Kitabı oku: «Selbstoptimierung und Enhancement»

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Dagmar Fenner

Selbstoptimierung und Enhancement

Ein ethischer Grundriss

Narr Francke Attempto Verlag Tübingen

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© 2019 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

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ISBN 978-3-8252-5127-7 (Print)

ISBN 978-3-8463-5127-7 (ePub)

Inhalt

  Prof. Christoph Horn gewidmet ...

 1 Einleitung: Begriffsklärungen, Positionen und kultureller Kontext1.1 Analyse der Begriffe „Selbstoptimierung“, „Selbst“ und „Enhancement“1.1.1 Selbstoptimierung1.1.2 Das „Selbst“1.1.3 Enhancement1.2 Kulturelle Voraussetzungen und Ambivalenz des Selbstoptimierungstrends1.2.1 Kulturelle Voraussetzungen1.2.2 Ambivalenz des Selbstoptimierungstrends1.3 Wunscherfüllende Medizin und die Abgrenzung von Therapie und Enhancement1.3.1 Deskriptive Analyse verschiedener Krankheits- und Gesundheitsmodelle1.3.2 Notwendigkeit einer normativen Rechtfertigung von Therapie und Enhancement1.4 Wichtige Unterscheidungen und Positionen von Biokonservativen bis Transhumanisten1.4.1 Elementare Differenzierungen von Verbesserungs-Handlungen1.4.2 Opposition zwischen Biokonservativen und Bioliberalen

 2 Normative Bezugsgrößen2.1 Glück oder gutes Leben als individualethischer Maßstab2.1.1 Definitionen vom „Glück“ oder „guten Leben“2.1.2 Philosophische Theorien des Glücks oder guten Lebens2.1.3 Empirische Untersuchungen zum Glück2.2 Gerechtigkeit als sozialethischer Maßstab2.2.1 Egalitarismus: komparative, egalitäre Gerechtigkeit2.2.2 Nonegalitarismus: adressatenbezogene inegalitäre Gerechtigkeit2.3 Freiheit und Würde2.3.1 Philosophische Konzepte von „Freiheit“2.3.2 Würde2.4 Normalität und Natur2.4.1 Mehrdeutigkeit von „Normalität“2.4.2 Mehrdeutigkeit von „Natur“2.4.3 Die „menschliche Natur“2.4.4 Menschenbilder

 3 Körperliches Enhancement3.1 Schönheitsoperationen1) Pro-Argument: Einbettungen in die plastische Chirurgie2) Pro-Argument: Ästhetische statt medizinische Indikation3) Pro-Argument: Steigerung der individuellen Freiheit4) Pro-Argument: Aufhebung einer Identitätsstörung und „authentisches Selbst“5) Pro-Argument: Zufriedenheit, Glück und Erfolg6) Kontra-Argument: Sozialer Druck und Biopolitik7) Kontra-Argument: Diskriminierung und Ungerechtigkeit8) Kontra-Argument: Komplikationen und hohe Risiken9) Kontra-Argument: Widerspruch zum ärztlichen EthosFazitUnsterblichkeit ist ein uralter ...3.2 Unsterblichkeit und Lebensverlängerung3.2.2 Sozialethische Argumente3.3 Digitale Selbstvermessung und Quantified Self3.3.1 Pro-Argumente3.2.2 Kontra-Argumente3.4 Doping im Sport1) Kontra-Argument: Künstlichkeit der Substanzen und Methoden2) Kontra-Argument: Unfairness und Beeinträchtigung der Chancengleichheit3) Kontra-Argument: Schädigung der Gesundheit4) Kontra-Argument: Falsches Vorbild und nachlassendes Interesse in der Bevölkerung

 4 Neuro-Enhancement4.1 Emotionales Enhancement4.1.1 Zur chemischen Induzierbarkeit von „Glück“ oder „Stimmung“4.1.2 Gefährdung der „emotionalen Authentizität“4.1.3 Gefährdung der „Authentizität der Persönlichkeit“4.2 Kognitives Enhancement4.2.1 Analyse der Begriffe „Kognition“ und Intelligenz“4.2.2 Zum Wert von Intelligenz und ihrem Beitrag zum Glück4.2.3 Wirkungen und Nebenwirkungen der wichtigsten kognitiven Neuroenhancer4.3 Moralisches Neuroenhancement4.3.1 Emotionales moralisches Enhancement4.3.2 Kognitives moralisches EnhancementFazit: indirektes kompensatorisches moralisches Enhancement4.4 Kritik am Neuroenhancement insgesamt1) Pro-Argument: Analogie zwischen Psychopharmaka und anerkannten Genussmitteln2) Kontra-Argument der Künstlichkeit der Mittel3) Kontra-Argument eines Selbstbetrugs4) Kontra-Argument eines Fremdbetrugs5) Kontra-Argument der falschen Lebensführung6) Argument des falschen Selbstverhältnisses7) Kontra-Argument der Verdrängung wertvoller Alternativen8) Kontra-Argument: Sozialer Druck und Verlust individueller Freiheit9) Kontra-Argument: Ungleichheit und Ungerechtigkeit

  5 Genetisches Enhancement 1) Pro-Argument: Das Beste für die Kinder oder Steigerung des Kindeswohls 2) Pro-Argument: Das Beste in moralischer Hinsicht 3) Kontra-Argument: Verletzung von Freiheit und Würde des Kindes 4) Kontra-Argument: Verstoß gegen das Recht auf eine offene Zukunft 5) Kontra-Argument: Verhinderung bedingungsloser Liebe 6) Kontra-Argument: Entsolidarisierung und Diskriminierung 7) Kontra-Argument: Ungerechtigkeit und Zwei-Klassen-Gesellschaft Fazit

  6 Schluss 1) Vermeidbare Diskursblockaden durch Pauschalisierungen 2) Notwendigkeit öffentlicher Diskurse über normative Standards

  Bibliographie

  Personenregister

  Sachregister

Prof. Christoph Horn gewidmet für all die vielen intensiven philosophischen Diskussionen

1 Einleitung: Begriffsklärungen, Positionen und kultureller Kontext

Immer mehr Journalisten, Zeitdiagnostiker und Wissenschaftler aus den verschiedensten Disziplinen beschäftigen sich mit der Selbstoptimierung, einem gegenwärtig kontrovers diskutierten gesellschaftlichen Trend. „SelbstoptimierungSelbstoptimierung“ ist ein gesellschaftliches Leitbild oder Orientierungsmuster, das dem Einzelnen zur Regulierung seines eigenen Handelns und zur individuellen Lebensgestaltung zur Verfügung gestellt wird. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts lässt sich insofern von einem Trend sprechen, als dieses Selbst- und Lebenskonzept in westlichen Gesellschaften eine enorme öffentliche und mediale Aufmerksamkeit genießt und Optimierungsprogramme immer stärker die Lebenswelt und die persönliche Lebensführung der Menschen prägen. Zahlreiche historisch-soziologische zeitdiagnostische Untersuchungen stimmen darin überein, dass es sich bei den hochkomplexen, dynamischen und beschleunigten modernen Gesellschaften um „Optimierungsgesellschaften“ mit einer bis dahin unbekannten Radikalisierung und Omnipräsenz der menschlichen Optimierungsbestrebungen handelt (vgl. Balandis u.a., 133; 135/StraubStraub, Jürgen u.a., 15). Das permanente Ringen um Selbstoptimierung sei zu einer der „gegenwärtig bedeutsamsten kulturellen Leitvorstellungen“ geworden (vgl. KingKing, Vera u.a., 283). Von der Trendforscherin Corinna MühlhausenMühlhausen, Corinna wurde das 21. Jahrhundert als „Zeitalter der Selbstoptimierung“ ausgerufen (vgl. MühlhausenMühlhausen, Corinna u.a. 2013). Auch wird bisweilen von einem „Optimierungsglauben“ als einer Art „säkularer Religion“ gesprochen mit ihrem Credo des modernen Fortschrittsoptimismus, dass alles immer besser werde und optimierbar sei (vgl. GugutzerGugutzer, Robert, 2). Je mehr dieses neue gesellschaftliche Rollenangebot zur allgemeinen Norm avanciert, wächst seitens der Gesellschaft die Erwartungshaltung, dass die Individuen selbstverantwortlich das Beste aus sich und ihrem Leben machen. Im neuen Selbstverständnis mutiert der Einzelne ökonomisch-technisch ausgedrückt zum „Manager“ oder „Unternehmer“, in der Sprache der Kunst zum „art“ oder „creative director“ seines Selbst und seines Lebens (vgl. GammGamm, Gerhard, 34). Ulrich BröcklingBröckling, Ulrich bezeichnet das „unternehmerische SelbstSelbstunternehmerisches“ als wirkmächtige Realfiktion, die sowohl ein normatives Menschenbild als auch die Gesamtheit von Selbst- und Sozialtechnologien umfasst und auf die Ausrichtung der ganzen Lebensführung abzielt (vgl. BröcklingBröckling, Ulrich, 46f.). Da zentrale Voraussetzungen für das Gelingen des Selbstoptimierungs-Projekts die kontinuierliche Selbsterforschung, erhöhte Selbstthematisierung und Selbstkontrolle sind, wird eine Fülle verschiedenster Methoden zur Selbstvermessung und Potentialanalyse professionell vermarktet und massenmedial umworben.

Wie bei vielen anderen „Trends“ ist allerdings nicht leicht auseinanderzuhalten, wie weit die Medienberichterstattung und philosophisch-literarische Zeitdiagnostik die Entwicklungsrichtung nur passiv widerspiegeln und beschreiben oder aktiv beeinflussen und verstärken (vgl. dazu WagnerWagner, Greta, 54). Nach einer repräsentativen Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung kannten 2014 nicht einmal 40 % der befragten Deutschen den Begriff „SelbstoptimierungSelbstoptimierung“, sodass es sich noch nicht um einen „Volkssport“ handeln könne (vgl. GfK). Wenn sich nach einer Befragung des TNS Infratest 2016 bereits 59 % aller Deutschen „mehr oder weniger“ zur Selbstoptimierung „bekennen“, dürfte „Selbstoptimierung“ dabei sehr weit gefasstSelbstoptimierungenger/weiter Begriff worden sein (vgl. MühlhausenMühlhausen, Corinna u.a. 2016, 5). In Einzelfällen mögen die Kritiker den Kommentatoren mit gewissem Recht vorwerfen, der behauptete Trend sei ein bloßer „Medienhype“ (vgl. WagnerWagner, Greta, 27f./Schoilew, 29): Mit plakativen Titeln wie „Die Hoffnung auf schnelleres Denken verführt Akademiker zu GehirndopingHirn-Doping“ oder „Immer mehr Menschen greifen zu Glückspillen oder legen sich um der Schönheit willen unters Messer“ wird eine exponentiell zunehmende Verbreitung suggeriert. Eine direkte empirische Überprüfung ist aber insbesondere bei den z.B. für die Leistungssteigerung verwendeten Psychopharmaka schwierig, weil die meisten davon in Deutschland offiziell nur beim Vorliegen bestimmter Krankheiten verordnet werden dürfen. Zwar könnte die mediale Botschaft von einem dramatischen Anstieg des Konsums im Sinne einer „selbsterfüllenden Prophezeiung“ dazu führen, dass tatsächlich mehr Menschen sich für einen nichtmedizinischen Gebrauch von angeblich optimierenden Substanzen entschließen. Mutmaßlich geht aber die Entwicklung des neuen Trends und die Verbreitung biotechnologischer Hilfsmittel tatsächlich langsamer vonstatten als von den Medien dargestellt, zumal viele Optimierungstechniken noch Utopien oder Science Fiction sind. Nichtsdestotrotz braucht es schon jetzt dringend eine öffentliche gesellschaftliche Debatte, um Indizien drohender negativer kultureller Entwicklungen möglichst frühzeitig erkennen und mittels geeigneter Forschungsstrategien oder politischer Regulierungsmaßnahmen korrigieren zu können. Für eine ethische Beurteilung ist es daher zweitrangig, wie weit bestimmte technologische Optimierungsmaßnahmen überhaupt schon realisierbar oder bereits verbreitet sind. Es reicht die Tatsache aus, dass unter den sich selbst optimierenden Personen, in Forschung oder Industrie bestimmte Veränderungen menschlicher Fähigkeiten oder Eigenschaften als erstrebenswert angesehen werden.

1.1 Analyse der Begriffe „Selbstoptimierung“, „Selbst“ und „Enhancement“
1.1.1 Selbstoptimierung

Vom lateinischen „optimus“: „der Beste, Tüchtigste“ abgeleitet, meint „Selbstoptimierung“ ganz formal und allgemein jede Selbst-Verbesserung eines Subjekts hin zum bestmöglichen oder vollkommenen Zustand. Unmittelbares Objekt solcher Verbesserungs-Handlungen ist also wörtlich verstanden das „Selbst“ der handelnden Personen, das aber begrifflich ebenfalls nicht leicht zu fassen ist und weiter unten genauer analysiert wird (1.1.2). Während Verbesserung generell jede Veränderung in Richtung auf einen besseren, vollkommeneren Zustand meint, zielen Handlungen des Optimierung, OptimumOptimierens oder des „Perfektionierens“ strenggenommen direkt auf die höchstmögliche Stufe oder den Bestzustand ab. Denn das Optimum ist der bestmögliche oder vollkommene Zustand, den ein System, ein Mensch oder auch eine Institution unter den gegebenen Voraussetzungen tatsächlich erreichen kann. Wer sich also zu optimieren oder perfektionieren trachtet, will nicht nur besser werden, sondern so gut wie möglich. Damit unterscheidet sich das „Optimum“ einerseits vom „Ideal“ als der schlechthin besten denkbaren Variante ohne Rücksicht auf Realisierungsbedingungen und andererseits vom „Maximum“ als absolut höchster Steigerung mit Blick auf verschiedene Parameter und ein anvisiertes Ziel. Je nach Kontext ist ein quantitatives „Maximum“ nämlich nicht immer auch das qualitativ verstandene „Optimum“, was besonders für komplexe Systeme wie den menschlichen Organismus zutrifft. So bedeutet beispielsweise hinsichtlich des menschlichen Gedächtnisses eine Steigerung bis zu einem Maximum an Gedächtnisinhalten schwerlich das Optimum, weil das Speichern sämtlicher verfügbarer Informationen und somit auch aller negativer Erinnerungen kein wünschenswerter Zustand wäre. Die Begriffskombination „Selbst-OptimierungSelbstoptimierung“ („self-optimization“) entstammt den noch jungen Neurowissenschaften und bezeichnet den charakteristischen Lernprozess des Nervensystems, durch Rückkoppelungsmechanismen und ständige Verbesserungen der vorangegangenen Vorgehensweisen immer optimalere Funktionen zu erzielen (vgl. Stangl). Später wurde der Begriff auch im technischen Bereich insbesondere in der Netzwerktechnologie benutzt, bis er in jüngerer Zeit auch auf den Menschen übertragen wurde. Frühe Formen der Selbstoptimierung wie das „TrackingQuantified-Self“ spiegeln genau dieses gezielte, rationale und selbstdistanzierte Vorgehen einer Verbesserung durch Rückkoppelung und Selbststeuerung wider: Dank digitalen Helfern wie Apps oder „Fitness-Trackern“ werden Schritte gezählt und Vitalität und Schlafrhythmus gemessen und kontrolliert, um Arbeitsproduktivität, Fitness oder Schlafqualität zu verbessern (vgl. DuttweilerDuttweiler, Stefanie, 7f./Kap. 3.3).

Da die oben erläuterten exakten begrifflichen Differenzierungen zwischen „Verbessern“ und „Optimieren“ weder im gesellschaftlichen Diskurs noch unter den praktizierenden Selbstoptimierern eine Rolle spielen, können sie im Folgenden als Synonyme verwendet werden. Statt um eine radikale Wandlung hin zu einem vollkommeneren oder perfekten Menschen geht es fast immer um eine graduelle Verbesserung bestimmter menschlicher Eigenschaften oder Fähigkeiten: Zumeist wird unter Selbstoptimierung ein kontinuierlicher, allmählicher Prozess der Veränderung verstanden, der über ständige Rückmeldungen, Selbstkontrolle und Verbesserung der Lebensführung sukzessive zur bestmöglichen persönlichen Verfassung hinführt (vgl. DuttweilerDuttweiler, Stefanie, 3f.). Optimiert werden können prinzipiell alle Dimensionen des Selbst: physische, psychische, soziale und geistige Zustände oder Eigenschaften, Handlungsabläufe, Arbeitsprozesse und Kompetenzen in sämtlichen menschlichen Lebensbereichen. Selbstoptimierung ist aber nicht nur für die verschiedensten Ziele offen, sondern auch für alle nur denkbaren Mittel. Selbstoptimierung im weiten SinnSelbstoptimierungenger/weiter Begriff umfasst alle von Menschen je ins Auge gefassten Verbesserungen mit allen möglichen Methoden, also sowohl neuste Technologien als auch traditionelle und technikfreie Praktiken wie Bildung, Erziehung, Meditation und Training. In programmatischen Beiträgen zur Debatte wird der Begriff zwar häufig derart ausgeweitet, dass letztlich alle menschlichen Tätigkeiten und Phänomene darunter verbucht werden. Damit die weite Begriffsverwendung nicht inflationiert und der Begriff bedeutungslos wird, müssen aber typische Merkmale von Selbstoptimierungsprozessen wie systematisches und rationales Vorgehen, Selbstreflexion und Verbesserung durch gezielte Rückmeldungen vorliegen. Es ist also z.B. zu unterscheiden zwischen dem Gang zum Frisör zwecks routinemäßigen Haareschneidens ohne eigene Verbesserungswünsche und dem Ziel der Annäherung an ein bestimmtes Schönheits- oder Lifestyle-Ideal. Auch ist eine vom Jobcenter zum Zweck der Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt angeordnete Weiterbildungsmaßnahme genauso wenig eine Selbstoptimierung wie das Zubereiten von Speisen zur ausschließlichen Stillung primärer Bedürfnisse. Diesen Schwierigkeiten einer weiten Begriffsverwendung entgeht man bei einer Einschränkung der Mittel auf neue technologische Verfahren: Selbstoptimierung im engen Sinn bezieht sich lediglich auf technikbasierte, zumeist biomedizinische oder pharmakologische Methoden. Viele Missverständnisse in der aktuellen Selbstoptimierungs-Debatte ließen sich vermeiden, wenn klar zwischen einem „engen“ und „weiten Begriff“ von Selbstoptimierung unterschieden würde (vgl. Röcke, 321).

Notwendigkeit der Bestimmung normativer Standards

„Verbesserung“ und „Optimierung“ sind insofern normative, d.h. wertende Begriffe, als sie eine Bewertung der Veränderung enthalten. Denn eine Verbesserung oder Optimierung meint im Gegensatz zu einer Verschlechterung stets eine begrüßenswerte Veränderung zum Positiven oder zum Guten hin. Der Begriff „Selbstoptimierung“ ist also nicht neutral, sondern positiv konnotiert und impliziert eine positive Bewertung der bezeichneten Phänomene (vgl. SchleimSchleim, Stefan, 181/Schoilew, 9). Um Handlungsweisen oder Veränderungen als „OptimierungOptimierung, Optimum“ oder „Verbesserung“ ausweisen zu können, müssten daher korrekterweise Bewertungskriterien oder normative Standards angegeben werden (vgl. AchAch, Johann 2016, 118/Röcke, 321). Statt die dahinterstehenden normativen Maßstäbe oder Wertstandards offen zu legen suggerieren aber Befürwortern neuer Selbsttechnologien häufig, es handle sich bei sämtlichen Selbstoptimierungs-Maßnahmen schon aus begriffslogischer Notwendigkeit um Verbesserungen hin zu einem positiven Zustand (vgl. exemplarisch HarrisHarris, John 2007, 9; 36). Damit greifen sie einer ethischen Beurteilung der verschiedenen Selbstoptimierungs-Praktiken vor, die jedoch erst das Resultat ihrer kritischen Prüfung anhand bestimmter ausgewiesener Wertstandards sein kann. Zum Zweck einer näheren Untersuchung sollen hier zwar unter „SelbstoptimierungSelbstoptimierung“ erst einmal aus einer rein deskriptiven Perspektive sämtliche Praktiken, Methoden und Veränderungen in Richtung auf einen Zustand hin gezählt werden, der von den Betroffenen aus ihrer jeweiligen Perspektive zu einem bestimmten Zeitpunkt subjektiv als wünschenswert empfunden wird. Aus dieser deskriptiven Zuordnung bestimmter Veränderungen zur Klasse der „Selbstoptimierungen“ wird aber nicht automatisch auf eine positive normative Bewertung geschlossen werden. Vielmehr ist in Rechnung zu stellen, dass es sich im Einzelfall vielleicht statt um Verbesserungen genau besehen um Verschlechterungen hinsichtlich des persönlichen oder gesellschaftlichen Lebens handelt. Denn es ist grundsätzlich möglich, dass Selbstoptimierer oder die Gesellschaft bestimmte Selbstoptimierungsziele oder -methoden fälschlicherweise für gut oder unbedenklich halten. Aus ethischer Sicht kommen als grundlegende Beurteilungshinsichten primär das gute Leben oder eine gesteigerte Lebensqualität der handelnden Personen selbst und sekundär die Gerechtigkeit in Frage, wobei allerdings beide normativen Bezugsgrößen inhaltlich sehr verschieden konkretisiert werden können (Kap. 2.1/2.2). Die normativen Standards zur Bestimmung der Richtung von „Verbesserungen“ müssen daher selbst zum Gegenstand der Selbstoptimierungs-Debatte gemacht werden, da sie einer rationalen Begründung mittels Argumente bedürfen.

Was eine Selbst-Verbesserung oder das „OptimumOptimierung, Optimum“ eines Menschen oder gar „der“ Menschen sein soll, steht also nicht von Anfang an fest. Hierin unterscheiden sich Optimierungsprozesse des „Selbst“ von Optimierungsaufgaben in der Mathematik oder der Wirtschaft, bei denen ein bestimmtes Ziel in maximaler Weise erreicht werden soll (vgl. MeißnerMeißner, Stefan, 221f.). Der DUDEN behauptet allerdings mit seiner Definition, dass das „Optimum“ und die normativen Standards den Individuen von außen vorgegeben werden und sie zur Anpassung gezwungen werden: „Selbstoptimierung“ sei „jemandes (übermäßige) freiwillige Anpassung an äußere Zwänge, gesellschaftliche Erwartungen oder Ideale“. Obgleich die Einzelpersonen ihre Wert- und Zielvorstellungen stets in einer hochkomplexen Interaktion mit ihrem sozialen Umfeld entwickeln, ist diese Darstellung allzu verkürzt. Der von Kritikern des Selbstoptimierungstrends vielfach beklagte soziale Druck soll zwar ein wichtiges Thema dieser Studie sein, ohne dass aber mit einer solchen definitorischen Festlegung schon eine pauschale Vorverurteilung vorgenommen wird. Die Reduktion auf „Anpassung an äußere Zwänge“ ist auch deswegen einseitig, weil die gesellschaftlichen Normen und Ideale auf die Anerkennung der Menschen angewiesen sind und sich mit einem Wandel ihrer Wertvorstellungen verändern. Umfragen deuten auf eine Verlagerung der individuellen Zielsetzungen seit dem Aufkommen des Trends weg von außenorientierten instrumentellen Bewertungsmaßstäben wie Produktivität, Effizienz und Leistungssteigerung hin zu innenorientierten Werten wie Gesundheit, Lebensqualität und Entspannung hin (vgl. MühlhausenMühlhausen, Corinna u.a. 2016, 5; 7). Aus der Teilnehmerperspektive hat Selbstoptimierung weniger mit Druck, Erfolg und Ehrgeiz zu tun, sondern viel mehr mit Gestaltungsfreiheit, Selbstbestimmtheit und Selbstverwirklichung. Nach einer neueren Befragung des Markt- und Meinungsforschungsinstituts TNS Infratest aus dem Jahre 2016 optimieren die Menschen ihr Leben konkret dadurch, dass sie „für Ruhe und Entspannung sorgen“ (62 %), sich um „gute Ernährung“ (59 %) und „genug Schlaf“ (56 %) kümmern, „regelmäßig Sport treiben“ (46 %) und „auf eine Balance von Arbeit und Freizeit achten“ (32 %) (vgl. ebd., 5). Selbstoptimierung bedeutet also keineswegs zwingend die Anpassung an Ideale des olympischen „höher, schneller, weiter“, sondern im Rahmen einer „Selbstoptimierung 2.0“ vermehrt auch ein „ruhiger, langsamer, weniger“ (vgl. ebd.). Gegensatzmodell zu der immer noch dominierenden „Selbsteffektivierung“ ist die „Selbststeigerung“ als ästhetische Selbstverwirklichung, bei der gesellschaftliche Anforderungen gerade zurückgewiesen und neue Selbsterfahrungen gesucht werden (vgl. MeißnerMeißner, Stefan, 224; 228f.).

Definitorische Verengung auf wirtschaftliche und technische „Optimierung“

Viele Selbstoptimierungsgegner stoßen sich bereits am Begriff OptimierungOptimierung, Optimum, der einen unsympathischen technoiden Klang aufweist und dem technisch-ökonomischen Bereich entstammt. Denn er wurde im 20. Jahrhundert zunächst im Bereich der angewandten Mathematik z.B. in der Informatik für die Effizienzsteigerung von Computerprogrammen verwendet, später auch in der Wirtschaft für die Gewinnmaximierung eines Unternehmens. Während der Begriff „Optimierung“ für technische Prozesse oder Wirtschaftsunternehmen gut passt, scheint er für die menschliche Lebensführung und das praktische Selbstverhältnis von Personen gänzlich unangemessen zu sein (vgl. KipkeKipke, Roland 2011, 83). Insbesondere in der Soziologie avancierte Selbstoptimierung zur „Chiffre für die neoliberale und/oder technisch basierte Transformation der gegenwärtigen Gesellschaft und ihrer Subjekte“, zur „zentralen neuzeitlichen Metapher unserer marktförmig ausgerichteten Wettbewerbsgesellschaft“ (Röcke, 331/Becker u.a., 5/vgl. UhlendorfUhlendorf, Niels u.a., 32). Nach dieser Interpretation stellen die individuellen BemühungenNeoliberalismuskritik um Selbstoptimierung eine Reaktion auf einen zunehmenden LeistungsdruckLeistungsdruck in einem ausbeuterischen Wirtschaftssystem dar, das mit seiner unerbittlicher Steigerungslogik zu mehr EffizienzEffizienz-/ Leistungssteigerung und Leistungsfähigkeit und damit zur SelbstausbeutungSelbstausbeutung antreibt. Seit BröcklingBröckling, Ulrich wird Selbstoptimierung gern im Kontext der neoliberalismuskritischen These der Ökonomisierung der LebensweltÖkonomisierung des Sozialen gelesen, derzufolge die Regulierungsmechanismen des Marktes wie etwa Konkurrenz, Vorteils-Nachteils-Kalkulationen, Nutzenmaximierung und Durchorganisation immer mehr Bereiche der Lebenswelt durchdringen und am Ende auch soziale und Selbstbeziehungen prägen (vgl. BröcklingBröckling, Ulrich, 244/KingKing, Vera u.a., 284ff.). Diese Zeitdiagnose erfreut sich zwar einer so großen gesellschaftlichen Plausibilität, dass sogar die Begriffsbestimmung von „Selbstoptimierung“ regelmäßig über diese Deutung erfolgt. Wird Selbstoptimierung ausschließlich als Symptom einer inhumanen Ökonomie betrachtet und in der gesellschaftlichen Wirklichkeit kritisiert, handelt es sich aber um einen „Kurzschluss in der wissenschaftlichen Beobachtung der gesellschaftlichen Wirklichkeit“ (MeißnerMeißner, Stefan, 332). Ohne Frage ist das ökonomische Menschenbild des homooeconomicushomo oeconomicus und die damit verbundene Vorstellung vom guten Leben auch aus philosophisch-ethischer Sicht zu verurteilen (vgl. Fenner 2010, 256ff.). Anstatt Selbstoptimierung pauschal zu verwerfen und sozusagen ein „Symptom“ zu bekämpfen, sollte jedoch die auf der Praxis menschlicher Individuen basierende kapitalistische Wirtschaft mit ihren nicht wünschenswerten Mechanismen und Wertmaßstäbe verändert werden (vgl. AchAch, Johann 2016, 125).

Deskriptiv gesehen wird nicht nur die beliebte neoliberalismuskritische begriffliche Reduktion der Selbstoptimierung auf einen ökonomischen Auswuchs dem komplexen Phänomen Selbstoptimierung mit verschiedensten Praktiken und Zielsetzungen nicht gerecht. Auch die gängige Einschränkung der Selbstoptimierung auf Mittel der Technik, Medizin, Pharmazie und Neurowissenschaft im Sinne des engen SelbstoptimierungSelbstoptimierungenger/weiter Begriffsbegriffs führt zu einem einseitigen Bild von gegenwärtigen Selbstoptimierungsbestrebungen. Denn auch im Zeitalter der Selbstoptimierung verbessern sich die Menschen keineswegs nur mit technischen Mitteln, sondern auch oder sogar vorwiegend durch ihre Lebensführung und die Arbeit an sich selbst (vgl. KipkeKipke, Roland 2012, 269f.): Der Selbstoptimierungstrend hat einen riesigen Selbstentwicklungsmarkt mit Lebenshilfeliteratur, Internetforen, Beratungsangeboten und Seminaren zur Persönlichkeitsentwicklung hervorgebracht. Allgegenwärtig sind Appelle zum lebenslangen Lernen und zur Steigerung verschiedenster kognitiver, sozialer und emotionaler Kompetenzen (vgl. Balandis u.a., 133). Unüberschaubar ist das Angebot an Erziehungs- und Beziehungsberatung, zum Zeit- und SelbstmanagementSelbstmanagement oder zum Willens- und Motivationstraining, die alle gänzlich ohne den Einsatz technischer Hilfsmittel auskommen (vgl. ebd., 14f.). Problematisch ist zudem die normative These, die Rede von „Optimierung“ statt von „Verbesserung“ sei symptomatisch für den Wandel von einer moralischen hin zu einem technizistischen MenschenbildMenschenbildertechnizistische (vgl. LiessmannLiessmann, Konrad, 9). Es wird dabei unterstellt, dass die traditionelle Verbesserung des Menschen durch Moral, Aufklärung und eine humanistische Kultur verdrängt oder gar abgelöst wird durch moderne Technik und Gentechnik. Diese weiterführende Verdrängungsthese muss aber gesondert diskutiert werden und rechtfertigt nicht den Generalverdacht konservativer TechnikkritikTechnikkritik, sämtliche technischen Entwicklungen stellten eine Bedrohung der Humanität dar. In der vorliegenden Studie wird zwar „SelbstoptimierungSelbstoptimierungenger/weiter Begriff“ durchaus in einem weiten Sinn verstanden, ohne dass ihr von vornherein bestimmte Zielsetzungen wie ökonomisch-technische Effizienz, Gewinn- oder Leistungssteigerung unterstellt würden. Es werden aber in den Kapiteln 3–5 aus dem Grund ausschließlich technikbasierte Formen der Selbstoptimierung genauer analysiert, weil diese wegen ihrer noch unbekannten Folgen für Individuum und Gesellschaft ganz anders auf dem Prüfstand stehen als traditionelle Verbesserungsbestrebungen durch Bildung, mentales Training oder Ernährungsprogramme. Dieser ethische Grundriss erhebt also nicht den kaum erfüllbaren Anspruch, die ganze Breite gegenwärtiger Selbstoptimierungs-Praktiken mit ihren anvisierten Zielen und zugrundeliegenden Wertvorstellungen kritisch zu sichten.

1.1.2 Das „Selbst“

Das „Selbst“ ist bei Selbstoptimierungs-Handlungen sowohl das Subjekt als auch das Objekt. Allerdings ist das „Selbst“ ein sehr komplexes, aus verschiedenen wissenschaftlichen Perspektiven unterschiedlich darstellbares Phänomen, sodass es keine einheitliche Begriffsverwendung gibt. Grundlegende Voraussetzung für jedes zielgerichtete Handeln ist jedoch, dass sich das „SelbstSelbst“ in einem theoretischen Selbstverhältnis bewusst wird: Ein „Selbst-Bewusstsein“ entsteht, indem sich ein „kognitives Ich“ oder „reines Selbst“ auf seine Bewusstseins-Akte wie Meinen, Urteilen, Wünschen und Erleben zurückwendet und sich selbst zum Objekt macht. Das Sich-Wiedererkennen und Identifizieren-Können in einem Spiegel dient gerne als Symbol und Zeichen für ein „Selbst“ bzw. „Selbstbewusstsein“, weshalb in der empirischen Forschung ein sogenannter Spiegeltest eingesetzt wird. Gemäß den Sozialpsychologen William James und George Mead lässt sich das Selbst oder die Ich-Identität als ein Gleichgewicht zwischen a) dem aktiven, vollzugshaften Moment des „I“ oder „reinen Selbst“ und b) dem passiven, objektivierten Moment des „me“ oder „empirischen Selbst“ verstehen.

Das reine Selbst, das „Ich“ oder „erkennende Selbst“ (a) meint die mentale Fähigkeit, zu den charakterlichen, biographischen und situativen Gegebenheiten bewusst und reflexiv Stellung zu beziehen. Demgegenüber setzt sich das empirische Selbst (b) aus einem „materiellen Selbst“ mit Körper, Kleidung etc., dem „sozialen Selbst“ mit Status und sozialen Rollen und dem „geistigen Selbst“ mit psychischer Disposition und Charaktereigenschaften zusammen. Ein Selbst, eine Ich-IdentitätIdentität oder persönliche Identität ergibt sich aber erst, wenn die empirischen Aspekte mit den persönlichen kognitiven Deutungen und Bewertungen dieser Tatsachen vermittelt werden. Das verbindende Dritte in diesem Strukturmodell des „Selbst“ ist das „SelbstkonzeptSelbstkonzept/ -bild“ oder „Selbstbild“ eines Menschen, das erst eine gewisse zeitliche Stabilität der persönlichen Identität herzustellen vermag: In der Psychologie wird das Selbstkonzept meist deskriptiv verstanden als das auf eigenen Erinnerungen basierende Wissen davon, wer man selbst ist. Philosophen interessieren sich vornehmlich für die normative Dimension des Selbstkonzepts und sprechen von einem „normativen Selbst“ oder „normativen Selbstbild“ (vgl. KipkeKipke, Roland 2011, 61/Fenner 2007, 98f.): Das normative Selbst oder normative Selbstbild ist ein prospektiver Selbstentwurf, der auf der Grundlage einer umfassenden Interpretation und Bewertung der materiellen, körperlichen, sozialen und geistigen Dispositionen die wichtigsten Lebensziele und Ideale für die zukünftige Entwicklung festlegt.

Bei einem auf Handlungen ausgerichteten praktischen Selbstverhältnis bestimmt das „reine SelbstSelbst“ in einem solchen persönlichen Selbstentwurf, welche Anlagen, Fähigkeiten und sozialen Rollen im eigenen Leben wichtig sind und in welcher Form sie realisiert werden sollen. Wenn jemand allerdings ein völlig realitätsfremdes „normatives Selbst“ oder „Ideal-Selbst“ entwirft, wird dieses ein bloßes Phantasieprodukt bleiben. Ein erfolgreicher Selbstoptimierungsprozess vom Ist- zum Soll-Zustand setzt daher eine möglichst genaue deskriptive Analyse des bereits in Erscheinung getretenen „empirischen Selbst“ voraus. Dem Projekt der Selbstoptimierung sind aber nicht nur durch die genetischen Anlagen und die Faktizität Grenzen gesetzt, sondern auch durch kulturelle und gesellschaftliche Bewertungsmaßstäbe, Idealvorstellungen und faktische Selbsttechnologien. Schon hinsichtlich der Genese eines Selbstbilds und eines prospektiven Selbstentwurfs wäre es ein individualistisches Missverständnis anzunehmen, es handle sich um Kreationen sozial isolierter Einzelindividuen (vgl. dazu KipkeKipke, Roland 2011, 63). Vielmehr findet der Einzelne in seinem sozialen Umfeld Inhalte und Methoden der deskriptiven Selbstbeschreibung und eine Vielfalt an kulturellen normativen Selbstbildern vor, mit denen er sich auseinanderzusetzen hat. Was jemand ist und sein will ist nicht völlig abgekoppelt von anthropologischen und kulturellen Vorstellungen davon, was ein Mensch ist oder sein sollte. Natürlich können sich die Individuen zu den sozialen Deutungsmustern und normativen Standards von gelingender Selbstverwirklichung oder Selbstoptimierung verhalten und sich davon distanzieren, aber sie bleiben doch stets auf diese Maßstäbe bezogen (vgl. ebd., 65). Nicht zuletzt sind auch die Möglichkeiten und Grenzen der konkret zur Verfügung stehenden Praktiken und Techniken zur Selbstverbesserung kulturell vorgegeben. Von der anderen Seite aus gedacht erhebt der Einzelne mit seinem normativen Selbstkonzept oder seinen Selbstoptimierungszielen implizit auch immer schon den Anspruch, dass das von ihm Angestrebte und für wichtig Erachtete auch von den anderen geschätzt und als gut beurteilt werden sollte. Aufgrund der Angewiesenheit auf soziale Anerkennungsverhältnisse dürfte ein grundlegender Widerspruch zwischen einem persönlichen „Optimum“ oder „normativen Selbstbild“ zu den Menschenbildern und Wertvorstellungen im sozialen Umfeld dazu führen, dass das eigene Selbstwertgefühl mehr und mehr untergraben wird. Auf lange Sicht wird es niemanden glücklich machen, wenn er erfolgreich Selbstoptimierungs-Ziele verwirklicht, die von allen anderen Menschen als völlig wertlos eingestuft und verachtet werden (vgl. Fenner 2007, 65f.).

