Kitabı oku: «Genderlinguistik»

Yazı tipi:

Helga Kotthoff / Damaris Nübling

unter Mitarbeit von Claudia Schmidt

Genderlinguistik

Eine Einführung in Sprache, Gespräch und Geschlecht

A. Francke Verlag Tübingen

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© 2019 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

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E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen

ePub-ISBN 978-3-8233-0152-3

Inhalt

  Vorwort

  1. Wozu Genderlinguistik? 1.1 Was ist Geschlecht? 1.2 Geschichte der linguistischen Genderforschung 1.3 Aufbau dieser Einführung

 2. Doing, undoing und indexing gender in Sprache und Gespräch2.1 Was heißt „Konstruktion“ von Geschlecht?2.2 Was heißt doing gender?2.2.1 Der Ethnomethodologe Harald Garfinkel und seine Agnes-Studie2.2.2 Goffmans Sicht auf Arrangements der Geschlechter2.2.3 Geschlecht als reflexiv institutionalisiert2.2.4 Rückbindungen ans Biologische2.2.5 Gender hervorbringen und/oder mitlaufen lassen2.2.6 Gender bemerkbar in den Vordergrund der Interaktion bringen?2.2.7 Unterbrechung als doing gender?2.2.8 Gender als semiotische Gestalt2.2.9 Undoing gender, Grade an Salienz und Verzicht auf Relevantsetzung2.2.10 Indexing gender2.3 Indexikalität erster und zweiter Ordnung2.3.1 Jungen inszenieren eine weiblich assoziierte kommunikative Gattung2.3.2 Jugendliche in Detroit inszenieren Schicht und Gender2.3.3 Indirekte Assoziationen mit Gender2.3.4 Mehr zu Genderindices in der Jugendkommunikation2.3.5 Soziale Stilisierung über Genderindizien2.3.6 Kommunikation von Identitäten2.3.7 Stil-Basteln – Gender-Basteln2.4 Sozial-konstruktivistische und radikalkonstruktivistische Ansätze2.4.1 Judith Butlers Diskursidealismus2.4.2 Sind sexuelle Präferenzen für Identitäten immer zentral?Zusammenfassung

 3. Prosodie und Phonologie3.1 Prosodie3.1.1 Die Stimmgrundfrequenz3.1.2 Schwankungen der Stimmgrundfrequenz3.1.3 Äußerungsfinale Tonverläufe und weitere Merkmale3.1.4 Die Singstimme und ihre Genderisierung3.2 PhonologieZusammenfassung

 4. Nominalklassifikation: Flexion und Genus4.1 Deklination – Genus – Sexus – Gender4.2 Deklination und Geschlecht4.2.1 Gemischte und starke Feminina4.2.2 Starke Maskulina4.2.3 Schwache Maskulina4.2.4 Deklinationsunterschiede als sedimentierte Geschlechterrollen4.3 Genus und Geschlecht4.3.1 Genussysteme und Genuszuweisung4.3.2 Das Genus-Sexus-Prinzip4.3.3 Das Genus-Sexus-Prinzip bei personifizierten Tieren, Objekten und Abstrakta4.3.4 Evoziert das Genus von Objektbezeichnungen Geschlechterstereotype?4.3.5 Haben Geschlechterstereotype Auswirkungen auf die Genuszuweisung?4.3.6 Genus-Sexus-Devianzen beim Menschen als Reflexe von GenderZusammenfassung

