Kitabı oku: «16.7.41»

Dag Solstad
16. 7. 41
Roman
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger
DÖRLEMANN
Die norwegische Originalausgabe erschien unter dem Titel »16. 07. 41« im Forlaget Oktober A/S in Oslo.
Die Übersetzung des Romans wurde vom Deutschen Übersetzerfonds e.V. sowie von NORLA unterstützt.
Die Übersetzerin und der Verlag bedanken sich hierfür.
eBook-Ausgabe 2020
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
Copyright © Forlaget Oktober A/S, Oslo
Copyright © 2020 Dörlemann Verlag AG, Zürich
Umschlaggestaltung: Mike Bierwolf
Porträt Seite 5: Dag Solstad, © Tom Sandberg
Satz und eBook-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde
ISBN 978-3-90877-881-3
www.doerlemann.com
Inhalt
Cover
Titelei und Impressum
Porträt
Kapitel 1 Fußnoten Kapitel 1
Kapitel 2 Geführte Tour Die Hochbahn Fischessen in Berlin Der stillgelegte Kanal Kurfürstendamm, Westberlin Ost »Vortrag in extenso« Fußnoten Kapitel 2
Zum Autor und zu seiner Übersetzerin
Zum Buch

Dag Solstad
Kapitel 1
Dieses Mal werde ich fliegen.1 Deshalb befand ich mich im mittlerweile stillgelegten Flughafen Fornebu bei Oslo, um mit einer SAS-Maschine nach Kopenhagen zu reisen und von dort weiter nach Frankfurt am Main. Das liegt jetzt mehr als zehn Jahre zurück, und wie immer, wenn ich flog, war ich ungewöhnlich früh am Flughafen. Ich wollte nach Frankfurt, zur großen internationalen Buchmesse, um dort an einer Veranstaltung mitzuwirken. Ich sollte nur wenige Tage weg sein und hatte deshalb lediglich Handgepäck dabei, trotzdem war ich ungewöhnlich früh dran. Wenn ich mich heute vor mir sehe, wie ich damals vor mehr als zehn Jahren ausgesehen haben muss, ich war noch keine fünfzig, gibt es nicht viel, was ich als besonderes Kennzeichen meiner Person anführen kann.1b Ich war damals wie heute ein normaler Reisender, erfüllt mit den selbstbewussten Routinen eines Reisenden. Ich stellte mich in die lange Schlange an den Check-in-Schaltern und schob mein Handgepäck, eine Reisetasche, sanft mit dem Fuß weiter, während sich die Schlange vorwärtsschob. Schließlich war ich an der Reihe. Ich legte meine Tickets vor und erhielt die Bordkarte sowohl für den Flug nach Kopenhagen als auch für den Anschlussflug von Kopenhagen nach Frankfurt. Danach fuhr ich mit der Rolltreppe hoch zur Pass- und Sicherheitskontrolle. Nachdem ich diese erfolgreich hinter mich gebracht hatte, durfte ich in die internationale Abflughalle und stellte mich vor eine Departure-Anzeigetafel, auf der mein Flug nach Kopenhagen soeben aufgetaucht war. Ich notierte mir das Gate und schaute in einen langen Korridor, versuchte abzuschätzen, wie weit darin sich mein Gate befinden musste. Daraufhin suchte ich den Dutyfree-Shop auf und kaufte mein Kontingent an Schnaps und Zigaretten, das ich in eine Plastiktüte mit Werbung für Fornebu Taxfree packte, wie sie auch viele meiner Mitreisenden bei sich trugen.
Mir blieb noch fast eine Stunde bis zum Abflug, und ich beschloss, mich langsam zum Gate zu begeben, fast so als wollte ich mich vergewissern, dass es sich auch dort befand, doch erst nachdem ich noch einmal auf der Anzeigetafel nachgeschaut hatte, ob ich mir wirklich das richtige Gate eingeprägt hatte. Anschließend genehmigte ich mir in einem kleinen Café, das sich in der internationalen Abflughalle am Flughafen Fornebu befand, eine Tasse Kaffee. Wieder zurück zur Anzeigetafel, um sicherzugehen, dass es keine Änderungen bei den schon angezeigten Informationen gegeben hatte. Danach setzte ich mich auf einen leeren Sitz in einer der Stuhlreihen, die sich an den Wegen der internationalen Abflughalle befanden. Ständig eilten geschäftige Reisende an mir vorbei, manche auf dem Weg zum Flieger, andere auf dem Weg vom Flieger Richtung Ankunftshalle. Ich fühlte mich gut, rastlos und bester Stimmung. Ich genoss tatsächlich den Anblick meiner Mitreisenden und den Umstand, dass ich mich in der Abflughalle eines Flughafens befand, der zwar in einem Land lag, dessen Behörden ihn für zu klein erachteten, der für mich jedoch groß genug war. Das Dasein hier hatte etwas Beherrschtes an sich, zwar passierte ständig etwas, permanent landeten oder starteten schließlich Flugzeuge auf der Rollbahn und mit ihnen Passagiere, die herein- oder hinausströmten, trotzdem hatte die Geschäftigkeit etwas Gemessenes und Beherrschtes, das mir gefiel. Die Strukturen sind klar zu erkennen. Die Entschlossenheit der Leute ist strukturiert. Jeder, der hier ist, weiß, warum er hier ist, sein Reiseziel ist klar, und auch der Grund für seine Reise. Will man z.B. nach Rom, dann weiß man nicht nur, wie man zum richtigen Zeitpunkt zum richtigen Gate gelangt, es ist auch vollkommen offensichtlich, ob man geschäftliche Gründe hat, zu einem Kongress will oder eine kurze Urlaubsreise macht. Das prägt die Stimmung. Zwar kann man einer Person nicht ansehen, ob sie nach Rom oder Zürich will, man kann aber sehr klar erkennen, ob sie auf Geschäftsreise oder auf einer Urlaubsreise ist. Man ist entsprechend gekleidet und benimmt sich entsprechend. Hält man sich in einem der Geschäfte in Fornebu auf, ob im Delikatessenladen oder im Trachtenladen, dann, um etwas zu kaufen. Man will ganz einfach ein Geschenk erstehen, das man längst hätte besorgen sollen, aber entweder vergessen hat oder aus Zeitmangel nicht beschaffen konnte, und in Fornebu heißt das, einen kleinen Troll, eine Strickjacke im Norwegermuster oder ein großes Stück Räucherlachs, vakuumgezogen und mit Norwegian Seafood oder etwas anderem Plausiblen beschriftet. Eine effektive Welt mit Human Touch. Ein Herz für seine Liebsten, in letzter Sekunde freilich, aber immerhin: ein Herz. Norwegian Seafood, ein Stück Human Touch. Das ging mir durch den Kopf, als ich dort saß und den Leuten in den Geschäften zusah, die schnell und teuer einkauften. Der Unterschied zwischen einem internationalen Flughafen und anderen modernen Treffpunkten, wie z.B. einem Kaufhaus, ist riesig. In einem Flughafen sind alle Handelnde, in einem Warenhaus gibt es sehr viele Betrachter oder Flaneure, die sich lediglich umschauen, ohne bestimmten Grund, man saugt die Atmosphäre von Modernität in sich auf, könnte man sagen, ohne notwendigerweise Teil derselben zu sein, außer als entzückter und bewundernder Zuschauer. Auch zwischen internationalen Flughäfen und Bahnhöfen ist der Unterschied riesig. Nun haben die großen Bahnhöfe ja den Nimbus der Modernität eingebüßt, der ihnen bis Ende der 1930er-Jahre anhaftete, und das verleiht ihnen etwas von einer ausrangierten Zeitmaschine, schön, aber verfallen, fast schon Schrott, daher kann der Vergleich zwischen Bahnhöfen und unseren heutigen Reise- und Abenteuermaschinen – Flughäfen, Flugplätzen – ungerecht wirken, trotzdem sind beide nach wie vor moderne Treffpunkte, und man kann bei ihnen immer noch eine Reihe typischer Ähnlichkeiten feststellen, die mit dem Reisen zu tun haben, dem Reisegefühl, den Reiseerwartungen, dem Reisefieber, und doch kann man in allem, was sie voneinander trennt, die Eigenheiten beider Bahnhofstypen erkennen (und jetzt spreche ich von Flughäfen und Flugplätzen ebenfalls als Bahnhöfen, denn das sind sie ja, Luftbahnhöfe), als Spiegel zweier Epochen. Hierbei denke ich an Abschiedsszenen. An Bahnhöfen kann man den menschlichen Touch in Abschiedsszenen erkennen. Er wurde von ihr zum Zug begleitet, sie verabschiedet sich von ihm. Eine rührende Szene. Heftige Umarmung, innige Küsse. Anschließend geht er in den Waggon, sucht seinen Platz, sie steht draußen auf dem Bahnsteig, er macht das Fenster auf, der Zug fährt an, er ruft und winkt, sie winkt zurück, ja, es kommt sogar vor, dass sie sich zusammen mit dem Zug in Bewegung setzt, vielleicht sogar ein Stück neben ihm herläuft, bevor der Zug unerbittlich davonfährt und sie stehenbleiben muss, und er, der sich in seinem Abteil aus dem Fenster lehnt, sieht ihr hinterher, wie sie immer kleiner wird, bis sie, als der Zug in eine Kurve oder einen Tunnel fährt, endgültig verschwindet. Aber wer hat je eine intensive Abschiedsszene auf der Rolltreppe der großen Abflughalle in Fornebu hinauf zur Pass- und Sicherheitskontrolle oder direkt vor der Pass- und Sicherheitskontrolle gesehen? Es mag sie gegeben haben, aber ich habe sie nie gesehen. Zum Flughafen wird man nicht begleitet, man wird vielleicht gefahren, z.B. von der Partnerin, doch dann wird man an der Eingangstür zum Hauptgebäude abgesetzt. Der Wagen hält, vielleicht umarmen sich die zwei im Auto, aber sie kommt nicht mit ins Gebäude, um zusammen mit ihm zu warten, während er eincheckt, mit ihm die Rolltreppe hochzufahren, wo sie sich umarmen, hinüber zur Pass- und Sicherheitskontrolle, wo sie sich lange küssen. Nein, sie kommt nicht mit ins Gebäude, sie verabschieden sich hier, im Auto, weil es so schwer ist, einen Parkplatz zu finden, und weil es für die kurze Zeit so teuer ist, sagt sie. Daher begibt man sich allein ins Hauptgebäude, checkt ein, fährt mit der Rolltreppe hoch zur Pass- und Sicherheitskontrolle, wird hindurchgeschleust und betritt das Allerheiligste der Reisenden, mischt sich unter die anderen Reisenden, die zielstrebig hin- und herlaufen oder im Café sitzen und verstohlen auf ihre Armbanduhr schauen, so wie ich als Betrachter auf meinem Stuhl sitze, während ich auf den Abflug warte. Hier sind wir alle in der selbstverständlichen Struktur einer Moderne gefangen und davon geprägt. Ich saß also hier auf dem längst stillgelegten Flughafen Fornebu, einem internationalen Flughafen, der nicht groß genug war für das Selbstbild unserer Behörden, das ist jetzt mehr als zehn Jahre her, Anfang der 1990er. Ich musterte meine Mitreisenden, nicht ohne eine gewisse Sympathie. Denn ich war selbst geprägt vom beherrschten Geist der Moderne, der hier wehte und den ich angenehm fand. Ich studierte die Stereotypen, die an mir vorbeikamen, ohne auch nur eine Sekunde lang zu unterschlagen, dass ich eine gewisse Befriedigung darin fand dazuzugehören, zu dieser anonymen Gemeinschaft. Was ich persönlich dadurch unterstrich, dass ich im Anzug reiste,2 der auf Flugreisen ins Ausland beileibe kein obligatorisches Kleidungsstück ist. Auch zwei Polizisten kamen vorbei, studierten eingehend ihre Umgebung, indem sie nach rechts und nach links schauten, während sie langsam durch die Abflughalle liefen. Ich saß auf meinem Stuhl und betrachtete das Leben um mich herum, wobei ich die Anzeigetafel mit den Abflugzeiten im Auge behielt. Nach einer Weile kamen die beiden Polizisten zurück. Entschlossenen Schrittes nun, und zwischen ihnen lief ein Mann, der ein wenig betreten aussah. Es kommt nicht jeden Tag vor, dass ich Zeuge einer mutmaßlichen Festnahme werde, noch dazu in der Abflughalle eines internationalen Flughafens, daher konnte ich nicht umhin, die beiden Polizisten und den Festgenommenen in ihrer Mitte anzustarren. Mein Blick suchte vor allem nach den Händen des Mannes, ich wollte sehen, ob er Handschellen trug. So weit kam ich aber nicht, denn jetzt passierte etwas Erstaunliches. Als die Gruppe an mir vorbeiging, grüßte mich der Mann. Der Festgenommene grüßte mich. Ein kurzes alltägliches Nicken, bevor er sich von den beiden Polizisten an mir vorbeiführen ließ die Treppe hinunter, die zur internationalen Ankunftshalle führt, wo sich u.a. die Passkontrolle und die Gepäckausgabe befanden. Ich starrte ihnen fast mit offenem Mund hinterher. Der Festgenommene schien mich zu kennen, während ich selbst keine Ahnung hatte, wer er sein könnte. Es musste jemand sein, der mich kannte, denn er grüßte mit aller Selbstverständlichkeit, nahezu automatisch. Ich kramte tief in meinem Gedächtnis, um herauszufinden, wer er sein könnte. Doch sosehr ich auch in den hintersten Ecken und Winkeln meines Gedächtnisses kramte, ich fand keine Antwort. Damals nicht und auch heute nicht, ich muss nämlich zugeben, dass ich in den vergangenen Jahren hin und wieder darüber nachgedacht habe, wer es gewesen sein könnte. Doch egal, wie sehr ich in den dunkelsten Ecken und Verstecken meines Erinnerungsvermögens, soweit ich sie aufspüren kann, suche, ich finde keine Antwort. Es ist mir übrigens auch sonst schon passiert, davor und danach, dass mich Leute gegrüßt haben, sich sogar minutenlang mit mir unterhalten haben, als wären wir alte Bekannte, ohne dass ich in der Lage gewesen wäre, sie irgendwo hinzutun, das gilt vor allem für einen Vorfall, auf den ich möglicherweise später noch einmal zu sprechen komme. Was nun diesen Mann betrifft, habe ich dennoch eine Theorie zu seiner Person. Es könnte ein Leser sein. Einer meiner Leser. Die Art, wie er mich gegrüßt hat, könnte darauf schließen lassen. Sein Gruß war nicht aufdringlich, aber er muss mich automatisch erkannt haben, woraufhin er sich die Freiheit genommen hat, mich zu grüßen, als er zum Gespött aller anderen zwischen den uniformierten Polizisten lief, vielleicht sogar mit Handschellen an einen von ihnen gekettet.
