Kitabı oku: «Der Regenbogen»
D. H. Lawrence
Der Regenbogen
Translator: F. Franzius
e-artnow, 2022
Kontakt: info@e-artnow.org
EAN 4066338122698
Inhaltsverzeichnis
1. Wie Tom Brangwen eine polnische Dame heiratete
I
II
2. Sie leben in der Marsch
3. Anna Lenskys Kindheit
4. Anna Brangwens Mädchenzeit
5. Hochzeit in der Marsch
6. Anna Victrix
7. Der Dom
8. Das Kind
9. Die Marsch und die Überschwemmung
10. Der Kreis weitet sich
11. Erste Liebe
12. Scham
13. Die Welt des Mannes
14. Der Kreis weitet sich
15. Bittere Wonnen
16. Der Regenbogen
Erstes Kapitel.
Wie Tom Brangwen eine polnische Dame heiratete
Inhaltsverzeichnis
I
Inhaltsverzeichnis
Manche Geschlechter der Brangwens schon hatten auf dem Marschenhofe gelebt, auf den Wiesen, wo der Erewash sich träge durch Ellernbüsche windet, ein Grenzstrich zwischen Derbyshire und Nottinghamshire. Zwei Meilen weiter auf einem Hügel stand ein Kirchturm, zu dem die Häuser der kleinen Landstadt scheinbar eilig hinaufkletterten. Hob einer der Brangwens auf dem Felde den Kopf von seiner Arbeit, so sah er den Kirchturm von Ilkeston gegen den leeren Himmel stehen. Daher blieb ihm, wenn er sich der ebenen Erde wieder zuwandte, das Gefühl von etwas über ihm und weit, weit weg Stehendem.
Der Blick in den Augen der Brangwens war voller Erwartung, voller Sehnsucht nach dem Unbekannten. Sie sahen aus, als wären sie gefaßt auf alles, was da kommen möchte, sicher, erwartungsvoll, wie geborene Besitzer.
Sie waren frische, hellhaarige, schwerfällig redende Leute, die sich vollständig, aber langsam zu erkennen gaben, so daß man in ihren Augen jede Übergangsstufe vom Lachen zum Zorn, von lichtblauem Lachen zu hartem, blitzblauem Zorn, beobachten konnte, durch alle Schwankungen des Himmels bei unbeständigem Wetter.
Dadurch daß sie auf fettem Boden, auf eigener Scholle saßen, dicht bei einer emporblühenden Stadt, hatten sie vergessen, was es heißt, in knappen Verhältnissen zu leben. Reich waren sie nie geworden, weil immer Kinder da waren und das Erbe jedesmal geteilt werden mußte. Aber stets herrschte auf dem Marschenhofe reichliche Fülle.
So kamen und gingen die Brangwens ohne Furcht vor Not, harte Arbeiter aus innerem Lebensdrange, nicht aus Geldmangel. Sie waren aber auch nicht verschwenderisch, über den letzten halben Groschen gaben sie sich Rechenschaft, und ihre Anlage ließ sie keine Apfelschale umkommen, denn sie konnte ja noch zum Viehfutter dienen. Aber Himmel und Erde rund um sie her waren so fruchtbar, und wie sollte das je anders werden? Sie fühlten, wie der Saft im Frühling emporquoll, sie kannten die unaufhaltsame Welle, die jedes Jahr allen Samen zur Zeugung vorwärtstreibt und zurückflutend das Neugeborene auf Erden zurückläßt. Sie kannten die Wechselbeziehungen zwischen Himmel und Erde, wußten, wie diese den Sonnenschein in Brust und Eingeweide einsaugt, wie sie tagsüber den Regen einschlürft, kannten die Nacktheit, die mit den Herbstwinden kommt und alle Vogelnester den Blicken preisgibt, da sie nun keinen Versteck mehr brauchen. Ihr Leben und seine Wechselbeziehungen waren derart: sie fühlten den Puls und den Leib der Erde, die sich in ihren Furchen dem Saatkorn öffnet und unter ihrem Pfluge wieder glatt und eben wurde, die sich mit einem Gewicht an ihre Füße hängte als sehnte sie sich nach ihnen, und hart und unzugänglich dalag, wenn das Korn reif zum Schneiden war. Das junge Korn wogte in seidigem Glanz, der über die Glieder der Männer hinglitt wenn sie es sich ansahen. Sie nahmen das Euter ihrer Kühe, die Kühe gaben Milch und ihr Pulsschlag teilte sich den Händen der Männer mit, der Puls des Blutes in den Zitzen der Kühe ging in den Pulsschlag in der Menschenhand über. Sie stiegen zu Pferde und hielten Leben in der Umklammerung ihrer Knie, sie schirrten ihre Pferde vor den Wagen und lenkten mit der Hand am Zügelring die Zugkraft der Pferde nach ihrem Willen.
Im Herbste schwirrten Rebhühner empor, Vogelschwärme sausten wie ein Sprühregen über das Brachfeld, Krähen erschienen am grauen, wässerigen Himmel und flogen krächzend dem Winter entgegen. Dann saßen die Männer zu Hause am Feuer, wo die Frauen sich voller Sicherheit umherbewegten, und Leib und Seele der Männer waren erfüllt von ihrem Tagewerk, von Vieh und Boden und Pflanzenwuchs und Himmel; sie saßen am Feuer und ihr Denken ruhte, während das Blut müde von der Tageslast durch ihre Adern floß.
Die Frauen waren anders. Auch über ihnen lag eine gewisse Schwerfälligkeit infolge der Beziehungen des Blutes zu saugenden Kälbern und den Scharen umherlaufender Hühner und unruhig flügelschlagender junger Gänse, die unter ihren Händen zitterten, wenn sie ihnen das Futter in die Kehle stopften. Aber die Frauen blickten über das aufgeregte, blinde Hofleben hinweg nach der redenden Welt in der Ferne aus. Sie fühlten, wie Lippen und Sinne der Welt sprachen und Gedanken äußerten, hörten ihren Klang in der Ferne und horchten aufmerksam auf ihn.
Den Männern genügte es, daß die Erde strotzte und ihnen ihre Furchen öffnete, daß der Wind wehte, den feuchten Weizen zu trocknen und die jungen Kornähren sausend im Kreise herumzutreiben; es war genug, wenn sie der Kuh in ihren Wehen beistanden oder die Ratten unter der Tenne wegfingen, oder mit einem scharfen Handschlag einem Kaninchen das Genick brachen. Sie fühlten in ihrem Blute so viel Wärme und Zeugungskraft und Schmerz und Tod, kamen mit diesem in so vielerlei Beziehungen, daß ihr Leben voll und übervoll davon war, ihre Sinne volle Nahrung in ihnen fanden und ihre Gesichter sich dauernd der Hitze des Blutes zuwandten, in die Sonne starrend, betäubt von dem Blick auf die Quellen des Lebens und unfähig, sich von ihnen abzuwenden.
Die Frau aber sehnte sich nach anderer Lebensart; nach etwas über diese Beziehungen des Blutes Hinausgehendem. Ihr Teil des Hauses war von den Hofgebäuden und den Feldern abgekehrt, er überblickte den Weg und die Stadt mit der Kirche und dem Amtshaus und dem was dahinter lag. Sie stand und wünschte die ferne, ferne Welt der Städte zu sehen, mit der Regierung und dem weiten Tätigkeitsfelde der Menschen, einem Zauberlande für sie, in dem alle Geheimnisse gelöst und alle Wünsche erfüllt wurden. Sie blickte nach außerhalb, wo die Männer sich als Herrscher und Schöpfer bewegten, dem heißen Pulsschlag der Zeugung den Rücken kehrten und mit ihr als Rückhalt auf Entdeckung des Jenseits ausgingen, um die eigene Wirksamkeit, ihr Gesichtsfeld, ihre Freiheit zu erweitern; die Brangwen-Männer dagegen blickten nach innen, in das schwellende Leben der Mutter Natur, das sich unverwässert durch ihre Adern ergoß.
Wie sie so notwendigerweise von der Vorderseite ihres Hauses auf die Tätigkeit der Menschen in der großen Welt hinausblickte, während ihr Mann von der Hinterseite aus nach Himmel und Ernte und Vieh und Land aussah, blickte sie angestrengt nach dem, was die Menschen da draußen in ihrem Kampfe ums Wissen vollbrachten; sie horchte scharf auf die Ergebnisse ihrer Eroberungsfahrten; ihre tiefste Sehnsucht hing an diesem Kampf, dessen Toben sie in weiter Ferne, an der Grenze des Unbekannten, vernahm. Sie auch wollte wissen und zum kämpfenden Heere gehören.
In ihrer Heimat, ja ihr ganz nahe, in Cossethay saß der Vikar, der jene andere, jene Zaubersprache verstand und sich so ganz anders, so viel feiner benahm, was sie beides zwar wohl bemerken, sich aber doch nicht angewöhnen konnte. Der Vikar bewegte sich in einer anderen Welt als der, in der ihr Mannsvolk lebte. Kannte sie ihr Mannsvolk etwa nicht: frische, langsame, muskelstrotzende Kerls, herrisch genug wohl, aber auch wieder leichtsinnig, Erdgeborene, denen es an Äußerem, an Bewegungsfreiheit fehlte. Der Vikar dagegen, dunkel und welk und klein neben ihrem Gatten, hatte etwas Rasches, etwas Zielbewußtes in seinem Wesen, das Brangwen mit seiner breiten Fröhlichkeit stumpf und bäurisch erscheinen ließ. In des Vikars Wesen lag aber noch etwas anderes, was über ihr Verständnis hinausging. Wie Brangwen über sein Vieh herrschte, so herrschte der Vikar über ihren Gatten. Was hatte der Vikar denn nur an sich, das ihn so hoch über den gemeinen Mann erhob wie den Menschen über das Vieh? Das hätte sie zu gern gewußt. Sehnlichst gern hätte sie dies höhere Wesen erlangt, wenn auch nicht mehr für sich selbst, so doch für ihre Kinder. Was den Menschen so stark macht, wenn er auch klein und körperschwach ist, just so wie neben einem Bullen jeder Mann klein und schwach dasteht und doch stärker ist als der Bulle, was war das nur? Geld, oder Einfluß, oder Stellung waren es nicht. Welchen Einfluß hatte denn der Vikar wohl auf Tom Brangwen –, gar keinen! Aber zog man beiden die Kleider aus und setzte sie auf einer öden Insel aus, dann war der Vikar der Herr. Sein Geist war Herr über den des anderen. Und warum? – warum? Sie kam zu dem Schlusse, das müsse an seinen Kenntnissen liegen.
Der Kurat war zwar recht ärmlich und als Mann auch nicht weit her, und doch stand er auf derselben Stufe mit jenen anderen, den Oberen. Sie paßte auf, als seine Kinder zur Welt kamen, sah sie als winzige Wesen neben ihrer Mutter herlaufen. Und sofort waren sie ganz ausgesprochen anders als ihre eigenen. Warum trugen ihre Kinder ein Mal, das sie jenen unterordnete? Warum gingen die Kinder des Kuraten unweigerlich den ihren vor, warum war ihnen von Anbeginn an Obmacht gegeben? Geld war es nicht, auch der Stand nicht. Es war Erziehung und Erfahrung, sicherlich.
Das war's, diese Erziehung, diese höhere Lebensart, die die Mutter ihren Kindern zu geben wünschte, so daß auch sie auf Erden ein Leben wie die Oberen führen könnten. Denn ihre Kinder, wenigstens die Kinder ihres Herzens, besaßen vollkommen die Anlagen, um als Ebenbürtige mit allen wirklich Lebenden im Lande zu teilen, und nicht im Dunkel unter Arbeitsleuten zu verschwinden. Warum sollten sie ihr ganzes Leben unbekannt nach Atem ringen, warum sollten sie unter Mangel an Bewegungsfreiheit leiden? Wie konnten sie Zutritt zu den feineren, lebensvolleren Kreisen des Daseins erlangen?
Ihre Einbildungskraft wurde durch die Frau des Gutsbesitzers auf Shelly Hall angefeuert, die mit ihren Kindern in Cossethay zur Kirche ging, kleinen Mädchen in glatten Biberumhängen und hübschen kleinen Hüten; die Frau selbst wie eine Christrose so hell und zierlich. Und doch, ob noch so weiß, so feingliedrig, so strahlend, welche Empfindungen konnte Mrs. Hardy hegen, die sie, Mrs. Brangwen, nicht auch besaß? Inwiefern unterschied sich Mrs. Hardys Veranlagung von der der gewöhnlichen Frauen in Cossethay, worin war sie ihnen überlegen? Alle Frauen von Cossethay redeten eifrig über Mrs. Hardy, über ihren Mann, ihre Kinder, ihre Gäste, ihre Kleider, ihre Dienstboten und ihren Haushalt. Die Herrin von Shelly Hall war der lebendige Traum ihres Lebens, Mrs. Hardys Dasein das Heldengedicht, das dem ihren Seele verlieh. Ihre Einbildungskraft lebte gänzlich in dieser Frau und dem Klatsch über ihren Gatten, der trank, ihren schändlichen Bruder, ihren Freund Lord Bentley, den Parlamentsabgeordneten des Bezirks; eine ganze Odyssee spielte sich vor ihren Blicken ab, sie sahen Penelope und Odysseus mit Circe und den Schweinen und dem nicht zu Ende kommenden Gewebe vor sich.
Also waren die Frauen des Ortes ganz glücklich. Sie erblickten sich selbst in der Herrin des Gutshauses, jede erlebte ihre eigene Erfüllung in Mrs. Hardy. Und die Brangwen-Frau in der Marsch wollte über sich selbst hinaus, verlangte mehr nach dem ihr ferner liegenden Leben der feinen Dame, nach dem ausgedehnten Gesichtskreise, den sie zu erkennen gab, wie ein Reisender seinem Inneren vorschwebende ferne Gegenden durch sein beherrschtes Wesen kundgibt. Warum aber sollte die Kenntnis ferner Gegenden ein Menschenleben zu etwas anderem machen, etwas Schönerem, Größerem? Und warum ist der Mensch mehr als jedes Tier, als das Vieh, das ihm dient? Es ist hier wie dort ganz dasselbe.
Die männlichen Rollen des Heldengedichtes wurden von Leuten wie Lord William und dem Vikar gespielt, mageren, scharfen Leuten mit seltsamen Bewegungen, Männern, die auf ferner gelegenen Gefilden den Befehl führten, deren Leben sich über einen weiten Umkreis erstreckte. Ach, das war noch etwas wonach man sich so heiß sehnen durfte, dies Wissen, die Berührung mit diesen wunderbaren Männern, die solche Macht im Denken und Verstehen besaßen! Die Frauen des Ortes hatten gewiß Tom Brangwen viel lieber und fühlten sich mit ihm viel wohler, und doch, wären der Vikar und Lord William ihrem Leben genommen worden, es wäre ihm damit die Tragrebe abgeschnitten gewesen, sie hätten sich schwer, ohne geistigen Inhalt gefühlt, wären dem Haß anheim gefallen. Solange dies Wunder aus dem Jenseits vor ihnen stand, konnten sie weiterkommen, mochte ihr Los sein, wie es wollte. Und Mrs. Hardy und der Vikar und Lord William, sie alle bewegten sich ja in jenem Wunderland und blieben bei all ihrem Tun den Augen von Cossethay sichtbar.
II
Inhaltsverzeichnis
Um das Jahr 1840 wurde eine Wasserstraße durch die Wiesen des Marschenhofes gelegt, um einige neuerschlossene Kohlengruben mit dem Erewash-Tale zu verbinden. Ein hoher Damm durchlief die Felder und trug den Wasserweg, der dicht am Wohngebäude vorbeiging und beim Zusammentreffen mit der Landstraße diese auf einer schweren Brücke überschritt.
Damit war die Marsch von Ilkeston abgeschnitten und auf den kleinen Talboden beschränkt, der in dem buschigen Hügel mit dem Kirchturm von Cossethay seinen Abschluß fand.
Die Brangwens bekamen eine hübsche Summe Geld für diesen Eingriff in ihren Besitz. Kurze Zeit später wurde dann ein Kohlenschacht auf der anderen Seite des Wasserweges niedergetrieben, und wieder nach einer Weile kam die Midlandbahn am Fuße des Hügels von Ilkeston das Tal herab, und damit war die Überflutung vollkommen. Die Stadt wuchs rasch heran, die Brangwens hatten mit der Beschaffung von Vorräten alle Hände voll zu tun, immer wohlhabender wurden sie, wurden beinahe zu Handelsleuten.
Trotzdem verblieb der Marsch ihre Abgelegenheit und Eigenart auf der unverändert ruhigen Seite des Dammes, in dem sonnigen Tale, wo sich das Wasser träge zwischen steifen Ellerbüschen einherwand und der Weg unter Eschenbäumen an Brangwens Gartentür vorüberlief.
Sah man aber von der Gartentür den Weg hinab nach rechts, durch die dunkle viereckige Öffnung der Dammunterführung hindurch, so stand dort, nahebei, das neue Kohlenbergwerk in vollem Betriebe; weiter weg bedeckte ein dichter Schwarm roter, roher Häuser das Tal, und noch ferner, jenseits alles dessen lag schattenhaft der rauchende Hügel der Stadt.
Das Anwesen befand sich grade noch auf der ruhigen Seite der Gesittung, außerhalb des Tores. Das Wohnhaus stand etwas von der Straße ab, ein Gartenpfad, an dem im Frühling die Narzissen in dicken gelben und weißen Haufen blühten, führte schnurgrade darauf zu. Neben dem Hause standen Fliederbüsche und Schneeball und Liguster und verdeckten die Hofgebäude vollständig.
Auf der Rückseite schloß sich ein Wirrsal von Schuppen, die zwei oder drei undeutlich erkennbare Höfe bildeten, zu einem Gehöft zusammen. Der Ententeich lag jenseits der äußersten Umzäunung und streute seine weißen Federn über die festgetretene Einfassung hin, während einzelne lose schmutzige Federn über das Gras und zu den Ginsterbüschen an der Dammböschung hinanflogen, die sich dicht daneben wie ein hoher Wall erhob, auf dem gelegentlich die Gestalt eines Mannes oder ein Mann mit einem Zugpferde wie ein Schattenriß gegen den Himmel daherzog.
Zuerst staunten die Brangwens über all dies Leben um sie her. Der Bau der Wasserstraße quer über ihr Land machte sie zu Fremdlingen auf der eigenen Scholle; der rohe Erdwall, der sie von der Umwelt ausschloß, beunruhigte sie. Wenn sie auf dem Felde arbeiteten, flog von dem ihnen allmählich ganz vertraut gewordenen Damme her das genau abgemessene Geräusch der Windevorrichtungen herüber, zuerst beunruhigend, später aber rein wie ein Schlummerlied. Dann wieder hallte das schrille Pfeifen eines Zuges ihnen durchs Herz, ein freudiger Schreck, der das Herankommen des Weit-Abgelegenen in unmittelbare Nähe verkündete. Fuhren sie aus der Stadt nach Hause, so stießen sie, die Landleute, auf kohlengeschwärzte Bergleute, die vom Schachteingang heimwärts zogen. Brachten sie die Ernte ein, so führte der Westwind ihnen einen schwachen Schwefelgeruch von den brennenden Schutthalden zu. Zogen sie im November Rüben aus, so machte das scharfe Klick-klick-klick-klick der leeren, auf ein Nebengleis laufenden Kohlenwagen ihre Herzen in der Erkenntnis erzittern, es gäbe außer ihrem eigenen Tätigkeitsfelde auch noch ein anderes.
Der Alfred Brangwen dieses Zeitabschnittes hatte ein Mädchen aus Heanor zur Frau genommen, eine Tochter aus dem »Schwarzen Roß«. Sie war ein zierliches, hübsches dunkles Frauenzimmer, sonderbar in ihren Redensarten, witzig, so daß die scharfen Dinge, die sie sagte, nicht wehtaten. Sie führte ein merkwürdiges Sonderdasein, war in ihrem Benehmen fast quengelig, stand aber innerlich allem fern und gleichgültig gegenüber, weswegen ihre langen, jammervollen Klagen, erhob sie die Stimme gegen ihren Gatten im besonderen und alle übrigen außer ihm, eigentlich die Zuhörer nur mit Verwunderung und Mitleid gegen sie erfüllten, selbst wenn sie sich durch sie gereizt fühlten und die Geduld mit ihr verloren. Ausdauernd und laut zog sie über ihren Mann her, aber stets in gleichmäßigem, leichtem Tonfall und in einer merkwürdigen Ausdrucksweise, die ihn innerlich mit Stolz und männlichem Siegergefühl erfüllte, während er doch bitterlich murrte über das, was sie sagte.
Infolgedessen bekam Brangwen selber ein listiges Zwinkern um die Augenwinkel, eine Art fettigen Lachens, sehr ruhig und voll, und er wurde verwöhnt wie der Herr der Schöpfung selbst. Er tat ruhig alles was er wollte, lachte über ihr Schelten, brachte seine Entschuldigungen in einem neckenden Ton vor, den sie zu gern mochte, folgte all seinen inneren Neigungen, und wenn ihm etwas gar zu nahe ging, erschreckte und duckte er sie zuweilen durch einen tiefen, schweren Wutausbruch, der sich tagelang in ihm festzusetzen und auf ihm zu lasten schien, so daß sie alles drum gegeben hätte, ihn zu besänftigen. Sie waren zwei grundverschiedene Wesen, auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden; sie wußten nichts voneinander, und doch gingen ihre getrennten Wege von einer gemeinsamen Wurzel aus.
Vier Söhne und zwei Töchter waren da. Der älteste Junge lief früh davon, ging zur See und kam nicht wieder. Nach diesem Ereignis wurde die Mutter noch mehr als früher zum Hauptschwingungsknoten und Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit im Hause. Der zweite Sohn, Alfred, den die Mutter am höchsten schätzte, war der zurückhaltendste. Er wurde nach Ilkeston auf die Schule geschickt und machte zunächst auch einige Fortschritte. Aber trotz all seiner verbissenen, schmerzlichen Bemühungen gelangte er doch nicht über die einfachsten Grundlagen der Dinge hinaus, ausgenommen im Zeichnen. Hierin, wofür er gewisse Anlagen besaß, arbeitete er, als wäre es seine einzige Hoffnung. Nach vielem Murren und wütendem Widerstand gegen alles und jedes und vielerlei unsicherem Hin- und Hertasten, als sein Vater schon voll heißen Zornes gegen ihn war und seine Mutter fast an ihm verzweifelte, wurde er Zeichner in einer Spitzenweberei in Nottingham.
Er blieb schwerfällig und etwas grobschlächtig, sprach mit breitem Derbyshire-Tonfall, und hing mit seiner ganzen Zähigkeit an seinem Berufe und seiner Stellung in der Stadt, machte auch gute Zeichnungen und brachte es zu leidlichem Wohlstande. Beim Zeichnen schwang seine Hand sich wie von selbst in kühnen, großen Zügen, etwas reichlich ungezwungen, so daß es ihm grausam hart ankam an seinen Spitzenentwürfen herumzupüttchern, streng in den kleinen Vierecken auf dem Papier zu bleiben, zu zählen und zu grübeln und herumzustricheln. Aber hartnäckig, voller Seelenqualen, blieb er dabei, quetschte sich die Eingeweide im Leibe zusammen und verbiß sich in sein selbstgewähltes Los, koste es was wolle. Und so fügte er sich steif und gesetzt ins Leben, ein wenig sprechender, etwas sauertöpfischer Mensch.
Er heiratete die Tochter eines Drogenhändlers, der sich eine etwas höhere gesellschaftliche Stellung angequält hatte, und wurde in seiner verbissenen Art so etwas wie ein Bildungsprotz mit einer Leidenschaft für alle äußerlichen Feinheiten im Haushalt; er konnte rein wahnsinnig werden, ging irgend etwas schief oder wurde gar etwas verbummelt. Später, als seine drei Kinder herangewachsen waren und er selbst scheinbar ein besonnener Mann in mittleren Jahren war, fing er an hinter fremden Frauenzimmern herzulaufen und wurde zu einem schweigsamen, undurchdringlichen Liebhaber verbotener Genüsse, der seine hierüber verschnupfte Biederfrau ohne die leisesten Gewissensbisse links liegen ließ.
Frank, der dritte Sohn, verweigerte von Anfang an jede Beschäftigung mit Lernkram. Von Anbeginn an trieb er sich mit Vorliebe beim Schlachthause herum, das seitab auf dem dritten Hofe ganz hinten in dem Anwesen stand. Die Brangwens hatten immer selbst geschlachtet und versorgten auch die Nachbarschaft. Hieraus entwickelte sich ein richtiges Schlachtergeschäft in Verbindung mit dem Hofe.
Schon als Kind war Frank von dem dunklen, über das Pflaster sickernden Blut nach dem Leutehof gezogen worden, oder durch den Anblick eines Mannes, der ein mächtiges halbes Rind mit den frei daliegenden, in schwere Fettpolster gebetteten Nieren nach dem Fleischhaus schleppte.
Er war ein hübscher Junge mit weichem, braunem Haar und regelmäßigen Gesichtszügen, ungefähr wie ein Jüngling der späteren Römerzeit. Er war leichter erregbar, ließ sich leichter hinreißen als die übrigen, ein weicheres Gemüt. Mit achtzehn Jahren heiratete er ein kleines Arbeitermädchen, ein blasses, pulliges, ruhiges Ding mit schlauen Augen und einschmeichelnder Stimme; sie verstand sich ihm unentbehrlich zu machen, bescherte ihm jedes Jahr ein Kind und zog ihn gründlich auf. Sobald er die Schlachterei übernommen hatte, ließ ihn eine wachsende Gleichgültigkeit, eine Art Verachtung seinen Beruf sofort vernachlässigen. Er fing an zu trinken und war häufig in seiner Kneipe anzutreffen wie er drauflos schwatzte, als verstünde er alles und jedes, während er in Wirklichkeit doch nur ein lauter Hansnarr war.
Von den Töchtern heiratete die älteste, Alice, einen Bergmann und führte in Ilkeston eine Zeitlang ein stürmisches Leben, ehe sie mit ihrer zahlreichen jungen Nachkommenschaft nach Yorkshire zog. Effie, die jüngere, blieb zu Hause.
Das letzte Kind, Tom, war beträchtlich jünger als seine Brüder, so daß er mehr mit seinen Schwestern zusammen gehörte. Er war seiner Mutter Liebling. Sie raffte sich zu einem Entschlusse auf und schickte ihn, als er zwölf Jahre alt war, mit Gewalt auf die Lateinschule nach Derby. Er empfand keine Lust dazu und sein Vater hätte ihm auch wohl nachgegeben, aber Frau Brangwen hatte nun mal ihr Herz drangesetzt. Ihr zierlicher, hübscher Leib in der eng anliegenden Jacke und den weiten Röcken war jetzt der Mittelpunkt aller Entschlüsse im Hause, und hatte sie sich einmal auf irgend etwas versteift, was nicht oft vorkam, so gab die ganze Gesellschaft ihr gegenüber nach.
Also bezog Tom die Schule, ein widerwilliger Versager von Anfang an. Zwar glaubte er, seine Mutter habe ganz recht, wenn sie ihn in die Schule schickte, aber er wußte auch, sie habe bloß darum recht, weil sie seine mangelhafte Veranlagung nicht zugeben wolle. Er wußte mit der tiefen, gefühlsmäßigen Voraussicht von Kindern für alles, was mit ihnen vorgehen wird, daß er auf der Schule doch nur einen armseligen Kerl spielen würde. Aber er nahm sein Geschick als unvermeidlich hin, als wäre er an seiner eigenen Veranlagung schuld, als wäre sein ganzes Wesen verkehrt und die Auffassung seiner Mutter richtig. Hätte er so sein können wie er gemocht hätte, so würde er grade das gewesen sein, was seine Mutter so gern, aber so irrtümlich in ihn hineinlegte. Dann wäre er klug gewesen und hätte alle Anlagen zu einem großen Herrn gezeigt. Das war es, was ihr Ehrgeiz mit ihm vorhatte, und deshalb wußte er, es wäre das Richtige für jeden ordentlichen Jungen. Aber aus einem Schweinsohr kannst du keine Seidenbörse machen, wie er seiner Mutter schon ganz früh mit Bezug auf sich selbst gesagt hatte; zu ihrem tiefen Ärger und Kummer.
Sobald er auf die Schule kam, begann er heftig gegen seine körperliche Unfähigkeit zum Lernen anzukämpfen. Verkniffen saß er da und machte sich ganz blaß und unansehnlich durch seine Anstrengungen, sich über einem Buche zu sammeln, das aufzufassen, was er grade zu lernen hatte. Aber es war umsonst. Wenn er auch den ersten Widerwillen niederkämpfte und wie ein Selbstmörder vor dem Zeugs dastand, er kam nur sehr wenig vorwärts. Es nutzte nichts, daß er sich fest vornahm, zu lernen. Sein Geist arbeitete einfach nicht.
Sein Gemüt dagegen entwickelte sich und wurde sehr empfindlich gegen den ihn umgebenden Dunstkreis; vielleicht war er roh, aber doch zugleich auch empfindsam, sehr empfindsam. Daher rührte die geringe Meinung seiner selbst. Er kannte seine Grenzen. Er wußte, sein Schädel sei ein schwerfälliger, hoffnungsloser Nichtsnutz. So wurde er bescheiden.
Zu gleicher Zeit aber machte er in seinem Gemütsleben doch viel mehr Unterschiede als die meisten anderen Jungens, und das verwirrte ihn. Er war sinnlicher veranlagt und besaß feinere Gefühle als sie. Er haßte sie wegen ihres triebmäßigen Stumpfsinns, litt wieder unter der Verachtung, die er für sie fühlen mußte. Handelte es sich aber um Verstandesangelegenheiten, dann war er im Hintertreffen. Da war er ganz in ihrer Hand. Er war ein Dummkopf. Er besaß nicht Verstand genug, um die dümmste Behauptung zu widerlegen, so daß er gezwungen mancherlei zugab, an das er ganz und gar nicht glaubte. Und hatte er es einmal zugegeben, so wußte er nicht, glaubte er dran oder nicht; gewöhnlich, gestand er sich, glaubte er daran.
Aber jeden, der ihm auf dem Wege über das Gemüt Erleuchtung verschaffen konnte, den liebte er. Er konnte seine Rührung nicht verbergen, als er dasaß und der Lehrer packend Tennysons »Ulysses« oder Shelleys »Ode an den Westwind« vorlas. Seine Lippen öffneten sich, seine Augen füllten sich mit einem sehnenden, beinahe leidenden Licht. Und der Lehrer las weiter, angefeuert durch seine Macht über den Jungen. Durch diese Erfahrung fühlte Tom Brangwen sich über alle Maßen bewegt, er bekam fast Angst vor ihr, so tief ging sie ihm. Als er aber beinahe heimlich und voller Scham versuchte, das Buch selbst vorzunehmen und die ersten Worte begann »O wilder Westwind, Atem du des Herbst«, da verursachte allein schon der Druck ihm ein kitzliges, widerwilliges Gefühl auf der Haut, das Blut trat ihm ins Gesicht und sein Herz füllte sich mit leidenschaftlicher, brennender Wut über seine Unfähigkeit. Er warf das Buch zu Boden, trampelte darauf herum und lief auf das Kricketfeld hinaus. Er haßte Bücher, als wären sie seine Feinde. Er haßte sie schlimmer, als er je einen Menschen gehaßt hatte.
Sein Wille besaß keine Gewalt über seine Aufmerksamkeit. Sein Geist kannte keine festen Gewohnheiten, an die er sich hätte halten können, er fand nichts, um sich daran zu halten, nichts, wovon er hätte ausgehen können. Nichts war ihm greifbar, in sich selbst wußte er nichts, das er fürs Lernen hätte verwenden können. Er wußte nicht, wie er anfangen sollte. Daher war er auch so hilflos, sowie es auf verstandesmäßige Überlegung oder Lernen durch Nachdenken ankam.
Für Mathematik besaß er ein gewisses gefühlsmäßiges Verständnis, ließ ihn dies aber im Stich, so war er hilflos wie ein Schwachsinniger. So merkte er, er werde nie festen Boden unter den Füßen fühlen, er schwamm im Nichts. Der endgültige Niederbruch erfolgte durch seine vollkommene Unfähigkeit, auf eine Frage einzugehen, ohne daß man ihm die Antwort in den Mund legte. Hatte er einen Aufsatz über das Heerwesen zu schreiben, so lernte er endlich die paar ihm bekannten Tatsachen auswendig niederschreiben: »Man kann ins Heer eintreten, sobald man achtzehn Jahre alt ist. Man muß über fünf Fuß acht Zoll groß sein.« Aber die ganze Zeit über fühlte er sich lebendig überzeugt, dies sei nur eine Ausflucht und all diese Binsenwahrheiten seien über alle Begriffe dumm. Dann wurde er rot vor Wut, fühlte wie ihm das Herz in die Hosen sank, strich alles durch, was er geschrieben hatte, machte einen todeskampfähnlichen Versuch, etwas im richtigen Aufsatzstil auszudenken, scheiterte auch daran, wurde vor Wut und Scham gänzlich stumpfsinnig, legte die Feder hin und hätte sich lieber in Stücke reißen lassen, als daß er nun noch ein einziges Wort zu schreiben versucht hätte.
Trotzdem gewöhnte er sich bald an die Lateinschule, und die Schule gewöhnte sich an ihn, indem sie ihn als hoffnungslosen Dämel beim Lernen einschätzte, aber in ihm andrerseits auch den anständigen, ehrlichen Burschen achtete. Nur ein engherziger, herrschsüchtiger Kerl, der Lateinlehrer, quälte ihn und füllte seine blauen Augen mit wahnsinniger Wut und Scham. Es kam zu einem scheußlichen Auftritt, wobei der Junge dem Lehrer mit einer Schiefertafel ein Loch in den Kopf schlug, und dann verlief alles wie vorher. Der Lehrer fand wenig Mitgefühl. Aber Brangwen krümmte sich innerlich und litt unter dem Gedanken an seine Tat, selbst lange nachher noch, als er schon ein Mann war.
Er war froh als er die Schule verlassen konnte. Es war ja zwar nicht ganz ohne Vergnügen gewesen, er hatte sich sehr an dem Zusammensein mit den anderen Jungens gefreut, oder hatte doch geglaubt, er fände Freude daran; die Zeit war rasch in endloser Geschäftigkeit vorübergegangen. Aber die ganze Zeit über hatte er das Gefühl gehabt, sich an diesem Orte der Gelehrsamkeit in unwürdiger Stellung zu befinden. Die ganze Zeit über war er sich seines Mißerfolges, seiner Unfähigkeit bewußt. Aber er war zu gesund, zu vollblütig, um darüber elend zu werden; er war viel zu lebendig. Und doch fühlte sich seine Seele jämmerlich bis zur Hoffnungslosigkeit.
Einen warmherzigen, klugen Jungen von etwas schwächlichem Körperbau, eine Art Schwindsüchtigen, hatte er sehr lieb gehabt. Die beiden verband eine gradezu vorbildliche Freundschaft, wie David und Jonathan, wobei Brangwen Jonathan, der Dienende, war. Aber er hatte sich seinem Freunde nie ebenbürtig gefühlt, weil des anderen Geist den seinigen rasch überflügelte und ihn beschämt weit hinter sich ließ. So kamen die beiden Jungens gleich nach Verlassen der Schule auseinander. Aber Brangwen erinnerte sich noch lange seines ehemaligen Freundes und bewahrte ihm ein Andenken als einer Art Lichterscheinung, einer schönen Lebenserfahrung.
Tom Brangwen war froh, als er wieder auf dem Hofe ankam, wo er sich ganz in seinem Fahrwasser fühlte. »Hab' ja doch nur 'nen Kohlkopf auf den Schultern, laßt mich man auf dem Felde bleiben«, sagte er zu seiner verzweifelten Mutter. Er hatte eine zu schlechte Meinung von sich selbst. Aber an seine Arbeit auf dem Hofe ging er voller Freude, vergnügt über das Herumwirtschaften und den Erdgeruch, voller Jugend und Kraft und guter Laune und mit gutem Mutterwitz, dabei auch willens und imstande, die eigenen Mängel zu vergessen; zuweilen war er wahnsinnigen Wutausbrüchen unterworfen, für gewöhnlich aber stand er auf bestem Fuße mit all und jedem.
Als er siebzehn Jahre alt war, fiel sein Vater von einem Heuschober und brach sich das Genick. Von da an lebten Mutter, Tochter und Sohn zusammen auf dem Hofe, gelegentlich mal durch laut jammernde, von Eifersucht eingegebene Besuche des Schlachters Frank aufgestört, der einen Groll gegen die ganze Welt gefaßt hatte, weil sie ihm stets weniger als seinen gebührenden Anteil zukommen ließ. Besonders gegen den jungen Tom war Frank eingenommen, den er ein verzogenes Kröt nannte, und Tom erwiderte diesen Haß voller Heftigkeit, sein Gesicht rötete sich und seine blauen Augen begannen starr zu werden. Effie schlug sich dann auf Toms Seite gegen Frank. Wenn aber Alfred aus Nottingham kam, mit dem dicken Unterkiefer und von unten auf schulend, einsilbig, aber seine Angehörigen mit einer gewissen Verachtung behandelnd, dann stellten Mutter und Effie sich auf seine Seite und schoben Tom in den Schatten. Es ärgerte den Jungen, daß die Weiber aus dem älteren Bruder eine Art Helden machten, bloß weil er nicht zu Hause lebte und so'n Spitzenzeichner und beinahe ein feiner Herr war. Aber Alfred war eine Art gefesselter Prometheus, so liebten die Weiber ihn. Später lernte Tom seinen Bruder besser verstehen.
Als jüngster Sohn fühlte Tom sich eine gewichtige Persönlichkeit, nun die Fürsorge für den Hof sich ihm auf die Schultern legte. Er war erst achtzehn Jahre alt, aber durchaus imstande, alles fertig zu bringen, was sein Vater getan hatte. Und selbstverständlich blieb die Mutter der Mittelpunkt des Hauses.
Er wuchs zu einem sehr frischen, gewandten jungen Manne heran, der eifrig jeden Augenblick seines Lebens wahrnahm. Er arbeitete und ritt und fuhr zu Markte, er ging mit seinen Gefährten aus, bekneipte sich gelegentlich auch mal und spielte Kegel und besuchte kleine Wanderbühnen. Einmal, als er sich in einem Wirtshause bezecht hatte, ging er mit einer Dirne nach oben und sie verführte ihn. Damals war er neunzehn.
Dies Ereignis brachte ihm eine Art Knacks bei. In der anheimelnden Vertrautheit der Küche des Hofes nahmen die Frauenzimmer die oberste Stellung ein. Im Hause ordneten die Männer sich ihnen unter, bei allen Haushaltsangelegenheiten, in allem, wo es sich um Sitte und Benehmen handelte. Die Frau war für sie das Wahrzeichen jenes höheren Lebens, das Glauben, Liebe und Sitte umfaßt. In ihre Hände legten die Männer ihr Gewissen, zu ihr sagten sie: »Sei du mein Gewissensbewahrer, sei du der Engel an meiner Schwelle, der über meinen Ausgang und Eingang wacht.« Und die Frau erfüllte die ihr anvertraute Aufgabe, bei ihr fanden die Männer unter allen Umständen Ruhe, sie nahmen ihr Lob oder ihren Tadel mit Vergnügen oder Ärger hin, wüteten wohl mal gegen sie und schnaubten, aber nie entzog ihre Seele sich auch nur einen Augenblick ihrer Oberherrschaft. Sie verließen sich auf sie hinsichtlich der eigenen Festigkeit. Ohne sie wären sie sich wie Strohhalme im Winde vorgekommen, der sie nach Belieben hier- oder dorthin blasen konnte. Sie war ihr Anker und ihre Sicherheit, sie die zügelnde Hand Gottes, die sie mitunter höchlichst verabscheuten.
Als nun Tom Brangwen mit seinen neunzehn Jahren, ein Junge frisch wie ein junger Baum, dessen Wurzeln ganz in seiner Mutter und Schwester lagen, als der nun fand, er habe in einem gewöhnlichen Wirtshause bei einer Dirne gelegen, da war er ganz fassungslos. Bis dahin hatte es für ihn nur eine Art Frauen gegeben – seine Mutter und Schwester.
Aber nun? Er wußte nicht, was er davon denken sollte. Eine leichte Verwunderung, eine Welle des Zornes, von Enttäuschung stieg in ihm auf, zunächst ein Geschmack wie von Asche und die kalte Furcht, dies wäre nun alles, was ihm bevorstände, seine Beziehungen zum Weibe würden zu nichts weiterem führen als zu dieser Nichtigkeit; dann auch ein leichtes Schamgefühl vor der Dirne, Angst, sie möchte ihn verachten wegen seiner Untauglichkeit; er empfand einen kalten Abscheu gegen sie und auch wieder Furcht vor ihr; einen Augenblick überfiel ihn ein lähmender Schrecken bei dem Gedanken, er habe sich vielleicht eine Krankheit bei ihr geholt; und auf all diesen Wirrwarr aufgeregter Gefühle legte sich die beruhigende Hand des Verstandes, der ihm sagte, es wäre eigentlich doch nichts dabei, solange wie er nicht krank geworden wäre. Bald fand er sein Gleichgewicht wieder, und wirklich war auch nicht viel dabei.
Aber erschreckt hatte es ihn doch und ihm Mißtrauen ins Herz geflößt und die Furcht vor seinem inneren Ich noch gesteigert. Nach ein paar Tagen ging er jedoch wieder in seiner eigentümlich sorglosen Weise unbekümmert umher, seine blauen Augen so klar und ehrlich wie nur je, sein Gesicht gerade so frisch, seine Eßlust genau so stark wie früher.
Oder wenigstens doch dem Anschein nach. Tatsächlich hatte er ein wenig von seinem übersprudelnden Selbstvertrauen verloren, und der Zweifel hielt ihn von weiteren Ausgängen ab.
Noch eine Zeitlang nachher blieb er ruhiger, achtete mehr auf sich beim Trinken, hielt sich mehr von seinen Genossen zurück. Die Enttäuschung seiner ersten fleischlichen Berührung mit dem Weibe, verstärkt durch den ihm eingeborenen Wunsch, in einer Frau die Verkörperung all seiner unausgesprochenen, starken gottgläubigen Triebe zu finden, legte ihm ein Gebiß zwischen die Zähne. Er besaß etwas, das zu verlieren er sich fürchtete, wovon er nicht einmal sicher war, ob er es wirklich besäße. Dieses erste Mal machte ja nicht viel aus: aber die Liebe war im Grunde seines Herzens doch die allerernsthafteste und furchtbarste Angelegenheit.
Geschlechtliche Begierden quälten ihn nun, seine Einbildungskraft blieb immer von wollüstigen Bildern erfüllt. Was ihn aber in Wirklichkeit verhinderte, zu einem leichtfertigen Frauenzimmer zurückzukehren, viel mehr als seine angeborene Bedenklichkeit, das war die Erinnerung an die Armseligkeit seiner Erfahrung von neulich. Es war so gar nichts gewesen, so spärlich und so schwunglos, daß er sich schämte, sich einer Wiederholung auszusetzen.
Er machte eine gewaltige, aus dem Innern kommende Anstrengung, um seine angeborene Fröhlichkeit in ihrer alten Frische wieder zu gewinnen. In seiner Veranlagung lag ein mächtiger Strom von Leben und guter Laune, der Sinn für Selbstgenügsamkeit und Überschwang, der Sicherheit verleiht. Jetzt erfüllte ihn alles mit Spannung. Ein angestrengtes Licht trat in seine Augen, seine Brauen waren fortwährend leicht zusammengekniffen. Seine laute Fröhlichkeit gab einem lauernden Schweigen Raum, und ganze Tage liefen ihm in Unschlüssigkeit hin.