 5. Das so genannte generische Maskulinum5.1 Substantive5.1.1 Maskulina verstärken männliche Vorstellungen (Klein 1988, 2004)5.1.2 Psychologie des „generischen“ Maskulinums (Irmen/Köhncke 1996)5.1.3 Sind Frauen mitgemeint? (Heise 2000, 2003)5.1.4 Generische Maskulina und alternative Sprachformen im Vergleich (Stahlberg/Sczesny 2001)5.1.5 Der Einfluss sprachlicher Formen auf die Verarbeitung von Texten (Braun et al. 2007)5.1.6 Personenbezeichnungsmodelle auf dem Prüfstand (Rothmund/Scheele 2004)5.1.7 Generisch beabsichtigt, aber spezifisch interpretiert (Gygax et al. 2008)5.1.8 Die Macht von Sprachformen (Kusterle 2011)5.1.9 Referenz- und Relevanzanalyse an Texten (Pettersson 2011)5.1.10 Personenbezeichnungen im Deutschen und Niederländischen (De Backer/De Cuypere 2012)5.1.11 Zusammenfassung, Diskussion, Desiderata5.2 Indefinitpronomen

 6. Morphologie6.1 Überblick über verschiedene Verfahren6.2 Wortbildung6.2.1 Komposition6.2.2 Derivation6.3 Flexion6.4 Morphosyntaktische Verfahren6.5 Analytische (periphrastische) VerfahrenZusammenfassung

 7. Syntax7.1 Sprachgebrauchsmuster7.1.1 Vom Fischer und seiner Frau7.1.2 „… darunter auch Frauen und Kinder“7.1.3 Sie hat Erfolg „trotz ihrer zierlichen Figur“7.2 Binomiale (Koordinierungen)Zusammenfassung

  8. Lexikon und Semantik 8.1 Etymologie von Geschlecht 8.2 Etymologie von Frauen- und Männerbezeichnungen 8.3 Pejorisierung von Frauenbezeichnungen 8.4 Geschlechter in Schimpf- und in Sprichwörtern 8.5 Geschlechter im Wortschatz (Lexikon) 8.6 Geschlechter im Wörterbuch 8.7 Geschlechter in der Linguistik Zusammenfassung

  9. Onomastik: Personennamen 9.1 Luca und Eurone – Rufnamen und Geschlecht 9.2 Die Lutherin und Frau Thomas Mann – Familiennamen und Geschlecht 9.3 Das Heidi und das Merkel – (Frauen-)Namen im Neutrum 9.4 Weitere genderonomastische Forschungsfelder Zusammenfassung

  10. Schreibung 10.1 Entstehung der Substantivgroßschreibung 10.2 Binnenmajuskeln, Schrägstriche, Klammern 10.3 Sterne, Unterstriche, -x und -ecs Zusammenfassung

 11. Gender, Sozialisation, Kommunikation11.1 Gender kommt von außen11.2 Dimensionen des Genderkonzepts11.3 Aneignung der Gendersemiotik11.4 Eltern-Kind-Interaktion11.5 Kindergarten11.6 Kindercliquen – zwei Kulturen?11.7 Schule11.7.1 Ein Blick zurück11.7.2 Problemgruppe Jungen?11.7.3 Interaktionale Genderarrangements in der Schule11.7.4 ScherzverhaltenZusammenfassung

 12. Gender in der Soziolinguistik12.1 Varietäten und ihr Prestige12.2 Die klassischen Studien12.2.1 Die englische Variable -ng12.2.2 Labovs Kaufhausstudien12.2.3 „Unruhe im Tabellenbild“12.2.4 Offenes und verdecktes Prestige12.2.5 Prestigeorientierung in Berlin12.2.6 Wo Männer mehr zur Hochsprache neigen12.3 Netzwerkstudien12.4 Sprache als Abgrenzungsverfahren – vor allem zwischen Müttern und Töchtern12.5 Habitus und Geschlechtsindizien12.5.1 Habitus bei Pierre Bourdieu12.5.2 Selbststilisierung und Attraktivität12.5.3 Cheshires Studie zu Jugendcliquen12.6 Situationsbezogenes Sprechen12.7 Befunde aus dem heutigen Deutschland12.8 Sprache und soziale Semiotik12.8.1 Sprachliche und soziale Stile in Detroiter „Handlungsgemeinschaften“12.8.2 Kinder inszenieren den Übergang ins Jugendalter12.8.3 Junge Leute in Barcelona12.9 Interaktionale Soziolinguistik12.10 Arbeitet die soziolinguistische Genderforschung intersektional?Zusammenfassung