Nach diesem Vorfall verfiel ich in Gedanken. Ich suchte in den Geheimgängen meines Gedächtnisses nach Gesichtern, die dem entsprachen, das an mir vorbeigegangen war. Ja, ich war so darin vertieft, dass ich vergaß, die Anzeigetafel mit den Abflügen im Auge zu behalten, und die Aufforderung »Go to gate« überhörte, und erst als ich erneut den Blick darauf richtete, stellte ich fest, dass dort fieberhaft »Boarding Boarding« blinkte. Ich erhob mich sofort und eilte zu dem Gate, das ich längst als meins ausgemacht hatte. Das Boarding war mehr oder weniger abgeschlossen, und ich war fast einer der Letzten, die das Gate passierten und durch den engen Finger zu der Stelle gingen, an der das Flugzeug stand, hinein in den noch engeren Flugzeugrumpf.
Ich fand meinen Platz, legte den Sicherheitsgurt an und begann mich auf den Abflug vorzubereiten. Es ging bald los, da ich als einer der Letzten an Bord gekommen war. Die Flugzeugtür wurde geschlossen, der Flieger verließ die Bay und rollte langsam zur Startbahn. Ich saß am Mittelgang. Der Flieger nach Kopenhagen ist ein Zubringerflugzeug, er hat Passagiere an Bord, die von Kopenhagen aus zu anderen Reisezielen wollen. Daher ist er meistens bis auf den letzten Platz besetzt. Der Flieger rollte langsam zur Startbahn, wo er stehenblieb und wartete. Dann fuhr er los, schneller und schneller, immer schneller, bis das Tempo schwindelerregend war und er sich plötzlich, oder endlich, vom Boden löste und mit einer gewaltigen Kraft in Schräglage nach oben bewegte, hinein in die Wolken. Nach einer Weile richtete sich das Flugzeug wieder horizontal aus, fand oberhalb der Wolkendecke seinen Rhythmus, sein Tempo, und wir waren auf dem Weg nach Kopenhagen. Ich hatte vergessen, beim Einchecken um einen Fensterplatz zu bitten, und musste mit einem Platz am Mittelgang vorliebnehmen. Daher war ich während des ganzen Flugs in eine Zeitung vertieft und konnte nicht hinausschauen. Nicht einmal, als wir zur Landung ansetzten, nahm ich den Blick von der Zeitung, in die ich mich vertieft hatte, das war zu Beginn der 1990er-Jahre, und die Zeitung, die ich las, trug exakt das Datum des Tages, an dem ich die Reise unternahm.
Transitbereich in Kopenhagen. Kastrup ist Norwegens Hauptflughafen. Das war 1990 so und ist es natürlich auch heute noch. Wenn man 1990 von Fornebu nach Kastrup kam, war man in der gleichen Welt, nur in viel größer. Das gilt bis heute; seither wurde Kastrup umgebaut und ist noch schicker geworden, und obwohl die Behörden in meinem Land ihren Flughafen Gardermoen bekommen haben, ist der Übergang exakt der gleiche wie damals, mit den gleichen Anschlussflügen wie zehn Jahre zuvor. Ich war also Transitpassagier. Ich befand mich im Transitbereich in Kopenhagen. Dort setzte ich mich in ein Café, das so gelegen war, dass es in der äußerst hektischen Transithalle, die zugleich die internationale Abflughalle des Flughafens Kastrup war, eine Art Ruhepol bildete. Hier befanden sich weitaus mehr Reisende als in Fornebu, sie kamen aus verschiedenen Ausgängen, und mein Café lag ungefähr da, wo sich alle Ausgänge trafen. Zur Organisation des Verkehrs in Kastrup muss man sich zusätzlich zu einem Zahlensystem der ersten vier Buchstaben des lateinischen Alphabets bedienen, in Fornebu benötigte man keine Buchstaben, das Zahlensystem reichte aus. Es gab wesentlich mehr und exklusivere Läden, man konnte anno 1990 von regelrechten Einkaufsstraßen sprechen. Alle möglichen Sprachen dieser Welt schwirrten um mich herum, und es fehlte auch nicht an exotischen Einsprengseln wie arabischen Scheichs und afrikanischen Stammeshäuptlingen, obwohl die meisten durchaus Anzüge trugen, auch die afrikanischen Stammeshäuptlinge. An meinem Platz schnappte ich englische, französische, portugiesische Brocken sowie eine weitere Sprache auf, die ich zunächst nicht zuordnen konnte, und an mir spazierten Frauen mit typisch italienischem oder spanischem oder niederländischem Aussehen vorbei, häufig im Kostüm. Die meisten waren allerdings Dänen, es besteht kein Zweifel daran, dass die dänische Sprache trotz allem überwog. Ich saß erneut so, dass ich auf Anzeigetafeln verfolgen konnte, wann für meinen SAS-Flug nach Frankfurt der Befehl »Go to gate« angezeigt wurde, und dieses Mal verfiel ich nicht in Gedanken, sondern stand sofort auf, als die Aufforderung aufleuchtete, und machte mich auf den weiten Weg zu meinem Gate, von dem ich mehrere hundert Meter auf einem Laufband zurücklegte, auf dem man wählen konnte, entweder still dazustehen, ohne sich zu bewegen, oder sich in derselben Richtung wie das Laufband zu bewegen, nur etwas schneller, wodurch man das Laufband unbeschwert und gleichzeitig effektiv nutzte. Auf diese unbeschwerte und effektive Weise kam ich rechtzeitig vor dem Boarding zu meinem Gate.
Die gleiche Prozedur. Durch das Gate hinein in den Finger, der zu dem parkenden Flugzeug führte. In dem schmalen Flugzeugrumpf bewegte ich mich in einer langen Schlange von Passagieren zu meinem Platz, den ich sogleich in Besitz nahm. Ich setzte mich, legte den Sicherheitsgurt an und bereitete mich in jeder Hinsicht auf den Flug vor. Dieses Mal hatte ich einen Fensterplatz erhalten. Vorn im Flieger hatte wie üblich die Tür zum Cockpit offen gestanden, und ich hatte einen Blick auf die riesige Maschinerie erhascht. An sie dachte ich jetzt. Vielleicht weil ich aus dem Fenster schaute und einen der Flügel und Teile des Flugzeugrumpfs sah. Bereit zum Abflug. Das Flugzeug rollte langsam zur Startbahn, wo wir lange stehenblieben, weil der Flughafen Kastrup stark frequentiert ist und eine lange Schlange großer Flieger darauf wartete, zum Start auf die Rollbahn gelassen zu werden. Endlich waren wir an der Reihe. Der Flieger fuhr über die Rollbahn, schneller und schneller, immer schneller, in schwindelerregendem Tempo, bis sich der schwere Flugzeugrumpf vom Boden löste und mit gewaltiger Kraft in Schräglage nach oben bewegte, hinein in die Wolken. Jenseits der Wolkendecke richtete sich das Flugzeug wieder horizontal aus, fand seinen Rhythmus, sein Tempo, und wir waren auf dem Weg nach Frankfurt. Oberhalb der Wolkendecke schwebte die aluminiumglänzende SAS-Maschine in Richtung der deutschen Finanzmetropole Frankfurt am Main. Hier oben waren blauer Himmel und Sonne, und die Sonne schien auf die glänzende SAS-Maschine. Ich saß da und schaute aus dem Fenster auf die weiße unförmige Wolkenlandschaft. Eine völlig eintönige weiße Landschaft, die, wie ich wusste, sehr wenig gemein hatte mit der Landschaft unter der kompakten Wolkenschicht, die aber nicht zu sehen war, weil sich in der kompakten untersten Wolkendecke nicht einmal ein kleiner Riss zeigte, der einen Blick auf die nackte Erde tief darunter freigab. Doch ich wusste, dass dort unten Deutschland lag und wir jetzt darüberflogen. Die deutsche Tiefebene mit ihren Feldern, Wäldern, Flüssen, kleinen und großen Städten samt Straßennetz und Bahngleisen, genau in diesem Moment. Ich wusste, dass wir bald Hamburg sehen könnten, gleich rechts, auf meiner Seite, mit einem kleinen Ausschnitt der Elbe, kurz bevor sie durch Hamburg floss, und fünf bis zehn Minuten später würden wir eine andere große deutsche Stadt erspähen, Hannover, bevor ein neuer Fluss zum Vorschein käme, die Weser, die ich in der Ferne fließen sähe, obwohl ich so hoch hoben nicht sehen würde, dass sie floss, sondern nur, dass es sie gab, unbeweglich, präsent, wie auf einer Landkarte. Aber nichts davon sah ich jetzt. Stattdessen konnte ich die Wolkenformationen studieren. Ich befand mich in dieser Wolkenlandschaft oberhalb der Wolken. In dieser im wahrsten Sinne des Wortes überirdischen Landschaft fand ich zu einer gewissen Ruhe, denn es tat gut, den Blick auf dieser Landschaft ruhen zu lassen. Weiß, mit ihren wunderlichen Formationen, die ständig auftauchten und mich in einen etwas schläfrigen Zustand versetzten. Ja, wenn man durch eine solche Landschaft fliegt, wird man zwangsläufig in eine Stimmung versetzt, die an einen Jetlag erinnern kann, der jedoch nicht mit der Zeit zu tun hat, sondern mit dem Raum, also einen Roomlag, der bewirkt, dass man nicht sicher weiß, wo man sich befindet, nur dass man da ist, in der Zeit, wenn es sich um einen Jetlag handelt, und man die Zeit besonders stark erlebt, als Eigenschaft; es kann unangenehm sein und sehr aufdringlich, die Zeit so zu erleben, vor allem, weil man zugleich völlig verwirrt ist, so verhielt es sich nun mit meinem Raumerleben, in meinem Roomlag, ausgelöst davon, dass die Landschaft, die ich gerade überblickte, keine Geografie hatte, die sich zuordnen ließ. Man kann den Wolkenformationen nun einmal nicht entnehmen, dass man sich über Hamburg befindet, denn ganz andere Faktoren als die Geografie bestimmen die unbeständige Wolkenlandschaft, in der ich jetzt mit meinem Roomlag weilte, der mich in einen Dämmerzustand versetzte, der im Gegensatz zum Jetlag nicht unangenehm ist, sondern nur schläfrig macht, obwohl ich in meinem Dämmerzustand den Raumzustand vor meinem Fenster als ebenso aufdringlich erlebte, wie sich die Zeit für den unter Jetlag Leidenden ausnimmt. Für mich hatte diese Schläfrigkeit zur Folge, dass ich mich in einer Art verwirrter Gebanntheit in dieser weißen Wolkenlandschaft befand, sodass ich nicht bemerkte, dass das Flugzeug das Tempo gedrosselt hatte und zum Landeanflug ansetzte. Nicht indem es die Wolkendecke durchdrang, denn das Flugzeug befand sich weiterhin darüber, doch jetzt kreiste es in dieser Landschaft und zog weite Kreise, die mich erst stutzen ließen, als über Lautsprecher bekanntgegeben wurde, dass wir in Erwartung der Landeerlaubnis über Frankfurt kreisten.
