen auf wirtschaftliche Fragestellungen prüft. Darwin ging davon aus, dass Ordnung als graduelle Anpassung auf der Ebene der ontogenetischen Selektion entsteht. Damit wäre Konkurrenz, noch als Voraussetzung für Selektion, als evolutionäres Ordnungsprinzip zu verstehen. Wenn wir aber davon ausgehen, dass Ordnung bereits vor jeder Selektion im Rahmen von Selbstorganisation immer schon vorhanden ist, und damit auch Anpassung im Sinne eines Überlebensvorteils hinfällig wird, wie erklärt sich dann die Entstehung von Ordnung? Wenn Selektion nicht als Ordnungsprinzip verstanden wird, kann auch Konkurrenz nicht mehr als notwendige Bedingung für Ordnung verstanden werden. Es macht für Systeme keinen Sinn, in Konkurrenz miteinander zu treten, wenn Selektion und Adaption in gleicher Weise als Bedingung für Überlebensfähigkeit (Viabilität) entfallen.

Endlose Suche nach einem Ordnungsprinzip

Viabilität richtet sich demnach direkt auf selbstorganisatorische Prozesse, und wir können uns wiederum fragen, wie die Ordnung dieser Selbstorganisation in die Welt kommt. Ist Ordnung im Rahmen von Mutationen immer schon vorhanden? Wenn ja, wie entsteht sie im Mutationsprozess? Letztlich verschiebt sich das gesuchte Ordnungsprinzip so in einem infiniten Regress und lässt sich dann ebenso als evolutionäre Weltformel begreifen. Andererseits ist Wiederholung selbst als Ordnungsprozess zu sehen, indem iterative Reaktionsweisen evolutionär stabile Routinen bilden, sofern sie sich als tauglich im Überlebensprozess erweisen.

Evolutionärer Dreischritt – und Erweiterung

Wenn Selbstorganisation schon vor jeder Selektion vorhanden ist, dann müssen wir den evolutionären Dreischritt der Prozesse von Variation, Selektion und Retention, wie ihn Fritz B. Simon (2007) beschrieben hat, erweitern zu: Selbstorganisation, Variation, Iteration und Selektion durch Reproduktion (auch diese ist als eine Form der Iteration zu verstehen). Selbstorganisation ist immer schon im Organismus vorhanden, bereits vor jeder Beeinflussung durch die Umwelt. Die Impulse der Umweltereignisse führen bei autopoietisch verstandenen Systemen zu sogenannten Variationen, also Versuchen des Systems, die durch die Umwelt entstandene Störung von außen (Perturbation bzw. Irritation) mit operationalen Veränderungen auszugleichen.

Iteration

Simon führt nach dieser Prozessphase die Iteration ein, indem »manche der dazu kreativ entwickelten Reaktionsschemata bei erneuter Irritation/Perturbation dieses Typs wiederholt werden und andere nicht wiederholt werden. Diejenigen, die nicht wiederholt werden, werden dann gewissermaßen … im Rahmen eines Lernschemas verworfen … diese Auswahl (Selektion) ist ein selbstorganisierter Prozess, der nicht zielgerichtet stattfindet. Und stabilisiert wird sie erst durch die Wiederholung, d. h. durch die Routinisierung, als Antwort auf einen bestimmten Typus von Umweltereignis. Die so gefundene Lösung für das Problem, das durch die Veränderung in einer relevanten Umwelt des Systems entstanden ist, wird dadurch beibehalten (Retention) und als Verhaltensschema dem jeweiligen System verfügbar.« (Simon 2007, 83f.)

Formel für den evolutionären Prozessablauf

Die Überlebensfähigkeit des Systems ist damit noch unberührt, sodass hier Iteration noch vor der Phase selektiver Reproduktion beschrieben wird. Möglicherweise ließe sich der evolutionäre Prozessablauf in Fritz Simons Konzept formalisiert also folgendermaßen darstellen:

Selbstorganisation (So) > Perturbation (P) > Variation (V) > Perturbation' (P') > Iteration der Variation (I(V)) > Retention (R)

Also:

(So) > (P) > (V) > (P') > (I(V)) > (R)

Die Iteration bzw. Stabilisierung wird dann mit der Selektion gleichgesetzt und damit mit der Viabilität bzw. Reproduktion. Zugleich wird die Iteration der Variation (I(V)) bei Simon als selektiver Prozess bezeichnet, der nicht zielgerichtet stattfindet. Hier stellt sich die Frage, wie dies zu denken ist, denn sind nicht die operationalen Prozesse selbstorganisatorischer Systeme autopoietisch zu verstehen, sodass sie keine Zielgerichtetheit auf die Umwelt, wohl jedoch auf die innere operationale Prozesslogik aufweisen? Dann wären selbstorganisatorische Systeme entelechisch: Sie tragen das Ziel ihrer Entwicklung immer schon in sich.

Wir wollen prüfen, ob die Formel zur Prozessbeschreibung so ausreicht, um systemisch-evolutionäre Prozesse vollständig zu beschreiben. Zur Vereinfachung gehen wir im Folgenden nur von einer erfolgreichen Variation aus, also von dem Fall, in dem die Variation (V) beibehalten und nicht verworfen werden muss. Hier stellen sich einige Fragen:

Wenn wir davon ausgehen, dass die operationale Struktur in Systemen bereits von jedem beliebigen Anfang an wirkt (So) und es das Ziel für die Systeme ist, diese Struktur aufrechtzuerhalten, so wirken Einflüsse als Perturbationen, die diese Aufrechterhaltung stören (P). Im Sinne der strukturellen metabolischen Kopplung von Systemen an die Umwelt ist zwar die Aufrechterhaltung nie homöostatisch und völlig geschlossen zu sehen, dennoch bewirkt der Wechsel der Stoffe nicht den Wechsel der inneren Operationen.

Perturbationen: stoffverändernd, nicht formverändernd

Perturbationen (P) sind nicht als formverändernd, sondern nur als stoffverändernd denkbar, mit anderen Worten, sie wirken strukturell und nicht operational. Reaktionen des Systems auf Perturbationen können deshalb als Variationen (V) bezeichnet werden, weil keine neue Information in das System getragen wird, sondern vielmehr die vorhandene Information variiert wird. Um die Neutralität dieses Vorgangs zu verdeutlichen, könnte man den Begriff der »Störung« deshalb auch durch den des »Impulses« ersetzen.

Wird nun eine Perturbation gleichen Typs wiederholt (P'), so entsteht nach obiger Formel eine stabilisierte Routine als Lösungsantwort des Systems, die Variation wird iteriert (I(V)). Unter evolutionärer Perspektive können wir fragen, ob dies bereits die Grundkonstante selbstorganisatorischer Systeme darstellt, Selbstorganisation also immer schon in der Ordnung ihrer Organisation als iterativer Prozess, der sich evolutionär gebildet hat, verstanden werden muss.

Richard Dawkins spricht dies beispielsweise mit der »Evolution der Evolutionsfähigkeit« an, wonach aufgrund des modularen Aufbaus der Evolution diese immer besser und auch schneller abliefe. Wie sollte aber diese Verbesserung sich anders erklären als durch das Resultat evolutionären Lernens? Zum anderen ließe sich fragen, ob es als evolutionär erfolgreiche Strategie gelten könnte, wenn Selbstorganisation in ihrer Grundinformation schon von Beginn an festgelegt wäre. Plausibler erscheint eine Festlegung auf grundsätzliche Strukturen, die aber gerade flexible Varianten für noch kommende Überlebensherausforderungen offen lassen. (Vester 2002)

Modifizierte selbstorganisatorische Systeme

Betrachtet man sehr große Zeiträume, würden der iterativen Variation somit modifizierte selbstorganisatorische Systeme folgen: (So'), (So''), (So''') …. (So∞). Dann gilt:

(So) > (P) > (V) > (P') > (I(V)) > (So') >

(So') > (P) > (V) > (P') > (I(V)) > (So'') > … usw.