 13. Gender im Gespräch und darüber hinaus13.1 Dominanz und Unterordnung13.2 Gesprächsstile und ihre Bewertung13.3 Unterbrechungen und andere Interventionen13.4 Redezeiten13.5 Fragen und Rezeptionskundgaben13.5.1 Fragen13.5.2 Rezeptionskundgaben13.5.3 Das Modell der kulturellen Differenzen13.6 Direktheitsstufen bei Direktiva13.7 Rahmung von Autorität, Expertentum und Kompetenz13.8 Das Gestalten von Beziehungen der Nähe13.9 Gender, Humor und Lachen13.9.1 Humor und Status13.9.2 Scherzen auf eigene Kosten13.9.3 Spott, Frotzeln, Humor mit Biss13.9.4 Milieuunterschiede in der Privatwelt13.9.5 Sexualität und romantische Interessen13.9.6 Lachen13.10 Humor und indexing gender13.11 Ist Gender als Identitätskategorie immer relevant?13.12 Mode und die unterschiedliche Salienz von GenderZusammenfassung

 14. Fernsehen, Radio und Printmedien14.1 Fernsehen14.1.1 Unterhaltung14.1.2 Zum Beispiel Germany’s next Topmodel14.2 Tagespresse14.3 Werbung14.3.1 Die kulturelle Supermacht14.3.2 Bildwerbung14.3.3 Radiowerbung14.4 Komik im Fernsehen14.4.1 Humoristische Kritik an Geschlechterverhältnissen14.4.2 GenderparodieZusammenfassung

 15. Neue Medien15.1 Internetnutzung und Geschlecht15.2 Internetbasierte Kommunikation und Gender15.2.1 Sprachliche Merkmale internetbasierter Kommunikation15.2.2 Gender und Sprachgebrauch im Netz15.2.3 Genderisierte Stile internetbasierter Kommunikation?15.3 Gender und Identitätskonstruktion(en) im Netz15.3.1 Indexing gender15.3.2 Genderswapping15.3.3 Selfies15.3.4 Online-DatingZusammenfassung

  Literatur

  Register

Vorwort

Kaum ein Thema löst so vehemente, oft reflexhafte Reaktionen aus wie die Genderlinguistik. Längst hat sich ein öffentlicher Disput entsponnen, der sich zwar immer wieder über ‚die Sprache‘ äußert, aber weit von der dafür zuständigen wissenschaftlichen Disziplin, der Sprachwissenschaft, entfernt ist. Dieser weitgehend uninformiert und emotional geführte Diskurs hat sich so weit verselbständigt und dabei auf vermeintliche Vorschriften oder gar „Sprechverbote“ kapriziert, dass sich die Linguistik selbst gar nicht mehr zu Wort meldet: Man wüsste nicht, wo man anzufangen hätte. Ohne linguistische Elementarkenntnisse lässt sich kaum etwas vermitteln. Deshalb dringen weder Erkenntnisse aus der Linguistik nach außen noch fragt die Öffentlichkeit, ob die Linguistik etwas dazu zu sagen hätte. Wir meinen jedoch, dass dies dringend angezeigt ist.

Wir legen daher für alle diejenigen, die sich für die faszinierende Disziplin der Sprachwissenschaft interessieren, eine Einführung vor, die versucht, den aktuellen Wissensstand zum Komplex Sprache und Geschlecht allgemeinverständlich zu präsentieren. Manche Bereiche sind gut erforscht, andere weniger, viele auch gar nicht. Im letzten Fall müssen wir uns auf (meist) US-amerikanische Forschungen beziehen, die aufzeigen, was für das Deutsche noch zu leisten wäre. Da die Genderlinguistik (im Gegensatz zu anderen genderbezogenen Disziplinen) nie an deutschen Universitäten institutionalisiert wurde, sind gravierende Wissensdefizite zu beklagen, die die deutsche oft weit hinter die angelsächsische Genderlinguistik zurücktreten lässt. Solche Forschungslücken werden in dieser Einführung, die sich in erster Linie an die Studierenden unseres Faches wendet, benannt.