Er war sich nicht ganz klar darüber, ob in ihm wirklich etwas anders geworden war; meistenteils fühlte er sich voller Ärger und Bitterkeit. Aber er wußte, er müsse nun fortwährend an Weiber denken, oder an ein Weib, tagein, tagaus, und das machte ihn wütend. Davon konnte er nicht frei kommen: und darüber schämte er sich. Er knüpfte noch eine oder zwei Liebschaften an, in der Hoffnung, rasch mir ihnen weiter zu kommen. Wenn er aber ein nettes Mädchen hatte, war er nicht imstande, es zu der ersehnten Entwicklung zu bringen. Schon die bloße Anwesenheit des Mädchens neben ihm machte das unmöglich. Er konnte sie sich nicht in dieser Lage denken, konnte sie sich nicht tatsächlich nackt verstellen. Sie war ein Mädchen und er hatte sie gern, und bekam fürchterliche Angst bei dem bloßen Gedanken, sie auszuziehen. Er wußte, im Zustande äußerster Nacktheit war weder er für sie, noch sie für ihn da. Kam er aber mit einem leichtfertigen Frauenzimmer zusammen und die Dinge entwickelten sich, so stieß sie ihn die ganze Zeit über so ab, daß er nie wußte, sollte er ihr nicht so rasch wie möglich weglaufen oder würde er sie aus einmal entflammter Begierde doch schließlich nehmen. Auch hier wieder lernte er etwas: nahm er sie, so war es so gar nichts, daß er sich gezwungen fühlte es zu verachten. Nicht sich selbst oder das Mädchen verachtete er. Aber das Endergebnis, das für ihn in dieser Erfahrung lag – das verachtete er tief und bitterlich.
Dann, als er dreiundzwanzig Jahre alt war, starb seine Mutter, und er blieb mit Effie allein im Hause. Seiner Mutter Tod war ein neuer Streich aus der Finsternis. Er konnte ihn nicht verstehen; er wußte auch, es nutzte nichts, das zu versuchen. Solchen unvorhergesehenen Schlägen hat man sich eben zu unterwerfen; sie lassen ihre Male zurück und die schmerzen bei jeder Berührung. Er fing an, sich vor alledem zu fürchten, was da wider ihn aufstand. Er hatte seine Mutter sehr lieb gehabt.
Weiterhin zankten Effie und er sich furchtbar. Sie bedeuteten sich gegenseitig sehr viel, aber sie unterlagen beide einer seltsamen, unnatürlichen Spannung. Er blieb dem Hause so viel wie möglich fern. Er brachte es zu einer besonderen Ecke im Roten Löwen zu Cossethay und wurde dort am Feuer zum Stammgast, ein hellhaariger, frischer junger Bursche mit schweren Gliedern und zurückgelehntem Kopfe, meist schweigsam, wenn auch gewandt und aufmerksam, voller Herzlichkeit, wenn er einen Bekannten begrüßte, aber scheu vor Fremden. Die Weiber zog er alle auf; sie hatten ihn besonders gern. In der Unterhaltung mit Männern war er sehr aufmerksam, voller Achtung.
Wenn er trank, wurde er zuerst sehr rot im Gesicht, und dann trat ein Ausdruck von Selbstbewußtsein und zugleich Unsicherheit, beinahe von Bestürzung in seine blauen Augen. Kam er in diesem Zustand bezechter Verwirrung heim, so haßte ihn seine Schwester und schalt ihn, und dann verlor er den Kopf und wurde wütend wie ein wahnsinniger Bulle.
Noch eine andere Geschichte hatte er mit einem Schatz. Einmal zu Pfingsten machte er mit zwei anderen jungen Burschen einen Ausflug zu Pferde nach Matlock und von da nach Bakewell. Matlock entwickelte sich damals grade zu einem berühmten Schönheitstreffpunkt, der von Manchester und den Staffordshirestädten aus viel besucht wurde. Im Gasthause, wo die jungen Leute frühstückten, waren zwei Mädchen, und beide Teile schlossen sofort Freundschaft miteinander.
Das Mädchen, das sich an Tom Brangwen heranmachte, der damals vierundzwanzig Jahre alt war, war ein hübsches, leichtsinniges Geschöpf, das ihr Liebhaber, der sie hierher mitgenommen hatte, mal einen Nachmittag hatte sitzen lassen. Sie sah Brangwen und hatte ihn wie alle Frauen gern wegen seiner Wärme und seines freimütigen Wesens und wegen seines angeborenen Zartgefühls. Aber sie merkte auch, daß er zu denen gehörte, die erst einen Schups kriegen müssen. Jedenfalls war sie verärgert und fühlte sich unbefriedigt und zu jedem dummen Streiche aufgelegt, und so wagte sie alles. Es würde ja auch nur ein kleines Zwischenspiel bedeuten und ihren Stolz wiederherstellen.
Sie war ein hübsches Mädchen mit vollem Busen, dunklem Haar und blauen Augen, ein Mädel, das leicht lachte, von der Sonne gebräunt, und hatte eine sehr selbstverständliche und fesselnde Art, sich über ihr lachendes Gesicht zu fahren.
Brangwen saß in einem Zustande von Verwunderung da. Er behandelte sie mit seiner neckischen Ergebenheit, angeregt, aber doch seiner selbst nicht gewiß, voller Todesangst, er möchte zu zutraulich werden, und voller Scham, ihr schwerfällig vorzukommen, toll vor Begierde und doch gehemmt durch seine gefühlsmäßige Hochachtung vor den Frauen bei jedem endgültigen Annäherungsversuche; die ganze Zeit fühlte er das Lächerliche seiner Lage und wurde vor Verwirrung dunkelrot. Sie dagegen wurde hart und herausfordend, je verwirrter er wurde; es machte ihr Spaß, ihn so herankommen zu sehen.
»Wann müssen Sie nach Hause?« fragte sie.
»Hab keine besondere Eile,« erwiderte er.
Damit brach die Unterhaltung wieder zusammen.
Brangwens Freunde waren fertig zum Aufbruch.
»Kommste, Tom,« riefen sie, »oder bleibste hängen?«
»Jo jo, komme schon,« antwortete er und stand widerwillig auf, während ein ärgerliches Gefühl von Nutzlosigkeit und Enttäuschung ihn überkam.
Er fing gerade einen vollen, beinahe beleidigenden Blick des Mädchens auf und zitterte vor etwas Ungewöhnlichem.
»Wollen Sie mit und sich mal meinen Gaul ansehen?« sagte er zu ihr mit seiner gutmütigen Herzlichkeit, in der nun ein Zittern lag.
»Ach ja, das möchte ich wohl,« sagte sie und stand auf.
Und sie ging hinter ihm her nach draußen, er mit seinen Hängeschultern und seinen Tuchgamaschen voran. Die jungen Leute holten sich selbst ihre Pferde aus dem Stall.
»Können Sie reiten?« fragte Brangwen sie.
»Ich möchte wohl, wenn ich es nur könnte – ich habe es nie versucht.«
»Kommen Sie her, machen Sie mal einen Versuch«, erwiderte er.
Dann hob er sie in den Sattel, er errötend, sie lachend.
»Ich rutsche ja herunter – das ist doch kein Damensattel!« schrie sie.
»Halten Sie sich man fest«, sagte er und führte sie aus dem Hoftor.
Das Mädchen saß sehr unsicher und klammerte sich fest. Er legte ihr einen Arm um die Hüfte, um sie zu stützen. Und er hielt sie sehr fest, als umarmte er sie; er wurde ganz schwach vor Begierde, wie er so neben ihr herschritt.
Das Pferd ging am Flusse entlang.
»Sie müßten rittlings sitzen«, sagte er zu ihr.
»Weiß ich wohl«, sagte sie.
Damals waren die Röcke sehr weit. Sie brachte es fertig, sich rittlings auf den Gaul zu setzen, sehr anständig, und ängstlich darauf bedacht, ihr hübsches Bein nicht zu zeigen.
»So gehts viel besser«, sagte sie und sah zu ihm nieder.
»Sicher tuts das«, sagte er und fühlte, wie ihm das Mark in den Knochen unter dem Ausdruck ihrer Augen schmolz. »Weiß nicht, was sie mit der Damensattelgeschichte wollen, sie brechen ja die Mädels entzwei.«
»Sollen wir alleine losziehen – bist ja wohl angeleimt da?« riefen Brangwens Gefährten von der Landstraße her.
Er wurde rot vor Ärger.
»Jo jo, quält euch man nicht drum«, rief er zurück.
»Wie lange dauerts denn noch?« fragten sie.
»Nicht über Weihnachten«, erwiderte er.
Und das Mädchen brach in ein schallendes Gelächter aus.
»Na gut – Wiedersehen!« riefen seine Freunde.
Damit trabten sie von dannen und ließen ihn dunkelrot bei seinem Versuch zurück, sich gegen das Mädchen zu benehmen, als wäre gar nichts vorgefallen. Aber mit einem Male war er wieder beim Gasthause angelangt, hatte sein Pferd einem Stallknecht übergeben und war mit dem Mädchen in den Wald gegangen, ehe er auch nur wußte, wo er war und was er machte. Sein Herz klopfte und er hielt dies für sein großartigstes Abenteuer; er war ganz verrückt vor Begierde nach dem Mädchen.
Nachher strahlte er vor Vergnügen! Weiß Gott! das war doch nochmal was! Er blieb den ganzen Nachmittag mit dem Mädchen zusammen und wollte auch die Nacht bei ihr bleiben. Das wäre aber unmöglich, meinte sie; ihr Freund käme mit Dunkelwerden wieder und sie müsse bei dem bleiben. Er, Brangwen, dürfe sich nicht merken lassen, daß was zwischen ihnen vorgefallen wäre.
Sie lächelte ihn verständnisinnig an, und das erfüllte ihn mit Verwirrung und Dankbarkeit.
Er konnte sich aber trotz seines Versprechens, sich nicht mehr um das Mädchen zu kümmern, nicht losreißen. So blieb er noch über Nacht in dem Gasthause. Beim Abendessen sah er den andern: einen kleinen Mann von mittlerem Alter mit eisengrauem Haar und einem merkwürdigen Gesicht wie ein Affe, aber fesselnd, in seiner Art beinahe schön. Brangwen vermutete einen Ausländer in ihm. Er war mit einem zweiten, einem harten, trockenen Engländer zusammen. Die vier saßen an einem Tische, zwei Männer, zwei Frauen. Brangwens Augen waren ganz Aufmerksamkeit.
Er bemerkte, wie der Fremde die Mädchen mit höflicher Verachtung behandelte, als wären sie vergnügliche Tierchen. Brangwens Mädchen hatte ein damenhaftes Benehmen angenommen, aber ihre Stimme verriet sie doch. Sie wollte ihren Liebhaber wiedergewinnen. Als der Nachtisch kam, drehte der kleine Fremde sich auf seinem Platze um und sah ruhig durch das ganze Zimmer, als wäre er ganz unbefangen. Brangwen bewunderte die kalte, tierähnliche Schlauheit seines Gesichts. Die braunen Augen waren rund und zeigten den ganzen Umkreis der braunen Sterne wie bei einem Affen, und ihr ruhiger Blick strich über den andern hin ohne irgendwelche Beziehung mit ihm herzustellen. Dann blieben sie auf Brangwen haften. Dieser war erstaunt, als das alte Gesicht sich ihm zuwandte und ihn ansah, ohne es auch nur für nötig zu halten, ihn zu bemerken. Die Brauen der runden, durchdringenden, aber gänzlich unbekümmerten Augen waren in die Höhe gezogen, mit kleinen Fältchen darüber, genau wie bei einem Affen. Es war ein altes, kein Alter erkennen lassendes Gesicht.
Der Mann benahm sich die ganze Zeit über erstaunlich vornehm, wie ein Edelmann. Brangwen starrte ihn wie verzaubert an. Das Mädchen fegte ihre Brotkrumen auf dem Tischtuche zusammen, beunruhigt, errötend und ärgerlich.
Als Brangwen nachher regungslos auf der Diele saß, viel zu erregt und ratlos, was er anfangen sollte, trat der kleine Fremde mit einem wunderhübschen Lächeln auf ihn zu und sagte, während er ihm eine Zigarette anbot:
»Rauchen Sie?«
Brangwen rauchte eigentlich nie Zigaretten, aber er nahm die angebotene doch und fummelte sie fassungslos in seinen dicken Fingern herum, rot bis unter die Haarwurzeln. Dann blickte er mit seinen warmen, blauen Augen in die beinahe hämischen, von schweren Lidern überdeckten des Fremden. Dieser hatte sich neben ihn gesetzt und sie fingen ein Gespräch an, größtenteils über Pferde.
Brangwen gewann den andern seiner ausgesuchten Liebenswürdigkeit halber gern, wegen seines feinen, zurückhaltenden Wesens und seiner kein Alter erkennen lassenden, affenartigen Selbstsicherheit. Sie sprachen über Pferde, über Derbyshire, über Landwirtschaft. Der Fremde bezeigte gegen den jungen Burschen wirkliche Wärme, und Brangwen wurde ganz aufgeregt. Er fühlte sich von dem Zusammentreffen mit diesem sonderbaren mittelalterlichen, vertrockneten Menschen persönlich hingerissen. Ihre Unterhaltung war sehr angenehm, aber darauf kam es ihm so sehr gar nicht an. Es war die liebenswürdige Art und Weise, die Berührung mit solcher Vornehmheit, die ihm alles ausmachte.
Lange Zeit unterhielten sie sich miteinander, und Brangwen wurde rot wie ein Mädchen, wenn der andere seine Mundart nicht verstand. Dann sagten sie sich Gute Nacht und schüttelten sich die Hände. Wieder verbeugte sich der Fremde und wiederholte sein Gute Nacht.
»Gute Nacht und bon voyage!«
Dann wandte er sich der Treppe zu.
Brangwen ging in sein Zimmer hinauf und lag da und starrte zu den Sternen der Sommernacht hinaus, sein ganzes Wesen in tosendem Wirbel. Was war dies alles? Dies war ein Leben, so gänzlich verschieden von dem ihm bekannten. Was gab es denn wohl noch über sein Wissen hinaus, wie mancherlei? Woran hatte er da gerührt? Wie sollte er sich diesem neuen Einfluß gegenüber verhalten? Was bedeutete das alles? Wo lag das Leben, in dem was er bereits kannte, oder ganz außer seinem Ich?
Er fiel in Schlaf und war am andern Morgen fortgeritten ehe die anderen aufwachten. Er war vor dem Wiedersehen mit ihnen am Morgen zurückgeschreckt.
Sein Gehirn war eine gewaltige Aufregung. Das Mädchen und der Fremde: er wußte von beiden nicht mal den Namen. Und doch hatten sie die innere Heimstätte seines Wesens in Flammen gesetzt, und er fühlte, er würde aus seinem Bau ausgeräuchert werden. Von den beiden Begegnungen war am Ende die mit dem Fremden die bedeutendere. Aber das Mädchen – mit dem Mädchen konnte er nicht fertig werden.
Er verstand das nicht. Dies mußte er schon so lassen wie es war. Er konnte das Endergebnis dieser Erfahrung nicht ziehen. Schließlich kam es aber doch darauf hinaus, daß er Tag und Nacht, hingerissen, von einem wollüstigen Frauenzimmer und dem Zusammentreffen mit einem kleinen, vertrockneten Fremden von altem Geschlecht träumte. Kaum war sein Verstand unbeschäftigt, kaum hatte er sich von seinen Freunden verabschiedet, als er sich auch schon in eine enge Freundschaft mit feingliedrigen, vornehm sich gebenden Leuten wie der Fremde zu Matlock hineindachte, und den Mittelpunkt dieser Freundschaft bildete stets die Befriedigung eines wollüstigen Weibes.
Ganz verloren in dem Durchdenken und dem Ausbau dieses Traumes ging er umher. Seine Augen glühten, er ging, den Kopf hoch, voll ausgesuchten Vergnügens an dieser vornehmen Feinheit und Zierlichkeit, gequält von Begierde nach dem Mädchen einher.
Dann allmählich ließ die Glut nach, und die kalte Wirklichkeit des alltäglichen Lebens kam wieder durch. Er fühlte es. Hatte seine Einbildung ihn betrogen? Er scheute vor den Schranken der gemeinen Wirklichkeit zurück, stand stur wie ein Bulle vor einem Rickelwerk, und wollte unter keinen Umständen in das wohlbekannte Rundum seines Lebens wieder hinein.
Er trank mehr als gewöhnlich, um die Glut in Gang zu halten. Aber trotzdem verblaßte sie mehr und mehr. Er biß die Zähne zusammen angesichts der Alltäglichkeit, die er nicht anerkennen wollte. Trotzdem behauptete sie sich vor ihm unwandelbar.
Er wollte heiraten, um irgendwie zur Ruhe zu kommen, aus dieser Zwickmühle, in der er sich befand, heraus. Aber wie? Er fühlte sich unfähig auch nur ein Glied zu bewegen. Da hatte er ein kleines Geschöpf auf der Leimrute sitzen sehen, und dieser Anblick war ihm zu einem Alb geworden. Er fühlte, wie er vor Wut über seine Unfähigkeit allmählich toll wurde.
Er verlangte nach einem Halt, um sich daran herauszureißen. Aber er fand keinen. Scharf sah er sich alle jungen Frauenzimmer an, um eine zu finden, die er heiraten könnte. Aber keine einzige hätte er mögen. Und daß der Gedanke an ein Dasein unter solchen Leuten wie der Fremde lächerlich war, das wußte er. Und doch träumte er davon und klebte hartnäckig an seinem Traum, und wollte von der Wirklichkeit von Ilkeston und Cossethay nichts wissen. Da saß er stur in seiner Ecke im Roten Löwen, rauchte und grübelte und hob dann und wann den Bierkrug, sagte nichts, und alle Welt hätte ihn für einen Ackerknecht halten können, der Maulaffen feilhielt, wie er selbst sagte.
Dann kam ein fieberhafter ruheloser Ärger über ihn. Er wollte weg – sofort. Er träumte von der Fremde. Aber trotzdem kam er in keine Beziehung zu ihr. Es waren sehr starke Wurzeln, die ihn in der Marsch festhielten, an dem eigenen Heim, seinem Grund und Boden.
Weiterhin heiratete Effie, und er blieb allein im Hause mit Tilly, der schielenden Magd, die schon fünfzehn Jahre bei ihnen war. Nun fühlte er die Dinge sich zuspitzen. Die ganze Zeit über hatte er sich gegenüber der Einwirkung der alltäglichen Unwirklichkeit stumm widerstandsfähig gezeigt, wenn sie ihn zu verschlingen drohte. Aber nun mußte er selbst etwas unternehmen.
Er war mäßig von Hause aus. Da er aber auch empfindsam und voller Gemüt war, bewahrte ihn der Ekel davor, zu viel zu trinken.
Aber in leicht aufsteigendem Ärger konnte er mit der hartnäckigsten Vorsätzlichkeit und anscheinend bei bester Laune anfangen zu trinken, eben um sich zu betrinken. »Verdammt,« sagte er bei sich, »es muß doch einen Weg geben, so oder so, – kannst' den Gaul nicht an den Schatten vom Torpfosten anbinden – wenn du Beine hast, mußt du jetzt oder später doch mal in die Höhe.« So stand er auf und ging nach Ilkeston, nahm seinen Platz etwas linkisch unter einem Haufen junger Kerls ein, gab der ganzen Gesellschaft ein paar Runden aus und fand, er verstände es doch ganz gut. Es kam ihm so vor, als wäre jedermann im Zimmer gerade ein Kerl nach seinem Herzen, alles sei wunderschön und einfach vollkommen. Als jemand ihm voller Aufregung zurief, seine Rocktasche stände in Feuer, konnte er nur noch strahlend über sein rotes Gesicht hervorbringen: »Is schon gut – is schon gut so – ganz gut so, laß man –«, und dann lachte er vor Vergnügen und fand die anderen reichlich sonderbar, weil sie es nicht ganz selbstverständlich fanden, daß seine Rocktasche brannte: – das war doch die reizendste und selbstverständlichste Geschichte in der ganzen Welt – was?
Auf dem Heimweg redete er mit sich und dem Monde, der hoch und klein am Himmel stand, stolperte über den Widerschein des Mondes auf den Pfützen zu seinen Füßen und wunderte sich, was zum Deubel das wäre und lachte dann dem Monde vertrauensvoll zu und versicherte ihn, das wäre doch ganz Nummer eins!
Morgens beim Aufwachen dachte er hierüber nach und merkte zum erstenmal in seinem Leben, was es hieße, wirklich reizbar zu sein, in der wirklich schlechten Laune seines Jammers. Nachdem er Tilly angebrüllt und angeknurrt hatte, verzog er sich vor lauter Scham in die Einsamkeit. Und bei jedem Blick auf die aschgrauen Felder und die dreckigen Wege zerplagte er sich, was in drei Teufels Namen er denn nur anfangen könnte, um dies prickelnde Gefühl von Ärger und Ekel los zu werden. Und er erkannte, dies wäre das ganze Ergebnis seines großartigen Abends.
Sein Magen verlangte auch nach keinem Schnaps mehr. Verbissen zog er mit seinem Terrier über Feld und sah alles mit scheelem Auge an.
Der nächste Abend fand ihn wieder auf seinem alten Platze im Roten Löwen, ganz anständig und mäßig. Da saß er und wartete stur der Dinge, die da kommen sollten.
Glaubte er denn überhaupt an seine Zugehörigkeit zu der Welt von Ilkeston und Cossethay oder nicht? Es gab nichts in ihr, wonach er sich gesehnt hätte. Aber könnte er denn je aus ihr heraus? Lag denn in ihm selber auch nur irgend etwas, was ihn hätte aus ihr herausbringen können? Oder war er wirklich so ein donnerschlägiger Dämelack, nicht Manns genug wie die andern jungen Kerls, die ordentlich tranken und auch ohne viel Wenn und Aber mal etwas herumhurten und doch dabei ganz zufrieden waren.
So trieb er es hartnäckig eine ganze Zeitlang. Dann wurde die Überreizung für ihn zu groß. Immer heißer, immer mächtiger wuchs in seinem Innern das Bewußtsein empor, seine Handgelenke fühlten sich geschwollen und zitterig an, sein Geist war mit wollüstigen Vorstellungen erfüllt, und seine Augen waren blutunterlaufen. Wütend kämpfte er dagegen an, um sein Selbstgefühl zu bewahren. Nach Weibern sah er sich nicht mehr um. Er lief umher, als wäre er ganz der alte. Bis er dann irgend etwas aushecken oder sich den Kopf an der Wand einrennen mußte.
Dann ging er mit vollster Überlegung nach Ilkeston, stillschweigend, entschlossen und geschlagen. Er trank, um sich zu betrinken. Es goß einen Schnaps hinunter, und wieder einen, bis sein Gesicht blaß wurde, seine Augen brannten. Und trotzdem konnte er sich nicht freimachen. Sinnlos betrunken schlief er ein, wachte um vier Uhr morgens auf und trank weiter. Er wollte wieder frei werden. Allmählich begann die Stimmung in seinem Innern nachzulassen. Er fing an sich glücklich zu fühlen. Sein eisernes Schweigen lockerte sich, er begann zu reden und zu schwatzen. Er war glücklich und fühlte sich eins mit aller Welt, allem Fleisch fühlte er sich durch Bande heißen Blutes verbunden. Wenn er so drei Tage hintereinander sich unaufhörlich in Schnaps besoffen hatte, dann war die Jugend aus seinem Blut ausgebrannt, er war zu jenem Zustande glühender Einheit mit der ganzen Welt gelangt, der das Endziel der leidenschaftlichsten Träume der Jugend bildet. Aber er brachte es auf die Weise fertig, sich erst durch vollständiges Vergessen seines Einzeldaseins befriedigt zu fühlen, das zu erhalten und zu entwickeln Sache seiner Mannheit war.
So wurde er ein Gewohnheitssäufer, der in bestimmten Zwischenräumen drei oder vier Tage lang Schnaps trinken mußte und dann diese ganze Zeit über benebelt war. Er dachte darüber gar nicht nach. Tiefe Bitterkeit erfüllte ihn. Von Weibern hielt er sich voller Abscheu fern.
Als er achtundzwanzig Jahr alt war, ein schwergliedriger, steifer, hellhaariger Mann mit frischem Gesicht und gradeaus vor sich hinstarrenden Augen, kam er eines Tages von Cossethay mit einer Ladung Saatkorn grade aus Nottingham. Es war just die Zeit wo er wieder anfangen wollte sich zu betrinken, und daher starrte er stier vor sich hin, aufmerksam und doch in sich versunken, alles bemerkend und doch nichts gewahr werdend, in sich verschlossen. Es war im Frühjahr.
Er ging gleichmäßig neben dem Pferde her, die Last krachte hinter ihm, je steiler es den Hügel hinabging. Weiter unten vor ihm am Hügel machte der Weg zwischen Böschungen und Hecken eine Biegung, die man nur auf ein paar Schritte vorher sehen konnte.
Als er langsam um die steilste Stelle der Biegung herunterkam, und sein Pferd sich zwischen den Scherbäumen stemmte, sah er eine Frau auf sich zukommen. Aber er dachte im Augenblick nur an sein Pferd.
Dann wandte er sich, um sie anzusehen. Sie war schwarz gekleidet, offenbar ziemlich klein und mager unter ihrem langen schwarzen Umhang und trug einen schwarzen Hut. Sie schritt eilig dahin, als sehe sie nichts und hielt den Kopf weit vorgestreckt. Diese merkwürdig versonnene, rasche Bewegung war es, dies als schritte sie dahin, von niemand gesehen, was ihn zuerst auf sie aufmerksam machte.
Sie hatte den Wagen gehört und blickte auf. Ihr Gesicht war klar und blaß, sie hatte dicke, dunkle Augenbrauen und einen breiten Mund, den sie sonderbar verzog. Ganz klar sah er ihr Gesicht, als werfe die Luft ein eigenes Licht darauf. Er sah ihr Gesicht so deutlich vor sich, daß er aus seiner Verschlossenheit aufwachte und ganz gespannt wurde.
»Das ist sie«, sagte er sich ganz unwillkürlich. Während der Wagen an ihr vorbeizog und durch den dünnen Schmutz platschte, trat sie zurück auf die Böschung. Als er dann still neben seinem sich zurückstemmenden Pferde einherschritt, trafen seine Augen die ihren. Er sah rasch wieder weg, warf den Kopf zurück und eine schmerzhafte Freude durchlief ihn. Er konnte es nicht ertragen, an irgend etwas anderes zu denken.
Im letzten Augenblick drehte er sich um. Er sah ihren Hut, ihre Gestalt in dem schwarzen Umhang, ihre Bewegungen beim Gehen. Dann war sie um die Ecke.
So war sie vorüber. Er fühlte sich wieder, als ginge er in einer fremden Welt umher, nicht in Coffethay, in einer weitentfernten Welt, in der zerbrechlichen Wirklichkeit. Er schritt weiter, ruhig gefaßt, wie verflüchtigt. Jeder Gedanke, jedes Wort waren ihm unerträglich, jedes Zeichen oder auch nur ein Ton, jedes Abweichen von seiner gleichmäßigen Bewegung. Kaum den Gedanken an ihr Gesicht konnte er ertragen. In dem Wissen um sie schritt er dahin, in jener Welt, die jenseits der Wirklichkeit liegt.
Das Gefühl, sie hätten sich gegenseitig erkannt, quälte ihn wie ein Wahn, wie eine Folter. Wie konnte er denn das so sicher wissen, welche Bestätigung besaß er dafür? Dieser Zweifel war wie das Empfinden räumlicher Unendlichkeit, ein Nichts, war Vernichtung. Im Herzen aber trug er den Willen zur Gewißheit. Sie hatten sich erkannt.
In diesem Zustand ging er die nächsten paar Tage umher. Und dann wars wieder, als hebe sich der Nebel und lasse ihn die Alltäglichkeit, die Leere der Welt erkennen. Er war gegen Menschen und Tiere sehr freundlich, fürchtete aber immer, die Enttäuschung möchte in ihrer ganzen Starre wieder emporschießen.
Als er so ein paar Tage später nach dem Essen mit dem Rücken dem Feuer zugekehrt dastand, sah er jene Frau vorbeigehen. Er wollte Gewißheit, daß sie ihn kenne, daß sie seiner bewußt war. Er wollte hören, daß sie in Beziehung zueinander ständen. So stand er da und paßte scharf auf, wie sie die Straße hinunterging. Er rief Tilly herbei.
»Wekeen kunn dat wesen?« fragte er.
Tilly, die schielende Vierzigerin, die ihn anbetete, lief hocherfreut ans Fenster, um nachzusehen. Sie war glücklich, wenn er sie nach irgend etwas fragte. Sie beugte ihren Hals über den kurzen Vorhang vor, der kleine, straffe Dutt ihres schwarzen Haares stand ganz rührend in die Höhe, wie sie da so herumwirtschaftete.
»Och wieso« – sie hob den Kopf und stierte mit ihren kleinen überkreuzstehenden, scharfen braunen Augen hinaus – »wieso. Se weet jo doch, wekeen dat is – dat is – dat is se dor von't Pasterhus – Se weten jo doch –«
»Wat schall ick dat weeten, du Goos«, brüllte er.
Lilly wurde rot, zog den Hals zurück und sah ihn mit ihrem schielenden, scharfen Blick fast vorwurfsvoll an.
»Gewiß weeten Se dat – de niege Weertschafterin.«
»– So – un wat schall ick dat von weeten?«
»Jowoll, un wat sche't Se dat von weeten?« erwiderte Lilly wütend.
»Se is 'n Wief, Weertschafterin oder nich, nich wohr? Se is doch woll noch 'n beten mehr as dat. Wen is se – se hett doch woll 'n Nomen?«
»Je, wenn se en' hett – ick weet 'n nich«, antwortete Lilly, die sich von diesem eben zum Manne erwachsenen Bengel nicht anrüffeln lassen wollte.
»Wat is ehr Nome?« fragte er freundlicher.
»Seeker, ick kann Se't nich seggen«, erwiderte Lilly höchst würdig.
»Un dat is allens, wat du dor upsnappt hest, dat se Weertschafterin in 'n Pasterhuse is?«
»Ick hev ehren Nomen woll hört, ober ick kann'r mi for min Leben nich up besinnen.«
»Wat, du neegenkloket olet Wieberstuck, wat hest du denn 'n Kopp for?«
»For ganz datsulbige, wat annere Lüe ehren for kregen hebbt«, prustete Lilly ihn an, die nichts mehr liebte als solche Katzbalgereien, bei denen er sie ausschalt.
Dann trat eine Pause ein.
»Ick glöv nich, dat een dat in 'n Kopp beholen kunn«, fuhr die Magd dann fort und steckte einen Fühler aus.
»Wat?« fragte er.
»No, ehren Nomen.«
»Woso?«
»Se kummt dor so von 'ne annere Gegend her.«
»Wekeen hett di dat vertellt?«
»Dat is all, wat ick dor von afweet, wat se is.«
»Un wat meenst du denn woll, wo se herkummt?«
»Dat weet ick nich. De Lüd seggt, se kummt von 'n Pol her, ick weet dat jo nich«, beeilte Tilly sich hinzuzufügen, weil sie wußte, nun käme der Hauptangriff.
»Von Pol her, du kummst denn ok woll von 'n Pol her? Wekeen hett di so 'ne Menascherie vormaakt?«
»Dat 's, wat se seggt – ick weet dat jo nich –«
»Wekeen seggt dat?«
»Fru Bentley seggt 't, wat se von 'n Pol herkummt, oder wat se 'n Pol is oder sunst up de Ort.«
Tilly hatte mächtige Angst, sie hätte sich doch verhauen.
»Wekeen seggt, se is 'n Pol?«
»Se seggt so alltohope.«
»Wat hett se denn woll hierher brocht?«
»Dat kann 'k Se nich vertellen. Se hett ne lüttje Deern bi ehr.«
»Hett ne lüttje Deern bi ehr?«
»Von dree oder veer, mit so 'n Plusterkopp.«
»Swatt?«
»Witt – so witt as 't man sien kann, un all een Pluster.«
»Is dor denn 'n Vadder?«
»Nich wat ick von afweet. Ick weet 't nich.«
»Wat hett se denn hierher brocht?«
»Kann ick nich seggen, wennanners de Pastor ehr nich beden hett.«
»Is dat Göhr denn ehr Göhr?«
»Dat schult 'k doch meenen – se seggt dat jo.«
»Wekeen hett di dat allens vertellt?«
»Na, Lizzie – Maandags – wi sagg ehr vorbigahn.«
»Makt woll 'n schönen Spitakel mit jo 'n Tungens, wenn dor wen vorbigeiht.«
Brangwen stand nachdenklich. Am selben Abend ging er nach Cossethay in den Roten Löwen, halb und halb mit der Absicht, mehr zu hören.
Sie war die Witwe eines polnischen Arztes, fand er heraus. Ihr Mann war als Flüchtling in London gestorben. Sie sprach mit etwas fremdem Klang, aber man konnte leicht herauskriegen, was sie meinte. Sie hatte ein kleines Mädchen, namens Anna. Lensky war der Name der Frau, Frau Lensky.
Brangwen fühlte, nun war das Unwirkliche endlich greifbar geworden. Er fühlte sich ihrer auch ganz sicher, als wäre sie ihm vorher bestimmt. Es gewährte ihm eine tiefe Befriedigung, daß sie eine Fremde war.
Nun vollzog sich für ihn auf Erden ein rascher Wechsel, als wäre eine neue Schöpfung vor sich gegangen, in der er sein wahres Wesen gefunden hätte. Alles um ihn her war steif, unwirklich, unfruchtbar, ein reines Nichts gewesen. Nun aber traten Wirklichkeiten an ihn heran, die er fassen konnte.
Er wagte kaum an die Frau zu denken. Er war bange. Nur war er sich die ganze Zeit über bewußt, daß sie ihm nicht fern sei, daß er in ihr lebe. Aber er wagte nicht, sie zu erforschen, auch nur, sich mit ihr dadurch bekannter zu machen, daß er an sie dachte.
Eines Tages traf er sie, wie sie mit ihrem kleinen Mädchen den Weg entlang kam. Es war ein Kind mit einem Gesicht wie ein Zweig Apfelblüten und strahlend hellem Haar, das wie Disteldaunen in straffen, wilden Flammenzungen umherstand, und ganz dunklen Augen. Das Kind klammerte sich unter seinem Blick eifersüchtig an die Mutter und starrte ihn mit vorwurfsvollen schwarzen Augen an. Aber die Mutter erwiderte seinen Blick, fast ausdruckslos. Und gerade diese Leere ihres Blickes entflammte ihn. Sie hatte große, graubraune Augen mit sehr dunklen, bodenlosen Sternen. Er fühlte, wie ihm eine feine Flamme unter der Haut entlang kroch, als hätten seine sämtlichen Adern Feuer gefangen. Und so ging er wie bewußtlos weiter.
Es kam, sein Schicksal, das wußte er. Die Welt unterzog sich ihrer Umbildung. Er rührte sich nicht: was kommen mußte, würde kommen.
Als seine Schwester Effie für eine Woche in die Marsch kam, ging er auch mal mit zur Kirche. In dem winzigen Raum mit seinem Dutzend Bänken saß er nicht weit von der Fremden. Sie hatte etwas Feines an sich, etwas Prickelndes in der Art wie sie dasaß und den Kopf hoch hielt. Sie war eine Fremde, von weit her, und ihm doch so vertraut. Sie kam von weit her und war doch seiner Seele so gegenwärtig, so nahe. Sie war gar nicht wirklich, wie sie da in der Kirche von Cossethay neben ihrem kleinen Mädchen saß. Sie lebte gar nicht das scheinbare Dasein ihrer Tage. Sie gehörte wo anders hin. Das fühlte er mit einem Prickeln als etwas Wirkliches, Tatsächliches. Aber ein Angstschauer um sein eigenes greifbares Dasein, das nur zu Cossethay gehörte, verursachte ihm Schmerzen und erfüllte ihn mit böser Ahnung.
Ihre dicken schwarzen Brauen stießen über der unregelmäßigen Nase beinahe zusammen, sie hatte einen breiten, ziemlich dicken Mund. Aber ihr Gesicht war zu einer andern Daseinswelt erhoben: nicht zum Himmel oder zum Tode empor, aber zu einem Orte, an dem sie immer noch lebte, wenn auch ihr Körper dort nicht mehr weilte.
Das Kind neben ihr verfolgte alles mit weiten, schwarzen Augen. Es hatte einen merkwürdigen, ablehnenden kleinen Blick, ihr kleiner roter Mund war fest geschlossen. Es schien über irgend etwas eifersüchtig zu wachen, stets auf Verteidigung bedacht zu sein. Sein Blick traf Brangwens leeren, vertrauten, eindringenden Blick, und eine offenbare Feindseligkeit, fast wie eine schmerzende Flamme, trat in die weit offenen, über-selbstbewußten dunklen Augen.
Der alte Seelenhirt mummelte weiter, Cossethay saß wie gewöhnlich ohne jede Gefühlsregung da. Und da saß diese fremde Frau mit dem eigentümlichen fremden Wesen, unverwundbar, und das merkwürdige Kind, auch ganz fremd, das irgend etwas so eifersüchtig bewachte.
Als der Gottesdienst zu Ende war, ging er auf dem Wege zu einem anderen Dasein aus der Kirche. Als er mit seiner Schwester den Kirchweg hinunterkam, hinter der Frau mit dem Kinde her, brach das kleine Mädchen plötzlich von der Hand seiner Mutter los und glitt mit einer raschen, fast unwahrnehmbaren Bewegung zurück, um irgend etwas beinahe unmittelbar unter Brangwens Füßen aufzunehmen. Ihre winzigen Finger waren fein und schnell, aber sie verfehlten den roten Knopf doch.
»Hast du was gefunden?« fragte Brangwen sie.
Und damit bückte er sich auch nach dem Knopf. Aber sie hatte ihn schon gefaßt und stand da, ihn fest gegen ihren kleinen Mantel pressend, und ihre schwarzen Augen flammten ihn an, als untersagte sie ihm, sie auch nur zu bemerken. Nachdem sie ihn so zum Schweigen gebracht hatte, wandte sie sich mit einem kurzen, raschen »Mutter –« um und war den Pfad hinunter.
Die Mutter war stehengeblieben und hatte mit gleichgültigem Blick hinübergesehen, nicht nach dem Kinde, sondern nach Brangwen. Er merkte, daß die Frau ihn ansah, wie sie so allein und für ihn doch beherrschend in ihrem fremden Wesen dastand.
Er wußte nicht was er tun sollte, und wandte sich wieder seiner Schwester zu. Aber die großen grauen Augen, fast ausdruckslos und doch so rührend, hielten ihn außerhalb seiner selbst. »Darf ich den haben, Mutter?« kam des Kindes stolze, silberne Stimme zu ihm zurück. »Mutter –« sie rief ihre Mutter scheinbar fortwährend, um nicht vergessen zu werden, »Mutter –«, aber weiter konnte sie nicht fortfahren, da ihre Mutter schon antwortete: »Ja, mein Kind!« Aber mit schneller Erfindungsgabe stolperte das Kind weiter und fragte im Laufen: »Wie heißen die Leute da?«
Brangwen hörte das geistesabwesende:
»Ich weiß nicht, mein Liebling.«
Er schritt den Weg hinunter, als lebte er gar nicht in seiner eigenen Haut, sondern irgendwo anders.
»Wer war die Frau?« fragte Effie.
»Kanns dir nicht sagen«, antwortete er unbewußt.
»Sie ist jedenfalls sehr spaßig«, sagte Effie fast verächtlich, »das Kind ist ja wie verhext.«
»Verhext – wieso verhext?« wiederholte er.
»Das kannst du doch wohl selbst sehen. Die Mutter ist nichts Besonderes, ehrlich gesagt – aber das Kind ist ein Wechselbalg. Sie muß so ungefähr fünfunddreißig sein.«
Aber er achtete nicht auf sie. Seine Schwester redete weiter.
»Das wäre so 'ne Frau für dich«, fuhr sie fort. »Die solltest du man heiraten.« Aber er kehrte sich nicht daran. Die Dinge waren nun mal wie sie waren.
Einen der nächsten Tage, als er zur Teezeit allein am Tische saß, klopfte es an der Vordertür. Wie ein Vorzeichen durchfuhr es ihn. Niemand klopfte je an der Vordertür. Er stand auf und begann die Riegel zurückzuziehen und den dicken Schlüssel zu drehen. Als er die Tür aufmachte, stand die fremde Frau auf der Schwelle.
»Können Sie mir ein Pfund Butter geben?« fragte sie, in der merkwürdig abgehackten Art von Leuten, die eine ihnen fremde Sprache sprechen.
Er suchte ihre Frage zu verstehen. Sie sah ihn fragend an. Aber was lag denn unter ihrer Frage verborgen, was lag in ihrer unbeweglichen Haltung, wie sie so dastand, was ihn so packte?
Er trat zur Seite, und sie trat sofort ins Haus, als wäre die Tür nur geöffnet, um sie einzulassen. Das weckte ihn auf. Jeder andere hätte nach der Gepflogenheit auf der Schwelle gewartet, bis er aufgefordert wurde hereinzukommen. Er ging in die Küche und sie hinter ihm her.
Die Teesachen standen noch auf dem blank gescheuerten Holztisch herum, ein mächtiges Feuer brannte, ein Hund stand vom Herde auf und kam auf sie zu. Sie stand bewegungslos gerade auf der Schwelle.
»Lilly,« rief er laut, »hevvt wi Botter?«
Die Fremde stand wie ein Bild des Schweigens in ihrem schwarzen Umhang da.
»Wat?« kam eine schrille Antwort aus der Ferne.
Er rief ihr seine Frage noch mal zu.
»Wi hevvt wat dor upp'n Disch steiht«, antwortete Tillys schrille Stimme aus der Milchkammer.
Brangwen sah nach dem Tische. Da stand ein großer Klumpen Butter auf einem Teller, wohl fast ein Pfund. Er war rund und mit Ahorn- und Eichenblättern verziert.
»Kannst du nich kamen, wenn ick wat von di will?« rief er.
»Wat willt Se denn?« sträubte Lilly sich, als sie mit einem fragenden Blick durch die andere Tür sah.
Sie sah die fremde Frau, starrte sie schielend an, sagte aber nichts.
»Hevvt wi denn keen anner Botter?« fragte Brangwen wieder, ungeduldig, als könnte seine Frage welche herbeischaffen.
»Ick segg Se jo, wat dor upp 'n Disch steiht!« erwiderte Lilly voller Ungeduld, daß sie doch auf seine Forderung keine schaffen könne. »Wi hevvt anners nich 'n beeten.«
Einen Augenblick herrschte Stillschweigen.
Die Fremde sprach in ihrer merkwürdig klaren, abgehackten Weise, wie jemand, der sich erst überlegen muß, was er sagen will.
»O, dann danke ich Ihnen vielmals. Es tut mir leid, daß ich Ihnen so viel Mühe mache.«
Sie konnte seinen gänzlichen Mangel an Lebensart nicht verstehen und fühlte sich wie vor einem Rätsel. Jeder Anflug von Höflichkeit hätte die Lage zu einer ganz unpersönlichen gemacht. Aber hier waren offenbar alle Sinne in Verwirrung. Brangwen wurde bei ihren höflichen Worten rot. Aber er ließ sie noch nicht los.
»Hal di wat und wickel dat dor for ehr in«, sagte er zu Lilly mit einem Blick nach dem Tische.
Und indem er ein reines Messer nahm, schnitt er die bereits angebrochene Seite der Butter ab.
Sein Ausdruck »for ehr« ging der Fremden nur langsam ein und brachte Tilly in Wut.