1.1.3 Enhancement

Der aus dem Englischen übernommene Neologismus „EnhancementEnhancement“ von „to enhance“: „Steigerung, Erhöhung“ wurde bereits in den 1990er Jahren in der Bioethik und der Technikfolgenabschätzung geprägt, als in verschiedenen Bereichen wie Humangenetik, Chirurgie und Pharmakologie neue wirkmächtige Technologien entwickelt wurden (vgl. Coenen u.a., 11). Zwar scheint beim „Enhancement“ anders als bei der „Optimierung“ die Vorstellung eines zu erreichenden „Optimums“ zu fehlen, aber wie gesehen meint auch Selbstoptimierung letztlich immer den Prozess einer schrittweisen Selbstverbesserung (1.1.1). Anders als die „Selbstoptimierung im weiten Sinn“ beschränkt sich das „Enhancement“ jedoch auf naturwissenschaftlich fundierte und technisch voraussetzungsvolle Methoden zur menschlichen Verbesserung, vornehmlich aus Medizin, Biochemie und den Neurowissenschaften. „Enhancement“ kann also mit der Selbstoptimierungenger/weiter BegriffSelbstoptimierung im engen Sinn gleichgesetzt werden und stellt eine Sonderform von Selbstoptimierung dar (vgl. Balandis u.a., 137/Röcke, 321f.). Gemäß der in der Bioethik geläufigen Begriffsbestimmung meint Enhancement im Allgemeinen bzw. das biomedizinische EnhancementEnhancementbiomedizinisches im Besonderen sämtliche Verbesserungen menschlicher Eigenschaften oder Fähigkeiten durch technologische bzw. biomedizinische Interventionen, die nicht dem Zweck einer Therapie von Krankheiten dienen, sondern über ein bestimmtes Maß an „Normalität“ oder „normalem Funktionieren“ eines Menschen hinausgehen (vgl. GesangGesang, Bernward, 4/HeilingerHeilinger, Jan-Christoph, 91f./Woyke, 21f.). Demgegenüber umfasst im alternativen Definitionsansatz der Transhumanisten (welfarist definition) „Enhancement“ alle biologischen oder psychischen Veränderungen, die zu einer Steigerung der Chancen auf ein gutes Leben der betreffenden Person führen (vgl. SavulescuSavulescu, Julian u.a., 7). Auch wenn bei dieser Betonung der allgemeinen normativen Bewertungshinsicht ohne Einschränkung der Mittel eine sehr weite Begriffsverwendung vorzuliegen scheint, setzen doch gerade Trans- und Posthumanisten auf neueste Technologien (Kap. 1.4). Im Gegensatz zur bioethischen Definition würden hingegen auch therapeutische Interventionen mit dem Resultat einer verbesserten Lebensqualität zu den Enhancement-Maßnahmen zählen, obwohl die deskriptive Abgrenzung von „Enhancement“ und „Therapie“ durchaus ethisch relevant ist (Kap. 1.3). Da sich diese Einführung auf neue technologische und insbesondere biomedizinische Verbesserungen konzentriert, kann für die thematische Gliederung die in der Enhancement-Debatte bereits gebräuchliche Einteilung in Körper-Enhancement (Kap. 3), Neuro-Enhancement (Kap. 4) und genetisches Enhancement (Kap. 5) verwendet werden.

1.2 Kulturelle Voraussetzungen und Ambivalenz des Selbstoptimierungstrends
1.2.1 Kulturelle Voraussetzungen

Individualisierung

Ideengeschichtlich betrachtet lässt sich der Trend zur Selbstoptimierung als konsequente und logische Fortsetzung verschiedener neuzeitlicher IndividualisierungsschübeIndividualisierungsprozesse verstehen: Auf gesellschaftlicher Ebene verloren traditionelle Sozialzusammenhänge wie Verwandtschaft, Nachbarschaft oder Religionsgemeinschaft immer mehr an Bindungskraft. Zu den großen sozialen und geistesgeschichtlichen Umbrüchen auf diesem Weg zählen die Reformation und die Glaubenskriege mit dem Zerbröckeln eines einheitlichen, stabilen Orientierungssystems, der besonders im Calvinismus geförderte, mit erhöhter Selbstbeobachtung und Selbstdisziplinierung verbundene religiöse Individualismus, die Idealisierung der Innerlichkeit in der Romantik und der drastische Rückgang der religiösen Sozialisierung seit den 1960er Jahren in Europa (vgl. LeefmannLeefmann, Jon, 102). Auf individueller Ebene hat sich in der Aufklärung das in der Renaissance aufkommende Selbstverständnis eines einzigartigen und autonomenAutonomie, s. Freiheit, Willens- Subjekts durchgesetzt, das sich mittels seiner subjektiven Rationalität sein eigenes Gesetz gibt. Dank des Siegeszugs der sich aus ihrem metaphysischen und religiösen Korsett befreienden Naturwissenschaften und der Technik macht sich der neuzeitliche Mensch die äußere Wirklichkeit verfügbar, um seine eigenen Bedürfnisse zu stillen. Unter Zurückweisung vorgegebener traditioneller Rollenbilder und Lebensmuster orientieren sich die Menschen zunehmend an selbst gesetzten Zielen, sodass in den 1960er Jahren ein Wertewandel weg von Pflicht- und Akzeptanzwerten hin zu ästhetischen und Selbstentfaltungswerten diagnostiziert wurde (vgl. Fenner 2003, 467). Auf wirtschaftlicher Ebene wurde die Individualisierung durch eine liberalistische Ökonomie und eine kapitalistische Kultur mit dem Prinzip des freien Marktes begünstigt, in der das individuelle Streben nach Gewinn und dem maximalen Erfüllen der subjektiven Wünsche den zentralen Motor darstellt. Neben seinen zahlreichen negativen Seiten hat der Kapitalismus den meisten Menschen in den westlichen Wohlfahrtsstaaten infolge des Wirtschaftswachstums einen hohen Lebensstandard, eine enormen Erweiterung der Lebensmöglichkeiten, mehr Freiheit, Flexibilität und Mobilität gebracht. Nicht zuletzt auch dank mehr freier Zeit wurden damit die Bedingungen dafür geschaffen, dass die Menschen sich vermehrt mit sich selbst und ihrem Leben beschäftigen konnten. Der aus der Soziologie stammende Begriff der IndividualisierungIndividualisierungsprozesse bezeichnet also den historischen Prozess eines Zugewinns an Autonomie und Wahlmöglichkeiten der Individuen, die sich aus fragwürdig gewordenen metaphysischen, religiösen und sozialen Ordnungssystemen und Strukturen herauslösen.

Je weniger der Einzelne von Gott, dem Schicksal oder der Tradition vorgegebene Aufgaben und Rollenmuster zu übernehmen gewillt ist, desto mehr rückt nun das eigene Selbst als einziger Orientierungspunkt in den Vordergrund und wird zur neuen Quelle von Normativität. Individuelle Selbstgestaltung und Lebensplanung gelten als die großen existentiellen Herausforderung des modernen Menschen, der alle Entscheidungen über Ausbildung, Beruf, Familie und Wohnort selbstreflexiv und selbstverantwortlich treffen und seinen individuellen Lebenslauf selbst entwerfen muss (vgl. Beck 2003, 216ff./SelkeSelke, Stefan 2014a, 188). Noch vor der Konjunktur des Schlagworts „Selbstoptimierung“ war in den 1970er und 80er Jahren der Begriff „SelbstverwirklichungSelbstverwirklichung“ für diese neue Innenorientierung in Mode gekommen, der gleichfalls eine Schlüsselkategorie des modernen Selbstverständnisses darstellt. Obgleich das Konzept der „Selbstverwirklichung“ von den deutschen Idealisten in die Philosophie eingeführt wurde, verhalf ihm erst die humanistische PsychologiePsychologiehumanistische in den 1970er Jahren zum Durchbruch. Selbstverwirklichung meint allgemein die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit, indem man seine eigenen Möglichkeiten und Talente ungeachtet gesellschaftlicher Erwartungshaltungen ausschöpft. Dabei hat auch die Vorstellung von „Selbstverwirklichung“ eine Individualisierung erfahren, da grundsätzlich zwei Deutungsmöglichkeiten offen stehen (vgl. Fenner 2007, 92): Im essentialistischen capacity-fulfillment-ModellSelbstverwirklichungcapacity-fulfillment-Modell wird von einem bereits vorgegebenen metaphysischen oder biologisch angeborenen „Selbst“ ausgegangen, das lediglich in der Welt realisiert werden muss. Dieses von vielen humanistischen Psychologen von Goldstein über Fromm bis Maslow vertretene Entfaltungsmodell der Selbstverwirklichung wird gern mit der Analogie zum Wachstum eines Samenkorns illustriert, bei der allerdings die zentrale Rolle von Vernunft, Erziehung und Bildung in der menschlichen Entwicklung unterschätzt wird. Denn die genetischen Anlagen und Fähigkeiten sind beim Menschen so unbestimmt, dass sie zu höchst unterschiedlichen positiven oder negativen Zwecken einsetzbar sind (vgl. dazu Fenner 2003, 372; 472f.). Aufgrund dieser zweifelhaften Prämissen dominiert heute das individualistische aspiration-fulfillment-ModellSelbstverwirklichungaspiration-fulfillment-Modell, bei dem die Freiheit der Individuen viel stärker betont wird. Es gilt dann nicht ein vorgegebenes „Selbst“ zu realisieren, sondern die wichtigsten Wünsche oder Ziele eines Individuums (vgl. KipkeKipke, Roland 2011, 82f.; 209).

Subjektivierung und Psychologisierung des Glücks

Dieser vielschichtige Prozess der Individualisierung und die Suche nach neuen innerlichen Quellen normativer Handlungsorientierung haben zu einer Renaissance der antiken IndividualethikEthikIndividual-, Strebens- geführt: Nachdem Themen der individuellen Lebensführung wie die Frage nach dem Glück und guten Leben sowohl in der Philosophie als auch in der Öffentlichkeit jahrhundertelang zugunsten moralischer Belange vernachlässigt wurden, genießen sie seit den 1970er Jahren erneut hohe Aufmerksamkeit (vgl. Fenner 2007, 7). Die Dominanz der Fremdorientierung und des Ideals der Selbstlosigkeit war gebrochen, sodass Selbstorientierung und Selbstsorge nicht länger als egoistisch verpönt waren. Während allerdings in Antike und Mittelalter von objektiven Kriterien für menschliches Glück ausgegangen wurde, hat im Laufe der neuzeitlichen IndividualisierungsprozesseIndividualisierungsprozesse eine GlückSubjektivierung/Psychologisierung desSubjektivierung und Individualisierung des Glücks stattgefunden: Das Individuum soll keine vorgegebenen Aufgaben mehr im Kosmos oder einem göttlichen Schöpfungsplan erfüllen, sondern seine ganz persönlichen Wünsche und Ziele realisieren und sein Glück in der Selbstverwirklichung finden (vgl. Höffe, 19/KipkeKipke, Roland 2011, 209f.). Im Zeichen eines anhaltenden „Glücksbooms“ wird der Büchermarkt überschwemmt von einer Fülle populärwissenschaftlicher, spiritueller bis hin zu kabarettistischer Ratgeberliteratur, die zusammen mit Feuilletonbeiträgen und Blogs den Weg zum GlückGlück weisen. Es wird im Sinne des typisch neuzeitlichen Macht- und Machbarkeitsdenkens suggeriert, das Glück sei planbar und herstellbar und jeder könne sein eigenes Glück „schaffen oder aufbauen“ (Lyubomirksy, 24). In ihrer schlichtesten Form bietet die Lebenshilfeliteratur Anleitungen zum Selbermachen und gibt einfache Rezepte, wie man sein Leben zu einem glücklichen machen kann. So soll man etwa „Krisen als Chancen“ betrachten und widrige Umstände positiv deuten, „achtsam“ oder „authentisch“ leben, sich selbstgewählte Ziele setzen und sich selbst optimieren. Je aufdringlicher die Werbeindustrie den Menschen Glück durch den Erwerb bestimmter Güter oder die Nutzung spezifischer Dienstleistungsangebote verspricht, scheint das Glück selbst zur Pflicht erhoben zu werden. Kritische Zeitgenossen sprechen angesichts der omnipräsenten Glücksverheißungen von einer „Diktatur des Glücks“ und einer „Glückshysterie“, weil jedem eingeimpft wird: „Du musst glücklich sein, sonst lohnt sich dein Leben gar nicht“ (SchmidSchmid, Wilhelm 2012, 8). Das intensivierte Glücksstreben und die Betrachtung des individuellen Glücks als Indiz für eine gelingende Selbstverwirklichung und Lebensführung haben dem Selbstoptimierungstrend den Weg bereitet und ihn angekurbelt.

Nachdem in der Antike vornehmlich die Philosophie für Fragen der Lebenskunst und des Glücks der Einzelnen zuständig war, scheinen sie aber seit ihrer Renaissance in den Zuständigkeitsbereich der Psychologie gerückt zu sein: Von einer Therapeutisierung oder Psychologisierung des GlücksGlückSubjektivierung/Psychologisierung des lässt sich insofern sprechen, als sich immer häufiger Psychologen und Psychotherapeuten für Experten menschlichen Glücks erklären und Unterstützung bei einer gelingenden Selbstverwirklichung bieten. In den 1970er Jahren kam es zu einem allgemeinen „Psycho-Boom“, weil das Interesse der Bevölkerung an einer im weitesten Sinn verstandenen Therapie als sozialer Praxis wuchs und sich immer mehr Zeitungen, Zeitschriften und Ratgeber therapeutischer Konzepte bedienten (vgl. Elberfeld, 176). Einen Beitrag zur Popularisierung der Psychologie leistete auch die 1990 gegründete Positive PsychologiePsychologiepositive, die nach der ausschließlichen Beschäftigung der Psychologie mit psychischen Krankheiten bzw. Störungen die Steigerung der psychischen Gesundheit und positiver Gefühle wie Glück zum Programm erhob (vgl. Seligman, 11). Neben die psychologischen Therapie- und Beratungsangebote trat seit den 1980er Jahren das Coaching, das verschiedene Trainings- und Beratungsmethoden umfasst. Ursprünglich aus dem Sport stammend wurde das Coaching zunächst auf das Training von Führungskräften übertragen und später auf individuelle Beratung aller Menschen ausgedehnt, sodass aus dem Management-Coaching Anleitungen zum Selbstmanagement wurden (vgl. Eberfeld, 189ff.): Coaches helfen den Kunden, ihre persönlichen Potentiale, Stärken und Perspektiven besser einzuschätzen und zu entwickeln, neue Kompetenzen und Strategien zur besseren Bewältigung von Krisen zu erwerben und sich adäquater und erfolgreicher an ihren persönlichen Zielen zu orientieren. Während es beim SelbstmanagementSelbstmanagement in den frühen Phasen vorwiegend um die Steigerung der Arbeitsproduktivität mittels Zeitplanung und To-do-Listen ging, rückte mit jeder Generation mehr die Verbesserung der Lebensqualität mit Zielen wie etwa persönliches Wachstum, Erarbeiten inspirierender Zukunftsperspektiven und befriedigender Beziehungen zu anderen ins Zentrum. Ähnlich wird im Glücks-Coaching typischerweise die Stärkung des Selbstwertgefühls und Selbstvertrauens, mehr Freude in Beruf und Partnerschaft, Gelassenheit und Kreativität im Umgang mit Um- und Mitwelt versprochen. Je populärer die sich auf psychologisches Wissen beziehenden Programme zum Überschreiten des Gesunden und Normalen auf Selbstoptimierung hin werden, desto mehr avancieren therapeutische Praktiken zu „universell einsetzbaren Technologien des Selbst“ (Elberfeld, 194).

1.2.2 Ambivalenz des Selbstoptimierungstrends

1) Positive Aspekte

Das Programm des Selbstoptimierungstrends erscheint als ein grundsätzlich positivesSelbstoptimierungpositive Aspekte, da es zu einem positiven Denken, einem optimistischen Selbstverhältnis und einer auf Verbesserungen abzielenden, aktiven Lebensführung auffordert. Die Kernbotschaft lautet, dass jeder jederzeit unliebsame schädliche Gewohnheiten und Einstellungsweisen verändern, sein Schicksal in die eigene Hand nehmen und etwas für seine Gesundheit und sein Glück tun kann. Es geht bei diesem neuen gesellschaftlichen Leitbild nicht wie in vergangenen Jahrhunderten vorwiegend um den Kampf gegen Entbehrung, Leid und Krankheit, sondern um positive Zielvorstellungen wie Gesundheit, Kreativität, Produktivität und Zufriedenheit. Die allgegenwärtige Motivation zur Arbeit am eigenen Selbst und am eigenen Glück durch sukzessives Feilen an der persönlichen Lebensgestaltung fördert aus Sicht der Befürworter die individuelle Freiheit und Verantwortung der Einzelnen und bestenfalls auch ihr Wohlergehen (vgl. DuttweilerDuttweiler, Stefanie, 8). Im gegenwärtigen Streben nach individueller Selbstverbesserung komme das moderne Ideal persönlicher AutonomieAutonomie, s. Freiheit, Willens- oder Selbstbestimmung zum Ausdruck, das in der gegenwärtigen westlichen Gesellschaft als oberster Wert gilt (vgl. GammGamm, Gerhard, 47ff.): Der Einzelne versteht sich nicht mehr als Opfer der Verhältnisse und muss nicht religiöse oder traditionelle Aufgaben erfüllen, sondern tritt als selbstbewusster Autor seiner selbst und seines Lebens in Erscheinung und führt die Eigenregie bei seiner Selbstdarstellung. Während für vergangene Generationen selbstverständlich war, dass Frauen Kinder großziehen und den Haushalt führen und Männer den Beruf ihres Vaters erlernen und den väterlichen Betrieb oder Hof übernehmen, kann heute jeder zwischen schier unüberblickbaren Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten das für ihn Passende auswählen. Dank des hohen Lebensstandards steht nicht mehr die Befriedigung der materiellen Bedürfnisse im Zentrum, sondern die Suche nach einem eigenen Lebensstil hinsichtlich Bildung, Freizeitaktivitäten, Ernährung und Umgang mit dem eigenen Körper (vgl. Schimank, 2). Anstelle der ehemaligen Stände oder gesellschaftlichen Milieus hat sich eine Vielfalt von Lebensstil-Szenen zu verschiedenen Möglichkeiten der Selbst- und Lebensgestaltung ausdifferenziert, so z.B. der „Lifestyle of health and sustainability“ (LOHASLOHAS). Aus dieser Perspektive steht also das moderne Projekt der Selbstverwirklichung und SelbstoptimierungSelbstoptimierungpositive Aspekte für den Übergang von einer autoritätsgläubigen unterwürfigen Persönlichkeit zu einem emanzipierten autonomen Subjekt, der als Befreiungsschlag und höchst positive Errungenschaft bewertet wird.

Aus kritischer Distanz erscheint der hinter dem Selbstoptimierungs-Trend stehende IndividualismusIndividualisierungsprozesse und LiberalismusLiberalismus allerdings oft als einseitig und realitätsfremd. Denn Anleitungen zur Selbstoptimierung und populäre Glücksratgeber suggerieren mitunter, ein erfolgreiches und glückliches Leben sei nur das Resultat der Arbeit am eigenen Selbst oder gar von Autosuggestion (vgl. Hirschhausen, 154/Lyubomirsky, 16). Genährt werden unter Umständen sogar trügerische Omnipotenzphantasien, mit mehr Eigenaktivität, Selbstwirksamkeit und Resilienz alle äußeren Hindernisse überwinden zu können (vgl. dazu UhlendorfUhlendorf, Niels u.a., 35). Kritiker der IndividualisierungSelbstoptimierungnegative Aspekte und Psychologisierung des Glücks bezeichnen es als „kollektive Selbsttäuschung“, dass jeder Mensch als ein freies, gestaltungsfähiges Individuum allein mit den richtigen Einstellungen und Taten sein Glück in der Welt schmieden könne (vgl. Hampe, 56). Denn unbestreitbar findet er zum einen eng gezogene individuelle biologische Grenzen vor, weil auch mit Schönheitsoperationen Alterungsprozesse lediglich verzögert und ein fehlendes Bewegungstalent oder ein niedriger IQ durch Training oder Enhancement nicht kompensiert werden können. Zum anderen wird ein Mensch nach wie vor hineingeboren in bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse mit gewissen Ressourcen und Beschränkungen und kann jederzeit Opfer von Naturkatastrophen oder Gewalttaten werden. Angesichts dessen mutet die positiv-anspornend gemeinte individualistische Lesart des Sprichworts „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“ naiv an, jeder brauche nur positiv zu denken oder an seiner persönlichen Lebensgestaltung zu arbeiten. Das Pochen auf den Zugewinn an Chancen und Möglichkeiten dank des modernen IndividualismusIndividualisierungsprozesse und LiberalismusLiberalismus wird dann sozialethisch bedenklich, wenn es zur Verweigerung einer Auseinandersetzung mit den bestehenden sozialen, politischen und ökonomischen Verhältnissen führt. Ein naiver Optimismus Optimismus, naiver/funktionalerist aber auch individualethisch problematisch, weil eine durchgängig positive Einstellung zum Leben und zur Zukunft zu einer Überschätzung der eigenen Kontrollfähigkeit und Kompetenzen führt und gegen berechtigte Kritik immunisiert. Damit kommen Optimisten aber die Voraussetzungen für ein „lernendes System“ abhanden, weil sie nicht aus Fehlern in der Vergangenheit lernen und Gefahren und Risiken rechtzeitig erkennen und verhindern können (vgl. dazu Schmied 2012, 44/Seligman, 73). Individualethisch günstig ist nur ein funktionaler Optimismus, bei dem Probleme nicht ausgeblendet, sondern als Herausforderungen betrachtet und stets die offen stehenden Chancen in den Fokus gerückt und voll ausgeschöpft werden (vgl. Fenner 2007, 134f.).

Zur Verteidigung des Programms der Selbstoptimierung wird gern auf die KontinuitätArgumenteKontinuitäts- verwiesen, mit der die Menschen seit Jahrtausenden auf Selbstverbesserung ausgerichtet sind. In der Tat waren die Menschen noch nie einfach zufrieden damit, wie sie waren, sondern versuchten sich und ihr Leben stets mittels physischer, psychischer und mentaler Anthropotechniken zu verbessern (vgl. Leuthold, 11/WiesingWiesing, Urban 2006, 324). Das Streben nach Höherem und Besserem scheint im Menschen angelegt zu sein und bildet sozusagen seinen Lebensmotor und den Antrieb zur kulturellen Weiterentwicklung. So lässt sich der Mensch anthropologisch als „homo modificanshomomodificans“ und „das sich optimierende und normierende Lebewesen“ bestimmen (StraubStraub, Jürgen u.a., 19). Allerdings haben sich die theoretischen Zielvorstellungen und praktischen Methoden im Laufe der Geschichte stark gewandelt, und die angestrebten oder erlangten Veränderungen erscheinen von außen nicht immer als „Verbesserungen“ (vgl. ebd.). Für die Menschen der Antike war das „OptimumOptimierung, Optimum“ in der teleologischen Ordnung der Natur vorgegeben, und alle Maßnahmen sollten nur das vollenden, was in der Natur angelegt ist (vgl. WiesingWiesing, Urban 2006, 324ff.). Dieser Vorstellung immanenter Zwecke in der Natur folgte im Mittelalter der Glaube an die vollkommene göttliche Schöpfungsordnung, wobei Abweichungen des Menschen von der gottgewollten Vollkommenheit als Resultat der Ursünde verstanden wurden. Sie sollten vorwiegend mit geistigen und religiösen Anstrengungen so weit wie möglich schon im Diesseits abgeschwächt werden, auch wenn das eigentliche „OptimumOptimierung, Optimum“ erst dank Gottes Gnade im Jenseits erreichbar war. Das Streben nach Perfektionierung gewann in der Aufklärung als umfassendes Denk- und Lebensmodell mächtigen Auftrieb, weil der Mensch einerseits als grundsätzlich veränderbares und erziehbares Wesen, andererseits zugleich als mangelhaft und verbesserungswürdig galt (vgl. Glockentöger u.a., 74f.). Es wurde in der Aufklärungsphilosophie geradezu als moralische Pflicht angesehen, seine leiblichen, seelischen und geistigen Kräfte zu vervollkommnen (vgl. KantKant, Immanuel, 55f./LenkLenk, Christian, 50f.). Im Laufe der Neuzeit verloren die Vorstellungen der Naturteleologie und einer göttlichen Ordnung immer mehr an Bedeutung, sodass sich die Eingriffsmöglichkeiten nicht länger vor traditionellen Orientierungsvorgaben legitimieren mussten. Mit dieser Entgrenzung der Möglichkeiten gingen aber die normativen Kriterien für die bahnbrechenden technischen und medizinischen Errungenschaften im 19. und 20. Jahrhundert wie etwa Mensch-Maschine-Verbindungen oder Gentechnik verloren, anhand derer sich „Verbesserungen“ und ein „Optimum“ des Menschen bestimmen lassen.

2) Negative Aspekte

Der enorme Zuwachs an Wahlmöglichkeiten und individueller Autonomie im Zuge der verschiedenen Individualisierungsschübe weist offenkundig auch SchattenseitenSelbstoptimierungnegative Aspekte auf wie die Zunahme an Entscheidungszumutungen und persönlicher Selbstverantwortung (vgl. Schimank, 3). Nachdem sichere normative Orientierungsstrukturen abhanden gekommen sind und es zu jeder Handlungsoption zahllose Alternativen gibt, quälen sich viele Menschen mit ständigen Selbstzweifeln: Hätte ich es nicht vielleicht anders machen sollen und hätte es nicht noch besser laufen können oder müssen? Das sich selbst optimierende „unternehmerische SelbstSelbstunternehmerisches“ scheint notwendig ein „unzulängliches Individuum“ zu sein, das nie mit sich selbst zufrieden ist, weil es stets hinter seinen eigenen Ansprüchen zurückbleibt (BröcklingBröckling, Ulrich, 289). Als „Tragödie des Erfolgs“ bezeichnet Leon KassKass, Leon, dass die Menschen trotz enormen wissenschaftlich-technischen Fortschritten z.B. in der Medizin nicht zufriedener mit ihrem Gesundheitszustand geworden sind (vgl. 133f.). Da das Streben nach Perfektion zu Intoleranz gegenüber Fehlern und dem Unvollkommenen führe, gelte das Paradox: „Je perfekter der Mensch werden will, desto unvollkommener wird er.“ (MaioMaio, Giovanni 2018, 251) Selbstoptimierungnegative AspekteWenn individuelle Unsicherheit und Selbstunzufriedenheit mit dem omnipräsenten gesellschaftlichen Appell zur Perfektionierung und Selbstverantwortung zusammentreffen, können sie sich leicht zu einem negativen Lebensgefühl verdichten und zu Erschöpfungszuständen führen. Das erschöpfte SelbstSelbsterschöpftes ist nach Alain EhrenbergEhrenberg, Alain ein ausgebranntes Selbst, das kaum mehr Orientierungsstrukturen und Regeln im Außen vorfindet, sondern sich flexibel und mobil an eine komplexe, sich ständig verändernde provisorische Welt anpassen und dabei alles selbst entscheiden und verantworten muss (vgl. EhrenbergEhrenberg, Alain, 141; 222; 277). Die in westlichen Ländern steigende Zahl von Burn-outBurnout-Vorkommnissen, Depressionen und Angststörungen wird in direkten Zusammenhang gebracht mit den gegenwärtigen Welt- und Selbstdeutungen mit ihren maßlosen Perfektionsidealen. In vielen Bestsellern wie etwa Ariadne von Schirachs Du sollst nicht funktionieren (2015) oder Arnold Retzers Miese Stimmung (2012) wird daher eine radikale Abkehr vom Optimierungswahn und dem Diktat des positiven Denkens gefordert, wohingegen Pessimismus und negative Gefühle aufzuwerten seien. Der Perfektionierungsthese wird von Philosophen wie Harry FrankfurtFrankfurt, Harry und Michael SloteSlote, Michael die Suffizienzthese entgegengesetzt, derzufolge eine Haltung der zufriedenen Selbstbescheidung und Mäßigung rationaler ist als eine unbegrenzte Optimierung der Lebenssituation (vgl. SloteSlote, Michael, 10/Knell, 368f.).

Kritiker des Selbstoptimierungstrends bestreiten auch einen ursprünglichen inneren Drang der Individuen zur Selbstverbesserung, weil sich die Subjekte lediglich dem steigenden sozialen DruckDruck, sozialer anpassen (vgl. KingKing, Vera u.a., 285). Gemäß vielen aktuellen Gesellschaftsdiagnosen stellt die Selbstoptimierung für den Einzelnen längst keine Option mehr dar, sondern eine gesellschaftliche Pflicht oder einen „moralischen Imperativ“ (vgl. SelkeSelke, Stefan 2014a, 189/GammGamm, Gerhard, 34). Der von außen kommende Fremd-Zwang werde zum Selbst-Zwang umverwandelt, wobei sich der Einzelne die „Illusion der Autonomie“ erschaffe (vgl. KingKing, Vera u.a., 286; 289): Die institutionelle „Verbesserungslogik“ knüpfe nur an das moderne Autonomieideal und Selbstverwirklichungsstreben an, um das „Maß der Unterwerfung“ zu kaschieren (vgl. KingKing, Vera u.a., 286). Zu unterwerfen hätten sich die Menschen den Idealen der Effizienz- und LeistungssteigerungEffizienz-/ Leistungssteigerung, wie sie v.a. für die Arbeitswelt mit ihrem verschärften WettbewerbsdruckLeistungsdruck, hohen Ansprüchen an Flexibilität, Mobilität und Selbstorganisation und einer Beschleunigung der Arbeit typisch sind. Aufgrund der Totalität beruflicher Anforderungen und einer fortschreitenden Ökonomisierung der Lebenswelt Ökonomisierung der Lebensweltweite sich dieses ökonomische Effizienz- und Konkurrenzdenken des neoliberalenNeoliberalismuskritik Selbstoptimierungnegative AspekteKapitalismus von der Arbeitswelt auf das Privatleben, die sozialen Beziehungen und die gesamte Lebensführung aus (vgl. ebd., 284/Becker u.a., 5/Kap. 1.2). Da die ungünstigen Arbeits- und Lebensbedingungen bestehen bleiben, bedeute die „Ermächtigung“ zu Freiheit und Selbstverbesserung paradoxerweise eine Anleitung zur ständigen kompromissbereiten Anpassung an gegebene Umstände (vgl. DuttweilerDuttweiler, Stefanie, 8). Die Einzelnen unterwerfen sich aus dieser Sicht den gesellschaftlichen Anforderungen lediglich aus Angst vor dem Verlust an Anerkennung, dem sozialen Abstieg und dem Scheitern im permanenten Ausscheidungswettkampf (vgl. BröcklingBröckling, Ulrich, 289/UhlendorfUhlendorf, Niels u.a., 32; 46). Statt um einen Imperativ zur Selbstoptimierung handle es sich dabei genau genommen um einen „Imperativ zur SelbstausbeutungSelbstausbeutung“, weil die Getriebene unter den Zwängen leiden (vgl. UhlendorfUhlendorf, Niels u.a., 46). Während viele Menschen die destruktiven Risiken und psychischen und somatischen Symptome bagatellisieren, liegen bei anderen Erschöpfung und ohnmächtiges Leiden offen zutage (vgl. ebd., 32f./Salfeld u.a., 10f.). Obwohl es für das mediale Schlagwort BurnoutBurnout bis heute keine validen allgemeingültigen Diagnosekriterien gibt und die komplexen inneren und äußeren Ursachen noch erforscht werden, fungiert der Begriff in öffentlichen Selbstoptimierungs-Debatten geradezu als Synonym für Leistungsträger, die rund um die Uhr erreichbar sind und bis zur Erschöpfung arbeiten (vgl. MühlhausenMühlhausen, Corinna 2013, 122f.).

Diese neoliberalismuskritische Darstellung des Selbstoptimierungsstrebens als einverleibter Fremd-Zwang ist allerdings genauso einseitig und tendenziös wie die radikale Autonomiethese. Die skizzierten neuzeitlichen Emanzipations- und IndividualisierungsbestrebungenIndividualisierungsprozesse lassen sich schwerlich auf eine reaktive Anpassung an wirtschaftliche Anforderungen reduzieren, weil sich die Menschen vom Kampf um mehr Freiheit und ein individualisiertes Glücksstreben vielmehr eine Steigerung der Lebensqualität erhofften. Die „Verschmelzung“ steigender individueller Ansprüche und marktrelevanter Forderungen ist also viel komplexer und konzeptuell schwer zu fassen (vgl. KingKing, Vera u.a., 286). Auch gibt es in der gegenwärtigen Optimierungsgesellschaft durchaus positive Muster der Lebensführung, bei denen eine begeisterte Bejahung der zahllosen Möglichkeiten des Optimierens mit angemessener Selbst- und Fremdsorge einhergehen (vgl. Salfeld u.a., 10/UhlendorfUhlendorf, Niels u.a., 34). Menschen scheitern offenkundig nur, wenn bestimmte ungünstige psychische Startbedingungen wie niedriges Selbstbewusstsein und mangelnde Zuwendung in Primärbeziehungen und unerfüllbare äußere berufliche Anforderungen oder unsichere Arbeitsverhältnisse aufeinandertreffen (vgl. ebd., 32; 44/KingKing, Vera u.a., 287). Sie zerbrechen dann aber nicht am generalisierten Zwang zur permanenten Selbstoptimierung, sondern an Überlastung z.B. infolge von ArbeitsverdichtungArbeitsverdichtung, unrealistischen Arbeitserwartungen oder entgrenzter Arbeitszeit, prekärer befristeter Arbeitsverhältnisse, Doppelbelastung durch Beruf und Familie etc. Folgerichtig müsste sich die Kritik auch gegen solche ganz konkreten Missstände richten. Da nur unter bestimmten problematischen Bedingungen der Appell zur Selbstoptimierung negativ als Zwang und nicht positiv als Motivationsschub erlebt wird, gibt es keinen einfachen Zusammenhang zwischen Optimierungs- und Leistungsdruck und Erschöpfungsreaktionen oder BurnoutBurnout (vgl. UhlendorfUhlendorf, Niels u.a., 33; 47). Aus psychologischer Sicht sind die wenigsten Menschen masochistisch veranlagt und verschreiben sich auf Dauer Selbstoptimierungsprogrammen, die autodestruktiv sind und weder Vergnügen noch Befriedigung bringen (vgl. Balandis u.a., 148). Die befürchtete Entsolidarisierung der individualisierten Gesellschaft drohte nur dann, wenn der gesellschaftliche Ruf nach Selbstoptimierung zur Entlastung von Politik und Gesellschaft führte und der Einzelne ungeachtet unwürdiger Erwerbs- und Lebensbedingungen auch für sein Unglück selbst verantwortlich sein soll. Der sozialethisch höchst problematische Umkehrschluss zur positiven liberalen Maxime „Jeder ist seines Glückes Schmied“ lautete dann: Wer im Leben nicht alles erreicht hat und nicht sein Glück macht, hat sich nicht genug angestrengt!

3) Notwendigkeit einer Ambivalenztoleranz

Klare Einordnungen der Selbstoptimierung in oppositionelle Kategorien wie „positiver Ansporn“ oder „Selbstausbeutung“, „Freiheitszuwachs“ oder „sozialer Druck“, „Weg zum Glück“ oder „Wahn“ werden der Komplexität der Thematik nicht gerecht und behindern die gesellschaftliche Debatte. Bei multifaktoriellen und vielschichtigen kulturellen Entwicklungsprozessen ist es nicht leicht auseinanderzuhalten, was „von innen“ von den Menschen selbst oder „von außen“ von der Gesellschaft kommt, deren Teil die Menschen sind. Individuelle Autonomie und gesellschaftliche Orientierungsmuster und Wertstandards schließen einander in demokratischen Gesellschaften keineswegs kategorisch aus. Optimierungsbemühungen führen nicht zwingend zu Selbstausbeutung und Erschöpfung, sondern viele Menschen haben Spaß an den neuen Möglichkeiten der Weiterentwicklung, der erhöhten Selbstkontrolle und Selbstverantwortung und dem besseren Erreichen ihrer Ziele (vgl. Balandis u.a., 134; 148/KingKing, Vera u.a., 292). Selbstoptimierungnegative AspekteSchwerlich ist schon das typisch menschliche Bestreben problematisch, sich selbst zu verändern und das Beste aus sich und seinem Leben zu machen. Nur unangemessene, unerreichbare Perfektionsideale und ein übersteigerter PerfektionismusPerfektionismus/perfektionistisch und Kontrollzwang führen zu Selbstüberforderung und Minderwertigkeitsgefühlen. Weder ein erfolgszuversichtliches, strukturiertes und effektives Handeln und lebenslanges Lernen zum ständigen Effizienz-/ LeistungssteigerungErwerb neuer Kompetenzen noch auch erhöhte Selbstverantwortung, Eigeninitiative und Selbstorganisation sind einem guten Leben abträglich, sondern begünstigen es im Gegenteil. Verwerflich sind nur die sich darauf abstützenden, maßlos gesteigerten und unerfüllbaren beruflichen oder gesellschaftlichen Anforderungen an die Einzelnen. Werden auch unverantwortete, sozial oder natürlich bedingte Kosten und Risiken dem Einzelnen angelastet, so werden die Ansprüche an die individuelle Selbstverantwortung deutlich überzogen und die „Pflicht zum Glück“ wird „asozial“ (vgl. SchmidSchmid, Wilhelm 2012, 7ff./GugutzerGugutzer, Robert, 2). Es braucht eine gelassene und sachlich-nüchterne Einstellung, um diese grundlegende und hochgradige Ambivalenz der Selbstoptimierung erst einmal wahrnehmen zu können (vgl. Balandis u.a., 148). Ins Zentrum der gesellschaftlichen Debatten sollten dann jedoch die zukunftsgerichteten Fragen rücken, welche Aspekte des Selbstoptimierungstrends sich positiv oder negativ auf das individuelle oder gesellschaftliche Leben auswirken und mit welchen Regulierungsmaßnahmen sich seine Weiterentwicklung gezielt beeinflussen lässt. Die Anwendungskontexte und verschiedenen Formen von Selbstoptimierung sind allerdings so vielfältig, dass pauschale Urteile wenig sinnvoll sind und sorgfältige Einzelfallanalysen durchgeführt werden müssen (vgl. AchAch, Johann 2016, 141).

1.3 Wunscherfüllende Medizin und die Abgrenzung von Therapie und Enhancement

Zum Zwecke der Selbstoptimierung werden immer stärker auch die ständig erweiterten und präziseren Verbesserungsmöglichkeiten der Medizin nachgefragt. Parallel zum Selbstoptimierungstrend wird infolgedessen auch ein Gestaltwandel im traditionellen Grundverständnis der Medizin hin zu einer wunscherfüllenden MedizinMedizinwunscherfüllende/kurative diagnostiziert (vgl. KettnerKettner, Matthias, 81f./Junker u.a., 66f.): Während die traditionelle Medizin wesentlich kurativ war und der Heilung und Prävention von Krankheiten diente, werden medizinische Verfahren in der modernen Medizin zunehmend zur Erfüllung individueller Wünsche nach Vitalität, Lifestyle, Lebensplanung, Verschönerung des Körpers und Optimierung der normalen Funktionsfähigkeiten eingesetzt. Traditionell war die Medizin am Krankheitsbegriff orientiert und konzentrierte sich auf die Pathogenese als Entstehung von Krankheiten, wohingegen Gesundheit negativ als Abwesenheit von Krankheit definiert wurde. Im Gegensatz dazu wendet sich die wunscherfüllende MedizinMedizinwunscherfüllende/kurative der Gesundheit als einer positiven und beliebig steigerbaren komplexen „soziobiologischen Qualität“ zu und kümmert sich um die Salutogenese, d.h. die Entstehung und Erhaltung von Gesundheit (vgl. KettnerKettner, Matthias, 86). Zu diesen tiefgreifenden Strukturveränderungen gehört auch ein grundlegender Wandel im Rollenverständnis und in der wechselseitigen Beziehung von Arzt und Patient: An die Stelle des zu behandelnden Patienten als einem bedürftigen, kranken oder krankheitsgefährdeten Menschen in der kurativen Medizin tritt im Rahmen der wunscherfüllenden Medizin ein gesunder und autonomer Klient oder Kunde, der eine von ihm gewünschte individualisierte Dienstleistung nachfragt. In seiner traditionellen Rolle beurteilt der Arzt mit objektivem Blick und nach etablierten Kriterien die Indikation, d.h. die Behandlungsbedürftigkeit des Patienten und übernimmt die Verantwortung für die allenfalls einzuleitende angemessene Therapie. Im neuen wunschorientierten Modell wird das Angebot hingegen nicht durch den Arzt mit seinem medizinischen Wissen und Können gesteuert, sondern letztlich durch die Nachfrage der Klienten (vgl. ebd., 87). Im Verlauf des Paradigmenwechsels in der Medizin gewinnt somit die Patientenautonomie gegenüber dem ärztlichen Paternalismus an Bedeutung, und es kommt zu einer Deregulierung und Kommerzialisierung des Gesundheitssystems. Aufgrund der dabei vorwiegend zum Einsatz kommenden biomedizinischen Methoden ist die wunscherfüllende Medizin zu einem großen Teil Enhancement-MedizinMedizinEnhancement-. Zur wunscherfüllenden Medizin zählen außerdem noch die gegen die „Schulmedizin“ gerichtete „Komplementär“- oder „Alternativmedizin“ mit einem ganzheitlichen Gesundheitsbegriff und die von den Kunden selbst zu zahlenden, medizinisch sinnvollen, aber nicht notwendigen „individualvertraglichen Gesundheitsleistungen (IGeL)“ (vgl. KettnerKettner, Matthias, 84ff./Junker u.a., 64f.).