Zur besseren Orientierung im Buch sind zentrale Begriffe und Schlagwörter durch Fettdruck hervorgehoben. Außerdem sind manche Abschnitte in Textkästen gefasst und mit Icons versehen, die unterschiedliche Funktionen haben. Es handelt sich dabei um Abschnitte,

die wir für besonders wichtig halten,

die interessante Hintergrundinformationen bieten oder unsere Ausführungen vertiefen oder

Beispiele darstellen.

Dem Narr-Verlag und insbesondere Tillmann Bub danken wir für die tatkräftige und freundliche Unterstützung. Lena Späth sind wir für die kritische Lektüre aus studentischer Perspektive dankbar, Pepe Droste und dem Freiburger Forschungskolloquium für wertvolle Kommentare zu Kap. 12. Lea Sonek, Claudia Koontz, Elena Gritzner und Petra Landwehr haben aufwändige Layout-Arbeiten geleistet.

Die einzelnen Kap. wurden wie folgt aufgeteilt: Helga Kotthoff ist Verfasserin von Kap. 2 und 11 bis 14, Damaris Nübling von Kap. 3 bis 10, Kap. 1 stammt von beiden. Autorin von Kap. 15 ist Claudia Schmidt.

Freiburg und Mainz, im November 2018

Helga Kotthoff, Damaris Nübling, Claudia Schmidt

1. Wozu Genderlinguistik?

Das Geschlecht, nicht die Religion, ist das Opium des Volkes. (Goffman 1994, 131)

Diese Einführung ist kein feministischer Leitfaden. Sie ist auch keine Einführung in die feministische Linguistik, da sie keinen sprachpolitischen Anspruch verfolgt (hierzu Samel 2000; Pusch 1984). Als eine der wichtigsten Vertreterinnen der feministischen Linguistik schreibt Pusch (1990, 13):

Als feministische Wissenschaft ist die feministische Systemlinguistik ‚parteilich‘, d.h., sie bewertet und kritisiert ihre Befunde, begnügt sich nicht mit der Beschreibung, sondern zielt auf Änderung des Systems in Richtung auf eine gründliche Entpatrifizierung und partielle Feminisierung, damit aus Männersprachen humane Sprachen werden.

Diese Haltung ist legitim. Dennoch versuchen wir in dieser Einführung eine möglichst unparteiliche Position einzunehmen. Dabei thematisieren wir durchaus sprachpolitische Vorschläge, da sie den öffentlichen Diskurs bestimmen und bereits zu greifbaren Effekten in Form von Sprachwandel geführt haben. Um ein Beispiel zu nennen: Wir bewerten das IndefinitpronomenIndefinitpronomen man, obwohl es an Mann anklingt, damit etymologisch verwandt ist und maskulines Genus hat, mit Referenz auf Frauen nicht als ‚falsch‘ oder ‚inkongruent‘, auch wenn dies die feministische Sprachwissenschaft tut und das feminine Indefinitpronomen frau kreiert hat. Viele haben an dem Satz „Wie kann man seine Schwangerschaft feststellen?“ nichts auszusetzen und verwenden ihn selbstverständlich mit Bezug auf sich selbst oder auf andere Frauen. Dies gilt es festzustellen und nicht zu bewerten. Zur Wirkung feministischer Neuerungen kann man als Beispiel maskuline Formen (wie Student, jeder) anführen, die durch die Etablierung und Empfehlung femininer Formen stärker auf die männliche Referenz reduziert wurden und werden.