»De Paster kriggt sine Botter bi rechtens von Browns«, rief die nicht zu unterdrückende Magd. »Wi botter glieks morgen froh gans toerst.«
»Ja –,« das langgezogene, fremde »ja – ja –« sagte die Polin, »ich bin schon bei Frau Brown gewesen. Sie hatte keine mehr.«
Tilly warf den Kopf zurück und hätte ihr brennend gern gesagt, Leute, die Butter kaufen wollten, brauchten doch auch nicht zu einem zu kommen als wäre das man so gar nichts, und an die Vordertür klopfen und nach einem Pfund Butter zu fragen, um damit ein Loch zu stopfen, bloß weil die rechten Butterleute keine mehr hätten. Wenn Sie zu Brown gehen, dann gehen Sie eben zu Brown, und meine Butter ist auch nicht dazu da, bloß um auszuhelfen, wenn Browns keine mehr haben.
Brangwen verstand diese unausgesprochene Rede Tillys ganz genau. Die polnische Dame nicht. Und da sie Butter für den Vikar haben wollte und Tilly doch erst morgen früh butterte, wartete sie.
»Nu mok man de Klappe to«, sagte Brangwen laut, nachdem dies Schweigen lange genug gedauert hatte; und Tilly verschwand durch die innere Tür.
»Ich fürchte, ich hätte nicht kommen sollen, so«, sagte die Fremde, indem sie ihn fragend ansah, als wollte sie von ihm erfahren, was denn der Brauch sei.
Er fühlte sich verwirrt.
»Wieso denn nicht?« sagte er und versuchte heiter zu sein, es kam aber nur gönnerhaft heraus.
»Haben Sie –?« begann sie entschlossen. Aber sie fühlte sich auch nicht auf sicherem Boden und die Unterhaltung brach wieder ab. Ihre Augen blickten ihn die ganze Zeit über an, weil sie die Sprache nicht beherrschte.
So standen sie einander Aug in Auge gegenüber. Der Hund ging von ihr zu ihm. Er beugte sich zu ihm nieder.
»Und wie gehts Ihrem kleinen Mädchen?« fragte er.
»Ja, danke, der gehts recht gut«, war die Antwort, lediglich ein Ausdruck von Höflichkeit in fremder Landessprache.
»Setzen Sie sich doch«, sagte er.
Und sie setzte sich auf einen Stuhl, während ihre dünnen Arme, die aus den Schlitzen ihres Umhanges hervortraten, auf ihrem Schoße ruhten.
»Sie kennen das Land hier noch nicht recht«, sagte er, immer noch auf der Herdmatte stehend, mit dem Rücken dem Feuer zugekehrt, ohne Rock, den Blick merkwürdig gradeaus auf die Frau gerichtet. Ihre Selbstbeherrschung gefiel ihm und regte ihn an, gab ihm ein sonderbares Gefühl von Freiheit. Es schien ihm fast roh, wie sehr er sich Herr seiner selbst und der ganzen Lage fühlte.
Ihre Augen ruhten einen Augenblick auf ihm wie fragend, während sie über die Bedeutung seiner Frage nachdachte.
»Nein«, sagte sie, als sie ihn verstand. »Nein, es ist mir ganz fremd.«
»Sie finden es hier wohl ziemlich ruppig?« fragte er wieder.
Ihre Augen hefteten sich wartend auf ihn, damit er das noch einmal sagen sollte.
»Unsere Art kommt Ihnen wohl ziemlich ruppig vor?« wiederholte er.
»Ja – ja, ich verstehe. Ja, es ist ganz anders, ganz fremd. Aber ich war in Yorkshire –«
»Och, denn,« sagte er, »schlimmer als die da oben sind wir hier auch nicht.«
Das verstand sie wieder nicht ganz. Seine gönnerhafte Art, seine Selbstsicherheit, seine Vertrautheit waren ihr rätselhaft. Was meinte er denn? Wenn er ihr ebenbürtig war, warum benahm er sich dann so formlos?
»Nein –«, sagte sie obenhin, wobei ihre Augen auf ihm hafteten.
Sie sah ihn frisch und unbefangen, grobschlächtig, fast ohne jede Beziehung zu ihr vor sich dastehen. Und doch sah er so hübsch aus mit seinem hellen Haar und seinen blauen Augen, die so voller Tätigkeitsdrang waren, und seinem gesunden Körper, der mit dem ihren anscheinend auf gleicher Stufe stand. Sie betrachtete ihn aufmerksam. Er war schwer für sie verständlich: warmherzig, ungeschlacht und selbstvertrauend wie er war, sicher auf den Beinen, als wüßte er gar nicht, was Unsicherheit bedeute. Was verlieh ihm nur diese sonderbare Sicherheit?
Das begriff sie nicht. Sie begann nachzudenken. Sie sah sich in dem Raum um, in dem er lebte. Er war so traulich, so wohnlich, daß er sie bezauberte und beinahe ängstigte. Die Einrichtung war alt und anheimelnd wie alte Leute, der ganze Ort kam ihr so mit ihm verwandt vor, als wäre er ein Teil von ihm, so daß sie ganz unruhig wurde.
»Es ist wohl schon eine lange Zeit, daß Sie hier in diesem Hause leben – ja?« fragte sie.
»Ich habe immer hier gelebt«, sagte er.
»Ja – aber Ihre Verwandten, Ihre Angehörigen?«
»Wir leben hier seit über zweihundert Jahren«, erwiderte er. Ihre Augen lagen die ganze Zeit auf ihm, weit geöffnet und versuchend, ihn zu verstehen. Er fühlte, er wäre nur für sie da.
»Es gehört Ihnen selbst, das Haus, der Hof –?«
»Ja«, sagte er. Er sah zu ihr nieder und fing ihren Blick auf. Das beunruhigte sie. Sie kannte ihn ja gar nicht. Er war ihr ein Fremder, sie hatten nichts miteinander zu tun. Mit seinem Blick aber kam ihr plötzlich die Erkenntnis seines Wesens. Er war so merkwürdig gradeaus und zutraulich.
»Sie leben hier ganz allein?«
»Ja, wenn Sie das allein nennen wollen.«
Das verstand sie wieder nicht. Es kam ihr ungewöhnlich vor. Was sollte es wohl bedeuten?
Und jedesmal, wenn nach einer kleinen Weile unweigerlich ihre Augen die seinen trafen, fühlte sie eine heiße Welle durch ihr Bewußtsein fluten. Sie saß regungslos und in innerem Zwiespalt da. Wer war dieser fremde Mann, der ihr plötzlich so nahetrat? Was ging mit ihr vor? Etwas in seinem warmen jungen Augenzwinkern schien ein Recht über sie zu beanspruchen, zu ihr zu sprechen, ihr seinen Schutz zu verheißen. Aber wie? Weshalb sprach er zu ihr? Warum waren seine Augen so sicher, so voll Licht und Zutrauen, ohne ihre Erlaubnis oder ein Zeichen von ihr abzuwarten?
Tilly kam mit einem großen Blatt Papier wieder und fand die beiden stumm. Sofort fühlte er, es sei seine Pflicht zu sprechen, nun die Magd wieder dabei wäre.
»Wie alt ist Ihr kleines Mädchen?« fragte er.
»Vier Jahre«, antwortete sie.
»Dann ist ihr Vater wohl noch nicht lange tot?« fragte er.
»Sie war ein Jahr, als er starb.«
»Drei Jahre?«
»Ja drei Jahre ist er tot – ja.«
Seltsam ruhig war sie, fast geistesabwesend, während sie seine Fragen beantwortete. Sie sah ihn wieder an, und etwas Mädchenhaftes trat in ihre Augen. Er fühlte, er könne sich nicht rühren, weder zu ihr hin, noch von ihr weg. Etwas in ihrer Gegenwart tat ihm weh, bis es ihn ungefähr erstarren machte. Er sah die mädchenhafte Verwunderung in ihrem Blick wieder emportauchen.
Tilly reichte ihr die Butter hin, und sie stand auf.
»Ich danke Ihnen sehr«, sagte sie. »Wieviel kostet sie?«
»Wir wollten sie dem Pastor gern schenken«, erwiderte er. »Das ist denn so wegen meines Kirchenbesuches.«
»Et moch ook woll beter utsehen, wenn Se to Karken gohn wullt und for de Botter Geld nehmt«, sagte Tilly, die zäh an ihren Rechten festzuhalten gesonnen war.
»Du kunnst doch woll stille wesen, nich?« fragte er.
»Wieviel, bitte?« fragte die Polin nun Tilly. Brangwen stand dabei und ließ es zu.
»Dann danke ich Ihnen recht sehr«, sagte sie.
»Bringen Sie doch mal Ihr kleines Mädchen her, daß es sich mal die Hühner und Pferde ansieht,« meinte er –, »wenn es ihm Spaß macht.«
»Ja, das würde ihm viel Spaß machen«, sagte die Fremde. Und damit ging sie. Brangwen blieb ganz betäubt von ihrem Fortgang stehen. Er wurde Tilly gar nicht gewahr, die unschlüssig dastand und Gewißheit über ihn haben wollte. Er konnte an nichts anderes denken. Er fühlte, er habe eine unsichtbare Verbindung zu der fremden Frau angeknüpft.
Ein Nebel lagerte sich über seinen Geist, sein Bewußtsein bekam einen neuen Schwerpunkt. In seiner Brust oder seinen Eingeweiden, irgendwo in seinem Inneren war etwas Neues in Tätigkeit getreten. Es war, als brenne dort ein mächtiges Licht, das ihn blende, und er war unfähig, irgend etwas zu erkennen, mit Ausnahme der Tatsache, daß diese Verklärung zwischen ihm und ihr brenne und sie gleich einer geheimen Macht verbinde. Seitdem sie in sein Haus gekommen war, ging er in diesem Nebel umher; er erkannte kaum die Dinge, die er handhabte, ruhig trieb er in dem veränderten Ausland einher. Er unterwarf sich diesem Vorgang völlig, ließ seinen Willen treiben, gab sein eigenes Wesen gänzlich preis, in Schlummer auf der Schwelle höchsten Entzückens wie ein sich zur Wiedergeburt vorbereitendes Wesen.
Zweimal kam sie mit dem Kinde auf den Hof, aber es war wie eine Windstille zwischen ihnen, äußerste Ruhe und Untätigkeit lagerten wie eine Erstarrung über ihnen, so daß keinerlei tatsächlicher Wechsel sich vollziehen konnte. Das Kind bemerkte er fast gar nicht, und doch gewann er durch die ihm eingeborene Freundlichkeit sein Vertrauen, selbst seine Zuneigung; er setzte es aufs Pferd und gab ihm Korn für das Federvieh.
Einmal fuhr er Mutter und Kind von Ilkeston nach Hause, als er sie unterwegs traf. Das Kind drängte sich dicht an ihn heran wie vor lauter Liebe, die Mutter saß sehr still da. Es lag etwas Unbestimmtes wie ein weicher Nebel über ihnen allen, und ein Stillschweigen, als hinge ihr Willen in der Schwebe. Nur daß er ihre unbehandschuhten, auf dem Schoße gefalteten Hände mit dem Trauring am Finger bemerkte. Er schloß ihn aus: ein geschlossener Reif. Er band ihr Leben, dieser Trauring, ein Sinnbild ihres früheren Lebens, an dem er keinen Teil haben konnte. Aber trotzdem, darüber hinaus war sie selbst, und er und sie mußten zusammenkommen.
Als er ihr vom Wagentritt herunterhalf, sie beinahe herunterhob, da fühlte er, er habe ein Anrecht darauf, sie so in seine Hände zu nehmen. Jetzt gehörte sie wohl noch dem andern an, dem, was hinter ihr lag. Aber er müßte auch für sie sorgen. Sie war zu voller Leben, als daß sie hätte vernachlässigt werden dürfen.
Zuweilen machte die Geistesabwesenheit, in die sie sich verlieren konnte, ihn ganz ärgerlich, gradezu wütend. Aber noch hielt er an sich. Sie besaß noch kein Verhältnis, keine Beziehung zu ihm. Das war ihm rätselhaft und machte ihn wütend, aber er unterwarf sich dem lange Zeit. Hatte sich dann aber die Unruhe darüber, daß sie ihn so vernachlässigte, zu sehr angesammelt, dann brach allmählich die Wut bei ihm durch, voller Zerstörungssucht, und er wünschte auszureißen, ihr zu entfliehen.
Zufällig kam sie wohl einmal in die Marsch, während er sich in dieser Laune befand. Dann stand er ihr gegenüber, stark und schwerfällig in seiner Auflehnung, und wenn er auch nichts sagte, fühlte sie doch, wie sein Ärger und seine schwere Ungeduld von ihr Besitz nahmen, sie fühlte sich wie aus einer Erstarrung aufgerüttelt. Wieder regte sich ihr Herz mit raschem, vorschnellendem Antriebe, sie sah ihn an, diesen Fremdling, der kein gebildeter Mensch war und sich doch in ihr Leben drängte, und die Wehen einer Wiedergeburt zwangen ihr ganzes Innere in eine neue Form. Sie müßte wieder von vorn anfangen, ein neues Dasein finden, eine neue Form, um auf dies blinde, aufdringliche Wesen ihr gegenüber eingehen zu können.
Ein Schauer, die Wehen einer neuen Geburt überliefen sie, die Flamme sprang auf ihn über und lief auch ihm über die Haut. Das wollte sie, dies neue Leben durch ihn, mit ihm, und doch mußte sie sich dagegen verteidigen, denn es bedeutete für sie Vernichtung.
Wenn er allein auf dem Felde arbeitete oder bei seinen Mutterschafen die Nächte wachte, in der Zeit da sie warfen, fiel alles Tatsächliche, alles Stoffliche seines alltäglichen Lebens von ihm ab und ließ den Kern seines Strebens klar hervortreten. Und dann kam es über ihn, er müsse sie heiraten und sie solle seinen Lebensinhalt bilden.
Allmählich lernte er sie verstehen, auch ohne sie zu sehen. Gern hätte er an sie wie an etwas seinem Schutze Anvertrautes gedacht, wie an ein elternloses Kind. Aber das war ihm versagt. Von dieser lieblichen Auffassung seines Falles mußte er absehen. Sie könnte ihn ja zurückweisen. Und außerdem hatte er Angst vor ihr.
Aber in den langen Februarnächten, während seine Schafe warfen und er vom Stalle aus zu den blitzenden Sternen hinaussah, da begriff er, daß er sich selbst nicht mehr angehöre. Er mußte zugeben, daß er so nur ein Bruchstück sei, etwas Unvollständiges, Unterdrücktes. Da fuhren die Sterne am dunklen Himmel dahin, das ganze Heer in ewigem Zuge. Er aber saß in seiner Kleinheit, einem höheren Befehle gehorchend da.
Falls sie nicht zu ihm kam, mußte er ein Nichts bleiben. Das war eine harte Erfahrung. Aber trotz ihres wiederholten Vergessens seiner Gegenwart, trotzdem er so oft bemerkte, daß er für sie gar nicht da war, trotzdem er tobte und ihr zu entfliehen versuchte und sich sagte, er wäre sich auch allein genug, er sei doch ein Mann und könne auf eigenen Füßen stehen, angesichts des nächtlichen Sternenheeres mußte er sich erniedrigen und zugeben, daß ohne sie er ein Nichts sei.
Er war nichts. Aber mit ihr zusammen würde er wirklich sein. Wenn sie jetzt neben dem Schafstalle über das gefrorene Gras dahergeschritten käme, bei dem kläglichen Geblöke der Schafe und Lämmer, dann würde sie ihm Vollkommenheit und Vollendung bringen. Und sollte es dahin kommen, daß sie zu ihm käme! Es mußte so sein – es war so vorherbestimmt.
Lange brauchte er zu dem Entschluß, ihr die endgültige Frage vorzulegen, ihn zu heiraten. Und er wußte, fragte er sie, dann mußte sie zustimmen. Sie mußte, es konnte nicht anders sein. Er hatte manches über sie in Erfahrung gebracht. Sie war arm, alleinstehend und hatte in London harte Zeiten durchgemacht, sowohl vor wie nach dem Tode ihres Gatten. Aber in Polen war sie eine hochgeborene Dame, eines Gutsbesitzers Tochter.
Alles dies waren ihm bloße Worte, die Tatsache ihrer höheren Geburt, die Tatsache, daß ihr Mann ein hervorragender Arzt gewesen war, die Tatsache, daß er ihr in fast jeder Hinsicht an auszeichnenden Eigenschaften nachstand. Es bestand eine innere Wirklichkeit für ihn, eine seelische Folgerichtigkeit, die ihn mit ihr verband.
Eines Abends im März, als der Wind draußen heulte, kam der Augenblick, in dem er sie fragen mußte. Er hatte mit hängenden Händen vornübergebeugt vorm Feuer gesessen. Und während er ins Feuer starrte, kam ihm halb unbewußt die Gewißheit, daß er heute abend zu ihr gehen würde.
»Heste 'n reenet Hemd dor?« fragte er Tilly.
»Se weeten jo, Se hevvt reene Hemden«, erwiderte sie.
»Good –, bring mi en wittet.«
Tilly brachte ihm eins der Leinenhemden, die er von seinem Vater geerbt hatte, und hing es zum Anwärmen vors Feuer. Sie liebte ihn mit stummer, schmerzhafter Hingebung, wie er so mit den Armen auf den Knieen dasaß, still und mit sich selber beschäftigt, sie gar nicht gewahr werdend. Letzthin kam eine zitternde Sucht zu weinen über sie, wenn sie irgend etwas für ihn in seiner Gegenwart zu tun hatte. Jetzt zitterten ihr die Hände, während sie das Hemd ausbreitete. Er schalt und ärgerte sie jetzt nie mehr. Die tiefe im Hause herrschende Stille machte sie erzittern.
Er ging hin, um sich zu waschen. Sonderbare kleine Ausbrüche von klarem Bewußtsein schienen aufzusteigen und wie Blasen aus der Tiefe seines Schweigens hervorzubrechen.
»Es muß sein,« sagte er, als er sich bückte, um sein Hemd vom Fender zu nehmen, »es muß sein, wozu also drum herumgehen?« Und während er sich das Haar vor dem Spiegel an der Wand kämmte, antwortete er sich selbst obenhin: »Das Weib ist ja nicht sprachlos und stumm. Sie hängt doch nich mehr an de Titten. Sie kann tun, was sie Lust hat, und wenn's andern auch keinen Spaß macht.
Dieser Satz von gesundem Menschenverstand brachte ihn etwas weiter.
»Wee't Se wat?« fragte Tilly, die plötzlich auftauchte, da sie ihn hatte reden hören. Sie stand und beobachtete, wie er seinen hellen Bart kämmte. Seine Augen waren stetig und zwinkerten nicht.
»Jo,« sagte er, »wo hest' de Scher?«
Sie brachte sie ihm und beobachtete ihn weiter, während er mit vorgestrecktem Kinn sich den Bart stutzte.
»Scheren Se Ehr man nich, as wenn dat um't Geld gung«, sagte sie hastig. Er pustete sich das feingekräuselte Haar von den Lippen.
Er zog sich gänzlich um, knotete seine Halsbinde sorgsamst und zog seinen besten Rock an. Als er dann fertig war und das graue Zwielicht hereinbrach, ging er in den Obstgarten, um Narzissen zu pflücken. Der Wind sauste in den Apfelbäumen, die gelben Blumen schwankten heftig auf und nieder, er hörte sogar das feine Geräusch der sich aneinander reibenden Blätter, als er sich niederbeugte, um die flachen, zarten Stiele der Blumen zu brechen. »Wat is denn los?« rief ihm ein Freund, den er an der Gartentür traf, zu.
»'n Beeten fründjen,« sagte Brangwen.
Und Lilly ließ sich in einem Zustande zitternder Aufregung vom Winde über das Feld bis an den großen Torweg pusten, von wo aus sie ihn am besten beim Weggehen beobachten konnte.
Er ging den Hügel hinauf und auf das Pastorhaus zu, der Wind sauste in den Hecken, während er versuchte, den Narzissenstrauß mit seinem Körper zu schützen. Er dachte an gar nichts und hatte nur die Empfindung vom Sausen des Windes.
Die Nacht sank herab, in den nackten Bäumen pfiff und trommelte es. Der Vikar, das wußte er, würde in seinem Amtszimmer sitzen, die Polin in der Küche, einem behaglichen Raum, mit ihrem Kinde. Als das Zwielicht schon ganz matt geworden war, trat er durchs Tor und schritt den Pfad hinauf, an dem sich ein paar Narzissen im Winde niederbeugten und zerstreute Krokus ein blasses, farbloses Netzwerk bildeten.
Auf der Rückseite des Hauses strömte aus dem Küchenfenster Licht auf die Büsche. Er begann zu zögern. Wie sollte er es anfangen? Als er durchs Fenster sah, bemerkte er sie in einem Schaukelstuhl mit dem Kinde, das schon in seinem Nachthemd ihr auf dem Knie saß. Der lichte Kopf mit seinem wilden, strubbeligen Haar neigte sich gegen die Glut des Feuers, das sich auf den frischen Backen und der blanken Haut des Kindes widerspiegelte; es schien nachzudenken, fast wie ein Erwachsener. Der Mutter Antlitz war dunkel und still, und er sah mit einem schmerzlichen Zusammenzucken, daß sie wieder in dem Dasein von ehemals weilte. Das Haar des Kindes glänzte wie gesponnenes Glas, sein Gesicht war beleuchtet, so daß es aussah, als wäre es von innen erleuchtetes Wachs. Der Wind brauste mächtig. Mutter und Kind saßen regungslos, still, das Kind mit den leeren dunklen Augen ins Feuer starrend, die Mutter mit dem Blick ins Nichts. Das kleine Mädchen schlief fast schon. Nur sein Wille hielt ihm die Augen noch offen.
Plötzlich sah es sich voller Unruhe um, als ein Windstoß das Haus erschütterte, und Brangwen sah, wie die kleinen Lippen sich bewegten. Die Mutter begann sie zu schaukeln, er hörte das leise Scharren der Wiegehölzer des Stuhles. Dann hörte er das leise, eintönige Summen eines Liedes in fremder Sprache. Dann ein mächtiger Ansturm des Windes, und die Mutter schien fortgeweht, die Augen des Kindes waren weit geöffnet und schwarz. Brangwen sah zu den Wolken empor, die in wilder, erschreckender Hast über den dunklen Himmel dahinfuhren.
Dann kam des Kindes hohe, klägliche und dennoch befehlende Stimme.
»Sing nicht so'n Krams, Mutter, das mag ich nicht hören.«
Das Singen erstarb.
»Nun wirst du zu Bett gehen«, sagte die Mutter.
Er sah, wie das Kind sich widerstrebend anklammerte, die unbewegte Geistesabwesenheit der Mutter, die klammernden, heftigen Bemühungen des Kindes. Dann plötzlich die helle, kindliche Aufforderung:
»Du sollst mir eine Geschichte erzählen.«
Der Wind brauste, die Geschichte nahm ihren Anfang, das Kind schmiegte sich an die Mutter. Brangwen wartete draußen in der Schwebe und blickte in das wilde Schwanken der Bäume im Winde und die zunehmende Finsternis hinaus. Er wußte, was seine Bestimmung wäre, und wartete hier auf der Schwelle. Das Kind verkroch sich, hell und bewegungslos, es schmiegte sich an die Mutter, die Augen scharf und dunkel unter den hellen Haarsträhnen, wie ein zusammengekauertes Tier, an dem alles schläft bis auf die Augen. Die Mutter saß da wie überschattet, die Geschichte nahm ihren Verlauf wie von selber. Brangwen stand draußen und sah die Nacht hereinbrechen. Er merkte gar nicht, wie die Zeit verrann. Seine Hand, die die Narzissen hielt, war steif und kalt.
Die Geschichte ging zu Ende, die Mutter stand endlich auf mit dem ihr am Halse hängenden Kinde. Sie mußte kräftig sein, um ein so großes Kind so leicht tragen zu können. Die kleine Anna hing am Halse ihrer Mutter. Das helle, seltsame Gesicht des Kindes sah der Mutter über die Schulter, in Schlaf bis auf die Augen; diese, weit geöffnet und dunkel, wehrten sich noch und kämpften weiter gegen das Unsichtbare.
Als sie gegangen waren, rührte Brangwen sich zum ersten Male von der Stelle, an der er gestanden hatte, und sah sich in der Nacht um. Er wünschte, sie möchte in Wirklichkeit so schön und vertraut sein, wie es ihm in diesen wenigen Minuten der Ruhe vorkam. Hinsichtlich des Kindes fühlte er sich einer merkwürdigen Besorgnis unterworfen, etwas Schmerzhaftem, Schicksalmäßigem.
Die Mutter kam wieder zurück und begann die Kleider des Kindes zusammenzulegen. Er klopfte. Sie öffnete voller Verwunderung, ein wenig behutsam, wie ein Ortsfremder, unruhig.
»Guten Abend,« sagte er, »ich darf wohl auf einen Augenblick reinkommen?«
Eine Änderung flog rasch über ihr Gesicht; sie war ganz unvorbereitet. Sie sah auf ihn herab, wie er in dem durch das Fenster fallenden Lichte dastand und seine Narzissen hielt, hinter sich die Finsternis. In seinem schwarzen Anzug erkannte sie ihn erst nicht wieder. Sie war beinahe ängstlich.
Aber er trat schon auf die Schwelle und zog die Tür hinter sich zu. Sie wandte sich in die Küche, durch diesen Einbruch aus der Finsternis aus ihrer Träumerei aufgeschreckt. Er nahm seinen Hut ab und trat auf sie zu. Dann stand er im Hellen da, in seinem schwarzen Anzuge, mit seiner schwarzen Halsbinde, den Hut in der einen und die Blumen in der andern Hand. Sie trat zurück, als fühlte sie sich in seiner Macht, emporgerissen aus ihrem Dasein. Sie erkannte ihn nicht, sie wußte nur, daß er ein Mann sei und ihrethalben komme. Sie vermochte nur einen dunkelgekleideten Mann da vor sich stehen zu sehen mit einer Hand voll Blumen. Das Gesicht und die lebendigen Augen konnte sie nicht erkennen.
Er beobachtete sie ohne sie zu erkennen, nur sein Unterbewußtsein nahm sie wahr.
»Ich bin gekommen, um ein paar Worte mit Ihnen zu reden«, sagte er und schritt auf den Tisch zu, um seinen Hut und die Blumen darauf zu legen, die auseinanderfielen und verstreut liegen blieben. Sie war bei seinem Vortreten zurückgewichen. Sie hatte keinen Willen, keine Wesenheit. Der Wind heulte im Schornstein, und er wartete. Er hatte seine Hände freigemacht. Nun schloß er sie zur Faust.
Er nahm wahr, wie sie ihm so unbekannt, furchtbar und doch innerlich verwandt gegenüberstand.
»Ich bin heraufgekommen,« sagte er und sprach sonderbar geschäftsmäßig und eintönig, »um Sie zu fragen, ob Sie mich wohl heiraten wollten. Sie sind ja doch frei, nicht wahr?«
Ein langes Stillschweigen folgte, währenddessen seine blauen Augen mit merkwürdiger Unpersönlichkeit in die ihren blickten, um nach einer Antwort zu forschen. Er sah nach der Wahrheit in ihr aus. Und sie mußte ihm, wie in Zauberschlaf versetzt, schließlich antworten.
»Jawohl, ich kann wieder heiraten.«
Der Ausdruck seiner Augen wurde ein anderer, weniger unpersönlich, als sähe er sie beinahe an, um die Wahrheit in ihr zu erforschen. Stetig und aufmerksam und ewig waren sie, wie unwandelbar. Sie schienen sie festzumachen, sie zu einem Entschlusse zu bringen. Sie zitterte, fühlte sich wie neuerschaffen, willenlos, in ihm versinkend, in einen gemeinsamen Willen mit ihm.
»Sie möchten mich nehmen?« sagte sie.
Sein Gesicht überzog Blässe.
»Ja«, sagte er.
Wieder eine Pause und Stillschweigen.
»Nein«, sagte sie, aber nicht aus sich selbst. »Nein, ich weiß doch nicht.«
Er fühlte, wie sich die Spannung in seinem Inneren löste, seine Hände öffneten sich, er war nicht imstande, sich zu rühren. So stand er da und sah sie an, hilflos in seinem Zusammenbruch. Für den Augenblick war sie ihm ganz unwirklich geworden. Dann sah er sie auf sich zukommen, merkwürdig gradeaus und wie ohne sich zu bewegen, wie fließend. Sie legte ihre Hand auf seinen Rock.
»Ja, ich möchte auch«, sagte sie, ganz unpersönlich, ihn mit ihren großen, ehrlichen, neugeöffneten Augen ansehend, in denen nun äußerste Wahrheit erstrahlte. Er wurde sehr blaß, wie er so dastand und rührte sich nicht, nur seine Augen hingen an den ihren, und er litt. Sie schien ihn mit ihren neugeöffneten, weiten, fast kindlichen Augen anzusehen, und mit einer seltsamen Bewegung, die ihm Todesqual bereitete, reichte sie ihm langsam ihr dunkles Gesicht und ihre Brust entgegen; die langsame Forderung nach einem Kusse lag darin und ließ irgend etwas in seinem Gehirn zerbrechen, und für ein paar Augenblicke war Dunkelheit um ihn her.
Er hielt sie in seinen Armen und küßte sie ganz weltvergessen. Und doch war es reinste, unvermeidliche Todesqual für ihn, sich selbst so aufzugeben. Da lag sie so leicht und winzig und liebebedürftig in seinen Armen, wie ein Kind, und doch hauchte sie ihm die Sehnsucht nach einer Umarmung ein, nach unendlichem Umarmen, daß er es nicht ertragen konnte und sich setzen mußte.
Er wandte sich und sah sich nach einem Stuhl um, und während er sie noch weiter in seinen Armen festhielt, setzte er sich mit ihr, eng an seine Brust geschmiegt, nieder. Dann fiel er ein paar Sekunden lang gänzlich in Schlaf, in tiefen Schlaf und äußerste, höchste Vergessenheit.
Aus der kam er nur langsam wieder zu sich, sie immer noch warm und eng an sich drückend, und sie war gänzlich verstummt ebenso wie er, in die gleiche Vergessenheit, in fruchtbares Dunkel versunken.
Allmählich kam er wieder zu sich, aber neugeboren, wie nach einer Schwangerschaft, einer Wiedergeburt aus dem Schoße der Dunkelheit. Luftig und leicht erschien ihm alles, neu wie der Morgen, frisch emporsteigend.
Wie die Morgendämmerung strömte das Neue, der Segen auf sie hernieder. Und sie saß mit ihm ganz still, als fühle sie gleich wie er selbst.
Dann sah sie zu ihm empor, die jungen, weiten Augen voller strahlendem Licht. Und er beugte sich nieder und küßte sie auf die Lippen. Und die Morgendämmerung strahlte in sie hernieder, ihr neues Leben begann, über alle Begriffe schön, es war so schön, daß es fast wie ein Hinsterben, wie ein Verscheiden war. Er zog sie plötzlich dichter an sich heran.
Denn bald begann das Licht in ihr zu ersterben, ganz allmählich, und während sie ihm noch im Arme lag, sank ihr Haupt an seine Brust, und so lag sie still, mit herabgesunkenem Haupte, ein wenig ermüdet, stumpf vor Müdigkeit. Und in ihrer Müdigkeit lag etwas wie eine Ablehnung seines Wesens.
»Da ist das Kind«, sagte sie aus langem Schweigen heraus. Er verstand sie nicht. Es war so lange her, daß er keine Stimme mehr gehört hatte. Nun hörte er auch den Wind heulen, als hätte er grade erst wieder angefangen.
»Ja«, sagte er ohne jedes Verständnis. Ein leichter Schmerz zog ihm das Herz zusammen, er fühlte ein kaum merkbares Zusammenziehen der Brauen. Etwas, was er erfassen wollte und nicht konnte.
»Du wirst es liebhaben?« sagte sie.
Das rasche Zusammenzucken, wie ein Schmerz, überlief ihn abermals.
»Ich habe es jetzt schon lieb«, erwiderte er.
Still lag sie an seiner Brust und sog, ohne daran zu denken, seine Körperwärme in sich ein. Für ihn war es eine große Bekräftigung, sie so zu fühlen, wie sie seine Wärme in sich aufnahm und ihm ihr Gewicht und ihr seltsames Vertrauen dafür gab. Aber wo war sie denn, daß sie so geistesabwesend schien? Sein Geist stand weit offen vor Verwunderung. Er verstand sie nicht.
»Aber ich bin so viel älter als du«, sagte sie.
»Wie alt?« fragte er.
»Ich bin vierunddreißig«, erwiderte sie.
»Ich bin achtundzwanzig«, sagte er.
»Sechs Jahre.«
Sie war davon merkwürdig berührt, ja es schien ihr sogar Freude zu machen. Er saß und hörte ihr zu und wunderte sich. Es war so wundervoll, so ganz von ihr übersehen zu werden, während sie so an ihn gelehnt dalag und er sie mit jedem Atemzuge hob und ihr Gewicht auf sich ruhen fühlte; das verlieh ihm Vollkommenheit und eine unverletzliche Machtfülle. Er nahm nicht an ihr teil. Er kannte sie nicht einmal. Es war so merkwürdig, wie sie mit ihrem Körpergewicht so hingegeben dalag. Er schwieg vor Entzücken. Er fühlte seine Körperkraft, wie er sie mit seinem Atem hob. Die seltsame, unverletzliche Vollkommenheit ihrer beiden Wesen ließ ihn sich stark und sicher wie Gott vorkommen. Voller Vergnügen dachte er daran, was der Vikar wohl sagen würde, wenn er dies wüßte.
»Du brauchst hier nicht mehr lange in der Wirtschaft bleiben«, sagte er.
»Ich bin hier aber ganz gern«, sagte sie. »Wenn man an so vielen Stellen gewesen ist, ist es hier recht nett.«
Hierauf schwieg er wieder still. So dicht an ihm lag sie da und doch antwortete sie ihm wie aus weiter Ferne. Aber er machte sich nichts daraus.
»Wie wars bei dir zu Hause, als du noch klein warst?« fragte er.
»Mein Vater besaß ein Gut«, erwiderte sie. »Es war dicht an einem Flusse.«
Dies sagte ihm nicht viel. Alles blieb so unbestimmt wie zuvor. Aber das kümmerte ihn nicht, solange sie nur dicht an ihm lag.
»Ich bin auch ein Gutsbesitzer –, ein kleiner«, meinte er.
»Ja«, sagte sie.
Er wagte sich nicht zu rühren. Er saß da mit seinen Armen um sie geschlungen, und sie ruhte regungslos auf seiner atmenden Brust, und lange Zeit rührte er sich nicht. Dann lagerte seine Hand sich langsam, furchtsam auf der Rundung ihres Armes, auf dem Unbekannten. Sie schien sich noch enger an ihn zu schmiegen. Eine heiße Flamme stieg ihm aus den Eingeweiden die Brust empor.
Aber es war noch zu früh. Sie stand auf und schritt durch den Raum auf eine Schublade zu, aus der sie ein kleines Deckchen nahm. Es lag etwas Ruhiges, Berufsmäßiges auf ihr. Sie hatte ihrem Manne sowohl in Warschau als auch später während des Aufstandes als Pflegerin zur Seite gestanden. Sie fuhr mit ihrem Zurechtsetzen des Geschirres fort. Es war, als bemerkte sie Brangwen gar nicht. Er saß aufrecht da, unfähig, diesen Widerspruch in ihr zu ertragen. Sie schritt undurchforschlich umher.
Während er so nachdenklich und verwundert dasaß, trat sie dicht vor ihn hin und sah ihn mit ihren weiten, grauen Augen an, die beinahe in einem schwachen inneren Lichte lächelten. Ihr häßlich-schöner Mund aber blieb immer noch regungslos und traurig. Ihm war bange.
Sein Blick, angestrengt und unruhig von all dem Ungewohnten, zitterte ein wenig vor ihr; er fühlte, daß er bebte, und doch stand er auf, wie auf einen Wink von ihr, und küßte ihren schweren, traurigen, breiten Mund, der, obschon geküßt, nicht anders wurde. Die Furcht war zu stark in ihm. Er hatte sie noch immer nicht gewonnen.
Sie wandte sich ab. Die Pastorenküche war unordentlich, und kam ihm doch so wunderschön in ihrer und des Kindes Unordnung vor. Es lag eine so wunderbare Abgeschiedenheit über ihr, und dann irgend etwas mit Bezug aus ihn selbst, was ihm das Herz in der Brust schlagen machte. So stand er wie in der Schwebe hängend da und wartete.
Wieder trat sie auf ihn zu, in seinem schwarzen Anzuge, mit seinen blanken blauen Augen, die sich über sie wunderten, sein Gesicht in lebhafter Spannung, das Haar in Unordnung. Sie trat dicht an ihn heran, an seinen gespannten, schwarzgekleideten Körper, und legte ihm die Hand auf den Arm. Er blieb unbewegt stehen. Ihre Augen, in denen dunkle Gedanken an die Vergangenheit mir ihrer Leidenschaft kämpften, durchaus ursprünglich in ihrem tiefsten Untergrunde, stießen ihn gleichzeitig ab und nahmen ihn doch wieder gefangen. Aber er blieb er selbst. Er atmete mühsam, und der Schweiß brach ihm an den Haarwurzeln auf der Stirn aus.
»Du willst mich heiraten?« fragte sie ihn langsam, immer noch ungewiß.
Er war bange, er könne noch nicht sprechen. Er holte tief und schwer Atem, als er sagte:
»Ja, das will ich.«
Noch einmal, zu seiner Todesqual, beugte sie sich leicht mit einer Hand auf seinen Arm gelehnt ein wenig vor und bot ihm mit einer seltsamen ursprünglichen Aufforderung zu einer Umarmung ihren Mund dar. Der war häßlich-schön, und er konnte ihn nicht ertragen. Er preßte seinen Mund auf den ihren, und langsam, langsam kam der Gegendruck, nahm an Kraft und Leidenschaft zu, bis er auf ihn einzudonnern schien, so daß er es nicht länger aushalten konnte. Weiß, atemlos zog er sich zurück. Nur in seinen blauen Augen lag etwas von seinem Wesen zusammengefaßt. Und in den ihren lagerte ein schwaches Lächeln über der dunklen Tiefe.
Sie trieb wieder von ihm weg. Er wäre jetzt gern gegangen. Es war unerträglich. Er konnte es nicht länger aushalten. Er mußte gehen. Und doch war er noch unentschlossen. Aber sie wandte sich von ihm weg.
Mit einem kleinen Stich von Angst, von Verneinung, brachte er alles zur Entscheidung.
»Ich komme morgen und spreche mit dem Vikar«, sagte er und nahm seinen Hut.
Sie sah ihn an, die Augen ausdruckslos und voller Dunkelheit. Er konnte keine Antwort in ihnen finden.
»Das ist doch genug, nich?« sagte er.
»Ja«, sagte sie, ein bloßer Widerhall ohne Sinn oder Bedeutung.
»Gute Nacht«, sagte er.
»Gute Nacht.«
Er ließ sie stehen, ausdruckslos und leer wie sie war. Dann fuhr sie fort das Teebrett für den Vikar fertig zu machen. Da sie den Tisch brauchte, legte sie die Narzissen auf die Anrichte, ohne sie zu beachten. Nur ihre Kühle, als sie sie anfaßte, hallte lange in ihr nach.
Sie waren sich so fremd, mußten sich immer so fremd bleiben, daß seine Leidenschaft ihm zu lauter Qual wurde. Eine derartige Innigkeit in ihrer Umarmung, und solche äußerste Fremdheit in der Berührung! Das war unerträglich. Er konnte den Gedanken an ihre Nähe nicht ertragen und sich dabei gleichzeitig über ihre gänzliche Verschiedenheit, ihre vollständige Fremdheit so völlig klar sein. Er trat in den Wind hinaus. Große Löcher waren in den Himmel geweht, das Mondlicht flog umher. Zuweilen sprang der hochstehende Mond, feucht-glänzend, aus einer Wolkenhöhle und verbarg sich hinter bräunlich schimmernden Wolkensäumen. Dann war ein dunkler Wolkenfleck da, und es wurde dunkel. Dann strahlte es irgendwo in der Nacht wieder auf, wie leuchtende Dämpfe. Und am ganzen Himmel schwoll es auf und fegte einher, ein wüstes Durcheinander fliegender Formen und Dunkelheit und fetzenhafter Dünste von Licht und großen, braunen, kreisrunden Lichtbogen, dann sprang wie ein plötzlicher Schrecken der Mond für einen Augenblick hervor, flüssig glänzend, und tat den Augen weh, bevor er sich wieder in den Schatten einer Wolke stürzte.
Zweites Kapitel.
Sie leben in der Marsch
Inhaltsverzeichnis
Sie war die Tochter eines polnischen Gutsbesitzers, der wegen seiner tiefen Verschuldung an die Juden eine reiche Deutsche geheiratet hatte und gerade vor dem Aufstande gestorben war. Sehr jung noch hatte sie Paul Lensky geheiratet, einen gebildeten Menschen, der in Berlin studiert hatte und als Vaterlandsfreund nach Warschau zurückgekehrt war. Ihre Mutter hatte einen deutschen Kaufmann geheiratet und war fortgezogen.
Lydia Lensky wandte sich nach ihrer Hochzeit mit dem jungen Arzt gleichfalls den Vaterlandsfreunden zu und warf jeden Zwang des Gesellschaftslebens von sich. Sie waren arm, aber sehr hochmütig. Um ihre Unabhängigkeit zu bezeigen, lernte sie Krankenpflege. Sie vertraten in Polen die neue Bewegung, die grade in Rußland ihren Anfang nahm. Aber sie waren sehr vaterländisch gesinnt und zugleich sehr »europäisch«.
Sie hatten zwei Kinder. Dann kam der große Aufstand. Lensky, sehr heißblütig und redegewandt, lief umher und hetzte seine Landsleute auf. Kleine Polen liefen durch die Straßen Warschaus auf ihrem Marsche, um jeden Moskowiter zu erschießen. Schließlich traten sie ins südliche Rußland über, und es war für eine Handvoll kleiner Aufständischer etwas ganz Gewöhnliches, mit geschwungenen Säbeln und sprudelnden Redensarten in ein jüdisches Dorf einzureiten und der Tat Nachdruck zu verleihen, daß sie jeden Moskowiter erschießen würden.
Auch Lensky war so eine Art Feuerfresser. Lydia war unter dem Einfluß ihres deutschen Blutes und ihrer ganz anderen Herkunft gemäßigter, dennoch wurde sie unbewußt von ihres Gatten eindringlichen Erklärungen und dem Toben seiner Begeisterung mitgerissen. Er war wirklich tapfer, aber keine Tapferkeit hätte der Lebhaftigkeit seiner Reden gleichkommen können. Er arbeitete sehr angestrengt, bis nichts mehr an ihm lebendig war als seine Augen. Und Lydia folgte ihm wie behext, wie sein Schatten, ihm dienend, wie sein Widerhall. Zuweilen hatte sie ihre beiden Kinder bei sich, zuweilen ließen sie sie allein.
Einmal kamen sie wieder, um sie beide an Diphtherie gestorben vorzufinden. Der Mann weinte laut, ohne Rücksicht auf seine Umgebung. Aber der Krieg tobte weiter, und bald war er wieder in seinem Beruf. Über Lydias Geist hatte sich Dunkelheit gelagert. Sie ging stets wie überschattet umher, still, im Banne eines seltsamen, tiefen Schreckens; sie sehnte sich nach Beruhigung durch etwas Furchtbares, durch Eintritt in ein Kloster, um das Gefühl des Furchtbaren in ihrem Inneren durch den Gottesdienst eines dunklen Glaubens zu befriedigen. Aber sie konnte nicht.