Wir könnten demnach verkürzt schreiben, mit (S) als letztlich stattfindender Selektion:


Um das Konzept der Selbstorganisation besser zu verstehen, wollen wir uns nun mit den Unterschieden zur darwinschen Theorie befassen. Verdeutlicht werden sollen auch die Konsequenzen, die dies für Konkurrenz, Kooperation, Adaption etc. hat. Formal dargestellt lautet Darwins evolutionsbiologische Formel für Mutation (M), Selektion (S) und Replikation (R):


Anpassung an die Umwelt

Dies ist aber für unseren Kontext noch nicht aussagekräftig, weil die Rolle, welche die Interaktion zwischen Organismus und Umwelt spielt, hier nicht deutlich wird. Wir müssen demnach die Anpassung an die Umwelt als Selektionskriterium bei Darwin mit aufnehmen und der Variation selbstorganisatorischer Systeme gegenüberstellen.* Demnach würde nach erfolgter mutationaler Streuung der Umweltdruck (U) zu einer Anpassung (A(U)) des Organismus führen, der primär, wie der Name schon sagt, eine Anpassung an die jeweiligen Umwelteinflüsse darstellt. Ist die Anpassung erfolgreich, so erfolgt eine Selektion und möglicherweise im Weiteren die Replikation. Je höher die Anpassung, desto wahrscheinlicher ist der Selektionsvorteil. Anpassung wird dabei als Anpassung an die Umwelt, also auch an andere Organismen verstanden. Organismen stehen mithin in Konkurrenz um die bessere Anpassung an die Umwelt und die damit verbundene bessere Überlebensfähigkeit. Formal lässt sich dies ausdrücken als:


Ordnung durch Anpassung an die Umwelt

Ordnung kommt nach Darwin also spätestens auf der Ebene der Selektion (S) in die Welt. Bereits auf der Ebene der Anpassung ist jedoch ein Ordnungsprinzip auszumachen, denn der Organismus übernimmt die Struktur oder die Ordnung der Außenwelt, und wenn sich dies als erfolgreich erweist, wird sie beibehalten. Da die darwinistische Theorie davon ausgeht, dass die Außenwelt in ihrer Struktur erkennbar ist, lässt sich der Erfolg vom Organismus selbst erkennen und abschätzen, er wird also nicht lediglich von außen, von der Umwelt, im Sinne einer Überlebensfähigkeit bestimmt. Demnach übernimmt ein Organismus nach erfolgter Anpassungsstrategie (A(U)) diese Reaktion bei Erfolg als stabile Routinereaktion in sein Repertoire auf und iteriert sie im Folgenden.

Autopoiese versus Anpassung

Im Unterschied zur Selbstorganisation, die ein Verhalten im Sinne von Karl Popper so lange iteriert, bis eine Falsifikation eintritt (Popper 1934) und das eigene Muster modifiziert werden muss, ist der Organismus im darwinschen Sinne bereits vorher in der Lage, seine Reaktionsweisen anzupassen, unabhängig von jedem Hindernis. Während der selbstorganisatorische Organismus bestrebt ist, ständig seine Autopoiese zu verwirklichen, ist der Organismus im darwinschen Sinne bestrebt, seine Anpassung zu optimieren. Dies kann theoretisch bereits vor der Selektion erfolgen, wird praktisch aber wohl vor allem durch Umwelt- und Selektionsdruck passieren. Hier noch einmal die beiden Prozesse zur Verdeutlichung formal gegenübergestellt:


Dem Umweltdruck (U) entspricht in systemischer Terminologie die Perturbation (P). Entscheidend für das Moment der Konkurrenz ist nun der Zeitpunkt nach (U) resp. (P). Für Darwin entsteht Ordnung durch Anpassung (A) und Selektion (S). Die Ordnung der Selektion ist dabei anders als im systemtheoretischen Verständnis keine negative, sondern eine affirmative S(a), da diejenigen Organismen überleben, die besser angepasst sind, Selektion beinhaltet also eine Information. Jede neue Mutation startet deshalb auch mit dem Ordnungsgehalt erfolgter Anpassung auf Ebene der Selektion M(A). Demgegenüber beinhaltet die Selektion in systemtheoretischer Hinsicht keine Information, sie wirkt lediglich als Ausschluss, letztlich als Überlebensfrage oder in abgeschwächter Form als graduelle Störung der Autopoiese. Auch dies kann als Ordnungsfunktion verstanden werden, allerdings nur im Sinne einer Negation S(n). Zusätzlich ist Ordnung systemtheoretisch auch immer schon im Sinne der Selbstorganisation (So) sowie der Iteration (I) vorhanden. Die beiden Formeln lauten in ihrer Kurzfassung demnach:


Systemischer Formalismus Darwinistischer Formalismus

Unterscheidungskriterium externer Maßstab

Beim darwinistischen Modell wird die Anpassungsleistung des eigenen Systems und gegebenenfalls fremder Systeme über einen dritten Maßstab gemessen; dabei ist dann Konkurrenz im Spiel. Hingegen variiert das systemische Modell lediglich die eigenen Operationen (V), ohne Referenz auf die Umwelt oder andere Systeme als externem Maßstab.

Vielleicht kann Zenons Paradoxon von Achill und der Schildkröte den Unterschied noch einmal verdeutlichen: Eine Schildkröte wettet mit dem schnellen Achill, dass er sie, mit einem kleinen Vorsprung bedacht, nie einholen könne, und sie behält recht. Achill muss nämlich immer erst zu dem Punkt kommen, an dem sie schon ist. Während Achill die Strecke bewältigt, die die Schildkröte als Vorsprung bekommen hat, verschafft sich die Schildkröte einen neuen – wenn auch kleineren – Vorsprung. Und so geht es weiter. Mithin kann sich Achill asymptotisch annähern und die Entfernung ständig verringern, aber er kann das Tier doch nie einholen. Die Parabel verdeutlicht die Unmöglichkeit systemischen Wettkampfs. Im darwinistischen Verständnis des Wettkampfs würde natürlich Achill siegen, denn Wettkampf würde dann als Vergleich der beiden gegenüber einem dritten Maßstab verstanden werden, in diesem Fall einer gesetzten Ziellinie.

Unterscheidungskriterium Konkurrenz

Unter erkenntnistheoretischen Gesichtspunkten legt das darwinistische Modell in seiner Abbildtheorie einen philosophischen Realismus zugrunde. Daher wird Adaption als Vergleich mit einem externen dritten Maßstab verstanden. Das eigene System vergleicht sich und andere Systeme anhand des durch die Umwelt vorgegebenen Maßstabs, dem Tertium Comparationis. Konkurrenz kann somit definiert werden als der Vergleich aller Organismen am Maßstab ihrer Anpassung an die Umwelt.

In systemtheoretischer Perspektive findet kein Vergleich statt, da erkenntnistheoretisch die Außenwelt weder erkannt noch fokussiert wird. Die Umweltanpassung (A(U)) wird hier lediglich als Variation (V) eigener Systemordnung verstanden. Hat man dies verstanden, wird auch klar, dass im systemtheoretischen Sinne ein Organismus nicht zu anderen in Konkurrenz treten kann. Ein Vergleich mit anderen setzt einen Vergleichsmaßstab als drittes Moment voraus. Wird dieser nicht angelegt, kann man zwei Individuen in ihrer jeweiligen Einzigartigkeit nicht vergleichen. Mit sich selbst in Wettkampf zu treten, ist ebenfalls unsinnig, denn Konkurrent und Maßstab werden dann identisch.