Da die geschilderten medizinischen Strukturveränderungen in komplexe kulturelle Prozesse wie politische Programme zur Förderung medizinischer Forschung und Entwicklung, soziale Gesundheitssysteme und gesellschaftliche Hintergrundannahmen von Gesundheit und Krankheit eingebettet sind, bedarf es öffentlicher ethischer Diskurse über den Wandel im Grundverständnis der Medizin. Denn im Wettbewerb um Mitglieder geraten beispielsweise die Krankenkassen zunehmend unter Druck, über die kurativen Maßnahmen hinaus entsprechend der Wünsche der Kunden auch alternative und medizinisch nicht indizierte Leistungen anzubieten. Indem Ärzte von heilenden Versorgern zu medizinischen Dienstleistern und Helfern individueller Wunscherfüllung mit ganz neuen Einkommensmöglichkeiten werden und die Kunden die gewünschten Gesundheitsleistungen selbst zahlen, droht Gesundheit zu einem Konsumgut im freien Wettbewerb der kapitalistischen MarktwirtschaftGesundheitssystem, marktliberales (Präferenz-Effizienz-Modell) zu werden. Entgegen weit verbreiteter impliziter Unterstellungen ist der neue medizinische Leitbegriff einer präferenzorientierten Dienstleistung keineswegs „wertneutral“, sondern muss kritisch reflektiert werden (vgl. MaioMaio, Giovanni 2006, 340). Befürchtet wird von Skeptikern eine problematische Verschiebung im ärztlichen Ethos von der traditionellen altruistischen „Humanität des Arztes“ zur „Egozentrik des ‚Patienten‘“ (Eberbach, 13). Ärzte und Kliniken könnten sich statt an Werten wie Gemeinwohl und Volksgesundheit bzw. an einem allgemeinmenschlichen Recht auf Gesundheit immer mehr an ökonomischen Eigeninteressen orientieren. Abzulehnen ist klarerweise ein radikalliberales Modell mit einer totalen Kommerzialisierung medizinischer Leistungen und der Einebnung des Unterschieds zwischen medizinisch indizierten und wunschmedizinischen Behandlungen, weil eine marktförmige Verteilung leicht zu einer „Fehlallokation“ der Gesundheitsleistungen führt (vgl. KettnerKettner, Matthias, 88/Kap. 3.1, Argument 2): Während zahlungskräftige Kunden ihre Luxusbedürfnisse befriedigen können, bleiben berechtigte Ansprüche auf eine medizinische Grundversorgung möglicherweise unerfüllt. Im vorliegenden Kapitel soll es aber erst einmal nur um eine deskriptive Unterscheidung von „Enhancement“ und „Therapie“ gehen, die für eine definitorische Bestimmung des „Enhancements“ unverzichtbar ist (vgl. SynofzikSynofzik, Matthias 2006, 37/Kap. 1.1). Die Möglichkeit einer solchen trennscharfen Unterscheidung wird vielfach bestritten, weil schon die Begriffe „Krankheit“ und „Gesundheit“ höchst unterschiedlich gebraucht werden. Es ist also erst einmal mittels einer Analyse der wichtigsten Krankheits- und Gesundheitsmodelle zu klären, ob das Enhancement überhaupt eine eigene, klar abgrenzbare Klasse von Handlungen bezeichnet, die im Kontrast zur ethisch unkontroversen Krankheitsbehandlung einen abgesonderten ethischen Problembereich darstellt.

1.3.1 Deskriptive Analyse verschiedener Krankheits- und Gesundheitsmodelle

1) Objektives biostatisches Krankheitsmodell

In der medizinischen Praxis äußerst beliebt ist das auf Christopher BoorseBoorse, Christopher zurückgehende objektive biostatische KrankheitsmodellGesundheits-/Krankheits-Modellebiostatisches, bei dem „Gesundheit“ negativ als Abwesenheit von Krankheit und „Krankheit“ als Abweichung von einem speziestypischen „normalen Funktionieren“ definiert wird (vgl. BoorseBoorse, Christopher, 567/DanielsDaniels, Norman, 28). NaturalistischGesundheitnaturalistisches Konzept ist dieses in der Tradition der physiologischen Medizin entworfene Modell, insofern es die Unterscheidung zwischen Krankheit und Gesundheit „wertfrei“ in Bezug auf objektive, naturwissenschaftlich überprüfbare Fakten zu treffen beansprucht. Unter „normaler Funktionsfähigkeit“ wird dabei eine statistische Norm einer typischen, alters- und geschlechtsspezifischen Referenzklasse des jeweiligen Organismus verstanden. Anders als bei einem rein statistischen Normalitätsbegriff werden beim biologischen Funktionsbegriff nur diejenigen Abweichungen von einem statistischen Mittelwert als krankhaft interpretiert, die speziestypische Funktionen verhindern. Damit sind aber nicht alle Probleme einer statistischen Krankheitsdefinition überwunden, weil bezogen auf die altersspezifische Referenzklasse statistisch häufige Erscheinungen wie z.B. Karies, Osteoporose oder Prostatakrebs trotz einschränkender biologischer Funktionen „normalNormalitätbiostatische“ und damit eigentlich keine „Krankheiten“ wären (vgl. WernerWerner, Micha, 146). Zudem lassen sich bei vielen organischen Funktionen durch statistische Erhebungen nur gewisse Normbereiche festlegen, wobei die Grenze zwischen „normal“ und „krankhaft“ von kulturellen Deutungen abhängt und somit nicht völlig wertfrei ist. Ein typisches Beispiel wäre ein niedriger Blutdruck jenseits eines bestimmten Normbereichs, der nur in Deutschland als Indiz für eine Krankheit aufgefasst und in Großbritannien spöttisch „German disease“ genannt wird. An seine Grenzen stößt das biostatische Modell v.a. auch im psychosozialen Bereich, da psychische Krankheiten bzw. Störungen noch viel stärker von kulturellen Vorstellungen von „normalem“ und „nichtnormalem“ Verhalten und von gesellschaftlichen Erwartungshaltungen abhängen. BoorsesBoorse, Christopher Definition von psychischen Krankheiten als Störungen der Wahrnehmung und der kognitiven Funktionen analog zu physischen Funktionsstörungen erscheint als reduktionistisch und inadäquat (vgl. LenkLenk, Christian 117f.; 120f.). Die Kritik am biostatischen Krankheitsmodell richtet sich entsprechend gegen den Anspruch auf naturwissenschaftliche Exaktheit und Wertfreiheit, obschon durchaus nicht alle Anhänger einen Naturalismus im strengen Sinn vertreten (vgl. etwa DanielsDaniels, Norman, 30/BuchananBuchanan, Alan u.a., 151). Auf der physiologischen Ebene von Zellen und Organen lassen sich jedoch unwillkürliche Funktionsstörungen wie beispielsweise entartete und unkontrolliert wuchernde Tumorzellen, eine Lungenventilationsstörung oder eine Störung des Bewegungsapparates relativ wertfrei und deskriptiv als „Krankheiten“ ausweisen, sodass auch die Grenze zwischen Therapie und Enhancement klar gezogen werden könnte.

2) Subjektivistischer lebensweltlicher Wohlbefindens-Ansatz

Im Kontrast zum objektiven Krankheitsmodell geht der Gesundheits-/Krankheits-Modellesubjektivistisches, lebensweltlichessubjektive lebensweltliche Wohlbefindens-Ansatz von einem positiven, maximalistischen BegriffGesundheitMinimal-/Maximalbegriff von „Gesundheit“ als einem Idealzustand subjektiven Wohlbefindens aus. „Krankheit“ hingegen stellt eine Beeinträchtigung des subjektiven Wohlbefindens dar. Exemplarisch dafür ist die bekannte Definition der WHO von „Gesundheit“ als „Zustand vollkommenen physischen, psychischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur als Abwesenheit von Krankheit und Behinderung“ (WHO 1946). Im Zuge des Selbstoptimierungstrends kam es zu einer Individualisierung des Gesundheitsverständnisses und einem Erstarken des sogenannten zweiten Gesundheitsmarktes (vgl. MühlhausenMühlhausen, Corinna u.a. 2013, 5f.; 17): Gesundheit wird nicht mehr allein über die Abwesenheit von Krankheit definiert, sondern von rund 80 % der Befragten mit persönlichem Wohlbefinden assoziiert. Statt mit „Wohlbefinden“ wird „Gesundheit“ auch mit „Glück“ oder „Lebensqualität“ gleichgesetzt, so etwa von Horst BaierBaier, Horst oder Lennart Nordenfelt (vgl. Baier, 100/Nordenfelt, 7). Für das medizinische Gesundheitssystem und eine klare Abgrenzung von Krankheit und Gesundheit eignen sich solche subjektive lebensweltliche Modelle von Gesundheit allerdings nicht, weil positive Gesundheitsvorstellungen von Wohlbefinden oder Glück nach oben hin keine Grenze kennen. Da sich die meisten Menschen weit weg vom Zustand vollkommenen Glücks oder maximaler Lebensqualität entfernt wähnen und sich eine Steigerung ihres aktuellen Wohlbefindens wünschen, wären dann strenggenommen alle Menschen krank. Auch die Trennung von Therapie und Enhancement wäre obsolet, weil jede das subjektive Wohlbefinden und damit die Gesundheit befördernde Maßnahme als Therapie zu bezeichnen wäre. Aus einer wissenschaftlichenGesundheitwissenschaftlicher/lebensweltlicher Begriff philosophischen und medizinischen Perspektive können das subjektive Erleben einer Störung des Wohlbefindens und ein subjektives Leid lediglich dafür bedeutsam sein, ob sich der Einzelne als krank ansieht oder nicht. Sie können aber nicht die Kernbedeutung des Krankheitsbegriffs ausmachen und bestimmen, was Krankheit ist, sondern stellen nur Zusatzkriterien dar (vgl. SchrammeSchramme, Thomas 2013, 10). Da die Quellen von vermindertem Wohlbefinden oder subjektivem Leid neben organischen Ursachen ganz unterschiedliche sein können, drohte bei einer lebensweltlichen Interpretation von Krankheit und Gesundheit die Gefahr einer MedikalisierungMedikalisierung von Umwelt- und Lebensproblemen: Würden beispielsweise auch Beeinträchtigungen aufgrund ungünstiger gesellschaftlicher oder wirtschaftlicher Rahmenbedingungen als individuelle Krankheiten interpretiert, fielen auch sie irrtümlicherweise in den Zuständigkeitsbereich der Ärzte und mutierten zum Gegenstand individueller Therapie (vgl. LenkLenk, Christian, 145; 177).

3) Relationale Ansätze von Gesundheit und Krankheit

Zur Überwindung der Einseitigkeit in der Betonung der subjektiven und objektiven Komponenten der anderen Modelle beziehen relationale KrankheitsmodelleGesundheits-/Krankheits-Modellerelationales die äußere Umwelt mit ein und definieren Krankheit als Unfähigkeit zur Erreichung selbstgesetzter Ziele oder zur Bewältigung von äußeren gesellschaftlichen Anforderungen (vgl. Heiliger, 66f./Walcher, 52f.). „Krankheit“ bedeutet in diesem Verständnis also ein gestörtes Verhältnis oder ein Ungleichgewicht zwischen internen Ressourcen oder Fähigkeiten des Individuums und externen Umweltfaktoren. Es lassen sich dabei Adaptionstheorien mit ähnlichem empirischem Selbstverständnis und dem Anspruch auf universelle Geltung wie biostatische Modelle sowie normativistischeGesundheitnormativistisches Konzept und stärker lebensweltlich geprägte handlungstheoretische Ansätze unterscheiden (vgl. LenkLenk, Christian, 40f.). Während in naturalistischen Krankheitsmodellen „Krankheit“ und „Gesundheit“ wie gesehen objektive, wertfrei beschreibbare Zustände darstellen, sind sie in handlungstheoretischen normativistischen Theorien Zuschreibungen vor dem Hintergrund individueller Handlungsziele oder gesellschaftlich anerkannter Wertvorstellungen und Normen. Gemäß dem Vertreter der individualistischen Spielart handlungstheoretischer Ansätze und schärfsten Kritiker des biostatischen Krankheitsmodells Lennart Nordenfelt ist eine Person „vollkommen gesund“, wenn sie „fähig ist, unter gegebenen normalen Umweltbedingungen alle ihre maßgeblichen Ziele zu realisieren.“ (Nordenfelt, 96) Bei kulturalistischen Varianten treten an die Stelle individueller Ziele gesellschaftliche Vorgaben, sodass je nach den spezifischen Anforderungen einer Gesellschaft etwa an Körperkraft oder kognitiven Fähigkeiten ein Unvermögen wie Legasthenie entweder gänzlich unbedeutend oder eine psychische Störung sein kann (vgl. LenkLenk, Christian, 194f.). Für den psychosozialen Bereich bieten normativistische Modelle gegenüber naturalistischen ein angemesseneres Krankheits- und Gesundheitsverständnis an, weil psychische Gesundheit als Fähigkeit zur Bewältigung von internen oder externen Anforderungen dank persönlicher Strategien besser charakterisiert ist (vgl. Bobbert, 414). Allerdings ist ein relationales Krankheitsverständnis sehr vage und enthält relativistische und dezisionistische Momente. Denn ob jemand gesund oder krank ist, hinge dann von beliebigen subjektiven Wünschen oder gesellschaftlichen Erwartungshaltungen ab. Außerdem suggeriert die Etikettierung als „krank“ das Vorliegen einer internen Abnormität, obwohl ein Ungleichgewicht von Individuum und Umwelt nicht zwangsläufig auf einen pathologischen Lebensprozess hindeutet (vgl. LenkLenk, Christian, 216f.). Vielmehr können entweder die gewählten subjektiven Ziele mit Blick auf gegebene persönliche Fähigkeiten oder Umweltbedingungen völlig unangemessen oder aber die gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnisse repressiv und ungerecht sein.

4) Integratives Krankheitsmodell für die Therapie-Enhancement- Unterscheidung

Insbesondere in dem für die Enhancement-Debatte relevanten medizinischen Kontext vermag das objektive biostatische Krankheitsmodell am meisten zu überzeugen: Krankheit als wissenschaftlicher BegriffGesundheitwissenschaftlicher/lebensweltlicher Begriff ist im Wesentlichen eine Störung („disorder“) speziestypischer normaler physischer oder psychischer Funktionen, die zumindest im physisch-organischen Bereich relativ wertfrei auf der Grundlage statistischer und biomedizinischer Erkenntnisse beschreibbar sind (vgl. SchrammeSchramme, Thomas 2013, 10). Es lassen sich aber NaturalismusGesundheitnaturalistisches Konzept und NormativismusGesundheitnormativistisches Konzept prinzipiell vereinbaren und die von den drei Krankheitsmodellen hervorgehobenen Aspekte sinnvoll in einem integrativen KrankheitsmodellGesundheits-/Krankheits-Modelleintegratives kombinieren, das Offenheit und Spielräume eingesteht (vgl. LenkLenk, Christian, 226f.; 230f.): Der objektive Aspekt einer empirisch feststellbaren funktionalen Störung oder Abnormität als eindeutiger Hinweis auf eine Krankheit muss zwar unbedingt vorhanden sein und spielt somit eine zentrale Rolle, reicht aber allein nicht aus. Vielmehr muss diese pathologische Abweichung zusätzlich das subjektive Wohlbefinden vermindern oder die Verwirklichung subjektiver wichtiger Lebensziele oder Einhaltung gesellschaftlicher Normen behindern. Kritiker der Gesundheits-Krankheits-Unterscheidung wenden allerdings ein, insbesondere im psychischen Bereich gebe es keine klare Grenze zwischen voller und eingeschränkter Funktionsfähigkeit der psychischen Funktionen bzw. zwischen optimalem Wohlergehen und schwerer Beeinträchtigung, konkret etwa zwischen Vergesslichkeit und schwerer Demenz oder zwischen Niedergeschlagenheit und krankheitswertiger Depression (vgl. SynofzikSynofzik, Matthias 2006, 38/Walcher, 57ff.). Tatsächlich sind Krankheit und Gesundheit insofern graduierbare Phänomene, als es ein Kontinuum zwischen leichten bis schweren Krankheiten oder Störungen gibt und Gesundheit jenseits medizinischer Indikation auf einer nach oben hin offenen Skala steigerbar ist. Das Fehlen einer absoluten und trennscharfen Grenze beweist jedoch keineswegs die Unhaltbarkeit des Krankheitsbegriffs, da auch viele andere Begriffe wie „Kunst“ oder „Religion“ im Bereich sozialer bzw. institutioneller Tatsachen weder aufgrund von Grauzonen noch ihrer Abhängigkeit von gesellschaftlichen Werten verabschiedet werden müssen. Würde man aber wie im subjektivistischen Wohlbefindens-Modell nur einen MaximalbegriffGesundheitMinimal-/Maximalbegriff einer Gesundheit als vollkommenen Idealzustand gelten lassen und einen medizinischen Minimalbegriff bzw. negativen Begriff von Gesundheit als Abwesenheit von Krankheit ablehnen, wären alle Menschen krank und die in der Medizin erforderliche Krankheits-Gesundheits-Unterscheidungen unhaltbar. Auch könnte es wie gesehen einer Medikalisierung Vorschub leisten, wenn Krankheit ausschließlich über ein subjektives Leid oder das Nichtbewältigen interner oder externer Anforderungen definiert würde.

Unabhängig von der Enhancement-Debatte ist also eine Grenzziehung von Krankheit und Gesundheit in einem deskriptiven Sinn sehr wohl möglich und hat sich in der Praxis bewährt: Nicht nur im solidarisch finanzierten medizinischen Gesundheitssystem, sondern in zahlreichen anderen gesellschaftlichen Handlungsfeldern wie der Rechtsprechung oder dem Absenzensystem der Arbeitswelt ist eine einigermaßen klare Bestimmung pathologischer Zustände unverzichtbar. Diese deskriptive Krankheits-Gesundheits-Unterscheidung bildet eine hinlänglich solide Basis, um Therapie und EnhancementTherapie-Enhancement-Unterscheidung voneinander abzugrenzen und einen Strukturwandel im Medizinsystem von einer kurativen hin zu einer wunscherfüllenden oder Enhancement-Medizin mit unterschiedlichen Zielsetzungen festzustellen: Medizinwunscherfüllende/kurativeWährend es in der traditionellen Medizin um Therapie mit den Zielen der Heilung oder Prävention von Krankheiten gemäß einer objektiven medizinischen Indikation geht, zielt die Enhancement-Medizin auf eine medizinisch nicht indizierte Steigerung der Gesundheit auf den subjektiven Wunsch der Kunden hin. Obwohl sich mit dieser deskriptiven Analyse „Enhancement“ als Diskussionsgegenstand besser eingrenzen und als eigenständige Klasse von Handlungen ausweisen ließ, ist damit noch nichts gesagt über die normative Bewertung der jeweiligen Handlungstypen. Zu vermeiden sind voreilige Schlüsse von der deskriptiven Treatment-Enhancement-Unterscheidung auf die normative Differenz von ethisch gebotener Therapie und ethisch illegitimem Enhancement (vgl. dazu SynofzikSynofzik, Matthias 2009, 50ff.). Im Einzelfall kann eine unterschiedliche Beurteilung nämlich ethisch fragwürdige Konsequenzen haben, wie das in der Enhancement-Debatte vieldiskutierte Beispiel von Dan BrockBrock, Dan zeigt (vgl. BuchananBuchanan, Alan u.a., 115): Der 11jährige Jonny hat ein Wachstumshormondefizit und ist aufgrund dieser Funktionsstörung im Sinne eines naturwissenschaftlichen biostatischen Krankheitsbegriffs „krank“ und damit behandlungsbedürftig. Dem gleichaltrigen Billy hingegen fehlen zwar keine Hormone, aber er wird als Kind extrem kleiner Eltern auch höchsten 1.60 m groß und genauso wie Jonny gehänselt werden und unter dem abnormen Kleinwuchs leiden. Wäre eine normative Verwendung eines objektiven naturalistischen Krankheitsbegriffs bei diesem gleichen empirischen Phänomen und gleichem subjektivem Leidensdruck nicht ungerecht? Wieso ist eine „Therapie“ überhaupt moralisch geboten und wieso sollen normale speziestypische Funktionen oder wertneutrale statistische Referenzwerte eine Obergrenze legitimer medizinischer Eingriffe bilden? Wäre nicht vielmehr die Erweiterung des gegebenen biologischen Spektrums der Gattung geboten, weil eine Verbesserung beispielsweise des Immunabwehrsystems oder intellektueller Fähigkeiten über die Spezies-Grenze hinaus grundsätzlich wünschenswert sind (vgl. BuchananBuchanan, Alan u.a., 127/JuengstJuengst, Eric, 33f.)?

1.3.2 Notwendigkeit einer normativen Rechtfertigung von Therapie und Enhancement

Die Begriffe „Gesundheit“ und „Krankheit“ sind nicht neutral, sondern wertend und bringen mit ihren Konnotationen lebensweltlich kaum hinterfragte implizite Werthaltungen zum Ausdruck: „GesundheitGesundheit“ gilt allgemein als hoher Wert und hohes Gut, wohingegen „Krankheit“ eine negative Wertung enthält und ein Übel oder eine Notsituation anzeigt. Zudem ist der Krankheitsbegriff ein „praktisch normativer Begriff“, weil er mit der Aufforderung zur Bekämpfung des unerwünschten Krankheitszustandes und zur Wiederherstellung von Gesundheit mittels therapeutischer Maßnahmen verbunden ist (vgl. Boppert, 417). Ein in Europa jedem Individuum zugesprochener moralischer und rechtlicher Anspruch auf Gesundheit ergibt sich aber keineswegs automatisch aus deskriptiven Tatsachenbeschreibungen, sondern erfordert eine rationale Begründung mittels ethischer Argumente und allgemein nachvollziehbarer rationaler Gründe. Letztlich ist die Therapie eindeutig Kranker daher genauso rechtfertigungspflichtig wie das Enhancement eindeutig Gesunder. Insofern wird in der Enhancement-Debatte zu Recht verlangt, die Beurteilung der ethischen Notwendigkeit oder Unzulässigkeit von medizinischen Eingriffen müsse unabhängig von der Unterscheidung von Gesundheit und Krankheit bzw. Enhancement und Therapie erfolgen (vgl. TalbotTalbot, Davinia u.a., 260). Unzureichend sind willkürliche Einzelfallentscheidung z.B. anhand des scheinbar voraussetzungsarmen ethischen Kriteriums des Nutzens einer gewünschten Maßnahme, solange sich die Abwägung auf die faktischen subjektiven Präferenzen der beteiligten Ärzte und Patienten beschränkt und die tieferliegenden normativen Hintergrundannahmen unreflektiert bleiben (vgl. SynofzikSynofzik, Matthias 2006, 39). Unabdingbar sind gesellschaftliche Verständigungsprozesse über die für alle Menschen wichtigen Eigenschaften und Fähigkeiten sowie die Aufgaben der Medizin. Denn es müssen gesellschaftliche Entscheidungen über die Verwendung der begrenzten Ressourcen an medizinischem Personal und öffentlichen Geldern für die Entwicklung und Bereitstellung neuer Technologien getroffen werden. Einerseits sind mit den immer stärker werdenden individuellen Wünschen nach Selbstoptimierung Ansprüche und Forderungen auf eine jedem Menschen zustehende medizinische Unterstützung verbunden, die eine Umgestaltung des Gesundheitswesens bedingen. Andererseits beeinflussen die öffentliche Legitimierung, die Schaffung entsprechender institutioneller Rahmenbedingungen und ein immer häufigerer Einsatz neuer medizinischer Praktiken das menschliche Selbstverständnis, die Vorstellungen von Lebensqualität und das Zusammenleben in der Gesellschaft. Eindeutig ungerecht wäre eine Regulierung des medizinischen Angebots über den freien WettbewerbGesundheitssystem, marktliberales (Präferenz-Effizienz-Modell) von Angebot und Nachfrage, weil dann Menschen mit seltenen, aber stark beeinträchtigenden Störungen keine Chance auf Hilfe hätten.

Zur Rechtfertigung einer solidarisch zu finanzierenden Therapie bietet sich etwa der handlungsreflexive Ansatz an, wie er von Alan Gewirth und Klaus Steigleder vorgelegt wurde. Den methodischen Ausgangspunkt dieser Moraltheorie bildet die Reflexion auf die notwendigen Bedingungen menschlicher Handlungsfähigkeit, ohne die sich ethische Fragen nach dem richtigen Handeln überhaupt nicht stellen würden (vgl. dazu Fenner 2007, 116ff.). Zu den grundlegendsten Voraussetzungen für freiwilliges und zielgerichtetes menschliches Handeln gehören Freiheit und „Elementargüter“ wie Leben, physische und psychische Integrität (vgl. Steigleder, 158f.). Als ethisch geboten lassen sich auf diese Weise zum einen medizinische Maßnahmen ausweisen, die das Überleben und die Intaktheit grundlegender physischer und psychischer Funktionen gewährleisten: Während lebensbedrohliche, Lebensfunktionen mindernde oder schmerzhafte Krankheiten klarerweise die physische Integrität beeinträchtigen, gefährden psychische Störungen wie Ängste oder Depressionen die psychische Integrität der Handlungssubjekte. Zum andern kann durch die gleichen Krankheiten sowohl die HandlungsfreiheitFreiheit aufgrund von Einschränkungen der körperlichen Bewegungsmöglichkeiten als auch die WillensfreiheitFreiheitWillens-, Autonomie (positive) oder Selbstbestimmung infolge verzerrter psychischer Funktionen des Wahrnehmens, Fühlens und Urteilens eingeschränkt werden (Kap. 2.3). Vor dem Hintergrund individuell sehr unterschiedlicher Lebensziele und -konzepte können sich zwar dieselben Krankheiten sehr unterschiedlich auf die Handlungsfähigkeit verschiedener Personen auswirken. So schränkt eine Mehlstauballergie einen Bäcker, nicht aber das Vorstandsmitglied einer Bank ein, und Probleme mit der Handsehnenscheide bedeuten für einen Berufsmusiker eine viel stärkere Beeinträchtigung als für einen Gesprächspsychotherapeuten (vgl. Bobbert, 430). Gemäß Norman DanielsDaniels, Norman Konzept des „normal functioning“ sollen Krankheiten aber unabhängig von solchen divergierenden Auswirkungen aufgrund unterschiedlicher Talente behandelt werden, damit allen Menschen ein normales Chancenspektrum zukommt: Gemeint ist die Gesamtheit aller Lebenspläne, die vernünftige Personen in einer bestimmten Gesellschaft zur jeweiligen Zeit wählen und von denen jedes Handlungssubjekt den zu seinen individuellen Fähigkeiten am besten passenden realisieren können soll (vgl. DanielsDaniels, Norman, 33f.). Letztlich ist die durch eine medizinische Grundversorgung zu schützende allgemeine „Handlungsfähigkeit“ also in der jeweiligen Gesellschaft zu konkretisieren, weil z.B. eine Dyslogie nur in einer litteralen Gesellschaft eine Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben bedeutet (vgl. dazu BuchananBuchanan, Alan, 122f.). Die ethische Legitimität des Enhancements zu prüfen ist Aufgabe der kommenden Kapitel.

1.4 Wichtige Unterscheidungen und Positionen von Biokonservativen bis Transhumanisten
1.4.1 Elementare Differenzierungen von Verbesserungs-Handlungen

Kompensatorische – progrediente Verbesserungen

Für eine differenzierte Beurteilung der Selbstoptimierung sind neben der äußeren Abgrenzung gegenüber therapeutischen Maßnahmen noch einige Binnendifferenzierungen erforderlich. Das wichtigste begriffliche Gegensatzpaar ist dasjenige von „kompensatorischen“, d.h. „ausgleichenden“, und „progredienten“ oder „progressiven“ Verbesserungen (vgl. NagelNagel, Saskia u.a., 32/GesangGesang, Bernward, 70/FinkFink, Helmut, 15): Kompensatorisches EnhancementEnhancementkompensatorisches meint Verbesserungen menschlicher Eigenschaften oder Fähigkeiten, die unterdurchschnittlich ausgeprägt sind und auf ein „normales“ oder durchschnittliches Niveau in einer Gesellschaft angehoben werden. Strenggenommen ist die Begriffsfügung „kompensatorisches Enhancement“ jedoch widersprüchlich, nachdem oben das „Enhancement“ als biomedizinische Verbesserung des menschlichen Organismus über ein bestimmtes Maß an Normalität oder normalem Funktionieren eines Menschen hinaus definiert wurde (Kap. 1.1). In einem engen oder eigentlichen Sinn wäre nur das in der Debatte zumeist im Zentrum stehende „progressive“ oder progrediente Enhancement überhaupt ein „Enhancement“, weil es sich nur bei diesem um eine Steigerung über das Normalmaß hinaus handelt. Wird das Adjektiv „kompensatorisch“ statt mit dem Neologismus „Enhancement“ mit den allgemeineren Begriffen einer prozessual verstandenen „Verbesserung“ oder „Selbstoptimierung“ kombiniert, verschwindet zwar der begriffliche Widerspruch, aber die Grenze zur Therapie verwischt. Denn jede Therapie zur Behandlung von Krankheiten ist genau besehen nichts anderes als eine kompensatorische Verbesserung, weil durch die Heilung der Krankheit als einer Funktionsstörung ein speziestypisches Normalniveau erreicht werden soll. Das „kompensatorische Enhancement“ ließe sich jedoch als eine Zwischenstufe zwischen „Therapie“ und „progredientem Enhancement“ interpretieren, in der anders als bei der Therapie keine medizinische Indikation bzw. kein Krankheitswert vorliegt. Ein „kompensatorisches Enhancement“ oder eine „kompensatorische Selbstoptimierung“ wären somit Verbesserungen von Eigenschaften oder Fähigkeiten, die nach dem objektiven biostatischen Modell nicht krankhaft verändert sind, sich aber unterhalb des Durchschnitts bzw. der rein statistischen gesellschaftlichen „Normalität“ befinden (Kap. 1.3; 2.4). Ethisch relevant ist der Unterschied zwischen „kompensatorischem“ und „progredientem Enhancement“, weil „kompensatorische“ Verbesserungen nicht in gleicher Weise wie „progrediente“ mit Gerechtigkeitsproblemen und der Gefahr eines weiteren Auseinanderdriftens der Schere in der Gesellschaft verknüpft sind (vgl. unten).

Autonome – heteronome Verbesserungen

Eine weitere elementare Unterscheidung ist die zwischen einem „autonomen, dezentralen, individuellen“ und einem „heteronomen“ und in den meisten Fällen „zentralen, staatlichen“ Enhancement (vgl. GesangGesang, Bernward, 38f./BrockBrock, Dan 1998, 52ff.). In aktuellen Diskussionen über Selbstoptimierung und Enhancement wird ohne weitere Angaben stets von einem autonomen, freiwilligen EnhancementEnhancementautonomes, freiwilliges ausgegangen, bei dem ein freies, autonomes Wesen Urheber der Optimierungsmaßnahmen ist. Es ist also das Individuum selbst, das sich freiwillig für Veränderungen entscheidet, die es persönlich für Verbesserungen hält. Diese Form der Selbstoptimierung wird auch als „liberales Enhancement“ bezeichnet, weil im Liberalismus die individuelle Freiheit großgeschrieben wird (vgl. AgarAgar, Nicolas 2004, 5/GesangGesang, Bernward, 38). Beim heteronomen, staatlichen EnhancementEnhancementheteronomes, staatliches legen im Gegensatz dazu der Staat oder andere Menschen fest, was eine Verbesserung sein soll. Die Optimierungsziele werden den Einzelnen also von außen vorgegeben und eventuell sogar mit einem geeigneten Sanktionensystem durchgesetzt. Formen eines repressiven „heteronomen, staatlichen Enhancements“ finden sich real nur in totalitären Staaten, wo ein diktatorisches Regime auf der Grundlage demokratiefeindlicher politischer Programme fragwürdige „Verbesserungen“ durchzusetzen versucht wie in der Vergangenheit im nationalsozialistischen Deutschland mit seinem Eugenik-Programm oder in der Gegenwart im kommunistischen China mit einem noch im Aufbau befindlichen Social-Credit-System. Da ein solches diktatorisches heteronomes Enhancement mit den in liberalen Demokratien garantierten Freiheitsrechten unvereinbar ist, geht es in aktuellen Debatten fast ausschließlich um ein autonomes, freiwilliges Enhancement. Als gangbares Zwischenmodell zwischen einem radikalen marktliberalen und einem diktatorischen heteronomen Enhancement-Modell werden am Rande aber auch die demokratisch legitimierte Form eines Enhancementsozialdemokratischessozialdemokratischen Enhancements diskutiert, bei dem zentral gesteuerte Maßnahmen zur Förderung von menschlichen Grundgütern und -fähigkeiten oder zur Vermeidung großer Nachteile für Individuum oder Gesellschaft auf demokratische Weise beschlossen werden (vgl. BrockBrock, Dan 1998, 53/GloverGlover, Jonathan, 51). Letztlich kommt ein bürgerliberaler Staat mit einer sozialen Marktwirtschaft zumindest um eine gesellschaftliche Rahmenordnung mit Restriktionen für ein marktliberales Enhancement nicht herum, um eine weitere Verschärfung gesellschaftlicher Ungleichheit zu vermeiden (vgl. GesangGesang, Bernward, 52f./BuchananBuchanan, Alan u.a., 339f.). Die Bürger könnten dann aber unter den staatlich erlaubten oder sogar finanziell unterstützten Hilfsmitteln immer noch frei auswählen oder darauf verzichten.

Moderate – radikale Verbesserungen

Als wichtig erachtet wird oft auch der Gegensatz von „moderatenEnhancementmoderates“ und „radikalenEnhancementradikales“ Verbesserungen (vgl. AgarAgar, Nicolas 2014, 2f./GesangGesang, Bernward, 39f.): Bei moderaten Verbesserungen werden die beim Menschen bereits vorhandenen Eigenschaften und Fähigkeiten in moderaten, d.h. bescheidenen oder gemäßigten Schritten gesteigert, sodass sie innerhalb oder nahe an den bereits menschenmöglichen bleiben. Die etwa von Trans- oder Posthumanisten anvisierten radikalen Verbesserungen sind demgegenüber extreme Steigerungen auf Spitzenwerte, die bisher von Menschen noch nicht erreicht wurden. So könnte beispielsweise eine Steigerung der Intelligenz bis etwa 10 Punkte im IQ-Test als moderat, die um 100 Punkte hingegen als radikal bezeichnet werden. Die Verteidiger dieser begrifflichen Abgrenzung geben zwar zu, dass die Trennlinie zwischen moderatem und radikalem Enhancement nur vage und grob angegeben werden kann (vgl. Agar 2014, 3/GesangGesang, Bernward, 41). Sie sei aber aus ethischen Gründen außerordentlich wichtig, weil nur moderate Verbesserungen ethisch erlaubt werden könnten. Dafür werden zum einen moralische Gründe geltend gemacht, die auf negative Folgen eines radikalen Enhancements für andere Menschen oder die Gesellschaft aufmerksam machen: Da solche radikale Verbesserungen durch traditionelle Methoden wie Training und Bildung nicht mehr kompensiert werden können, wären Naturbelassene stark benachteiligt und es könnte schlimmstenfalls zu einer Spaltung der Gesellschaft kommen (vgl. Agar 2014, Kap. 8/GesangGesang, Bernward, 52f.). Zum anderen werden individualethische, das Glück der Einzelnen betreffende Gründe angeführt (vgl. AgarAgar, Nicolas, Kap. 2–5): Obwohl objektiv betrachtet jede Steigerung wünschenswerter Fähigkeiten eine Verbesserung darstelle, nehme die Bedeutung von neuen, sich von bisherigen Standards weit entfernenden Erfahrungen für die Menschen selbst von einem bestimmten Punkt an notwendig wieder ab (vgl. 3f.; 17). Allerdings erfolgen selbst die von Posthumanisten angestrebten radikalen Verbesserungen faktisch immer schrittweise im Laufe einer längeren technischen Entwicklungsphase, während der sich menschliche Vorstellungskraft, Tätigkeitsfelder und Normen kontinuierlich anpassen können. Individualethisch fatal wären nur eher unwahrscheinliche Identitätsverluste oder Entfremdungserfahrungen infolge radikaler plötzlicher Veränderungen (vgl. ebd., Kap. 4). Gegen die angeblich ethisch zentrale Unterscheidung zwischen radikalem und moderatem Enhancement spricht außerdem, dass moderates Enhancement prinzipiell kumulierbar ist und viele moderate Verbesserungen ein radikales Enhancement ergeben. Um die erwähnte moralische Gefahr zu bannen, müsste die Grenze eines moderaten EnhancementsEnhancementmoderates daher absolut angegeben und staatlich kontrolliert werden können (vgl. GesangGesang, Bernward, 65).