Dann kam ihre Flucht nach London. Für Lensky, den kleinen, schmächtigen Menschen, schloß sich das ganze Leben zu einem einzigen Widerstandsgefühl zusammen, das einfach unlösbar war. Er lebte in einer Art wahnsinniger Reizbarkeit dahin, empfindlich, hochmütig bis an die Grenzen der Möglichkeit, widerspenstig, so daß er sich als Hilfsarzt an einem der großen Krankenhäuser sehr bald unmöglich machte. Sie waren beinahe Bettler. Aber er hielt dennoch an der hohen Meinung seiner selbst fest, er schien in einer Art Sinnestäuschung zu leben, in der er die Rolle eines sehr lebendigen großen Herrn spielte. Seine Gattin behütete er eifersüchtig gegen das Beschämende ihrer Stellung, er war um sie wie ein geschwungenes Schwert, ein merkwürdiger Anblick für englische Augen; er besaß vollkommene Herrschaft über sie, als hätte er sie eingeschläfert. Sie blieb stets widerstandslos, dunkel, überschattet.
Er schwand dahin. Schon bei der Geburt des Kindes war er nichts mehr als Haut und Knochen und ein festgefaßter Gedanke. Sie sah, daß er starb, pflegte ihn, pflegte das Kind, aber in Wahrheit bemerkte sie nichts von dem allem, über ihr lagerte Dunkelheit, wie Gewissensqual, oder wie die Erinnerung an den dunklen, geheimnisvollen, wilden Ritt der Furcht, des Todes, des Schattens der Rache. Als ihr Mann starb, fühlte sie sich erleichtert. Nun würde er nicht länger um sie herumtoben.
England mit seiner Zurückhaltung und seiner Fremdartigkeit sagte ihrer Stimmung zu. Ein wenig hatte sie die Sprache schon gekannt, ehe sie herkamen, und papageienhaft pickte sie sie ziemlich leicht auf. Aber von den Engländern oder von englischer Lebensart wußte sie nichts. Diese waren für sie auch gar nicht vorhanden. Sie war wie jemand, der durch die Unterwelt geht, wo die Schatten wohl erkennbar uns umdrängen, aber sich uns nicht verständlich machen können. Sie empfand die Engländer wie eine mächtige, kalte, etwas feindselige Schar, in der sie als Sonderwesen umherging.
Die Engländer selbst dagegen benahmen sich eher zuvorkommend gegen sie, die Kirche achtete darauf, daß sie keinen Mangel litt. Leidenschaftslos, wie ein Schatten, durch das Kind zu Ausbrüchen qualvoller Liebe gebracht, schritt sie einher. Ihr sterbender Gatte mit seinen gequälten Augen und der straff gespannten Gesichtshaut war für sie zu einer Vorstellung geworden, er war nicht länger Wirklichkeit. Sein Begräbnis, sein Fortgang waren eine Erscheinung geworden. Dann verschwand diese Erscheinung, sie empfand länger keine Unruhe mehr, die Zeit verlief grau, farblos, wie eine lange Reise, auf der sie die Landschaft ohne Bewußtsein an sich vorüberziehen ließ. Wenn sie abends ihr Kind wiegte, verfiel sie am Ende einmal in ein polnisches Schlummerlied, oder zuweilen sprach sie auch einmal polnisch mit sich selbst. Sonst dachte sie nie an Polen, oder an das Leben, dem sie angehört hatte. All das erschien ihr wie ein großer, finsterer, leerer Raum. In der äußeren Tätigkeit ihres Daseins wurde sie ganz Engländerin. Sie dachte sogar englisch. Aber wenn das leere, finstere Sinnen über sie kam, war sie Polin.
So lebte sie eine Zeitlang. Mit leichter Unruhe erwachte sie dann halb zu der Empfindung der Londoner Straßen. Sie empfand, daß es etwas um sie her gab, etwas höchst Ungewohntes, daß sie sich an einem fremden Orte befand. Und dann wurde sie aufs Land geschickt. Nun kam die Erinnerung an das Heim ihrer Kindheit wieder durch, an das große Haus auf dem Lande, an die Bauern im Dorfe.
Sie wurde nach Yorkshire geschickt, um einen alten Geistlichen in seinem Pfarrhause an der See zu pflegen. Dies war der erste Wurf des Farbenspiels, der ihr etwas vor Augen führte, was sie nicht umhin konnte zu sehen. Es tat ihrem Geiste weh, das flache Land und das Moor. Es schmerzte und schmerzte. Und doch drängte es sich ihr als etwas wirklich Lebendiges auf, es erweckte schlummernde Fähigkeiten ihrer Kindheit in ihr, es stand in Beziehung zu ihrem Ich.
Nun sah sie wieder Silber und Blau und Grün in den Lüften um sich her. Und von der See her drang ein sonderbares, nicht zu dämpfendes Licht, das sie wohl wahrnehmen mußte. Primeln glühten um sie her, viele, und sie bückte sich zu dem beunruhigenden Bilde zu ihren Füßen, sie pflückte sogar ein oder zwei Blumen und dachte bei ihren neuen, lebenverkündenden Farben an das, was gewesen war. Wenn sie oben am Fenster saß, drang den ganzen Tag von der See her dies Licht, unaufhörlich, unaufhörlich, ohne Widerstand auf sie ein, bis es sie mit sich fortzuziehen schien in die Ferne, und das Tosen der See erzeugte Schläfrigkeit in ihr, ein Erschlaffen wie im Schlummer. Das Gefühl, als sei sie nur ein totes Spielwerk, wurde etwas schwächer, sie strauchelte zuweilen, und ein schneidendes, rasch emportauchendes Gefühl, daß sie doch ein lebendes Kind besäße, tat ihr unsagbar weh. Ihre Seele füllte sich mit Aufmerksamkeit. Sehr eigentümlich war ihr der beständige Glanz der See, die blau unter dem Himmel dalag, sehr süß und warm kam ihr der Friedhof vor in seinem Winkel des Hügels, wo er jeden Sonnenstrahl einsog und festhielt, wie man eine betäubte Biene zwischen den flachen Händen hält. Graues Gras und Flechten und eine kleine Kirche, und Schneeglöckchen zwischen dem rauhen Grase, und eine Fülle unendlich warmen Sonnenscheines.
Ihre Gedanken waren voller Unruhe. Wenn sie den unter Bäumen dahinfließenden Bach hörte, fuhr sie auf und wunderte sich, was das sein könne. Schritt sie dann hinunter, so kamen ihr die Glockenblumen unter den Bäumen wie glühende Zeichen einer neuen Gegenwart vor.
Der Sommer kam, das Moor war übersät mit Glockenblumen wie der Weg mit Wasserlachen, die Heide bekam unter dem hohen Himmel einen rosigen Glanz, von dem die ganze Welt erwachte. Und sie wurde unruhiger. Ging sie an Ginsterbüschen vorbei, so schrak sie vor ihrer Gegenwart zurück, in die Heide schritt sie hinein wie in ein erregendes Bad, das fast schmerzte. Ihre Finger fuhren über die zusammengeballten ihres Kindes, sie hörte zerstreut seine sehnsuchtvolle Stimme bei seinen Versuchen, sie zum Reden zu bringen.
Und wieder schrak sie zurück, zurück in ihre Finsternis und hielt sich dort so eine Weile sicher vor allem Leben verborgen. Aber der Herbst kam mit dem schwachen, rötlichen Schimmer singender Rotkehlchen, Winter dunkelte über dem Moore und fast wild wandte sie sich dem Leben wieder zu, forderte ihr Leben zurück, verlangte es wieder so, wie es zu ihrer Mädchenzeit gewesen war, zu Hause auf dem Lande unter freiem Himmel. Schnee lag weit und breit, die Telegraphenstangen liefen über die weiße Erde unter dem drohenden Himmel dahin. Und wieder stieg der wilde Wunsch in ihr empor, dies möchte Polen sein, alles möchte wieder ihr eigen sein.
Aber es waren keine Schlitten, keine Glöckchen dabei, sie sah keine Bauern wie ganz neue Menschen daherkommen, mit ihren Schafpelzen und mit den fröhlichen, geröteten, frischen Gesichtern, die wie ganz neu aussahen bei dem Leuchten des Schnees am Boden. Es kam nicht zu ihr zurück, das Leben ihrer Jugend, es kam nicht wieder. Ein schwacher Kampf und dann ein Zurückversinken in die Finsternis des Klosters, wo Satan und seine Teufel um die Mauern heulten und Christus weiß an seinem Siegeskreuze hing.
Vom Krankenzimmer aus sah sie den Schnee vorbeiwirbeln wie eine Schar eiliger Schatten, die zu einer letzten Sendung hinaus auf die bleierne, endlose See flogen, über die weißen Grenzsäume der Küstenbuchten und die schneegefleckte Schwärze halb untergetauchter Klippen. Aber nahebei lag der Schnee auf den Bäumen weich wie Blüten. Nur die Stimme des sterbenden Vikars tönte grau und klagend aus dem Hintergrunde.
Als aber die Zeit kam, daß die Schneeglöckchen durchbrachen, war er tot. Er war tot. Aber mit seltsamem Gleichmut beobachtete die rückkehrende Frau die Schneeglöckchen am Saume des Rasens zu ihren Füßen, die der Wind wohl bleichen, aber nicht fortwehen konnte. Sie beobachtete ihr flatterndes Auf- und Abtauchen, die geschlossenen, weißen Blüten, die nur mit einem Fädchen an dem graugrünen Grase hingen und doch nicht fortgeweht werden konnten, nie im Winde davontrieben.
Als sie am Morgen aufstand, brach die Dämmerung weiß herein mit Lichtschauern, wie ein dünner Schneesturm wehten sie aus dem Osten herüber, wehten stärker und immer wilder, bis das Rosa und Gold erschien und die See dort unten hell wurde. Es ließ sie ganz gleichgültig und unempfindlich. Und doch stand sie bereits außerhalb des Bannes der Finsternis.
Wieder ging eine Zeit der Dunkelheit, anbetendes Versinken in altvertraute Furcht über sie hin, als sie ganz selbstvergessen nach Cossethay geschickt wurde. Hier gab es zuerst nichts, gar nichts – einzig graues Nichts. Aber dann umfing sie eines Morgens der Abglanz goldenen Jasmins und späterhin morgens und abends der unaufhörliche Gesang der Drosseln in den Büschen, bis ihr Herz unter diesem Ansturm sich gezwungen sah, im Wettbewerb antwortend seine Stimme zu erheben. Kleine Weisen kamen ihr ins Gedächtnis zurück. Sie war voller Unruhe, als ängstige sie sich. Widerstrebend mußte sie sich geschlagen bekennen, und aus der Furcht vor der Finsternis wandte sie sich zu der Furcht vor dem Licht. Gern hätte sie sich im Hause verborgen, hätte sie es nur gekonnt. Vor allem sehnte sie sich nach dem Frieden und der Vergessenheit ihres ehemaligen Daseins. Sie konnte die neue Berührung mit der Wirklichkeit nicht ertragen. Die ersten Wehen ihrer Wiedergeburt waren so scharf, daß sie wußte, sie könne sie nicht ertragen. Lieber zerrissen, verstümmelt, außerhalb alles Lebens bleiben, als in diese neue Geburt hineingerissen zu werden, die sie nicht überleben konnte. Sie fühlte nicht die Kraft in sich, hier unter dem fremden, so feindseligen Himmel Englands zu neuem Leben zu erwachen. Sie wußte, sie würde früh sterben, eine farblose, duftlose Blume, die des Winters Ende mitleidlos ins Leben setzt. Und sie wollte ihr Maß flimmernden Lebens bewahren.
Aber ein sonnenheller Tag kam, so voll Duft des Seidelbastes, an dem die Bienen in die gelben Krokus hinabtaumelten, daß sie vergaß, daß sie sich als eine andere fühlte, nicht als sie selbst, voller Freude. Aber sie wußte, wie gebrechlich diese Empfindung war, und hatte Angst vor ihr. Der Vikar streute Erbsenblüten zwischen die Krokus, damit seine Bienen sich in ihnen tummeln könnten, und sie lachte. Dann kam die Nacht mit ihren funkelnden Sternen, die sie von alters her, aus ihrer Mädchenzeit kannte. Und sie funkelten so hell, daß sie merkte, sie seien Sieger.
Sie vermochte weder zu wachen noch zu schlafen. Wie zwischen ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft zermalmt, wie eine Blume, die über die Erde hinaufsteigt, um zu finden, daß ein großer Stein über ihr lagert, so hilflos kam sie sich vor.
Ihre Verwirrung, ihre Hilflosigkeit dauerten fort, sie fühlte sich von riesigen Massen umgeben, die sie zermalmen mußten. Und da gab es kein Entrinnen. Außer in ihrer alten Selbstvergessenheit, in der kalten Finsternis, die sie zurückzuhalten strebte. Aber der Vikar zeigte ihr Eier in dem Drosselnest neben der Hintertür. Sie sah selbst die Drosselmutter auf dem Neste und die Art, wie diese ihre Flügel so hastig über ihr Geheimnis breitete. Die ausgebreiteten, hastigen Flügel auf dem Neste erregten sie mehr, als sie ertragen konnte. Sie dachte an sie des Morgens, wenn sie erwachend das Pfeifen des Drosselmännchens hörte, und dachte: »Warum bin ich nicht da draußen gestorben, warum hat man mich hierhergebracht?«
Sie empfand die Leute in ihrer Umgebung nicht als Menschen, sondern als drohende Gespenster. Es wurde ihr sehr schwer, sich wieder zurechtzufinden. In Polen waren die Bauern, das Volk für sie nur Vieh gewesen, ihr gehöriges Vieh, das sie nach Belieben ausnutzen konnte. Was waren dies für Leute? Nun sie erwachte, fühlte sie sich verloren.
Aber als Brangwen an ihr vorbeiging, hatte sie die Empfindung, als habe er sie gestreift. Ihr ganzer Körper war in Erregung geraten, als sie den Hügel hinanstieg. Nachdem sie in der Küche auf der Marsch bei ihm gewesen war, hatte sich die Stimme ihres Körpers stark und dauernd erhoben. Sehr bald verlangte sie nach ihm. Er war der Mann, der ihr bei ihrem Wiedererwachen am nächsten gestanden hatte.
Und doch versank sie immer wieder in die alte Bewußtlosigkeit, Gleichgültigkeit, und ein innerer Wille sagte ihr, sie dürfe nicht weiter ins Leben hinein. Aber dann erwachte sie eines schönen Morgens und fühlte ihr Blut strömen, fühlte sich wie eine geöffnete Blüte ohne Schutz den Sonnenstrahlen ausgesetzt und voller Sehnsucht.
Sie lernte ihn besser kennen, und ihr Gefühl heftete sich an ihn –, just an ihn. Ihr Gefühl war stark gegen ihn, weil er nicht von ihrer Art war. Aber ein blinder Trieb veranlaßte sie, ihn zu nehmen, ihn zu besitzen, und sich dann ganz ihm hinzugeben. Das bedeutete Sicherheit. Sie fühlte, wie sicher seine Wurzeln, sein Leben war. Auch war er jung und so frisch. Sie erfreute sich an dem blauen, stetigen Leben in seinen Augen wie an einem schönen Morgen. Er war sehr jung.
Dann verfiel sie wieder in ihre Starre, ihre Gleichgültigkeit. Aber das würde sicherlich nur vorübergehend sein. Wärme durchflutete sie, sie fühlte, wie sie sich öffnete, entfaltete, fragend, wie eine Blume sich der Sonne mit einer Frage erschließt, wie die Schnäbel junger Vögelchen sich lediglich öffnen, um zu empfangen, zu empfangen! Und entfaltet wandte sie sich ihm zu, gradeswegs Und er kam, langsam, furchtsam, von einer geheimnisvollen Furcht zurückgehalten und von einem Sehnen getrieben, mächtiger als er selbst.
Als sie sich öffnete und ihm zuwandte, da verschwand alles Vergangene und alles, was sie umgab, sie war neu wie eine sich eben entfaltende Blume, die bereit, erwartungsvoll, empfangend dasteht. Er konnte das nicht verstehen. Infolge dieses Mangels mußte er zu ehrbarem Werben und geheiligter, gesetzlich anerkannter Ehe schreiten. Daher blieb sie nach seinem Gang zum Pfarrhause, als er um sie angehalten hatte, ein paar Tage lang wie gefangen in diesem Zauber, geöffnet, empfangend vor ihm. In ihm war die Urwelt los. Er sprach mit dem Vikar und ließ sich aufbieten. Dann stand er und wartete.
Sie verblieb ihm gegenüber aufmerksam und vollgefühlsmäßiger Erwartung, entfaltet, bereit ihn zu empfangen. Er aber konnte nicht, teils aus Furcht vor sich selber und dann wegen seiner Begriffe von ihr schuldiger Verehrung. So blieb er in einem Zustande von Verwirrung.
Und nach ein paar Tagen schloß sie sich allmählich wieder, entschwand ihm, sie zog eine Schutzhülle über, wurde undurchdringlich für ihn und vergaß seiner. Dann breitete sich schwarze, bodenlose Verzweiflung über ihn, und er merkte, was er verloren habe. Er dachte, er habe sie endgültig verloren, er empfand, was es für ihn bedeutet habe, mit ihr in Gedankenaustausch zu stehen und dann wieder verstoßen zu werden. In seinem Elend war ihm das Herz schwer wie ein Stein, er ging wie leblos umher.
Bis er dann schließlich so verzweifelt wurde, daß er fast den Verstand verlor und in eine Wut verfiel, die keine Grenzen kannte. Sprachlos bewegte er sich aus der Marsch in heftiger, düsterer, wortloser Leidenschaft umher, die fast wie Haß gegen sie aussah. Bis sie dann allmählich wieder zum Leben erwachte, wieder ihrer gemeinsamen Beziehungen gewahr wurde, sich ihm aufs neue zu erschließen, ihm entgegenzuströmen begann. Er wartete, bis der Zauber zwischen ihnen wieder mächtig wurde, bis sie wieder in einer brausenden, stürmenden Flamme zusammenkamen. Und dann überkam ihn wieder Verwirrung, er war wie mit Stricken gebunden und konnte sich nicht zu ihr hinbewegen. So kam sie zu ihm, sie knöpfte ihm die Weste über der Brust auf und das Hemd, und legte ihm die Hand auf die Brust in dem Zwange, ihn kennen zu lernen. Denn für sie war es grausam, sich ihm erschließen und ihm anbieten zu sollen und dann noch nicht zu wissen, wer er war, nicht einmal ob er wirklich da sei. Sie gab sich der Stunde hin, aber er vermochte das nicht, und verpaßte so die Gelegenheit, sie hinzunehmen.
So lebte er bis zur Hochzeit in der Schwebe, als sei nur die Hälfte seines Wesens noch am Leben. Sie verstand das nicht. Aber wieder kam die Unsicherheit über sie, und die Tage schlichen hin. Er konnte zu keiner wirklichen Berührung mit ihr kommen. Für den Augenblick ließ sie ihn wieder gehen.
Er litt sehr unter dem Gedanken an das eigentliche Zusammenleben, an die Vertraulichkeit und Blöße der Ehe. Er kannte sie ja so wenig. Sie waren sich ja so fremd, so unbekannt. Und sie konnten auch nicht recht miteinander reden. Wenn sie von Polen oder ihrer Vergangenheit erzählte, war ihm das alles so fremd, sie vermittelte ihm damit so gar nichts. Und wenn er sie dann ansah, so wandelte eine übertriebene Ehrfurcht und Angst vor dem Unbekannten sein Sehnen in eine Art Verehrung um, die sie gegen seinen Willen seinen fleischlichen Wünschen fernhielt.
Sie wußte dies nicht, sie merkte es nicht. Sie hatten sich angesehen und sich gegenseitig hingenommen. Das war richtig, und dagegen gab es kein Stemmen, es war zwischen ihnen alles in Ordnung.
Während der Hochzeit blieb sein Gesicht steif und ausdruckslos. Er hätte gern getrunken, um von seinen Ängsten und Hintergedanken loszukommen, um den richtigen Augenblick herbeizuführen. Aber er konnte nicht. Die Spannung seines Herzens verstärkte sich nur. Die Scherze und die witzigen, offenherzigen Anspielungen seiner Gäste machten ihn nur noch zurückhaltender. Er konnte sie nicht anhören. Er war von dem Bevorstehenden wie besessen und konnte nicht davon freikommen.
Sie saß ruhig mit einem stillen, seltsamen Lächeln da. Da sie ihn genommen hatte, wünschte sie ihn auch ganz für sich zu haben, sie gehörte nun gänzlich der Stunde an. Keiner Zukunft, keiner Vergangenheit, nur dieser ihrer Stunde. Sie nahm ihn nicht einmal wahr, wie er da neben ihr am Kopfende der Tafel saß. Er war ihr ganz nahe, ihre Vereinigung stand nahe bevor. Was wollte sie weiter!
Als die Abschiedszeit für die Gäste herankam, entzündete sich ihr dunkles Gesicht mit einem sanften Licht, die Haltung ihres Kopfes wurde stolz, ihre grauen Augen waren hell und weit geöffnet, so daß die Männer sie nicht ansehen konnten und die Frauen sich von ihrem Anblick erhoben fühlten, sie beteten sie an. Ganz wundervoll war sie beim Abschied, ihr häßlicher, breiter Mund lächelte vor Stolz und Verständnis, ihre Stimme klang weich und voll in den fremden Tönen, ihre weit offenen Augen sahen nicht einen einzigen der sich verabschiedenden Gäste. Ihr Benehmen war liebenswürdig und bezaubernd, aber sie übersah vollkommen ihn oder sie, denen sie grade die Hand gab.
Und Brangwen stand neben ihr und tauschte mit seinen Freunden einen treuherzigen Handschlag und nahm dankbar jede Aufmerksamkeit entgegen, erfreut über ihre Achtung. Aber sein Herz stand Qualen aus, er versuchte auch nicht einmal zu lächeln. Die Zeit seines Gerichts und seiner Zulassung, sein Gethsemane und sein Einzug zugleich war nun gekommen.
Hinter ihr lag noch so vieles verborgen, was er nicht kannte. Wenn er sich ihr näherte, stieß er auf so furchtbar viel Unbekanntes, das ihm peinlich war. Wie konnte er all das umfassen und es ergründen? Wie sollte er seine Arme um all dies Dunkel legen, es an seine Brust drücken und sich ihm hingeben? Was konnte ihm dabei nicht zustoßen? Mochte er sich auch ewig strecken und härmen, nie würde er das alles verstehen und sich selber nackt und bloß aus seiner eigenen, dieser ihm unbekannten Macht ausliefern können. Wie sollte ein Mann so stark sein, daß er sie in die Arme schließen und besitzen und dabei doch nicht sicher sein konnte, er habe auch all dies Furchtbare, Unbekannte, ihm dicht am Herzen Liegende erobert? Was lag denn in ihr, dem er sich zu übergeben hatte und das er zu gleicher Zeit behalten sollte?
Er sollte ihr Gatte werden. So war es beschlossen. Und er wünschte es sehnlicher als sein eigenes Leben oder sonst irgend etwas. Sie stand in ihrem Seidenkleide neben ihm, ihn mit seltsamen Blicken anschauend, so daß ein gewisser Schrecken, eine Angst vor ihr von ihm Besitz ergriff, weil sie so seltsam und drohend aussah und ihm keine Wahl ließ. Er konnte den Blick unter ihren starken, seltsamen Brauen hervor nicht mehr aushalten.
»Ist es spät?« fragte sie.
Er sah auf die Uhr.
»Nein – halb zwölf«, sagte er. Und er brauchte eine Ausflucht, um in die Küche gehen zu können und sie im Zimmer inmitten der Unordnung halbgeleerter Trinkgläser stehen zu lassen.
Lilly saß in der Küche am Feuer, den Kopf in den Händen. Sie fuhr bei seinem Eintritt in die Höhe.
»Wat bist du nich to Bedde gohn?« sagte er.
»Ick dach, ick moch woll beter hier blieben und wegsluten un so«, antwortete sie. Ihre Erregung machte ihn ruhiger. Er gab ihr einen kleinen Auftrag und ging dann ruhig, beinahe beschämt, aber nun ganz fest wieder zu seiner Frau. Sie stand und beobachtete ihn einen Augenblick, während er sich mit weggewandtem Gesicht herumbewegte. Dann sagte sie:
»Du wirst gut gegen mich sein, nicht wahr?«
Sie war klein, mädchenhaft, furchtbar, mit einem sonderbar umfassenden Blick in den Augen. Sein Herz hüpfte in einem Ansturm von Liebe und Sehnsucht in ihm empor, er schritt blind auf sie zu und schloß sie in seine Arme.
»Das will ich«, sagte er, als er sie fester und fester an sich preßte. Sie fühlte sich durch die Kraft seiner Umarmung beruhigt und blieb ganz still, hingegeben an ihn gelehnt, sich mit ihm vermischend. Und er riß sich von Zukunft und Vergangenheit los und überließ sich mit ihr der Stunde. Der Stunde, in der er sie hinnahm und bei ihr war und nichts um sie mehr da war und sie in einer urgewaltigen Umarmung über ihre äußerliche Fremdheit hinauswuchsen. Aber am Morgen war er wieder unruhig. Sie war ihm wieder fremd und unbekannt. Nur lag Stolz in seiner Furcht, der feste Glaube, daß er ihr zum Genossen bestimmt sei. Und sie, die in der Stunde, da sie in dies neue Leben eintrat, alles vergessen hatte, erstrahlte vor freudigem Kraftgefühl, so daß er davor erzitterte, sie zu berühren.
Die Ehe bedeutete für ihn eine gewaltige Veränderung. Alles erschien ihm so fern, so bedeutungslos, nun er die mächtige Quelle seines Lebens erkannte, seinen Augen öffneten sich neue Welten, und er wunderte sich, wenn er daran dachte, wie gleichgültig ihm früher dies alles gewesen war. Es zeigte sich ihm eine neue, beruhigende Verwandtschaft in den Dingen, die er um sich her sah, in seinem Vieh, wenn er es pflegte, in seinem jungen Weizen, wenn er im Winde schwankte.
Und immer, wenn er nach Hause kam, ging er ruhig, erwartungsvoll, wie ein Mann, der einer tiefen, unbekannten Befriedigung entgegengeht. Zur Essenszeit erschien er in der Tür und blieb einen Augenblick stehen, um zu sehen, ob sie da wäre. Er sah zu, wie sie die Teller auf den weißgescheuerten Tisch setzte. Ihre Arme waren dünn, sie trug ein enganliegendes Leibchen und weite Röcke, hatte einen dunklen, feingeformten Kopf mit schlicht anliegendem Haar. Indessen war es grade ihr Kopf, so feingeformt und aufregend, der sie ihm als seine Frau enthüllte. Wie sie da in ihrer engen Jacke, den weiten Röcken und mit ihrer kleinen seidenen Schürze herumwirtschaftete, ihr dunkles Haar schlicht gescheitelt, enthüllte sich ihm ihr Kopf in seiner ganzen innerlichen, zarten Schönheit, und er wußte, sie war seine Frau, er kannte ihr innerstes Wesen, das nun sein eigen sein sollte. Und auf die Weise schien er in Berührung mit ihr, in Berührung mit dem Unbekannten, dem Unberechenbaren und nicht Vorherzusehenden zu leben.
Mit Bewußtsein achteten sie nicht besonders viel aufeinander.
»Ich komme wohl ein bißchen früh?« sagte er.
»Jawohl«, erwiderte sie.
Er wandte sich zu den Hunden oder zu der Kleinen, wenn sie da war. Die kleine Anna spielte auf dem Hofe herum, sauste alle Augenblicke herein, um ihre Mutter irgend etwas zu fragen, die Arme um ihrer Mutter Röcke zu schlagen, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen und vielleicht einmal gestreichelt zu werden und um dann wieder vergessend hinaus zu fliegen.
Wenn Brangwen dann zu dem Kinde oder zu dem Hunde zwischen seinen Knien sprach, dann wurde er wohl sein Weib gewahr, wie sie sich in ihrem enganliegenden Leibchen und dem Spitzentuche nach dem Eckbord emporreckte. Mit einem scharfen Stich wurde er gewahr, daß sie ihm und er ihr angehörte. Er wurde gewahr, daß er nur durch sie lebte. War sie sein eigen? War sie hier für immerdar? Oder konnte sie wieder weggehen? Sie gehörte ihm nicht wirklich an, es war keine wirkliche Ehe, die Ehe zwischen ihnen beiden. Sie konnte wieder gehen. Er fühlte sich nicht als ihren Herrn, ihren Gatten, den Vater ihrer Kinder. Sie gehörte woanders hin. Jeden Augenblick konnte sie gehen. Und er fühlte sich stets zu ihr hingezogen, hinter ihr her, mit ewig brennender, ewig unbefriedigter Sehnsucht. Immer müßte er heimkehren, wohin ihn seine Schritte auch führten, immer zu ihr, und nie könnte er sie völlig erreichen, nie würde er sich ganz befriedigt, ganz beruhigt fühlen, weil sie ja doch wieder fortgehen konnte.
Abends wurde er froh. Wenn er dann auf dem Hofe fertig war und hereinkam und sich gewaschen hatte, wenn das Kind zu Bett gebracht war, dann konnte er ihr gegenüber am Feuer sitzen mit seinem Bier auf dem Vorsetzer und der langen, weißen Pfeife zwischen den Fingern, sicher, daß sie ihm gegenüber saß, an ihrer Stickerei arbeitend oder mit ihm sprechend, und nun fühlte er sich bis zum Morgen bei ihr geborgen. Sie war merkwürdig selbstgenügsam und sprach wenig. Gelegentlich hob sie einmal den Kopf, und ihre grauen Augen erglänzten in einem sonderbaren Lichte, das nichts mit ihm oder seinem Eigentum zu schaffen hatte, und dann erzählte sie ihm von sich. Sie schien dann wieder in ihrer Vergangenheit zu leben, meistens in ihrer Kinder- oder Mädchenzeit, bei ihrem Vater. Sehr selten sprach sie von ihrem ersten Manne. Aber manchmal war sie auch mit strahlenden Augen wieder in ihrem alten Heim, und dann erzählte sie ihm von dem Aufstande, der Fahrt nach Paris mit ihrem Vater, Geschichten von Wahnsinnstaten der Bauern, als eine Welle gottsuchender, selbstvernichtender Wut über das Land hingegangen war. Dann pflegte sie den Kopf zu heben und zu erzählen:
»Als sie die Eisenbahn über das Land gebaut hatten, legten sie nachher kleinere Bahnen an, mit schmalerer Spur, die auch bis zu unserer Stadt gingen – hundert Meilen weit. Als ich noch ein kleines Mädchen war, war Gisla, meine deutsche Erzieherin, immer sehr entsetzt und wollte mir nie etwas erzählen. Aber ich hörte, was die Dienstboten sich erzählten. Ich weiß noch, Peter, der Kutscher wars. Und mein Vater und ein paar von seinen Freunden, auch Gutsbesitzer, sie hatten ein Fuhrwerk genommen, ein ganzes Eisenbahnfuhrwerk – in dem man reist ...«
»Einen Eisenbahnwagen«, sagte Brangwen.
Sie lachte bei sich.
»Ich weiß noch, es gab eine mächtige Aufregung: ja – einen ganzen Wagen, und sie hatten Mädchen, weißt du, filles, nackt, den ganzen Wagen voll, und so kamen sie in unsere Stadt. Sie kamen durch Judenstädte und es gab eine mächtige Aufregung. Kannst du dir das vorstellen? Die ganze Landschaft! Und meine Mutter, sie liebte das nicht. Gisla sagte zu mir: ›Madame, sie darf das nicht wissen, daß du solche Dinge gehört hast‹. – Meine Mutter, sie weinte oft, und sie wollte meinen Vater schlagen, richtig schlagen. Er pflegte dann zu sagen, wenn sie weinte, weil er den Wald verkauft hatte, das Holz, um mit dem Gelde in der Tasche zu klimpern und nach Warschau oder Paris oder Kiew zu fahren, wenn sie dann sagte, er müsse sein Wort zurücknehmen, er dürfte den Wald nicht verkaufen, dann stand er da und sagte: ›Ich weiß, ich weiß, ich weiß, das habe ich alles schon gehört, das habe ich alles schon früher gehört. Erzähl mir doch mal was anderes! Ich weiß, ich weiß, ich weiß!‹ Oh, aber kannst du das begreifen, ich liebte ihn, wenn ich ihn so in der Tür stehen sah und er dann bloß sagte: ›Ich weiß, ich weiß, das kenne ich alles schon.‹ Sie konnte ihn nicht ändern, nein, und wenn sie sich deswegen umgebracht hätte. Und sie konnte doch jeden anderen ändern, nur ihn nicht, ihn konnte sie nicht ändern ...«
Brangwen konnte dies nicht verstehen. Er sah vor sich ein Bild von einem Viehwagen voll nackter Mädchen, der aus dem Nichts ins Nichts fuhr, wie Lydia lachte, weil ihr Vater große Schulden machte und sagte: »Ich weiß, ich weiß, ich weiß«; wie die Juden durch die Straßen rannten und auf jiddisch riefen: »O nicht doch, nicht doch!« und von den wahnsinnigen Bauern niedergehauen wurden – sie nannte sie »Vieh« –, wobei sie mit Spannung, ja sogar Vergnügen zusah; von Lehrern und Erzieherinnen und Paris und einem Kloster. Das war für ihn zu viel. Und da saß sie, erzählte ihre Geschichten in die leere Luft hinein, gar nicht für ihn, sich eine sonderbare Oberhoheit über ihn anmaßend; ein leerer Raum war zwischen ihnen, etwas Seltsames und Fremdartiges und außerhalb seines Lebens Stehendes, wenn sie so redend, schwatzend dasaß, ohne Zeitmaß oder Vernunft, lachend, wenn er entsetzt oder verwundert war, nichts verurteilend, seinen Geist verwirrend und die ganze Welt durcheinanderrührend, ohne jede Ordnung oder Stetigkeit irgendwelcher Art. Gingen sie dann zu Bett, so wußte er, er habe nichts mit ihr zu schaffen. Sie war wieder in ihrer Kindheit, er war ein Bauer, ein Leibeigener, ein Diener, ihr Liebhaber, ihr Schätzchen, ihr Schatten, ein Nichts. Still lag er voller Verwunderung da, starrte in dem ihm so wohlbekannten Raume umher und wunderte sich, ob er wohl wirklich noch derselbe sei, mit dem Fenster und dem Schrank, oder ob es nur ein Trugbild seines Dunstkreises sei. Und dann geriet er allmählich in eine rasende Wut gegen sie. Aber weil er so erstaunt war, und zwischen ihnen noch ein so großer Spielraum lag, und sie etwas so Sonderbares für ihn war mit all dem Wunderbaren, das von ihr ausströmte, da nahm er keine Vergeltung an ihr. Nur lag er still, die Augen vor unausgesprochener Wut weit geöffnet, ohne jedes Verständnis, aber in festgewurzelter Feindseligkeit.
Und so verblieb er voller Grimm und innerlich getrennt von ihr, äußerlich aber unverändert, nur innerlich fest in mächtigem Widerstreben gegen sie. Sie wurde dies nur allmählich gewahr. Und es reizte sie, als sie merkte, daß er eine Macht für sich darstelle. Sie verfiel in eine Art düsterer Abgeschlossenheit ihrerseits, eine merkwürdige Art von Gemeinschaft mit geheimnisvollen Mächten, eine Art wundersam-dunklen Zustand, der ihn und das Kind beinahe verrückt machte. Er ging tagelang steif vor innerem Widerstreben gegen sie umher, gesteift durch den Willen, sie, so wie sie jetzt war, zu vernichten. Dann sprang plötzlich aus dem Nichts eine neue Verbindung zwischen ihnen hervor. Das kam über ihn als er auf dem Felde arbeitete. Die Spannung, die Knechtschaft zerbrach, die Flut der Leidenschaft strömte in furchtbarem, prachtvollem Ansturm vorwärts, so daß ihm war, als könne er die Bäume am Wege abbrechen und eine neue Welt erschaffen.
Und kam er dann nach Hause, dann gab es keinerlei Anzeichen von Gemeinschaft zwischen ihnen. Er wartete und wartete, bis sie kam. Und während seines Wartens erschienen ihm seine Glieder stark und prächtig, seine Hände kamen ihm vor wie leidenschaftlich ergebene Diener, gut anzusehen, er fühlte eine riesige Lebenskraft in sich und heiß emporquellendes Blut.
Sie kam schließlich ganz sicher und rührte ihn an. Dann brach er in Flammen um sie aus und verlor sich ganz. Mit einem tiefen Lachen auf dem Grunde ihrer Augen sahen sie einander an, und dann nahm er sie aufs neue, ganz und gar, er schwelgte wie wahnsinnig in ihrem unerschöpflichen Reichtum, vergrub sich in ihren Tiefen in nicht endender Forscherwonne, und sie schwelgte währenddessen ununterbrochen in dem, was er genoß, sie schleuderte all ihre Geheimnisse zur Seite und tauchte nieder in Tiefen, die auch ihr geheimnisvoll blieben, während sie vor Furcht und äußerster Angst in Wonne bebte.
Was machte es denn aus, wer sie waren, ob sie einander kannten oder nicht?
Wieder ging die Stunde hin, eine neue Trennung entstand zwischen ihnen, und Wut und Elend und schmerzender Verlust auf ihrer Seite, Entthronung und Sklavenarbeit in der Tretmühle für ihn. Aber das machte nichts. Sie hatten ihre Stunde genossen, und sollte sie abermals schlagen, sie waren bereit, bereit das Spiel an dem Punkte wieder aufzunehmen, wo sie es abgebrochen hatten, am Saume äußerster Finsternis, wo die mit Verbissenheit aufgespürten Geheimnisse der Frau dem Manne zur Beute fallen, wo diese Geheimnisse dem Manne zum Abenteuer werden und beide sich diesem Abenteuer hingeben.
Sie wurde schwanger, und abermals entstand Stille und Entfremdung zwischen ihnen. Sie wollte weder von ihm noch von seinen Geheimnissen oder seinen Abenteuern etwas wissen, er war abgesetzt, ausgestoßen. Er schäumte vor Wut über das schmächtige Frauenzimmer mit dem häßlichen Munde, das nichts mit ihm zu tun haben wollte. Zuweilen wurde sein Grimm gegen sie laut, aber sie weinte nicht. Wie ein Tiger fuhr sie auf ihn los, und es kam zum Kampf.
Er mußte lernen an sich zu halten, und das haßte er. Er haßte sie, weil sie nicht mehr für ihn da sein wollte. Und so zog er los, irgendwohin.
Aber ein triebmäßiges Gefühl von Dankbarkeit und die Gewißheit, daß sie ihn doch wieder aufnehmen würde, daß sie späterhin auch wieder für ihn da sein würde, beschützte ihn vor zu fernen Abwegen. Er nahm sich sehr in acht, nicht zu weit zu gehen. Er wußte, sie möchte sonst in völliges Vergessen seines Daseins versinken, sie könnte von ihm fort, immer weiter, weiter, weiter treiben, bis sie für ihn verloren wäre. Er besaß genügend Verstand und inneres Warnungsgefühl, dies wohl zu bemerken und sich dementsprechend einzustellen. Denn verlieren wollte er sie nicht: er wollte sie nicht wegtreiben lassen.
Kalt nannte er sie und selbstsüchtig, nur auf sich selber bedacht, eine Fremde mit schlechtem Herzen, die sich in Wirklichkeit um nichts kümmerte, die auf dem Grunde ihrer Seele keine Spur von Gefühl besitze, nicht ein bißchen nett sein könne. Er wütete und häufte Schmähungen gegen sie auf, die wohl ein Körnchen Wahrheit in sich trugen. Aber ein gewisses Feingefühl verbot ihm auch hier, zu weit zu gehen. Er wußte, und zitterte vor Wut und Haß deswegen, daß sie ganz so gemein war, daß sie alles war, was nur gemein und schlecht sein konnte. Aber das Zartgefühl auf dem Grunde seines Herzens war da, und das sagte ihm, daß er sie doch vor allen Dingen nicht verlieren wolle, daß er sie nicht verlieren würde.
So nahm er immer noch eine gewisse Rücksicht auf sie und hielt gewisse Beziehungen zwischen ihnen aufrecht. Er ging wieder häufiger aus, in den Roten Löwen, um dem Irrsinn zu entfliehen, neben ihr sitzen zu müssen, während sie ihm doch nicht angehörte, während sie sich so weit von ihm geschieden hatte, wie eine Frau es aus Gleichgültigkeit nur tun kann. Er konnte nicht zu Hause bleiben. So zog er wieder in den Roten Löwen.
Und zuweilen betrank er sich auch. Aber er hielt Maß; gewisse Dinge zwischen ihnen setzte er nie aufs Spiel.
Ein gequälter Ausdruck trat in seine Augen, als verfolge ihn etwas unaufhörlich. Er blickte scharf und rasch umher, er konnte nicht lange untätig still sitzen. Er mußte ausgehen, um Gesellschaft zu finden und sich da gehen lassen zu können. Denn eine andere Möglichkeit sich zu äußern besaß er nicht, er konnte in der Arbeit keine Erlösung finden, dazu besaß er nicht das Wissen. Je weiter die Monate ihrer Schwangerschaft sich hinzogen, desto mehr ließ sie ihn allein, desto weniger wurde sie ihn gewahr, sein Dasein war für sie ausgelöscht. Und er fühlte sich gebunden, geknebelt, unfähig sich zu rühren, am Rande des Wahnsinnes, zu toben imstande. Denn sie blieb ruhig und höflich, als wäre er gar nicht da, mit der Höflichkeit und Ruhe, die sie den Dienstboten bezeigte.
Und dabei trug sie doch sein Kind unterm Herzen, an ihm war es also, sich zu unterwerfen. Sie saß ihm gegenüber, nähte, ihr fremdartiges Gesicht undurchforschlich und gleichgültig. Er fühlte den Wunsch, sie zur Anerkennung seiner selbst, seiner Gegenwart zu zwingen. Es war unerträglich, wie sie ihn übersah. Er wollte seine Anerkennung aus ihr herauspressen. Dieser Wunsch quälte ihn tödlich.
Aber etwas Höheres in ihm hielt ihn davon ab, zwang ihn zu Bewegungslosigkeit. So ging er aus dem Hause, um Erleichterung zu finden. Oder er wandte sich zu dem kleinen Mädchen um ihr Mitgefühl und ihre Liebe; mit aller Macht drängte er sich um Hilfe an die kleine Anna. So waren sie bald wie ein Liebespaar, Vater und Kind.
Denn er hatte Angst vor seiner Frau. Wenn sie so mit gesenktem Kopfe dasaß, arbeitend oder lesend, aber so tonlos schweigsam, daß es sich ihm wie ein Mühlstein aufs Herz legte, dann wurde sie selbst zum Mahlstein, der sich auf ihn legte, ihn zermalmte, wie zuweilen der Himmel schwer über der Erde lagert.
Und doch wußte er, er könne sie aus dem schweren Dunkel, in das sie versunken war, nicht herausreißen. Er durfte nicht versuchen, sie dazu aufzurütteln, ihn wieder zu erkennen und wieder eins mit ihm zu sein. Das würde unheilvoll, unheilig sein. Mochte er also so wild toben wie er wollte, er mußte sich zurückhalten. Aber die Handgelenke zitterten ihm wie wahnsinnig, als wollten sie zerspringen.
Als im November die Blätter mit einem klatschenden Geräusch an die Fensterladen flogen, fuhr er empor, und ein flackerndes Leuchten trat ihm in die Augen. Der Hund sah zu ihm auf und ließ den Kopf wieder gegen das Feuer sinken. Aber seine Frau wurde unruhig. Er merkte, wie sie aufhorchte.
»Das rasselt so, wenn sie fliegen«, sagte er.
»Was?« fragte sie.
»Die Blätter.«
Wieder versank sie. Die Blätter, die der Wind da draußen gegen das Holzwerk blies, waren ihm näher gekommen als sie. Die Spannung im Zimmer wurde überwältigend, es wurde ihm schwer, auch nur den Kopf zu bewegen. Er saß da mit jedem Nerv, jedem Äderchen, jeder Muskelfaser auf der Folter. Es war ihm, als sei er ein geborstener Schwibbogen, dem man seine Stütze entziehe. Denn ihr Erwidern war schon wieder vorbei, er stieß ins Leere. Und so blieb er für sich, er allein bewahrte sich vor dem Sturz ins Nichts, vor dem Zerbersten in Staub durch nichts als innere Spannung, durch rein innerlichen Widerstand.