Unterschiedliches Verständnis von »Leistung«

Die Differenz von Umweltanpassung im darwinistischen Sinne (A(U)) und Variation im systemischen Sinne (V) zeigt sich beispielsweise auch darin, wie Motivation und Leistung eines Organismus definiert werden. Im darwinistischen Sinne entspricht Leistung einer Anpassungsleistung, die mithilfe eines externen Maßstabs, der überindividuell gesetzt ist, ermittelt wird. Dieser Maßstab ist für alle Organismen gleich. Im systemischen Sinne entspricht Leistung der Variationsleistung, eine Leistung, die von außen gleichsam erzwungen wird, auf Ebene der Selbstorganisation aber immer schon vorhanden ist. Dagegen scheint der darwinistisch verstandene Organismus aktive Leistung an die Adaption zu binden, die Leistung wird damit durch das Delta von Umwelt- zu Selbststruktur bestimmt. Fehlt dieses Delta, findet sich im Organismus nach dieser Theorie zunächst kein Leistungsinteresse. Aus diesem Paradigma ergibt sich auch die geläufige Folgerung, dass die Natur des Menschen so gestrickt sei, dass er vor allem unter Druck und Anpassungszwang zu Leistung bereit sei.

Unterschiedliches Verständnis von »Motivation«

Auch Motivation wäre demnach im darwinistischen Sinne extrinsisch, durch den Anreiz, das Delta zu vermindern, geprägt. Im systemischen Sinne dagegen ist Motivation immer schon vorhanden, noch vor jeder Perturbation. Dies zugestanden, können wir uns fragen, ob Motivation durch Perturbation nicht reziprok zum darwinistischen Verständnis gesehen werden muss, also als abnehmend bei zunehmender Perturbation. Ein Organismus, der die Selbstorganisation aufrechterhalten will, fühlt sich durch Perturbationen in seiner Organisation gestört und nicht motiviert. Konkurrenz kann somit nach systemischer Theorie kein leistungssteigerndes Mittel sein. Konkurrenz kann in systemischem Verständnis gar nicht als solche wahrgenommen werden, weil der hierfür nötige Vergleichsmaßstab im System fehlt. Zum anderen wird Leistungsdruck in systemischer Weise nicht mit Adaptionsleistung beantwortet, sondern mit Variation, welche mit verminderter Selbstorganisation gleichgesetzt werden kann. Dies wird, aller Wahrscheinlichkeit nach, Motivation aber nicht stärken, sondern schwächen. Das darwinistische Paradigma der Konkurrenz hingegen verspricht eine Leistungssteigerung durch Anpassungsdruck.

In dem Maße, wie die Systemtheorie Anpassung in diesem Sinne nicht kennt, sind auch die Begriffe von Leistung und Motivation neu zu definieren. Leistung findet demnach immer schon statt, unabhängig vom vorhandenen Umweltdruck. Ebenso ist die Motivation, Leistung zu erbringen, im selbstorganisatorischen System bereits ab ovo angelegt. Hindert man Systeme an ihrer Tätigkeit, so werden Motivation und Leistung gemindert, nicht gefördert. Diese Aussagen haben entscheidende Folgerungen für Unternehmen und erfolgreiches Performance-Management, wie wir in Kapitel 11 noch sehen werden.

Der unverstandene Darwin?

Soziale Instinkte

In zahlreichen späteren Interpretationen ist Darwin einseitig in Richtung Sozialdarwinismus ausgelegt worden, und das prägt auch heute noch vielfach unser Verständnis. Dabei steht er systemtheoretischen Überlegungen in der Evolutionsbiologie näher, als es in der öffentlichen Rezeption deutlich wird. Obwohl Darwin nur noch wenige Instinkte als verhaltensprägend für den Menschen ansieht, führt er doch Liebe und Sympathie durchaus als instinktive Merkmale an. Das Motiv der Hilfeleistung ist für ihn beim Menschen ein modifizierter Impuls, der zusätzlich zu seinen vererbten Merkmalen durch Lob und Tadel der Mitmenschen beeinflusst wird. Je höher allerdings die Entwicklung von Organismen, desto geringer sei die Bindung an Instinkte – und dies gilt auch für gegenseitige Hilfe. Für Darwin werden Liebe, Sympathie, Selbstbeherrschung und Hilfsbereitschaft zu einem großen Teil auch von Gewohnheit bestimmt; sie lassen sich stark von der Lebensführung und den Urteilen des sozialen Umfeldes beeinflussen.

In höher entwickelten Kulturen weiten sich soziale Instinkte und Sympathien auch auf Fremde aus. (Darwin 1871) Darwin führt darüber hinaus das Prinzip der Unterstützung Schwacher an, um das Wohl der Gemeinschaft zu erhalten. Dementsprechend haben diejenigen Gemeinschaften die meisten Nachkommen, welche die meisten harmonisierenden Mitglieder haben.

In Anlehnung an Herbert Spencer geht Darwin von der Möglichkeit aus, dass moralische Neigungen sich vererben, wie er überhaupt einen Teil »Lamarckismus« in sich trägt, wenn er behauptet, dass Gewohnheiten, die generationenlang ausgeübt werden, dazu neigen, vererbt zu werden. (Darwin 1905) Eine vollständige Lösung vom Lamarckismus propagierte erst später der Neodarwinist August Weismann. (Mayr 1988)

Darwin war kein Sozialdarwinist

Der Begriff »Survival of the Fittest«, der nachweislich erst durch Herbert Spencer eingeführt wurde, lässt sich inhaltlich erst in – Darwin selbst fremden – sozialdarwinistischen Konzepten finden. Das zeigt sich auch daran, dass Darwin mit »Fitness« keine positive Konnotation verband, sondern lediglich das Faktum der Reproduktionsfähigkeit ansprach: »Das hat zur Folge, daß gerade diejenigen Gesellschaftsschichten, die nach Ansicht der Sozialdarwinisten für die Degeneration der zivilisierten Menschheit verantwortlich sind, orthodox-darwinistisch gerade die höchste ›fitness‹ erreichen, wenn sie besonders kinderreich sind. Sozialdarwinisten wollen dagegen erreichen, daß die im normativen Sinne ›Besten‹ sich am zahlreichsten fortpflanzen. Für die Auszeichnung dieser Besten ist dann aber gerade ein Maßstab nötig, der nicht der Natur entnommen werden kann.« (Gräfrath 1997, 92)

Moralisches Gefühl als Kennzeichen des Menschen

Darwin verfolgt gemäß seiner teleologischen Ethik einen Utilitarismus, indem für ihn das Prinzip des größtmöglichen Glücks für die größtmögliche Zahl als fester Maßstab von Recht und Unrecht gilt. Auch ist das moralische Gefühl für Darwin das höchste Differenzierungskriterium zwischen Mensch und Tier. Angeborenes moralisches Gefühl und soziale Verstärkung sowie Gewohnheit bilden somit die menschliche Sittlichkeit, die Darwin mit der »Goldenen Regel« ausgedrückt sieht: »Was ihr wollt, das euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen.« (Darwin 2002/1871, 161)

Auch der Wert der Kooperation wird bereits bei Darwin gewürdigt, wenngleich die spätere Rezeption dies meist unterschlagen hat. Darwin zufolge ist bei Not und Gefahr diejenige Gemeinschaft erfolgreich, die bereit ist, zu helfen; Selbstsucht und Unverträglichkeit stehen einem Überlebenserfolg entgegen. Den Ausgangspunkt für Darwins ethischen Gradualismus, der durch soziale Sanktionen zunächst Gewohnheit wird und dann durch Gewohnheit wiederum vererbt wird, bildet der Lamarckismus, vereint mit der sozialen Sanktionierung unethischen Verhaltens. Durch diese Annahme transzendiert Darwin das oft unterstellte primitive Prinzip eines vulgären Mutations-Selektions-Mechanismus. Diesem gemäß würden ja die Sittlichen und Mutigen durch ihre Aufopferung für andere im Kampf umkommen und könnten ihre »edlen« Anlagen gerade nicht vererben.