Was für das Deutsche fehlt, ist eine möglichst wertungsfreie Genderlinguistik, die den Einfluss der sozialen Variablen Geschlecht auf ‚die Sprache‘ (das System) und ‚das Sprechen‘ (Sprachverwendung, Gespräche) untersucht, und, wenn ein solcher Einfluss gegeben ist, diesen (möglichst) bemisst. Dass es dabei zur Feststellung von Asymmetrien kommt und zur Bestätigung von vielem, was die feministische Linguistik bereits erforscht und beschrieben hat, bedeutet nicht, auf sprachpolitische Maßnahmen abzuzielen, so sinnvoll und berechtigt sie sein mögen (hierzu gibt es mittlerweile viel Literatur, s. jüngst von Duden „Richtig Gendern“). Natürlich haben jahrhundertelang praktizierte Geschlechterunterscheidungen, Ungleichbewertungen und Hierarchisierungen nicht nur das Sprachsystem geprägt, sie wirken auch bis heute auf unser Sprachverhalten, in unsere Interaktionen ein. Diese Einführung behandelt daher einerseits den Sprachgebrauch, wie er sich im Sprechen über und durch die Geschlechter manifestiert; die gesprächs- und medienanalytische Genderforschung wird dabei auf den neuesten Stand gebracht. Andererseits analysieren wir das Sprachsystem, das in seinen erhärteten lexikalischen und grammatischen Strukturen frühere Gespräche, Geschlechterordnungen und das Sprechen über die Geschlechter konserviert, perpetuiert und reproduziert. Seit einigen Jahrzehnten werden Unterscheidungen nach Geschlecht politisch unterbunden, Geschlecht darf z.B. bei Bewerbungen und beruflichen Zugängen (außer dem Beruf des Priesters) keine Rolle spielen (undoing gender). Auch in vielen gesellschaftlichen Bereichen verliert diese Unterscheidung an Relevanz, sie wird zunehmend zurückgewiesen. Mütter gehen immer öfter arbeiten und Väter kümmern sich zunehmend um die Kinderversorgung. Auch hier stellt sich die Frage, ob solcher gesellschaftlicher Wandel sich bereits in ‚Sprache und Gespräch‘ niedergeschlagen hat oder dies derzeit tut.

1.1 Was ist Geschlecht?

Geschlecht ist eine in vielen Gesellschaften praktizierte soziale Unterscheidung von Menschen, die am Körper ansetzt. Als Geschlechtszugehörigkeit wird hier das begriffen, wozu Menschen sich selbst bekennen. In den meisten Fällen entspricht ihre GeschlechtsidentitätGeschlechtsidentität (Gender) der bei der Geburt vorgenommenen und von den GenitalienGenitalien abgeleiteten Geschlechts(klassen)zuordnung (Sexus). Ist der Sexus nicht schon vorher bekannt, so lautet die erste Frage von Angehörigen nach der Geburt: „Und – was ist es?“. Mit „was“ könnte theoretisch viel gemeint sein, praktisch bezieht es sich nur auf das Geschlecht. Die Geschlechtszuordnung sortiert die Menschen von Anfang an in (mindestens) zwei Klassen und hat gewaltige soziale Folgen (zur jüngst etablierten dritten Klasse im Personenstandsregister s.u.). Das, was nach der Geburt allerorten vorgeführt und tagtäglich eingeübt wird, ist die – graduell ausgeprägte – soziale GeschlechterrolleGeschlechterrolle (Gender), die die Binarität in aller Regel vergrößert. Mit Gender sind somit alle an die biologische (anatomische) Geschlechtsbestimmung andockenden vielfältigen Praktiken der Geschlechtsdarstellung (doing gender) gemeint (Kap. 2). Diese sind viel wirkmächtiger als GenitalienGenitalien, Chromosomen- oder Hormonsätze und bestehen aus kulturell und historisch variablen Kleidungs-, Ornamentierungs-, Konsum-, Betätigungs-, Verhaltens- und auch Sprechweisen, die sachlich und logisch keinerlei Bezug zu dem haben, was man bei der Geburt zwischen den Beinen vorgefunden hat. Sie werden jedoch so früh und leidenschaftlich betrieben und dabei erhärtet, dass sie bald für Natur, für ‚angeboren‘ gehalten werden (NaturalisierungNaturalisierung von Gender). Versuche, ins Genderinventar der anderen Geschlechtsklasse zu greifen (röcketragende Männer, krawattetragende Frauen), werden mehr oder weniger stark sanktioniert. Röcketragende Männer riskieren sogar den Verlust ihres Geschlechts, mindestens ihres StatusStatus (sozialer), während hosetragende Frauen mittlerweile das Hosengeschlecht neutralisiert haben. Noch 1970 wurde die Parlamentarierin Lenelotte von Bothmer, weil sie es wagte, im Bundestag einen Hosenanzug zu tragen, von den (nicht anders gewandeten) Herren übel beschimpft („Sie sind ein unanständiges würdeloses Weib!“; „Sie sind keine Dame!“). Gender ist damit hochvariabel, kontingent und historisch wandel- inkl. umkehrbar (so war rosa früher die ‚Farbe der Jungen‘).