Während der letzten Monate ihrer Schwangerschaft ging er in einem überhitzten, bedrohlichen Zustand umher, der sich nicht erschöpfen ließ. Auch sie war niedergedrückt und weinte zuweilen. Es kostete so viel Lebenskraft, von vorn wieder anzufangen, nachdem sie so übergroße Verluste erlitten hatte. Zuweilen weinte sie. Dann stand er steif da und glaubte, das Herz solle ihm zerspringen. Denn nach ihm verlangte sie nicht, sie wollte ihn nicht einmal sehen. Schon aus dem Zusammenziehen ihres Gesichts konnte er erkennen, daß er zurückstehen müßte, daß er sie unberührt, allein lassen müsse. Denn der alte Kummer war wieder über sie gekommen, der alte Verlust, der Schmerz über ihr früheres Leben, um den toten Gatten, die toten Kinder. Dies war ihr heilig, und er durfte ihr mit seinem Trost keine Gewalt antun. Was sie von ihm wollte, würde sie zu ihm führen.
Er stand abseits, das Herz geschwellt.
Er mußte zusehen, wenn ihr die Tränen kamen, ihr über das nur selten bewegte Gesicht rollten, das nur zuweilen aufzuckte, auf die Brust hernieder, die so stille war, sich nur so selten regte. Und da war kein Laut, außer daß sie hin und wieder mir einer seltsamen Bewegung wie im Schlafwachen ihr Taschentuch nahm und sich damit übers Gesicht fuhr oder sich schnaubte, und dann wieder lautlos weiter weinte. Er erkannte, jeder Versuch sie zu trösten wäre schlimmer als gar nichts, müsse ihr verhaßt sein, einen Mißklang für sie bedeuten. Sie mußte weinen. Aber es trieb ihn zum Wahnsinn. Sein Herz war siedend heiß, das Hirn schmerzte ihm im Kopfe, er ging fort, aus dem Hause.
Zur größten, zur wesentlichsten Quelle des Trostes wurde für ihn das Kind. Sie war ihm zuerst voller Zurückhaltung ferngeblieben. Wenn sie an einem Tage noch so freundlich war, am nächsten verfiel sie wieder in ihre alte Nichtachtung, hielt sich kalt, fremd in der Entfernung.
Er hatte am ersten Morgen nach der Hochzeit entdeckt, es würde nicht leicht mit dem Kinde gehen. Bei Anbruch der Dämmerung war er plötzlich aufgewacht, als er ein kleines Stimmchen vor der Tür klagen hörte:
»Mutter!«
Er stand auf und machte die Tür auf. Sie stand in ihrem Nachthemd auf der Schwelle, so wie sie aus dem Bett geklettert war, die schwarzen Augen rund und feindselig ihn anstarrend, ihr helles Haar wild umherstehend. Mann und Kind sahen einander an.
»Ich will meine Mutter«, sagte sie mit eifersüchtiger Betonung des »meine«.
»Denn komm«, sagte er freundlich.
»Wo ist meine Mutter?«
»Hier ist sie – komm mit.«
Die Kinderaugen, die den Mann mit dem strubbeligen Haar und Bart anstarrten, veränderten ihren Ausdruck nicht. Die Stimme der Mutter rief sie leise. Mit Zittern betraten die kleinen bloßen Fuße das Zimmer.
»Mutter!«
»Komm, Liebling.«
Rasch kamen die kleinen bloßen Füße näher.
»Ich wunderte mich schon, wo du wärest«, kam die klagende Stimme wieder. Die Mutter streckte die Arme nach ihr aus. Das Kind stand vor dem hohen Bett. Brangwen hob das winzige Mädelchen leicht mit einem »Hoppla!« in die Höhe und nahm dann seinen Platz im Bette wieder ein.
»Mutter!« rief das Kind scharf, als ängstige es sich.
»Was, mein Liebling?«
Anna drängte sich dicht an ihre Mutter und hielt sich eng an ihr fest, wie um nichts von dem Manne zu sehen. Brangwen lag stille und wartete. Ein langes Schweigen trat ein.
Dann sah Anna sich plötzlich nach ihm um, als dächte sie, er wäre fort. Sie sah das Gesicht des Mannes der Decke zugewandt. Voll Widerwillen starrten die schwarzen Augen in ihrem feinen Gesichtchen ihn an, ihre Arme umschlangen die Mutter fest, wie in Angst. Eine Zeitlang rührte er sich nicht, weil er nicht wußte, was er sagen sollte. Sein Gesicht war ruhig und voll sanfter Liebe, seine Augen voll eines milden Lichts. Er sah sie fast ohne sich zu bewegen mit lächelnden Augen an.
»Bist du grade erst wach geworden?« sagte er.
»Geh weg!« erwiderte sie und schnellte den Kopf ein klein wenig vor, fast wie eine Schlange.
»Ne,« antwortete er, »ich gehe nicht. Du kannst ja weggehen.«
»Geh weg!« kam wieder das scharfe, kleine Gebot.
»Is ja Platz genug für dich!« sagte er.
»Du kannst deinen Vater doch nicht aus seinem eigenen Bett jagen, mein Vögelchen«, sagte ihre Mutter scherzend.
Das Kind glühte ihn an, unglücklich in seiner Ohnmacht.
»Is ja Platz genug für dich da«, sagte er wieder. »Das Bett is groß genug!«
Ohne etwas zu erwidern, glühte sie ihn weiter an, dann plötzlich wandte sie sich und umschlang ihre Mutter. Sie wollte das nicht dulden.
Den Tag über fragte sie ihre Mutter mehrere Male:
»Wann gehen wir wieder nach Hause, Mutter?«
»Wir sind ja zu Hause, Liebling. Wir leben jetzt hier. Dies ist unser Haus, wir leben hier bei deinem Vater.«
Das Kind mußte das gezwungen zugeben. Aber sie verharrte in ihrer Stimmung gegen den Mann. Als die Nacht hereinbrach, fragte sie:
»Wo schläfst du nachher, Mutter?«
»Ich schlafe jetzt bei deinem Vater.«
Und als Brangwen hereintrat, fragte sie ihn wild:
»Warum schläfst du bei meiner Mutter? Meine Mutter schläft bei mir«, fügte sie mit zitternder Stimme hinzu.
»Komm du man auch und schlaf bei uns«, redete er ihr zu. »Mutter!« rief sie laut und wandte sich wie hilfeflehend nach ihr um.
»Aber ich muß doch einen Mann haben, Liebling. Alle Frauen müssen einen Mann haben.«
»Und du möchtest doch auch gern einen Vater und eine Mutter haben, nich?« sagte Brangwen.
Anna glühte ihn an. Sie schien nachzudenken.
»Nein!« rief sie schließlich wild, »nein, ich will gar keinen haben!« Und langsam zuckte es über ihr Gesicht, und sie begann bitterlich zu weinen. Er stand neben ihr und beobachtete sie, und sie tat ihm leid. Aber er konnte es nicht ändern.
Und als sie das einsah, wurde sie ruhiger. Er war sehr nett gegen sie, sprach mit ihr, nahm sie mit, um sich alles Lebende auf dem Hofe anzusehen, er brachte ihr die ersten Küken in seiner Mütze, nahm sie mit zum Eiersuchen und ließ sie dem Pferde Brotrinden vorwerfen. Sie ging gern mit ihm und nahm alles an, was er ihr bot, aber sie blieb immer noch gleichgültig.
Die Art, wie sie, voller Eifersucht, sich stets ängstlich für ihre Mutter bedacht zeigte, hatte etwas Merkwürdiges, kaum zu Fassendes. Wenn Brangwen mit seiner Frau nach Nottingham fuhr, lief Anna lange Zeit ganz vergnügt und achtlos umher. Kam dann aber der Nachmittag heran, gab es nur noch ein fortwährendes Geschrei. »Ich will meine Mutter wiederhaben, ich will meine Mutter wiederhaben –« und ein bitteres, leidenschaftliches Schluchzen, das die gutherzige Tilly auch ins Heulen brachte. Des Kindes Furcht war, seine Mutter wäre fort, fort.
Und doch schien Anna in der Regel kalt, unwillig gegen ihre Mutter und überwachte sie scharf. Dann hieß es:
»Ich mag nicht, daß du das tust, Mutter,« oder: »Das mußt du nicht sagen, Mutter!« Sie stellte Brangwen und alle anderen Bewohner des Marschenhofes vor eine schwierige Aufgabe. Für gewöhnlich war sie jedoch ein beständig leicht auf dem Hofe umherflitzendes kleines Ding und tauchte nur dann und wann einmal auf, um sich zu vergewissern, ob die Mutter auch noch da wäre. Glücklich schien sie nie zu sein, aber scharf, rasch, nachdenklich, voller Einbildungskraft und wechselnder Laune. Tilly behauptete, sie wäre verhext. Aber das machte nichts, solange sie nur nicht weinte. In Annas Weinen lag etwas Herzzerbrechendes, ihre kindliche Angst schien so furchtbar und so endlos, als handelte es sich um etwas außerhalb aller Zeit.
Alle Lebewesen des Hofes machte sie sich zu Spielgefährten, sprach mit ihnen, erzählte ihnen Geschichten, die sie von ihrer Mutter gehört hatte, gab ihnen gute Ratschläge oder tadelte sie. Brangwen fand sie so an der Gittertür, die nach der Weide und dem Ententeiche führte. Sie guckte durch die Stäbe und rief den stattlichen weißen Gänsen, die in einer bogenförmigen Reihe dastanden, zu:
»Ihr müßt die Leute nicht anschreien, wenn sie uns besuchen wollen! Das dürft ihr nicht!«
Die schwerfällig wackelnden Tiere sahen ruhig nach dem eifrigen kleinen Gesicht, das sich mit seinem strubbeligen hellen Haar durch die Stäbe steckte, sie hoben die Köpfe und schwankten weiter, indem sie mit dem lauten »Kank-ank-ank« der Gänse Einspruch dagegen erhoben und ihre schiffartig geformten, schönen weißen Körper in einer Reihe an der Tür vorbeischoben.
»Ihr seid unartig, ihr seid unartig!« schrie Anna, mit Tränen ärgerlicher Enttäuschung in den Augen. Und sie stampfte mit ihren Filzschuhen auf.
»Warum, was tun sie dir denn?« sagte Brangwen.
»Sie wollen mich nicht hereinlassen«, sagte sie und wandte ihm ihr blitzendes kleines Gesicht zu.
»Tjo, das tun sie doch woll! Wenn du Lust hast, geh man hinein«, und er machte ihr die Tür mit einem Stoß auf.
Sie stand unentschlossen da und sah auf die Gruppe der bläulich-weißen Gänse, die wie Bildwerke in dem grauen, kalten Tageslicht dastanden.
»Geh zu«, sagte er.
Tapfer machte sie ein paar Schritte vorwärts. Wie im Krampf schreckte ihr kleiner Körper dann zusammen bei dem plötzlichen, spöttischen »Kank-ank-ank« der Gänse. Verwirrung überfiel sie. Die Gänse trollten mit erhobenen Köpfen unter dem niedrigen, grauen Himmel weiter.
»Sie wissen nicht, wer du bist«, sagte Brangwen. »Du mußt ihnen mal sagen, wie du heißt.«
»Sie sind ganz unartig, daß sie mich so anschreien«, blitzte sie.
»Sie meinen, du gehörtest hier nicht her«, sagte er.
Nachher fand er sie dann am Gitter, wie sie ihnen schrill und herrschsüchtig zuschrie:
»Ich heiße Anna, Anna Lensky, und ich wohne hier, weil Herr Brangwen jetzt mein Vater ist. Das ist er auch, jawohl, das ist er! Und ich wohne hier!«
Das gefiel Brangwen sehr. Und allmählich, wohl ohne daß sie selbst es merkte, hängte sie sich an ihn in ihren verlorenen, einsamen Kinderlaunen, wenn es ihr so wohl tat, sich an jemand Großes, Warmes anzuschmiegen und ihr kleines Ich in seinem großen, grenzenlosen Wesen zu bergen. Sein Gefühl bewog ihn, sich ihrer besonders anzunehmen, er achtete sehr darauf, sie als voll anzuerkennen und sich ihr ganz zur Verfügung zu halten.
In ihrer Zuneigung war sie schwierig. Für Tilly hatte sie nur eine gründliche, kindliche Verachtung, fast mehr Abneigung, weil das arme Frauenzimmer ja doch bloß Magd und weiter nichts als Magd war. Das Kind litt nicht, daß die Magd sich um sie kümmerte, sich mit ihren kleinen Vertraulichkeiten abgab, lange Zeit nicht. Sie behandelte sie als Wesen niederer Stufe. Brangwen mochte das nicht gern.
»Warum hast du Tilly nicht lieb?« fragte er sie.
»Weil – weil – weil sie mich mit so 'nem Knick in den Augen anguckt.«
Allmählich ließ sie es sich gefallen, daß Tilly zum Haushalt gehörte, aber nie als ein menschliches Wesen.
Die ersten Wochen lang waren die schwarzen Augen des Kindes stets auf der Hut. Brangwen war in seiner gutmütigen Ungeduld, und weil Tilly ihn sehr verwöhnt hatte, leicht etwas polternd. Wenn er mal den ganzen Haushalt ein paar Minuten lang mit seiner Ungeduld in Verwirrung brachte, dann fand er schließlich die schwarzen Augen ihn glühend anstarren, und sicherlich schnellte sie dann den Kopf vor wie eine Schlange mit ihrem bissigen:
»Geh weg!«
»Ich geh nich weg«, rief er schließlich gereizt. »Geh du doch – fix – mach zu – hopp!« Und er zeigte nach der Tür. Das Kind wich vor ihm zurück, blaß vor Angst. Dann raffte sie ihren ganzen Mut zusammen, als sie bemerkte, daß er wieder ruhiger wurde.
»Wir wohnen gar nicht bei dir«, sagte sie und stieß ihren kleinen Kopf gegen ihn vor. »Du – du – du bist ein Pruster!«
»Was?« rief er.
Ihre Stimme schwankte – aber heraus mußte es.
»Ein Pruster!«
»Na ja, und du bist ein Schuster.«
Sie überlegte. Dann stieß sie den Kopf wieder vor.
»Das bin ich nicht.«
»Was bist du nich?«
»Ein Schuster.«
»Und ich bin auch kein Pruster.«
Er ärgerte sich wirklich.
Ein andermal sagte sie:
»Meine Mutter wohnt hier gar nicht.«
»Na und –?«
»Sie soll wieder weggehen.«
»Dann wirds wohl beim Sollen bleiben«, antwortete er kurz ab.
So kamen sie allmählich einander näher. Er pflegte sie mit sich zu nehmen, wenn er in seinem Wägelchen ausfuhr. Stand das Pferd fertig vor der Tür, dann trat er laut ins Haus, das ruhig und friedlich erschien, bis er hereinkam und es in Aufruhr brachte.
»Na, Topsy, nu mal fix in den Hut!«
Das Kind richtete sich auf, es ärgerte sich über die unhöfliche Anrede.
»Ich kann doch meinen Hut nicht alleine zubinden«, sagte es hochmütig.
»Noch nich groß genug«, sagte er und band ihr die Schleife unter dem Kinn mit seinen klobigen Fingern zu.
Sie streckte ihm ihr Gesichtchen entgegen, ihre frisch-roten Lippen bewegten sich, als er ihr unter dem Kinn herumfummelte.
»Du schnackst ja – Untsinn«, sagte sie, und wiederholte damit eine seiner eigenen Lieblingsredensarten.
»Na, das Gesicht ist aber wirklich reif für die Pumpe!« erwiderte er, und indem er ein mächtiges rotes Taschentuch hervorholte, das stark nach Tabak roch, begann er ihr um den Mund herum zu wischen.
»Wartet Kitty auch auf mich?« fragte sie.
»Jowoll«, antwortete er. »Aber erst wollen wir mal dein Gesicht fertig abwischen – so, nu hier noch ein bißchen!«
Sie hielt allerliebst still. Sowie er sie dann gehen ließ, begann sie umherzuhüpfen, wobei sie immer mit einem Bein ganz merkwürdig hinten ausschlug.
»Nanu, min Hartjebuck,« sagte er, »'rin damit!«
Sie kam und wurde in ihren Mantel gesteckt, und dann zogen die beiden los. Sie saß ganz eng an ihn geschmiegt in dem Wägelchen, dicht eingewickelt, und empfand es als großartig, wenn sein großer Körper gegen sie anschwankte. Sie mochte es gern, wenn der Wagen tüchtig schaukelte und dann sein mächtiger, lebendiger Körper auf sie, gegen sie rollte. Sie lachte, ein prickelndes, schrilles kleines Lachen, und ihre schwarzen Augen glühten.
Sie war sonderbar hart und dann wieder leidenschaftlich zärtlich. Ihre Mutter war krank, und das Kind schlich stundenlang auf den Zehenspitzen im Zimmer umher, und zwar bedacht und aufmerksam. Ein andermal fühlte ihre Mutter sich unglücklich. Dann konnte Anna mit gespreizten Beinen zornglühend dastehen und auf den Außenseiten ihrer Pantoffel wippen. Sie konnte lachen, wenn die jungen Gänse sich unter Tillys Händen krümmten und die Futterbrocken ihnen mit einem Stöpsel die Kehle hinuntergestopft wurden; dann lachte sie gereizt. Sie war allen Tieren gegenüber hart und befehlshaberisch, kein bißchen Liebe vergeudete sie, sondern lief unter ihnen herum als ihre grausame kleine Herrin.
Der Sommer und die Heuernte kamen, und Anna tanzte wie ein braunes kleines elfisches Wesen umher. Tilly wunderte sich immer über sie, mehr als sie sie liebte.
Aber immer war das Kind auf die eine oder andere Weise besorgt um seine Mutter. Solange es Frau Brangwen gut ging, spielte das kleine Mädchen umher und kümmerte sich recht wenig um sie. Aber dann war die Getreideernte vorüber, und der Herbst dehnte sich hin, und die Mutter wurde mit dem Beginn der letzten Monate ihrer Schwangerschaft sonderbar und geistesabwesend; Brangwen begann die Brauen zu furchen und die alte ungesunde Unruhe, die Empfindlichkeit, als habe sie keine Haut, kam wieder über das Kind. Wenn sie mit ihrem Vater aufs Feld ging, dann fing sie wieder an, anstatt daß sie sorglos umherspielte:
»Ich möcht nach Hause.«
»Nach Hause, da kommst du ja diesen Augenblick erst her.«
»Ich möcht nach Hause.«
»Warum denn? Was fehlt dir denn?«
»Ich möcht zu meiner Mutter.«
»Deine Mutter! Deine Mutter will nichts von dir wissen.«
»Ich möcht nach Hause.«
Noch einen Augenblick, und die Tränen kamen.
»Kannste'n Weg nich alleine finden?«
Und er sah zu, wie sie schweigend und eilig an den Heckenwurzeln entlang huschte, mit gleichmäßigem, angstbeflügeltem Schritt, bis sie sich wandte und durch das Gatter verschwand. Dann sah er sie wieder zwei Felder weiter immer vorwärtsstreben, klein und eindringlich. Sein Gesicht war umwölkt, als er sich umdrehte, um die Stoppeln weiter umzupflügen.
Das Jahr lief weiter, in den Hecken glänzten die Beeren leuchtend rot an den nackten Zweigen. Rotkehlchen wurden sichtbar, mächtige Vogelschwärme sausten wie ein Sprühregen über das Brachfeld, Krähen tauchten auf, schwarz zur Erde niederstreichend, der Boden fühlte sich kalt an beim Rübenziehen, alle Wege versanken in dickem Schmutz. Dann wurden die Rüben eingemietet, und es gab wenig mehr zu tun.
Im Hause war es dunkel und still. Das Kind schlüpfte unruhig umher, und zuweilen ertönte sein klagender, erschreckter Ruf:
»Mutter!«
Frau Brangwen war schwer und unzugänglich, müde, in sich versunken. Brangwen hatte bei seiner Arbeit draußen zu tun. Kam er abends herein, um die Kühe zu melken, so lief das Kind wohl hinter ihm her. Sie stand dann im Kuhstall, wo die Tür geschlossen war und die Luft ihr im Schein der über den verzweigten Hörnern der Kühe aufgehängten Laterne warm vorkam, und sah zu, wie seine Hand gleichmäßig die Zitzen der ruhig dastehenden Tiere entlang strich, sah zu, wie der Schaum und der Milchstrahl hervorspritzte, sah zu, wie seine Hand zuweilen langsam, verständnisvoll ein hängendes Euter hinunterstrich. So leisteten sie sich gegenseitig Gesellschaft, aber aus der Ferne, und sprachen nur selten miteinander.
Die dunkelsten Tage des Jahres kamen heran, das Kind wurde eigensinnig, seufzte, als läge ein Druck auf ihm und rannte hin und her, ohne Ruhe zu finden. Und Brangwen ging seiner Arbeit nach, schwer, das Herz schwer wie die durchnäßte Erde. Früh brach die Winternacht herein, die Lampe mußte bereits vor der Teezeit angezündet werden, die Läden waren geschlossen, alle fanden sie sich gespannt und bedrückt im Zimmer eingeschlossen. Frau Brangwen ging früh zu Bett, Anna spielte auf dem Fußboden bei ihr. Brangwen saß unten in der Leere seines Wohnzimmers, rauchend und sich über sein Elend nicht recht klar. Aber oft ging er aus, um ihm zu entrinnen.
Weihnachten war vorüber, die naßkalten Januartage liefen einer nach dem andern dahin, eintönig, hin und wieder strahlte einmal ein Fleckchen Blau hervor, als Brangwen einst in einen Morgen von Kristall hinausschritt; jeder seiner Schritte hallte laut, und zahllose Vögel ließen sich eifrig und plötzlich in den Hecken hören. Da kam es trotz allem wie eine Erhebung über ihn, ob nun seine Frau ihm fremd war oder trübselig, oder ob er sie nun gern bei sich gehabt hätte oder nicht, alles war einerlei, die Luft hallte wider von hellen Tönen, der Himmel war wie eine Glocke aus Kristall, und die Erde war hart. Da ging er an die Arbeit und war glücklich, seine Augen strahlten, und seine Backen röteten sich. Und in ihm war ein starker Wille zum Leben.
Eifrig pickten die Vögel um ihn her drauflos, die Pferde waren frisch und willig, die Bäume reckten ihre nackten Zweige in die Luft wie ein gähnender Mann die Arme, gestrafft vor Tatendrang, und die Zweige strahlten in dem klaren Licht. Er war lebendig und fühlte sich voller Eifer zu all und jedem. Und war seine Frau auch schwerblütig, und stand sie ihm fern, leblos, dann mochte sie da bleiben und ihn für sich lassen. Die Dinge würden schon kommen, wie sie kommen sollten. Währenddem hörte er das laute Krähen eines jungen Hahnes in der Ferne, er sah das blasse Horn des Mondes ausgelöscht am blauen Himmel stehen.
Da rief er seinen Pferden zu und war glücklich. Fuhr er mal nach Ilkeston hinein und traf eine frische junge Frau auf dem Wege zum Einkaufen, so rief er sie an und zügelte sein Pferd und nahm sie mit. Dann fühlte er sich glücklich, sie so neben sich zu haben, seine Augen strahlten, seine lachende Stimme trieb warmherzig Scherz mit ihr, so daß ihre Kopfhaltung noch schöner wurde und ihr Blut rascher strömte. Sie waren beide angeregt, der Morgen war so schön.
Was kam es denn drauf an, ob auf dem Grunde seines Herzens Sorgen und Schmerzen ruhten? Die lagen ja tief unten, mochten sie da bleiben. Seine Frau, ihre Leiden, ihre nahen Wehen – ja, das mußte so sein. Sie litt, aber er stand doch hier im Freien, voller Leben, und es wäre lächerlich, ja unanständig gewesen, ein langes Gesicht zu schneiden und den Jämmerlichen spielen zu wollen. Er war diesen Morgen so glücklich, wie er zur Stadt fuhr und die Hufe seiner Pferde den harten Erdboden schlugen. Wohl war er glücklich, und hätte auch die halbe Welt beim Begräbnis der andern Hälfte geweint. Und es war doch ein prächtiges Mädel, das da neben ihm saß! Und das Weib war unsterblich, komme was wolle, laß sterben wer Lust hatte. Mochte das Elend kommen, wenn man ihm nicht länger widerstehen könnte.
Der Abend später wurde wundervoll, ein rosiger Duft hing über der untergehenden Sonne und ging in veilchen- und lavendelfarbige Dünste über, und in Nord und Süd war der Himmel grün wie Türkis, und im Osten hing ein großer gelber Mond, schwer und strahlend. Es war großartig, so zwischen Sonnenuntergang und Mondschein einherzugehen, auf diesem Wege, über dem die Stechpalmbüsche sich schwarz in das Rosa und Lavendel hineinbohrten und die Stare in Schwärmen durch das Abendlicht schwirrten. Aber was war das Ende der Reise? Bald genug schon kam der Schmerz über ihn, als ihm späterhin Herz und Füße schwer wurden, sein Hirn wie tot war, sein Leben zu schlagen aufhörte.
Die Wehen begannen an einem Nachmittag, Frau Brangwen wurde zu Bett gebracht, und die Hebamme kam. Die Nacht brach herein, die Läden wurden geschlossen, Brangwen kam zum Tee herein, zum Brote und dem zinnernen Teetopf, das Kind spielte zitternd und stille mit Glasperlen, das Haus erschien leer, der Winternacht preisgegeben, als hätte es keine Mauern. Von irgendwoher im Hause erklang langgezogen und wie aus der Ferne kommend, alles durchzitternd, das schluchzende Weinen einer Frau in Wehen. Brangwen saß unten in geteilten Gefühlen. Sein tieferes, inneres Ich war bei ihr, an sie gefesselt in ihren Leiden. Aber die dicke äußere Schale seines Körpers erinnerte sich der Eulenrufe, die den Hof immer umflattert hatten, als er noch ein Junge war. Er war wieder in seiner Jugend, ein Junge, den der Eulenruf quälte, so daß er seinen Bruder aufwecken mußte, um ihn sprechen zu hören. Und dann trieb sein Geist zu den Vögeln selbst weiter, ihren feierlichen, ernsthaften Gesichtern, ihrem weichen breiten Flügelschlag. Und dann weiter zu denen, die sein Bruder geschossen hatte, plusterige, staubfarbige, weiche tote Häufchen, deren Gesichter so lächerlich zu schlafen schienen. Das war doch was Merkwürdiges, so eine tote Eule.
Er hob die Tasse an die Lippen und beobachtete das Kind bei seinen Perlen. Aber sein Geist war mit den Eulen beschäftigt und dem Gesichtskreise seiner Jungenzeit, seinen Brüdern und Schwestern. Irgendwo tief im Untergrunde war er bei seiner gebärenden Frau, bei dem Kinde, das aus ihrer beider Fleisch entsprang. Er und sie, ein Fleisch, aus dem neues Leben entspringen mußte. Zwar ging der Riß nicht durch seinen Körper, aber er hatte doch auch mit seinem Körper zu tun. Auf sie sausten die Schläge hernieder, aber die Erschütterung durchlief auch ihn bis zur äußersten Faser. Sie mußte sich auseinanderreißen lassen, um dem neuen Leben Raum zu geben, und doch waren sie ein Fleisch, ja, noch weiter zurückliegend war dies Leben doch aus ihm zu ihr hinübergelangt, und dennoch war er der Ungebrochene, der den geborstenen Felsen im Arme hielt, ihrer beider Fleisch war ein Fels, aus dem Leben hervorsprudelte, aus ihr, der geschlagenen und zerrissenen, von ihm, der da zitternd zusammenschreckte.
Er ging zu ihr nach oben. Als er ans Bett trat, sprach sie polnisch zu ihm.
»Ist es sehr schlimm?« fragte er.
Sie sah ihn an, und oh! was für eine Anstrengung kostete es sie, die andere Sprache zu verstehen, wie müde machte es sie, ihm zuzuhören, ihn zu erkennen, herauszufinden, wer er war, wie er mit seinem hellen Bart so fremd neben ihr stand und sie ansah. Etwas an ihm war ihr vertraut, in seinen Augen. Aber sie vermochte nicht ihn zu erkennen. Sie schloß die Augen.
Er wandte sich ab, weiß wie die Wand.
»'s is nich so sehr schlimm«, sagte die Hebamme.
Er merkte, daß es seine Frau angriff. So ging er wieder nach unten.
Das Kind sah erschreckt zu ihm auf.
»Ich will zu meiner Mutter«, sagte sie bebend.
»Jo, aber es geht ihr gar nicht gut«, sagte er freundlich ohne Acht.
Mit verwirrten, erschreckten Augen sah sie ihn an.
»Hat sie Kopfweh?«
»Nein – sie kriegt ein Kleines.«
Das Kind sah sich um. Er wurde sie nicht gewahr. Sie war mit ihrem Schrecken wieder ganz allein.
»Ich will zu meiner Mutter!« kam ihr Schreckensruf.
»Laß Tilly dich ausziehen,« sagte er; »du bist müde.«
Dann neues Schweigen. Und wieder kam der Weheruf.
»Ich will zu meiner Mutter!« kam es wie aus einem Uhrwerk von dem zusammenfahrenden angsterfüllten Kinde, das sich in fürchterlicher Einsamkeit abgeschnitten und verloren vorkam. Mit zerrissenem Herzen trat Tilly auf sie zu.
»Kumm un lat mi di uttrecken, min Lämmken,« flüsterte sie; »von Mor'n schast du din Mudder wedder hebben, weene man nich, wees man nich bange, min Putthöneken.«
Aber Anna stand auf dem Sofa mit dem Rücken an der Wand.
»Ich will zu meiner Mutter«, weinte sie, ihr kleines Gesichtchen schmerzverzogen, über das die dicken Tränen höchster kindlicher Angst herabrollten.
»Et geiht ehr man slicht, min Lamm, et geiht ehr hüt Nach man slicht, ober von Morrn to schall se woll beter weesen. Och, nu weene man nich, nu weene man nich, min Leevling, se mag dat nich hebben, dar du weenst, min sötet lüttjet Hart, ne, dat mag se gor nich!«
Leise faßte Tilly nach dem Röckchen des Kindes. Aber Anna riß es ihr wieder aus der Hand und schrie in heller Verzweiflung:
»Nein, du sollst mich nicht ausziehen – ich will zu meiner Mutter« – und ihr ganzes Kindergesicht war überströmt von Kummer und Tränen, der Körper zitterte.
»Och, lat Tilly di doch man uttrecken. Lat Tilly di man uttrecken, de hett di jo so leev, nu wees doch man nich so böse von 'n Abend. Et geiht Mudder man slicht, un se mag dat gor nicht, dat du weenst.«
Verloren schluchzte das Kind vor sich hin, sie verstand nichts. »Ich will zu meiner Mutter«, weinte sie.
»Wenn du uttreckt büst, denn schast du na boben gohn un din Mudder sehn – wenn du uttreckt büst, min Leevling, wenn du Tilly di uttrecken lettst, wenn du so fin büst in din lüttjen Nachtrock, min Leev! Och, nu ween doch man nich so, nu ween doch man nich so –«
Brangwen saß steif in seinem Stuhle. Er fühlte, wie sich sein Gehirn zusammenzog. Er ging durchs Zimmer und merkte nichts als dies wahnsinnige Wimmern.
»Mach nich so'n Lärm«, sagte er.
Ein neuer Schreck durchfuhr das Kind beim Klange seiner Stimme. Sie weinte gleichmäßig vor sich hin, ihre Augen blickten gespannt durch die Tränen, voller Schrecken, voller Furcht vor dem, was nun käme.
»Ich – will – zu meiner – Mutter«, zitterte die schluchzende blinde Stimme.
Ein Schauer der Gereiztheit fuhr dem Manne durch die Glieder. Das war ja doch höchster, bockigster Unverstand, diese blind weinende Stimme machte ihn ganz verrückt.
»Nun mußt du aber kommen und dich ausziehen lassen«, sagte er mit ruhiger Stimme, die vor Ärger dünn klang.
Und damit streckte er die Hand aus und faßte sie. Er fühlte, wie ihr Körper in krampfhaftem Schluchzen erzitterte. Aber er war zu blind, zu verbissen, zu gereizt, so daß er irgendwas tun mußte. Er fing an ihre kleine Schürze loszubinden. Sie hätte sich ihm gern entwunden, aber sie konnte nicht. So blieb ihr kleiner Körper in seinem Griff, während er an den kleinen Knöpfen und Bändern herumfummelte, gedankenlos, eifrig, nichts weiter bemerkend als ihre Gereiztheit. Ihr Leib spannte sich straff in seinem Widerstand, er riß ihr ihr kleines Röckchen und die Unterröcke ab, so daß die bloßen Arme hervortraten, überwältigt, vergewaltigt hielt sie sich ganz steif, und er fuhr mit seiner Arbeit fort. Und die ganze Zeit über schluchzte sie halberstickt:
»Ich – will – zu meiner – Mutter.«
Er schwieg und gab nicht darauf acht, sein Gesicht ganz steif. Das Kind konnte jetzt nichts mehr verstehen, sie war nichts weiter als ein kleines Triebwerk mit einem versetzten Willen. Sie weinte, ihr Leib krampfte sich zusammen, ihre Stimme wiederholte stets ein und denselben Schrei.
»Ochottochott!« schrie Tilly, die nun selbst wie von Sinnen war. Langsam, tapsig, blind, verbissen riß Brangwen all die kleinen Kleidungsstücke ab und stellte das Kind schließlich im bloßen Hemd auf das Sofa.
»Wo is der Nachtrock?« fragte er.
Tilly brachte ihn, und er zog ihn ihr an. Anna bewegte ihre Glieder nicht, wie er wollte. Er mußte sie ihr einzeln zurechtdrehen. Sie stand mit ihrem festen blinden Vorsatz widerwillig, ein zusammengekrampftes kleines Ding da, unabänderlich vor sich hinweinend und dieselben Worte wiederholend. Er hob ihr erst den einen Fuß und dann den andern, um ihr Schuhe und Strümpfe auszuziehen. Dann war sie fertig.
»Möchtest du was zu trinken haben?« fragte er.
Sie wurde nicht anders. Auf nichts acht gebend, völlig unaufmerksam stand sie auf dem Sofa, lehnte sich zurück, allein, die Hände geballt und halb erhoben, das Gesicht tränenüberströmt der Decke zugewandt und blind. Und durch all ihr Schluchzen und Schlucken kam ihr gebrochenes:
»Ich – will – zu meiner – Mutter!«
»Möchtest du was zu trinken haben?« fragte er wieder.
Keine Antwort. Er hob den steifen, widerspenstigen Körper in den Händen. Ihre steife Blindheit jagte einen Blitz rasender Wut durch seinen Körper. Zu gern hätte er sie gebrochen.
Er setzte das Kind auf sein Knie und saß wieder in seinem Stuhl vorm Feuer, und das feuchte, schluchzende, tonlose Geräusch ging vor seinen Ohren weiter, das Kind saß steif da, weder ihm noch sonst irgend etwas nachgebend, nichts bemerkend.
Eine neue Art Ärger kam über ihn. Was lag denn an alledem? Was lag daran, ob die Mutter polnisch sprach und in ihren Wehen schrie, wenn dies Kind sich vor Widerborstigkeit steif machte und schrie? Was brauchte er sich das zu Herzen zu nehmen? Laß doch die Mutter in ihren Wehen schreien, laß doch das Kind in seiner Widerborstigkeit heulen, wenn ihnen das Spaß machte. Was sollte er weiter dagegen ankämpfen, warum ihnen widerstehen? Mochte es denn so sein, da es nun einmal so war. Laß sie wie sie waren, wenn sie wollten.
Betäubt saß er da, ohne Gegenwehr. Das Kind fuhr fort zu weinen, die Minuten liefen hin, eine Art Starre kam über ihn.
Es dauerte eine kleine Weile, ehe er wieder zu sich kam und seine Aufmerksamkeit dem Kinde zuwandte. Er war über ihr kleines nasses, blindes Gesicht ganz entsetzt. Ein wenig betäubt strich er ihr das nasse Haar zurück. Wie ein lebendiges Bild des Kummers fuhr das blinde Gesichtchen fort zu weinen.
»Nana, nu man nich so schlimm!« sagte er. »So schlimm is es ja nich, Anna, mein Kleines. Komm, was weinst du denn so? Komm, nu sei ganz still, sonst wirst du noch krank. Nun will ich dich mal abwischen, und denn mach dir dein Gesicht nich wieder naß. Nu weine nich mehr so dicke Tränen, nein, nein, lieber nich! Weine nich – es is ja nich so schlimm! So, so – nu is es genug.«
Seine Stimme klang ganz merkwürdig, wie aus der Ferne, und so ruhig. Er blickte auf das Kind. Es war jetzt ganz außer sich. Er hätte es so gern zum Aufhören gebracht, hätte alles so gern aufhören, wieder wie sonst werden lassen.
»Komm,« sagte er und stand auf, um hinauszugehen, »wir wollen mal den Tieren ihr Abendbrot bringen.«
Er nahm ein dickes Umschlagetuch, wickelte sie hinein und ging in die Küche, um die Laterne zu holen.
»Se wee't doch woll dat Kind nich mit rutnehmen, in 'ne Nach as disse«, sagte Tilly.
»Jo, dat will ehr woll good dohn«, erwiderte er.
Es regnete. Das Kind wurde plötzlich ruhig vor Schreck, als es den Regen im Gesicht fühlte und die Finsternis bemerkte.
»Nu wollen wir den Kühen noch mal 'n bißchen zu essen geben, ehe sie zu Bette gehen«, sagte Brangwen zu ihr und hielt sie sicher und eng an sich.
In der Regentonne plätscherte das Wasser, ein Sprühregen flog über ihr Umschlagetuch, und das Licht der Laterne blitzte über das nasse Pflaster und die untersten Schichten einer nassen Mauer hin. Sonst war alles schwarze Finsternis: man atmete ordentlich Finsternis.
Er öffnete die Türen, die obere und die untere Hälfte, und sie traten in die hohe, trockene Scheune, wo es warm roch, wenn es auch gar nicht warm war. Er hängte die Laterne an einen Nagel und machte die Türen wieder zu. Nun waren sie in einer ganz anderen Welt. Das Licht flutete sanft über das Sparrenwerk der Scheune, die weißgetünchten Wände und einen großen Haufen Heu; Ackergerät warf seinen Schatten weit umher, und eine Leiter stieg in die dunkle Bodenluke hinauf. Draußen das Strömen des Regens, und hier die sanft erleuchtete Stille und Ruhe der Scheune.
Während er das Kind auf dem einen Arme hielt, ging er an die Zubereitung des Futters für die Kühe, indem er eine Schaufel mit feingehacktem Heu und Brauergerste und ein wenig Mehl füllte. Das Kind, ganz Verwunderung, sah aufmerksam zu, was er machte. Ein neues Wesen war in ihr entstanden in dieser neuen Umgebung. Zuweilen erschütterte noch ein leichter Schauer, der Ausläufer ihres vorherigen stürmischen Schluchzens, ihren kleinen Körper. Ihre Augen standen weit offen vor Verwunderung, voll tiefen Ernstes. Sie war still, ganz still.
In einer Art Traumzustand sank sein Herz jetzt zu Boden und ließ ihn äußerlich still, ganz still erscheinen, er stand mit der Schaufel voll Futter auf, vorsichtig wiegend trug er das Kind auf dem einen Arm und die Schaufel in der andern Hand. Die seidenen Fransen des Umschlagetuches wehten leise, Korn und Heu flogen zu Boden; er ging den schwach erleuchteten schmalen Streifen hinter den Krippen entlang, wo die Hörner der Kühe aus der Finsternis herausragten. Das Kind schrak zurück, er wiegte es steif auf dem Arm, setzte die Schaufel auf den gemauerten Krippenrand und schüttete das Futter halb der einen und halb der nächsten Kuh vor. Es entstand ein Geräusch, als scheuerten sich Ketten, wenn die Kühe den Kopf rasch hoben oder senkten; dann kam ein zufriedener, beruhigender Laut, ein langes Schnauben, als die Tiere in der Stille zu fressen anfingen. Die Reise mußte ein paarmal wiederholt werden. Erst ertönte das gleichmäßige Geräusch der Schaufel durch die Scheune, dann ging der Mann steif mit seinen beiden Lasten einher, und das Gesicht des Kindes schaute aus dem Umhängetuch hervor. Als er sich dann das nächstemal niederbeugte, machte sie einen Arm frei und schlang ihn ihm um den Hals; sie schmiegte sich eng und warm an ihn und erleichterte ihm damit alles sehr. Nachdem die Tiere gefüttert waren, legte er die Schaufel nieder und setzte sich auf eine Kiste, um das Kind wieder in Ordnung zu bringen.
»Schlafen die Kühe jetzt ein?« fragte sie mit verhaltenem Atem.
»Ja.«
»Essen sie denn erst all ihr Futter auf?«
»Ja. Hör mal!«
Und die beiden saßen und horchten auf das schnaubende Atmen der Kühe, die in dem an die kleine Scheune stoßenden Stalle fraßen. Die Laterne warf ein ruhiges, sanftes Licht von der Wand herab. Draußen war alles still im Regen. Er sah auf die seidigen Falten des Paisleytuches herab. Es erinnerte ihn an seine Mutter. Sie pflegte mit ihm zur Kirche zu gehen. Er fühlte sich wieder in der alten Unverantwortlichkeit und Sicherheit, ein Junge zu Hause.
Die beiden saßen ganz ruhig. Sein Geist schien sich in einer Art Zauberschlaf mehr und mehr zu verflüchtigen. Er drückte das Kind fest an sich. Ein zitternder kleiner Schauder, der Widerhall ihres Schluchzens, durchfuhr ihre Glieder. Er drückte sie fester an sich. Allmählich gab sie nach, die Lider begannen ihr über die schwarzen, aufmerksamen Augen zu sinken. Während sie in Schlaf fiel, flog sein Geist ins Leere.
Als er wieder zu sich kam, als hätte er geschlafen, kam es ihm vor, als habe er eine endlose Zeit hier in der Stille gesessen. Worauf horchte er denn? Er schien auf einen Laut aus weiter Ferne zu lauschen, von jenseits des Lebens. Er dachte wieder an seine Frau. Er mußte wieder zu ihr. Das Kind schlief, die Lider nicht vollständig geschlossen, wie ein schmaler Streifen der schwarzen Sterne zwischen ihnen anzeigte. Warum machte sie die Augen nicht ganz zu? Ihr Mund stand auch ein klein wenig offen.
Er stand rasch auf und ging wieder ins Haus.
»Slöppt se?« wisperte Tilly.
Er nickte. Die Magd kam, um sich das in seinem Umschlagetuch fest schlafende Kind anzusehen, dessen Backen heiß und rot erglühten bei völliger Weiße, völliger Blässe um die Augen.
»Och du barmherziger Gott!« wisperte Tilly und schüttelte den Kopf.
Er schlenkerte seine Stiefel von sich und ging mit dem Kinde nach oben. Jetzt merkte er, wie die Angst um seine Frau ihm das Herz zusammenschnürte. Aber er blieb still. Im ganzen Hause war es ruhig, mit Ausnahme des Windes draußen und des geräuschvollen Plätscherns und Tröpfelns des Regens in den Regentonnen. Unter der Tür seiner Frau hervor drang ein Lichtschein.
In das Tuch eingeschlagen, wie sie war, legte er das Kind ins Bett, denn die Laken mußten kalt sein. Er hatte Angst, sie möchte nicht imstande sein, die Arme zu bewegen, darum machte er sie frei. Die schwarzen Augen öffneten sich, sahen ihn mit leerem Ausdruck an und schlossen sich wieder. Er deckte sie zu. Ein letzter kleiner Schauder ihres Schluchzens machte ihren Atem erzittern.