Die »nachteiligen Folgen der Erhaltung und Vermehrung der Schwachen«

Allerdings würde man Darwin falsch verstehen, wollte man Hilfsbereitschaft, Sittlichkeit oder Kooperation generell als prägende Merkmale seines Evolutionismus annehmen. Dazu gibt es zu viel Widersprüchliches in seinen Ausführungen selbst, und letztlich scheint sein teleologischer Gradualismus, also die Annahme einer ständigen Höherentwicklung des Organischen, auch bei seinen ethischen Überlegungen alle anderen Aspekte zu überschatten. Dies zeigt sich beispielsweise daran, dass für Darwin die Vernachlässigung Schwacher und Hilfloser teleologisch durchaus zu rechtfertigen ist, wenngleich sie weder »erwartet« noch »erhofft« werden kann und wir uns somit »mit den ohne Zweifel nachteiligen Folgen der Erhaltung und Vermehrung der Schwachen abfinden« müssten. (Darwin 2002/1871, 171) Bereits Kropotkin (1908) hat hier eingewandt, wie seltsam diese Auffassung anmutet, zumal wir doch das Schaffen von oft nicht lebensstarken Dichtern, Künstlern, Wissenschaftlern und Genies gerade als Manifeste unserer aufstrebenden Kultur nähmen. Da Darwin die Künste durchaus als evolutionären Zweck versteht (Darwin 1871), besteht auch hier ein immanenter Widerspruch seiner Theorie.

Wenngleich Darwin zwar nicht von einem angeborenen Aggressionstrieb ausging, die Aggression vielmehr als reaktives Phänomen ansah, betrachtete er den Kampf zwischen Individuen und Arten durchaus als Gesetz der Evolution. In seiner Annahme einer fortschreitenden Entwicklung sprach er sich dafür aus, dass der Mensch einem heftigen Kampf ausgesetzt bleiben müsse. (Darwin 1871) Konrad Lorenz hat später unter Berufung auf Darwin den Kampf- bzw. Aggressionstrieb fälschlicherweise als primären menschlichen Trieb ausgeführt, obwohl die von Lorenz angeführten Tierbeispiele gerade Argumente zum Verständnis der Aggression als reaktive Verteidigungsmodi waren. Lorenz brachte sie aber als Nachweise für eine primäre Angriffslust beim Menschen. (Bauer 2008) Ungelöst bleibt bei Darwin auch der bei vielen Autoren angeführte immanente Widerspruch, wie Individuen und Spezies im fortwährenden Daseinskampf Nutznießer der Evolution bleiben können, obschon sie ständige Einbußen ihrer Vitalität erleiden.

Darwin heute

In der aktuellen Forschung scheinen die zufällige Variation des biologischen Substrats sowie die Selektion durch optimale Reproduktion keine hinreichenden Voraussetzungen mehr für die Erklärung komplexer Evolutionsphänomene zu sein. Dennoch gibt es heute sowohl in der Biologie als auch etwa in der Ökonomie noch ein breites darwinistisches Wissenschaftscredo, das die Durchsetzung neuer Paradigmen erschwert und die »Gefahr der Exkommunikation aus der wissenschaftlichen Gemeinde nach sich zieht« (Bauer 2008, 111). Ungeachtet dessen gibt es hochrangige und angesehene Forscher, wie etwa S. J. Gould, J. A. Shapiro, L. Margulis oder B. McClintock, die sich für ein neues Verständnis der Evolutionsbiologie einsetzen. Die Strategie zahlreicher Gutachter internationaler Fachzeitschriften, wissenschaftliche Daten nur dann zur Veröffentlichung anzunehmen, wenn sie dem darwinistischen Credo entsprechen, sieht Joachim Bauer als »vorübergehende, behelfsweise Überlebensstrategie zur Aufrechterhaltung dieses Dogmas« (Bauer 2008, 128).

Zusammenfassung

Die Prinzipien der Evolution sind in ihrer Dynamik weniger durch Mutation und individuelle Konkurrenz bestimmt, sondern im Wesentlichen durch Selbstorganisation, Kooperation, Emergenz, Koevolution und Replikation. Kollektive Intelligenz entsteht als emergente Eigenschaft, ohne dass dafür Führung von oben nötig ist. Ordnung ist im Rahmen von Selbstorganisation in lebenden Systemen immer schon vorhanden, und zwar bereits auf Ebene des Genoms; sie kommt nicht erst durch Selektion und Mutation in die Welt.

Der Begriff der Konkurrenz spielt für den Darwinismus eine wichtige Rolle. Unabdingbare Voraussetzung ist dabei ein externer Vergleichsmaßstab. Systemtheoretisch hingegen ist Konkurrenz formal nicht möglich und praktisch unsinnig.

Aus darwinistischer Perspektive entsteht Leistung durch Anpassungsdruck, aus systemischer Sicht sind Leistung und Motivation immer schon vorhanden und werden durch Anpassungsdruck vermindert, da der externe Maßstab von den Eigengesetzlichkeiten absieht.

Überlebensfähigkeit definiert sich postdarwinistisch nicht durch die Anpassung des Lebens an eine bestehende Umwelt, sondern durch Koevolution selbstorganisatorischer Lebensprozesse. Auch praktisch zeigt sich der Gedanke der Konkurrenz nicht als dominierendes Prinzip des Lebens, er tritt vielmehr zugunsten von Kooperation, Vernetzung und Koevolution in den Hintergrund. Reine Kooperationsstrategien erweisen sich aber ebenso wie reine Konkurrenzstrategien als nicht überlebensfähig. Mittelfristig, langfristig und evolutionär stabil ist eine Kooperationsstrategie nur dann, wenn sie durch die Fähigkeit ergänzt wird, bei Bedarf zu »kämpfen«.

* Letztlich lässt sich Variation auch als Adaption in einem gewissen Sinne definieren, insofern nur solche Variationen zugelassen werden, die überlebensfähig sind. Innerhalb dieses Viabilitätsrahmens sind viele Variationen möglich, solange sie nicht untergehen. Insofern kann man innerhalb eines gewissen Rahmens auch hier von »Adaption« sprechen. Um den Unterschied zur Abbildadaption deutlich zu machen, empfiehlt sich jedoch der Begriff des »Driftens« (Bertalanffy 1969).

3. Warum der Apfel nicht nach oben fällt

Treffen sich zwei Planeten:

»Wie geht’s denn?«

»Nicht so gut.«

»Wieso, was hast du denn?«

»Ach, ich habe Homo sapiens.«

»Ach so. Das ist nicht so schlimm, hatte ich auch schon mal.