Intrinsische – extrinsische Verbesserungen

Zumeist eher implizit werden „intrinsische“ und „extrinsische“ Optimierungsziele und damit „intrinsische“ und „extrinsische Verbesserungen“ voneinander abgegrenzt (vgl. Agar, 18; 26/ GesangGesang, Bernward, 47): EnhancementintrinsischesIntrinsische Verbesserungen tragen ihren Wert in sich selbst, indem sie den optimierten Individuen zu in sich wertvollen Eigenschaften und Fähigkeiten oder zu dadurch ermöglichten selbstzweckhaften Tätigkeiten verhelfen.Tätigkeitenintrinsische/praxisorientierte Intrinsische Güter sind Zustände oder Tätigkeiten, die wie z.B. Freude, Lust, Spazieren oder Musizieren ungeachtet ihrer nützlichen Folgen um ihrer selbst willen gewünscht werden und zu einem guten Leben beitragen (Kap. 2.1). EnhancementextrinsischesExtrinsische Verbesserungen jedoch haben lediglich instrumentellen Wert und werden aufgrund „externer“ äußerer Vorteile für die Betroffenen selbst oder andere Personen geschätzt. Tätigkeitenextrinsische/ergebnisorientierteTypische externe Ziele sind äußere Belohnungen, soziale Anerkennung und beruflicher Erfolg. Diese begrifflich scharfe Entgegensetzung suggeriert jedoch fälschlicherweise eine Aussließlichkeit. Denn die meisten im Rahmen der Selbstoptimierung vorgenommenen Veränderungen stellen ebenso intrinsische wie auch extrinsische Verbesserungen dar, weil die erreichten besseren Eigenschaften oder Fähigkeiten sowohl von intrinsischem als auch extrinsischem Wert sind: So können z.B. pharmakologisch optimierte kognitive Fähigkeiten nicht nur die Karriere befördern, sondern auch viel Freude und Zufriedenheit beim effizienteren Erlernen neuer Sprachen, beim verfeinerten Kunstgenuss oder wissenschaftlichem Arbeiten mit sich bringen. Infolgedessen greift der häufige Vorwurf gegen das Selbstoptimierungsstreben insgesamt oder gegen ein radikales Enhancement zu kurz, es gehe dabei statt um intrinsische lediglich um extrinsische Güter. Da individuelle Optimierungsmaßnahmen prinzipiell auch wegen intrinsischer Güter vorgenommen werden können, sind Selbstoptimierung und Enhancement nicht notwendig auf externeEnhancementextrinsisches, Enhancementmoderatesinstrumentelle Gütern eingeschränkt. Lediglich bestimmte Formen oder Mittel der Selbstoptimierung wie beispielsweise die digitale Selbstvermessung drohen die intrinsische Motivation etwa am Laufen zu schmälern, sofern sie zu einer permanenten Fokussierung auf die angezeigten Zahlenwerte oder Lob bzw. Ermahnungen durch die Geräte verleiten (Kap. 3.2). Nicht überzeugend begründen oder belegen lässt sich auch die abstrakt-allgemeine These, nur der instrumentelle Wert nehme mit einem Enhancement immer weiter zu, wohingegen der intrinsische bei radikalen Veränderungen irgendwann notwendig abnehme (vgl. AgarAgar, Nicolas, 28/oben).

Absolute, nichtkompetitive – relative, kompetitive Verbesserungen

Unmittelbar verknüpft mit dem Gegensatzpaar „intrinsisch“ und „extrinsisch“ ist dasjenige von „absoluten, nichtkompetitiven“ und „relativen, kompetitiven“ Verbesserungen, wobei „kompetitiv“ so viel wie „wetteifernd, sich mitbewerbend“ meint: Enhancementabsolutes, nichtkompetitivesAbsolute, nichtkompetitive Verbesserungen sind intrinsische Verbesserungen, deren Wert oder Nutzen völlig unabhängig von einem Vergleich mit anderen Menschen für sich besteht. Demgegenüber bemisst sich der Wert oder Nutzen von Enhancementrelatives, kompetitivesrelativen, kompetitiven Verbesserungen in Relation zu Eigenschaften oder Fähigkeiten der Konkurrenten. Da es also um einen Vergleich mit der „Position“ oder Stellung der Mitmenschen geht, spricht man statt von kompetitiven auch von positionalen Gütern in Unterschied zu absoluten Gütern (vgl. RanischRanisch, Robert u.a., 46f./AchAch, Johann 2016, 124). Typische Beispiele für solche positionale Güter sind Körpergröße, Schönheit oder geistige Leistungsfähigkeit, deren Nutzen sich einem „Mehr“ gegenüber Menschen mit geringerer Körpergröße, Schönheit oder Leistungsfähigkeit zu verdanken scheint. Der gängige Vorwurf gegen Enhancement allgemein oder speziell ein solches relatives, kompetitives Enhancement lautet, dieses sei unfair und selbstwidersprüchlich (vgl. BrockBrock, Dan 1998, 60/SchleimSchleim, Stefan, 200f.): Aus moralischer Perspektive sei das Enhancement in Wettbewerbssituationen verwerflich, weil sich nicht alle die Optimierungsmaßnahmen leisten könnten und der Nutzen des einen zwangsläufig auf Kosten anderer gehe (vgl. dazu oben/Kap. 4.4). Wenn sich hingegen alle Menschen gewisse Verbesserungen wünschten und auch erzielen könnten, wäre das Enhancement widersprüchlich und selbstzerstörerisch. Denn in diesem Fall würde niemand von der vermeintlichen Verbesserung profitieren, weil es zu einem sinnlosen „Wettrüsten“ käme, bei dem niemand seine Position verbessern könnte. Würden beispielsweise alle Menschen ihre Körpergröße manipulieren oder ihr Hirn „dopen“, würde sich lediglich die Durchschnittsgröße bzw. die Leistungsgrenze nach oben verschieben und alle müssten die Kosten für den Aufwand sowie allfällige Risiken der Medikamente tragen. Bei dieser Kritik wird aber einseitig der außenorientierte Leistungsaspekt hervorgehoben und fälschlicherweise unterstellt, alle Formen von Enhancement würden nur extrinsische, kompetitive Vorteile mit sich bringen. Neben den oben erwähnten absoluten privaten Vorteilen wie Freude an der Schönheit oder Wertschätzung des differenzierteren Denkens könnten zudem noch absolute gesellschaftliche Vorteile erzielt werden, indem geistig leistungsfähigere Gesellschaftsmitglieder einen objektiv größeren Beitrag zum Allgemeinwohl z.B. durch wissenschaftliche Entdeckungen leisten.

1.4.2 Opposition zwischen Biokonservativen und Bioliberalen

Wo ein Überblick über die Enhancement-Debatte gegeben werden soll, wird diese meist in Anlehnung an ein politisches Lagerdenken als Opposition zweier widerstreitender Richtungen dargestellt (vgl. RanischRanisch, Robert, 201f./EissaEissa, Tina-Louise, 24/Schoilew, 6): Auf der einen Seite befinden sich die oft religiös oder metaphysisch geprägten BiokonservativenBiokonservatismus, die technologischen Methoden der menschlichen Selbstoptimierung im Gegensatz zu traditionell-konservativen skeptisch bis klar ablehnend begegnen. Auf der anderen Seite stehen die BioliberalenBioliberalismus, die neue Biotechnologien grundsätzlich als Erweiterung der menschlichen Handlungsmöglichkeiten begrüßen. Bei dieser Gegenüberstellung handelt es sich aber keineswegs um eine bloß akademische Auseinandersetzung, sondern umgekehrt soll der insbesondere in den USA in den letzten Jahrzehnten geführte „Kulturkampf“ von Gesellschaft und Politik auf die Bioethik „übergeschwappt“ sein (vgl. RanischRanisch, Robert, 202f.). Obwohl pauschale und dramatisierende Zuspitzungen etwa zu einem Antagonismus zwischen fortschrittsfeindlichen Apokalyptikern und technikbegeisterten Euphorikern wenig hilfreich sind, kann eine Gegenüberstellung der kontrastierenden ethischen Grundhaltungen durchaus zum Verständnis der Debatte beitragen. Um die gravierenden Unterschiede im moralischen Fundament besser erfassen zu können, lässt sich beispielsweise das von Jonathan Haidt und Kollegen entwickelte sozialpsychologische Modell der „Moral Foundation Theory“ heranziehen (vgl. ebd., 205): Von den insgesamt fünf eruierten Grundpfeilern der Moral berücksichtigen die Liberalen lediglich die ersten beiden, nämlich 1. „Schaden/Sorge“ und 2. „Fairness/Reziprozität“. Denn Bioliberalen geht es primär um die Autonomie und den Schutz der Individuen sowie die von John RawlsRawls, John und Lawrence Kohlberg profilierten ethischen Prinzipien der Gegenseitigkeit, Fairness und Gerechtigkeit. Demgegenüber sind aus Sicht der Konservativen die Grundlagen menschlicher Moralsysteme viel reichhaltiger und komplexer. Zu den psychologischen Mechanismen der Herausbildung moralischer Überzeugungen und Praktiken in den verschiedenen Kulturen gehören auch Gruppen, religiöse Einstellungen und Gefühle, konkret die weiteren „foundations“: 3. „Gruppe/Loyalität“, 4. „Autorität/Respekt“ und 5. „Reinheit/Heiligkeit“. Einen anderen Versuch einer ethischen Kategorisierung stellen die zwei von Erik ParensParens, Erik in die Enhancement-Debatte einführten Orientierungssysteme eines „DankbarkeitsrahmenDankbarkeits-/Kreativitätsrahmen“ mit dem Aufruf zur Treue und zum Bewahren des Gegebenen und eines „Kreativitätsrahmen“ mit der Aufforderung zur ständigen Selbstverbesserung dar, die sich grob vereinfachend der konservativen und liberalen Grundhaltung zuordnen lassen (vgl. ParensParens, Erik, 37f.). Im Folgenden sollen die wichtigsten Positionen kurz erläutert und kritisch diskutiert werden:

1 Biokonservative

2 Bioliberale allgemein

3 bioliberale Trans- und Posthumanisten

1) Biokonservative

BiokonservativeBiokonservatismusKass, Leon, wie Leon Kass Francis FukuyamaFukuyama, Francis, George AnnasAnnas, George und Jürgen HabermasHabermas, Jürgen treten im Sinne des Dankbarkeitsrahmens für den Schutz menschlichen Lebens und die Bewahrung von Tradition, Schöpfung und menschlicher Natur ein und appellieren an eine Haltung der Ehrfurcht und Demut gegenüber der natürlichen Ordnung. Das eigene Leben und die persönlichen Fähigkeiten und Talente sollen als Geschenke statt als etwas zu Formendes betrachtet werden, und die Endlichkeit und Unvollkommenheit des Menschen gelte es grundsätzlich anzuerkennen (vgl. KassKass, Leon u.a., 286ff./SandelSandel, Michael, 107). Biokonservative stehen neuen Biotechnologien daher skeptisch bis klar ablehnend gegenüber und mahnen zumindest zu einem Innehalten und zum kritischen Hinterfragen des Optimierungsstrebens. Dahinter steht ein substantielles Verständnis einer in sich wertvollen „menschlichen Natur“, eines „menschlichen Wesens“ oder „menschlichen Gedeihens“, das zu einer „Moralisierung der menschlichen Natur“ führt (HabermasHabermas, Jürgen, 46). Obgleich Biokonservative sich der Schwierigkeit einer Verbalisierung ihres Unbehagens gegenüber Biotechnologien bewusst sind, ist immer wieder die Rede von einer „Entmenschlichung“ sowie dem drohenden „Verlust des Menschseins“, der „Menschenwürde“ oder unabdingbarer Elemente des menschlichen Daseins (vgl. KassKass, Leon 2002, 48; 15ff./FukuyamaFukuyama, Francis, 142f.; 147/ KassKass, Leon u.a., 287f.). Am besten lässt sich der unantastbare Eigenwert einer nicht vom Menschen hervorgebrachten „Natur“ in einem metaphysischen oder religiösenArgumentechristliche/religiöse Weltbild begründen, in dem die Wirklichkeit dank eines übersinnlichen Grundprinzips eine strukturierte Ordnung und jedes Ding und jedes Ereignis seinen Platz und seinen Sinn hat. Offen oder verdeckt steht hinter der biokonservativen Verwerfung des Enhancements häufig die christliche Überzeugung, die sich technologisch perfektionierenden Menschen würden ihren Ort in der göttlichen Schöpfung gründlich missverstehen und wollten Gott spielen (vgl. SandelSandel, Michael, 107/FukuyamaFukuyama, Francis, 130ff./KassKass, Leon u.a., 287). Die Forderung nach Rücksichtnahme auf das natürlich Gegebene soll jedoch auch in einem säkularen Rahmen gut begründbar sein, weil immer weitergehende Eingriffe in die menschliche Natur zu einer schrittweisen Erosion gesellschaftlicher und moralischer Verbindlichkeiten führen würden: Zurück blieben Menschen ohne Liebe, Solidarität, Verantwortung, Freiheit und Würde, wie Aldous Huxleys sie in seiner Dystopie Brave New World visionistisch vorweggenommen habe (vgl. SandelSandel, Michael, 107f./KassKass, Leon 2002, 45–49/KassKass, Leon u.a., 285). Betont wird immer wieder auch die wichtige Rolle von Gefühlen wie Angst, Unbehagen, Abneigung oder Ekel, die auf moralische Grenzüberschreitungen hinweisen (vgl. KassKass, Leon 1998, 18f./SandelSandel, Michael, 27f./FukuyamaFukuyama, Francis, 147).Biokonservatismus

Liberale Kritiker diskreditieren ein solches Festhalten am Gegebenen und Gewohnten oder die Privilegierung von Bauchgefühlen als unmoralisch, amoralisch oder irrational, da sich viele biokonservative Bedenken als argumentativ nicht stichhaltige Vorurteile entlarven lassen (vgl. dazu RanischRanisch, Robert, 215). Sie werfen den Biokonservativen vor, mit suggestiven und stark emotional aufgeladenen Begriffen wie „Würde“ oder „Natur“ und diffusen pessimistischen Zukunftsperspektiven die Enhancement-Diskussion unnötigerweise zu dramatisieren (vgl. HeilingerHeilinger, Jan-Christoph, 142f.). Denn der Mensch hat sich als das einzige nicht-festgestellte Tier im Laufe der natürlich-biologischen und kulturellen Evolution so stark gewandelt, dass die Idee einer feststehenden „NaturNaturmenschliche“ des Menschen als unhaltbar und die Rede vom „Verlust“ des Menschseins oder des menschlichen Selbstverständnisses als völlig übertrieben und unangemessen erscheinen (Kap. 2.4). Nach dem starken Schwinden der Bindungskraft der christlichen Religion sind auch von religiösen Menschen in öffentlichen ethischen Debatten Gründe und Argumente zu erwarten, die keinen bestimmten Glauben voraussetzen und allein kraft der menschlichen Vernunft nachvollziehbar sind (vgl. dazu Fenner 2016, 219f.). Während ein Generalverdacht gegen das Streben nach mehr Gesundheit, Lebensqualität und Glück mittels medizinischer Fortschritte rational nicht gerechtfertigt werden kann, geben christliche Grundeinstellungen wie die Ehrfurcht vor dem Leben oder der Topos vom Leben als Geschenk Gottes keinen Aufschluss über die Legitimität oder Verwerflichkeit konkreter einzelner Eingriffe in die Natur (vgl. ebd., 248/KassKass, Leon u.a., 289). Heftig umstritten ist selbst unter BiokonservativenBiokonservatismus KassKass, Leon’ Postulat einer „moralischen Weisheit des Ekels“, die sich mit der Vernunft nicht vollständig erfassen lasse (vgl. KassKass, Leon 1998, 18f.). Ganz grundsätzlich werden zwar die meisten unserer moralischen Überzeugungen von normengebundenen GefühlenGefühlemoralische wie Achtung, Empörung oder Ekel begleitet, die in aller Regel in der moralischen Erziehung zusammen mit den moralischen Urteilen gelernt werden (vgl. Fenner 2008, 209). Solche Gefühle moralischer Billigung oder Missbilligung sind aber keineswegs an sich schon „weise“, sondern ihre Angemessenheit und Legitimität hängt von den ihnen zugrunde liegenden rationalen Überzeugungen ab. Negative Gefühle von Ekel oder Empörung können daher immer nur Indizien für moralische Verstöße sein, nicht aber Beweise für die moralische Falschheit bestimmter Handlungsweisen. Aus Sicht einer säkularen rationalistischen Ethik ist die Orientierung an moralischen Grundpfeilern wie „authority/respect“ (4) oder „purity/sanctity“ (5) problematisch, weil diese höchstens zu einer moralpsychologischen Erklärung von Standpunkten, nicht aber zu ihrer Begründung beitragen.

2) Bioliberale allgemein

Innerhalb des „Mainstream“ des BioliberalismusBioliberalismus findet sich eine große Bandbreite von gemäßigten bioliberalen Positionen bis hin zu radikalen Trans- oder Posthumanisten, die allesamt das ethische Prinzip der FreiheitLiberalismus als das höchste betrachten. In der akademischen Enhancement-Debatte dominieren gemäßigte bioliberale Publikationen mit teilweise programmatischen gemeinsamen Manifesten etwa der Gruppe um Martha FarahFarah, Martha oder Thorsten GalertGalert, Thorsten und Bettina Schöne-SeifertSchöne-Seifert, Bettina. Sofern das höchste individualethische Prinzip der Freiheit oder Autonomie überhaupt näher erläutert oder definiert wird, beschränken sich Bioliberale meist auf einen Minimalbegriff (vgl. dazu RanischRanisch, Robert, 208): Freiheit meint dann die in liberalen Gesellschaften garantierte Fähigkeit einer Person, ihr Leben ohne äußeren Zwang seitens von Staat oder Gesellschaft nach eigenen Wertvorstellungen und Zielen leben zu können und über ihren Körper und ihr Wohlergehen selbst bestimmen zu dürfen (vgl. GalertGalert, Thorsten, 41/GesangGesang, Bernward, 82). Was ein gutes Leben sei, welche technologischen Neuerungen für jemanden eine Verbesserung darstellen und welche Risiken er dafür in Kauf nehmen will, soll ganz dem Einzelnen überlassen bleiben und dürfe nicht allgemein geregelt werden. Bioliberale bewerten Enhancement-Methoden grundsätzlich positiv und plädieren für ihre moralische Erlaubnis, weil dank immer neuer Verbesserungsmöglichkeiten unliebsamer Eigenschaften oder Dispositionen die individuellen Wahlmöglichkeiten und die Chancen auf ein besseres Leben mit mehr Lebensqualität stetig ansteigen. Viele lehnen Unterscheidungen zwischen „natürlichen“ und „künstlichen“, „normalen“ oder „anormalen“ oder „gesundheitsbezogen“ und „nicht gesundheitsbezogen“ Maßnahmen ab, sodass es für persönliche Ziele wie etwa die Steigerung der eigenen Leistungsfähigkeit oder Verbesserung des seelischen Wohlbefindens keine verbindlichen moralischen Obergrenzen gebe (vgl. GalertGalert, Thorsten, 40f.). Wichtig sei lediglich die öffentliche und ärztliche Aufklärung über Risiken und Nebenwirkungen einzelner Selbstoptimierungsmaßnahmen, damit die Einzelnen eine rationale Kosten-Nutzen-Abwägung vornehmen und eine informierte Einwilligung in allfällige medizinische Eingriffe geben können. Gerechtfertigt werden muss daher aus bioliberaler Sicht nicht das individuelle Streben nach Selbstoptimierung mit welchen Mitteln auch immer, sondern vielmehr das Einschränken der individuellen Wahlfreiheit (vgl. ebd., 41f.). Im Hintergrund des bioliberalen Paradigmas des Optimierens steht eine Art „negative AnthropologieAnthropologienegative“ mit der Vorstellung des Menschen als noch nicht genau bestimmtem Mängelwesen, das seine zahlreichen Schwächen seit jeher durch Überformung seiner selbst oder seiner Umwelt zu kompensieren versuchte (vgl. dazu Schoilew, 5; 23).Biokonservatismus

Vielen BioliberalenBioliberalismus wird zu Recht ein undifferenziertes Freiheitsverständnis vorgeworfen, weil „Freiheit“ als negative Freiheit von äußeren politischen oder sozialen Handlungsschranken unterbestimmt ist und z.B. auch subtilere Formen eines sozialen Drucks zu berücksichtigen wären (Kap. 2.3). Des Weiteren blenden Bioliberale oftmals die Schwierigkeit aus, dass bei vielen neueren Enhancement-Methoden schlicht noch zu wenige Forschungsergebnisse insbesondere aus Langzeituntersuchungen für eine umfassend aufgeklärte Kosten-Nutzen-Abwägung vorhanden sind. Typischerweise verteidigen sie neue Technologien unter der hypothetischen Annahme, die diskutierten Optimierungsmaßnahmen könnten eines Tages ganz gezielt, hochwirksam und nebenwirkungsfrei die gewünschten Verbesserungen herbeiführen (vgl. dazu Schoilew, 12). Bioliberale leugnen darüber hinaus zwar in aller Regel nicht, dass durch die Verbreitung des Enhancements sozialethische Probleme im zwischenmenschlichen Zusammenleben entstehen können. Bezüglich grundlegender moralischer Prinzipien wie etwa des Nichtschadens beachten sie aber wiederum nur direkte Schadenszufügungen, nicht etwa auch strukturelle Nachteile Dritter (vgl. RanischRanisch, Robert, 209). Wo die Gefahren eines zunehmenden sozialen Drucks, unfairer Wettbewerbsverzerrungen und verstärkter sozialer Ungleichheit zur Sprache kommen, werden sie häufig relativiert: Verwiesen wird etwa darauf, Selbstoptimierung finde auch außerhalb kompetitiver Zusammenhänge statt, oder das Verbot von kognitivem Neuroenhancement am Arbeitsplatz oder an Universitäten sei ein mindestens ebenso großer Zwang wie der Druck zur Medikamenteneinnahme durch verbesserte Kollegen oder Kommilitonen (vgl. GalertGalert, Thorsten u.a., 43/FarahFarah, Martha u.a., 423). Da soziale Ungleichheit auch sonst in der Gesellschaft in allen Lebensbereichen toleriert werde, dürfe der Fortschritt hinsichtlich Gesundheit oder Lebensqualität der Menschen nicht aufgrund der Gefahr einer ungerechten Verteilung der Enhancement-Methoden beschränkt werden. Oft wird auch einfach auf den Staat mit seinen Möglichkeiten der Sozial- und Steuerpolitik vertraut, der ein weiteres Auseinanderdriften der Schere zwischen den Lebenschancen der Bürger ausgleichen müsse (vgl. GalertGalert, Thorsten, 45/FarahFarah, Martha u.a., 423). Im Zeichen seines „LiberalismusBioliberalismus mit Auffangnetz“ schlägt etwa Bernward GesangGesang, Bernward vor, nur moderate und reversible Verbesserungen mit „unbedenklichen sozialen Folgen“ zuzulassen (vgl. 11; 64; 96). Angesichts des klaren Primats individueller Selbstbestimmung und eines großen Fortschrittsoptimismus drohen jedoch soziale Probleme leicht unterschätzt und die staatlichen Möglichkeiten gezielter Sicherheitsvorkehrungen und Regulierungsmaßnahmen überschätzt zu werden.Biokonservatismus

3) Bioliberale Trans- und Posthumanisten

Beim TransTranshumanismus- und PosthumanismusPosthumanismus handelt es sich um breite und nur lose definierte politisch-philosophische Bewegungen, die dank radikaler Formen neuer Enhancement-Technologien und vollständiger Kontrolle der natürlichen Evolution die biologischen Unzulänglichkeiten des Menschen überwinden und durch sprunghafte Verbesserungen menschlicher Fähigkeiten eine perfekte menschliche Lebensform oder einen neuen Menschen erreichen wollen (vgl. SorgnerSorgner, Stefan, 28f./BostromBostrom, Nick, Kap. 1). Während der Begriff „transhuman“ auf den Biologen und Schriftsteller Julian HuxleyHuxley, Aldous zurückgeht, wurde das Schlagwort „posthumanist“ vom Kulturtheoretiker Ihab Hassan geprägt (vgl. Loh, 34; 94). Neben einer bunten Vielfalt von Science-Fiction-Autoren, Hackern, Robotik- und Zukunftsforschern wie dem Posthumanisten Ray KurzweilKurzweil, Ray bekennen sich auch Philosophieprofessoren wie Nick BostromBostrom, Nick, Julian SavulescuSavulescu, Julian oder John HarrisHarris, John zum Transhumanismus. Da Trans- und Posthumanisten dem bioliberalen „Lager“ angehören, teilen sie die oben bereits erwähnten Grundhaltungen und verfolgen auch die gleichen Ziele wie etwa Verlängerung der Lebens- bzw. Gesundheitsspanne, Steigerung von physischen, emotionalen und intellektuellen Fähigkeiten und allgemein bessere Kontrolle von Geist und Gefühl (vgl. BostromBostrom, Nick, Kap. 1/SavulescuSavulescu, Julian 2009, 212ff.). Radikaler sind aber häufig die dafür vorgesehenen und größtenteils noch in der Entwicklungsphase steckenden Mittel wie Gentechnik, Informationstechnologie, molekulare Nanotechnologie oder Künstliche Intelligenz. Weit verbreitet ist z.B. die Utopie, das Ziel der Lebensverlängerung statt durch ein Hinausschieben des biologischen Todes über ein unbegrenztes Fortbestehen des menschlichen Geistes in intelligenten Maschinen im Sinne einer „kybernetischen UnsterblichkeitUnsterblichkeitkybernetische“ zu erreichen. Unklar und unter den Vertretern selbst umstritten ist, durch welche Merkmale sich der Trans- und Posthumanismus genau voneinander unterscheiden (vgl. SorgnerSorgner, Stefan, 18; 66). Nach einem groben Abgrenzungsversuch will der TranshumanismusTranshumansismus „durch“ (lateinisch: „trans“) den gegenwärtigen Menschen dessen Weiterentwicklung oder Transformation bewirken, wobei neue Technologien lediglich ein Mittel darstellen (vgl. Loh, 11f.; 92f.). Demgegenüber zielt der Posthumanismus auf die Überwindung des heutigen Menschen („homo sapiens“) und die Erschaffung einer neuen Menschenart als maschinelle Superspezies ab, sodass die Technik in gewissem Sinn zum Ziel mutiert. Sich innerhalb des PosthumanismusPosthumanismus gegen die geistige Strömung des „kritischen Posthumanismus“ abhebend, lässt sich dieser für die Selbstoptimierung relevante technologische Posthumanismus somit als extreme Zuspitzung des Transhumanismus bezeichnen (vgl. ebd., 14; 122).Bioliberalismus

Welche Anthropologie dem Trans- und Posthumanismus zugrunde liegt und inwiefern es sich überhaupt um einen „Humanismus“ handelt, wird sehr unterschiedlich beurteilt. Die meisten Repräsentanten bekennen sich implizit zum frühneuzeitlichen und aufklärerischen rationalen HumanismusHumanismus, weil sie den Optimismus hinsichtlich der Perfektibilität des Menschen teilen und dabei auf die Vernunft und die Wissenschaften setzen (vgl. BostromBostrom, Nick u.a., Kap. 1.1/Loh, 20f.; 34f.). Während sich aber der historische Humanismus auf traditionelle Methoden der Erziehung und Bildung beschränkte, wollen Trans- und Posthumanisten das humanistische Programm der Selbstverbesserung mit technischen Mitteln fortsetzen und den vermeintlichen Gegensatz zwischen „Humanität“ und „Technologie“ auflösen. Eher abgelehnt wird demgegenüber der für den „christlichen“ und „kantischen HumanismusHumanismus“ typische Dualismus von Geist und Körper, der tendenziell im Transhumanismus zugunsten einer naturalistischen Anthropologie und eines materialistischen Monismus und im Posthumanismus durch die Überwindung des biologischen Körpers zugunsten eines idealistischen Monismus überwunden wird (vgl. SorgnerSorgner, Stefan, 10/Loh, 27; 31). Meist wird zwar von einem kontinuierlichen Optimierungsprozess des Menschen durch Selbsttechnisierung in Richtung auf Superintelligenz, starke Physiologie etc. ausgegangen. Gleichwohl soll es irgendwann einen kategorialen Bruch geben, an dem „transhumans“ als SchimärenChimären oder Cyborgs mit einigen signifikant nichtmenschlichen Eigenschaften zu „posthumans“ als in jeder Hinsicht von „humans“ verschiedene Angehörige einer neuen Art Mensch übergehen (vgl. SavulescuSavulescu, Julian 2009, 214/Loh, 90). CyborgCyborgs sind Mensch-Maschine-Mischwesen, für die in einem weiten Sinn bereits das Vorliegen einer Beinprothese oder eines Herzschrittmachers ausreichen und in einem engeren Sinn kognitive Optimierungsmaßnahmen durch Neurotechnologien bis hin zur vollständigen Verschmelzung von Mensch und Computertechnologie vorliegen müssen (vgl. MüllerMüller, Oliver 2009, 491f.). Einen kategorialen Umbruch stellte zweifellos die Substitution des biologischen Gehirns als zentraler Steuerungseinheit des Menschen durch einen Siliziumchip mit künstlicher Intelligenz dar, selbst wenn der ganze restliche Körper aus biologischen Organen und Gliedmaßen weiterbestünde (vgl. dazu BirnbacherBirnbacher, Dieter 2006, 176). Der postbiologische Mensch existierte schließlich nur noch als Cyberspace-Entität, technologische Singularität oder artifizielle Superintelligenz im digitalen Netz ohne räumlichen Körper, wobei sich die verschiedenen Superintelligenzen zu einer Supergemeinschaft oder einem Super-Bewusstsein planetarischen Maßstabs verbinden könnten (vgl. KurzweilKurzweil, Ray, 358; 370/Loh, 106–110; 117).PosthumanismusBioliberalismus

Hilfreich ist die Unterscheidung zwischen einem Transhumanismuskohlenstoffbasierter/siliziumbasierterkohlenstoff-basierten und einem silizium-basierten TranshumanismusTrans- und Posthumanismus, wobei auch einige Transhumanisten verwirrenderweise das Ideal völlig synthetisch hergestellter „Posthumaner“ teilen (vgl. SorgnerSorgner, Stefan, 76). Als Wege zur Realisierung artifizieller Superintelligenz werden zum einen die ständig weiterentwickelte künstliche IntelligenzIntelligenzkünstliche mit den vielversprechenden künstlichen „neuronalen Netzen“ genannt, die ähnlich wie das menschliche Gehirn zu komplexen parallelen Verarbeitungsprozessen, selbständigem Lernen und kontinuierlicher Selbstverbesserung fähig sind (vgl. KurzweilKurzweil, Ray, 166/Loh, 97; 114ff.). Zum andern wird das noch weit von seiner Realisierbarkeit entfernte mind uploadingmind uploading oder whole brain emulation vorgeschlagen, d.h. das Herunterladen der Persönlichkeit auf einen Computer entweder nichtinvasiv über Computertomographie oder invasiv durch das Einscannen des in dünne Schichten zerlegten Gehirns (vgl. SorgnerSorgner, Stefan, 76/Loh, 100). Gegen diese Methoden lassen sich zahlreiche Argumente des Ersetzbarkeitsdiskurses anführen, der im Kontext des philosophischen Leib-Seele-Problems und der Künstliche-Intelligenz-Forschung geführt wird: Vorausgesetzt wird ein reduktionistischer Funktionalismus oder InformationismusFunktionalismus, Informationismus, denenzufolge Geist und Person nichts anderes sind als funktionale Zusammenhänge oder Informationen (vgl. Brüntrup, 98f./Loh, 105). Während dabei die Bedeutung von Körperlichkeit und Emotionalität in der menschlichen Erkenntnisweise und Lebensform deutlich unterschätzt wird, ist die Herstellbarkeit geistiger und körperlicher Qualitäten des Fühlens und Erlebens oder gar eines künstlichen Bewusstseins bei Computern höchst fraglich. Nur weil Menschen einen vergleichbaren Körper haben und ähnliche sensomotorische und psychische Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit Um- und Mitwelt machen, können sie Wörtern wie „Ball“ oder „Liebe“ ähnliche Bedeutungen zuschreiben und miteinander interagieren. Nicht nur würde wohl kein Mensch auf positive Gefühle wie Liebe oder Glück verzichten wollen, sondern ohne Gefühle fehlte den Menschen die Entscheidungs- und Planungsfähigkeit (vgl. Lenzen, 132). Auch ist völlig unklar, wie bei einer „artifiziellen Superintelligenz“ etwa dank „mind uploading“ noch so etwas wie „persönliche Identität“ oder ein „Selbst“ mit einem kritischen und distanzierten Selbstverhältnis als Subjekt der Selbstoptimierung möglich sein soll (vgl. Loh, 105f.). Noch fundamentaler ließe sich gar nicht mehr sinnvoll von „Verbesserungen“ sprechen, wenn Posthumane keine körperlichen Bedürfnisse und auf individuellen Begabungen basierenden Wünsche hätten und nach erfolgter Selbstoptimierung nicht glücklicher wären als zuvor (vgl. GesangGesang, Bernward, 126; 132).TranshumanismusPosthumanismusBioliberalismus

Je radikaler und exakter geschildert oder sogar datiert technologische Zukunftsvisionen als Krönung einer scheinbar unaufhaltsamen evolutionären Entwicklung ausfallen, desto spärlicher sind wie etwa bei KurzweilKurzweil, Ray systematische theoretische und ethische Reflexionen. Es gibt im Trans- und Posthumanismus eine merkwürdige Spannung zwischen der liberalen Überzeugung einer irreduziblen Pluralität an Vorstellungen vom guten Leben der einzelnen Individuen einerseits und einer subjektunabhängigen „objektiven“ Bestimmung des für die Spezies Mensch „Guten“ andererseits (vgl. SiegetsleitnerSiegetsleitner, Anne, 201f.): Wo technikbegeisterte Trans- und Posthumanisten für die moralische Erlaubtheit oder gar Pflicht zur Entwicklung und Anwendung neuer Technologien eintreten, scheinen sie von einem bestehenden allgemeinen Konsens über „Verbesserungen“ auszugehen. Sie sind sich aber keineswegs einig über die für eine hohe Lebensqualität notwendigen Eigenschaften und halten die Suche nach allgemeinen Kriterien oft für schwierig, weil die Menschen erst im Zuge technologischer Innovationen bislang unzugängliche Wertbereiche entdecken würden und noch gar keine Vorstellung vom Besitz völlig neuer Eigenschaften hätten (vgl. ebd./BostromBostrom, Nick, Kap. 3). Wenn genauso wie im gemäßigten Bioliberalismus das individuelle Enhancement im Zentrum steht und gesellschaftliche und politische Konsequenzen vernachlässigt werden, ist dies angesichts der Radikalität der Selbstoptimierungs-Methoden noch viel gravierender. Eine weit verbreitete Befürchtung einer unerwünschten sozialen Auswirklung lautet beispielsweise, die viel intelligenteren „posthumans“ könnten die naturbelassenen „humans“ verdrängen, versklaven oder ausrotten (vgl. AnnasAnnas, George u.a., 162). Transhumanisten selbst schlagen die simple Lösung vor, bei kohlenstoffbasierten Menschen hohe Moralvorstellungen zu fördern und den künstlichen Intelligenz-Maschinen einen entsprechenden Moralkodex mit Werten der Toleranz und Achtung gegenüber Menschen einzuprogrammieren (vgl. BostromBostrom, Nick u.a., Kap. 3.3). Bei einer vollständigen Substitution eines biologischen Gehirns mit unterstützenden Gehirn-Computer-Schnittstellen durch künstliche Intelligenz stellten sich die Fragen der klassischen RoboterethikRoboterethik, wie Computer Moral bzw. das situationsbezogene Abwägen von Gründen und Argumenten lernen und ethische Verantwortung übernehmen könnten. Viele Transhumanisten betonen zwar, Gefahren und Risiken wie z.B. auch einer externer Überwachung seien sehr ernst zu nehmen und es brauche dazu öffentliche Diskussionen und internationale Institutionen (vgl. ebd./SorgnerSorgner, Stefan, 143). Fraglich bleibt aber, wie demokratische Verfahren zur ethischen Steuerung des „Fortschritts“ und digital vernetzte technologische Singularitäten vereinbar sein sollen.TranshumanismusPosthumanismusBioliberalismus

Kommentierte Kurzbibliographie zu Kapitel 1

Um sich in die verschiedenen bioethischen Grundpositionen der Selbstoptimierungs-Debatte einzulesen, empfehlen sich folgende „Klassiker“: Bei den Biokonservativen FukuyamaFukuyama, Francis (2002), HabermasHabermas, Jürgen (2002) und KassKass, Leon u.a. (2003), bei gemäßigten Bioliberalen GesangGesang, Bernward (2007) oder Aufsätze der Medizinethikerin Schöne-SeifertSchöne-Seifert, Bettina, die zudem eine hilfreiche Sammlung klassischer Texte mitherausgebracht hat (2009a), unter den etwas radikaleren Trans- und Posthumanisten Beiträge von SavulescuSavulescu, Julian und BostromBostrom, Nick, die gemeinsam einen Sammelband (2009) zusammenstellten, HarrisHarris, John (2007) oder SorgnerSorgner, Stefan (2016) mit einführendem Charakter.

2 Normative Bezugsgrößen

Um sich ein umfassendes Bild über den aktuellen Selbstoptimierungstrend zu machen, sind Kenntnisse und Forschungsmethoden aus verschiedensten Disziplinen und letztlich eine interdisziplinäre Zusammenarbeit unverzichtbar. Bei einem empirisch-deskriptiven Zugang etwa im Rahmen medizinischer, naturwissenschaftlich-technischer, soziologischer und psychologischer Studien über Selbstoptimierung wird Wissen aus der Erfahrung gewonnen mit dem Ziel einer möglichst exakten und intersubjektiv überprüfbaren Beschreibung und Erklärung dessen, was der Fall ist. Im Gegensatz dazu geht es bei dem hier gewählten normativ-wertenden Zugang nicht um eine wertneutrale Beschreibung des Ist-Zustandes oder eine Prognose wahrscheinlicher zukünftiger Veränderungen von Technologien, gesellschaftlichen Verhältnissen oder psychischen Zuständen, sondern um normative, d.h. wertende Aussagen über bestimmte Selbstoptimierungspraktiken. Im Zentrum philosophisch-ethischer Reflexionen steht anstelle des „Seins“ das „Sollen“. Die EthikAllgemeineAllgemeine EthikEthik ist eine Disziplin der praktischen Philosophie, die allgemeine Prinzipien oder Beurteilungskriterien zur Beantwortung der Frage nach dem richtigen menschlichen Handeln zu begründen versucht (vgl. Fenner 2007, 16). Anders als eine theologische Ethik setzt eine säkulare philosophische Ethik keine bestimmte Religion oder Weltanschauung voraus, sondern ihre Reflexionen und Begründungen sollen dem Anspruch nach für alle vernunftfähigen Lebewesen einsichtig sein. Während sich empirische Vorgehensweisen auf Beobachtungen, Umfragen oder Experimente stützen, bedienen sich normativ-wertende Betrachtungen philosophischer Methoden der kritischen Hermeneutik und des rationalen Argumentierens und Begründens. Wichtig ist daher eine Argumentationslehre, die den richtigen Umgang mit sich teilweise widerstreitenden Gründen und Argumenten klärt und das Auge für starke und schwache oder logisch gültige und ungültige Argumente schult. Neben der Ethik ist es zusätzlich noch das Recht, das klar wertend und noch stärker vorschreibend und verordnend zu menschlichen Handlungen Stellung bezieht: Die in Gesetzestexten schriftlich fixierten rechtlichen Regelungen neuer Biotechnologien sind zwar nur dann legitim, wenn sie sich mit ethischen Argumenten rechtfertigen lassen. Sie können aber die allein an die innere Selbstverpflichtung appellierenden Normen besser durchsetzen, indem sie die schwachen moralischen Sanktionen wie gesellschaftlicher Tadel oder Ausgrenzung zusätzlich durch staatliche Sanktionen wie Bußen oder Gefängnisstrafen unterstützen.