Dies war sein Zimmer, das Zimmer, das er vor seiner Hochzeit bewohnt hatte. Es kam ihm so vertraut vor. Er dachte daran, was es hieße, ein unberührter junger Mann zu sein.
Er hing in der Schwebe. Das Kind schlief und streckte seine kleinen Fäuste aus dem Tuche hervor. Er konnte der Frau erzählen, ihr Kind schliefe. Aber er mußte wieder eine Treppe tiefer. Er fuhr auf. Da war der Eulenruf – das Stöhnen seiner Frau. Was für ein schauerlicher Klang! Es war gar nicht mehr menschlich, wenigstens nicht für einen Mann.
Er ging hinunter und trat leise in ihr Zimmer. Sie lag still, mit geschlossenen Augen da, bleich, ermüdet. Sein Herz hüpfte hoch auf vor Furcht, sie möchte tot sein. Und doch wußte er ganz genau, daß sie das nicht war. Er sah, wie ihr das Haar lose über den Schläfen lag, ihr Mund war vor Schmerzen zu einer Art Grinsen verzogen. Sie kam ihm schön vor – aber nicht menschlich. Er hatte Angst vor ihr, wie sie so dalag. Was hatte sie mit ihm zu tun? Sie war ja ganz anders als er.
Etwas in seinem Inneren ließ ihn zu ihr gehen und ihre auf der Decke gefalteten Finger berühren. Ihre graubraunen Augen öffneten sich und sahen ihn an. Sie erkannte nicht, wer er war. Aber sie wußte, er wäre der Mann. Sie sah ihn mit dem Blicke an, den eine Frau in Kindsnöten auf den Mann wirft, der ihr Kind zeugte: einen unpersönlichen Blick, den der Frau zum Manne, in dieser höchsten Stunde. Ihre Augen schlossen sich wieder. Ein großer, heißer Friede kam über ihn, entzündete ihm Herz und Eingeweide und ging wieder in die Unendlichkeit hinaus.
Als die Wehen aufs neue begannen und sie zerrissen, wandte er sich zur Seite, da er nicht zusehen konnte. Aber sein gequältes Herz hatte nun Frieden, sein Inneres war glücklich. Er ging nach unten und hob draußen vor der Tür das Gesicht in den Regen empor und fühlte, wie die Dunkelheit ungesehen und ständig auf ihn einschlug.
Das rasche, unsichtbare Einschlagen der Nacht auf ihn beruhigte ihn, bis er sich ganz überwältigt fühlte. Er wandte sich wieder ins Haus, gedemütigt. Da lag die unendliche Welt, ewig, unwandelbar, ebensowohl wie die Welt des Lebens.
Drittes Kapitel.
Anna Lenskys Kindheit
Inhaltsverzeichnis
Tom Brangwen hatte seinen Jungen nie so lieb wie sein Stiefkind Anna. Als sie ihm erzählten, es wäre ein Junge, überlief ihn ein Schauer der Freude. Er freute sich der Bestätigung seiner Vaterschaft. Es verursachte ihm Befriedigung, zu wissen, daß er einen Jungen habe. Aber er fühlte sich nicht sehr zu dem Kleinen hingezogen. Er war sein Vater, das genügte.
Er freute sich, daß seine Frau Mutter seines Kindes geworden war. Sie war heiter, ein wenig überschattet, als sei sie verpflanzt. Durch die Geburt des Kindes schien sie jede Verbindung mit ihrem früheren Ich verloren zu haben. Jetzt wurde sie eine richtige Engländerin, Mrs. Brangwen. Ihre Lebenskraft indessen schien herabgesetzt.
Für Brangwen war sie immer noch unsagbar schön. Sie war immer noch leidenschaftlich, mit einer Flamme in ihrem Wesen. Aber diese Flamme war nicht länger gleichmäßig stark. Ihre Augen glänzten, ihr Antlitz glühte ihm entgegen, aber wie eine Blume, die im Schatten steht und volles Sonnenlicht nicht aushalten kann. Sie liebte ihren Säugling. Aber selbst dies in einer Art Unbestimmtheit, einer leichten Geistesabwesenheit; selbst über ihrer Mutterliebe lag ein gewisser Schatten. Wenn Brangwen sie dasitzen und ihr Kind nähren sah, überlief ihn ein Schmerzgefühl wie eine dünne Flamme. Denn es wurde ihm klar, wie sehr er sich ihr unterordnen müsse, um sich ihr wieder nähern zu können. Und er verlangte wieder nach dem kräftigen, tödlichen Austausch von Liebe und Leidenschaft, wie er ihn im Anfang hin und wieder mit ihr genossen hatte, als ihre Verbindung auf dem Höhepunkt ihrer Innigkeit stand. Dies war für ihn nun seine Erfahrung. Und nach der verlangte er, stets, in mitleidloser Selbstsucht.
Sie kam wieder zu ihm, mit dem gleichen Darbieten ihres Mundes, das ihn das erstemal so verrückt gemacht hatte vor unterdrückter Leidenschaft. Sie kam wieder zu ihm, und das Herz wie im Wahnsinn aufhüpfend vor Freude und Verlangen nahm er sie hin. Und es war fast wie früher.
Vielleicht war es ganz wie früher. Jedenfalls ließ es ihn erkennen, was Vollkommenheit sei, es erfüllte ihn mit ewigem, beständigem Wissen.
Aber es starb wieder hin, bevor er es gewünscht hätte. Sie war zu Ende, sie konnte nicht mehr. Und er war nicht erschöpft, er verlangte nach mehr. Aber das konnte nicht sein.
So hatte er die bittere Lehre hinunter zu schlucken, daß er sich beschränken müsse, daß er mit weniger vorliebnehmen müsse, als er haben wollte. Denn sie war für ihn das Weib, alle anderen Frauen waren bloße Schatten. Sie hatte ihm Genüge geleistet. Und er hätte so gern mehr gehabt. Aber das konnte nicht sein. In seiner Raserei, erfüllt von einem allmählich heiß und bitter werdenden Gefühl von Verzicht, haßte er sie in innerster Seele, weil sie nicht mehr nach ihm verlangte; manchmal hatte er reine Ausbrüche von Tobsucht und betrank sich und führte häßliche Auftritte herbei, bis er merkte, er löcke damit nur wider den Stachel. Er mußte einsehen lernen, daß es nicht das war, daß sie nicht mehr von ihm wollte, wie er es gern gesehen hätte, sondern daß sie nicht mehr von ihm nehmen konnte. Sie konnte ihn nur nach eigenem Vermögen aufnehmen. Sie hatte zu viel von ihrem Leben dahingegeben, bevor er sie als die Frau kennen lernte, die ihm Erfüllung abnehmen und geben konnte. Sie hatte ihm Erfüllung gegeben und abgenommen. Und das würde sie auch noch tun, aber zu ihrer Zeit und nach ihrem Vermögen. Er mußte sich eben selbst im Zaume halten, sich nach ihr richten.
Er wollte ihr seine ganze Liebe, seine ganze Leidenschaft, allen Tätigkeitsdrang seines Wesens geben. Aber das durfte nicht sein. Dafür mußte er etwas anderes als sie finden, andere Mittelpunkte seines Lebens. Sie saß verschlossen und unzugänglich mit ihrem Kinde da. Und er wurde eifersüchtig auf das Kind.
Aber er liebte sie, und die Zeit kam, wo der unruhige Strom seines Lebens einen gewissen Abfluß fand, so daß er nicht überschäumen und durch Überflutung Elend anrichten konnte. Er bildete sich einen anderen Zielpunkt seiner Liebe in ihrem Kinde, in Anna. Allmählich wurde ein Teil seiner Lebensflut nach dem Kinde hin abgelenkt und dadurch der Hauptstrom zu seiner Frau erleichtert. Er suchte auch die Gesellschaft von Männern wieder auf und trank dann und wann schwer.
Das Kind hatte aufgehört, sich immer so sehr um seine Mutter zu ängstigen, nachdem der Säugling angekommen war. Als Anna zuerst ihre Mutter mit dem Kleinen gesehen hatte, beseligt und heiter und sicher, fühlte sie sich wie vor einem Rätsel, dann fing sie allmählich an sich zu ärgern, und schließlich fand ihr kleines Leben seinen eigenen Wendepunkt: sie war nicht länger voller quälender Unruhe um ihre Mutter. Sie wurde kindlicher, war nicht mehr so frühreif, so mit Sorgen überladen, die sie noch nicht verstehen konnte. Die Sorge um ihre Mutter, die Befriedigung ihrer Mutter hatte sich auf andere Schultern gelegt. Das Kind in ihr wurde allmählich frei. Sie wurde eine unabhängige, vergeßliche kleine Seele und liebte nach eigenen Gesichtspunkten.
So liebte sie nach eigener Wahl Brangwen am meisten, oder doch am offensichtlichsten. Denn sie beide führten ein kleines Leben für sich allein, sie besaßen ein gemeinsames Tätigkeitsfeld. Er fand sein Vergnügen darin, ihr abends Zählen oder Buchstabieren beizubringen. Er holte für sie alle seine kleinen Kinderstubenverschen wieder aus dem Gedächtnis hervor und Kinderlieder, die lange vergessen auf dem Boden seines Gehirnes gelegen hatten.
Zuerst meinte sie, das wäre ja alles Unsinn. Aber er lachte, und sie lachte auch. Dann wurden sie ihr sehr spaßhaft. Der alte King Cole, meinte sie, wäre Brangwen. Mutter Hubbard war Tilly, ihre Mutter die alte Frau, die in einem Schuh lebte. Zu einer mächtigen, ja wahnsinnigen Freude wurde dem Kinde dieser Unsinn, nach den Jahren mit seiner Mutter, nach den aufregenden Volkssagen, die es von dieser gehört hatte, die ihre Seele nur beunruhigt und gequält hatten.
Sie hatte mit ihrem Vater eine Art Sorglosigkeit gemein, eine vollkommene, auserlesene Unbefangenheit, zu der das Lachen über alles Spaßhafte gehörte. Es machte ihm Freude, ihre Stimme in den höchsten Tönen erschallen zu hören, toll vor Lachen. Der Säugling war dunkelhäutig und dunkelhaarig wie die Mutter und hatte braune Augen. Brangwen nannte ihn die Amsel.
»Hallo!« rief Brangwen dann, wenn er mit einem Satz auffuhr, weil das Klagegeschrei seines Jungen ihm anzeigte, daß er aus der Wiege genommen werden wollte, »da legt die Amsel wieder los!«
»Die Amsel singt,« rief Anna oft in hellem Entzücken, »die Amsel singt!«
»Und als die Schüssel abgedeckt,« brüllte Brangwen mit seinem hallenden Baß in die Wiege, »da sangen die Vögel all.«
»War das nicht für den König ein wunderschönes Mahl?« rief Anna mit freudeblitzenden Augen, wenn sie die geheimnisvollen Zeilen zu Ende führte und Brangwen wie um Bekräftigung bittend dabei ansah. Er setzte sich mit dem Kleinen nieder und sagte laut:
»Nu leg mal los, mein Junge, nu leg mal los!«
Und der Kleine schrie dann, und Anna rief laut dazwischen und tanzte vor Entzücken wie wild herum:
»Sing mir 'n Lied für 'n Groten,
Die Taschen voll von Riemels,
Ascha! Ascha! – – –«
Dann blieb sie plötzlich ganz still stehen und rief, Brangwen mit blitzenden Augen ansehend, in hellem Entzücken:
»Das war ja ganz verkehrt! Das war ja ganz verkehrt!«
»Och Herrens!« rief die hereintretende Tilly. »Wat'n Larm!«
Brangwen beruhigte den Kleinen, und Anna hüpfte und tanzte weiter. Sie liebte diese Ausbrüche von Wildheit mit ihrem Vater. Tilly dagegen haßte sie, Mrs. Brangwen waren sie gleichgültig.
Um andere Kinder bekümmerte Anna sich nicht viel. Sie beherrschte sie, sie behandelte sie, als wären sie noch sehr klein und unselbständig; für sie waren sie eben die Kleinen, ihr nicht ebenbürtig. So war sie meistens allein, flog auf dem Hofe umher, unterhielt sich mit den Leuten und Tilly und der Dienstmagd, immer in einem nie nachlassenden Wirbel.
Sehr gern fuhr sie mit Brangwen in dem kleinen Wagen aus. Wenn sie da so hoch oben saß und die Straße entlang sauste, dann fühlte sich ihr Sinn für Erhabenheit und Herrschaft befriedigt. In ihrer Anmaßung war sie wie eine kleine Wilde. Ihren Vater hielt sie für einen höchst bedeutenden Mann, wenn sie da hoch oben neben ihm saß. Und so sausten sie an den blühenden Heckenköpfen entlang und übersahen das ganze Bild ländlicher Tätigkeit. Wenn jemand ihm vom Wege aus seinen Gruß zurief und Brangwen freundlich antwortete, ließ sich bald auch ihre schrille kleine Stimme neben der seinigen hören, dem dann ein glucksendes Lachen folgte, wenn sie mit glänzenden Augen zu ihrem Vater aufsah und sie einander anlachten. Und sehr bald wurde es für die Vorübergehenden zur Gewohnheit auszusingen: »Wo geiht't, Tom? Go'n Dag, junge Fru!« oder: »Mor'n Tom, Mor'n, min Deern!« oder auch mal: »Na, willt ji tosamen utrieten?« oder auch: »Ji seht jo nett tosamen ut, ji beide!«
Anna rief mit ihrem Vater zusammen als Antwort: »Wo geiht't, John? Goo'n Mor'n, Willem! Jo, wi willt na Derby«, so laut sie konnte. Obwohl sie manchmal auf ein »Na, 'n beeten utkneepen?« zur größten Freude aller auch antworten konnte: »Je, grode!« Leute, die ihn grüßten und sie unbeachtet ließen, mochte sie nicht leiden.
Sie ging mit ihm ins Wirtshaus, wenn er dort jemand aufzusuchen hatte, und saß oft neben ihm im Schankzimmer, während er sein Bier oder seinen Schnaps trank. Die Wirtinnen machten ihr alle den Hof mit der Landwirtinnen eigenen Unterwürfigkeit.
»Na, mein' kleine Dame, wie heißt du denn?«
»Anna Brangwen«, kam sofort die hochmütige Antwort.
»Och warraftig! Und machste denn auch gern mit Vater ausfahren?«
»Ja,« sagte Anna scheu, aber gelangweilt durch dies nichtssagende Gewäsch. Mit ihrer Blümelein-rühr-mich-nicht-an-Miene hatte sie eine besondere Art, gleichgültige Fragen Erwachsener im Keime zu ersticken.
»Warraftig, das is 'n helles kleines Ding«, sagte einmal die Wirtin zu Brangwen.
»Jo«, sagte er, ohne eine weitere Unterhaltung über das Kind zu ermutigen. Dann erfolgte das Anbieten eines Kuchens oder eines Zwiebacks, die Anna als ihr gebührend entgegennahm. »Was sagt sie, ich bin ein helles kleines Ding?« fragte das kleine Mädel nachher.
»Sie meint, du hättest 'ne scharfe Zunge.«
Anna zögerte. Sie verstand das nicht. Dann lachte sie über irgend etwas Spaßhaftes, was sie grade sah.
Bald nahm er sie jede Woche mit zum Markt. »Ich darf mit, nicht?« fragte sie jeden Sonnabend oder Donnerstag morgen, wenn er sich für den Markt fein machte. Und wenn er es ihr abschlagen mußte, umwölkte sich sein Gesicht.
Zuletzt aber überwand er doch seine Scheu und packte sie neben sich. Sie fuhren nach Nottingham hinein und kehrten im Schwarzen Schwan ein. So weit ging alles gut. Dann aber wollte er sie im Wirtshause lassen. Aber beim ersten Blick auf ihr Gesicht merkte er, das war unmöglich. So raffte er seinen ganzen Mut zusammen und zog mit ihr an der Hand los zum Viehmarkt.
Sie starrte in Verwirrung umher und hüpfte schweigend an seiner Seite vorwärts. Aber auf dem Markte selbst schreckte sie vor dem Gedränge der Leute zurück, alles Männer, alle in schweren, schmutzigen Stiefeln oder Ledergamaschen. Und unten die Straße war fürchterlich dreckig von all dem Kuhdünger. Und der Anblick des Viehs in den viereckigen Hürden erschreckte sie, all die vielen Hörner und so dünne Hürden bloß, und so ein wahnsinniges Geschrei von all den Menschen und Viehtreibern. Sie merkte auch, daß ihr Vater ihretwegen verlegen und unruhig wurde.
In einer Erfrischungsbude kaufte er ihr einen Kuchen und setzte sie auf einen Stuhl. Ein Mann rief ihn an.
»Goo'n Mor'n, Tom. Is dat dine denn?« – und der bärtige Bauer zeigte mit dem Kopfe zu ihr hinüber.
»Jo«, sagte Brangwen mißbilligend.
»Ick wuss' jo gor nich, dat du all so 'ne ole harrst.«
»Ne, dat 's min Fru ehre.«
»Och so!« Und damit sah der Mann Anna an, als wäre sie ein eigenartiges kleines Stück Vieh. Sie glühte ihn mit ihren schwarzen Augen an.
Brangwen ließ sie unter der Obhut des Schankwirts sitzen und ging weiter, um sich um den Verkauf von einem Paar jungen Stieren zu bekümmern. Bauern, Schlachter, Treiber, dreckige grobe Kerls, vor denen sie gefühlsmäßig zurückwich, starrten sie an, wie sie da auf ihrem Stuhl saß, und wandten sich dann ihrem Trunk zu und redeten ganz rücksichtslos miteinander. Alles um sie her war riesig und gewaltdrohend.
»Wen sin Kind kunn dat weesen?« fragten sie den Schankwirt.
»Dat hürt Tom Brangwen to.«
Voller Geringschätzung blieb das Kind sitzen und achtete auf die Tür nach ihrem Vater. Er kam und kam nicht; viele, viele Leute kamen, nur er nicht, und sie saß da wie ein Schatten. Sie wußte, an solchen Orten weinte man nicht. Und jeder Mann sah sie fragend an; sie aber schloß sich gänzlich gegen sie ab.
Eine tiefe, immer zunehmende Kälte umfaßte sie in ihrer Vereinsamung. Er würde nie mehr wiederkommen. Sie saß da wie aus Eis, unbeweglich.
Als es in ihr schon ganz leer und zeitlos geworden war, kam er. Und sie rutschte von ihrem Stuhl herunter wie eine ins Leben zurückgerufene Tote. Er hatte sein Vieh so rasch wie möglich verkauft. Aber noch waren nicht alle Geschäfte abgewickelt. Er mußte sie aufs neue in die Drängelei des Viehmarktes mitnehmen.
Dann endlich wandten sie sich nach draußen und gingen wieder durch das Tor. Er hatte fortwährend diesem oder jenem zuzurufen, mußte alle Augenblicke anhalten, um über Land oder Vieh und Pferde und andere Dinge, die sie nicht begriff, zu klönen, wobei sie aber in dem Gestank und dem Dreck zwischen den Beinen und den großen Stiefeln der Männer stillstehen mußte. Und immer wieder hörte sie die Frage:
»Was ist das denn für 'n Deern? Ick wuss' nich, du harrst all so 'ne ole!«
»De hürt min Fro to.«
Anna war sich der Abstammung von ihrer Mutter sehr wohl bewußt, am Ende, und daß sie aus der Fremde gekommen waren.
Endlich aber waren sie fertig, und Brangwen ging mit ihr in ein kleines, altes, dunkles Gasthaus beim Bridlesmith-Tor. Sie aßen Ochsenschwanzsuppe und Fleisch und Kohl und Kartoffeln. Auch andere Männer und sonstige Leute kamen in dies dunkle Gewölbe, um zu essen. Anna saß still, die Augen weit offen vor Verwunderung.
Dann gingen sie auf den großen Markt, zur Kornbörse und dann in allerlei Läden. In einem kaufte er ihr ein kleines Buch. Er mochte gern einkaufen, allerlei sonderbares Zeugs, von dem er glaubte, es könnte ihm mal zunutze kommen. Dann gingen sie wieder in den Schwarzen Schwan, und sie trank Milch und er Branntwein, und endlich schirrten sie das Pferd an und fuhren auf der Straße nach Derby von dannen.
Sie war vor Verwunderung und Staunen müde geworden. Als sie aber am nächsten Tag drüber nachdachte, da flitzte sie sofort in ihrem merkwürdigen Tanzschritt los, bei dem sie so mit einem Bein hintenaus schlug, und redete die ganze Zeit von alle dem, was ihr zugestoßen war und was sie gesehen hatte. Das dauerte die ganze Woche an. Und am nächsten Sonnabend brannte sie darauf, wieder mitzukommen.
Sie war bald allgemein bekannt auf dem Viehmarkt, auf ihrem Stuhl in der kleinen Bude. Aber am liebsten ging sie mit nach Derby. Da hatte ihr Vater mehr Freunde. Und das Anheimelnde der kleineren Stadt war ihr lieber, die Nähe des Flusses und alles, was ihr fremd war, ängstigte sie doch nicht, es war so viel kleiner. Sie hatte die Markthalle gern und die alten Frauen. Gern war sie im Wirtshaus zum Georg, wo ihr Vater ausspannte. Der Wirt war Brangwens alter Freund, und Anna wurde hier sehr verzogen. Manchen Tag saß sie in dem kleinen gemütlichen Wohnzimmer bei Wigginton, einem dicken, rothaarigen Manne, dem Wirt, und redete mit ihm. Und wenn die Landleute sich um Zwölf zum Essen versammelten, wurde sie rein eine kleine Heldin.
Zuerst konnte sie all diese fremden Leute mit ihren groben Ausdrücken nur wütend angucken oder anzischen. Aber sie waren sehr gutmütig. Sie war für sie ein seltsames kleines Wesen mit ihrem wilden hellen Haar wie aus gesponnenem Glas, das wie ein flammender Heiligenschein um ihr Apfelblütengesichtchen mit den schwarzen Augen herumstand, und die Männer hatten so etwas Besonderes gern. Sie regte ihre Aufmerksamkeit an.
Sie war sehr ärgerlich, als Mariott, ein Gutsbesitzer aus Ambergate, sie einen kleinen Iltis nannte.
»Was, du bist ja der reine kleine Iltis!« sagte er zu ihr.
»Bin ich gar nicht«, blitzte sie ihn an.
»Bist du doch! Genau so läuft ein Iltis.«
Sie dachte einen Augenblick nach.
»Ja, und du bist – du bist –« fing sie an.
»Na, was bin ich?«
Sie sah an ihm auf und nieder.
»Du bist ein Krummbein-Mann.«
Und das war er auch. Brüllendes Gelächter ertönte. Sie liebten sie wegen ihrer Unbezähmbarkeit.
»Ach,« sagte Mariott, »so was kann auch nur ein Iltis sagen!«
»Ja, und ich bin auch ein Iltis«, blitzte sie ihn wieder an.
Wieder lautes Gelächter bei den Männern.
Sie zogen sie gern auf.
»Na, min lüttje Deern,« pflegte Braithwaite zu ihr zu sagen, »wie is es denn man noch mit die Lämmerwolle?«
Und damit zupfte er sie an einer hellen Strähne ihres glänzenden Haares.
»Ist keine Lämmerwolle«, sagte Anna und strich ärgerlich die entweihte Locke wieder zurecht.
»Na, wo seggst du denn dorto?«
»Haar ist das.«
»Hoor! Wo ward de Ort woll trocken?«
»Wo ward de woll trocken?« fragte sie in seiner Mundart, von Neugier überwältigt.
Anstalt ihr zu antworten, schrie er laut vor Vergnügen. Das war das Höchste, sie dazu zu bringen, Platt zu sprechen.
Einen Feind hatte sie, einen Mann, den sie Nuß-Nat oder Nat-Nuß nannten, einen Schwachsinnigen mit einwärts stehenden Füßen, der mit bei jedem Schritt in die Höhe fahrenden Schultern einherwatschelte. Dies arme Geschöpf verkaufte in den Wirtshäusern, wo man ihn kannte, Nüsse. Er hatte keinen Gaumen, und die Leute machten sich über seine Sprache lustig.
Das erstemal, als er in den Georg kam, während Anna dasaß, fragte sie nach seinem Weggehen mit runden Augen:
»Warum macht er so beim Gehen?«
»Dat kann he nich helpen, Putthöneken, he is nu mol so mookt.« Sie dachte darüber nach, und dann fing sie an nervös zu lachen. Und dann dachte sie weiter nach, ihre Backen röteten sich, und sie rief:
»Das ist ein gräßlicher Mann!«
»Ne; he is gor nich gräsig; he kann dat doch nich helpen, dat he dormit slogen is.«
Und als der arme Nat das nächstemal hereingewatschelt kam, schlich sie hinaus. Sie wollte auch keine von seinen Nüssen essen, wenn die Männer ihr welche kauften. Und als die Landleute Domino drum spielten, wurde sie ärgerlich.
»Das sind Dreckmannsnüsse!« rief sie.
Damit leitete sie eine allgemeine Abneigung gegen den armen Nat ein, der nicht lange nachher ins Arbeithaus wandern mußte.
In Brangwens Herzen entstand nun der geheime Wunsch, sie zu einer Dame zu machen. Sein Bruder Alfred hatte in Nottingham großen Anstoß dadurch hervorgerufen, daß er der Liebhaber einer gebildeten Frau, einer Dame, der Witwe eines Arztes, geworden war. Sehr häufig ging Alfred Brangwen zu freundschaftlichem Besuch zu ihr in ihr Landhaus in Derbyshire, ließ seine Frau und Kinder einen Tag oder zwei allein und kam dann wieder. Und niemand wagte ihm zu widersprechen, denn er war ein Mann von starkem Willen, immer gradeaus, und behauptete, er wäre mit der Witwe befreundet.
Eines Tages traf Brangwen seinen Bruder am Bahnhof.
»Wo willst du denn hin?« fragte der jüngere Bruder.
»Ich gehe nach Wirksworth.«
»Hast ja wohl Freunde da unten, höre ich.«
»Ja.«
»Muß doch auch mal hereingucken, wenn ich da mal vorbeikomme.«
»Bitte, wenns dir Spaß macht.«
Tom Brangwen war so neugierig auf die Frau, daß er das nächstemal, als er wieder in Wirksworth war, sich nach dem Hause erkundigte.
Er fand ein wunderhübsches Häuschen am steilen Abhang eines Hügels, das frei über die auf dem Boden des Talkessels liegende Stadt hinwegschaute und weit hinüber nach den alten Steinbrüchen auf der andern Seite des Tales. Frau Forbes war im Garten. Sie war eine stattliche Frau mit weißen Haaren. Als sie den Gartenpfad herunterkam, zog sie ihre dicken Handschuhe aus und legte ihre Baumschere beiseite. Es war im Herbst. Sie trug einen breitrandigen Hut.
Brangwen wurde rot bis unter die Haarwurzeln und wußte nicht, was er sagen sollte.
»Ich dachte, ich könnte wohl mal hereingucken,« sagte er, »weil ich doch wußte, Sie wären gut Freund mit meinem Bruder. Ich hatte hier in Wirksworth zu tun.«
Sie sah sofort, daß er ein Brangwen war.
»Wollen Sie nicht hereinkommen?« sagte sie. »Mein Vater liegt noch.«
Sie führte ihn ins Wohnzimmer, das voll von Büchern war, mit einem Klavier und einem Notenständer. Und sie unterhielten sich, sie ganz schlicht und fließend. Sie war durchaus würdevoll. Das Zimmer war auf eine Art eingerichtet, die Brangwen nie gesehen hatte; es schien so luftig und geräumig, als stände man oben auf einem Berge.
»Liest mein Bruder gern?« fragte er.
»Manches. Er hat Herbert Spencer gelesen. Und zuweilen lesen wir Browning zusammen.«
Brangwen war voller Bewunderung, tief erregter, fast verehrungsvoller Bewunderung. Er sah sie mit lichterfüllten Augen an, als sie sagte: »wir lesen«. Zuletzt platzte er heraus, sich im Zimmer umsehend:
»Ich wußte gar nich, daß unser Alfred so was gern hätte.«
»Er ist ein ganz ungewöhnlicher Mensch.«
Erstaunt sah er sie an. Sie hatte augenscheinlich eine ganz andere Meinung von seinem Bruder: sie schätzte ihn offenbar sehr hoch. Wieder sah er die Frau an. Sie war ungefähr vierzig, hielt sich straff aufrecht, eher etwas hart, ein merkwürdiges, verschlossenes Wesen. Er für sein Teil mochte sie nicht, es war etwas Erkältendes an ihr. Aber er war von grenzenloser Bewunderung erfüllt.
Beim Tee wurde er ihrem Vater vorgestellt, einem Kranken, der beim Gehen gestützt werden mußte, aber ein rotbäckiger, schöner alter Mann war, mit schneeweißem Haar und hellen, wasserblauen Augen, sowie einem höflich-einfältigen Benehmen, das Brangwen auch wieder neu und seltsam vorkam, so milde, so fröhlich, so unschuldig.
Und sein Bruder war der Liebhaber dieser Frau! Das war zu erstaunlich. Brangwen ging nach Hause voller Verachtung gegen sich selbst und seine armselige Lebensweise. Ein Klutenpetter war er und ein Bauer, stumpf, im Dreck versunken. Sehnlicher als je wünschte er, er könnte herausklettern in diese ihm wie eine Erscheinung vor Augen schwebende feinere Welt.
Er war ja wohlhabend. Er war ebenso wohlhabend wie Alfred, der alles in allem nicht über sechshundert Pfund haben konnte. Er nahm ungefähr vierhundert ein und konnte es auf mehr bringen. Seine Einlagen verbesserten sich von Tag zu Tag. Warum unternahm er nicht irgend etwas? Seine Frau war doch auch eine Dame.
Aber als er dann in die Marsch kam, merkte er, wie fest da alles stand, wie fern diese andere Lebensweise ihm lag, und zum erstenmal tat es ihm leid, daß er den Hof übernommen hatte. Er fühlte sich als Gefangener, wie er so sicher geborgen, ohne Sorgen und Abenteuer zu erleben dasaß. Hätte er etwas wagen wollen, dann hätte er vielleicht mehr aus sich herausholen können. Er konnte weder Browning noch Herbert Spencer lesen, noch konnte er je Zutritt zu Räumen wie Frau Forbes ihren erlangen. Diese Lebensweise lag ihm zu fern.
Aber dann sagte er sich, er wünsche sie sich auch gar nicht. Die Aufregung nach dem Besuche ging vorüber. Am nächsten Tage war er wieder er selbst, und wenn er überhaupt noch an die andere Frau dachte, dann geschah es wegen etwas an ihr oder ihrer Wohnung, was er nicht leiden mochte, wegen etwas Kaltem, Fremdartigem, als wäre sie gar keine Frau, sondern ein übermenschliches Wesen, das menschliches Leben für seine kalten, leblosen Zwecke mißbrauchte.
Der Abend brach herein, er spielte mit Anna und saß dann allein mit seiner Frau. Sie nähte. Er saß sehr still, rauchend, verstört. Er nahm seiner Frau ruhige Gestalt wahr und ihren ruhigen, dunklen, über ihre Nadel gebeugten Kopf. Das war ihm zu ruhig. Es war zu friedlich. Er hätte am liebsten die Wände eingerissen und die Nacht hereingelassen, damit seine Frau nicht so ruhig und sicher dasitzen könnte. Er wollte, die Luft wäre nicht so benommen, so verdorben gewesen. Seine Frau war ihm entfremdet, sie ruhte in ihrer eigenen Welt, ruhig, sicher, unbeachtet, selbst nicht beachtend. Er war von ihr ausgeschlossen.
Er stand auf, um auszugehen. Er konnte nicht länger still sitzen. Er mußte aus diesem niederdrückenden, verschlossenen Weiberbann heraus.
Seine Frau hob den Kopf und sah ihn an.
»Gehst du aus?« fragte sie.
Er sah nieder und traf ihre Augen. Sie waren dunkler als gewöhnlich, wie die Finsternis selbst, und hatten weitere Räume als diese hinter sich. Er fühlte, wie er sich vor ihr in eine Verteidigungsstellung zurückzog, während ihre Augen ihn verfolgten und aufspürten.
»Ich wollte grade mal nach Cossethay«, sagte er.
Sie setzte ihre Beobachtung fort.
»Warum gehst du?« fragte sie.
Sein Herz begann rascher zu schlagen, und er setzte sich langsam wieder hin.
»Keinen besonderen Grund«, erwiderte er und fing an, sich gedankenlos eine Pfeife zu stopfen.
»Warum gehst du so oft aus?« fragte sie weiter.
»Ja, du willst doch nichts mehr von mir wissen«, erwiderte er. Sie saß eine Weile still.
»Du magst nicht mehr bei mir sein«, sagte sie.
Da fuhr er überrascht auf. Wie konnte sie die Wahrheit wissen? Er hatte geglaubt, das wäre ganz geheim.
»Tja«, sagte er.
»Du möchtest was anderes finden«, sagte sie.
Er antwortete nicht. Möchte er das wirklich? fragte er sich.
»Du solltest nicht so viel Aufmerksamkeit verlangen«, sagte sie; »du bist doch kein kleines Kind mehr.«
»Ich brumme ja auch gar nicht«, sagte er. Und er wußte, daß er das doch täte.
»Du denkst, du kriegst nicht genug«, sagte sie.
»Wieso, genug?«
»Du denkst, du hast nicht genug an mir. Aber was weißt du denn von mir? Was tust du denn, damit ich dich lieben könnte?« Er war verblüfft.
»Ich habe ja nie gesagt, ich kriegte nicht genug von dir«, antwortete er. »Ich wußte ja nich, daß du erst lernen müßtest, mich lieb zu haben. Was willst du denn?«
»Du hältst dein Versprechen nicht länger, du nimmst keinen Teil mehr an mir. Du machst mich nicht mehr nach dir verlangen.«
»Und du machst mich nicht mehr nach dir verlangen, nicht wahr?« Dann trat Schweigen ein. Sie waren sich so fremd.
»Möchtest du eine andere Frau haben?« fragte sie.
Seine Augen wurden rund, er wußte nicht, wo er war. Wie konnte sie, seine eigene Frau, so etwas sagen? Aber da saß sie, klein und fremd und für sich. Es dämmerte ihm auf, vielleicht sähe sie sich gar nicht als seine Frau an, außer in den Stücken, wo sie übereinstimmten. Sie fühlte sich gar nicht, als sei sie ihm ehelich angetraut. Jedenfalls war sie imstande, sich in die Lage hineinzudenken, daß er noch eine andere Frau haben möchte. Ein Abgrund, eine Kluft öffnete sich vor seinen Füßen.
»Nein«, sagte er langsam. »Was für 'ne andere Frau sollte ich denn wohl haben mögen?«
»Wie dein Bruder«, sagte sie.
Eine Weile saß er sprachlos, teils auch vor Scham.
»Was ist denn mit der?« sagte er. »Ich mochte die Frau ja nich leiden.«
»Doch, du mochtest sie wohl leiden«, erwiderte sie hartnäckig. Voller Verwunderung stierte er seine Frau an, als sie ihm sein eigenes Herz so ohne jede Empfindlichkeit klarlegte. Und er ärgerte sich auch. Was für ein Recht hatte sie, dazusitzen und ihm so was zu erzählen? Sie war seine Frau, was für ein Recht hatte sie denn, so zu ihm zu sprechen, als wäre sie ihm ganz fremd?
»Nein«, sagte er. »Ich will keine andere.«
»Doch, du möchtest gern so wie Alfred leben.«
Sein Schweigen bewies, wie ärgerlich ihm dieser Querstrich war. Er war erstaunt. Von seinem Besuche in Wirksworth hatte er ihr erzählt, aber nur kurz, ohne ihm irgendwelche Wichtigkeit beizulegen, wie er glaubte.
Und da saß sie mit ihrem seltsamen dunklen Gesicht ihm zugekehrt, ihre undurchforschlichen Augen ihn beobachtend und berechnend. Er fing an, sich ihr zu widersetzen. Wieder war sie ein Unbekanntes, das ihm entgegenarbeitete. Mußte er das denn zulassen? Unwillkürlich wurde sein Widerstand rege.
»Weshalb verlangt dich denn nach einer Frau, die dir mehr sein könnte als ich?« sagte sie.
Der Aufruhr tobte in seiner Brust.
»Das tut es ja gar nich«, sagte er.
»Weshalb?« wiederholte sie. »Warum möchtest du mich verleugnen?«
Plötzlich, wie bei einem Blitze, sah er, sie fühle sich vielleicht einsam, verlassen, unsicher. Ihm war sie stets als die so gänzlich Selbstsichere, Zufriedene, Unbedingte, sich Abschließende vorgekommen. Fehlte ihr vielleicht doch etwas?
»Warum hast du nicht an mir genug? – Ich habe nicht genug an dir. Paul pflegte zu mir zu kommen und mich wie ein Mann hinzunehmen. Du läßt mich immer allein und nimmst mich dann mal wie eins von deinen Tieren, rasch, und vergißt mich gleich wieder – grade genug um mich gleich wieder vergessen zu können.«
»Woran soll ich mich denn von dir erinnern?« fragte Brangwen.
»Ich möchte, daß du bedenkst, daß auch außer dir noch jemand da ist.«
»Tue ich das denn nich?«
»Du kommst zu mir, als wäre es rein um gar nichts, als wäre ich nichts. Wenn Paul zu mir kam, so war ich ihm etwas – ein Weib war ich ihm. Dir bin ich nichts – grade wie ein Stück Vieh – oder gar nichts
»Wenn du so redest, komme ich mir vor, als wäre ich gar nichts«, sagte er.
Sie waren still. Sie saß und beobachtete ihn. Er konnte sich nicht rühren, seine Seele war in brodelnder Verwirrung. Sie wandte sich wieder ihrer Näherei zu. Aber ihr Anblick, wie sie so vornübergebeugt dasaß, hielt ihn fest und ließ ihn nicht zu sich selber kommen. Sie war ein seltsames, feindseliges, herrschsüchtiges Wesen. Aber doch nicht gänzlich feindselig. Wie er so dasaß, merkte er, wie fest seine Glieder waren und wie hart; stark saß er da.
Lange Zeit stichelte sie schweigend darauflos. Mit einem Prickeln empfand er die ihm so vertraute, so reizvolle Rundung ihres Kopfes. Sie hob wieder den Kopf und seufzte. Sein Blut kochte, ihre Stimme durchlief ihn wie flüssiges Feuer.
»Komm her«, sagte sie, etwas unsicher.
Ein paar Augenblicke regte er sich nicht. Dann stand er langsam auf und schritt am Kamin vorüber. Es gehörte ein beinahe tödliches Maß von Willensstärke oder Ergebung dazu. Er stand vor ihr und sah zu ihr nieder. Ihr Antlitz leuchtete wieder, ihre Augen erglänzten wieder wie in schrecklichem Lachen. Es war ihm furchtbar, wie sie sich verändern konnte. Er konnte sie nicht ansehen, es versengte ihm das Herz.
»Mein Liebster!« sagte sie.
Und sie schlang ihre Arme um ihn, wie er so vor ihr stand, um seine Schenkel, und drückte ihn fest an ihre Brust. Und ihre auf ihm ruhenden Hände schienen ihm seine eigene nackte Form zu enthüllen, er kam sich über alle Begriffe herrlich vor. Sie konnte er nicht ansehen.
»Mein Liebster!« sagte sie. Er wußte, sie sagte das in einer fremden Sprache. Furcht trat wie eine neue Seligkeit in sein Herz. Er sah nieder. Ihr Antlitz leuchtete, ihre Augen standen voll Licht, sie war furchtbar. Er litt unter dem zwingenden Drang zu ihr hin. Sie war das furchtbar Unbekannte. Schmerzerfüllt beugte er sich zu ihr nieder, unfähig sich loszureißen, unfähig sich ihr selbst zu überlassen und doch zu ihr hingezogen, getrieben. Jetzt war sie eine ganz andere, sie war wundervoll, stand ihm ganz fern. Er wollte zu ihr gehen. Aber noch vermochte er sie nicht zu küssen. Er stand ihr noch fern. Am leichtesten wäre es ihm gewesen, ihr die Füße zu küssen. Aber davor, dies wirklich zu tun, schämte er sich, es hätte ihr wie eine Beleidigung vorkommen müssen. Sie erwartete sein Kommen in Gleichheit, nicht daß er sich vor ihr erniedrigte und ihr diente. Tätig sollte er an ihr teilnehmen, nicht sich ihr unterwerfen. Sie legte ihre Finger auf ihn. Und das war ihm eine Qual, daß er sich ihr mit seiner ganzen Tatkraft hingeben müsse, an ihr teilhaben solle, daß er ihr entgegengehen und sie umarmen und erkennen solle, sie, die doch so anders war als er. Etwas in seinem Inneren bäumte sich vor diesem Nachgeben zurück, widerstand dem Eingehen auf ihre Wünsche, widersetzte sich der Vermengung mit ihr, selbst während er sie aufs heißeste herbeisehnte. Er wurde bange und dachte, wie er sich diesem Zwiespalt entziehen könne.
Ein paar Augenblicke herrschte Stille. Allmählich aber ließ die Spannung, die Zurückhaltung in ihm nach, und er begann ihr zuzutreiben. Sie stand ihm fern, eine Unerreichbare. Indessen ließ er den Rückhalt an seinem eigenen Ich fahren, er ließ sich treiben in dem Bewußtsein, wie stark die unterirdische Kraft seiner Sehnsucht nach ihr war, der Wunsch nach dem Zusammensein mit ihr, der Vermengung mit ihr, wenn er sich selbst aufgebe, um sie zu finden, um sich in ihr wiederzufinden. Er fing an sich ihr zu nähern, sich zu ihr hinziehen zu lassen.
Sein Blut wallte in sehnsüchtigen Wogen empor. Er wäre so gern zu ihr gegangen, wäre ihr so gern entgegengekommen. Sie war bereit, wenn er sie erreichen konnte. Die Wirklichkeit ihrer Erscheinung, die nur so wenig abseits von ihm stand, nahm ihn ganz hin. Blind und vernichtet drängte er vorwärts, näher, immer näher, um die Vollendung seiner selbst zu empfangen, von der Dunkelheit aufgenommen zu werden, die ihn verschlingen und ihn sich selbst wiedergeben würde. Konnte er den strahlenden Kern der Finsternis wirklich erreichen, dann konnte er sich wirklich vernichten lassen, verbrannt werden, bis er dann mit ihr zusammen in Vollendung auferstehen würde in höchster, wirklich der allerhöchsten Vollendung.
Ihr Sichfinden nun, nach zwei Jahren ihres Ehelebens, wurde viel wundervoller als das frühere gewesen war. Es wurde zum Eintritt in einen anderen Daseinskreis, die Taufe für ein anderes Leben, es war völlige Bestätigung. Ihre Füße betraten den Grund seltsamer Erkenntnis, ihre Fußspuren leuchteten von Entdeckungen wider. Wohin sie schritten, es war gut, die Welt hallte ringsum von Entdeckungen wider. Sie waren glücklich im Vergessen. Alles war vorüber und alles neu gefunden. Sie hatten die Welt neuentdeckt, sie brauchten sie nur noch zu durchforschen.
Sie hatten das Tor zu weiteren Räumen durchschritten, wo alle Bewegung so mächtig war, daß sie Bande und Zwang und Mühen in sich barg und doch vollkommene Freiheit war. Sie war für ihn dies Tor, er für sie. Endlich hatten sie die Flügel aufgestoßen, jeder für den anderen, und hatten sich in der Öffnung gegenübergestanden, während das Licht ihnen von innen her über das Antlitz flutete; es war die Verwandlung, die Verklärung, der Einlaß.
Und das Licht dieser Verwandlung fuhr fort in ihren Herzen zu leuchten. Er machte seinen Weg wie zuvor, sie ging den ihren, für die übrige Welt wurde keine Veränderung an ihnen sichtbar. Aber für sie beide war es ein ewiges Wunder um diese Verwandlung.