Die bei der Geburt vorgenommene Klassifikation wird als lebenslang begriffen und mit der Vergabe eines ebenfalls lebenslang geltenden, vergeschlechtlichten Namens hör- und sichtbar gemacht (Kap. 9). Eltern, die ihrem Kind schon lange vor der Geburt einen Proto- bzw. Pränatalnamen geben, ändern diesen häufig mit der Geschlechtsdiagnose. Da der Mehrheitsglaube der an zwei Geschlechter ist und tief in Gesellschaft, Gesetze, Sprache etc. eingelassen ist, untersuchen wir diese historisch sehr alte Unterscheidung in der deutschen Sprache. In diesem nicht-biologistischen Sinn sprechen wir von Gender oder einfach nur von Geschlecht, das die Kopplung von Gender an GeschlechtsorganeGeschlechtsorgane weder negiert noch erfordert. Auch viele andere Gesellschaften beziehen bei der Geschlechterunterscheidung körperliche Geschlechtsmerkmale ein. Da das natürliche, biologische oder körperliche Geschlecht oft sichtbar ist sowie – auf vielfältigste Art und Weise – sichtbar gemacht wird und auch bei der Geschlechtszuweisung durchaus thematisiert wird (der hat ja gar keinen Bart! die hat ja einen richtigen Bart!), da wir außerdem bei Kühen, Bullen und anderen TierenTiere nicht von Gender sprechen können, sondern deren Geschlechtsklasse sich nur aus körperlichen Merkmalen ergibt, sprechen wir auch von Sexus.

Auch auf der biologischen Sexusebene gelangte in den letzten Jahrzehnten die (medizinisch schon ältere) Erkenntnis ins allgemeine Bewusstsein, dass sich eine strikte Zweigeschlechtlichkeit nicht aufrechterhalten lässt. Auf anatomischer (innere und äußere GeschlechtsorganeGeschlechtsorgane), chromosomaler und hormonaler Ebene existieren vielfältige Zwischentypen und -formen, die bislang bald nach der Geburt medizinisch zugunsten der Geschlechtsbinarität bearbeitet (‚vereindeutigt‘) wurden. Auch so schafft man zwei (und nur zwei) Geschlechter und bannt man Ambiguität.