Das geht vorüber.«

Die Suche nach dem Bauplan der Welt

Keine Trennung mehr zwischen lebenden und nicht lebenden Systemen

Systemische Strukturen finden sich in der physikalischen Welt sehr zahlreich: vom Mikrokosmos (Atome) bis hin zum Makrokosmos (Universum). In der Welt der Physik haben wir es dabei im Gegensatz zu den lebenden Systemen der Biologie per definitionem nicht mit lebenden Systemen zu tun, doch diese Unterscheidung ist heutzutage nicht mehr sinnvoll. In der Systemtheorie wurde diese Trennung schon früh aufgelöst, indem nach Gesetzmäßigkeiten gesucht wurde, die sowohl auf lebende als auch auf nicht lebende Systeme zutreffen.

Wissenschaftlichkeit

Der umfassende Anspruch der Systemtheorie führte aber auch dazu, dass esoterische Richtungen wie die New-Age-Bewegung in den 1980er-Jahren versuchten, die Systemtheorie zu vereinnahmen. Die Grundlage dafür bildete eine holistische Weltsicht, der zufolge alles mit allem zusammenhängt. Auch wenn führende Systemtheoretiker sich von esoterischen Bestrebungen distanzierten, wurde der Anspruch auf Wissenschaftlichkeit geschwächt. Diesem Problem sieht sich jede Universalerklärung ausgeliefert, da der semantische Versuch, alle Begriffe zu erklären, (noch) nicht wissenschaftlich genannt werden kann, wenngleich auch etwa physikalische Theorien in Hypothesenbildungen die »reine« Wissenschaft transzendieren.

Suche nach der Weltformel

Seit langer Zeit versuchen die Naturwissenschaften, eine einzige Theorie zu finden, die das gesamte Universum beschreibt. Selbst innerhalb der Physik wird das Universum heute etwa mithilfe zweier Theorien beschrieben, die bis jetzt noch nicht in Einklang miteinander gebracht werden konnten: mit der allgemeinen Relativitätstheorie (bzw. Gravitationstheorie) sowie mit der Quantenmechanik. Ob die Entdeckung einer einzigen, vollständigen Theorie überhaupt einen nützlichen Beitrag für uns leisten könnte, ist dabei noch offen. Es müsste jedenfalls eine interdisziplinäre Theorie sein, die über die physikalisch-mathematische Beschreibung der Welt hinausgeht und ein vollständiges System von grundlegenden Gesetzen umfasst, das etwa auch biologische und anthropologische Ableitungen enthält oder zulässt. (Hawking 2009) Aus philosophischer Sicht kann es keinen Zweifel geben, dass wir schon aufgrund unseres Erkenntnisverlangens nicht eher ruhen werden, bis der »Bauplan« der Welt entdeckt ist. Die Systemtheorie will hierbei einen interdisziplinären Beitrag leisten. Welcher rote Faden verbindet nun biologische und physikalische Systeme im systemischen Sinne?

Kybernetik

Die Kybernetik wurde Mitte der 1940er-Jahre von dem österreichischen Physiker Norbert Wiener begründet. Ihr Gegenstand ist die Steuerung – sowohl die Steuerung von Maschinen als auch die Steuerung von lebenden Organismen. Der amerikanische Anthropologe Gregory Bateson, der stark von Wiener beeinflusst war, erklärte lebende Systeme als kybernetische Regelkreise, die zunächst homöostatisch aufgebaut sind. (Bateson 1972) Demnach sieht er alle biologischen Systeme in der Evolution wie Organismen, Tiere, Menschen und Natur als regulierte Systeme, die ihrerseits wieder geregelte Subsysteme haben. Alle Systeme haben die Eigenheit, sich zu regenerieren. Die vorhandenen Regelkreise für diese Regeneration nennt er homöostatisch. Das bedeutet, dass Systeme danach streben, ein Fließgleichgewicht zu erreichen. Bei einer Veränderung von außen regelt das kybernetische System nach, um das homöostatische Fließgleichgewicht wiederherzustellen.

Klassische Vorstellung: Ordnung als Gleichgewicht

Das Wort »Kybernetik« entstammt dem Griechischen und bedeutet »Steuermann«. Wiener (1948) verwendet es für jede Art von Regelkreis, von der Informationsübertragung in der Nachrichtentheorie über maschinelle Steuerungssysteme bis hin zum »System« Mensch. Die Theorie der Kybernetik fußt dabei noch auf dem klassischen physikalischen Verständnis, wonach Ordnung mit Gleichgewicht verbunden ist (zum Beispiel in Kristallen) und Unordnung mit Nichtgleichgewicht (zum Beispiel bei Turbulenzen). So verstand noch der Computerpionier J.W. Forrester (1971) die Regelkreislehre nicht nur als adäquate Lehre zum Verständnis des Lebens, sondern betrachtete zugleich die Homöostase als Ideal schlechthin. Dabei sieht er auch makroskopisch einen weltweiten Gleichgewichtszustand als Ideal an, der aus Wachstumsprozessen gestaltet werden muss. Mit diesen Gedanken hat er auf den Club of Rome in den 1970er-Jahren Einfluss genommen.

Systemtheorie: Nichtgleichgewicht als Ursprung von Ordnung

In diesem frühen Begriff der Kybernetik war die Möglichkeit der Bildung neuer Strukturen und Verhaltensweisen als selbstorganisierte Prozesse noch nicht angedacht, sodass dynamische Prozesse wie Evolution, Entwicklung oder Kreativität noch nicht angemessen erklärt werden konnten. In der Systemtheorie wird gerade das Nichtgleichgewicht zum Ursprung von Ordnung. (Capra 1996)

Dennoch war auch in dieser frühen Konzeption der Kybernetik bereits der Gedanke der Eigengesetzlichkeit angelegt. Norbert Wiener hat ihn nach eigenen Angaben der philosophischen Monadenlehre von G.W. Leibniz entnommen. Er betont dabei die Abgeschlossenheit der Monaden, die dadurch zum Ausdruck kommt, dass diese keine »Fenster« haben. Leibniz’ sogenannte »Monadologie« hatte in den Geisteswissenschaften großen Einfluss, auch Goethe etwa benutzte den Begriff als Charakteristikum für individuelles, beseeltes Leben. Leibniz selbst definierte Monaden als einfache, vollkommene Substanzen, deren »Selbständigkeit sie zu Quellen ihrer inneren Tätigkeiten macht« (Leibniz 1998/1720, 19). Dies wird auch die Grundlage für das physikalische Verständnis von Selbstorganisation bilden, in der Folge mit dem Begriff »Dissipation« bezeichnet.

Thermodynamik

Thermodynamische Dissipation

Wenn wir uns nun mit offenen Systemen beschäftigen, die fern vom Gleichgewichtszustand sind und trotzdem geordnete Strukturen aufweisen, so führt uns das zur physikalischen Thermodynamik. Der russische Physiker und Nobelpreisträger Ilya Prigogine prägte dafür den Begriff der »dissipativen Strukturen«, die in paradoxer Weise Ordnung und Unordnung zu vereinen scheinen. Während in der klassischen Thermodynamik Dissipation als Verlust von Energie bei der Wärmeübertragung (Reibung etc.) stets mit Verschwendung verbunden war, beschreibt Prigogine die Dissipation in offenen Systemen dagegen als Quelle der Ordnung. Solche Strukturen erhalten nicht nur ihre Ordnung, obwohl sie sich in keinem Gleichgewichtszustand befinden, sie können sich auch weiterentwickeln. Durch die im System vorhandenen kybernetischen Rückkopplungsschleifen können ständig neue Instabilitäten durchlaufen werden, um sich dann in neuen Strukturen zunehmender Komplexität zu fangen.