Er kannte sie jetzt, nun er sie vollkommen erkannt hatte, um nichts mehr, um nichts genauer als früher. Polen, ihr Mann, der Krieg – nichts von all diesem verstand er an ihr. Er verstand auch nicht ihr fremdes Wesen, halb Deutsche, halb Polin, noch ihre fremde Sprache. Aber er kannte sie, er wußte, was sie bedeutete, auch ohne sie zu begreifen. Was sie sagte, was sie redete, das alles waren für ihn nur ganz nichtssagende Bewegungen ihrerseits. Sie schritt einher, stark in sich und klar, er kannte sie, er grüßte sie, blieb bei ihr. Was war denn Erinnerung, als daß man eine Anzahl unerfüllter Möglichkeiten wieder hervorholte? Was bedeutete Paul Lensky für sie als eine unerfüllte Möglichkeit, gegenüber der er, Brangwen, die Wirklichkeit und die Erfüllung war. Was lag daran, daß Anna Lensky von Paul und Lydia erzeugt worden war? Gott war ihr Vater und ihre Mutter, er hatte das Ehepaar durchdrungen, ohne sich ihnen völlig zu offenbaren.
Jetzt hatte er sich Brangwen und Lydia Brangwen gezeigt, als sie beieinander standen. Als sie sich endlich die Hände reichten, war das Haus fertig, und der Herr nahm seine Wohnung in ihm. Und sie wurden des froh.
Und die Tage liefen hin wie vormals, Brangwen ging an seine Arbeit, seine Frau nährte ihr Kind und kümmerte sich in gewisser Beziehung auch um den Hof. Sie dachten gar nicht aneinander – warum auch? Nur wenn sie ihn anrührte, dann wußte er sogleich, daß sie bei ihm war, dicht bei ihm, daß sie das Tor für Eingang und Ausgang war, daß sie jenseits von allem stand, und daß er in ihr durch das Jenseits dahinwanderte. Wohin? – Was lag daran? Er ging stets auf sie ein. Wenn sie rief, war er bereit, wenn er sie fragte, kam ihre Antwort sogleich oder doch sehr bald.
Annas Seele kam zwischen ihnen zur Ruhe. Sie sah von einem zum andern und merkte, sie behüteten sie fest, und sie fühlte sich frei. Sie spielte zwischen der Staubsäule und der Feuersäule voller Vertrauen, denn sie fand es zu ihrer rechten Hand so sicher bestätigt wie zu ihrer linken. Nicht länger erging an sie der Hilferuf, mit ihrer kindlichen Kraft den geborstenen Bogen zu stützen. Ihr Vater und ihre Mutter reichten nun an die Wölbung des Himmels, und sie, das Kind, durfte zwischen ihnen beiden im weiten Raume spielen.
Viertes Kapitel.
Anna Brangwens Mädchenzeit
Inhaltsverzeichnis
Als Anna neun Jahre alt war, schickte Brangwen sie auf die Mädchenschule nach Cossethay. Die besuchte sie, auf ihre gewöhnliche geringschätzige Art umherhüpfend und tanzend, tat meistens, was ihr paßte, und machte das alte Fräulein Coates durch ihre Gleichgültigkeit gegen Wohlanstand und ihren Mangel an jeglicher Hochachtung ganz untröstlich. Anna lachte bloß über Fräulein Coates, mochte sie aber gern und spielte auf ihre kindlich-hochnäsige Weise ihre Gönnerin.
Das Mädchen war gleichzeitig scheu und wild. Für gewöhnliche Leute besaß sie eine sonderbare Mißachtung, eine Art wohlwollender Überlegenheit. Sie war sehr scheu und litt unter einem quälenden Jammergefühl, sobald andere sie nicht mochten. Auf der andern Seite kümmerte sie sich nur sehr wenig um irgend jemand, mit Ausnahme ihrer Mutter, die sie immer noch, mit ein wenig Trotz untermischt, verehrte, und ihren Vater, den sie liebte, und zwar bevormundete, von dem sie sich aber doch völlig abhängig fühlte. Diesen beiden, ihrem Vater und ihrer Mutter, hielt sie sich noch verpflichtet. Allen übrigen gegenüber fühlte sie sich frei und nahm ihnen gegenüber meistens eine gönnerhafte Haltung an. Tiefverhaßt jedoch waren ihr Häßlichkeit, Aufdringlichkeit oder Anmaßung. Für ein Kind war sie so stolz und schattenhaft wie ein Tiger, und auch so hochmütig. Wohl konnte sie Freundlichkeiten erweisen, aber, ausgenommen von ihrem Vater oder ihrer Mutter, nie welche annehmen. Leute, die ihr zu nahe kamen, haßte sie. Wie ein Geschöpf der Wildnis verlangte sie nach Abstand. Freundlichkeit mißtraute sie.
In Cossethay und Ilkeston blieb sie immer fremd. Sie hatte viele Bekanntschaften, aber keine Freunde. Sehr wenige von den Menschen, die sie traf, bedeuteten ihr etwas. Sie kamen ihr wie zur Herde gehörig, ohne Merkmal vor. Sie nahm die Menschen nicht sehr ernst.
Zwei Brüder hatte sie, Tom, dunkelhaarig, flatterhaft, dem sie sich durchaus vertraut fühlte, mit dem sie aber nicht viel zusammen war, und Fred, hellhaarig und entgegenkommend, den sie anbetete, aber nicht als ein wirklich selbständiges Wesen betrachtete. Sie war sich zu sehr Mittelpunkt ihrer eigenen Welt und kümmerte sich zu wenig um alles außerhalb dieser Liegende.
Der erste »Mensch«, den sie traf, der sich ihr als ein wirkliches Eigenwesen darstellte, der für sie tatsächlich ein selbständiges Dasein führte, war Baron Skrebensky, ihrer Mutter Freund. Er war gleichfalls ein polnischer Flüchtling, hatte die Weihen erhalten und von Gladstone eine kleine Lebensstellung in Yorkshire bekommen.
Als Anna ungefähr zehn Jahre alt war, fuhr sie mit ihrer Mutter für ein paar Tage zu Baron Skrebensky. Er fühlte sich in seinem kleinen Backstein-Pfarrhause sehr unglücklich. Er war Vikar einer Landpfarre, die ihm etwas über zweihundert Pfund jährlich einbrachte, aber die Pfarre war groß, es gehörten ein paar Bergwerke zu ihr mit einer ganz neuen, rohen, heidnischen Bevölkerung. Er war mit der Erwartung nach Nordengland gegangen, das gewöhnliche Volk werde in ihm den Edelmann verehren, denn das war er. Er wurde ruppig, ja gradezu grausam aufgenommen. Aber das begriff er nie. Er blieb derselbe heißblütige Edelmann. Nur mußte er lernen, seinen Pfarrkindern aus dem Wege zu gehen.
Anna empfing einen sehr starken Eindruck von ihm. Er war ein schmächtiger Mensch mit mürrischem, verkniffenem Gesicht und sehr tief liegenden, blauen, glühenden Augen. Seine Frau war lang, dünn, aus edlem polnischen Geschlecht und wahnsinnig vor Hochmut. Er sprach immer noch gebrochen englisch, denn er beschränkte sich meistens auf den Umgang mit seiner Frau, da sie sich beide in diesem fremden, ungastlichen Lande wie verloren vorkamen und nur polnisch zusammen sprachen. Er fühlte sich durch Mrs. Brangwens weiches, natürliches Englisch sehr unbehaglich berührt und empfand es höchst ärgerlich, daß ihr Kind nicht polnisch sprach.
Anna beobachtete ihn gern. Sie hatte das große, neue, weitläufige Pfarrhaus, das so einsam und beherrschend oben auf seinem Hügel lag, sehr gern. Es kam ihr so frei, so kühn und traurig vor nach der Marsch. Der Baron sprach mit ihrer Mutter endlos polnisch; er fuchtelte wütend mit den Händen, und seine blauen Augen strahlten vor Feuer. Und für Anna bekamen alle seine weitausholenden, scharfen Bewegungen bestimmte Bedeutung. Etwas in ihrem Inneren kam seiner Überspanntheit und seinen überschwenglichen Redensarten entgegen. Sie hielt ihn für einen ganz wundervollen Menschen. Sie war bange vor ihm, aber sie hatte es gern, wenn er mit ihr sprach. Sie fühlte sich frei in seiner Nähe.
Sie konnte nicht sagen, woher sie es wußte, aber sie wußte ganz bestimmt, daß er Johanniter sei. Sie konnte sich nie darauf besinnen, ob sie seinen Stern oder sein Ordenskreuz gesehen hatte oder nicht, aber vor ihrem Geiste standen sie als blitzende Wahrzeichen seiner Stellung. Er stellte auf alle Fälle für das Kind die wirkliche Welt dar, in der sich Könige und Prinzen und vornehme Herren bewegten und ihr glänzendes Leben auslebten, wo Königinnen und Edelfrauen und Prinzessinnen den Adel hochhielten.
Sie hatte in Baron Skrebensky den wirklichen Menschen anerkannt, und er hatte ihr Beachtung geschenkt. Aber sobald sie ihn nicht mehr sah, verblaßte er und war ihr nur noch ein Andenken. Aber als solches lebte er auch in ihr weiter.
Anna wuchs zu einem großen, linkischen Mädchen heran. Ihre Augen waren immer noch sehr dunkel und rasch, aber sie wurden achtlos, sie verloren ihren wachsamen, feindseligen Blick. Ihr straffes, gesponnenes Haar wurde braun, es wurde schwerer und mußte zurückgebunden werden. Sie kam dann auf eine Schule für junge Mädchen in Nottingham.
Von jetzt an ging sie ganz in dem Gedanken auf, eine junge Dame zu werden. Sie war klug genug, nahm aber gar keinen Anteil am Lernen. Zuerst kamen ihr alle die jungen Mädchen in der Schule ganz wie Damen vor, ganz wundervoll, und sie wünschte sehnlichst, ihnen gleich zu werden. Sie erlebte aber bald eine herbe Enttäuschung: sie quälten sie und machten sie wahnsinnig, sie waren kleinlich und gemein. Nach dem ungebundenen, freigebigen Leben zu Hause, wo Kleinigkeiten nicht gerechnet wurden, fühlte sie sich in dieser Welt, wo man sich stets um Nichtigkeiten biß und zankte, sehr unbehaglich.
Ein rascher Wechsel kam über sie. Sie mißtraute sich selbst, sie mißtraute der übrigen Welt. Sie wollte sie nicht weiter kennen lernen, gar nicht erst in sie eintreten, sie wollte nicht weiter.
»Was mache ich mir denn aus dem Haufen Mädels?« pflegte sie voller Verachtung zu ihrem Vater zu sagen; »sie sind für mich gar nicht da.«
Das Leiden war, daß die Mädchen Anna nicht mit ihrem selbstgewählten Maßstab messen wollten. Sie wollten sie ihren Regeln entsprechend aufnehmen oder gar nicht. So wurde sie verwirrt, verlockt, versuchte es ihnen eine Zeitlang gleichzutun, und haßte sie dann als Gegengewicht wütend.
»Warum lädst du dir nicht mal ein paar von den Mädchen ein?« sagte ihr Vater immer wieder.
»Hier kommen sie nicht her!« rief sie.
»Warum denn nicht?«
»Sie sind Bagatelle«, antwortete sie mit einer der sonderbaren Redensarten ihrer Mutter.
»Bagatells oder Billards, das ist ganz schnuppe, es sind doch nette Mädels.«
Aber Anna war nicht dazu zu bringen. Sie hatte einen merkwürdigen Widerwillen gegen gewöhnliche Leute, und ganz besonders gegen die jungen Mädchen ihrer Tage. In Gesellschaft mochte sie nicht gehen wegen eines Gefühls von Unbehagen, das andere Leute über sie brachten. Und sie konnte sich nie darüber klar werden, ob das ihre Schuld war oder die der anderen. Halbwegs achtete sie diese Leute doch, und beständige Enttäuschung machte sie ganz verrückt. Sie hätte ihnen gern vollkommene Achtung entgegengebracht. Denn sie hielt beständig alle ihr noch unbekannten Leute für wahre Wunder. Die sie kannte, schienen ihr sie stets nur einzuengen, sie in kleine Falschheiten zu verstricken, die sie über alle Begriffe reizten. Lieber blieb sie zu Hause und vermied die übrige Welt, so daß sie sich ihren schönen Schein bewahren konnte.
Denn in der Marsch besaß das Leben tatsächlich einen gewissen Spielraum, Großzügigkeit. Da gabs kein Gezanke um Geld, keine kleinlichen Vortrittsrechte, noch kümmerte man sich um das, was andere Leute dachten, weil weder Mrs. Brangwen noch Brangwen selbst irgendwelcher von außerhalb kommenden Beurteilung zugänglich waren. Ihr Leben lief ganz andere Bahnen.
So fühlte Anna sich nur zu Hause wohl, wo gesunder Menschenverstand und die wundervollen Beziehungen zwischen ihren Eltern freiere Daseinsformen schufen, als sie sie draußen finden konnte. Wo konnte sie außerhalb der Marsch die würdevolle Duldung wiederfinden, in der sie aufgezogen war? Ihre Eltern standen unangefochten von irgendwelchem Urteil da, sie bemerkten es gar nicht. Die Leute, die sie draußen traf, beneideten sie scheinbar um ihr bloßes Dasein. Es war, als wollten sie sie auch immer irgendwie herabsetzen. Daher ihr außerordentlicher Widerwille, unter sie zu gehen. Sie verließ sich auf ihren Vater und ihre Mutter. Und doch wäre sie gern ausgegangen.
In der Schule oder in der Welt ging es in der Regel schief mit ihr, sie hatte gewöhnlich das Gefühl, als müsse sie sich beschämt von dannen schleichen. Innerlich fühlte sie sich nie ganz sicher, ob sie oder ob die andern im Unrecht wären. Sie hatte ihre Aufgaben nicht gemacht: ja, sie sah aber auch durchaus nicht ein, warum sie denn ihre Aufgaben machen sollte, wenn sie keine Lust dazu hatte. Gab es denn irgendeinen geheimnisvoll-verborgenen Grund, weshalb sie sie hätte machen sollen? Waren denn diese Leute, die Lehrerinnen, Vertreter eines geheimnisvollen Rechts, einer höheren Gottheit? Sie selbst hielten sich offenbar dafür. Aber für ihr Leben konnte sie nicht einsehen, warum ein Frauenzimmer sie plagen und beleidigen durfte, weil sie dreißig Zeilen aus »Wie es euch gefällt« nicht auswendig wußte. Was lag denn schließlich daran, ob sie sie konnte oder nicht? Nichts hätte ihr die Überzeugung beibringen können, daß es auch nur den geringsten Wert hätte. Sie verachtete nämlich innerlich die grobe Arbeitsweise ihrer Lehrerin. Darum stand sie sich immer schlecht mit der Obrigkeit. Durch die ewigen Vorhaltungen kam sie schließlich beinahe dazu, an ihre eigene Schlechtigkeit, an eine innerliche Verworfenheit zu glauben. Sie fand, sie müsse eigentlich stets beschämt beiseite schleichen, wenn sie wirklich einmal zustande brachte, was man von ihr erwartete. Aber sie bäumte sich dagegen auf. Sie glaubte niemals wirklich an ihre Schlechtigkeit. Im Grunde ihres Herzens verachtete sie vielmehr die anderen, die spöttelten und sich mit Kleinigkeiten breit machten. Sie verachtete sie und hätte sich gern an ihnen gerächt. Sie haßte sie, solange ihre Machtbefugnis über sie vorhielt.
Aber sie machte sich auch ein Vorbild: eine freie, stolze, von jedem kleinlichen Zwang losgelöste Dame, für die es Kleinigkeiten gar nicht gab. Solche Damen sah sie wohl einmal abgebildet: Alexandra, Prinzessin von Wales, war eins dieser Vorbilder. Das war eine stolze, königliche Dame, die achtlos an allen kleinen, gemeinen Wünschen vorbeischritt: so dachte Anna sie sich in ihrem Herzen. Und das Mädchen zog ihr Haar unter dem kleinen, schiefsitzenden Hute in die Höhe, ihre Röcke wurden ganz nach der Mode gerafft, sie trug geschmackvolle, enganliegende Jacken.
Ihr Vater war entzückt. Anna hatte etwas sehr Stolzes in ihrem Wesen; sie war nach ihrer Abstammung viel zu gleichgültig gegen gewisse kleinere Verbindlichkeiten, als daß Ilkeston mit ihr hätte zufrieden sein können; es hätte sie im Gegenteil zu gern gedemütigt gesehen. Aber für dergleichen war Brangwen nicht zu haben. Wenn sie sich wie eine Königin benehmen wollte, dann sollte sie auch eine Königin sein. Wie ein Fels stand er zwischen ihr und der Welt da.
Wie es so in seiner Sippe lag, wurde er ein sehr dicker, hübscher Mann. Seine zwinkernden, gemütvollen blauen Augen waren voller Licht, er gab sich nachdenklich, aber warm und herzlich. Seine Fähigkeit, ohne sich um seine Nachbarn zu kümmern dahinzuleben, verschaffte ihm deren Achtung. Sie liefen, wenn sie ihm nur etwas zu Gefallen tun konnten. Er beachtete sie gar nicht, hatte ihnen gegenüber aber stets eine offene Hand, und so zogen sie auch wieder Nutzen aus ihrer Bereitwilligkeit. Er mochte die Menschen leiden, so lange sie sich im Hintergrunde hielten.
Mrs. Brangwen ging weiter ihren eigenen Weg, sie verfolgte ihre eigenen Pläne. Sie hatte ihren Gatten, ihre beiden Söhne und Anna. Diese kennzeichneten und umgrenzten ihren Gesichtskreis. Alle übrigen gehörten der Außenwelt an. Innerhalb ihrer eigenen Welt verlief ihr Leben wie ein Traum, ruhig glitt es dahin, und in seinem Dahingleiten lebte sie tätig und immer voller Freude. Die Dinge der Außenwelt nahm sie kaum wahr. Was draußen war, war eben draußen und folglich nicht vorhanden. Es war ihr gleichgültig, ob die Jungens sich prügelten, so lange es nur nicht in ihrer Gegenwart geschah. Aber wenn sie anfingen sich zu zanken und sie war dabei, dann wurde sie böse, und sie hatten Angst vor ihr. Es war ihr gleichgültig, wenn sie ein Fenster in einem Eisenbahnwagen einwarfen oder ihre Uhren verkauften, um sich dafür auf dem Gänsemarkt einen lustigen Tag zu machen. Brangwen konnte sich am Ende wohl über solche Kleinigkeiten ärgern. Für die Mutter hatten sie gar keine Bedeutung. Andere Vorkommnisse dagegen ärgerten sie erstaunlicherweise. Sie wurde wütend, wenn die Jungens sich beim Schlachthause herumtrieben, es mißfiel ihr sehr, wenn die Schulzeugnisse schlecht ausfielen. Ihren Jungens mochten noch so viele Sünden vorgeworfen werden, das war ihr einerlei, so lange sie nur nicht dumm oder minderwertig waren. Sah es aber so aus, als nähmen sie eine Beleidigung ruhig hin, so haßte sie sie. Und an Anna war es nur eine gewisse » gaucherie«, etwas Linkisches, das sie gegen das Mädchen aufbrachte. Gewisse Arten von Ungewandtheit oder gar Grobheit ließen die Augen ihrer Mutter in merkwürdiger Wut erstrahlen. Sonst war sie ganz mit ihr zufrieden oder gleichgültig.
Ihr »Stolze-Damen«-Vorbild verfolgend, wurde Anna mit sechzehn Jahren ein schnippischer Backfisch, von mancherlei angestammten Unzulänglichkeiten geplagt. Gegen ihren Vater war sie sehr empfindlich. Sie merkte, wenn er getrunken hatte, und wenn es ihn auch noch so wenig angegriffen hatte; und das konnte sie nicht ertragen. Er wurde rot, sobald er trank, und die Adern an den Schläfen schwollen ihm an, in seinen zwinkernden Augen lag eine gewisse ungestüme Heiterkeit, sein Benehmen wurde überhebend und spöttisch. Und das ärgerte sie. Sobald sie seine lauten, tobenden derben Späße hörte, fühlte sie sich geärgert und abgestoßen. Sie kam ihm dann immer schon zuvor, im Augenblick, wo er hereintrat.
»Siehst ja wieder schön aus so, mit deinem roten Gesicht!« rief sie dann.
»Vielleicht sähe ich noch schlimmer aus, wenn ich grün wäre«, erwiderte er.
»Gepichelt hast du in Ilkeston.«
»Was is mit Il'ston los?«
Sie schoß von dannen. Er sah ihr mit vergnügt-zwinkernden Augen nach, war aber doch traurig, daß sie ihn nun wieder schnitt.
Sie waren eine sonderbare Gemeinschaft, hatten ihre eigenen Gesetze, anders als die ganze übrige Welt; sie waren ein in sich abgeschlossenes, kleines Gemeinwesen mit unsichtbaren Grenzen. Die Mutter benahm sich gegen Cossethay und Ilkeston vollkommen gleichgültig, ebenso gegen alle übrigen an sie von außen her gestellten Ansprüche; gegen Fremde war sie sehr scheu, wenn auch außerordentlich höflich, ja sogar gewinnend. Aber im selben Augenblick, wo der Besucher ging, lachte sie und strich ihn aus ihrem Gedächtnis, dann war er nicht mehr vorhanden. Für sie war das alles nur ein Spiel gewesen. Sie war immer noch eine Fremde, stand immer noch auf unbekanntem Boden. Aber mit ihren Kindern und ihrem Gatten auf der Marsch allein war sie die Herrin ihres Heimwesens, dem es an nichts gebrach.
Irgendwo in ihrem Innern hatte sie so etwas wie Glauben, aber keinen scharf umrissenen. Im römisch-katholischen war sie erzogen worden. An die anglikanische Kirche hatte sie sich um Schutz gewandt. Die äußere Form war ihr vollkommen gleichgültig. Aber im Innern hatte sie doch einen festen Glauben. Sie glaubte an Gott als an ein geheimnisvolles Etwas, suchte aber nie sein Wesen zu ergründen.
Und in ihrem Innern war das feine Gefühl für alles Große, Vollkommene, auf dem ihr ganzes Wesen beruhte, sehr stark. Die anglikanische Glaubenslehre gelangte nie bis zu ihr: ihre Sprache war ihr zu fremd. Durch sie hindurch empfand sie den großen Gesetzgeber, der alles Leben in Händen hielt, glühend, drohend, schrecklich, das große Geheimnis, unmittelbarer als sich sagen ließ.
Sie glänzte und gleißte dem großen Geheimnis entgegen, das sie mit allen Sinnen erkannt hatte, sie blickte umher, voll sonderbaren, geheimnisvollen Aberglaubens, wie er nie in englischer Sprache zum Ausdruck gekommen war, nie sich auf englisch zu Gedanken verdichtet hatte.
Aber so lebte sie dahin, in einem mächtigen, sinnlichen Glauben, der die Ihren umfaßte und ihr Geschick in sich schloß.
So weit hatte sie ihren Gatten sich unterworfen. Er lebte mit ihr in vollkommener Gleichgültigkeit gegen alles, was die Welt allgemein hochschätzt. Jeder ihrer Züge, das Aussehen ihrer Augenbrauen allein schon war für ihn ein Wahrzeichen, ein Merkmal. Hier auf seinem Hofe durchlebte er mit ihr das Geheimnis von Tod und Leben und Schöpfung, seltsame, gewaltig tiefgehende Freuden, und nicht wiederzugebende Befriedigung, die die übrige Welt nicht verstand, die ihnen beiden zudem eine eigenartige und geachtete Stellung in dem englischen Dorfe verschaffte, denn sie waren daneben auch wohlhabend.
Anna aber war, soweit ihrer Mutter Kenntnis reichte, die hierüber nicht weiter nachdachte, nur halb geborgen. Sie besaß von ihrem Vater her einen perlmutternen Rosenkranz. Was er ihr eigentlich bedeute, konnte sie selbst nicht sagen. Aber diese Kette aus Mondschein und Silber erfüllte sie, sobald sie sie in den Fingern hielt, mit einer seltsamen Leidenschaft. Auf der Schule hatte sie etwas Latein gelernt, sie lernte das Ave-Maria und das Paternoster, sie lernte auch ihren Rosenkranz abbeten. Aber das nützte ihr nichts. » Ave Maria, gratia plena, Dominus tecum, benedicta tu in mulieribus et benedictus fructus ventris tui Jesus. Ave Maria, Sancta Maria, ora pro nobis peccatoribus, nunc et in hora mortis nostrae, Amen.«
Und doch war es so noch nicht richtig: Was diese Worte in ihrer Übersetzung bedeuteten, war nicht dasselbe, was der blasse Rosenkranz ihr bedeutete.
Da klaffte noch ein Widerspruch, war irgend etwas falsch. Es machte sie unruhig, wenn es hieß » Dominus tecum« oder » benedicta tu in mulieribus«. Sie liebte die geheimnisvollen Worte » Ave Maria, Sancta Maria«; sie fühlte sich gerührt durch das » benedictus fructus ventris tui Jesus« und das » nunc et in hora mortis nostrae«. Aber nichts von alledem war für sie wirklich. Jedenfalls befriedigte es sie nicht.
Sie vernachlässigte ihren Rosenkranz, weil er sie mit dieser seltsamen Leidenschaft erfüllte und dabei doch nur für diese so wenig bedeutsamen Dinge stand. Sie legte ihn weg. Ihr Gefühl hieß sie all diese Dinge beiseitelegen. Ihr Gefühl sagte ihr, sie dürfe nicht denken, sie müsse dem aus dem Wege gehen, um sich selbst zu erretten.
Sie war siebzehn, empfindlich, lebenslustig und sehr launisch: sie wurde leicht rot, war immer unruhig und unsicher. Aus irgendwelchem Grunde wandte sie sich mehr ihrem Vater als ihrer Mutter zu, gegen ihre Mutter fühlte sie manchmal sogar in sich etwas wie Haß aufblitzen. Ihrer Mutter geheimnisvoll-dunkler Mund und ihre sonderbaren, hinterhältigen Wege, ihre seltsame Zufriedenheit, ja ihr Siegesgefühl, ihrer Mutter Art über manches zu lachen und sich schweigend über ihr nicht passende Vorschläge hinwegzusetzen, und vor allem ihrer Mutter sieghaftes Wesen machten das Mädchen rein wahnsinnig.
Sie wurde hastig und unberechenbar. Häufig stand sie am Fenster und sah hinaus, als möchte sie wohl ausgehen. Zuweilen ging sie auch und besuchte andere Leute. Aber immer kam sie verärgert nach Hause, als sei ihr jemand zu nahe getreten oder habe sie bekrittelt, herabgesetzt.
Über dem Hause lag etwas wie ein dunkles Schweigen, eine Spannung, in der die Leidenschaft ihre unvermeidlichen Folgen vorbereitete. Im Hause herrschte etwas wie innerer Reichtum, eine tiefinnerliche, unausgesprochene Wechselbeziehung, die andere Häuser dünn und unbefriedigend erscheinen ließ. Brangwen konnte still in seinem Stuhle sitzen und rauchen, die Mutter konnte sich auf ihre ruhige, hinterhältige Weise umherbewegen, und doch war das Gefühl von der Gegenwart beider Wesen mächtig, ertragreich. Ihr ganzer Gedankenaustausch vollzog sich ohne Worte, in höchster Spannung.
Aber Anna wurde unruhig. Sie wollte hinaus. Wohin sie indessen auch ging, das Gefühl von Dünne überkam sie, als schmälere man sie, bekrittele sie. Sie machte, daß sie wieder heim kam.
Da raste sie dann und störte den starken, ruhigen Austausch. Zuweilen kehrte ihre Mutter sich gegen sie in wildem, vernichtendem Zorn, der keinerlei Mitleid oder Rücksicht kannte. Und Anna schrak voller Furcht zurück. Sie ging zu ihrem Vater. Der war noch bereit, auf das gesprochene Wort zu hören, das bei der achtlosen Mutter auf unfruchtbaren Boden fiel. Zuweilen sprach Anna zu ihrem Vater. Sie versuchte sich mit ihm über die Leute zu unterhalten, sie wollte wissen, was das alles hieß. Aber auch ihr Vater wurde unruhig. Er wünschte die Dinge nicht ins Licht des Bewußtseins gezogen zu sehen. Nur aus Freundlichkeit hörte er ihr zu. Eine Art stacheliger Aufregung herrschte dann im Zimmer. Die Katze stand auf, streckte sich und ging unruhig nach der Tür. Mrs. Brangwen war still, aber sie schien gefahrdrohend. Anna durfte dann mit ihrem Fehleraufspüren, ihren Ausstellungen, ihren Ausdrücken von Unzufriedenheit nicht fortfahren. Sie merkte, daß sogar ihr Vater gegen sie war. Mit ihrer Mutter verbanden ihn starke, dunkle Gefühle, eine mächtige Vertraulichkeit, unausgesprochen und wild, die ihren eigenen Weg ging und bei Unterbrechungen oder Entdeckung wild werden konnte.
Dabei sorgte Brangwen sich doch um das Mädchen, das ganze Haus war in beständiger Unruhe. Sie hatte etwas so Rührendes, wenn sie mit einer Klage nicht durchdrang. Gegen ihre Eltern war sie feindselig, selbst jetzt, wo sie vollständig mit ihnen, in ihrem Banne lebte.
Sie versuchte sich dem auf mancherlei Weise zu entziehen. Sie wurde eine eifrige Kirchengängerin. Aber die Sprache dort besaß für sie keinerlei Bedeutung: sie kam ihr falsch vor. Sie haßte es, die Dinge ausgesprochen, in Worte gepreßt zu hören. Solange sie sich innerlich zum Glauben angeregt fühlte, kamen sie ihr höchst rührend vor. Im Munde des Pfarrers wurden sie falsch, unanständig. Sie versuchte zu lesen. Aber auch hiervon brachten Langeweile und die Falschheit des gesprochenen Wortes sie wieder ab. Sie fuhr zu ihren Freundinnen auf Besuch. Zuerst fand sie das prachtvoll. Aber die innere Langeweile kam über sie, und es erschien ihr alles nichtig. Und ständig fühlte sie sich bekrittelt, als dürfe sie sich nie zu voller Höhe aufrecken, nie ihren eigenen Schritt gehen.
Oft wandten sich ihre Gedanken dem Folterkäfig eines gewissen französischen Bischofs zu, in dem das Opfer weder aufrecht stehen noch je ausgestreckt liegen konnte. Nicht als hätte sie dabei in irgendwelcher Beziehung an sich selbst gedacht. Aber oft mußte sie voller Neugierde darüber nachdenken, wie dieser Käfig wohl gebaut gewesen sei, und sie konnte das entsetzliche Zusammengekrümmtsein wirklich nachempfinden.
Sie war indessen erst achtzehn, als ein Brief von Mrs. Alfred Brangwen aus Nottingham kam, der meldete, ihr Sohn William käme nach Ilkeston, um eine Stelle als Zeichengehilfe, kaum etwas Besseres als Lehrling, an einer Spitzenweberei einzunehmen. Er wäre zwanzig Jahre alt, und ob die Marschen-Brangwens sich seiner wohl freundschaftlich annehmen wollten.
Tom Brangwen schrieb sofort wieder und bot dem jungen Manne ein Heim auf der Marsch an. Das wurde zwar nicht angenommen, aber die Nottingham-Brangwens gaben doch ihrer Dankbarkeit Ausdruck.
Brennende Liebe hatte zwischen den Nottingham-Brangwens und der Marsch nie bestanden. Tatsächlich hielt sich Mrs. Alfred Brangwen, nachdem sie dreitausend Pfund geerbt hatte und Grund zur Unzufriedenheit mit ihrem Gatten empfand, von jeglicher Art Brangwens möglichst fern. Sie tat jedoch so, als schätze sie Mrs. Tom, wie sie die Polin nannte, und meinte, jedenfalls sei sie eine Dame.
Anna Brangwen regte sich nicht sehr über die Nachricht von ihres Vetters Will Übersiedlung nach Ilkeston auf. Sie kannte eine Menge junger Leute, aber sie waren sämtlich für sie niemals wirkliche Menschen gewesen. An dem einen jungen Verehrer fand sie eine Nase, wie sie sie gern mochte, bei einem andern gefiel ihr der Schnurrbart, wieder ein anderer zog sich gut an, einer hatte eine lächerliche Haarlocke, ein anderer redete so spaßhaft. Sie waren für sie nur Gegenstand des Vergnügens und leichten Verwunderns, mehr jedenfalls als wirkliche Menschen, die jungen Leute.
Der einzige Mann, den sie kannte, war ihr Vater; und da er etwas Gewaltiges, Leuchtendes war, eine Art Gott-Vater, so stellte er für sie die Männlichkeit überhaupt dar, und alle übrigen Männer waren Nebensache.
Sie entsann sich ihres Vetters Will wohl. Er trug städtische Anzüge und war dünn, mit einem seltsamen schwarzen Kopf, wie Jett, mit Haaren, wie ein dünner, glatter Pelz. Es war ein sonderbarer Kopf, er erinnerte sie an etwas, aber sie wußte nicht genau an was: an irgendein Tier, ein geheimnisvolles Tier, das in der Dunkelheit unter Blättern lebte und nie herauskam, das aber voller schnellen, angespannten Lebens steckte. Sie mußte immer an ihn mit diesem schwarzen, scharfen, blinden Kopf denken. Und sie fand ihn auch sonderbar.
Eines Sonntagmorgens kam er auf die Marsch: ein ziemlich langer, magerer Junge mit klugem Gesicht und bei aller Scheu doch merkwürdig starkem Selbstgefühl, einer angeborenen Achtlosigkeit gegen das Dasein anderer, da er doch nun mal er selbst war.
Als Anna in ihrem Sonntagskleide zum Kirchgang herunterkam, stand er auf und begrüßte sie förmlich mit einem Händedruck. Sein Benehmen war besser als das ihre. Sie errötete. Sie bemerkte, daß er jetzt auf der Oberlippe einen schwarzen Schimmer trug und eine schwarze, feingezogene Linie seinen großen Mund umgab. Das stieß sie ab. Es erinnerte sie wieder an den dünnen, feinen Pelz seines Haares. Sie fand etwas Fremdartiges in ihm.
Seine Stimme klang in den höheren Tönen dünn, hatte aber in den mittleren etwas stark Hallendes. Das war ihr merkwürdig. Sie wunderte sich, warum er wohl so spräche. Aber er bewegte sich im Marschenwohnzimmer ganz ungezwungen. Er hatte etwas Ungeschlachtes, etwas von dem angeborenen Selbstbewußtsein der Brangwens, das ihn sich hier ganz zu Hause fühlen ließ.
Anna fühlte sich durch die sonderbar vertrauliche, liebenswürdige Art, mit der ihr Vater sich gegen den jungen Mann benahm, etwas beunruhigt. Er kam ihm sehr milde entgegen, er stellte sich förmlich selbst in den Schatten, um den jungen Mann ins rechte Licht setzen zu können. Das reizte Anna.
»Vater, gib mir was für die Sammlung«, sagte sie abgerissen.
»Was für 'ne Sammlung?« fragte Brangwen.
»Sei doch nicht lächerlich«, rief sie und wurde rot.
»Ne wirklich,« erwiderte er, »was ist denn das für 'ne Sammlung?«
»Du weißt doch, es ist doch der erste Sonntag im Monat.«
Verwirrt stand Anna da. Warum tat er das, warum stellte er sie so bloß vor dem Fremden?
»Ich möchte was für die Sammlung«, drängte sie wieder.
»Dat seggste woll«, antwortete er gleichgültig, sah erst sie an und wandte sich dann wieder seinem Neffen zu.
Sie trat auf ihn zu und fuhr ihm mit der Hand in die Hosentasche. Er rauchte ruhig weiter und bot ihr keinerlei Widerstand, während er mit seinem Neffen weitersprach. Ihre Hand grabbelte in seiner Tasche herum und zog endlich seine lederne Börse hervor. Die Farbe auf ihren hellen Backen strahlte, ihre Augen glänzten. Brangwens Augen zwinkerten. Der Neffe saß schafdämlich da. Anna setzte sich in ihrem feinen Kleide nieder und schüttete sich das ganze Geld in den Schoß. Es war Silber und Gold. Der Junge konnte nicht umhin, sie zu beobachten. Sie beugte sich über den Haufen Geldes und fingerte in den verschiedenen Stücken herum.
»Ich möchte wahrhaftig wohl einen halben Sovereign nehmen«, sagte sie und sah mit ihren glühenden schwarzen Augen auf. Sie traf auf die hellbraunen ihres Vetters, die sie gespannt aus der Nähe beobachteten. Das beunruhigte sie. Sie lachte rasch und wandte sich wieder zu ihrem Vater.
»Ich möchte wahrhaftig wohl einen halben Sovereign nehmen, uns' Vatting«, sagte sie.
»Ja, du Langfinger«, sagte ihr Vater. »Nimm, was dir zukommt.«
»Kommst du, uns' Anna?« fragte ihr Bruder von der Tür her.
Plötzlich überkam sie die alte Kälte und sie vergaß sowohl ihren Vater wie ihren Vetter.
»Ja, ich bin soweit«, sagte sie, nahm sich einen Sixpence aus dem Haufen Geld und schüttete den Rest wieder in die Börse, die sie auf den Tisch legte.
»Gib sie her«, sagte ihr Vater.
Rasch steckte sie ihm die Börse wieder in die Tasche und wollte fortgehen.
»Du gehst doch woll lieber mit ihnen, was, Junge?« sagte ihr Vater zu dem Neffen.
Will Brangwen stand unsicher auf. Er hatte goldbraune, rasche stetige Augen, wie ein Vogel, wie ein Habicht, die keine Furcht verraten können.
»Euer Vetter Will kommt mit«, sagte der Vater.
Wieder sah Anna sich den seltsamen Jungen an. Sie merkte, er blieb nur stehen, damit sie sich seiner annehmen solle. Er lungerte am Rande ihres Bewußtseins umher, bereit einzutreten. Sie wollte ihn aber nicht ansehen. Sie empfand einen inneren Gegensatz zu ihm.
Ohne ein Wort zu sagen, wartete sie. Ihr Vetter nahm seinen Hut und trat zu ihr. Draußen war es Sommer. Ihr Bruder Fred pflückte sich grade einen Zweig blühender Johannisbeeren von dem Busch an der Hausecke und wollte ihn sich ins Knopfloch stecken. Sie beachtete ihn nicht. Ihr Vetter kam dicht hinter ihr her.
Nun waren sie auf der Landstraße. Sie merkte wohl, etwas Fremdartiges herrsche in ihr. Das machte sie unsicher. Da fiel ihr Blick auf die blühenden Johannisbeeren in ihres Bruders Knopfloch.
»O uns' Fred!« rief sie. »Steck dir nicht so'n Zeugs an, wenn du in die Kirche willst.«
Fred blickte beschützend auf die rosa Zierde seiner Brust nieder.
»Wieso, ich mag sie aber gern«, sagte er.
»Denn bist du sicher der einzige«, antwortete sie.
Und dann wandte sie sich an ihren Vetter.
»Magst du die riechen?« fragte sie ihn.
Er ging da neben ihr her, lang und ungeschlacht und doch selbstbewußt. Das regte sie auf.
»Ich weiß nicht, ob ich sie mag oder nicht«, erwiderte er.
»Gib her, Fred, die ganze Kirche riecht sonst danach«, sagte sie zu dem kleinen Jungen, ihrem Pagen.
Ihr blonder, kleiner Bruder reichte ihr die Blume pflichtschuldigst hin. Sie roch daran und gab sie ohne ein Wort zu sagen ihrem Vetter, damit er urteilen solle. Er roch neugierig an der Blütentraube.
»Ist ein sonderbarer Geruch«, sagte er.
Und plötzlich lachte sie, und über ihrer aller Gesichter flog ein rasches Leuchten, und in dem leichten Schritt des kleinen Jungen lag helles Vergnügen.
Die Glocken läuteten, als sie in ihren Sonntagskleidern den sommerlichen Hügel hinanstiegen. Anna war sehr schön in einem braunseidenen Kleid mit weißen Streifen, das an den Armen und am Oberkörper eng anschloß und hinten sehr geschmackvoll aufgerafft war. Will Brangwen hatte etwas Ritterliches an sich; auch er war gut angezogen.
Er ließ beim Gehen den Zweig Johannisbeeren zwischen den Fingern baumeln, und keiner sagte etwas. Die Sonne schien hell auf kleine Gruppen Butterblumen unten am Ufer, auf den Wiesen schäumte die Hundspetersilie, ihre Blüten hoch und sehr stolz über eine Menge anderer Blumen erhoben, die unten in dem grünen Zwielicht des Grases aufleuchteten.
Sie erreichten die Kirche, Fred führte sie an ihren Sitz, dann kam der Vetter, dann Anna. Sie kam sich sehr angesehen und wichtig vor. Dieser junge Mensch jedoch gab sie den anderen preis. Er trat zur Seite und ließ sie eintreten, dann setzte er sich neben sie. Es verursachte ihr ein sonderbares Gefühl, neben ihm zu sitzen.
Farbig strömte das Licht durch die bunten Fenster über ihr. Es leuchtete auf dem dunklen Holz des Gestühls, auf den Steinen des ausgetretenen Mittelganges, auf dem Pfeiler hinter ihrem Vetter und auf ihres Vetters Händen, die auf seinen Knieen lagen. Sie saß da wie in Festbeleuchtung, Licht und leuchtender Schatten überall um sie her, ihre Seele hell strahlend. Unbewußt beobachtete sie im Sitzen die Hände und die bewegungslosen Knie ihres Vetters. In ihre Welt war etwas Sonderbares eingedrungen, etwas gänzlich Fremdartiges, von allem ihr bekannten Abweichendes.
Sie fühlte sich merkwürdig erhoben. Sie saß in einer glühenden Welt von Unwirklichkeit da, die entzückend war. Ein sinnendes Licht, wie ein Lachen, trat in ihre Augen. Sie merkte, wie ein fremder Einfluß auf sie eindrang, über den sie sich freute. Es war ein dunkler, reichmachender Einfluß, den sie früher nicht gekannt hatte. An ihren Vetter dachte sie gar nicht. Aber wenn er die Hände bewegte, erregte es sie.
Sie wünschte, er möchte die Responsorien nicht so deutlich aussprechen. Das lenkte sie von ihrer unbestimmten Freude ab. Warum suchte er sich so vorzudrängen und ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken? Das zeugte von schlechtem Geschmack. Aber es ging ganz gut weiter, bis der Gesang anfing. Wie er neben ihr stand, um mitzusingen, das gefiel ihr. Dann mit einem Male, beim ersten Wort, ertönte seine Stimme laut und beherrschend, sie füllte die ganze Kirche. Er sang Tenor. Ihre Seele öffnete sich in Staunen. Seine Stimme füllte die ganze Kirche. Sie klang wie eine Trompete, wieder und wieder. Da geriet sie hinter ihrem Gesangbuch ins Lachen. Aber er fuhr fort, ganz ruhig. Auf und nieder lief seine Stimme, lief ihren eigenen Weg. Hilflos geriet sie immer mehr ins Lachen. War sie mal ein paar Augenblicke innerlich still, dann schütterte sie wieder vor Lachen. Das Lachen kam wieder, es packte sie und schüttelte sie, bis ihr die Tränen in die Augen traten. Sie war darüber erstaunt und es machte ihr gradezu Vergnügen. Und weiter ging der Gesang, und weiter mußte sie lachen. Purpurrot vor Verwirrung beugte sie sich über ihr Gesangbuch, aber ihr ganzer Leib erzitterte vor Lachen. Sie tat so, als müsse sie husten, als hätte sie eine Krume in die verkehrte Kehle gekriegt. Fred sah sie mit seinen klaren, blauen Augen an. Sie kam wieder zu sich. Und dann brachte irgendeine Bindung in der starken, blinden Stimme neben ihr die ganze Geschichte in einem neuen Lachkrampf wieder ins Rollen.