Um menschliche Handlungen bewerten, kritisieren oder rechtfertigen zu können, beziehen wir uns in aller Regel auf gesellschaftlich anerkannte Werte, Normen, Prinzipien oder Rechte. Während in alltäglichen Diskussionen die Richtigkeit solcher normativer Maßstäbe meist stillschweigend vorausgesetzt wird, prüft die wissenschaftliche Disziplin der philosophischen Ethik die Legitimität der dabei erhobenen Geltungsansprüche. In diesem Kapitel sollen vier normative Bezugsgrößen, Konzepte oder Prinzipien genauer untersucht werden, die bei der ethischen Positionierung für oder gegen Selbstoptimierung eine große Rolle spielen: „Glück“ und „gutes Leben“ als individualethischer Maßstab (Kap. 2.1), „Gerechtigkeit“ als sozialethischer Maßstab (Kap. 2.2), „Freiheit“ und „Würde“ (Kap. 2.3) sowie „Normalität“ und „Natürlichkeit“ (Kap. 2.4). Auf sie wird zwar in der Enhancement-Debatte häufig ohne weitere Erläuterungen Bezug genommen, aber bei näherem Hinsehen erweisen sie sich als äußerst mehrdeutig und vielschichtig. Die seit den Anfängen der philosophischen Ethik in der griechischen Antike präsenten Begrifflichkeiten sind bis heute Gegenstand philosophischer Kontroversen, ohne dass sich einheitliche und allgemein anerkannte Definitionen durchgesetzt hätten. Um eine differenzierte und gut begründete Positionierung für oder gegen Selbstoptimierungs- oder Enhancement-Praktiken entwickeln zu können, empfiehlt sich daher eine Klärung der Konzepte „Glück“, „Gerechtigkeit“, „Natürlichkeit“, „Freiheit“ und „Würde“. Diese Liste menschlicher Grundwerte oder Prinzipien beansprucht keine Vollständigkeit, sondern ist auf die Selbstoptimierungs-Debatte zugeschnitten. Ganz allgemeine Grundwerte wie „Leben“ oder „Verantwortung“ bilden gleichsam die Grundlage der Diskussion über Selbstoptimierung, weil eine Optimierung natürlich das Leben der Betroffenen voraussetzt und ethische Reflexionen nur sinnvoll sind unter der grundsätzlichen Möglichkeit und Bereitschaft der Menschen zur Übernahme von Verantwortung. Viele weitere Werte oder Prinzipien werden in anderen Kapiteln ausführlich erörtert, z.B. „Gesundheit“ (Kap. 1.3), „Schönheit“ (Kap. 3.1), „Authentizität“ (Kap. 4.1) oder „Bildung“ (Kap. 4.2).

In den darauffolgenden Kapiteln 3–5 stehen dann nicht mehr ethische Begründungsfragen und begrifflich-konzeptuelle Schwierigkeiten im Zentrum, sondern einzelne Verbesserungspraktiken. Diese Reflexionen sind daher nicht mehr der begründungsorientierten, theorielastigen „allgemeinen Ethik“ zuzurechnen, sondern einer problembezogenen, praxisorientierten „angewandten Ethik“: Angewandte EthikEthikAngewandte ist eine noch junge Teildisziplin der Ethik, die allgemeine Prinzipien oder Beurteilungskriterien auf spezifische Handlungsbereiche und konkrete gesellschaftliche Probleme anwendet (vgl. Fenner 2010, 10ff.). Entsprechend der verschiedenen menschlichen Handlungsfelder mit unterschiedlichen moralischen Konflikten haben sich mittlerweile klassische Bereichsethiken wie Bio-, Wirtschafts- und Medienethik etabliert. Aufgrund des deutlichen Schwerpunkts auf dem biomedizinischen Enhancement in diesem Buch wären Fragen der Selbstoptimierung zunächst der weiteren Bereichsethik der BioethikEthikBio- zuzuordnen, die sich mit den ethischen Problemen im Umgang mit allem Lebendigen widmet. Angesichts der Dreiteilung des Lebendigen in menschliches, tierliches und pflanzliches Leben gehören sie im engeren Sinn zur MedizinethikEthikMedizin-, die sich mit den ethischen Problemen beim Umgang mit medizinischen Möglichkeiten im Gesundheitswesen befasst (vgl. ebd., 53). Angewandte Ethik versteht sich generell nicht mehr als rein wissenschaftliche Disziplin, sondern weitet sich aus zu einer Tätigkeit des gemeinsamen demokratischen Sich-Beratens in der Öffentlichkeit. Aufgabe der EthikEthiker in solchen Meinungsbildungsprozessen besteht wesentlich darin, Diskurse zu strukturieren und zu ihrer Versachlichung beizutragen. Statt einfache und klare Antworten zu geben und damit den Beteiligten die Urteils- und Entscheidungsfindung abzunehmen, sollen vielmehr deren Reflexions- und Argumentationskompetenzen durch begriffliche Differenzierungen und das Aufdecken unhinterfragter Wertvorstellungen gefördert werden.

Als eine Art Rahmentheorie kann dabei die von Karl-Otto Apel und Jürgen HabermasHabermas, Jürgen begründete DiskursethikEthikDiskurs- dienen, die beim ethischen Begründen des Moralprinzips von den Voraussetzungen moralischen Urteilens ausgeht (vgl. Fenner 2008, 110ff.). Denn wenn wir über ethisch strittige Praktiken wie z.B. biotechnologisches Enhancement diskutieren, orientieren wir uns den Diskursethikern zufolge immer schon an allgemeinen Diskursregeln: etwa die Regeln, dass alle sprach- und handlungsfähigen Wesen als vernünftige und gleichberechtigte Gesprächsteilnehmer respektiert werden und ihre Standpunkte einbringen können, alle ihre Positionen statt mit emotionalen Appellen oder Gewalt mit Argumenten und Gründen rechtfertigen und am Ende das beste Argument gelten lassen. Wer diese Regeln akzeptiert, erkennt aber implizit zugleich das diskursethische Moralprinzip an: Ethisch legitim kann diesem zufolge nur diejenige Norm sein, die bei allen Betroffenen als Teilnehmern eines praktischen Diskurses Zustimmung finden könnte. Nicht jeder faktische Konsens, sondern nur ein begründeter rationaler Konsens verbürgt wohlgemerkt nach diesem Prinzip die Legitimität von Normen.

2.1 Glück oder gutes Leben als individualethischer Maßstab

Innerhalb der normativen EthikEthik lassen sich zwei grundlegende Bewertungshinsichten unterscheiden, die in zwei aufeinanderfolgenden Kapiteln beleuchtet werden sollen: die prudentielle Perspektive der Individual- oder StrebensethikEthikIndividual-, Strebens-, die sich der persönlichen Lebensführung des Einzelnen und dem für das Individuum Guten widmet, und die moralische Perspektive der Sozial- oder SollensethikEthikSozial-, Sollens-, die sich mit dem menschlichen Zusammenleben und dem für die Gemeinschaft Guten befasst (vgl. Fenner 2008, 8f.). Dabei unterscheidet sich der normative Anspruch der beiden ethischen Bereiche: Während die Individualethik Ratschläge und Empfehlungen für die je eigene Lebensgestaltung gibt, zielt die Sozialethik auf allgemeingültige Sollensforderungen oder Regelungen ab. Allerdings bildet das gute Leben der vom Handeln betroffenen Mitmenschen eine zentrale Hinsicht für die gebotene moralische Rücksichtnahme, sodass individualethische Reflexionen auch für die Sozialethik bedeutsam sind. Obgleich es in der Debatte um Selbstoptimierung und Enhancement nicht immer klar benannt wird, geht es bei den verschiedenen Optimierungsmaßnahmen im Grunde immer um ein glückliches oder gutes Leben bzw. größere Chancen auf ein solches (vgl. exemplarisch KassKass, Leon u.a., 19/NagelNagel, Saskia, 72/HeilingerHeilinger, Jan-Christoph, 39). Nach der sogenannten welfarist definition wird Enhancement ausdrücklich bestimmt als jede biologische oder psychologische Veränderung einer Person, die ihre Chancen auf ein gutes Leben erhöht (vgl. SavulescuSavulescu, Julian u.a., 7). Nicht nur in dieser „welfarist“-Definition, sondern in der Selbstoptimierungs-Debatte ganz allgemein wird aber zumeist nicht näher angegeben, was das „gute Leben“ oder „Glück“ genau bedeuten sollen (vgl. dazu BayertzBayertz, Kurt u.a., 11). Häufig wird lediglich auf die Vielfalt philosophischer Theorien des guten Lebens verwiesen, ohne einem der systematischen Ansätze den Vorzug zu geben. Statt bei ihren Überlegungen eine bestimmte verbindliche Theorie des Guten vorauszusetzen, sollen diese offen bleiben für eine ganze Bandbreite unterschiedlichster individueller Vorstellungen von menschlichem Wohlergehen (vgl. ebd., 12/HeilingerHeilinger, Jan-Christoph, 95). Ganz unabhängig von der empirischen Frage nach konkreten Inhalten des Glücks einzelner Menschen ist aber die philosophisch-begriffliche Klärung sinnvoll, was menschliches Glück ganz allgemein und formal gesehen ist (vgl. BirnbacherBirnbacher, Dieter 2005, 2). Im Folgenden wird ein Mittelweg eingeschlagen zwischen einem paternalistisch-konservativen objektivistischen und einem radikalliberalen subjektivistischen Verständnis vom guten Leben oder Glück. Denn die mehr oder weniger bewussten subjektiven Glücksvorstellungen der Menschen sind sehr wohl einer philosophischen Reflexion und Kritik zugänglich, sodass sie beispielsweise auf immanente Widersprüche oder problematische Konsequenzen hin geprüft werden können. Wie lassen sich also das „gute Leben“ und das „Glück“ näher bestimmen?

2.1.1 Definitionen vom „Glück“ oder „guten Leben“

In der Antike benutzte man für das Höchst- und Letztziel allen menschlichen Strebens das griechische Wort „eudaimonia“, das in gleicher Weise „Glück“ wie „gutes Leben“ meinte. Unter einem guten LebenGlückstheoriengutes Leben kann in einer noch sehr allgemeinen Formulierung eine bestimmte Form der aktiven Gestaltung des Lebens verstanden werden, bei der das Leben im Großen und Ganzen positiv beurteilt und entsprechend gefühlsmäßig bejaht werden kann. Der Begriff „GlückGlück“ hingegen ist nicht nur notorisch vieldeutig, sondern hat sich in der Neuzeit erheblich gewandelt: In der Antike dominierte ein Glückstheoriensubjektivistische/objektivistischeobjektivistisches Glücksverständnis mit dem Postulat allgemeiner objektiver Kriterien, anhand derer sich das Glück oder Unglück der Menschen gleichsam vom Außenstandpunkt aus feststellen ließ. Im Laufe der neuzeitlichen Individualisierungsprozesse wurde jedoch der Glücksbegriff zunehmend GlückSubjektivierung/Psychologisierung dessubjektiviert, privatisiert und psychologisiert (Kap. 1.2). Gemäß dem heute allgemein verbreiteten subjektivistischen Glücksverständnis meint „Glück“ einen innerlichen, subjektiven, empirischen Gefühlszustand, über den letztlich nur die Betroffenen selbst Auskunft geben können. Ökonomische, sozialwissenschaftliche oder psychologische Studien der noch jungen empirischen Glücksforschung verzichten entsprechend bei ihren großangelegten Befragungen auf eine vorgängige Glücksdefinition, und auch einige Philosophen der Gegenwart verwenden den Glücksbegriff rein subjektivistisch und lassen nur subjektive Bewertungsmaßstäbe gelten (vgl. vgl. Frey u.a., 21/BirnbacherBirnbacher, Dieter 2005, 12ff./Sumner, 140). In jüngerer Zeit hat sich aber in der Philosophie die Tendenz durchgesetzt, im Rückgriff auf antike Glücksmodelle wieder objektive Bewertungsmaßstäbe zu statuieren. Glück ist dann nicht lediglich ein innerer psychischer Zustand, sondern bemisst sich am Vorliegen bestimmter objektiver Güter oder Lebensbedingungen. Typologisch vereinfachend wird dem in der Neuzeit dominierenden empirisch-psychologisch verstandenen subjektiven EmpfindungsglückGlückEmpfindungs-/Erfüllungs- ein auf die Antike zurückgehendes objektives Erfüllungsglück entgegengesetzt, das ein objektiv günstig verlaufendes und erfüllendes Leben wie beispielsweise als erfolgreicher Pianist, geachteter Mitbürger und Familienvater voraussetzt (vgl. Horn 2011, 382). Häufig werden bei dieser Entgegensetzung die Glücksbegriffe durch andere differenziertere Ausdrücke ersetzt: Statt von „Empfindungsglück“ wird dann etwa vom gleichermaßen subjektiv und psychologisch verstandenen Wohlbefinden GlückWohlbefinden/Wohlergehengesprochen, statt von „ErfüllungsglückGlückEmpfindungs-/Erfüllungs-“ von einem weniger subjektivistisch konnotierten Wohlergehen („well-being“) oder von „Wohlfahrt“ („welfare“). Viele Philosophen meiden den Begriff „GlückGlück“ aber aufgrund seiner subjektivistischen Konnotationen ganz und bevorzugen den als Übersetzung für das griechische „eudaimonia“ eingeführten künstlichen Terminus „das gute LebenGlückstheoriengutes Leben“, der offener für externe objektive Beurteilungskriterien ist (vgl. SteinfathSteinfath, Holmer 2011, 297).

Hilfreich für die Selbstoptimierungsdebatte ist nicht nur diese elementare Unterscheidung zwischen subjektivem „Wohlbefinden“ und objektivem „Wohlergehen“, sondern die damit zusammenhängende zeitspezifische Abgrenzung von einem „episodischen“ und einem „Lebensdauerglück“ (vgl. SeelSeel, Martin 1995, 62f.): Das episodische GlückGlückepisodisches ist ein herausragendes Hochgefühl, das zeitlich begrenzt ist auf eine „Episode“ im Leben eines Menschen und sich auf seine jeweilige augenblickliche psychische Verfassung bezieht. Es kann sich um ein rein subjektives Empfindungsglück handeln, aber auch um ein komplexeres Glück als Momentaufnahme einer fesselnden, herausfordernden Tätigkeit oder eines sich insgesamt erfreulich entwickelnden Lebens. Typisch ist der rezeptive oder passive Charakter solcher Augenblicke des akuten Bewusstwerdens des eigenen Glückszustandes, da sie nicht willentlich steuerbar sind und die Betroffenen meist unerwartet „überkommen“ (vgl. BirnbacherBirnbacher, Dieter 2005, 4f.). Im Gegensatz zum „episodischen Glück“ bezieht sich das übergreifende GlückGlückLebensdauer-, übergreifendes auf einen größeren Lebensabschnitt, im Fall des „Lebensdauerglücks“ sogar auf das ganze Leben. Es ist nicht bloß ein augenblicklicher positiver Gefühlszustand, sondern setzt vielmehr eine reflexive Distanz zu den vorübergehenden Gefühlsregungen, Bedürfnissen und Wünschen sowie eine positive Bewertung der Lebensperiode voraus. Das Lebensdauerglück kann definiert werden als eine anhaltende, höchst positive Stimmung aufgrund der Beurteilung des eigenen Lebens als eines guten, wobei sowohl die Vergangenheit als auch die zu erwartende zukünftige Entwicklung der Lebenssituation mitberücksichtigt werden (vgl. Fenner 2003, 621). „StimmungenGefühle-regungen/Stimmungen“ sind im Unterschied zu zeitlich begrenzten, auf konkrete Ereignisse bezogenen „Gefühlsregungen“ relativ stabile, atmosphärische Hintergrundtönungen des gesamten Erlebens. Eine solche positive Grundstimmung kann viele vorübergehende Phasen des Leids und der Entbehrungen überdauern, durch die sie nur zeitweilig eingetrübt wird. Anders als das episodische Glück weist das übergreifende Glück eines guten Lebens insofern gleichsam einen aktivischen Charakter auf, als es gerade einen geeigneten Umgang mit dem Wechsel von schmerzhaften und ekstatischen Erlebnissen voraussetzt: Die übergreifende Qualität eines Lebens zeigt sich darin, dass durch alle Krisen hindurch immer wieder eine insgesamt erfüllende und bejahenswerte Lebenssituation geformt werden kann (vgl. SeelSeel, Martin 1995, 67f.). Bezüglich menschlicher Selbstoptimierungs-Bestrebungen zielen traditionelle philosophische, aber auch moderne psychologische und populärwissenschaftliche Methoden der Ratgeberliteratur und Coachingangebote fast durchgängig auf den Kompetenzenerwerb für ein aktives Lebensdauerglück ab. Die in der Enhancement-Debatte diskutierten neueren biomedizinischen Verfahren wirken jedoch auf einer rein (neuro)physiologischen Ebene, sodass sie bestenfalls ein episodisches Empfindungsglück bewirken zu können scheinen (Kap. 4.1).Glück

Die Beziehung zwischen „gutem Leben“ und „Lebensdauerglück“ lässt sich nun folgendermaßen näher bestimmen: Das „Lebensdauerglück“ setzt das „gute Leben“ voraus, das sozusagen eine Vorstufe oder Vorbedingung des Glücks ausmacht und die kognitive Komponente des übergreifenden Glücks bildet (vgl. Fenner 2007, 144). Während das gute Leben etwa durch die geeignete Wahl von Lebenszielen oder den Erwerb wichtiger Kompetenzen aktiv gestaltet werden kann, lässt sich das glückliche Leben entsprechend dem sogenannten Glücksparadox nicht direkt anpeilen (vgl. ebd., 52f./BirnbacherBirnbacher, Dieter 2005, 3). Es stellt vielmehr eine Folge bzw. Begleiterscheinung einer gelingenden Lebensführung dar, wobei das Erleben eng mit der reflexiven Einstellung und der Bewertung des Lebens verbunden bleibt. Damit rückt das „Lebensglück“ in die Nähe der Lebenszufriedenheit als einem eng verwandten positiven Gefühl, bei dem aber die kognitive Komponente noch stärker betont wird. Zwischen einem gelingenden guten Leben und einem sich einstellenden Lebensglück gibt es zudem keinen direkten kausalen und linearen Zusammenhang, weil zusätzlich noch psychische Variablen wie Persönlichkeit oder Temperament dazwischen treten können. Ein gutes Leben ist also nicht zwingend schon ein glückliches, scheint aber auch kein gänzlich unglückliches sein zu können (vgl. SteinfathSteinfath, Holmer 2013, 174). Mit Befragungen von Tausenden von Zwillingen über die Einschätzung ihres Glückszustandes über einen längeren Zeitraum hinweg hat die empirische Glücksforschung die große Rolle der genetischen Faktoren nachgewiesen, die gleichsam einen persönlichen „set point“, „Glücksfixpunkt“ oder „Glücks-Grundwasserspiegel“ eines jeden Menschen festlegen (vgl. Bauer, 21/Bruni, 407): Je nach Studie soll das Ausmaß an Glück zu 50 % oder gar 80 % von diesem „set point“GlückGlücks-„set point“ abhängen, auf den sich die Individuen nach starken positiven wie negativen Erfahrungen wie z.B. einem Lottogewinn oder einer Beinamputation nach einer gewissen Phase der Abweichung immer wieder einpendeln. Ob diese individuell unterschiedlichen biologisch-genetischen „Voreinstellungen“ des GlückGlücks von einzelnen Genen oder der Dichte und Funktionsweise bestimmter Botenstoffe im Hirn abhängen und wie genau sie gemessen werden können, ist jedoch bislang noch unklar (vgl. Esch, 164/Kap. 4.1). Aufgrund des offenbar viel größeren Einflusses des „hedonistischen set points“ auf das Glück als bessere Lebensumstände oder günstige Ereignisse forderte der Transhumanist und Philosoph David Pearce im Online-Manifest The Hedonistic Imperativ (1995), die biologische subjektive Ausstattung des Menschen mithilfe von Gen- und Nanotechnologie zu optimieren.

In philosophischen und Neuroenhancement-Debatten ist umstritten, ob es so etwas wie ein „illusionäres Glück“ geben kann. Das illusionäre GlückGlückillusionäres wird definiert als ein positives Gestimmtsein oder Wohlbefinden, das die Betroffenen über die „Wirklichkeit ihrer Lage täuscht“ (SeelSeel, Martin 1994, 147). Als Beispiel kann das Liebesglück eines Mannes dienen, der nicht weiss, dass er von seiner Partnerin dreist betrogen wird. Wüsste er um diesen Betrug, wäre sein Glück mit Sicherheit dahin. Oder es fühlt sich jemand subjektiv wohl, obwohl er medizinisch gesehen schwer krank ist. Nur beim episodischen Empfindungsglück oder WohlbefindenGlückWohlbefinden/Wohlergehen in einem radikal subjektivistischen Glücksverständnis spielt es keine Rolle, ob das innere Empfinden und die äußere Wirklichkeit auseinanderklaffen. Beim objektiven Erfüllungsglück, Wohlergehen oder übergreifenden GlückGlückLebensdauer-, übergreifendes hingegen ist jemand nicht schon deswegen glücklich, weil er sich glücklich fühlt. Vielmehr muss sein Leben ihm in einer distanzierten und reflexiven Einstellung auch tatsächlich einen Grund dazu geben, glücklich zu sein (vgl. SeelSeel, Martin 1995, 56f./Knell, 236). Wie in der empirischen Wohlfahrtsforschung erkannt wurde, lassen sich Wohlfahrt und Lebensqualität weder ausschließlich über beobachtbare objektive Faktoren wie den Lebensstandard noch an einem rein über Selbsteinschätzung erhobenen subjektiven Wohlbefinden oder Glück bemessen (vgl. Mayring, 31ff.; 92f.). Soziologen entwickelten daher zweidimensionale transaktionale Modelle für Lebensqualität (vgl. exemplarisch Glatzer/Zapf, 7). Auch wird in der empirischen Psychologie unterschieden zwischen einer Adaption, wenn sich jemand trotz objektiv schlechter Lebensbedingungen subjektiv wohl fühlt, und einer Dissonanz im umgekehrten Fall. Im Gegensatz zu diesen beiden Formen von Missverhältnissen sind beim individualethisch optimalen Wohlergehen die objektiven Lebensbedingungen ebenso gut wie das subjektive Wohlbefinden, wohingegen bei der Deprivation die schlechten objektiven Lebensbedingungen mit subjektiven Unglücksgefühlen zusammenpassen (vgl. Neumaier, 34). Da ein Lebensdauerglück die „Übereinstimmung“ oder „Passung“ von subjektiven und objektiven Komponenten, innerem Gestimmtsein und äußerem Lebensverlauf voraussetzt, lässt es sich inhaltlich näher charakterisieren als „gelingendes Welt-Selbst-VerhältnisGlückWelt-Selbst-Verhältnis“ (vgl. Fenner 2003, 157). Neben Individuums- und Umweltfaktoren treten aber als drittes Element noch die meist soziokulturell geprägten Wertmaßstäbe hinzu, nach denen die Qualität dieses Verhältnisses bewertet wird. Glück und gutes Leben sind so gesehen immer auch eine Frage des Bezugsystems. In der Philosophie lassen sich drei Theorierichtungen auseinanderdividieren, die jeweils ganz unterschiedliche Bewertungsmaßstäbe zur Beurteilung eines Lebens als gut und glücklich ansetzen und sich miteinander kombinieren lassen (vgl. Parfit, 493–502, Fenner 2007, 31–140):Glück

1 Hedonistische Theorie

2 Wunsch- oder Zieltheorie

3 Gütertheorie oder Objektive-Liste-Theorie

4 Hybridtheorie als Kombination der drei Theorien

2.1.2 Philosophische Theorien des Glücks oder guten Lebens

1) Hedonistische Theorie

Gemäß der Hedonismushedonistischen Theorie von griechisch „hedone“ („Lust“) ist ein Leben dann gut oder glücklich, wenn es möglichst viele subjektive Erlebnisse der Lust oder Freude und möglichst wenig Schmerz oder Leid aufweist. Als egoistische individualethische Position wurde sie bereits in der Antike vom Philosophen Epikur begründet und dann im 18. und 19. Jahrhundert in einer universalistischen sozialethischen Variante von den Utilitaristen Jeremy BenthamBentham, Jeremy und John Stuart MillMill, John Stuart vertreten. Seit der Antike wurde gegen den Hedonismus nicht immer zu Recht eingewendet, er verabsolutiere die rein sinnliche Lust angenehmer Sinnesreizungen oder der Befriedigung körperlicher Bedürfnisse, sodass sich der Mensch zum Sklaven seiner natürlichen Neigungen mache (vgl. AristotelesAristoteles, 1095b, 16). Dabei ist ein naiver und unreflektierter HedonismusHedonismusnaiver/reflektierter schon deswegen sowohl unklug als auch verwerflich, weil die natürlichen Bedürfnisse keineswegs immer schon in einem harmonischen Zusammenhang stehen und bestimmte Arten von Lustbefriedigungen für die Betroffenen selbst oder andere schädlich sind wie z.B. der Lustgewinn aus einem Suchtverhalten oder einer Vergewaltigung. HedonismusPragmatisch sowie konzeptuell gesehen kommt daher nur ein reflektierterHedonismusnaiver/reflektierter oder aufgeklärter Hedonismus in Frage, bei dem die Vernunft die verschiedenen Formen von Lust oder Freude aus Distanz bewertet und selektiert. Aber auch dann noch droht das Leben bestenfalls eine Summe bzw. eine ununterbrochene Kette einzelner Momente episodischen Glücks zu bilden, ohne dass zwischen diesen ein Zusammenhang besteht und sich daraus ein sinnvolles Ganzes ergibt. Für ein übergreifendesGlückLebensdauer-, übergreifendes GlückGlück oder Lebensdauerglück kommt es aber wie gesehen nicht so sehr auf einzelne freudvolle oder schmerzhafte Erlebnisse an, sondern auf den Umgang mit ihnen und ihre Integration und Deutung mit Blick auf persönliche Wertmaßstäbe und das ganze Leben (vgl. Fenner 2007, 54ff./BirnbacherBirnbacher, Dieter 2005, 11). Anthropologisch höchst fragwürdig ist jedoch bereits der häufig zur Begründung des ethischen Hedonismus herangezogene psychologische Hedonismus, demzufolge alles menschliche Tun auf Lust abzielt. Offenkundig streben Menschen nämlich keineswegs ausschließlich nach positivem Wohlbefinden und wollen ihr Glück keineswegs ausschließlich aus dem Erleben starker Lustgefühle beziehen, sondern verfolgen viele andere Ziele wie Erkenntnis oder Macht und nehmen für deren Erreichen viel Mühsal und Entbehrungen in Kauf. Als hedonistischen Fehlschluss bezeichnet man den falschen Schluss von der Tatsache, dass Aktivitäten wie wissenschaftliche Forschungen oder das Zusammensein mit Freunden den Menschen Freude bereiten, darauf, dass sie es nur auf die Lust abgesehen haben (vgl. Forschner, 156). In aller Regel sind den Menschen auch die Quellen der Lust nicht gleichgültig und sie möchten sich nicht über die Dinge, Personen oder Vorgänge in der Welt täuschen, über die sie sich freuen.

Um die hedonistische Grundannahme des menschlichen Strebens nach einem Maximum an inneren Zuständen des Wohlbefindens zu widerlegen, wird häufig Robert Nozicks Gedankenexperiment von der Erlebnismaschine herangezogen (vgl. NozickNozick, Robert, 52ff.): Niemand würde sich wohl dauerhaft über Elektroden im Gehirn an eine Maschine anschließen lassen, die ihm suggeriert, er gehe beglückenden Tätigkeiten nach wie etwa dem Schreiben eines Romans oder dem Zusammensein mit Freunden, auch wenn in ihm gleichzeitig die damit normalerweise verbundenen positiven Erfahrungen induziert werden. Bezüglich des emotionalen Neuroenhancements wird daher diskutiert, ob eine Stimmungsaufhellung mittels Psychopharmaka im Subjekt nicht zu positiven Gefühlen ohne adäquaten Bezug zur Außenwelt führt (Kap. 4.1). Als Reaktion auf diese diversen Kritikpunkte haben sich viele Vertreter des Hedonismus ausdrücklich von einem rein Hedonismusqualitativer/quantitativerquantitativen sensorischen Hedonismus distanziert und für Qualitätsunterschiede zwischen verschiedenen Arten von Lüsten plädiert. Dabei wird dem stark mit sinnlichem Genuss assoziierten Begriff „Lust“ meist der Ausdruck „Freude“ vorgezogen, der für höhere Lustformen aus geistigen und sozialen Aktivitäten besser geeignet ist. Allerdings kommt es bei solchen Erweiterungen des ursprünglichen Hedonismus zu Inkonsistenzen und es ist umstritten, ob die Bezeichnung „Hedonismus“ dann noch angemessen ist. Dies gilt z.B. für Mills qualitativen Hedonismus, bei dem neben dem rein quantitativen Maß an Freude Qualitätsunterschiede je nach Quelle und Art der Freude gemacht werden. Dabei seien diejenigen Freuden viel wertvoller und würden von kompetenten Richtern vorgezogen, bei denen im Unterschied zu rein animalischen sinnlichen Genüssen typisch menschliche Fähigkeiten beteiligt sind wie etwa bei intellektuellen Freuden (vgl. MillMill, John Stuart, 14ff.). Sollten aber die „höheren Freuden“ nicht aufgrund ihrer internen Qualität, Freude zu bereiten, wertvoller sein als „niedrige“, ergibt sich ein Widerspruch zum hedonistischen Grundprinzip der Maximierung von Freude (vgl. Köhne, 92–101). Dasselbe trifft auch für Fred Feldmans Hedonismusattitudinalerattitudinalen Hedonismus zu, bei dem „Freude“ als intentionale, auf bestimmte Objekte gerichtete Einstellung („attitudinal pleasure“) aufgefasst wird. Da sämtliche gerichteten Freuden immer einen Weltbezug enthalten, soll die Qualität oder der Wert einer Freude an bestimmten Eigenschaften der Objekte gemessen werden. So sollen die freudvollen Erlebnisse nicht wie bei Nozicks Erlebnismaschine auf Irrtümern, sondern auf wahren Annahmen beruhen, und die Bezugsobjekte müssten die Freude „verdienen“ (vgl. Feldman, 112; 121). Das Verdienst- oder Wertkriterium bleibt allerdings sehr vage und es ist unklar, ob es sich bei den Objektivitätskriterien noch um intrinsische Eigenschaften einer subjektiv empfundenen Freude handelt oder ob zusätzliche hedonismusfremde Elemente einer Wunsch- oder Gütertheorie ins Spiel kommen (vgl. Köhne, 106f.; 110ff./SteinfathSteinfath, Holmer 2013, 175).Glück

2) Wunsch- oder Zieltheorie

Obgleich es selten explizit gemacht wird, scheinen die meisten liberalen Befürworter der Selbstoptimierung von diesem zweiten Grundmodell auszugehen: Aus der Warte der Wunsch- oder ZieltheorieGlückstheorienWunsch-/Ziel-Theorie („desire-fulfillment“ oder „preference-satisfaction theory“) ist ein Leben dann gut oder glücklich, wenn in ihm die wichtigsten Wünsche oder Lebensziele eines Menschen realisiert werden. Individualethisch zu befürworten wären demnach sämtliche Verbesserungsmaßnahmen, mit denen sich die Betroffenen wesentliche subjektive Ziele erfüllen können. Stärker als bei Feldmans „attitudinalen Hedonismus“ findet bei diesen Ansätzen die anthropologische Tatsache Beachtung, dass Menschen ihr Leben aktiv gestalten und dabei stets nach dem Erreichen selbstgesetzter Ziele streben. Da alle zur Reflexion fähigen Wesen Wünsche entwickeln und diese auch in der Realität erfüllen möchten, macht die Wunschtheorie äußerst anspruchslose und unstrittige Voraussetzungen. Zudem ist sie offen für den Pluralismus an Vorstellungen des guten Lebens und überlässt das Urteil über das Gelingen des eigenen Lebens jedem selbst, weshalb sie gegenwärtig breite Zustimmung erfährt (vgl. SeelSeel, Martin 1995, 78f./KipkeKipke, Roland 2011, 203). In der Philosophie der Gegenwart wird sie etwa von John RawlsRawls, John, James GriffinGriffin, James oder Martin SeelSeel, Martin vertreten, die allerdings strenggenommen eher Theorien über Ziele, Lebenspläne oder Selbstverwirklichung vorlegen: GlückstheorienWunsch-/Ziel-TheorieWährend ein spontan auftauchender WunschWünsche häufig fantastisch und realitätsfremd ist und sich an einer subjektiven Idealität orientiert, ist das ZielZiele ein sorgfältig geprüfter, realitätsorientierter GlückWunsch, den zu verwirklichen und entsprechende Handlungsschritte einzuleiten eine Person beschlossen hat. Auch diverse psychologische Studien bestätigen, dass das Ausmaß an Zufriedenheit und Glück eines Menschen von der Entwicklung und der Art persönlicher Lebensziele abhängt (vgl. Bowi, 8/Mayring, 95). Menschen haben jedoch sehr viele verschiedene und teilweise in Widerspruch zueinander stehende Wünsche und Ziele, die sich nicht in einem Leben oder doch nicht alle gleichzeitig realisieren lassen. Daher müssten die einzelnen Ziele in einem Lebensplan in eine zeitliche und hierarchische Ordnung gebracht und miteinander koordiniert werden (vgl. Fenner 2007, 81f.). Bedeutsam für die Bewertung eines Lebens als gelingend sind dabei v.a. weitreichende Lebensziele oder Projekte wie eine berufliche Karriere oder das Gründen einer Familie, die einen großen Regelungsumfang für ganze Lebensbereiche aufweisen. Da der Lebensplan viele identitätsstiftende Lebensziele enthält und gewissermaßen eine Konkretisierung eines normativen Selbstentwurfs darstellt, bedeutet die schrittweise Realisation eines Lebensplans zugleich eine SelbstverwirklichungSelbstverwirklichung (vgl. ebd., Kap. 4.4). Glücklich wäre also ein Mensch dann, wenn es ihm gelingt, seinen Lebensplan mit identitätsstiftenden Zielen kontinuierlich und mit guten Zukunftsaussichten zu erfüllen (vgl. RawlsRawls, John, 447/SeelSeel, Martin 1995, 96).

Wie damit schon deutlich geworden sein dürfte, vertritt kein Philosoph eine naive und Wünscheaufgeklärte/unaufgeklärteunaufgeklärte Wunschtheorie, die zur Erfüllung sämtlicher faktischer, spontan auftauchender und teilweise konfligierender Wünsche auffordert. Anders als zu mentalen Zuständen der Lust oder Freude haben Menschen zu ihren Wünschen immer schon ein kritisches Verhältnis und fragen sich, ob sie diese oder jene Wünsche haben sollten. Auch ist der Bezug zur objektiven Außenwelt insofern vorausgesetzt, als sich die allermeisten Wünsche nur in der Realität verwirklichen lassen. Folglich spräche eindeutig gegen den Anschluss an die Erlebnismaschine, dass sich die Wünsche, einen Roman zu schreiben oder mit Freunden zusammen zu sein, dann nur vermeintlich erfüllen würden. Im Rahmen einer reflektierten und Wünscheaufgeklärte/unaufgeklärteaufgeklärten WunschtheorieGlückstheorienWunsch-/Ziel-Theorie werden nur bestimmte qualifizierte und für das gute und glückliche Leben relevante Wünsche berücksichtigt (vgl. Fenner 2007, 62–69/Köhne, 186–202): Für das eigene Leben sind zunächst überhaupt nur diejenigen Wünsche relevant, die einen Subjektbezug aufweisen und deren Erfüllung auch subjektiv erfahren werden kann. Genauso wichtig ist die Einschränkung auf informierteWünscheinformierte/uninformierte oder aufgeklärte Wünsche, weil sich die Erfüllung unaufgeklärter und irrationaler Wünsche nachteilig auf das gute Leben auswirken würde. Unaufgeklärt und irrational sind Wünsche, die auf falschen Annahmen über die Wirklichkeit Glückoder logisch fehlerhaften Schlüssen basieren. So könnte jemand sich aufgrund völlig unrealistischer Idealvorstellungen eine Schönheitsoperation wünschen und sich über die tatsächlichen Möglichkeiten, Gefahren und Risiken täuschen (Kap. 3.1). NeurotischWünscheneurotische und damit gleichfalls irrational wären Wünsche, die einer krankhaften psychischen Verfassung entspringen und deswegen im Fall einer Erfüllung zu keiner Befriedigung führen. Entwickelt jemand beispielsweise den Wunsch nach einer Schönheitsoperation aus übertriebener Selbstunsicherheit oder infolge einer krankhaft verzerrten Körperwahrnehmung, wird er durch die Operation keineswegs glücklicher (vgl. ebd.). Inadäquat oder irrational kann ein Wunsch aber nicht nur aufgrund falscher Annahmen über die Wirklichkeit sein, sondern auch wegen falscher Werturteile über die gewünschten Objekte oder Zustände (vgl. Fenner 2008, 6ff.). Man denke an RawlsRawls, John Beispiel eines berühmten Harvard-Mathematikers, der seine Forschung aufgibt und stattdessen alle Grashalme auf dem Campus der Universität zählen will (vgl. RawlsRawls, John, 471). Da sich persönliche Wertvorstellungen von Anfang an in einem soziokulturellen Kontext entwickeln, ist die Gemeinschaft wesentlich mitverantwortlich dafür, was die Menschen wünschen und wie positiv sie die Wunscherfüllung erleben. Wenn Wunschtheorien jedoch Zusatzkriterien für die Auswahl der Wünsche angeben wie z.B. die Reichhaltigkeit der zu erwartenden „Erfüllung“, scheinen sie in die Nähe von objektivistischen oder hedonistischen Theorien zu rücken (vgl. GriffinGriffin, James, 34/SteinfathSteinfath, Holmer 2013, 176).