Wir kreisten über Frankfurt. Wie bei zentralen und hochfrequentierten Großflughäfen durchaus üblich, kann man sehr lange über ihnen kreisen. Wo wir kreisten, kann ich nicht sagen, ob über der Finanzmetropole Frankfurt und ihrer Umgebung oder ob wir große Schleifen bis zum Rhein oder den nördlichen Landschaften in Baden-Württemberg zogen, das wusste ich nicht, wie ich dort saß und auf die Wolkenformationen vor meinem Fenster schaute. Aber wir waren in einer viel geringeren Geschwindigkeit unterwegs, hier oben über den Wolken in dieser Wolkenlandschaft kreisend, die sich vor dem Hintergrund eines intensiv blauen Himmels bewegte. Zuunterst befand sich eine kompakte Schicht, und auf dieser bildeten sich neue, ganz weiße Formationen. Diese Formationen schwebten an mir, der ich in der SAS-Maschine saß, vorbei, mal tief unter mir, sodass ich das Gefühl hatte, unendlich weit nach unten zu starren, mal direkt unter mir, aber in unterschiedlicher Entfernung, einmal sogar ganz dicht unter mir, andere Male schwebten sie in eher großer Entfernung vorbei, sodass sich mir ein höchst variables und seltsames Panorama darbot. Doch vollkommen weiß in der intensiv blauen Luft. Seltsame weiße Wolkenformationen, die an mir vorbeischwebten oder -segelten, so weit das Auge sah, also bis zum Ende des Horizonts. Da der Horizont so groß war, wirkte die blaue Luft nicht überbevölkert. Obwohl die weißen Wolken sehr zahlreich waren, gab es dazwischen reichlich Platz in diesem nahezu unendlichen Raum, in dem ich mich befand. Es gab Wolken unterschiedlicher Größe und unterschiedlichen Aussehens. Die Formationen waren dergestalt, wie man sie nur bei Wolken findet, die aussehen, als würden sie sich über alle anderen physikalischen Naturgesetze hinwegsetzen als jene, die für Wolken gelten, weshalb sie sich zu Formationen fügen konnten, die man ansonsten in keiner bekannten Materie kennt und die man auch nicht bei Wolken findet, die man von der Erde aus sieht, denn diese Formationen, die ich jetzt sah, gibt es nur bei Wolken oberhalb der Wolken, ja, auf der anderen Seite der Wolkendecke, dort, wo ich mich in einem merkwürdigen Zustand befand. Es waren große Wolken, die in all ihrer weißen Pracht stets größer und gewaltiger wurden und die ständig ihre Formation änderten, indem kleinere und aufgrund günstiger Windrichtungen schnellere Wolken mit ihnen verschmolzen, sodass Erstere nach oben und zur Seite ausbeulten und sich in all ihrer schaumartigen weißen Pracht mal so, mal so zeigten, in Ausprägungen, die man in nichts anderem, wie beispielsweise weißen Eisbergen, findet, auch wenn man sich vorstellen konnte, dass in dieser leeren blauen Luft, in der die Wolke unter mir vorbeischwebte, ein Eisberg vorbeischwimmt. Während andere Wolken, die an mir vorbeischwebten, z.B. ein Stück weiter unten, im Begriff waren, sich aufzulösen, neue Formationen und neue Wolken zu bilden oder ganz einfach im Nichts zu verschwinden, in einem dünnen, sich auflösenden Schleier. Und ständig tauchten weitere kleine Wolken auf, die in all ihrer Leichtigkeit und mit seltsam flüchtiger Anmut an mir vorbeischwebten. Alles, was hier oben geschah, war von großer Unbestimmtheit, aber wunderschön. Oberhalb der Wolkendecke gibt es eine völlig andere Welt, unsichtbar für all jene dort unten, und in dieser befand ich mich nun, in einer SAS-Maschine sitzend, die hier oben kreiste. Dieses Kreisen schien mir mittlerweile merkwürdige Dimensionen anzunehmen, vor allem, weil es auf der anderen Seite einer Wand, einer undurchdringlichen Wolkendecke, erfolgte. Man ist hier oben. In etwas, das völlig anders ist. Hier oben ist man unsichtbar. Für die anderen dort unten im Glas und Stahl der Metropole. Zu denen man selbst unterwegs ist. Doch vorläufig hängen wir hier oben, über Frankfurt kreisend, im Blau hier oben. Unten in Frankfurt schauten die Leute an diesem nasskalten Herbsttag im Oktober vor mehr als zehn Jahren hoch zur Wolkendecke und fragten sich, ob es regnen würde. Viele von ihnen liefen fröstelnd durch die Straßen der deutschen Finanzmetropole mit ihren modernen Wolkenkratzern als Symbol für deutsches Bankkapital, während die meisten in ebendiesen Büros in den schicken Wolkenkratzern saßen und fleißig arbeiteten, und vielleicht ging der eine oder andere zum Fenster und schaute hinaus, z.B. hinauf zur Wolkendecke, die regenschwer und kompakt dort oben hing, und alle, die heute einen Schirm mitgenommen hatten, waren erleichtert; alle, die ihn vergessen hatten, ärgerten sich ein wenig, aber keiner von ihnen, weder diejenigen unten in den Straßen noch diejenigen oben in den Gebäuden, ahnten, was auf der anderen Seite der Wolkendecke vor sich ging, obwohl sie doch auf die geschlossene Wolkendecke über ihren Köpfen blickten, den traurigen, grauen Himmel, aus dem nun wahrhaftig ein paar Regentropfen fielen. Keiner von den Menschen dort unten in Frankfurt ahnte, was hier oben vor sich ging, ahnte, dass nur eine Wand sie von diesem wundersamen Anblick trennte. Ja, obwohl die Mehrheit der Frankfurter Bevölkerung selbst schon einmal in einem Flugzeug gesessen hat, viele der Menschen, die in Frankfurt wohnen, haben bis zu hundert Reisetage im Jahr, vielbeschäftigt, wie die Akteure des Finanzkapitals es auf der ganzen Welt sind, haben sie völlig vergessen, wie es dort ist, sobald sie wieder auf der Erde angekommen sind. So wie sich ihr Leben unten in Frankfurt ausnahm, unterschied sich ein Frankfurter der 1990er-Jahre nicht im Geringsten von einem Frankfurter anno 1914. Der Frankfurter der 1990er-Jahre hat vergessen, was sich auf der anderen Seite befindet, sobald er wieder unten angekommen ist, und jetzt ahnt er nicht, was in den höheren Sphären vor sich geht. Es ist verschwunden, vergessen, sobald das Flugzeug zur Landung ansetzt, die Wolkendecke durchstößt und man wieder den feuchten Geruch von Erde wahrnimmt, während die Gebäude, das Straßennetz und die Parks dort unten immer näher kommen. Aber ich war hier oben. Ich sah. Ich spürte eine stille Freude. Wäre ich fünfzig Jahre früher zur Welt gekommen, hätte ich das hier niemals zu sehen bekommen, ja, ich hätte mir nicht einmal vorstellen können, dass ein solcher Anblick möglich wäre.
Ich befand mich in einem paradiesischen Zustand. Schließlich schaute ich eine überirdische Schönheit. Zwar wusste ich, dass die Atmosphäre vor dem Fenster so eiskalt war, dass in ihr kaum Leben gedeihen konnte, doch dort, wo ich saß, in einer SAS-Maschine weit oberhalb der kompakten Wolkendecke über Frankfurt, war ich außerstande, dies zu begreifen. Ich begriff lediglich, was ich sah. Ich sah eine Landschaft seltsamer, schwebender weißer Wolken in einem unendlichen blauen Raum oberhalb der kompakten Wolkendecke weiter unten. Eine völlig leere und unbewohnte Landschaft. Eine Landschaft rein atmosphärischer Schönheit, und es tat unendlich gut, den Blick darauf ruhen zu lassen. Während ich so dasaß, hingerissen von dem, was ich sah, entdeckte ich etwas ein Stück entfernt, am Ende des Horizonts. Es war ein anderes Flugzeug. Es sah auf diese Entfernung ziemlich klein aus, konnte aber gut und gern ein riesiger Jumbojet sein, doch auf die Entfernung ähnelte es mehr einem Vogel, wenngleich von beeindruckender Größe. Was an diesem Flugzeug bemerkenswert war, war die Geschwindigkeit. Noch nie habe ich etwas sich so schnell bewegen sehen. Es war so schnell, dass es, hätte es sich noch etwas schneller bewegt, für mein Auge nicht mehr existiert hätte, denn dann wäre es so schnell gewesen, dass ich nicht mehr hätte sehen können, dass es sich bewegte. Es musste gerade erst hier hochgekommen sein. Es musste gerade erst am Frankfurter Flughafen gestartet sein und die Wolkendecke durchbrochen haben, um gleich darüber eine horizontalere Position einzunehmen, und jetzt sauste es kurz oberhalb der Wolkendecke davon, in einer Geschwindigkeit, die ich kaum für möglich gehalten hätte. Ich war verwundert. Ich reckte den Hals und starrte hinaus und hinunter in den blauen Raum mit den schwebenden Wolken. Und dort, weiter unten, sah ich noch eins, das ebenfalls mit überirdischer Geschwindigkeit davonsauste. Und wiederum darunter, ein Stück weiter weg, sah ich wahrhaftig noch eins, ein drittes Flugzeug glänzen, das ebenfalls mit dieser unglaublichen Geschwindigkeit davonsauste. Der Raum war jetzt von diesen modernen Vögeln bewohnt, und ich reckte den Hals und betrachtete mit Verwunderung die Szenerie. Die Szenerie war dergestalt, dass ich von seltsamen Vorstellungen erfasst wurde, wie ich dort saß. Ich befand mich nicht mehr nur in einem paradiesischen Zustand, in diesem Roomlag, von dem ich vorhin erzählt habe, sondern, als ich das zweite Flugzeug erblickte, von meinen üblichen Vorstellungsweisen entrückt, die ich hatte, wenn ich das betrachtete, was ich sonst immer betrachtete, und ich entwickelte die ersten jener Vorstellungen, die ich später meine Himmelsvorstellungen genannt habe, und zwar mit offenen Augen. Ich sah über diese Landschaft, wissend, dass sie mit ihren leblosen minus 50 Grad Celsius eine unerträgliche Kälte barg, die auf mich jedoch nicht unfruchtbar wirkte, wie sie mit ihrer überirdischen Schönheit vor mir lag. Für mich war sie der Himmel oder das Paradies. Plötzlich hatte ich die Idee, dass es sich genau so verhielt. Wenn man mal davon absah, dass dieses Paradies nicht bevölkert war. Keine Engel, keine Fabelwesen, keine Prozessionen, hier gab es keine Posaunen, und es gab keinen Thron mit grellem Licht, sodass man geblendet war von dem wundersamsten Anblick, den jemals jemand hatte, und keine materialisierten Seelen, in treue Engel verwandelt, die den Thron umgaben, anbetend und verzückt. Nur dieser schnelle Vogel, der ja kein Vogel war, sondern ein von Menschen erschaffenes Wunder, ein mechanischer und technologischer Triumph, flog durch dieses Paradies, weit oberhalb der irdischen Perspektive, für diese unsichtbar, zusammen mit zwei weiteren ebenso von Menschen erschaffenen Vögeln. Es war die Art der Geschwindigkeit dieses Vogels oder dieser Vögel, die bewirkte, dass ich von meinen ersten Himmelsvorstellungen heimgesucht wurde. Es ist, wie gesagt, mehr als zehn Jahre her, aber seither haben mich diese Vorstellungen begleitet.
Diese leere Wolkenlandschaft wurde von Himmelsvögeln bevölkert. Aus der Perspektive der anderen Vögel kreiste ich hier in einem dieser Vögel. Ich schaute auf die paradiesische Landschaft und fand es selbstverständlich, innerhalb dieses sphärischen Panoramas Engel, Fabelwesen und allegorische Vorstellungen zu erblicken. Die Wolken segelten weiterhin in ihren seltsamen Formationen an mir vorbei, nahezu naturwidrig in ihrer Ausprägung. Alles war in ständiger Bewegung, auch meine Gedanken und Vorstellungen, und auch die Sonne bewegte sich in westliche Richtung und würde alsbald ziemlich tief stehen und ein grelles gleißendes Licht in diesen Himmel schicken, in dem wir uns befanden. Die Vorstellung des Ewigen als ein Ort absoluter Unbeweglichkeit war für mich dahin, obwohl sie damals, als ich noch innerhalb solcher Vorstellungen lebte, als Kind, zu den zentralen Vorstellungen des Himmelreichs gehört hatte, und sie hatte mir viele Probleme bereitet, wenngleich von kindlicher Art. Unter mir und um mich herum schwebten die seltsamen Wolken auf einem blauen Himmelsmeer vorbei. Ich fand es höchst natürlich, den Löwen und das Lamm auf eine ziemlich flache Wolke zu setzen. Auf den kleinen himmlischen Wolken konnte ich mühelos Engel mit Posaunen in den Händen und oft mit herabhängenden Flügeln sehen, was ihnen einen nachdenklichen Ausdruck verlieh, den ich nicht anders als wunderschön bezeichnen kann. Und selbstverständlich gab es hier geflügelte Rosse, Zentauren und Flügelhirsche, die jeder für sich auf einer Wolke standen, mit gespitzten Ohren, als lauschten sie sphärischen Klängen. Aber was machten der Löwe und das Lamm? Sie weideten friedlich nebeneinander, labten sich an dem gleichen weißen schaumartigen Stoff, aus dem paradiesische Wolken gemacht zu sein scheinen. Der Löwe und das Lamm grasten nicht, sondern weideten Seite an Seite, hier in all dem Blau, mit Wolkenschaum an ihren Mäulern, den der Löwe vom Maul des Lamms abschleckte und das Lamm anschließend vom Maul des Löwen, eine Handlung, die sie in regelmäßigen Abständen bis in alle Ewigkeit wiederholen würden. Unter mir schwebten die Engel vorbei, manche saßen allein auf ihrer Wolke, auf anderen Wolken saßen zwei Engel zusammen, jeweils mit einer Posaune in den Händen, während auf wieder anderen Wolken, die größer waren und kleinere Wolken anzogen, oder Wolken, die sich losgerissen hatten und wie Schleier durch den Raum waberten, ganze Engelsscharen versammelt waren. Manche bliesen in ihre Posaunen, andere schlugen mit den Flügeln und rannten über die Wolken, bevor sie sich in den blauen Himmel stürzten, ihre Posaune zum Mund führten und einen himmlischen Ton ausstießen. Einige dieser fliegenden Engel kamen mir ziemlich nah, wie ich dort saß, und wurden von einem kühlen Lüftchen immer höher getragen, viel höher, als mein Blick reichte. Dann plötzlich erblickte ich etwas unter mir. Ich sah das Gesicht eines Engels, der mit seiner Posaune in den Händen auf einer Wolke saß, die Flügel nachdenklich herabgesenkt. Es war mein Vater, und als ich sah, dass es mein Vater war, durchzuckte es mich, und ich hob vorsichtig die Hand, um ihm zu winken, während er allein auf einer Wolke etwas unterhalb von mir davonsegelte. Jetzt war ich ganz gebannt. Es war so seltsam, nach all den Jahren den eigenen Vater wiederzusehen. So friedlich. Ich war erst elf gewesen, als er starb, und hatte nicht damit gerechnet, ihn je wiederzusehen.