Als dissipative Strukturen können sowohl lebende als auch nicht lebende Systeme bezeichnet werden. Ein schönes Beispiel für ein nicht lebendes System mit dissipativer Struktur ist ein Wasserstrudel, der in der Badewanne abfließt. Obwohl ständig Wasser durch den Strudel fließt, bleibt die Strudelform stabil. Lebende Systeme bewegen sich durch den Stoffwechselprozess ebenso fern vom Gleichgewicht und benötigen Luft, Wasser, Nahrung, um am Leben zu bleiben und ihre Ordnung aufrechtzuerhalten. Dissipative Strukturen können also ihre »Identität« (ihre Ordnung) nur dadurch sichern, dass sie ständig für die Einflüsse ihrer Umgebung offen bleiben. (Briggs/Peat 1989)

Der deutsche Physiker Hermann Haken kam in seinen Experimenten mit Lasern Anfang der 1960er-Jahre zu ganz ähnlichen Ergebnissen, die das Laserlicht als selbstorganisierendes System fern vom Gleichgewicht beschreiben. Hakens Theorie zeigt, dass dem Laser zwar Energie von außen zugeführt werden muss, um in einem Zustand fern vom Gleichgewicht zu bleiben, die Koordination der Emission wird vom Laserlicht aber selbstorganisatorisch vollzogen. Im Sinne Prigogines wird hiermit also eine dissipative Struktur beschrieben. (Capra 1996)

Lebende Systeme: nie völlig abgeschlossen

Der Zusammenhang zwischen Dissipation (Ordnung) und Entropie (Unordnung) in der Thermodynamik wurde zunächst nicht als evolutionäres Prinzip verstanden, sondern als Widerspruch. Die Bildung komplexer Systeme lässt sich aber durchaus mit den Prinzipien der Thermodynamik vereinbaren. Lebende Systeme können nie, wie es im zweiten Hauptsatz der Thermodynamik gefordert wird, völlig abgeschlossen sein. Sie sind immer auf metabolische Prozesse, also auf Stoffwechsel, angewiesen und deshalb teilweise offen.

So können wir beispielsweise Zellen als dissipative Nichtgleichgewichtssysteme verstehen, die unentwegt Nährstoffe umsetzen, um ihre innere Ordnung aufrechtzuerhalten. (Kauffman 1995) Ilya Prigogine hat in seinen Experimenten zum thermodynamischem Ungleichgewicht gezeigt, wie das Gesetz der Entropie zeitweise überwunden wird und eine höhere Ordnung spontan aus dem Chaos entsteht. (Johnson 2001)

Komplexität

Wir können davon ausgehen, dass die Evolution dahin tendiert, immer komplexere Systeme durch Selbstorganisation herauszubilden. Zugleich ist Komplexität jedoch nicht als Selbstzweck zu verstehen, denn Evolution bedeutet das Auffinden besserer Antworten – Antworten, die nicht unbedingt komplizierter sein müssen. (Kurzweil 2006) Dies gilt selbst im Makrobereich von Galaxien, Sternen und Planeten. Dort kann aufgrund der ständigen physikalisch-chemischen Veränderung der Biosphäre und aufgrund der ständigen Weiterentwicklung der Organismen ein wirkliches Gleichgewicht nie erreicht werden. Vielmehr kommt es zur Existenz von geordneten, dissipativen Nichtgleichgewichtssystemen. (Gell-Mann 1994) Insbesondere der deutsche Physiker und Nobelpreisträger Max Planck hat dabei gezeigt, dass Entropie gleichbedeutend mit der Irreversibilität physikalischer Prozesse ist.

Entropie

Der erste Hauptsatz der Thermodynamik besagt, dass Energie weder erzeugt noch vernichtet werden kann. Der zweite, dass eine selbstständige Übertragung von Wärme bzw. Energie nur von heißen zu kalten Körpern, niemals aber umgekehrt möglich ist. Dies heißt, dass Entropie erzeugt, aber niemals vernichtet werden kann. Die Entropie stellt demzufolge nicht nur den Ordnungszustand eines Systems dar, sondern auch ein Maß für die Irreversibilität eines Prozesses. Während irreversible Prozesse mit Entropieerzeugung verbunden sind, bleibt in reversiblen Prozessen die Entropie konstant. In isolierten Systemen kann die Entropie niemals abnehmen.

Das Gesetz der Entropievermehrung ist nicht allein auf thermische Prozesse beschränkt, sondern erstreckt sich laut Planck vielmehr auf alle physikalischen und chemischen Erscheinungen. (Hoffmann 2008) Weiter gedacht, sagt uns der Grundsatz der Entropievermehrung voraus, dass das Universum in vielleicht zehn Billionen Jahren den Wärmetod sterben wird (May et al. 2007), sofern das Universum als abgeschlossenes System zu begreifen ist. Zum anderen ergibt sich aus der Irreversibilität eine zeitliche Einbahnstraße, ja wird Zeit überhaupt erst als Determinante eingeführt. Damit widersprechen die thermodynamischen Prinzipien der klassischen newtonschen Mechanik, wonach es für die Gesetze der Materie keine Zeitrichtung gibt. (Eigen 1996; Briggs/Peat 1989)

Hyperzyklus

Solange dissipative Strukturen bestehen, produzieren sie Entropie, die aber nicht einfach im System akkumuliert wird, sondern im Energieaustausch mit der Umgebung steht. Dissipative Systeme weisen im Allgemeinen die – von Manfred Eigen und Ruthild Winkler beschriebene – Organisationsform des »Hyperzyklus« auf, also eines geschlossenen Kreises von Umwandlungsprozessen. Der innere Prozesskreis erneuert sich ständig selbst und wirkt katalysatorisch. Dissipative Strukturen, die sich jenseits herkömmlicher thermodynamischer Ordnung spontan bilden, sind so lange stabil, wie der Energieaustausch mit der Umgebung aufrechterhalten wird.

Doch grundsätzlich ist keine Struktur eines Ungleichgewichtssystems aus sich heraus fähig, stabil zu bleiben; Fluktuationen können es durch die Überschreitung von Schwellgrößen zu einer dynamischen, qualitativen Änderung treiben. Solch ein qualitativer Übergang erneuert die Fähigkeit der Entropieproduktion. »Leben bricht sich immer wieder Bahn«, schreibt Erich Jantsch. »Im Rahmen der Koevolution von Makro- und Mikrosystemen besteht nie Gleichgewicht, sondern Autopoiese in einem Ungleichgewicht, in dem zu jeder Zeit und an jeder Stelle Fluktuationen durchbrechen können. Komplexität nimmt nicht in jedem einzelnen Mikrosystem zu, sondern vor allem in der Art und Weise«, in der »eine vielschichtig stratifizierte Welt dynamischer Beziehungen evolviert.« (Jantsch 1992, 77, 327) Auf diese Weise hat sich auch in der Physik ein evolutionäres Verständnis von Selbstorganisation etabliert.

Der quantenphysikalische »Fall« der Objektivität

Die Quantenphysik – eine Revolution

Neben der Irreversibilität der Entropie erkannte Planck auch, dass die Emission von elektromagnetischen Strahlen stufenweise, in Form von Energiepaketen (»Quanten«), erfolgt. Auch dies galt als ein physikalischer Hinweis auf Selbstorganisation in der Natur. Die Quantensprünge zwischen den Stufen erfolgen nach dem sogenannten »planckschen Wirkungsquantum«. Plancks Erkenntnisse begründeten die Quantenphysik, mit der sich Forscher wie Albert Einstein, Max Born, Erwin Schrödinger oder Werner Heisenberg beschäftigten. Die Quantenphysik revolutionierte die klassische newtonsche Physik mit den Prinzipien der Kausalität und Determination.