3) Gütertheorien oder Objektive-Listen-Theorien

Konservative Gegner der Selbstoptimierung verweisen häufig auf den Schwachpunkt liberaler subjektivistischer Positionen, dass sich Menschen in ihren Wünschen und Gefühlen täuschen können. Statt das GlückGlück oder gute Leben von subjektiven Einstellungen der Individuen abhängig zu machen, seien vielmehr objektive subjektunabhängige Bewertungsmaßstäbe erforderlich. Gemäß den Gütertheorien oder GlückstheorienGütertheorie/Objektive-Liste-TheorieObjektive-Listen-Theorien gibt es bestimmte Güter, also Voraussetzungen, Rahmenbedingungen oder Strebensziele, die im Leben aller Menschen wichtig und „intrinsisch gut“, d.h. in sich wertvoll sind und über das Gutsein eines Lebens entscheiden. Sollen sie eine systematische Alternative zu subjektivistischen Theorien bieten, müsste es sich dann vom Außenstandpunkt und völlig unabhängig von subjektiven Einstellungen wie Wünschen oder empfundener Freude feststellen lassen, ob ein Leben gut oder glücklich ist. Viele objektivistische Ansätze etwa von Martha NussbaumNussbaum, Martha, Philippa FootFoot, Philippa oder Richard KrautKraut, Richard sind insofern neoaristotelisch und essentialistisch, als sie das Glück und gute Leben wie AristotelesAristoteles an eine „menschliche NaturNaturmenschliche“ bzw. typische menschliche Eigenschaften oder Fähigkeiten knüpfen. NussbaumNussbaum, Martha hat zwei Listen mit wesentlichen menschlichen Grundfähigkeiten und -tätigkeiten zusammengestellt, die entweder ein Leben überhaupt erst zu einem menschlichen oder darüber hinaus zu einem guten menschlichen Leben machen: Zu einem guten menschlichen Leben gehören die Fähigkeiten, 1. ein Leben von „normaler Länge“ zu leben und nicht vorzeitig zu sterben; 2. sich guter Gesundheit zu erfreuen und seine Grundbedürfnisse zu stillen; 3. unnötige Schmerzen zu vermeiden und Freude zu erleben; 4. seine Sinne, seine Phantasie und seine Denkvermögen zu gebrauchen; 5. tiefe Verbindungen zu Menschen einzugehen; 6. eine Vorstellung vom guten Leben und einen Lebensplan zu entwickeln; 7. sich am gesellschaftlichen und politischen Leben zu beteiligen; 8. in Verbundenheit mit der Natur zu leben; 9. zu lachen, zu spielen und sich erholen zu können; 10. sein eigenes Leben selbstbestimmt zu leben (vgl. NussbaumNussbaum, Martha, 200f.). In Analogie zum „Gedeihen“ („flourishing“) von Pflanzen und Tieren postulieren auch FootFoot, Philippa und KrautKraut, Richard, ein gutes menschliches Leben oder Wohlergehen bestehe im Entwickeln und Entfalten artspezifischer menschlicher Fähigkeiten und Kompetenzen (vgl. FootFoot, Philippa, 65ff./KrautKraut, Richard, 135ff.). Die aufgeführten physischen, affektiven, sozialen, kognitiven und sexuellen Bedingungen der artspezifischen Lebensform bleiben sehr allgemein und anspruchslos, können allerdings durch Kunst, Wissenschaft und Kultur verfeinert werden (vgl. KrautKraut, Richard, 148–180). So werden ganz basale kognitive Fähigkeiten wie das Erlernen einer Sprache, Erinnerungs- und Wiedererkennungsvermögen benannt und in affektiver Hinsicht gehörten sowohl positive als auch negative Gefühle zum menschlichen Leben, wobei aber grundsätzlich nur situationsangemessene gut seien und die negativen nicht Überhand nehmen dürften (vgl. ebd., 164; 153–158).Glück

Kritiker befürchten, dass objektivistische Ansätze einen Paternalismus und antiliberale politische Praktiken befördern (vgl. BayertzBayertz, Kurt u.a., 18). Auch ist es höchst unplausibel und kontraintuitiv, ein gutes oder gar glückliches Leben ganz unabhängig von reflexiven Selbstbewertungen oder subjektivem Wohlbefinden an das pure Vorhandensein der aufgelisteten Güter zu koppeln. Dies stünde im Widerspruch zur alltäglichen Erfahrung, dass Menschen aufgrund großer individueller Differenzen auf verschiedene Güter wie beispielsweise Autonomie, Sicherheit oder familiäre Geborgenheit unterschiedlichen Wert legen. Aus objektivistischer Sicht kann es jedoch an mangelnden kognitiven Fähigkeiten oder ungünstigen naturalen oder sozialen Gegebenheiten liegen, wenn jemand das für ihn objektiv Gute nicht erkennt (vgl. RunkelRunkel, Thomas, 106ff.). Im Gegensatz zu radikalen Gütertheorien GlückstheorienGütertheorie/Objektive-Liste-Theoriebeziehen zumindest gemäßigte Theorien auch die subjektive hedonistische Komponente menschlichen Glücks mit ein, die allerdings an bestimmte objektive Güter gebunden bleibt. Nach KrautKraut, Richard beispielsweise ist nicht schon der Besitz oder das Entfalten der artspezifischen Fähigkeiten intrinsisch gut, sondern erst die Freude an ihrem Gebrauch, und FootFoot, Philippa definiert Glück als „Freude am Guten“ (vgl. KrautKraut, Richard, 164/ FootFoot, Philippa, 129). Kritisch zu fragen ist aber, woher man überhaupt wissen kann, was für Menschen objektiv gut sein soll. Sobald es nicht mehr bloß um biologische Grundfunktionen geht, die sich wie bei Orchideen, Bienen oder Löwen unmittelbar aus der Natur ablesen lassen, ist die „menschliche Lebensform“ offenkundig äußerst komplex und variabel. Nach Ansicht der Objektivisten bildet die Bezugnahme auf die Idee des natürlichen Gedeihens allerdings lediglich einen generellen theoretischen Rahmen, und die sehr offenen und vorläufigen Listen müssen in verschiedenen Zeiten und Kulturen konkretisiert werden (vgl. NussbaumNussbaum, Martha, 189/KrautKraut, Richard, 146ff.). Je allgemeiner und konsensfähiger solche objektiven Listen gehalten sind, desto geringer sind die Gefahren eines naturalistischen Fehlschlusses oder Zirkelschlusses sowie paternalistischer Konsequenzen (Kap. 2.4). Objektivisten bedienen sich selten naturwissenschaftlicher Methoden zur Ermittlung der „Natur“ des Menschen oder einer statistischen Norm, sondern kombinieren Erfahrungen der Menschen mit kritisch-aufklärerischen normativen Reflexionen auf das historisch-kulturelle Selbstverständnis (vgl. NussbaumNussbaum, Martha, 189). Der scheinbar subjektunabhängige objektive Bezugspunkt der menschlichen Natur entpuppt sich damit letztlich als rationaler gesellschaftlicher Konsens, sodass es sich um eine rekonstruktive diskursive Begründungsmethode handelte. Mit Blick auf die aktuelle Selbstoptimierungs-Debatte bleibt aber meist offen, ob bei einer perfektionistischen Auslegung neoaristotelischer Ansätze das Ausüben arttypischer menschlicher Eigenschaften oder Fähigkeiten wie etwa Denkvermögen oder Empathie bereits ausreicht oder ob sie in besonderer Weise kultiviert oder perfektioniert werden müssen.GlückstheorienGütertheorie/Objektive-Liste-Theorie

4) Hybridtheorie zwischen aufgeklärtem Subjektivismus und kriteriologischem Objektivismus

Überzeugende Theorien des guten und glücklichen Lebens verbinden subjektivistische mit objektivistischen Elementen, d.h. sie berücksichtigen sowohl die subjektiven Einstellungen der Individuen als auch subjektunabhängige Lebensumstände, Güter und Kriterien (vgl. Köhne, 35f.). Im Unterschied zu den eindeutig „objektivistischenGlückstheoriensubjektivistische/objektivistische“ Objektive-Liste-Theorien lassen sich die hedonistische und Wunschtheorie in dem Sinn als „subjektivistisch“ bezeichnen, als sich ihnen zufolge das Glück oder gute Leben an den Empfindungen, Gefühlen, Wünschen oder Zielen der jeweiligen Subjekte bemisst. Sie sind aber nicht im radikalen Sinn subjektivistisch, weil sie keineswegs jedem sein ganz persönliches Glücksverständnis belassen und damit GlückGlück gleichsam zur Privatsache oder subjektiven Geschmacksfrage erklären, sondern allgemeine und in diesem Sinn „objektive“ Bewertungskriterien entwickeln und begründen. Es ist ohnehin ein weit verbreiteter Irrtum, Menschen hätten von Geburt an eine rationale und untrügliche Vorstellung vom Glück oder guten Leben (vgl. dazu Hampe, 56). Zu undifferenziert ist daher die These des radikalenBioliberalismusradikaler, einfacher/reflektierter, aufgeklärter oder einfachen Subjektivismus des Glücks oder guten Lebens, Glück sei für jeden Menschen vor dem Hintergrund seiner persönlichen biographischen Erfahrungen, Wertvorstellungen und Wünsche etwas ganz anderes und es ließen sich daher keine allgemeinen Aussagen machen. Objektivistische Positionen wenden berechtigterweise gegen subjektivistische ein, dass subjektive Wünsche das Resultat von Irrtümern sein können und dass ihre GlückillusionäresAusbildung sowohl durch menschliche Grundbedürfnisse und -fähigkeiten als auch durch gesellschaftliche Ideale und Wertstandards beeinflusst werden (vgl. SteinfathSteinfath, Holmer 2011, 301). Konzeptuell überzeugen kann daher nur ein aufgeklärter oder reflektierter Subjektivismus mit der Forderung an den Einzelnen, die Interpretation seiner Lebenssituation, seine Wünsche und sein Lebenskonzept bezüglich allgemeiner Gesichtspunkte zu reflektieren und zu hinterfragen sowie der rationalen Kritik durch andere zu öffnen. Da sich der Einzelne grundlegend über seine Lebenssituation täuschen kann, müsste zumindest die Realitätsforderung einer Übereinstimmung des positiven subjektiven Glückszustandes mit einem objektiv günstigen Lebensverlauf erfüllt sein. Abzulehnen ist neben einem von BioliberalenBioliberalismusradikaler, einfacher/reflektierter, aufgeklärter gern vertretenen radikalen Subjektivismus genauso aber auch der unter Biokonservativen Biokonservatismusabsoluter, radikaler/diskursiver, kriteriologischerbeliebte radikale oder absolute ObjektivismusGlückstheoriensubjektivistische/objektivistische, demzufolge es nur genau eine richtige, durch die „Natur“ des Menschen, durch Gott oder tradierte Vorstellungen vom guten Leben festgelegte menschliche Lebensform gibt. Vertretbar ist wiederum nur die gemäßigte Variante eines kriteriologischen Objektivismus mit diskursiv-rational begründeten allgemeinen Kriterien oder normativen Standards, die eine zentrale Rolle bei der Gestaltung und Beurteilung des eigenen Lebens und zur Aufrechterhaltung der glückskonstitutiven sozialen Anerkennungsverhältnisse spielen.

Statt die vorhandenen philosophischen Theorien des GlücksGlück und guten Lebens einfach als gleichberechtigt nebeneinander stehen zu lassen und damit einen individualethischen Relativismus zu befördern, lassen sich die vorzugswürdigen Merkmale der drei Theorien in einer „HybridtheorieGlückstheorienHybridtheorie“ oder „Hybridkonzeption“ kombinieren (vgl. dazu Weber, 272/BayertzBayertz, Kurt u.a. 18): Dem HedonismusHedonismus ist sicherlich insofern Recht zu geben, als ein Leben ohne subjektiv empfundene Lust oder Freude weder ein glückliches noch auch ein gutes sein kann. Ein passives Erleben noch so intensiver und lückenloser Glücksmomente allein ist jedoch kaum ausreichend für menschliches Glück, weil Menschen in aller Regel noch viele andere Ziele außer Lustempfindungen verfolgen und ihr Leben aktiv führen und gestalten wollen (vgl. BayertzBayertz, Kurt u.a., 14). Anders als der theoretisch unhaltbare unreflektierte und rein quantitative sensorische Hedonismus definieren neuere Versionen im Sinne eines aufgeklärten oder reflektierten Subjektivismus objektive Kriterien für die Beziehung zwischen Selbst und Welt. Außerdem kann ein Leben nur dann als sinnvolles Ganzes beurteilt und bejaht werden, wenn in ihm sukzessive eine planvolle Ordnung wichtiger Wünsche oder Ziele verwirklicht wird und dieser Prozess als erfüllend erlebt werden kann. Kern einer kombinierten Theorie müsste daher eine reflektierte und aufgeklärte Wunsch- oder ZieltheorieGlückstheorienWunsch-/Ziel-Theorie bilden, derzufolge nur bestimmte nach objektiven Kriterien geprüfte Wünsche zu einem guten und glücklichen Leben beitragen können (vgl. GriffinGriffin, James, 34). Darüber hinaus führen Wunschtheoretiker auch zentrale Inhalte oder Dimensionen des Glücks wie etwa Arbeit, Interaktion, Spiel und Betrachtung an, die im Leben aller Menschen wichtig sind (vgl. SeelSeel, Martin 1995, 138–170)GlückstheorienWunsch-/Ziel-Theorie. Solche grundlegenden menschlichen Güter stellen auch Gütertheorien oder Objektive-Liste-TheorienGlückstheorienGütertheorie/Objektive-Liste-Theorie zusammen, die allerdings im Rahmen eines radikalen und absoluten Objektivismus Tendenzen zum Paternalismus und Totalitarismus aufweisen können. Wenn das persönliche „gute Leben“ und „Wohlergehen“ nur noch von außen festgestellt wird und nicht vom betroffenen Subjekt auch gespürt wird, entfernt man sich zudem allzu weit vom allgemeinen neuzeitlichen Sprachgebrauch von „GlückGlück“. Gemäßigte Gütertheorien nähern sich jedoch einem kriteriologischenBiokonservatismusabsoluter, radikaler/diskursiver, kriteriologischer Objektivismus an, weil die Güter diskursiv-rekonstruktiv begründet werden und die große Rolle der praktische Vernunft und der Fähigkeit zur selbstbestimmten Lebensplanung nach eigenen Wunschvorstellungen betont werden (vgl. NussbaumNussbaum, Martha, 214/FootFoot, Philippa, Kap. 4). Ihre Listen sind zudem so allgemein gehalten, dass sie sich als Orientierungsrahmen für eine Zieltheorie eignen. Ein gutes und glückliches menschliches Leben wäre nach einer kombinierten oder HybridtheorieGlückstheorienHybridtheorie ein gelingendes Welt-Selbst-VerhältnisGlückWelt-Selbst-Verhältnis, bei dem die betreffende Person die ihr wesentlich erscheinenden Ziele und Güter auf emotional erfüllende Weise realisiert und sich dabei nicht über relevante deskriptive Tasachen und normative Standards täuscht (vgl. SteinfathSteinfath, Holmer 2013, 177).

2.1.3 Empirische Untersuchungen zum Glück

Nachdem die Philosophen trotz zweieinhalbtausendjähriger Bemühungen keine einheitliche Antwort auf die Frage nach dem Glück fanden, versprechen heute Naturwissenschaftler eine klare Antwort in Form einer belastbaren Wissenschaft vom Glück (vgl. dazu BayertzBayertz, Kurt 2013, 38). In der empirischen Glücksforschung mit Schwerpunkt in der Psychologie und den Wirtschaftswissenschaften wird zwar auf eine Glücksdefinition verzichtet und von einem radikal subjektivistischen Glücksverständnis ausgegangen. Sie versucht aber allgemeine glücksförderliche Faktoren zu ermitteln, indem in repräsentativen Umfragen nach Korrelationen, d.h. Wechselwirkungen zwischen dem selbstgeschätzten Grad an Glück und anderen Faktoren wie Alter, Zivilstand oder sozioökonomischem Status gesucht wird (vgl. ebd., 43/Frey u.a., 29; 43): Bezüglich des Zusammenhangs von Glück und Geld haben viele Studien das sogenannte Easterlin-Paradox nachgewiesen, demzufolge steigende Einkommen in einer Gesellschaft ab einem bestimmten für die Stillung der Grundbedürfnisse ausreichenden Einkommensniveau weder durchschnittlich noch für die reichgewordenen Mitglieder zu mehr Glück und Zufriedenheit führen (vgl. Weimann u.a., 22ff.; 114f./Binswanger, 42ff./Frey u.a., 54ff.). Auch wenn die wohlhabenderen Menschen in einer Gesellschaft aufgrund eines Vergleichs mit den anderen durchschnittlich eine höhere Lebenszufriedenheit angeben als die ärmeren, schwächt sich die Zunahme nach oben hin ab, und nach einer Schweizer Studie kommt es sogar ab einem Einkommen von 10.000 Franken zu einer leichten Abnahme (vgl. Frey u.a., 50f.). Bezüglich der Korrelation von Glück und Arbeit sind der Verlust des Arbeitsplatzes und die Arbeitslosigkeit die am besten nachgewiesenen Unglücksfaktoren im Leben eines Menschen, und das Glück bei der Ausübung einer beruflichen Tätigkeit hängt maßgeblich von der Bezahlung, dem Grad an Selbständigkeit und Selbstbestimmung sowie an intrinsischer Motivation und Wertschätzung der Leistung ab (vgl. Popp u.a., 193f./Binswanger, 45f./Frey, 95f.). Demgegenüber wird die Gesundheit irrtümlicherweise von sehr vielen Menschen als am meisten glücksrelevant eingestuft, obgleich der Zusammenhang zwischen GlückGlück und objektivem Gesundheitszustand gering ist und kranke und verunfallte Menschen wegen des Vergleichs mit noch kränkeren relativ gut mit ihrer Gesundheitssituation zurechtkommen (vgl. Frey u.a., 15). Grundsätzlich gilt allerdings zu beachten, dass die Korrelation bestimmter Variablen strenggenommen noch nichts über die Kausalbeziehung z.B. zwischen Glück und Ehe aussagt: Eine Heirat muss nicht Glück zur Folge haben, sondern glückliche Menschen könnten auch einfach leichter einen Partner finden (vgl. ebd., 19). Zudem besteht zwischen den ermittelten Glücksfaktoren und dem Glück der Einzelnen keine logische und notwendige Beziehung, sodass sich beim Vorliegen bestimmter Quellen menschlichen Glücks nur mit gewisser Wahrscheinlichkeit tatsächlich ein persönliches Glück einstellt (vgl. BirnbacherBirnbacher, Dieter 2005, 8).

2.2 Gerechtigkeit als sozialethischer Maßstab

Während „Glück“ bzw. das „gute Leben“ die Grundbegriffe der individual- oder strebensethischen Perspektive bilden, ist das Ideal der Sozial- oder EthikSozial-, Sollens-Sollensethik die GerechtigkeitGerechtigkeit, s. auch „Egalitarismus“/„Nonegalitarismus“. Im Gegensatz zum vertikalen Selbstbezug bei der prudentiellen Suche nach dem persönlichen Glück tritt bei moralischen Reflexionen über die gebotene Rücksichtnahme auf andere die horizontale Achse mit Interaktionen zwischen den Menschen in den Fokus. Insbesondere wenn es um das Enhancement auf der Basis neuerer Biotechnologien wie etwa Psychopharmaka oder Gentechnik geht, wirft die Selbstoptimierung neben der Frage nach der Verbesserung der Lebensqualität der Einzelnen oft auch diejenige nach der Qualität des Zusammenlebens auf. Aus einer sozialethischenEthikSozial-, Sollens- oder moralischen Perspektive befürchten viele Kritiker des Selbstoptimierungstrends den Zerfall der Gemeinschaft in egozentrische und narzisstischeNarzissmus Einzelindividuen, die asozial sind und sich nicht mehr um das Gemeinwohl kümmern (vgl. Balandis u.a., 149/KingKing, Vera u.a., 295). Es wird mit Sorge beobachtet, wie sich das ausgeprägte Streben der Individuen nach Selbstoptimierung mit immer wirksameren Mitteln auf ihr Verhältnis zu den Mitmenschen und auf die GerechtigkeitGerechtigkeit, s. auch „Egalitarismus“/„Nonegalitarismus“ und Chancengleichheit in einer Gesellschaft auswirkt. Was „Gerechtigkeit“ genau bedeutet, darüber gibt es allerdings nicht weniger vielfältige Vorstellungen und Konzeptualisierungsweisen als beim Glücksbegriff. Die alltäglichen Gerechtigkeitsvorstellungen genauso wie die philosophischen Gerechtigkeitstheorien basieren aber in aller Regel auf einer der beiden grundlegenden Intuitionen: Zumeist bildet die Idee der Gleichheit („EgalitätEgalitarismus“) sowohl im Alltagsverständnis als auch in der philosophischen Tradition den Kern von Gerechtigkeit: Es wird ein interpersonaler Vergleich zwischen den Menschen vorgenommen und als gerecht gilt, wenn alle in ähnlichen Situationen gleich behandelt werden. Es stellt sich dann jedoch die von Amartya SenSen, Amartya aufgeworfene Frage „Equality of what?“, also worauf genau die Gleichheit ganz konkret bezogen werden soll. Wie zu sehen sein wird, kann es z.B. die Gleichheit an Regeln, Gütern, Chancen oder Wohlergehen sein. Im Kontrast zu dieser Idee der Gleichheit und des interpersonalen Vergleichs ist es nach der zweiten Grundidee von Gerechtigkeit vielmehr gerecht, wenn jede Person ohne Vergleich das bekommt, was sie verdient: Es steht dann einzelnen Menschen etwas an sich oder absolut gesehen zu, ganz unabhängig davon, was andere haben (vgl. KrebsKrebs, Angelika, 7ff.). Diese grundlegende Alternative spiegelt sich auch in der aktuellen philosophischen Gerechtigkeitsdebatte mit den gegensätzlichen Positionen des „Egalitarismus“ und „Non“- oder „InegalitarismusNonegalitarismus (Inegalitarismus)“ wider, denen jeweils ein eigenes Kapitel gewidmet ist:

 Egalitarismus: komparative egalitäre Gerechtigkeit (Kap. 2.2.1)

 Nonegalitarismus: adressatenbezogene inegalitäre Gerechtigkeit (Kap. 2.2.2)

2.2.1 Egalitarismus: komparative, egalitäre Gerechtigkeit

1) Wirtschaftsliberaler EgalitarismusEgalitarismuswirtschaftsliberaler: VerfahrensgerechtigkeitGerechtigkeit, s. auch „Egalitarismus“/„Nonegalitarismus“Verfahrens- in der freien Marktwirtschaft

Eine mögliche Konkretisierung der egalitären Idee der Gleichheit ist ein formaler EgalitarismusVerfahrensegalitarismusEgalitarismusVerfahrens-, bei dem wie in einem Sportwettkampf für alle Beteiligten ungeachtet ihrer Herkunft oder Religion und ohne jede Privilegierung die gleichen Regeln gelten. GerechtGerechtigkeit, s. auch „Egalitarismus“/„Nonegalitarismus“ oder ungerecht können nämlich nicht nur Personen und ihre Handlungen genannt werden, sondern auch Institutionen oder Gesellschafts- und Wirtschaftsordnungen, die das Zusammenleben der Menschen regeln. Wirtschaftsliberale halten die liberale Marktwirtschaft für gerecht, weil für alle Marktteilnehmer die gleichen Regeln gelten und sich jeder frei nach seinen persönlichen Interessen am Tausch von Gütern oder Dienstleistungen beteiligen kann: Ein Tausch kommt nur dann zustande, wenn beide Interaktionspartner vor dem Hintergrund ihrer subjektiven Präferenzen das Eingetauschte als gleich wertvoll erachten. In dem etwa von Friedrich von Hayek und Robert NozickNozick, Robert vertretenen LibertarismusLibertarismus stellen die uneingeschränkte Herrschaft des Marktprinzips und die Handlungsfreiheit der Einzelnen die obersten normativen Orientierungsmaßstäbe dar (vgl. dazu Kymlicka, 98ff./Hinsch 2016, 83f.). Die allgemein geltenden Normen beschränken sich dabei im Wesentlichen auf ökonomische Regeln eines fairen Tausches und das Recht auf Eigentum, d.h. insbesondere das Recht auf die Erträge aus den je individuellen Begabungen und Leistungen. Gemäß Nozicks Anspruchstheorie der Gerechtigkeit haben die Bürger einen Anspruch auf alle Besitztümer, die sie durch Tausch, Kauf oder Schenkung erworben haben (vgl. NozickNozick, Robert, 144f.). Die Rolle des Staates beschränkt sich im Sinne eines Minimal- oder Nachtwächterstaates auf den Schutz der Rechte auf Leben und Eigentum seiner Bürger, das Verhindern von Betrug und die Durchsetzung von Verträgen, ohne dass er aber ein öffentliches Schul-, Gesundheits- oder Verkehrswesen bereitstellen würde. Denn eine Besteuerung zu solchen allgemeinen Zwecken sowie eine staatliche Umverteilung von persönlich erwirtschafteten Gütern wird als eine ungerechtfertigte Form von Gewaltausübung und Verletzung individueller menschlicher Freiheitsrechte angesehen (vgl. ebd., 11; 143). Abgelehnt werden damit die Ideen einer Verteilungs- und sozialen Gerechtigkeit, die gegen das liberale Marktprinzip verstoßen und aus libertärer Sicht auf einem Missverständnis von Gerechtigkeit basieren. Die Marktwirtschaft als spontane Ordnung lässt beliebige soziale und ökonomische Ungleichheit zu, die als Resultat eines gerechten Verfahrens stets als gerecht gelten. Bezüglich der teilweise kostspieligen, neu auf den Markt kommenden Enhancement-Methoden wäre gemäß Libertarismus folglich jede Verteilung in der Gesellschaft gerecht, wenn sich nur alle an die geltenden Regeln des freien WettbewerbsGerechtigkeit, s. auch „Egalitarismus“/„Nonegalitarismus“Wettbewerbs- halten.

Gerechtigkeit, s. auch „Egalitarismus“/„Nonegalitarismus“EgalitarismusAus Sicht der Kritiker des libertären Gerechtigkeitsverständnisses kann aber das Marktprinzip solange nicht zu einer Egalitarismuswirtschaftsliberalergerechten Güterverteilung führen, als dabei die sehr ungleichen Startbedingungen in keiner Weise berücksichtigt werden (vgl. Kymlicka, 102/Fenner 2010, 364f.). Zu denken ist v.a. an das Erbe von Vermögen oder Privateigentum und die stark abweichenden persönlichen physischen und psychischen Dispositionen. Fast ebenso gravierend wie angeborene Charakterschwächen oder Behinderungen sind aber die ungleichen sozialen Entwicklungschancen, weil Kinder aus einkommensschwachem oder bildungsfernem Elternhaus in viel geringerer Weise unterstützt und gefördert werden. Sie bilden entsprechend weniger Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl aus und entwickeln geringere Marktkompetenz, d.h. verfügen über weniger gute Ausbildungsmöglichkeiten, Produktivität und Fähigkeiten zur Selbstvermarktung (vgl. Kymlicka, 128f.). Da diese ungleiche Erstausstattung an Gütern und Eigenschaften nicht auf eigene Verdienste und Leistungen zurückgeht, steht sie den Begünstigten schwerlich berechtigterweise zu und scheint damit nicht als gerecht bezeichnet werden zu können. In der Gerechtigkeitsdebatte wird der Einfluss von Glück, Zufall oder Schicksal (englisch „luck“) von den Vertretern des Schicksals-EgalitarismusEgalitarismusSchicksals- („luck“-) („Luck Egalitarianism“) thematisiert, der im Deutschen irreführend als „Glücks-Egalitarismus“ übersetzt wird (vgl. Wollner, 249). Ihnen zufolge ist eine ungleiche Verteilung aufgrund unterschiedlicher Herkunft, Anlagen und Talente moralisch problematisch, weil diese zufällig sind und niemand „etwas dafür kann“. Gerecht können nach dieser überzeugenden Argumentation nur diejenigen Ungleichheiten sein, die sich auf individuelle Entscheidungen, Anstrengungen und Handlungen zurückführen lassen. Die ungleichen Marktchancen werden aber in der liberalen Marktwirtschaft nicht beseitigt, sondern vielmehr weiter ausgebaut und durch Lohnunterschiede bestätigt. Ohne staatliche Umverteilung kommt es zu einer großen Ungleichverteilung der Einkommen und des Wohlstands, die wiederum unterschiedliche Chancen zum Erwerb von Gütern oder zur Erfüllung der persönlichen Wünsche und Interessen mit sich bringen. Nur formal besteht dann für alle Marktteilnehmer die gleiche negative HandlungsfreiheitFreiheit, weil Neoliberalismuskritikauch die Schlechtergestellten von niemandem am Nachfragen von Gütern und der Stillung ihrer Bedürfnisse auf dem Markt gehindert werden. Da ihnen aber unter Umständen die notwendigen materiellen Ressourcen und Kompetenzen beispielsweise zum Erwerb der neusten Enhancement-Technologien fehlen, können sie ihre Handlungsfreiheit nicht ausüben und ihre Wünsche nicht verwirklichen (Kap. 2.3).

2) Sozialer Egalitarismus: Verteilungsgerechtigkeit im Sozialstaat

EgalitarismusWährend Libertäre sämtliche Eingriffe in die liberale Wirtschaftsordnung zur Durchsetzung sozialer GerechtigkeitGerechtigkeit, s. auch „Egalitarismus“/„Nonegalitarismus“ für ungerecht erklären, geht es dem sozialdemokratischen egalitären LiberalismusLibertarismus um Gleichheit als Resultat einer gerechten Sozialordnung. Die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit wurde erstmals Mitte des 19. Jahrhunderts anlässlich der sogenannten sozialen Frage gestellt. Sie erlebte Ende des 20. Jahrhunderts nach dem Erscheinen von John RawlsRawls, John Theorie der Gerechtigkeit (1967) eine Renaissance, worin eine soziale Grundstruktur von Gesellschaften zur Herstellung einer substantiellen Verteilungsgerechtigkeit entworfen wird. Gerecht oder ungerecht ist gemäß der Verteilungs- oder distributiven GerechtigkeitGerechtigkeit, s. auch „Egalitarismus“/„Nonegalitarismus“Verteilungs-, distributive die Art und Weise, wie Handlungssubjekte, Institutionen oder der Staat bestimmte Rechte und Pflichten, Güter oder Lasten verteilen. Soziale GerechtigkeitGerechtigkeit, s. auch „Egalitarismus“/„Nonegalitarismus“soziale bzw. spezifischer eine soziale Verteilungsgerechtigkeit kann als Gesamtheit von Regeln zur Verteilung von Gütern und Lasten durch gesellschaftliche Institutionen verstanden werden, die auf eine Gleichverteilung von gesellschaftlichen Gütern abzielt und Ungleichverteilungen nur unter triftigen Gründen akzeptiert (vgl. Koller, 121f./Hinsch 2016, 82). Zu „gesellschaftlichen Gütern“ zählen sämtliche Güter, die erstens unabhängig von individuellen Lebensentwürfen grundlegende Voraussetzungen für ein gutes Leben bilden und zweitens anders als natürliche angeborene Güter im Besitz der Gesellschaft sind und von dieser verteilt werden. Welche konkreten Güter genau dazuzurechnen sind, wird in verschiedenen Gesellschaften und auch im Egalitarismus verschieden beurteilt. Übereinstimmung herrscht aber zumindest darüber, dass elementare Grundrechte und Grundfreiheiten wie etwa die Rechte auf Leben, Eigentum, Wahlrecht, Meinungsfreiheit und freie Berufswahl allen Gesellschaftsmitgliedern gleichermaßen zukommen sollen. Etwas weniger strikt fällt die Gleichheitsforderung in aller Regel gegenüber ökonomischen Gütern oder Ressourcen wie materiellen Mitteln, Ausbildung und Zugangsmöglichkeiten zur Arbeitswelt sowie sozialen Stellungen aus, d.h. beruflichen Positionen und öffentlichen Ämtern, die mit unterschiedlich viel Einkommen, Macht und Ansehen verbunden sind (vgl. ebd.). Nach RawlsRawls, John sind wirtschaftliche und soziale Ungleichheiten nur ethisch zulässig, wenn alle gleich Begabten und Motivierten die gleichen Chancen auf den Erwerb höherer sozialer und wirtschaftlicher Positionen haben und alle anderen Gesellschaftsmitgliedern von den mit solchen Positionen verbundenen Vorteilen profitieren können (vgl. 81; 122f.). Durch ein gesellschaftliches Institutionensystem und geeignete Maßnahmen wie Besteuerungen soll dafür gesorgt werden, dass dank des gestiegenen Wirtschaftswachstums den am wenigsten Begünstigten mehr Güter zugeteilt werden können.

Gerechtigkeit, s. auch „Egalitarismus“/„Nonegalitarismus“EgalitarismusKritisiert wird an RawlsRawls, John sozialem Egalitarismus die unzureichende ChancengerechtigkeitChancengerechtigkeit, s. Chancengleichheit bzw. ChancengleichheitChancengleichheit, also Gleichheit an effektiven Chancen zum Erwerb sozialer und wirtschaftlicher Güter und Positionen. Dabei ist aber zwischen einer formalen und einer materiellen Chancengleichheit zu unterscheiden (vgl. Meyer, 164.): Die durch eine rechtliche Ausgestaltung gesellschaftlicher Institutionen zu gewährleistende formale ChancengleichheitChancengleichheitformale liegt bereits dann vor, wenn sich die Kriterien der Vergabe von Positionen sinnvoll aus dem jeweiligen Aufgabenbereich einer Institution ergeben und ohne jede Diskriminierung allein die Qualifikation der Bewerber ausschlaggebend ist. Eine solche formale Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit ist in RawlsRawls, John Gerechtigkeitsmodell gewährleistet, weil die Menschen relativ zu ihren individuellen Begabungen die gleichen Zugangschancen zum Erwerb gesellschaftlicher Güter und Positionen erhalten sollen (vgl. RawlsRawls, John, 81). Materielle ChancengleichheitChancengleichheitmaterielle erfordert jedoch zusätzlich eine Gleichheit der Startbedingungen, die sich auch auf ungleiche natürliche Ausstattungen und auf unterschiedliche, für die Entwicklung der Bedürfnisstruktur und Persönlichkeit der Heranwachsenden bedeutsame Umstände erstrecken. Es werden dann nicht lediglich gleiche Chancen für gleich begabte Individuen gefordert, sondern gleiche Chancen für alle Individuen. RawlsRawls, John begrüßt zwar im Sinne einer materiellen Chancengleichheit umfassende Gerechtigkeit, s. auch „Egalitarismus“/„Nonegalitarismus“sozialeSozialprogramme wie etwa öffentliche Bildungseinrichtungen zum Abbau sozialer Benachteiligungen. Gemäß seinem „Differenzprinzip“ sind aber Vorteile durch unverdient bessere Startbedingungen nicht ungerecht, sofern sich die langfristigen Aussichten der am schlechtesten Gestellten dadurch verbessern (vgl. 122f.). Es ist jedoch fraglich, wie das gestiegene Wirtschaftswachstum oder verbesserte Dienstleistungen etwa im Gesundheitsbereich tatsächlich den am schlechtesten Gestellten zugutekommen und Chancengleichheit auf sozialen Aufstieg der Lebensaussichten schaffen sollen (vgl. Meyer, 365). Arbeitslose oder Menschen mit einer Behinderung sind auch dann benachteiligt, wenn sie gleich viel Einkommen und Besitz erhalten oder sich dank Innovationen der besonders geförderten Talentierten langfristig die Lebensbedingungen zukünftiger Generation ihres Gesellschaftssegments verbessern sollten. Während bei RawlsRawls, John nur unverdiente Nachteile sozialer Herkunft beseitigt werden, könnten in Zukunft durch immer bessere Enhancement-Verfahren zusätzlich unverschuldete natürliche Defizite an physischen oder psychischen Fähigkeiten und Talenten angeglichen und so noch weitergehende materielle ChancengleichheitChancengleichheitmaterielle erzielt werden (Kap. 4.4).

3) Wohlergehens-Egalitarismus: Gleichheit an Wohlergehen / Chancen auf gutes Leben

Gerechtigkeit, s. auch „Egalitarismus“/„Nonegalitarismus“EgalitarismusAn RawlsRawls, John sozialem Verteilungsegalitarismus wurde ganz grundsätzlich immer wieder kritisiert, dieses Gerechtigkeitskonzept sei zu einseitig auf die Verteilung von materiellen und sozialen Grundgütern fokussiert (vgl. dazu Hinsch 2016, 80f./Mazouz, 374). Gerechtigkeit dürfe aber nicht ausschließlich an der Menge der zur Verfügung stehenden Güter bemessen werden, da aufgrund der großen Verschiedenheit der Menschen mit ihren individuellen Voraussetzungen, Bedürfnissen und Lebensplänen ein Mehr an Gütern nicht zwangsläufig für jeden eine Verbesserung darstelle (vgl. SenSen, Amartya, 365f.). Irrtümlich gerate dann aus dem Blick, dass Menschen mit einer unverschuldeten schwächlichen physischen oder psychischen Konstitution und wenig Talenten oder ihrer Herkunft aus bildungsfernem Elternhaus nicht den gleichen Nutzen aus der gleichen Menge an gesellschaftlichen Gütern ziehen können. Veranschaulichen lässt sich dies am Beispiel eines Menschen mit schwerer Behinderung, bei dem die Gleichheit an Bewegungsfähigkeit unter Umständen ein ganz unterschiedliches Maß an Gütern verlangt. Zudem bedeutet die Gleichheit an Einkommen und Besitz noch lange keine Gleichheit an Lebensaussichten oder Wohlergehen. Amartya SenSen, Amartya und Martha NussbaumNussbaum, Martha haben mit ihrem Fähigkeiten-Ansatz („capabilities approach“) eine Alternative zu RawlsRawls, John Grundgüteransatz entwickelt, der den erheblichen Unterschieden in den natürlichen individuellen Anlagen und Fähigkeiten der Menschen sowie ihrer verschiedenen sozialen und kulturellen Situation Rechnung trägt (vgl. ebd., 367f.): Maßgebliche Hinsicht der Gleichverteilung sollen nicht elementare Güter sein, sondern die realen Entfaltungsmöglichkeiten grundlegender menschlicher Fähigkeiten („capabilities“). Denn niemand schätze Einkommen und Besitz um ihrer selbst willen, sondern nur mit Blick auf sinnvolle Tätigkeiten oder Funktionen, zu denen sie befähigen. Dabei gelten beim Fähigkeiten-Ansatz nur diejenigen Fähigkeiten als ethisch relevant, die für ein gutes menschliches Leben und menschliches Wohlergehen wichtig sind (vgl. NussbaumNussbaum, Martha, 200f.). Der Fähigkeiten-Ansatz rückt damit in die Nähe des Wohlfahrts-Egalitarismus („welfare-Egalitarianism“) oder Wohlergehens-EgalitarismusEgalitarismusWohlergehens- („welfare“-, demzufolge in Abgrenzung von einem Güter- oder Ressourcen-Egalitarismus die Gleichheit am Grad des persönlichen Wohlergehens bemessen werden soll (vgl. dazu Hinsch 2016, 80/Meyer, 166). Es liegt dann ein ergebnisorientiertes Gleichheitsideal vor, bei dem es auf den tatsächlich aus bestimmten Gütern gezogenen Nutzen bzw. das Wohlergehen ankommt. Damit wird der Bezugspunkt der Chancengleichheit auf die allgemeine Dimension menschlichen Wohlergehens oder wesentlicher menschlicher Fähigkeit für ein gutes Leben ausgeweitet.