Allerdings widerstand ich der Versuchung, ihm zu winken. Ebenso zögerlich, wie ich die Hand gehoben hatte, ließ ich sie wieder sinken. Die himmlische Wiedervereinigung hatte bei den Himmelsvorstellungen, die ich als Kind und angehender Jugendlicher damals hatte, wenn auch sehr vage, keine große Rolle gespielt. Als mein Vater starb, war er tot, und ich würde ihn nie mehr wiedersehen, auch nicht im Jenseits, alles andere entzog sich meiner Vorstellungskraft, obwohl ich damals als Kind, elfjährig, eine vage Vorstellung vom Himmelreich hatte, die mich in den Folgejahren begleitete, bis sie im Alter von sechzehn Jahren fast wie von selbst endete, als ich mich für immer aus den Reihen der Gläubigen verabschiedete. Mein Vater erschien in meinem Bewusstsein daher nie in der Erwartung einer himmlischen Wiedervereinigung. Hingegen erschien er in meinen Träumen. Ja, er erschien in meinen Träumen, Jahr für Jahr, zumindest bis zu meinem dreißigsten Lebensjahr, vielleicht auch länger, ja, ich könnte annähernd vierzig gewesen sein, bevor die Träume von meinem längst verstorbenen Vater ein Ende fanden. Soweit ich mich erinnere, hatten alle diese Träume eine gemeinsame Grundstimmung. Sie hatten auch, immer noch soweit ich mich beim Schreiben dieser Zeilen erinnere, in den allermeisten Fällen eine gemeinsame Eröffnungssequenz. Sie begannen im Hinterhof des Mietshauses, in dem Familie Sørlie wohnte, bei der ich die Nacht verbracht hatte, in der mein Vater im Zentralkrankenhaus von Tønsberg starb. Dorthin war er mit dem Krankenwagen von Sandefjord aus gebracht worden, es war passiert, während ich draußen war, und als ich heimkam, war Frau Sørlie da und sagte, ich solle mit zu ihr kommen. Es war nicht das erste Mal, dass mein Vater ins Krankenhaus eingeliefert wurde, das war in den letzten Jahren zwei- oder dreimal vorgekommen, ich war daran gewöhnt und befürchtete nicht, dass er nicht mehr nach Hause käme, alle Erfahrung deutete darauf hin, dass er wiederkäme. Aber dieses Mal kam er nicht wieder. Im Traum begegne ich meinem Vater, meist überraschend, in einem Verschlag im ehemaligen Stall des Mietshauses, in dem Familie Sørlie wohnte. Er sitzt auf einem Hackklotz, atmet schwer und presst die Hände auf sein Herz. Ich freue mich, denn obwohl ich erkenne, dass er schwerkrank ist, ist er zurückgekommen. Warum, ist im Traum nicht zu erkennen, er ist einfach zurückgekommen, er ist also doch nicht tot, wie ich geglaubt hatte, und das freut mich, obwohl er so krank ist. Er ist schwer wie Blei. Im Traum ist oft derjenige, der träumt, bleischwer, kann die Füße nicht bewegen, sosehr er es auch versucht, der Träumer hat das Gefühl, sich im Traum zu überanstrengen, wenn er versucht, die Füße zu bewegen, um einen Schritt zu machen, schafft es nicht, doch in diesem Traum war mein Vater schwer wie Blei, nicht ich, der Träumer, und er drohte sich zu überanstrengen beim Versuch, sich der Bleischwere zu entledigen, nicht der in seinen Füßen, sondern der in seinem Leben. Ich, der Träumer, kann leichtfüßig davonlaufen, z.B. um Hilfe für meinen kranken Vater zu holen, oder ich helfe ihm aus dem Verschlag, häufig zusammen mit einem anderen, den ich nicht zu identifizieren vermag, hinaus in den Innenhof, wo er in die Sonne blinzelt und etwas sagt; oder der andere, der Unidentifizierte, sagt es für ihn, z.B. dass er sich nicht so gut fühlt, wie er es sich wünscht, jetzt, wo er wieder hier ist. Und ich weiß, dass er uns noch einmal wegsterben wird, und doch freue ich mich, ja, ich bin glücklich darüber, dass er trotz allem hier ist. Wie alt ist derjenige im Traum, zum Zeitpunkt, als ich, sagen wir, vierzig war und das hier träumte? Elf oder vierzig? Das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, jedenfalls nicht jetzt, im Moment des Schreibens, vermutlich auch nicht im Moment des Träumens. Ist der Traum unsagbar traurig? Es ist ein Traum, der einen schrecklichen Verlust zum Ausdruck bringt, aber es ist auch ein Traum, in dem ich unabhängig von meinem Alter renne, meine Beine bewegen sich wie Trommelstöcke, wie man so sagt, auf der Suche nach einer aufbauenden Nachricht, nach einem Arzt, der heilen kann, oder einer Stimme, die sagt: Er wird es schaffen. Im Traum zu hören, dass es die Hoffnung gibt, dass er es dieses Mal schafft, mit seinem schweren Atem, dem bleischweren Atem, dem schwachen, aber bleischweren Herzen und den von der Krankheit geschwollenen, aber vom Traum bleischweren Füßen, ist eine unsagbare Erleichterung. Es ist lange her, dass ich diese Träume hatte, ja, schon an jenem Oktobertag vor etwas mehr als zehn Jahren, als ich in der SAS-Maschine saß, über der Wolkendecke von Frankfurt am Main kreiste und mir vorstellte, ich befände mich im Paradies, während wir auf die Landeerlaubnis an einem der verkehrsreichsten Flughäfen Europas warteten, war es lange her, dass ich sie hatte. Doch ich weiß, dass ich solche Träume hatte, mit wenigen Variationen, in denen ich vor allem in der exakt gleichen Stimmung erwachte, egal ob ich zwölf, siebzehn, fünfundzwanzig, zweiunddreißig oder vierzig war, ja, vielleicht sogar noch älter, ein Mann mittleren Alters. Der Verlust hatte mich nicht losgelassen, er tauchte wieder und wieder im exakt selben Zustand auf, bis ich ein Mann mittleren Alters war. Doch dann hörte dieser Traum von selbst auf. Wann und weshalb, weiß ich nicht. Auch hatte ich mich nicht darüber gewundert, warum dieser Traum aus meinem Leben verschwunden war, ja, ich hatte kaum registriert, dass ich nicht länger von ihm heimgesucht wurde. Doch was ich mit als Erstes tat, als ich in der Wolkendecke über Frankfurt am Main erstmals diese Himmelsvorstellungen hatte, war, in einem dieser Engel, die meinen Himmel bevölkerten und die ich ohne Weiteres in der Anonymität hätte belassen können, die Gestalt meines Vaters zu erblicken, ich hätte mich mit den Himmelsvorstellungen von vorbeischwebenden Engeln und Posaunen auf diesen wundersamen Wolkenformationen unter mir und um mich herum begnügen können. Ich hatte sogar die Hand gehoben, zögerlich, um ihm zu winken, wie ich dort im Flugzeugrumpf saß, mich aber ebenso zögerlich umentschieden und die Hand wieder sinken lassen. Ich wurde nämlich ganz verlegen, nicht verschämt, aber ich wollte meinen inneren Frieden nicht von einer äußeren Geste entlarvt wissen, ich wollte nicht aus einem Flugzeugfenster winken für den Fall, dass es jemand sah, denn ich fand, dass es sich nicht gezieme. Aber vor meinem inneren Auge machte ich den Schritt. Ich fand es an der Zeit, selbst auszusteigen und mich auf einer Wolke nicht weit von jener, auf der mein Vater dahinsegelte, niederzulassen. Ich wage nicht, mich mit Flügeln auszustatten, bin also kein Engel, sondern nach wie vor ein irdischer Mann, aber ich befinde mich jetzt für einen kurzen Augenblick dort draußen in Gestalt des Menschen, der ich bin, einfach nur ich, sonst nichts, ohne weitere Kennzeichen, und ich bin auch nicht so taktlos, dass ich zu schildern wage, wie es sich anfühlt, die Füße auf eine Wolke zu setzen. Ich beschränke mich darauf, meine überirdische Freude zum Ausdruck zu bringen, darüber, dass ich meinen Vater nicht weit weg auf einer Wolke sitzen sehe, in Gedanken versunken, und ich schwebte auf meiner Wolke an ihm vorbei und winkte ihm aus großer Entfernung, und ich sehe, wie er kurz stutzt, als wäre er nicht sicher, was dort auf dieser Wolke vor sich geht oder wer sich darauf befindet, doch dann begreift er es, als ich in ziemlich großer Entfernung an ihm vorbeischwebe, zu groß, als dass wir uns hätten unterhalten können, vielleicht hätten wir schreien können, aber das hier war kein Ort zum Schreien, und er hob die Hand und winkte von seiner Wolke zurück, als wir aneinander vorbeiglitten.
Weiter konnten meine Himmelsvorstellungen nicht gehen. Näher werde ich meinem verstorbenen Vater niemals mehr kommen, wenn ich ihn mir in Gestalt eines Engels denke. Eigentlich bin ich schon zu weit gegangen. Ich habe eine Lücke in meinem Bewusstsein gefunden und sie genutzt oder ausgenutzt, um mir Zugang zur Ewigkeit zu verschaffen, für einen kurzen Augenblick, weil ich meinen Vater auf diese Weise wiedersehen wollte. Ohne ein Wort zu wechseln, ich wollte ihn nur dort auf seiner Wolke sehen und selbst auf einer anderen Wolke in großer Entfernung an ihm vorbeischweben. Ich hätte mich jedoch mit dem ersten und einzigen Anblick vor meinem Fenster zufriedengeben können, während ich dort im Flugzeugrumpf saß. Ich hätte nicht hinausgehen sollen, in die Ewigkeit, nicht einmal in meiner Vorstellung. Ich gebe zu, dass es mir hinterher Angst eingejagt hat, es ist mehr als zehn Jahre her, aber ich wache nachts oft auf, weil ich im Traum dem Tod einen Besuch abgestattet habe, was zweifellos daran liegt, dass ich seinerzeit eine Lücke in meinem Bewusstsein ausnutzen konnte, um einen kurzen Sprung in die Ewigkeit zu wagen. Doch als es geschah, hatte ich keine Alternativvorstellungen. Ich war so ergriffen von meinen eigenen Himmelsvorstellungen, dass ich diese Ergriffenheit mit einem Unschuldszustand verwechselt haben musste, denn alles, was ich mir vorstellte, machte mich überirdisch glücklich. Nicht allein, dass ich meinen Vater in einem Engel mit herabhängenden Flügeln und einer Posaune in den Händen, der auf einer kleinen Wolke tief unter mir saß, erkannt hatte. Es dauerte trotz allem nur eine winzige Sekunde, bevor neue Traumgesichte vor mir auftauchten und ich mich von ihnen in den Bann schlagen ließ, ohne weitere Versuche zu unternehmen, meinen Vater wiederzufinden. Doch ständig tauchten neue Wolkenformationen auf und appellierten an meine Vorstellungskraft. Alles, was ich sah, erschien mir wie ein Kirchenlied. Ich sah die geheimsten Hoffnungen der Menschheit. Ich sah Zeichen der Gnade und deutliche Bilder der Erlösung. Ich sah Engel, die ganze Zeit über sah ich Engel, Scharen von Engeln. Erneut sah ich den Löwen und das Lamm, jetzt in rosa Licht getaucht. Ich sah Fabelwesen. Den Thron und den Himmelswagen, alles, was besungen worden ist, und alles, was zu Bildern verarbeitet worden war, ich sah große allegorische Prozessionen, die sich über die luftigen Federbetten der großen Wolken bewegten, ich erkannte den Wolkenschleier, der sich in Nichts auflöste, und ich erdreistete mich, nach Gottes Thron Ausschau zu halten. Sah ich Gottes Thron? Ja, ich denke schon, ich konnte Gottes Thron und die Scharen, die drum herum versammelt waren, gut erkennen. Doch Gott selbst sah ich nicht, er war für mich nicht anwesend. Ja, ich sah Gottes Thron, obwohl er nicht leicht zu finden war, er stand ein wenig verdeckt in einem Wolkenberg, und ich hätte ihn durchaus für etwas anderes halten können, z.B. für einen Himmelswagen, Glied einer der unzähligen Prozessionen, von denen der Himmel so voll sein soll und die ich oft auf Glasmalereien und Tafeln in Kathedralen uralter europäischer Städte abgebildet gesehen hatte. Ich sah alle gemalten Bilder und alles, was gesagt war, und ich war sehr dankbar für all die Bilder, die ich gesehen hatte, und alles, was ich gelesen hatte und was unvergessen ist, wie ich weiß, obwohl ich ebenfalls weiß, dass ich keine Chance habe, Gott in meinen Himmelsvorstellungen zu entdecken, aus Gründen, die für jedermann offensichtlich sind.3 Ich befand mich in einem Flugzeug, in einer Art himmlischem Vogelkörper, und schaute hinaus. Wie lange kreisten wir schon über der Wolkendecke oberhalb von Frankfurts Flughafen? Ich weiß es nicht, ich hatte längst den Kontakt zur Zeit verloren, wie ich in Gedanken versunken dasaß und hinausschaute. Ich war so absorbiert von meinen Himmelsvorstellungen, dass mir nicht einmal aufgefallen war, dass es dunkel wurde, noch dazu in jenem Raum, der Schauplatz meiner überirdischen Vorstellungen war. Doch auf einmal durchflogen wir die kompakte Wolkendecke und waren kurz darauf auf der anderen Seite und konnten die nackte Erde erblicken. Mit Gebrüll stürzten wir uns durch die Wolkendecke in Richtung der dampfenden Felder, Wälder, Häuschen und des Straßennetzes unter uns. Eine Stimme im Lautsprecher verkündete, dass wir nun zur Landung ansetzten. Unter den Flügeln wurden die Räder ausgefahren, wir flogen ziemlich dicht über den Boden und kamen im diffusen Licht der Dämmerung in eine große Stadt. Ich erblickte einen riesigen blinkenden Betonturm, der links von mir in die Luft ragte, und direkt unter mir befand sich ein großer Park, der aussah, als würde er sich über große Gebiete mitten in der Stadt erstrecken, eine breite Avenue führte durch ihn hindurch, in der alle Straßenlaternen brannten, aber mit einem bemerkenswert gedämpften, ja, schwachen Licht. Mitten auf dieser Avenue befand sich ein offener Platz mit einer angestrahlten vergoldeten Säule. Der Flughafen lag quasi im Zentrum, wie es schien, denn kurz darauf setzten wir mit einem schweren Dröhnen auf, und das Flugzeug drosselte nach und nach das Tempo, bis es schließlich zum Stehen kam. Eine Stimme im Lautsprecher bedauerte den Vorfall, hieß uns aber dennoch in Berlin willkommen. Wir sollten das Flugzeug verlassen und in der Eingangshalle auf weitere Anweisungen warten. In dem Moment begriff ich, dass das Flugzeug aus irgendeinem Grund nicht auf dem Frankfurter Flughafen landen konnte, sondern weiter nach Osten geflogen war, nach Berlin, doch hatte ich, der ich von dem, was ich schon jetzt meine Himmelsvorstellungen nannte, absorbiert gewesen war, nicht mitbekommen, was sicherlich längst bekanntgegeben worden war. In der Eingangshalle warteten wir zwei Stunden, und da der Frankfurter Flughafen weiterhin geschlossen war, bekamen diejenigen von uns, die es wünschten, eine Hotelübernachtung in Berlin angeboten oder eine Weiterreise nach Frankfurt mit dem Zug. Da sich das Ziel meiner Reise, die Teilnahme an einer Literaturveranstaltung auf der internationalen Frankfurter Buchmesse, die heute Abend stattfinden sollte, nicht mehr realisieren ließ, beschloss ich, in Berlin ins Hotel zu gehen. Es war mein erster Besuch in Berlin.