Gleiche Ursache, andere Wirkung

Die Quantenphysik kennt keine Kontinuität. Naturvorgänge laufen nicht stetig ab, sie sind in der atomaren Welt nicht mehr eindeutig vorhersehbar. Anders als etwa beim Billardspiel, wo ein bestimmter Stoß die gleiche Bewegung auslöst, wird ein immer gleich beschossenes Atom stets unterschiedliche Reaktionen zeigen. Gleiche Ursachen haben in der Mikrophysik demnach nicht die gleichen Wirkungen, das Kausalitätsprinzip ist außer Kraft gesetzt.

Darüber hinaus haben Elemente der Mikrophysik, also etwa Atome oder Elektronen, keinen eindeutigen Charakter, sie sind zuweilen als Welle und zuweilen als Teilchen zu verstehen. Demnach lässt sich nicht von einem objektiven Zustand der Natur sprechen. Dies hat den Physiker, Philosophen und Nobelpreisträger Werner Heisenberg 1925 zu der Aussage geführt, dass wir mit unseren physikalischen Experimenten eigentlich nicht die Natur beschreiben, sondern lediglich unser Wissen von der Natur, mit anderen Worten: uns selbst. (Heisenberg 2006) Heisenbergs Behauptung, dass sich Beobachter und Beobachtetes nicht trennen lassen, nimmt der Naturwissenschaft die bislang unterstellte Objektivität und subjektiviert sie. In Abkehr von Immanuel Kants erkenntnistheoretischer Überzeugung, es gäbe ein objektives, unerkennbares »Ding an sich«, geht Heisenberg in der Konzeption der Quantenphysik nur noch von »Beobachtungssituationen« im »Schauspiel des Lebens« aus, bei denen wir zugleich »Zuschauer und Mitspielende« sind. (Heisenberg 2006, 61f.) Mit dem Ding an sich verschwindet so auch die objektive Wirklichkeit, ein Theorem, das in der Philosophie durch die Philosophen George Berkeley und David Hume im 18. Jahrhundert bereits vorgedacht wurde.

Relativistische Erkenntnistheorie

Unser modernes, quanten- und relativitätstheoretisches Weltbild entspricht einer relativistischen Erkenntnistheorie, wie sie etwa im philosophischen Empirismus vertreten wird. Der newtonsche Begriff vom absoluten Raum und von absoluter Zeit wird aufgegeben und zu sprachlichen Allgemeinbegriffen degradiert, die wir als Beobachter zur Beschreibung von Naturphänomenen benutzen. (Capra 2000) Schon im Mittelalter wuchs durch die »Universalienlehre« die Erkenntnis, dass wir mit unseren Allgemeinbegriffen nie wirkliche Dinge beschreiben, sondern nur Vereinfachungen davon. Die Begriffe (Nomen) sind so nur Namen, denen außerhalb ihrer sprachlichen Wirklichkeit nichts Reales entspricht. Der Begriff »Holztisch« beispielsweise bezeichnet eine Unmenge an Holztischen und ist für eine individuelle Beschreibung nie hinreichend. Dieser »Nominalismus« bereitete die relativistische Erkenntnistheorie vor, auf die wir noch in Kapitel 7 eingehen werden.

Vorerst soll der Aspekt der Relativierung nur physikalisch betrachtet werden. Die Messungen von Raum und Zeit werden auf den Bewegungszustand des Beobachters hin relativiert und Raum und Zeit werden mit der Verteilung von Materie verknüpft. Damit fällt aber auch die klassische Beschreibung einer objektiven Natur und philosophisch betrachtet die cartesianische Trennung von Subjekt und Objekt. In der Atomphysik macht es keinen Sinn mehr, über die Natur zu sprechen, ohne zugleich über uns selbst zu sprechen. (Capra 2000)

Determinismus und Zufall

Abschied von der deterministischen Kausalität

Mit der Aufgabe der klassischen Position in der Physik wird in der Quantenphysik auch die deterministische Kausalität verabschiedet. Was bleibt, ist lediglich die Möglichkeit, Ereigniswahrscheinlichkeiten zu berechnen. (Gell-Mann 1994) Viele Quantenphysiker halten jedoch selbst die probabilistische Zufallsbeschreibung für nicht mehr zulässig. Während die klassische Physik den Zufallsbegriff als prinzipiell immer noch theoretisch beschreibbar versteht, in dem Sinne, dass eben nur alle Zusammenhänge nach dem aktuellen Stand des Wissens nicht begriffen wurden, löst sich die Quantentheorie von diesem »hypothetischen Determinismus«, der Denker wie Arkesilaos, Spinoza, Hume, Laplace oder auch Einstein verband, und geht nun davon aus, dass selbst die Kenntnis aller Mikrogesetze die Gesamtentwicklung eines makroskopischen Systemkomplexes nicht voraussagen könne. Auch die kausale Rückführung von Einzelereignissen kann die Kontingenz vieler Kausalketten demnach nicht retten und die Emergenz neuer Strukturen nicht kontrollieren. (Mainzer 2007; vgl. »Kopenhagener Deutung« von Bohr und Heisenberg aus dem Jahr 1927)

Unschärferelation

Als Grund dafür wird etwa die Unschärferelation angeführt. Während es in der klassischen Physik möglich gewesen ist, gleichzeitig Ort und Impuls eines bestimmten Teilchens zu bestimmen, ist dies in der Quantenmechanik aufgrund der Unschärferelation nicht mehr möglich. Je genauer man den Ort eines Teilchens festlegt, umso unsicherer ist sein Impuls. Diese Situation kennzeichnet einen bestimmten Quantenzustand eines einzelnen Teilchens, einen Zustand der Bestimmtheit des Ortes. In einem anderen Quantenzustand ist zwar der Impuls des Teilchens genau bekannt, der Ort aber nicht zu bestimmen. (Gell-Mann 1994) Dies gilt als Beispiel für die prinzipielle Unmöglichkeit, Wahrscheinlichkeitsereignisse in der Quantenphysik zu behaupten.

»Zufall« wird neu definiert

Der Zufall ist demnach nicht mehr im laplaceschen Sinne praktisch zufällig, aber durchaus theoretisch bestimmbar, würden wir nur alle Variablen kennen. Vielmehr ist der Zufall ein solcher, der sich nie berechnen lässt, weil sich in der Unschärferelation die Bestimmung von Ort und Impuls schon prinzipiell ausschließen. Ein anderer Einwand betrifft die Komplexität vorhandener Strukturen und schließt auf die praktische Unmöglichkeit der Beschreibung multipler Ereignisfolgen, die als Konsequenzen schon weniger, einfacher Anfangsbedingungen entstehen können.

Beendet deshalb die Unschärferelation den laplaceschen Traum eines vollständig vorhersagbaren, determinierten Modells des Universums? Beide Argumentationen übersehen, dass dies eine theoretische Beschreibbarkeit bei genügender Kenntnis wirklich aller möglichen Variabeln nicht ausschließt. So zeigt sich auch beim quantenphysikalischen Doppelspaltversuch mit emittierten Photonen, dass zwar das singuläre Auftreffen von Photonen als zufällig beschrieben wird, im Mittel aber durchaus Auftreffwahrscheinlichkeiten, im Sinne eines prinzipiellen Determinismus, angegeben werden können. Ein solcher Determinismus auch für singuläre Ereignisse mag zwar im Moment philosophisches Gedankenspiel bleiben, wir können diese Möglichkeit jedoch nicht prinzipiell ausschließen, und es gibt auch quantenphysikalische Interpretationen, die diese Position vertreten. (Dürr 2009; Hawking 2009; vgl. De-Broglie-Bohm-Theorie) Die rein theoretische Möglichkeit der Determination, die für die Annahme von Selbstorganisation prinzipiell notwendig ist, bleibt damit auch im atomaren Mikrokosmos erhalten.