Gerechtigkeit, s. auch „Egalitarismus“/„Nonegalitarismus“EgalitarismusSolche „equality of welfare“-Ansätze haben allerdings die schwierige Aufgabe, in pluralistischen Gesellschaften ein umfassendes, konsensfähiges Konzept von Glück oder Wohlergehen vorzulegen (vgl. dazu Kap. 2.1). Utilitaristische Konzeptionen etwa, die Glück als Maximum an Lustempfindungen oder Erfüllung von Präferenzen definieren, kämpfen mit den allgemeinen Problemen des UtilitarismusEthikutilitaristische (vgl. Hinsch 2016, 81/Knell, 578): So hinge dann das Wohlergehen der Menschen von beliebigen faktischen Bedürfnissen und Wünschen ab, die im Utilitarismus keiner Kritik unterzogen werden. Darunter könnten sich aber die Lust und Befriedigung am Quälen oder Vergewaltigen anderer Menschen („offensive tastes“) befinden, die aus moralischer Perspektive höchst verwerflich sind. Darüber hinaus scheinen exquisite und äußerst kostspielige Wünsche oder Vorlieben der in Wohlstand aufgewachsenen Gesellschaftsmitglieder („expensive tastes“) zu einer ungerechten Verteilung zu führen, wenn gleichzeitig die aus bildungsfernem Milieu Stammenden viele Wünsche zur Ausübung menschlicher Grundfähigkeiten gar nicht ausbilden können und mit ganz Wenigem zufrieden sind („adaptive Präferenzen“). Prominente Vertreter wie Richard ArnesonArneson, Richard und John Roemer fordern aus diesen Gründen nicht die Gleichheit des faktischen Wohlbefindens, sondern die Gleichverteilung der realen Chancen auf das Erlangen von Wohlergehen (vgl. Meyer, 166/Knell, 581ff.). Bei Arnesons Chancen-auf-Wohlergehen-EgalitarismusEgalitarismusChancen-auf-Wohlergehens- werden nur reflektierte, rationale Präferenzen berücksichtigt, nicht aber unerfüllbare, auf Fehlentscheidungen basierende Vorlieben beispielsweise für erlesenen Champagner (vgl. Arneson, 336f.). Im Sinne des erwähnten Schicksals-EgalitarismusEgalitarismusSchicksals- („luck“-) sollen nicht solche selbst vergebenen, sondern nur unverschuldet eingeschränkte Chancen auf Wohlergehen kompensiert werden, die beispielsweise auf verminderte Intelligenz oder körperliche Gebrechen zurückgehen. Verfechter des Chancen-auf-Wohlfahrts-EgalitarismusEgalitarismusChancen-auf-Wohlergehens- blenden die praktische Schwierigkeit nicht aus, dass ein Staat kaum über die notwendigen Informationen über die Selbstkontrollmöglichkeit der Bürger verfügt und allen in vergleichbaren Lebenslagen ein gleichwertiges Spektrum an Optionen zum Befriedigen ihrer Neigungen verschaffen kann (vgl. ebd., 340ff.). Letztlich verschieben sich bei dieser Konkretisierung materieller Chancengleichheit also lediglich die Schwierigkeiten der begrifflichen Bestimmung sowie der empirischen Messbarkeit und Vergleichbarkeit von „Wohlergehen“ auf die „Chancen“ zum Wohlergehen.Egalitarismus

2.2.2 Nonegalitarismus: adressatenbezogene inegalitäre Gerechtigkeit

Gerechtigkeit, s. auch „Egalitarismus“/„Nonegalitarismus“Gegen alle diese hier kurz skizzierten egalitaristischen Gerechtigkeitsmodelle opponieren die Verfechter eines Non- oder InegalitarismusNonegalitarismus (Inegalitarismus) wie Avishai MargalitMargalit, Avishai oder Michael WalzerWalzer, Michael, die das komparativ-interpersonelle und relative Kriterium der Gleichheit für unangemessen halten (vgl. KrebsKrebs, Angelika, 70ff.). Denn bei der Frage nach Gerechtigkeit komme es überhaupt nicht auf den Vergleich mit anderen an, sondern lediglich darauf, wie es jedem Einzelnen an sich gehe und was ihm für sich genommen zustehe. Zur Widerlegung des Egalitarismus wird gerne das „Levelling down“-Argument angeführt, demzufolge die Gleichheit aller Gesellschaftsmitglieder an Elend und Unterdrückung schwerlich gerecht sein könne. Eine gerechte Verteilung von Gütern, Chancen oder anderen wohlergehensrelevanter Faktoren liege vielmehr erst dann vor, wenn alle Menschen genug davon für ein gutes, menschenwürdiges Leben haben. Gemessen werden menschenwürdige Lebensbedingungen an nicht-komparativen absoluten Standards etwa bezüglich Gesundheit, Ernährung, sozialer Anerkennung oder Bildung, die allerdings noch kulturspezifisch konkretisiert werden müssen (vgl. KrebsKrebs, Angelika, 18; 30f.). Gemäß dem Schwellenkonzept des nonegalitaristischen Humanismus sollen alle Menschen eine bestimmte Schwelle überschreiten und beispielsweise genug Bildung erhalten, um am gesellschaftlichen Leben gleichberechtigt teilnehmen zu können. Obwohl Nonegalitaristen nicht „egalitaristisch“ sein wollen und „Gleichheit“ nicht als Wert an sich, sondern nur als abgeleiteten Wert anerkennen, können sie gleichwohl bezüglich elementarer Grundbedürfnisse eine vergleichbare Gütermenge oder die gleichen Menschenrechte für alle fordern. Auch stellen nach diesem Gerechtigkeitsmodell Ungleichheiten an individueller Lebensqualität oder an Lebensaussichten oberhalb dieser Schwelle nicht direkt ein moralisches Problem dar. Zu große gesellschaftliche Ungleichheiten könnten aber unter Umständen den Benachteiligten das Überschreiten der Schwelle und damit ein gutes Leben verunmöglichen, sodass Nonegalitarismus (Inegalitarismus)Ungleichheit indirekt moralisch verwerflich wäre (vgl. KrebsKrebs, Angelika, 32f./Knell, 662–669). So könnte z.B. die Klasse der Bessergestellten die politische Autonomie der Benachteiligten einschränken, indem sie den politischen Prozess über Medien oder das Ausnützen ökonomischer Abhängigkeitsverhältnisse einseitig zu ihren Gunsten beeinflusst. Zudem bedrohen zu große ökonomische Ungleichheiten die soziale Integration und soziale Anerkennung der Armen, weil sich diese den in der Gesellschaft gepflegten gehobenen Lebensstil schlicht nicht leisten können. So könnte z.B. infolge teurer radikaler Enhancement-Maßnahmen eine Zwei-Klassen-Gesellschaft entstehen, in der den Nichtoptimierten der Übertritt der Schwelle für ein gutes menschliches Leben verwehrt wäre (Kap. 4.4; 5).Gerechtigkeit, s. auch „Egalitarismus“/„Nonegalitarismus“

2.3 Freiheit und Würde

„FreiheitFreiheit“ und „Würde“ erlangten ihre überragende ideengeschichtliche Bedeutung in der Neuzeit im Laufe verschiedener Individualisierungs- und Emanzipationsbestrebungen (Kap. 1.2). In der Ethik bildet insbesondere die „Freiheit“ einen Grund- und Schlüsselbegriff, weil Freiheit sowohl die Voraussetzung ethischen Handelns als auch ein wichtiges oder gar das höchste ethische Beurteilungskriterium menschlichen Handelns darstellt: In der Tradition Immanuel Kants kann eine Handlung nur dann gut genannt werden, wenn sie sowohl aus Freiheit geschieht als auch die Freiheit des Handelnden und aller vom Handeln Betroffenen zum Ziel hat. Der Sinn oder die wesentliche Funktion von Moral wäre es entsprechend, die größtmögliche Freiheit für alle Mitglieder einer Handlungsgemeinschaft zu garantieren. Dagegen ließe sich allerdings einwenden, dass es neben der Freiheit noch andere wichtige Gesichtspunkte moralischer Rücksichtnahme wie z.B. die Verletzlichkeit, Grundbedürfnisse oder das Glück der Mitmenschen gibt. Im Folgenden soll es nicht um die vieldiskutierte empirisch-deskriptive Frage gehen, ob der DeterminismusDeterminismus oder Indeterminismus die Realität korrekt beschreiben (vgl. dazu HildtHildt, Elisabeth, 40f.). Ausgeschlossen wird jedoch von vornherein ein harter Determinismus mit seiner Unterstellung einer durchgängigen kausalen Vorbestimmtheit allen Geschehens, sodass auch psychische und geistige Phänomene vollständig durch die Kausalgesetze der Hirnprozesse erklärbar und vorhersehbar wären. Denn er gilt nicht nur physikalisch seit der Quantenphysik und der Chaostheorie als widerlegt, sondern er wäre mit der Freiheit als Grundvoraussetzung für ethisches Urteilen und Handeln unvereinbar. Ethische Reflexionen würden sich schlicht erübrigen, wenn es nicht zumindest einen partiellen Indeterminismus gäbe. Hier soll es aber um die definitorisch-begriffliche Frage gehen, was genau „Freiheit“ eigentlich meint und unter welchen Bedingungen sie vorliegt. „Freiheit“ und „Würde“ werden nämlich so viele Bedeutungen zugemessen, dass mit der Berufung auf diese Orientierungsmaßstäbe in der Selbstoptimierungs-Debatte für oder gegen bestimmte Praktiken argumentiert wird (Kap. 4.4). Viele Missverständnisse und Kontroversen entstehen dadurch, dass die Bezugsgrößen von den einzelnen Parteien nicht klar definiert und häufig aus strategischen Gründen auf einzelne Bedeutungsaspekte reduziert werden. Bei den komplexen Konzepten „FreiheitFreiheit“ und „Würde“ müssen aber genauso wie bei „Glück“ und „Gerechtigkeit“ zahlreiche Dimensionen und Formen unterschieden werden. Trotz teilweise abweichender Grenzziehung hat sich in der Philosophie folgende grundlegende Differenzierung durchgesetzt, die auch mit Blick auf die Selbstoptimierungsdebatte sehr hilfreich ist (vgl. Wildfeuer, 358):

1 Handlungsfreiheit

2 Willensfreiheit

2.3.1 Philosophische Konzepte von „Freiheit“

1) Handlungsfreiheit

HandlungsfreiheitFreiheitHandlungs- (negative) meint ein Handeln-Können, ohne dabei von inneren oder äußeren Hindernissen oder Zwängen eingeschränkt zu werden (vgl. Fenner 2008, 183). Da diese Form von Freiheit wesentlich negativ als „Freiheit von“ Hindernissen bestimmt ist, wird sie auch als negative Freiheit bezeichnet. Unter raumzeitlichen Bedingungen des irdischen menschlichen Lebens ist eine absolute oder totale Hindernisfreiheit unmöglich. Denn die Handlungsfreiheit wird stets vielfältig durch äußere Fakten und Naturgesetze sowie innere physische oder psychische Schranken der handelnden Personen begrenzt, sodass sie immer nur graduell vorliegt. Dabei kann es geradezu als das Programm der Neuzeit angesehen werden, den jedem Einzelnen zur Verfügung stehenden Bereich ungestörten Handelnkönnens sukzessive auszuweiten (vgl. Wildfeuer, 363): So ist es ein zentrales Anliegen von Aufklärung und Humansimus, die Menschen aus überindividuellen religiösen, politischen und gesellschaftlichen Zwängen zu befreien. Auf diese Weise wird aber auch deutlich, dass eine rein negativ definierte „Freiheit von“ nicht das eigentliche Ziel solcher emanzipatorischer Bemühungen darstellt. Vielmehr ist die negative Freiheit von Handlungsschranken nur deswegen von großem Interesse für die Betroffenen, weil sie im positiven Sinn einen Zugewinn an Handlungsmöglichkeiten bedeutet: Durch den erzielten Wegfall von gesellschaftspolitischen wie aber auch von natürlichen Hindernissen wächst der Spielraum des Handeln-Könnens. Der Einzelne hat dann die Wahl zwischen immer mehr verschiedenen Handlungsalternativen und hätte auf vielfältige Weise anders handeln können. Positiv gewendet steht „Handlungsfreiheit“ also für die Idee des Anders-Handeln-Könnens oder der Optionalität, wodurch sie einen Bestandteil der „Willlkür“- oder „Wahlfreiheit“ bildet: WillkürfreiheitFreiheitWillkür- enthält sowohl Aspekte der Handlungs- als auch der Willensfreiheit und meint die Fähigkeit, ohne Zwänge und Hindernisse zu tun, was man will. LiberaleLiberalismus erachten die Erweiterung des Handlungsspielraums der Menschen zumeist als höchstes ethisches Ziel und als Wert an sich, sodass sie für die Entwicklung, Förderung und Anwendung neuer Selbstoptimierungs-Technologien plädieren. Begründungsbedürftig sei nicht die Freiheit zum Einsatz neuer Enhancement-Methoden, sondern vielmehr die Einschränkung dieser Freiheit von außen (vgl. GalertGalert, Thorsten u.a., 42). Doch wie weit taugt Handlungsfreiheit als normative Bezugsgröße wirklich? Ist ein Zugewinn an Handlungsmöglichkeiten in jedem Fall gut?FreiheitHandlungs- (negative)Freiheit

Hinsichtlich der Art der Handlungsschranken lassen sich nochmals folgende Aspekte unterscheiden (vgl. Koller 1998, 481f.): Zum einen können die Beschränkungen in den Umständen der Umwelt oder aber in den persönlichen Eigenschaften der Individuen liegen, weshalb externe von internen Beschränkungen abzugrenzen sind. Zum anderen können sie entweder von Natur aus bestehen oder gesellschaftlich bedingt sein, sodass zusätzlich natürliche und soziale Beschränkungen auseinandergehalten werden müssen. Durch die Kombination dieser vier Betrachtungshinsichten erhält man vier Varianten von Handlungsfreiheit:

Externe natürliche Beschränkungen

Damit sind die Grenzen gemeint, die dem menschlichen Handeln durch die Naturgesetze und faktischen Gegebenheiten der Umwelt auferlegt werden. Es ist das große Verdienst der Naturwissenschaften, durch das Ausräumen oder Beherrschbarmachen von Hindernissen und Handlungsschranken in der äußeren nichtmenschlichen Natur den menschlichen Handlungsrahmen ausgeweitet und viel Leid durch unberechenbare Naturgewalten von den Menschen abgewendet zu haben.

Interne natürliche Beschränkungen

FreiheitHandlungs- (negative)Beim Streben nach Selbstoptimierung soll aber nicht der Spielraum an äußeren Gelegenheiten zum Handeln vergrößert, sondern ausschließlich die innere menschliche Natur verbessert werden. Beseitigt werden sollen also interne natürliche Beschränkungen, d.h. Handlungsgrenzen aufgrund angeborener oder erworbener physischer, psychischer und geistiger Eigenschaften oder Dispositionen eines Menschen. Während die persönliche Handlungsfreiheit z.B. durch eine Gehbehinderung oder psychische Störungen wie z.B. einen Waschzwang vermindert wird, kann sie durch eine Steigerung natürlicher Fähigkeiten und Talente vergrößert werden. Vertreter bioliberalerBioliberalismus Positionen plädieren für eine Förderung der Enhancement-Medizin, um auch Eigenschaften im Normalbereich wie mangelnde Konzentrationsfähigkeit oder charakterbedingte Schüchternheit und die damit verbundenen Freiheitsbeschränkungen eliminieren zu können. Aus bioliberaler Sicht sollen Staat und Gesellschaft den Einzelnen ein möglichst breites Angebot an Möglichkeiten der Selbstoptimierung zur Verfügung stellen, ohne aber auf die Bewertung und Auswahl dieser Praktiken Einfluss zu nehmen. Aus ethischer Sicht wäre aber relevant, ob die neu hinzugewonnenen Handlungsoptionen wirklich gut für die handelnden Personen und ihr Umfeld sind und tatsächlich „Verbesserungen“ hin zu einem optimaleren Zustand darstellen. Positive Hilfspflichten gegenüber anderen Menschen werden zudem in der Sozialethik meist auf notwendige Güter oder die Beseitigung von Leid beschränkt, weil sie sich schwerlich auf beliebige von anderen gewünschte Luxusgüter oder Handlungsmöglichkeiten erstrecken können (vgl. Knell, 460ff.).Freiheit

Externe soziale Beschränkungen

Die meisten Kontroversen zum Thema Freiheit im Zusammenhang mit Selbstoptimierung entzünden sich jedoch an sozialen externen Restriktionen: Externe soziale Beschränkungen sind Handlungsbarrieren oder Zwänge, die entweder von herrschenden Gesetzen oder gesellschaftlichen Normen oder aber von anderen Personen oder Gruppen z.B. in Form direkter Schädigungen ausgehen. Anders als bei den nur eingeschränkt geltenden positiven ethischen Pflichten zur Hilfeleistung haben nach weitgehender Übereinstimmung in der Moralphilosophie alle Menschen die negative Pflicht zur Unterlassung von Handlungen, mit denen anderen Menschen Schaden zugefügt oder ihre HandlungsfreiheitFreiheitHandlungs- (negative) ohne triftigen Grund eingeschränkt würde (vgl. Knell, 454). Aufgrund des geltenden moralischen Rechts auf Selbstbestimmung und der sich daraus ergebenden Notwendigkeit demokratischer Legitimierung von rechtlichen und moralischen Normen sind solche externe soziale Beschränkungen nur dann ethisch zulässig, wenn sich angesichts eines großen Nutzens für alle Beteiligten ein rationaler Konsens herstellen lässt. Dies wäre etwa der Fall bei der gesetzlichen Gurtpflicht für Autofahrer, die zwar die Handlungsfreiheit der Autofahrer minimal einengt, aber die Sicherheit sowohl der Fahrenden selbst als auch aller anderen Verkehrsteilnehmer beträchtlich erhöht. Genauso können die meisten restriktiven moralischen Basisnormen wie „Du sollst nicht lügen!“ oder „Du sollst nicht stehlen!“ damit rational begründet werden, dass ihre allgemeine Beachtung die Gemeinschaftsmitglieder von der ständigen Furcht vor gewaltsamen Übergriffen und Diebstahl befreit und dadurch die Lebensqualität aller steigert. Auch ein rechtliches oder moralisches Verbot bestimmter Selbstoptimierungs-Praktiken und damit individuell gewünschter Handlungsoptionen müsste sich durch gute, allgemein nachvollziehbare Gründe rechtfertigen lassen, z.B. durch ein zu hohes Gesundheitsrisiko für die Handlenden selbst oder aber eine damit verbundene Gefahr für ein solidarisches und friedliches Zusammenleben. Ebenso ist ein Druck, sozialerdirekter Zwang zu bestimmten Formen des Enhancements weniger wegen der Einschränkung von Handlungsmöglichkeiten ethisch problematisch, sondern wegen des unten zu erläuterten Rechts auf Selbstbestimmung. Denn gute Gründe für die Aufforderung eines Arbeitgebers zur Einnahme bestimmter Psychopharmaka durch den Arbeitnehmer könnten gerade die Ausweitung des Handlungsspielraums im beruflichen Tätigkeitsfeld betreffen, wenn beispielsweise ein Chirurg dank risikofreiem Enhancement mehr und bessere Operationen durchführen kann. Offensichtlich ist die normative Bezugsgröße der Handlungsfreiheit allein kein hinlängliches Kriterium für die ethische Beurteilung von externen sozialen Beschränkungen.Freiheit

Noch schwieriger zu beurteilen sind die verschiedenen Formen von indirektem Zwang, die mit keinen oder subtilen sozialen Sanktionen verbunden sind und die Handlungsfreiheit der Einzelnen nur indirekt beeinträchtigen. Kritiker neuer Enhancement-Technologien sehen die Handlungsfreiheit nichtoptimierter Personen häufig dadurch eingeschränkt, dass sie im WettbewerbWettbewerb mit den optimierten Konkurrenten auf dem Ausbildungs-, Berufs- oder Heiratsmarkt unter massiven Druck geraten: Um am gesellschaftlichen Wettbewerb erfolgreich teilnehmen zu können, seien positionale, relative Selbstverbesserungen für den Einzelnen unumgänglich. Sie geraten in eine Situation „kollektiver Nötigung“, die eine Verringerung des Handlungsspielraums bedeute (vgl. AchAch, Johann 2016, 128). Allerdings führt das Prinzip des WettbewerbWettbewerbs fast unvermeidlich zur Verminderung der Handlungsfreiheit der Konkurrenten und vor allem der Verlierer des Wettbewerbs, ohne dass es in liberalen Gesellschaften deswegen als ethisch disqualifiziert gilt. Vielmehr wird es allgemein gutgeheißen, weil sich auf dem freien Markt die fähigsten Konkurrenten bzw. die mit den besten Angeboten durchsetzen sollen. Auch ein Wettbewerb zwischen Optimierten und Nichtoptimierten wäre nicht schon wegen der ungleichen Auswirkung auf die Handlungsfreiheit der Konkurrenten problematisch, sondern nur im Fall eines unfairen Wettbewerbs und illegitimer Wettbewerbsverzerrungen (Kap. 4.4). Natürlich lässt sich ganz unabhängig vom ethischen Prinzip der FreiheitFreiheit grundsätzlich über das gesellschaftliche und ökonomische Organisationsprinzip des Wettbewerbs diskutieren, indem noch andere ethische Prinzipien wie das Wohlergehen der Einzelnen, ein solidarisches Miteinander oder ökonomische Gerechtigkeit geltend gemacht werden (Kap. 2.2/4.4). Eine andere Form eines indirekten gesellschaftlichen Zwangs ist der soziale GruppendruckDruck, sozialer, der zur Anpassung an bestimmte gesellschaftliche Ideale drängt. Ethisch betrachtet ist ein solcher Gruppendruck aber wiederum nicht allein schon aufgrund der Einschränkung der HandlungsfreiheitFreiheitHandlungs- (negative) bedenklich, da sonst auch der Gruppendruck durch demokratisch legitimierte rechtliche oder moralische Normen verwerflich wäre. Inakzeptabel sind nur jene hinter dem Trend zur Selbstoptimierung stehenden gesellschaftlichen Ideale, die das gute Leben der Einzelnen oder das gerechte Zusammenleben gefährden. Dies dürfte zwar nicht auf gesellschaftliche Ideale wie Gesundheit oder Fitness, aber auf das verbreitete weibliche Schönheitsideal zutreffen, das einen hohen finanziellen Aufwand und das Risiko einer Minimierung von Gesundheit und Glück für die sich ihm „gezwungenermaßen“ unterwerfenden Frauen bedeuten kann (Kap. 3.1).

Interne soziale Beschränkungen

Interne soziale Beschränkungen schließlich sind Beschränkungen sozialer Handlungsressourcen, die zwar sozial bedingt sind, aber gleichwohl zur persönlichen Ausstattung der Individuen gehören. Dazu zählen etwa medizinische Grundversorgung, Bildung, berufliche Qualifikation und Arbeitsbedingungen. Infolge zunehmender gesellschaftlicher Enhancement-Praktiken könnten sich all diese Bedingungen so verändern, dass die individuelle Handlungsfreiheit zumindest bestimmter gesellschaftlicher Gruppen wie etwa den sozioökonomisch Schlechtergestellten verringert wird.

Kritik

FreiheitGrundsätzlich ist am liberalen Modell einer negativen Freiheit zu kritisieren, dass indirekte Formen eines externen gesellschaftlichen Zwangs sowie sozial interne Beschränkungen meist keine Beachtung finden. Von BioliberalenBioliberalismus werden die Selbstoptimierer häufig bereits dann als frei betrachtet, wenn sie nicht durch externe soziale Beschränkungen am Handeln nach ihren eigenen Wünschen gehindert werden. Auf diese Weise werden aber im Rahmen eines überzogenen Individualismus die sozialen, politischen und ökonomischen Hindernisgründe des Handeln-Könnens ausgeblendet. Denn damit gewisse Handlungsoptionen für die Einzelnen überhaupt Bedeutung erlangen können, müssen diese über bestimmte Mittel oder geeignete Fähigkeiten verfügen. Eine rein negative Freiheit als Hindernisfreiheit ist kein Wert an sich und für den Einzelnen solange praktisch nutzlos, als ihm die Voraussetzungen für die Realisierung der ihm offenstehenden Handlungsoptionen fehlen. So können jemandem die für die Aktualisierung der negativen Freiheit notwendigen natürlichen Dispositionen fehlen oder einfach die erforderlichen finanziellen Mittel, um von dem in einer Gesellschaft zur Verfügung stehenden Angebot an Selbstoptimierungstechnologien überhaupt Gebrauch machen zu können. Zynisch wäre es, einem sozioökonomisch Unterprivilegierten zuzurufen, er sei frei, sich nach Belieben selbst zu optimieren (vgl. Koller 1998, 485/Kap. 1.2). Die Rede von HandlungsfreiheitFreiheitHandlungs- (negative) scheint nicht sinnvoll zu sein, wo jemandem die notwendigen Mittel und auch eine Aussicht auf ihren zukünftigen Besitz vollständig fehlen. Trotz der gestiegenen technischen Möglichkeiten zur Selbstoptimierung erfährt er keinen Zugewinn an Handlungsmöglichkeiten im positiven Sinn, sodass sich sein Handlungsspielraum faktisch nicht erweitert. Darüber hinaus ergab die knappe Analyse der vier Hinsichten möglicher Freiheitsschranken, dass weder der rein zahlenmäßige Zugewinn an Handlungsmöglichkeiten ein hinlängliches ethisches Kriterium für die Zulassung oder Förderung sämtlicher Selbstoptimierungs-Praktiken darstellt noch die begründete Einschränkung bestimmter Optionen vermeintlicher „Selbstverbesserungen“ in jedem Fall ethisch unzulässig ist.

2) Willensfreiheit

FreiheitFreiheit im vollen Wortsinn erfordert neben dem negativen Moment der Handlungsfreiheit noch den positiven Aspekt der Willensfreiheit: Negative Freiheit als Freisein von Handlungsschranken stellt lediglich die äußere Bedingung für die Möglichkeit von Freiheit dar, bedeutet aber noch nicht die Wirklichkeit oder den Gebrauch von Freiheit (vgl. Wildfeuer, 359). Denn dafür muss noch die innere Voraussetzung des Wollens und Ergreifens bestimmter Handlungsoptionen durch die handelnde Person gegeben sein. WillensfreiheitFreiheitWillens-, Autonomie (positive) meint die mentale bzw. geistige Fähigkeit, durch bewusste Überlegungen zwischen verschiedenen Handlungsoptionen mit Blick auf persönliche Ideale oder Wertvorstellungen eine Wahl zu treffen und die Verwirklichung der Handlungsziele einzuleiten (vgl. Fenner 2010, 56f.). Gemäß dem entscheidenden Kriterium der Urheberschaftsbedingung darf die Person nicht bloßer Spielball des Weltgeschehens sein, sondern muss selbst der Ursprung ihres Wollens und Handelns bilden (vgl. Wildfeuer, 360/BieriBieri, Peter, 20). Von Willensfreiheit kann also nur dann gesprochen werden, wenn sich jemand nicht einfach von inneren Faktoren wie Instinkten, Bedürfnissen und charakterlichen Neigungen oder äußeren sozialen Einflüssen leiten lässt, sondern von vernünftigen Gründen. Wie die Wahl letztlich ausfällt und welche Motive oder Wünsche am Ende handlungsleitend werden, muss entscheidend von der Person selbst und ihren Überlegungen abhängen. Während Handlungsfreiheit ein Anders-Handeln-Können meint, ist für Willensfreiheit wichtig, dass sich eine Person auch anders hätte entscheiden können. Ethische Reflexionen oder Theorien sind überhaupt nur sinnvoll, wenn eine solche Willensfreiheit der handelnden Personen vorliegt und sie entsprechend für ihr Handeln verantwortlich gemacht werden können. Während kein Mensch ein Recht auf maximale Handlungsfreiheit, sondern nur auf ein bestimmtes Minimum davon hat, wird jedem Menschen ein unverletzliches Recht auf Willensfreiheit und auf die damit verbundene Würde zugesprochen (vgl. Fenner 2008, 186ff.). Obgleich die Existenz der Willensfreiheit empirisch weder bewiesen noch widerlegt werden kann, muss sie in der Ethik vorausgesetzt werden. Auch in der Selbstoptimierungs-Debatte wird zwar heftig über Willensfreiheit oder -unfreiheit der Selbstoptimierer gestritten, ohne dabei aber die grundsätzliche Möglichkeit von Willensfreiheit in Frage zu stellen. Im Folgenden geht es daher nicht um empirisch-psychologische Fragen wie diejenige, wie der Wille als mentales Vermögen des Überlegens und Entscheidens eine Kausalkette in der raumzeitlichen Wirklichkeit in Gang setzen kann. Vielmehr geht es um die philosophisch-begriffliche Frage, wann genau einer Person Willensfreiheit zugesprochen werden kann.

Aufschlussreich für das Verständnis des Phänomens menschlicher Willensfreiheit ist die Unterscheidung zwischen einem „Wünschen“ und einem „Wollen“ bzw. zwischen „Wünschen“ und „Zielen“: Das Wollen setzt ein Können voraus und ist mehr als ein bloßes Sich-Wünschen. Typisch für den Willen ist es, dass er im Gegensatz zum bloßen Wünschen etwas in der Realität in Bewegung setzt und das Handeln lenkt. Der Wille einer Person kann sich daher immer nur auf die tatsächlich offenstehenden Handlungsmöglichkeiten beziehen, sodass die Möglichkeiten des Wollenkönnens durch die oben genannten Beschränkungen der Handlungsfreiheit limitiert sind: durch die natürliche und soziale Wirklichkeit, die wir immer schon vorfinden und nicht kurzfristig und grundlegend umgestalten können, und durch interne bzw. innere Anlagen und Fähigkeiten, über die man bereits verfügt und die man lediglich in bestimmten Grenzen optimieren kann (vgl. BieriBieri, Peter, 38f.; 50f.). Wünschen hingegen kann man sich buchstäblich alles, z.B. die Welt zu verändern oder als Opernsängerin in der Mailänder Scala aufzutreten. WünscheWünsche sind grundsätzlich idealitätsorientierte Vorstellungen eines befriedigenden Zustandes, FreiheitFreiheitWillens-, Autonomie (positive)die uns entweder das Gefühl der Fremdkontrolle oder des Getriebenseins vermitteln oder als realitätsfremde Phantasieprodukte sogar das Handeln lähmen (vgl. Fenner 2007, 60). Ganz anders verhält es sich mit realitätsorientierten ZielenZiele, die Gegenstand eines aktiven Wollens sind und mit der Erfahrung von Selbstkontrolle einhergehen. In der Motivationspsychologie wurde für den entscheidenden Übergang vom Wunsch zum Ziel bzw. vom Wünschen zum Wollen das „Rubikonmodell“ entwickelt und nach dem Fluss Rubikon benannt, den Cäsar 49 v.Chr. nach langem Abwägen überschritt und damit den Bürgerkrieg eröffnete (vgl. ebd./Rheinberg, 168f.): Entscheidend für das Überqueren des Rubikon ist der Prozess des Überlegens und Prüfens, ob sich die oft ganz spontan auftauchenden Wünsche unter den gegebenen Bedingungen überhaupt realisieren lassen und ob ihre Erfüllung keine negativen Konsequenzen mit sich bringen würde. Zudem muss sich die Person mit den Mitteln der Umsetzung eines Wunsches beschäftigen und geeignete Methoden und Schritte der Durchführung auswählen. Solange jemand nur den Wunsch hat, eine Chopinsonate zu spielen, braucht es keinen planenden Verstand. Wer sie aber wirklich spielen will, muss sich beispielsweise überlegen, wie er die Noten beschaffen kann und wann er Zeit zum Üben hat (vgl. BieriBieri, Peter, 37). Nur dann bleibt es nicht beim bloßen Gedankenspiel, sondern es entwickelt sich im Planungsprozess die Bereitschaft, die Schritte auch tatsächlich durchzuführen. Der Wunsch kann dann „handlungswirksam“ und damit ein „Wille“ werden, wie es in Harry Frankfurts Modell heißt (vgl. unten).

Erkenntnisbedingungen: hinlängliches Wissen und kognitive Fähigkeiten

FreiheitFreiheitWillens-, Autonomie (positive)Damit sich ein freier Wille bilden kann, müssen etwas konkreter folgende Erkenntnisbedingungen erfüllt sein: Zunächst braucht es ein hinlängliches Wissen sowohl über die vorgefundene Wirklichkeit als auch die eigenen Möglichkeiten und Grenzen. Jemand muss einigermaßen realistisch einschätzen können, welche Handlungsoptionen ihm zu einem bestimmten Zeitpunkt tatsächlich offenstehen. Da in verschiedenen Handlungssituationen jeweils ganz unterschiedliche Kenntnisse vonnöten sind, kann die Willensfreiheit einer Person situativ in größerem oder kleinerem Grad vorhanden sein: Jemand kann in hinreichendem Maß willensfrei sein bei alltäglichen Verrichtungen wie Einkaufen, aber unfrei bei komplexeren Betätigungsformen wie Bankgeschäften. Wenn die kognitiven Fähigkeiten des Wahrnehmens und Erkennens z.B. infolge einer psychischen Erkrankung eingeschränkt sind, kommt es zu einer inadäquaten Situationswahrnehmung wie etwa beim „Tunnel-Blick“ von Depressiven oder einer krankhaft veränderten Körperwahrnehmung bei Kandidatinnen für Schönheitsoperationen (Kap. 3.1). Willensfreiheit erfordert daher zusätzlich die kognitiven Fähigkeiten des kritischen Prüfens und Hinterfragens: Kritisch überprüft werden sollen die eigenen Wünsche und Hintergrundannahmen, auf denen sie basieren. Auszusondern sind zum einen „neurotische WünscheWünscheneurotische“, die einer krankhaften psychischen Verfassung wie der erwähnten Körperbild-Störung oder einem Minderwertigkeitskomplex entspringen (vgl. Fenner 2007, 68f.). Denn die Befriedigung solcher Wünsche etwa nach Schönheitsoperationen oder der Eroberung von Frauen zum Beweis der eigenen Unwiderstehlichkeit bringt nicht die erhoffte Erfahrung von Erfüllung. Zum andern dürfen „uninformierteWünscheinformierte/uninformierte“ oder „unaufgeklärteWünscheaufgeklärte/unaufgeklärte Wünsche“ nicht zu Handlungszielen mutieren, weil ihnen Fehleinschätzungen der Handlungssituation oder der eigenen Fähigkeiten zugrunde liegen (vgl. ebd., 62f.). Dazu zählt etwa der oben erwähnte Wunsch nach einem Auftritt in der Scala bei mittelmäßigem musikalischem Talent. Eine sorgfältige Prüfung der eigenen Wünsche setzt eine reflexive, distanzierte Grundhaltung zu den eigenen Einstellungen und einen inneren, kritischen Abstand zu sich selbst voraus (vgl. BieriBieri, Peter, 71f./LeefmannLeefmann, Jon, 287f.). Ruiniert wird eine solche Haltung durch heftige Affekte oder Triebe: Höchst unfrei ist jemand in einer sogenannten Affekthandlung, bei der ein kurzzeitiger intensiver Erregungszustand etwa aufgrund einer überfordernden Stresssituation oder einer akuten Existenzangst die Einsichts- und Kritikfähigkeit ausschaltet oder stark herabsetzt. Genauso unfrei sind triebhafte Menschen, die sich einfach von ihren unhinterfragten spontanen Wünschen treiben lassen (vgl. FrankfurtFrankfurt, Harry, 72f.).

Wertungsbedingung: Ausbildung von Wünschen zweiter Ordnung

FreiheitFreiheitWillens-, Autonomie (positive)Neben dieser Erkenntnisbedingung muss noch die Wertungsbedingung erfüllt sein: Die eigenen Dispositionen, Wünsche und Einstellungen sollen nicht nur erkannt, sondern auch mithilfe eigener Überlegungen bewertet werden (vgl. LeefmannLeefmann, Jon, 287). Willensfreiheit setzt nicht allein die Erkenntnis der faktisch vorhandenen Wünsche erster OrdnungWünscheerster/zweiter Ordnung voraus, die unmittelbar auf einen ersehnten Zustand oder ein erstrebtes Objekt gerichtet sind. Vielmehr braucht es gemäß Frankfurts vieldiskutierter Theorie der Willensfreiheit noch Wünsche zweiter Ordnung, die sich wertend auf solche Wünsche erster Ordnung beziehen (vgl. FrankfurtFrankfurt, Harry, 71): Wünsche zweiter Ordnung sind die auf einer höheren Reflexionsebene befindlichen Wünsche, bestimmte Wünsche erster Ordnung zu haben oder nicht zu haben. Wünscht sich jemand auf dieser höheren Ebene, dass ein bestimmter bereits vorhandener Wunsch ein Wille werde, nennt FrankfurtFrankfurt, Harry die entsprechenden Wünsche zweiter Ordnung Volitionen. Eine Person wäre genau dann willensfrei, wenn diejenigen Wünsche erster Ordnung handlungswirksam werden, die ihren Volitionen zweiter Ordnung entsprechen. Wichtig ist der Akt der Identifikation, d.h. die positive Bewertung und Bejahung der eigenen handlungswirksamen Wünsche und damit des eigenen Willens, weil dieser erst dadurch eine besondere „Zugehörigkeit“ zur Person erhält (vgl. BieriBieri, Peter, 382/FrankfurtFrankfurt, Harry, 93/KipkeKipke, Roland 2011, 106). Wünsche zweiter Ordnung können zentrale Wertvorstellungen, weiterreichende berufliche oder familiäre Lebensziele oder abstrakte Ideale wie Tapferkeit oder Coolness sein. Sie legen fest, was einer Person in ihrem Leben wichtig ist und wer sie sein möchte, und müssen sich mit vernünftigen Gründen rechtfertigen lassen. Während bei FrankfurtFrankfurt, Harry die Frage nach einem Bewertungsmaßstab für die Wünsche zweiter Ordnung offen bleibt und womöglich in einem unendlichen Regress auf immer noch höhere Stufen verschoben wird, hat man sein Modell später durch das Kriterium der „Kohärenz“ erweitert (vgl. KipkeKipke, Roland 2009, 377): Volitionen müssen kohärent sein, d.h. in den Gesamtzusammenhang einer Persönlichkeit mit stabilem Wertesystem und umfassendem Lebensplan integriert sein. Da die zentralen Lebensziele und Ideale das „Selbstkonzept“ oder „normative Selbst“ einer Person konstituieren, muss der freie Wille mit dem normativen Selbst übereinstimmen (Kap. 1.1). Willensfreiheit ist daher gleichbedeutend mit Selbstbestimmung oder „Selbstübereinstimmung“ sowie AutonomieFreiheitWillens-, Autonomie (positive) oder „Selbstgesetzgebung“, weil sich die Person mit ihrem Selbstkonzept und ihren Lebenszielen ihr „eigenes Gesetz“ gibt und diesem in ihrem Wollen und Handeln Ausdruck verleiht. Nur wenn sie im Einklang mit ihrem normativen Selbstbild handelt, tut sie das, was sie wirklich tun will.