Sie beugte sich nieder um zu beten, voll kalten Tadels gegen sich selbst. Und doch überliefen sie beim Niederknien kleine Lachstöße. Der bloße Anblick seiner Knie auf dem Kissen brachte ihr wieder einen kleinen Lachkrampf.
Sie nahm sich zusammen und saß mit gefaßtem, reinem Gesicht da, weiß und rosa und kühl wie eine Christrose, die Hände in ihren Handschuhen auf dem Schoße gefaltet, ihre dunklen Augen ganz ausdruckslos, wie in einem Traum verloren, alles vergessend.
Die Predigt lief ruhig dahin, in einer Woge reichen Friedens. Ihr Vetter zog sein Taschentuch hervor. Er war scheinbar ganz hingerissen von der Predigt. Er hielt sich das Taschentuch vors Gesicht. Da fiel ihm etwas auf die Knie. Und da lag das bißchen Johannisbeerblüten. Ehrlich verwundert sah er auf sie nieder. Ein wildes, prustendes Gelächter ertönte von Annas Platz. Jeder hörte es; es war eine Qual. Er hielt die Blüten zusammengeknüllt in der Hand verborgen und blickte mit seiner vorigen Hingerissenheit wieder auf den Prediger. Wieder prustete Anna vor Lachen los. Fred stieß sie vorwurfsvoll an. Ihr Vetter saß regungslos. Sie merkte aber doch, daß sein Gesicht rot wurde. Sie konnte es fühlen. Seine immer noch die Blüten umschließende Hand lag ganz still, als wäre nichts geschehen. Abermals ein wilder Kampf in Annas Brust, und dann ein neuer Prust. Zitternd vor Lachen beugte sie sich vor. Nun war es aber kein Spaß mehr. Fred puffte sie fortwährend. Sie puffte ihn wütend wieder. Dann überfiel sie wieder ein neuer, schändlicher Lachreiz. Sie versuchte ihn in einem leichten Husten zu ersticken. Der Husten endete in einem unterdrückten Prusten. Sie wäre am liebsten gestorben. Und seine geschlossene Hand stahl sich langsam von den Knien zur Tasche. Während sie so in schärfster Spannung dasaß, kam das Lachen wieder über sie, denn sie merkte, wie er an seiner Tasche herumfummelte, um die Blume wegzustecken.
Schließlich fühlte sie sich ganz schwach, erschöpft und völlig niedergeschmettert. Ganz leer von diesem niederschmetternden Gefühl kauerte sie sich innerlich zusammen. Sie war wütend, daß andere Leute dabei waren. Ihr Gesicht wurde sehr hochmütig. Ihren Vetter wurde sie gar nicht mehr gewahr.
Als beim letzten Gesang die Sammlung anfing, sang ihr Vetter wieder mit hallender Stimme mit. Und wieder machte ihr das Vergnügen. Trotz der scheußlichen Art und Weise, in der sie sich eben bloßgestellt hatte, machte es ihr doch wieder Vergnügen. Sie hörte ihm wie verzaubert vor Vergnügen zu. Dann wurde ihr der Klingelbeutel hingehalten, und der Sixpence versteckte sich in den Falten ihres Handschuhes. Bei dem eiligen Herausholen schlüpfte er ihr weg und rollte klingend in den nächsten Stuhl. Sie stand da und gnickerte. Sie konnte sich nicht helfen: sie lachte gradeheraus, ein wahres Bild der Schande.
»Was hattest du denn so zu lachen, uns' Anna?« fragte Fred sie im Augenblick, als sie aus der Kirche traten.
»O ich konnte mir nicht helfen«, sagte sie in ihrer achtlosen, halbspöttischen Weise. »Ich weiß nicht, warum Vetter Wills Singen mich so dazu reizte.«
»Was war denn an meinem Singen, daß du so lachen mußtest?« fragte er.
»Es war so laut«, antwortete sie.
Sie sahen sich nicht an, aber sie mußten beide loslachen und wurden rot dabei.
»Was prustetest und lachtest du denn immer, uns' Anna?« fragte Tom, der ältere Bruder bei Tische mit vergnügtem Zwinkern seiner braunen Augen. »Alles wurde ja ganz still, um dich anzusehen.« Tom sang im Chor mit.
Sie merkte, wie Wills Augen sie fest ansahen und auf ihre Antwort warteten.
»Vetter Wills Singen war es«, sagte sie.
Worauf ihr Vetter in ein unterdrücktes, glucksendes Lachen ausbrach; plötzlich zeigte er alle seine kleinen, regelmäßigen, sehr scharfen Zähne, machte den Mund aber gleich wieder zu.
»Hat er denn so 'ne merkwürdige Stimme?« fragte Brangwen.
»Nein, das nicht«, sagte Anna. »Es reizte mich bloß – warum, weiß ich nicht.«
Und abermals lief fröhliches Gelächter um den ganzen Tisch.
Will Brangwen schob sein dunkles Gesicht vor, seine Augen hüpften, als er sagte:
»Ich bin im Chor von St. Nikolaus.«
»Och, denn geht ihr zur Kirche?« sagte Brangwen.
»Mutter ja – Vater nicht«, erwiderte der Junge.
Es waren solche Kleinigkeiten, seine Bewegungen, der merkwürdige Tonfall seiner Stimme, die sich Anna besonders bemerkbar machten. Die Gemeinplätze, von denen er redete, waren ihr dagegen gradezu lächerlich. Auch was ihr Vater sagte, schien bedeutungslos und gleichgültig.
Den Nachmittag über saßen sie im Wohnzimmer, wo es nach Geranien roch, aßen Kirschen und unterhielten sich. Will Brangwen sollte mal zeigen, was an ihm dran wäre. Und bald ging er aus sich heraus.
Er hatte viel für Kirchen über, für Kirchenbau. Ruskins Einfluß hatte ihn dazu gebracht, an den mittelalterlichen Formen Gefallen zu finden. Seine Redeweise war abgebrochen, er sprach alles nur halb aus. Aber wenn man ihm zuhörte, wie er so von einer Kirche nach der anderen sprach, von Schiff und Altarplatz und Querschiff, von Chorschranken und Taufbecken, von Unterschneidung und Gesimsen und Maßwerk, immer mit tiefster Leidenschaft von ihren besonderen Eigentümlichkeiten redend, da kam über ihr Herz das tiefe Schweigen der Kirchen, ein geheimnisvolles Etwas, die gewichtige Bedeutung des Wölbsteins, ein schwachgefärbtes Licht, durch das irgend etwas dunkel vor sich ging und im Dunkel sich verlor: das hohe, entzückende Maßwerk eines geheimnisvollen Chorschrankenwerks und dahinter, tief im Hintergrunde der Altar. Das war ein wirkliches Erlebnis. Sie war ganz hingerissen. Das ganze Land schien ihr von einer mächtigen, geheimnisvollen Kirche überdeckt, in düsterer Zurückhaltung, von unbekanntem Geiste durchbebt.
Es tat ihr fast weh, wenn sie aus dem Fenster blickte und den Flieder im hellen Sonnenschein emporstreben sah. Oder war dies Glasmalerei?
Er sprach von Gotik und Renaissance und Lotrechten, und Frühenglisch und Normannisch. Die Worte zitterten in ihr nach.
»Bist du mal in Southwell gewesen?« sagte er. »Ich war da um zwölf Uhr mittags und aß mein Frühstück auf dem Kirchhofe. Und da spielten die Glocken einen Vers.«
»Ja, das ist ein feiner Dom, Southwell, ein mächtiger. Er hat schwere Rundbogen, etwas niedrig zwar, auf ihren dicken Pfeilern. Großartig ist das aber, wie diese Bogen sich so weiterziehen.«
»Da ist auch ein Chorgestühl – sehr nett. Aber das Hauptschiff der Kirche mag ich besonders gern – und den Nordeingang – –«
Er war ganz erregt und von sich selbst erfüllt, diesen Nachmittag. Eine Flamme umleuchtete ihn und verlieh seiner Erfahrung so leidenschaftliche Glut, so brennende Wirklichkeit.
Sein Oheim hörte ihm mit zwinkernden Augen zu, nur halb bewegt. Die Tante beugte ihr dunkles Gesicht vornüber, auch nur halb bewegt, aber doch von diesem fremden Wissen gepackt. Anna ging ganz mit ihm.
Mit raschen Schritten kehrte er abends in seine Wohnung zurück, mit blitzenden Augen und das ganze Gesicht dunkel leuchtend, als käme er von einer ihn leidenschaftlich fesselnden, seinem Leben Inhalt verleihenden Aufgabe.
Diese Glut blieb in ihm, das Feuer brannte weiter, sein Herz war wie eine stolze Sonne. Er freute sich an seinem unbekannten Leben und dem eigenen Ich. Und er war zu einem neuen Besuch in der Marsch bereit.
Ohne es zu wissen, sehnte Anna sich nach diesem neuen Besuch. In ihm fand sie Freiheit. Durch ihn hatte sie die Grenzen ihres Wissens erweitert: er war das Loch in der Wand, außerhalb derer der Sonnenglanz auf die Außenwelt herniederstrahlte.
Er kam. Zuweilen, nicht oft, aber zuweilen überfiel sie bei seiner Unterhaltung wieder jenes seltsame, fernabliegende Wirklichkeitsgefühl, das alles mit sich reißt. Zuweilen sprach er von seinem Vater, den er mit einem nahezu an Liebe streifenden Hasse haßte, oder von seiner Mutter, die er mit einer Liebe verehrte, die Haß oder Abscheu sehr verwandt war. Seine Sätze waren unbeholfen, er konnte sich nur halb aussprechen. Aber er hatte die wundervolle Stimme, die dem Mädchen durch die Seele zitterte, sie in seine Gefühlswelt hinüberzuziehen vermochte. Manchmal war seine Stimme heiß und hochtrabend, manchmal hatte sie einen seltsam näselnden, fast katzenartigen Tonfall, manchmal stockte sie, wie suchend, manchmal lag etwas wie beginnendes Lachen in ihr. Anna wurde ganz von ihm mitgerissen. Sie liebte die züngelnde Flamme, die sie beim Zuhören überflutete. Und sein Vater und seine Mutter wurden für sie zwei getrennte Wesen in ihrem Leben.
Ein paar Wochen lang kam der Junge häufig und wurde von allen fröhlich aufgenommen. Er saß mit glühendem Gesicht unter ihnen, etwas Gespanntes und fast Spöttisches um den breiten Mund, der sich manchmal zu einem Grinsen verzog, und die Augen immer leuchtend wie die eines Vogels, ohne jede Tiefe. Dem Burschen ist nicht beizukommen, dachte Brangwen gereizt. Er ist wie ein grinsender junger Kater, der kommt, wenn es ihm paßt, und sich um kein anderes Wesen kümmert. Zuerst hatte der Junge beim Sprechen immer Tom Brangwen angesehen; dann richtete er seine Blicke auf seine Tante, um deren Billigung zu finden, die ihm höher stand als die seines Ohms; und dann wandte er sich an Anna, weil er bei ihr fand, was er suchte und was bei den älteren Leuten nicht zu finden war.
So fingen die jungen Leute, nachdem sie zuerst immer sehr aufmerksam gegen die Alten gewesen waren, allmählich an, sich von ihnen zurückzuziehen und sich ein eigenes Königreich einzurichten. Zuweilen war Tom Brangwen ärgerlich. Sein Neffe reizte ihn. Der Bengel schien ihm zu sehr ins Einzelne zu gehen, zu selbstbewußt. Sein inneres Wesen war wohl stark genug, aber zu weltfremd, wie etwas ganz für sich Stehendes, wie das eines Katers. Ein Kater kann in vollstem Seelenfrieden auf der Herdmatte liegen, während sein Herr oder seine Herrin sich in Armeslänge von ihm in Todesqualen windet. Mit anderer Leute Angelegenheiten hatte er nichts zu schaffen. Was kümmerte sich der Bengel wohl um irgendwas, außer seinen eigenen Gefühlsangelegenheiten?
Brangwen war ärgerlich. Trotzdem mochte er seinen Neffen gern und achtete ihn sehr. Mrs. Brangwen war ärgerlich über Anna, die sich so plötzlich unter dem Einflusse des Jungen umänderte. Die Mutter mochte den Jungen gern: er war ihr nicht ganz so fernstehend. Aber sie liebte es nicht, ihre Tochter so sehr in seinem Banne stehen zu sehen.
So zogen sich also die jungen Leute allmählich zurück, machten sich von den älteren los, um für sich etwas Neues zu schaffen. Er arbeitete im Garten, um seinen Ohm zu besänftigen. Er redete mit seiner Tante über Kirchen, um sie zu besänftigen. Er folgte Anna wie ihr Schatten: wie ein langer, hartnäckiger, nie weichender schwarzer Schatten lief er hinter dem Mädchen her. Das ärgerte Brangwen ganz außerordentlich. Es reizte ihn über jedes erträgliche Maß, wenn er dies helle Grinsen, dies Katergrinsen, wie er es nannte, auf seines Neffen Gesicht sah.
Und Anna bekam eine neue Zurückhaltung, eine neue Unabhängigkeit. Sie fing plötzlich an, ganz unabhängig von ihren Eltern etwas zu unternehmen, abseits von ihnen zu leben. Ihre Mutter bekam ärgerliche Anwandlungen.
Aber das Hofmachen nahm seinen Fortgang. Anna fand Gelegenheit, abends nach Ilkeston zum Einkaufen zu gehen. Sie kam stets mit ihrem Vetter zurück; er ging den Kopf über ihre Schulter ein wenig hinter ihr her, wie der Teufel über Lincoln, wie Brangwen ärgerlich und doch voller Genugtuung bemerkte.
Will Brangwen befand sich zu seiner eigenen Verwunderung in einem Zustand gespanntester Leidenschaft. Zu seiner größten Verwunderung hatte er sie eines Abends bei der Rückkehr von Ilkeston an der Gartentür angehalten und geküßt, er hatte ihr den Weg vertreten und sie geküßt, während ihm so war, als führe aus dem Dunkeln ein Schlag auf ihn nieder. Und als sie im Hause waren, ärgerte er sich wütend über das forschende Aufblicken der Eltern nach ihnen beiden. Was für ein Recht hatten denn die da: weshalb mußten sie aufgucken! Laß sie doch rausgehen oder woanders hinsehen.
Und als der Junge nach Hause ging, wirbelten sämtliche Sterne am Himmel in der Düsternis seines Gehirns umher, und sein Herz raste wild, unausgesetzt wild, als fühle er jemand sich ihm widersetzen. Er hätte gern irgend etwas zertrümmert.
Über sie war ein Zauberbann geworfen. Und wie unruhig wurden erst ihre Eltern, als sie völlig unachtsam im Hause umherging, wie gebannt, als wäre sie für sie unsichtbar. Und sie war auch unsichtbar für sie. Das machte sie böse. Und doch mußten sie es dulden. Sie ging eine Weile wie in Gedanken, wie verdunkelt umher.
Auch über ihm lag die Finsternis des Unbekanntseins. Er schien in einer elektrisch geladenen Finsternis verborgen, in der seine Seele, sein Leben eifrig wirksam blieb, aber ohne daß er teil daran gehabt hätte. Sein Geist war verfinstert. Er arbeitete rasch und triebmäßig und brachte einige wundervolle Sachen zustande.
Seine Lieblingsbeschäftigung war Holzschnitzerei. Das erste, was er für sie machte, war eine Butterform. Er schnitzte einen sagenhaften Vogel hinein, einen Phönix, so eine Art Adler, der sich auf ebenmäßigen Schwingen emporhob, umgeben von einem Kranze wundervoller, vom Rande der Form aufzüngelnder Flammen.
Am Abend, wo er es ihr überreichte, hielt Anna nichts von diesem Geschenk. Aber am nächsten Morgen, als die Butter fertig war, da nahm sie seine Form an Stelle der alten mit Eichenlaub und Eicheln. Sie war merkwürdig gespannt, zu sehen, wie das Bild herauskommen würde. Merkwürdig, wie der klobige Vogel da aus der tassenartigen Form herauskam, wie ihn diese sonderbaren dicken Wellenlinien umgaben, die von dem glatten Rande ausliefen. Sie machte eine andere Form. Seltsam, wenn sie die Form abhob und dann den adlergleichen Vogel die Brust ihr darbieten sah. Es machte ihr Freude, sie wieder und wieder hervorzubringen. Und jedesmal schien ihr beim Ansehen ein neues Wesen ins Leben zu treten. Jedes Stück Butter wurde zu diesem seltsamen, lebensvollen Wahrzeichen.
Sie zeigte es Vater und Mutter.
»Wie schön das ist!« sagte die Mutter, und ein flüchtiges Leuchten stieg ihr ins Gesicht.
»Schön!« rief der Vater, verblüfft, gereizt. »Wieso, was soll denn das für 'ne Art Vogel bedeuten?«
Und das war die stehende Frage aller Kunden während der nächsten Wochen.
»Wat vor 'ne Ort Vagel schall denn dat bedüden, de Se dor up de Botter hevvt?«
Als er am Abend kam, nahm sie ihn mit in die Milchkammer, um es ihm zu zeigen.
»Magst du es leiden?« fragte er mit seiner lauten, schwingenden Stimme, die in den dunklen Tiefen ihres Wesens immer so starken Widerhall fand.
Sie rührten einander sehr selten an. Sie waren gern miteinander allein, ganz dicht beieinander, aber es lag noch etwas Trennendes zwischen ihnen.
In der kühlen Milchkammer wurde das Kerzenlicht von den weiten weißen Oberflächen der Rahmschüsseln zurückgeworfen. Scharf drehte er den Kopf. Es war so kühl und weitab hier drinnen, so weit weg. Sein Mund öffnete sich mit einem kleinen, gezwungenen Lächeln. Sie stand mit vornübergebeugtem Kopf, aber abgewandt, da. Er wäre gern zu ihr hingegangen. Einmal hatte er sie schon geküßt. Wieder blieb sein Blick auf den runden Stücken Butter haften, auf denen der bedeutungsvolle Vogel seine Brust aus dem vom Kerzenlicht geworfenen Schatten hervorhob. Was hielt ihn noch zurück? Ihre Brust war ihm so nahe; sein Kopf hob sich wie der eines Adlers. Sie rührte sich nicht. Plötzlich schlang er mit einer unglaublich raschen, zarten Bewegung seine Arme um sie und zog sie an sich. Es war schnell geschehen, und sauber, wie ein Vogel, der niederstößt und tief, immer tiefer sinkt.
Er küßte sie auf die Kehle. Sie wandte sich und sah ihn an. Ihre Augen waren dunkel und glühten in innerem Feuer. Seine waren hart und helleuchtend vor stolzem Willen und Freude, wie die eines Habichts. Sie fühlte, wie er in die dunkle Weite ihrer Flammen hinausflog, wie ein Feuerbrand, wie ein glühender Habicht.
Sie hatten einander angesehen und hatten sich seltsam gefunden, und doch so nahe, sehr nahe, wie ein kreisender Habicht in eine Flamme der Dunkelheit herniederschießt, herniedersinkt. Sie nahm die Kerze, und sie gingen wieder in die Küche.
Auf diese Weise fuhren sie eine Zeitlang fort, stets trafen sie sich, aber nur selten berührten sie sich, ganz selten kam es zu einem Kusse. Und selbst dann war es oft nur ein leichtes Berühren der Lippen, mehr ein Zeichen. Aber ihre Augen begannen in einem ständigen Feuer zu erwachen, zuweilen hielt sie mitten in ihrer Tätigkeit ein, wie um sich auf etwas zu besinnen, oder als müsse sie etwas ausfindig machen.
Und sein Gesicht wurde düster, gespannt, er verstand nicht immer gleich, wenn man ihm etwas sagte.
An einem Augustabend regnete es, als er kam. Mit hochgeklapptem Jackenkragen trat er ein, die Jacke zugeknöpft, das Gesicht ganz naß. Und er sah so schlank und festentschlossen aus, wie er da aus dem kalten Regen hereintrat: sie wurde plötzlich blind vor Liebe zu ihm. Und dabei saß er da und redete mit ihrem Vater und ihrer Mutter ganz bedeutungsloses Zeug, während ihr Blut geradezu quälend um ihn ins Sieden geriet. Sie sehnte sich danach, ihn jetzt nur zu berühren, nur zu berühren.
Es lag ein seltsamer, wie abwesender Ausdruck auf ihrem silbern strahlenden Antlitz, der ihren Vater ganz verrückt machte; ihre dunklen Augen waren wie verborgen. Aber zu dem Jungen hob sie sie empor. Und dann waren sie voll dunkler Glut, die ihn einen Augenblick zurückschrecken machte.
Sie ging in die Hinterküche und holte sich eine Laterne. Ihr Vater beobachtete sie, als sie wiederkam.
»Komm mit, Will«, sagte sie zu ihrem Vetter. »Ich möchte noch mal nachsehen, ob ich auch den Stein über das Loch gedeckt habe, wo die Ratten immer durchkommen.«
»Das is doch ganz unnötig«, sagte ihr Vater zu ihr. Sie schenkte ihm keine Beachtung. Der Junge stand zwischen ihrer beider Willen. Dem Vater stieg die Röte ins Gesicht, seine blauen Augen starrten. Das Mädchen stand an der Tür, den Kopf leicht zurückgeworfen, wie um dem Jungen zu zeigen, er müsse mit. Er stand in seiner schweigenden, gespannten Art auf und war mit ihr draußen. In Brangwens Stirnadern schwoll das Blut empor.
Es regnete. Das Licht der Laterne blitzte auf dem gepflasterten Pfade und am unteren Rande der Mauer. Sie kam zu einer kleinen Leiter und stieg hinauf. Er reichte ihr die Laterne zu und stieg hinterher. Sie waren auf dem Hühnerboden, die Vögel saßen in fetten Bündeln auf den Ricken, ihre roten Kämme glühten wie Feuer. Glänzende, scharfe Augen öffneten sich. Ein scharfes, tadelndes Krächzen ertönte, als eine der Hennen sich umdrehte. Der Hahn saß wachsam da, seine Halsfedern glänzend wie aus Glas. Anna schritt über den schmutzigen Boden hin. Brangwen kauerte sich in der dunklen Luke zusammen und beobachtete sie. Das Licht lag weich unter den kahlen, roten Ziegeln. Das Mädchen kauerte in einer Ecke zusammen. Wieder ein plötzlich losbrechender Wirrwarr, als eine der Hennen von ihrem Rick heruntersprang.
Anna kam zurück, sich unter den Ricken bückend. Er wartete auf sie dicht bei der Tür. Plötzlich warf sie die Arme um ihn und preßte sich dicht an ihn, klammerte sich mit ihrem ganzen Körper an ihn und weinte in flüsternden, klagenden Tönen.
»Will, ich liebe dich, ich liebe dich, Will, ich liebe dich.« Es klang, als risse es ihr das Herz in Stücke.
Er war gar nicht einmal sehr überrascht. Er hielt sie in den Armen, und sein Gebein begann zu schmelzen. Er lehnte sich gegen die Wand zurück. Die Luke war offen stehen geblieben. Draußen schoß der Regen in feiner, stählerner, geheimnisvoller Hast schräg hernieder, aus den Klüften der Finsternis hervorbrechend. Er hielt sie in seinen Armen, und sie beide schienen in mächtigem, sausendem Schwunge zu fliegen, sie schienen miteinander in der Finsternis verwachsen. Draußen vor der offenen Luke, in der sie standen, über und unter ihnen herrschte Dunkelheit und zog sich ein dichter Regenschleier hin.
»Ich liebe dich, Will,« stöhnte sie. »Ich liebe dich.«
Er hielt sie umschlungen als wären sie eins, und war stumm. Tom Brangwen wartete eine Weile im Hause. Dann stand er auf und ging nach draußen. Er ging über den Hof. Er sah einen sonderbaren, nebelhaften Schimmer aus der Luke fallen. Er wußte kaum, daß es das Licht durch den Regen war. Er schritt weiter, bis der schwache Schein grade auf ihn fiel. Sowie er dann in die Höhe sah, sah er durch den Regenschleier den Jungen und das Mädchen beieinander, den Jungen mit dem Rücken an die Wand gelehnt, den Kopf über den des Mädchens gebeugt. So sah sie der ältere Mann, verschleiert durch den Regen, aber doch hell beleuchtet. Sie dachten, sie wären in Nacht vergraben. Er sah sogar, daß es hinter ihnen auf dem Boden trocken war, und Schatten und Körper der schlafenden Hühner da droben in der Nacht, seltsame Schatten, von der auf der Erde stehenden Laterne geworfen.
Und in seinem Herzen begannen dunkelglühender Ärger und gerührtes, selbstvernichtendes Zartgefühl zu streiten. Sie wußte nicht, was sie tat. Sie täuschte sich. Sie war ja noch ein Kind, ein reines Kind. Sie wußte ja gar nicht, wie viel ihres Ichs sie da preisgab. Und er fühlte in sich schwarzen, wütenden Jammer. War er denn ein so alter Mann, daß er sie schon in die Ehe geben sollte? War er denn alt? Er war nicht alt. Er war viel jünger als der junge, gedankenlose Bengel da, dem sie im Arme lag. Wer kannte sie denn besser – er oder dieser blind drauflosgehende Bursche? Wem sollte sie wohl angehören, wenn nicht ihm selbst?
Er dachte wieder daran, wie er sie als Kind nachts in die Scheune hinübergetragen hatte, während seine Frau in Wehen um den kleinen Tom lag. Er erinnerte sich des warmen, weichen Gewichts auf seinem Arm, als das kleine Mädchen an seinem Halse hing. Jetzt würde sie sagen, er wäre abgetan. Sie wollte fort von ihm, wollte ihn verleugnen, unerträgliche Leere in ihm zurücklassen, eine Leere, die er nicht ertragen konnte. Er haßte sie beinahe. Wie durfte sie sagen, er sei alt. So schritt er durch den Regen, schwitzend vor Kummer, vor Angst vor dem Alter, mit der Qual, aufgeben zu müssen, was ihm das Leben bedeutete.
Will Brangwen ging nach Hause, ohne seinen Ohm wieder zu sehen zu bekommen. Er streckte sein heißes Gesicht dem Regen entgegen und schritt vorwärts wie im Zauberschlaf. »Ich liebe dich, Will, ich liebe dich.« Endlos wiederholten sich ihm diese Worte. Die Schleier waren zerrissen und hatten ihn nackt in den unendlichen Raum hinausgestoßen, er schauderte. Die Mauern stießen ihn aus und gaben ihm unendlichen Raum für seine Schritte frei. Wohin führte ihn der Weg durch die unendliche Dunkelheit, ihn, den Blinden? Wo saß Gott der Allmächtige auf dunklem Throne, an welchem Ende der Dunkelheit, und trieb ihn vorwärts? »Ich liebe dich, Will, ich liebe dich.« Er zitterte vor Furcht, als diese Worte in seinem Herzen widerhallten. Und an ihr Gesicht durfte er überhaupt nicht denken, an ihre glühenden Augen, ihr sonderbares, verändertes Gesicht. Die Hand der verborgenen Allmacht, die lodernde Flamme hatte sich aus der Dunkelheit ausgestreckt und ihn ergriffen. Demütig und in Furcht ging er weiter, sein Herz ergriffen und brennend von der Berührung.
Die Tage liefen hin, auf dunkel dahintrottenden Sohlen schlichen sie weiter. Er ging, um Anna zu besuchen, aber aufs neue war etwas Zurückhaltendes zwischen sie getreten. Tom Brangwen war düster, seine blauen Augen finster. Anna war seltsam und ergeben. Ihr Antlitz mit seinen zarten Farben war stumm, aber prickelnd in seiner Wortlosigkeit. Die Mutter ließ den Kopf hängen und bewegte sich in ihrer eigenen dunklen Welt voll neuer, fruchtbarer Fülle.
Will Brangwen arbeitete an seiner Holzschnitzerei. Das war seine Leidenschaft; es war eine Leidenschaft für ihn, das Schnitzmesser in der Faust zu fühlen. Tatsächlich lenkte die Leidenschaft seines Herzens jeden Schnitt des feinen Stahles. Er schnitzte, wie er es sich schon immer vorgenommen hatte, die Erschaffung Evas. Es war eine Wandtafel, flach-erhaben, für eine Kirche. Adam lag schlafend da, wie leidend, und Gott, eine undeutliche, mächtige Gestalt, beugte sich über ihn und streckte ihm seine freigemachte Hand entgegen; Eva, ein schmächtiges, lebensvolles, nacktes weibliches Wesen, hob sich gleich einer Flamme der Hand Gottes aus der aufgerissenen Seite Adams entgegen.
Jetzt arbeitete Will Brangwen an seiner Eva. Sie war mager, ein scharfes, unreifes Ding. Mit zitternder Leidenschaft, fein wie ein Luftzug, ließ er das Messer über ihren Leib dahingleiten, ihren harten, unreifen kleinen Leib. Sie war ein steifes kleines Wesen, mit scharfen Umrissen, in den Wehen, in der Qual und Erhebung ihrer Erschaffung. Aber wenn er sie berührte, zitterte er. Er hatte noch keine seiner Gestalten völlig beendet. Da saß ein Vogel auf einem Zweige über ihr, der die Schwingen zum Fluge hob, und eine Schlange wand sich zu ihm empor. Auch das war noch nicht fertig. Er zitterte vor Leidenschaft, daß er nun endlich so weit war, den frischen, scharfen Körper Evas zu schaffen.
An den beiden Enden, zu äußerst an beiden Seiten waren zwei Engel angebracht, die sich das Gesicht mit den Schwingen bedeckten. Sie waren wie Bäume. Während er im Zwielicht in die Marsch hineinschritt, fühlte er die beiden Engel mit den bedeckten Gesichtern sich zur Seite. Die Dunkelheit rührte von dem Bedecken ihrer Gesichter und ihrem Schatten her. Als er unter der Dammbrücke hindurchging, glühte der Abend in seinen letzten tiefen Farben auf, der Himmel war dunkelblau, fernher glitzerten die Sterne, ungeheuer fern, und näherten sich einander über dem dunkelnden Haufen der Hofgebäude, über den Kristallpfaden am Rande des Himmels entlang.
Sie wartete auf ihn wie die Glut des Lichtes selbst und als wäre sein Gesicht bedeckt. Und er wagte nicht, sein Gesicht zu ihr zu erheben.
Das Korn wurde geschnitten. Eines Abends schritten sie bei hereinbrechender Nacht durch die Hofgebäude. Ein mächtiger, goldener Mond hing schwer über der grauen Kimme; hoch, sich in der Dämmerung verlierend, erwartungsvoll, standen die Bäume. Geräuschlos gingen Anna und der junge Mann an der Hecke entlang, wo die Hofwagen tiefe Rinnen ins Gras eingeschnitten hatten. Sie traten durch das Gatter auf ein weites, freies Feld, wo sich noch ein starkes Licht über ihre Gesichter ergoß. Auf dem schattigen Boden lagen die Garben, wie die Mäher sie hatten liegen lassen, manche wie niedergeworfene Körper in schattenhafter Masse, andere, weiter weg, standen schon undeutlich wie Schiffe im Mondesdunst in Haufen zusammen.
Sie mochten nicht umkehren, aber wohin sollten sie gehen, dem Monde entgegen? Denn sie waren getrennt, fühlten sich jeder allein.
»Wir wollen ein paar Garben zusammensetzen«, sagte Anna. So konnten sie noch auf der weiten Ebene bleiben.
Sie schritten über die Stoppeln bis ans Ende der bereits aufgestellten Garben. Dieser Teil des Feldes sah merkwürdig belebt aus mit seinen aufrecht stehenden Haufen; der Rest lag frei und eben.
Die Luft war voll silberigen Schimmers. Sie sah sich um. In der Ferne standen undeutliche Bäume, als warteten sie wie Herolde auf das Zeichen zum Anmarsch. In dieser Weite wie aus mattem Kristall schien ihr ihr Herz wie eine Glocke zu klingen. Sie fürchtete, der Klang möchte hörbar werden.
»Nimm du diese Reihe«, sagte sie zu dem Jungen, und weiterschreitend beugte sie sich zu den in der nächsten Reihe liegenden Garben nieder, packte mit beiden Händen in das Haferstroh, hob das schwere Korn hoch, und trug die schwere Last in den freien Zwischenraum, wo sie die beiden Garben kräftig niedersetzte, so daß sie beim Zusammensinken ein schwaches, aber deutlich hörbares Rauschen von sich gaben. Ihre beiden Garben standen nun aufrecht. Er kam mit seinen beiden Garben heran, verschwommen durch das Gespinst der Dämmerung schreitend. Sie wartete dicht daneben. Auch er setzte seine beiden Garben mit jenem schwachen, deutlichen Rauschen zusammen, dicht neben ihre. Sie schwankten unsicher. Er verflocht ihr Stroh. Es rauschte wie eine Quelle. Er sah auf und lachte.
Dann wandte sie sich ab und dem Monde zu, der jedesmal, wenn sie sich ihm zukehrte, ihren Busen glühend zu entblößen schien. Er schritt pflichtgetreu in die undeutliche Leere des Raumes auf der anderen Seite hinüber.
Sie beugten sich nieder, ergriffen die feuchten, weichen Halme des Korns, hoben die schweren Bündel auf und kamen wieder zurück. Sie war immer die erste. Sie setzte ihre Garben nieder und machte aus ihnen und den anderen ein Joch. Schattenhaft kam er über die Stoppeln daher mit seinen Bündeln. Sie wandte sich schon wieder und hörte nur noch das scharfe Zischen der Berührung von seinem Korn. Sie schritt zwischen dem Monde und seiner schattenhaften Gestalt einher.
Sie nahm wieder zwei Bündel auf und schritt auf ihn zu, als er sich grade wieder aufrichtete. Er kam ganz aus der Nähe. Sie setzte ihre Garben nieder, um einen neuen Haufen anzufangen. Sie standen unsicher. Ihre Hände zitterten. Sie riß sich aber doch wieder los, dem Monde zu, der ihr den Busen entblößte, so daß ihr war als schwelle und seufze er vor Mondlicht. Und er mußte ihre beiden Garben wieder aufstellen, da sie umgefallen waren. Er arbeitete stumm. Der Schwung seiner Arbeit riß ihn fort, als sie aufs neue herankam.
Sie arbeiteten wieder gemeinschaftlich, kommend und gehend nach einem Takte, der ihre Füße und Leiber im Gleichmaß mit dahinriß. Sie beugte sich nieder, hob die Last ihrer Garben, wandte ihr Gesicht der undeutlichen Helle zu, in der er stand, und schritt mit ihrer Last über die Stoppeln. Sie zögerte, setzte ihre Garben nieder, dann kam das Zischen und Rauschen, wenn das Stroh ineinander fuhr; er kam, und sie mußte wieder fort. Und dann glänzte der Mond hernieder und entblößte ihren Busen, so daß sie sich wie eine heranschwellende und wieder verebbende Welle fühlte.
Er arbeitete stetig, ganz in Anspruch genommen, fuhr wie ein Weberschifflein vor- und rückwärts durch die Bänder blanker Stoppeln und wob eine lange Reihe aufrechtstehender Haufen, näher und immer näher an die schattendunklen Bäume heran, seine Garben mit den ihren verwebend.
Und jedesmal war sie fort, ehe er herankam. Wenn er kam, ging sie grade, ging er fort, kam sie wieder. Würden sie sich denn nie treffen? Allmählich zitterte von ihm zu ihr ein leiser, tieftönender Wille hinüber, versuchte, sie mit ihm in Einklang zu bringen, sie ihm allmählich zuzuführen, bis sie sich träfen, bis sie zusammenkommen müßten, bis sie sich treffen würden wie die Garben, wenn sie zusammenzischten.
Und die Arbeit nahm ihren Fortgang. Der Mond wurde heller, klarer, und das Korn erglänzte. Er beugte sich über die daliegenden Garben, die leise zischten, wenn sie den Boden verließen; es war, als lege sich ein schwerer Körper gegen ihn an, eine Flut von Mondlicht stand vor seinen Augen. Und dann setzte er das Korn in den Haufen nieder. Und sie kam näher.
Er wartete auf sie, indem er sich etwas an dem Haufen zu tun machte. Sie kam, aber sie blieb stehen, bis er wieder wegging. Er sah sie im Schatten wie ein dunkles Standbild und sprach zu ihr, und sie antwortete ihm. Sie sah im Mondlicht eine Frage auf seinem Gesichte aufblitzen. Aber zwischen ihnen war ein weiter Raum, und er ging wieder fort, getragen vom Schwunge der Arbeit.
Warum blieb denn nur immer dieser weite Raum zwischen ihnen, warum blieben sie stets getrennt? Warum blieb sie stehen, wenn sie aus dem Mondesschimmer herankam, getrennt von ihm? Warum wurde er so von ihr ferngehalten? Hartnäckig, düster dröhnte sein Wille weiter, übertönte alles übrige.
In das Zeitmaß seiner Arbeit kam Schwung und fester Wille. Er beugte sich nieder, hob die schwere Last, hob sie ihr entgegen und setzte sie nieder gleichwie in sie selbst auf dem mondüberstrahlten Fleck. Und dann ging er zurück nach neuen Garben. Mit immer zunehmendem Annäherungswillen hob er diese und schwang sich über den freien Raum mit ihnen, immer näher trieb er sie zum Treffpunkt heran, tat sein Werk und näherte sich ihr immer mehr, sie allmählich überholend. Nur dies hingenommene Auf und Nieder im Mondlicht, dies schweigende Schwingen, nur durch das Aufrauschen der Garben gekennzeichnet, und dann wieder Stille und neues Aufrauschen. Und das Aufrauschen seiner Garben wurde immer schneller, sich dem ihren nähernd, während das ihrige gleichmäßig weiter tönte, unverändert; aber das Aufrauschen seiner Garben kam näher. Bis sie sich endlich an dem Haufen trafen und sich mit ihren Garben in der Hand gegenüberstanden. Er war silberüberströmt vom Mondlicht, und sein mondbeschienenes, durchschattetes Gesicht erschreckte sie. Sie wartete.
»Setz deine hin«, sagte sie.
»Nein, du bist dran.« Seine Stimme hallte drängend.
Sie setzte ihre Garben gegen den Haufen. Er sah ihre Hände in einem Sprühregen von Körnern leuchten. Und er ließ seine Garben fallen und zitterte, als er sie in die Arme schloß. Er hatte sie überholt, und nun war es sein gutes Recht, sie zu küssen. Sie war süß und frisch von der Nachtluft und süß vom Dufte des Kornes. Und der ganze Schwung seiner Arbeit ging in seine Küsse über, er bedrängte sie immer heftiger mit seinen Küssen, und immer noch war sie nicht ganz gewonnen. Er wunderte sich über das Mondlicht auf ihrer Nase. Alles Mondenlicht auf ihr, aller Schatten in ihr. Die ganze Nacht in seinen Armen, mit ihrem Glanz und ihrer Finsternis, alles das besaß er. Die ganze Nacht gehörte ihm nun, um sie zu enthüllen, sich in sie hinein zu wagen, alle die Geheimnisse, in die er nun eintreten sollte, all die Entdeckungen, die er nun machen würde.
Zitternd vor heißem Siegesgefühl war sein Herz weiß wie ein Stern, während seine Küsse drängender wurden.
»Mein Lieb!« rief sie mit leiser Stimme, wie aus der Ferne. Der leise Laut schien ihn aus der Ferne, vom Monde her zu rufen, ihn, den Unachtsamen. Er hielt inne, zitternd, und lauschte.
»Mein Lieb!« kam wieder der leise, klagende Ruf, wie der eines unsichtbaren Vogels aus der Nacht.
Er erschrak. Sein Herz zitterte und brach. Er mußte innehalten. »Anna«, sagte er, als antwortete er ihr unsicher aus der Ferne.
»Mein Lieb.«
Und er drängte sich an sie, und sie drängte sich an ihn.
»Anna«, sagte er in Verwunderung, in den Geburtschmerzen der Liebe.
»Mein Lieb«, sagte sie, und ihre Stimme riß ihn hin. Und hingerissen und überrascht küßten sie sich auf den Mund, lange, wirkliche Küsse. Lange dauerte der Kuß, dort im Mondlicht. Er küßte sie aufs neue, und sie küßte ihn wieder. Und wieder küßten sie sich gegenseitig. Bis in ihm etwas vorging und er seltsam wurde. Er wollte sie haben. Er wollte sie brennend gern haben. Sie war ihm so neu. Verschlossen, in der Schwebe standen sie da in der Nacht. Und sein ganzes Wesen erzitterte vor Überraschung, wie von einem Schlage. Er wollte sie haben und wollte ihr das sagen. Aber der Schreck war zu groß. Er war sich vorher nie darüber klar geworden. Vor Erregung und Ungewohntheit zitterte er, wußte er nicht, was tun. Er hielt sie sanfter, sanfter, viel sanfter. Der Zusammenstoß war vorüber. Und er war froh darüber und atemlos, fast in Tränen. Aber er wußte, er wollte sie haben. Etwas kam in seinem Inneren ein für allemal zu einem festen Entschluß. Er gehörte ihr an. Und er war erfreut und erschrocken hierüber. Er wußte nicht, was er nun tun sollte, wie sie da auf freiem, mondüberstrahltem Felde standen. Er blickte durch ihr Haar nach dem Monde, der flüssig-glänzend dahin zu schwimmen schien.
Sie seufzte und schien zu erwachen; dann küßte sie ihn wieder. Dann machte sie sich von ihm los und ergriff seine Hand. Es tat ihm weh, als sie sich von seiner Brust losriß. Es tat ihm weh vor Kummer. Warum entzog sie sich ihm? Aber sie hielt noch seine Hand.
»Ich möchte nach Hause gehen«, sagte sie und sah ihn auf eine Weise an, die er nicht begriff.
Er hielt ihre Hand sehr fest. Er war betäubt und konnte sich nicht regen, er wußte nicht, wie sich bewegen. Sie zog ihn fort. Hilflos schritt er an ihrer Seite dahin, ihre Hand haltend. Sie ging mit gebeugtem Kopfe. Plötzlich sagte er, und es kam ihm wie die einfachste Lösung vor:
»Wir wollen uns heiraten, Anna.«
Sie war stumm.
»Wir wollen uns heiraten, Anna, nicht?«
Sie blieb wieder auf dem Felde stehen und küßte ihn, hängte sich leidenschaftlich an ihn, auf eine Weise, die er nicht begreifen konnte. Er konnte sie nicht begreifen. Aber er überließ jetzt alles der Ehe. Diese Lösung stand nun für die Zukunft fest. Haben wollte er sie, er wollte sich mit ihr verheiraten, er wollte sie für ewige Zeiten als sein Eigentum besitzen. Und voller Spannung wartete er auf die Erfüllung. Aber während der ganzen Zeit fühlte er sich auch leicht gereizt.
Er sprach noch am selben Abend mit dem Ohm und der Tante.
»Ohm,« sagte er, »Anna und ich wollen uns heiraten.«
»Och ne!« sagte Brangwen.
»Aber wie denn, ihr habt ja kein Geld?« sagte die Mutter.
Der Junge wurde blaß. Solche Worte haßte er. Aber er war wie ein glänzender, heller Kiesel, hellglänzend und unveränderlich. Er dachte gar nicht nach. In seiner harten Helle saß er da und sagte nichts.
»Hast du deiner Mutter schon was davon gesagt?« fragte Brangwen.
»Nein – ich wollte es ihr Sonnabend sagen.«
»Willst du hingehen und es ihr sagen?«
»Ja.«
Dann kam ein langes Stillschweigen.
»Und woraufhin wollt ihr denn heiraten – auf dein Pfund in der Woche?«
Wieder wurde der Junge blaß, als würde der Geist in ihm verletzt.
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