Fußnoten Kapitel 1
Fußnote 1.
»Wie immer bin ich derjenige, der das hier schreibt. Doch wer ist derjenige, der sich in der internationalen Abflughalle des Flughafens Fornebu befindet, um mit einem SAS-Flug nach Frankfurt am Main zu reisen? Ich bin derjenige, der schreibt. Ich, der das hier schreibt, sage, der Mann am Flughafen ist derjenige, der schreibt. Also ich. Mein ›nacktes‹ Ich. Ich denke zurück an mich in Fornebu an einem Oktobertag 1990 und schreibe diesen Text. Das liegt jetzt mehr als zehn Jahre zurück.«
So lautete der ursprüngliche Einstieg ins Buch, der aber nicht zum eigentlichen Einstieg wurde, sondern zum verworfenen Versuch eines Einstiegs, wenngleich dem ersten in einer ganzen Reihe. Was ich damit erreichen wollte, war eine deutliche zeitliche Kluft zwischen mir, dem Schreibenden, und mir, dem Ich im Text. Das schreibende Ich ist nicht identisch mit dem handelnden Ich, obwohl beide Schriftsteller sind und auch Dag Solstad heißen, es ist derselbe Name, der als Autor auf dem Titelblatt dieser Erzählung stehen wird. Dieser Einstieg ermöglichte es mir, Dinge wie diese zu schreiben:
Fußnote 1b.
»Ich war damals wie heute ein gewöhnlicher Reisender, ausgestattet mit der selbstbewussten Achtsamkeit des Reisenden und ohne Bewusstsein dafür, dass eine Reihe ereignisreicher Jahre vor mir lagen, was dem jetzt schreibenden Ich hingegen vollkommen bewusst ist. Zu diesen Jahren gehören beispielsweise eine Reihe bemerkenswerter Ereignisse im privaten Bereich, aber auch die Tatsache, dass ich in der vor mir liegenden Zeit, von jenem Zeitpunkt an, als ich in Fornebu stand, bis zu dem Augenblick, in dem das hier geschrieben wird, vier neue Romane schreiben sollte, die noch nicht ausgebrütet waren, nicht einmal als vage Idee, ja nicht einmal als Ahnung, sie befanden sich damals völlig außerhalb meiner Vorstellungskraft, sie waren nicht einmal zu denken, wohingegen sie jetzt geschrieben sind und ein wichtiger Teil meiner Identität. Wenn ich damals Vorstellungen von meiner Zukunft hatte, waren sie wohl eher darauf gerichtet, dass ich in ein paar Jahren meinen fünfzigsten Geburtstag feiern sollte und was das für mein Leben bedeuten würde. Jetzt ist derjenige, der schreibt, sechzig.«
Oder er ermöglichte mir, Dinge wie diese zu schreiben: »Derjenige, der das hier schreibt, weiß, dass ich vor mehr als zehn Jahren mit diesem Flugzeug geflogen bin, und ich weiß im Moment des Schreibens, wie die Reise verlief. Doch derjenige, der vor der Departure-Anzeigetafel des längst stillgelegten Flughafens Fornebu steht und nichts weniger ist als ›ich‹, ist auf seiner Reise noch nicht weitergekommen als bis zu dieser Tafel, vor der er steht, um die Flugnummer, das Gate und die Boardingzeit herauszusuchen, und er hat viel Zeit vor sich, die noch nicht gefüllt ist und über die er noch nichts weiß, obgleich wir beide ›ich‹ sind, das schreibende Ich wie auch das Ich, über das ich schreibe. Wir sind beide ich und nennen uns ich und können jedes Mal, wenn einer von uns etwas denkt, ›dachte ich‹ oder ›sagte ich‹ oder ›fragte ich mich‹ sagen, und doch trennen uns gut zehn Jahre, und ich, der das hier schreibt, weiß viel mehr über ihn, der beschrieben wird, als er selbst, und auch viel mehr über ihn als über mich selbst und meine Zukunft, über die ich gar nichts weiß, weil sie vor mir liegt und nicht geschaut werden kann, und doch sind wir beide, sowohl ich mit einer Zukunft, die ich mir nicht vorstellen kann, als auch er, über den ich schreibe, ausgestattet mit dem Wort ›ich‹, dem einzigen existierenden Wort, das ausschließlich mir vorbehalten ist. Das Wort ist Ur. Die verrinnende Zeit.«
Wie man sieht, habe ich versucht, einen Einstieg hinzubekommen, der die Auflösung der Identität in der Begegnung mit der Zeit einbezieht. Es ist also eine Art düsteres Spiel, mit dem ich meinen neuen Roman ursprünglich beginnen wollte. Dass es sich eindeutig um meine eigene Identität gehandelt hat, hat mich vermutlich ebenfalls angespornt. »Wie immer bin ich derjenige, der das hier schreibt.« Wie immer war ich derjenige, der das hier schrieb: »Zu Beginn dieser Geschichte ist Bjørn Hansen gerade fünfzig geworden und steht am Bahnhof von Kongsberg«, wie es zu Beginn von Elfter Roman, achtzehntes Buch heißt, dem nächsten Buch, das der Ich-Erzähler aus der Eröffnungsszene dieser Geschichte schreiben wird und von dem er noch nichts ahnt, das jedoch von mir geschrieben wurde, so wie stets ich derjenige bin, der das hier schreibt, und darauf verweise ich mit dem zunehmenden Verdacht, dass dieses »Ich« kein Ich ist, sondern etwas anderes, etwas, das sich auflöst, wenn man anfängt, es näher zu untersuchen, z.B. in einer Art Spiel mit Wort und Zeit, doch auch in dieser Auflösung bin immer ich derjenige, der das hier schreibt. Das scheint mich sehr zu beschäftigen, da ich darauf poche, meinen neuen Roman mit diesem Spiel zu beginnen, während ich nun also fliegen will.
Dennoch habe ich diesen Beginn verworfen. Warum habe ich ihn verworfen? Es war ein langer Prozess, der erst endgültig abgeschlossen war, als ich mich beiseitenahm und mich eindringlich mit Du ansprach, um etwas Distanz in die Sache zu bringen. Jetzt schreibst Du schon, sagte ich zu mir selbst, seit mehr als fünfunddreißig Jahren Bücher, warum hast Du das hier nicht zu einem früheren Zeitpunkt aufgegriffen? Dafür hättest Du jahrelang Zeit gehabt und auch die Gelegenheit, es zu machen, aber das hast Du nicht getan. Du magst sagen, es ist ein Versäumnis, und es bedauern, aber das nützt mir nichts. Ich will jetzt fliegen und mich nicht mit Deinen Versäumnissen in einem Zeitraum von fünfunddreißig Jahren gelebten Lebens beschäftigen. Es ist jetzt zu spät, um mit einem »Wie immer bin ich derjenige, der das hier schreibt« anzukommen. Die Zeit ist Dir davongelaufen. Dass man begreift, in welcher Phase des eigenen Lebens man sich befindet, ist unabdingbare Voraussetzung für das beanspruchte Privileg, sich in fiktiver Form an die Öffentlichkeit zu wenden. Ich befinde mich in einer Phase, in der es zu spät ist, um dieses düstere Spiel mit Wort und Zeit mit mir selbst als Objekt oder Opfer anzustellen. Mich beschäftigt die Zeit, aber nicht in dieser aufgelösten Form. Meine Auflösung ist eine andere, ihr muss ich mich zuwenden. Dass mich dieses Spiel noch immer fasziniert, muss man als etwas Bedauernswertes hinnehmen, das keinerlei Legitimität verleiht, es in einen Romananfang zu pressen, wenn ich gerade fliegen will.
Darum verwarf ich diesen Einstieg. Hoffentlich war es der glückliche Ausgang eines schwierigen Prozesses. Endlich davon befreit, kam mir jedoch eine Idee. Wie wäre es, wenn ich diesen Roman mit Fußnoten ausstatten würde? Dann könnte ich derlei Betrachtungen mit einbeziehen, die ich dem Leser soeben präsentiert habe. Gesagt, getan. Ich beschloss, diesen Roman mit Fußnoten auszustatten, wo immer es mir in den Sinn kommen sollte.
Fußnote 2.
Ursprünglich hatte ich hier einen langen Vortrag stehen, in dem ich mich an diesem Oktobertag vor mehr als zehn Jahren von außen schildere. Unter anderem meine Kleidung, und ich hielt mich besonders lange bei der Frage auf, ob ich einen Anzug trug oder nicht, und wenn ja, welchen Anzug: »Trug ich einen Anzug? Ich nehme es an, da ich nur Handgepäck dabeihatte, weshalb ich den Anzug am Leib trug, damit er nicht im Koffer zerknittert wurde. Und ich wäre kaum ohne Anzug verreist, da ich an einer Literaturveranstaltung in Frankfurt teilnehmen wollte. Daher hatte ich ihn sicherlich an. Ich besaß damals zwei Anzüge, einen beigefarbenen Anzug von Pierre Cardin und einen koksgrauen von Dior, beide in der Ciudad de Mexico erstanden, den ersten 1983, den zweiten in derselben Stadt 1986. Der Pierre-Cardin-Anzug dürfte ein wenig in die Jahre gekommen sein, etwas abgetragen und ganz sicher unmodern hinsichtlich Schnitt und dergleichen, aber das störte mich vermutlich kaum, weshalb ich ihn gut und gern getragen haben könnte, falls er keine Flecken hatte. Ja, ich glaube schon, dass ich ihn dem Dior-Anzug vorgezogen hatte, denn der Dior-Anzug hatte einen Makel. Er war zu eng, ich hatte ihn leider zu eng gekauft. Das hatte zur Folge, dass er nicht sehr angenehm zu tragen war, und außerdem war er an den Armen zu kurz, sodass die weißen Hemdsärmel mehr zu sehen waren, als es sich schickte. Ich könnte ihn trotzdem getragen haben, denn ich trug ihn oft bei großen Anlässen, wie die Mitwirkung an einer Literaturveranstaltung auf der Frankfurter Buchmesse einer war. Aber ich glaube, ich hatte den Pierre-Cardin-Anzug dabei, so groß war die Veranstaltung nun auch wieder nicht.« Kurz zuvor hatte ich mich übrigens gefragt, ob ich einen Mantel trug, und angenommen, dass ich einen Frühlingsmantel übergezogen hatte, obwohl auch dieser nicht ohne Fehler war, die Gürtelschlaufe war abgerissen und nicht mehr angenäht worden. Desgleichen die Schuhe, es waren ziemlich ungeputzte schwarze Schuhe, hinten plattgetreten. Kurzum, ich konfrontiere die Leser mit einem reichlich schäbig aussehenden Mann. Mit teuren, aber abgetragenen und ziemlich unordentlichen Kleidern am Leib. Und ich selbst schildere mich vor zehn Jahren. Ich schreibe also über mich und wie ich vor zehn Jahren aussah. Ich, der ich bisher nie Wert darauf gelegt habe, die Kleider und das Aussehen meiner Romanfiguren zu beschreiben. Warum sollte ich es jetzt tun? Das habe ich zu beantworten versucht, wie ich sehe: »Warum ich dies jetzt tue, erschließt sich mir nicht ganz, vielleicht weil es eine besondere Begebenheit ist, dass ich in einem Roman mitwirken soll, als Hauptfigur, ich kann nicht sagen, dass ich davon geträumt habe oder mich besonders darüber freue. Aber es muss sein, es lässt sich nicht vermeiden.« Dann geschah jedoch Folgendes: Je mehr ich mich damit amüsierte, mich an diese alten Klamotten zu erinnern, und ich die Hauptfigur des Romans, also mich, darin kleidete, umso größer wurde mein Unbehagen. Dass ich mich, denselben und doch nicht denselben, von außen so detailliert beschrieb, fühlte sich mit der Zeit literarisch unerträglich an. Es wurde auch nicht besser, als ich dazu überging, Gegenstände zu beschreiben, die ich bei mir oder an mir trug, indem ich beispielsweise fragte, ob ich etwas am Handgelenk hatte, und darauf antwortete, ich trüge »eine billige Armbanduhr« am Handgelenk, um anschließend zu erzählen, dass ich eine unvorteilhafte Brille auf der Nase hatte, »eine sogenannte Hornbrille«, bevor ich mich zuletzt daran erinnerte, dass ich auch damals schon einen Bart trug. Doch jetzt reichte es mir. Jetzt war mein Unbehagen so angewachsen, dass mich allein der Gedanke daran, dass ich damals im Gegensatz zu heute einen Bart trug und ich mich wieder mit einem Bart ausstatten müsste, einem Bart, den ich mir bekanntlich irgendwann im Jahr 1991 abrasiert hatte und nie mehr wachsen ließ, mit einem Gefühl von Übelkeit erfüllte, weshalb ich mich weigerte fortzufahren, und ich löschte die Seiten, die ich bereits verfasst hatte. Es war mir schlicht und einfach unerträglich, so zu schreiben.