Negative Randbedingung: Fehlen von Heteronomie

FreiheitOb Willensfreiheit vorliegt oder nicht, scheint nun wesentlich von der Art der Genese der Wünsche zweiter Ordnung abzuhängen: a) Intern betrachtet bedroht ein psychologischer Determinismus den freien Willen, b) extern gesehen eine Heteronomie im Sinne sozialer Fremdbestimmung. Ad a: Gemäß dem etwa von Gerhard Roth und Wolf Singer vertretenen psychologischen DeterminismusDeterminismus werden der Wille und das Handeln einer Person determiniert durch ihre eigenen Wünsche, Charakterzüge und Gewohnheiten, die ihrerseits durch Faktoren wie genetische Anlagen, frühkindliche Prägung und biographische Entwicklung bedingt sind (vgl. dazu Wildfeuer, 364f./KipkeKipke, Roland 2011, 100f.). Ihrer Ansicht nach ist Willensfreiheit zwar mit einem solchen „weichen Determinismus“ vereinbar, weil kein äußerlicher Zwang, sondern nur eine Determination durch eigene Wünsche oder Motive stattfindet. Im strengen Sinn liegt positive Freiheit im Wollen aber wie gezeigt nur vor, wo reflexive Distanz zu den eigenen Wünschen, Motiven und Überzeugungen gewahrt ist und die Entscheidung für bestimmte Handlungsoptionen auf eigene Überlegungen zurückgeht. Obgleich die bei der Reflexion abgewogenen Gründe faktisch von Erziehung, Sozialisation oder persönlichen Erfahrungen herstammen mögen, müssen sie kritisch hinterfragt und geprüft und aus reflexiver Distanz bejaht oder verworfen werden (vgl. Fenner 2008, 187f.). Ad b: Ethisch gesehen von viel größerer Relevanz ist die Bedrohung der Willensfreiheit durch Heteronomie oder Fremdbestimmung, weil eine solche Verletzung des grundlegenden Rechts auf Selbstbestimmung durch Mitmenschen oder den Staat moralisch höchst verwerflich ist: Ursprung des Wollens und Handelns ist dann nicht das handelnde Subjekt selbst, sondern der Wille einer anderen Person oder einer sozialen Gruppe. Das Fehlen von äußerer Fremdbestimmung oder Heteronomie stellt gewissermaßen eine negative Randbedingung für innere Selbstbestimmung oder Autonomie dar. Ein klarer Fall von Heteronomie ist die ManipulationManipulation, bei der durch einen gezielten Einsatz von Rhetorik, Propaganda, Drogen oder anderen psychologischen Mitteln die kritische Reflexionsfähigkeit und der Wille anderer Menschen ausgeschaltet werden. So versucht suggestive, manipulativeManipulation Werbung z.B. durch die Kürze der Einblendung eine bewusste Wahrnehmung zu umgehen oder unbewusste Ängste oder Bedürfnisse anzusprechen. Um einen Menschen zu manipulieren und seine WillensfreiheitFreiheitWillens-, Autonomie (positive) zu untergraben, reicht aber bereits eine Täuschung durch falsche oder selektive Informationen bzw. das bewusste Vorenthalten relevanter Kenntnisse über die Handlungssituation aus. Wird beispielsweise eine Person durch die Werbung der Schönheitsindustrie mit irreführenden und suggestiven Bildern versorgt und durch die behandelnden Chirurgen unzureichend über eine gewünschte Schönheitsoperation aufgeklärt, kann ihre Entscheidung nicht frei genannt werden.

FreiheitAm häufigsten verbindet man Heteronomie jedoch mit der Vorstellung von einem direkten sozialen ZwangDruck, sozialer, bei dem jemand unter Anwendung oder Androhung von Gewalt zu etwas gezwungen wird, das seinem Willen widerstrebt. Aufgrund des moralischen und auch rechtlich geschützten Rechts auf Selbstbestimmung verbietet sich ein solches Aufzwingen eines fremden Willens durch Gewalt oder Nötigung. Entsprechend ist auch ein direkter Zwang zu Verbesserungshandlungen unter fast allen Umständen ethisch unzulässig (vgl. oben/AchAch, Johann 2016, 127f.). Wie bei der Erörterung der sozial externen Beschränkungen menschlicher Handlungsfreiheit gesehen, sind aber subtilere, gewaltfreie Formen eines indirekten sozialen Zwangs etwa durch gesellschaftliche Normen oder Ideale schwieriger zu kategorisieren und zu beurteilen. Sind wir etwa allein schon deswegen unfrei, weil wir in eine bestimmte Gesellschaft mit vorgegebenen Handlungsoptionen, Wertvorstellungen und Gesetzen hineingeboren werden? Schließlich hat es keiner frei gewählt, in einer Leistungs- und Wettbewerbsgesellschaft mit dem neuen handlungsmächtigen Trend zur Selbstoptimierung zu leben. Auch wenn Willensfreiheit in sozialer Hinsicht sicherlich durch mehr als nur durch direkte Gewalteinwirkung und Manipulation bedroht ist, wird sie schwerlich durch die vorgefundene Auswahl an gesellschaftlichen Selbstbildern, Rollenmustern und Vorstellungen vom guten Leben schon prinzipiell verunmöglicht. Denn Willensfreiheit oder Selbstbestimmung dürfen nicht mit einer absoluten Autonomie oder Autarkie in dem Sinn verwechselt werden, dass sich ein freier Wille in völliger sozialer Isolation und ohne jeden Einfluss entwickeln müsste. Vielmehr spielen zunächst Vorbilder, frühe Bezugspersonen und Lehrer eine zentrale Rolle, damit Heranwachsende mit den in der Gesellschaft realisierbaren Möglichkeiten an Selbstbildern und Lebensformen überhaupt erst einmal vertraut werden. Sowohl die WünscheWünscheerster/zweiter Ordnung erster Ordnung als auch die Bewertungsmaßstäbe der Wünsche zweiter Ordnung formen sich stets in Interaktion mit dem sozialen Umfeld heran. Positiv betrachtet können die Mitmenschen eine große Hilfe dabei sein, die eigenen Wünsche und das eigene Wollen zu erkennen und mit kritischem Nachfragen gegebenenfalls über eine Selbsttäuschung hinwegzuhelfen (vgl. BieriBieri, Peter, 421). Damit sich eine Identität oder ein Selbst herausbilden und stabilisieren kann, ist außerdem die Anerkennung der selbstgewählten Ziele und Ideale durch das soziale Umfeld erforderlich. Doch wo liegt die Grenze zwischen einem im Austausch mit anderen entwickelten autonomen Willen und einem von der Gesellschaft oktroyierten oder durch sie manipulierten heteronomen Willen, wenn es nicht um Autarkie und innere Abgeschlossenheit geht?

FreiheitFreiheitWillens-, Autonomie (positive)Druck, sozialerSozial vorgegebene Ideale und Vorstellungen vom guten Leben müssen sich letztlich in der Praxis dadurch bewährenArgumenteBewährungs-, dass sie dem Einzelnen tatsächlich ein gelingendes gutes Leben ermöglichen. Auch wenn das Verfahren wegen der frühkindlich erworbenen gesellschaftlichen Beurteilungsmaßstäbe als zirkulär erscheint, werden Werterfahrung und Glückserleben nicht vollständig determiniert durch diese internalisierten normativen Orientierungen. Während Handlungsfreiheit nur in einer Gesellschaft realisierbar ist, die dem Einzelnen einen ausreichenden Handlungsspielraum lässt, setzt Willensfreiheit eine gesellschaftliche Offenheit gegenüber verschiedenen Lebensentwürfen und Wertvorstellungen voraus. Statt ihre Mitglieder zu einer teilnahmslosen Anpassung an bestimmte vorgegebene Ziele und Ideale zu zwingen, müsste eine freiheitsfördernde Gesellschaft individuell abweichenden Lebensentwürfen wenigstens ein Minimum an Anerkennung und Unterstützung zusichern. Ein negatives Extrembeispiel wäre eine totalitäre religiöse Gemeinschaft oder „Sekte“, die mit einer lückenlosen Informationskontrolle und einem strengen Regiment des Belohnens und Bestrafens die vollständige Unterwerfung des Einzelnen unter die Gemeinschaft intendiert und jede kritische Auseinandersetzung mit dem religiösen Orientierungssystem unterbindet. Wenn die Mitglieder zuerst emotional und finanziell von der Gemeinschaft abhängig gemacht werden und ihnen bei abweichenden Meinung mit der sozialen Ausschließung gedroht wird, ist das Verlassen der „Sekte“ für die Betroffenen keine erwägenswerte Option mehr. Bezüglich der Selbstoptimierung könnte man einen analogen Fall so konstruieren, dass in Zukunft in sämtlichen Berufsbranchen irgendeine Form von Enhancement zu den Einstellungsbedingungen gehört. Auch hier hat jemand, der Enhancement grundsätzlich ablehnt, keine „echte“ Wahl, weil er die Exklusion aus der Arbeitswelt und damit meist auch aus einem sozialen Netzwerk nicht ernsthaft wollen kann. Von einer regelrechten Zwangslage oder einem gesellschaftlichen ZwangDruck, sozialer lässt sich allerdings strenggenommen nur da sprechen, wo basale menschliche Güter wie Leben, Gesundheit oder Fähigkeit zur Selbstbestimmung geopfert werden müssten. Denn sehr häufig wird in der alltäglichen Lebenspraxis etwas zwar nicht um seiner selbst willen erstrebt, aber als akzeptables Mittel zur Erfüllung eines eigenen Wunsches gutgeheißen (vgl. BieriBieri, Peter, 115f.). So schlucken wir eine bittere Medizin, um gesund zu werden, oder eben Pillen zur Leistungssteigerung, um einen besseren Job zu bekommen oder mit der Konkurrenz mithalten zu können. Sofern keine gravierenden Nebenwirkungen zu erwarten sind, ließe sich kaum von einer echten Zwangslage und der Unfreiheit des Willens sprechen (Kap. 4.4).FreiheitWillens-, Autonomie (positive)

Kontrollbedingung: Selbststeuerungsfähigkeit

FreiheitNeben der Erkenntnis- und Wertungsbedingung muss schließlich noch die Kontrollbedingung erfüllt sein: Eine Person muss sich in ihrem Handeln an den eigenen Gründen orientieren und die Verwirklichung der gewählten Handlungsziele einleiten können (vgl. LeefmannLeefmann, Jon, 287). Als Willensstärke wird die positiv formulierte Fähigkeit bezeichnet, seine eigenen Ziele durch absichtliches und realitätsgerechtes Handeln notfalls gegen innere und äußere Widerstände durchzusetzen. Bei einem Willensschwachen hingegen erlischt der Wille rasch und wird wieder zum bloßen Wunsch, sobald sich die Realisierung der Ziele als schwierig herausstellt (vgl. BieriBieri, Peter, 38; 100/KipkeKipke, Roland 2011, 171ff.). Unabdingbar für die Kontrolle seines Willens ist außerdem die negativ definierte Fähigkeit, unwillkürlich auftretende, den persönlichen Zielen zuwiderlaufende Triebe, Motive und Gefühle hemmen zu können. Beide Fähigkeiten sind wichtige Komponenten der Selbstregulationsfähigkeit oder SelbststeuerungsfähigkeitSelbststeuerungsfähigkeit/Selbstkontrolle als Gesamtheit von bewussten und unbewussten psychischen Vorgängen, mit denen Menschen ihre Aufmerksamkeit, Emotionen und Handlungsimpulse regulieren. Diese individualethisch kaum zu überschätzende Fähigkeit zur Selbstregulierung umfasst außerdem noch die erwähnten Fähigkeiten zur Selbstwahrnehmung und -bewertung sowie die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub und zur Selbstmotivation. Sie ist schon aufgrund genetischer Anlagen sehr unterschiedlich ausgeprägt und z.B. durch impulsive und aggressive Charakterdispositionen oder ADHS stark vermindert. Sie muss aber grundsätzlich in der frühen Kindheit trainiert werden, z.B. dank geeigneter Vorbilder, klarer Ansagen wie „Warte noch ein bisschen“ und der Kommentierung der kindlichen Gefühle und Gedanken als eine Art Anleitung zur Selbstreflexion wie: „Macht Dich das jetzt traurig?“ (vgl. Pauen). Die meisten Freiheitstheoretiker wie FrankfurtFrankfurt, Harry beschäftigen sich nicht weiter mit dem interessanten Fall, dass eine Person sich auf einer höheren Reflexionsebene gegen einen Wunsch erster Ordnung entscheidet, ohne dass dieser aber verschwindet. Diese Unfähigkeit zur KontrolleSelbststeuerungsfähigkeit/Selbstkontrolle des eigenen Willens könnte an einer krankhaften Sucht liegen oder in unbewusst wirkenden, frühkindlich verinnerlichten Idealen oder in dauerhaften Persönlichkeitsmerkmalen wie z.B. einem Hang zu Neid und Eifersucht verankert sein. Um vom Zustand der Unfreiheit wieder in denjenigen der FreiheitFreiheit zu gelangen, wäre dann die Arbeit an der eigenen Persönlichkeit in Form einer Therapie oder Selbstformung erforderlich (vgl. KipkeKipke, Roland 2011, 102). Kontrovers diskutiert wird, ob biomedizinische Mittel zur Selbstoptimierung den eigenen Willen stärken oder langfristig die Fähigkeit zur Selbstregulierung und Selbstbestimmung untergraben (Kap. 4.4)FreiheitWillens-, Autonomie (positive)

2.3.2 Würde

In der Debatte um Selbstoptimierung und Enhancement spielt auch das normative Konzept der „Menschenwürde“ eine Rolle, das philosophisch-säkular gesehen in engem Zusammenhang mit dem Konzept „Freiheit“ steht. Formal und allgemein handelt es sich bei der Menschenwürde um eine diffuse, disparat gedeutete normative Leitvorstellung, die allen Menschen einen bestimmten moralischen Status und eine besondere Schutzwürdigkeit zuspricht. Inhaltlich existieren aber so viele verschiedene Interpretationen von „WürdeWürde“, dass sowohl Gegner als auch Befürworter sich darauf beziehen. In Francis Fukuyamas Worten ist der Grund für die Würde-Zuschreibung ein „Faktor X“ als essentielle Eigenschaft aller Menschen, die jedoch in verschiedenen Weltbildern jeweils anders bestimmt wird (vgl. 210ff.). Von BiokonservativenBiokonservatismus werden biotechnologische Optimierungsmaßnahmen häufig abgelehnt, weil sie in ihrem Verständnis die „Würde“ des Menschen oder menschlicher Aktivitäten gefährden (vgl. KassKass, Leon, 128f./KassKass, Leon u.a., 290f.). Im Hintergrund stehen dabei oft christliche Überzeugungen, auch wenn diese nicht explizit gemacht werden (Kap. 1.3): Bei einer Argumentechristliche/religiösereligiösen Auslegung der Menschenwürde kommt allen Menschen ein absoluter intrinsischer Wert und eine unhintergehbare Würde zu, weil alle Menschen von Gott geschaffen und Gottes Ebenbilder sind (vgl. dazu Fenner 2010, 83). Als Kinder Gottes und mit Vernunft und Wille ausgestattete Wesen haben sie Anteil an der göttlichen Heiligkeit und nehmen innerhalb der göttlichen Schöpfung eine Sonderstellung ein. BiokonservatismusDa der Würdestatus ausschließlich durch die Zugehörigkeit zur Gattung des Menschen, nicht aber durch die individuelle Ausprägung konkreter menschlicher Eigenschaften bedingt wird, handelt es sich um eine GattungsbetrachtungWürdeindividualisierende/Gattungsbetrachtung menschlicher WürdeWürde (vgl. ebd., 58). Wie FukuyamaFukuyama, Francis richtig bemerkt, kann diese Deutung allerdings nur diejenigen überzeugen, die an Gott glauben (vgl. 211). Eine auf den direkten Bezug auf Gott verzichtende biokonservative Argumentation macht demgegenüber eine konstante, gegebene menschliche NaturNaturmenschliche oder das „Wesen“ des Menschen geltend. Um eine absolute menschliche Würde sowie universelle Menschenrechte begründen zu können, komme nur die feste Grundlage der allen Menschen gemeinsamen „Natur“ in Frage (vgl. ebd., 160ff./KassKass, Leon u.a., 289f.). Wie sich in Kapitel 2.4 zeigen wird, sind aber Postulate einer normbildenden feststehenden Natur des Menschen begründungslogisch höchst problematisch. Wenn der X-Faktor wie bei FukuyamaFukuyama, Francis und KassKass, Leon nur äußerst vage konkretisiert wird als ein schwer beschreibbares komplexes Ganzes aus Vernunft, Bewusstsein, Empfindungsvermögen, Gefühlen und Soziabilität, scheint die Würde durch Biotechnologien aber ohnehin nicht bedroht werden zu können (vgl. ebd., 239/KassKass, Leon, 17f.).

BioliberaleBioliberalismus sehen die menschliche Würde in keiner Weise durch neue Optimierungsmaßnahmen bedroht, weil sie sowohl spezifische religiöse Begründungen als auch die Vorstellung einer konstanten und an sich wertvollen menschlichen Natur ablehnen (vgl. Althaus u.a., Teil 3). Betont werden stattdessen die Veränderbarkeit und Verbesserungswürdigkeit des Menschen und der hohe Wert seiner Selbstbestimmung, sodass das Konzept der „Würde“ eng an dasjenige der „Freiheit“ heranrückt. Aus einer säkularen philosophisch-ethischen Perspektive reicht der Hinweis auf die Zugehörigkeit zur Gattung „Mensch“ grundsätzlich nicht aus, um einen moralischen Sonderstatus des Menschen zu rechtfertigen (vgl. Fenner 2010, 83f.). Wenn den Menschen allein aufgrund ethisch irrelevanter biologischer Eigenschaften wie eines bestimmten Chromosomensatzes besondere Schutzwürdigkeit zugesprochen wird, handelt es sich nach einem berechtigten Einwand von Peter Singer vielmehr um einen „Speziesismus“. Genauso wie beim „Rassismus“ oder „Sexismus“ würden dann die Interessen der Mitglieder der eigenen Gruppe bevorzugt behandelt, ohne dass es dafür einen relevanten Grund gibt. Für eine hinlängliche Begründung eines moralischen Sonderstatus müssten sich ethisch relevante Eigenschaften oder Fähigkeiten der Menschen angeben lassen, die anderen Lebewesen fehlen. Im Anschluss an Immanuel KantKant, Immanuel wird der X-Faktor in säkularen Gesellschaften meist als die typisch menschliche Fähigkeit zur vernünftigen Selbstbestimmung definiert, die ethisch von Bedeutung ist. Denn wenn ein Wesen sich selbst Zwecke setzen, Vorstellungen von einem guten Leben entwickeln und persönliche, über das nackte Überleben hinausgehende Interessen verfolgen kann, ist es in vielfältigerer und tieferer Weise verletzbar und braucht deswegen mehr moralische Rücksichtnahme als ein weniger entwickeltes, nichtselbstbestimmungsfähiges Tier. Diese innere WürdeWürdeinnere, s. auch „Willensfreiheit“ als zentrales Leitprinzip der neueren Ethik wird also konstituiert durch die Willensfreiheit, Selbstbestimmung oder Autonomie der Menschen (vgl. ebd., 57). Entsprechend liegt eine Verletzung dieser Würde vor, wo ein Mensch etwa durch Gewaltanwendung oder Manipulation verdinglicht oder instrumentalisiert wird. Bei einer Würdeindividualisierende/Gattungsbetrachtungindividualisierenden Betrachtung ist WürdeWürde graduierbar und hängt vom individuellen Besitz der entscheidenden mentalen Fähigkeit zur vernünftigen Selbstbestimmung ab. Kleinkindern, Komatösen oder Demenzkranken könnte eine innere Würde höchstens mithilfe zusätzlicher Argumente wie etwa dem Potentialitäts-Argument zugesprochen werden, demzufolge sämtliche Mitglieder der vernunftbegabten Spezies „homo sapiens“ zumindest in einem potentiellen Sinn zur Selbstbestimmung fähig sind (vgl. ebd., 58).

Von dieser an Willensfreiheit gekoppelten „inneren Würde“ ist eine „äußere Würde“ oder „Würde-Darstellung“ zu unterscheiden, die vom Ausmaß an Handlungs- bzw. Willkürfreiheit abhängt. Würde-DarstellungWürdeäußere Würde-Darstellung bezeichnet die Möglichkeit eines Menschen, ohne innere und äußere Zwänge und Hindernisse seine selbstgesetzten Ziele in die Realität umsetzen zu können (vgl. Fenner 2010, 58f.). Diese Art von Würde ist offenkundig genauso graduierbar wie die Handlungsfreiheit, da sie durch die gleichen Hindernisse beeinträchtigt wird: Menschen können durch sozial externe Beschränkungen seitens von Einzelpersonen oder der Gesellschaft, durch interne natürliche Beschränkungen wie Krankheiten oder Behinderungen oder interne soziale Beschränkungen wie schlechte Ausbildung oder Arbeitsverhältnisse daran gehindert werden, ihre Würde zu realisieren oder zur Darstellung zu bringen. Damit ist auch schon deutlich geworden, dass eine im LiberalismusBioliberalismus weit verbreitete rein negative Bestimmung äußerer Würde genauso wenig sinnvoll ist wie die ausschließlich negativ als Abwesenheit von Handlungsschranken definierte Handlungsfreiheit. Wie gut jemand sein Leben selbstbestimmt gestalten und seine Handlungsziele verwirklichen kann, hängt vielmehr ab von positiv vorhandenen individuellen, materiellen, sozialen und institutionellen Bedingungen. Der Schutz äußerer menschlicher Würde verlangt daher nicht nur negative Freiheitsrechte wie das Recht auf Leben, freie Berufswahl oder Versammlungsfreiheit, sondern auch positive Sozialrechte wie Recht auf Existenzminimum, Bildung oder Gesundheit. Ethisch betrachtet muss der normative Gehalt oder die Bedeutung der Menschenwürde grundsätzlich durch Rechte näher bestimmt werden. Da Rechte zur Sicherung menschenwürdiger Lebensbedingungen für alle Menschen gefordert werden, spricht man von Rechte (auf)Menschen-Menschenrechten. Es wäre aber ein naturalistisches Missverständnis zu meinen, Menschenrechte seien „natürlich“ oder dem Menschen „von Natur aus angeboren“. Ein häufiger Denkfehler ist es auch, das Recht auf Schutz der Würde an den Besitz von Würde zu koppeln. Denn gerade Menschen, die aufgrund schlechter Ausbildung, Armut, Krankheit oder ausbeuterischer Arbeitsverhältnisse in geringerem Maß Würde darstellen oder verkörpern, sind besonders auf Schutz und Hilfeleistungen angewiesen (vgl. dazu Fenner 2016, 81f.). Aus bioliberaler Sicht fördern neue technologische Selbstoptimierungs-Maßnahmen menschliche WürdeWürde, weil sie interne natürliche Beschränkungen aufheben und damit die Möglichkeiten selbstbestimmten Handelns erweitern. Ob allerdings ein von radikalen Transhumanisten angestrebter rein siliziumbasierter „Posthumaner“ ohne Körper noch Würde darstellen kann, ist äußerst fraglich.

2.4 Normalität und Natur

Je mehr die medizintechnischen und computerbasierten Möglichkeiten der Selbstoptimierung und damit der Handlungsspielraum der Menschen expandieren, desto größer wird das Orientierungsbedürfnis der Menschen. Für viele fortschrittsoptimistische Liberale scheint zwar der zu einem bestimmten Zeitpunkt erreichte Stand der Technik den Maßstab dafür abzugeben, was der Mensch aus sich machen soll. Rational rechtfertigbar sind aus Biokonservatismusradikalliberaler Sicht lediglich Einschränkungen, die sich aus Nutzen-Risiken-Analysen ergeben (Kap. 1.4). Angesichts der immer schnelleren Verschiebungen dieser Maßstäbe infolge rasanter wissenschaftlich-technischer Fortschritte pochen aber Skeptiker und Warner zu Recht darauf, der Mensch dürfe nicht alles tun, was er kann. Um dem scheinbar schrankenlosen Bioliberalismusliberalen Streben nach Verbesserung und Selbstgestaltung klare Grenzen zu setzen, verweisen insbesondere Konservative vermehrt auf Konzepte wie die menschliche „Natur“, das „Natürliche“ oder „Normale“. Nachdem in der modernen Moralphilosophie eine solche Bezugnahme lange keine Rolle spielte oder sogar verpönt war, halten „Normalität“ und „Natur“ als vermeintlich einzig verbliebene stabile und verbindliche Orientierungsgrößen im postmetaphysisch-säkularen Kontext überraschenderweise wieder Einzug in den bioethischen Diskurs. Wie die folgende Untersuchung zeigen wird, sind aber beide scheinbar simplen und alltagstauglichen normativen Bezugsgrößen schon auf einer rein deskriptiven Ebene äußerst schwer zu fassen, vage und vieldeutig. Selbst wenn jedoch auf einer deskriptiven Ebene klar wäre, welche Eigenschaften oder Verhaltensweisen für Menschen „normal“ oder „natürlich“ sind, ist ihre normative „Aufladung“ problematisch. Diese Schwierigkeiten erinnern an diejenigen bei der scheinbar deskriptiven, aber verdeckt normativen Unterscheidung von „Krankheit“ und „Gesundheit“, die für die begriffliche Abgrenzung von „Therapie“ und „Enhancement“ unabdingbar ist (Kap. 1.3). Beide Begriffspaare setzen wie gesehen Vorstellungen von „Normalität“, „normalem Zustand“ oder „normalem Funktionieren“ der Menschen voraus (vgl. ebd./NagelNagel, Saskia u.a., 31f.). Aber auch dem Versuch einer Kontrastierung von „natürlichen“ und „künstlichen“ Methoden der Selbstverbesserung wird implizit oder explizit ein Verständnis von „Normalität“ zugrunde gelegt, sodass der Begriff der „Natürlichkeit“ von dem der „Normalität“ kaum zu trennen ist (vgl. BirnbacherBirnbacher, Dieter 2006, 103f.). Bevor ausführlich auf den notorisch unterbestimmten Naturbegriff eingegangen wird, soll daher zunächst ein Blick auf das scheinbar triviale, im Alltag omnipräsente Bewertungsprinzip der Normalität geworfen werden.

2.4.1 Mehrdeutigkeit von „NormalitätNormalität“

In der Enhancement-Debatte wird der Normalitätsbegriff geradezu inflationär verwendet und es werden häufig die deskriptivNormalitätdeskriptiver/normativer Begriff-beschreibende und normativ-wertende Bedeutungsebene verwischt, die es bei ethischen Fragestellungen auseinanderzuhalten gilt (vgl. Waldschmidt, 40/MetzingerMetzinger, Thomas 2012, 37): Normalität in einem deskriptiven Sinn oder als Ist-Wert meint entweder eine „Normalverteilung“ als statistisches Mittel oder ein „normales Funktionieren“ eines biologischen Organismus. Es lässt sich leicht anhand von Beispielen veranschaulichen, dass aus einem rein statistisch-deskriptiven Durchschnitt nicht ohne Weiteres normative Schlüsse gezogen werden können: Auch wenn Alkoholkonsum unter erwachsenen Männern und Karies geschlechtsunabhängig in allen Altersklassen statistisch gesehen „normal“ sind, sind diese Gewohnheiten oder Zustände nicht „gut“ für die Menschen und rechtfertigen kein moralisches „Sollen“. Eine unmittelbare Ableitung normativer Schlüsse aus empirischen statistischen Erhebungen bedeutete einen naturalistischen Fehlschluss (vgl. unten). Überzeugender als ein rein statistisches NormalitätsverständnisNormalitätstatistische scheinen biostatische funktionale Normalitätskonzepte zu sein, bei denen eine speziestypische Funktionsfähigkeit eines Organismus den Maßstab bildet (vgl. BoorseBoorse, Christopher, 567/DanielsDaniels, Norman, 28). NormalitätNormalitätbiostatischeNormalitätdeskriptiver/normativer BegriffNormalitätstatistischeDenn dysfunktionale Organe beispielsweise vermindern in aller Regel die Qualität eines menschlichen Lebens erheblich. Daher ließe sich zumindest nach unten hin eine moralisch und politisch relevante minimale Schwelle des „normalen Funktionierens“ definieren, deren Überschreiten allen Menschen ermöglicht werden sollte (Kap. 1.3). Sobald allerdings über diesen engen physisch-organologischen Kontext hinaus im psychischen und sozialen Bereich ein „normales Spektrum an Lebenschancen“ zur Richtschnur gemacht wird, gerät „Normalität“ in Abhängigkeit von gesellschaftlichen und kulturellen Anforderungen (vgl. DanielsDaniels, Norman, 33/BuchananBuchanan, Alan u.a., 122). Noch eindeutiger nimmt „Normalität“ eine normative Bedeutung an und fungiert als ein kritisierbarer und zu rechtfertigender Soll-Wert, wenn bestimmte als selbstverständlich geltende Handlungsweisen oder gesellschaftliche Ideale etwa von geistiger Leistungsfähigkeit oder Schönheit zur Norm erhoben werden. Bei allen drei Bedeutungen von „Normalität“ handelt es sich keineswegs um stabile und zuverlässige Bezugsgrößen, weil infolge wissenschaftlich-technischer Fortschritte, zeitbedingter Moden und immer anspruchsvollerer Vorstellungen von Gesundheit oder gutem Leben die statistischen Durchschnittswerte steigen und sich das gesellschaftliche „Normalitätsspektrum“ erweitert. Um eine Deckelung nach oben vorzunehmen und bestimmte Durchschnittswerte gleichsam einzufrieren, wäre argumentativ auszuweisen, wieso die Überbietung eines erreichten Niveaus eine Verschlechterung darstellte und ethisch verwerflich wäre.

2.4.2 Mehrdeutigkeit von „Natur“

Einer der häufigsten Einwände gegen die NaturNatur als normative Bezugsgröße betrifft die Mehrdeutigkeit der Begriffe „Natur“ und „Natürlichkeit“. Die große Vielfalt teils widersprüchlicher Verwendungsweisen erweckt den Verdacht, es handle sich um bloße „Leerformeln“ (vgl. BirnbacherBirnbacher, Dieter 2006, 18f./MüllerMüller, Oliver 2008, 16). Hilfreich sind dabei die klassifikatorische UnterscheidungNaturaußermenschliche/menschliche (klassifikatorische Unterscheidung) zwischen menschlicher und außermenschlicher Natur sowie die komparative UnterscheidungNatürlichkeitNatürlichkeit/Künstlichkeit (komparative Unterscheidung) zwischen „Natürlichem“ und „Künstlichem“ (vgl. Birnbacher 2006, 6). Hinsichtlich der komparativen Unterscheidung gibt es allerdings in der menschlichen und außermenschlichen Alltagswelt kaum etwas „rein“ Natürliches oder KünstlichesNatürlichkeitNatürlichkeit/Künstlichkeit (komparative Unterscheidung), sondern eine breite Skala von Abstufungen dazwischen. Denn einerseits finden sich zumindest in Europa kaum mehr unberührte Naturlandschaften, andererseits gehen alle materiellen Träger künstlicher Gegenstände auf vielfach bearbeitete natürliche Rohstoffe zurück. Da es aber verschiedene Hinsichten der Abgrenzungsmöglichkeiten von „Natürlichkeit“ und „Künstlichkeit“ gibt, kommt es oft zu ganz unterschiedlichen Einstufungen eines Objektes zwischen den beiden Polen (vgl. ebd., 8–16): Im Natürlichkeitgenetischegenetischen Sinn von „NaturNatur“ beispielsweise geht es um die Entstehungsgeschichte, d.h. darum, ob etwas einen natürlichen Ursprung hat und ohne Zutun des Menschen geworden ist oder vom Menschen gemacht wurde. Der Natürlichkeitqualitativequalitative Sinn von Natürlichkeit hingegen bezieht sich nicht auf die Genese einer Sache oder eines Lebewesens, sondern auf seine aktuelle Beschaffenheit und Erscheinungsform. Vom Menschen gezielt gestaltete „naturidentische“ Aromastoffe oder mit neusten raffinierten Techniken „gedopte“ Körper von Sportlern lassen sich von Vergleichsobjekten ohne menschliche Manipulation häufig nicht unterscheiden. Einige Enhancement-Technologien wirken in der Weise künstlich auf einen Körper ein, dass körpereigene Abläufe aktiviert werden und sich die Veränderungen somit innerhalb eines natürlichen Rahmens abspielen (Kap. 3.4). Eine Art genetischer FehlschlussFehlschlüssegenetische läge dann vor, wenn aus der Verschiedenheit der Genese automatisch auf Unterschiede in der Qualität oder Echtheit bzw. Authentizität von Objekten oder Sachverhalten geschlossen würde (vgl. Fenner 2008, 66/ BirnbacherBirnbacher, Dieter 2006, 40). Angesichts der hier nur angedeuteten Vielzahl an Facetten von „Natürlichkeit“ bzw. „Künstlichkeit“ und des Fehlens einer einheitlichen Skala aller Dimensionen trägt der komparative Naturbegriff kaum etwas zur Beurteilung von Enhancement-Technologien bei, die an unterschiedlichen Punkten der mehr oder weniger „künstlichen“ Wirklichkeit mit mehr oder weniger „natürlichen“ Mitteln ansetzen (vgl. HeilingerHeilinger, Jan-Christoph, 80).

Die Offenheit und Vieldeutigkeit des Naturbegriffs hat im Laufe der Geschichte immer wieder dazu verleitet, teilweise sehr unterschiedliche moralische Überzeugungen in die Natur hineinzuprojizieren (vgl. BirnbacherBirnbacher, Dieter 2006, 18f.). Im 18. Jahrhundert beispielsweise beriefen sich französische Philosophen wie Henry d’Holbach auf das „Gesetzbuch der Natur“ zur Stützung ihrer radikalen Kritik an der Institution der Monarchie, wohingegen Edmund Burke diese gerade wegen ihrer angeblichen Übereinstimmung mit der Welt- und Naturordnung verteidigte. Bei solchen Beweisfehlern eines logischen FehlschlüsseZirkelschlussZirkels wird das eigentlich erst zu Beweisende wie z.B. die gewünschte politische Ordnung bei der Begründung vorausgesetzt und gleichsam in die Natur hineingelegt, um daraus wieder abgeleitet zu werden. Aber auch wo die zum Beweis herangezogenen Naturvorstellungen nicht als inhaltlich willkürlich erkennbar sind, ist die Bezugnahme auf die NaturNatur rein formal betrachtet unzulänglich: Der erstmals von David Hume aufgedeckte naturalistische Fehlschluss oder Sein-Sollen-Fehlschluss FehlschlüsseSein-Sollen-besagt, dass von deskriptiven Tatsachenaussagen z.B. über Natur oder Natürlichkeit prinzipiell keine normativen Wert- und Sollensaussagen abgeleitet werden können (vgl. ebd., 45/Fenner 2008, 87f.). Ein prominentes und politisch folgenträchtiges Beispiel für solche Fehlschlüsse im Zeichen eines „ethischen Naturalismus“ wäre der Sozialdarwinismus, demzufolge das in der Natur herrschende Recht des Stärkeren auch in der Gesellschaft maßgebend sein soll. Allerdings wird der Vorwurf des naturalistischen Fehlschlusses in ethischen Debatten oft voreilig und als Diskussionsstopper eingesetzt, weshalb er als eine Art „Schreckgespenst“ in der Bioethik herumgeistert (vgl. EngelsEngels, Eve-Marie 2008, 176ff./Schockenhoff, 122ff.). Denn oft liegt der Argumentation nicht ein empirisch-deskriptives Verständnis einer Natur als Gesamtheit gesetzmäßig verlaufender Teilchenverbände wie in einem naturwissenschaftlichen Weltbild zugrunde, sondern ein normatives Verständnis einer Natur als strukturierter, vernünftiger und sinnhafter Ordnung wie in metaphysischen und religiösen Weltbildern. In diesem Sinn hat etwa die katholische Kirche gegen viele neue technische Errungenschaften opponiert und lehnt beispielsweise bis heute künstliche Methoden der Empfängnisverhütung ab, weil sie der göttlichen Schöpfungsordnung widersprechen und die Fortpflanzung als „natürlichen“ Zweck der Sexualität durchkreuzen. Obwohl hier der Vorwurf des Sein-Sollen-Fehlschlusses genaugenommen nicht zutrifft, kann sich die Kritik natürlich immer noch gegen die einen bestimmten Glauben voraussetzenden impliziten normativen Prämissen richten.

Ein naturalistischer Fehlschluss liegt strenggenommen auch dann nicht vor, wenn der Natur ein intrinsischer oder eigenständiger Wert zugesprochen wird (vgl. Birnbacher 2006, 38). Der Rekurs auf „Natur“ oder „Natürlichkeit“ erfolgt dann nicht in deduktiver Absicht, also um daraus konkrete Sollensforderungen oder Normen für das menschliche Handeln abzuleiten. Statt als ethische Begründungsstrategie dient diese Bezugnahme eher dem Anstoßen von „Wertbildungsprozessen“, damit Menschen das „Natürliche“ überhaupt erst einmal als wertvoll und berücksichtigungswürdig wahrnehmen (vgl. MüllerMüller, Oliver 2008, 29). Bei einem solchen schwachen PlausibilitätsargumentArgumentePlausibilitäts bleibt aber zum einen völlig offen, wann und mit welcher Dringlichkeit das „Natürliche“ geschützt werden soll wie im Fall der Geburtenkontrolle oder verbessert werden darf wie im Krankheitsfall. Zum anderen wäre zu begründen, wieso der Natur überhaupt ein Eigenwert zukommen soll. Nach einer gängigen Argumentationsstrategie kann die Natur als ein über enorme Zeiträume „eingespieltes“ System als genauso zuverlässig und sicher gelten wie alles andere in unserer Erfahrungswelt, das sehr lange getestet und optimiert wurde (vgl. dazu GesangGesang, Bernward, 134). Während sich die NaturNatur viel Zeit lässt und sich in kleinen Schritten vortastet, beunruhigt viele die enorme Beschleunigung des Tempos der Evolution durch die bahnbrechenden technischen Errungenschaften der Menschen. Sowohl in der Tradition als auch in der neueren Naturethik kursieren zudem zahlreiche idealisierende Naturbilder und Naturmetaphern wie die eines „natürlichen Gleichgewichts“ oder religiös-metaphysische Vorstellungen einer teleologisch strukturierten Ordnung, die auf ein höheres Ziel und einen Sinn des Ganzen angelegt ist. Sachlich betrachtet ist jedoch keine lineare Entwicklung hin zu einem guten Gesamtzustand erkennbar, weil nach Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaft Naturprozesse immer auch vom Zufall geprägt sind und es aufgrund kosmischer Einwirkungen wie Meteoriten oder Eiszeiten mehrfach zum massenhaften Aussterben biologischer Arten kam (vgl. Fenner 2010, 170). Die außermenschliche NaturNaturaußermenschliche/menschliche (klassifikatorische Unterscheidung) ist keineswegs an sich wertvoll und gut und bildet keine „gerechte Naturordnung“ oder einen „Garten Eden“, sondern in den vom Menschen kaum berührten Untiefen des Meeres oder im Urwald herrscht höchstens ein „Gleichgewicht des Schreckens“ (vgl. BirnbacherBirnbacher, Dieter 2006, 49/HeilingerHeilinger, Jan-Christoph, 196). Mit gewaltigen Naturkatastrophen wie Erdbeben, Überschwemmungen, Epidemien und Hungersnöten hat sie den Menschen schon immenses Leid zugefügt, gegen das diese seit jeher mit technischen Hilfsmitteln wie z.B. Staudämmen und Medikamenten ankämpfen. Gegen eine Orientierung an der außermenschlichen Natur sprechen somit nicht nur die Vieldeutigkeit des Naturbegriffs und der naturalistische Fehlschluss, sondern auch starke ethische Gründe.

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720 s. 1 illüstrasyon
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9783846351277
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