Selbstorganisation als Ordnungsprinzip im Universum

Die Dimensionen des Universums

Die Dimensionen des Universums sind für unseren Verstand kaum zu erfassen. Eine Galaxie wie unsere Milchstraße enthält mehr als hundert Milliarden Sterne, wie wir heute mit modernen Teleskopen feststellen können. Und dabei ist die Milchstraße selbst nur wieder eine von mehr als hundert Milliarden Galaxien. Wie sich anhand der Rotverschiebung des Wellenspektrums zeigt, bewegen sich nahezu alle Galaxien von uns fort, und die Abstände zwischen den Galaxien nehmen zu.

Urknall

Wenn wir davon ausgehen, dass das Universum mit unendlicher Dichte und Krümmung der Raumzeit zum Zeitpunkt des Urknalls sich von einem einzigen Raumpunkt ausgedehnt hat, so stellt sich die Frage, was vorher war. Die Ereignisse, die vor dem Urknall stattgefunden haben, müssen wir zwar für ein physikalisches Modell heute noch ausklammern. Denn beim Urknall, ähnlich wie auch bei schwarzen Löchern, scheinen die Gesetze von Raum und Zeit durch den Zustand unendlicher Dichte außer Kraft gesetzt. (Hawking 2009) Systemtheoretisch lassen sich jedoch die Bedingungen nach der Emergenz mit denen davor durchaus vereinen.

So können wir uns fragen, ob das evolutionäre Prinzip der Selbstorganisation als makrokosmisches Ordnungsprinzip zu verstehen ist, das einem zufällig entstandenen, kontingenten Universum widerspricht. Selbstorganisation widerspräche in diesem Sinne nicht nur der Zufälligkeit darwinistischer Mutationen, sondern würde auch die Entstehungsbedingungen des Zufalls bestimmen. Der sogenannte Zufall ließe sich so als Ergebnis selbstorganisatorischer Strukturen verstehen, die nicht nur bereits vor jeder Mutation vorhanden wären, sondern in den Anfangsbedingungen des Universums selbst liegen.

Dem österreichischen Astrophysiker Erich Jantsch, Mitbegründer des Club of Rome, waren die Ergebnisse der Quantenphysik in den 1980er-Jahren und ihr prinzipielles Verständnis vom Zufall wohlbekannt, und dennoch ließ er die Denkmöglichkeit kosmologischer Selbstorganisation zu: »Vielleicht hat die kosmische Evolution ein solches Generalthema mit der Evolution des Lebens gemeinsam« und ist als »komplexes, aber ganzheitliches dynamisches Phänomen einer universalen Entfaltung von Ordnung zu sehen«. (Jantsch 1992, 144, 411)

Selbstorganisatorische Systeme: permanente Selbsterneuerung

Wie Jantsch weiter ausführt, sind selbstorganisatorische (autopoietische) Systeme in ihrer Funktion darauf ausgerichtet, sich ständig selbst zu erneuern, analog einer biologischen Zelle, die sich im Wechsel von anabolischen (aufbauenden) und katabolischen (abbauenden) Reaktionsketten erneuert und nicht über längere Zeit aus den gleichen Molekülen besteht. Die Selbstbezogenheit autopoietischer Systeme wird auch als Selbstreferenz bezeichnet, während sich ein allopoietisches System, wie zum Beispiel ein Computer, auf eine von außen vorgegebene Funktion bezieht.

Dabei verwirklicht ein autopoietisches System die ihm eigene Struktur und Funktion umso ausgeprägter, je höher sein Freiheitsgrad ist. Mit anderen Worten, je mehr Freiheit in der Selbstorganisation, desto mehr Ordnung entsteht, ein Paradigma, an dessen Folgerungen so mancher Manager verzweifelt, wie wir im Kapitel über systemisches Management noch sehen werden.

Kommunikation und Interaktion statt Kontrollhierarchie

Autopoiese darf trotz des Ordnungsgedankens nicht mit Kontrollhierarchie verwechselt werden, in der Informationen nach oben und Befehle nach unten gegeben werden. Vielmehr interagiert und kommuniziert jede autopoietische Ebene mit der Umwelt. Schon auf Ebene der Zellen finden Interaktionen nicht nur mit Nachbarzellen, sondern mit der gesamten Biosphäre bis hin zum Sonnensystem statt. Jede Ebene hat ihre eigene selbstorganisatorische und autonome Dynamik.

Metastabilität

Wie aber sind Selbstorganisation und Evolution, also Stabilität und Wandel, in ihrem Miteinander zu begreifen? Selbstorganisation ist trotz Ungleichgewicht und Instabilität vorhanden, und zwar aufgrund der Evolution. Jantsch spricht hier von Metastabilität bzw. verzögerter Evolution: »Damit wird das Umklappen in eine neue Struktur während einer begrenzten, aber für die Entfaltung von Lebensprozessen ausreichenden Zeitspanne hintangehalten. Mit ihr strukturiert ein dissipatives System selbst das Raum-Zeit-Kontinuum für die Entfaltung seiner Eigendynamik. Kein komplexes System ist jemals stabil; es ist, solange es sich eine Struktur bewahrt, immer metastabil.« (Jantsch 1992, 347f.)

Dass so viele Beispiele für Selbstorganisation in Physik und Chemie zu finden sind, liegt auch an den spezifischen physikalischen Bedingungen auf unserer Erde, also an Temperatur, Zeitmaß von Tag und Nacht etc. Das heißt aber nicht, dass Selbstorganisation nur als Maßstab für Makro- und Mesostrukturen gelten könnte: »Es gibt nichts, was die Entwicklung von Ordnungsphänomenen in kleinen Maßstäben verhindern würde, aber weil sie noch nicht exakt sind, ist es nicht allgemein möglich, deren Existenz zu beweisen.« (Laughlin 2009, 249)

Selbstorganisation: zentrale Gesetzmäßigkeit oder dezentrales Ordnungsmuster?

So tendiert die physikalische Forschung immer mehr dazu, die Selbstorganisation als prägendes naturwissenschaftliches Prinzip zu verstehen, wobei allerdings strittig ist, ob das Prinzip der Selbstorganisation nun als zentrale Gesetzmäßigkeit oder dezentrales (emergentes) Ordnungsmuster verstanden werden muss. Der amerikanische Physiker und Nobelpreisträger Robert B. Laughlin (2009) etwa favorisiert die zweite Sichtweise. Entsprechend habe sich die Naturwissenschaft vom Zeitalter des Reduktionismus bis zum Zeitalter der Emergenz verändert; Laughlin spricht von einer »Veränderung der Weltsicht, in deren Verlauf das Ziel, die Natur durch Zerlegung in immer kleinere Teile zu verstehen, durch das Ziel ersetzt wird, dass man versteht, wie die Natur sich selbst organisiert« (Laughlin 2009, 122).

Emergenz darf hier durchaus in dem chaostheoretischen Sinne von Unvorhersagbarkeit verstanden werden, wobei kleine Ereignisse große und qualitative Veränderungen bei größeren Vorgängen verursachen können. Emergenz steht in diesem Kontext also für die Unmöglichkeit von Kontrolle. Laughlin plädiert damit zwar gegen einen einseitigen Reduktionismus, hält aber am Prinzip einer universellen Selbstorganisation fest.

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