Fußnote 3.
Andere können das ganz anders sehen. Völlig andere Vorstellungen haben, obwohl wir uns auf dieselben Choräle und Bilder berufen. Für die Schwester meines Vaters, Tante Elise, waren die Straßen im Himmel aus Gold. Der Himmel war in meinem Elternhaus ein Gesprächsthema, z.B. sonntags beim Essen. Ich weiß noch, dass Tante Elise sagte, im Himmel seien die Straßen aus Gold. Tante Elise war halbblind, sie nahm die Umgebung nur als vage Schatten wahr, das war seit ihrer Kindheit so. Sie arbeitete nicht, blieb ein Leben lang zu Hause, zunächst bei ihren Eltern, später wohnte sie bei ihrem jüngeren unverheirateten Bruder. Sie kam im Alltag gut zurecht, bei der Hausarbeit, beim Kochen etc., mit fest einstudierten Routinen, aber sie war halbblind und konnte nichts sehen. Ich weiß noch, dass sie sagte, im Himmel seien die Straßen aus Gold. Bei einem Sonntagsessen, ich war ein kleiner Junge von sechs oder sieben Jahren und hörte, wie Tante Elise verkündete, im Himmel seien die Straßen aus purem Gold. Das klang toll, und sie wirkte stolz dabei, aber mein Vater widersprach ihr. Mit welcher Begründung er ihr widersprach, weiß ich nicht mehr, oder ich habe nicht darauf geachtet, aber er widersprach ihr, und Tante Elise war gekränkt. Sehr gekränkt, so gekränkt, dass ich mich heute noch, mehr als fünfzig Jahre später, daran erinnere. Rechthaberisch und zutiefst verletzt wiederholte sie, im Himmel seien die Straßen aus Gold. Es entspann sich eine Diskussion, an die ich keine Erinnerung mehr habe und an der ich selbst natürlich nicht beteiligt war. Vielleicht saß ich nicht einmal mit am Tisch, sondern darunter, wo ich so tat, als sei ich ein kleiner Hund, das machte ich gern, wenn es zum Essen Koteletts gab, und das war sonntags oft der Fall, dann saß ich unter dem Tisch und nagte an einem Knochen und tat so, als wäre ich ein kleiner Hund, doch sollte ich heute das Wort ergreifen, dann um Tante Elise beizuspringen. Die Straßen im Himmel sind aus purem Gold. Vieles spricht dafür, dass Tante Elise sich mehr mit dem Himmelreich und dem ewigen Leben beschäftigt hat als andere. Denn dort würde sie etwas sehen können. Hier war sie halbblind, dort würde sie sehen können. Es gibt viele Erzählungen, wonach die Straßen im Himmel aus Gold seien, sie kann in unautorisierten Kirchenliedern davon gehört haben oder in den euphorischen Predigten der Prediger über die himmlische Pracht, und sie hat die Worte in sich aufgesogen. Vor ihrem inneren Auge konnte sie den Himmel sehen. Die Straßen dort oben seien aus Gold, wusste sie zu berichten, und sie konnte nicht verstehen, wie ihr jemand in diesem Punkt widersprechen konnte.
Glaubte sie auch, sie würde dort oben mit ihrem Geliebten wiedervereint? Das kann gut sein, obwohl ich kaum glauben kann, dass von denen, die an diesem Sonntagnachmittag am Esstisch saßen und meine Familie ausmachten, jemand sein Leben unter dieser Prämisse lebte. Ich kann nämlich bei mir selbst nicht den Hauch einer solchen Vorstellung finden, und hätten sie unter dieser Prämisse gelebt, wären gewiss Fragmente davon in mich als kleines Kind eingesickert und hätten sich festgesetzt. Tante Elise war es, die am Tag, als mein Vater zum letzten Mal ins Krankenhaus von Tønsberg eingeliefert wurde, bei ihm war. Meine Mutter war bei der Arbeit gewesen, als Verkäuferin in Tønsberg, und Tante Elise war gekommen, als es meinem Vater nicht gutging. An diesem Tag fand sie, ihrem Bruder gehe es so schlecht wie nie zuvor, weshalb sie nach einem Arzt schickte, der dann einen Krankenwagen rief. Ich war nicht zu Hause, ich war nach draußen gegangen, als ich die sorgenvolle Stimmung bemerkte, und erst zurückgekommen, nachdem der Krankenwagen weggefahren war. Aber ich frage mich, ob sie sich von ihrem Bruder verabschiedet hat, der in einem Dämmerschlaf lag und kaum hören konnte, was sie sagte, sodass sie nicht befürchten musste, ihn zu ängstigen, wenn er begriff, dass sie in der Nacht mit seinem Tod rechnete, weshalb sie zum Abschied, als Trost und zur eigenen Beruhigung, gesagt haben könnte: Wir sehen uns im Himmel. Sagte sie das? Das kann ich schwerlich glauben, zumindest dass sie es laut sagte, sodass der Arzt und die Sanitäter und Frau Sørlie es hören konnten, denn das hätte bedeutet, dass sie etwas offen aussprach, was ich mir schwerlich vorstellen kann, wenn es jedoch so war, dass sie ihr Lebwohl zum Abschied laut und vernehmlich aussprach, glaubte sie dann selbst daran, im wörtlichen Sinne des Ausspruchs? Das bezweifle ich, ich kann nicht anders, ich kann unmöglich nicht daran zweifeln, dass sie selbst an das Gesagte geglaubt haben könnte. Denn wenn sie daran glaubte, sodass sie es laut und vernehmlich sagen konnte und nicht nur insgeheim flüstern, dann wäre das Leben ein anderes und auch die Gesellschaft wäre völlig anders organisiert, was wir uns schwerlich vorstellen können.
Kapitel 2
Dennoch sollten viele Jahre vergehen, ehe ich wieder nach Berlin kam. Es geschah erst im Jahr 2000. Berlin liegt inmitten einer riesigen Ebene. Wobei es von einem übergeordneten Blickwinkel aus gesehen nicht mitten in dieser Ebene liegt, sondern fast ganz im Westen des riesigen mitteleuropäischen Tieflands, das sich von der Nordsee und Hamburg im Westen bis zum Ural im Osten erstreckt. Doch von einem begrenzten Blickwinkel aus gesehen, von Berlin selbst oder auf dem Weg dahin mit Auto, Zug oder Flugzeug, liegt es mitten in einer Ebene. Nur selten wird dieser begrenzte Horizont bei den Einwohnern Berlins gebrochen, man denkt dann, wenn man von Berlin aus weiter nach Osten führe, könne man stundenlang in Kolonnen über endlose Ebenen nach Moskau und weiter bis zum Ural und nach Asien fahren. Fürst Otto von Bismarck dachte so und nannte die brandenburgische Landschaft östlich von Berlin sogar Sibirische Mark, beließ es aber bei diesem Gedanken. Ein anderer, zwar nicht Berliner, jedoch Herrscher in Berlin, beließ es nicht bei diesem Gedanken, und das Ergebnis seiner Gedanken kann man noch heute in Form zerbombter Mahnmäler in Berlin betrachten.
Man könnte Berlin, so wie es daliegt, auf drei verschiedene Arten beschreiben. Die erste und modernste wäre die, den Berliner Ring zum Ausgangspunkt zu nehmen. Der Berliner Ring ist eine sechsspurige Autobahn, die Großberlin umschließt und insgesamt 200 Kilometer lang ist. Das heißt, begibt man sich vom innerstädtischen Berlin zum Berliner Ring, zum Beispiel zum Dreieck Schwanebeck oder zum Schönefelder Kreuz, kann man ganze 200 Kilometer am Stück mit Minimum 140 Stundenkilometern in ein und dieselbe Richtung fahren, ohne jemals rechts oder links abbiegen zu müssen, ehe man wieder am Ausgangspunkt ankommt. Das dauert etwa anderthalb Stunden und ist ein interessanter Sonntagsausflug. Ja, ich bin der Überzeugung, dass sich weitaus mehr Berliner als gemeinhin angenommen für diese Art des Sonntagsausflugs entscheiden, und ich bin selbst versucht, meine Sonntage so zu verbringen. Es kommt sogar vor, dass ich in Berlin sitze und mich nach dem Berliner Ring und dem Wind durch das offene Wagenfenster sehne, genau danach sehne ich mich. Auf dem Berliner Ring im Kreis zu fahren, anderthalb Stunden und noch einmal anderthalb Stunden, und der geheimen Bruderschaft der Autobahnfahrer anzugehören. Der Berliner Ring wurde aber natürlich nicht gebaut, um die Sehnsucht nach solcherlei Vergnügungen zu stillen, sondern als nützliche Konstruktion, die für ein vernünftiges Verkehrssystem in einer modernen Metropole sorgt, in der bislang vier bis fünf Millionen Menschen leben, und der Ausdehnung dieser Metropole zugleich Grenzen setzt, das heißt, der Berliner Ring ist die neue Stadtmauer Berlins.
Sowohl in ihrer Eigenschaft als Stadtmauer wie auch als vernünftiges Verkehrssystem sind daher die Lücken oder Öffnungen dieser sechsspurigen, kreisförmigen Konstruktion so wichtig. Sie führen hinein in die vom Berliner Ring beschützte Metropole. Diese Öffnungen heißen entweder Kreuz oder Dreieck. Es sind die neuen Sammelbezeichnungen für moderne Stadttore, früher hießen sie Tor, heute heißen sie Kreuz oder Dreieck und ersetzen die Bilder früherer Zeiten, fantasievolle und gefürchtete Bilder auf dem Stadttor, durch einen sprachlichen Ausdruck von vergleichbarem Klang. Man könnte auch sagen, Kreuz und Dreieck bedeutet beides Kreuz, der Unterschied zwischen den Begriffen zeigt nur an, um was für ein Kreuz es sich genau handelt, Kreuz bedeutet, dass sich dort zwei Straßen treffen, Dreieck, dass drei Straßen ein Dreieck bilden. Aber hinter diesen einfältigen, für das Verkehrssystem jedoch völlig akzeptablen Begriffen stehen folglich die für Stadttore charakteristischen Bezeichnungen Kreuz und Dreieck. Von diesen Kreuzen oder Dreiecken geht es dann hinein nach Berlin, je nachdem, von wo wir kommen.
Kommt man aus der zentraleuropäischen Stadt Prag und hat die nordböhmischen Berge, die auf der deutschen Seite Sächsische Schweiz heißen, bezwungen, fährt hinunter zur eleganten sächsischen Hauptstadt Dresden mit ihren reichen Kunstschätzen und dann in der eintönigen Ebene weiter nach Norden, wird man am Schönefelder Kreuz auf den Berliner Ring stoßen. Bei normaler Geschwindigkeit und normalen Bedingungen hat man dann von Prag aus drei Stunden gebraucht. Doch vom Berliner Ring aus, von dessen Tor, dem Schönefelder Kreuz, fährt man noch mindestens eine Dreiviertelstunde bis zu den weitläufigen inneren Stadtteilen. Man befindet sich aber schon in Berlin, für den Fahrer besteht daran kein Zweifel, und von diesem Tor, vielmehr Kreuz aus fährt man im Übrigen auf der Autobahn, von der man kam, ein gutes Stück weiter über den internationalen Flughafen Schönefeld hinaus, wo die Autobahn abrupt endet und man sich plötzlich auf einer anderen Straße befindet. Zwar breit, aber mit Ampeln und kreuzendem Verkehr etwa alle dreihundert Meter. Und es folgen viele Dreihundertmeterstopps durch eine eintönige Landschaft, eine Mischung aus Stadt und Land, der Reisende kann sich nicht entscheiden, was genau es ist. Doch mit der Zeit werden daraus Häuserreihen und Wohnblocks, man ist aber noch lange nicht in Berlin-Berlin, sondern im Gegenteil in Berlin-Grünau, Berlin-Adlershof, Berlin-Niederschöneweide, bis man eine Waldgegend erreicht, den Treptower Park, hier wirkt alles ländlich, äußerst ländlich, mit Leuten, die offensichtlich eine Spritztour machen, einen Ausflug mit dem Auto, und am Ende dieses Parks ist man tatsächlich mitten in Berlin und kann sich nunmehr dorthin bewegen, wo man sich einquartieren will.
Kommt man aus dem katholischen München oder dem deutschen Finanzzentrum Frankfurt am Main in Hessen oder aus Leipzig, der Stadt, in der Faust zu Hause war, stößt man am Dreieck Potsdam auf den Berliner Ring. Man fährt jedoch nicht durch das Tor, sondern folgt weiterhin dem Berliner Ring bis zum Dreieck Drewitz, und von dort fährt man auf der Autobahn nach Berlin hinein, bis man das Zentrum erreicht. Man hat dann Ausfahrten zu verlockenden Orten wie Potsdam oder Wannsee passiert und ist durch den Forst Grunewald gefahren, bevor man Ausschau nach der Ausfahrt halten muss, die den Reisenden zu seinem Quartier bringt.
Kommt man aus der Hafenstadt Hamburg an der Elbe, gibt es zwei Tore, die man passieren kann, um nach Berlin hineinzugelangen. Das erste heißt Dreieck Oranienburg, und nimmt man diese Straße, hat man an dem ein oder anderen Punkt für einen winzigen Augenblick das Gefühl, sich auf einer Anhöhe zu befinden, weil man auf einmal in der Ferne die Silhouette des Berliner Zentrums auftauchen sieht, bevor man in einen Tunnel fährt, allerdings ist die Silhouette verschwunden, wenn man auf der anderen Seite wieder ans Licht kommt, und man sieht sich einer ziemlich gleichgültig wirkenden Vorstadtlandschaft ausgesetzt, es dauert dann zwanzig Minuten, bevor man erneut begreift, dass man sich jetzt im innerstädtischen Bereich Berlins befindet. In der Zwischenzeit hat man u.a. ein Schild mit der Ausfahrt zum Flughafen Tegel gesehen. Das zweite Tor nach Berlin, aus Hamburg kommend, ist das Dreieck Pankow. Dort fährt man durch Wälder, unterbrochen von Industriegebieten, bevor man plötzlich die Endstation einer Straßenbahnlinie erreicht, und man fährt hinter der Straßenbahn her, bis man merkt, dass man im Innern von Berlin angelangt ist, das merkt man daran, dass man irgendwann den Fernsehturm am Alexanderplatz direkt vor sich hat. Der Reisende muss sich alsdann zu dem Quartier begeben, in dem er sein Kommen angekündigt hat.
Doch das merkwürdigste Tor, durch das man kommen kann, das zur seltsamsten und langweiligsten Ankunft im Berliner Innenstadtbereich führt, ist das Dreieck Schwanebeck. Zu diesem Tor am Berliner Ring gelangt man als Reisender aus dem Norden, wenn man in Stralsund an Land geht. Das Dreieck führt allerdings nicht direkt nach Berlin hinein, sondern lässt einem die Wahl, auf der modernen Stadtmauer weiterzufahren, entweder in westliche oder östliche Richtung, bis bald darauf ein gut gekennzeichnetes, aber diskretes Schlupfloch in der Mauer auftaucht, das man nutzen kann, um nach Berlin hineinzufahren. Ich beschließe, den Einzug nach Berlin durch das östliche Schlupfloch des Dreiecks Schwanebeck zu beschreiben, das die Bezeichnung Berlin-Hohenschönhausen trägt. Man befindet sich nun auf einer Landstraße, umgeben von Feldern und Höfen. Nachdem man seit Stralsund (oder Saßnitz) auf der Autobahn gefahren ist, gestaltet sich der Übergang zur Einfahrt nach Berlin nahezu idyllisch, man denkt: Ich bin auf dem Weg nach Berlin, zu Deutschlands legendärer Hauptstadt, und kurbele gleichzeitig das Wagenfenster herunter, um den Gestank der gedüngten Felder hereinzulassen und den Geruch von Hühnerkacke und schmutzigen Federn sowie das Geräusch gackernder Hühner aus den kleinen Bauernhäusern am Straßenrand. Ah, Berliner Luft, Berliner Luft. Vor einer herabgesenkten Bahnschranke muss man halten. Der Zug nähert sich durch die Wiese. Die Schranke geht hoch, und man fährt weiter. Dann tauchen gewaltige Häusermassen auf, Wohnblocks über Wohnblocks, so weit das Auge reicht, und plötzlich befindet man sich auf einer breiten Chaussee mit Autos, die in alle Richtungen fahren, und Straßenkreuzungen, die in alle Richtungen führen, zu vergleichbaren Chausseen. Man muss sich entscheiden. Nimmt man die Märkische Allee oder die Ahrensfelder Chaussee? Die Hohenschönhauser Straße oder die Dorfstraße? Die Falkenberger Chaussee oder die Wartenberger Straße? Soll man dem Schild nach Marzahn folgen oder nach Weißensee? Hat man sich nicht schon verfahren? Inmitten des Großstadtverkehrs und der riesigen Häuserblocks fragt man sich, wo es nach Berlin geht. Man ist in Berlin, das hier ist Berlin, dennoch hat man sich auf der Suche nach Berlin verfahren. Endlose Gegenden. Endlose fremde Chausseen und endlose unbekannte Alleen. Man folgt einer der Chausseen in eine Richtung, begreift oder denkt vielmehr, dass man sich verfahren hat, kehrt an einer riesigen Kreuzung zwischen zwei ebenso endlosen Chausseen um und fährt den Weg zurück, den man gekommen ist, nur auf der Gegenfahrbahn. Die Hochhäuser sind nicht unschön, aber sie sind endlos. Schließlich erblickt man vielleicht ein Schild, auf dem Lichtenberg steht, und erinnert sich, dass Lichtenberg ein Bahnhof in Berlin ist, an dem früher der Zug aus Kopenhagen ankam, und fährt in diese Richtung. Man befindet sich in Lichtenberg. Berlin-Lichtenberg, und doch noch weit vom innersten Berlin entfernt, auch wenn man plötzlich einen Blick auf den Fernsehturm am Alexanderplatz erhascht. Aber man ist auf dem Weg, und endlich gelangt man in Gegenden, in denen die prächtigen Gebäude von Deutschlands Hauptstadt stehen, und findet das eigene Übernachtungsquartier.
Egal durch welches Tor man nach Berlin kommt, gestaltet sich das Eindringen in die Stadt eher langsam. Die Stadt hat nicht ein Zentrum, sondern mehrere, die sich wiederum sehr voneinander unterscheiden, und doch liegen alle Zentren im innerstädtischen Bereich, in den man über ein weitverzweigtes Straßensystem vordringt. Drinnen angekommen, ist man leicht verwirrt, nicht weil die Stadt so fremd wirkt, sie wirkt vielmehr vertraut, sondern weil sie auf den ersten Blick ein blasser Abglanz anderer Großstädte zu sein scheint. Vielleicht wird man, wenn man nach seinem Viertel sucht, bekannte Wahrzeichen wie die zwei Fernsehtürme, die Siegessäule, den Tiergarten, die Ruinen der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, den Potsdamer Platz, Unter den Linden, das Brandenburger Tor erkennen, aber das heißt noch lange nicht, dass man denkt: Jetzt, jetzt bin ich in Berlin, man nimmt diese Wahrzeichen mehr als Kulissen wahr, über die man liest, als wirkliche Kennzeichen Berlins, die man nun mit eigenen Augen sieht. Das Brandenburger Tor zu sehen vermittelt einem kein Berlin-Gefühl, auch nicht über Unter den Linden zu spazieren oder quer durch den Tiergarten zu fahren und um die vergoldete Siegessäule herum. Nach Berlin zu kommen vermittelt einem nicht das starke Gefühl, nach Berlin gekommen zu sein, so wie es sich verhält, wenn man nach London, Paris oder Rom kommt. Es dauert, bis man Berlin kennt oder erkennt. Selbst am Tag nach der Ankunft erkennt man Berlin nicht. Man befindet sich nach wie vor in einer verblassten Großstadt, deren Namen man auf der Zunge hat, den man aber nicht rauskriegt. Man sieht alle Baukräne, von denen man gelesen hat, und denkt, hier in Berlin vollzieht sich eine rasante Entwicklung, der reinste Bauboom, und es dauert etwa ein halbes Jahr, bis man begreift, dass das gar nicht stimmt. Die Baukräne, die einem das Gefühl gegeben haben, sich in einer chaotischen, rastlosen, expandierenden Metropole zu befinden, haben, seit man hier ist, nicht ein Kilo Zement angehoben. Es ist Berlin, aber es kommt nicht zum Ausdruck. Berlin vermisst sein Schloss, das große Paradeschloss, das Machtsymbol der Hohenzollern. Das Lustschloss Charlottenburg kann es nicht ersetzen. Es ist und bleibt ein Land- und Lustschloss, gut genug für seine Zwecke, aber nicht, um die massive Macht der Herrscher auszudrücken. Berlin fehlt sein Schloss. Dieses wurde 1945 halb zerbombt und danach abgerissen und wich dem Palast der Republik des DDR-Regimes, der nun seinerseits gehäutet wurde, das heißt, die Fassadenverkleidung wurde entfernt, und der nun in kränklich bronzegrünviolettem Zustand dasteht. Man will den erniedrigten Palast der Republik abreißen und das Schloss wiederaufbauen. Zu spät, zu spät. Es wird nie etwas anderes als ein Pappschloss sein, wie viele Steine man auch zu spendieren bereit ist. Also: Die Beschreibung Berlins vom Berliner Ring aus oder die Ankunft in Berlin über eins der vielen Tore, Kreuze oder Dreiecke endet in meinem Fall mit einem Bedauern oder zumindest mit der Feststellung, Berlin fehle sein Schloss.
Aber Berlin lässt sich auch auf andere Weise beschreiben als vom Berliner Ring aus. Man kann von der Stadt selbst ausgehen, ihren historischen und geografischen Gegebenheiten. Der Stadt, die ursprünglich auf einer Spree-Insel lag, mit einem Fischerdorf am Südufer der Spree zusammenwuchs und zur Residenzstadt für den Markgrafen von Brandenburg wurde. Später, ab etwa Mitte des 15. Jahrhunderts, für einen der sieben Kurfürsten, die den Römisch-Deutschen Kaiser wählten, aber doch bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges Mitte des 17. Jahrhunderts für einen Fürsten im Schatten des Herzogs zu Mecklenburg in Schwerin, für den polnischen König, das Schwedische Reich, den Deutschen Orden, die Hansestädte, den sächsischen Fürsten und die Gottorfer Herzöge. Berlin, die Stadt in der riesigen Mark Brandenburg. Die innerhalb von hundert Jahren zur Hauptstadt einer Großmacht wird, Nordeuropas mächtigstem deutschen Staat, Preußen, der nichts mit Berlin und Brandenburg, sondern mit Königsberg und Polen zu tun hat. Der Kurfürst von Brandenburg ließ sich 1701 zum König in Preußen ausrufen, um einen Königstitel zu erhalten, der ihn auf eine Ebene mit Königen und Kaisern stellte und nicht nur mit den sieben Kurfürsten. Preußen war eine brandenburgische Eroberung, weshalb man darin König werden konnte und somit Souverän und nicht vor allem kaiserlicher Lehnsherr. Die Stadt in der Ebene. Wir sehen sie jetzt vor uns. Unter Friedrich dem Großen. Umgeben von Stadtmauern mit ihren bewachten Toren, die aus der Stadt hinausführten in zentrale Regionen, nach denen die Tore benannt sind: Hallesches Tor, Schlesisches Tor, Kottbusser Tor, Frankfurter Tor (Frankfurt an der Oder), Prenzlauer Tor, Oranienburger Tor, Brandenburger Tor. Drinnen in der dichtbesiedelten Stadt: Palais und Kirchen. Marktplätze und Straßen. Exerzierplätze und auch eine breite Straße für Truppenparaden. Das Schloss: die Residenz der Hohenzollern. Die Oper. Die St.-Hedwigs-Kathedrale. Die Hugenottenkirche. Die Nikolaikirche. Die Marienkirche. Der Gendarmenmarkt. Der Holzmarkt. Der Spittelmarkt. Das Prinz-Heinrich-Palais. Die Rokokostadt des aufgeklärten Monarchen. Dann kam die industrielle Revolution, und die Stadt sprengte die Mauern, veränderte ihren Charakter und wurde zur Industriemetropole Berlin mit großen, Rauch speienden Stahlwerken, mit einem resoluten Proletariat, und zugleich zur Reichshauptstadt. Es folgten die Monumente, sowohl in Form von Gebäuden als auch Reiterstandbildern und Siegessäulen. Berlin anno 1900 ist nicht unähnlich dem Berlin, das wir heute sehen, man kann sich zurechtfinden, was fast schon an ein Wunder grenzt angesichts der Tatsache, dass die Stadt nach 1945 in Trümmern lag. Der Nazismus ist verschwunden. Er liegt in einem Bunker begraben, in einem von ungleichmäßigen, hässlichen Gräben durchzogenen Gebiet, südöstlich vom Brandenburger Tor, zwischen dem Potsdamer Platz und dem Brandenburger Tor, zusammen mit seiner Reichskanzlei und den übrigen verschwundenen Gebäuden der Macht. Doch die Kaiserzeit wirkt noch nach. Die Stadt des 19. Jahrhunderts, die Berlin als Begriff prägte. Die Museen. Der Berliner Dom. Die Synagoge. Die Theater. Die Opern. Die Kneipen. Die schicken Restaurants. Die Zeitungen. Die Kultur. Das Reichstagsgebäude. Die Berliner. Die Parks. Unter den Linden. Die schmale Friedrichstraße. Der Tiergarten. Der Bahnhof Zoologischer Garten. Die S-Bahn-Station Friedrichstraße. Innerhalb von achtzig Jahren waren vier Reiche untergegangen, alle mit Berlin als Hauptstadt. Das Kaiserreich. Die Weimarer Republik. Nazi-Deutschland. Die DDR. Alle Reiche haben ihre Spuren hinterlassen, bei Nazi-Deutschland vornehmlich in dem, was dem Erdboden gleichgemacht wurde. Vierzig Jahre lang war Berlin eine geteilte Stadt gewesen. Zu Berlin, der Hauptstadt der DDR, wurde der größte Teil des alten, zentralen Berlin. Westberlin waren vor allem die neuen Stadtteile von der Jahrhundertwende an. Unter der DDR überlebte das Berlin der Kaiserzeit. Unter den Linden. Der Berliner Dom. Die Neue Wache. Das Zeughaus. Die Oper. Die Bibliothek. Das Alte Palais. Das Alte Nationalmuseum. Die Humboldt-Universität. Aber nicht das Schloss. Dort tauchte der Palast der Republik auf, der jetzt auf dem Schafott steht, gehäutet und ein Schandfleck. Berlin vermisst sein Schloss. Ohne sein Schloss, diesen riesigen Koloss, das Zentrum der großen preußischen Siegesparaden, wird Berlin nie wieder Berlin sein. Man denke nur an die riesige Plattform des Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmals! Sie war gigantisch, passte zum Schloss mit seiner düsteren monotonen Pracht. Aber man kann es nicht wiederaufbauen. Dann wird es zu Pappe. Etwas ist verschwunden und wird für immer eine Lücke in der Metaphysik der Stadt bleiben, im gleichen Maße wie die Reichskanzlei und der dazugehörige Bunker. Anders geht es nicht. So endete auch die historische Beschreibung mit einem Verweis auf die Lücke, die das Schloss hinterlassen hat, und einer Aufforderung, die Leiche des Palasts der Republik von ihrer jetzigen Schande zu befreien.
Doch es gibt noch eine dritte Möglichkeit, Berlin zu beschreiben, wie es dort in seiner Ebene liegt. Dafür nehmen wir die Spree zum Ausgangspunkt und vernachlässigen die Tatsache, dass die Stadt ein Zusammenschluss zweier kleiner Städte ist, die eine befestigt auf einer Insel mitten in der Spree, die andere ein friedliches Fischerdorf an deren Südufer. Worauf wir Wert legen, ist, dass die Spree durch das moderne Berlin fließt. Und noch ein Fluss fließt durch das moderne Berlin, die Havel. Sie fließt durch die westlichen Teile, die früher weit draußen auf dem Lande lagen, jetzt aber zu Berlin gehören, sodass zwei Flüsse durch Berlin fließen. Die Spree ist durch ein Kanalsystem mit dem heutigen deutsch-polnischen Grenzfluss Oder verbunden, und die Oder fließt in die frühere deutsche Hafenstadt Stettin, heute Polen. Die Havel ist durch ein vergleichbares Kanalsystem mit der Elbe verbunden, und auch die Elbe fließt ins Meer, bei Hamburg. Durch ein Kanalsystem sind auch die Spree und die Havel miteinander verbunden, das heißt, in der Theorie, vielleicht auch in der Praxis, ist es möglich, mit dem Schiff von Hamburg an der Nordsee über die Elbe, die Havel, die Spree und die Oder nach Stettin an der Ostsee zu gelangen. Doch natürlich unternimmt kein Mensch diese Tour, es sei denn als Vergnügungsfahrt. Will man mit dem Schiff von Hamburg nach Stettin, nimmt man nicht den Umweg über ausgeklügelte Wasserwege im Landesinnern, sondern folgt der Küste. Aber dieser künstliche Wasserweg wurde ja angelegt. Um nach Berlin zu gelangen. Von Hamburg nach Berlin. Oder von Stettin nach Berlin. Oder von Hamburg nach Berlin und dann mit neuer Fracht weiter nach Stettin. Auf einer solchen Seereise läuft man auf halber Strecke Berlin an, um die Ware zu löschen. Stellen wir uns die Seefahrer vor. Auf dem Weg von Hamburg. Plötzlich erblicken sie in dieser binnenländischen Ebene eine riesige Stadt. Man sieht Türme, Kirchen, Burgen, Schlösser. Das ist Berlin! Man entlädt das Schiff im Westhafen. Und fährt auf der Spree zum Osthafen, um es neu zu beladen. Dabei hat man das Schloss und den Berliner Dom in fast greifbarem Abstand passiert. Das sehen die Seefahrer auf ihrer Fahrt zum Meer. Sie schippern quer durch Berlin und gelangen auf ihrer Fahrt zur deutschen Hafenstadt Stettin an der Ostsee von der Havel durch die Kanäle auf die Spree. Berlin liegt nicht am Meer, aber auf dem Weg dorthin. In Berlin riecht es nicht nach Salzwasser, trotzdem hat die Stadt einen Hafen. Zwei Häfen, den Osthafen und den Westhafen. Zwar haben sie heute keine Bedeutung mehr. Heute verbindet der Wasserweg Berlin mit nichts mehr, außer mit seiner eigenen Schönheit. Doch früher war er wichtig. Die Kanalisierung in und außerhalb von Berlin, die schließlich im ausgehenden 19. Jahrhundert abgeschlossen wurde, hatte ein klares Ziel: die brandenburgische Stadt im Binnenland, die Hauptstadt der Mark, an zwei Meere anzubinden, die Nordsee und die Ostsee (oder das Baltische Meer, wenn einem das lieber ist). Überseewaren wurden auf dem Wasserweg von Hamburg nach Berlin gebracht, und Hering und Getreide vom Baltikum und von Stettin aus nach Berlin. Auf Fluss- und Frachtkähnen und kleinen Dampfschiffen. Heute werden auf der Spree vor allem Touristen befördert. Auf langen flachen weißen Touristenbooten. Das ist Berlin. Zwei Flüsse, die über ein Kanalsystem miteinander verbunden sind und zudem an zwei weitere Flüsse angebunden wurden, die in zwei verschiedene Meere flossen. Ein pfiffiges, ausgeklügeltes Verkehrssystem, große Ingenieurskunst. Aus der Notwendigkeit geboren, eine anschwellende Industriemetropole am Leben zu erhalten, die zugleich die Hauptstadt des Deutschen Kaiserreichs war. Heute völlig sinnlos. Doch so wie Berlin daliegt, sind diese Flüsse, Spree und Havel, mit ihren Kanälen und angrenzenden Seen das wenige, was es an direkter Schönheit in dieser deutschen Hauptstadt gibt, die auf den ersten Blick eher ohne eigene Note daherkommt.
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Berlin ist erneut die Hauptstadt Deutschlands. Eine frühere Größe. Vier Reiche sind hier untergegangen, innerhalb von nur siebzig Jahren. Zurückgeblieben ist Westdeutschland, das Deutschland des Westens, das Reich des Westens, RDW. Berlin ist zur Hauptstadt des RDW geworden. Das ist die Wahrheit. Wahr ist aber auch, dass die Berliner Bevölkerung Berlins ureigene Atmosphäre ausmacht, nicht Gebäude wie der Reichstag oder Monumente wie die Siegessäule oder Fotomotive wie das Brandenburger Tor oder das ewige Unter den Linden. Ich kam im Jahr 2000 nach Berlin, kurz nachdem die Regierung und die Staatsverwaltung des wiedervereinten Deutschlands von Bonn nach Berlin gezogen waren, ja, ich folgte quasi in ihrem Kielwasser, als nicht einkalkulierter Zeuge. Mir fielen alle Kräne auf, die sich mehr oder weniger überall in den Himmel reckten, wenn man mit der S-Bahn vom Zoo z.B. zum Alexanderplatz fuhr oder mit der Hochbahn z.B. vom Schlesischen Tor z.B. zum Wittenbergplatz, und war beeindruckt von der Energie, die diese neue Hauptstadt an den Tag legte. Es vergingen mehrere Monate, bis ich begriff, dass diese Kräne einfach nur dastanden und die wenigsten davon in Betrieb waren, u.a. um die neue Reichskanzlei, das Kanzleramt, zu bauen. Dass so vieles stillstand, machte mir nichts aus. Ich gehöre zu denen, die der Verlockung von Ausrufen wie: Nach Berlin, nach Berlin! nicht widerstehen können, und nun war ich also hier. An einem der ersten Tage wurde ich Zeuge davon, wie sich ein Transvestit an zwei Polizisten wandte und nach dem Weg fragte. Der Transvestit war sehr groß und kräftig gebaut, was er durch ein äußerst feminines Kleid, geschmackvoll aufgetragenes Make-up, eine hübsche Lockenfrisur, Pfennigabsätze und ein elegantes Damenköfferchen zu kompensieren vermocht hatte, sodass man ziemlich erstaunt reagierte, wenn man hörte, wie er mit tiefer Bassstimme nach dem Beethoven-Hotel fragte. Die zwei Polizisten erklärten ihm aber höflich, wie er zum Beethoven-Hotel käme. Der Transvestit bedankte sich kokett für die Auskunft und ging in die genannte Richtung davon. Die beiden Polizisten, die ihm, ohne eine Miene zu verziehen, ohne untereinander Blicke zu tauschen, den Weg erklärt hatten, verzogen auch weiterhin keine Miene, tauschten auch weiterhin keine Blicke, ja, sie machten nicht einmal einen Kommentar zu dem, was vorgefallen war, nicht einmal als der Transvestit weit außerhalb ihres Blick- und Hörfelds verschwunden war. Kein Lächeln, nichts. Genau das ist das Bemerkenswerte. Dass sie die Maske wahrten, als sie mit ihm sprachen, kann man als übliches Polizistenverhalten in den meisten europäischen Großstädten werten, dass sie aber auch, nachdem er verschwunden war, die Maske wahrten, kam mir damals fast schon sonderbar vor. Ja, es ist nicht einmal korrekt, von der Wahrung einer Maske zu sprechen, weder als sie mit ihm sprachen noch hinterher, denn als ich sie anschließend betrachtete, stellte ich fest, dass das Aufsehenerregende darin bestand, dass sie keinerlei Maske zu wahren hatten. Sie hatten einfach nur routinemäßig eine gewöhnliche Frage beantwortet, mehr gab es dazu nicht zu sagen. Bemerkenswert waren hier also nicht die Transvestiten, sondern die Polizei. Die Berliner Polizei. Keine Stadt ist zu jeder Tageszeit so voll von auffälligen Gestalten wie Berlin. Von ungewöhnlichen Menschen. Dropouts. Freaks jeglichen Alters und jeglichen Geschlechts. Es gibt hier z.B. mehr und größere Tätowierungen pro Einwohner als an irgendeinem anderen bekannten Ort der Welt. Hier haben sie sich versammelt. Aus der früheren DDR wie aus Westdeutschland sammelten sich Freaks und Dropouts und andere undurchsichtige Gestalten beiderseits der Mauer. Künstler, Musiker und Homosexuelle aller drei Geschlechter. Keine andere Stadt hat so viele lesbische Transvestiten. Und auch keine so viele schwule Transvestiten. Für manche sind es zu viele. Nicht alle spüren die Verlockung in dem Satz: Nach Berlin, nach Berlin! Als der Deutsche Bundestag beschloss, die Hauptstadt des sogenannten wiedervereinigten Deutschlands nach Berlin zu verlegen, war die Freude in Bonn nicht groß. Auch in Düsseldorf nicht oder in Frankfurt am Main. Die Beamtenschaft freute sich nicht. Die Politiker freuten sich nicht. Die Staatssekretäre freuten sich nicht. Die Botschaften freuten sich nicht, weder die internationalen noch die innerdeutschen Vertreter der Bundesländer. Keiner freute sich. Konzernchefs und Bankdirektoren rieben sich zwar die Hände beim Gedanken an die ökonomischen Möglichkeiten Berlins, aber wollten sie selbst hierherziehen? Nein. Sie wollten zu Hause wohnen. In Köln. Oder Düsseldorf. Ins Berliner Büro ging’s von Dienstagmorgen bis Donnerstagnachmittag. Dann nach Hause. Daheim waren sie von Donnerstagabend bis Montagabend, ja, sogar bis Dienstagmorgen. Berlin ist nicht ihre Stadt. Berlin ist auch nicht die Stadt der Politiker. Berlin hatte einen Makel. Der Makel war die Bevölkerung. Diejenigen, die hier wohnen, eignen sich nicht als Einwohner von Deutschlands Hauptstadt, auch nicht von einer anderen Hauptstadt. Zehn Jahre nach dem Mauerfall haben sie sich nicht gebessert. Die Stadt ist immer noch ungewöhnlich, Reichtum und Macht sind so ungleich verteilt wie früher. Es gibt in Berlin zu wenig Reiche. Es gibt hier zu wenig Symbole, an denen die Reichen sich mit Würde bewegen können, die Atmosphäre ist schuld, es fehlt die Begeisterung für das, worauf man in anderen Hauptstädten stolz ist. Berlin verleiht einem nicht das Gefühl, dass sich hier die Reichen und Mächtigen bewegen könnten, als wäre Berlin ihre gute Stube, wie in Paris oder London. Daran sind nicht nur die Ungewöhnlichen schuld. Zwar gibt es viele von ihnen, aber es liegt nicht an tausend Transvestiten, dass die Reichen und Mächtigen sich hier nicht zu Hause fühlen, obwohl es ihre Hauptstadt ist. Schuld sind auch nicht die drei- bis vierhunderttausend Türken, drei- bis vierhunderttausend Türken rauben keinem modernen Politiker oder Geschäftsmann den Mut. Schuld sind die Normalen. Wie etwa die zwei Berliner Polizisten, mit denen wir gerade Bekanntschaft geschlossen haben, die nicht einmal den Mund verzogen haben, nachdem sich der graziöse, wenngleich großgewachsene und etwas kräftige Transvestit entfernt hatte. Es gibt unglaublich viele Normale in Berlin. Die Stadt ist geprägt von den Normalen, aber die Normalen sind auf die falsche Weise normal. Das merkt man an allem. Sie sehen z.B. viel zu wenig fern. In bestimmten Stadtteilen kann man am Abend kilometerweit laufen, ohne in den vielen Häusern auch nur ein einziges Mal das bläuliche Licht eines eingeschalteten Fernsehers zu sehen. Fast wirkt es so, als wären die Türken die Einzigen, die fernsähen. Sie haben ihre Parabolantennen. Schauen sich Istanbuler Seifenopern an. Abend für Abend. Aber die Deutschen in Berlin sehen fast nicht fern. Warum nicht? Kann Berlin Deutschlands Hauptstadt bleiben, wenn diejenigen Einwohner, die normal sind, abends nicht zu Hause sitzen und fernsehen? Welche Mentalität entwickeln Menschen, die Fernsehen als Lebensstil verweigern? Darüber weiß man bisher zu wenig. Aber manches wissen wir. Manches kann man am Kleiderstil der Normalen ablesen. An ihrem Kleiderstil können wir ablesen, dass sie sich nicht vom Kleidungsstil der Fernsehmoderatoren inspirieren lassen. In allen anderen Hauptstädten geben Fernsehmoderatoren und Nachrichtensprecher den Ton an. Nicht in Berlin. Was andernorts normal ist, fehlt bei den Normalen in Berlin, ohne dass es auch nur ein Gesprächsthema zu sein scheint oder ein Gefühl von Bedauern vorhanden ist, dass es so gekommen ist, auch macht es nicht den Anschein, als seien sie besonders stolz darauf, so wenig fernzusehen. Es sieht so aus, als wäre es für die Berliner irrelevant. In Berlin ist es nicht leicht, ein Mensch der Macht zu sein. Die Bevölkerung empfindet sie als irrelevant.
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