Gegenwärtig können wir beobachten, dass sich immer mehr Geschlechter und Geschlechtsidentitäten Gehör und Respekt verschaffen, z.B. Intersex-PersonenIntersex (mit uneindeutigen GeschlechtsorganenGeschlechtsorgane), die heute nach der Geburt nicht mehr operativ vereindeutigt werden müssen (man wartet ihre eigene Entscheidung ab) und die seit neuestem von einem dritten Geschlechtseintrag („inter/divers“) Gebrauch machen können. Ebenso kann die GeschlechtsidentitätGeschlechtsidentität (auch soziales oder psychologisches Geschlecht genannt) von der genitalienbezogenen Zuordnung abweichen (TransgenderTransgender). Auch gibt es Personen, die sich jenseits jeglichen Geschlechts positionieren, jegliche Geschlechtszugehörigkeit also gekündigt haben (dem entsprechen in der Religion AtheistInnen): Sie weisen, egal, wie ihr Körper beschaffen ist, jegliche Vergeschlechtlichung von sich. Hier erlangen die GenitalienGenitalien den Status von Haarfarbe oder Sommersprossen, sie sind irrelevant. Dabei haben auch geschlechtsfreie Menschen mit der Tatsache zu kämpfen, dass ihnen, ob sie es wollen oder nicht, ein Geschlecht übergestülpt wird: In jeder Begegnung versucht das Gegenüber, ihnen eine von zwei Geschlechtsklassen zuzuweisen. Auch die (deutsche) Sprache erzwingt eine Geschlechtsbinarisierung, da sie gerade in zentralen Bereichen nur zwei Optionen (und nicht drei oder vier) vorsieht, so etwa bei der Anrede (Frau oder HerrHerr), in der Warteschlange (die DameDame/der HerrHerr war vor mir dran und kaum diese PersonPerson war vor mir dran), bei den Pronomen der 3. Person (sie oder er), bei der Namengebung (Michael oder Michaela). UnisexnamenUnisexnamen (Toni, Nicola) irritieren viele, führen zu Nachfragen und werden nur selten vergeben. Standesämter raten von ihnen ab.

Wir werden dieses Spektrum an geschlechtlicher Vielfalt mit in den Bick nehmen, ohne umgekehrt aus dem Blick zu verlieren, dass die große Mehrheit der Menschen der Zweigeschlechtlichkeit frönt und sich mehr oder wenig stark zu ihrem Geschlecht bekennt. Beim doing gender (Kap. 2) werden auch biologische Fakten ins Feld geführt: Stimmunterschiede werden dramatisiert, Bekleidungen gewählt, die deutlich auf die primären und sekundären Geschlechtsmerkmale hinweisen bzw. diese exponieren, Operationen durchgeführt, die die biologischen Geschlechtsmerkmale bearbeiten, vergrößern, ‚optimieren‘, betonen, Bärte werden wachsen gelassen etc. Biologische Geschlechtsmerkmale werden somit (neben einer Palette an kulturellen Indices) mehr oder weniger bewusst zur Geschlechtsdarstellung eingesetzt – ein Blick ins Fernsehen, ins Internet oder auch nur ein Tritt vor die Tür reichen zur Bestätigung dessen aus. Biologische Sexus- und soziale Genderklasse korrelieren zu weit über 90 %, und dies wird von vielen affirmiert.

Daher differenzieren wir (entgegen radikalkonstruktivistischen Ansätzen von Judith Butler und anderen) zwischen Sexus und Gender, wohl wissend, dass Gender relevanter für die Geschlechtsdarstellung und -zuordnung ist und in keiner logischen Beziehung zum Sexus steht. Die Soziologie unterscheidet in diesem Sinn zwischen Weibchen und Männchen (Sexus) sowie zwischen Frauen und Männern (Gender) (Hirschauer 2013). Wir alle führen einen Körper mit uns, der für andere sichtbar ist und dem diese ein Geschlecht zuweisen (ein Faktum, das Butler vernachlässigt). Dies zeigt: Geschlecht ‚gehört‘ nicht nur dem Individuum, Geschlecht wird in aller Regel und binnen kürzester Zeit von außen zugewiesen. Gelingt die Geschlechtszuweisung nicht, führt dies (beiderseits) zu Irritationen. Dies erfahren Transgender-PersonenTransgender zu Beginn ihrer Transition, wenn sie Hormone einnehmen, ihre Kleidung verändern etc. Hier erweist sich das alltägliche Interesse an einer wohlgeformten GeschlechtergrenzeGeschlechtergrenze am offensichtlichsten: „Also uns sind Beschwerden über Sie zu Ohren gekommen. Sie sind geschlechtlich nicht eindeutig“, zitiert eine davon betroffene Trans-PersonTrans-Personen ihren Arbeitgeber (Schmidt-Jüngst 2018a, 66). Viele gehen im Alltag davon aus, dass jede Person genau ein festes Geschlecht hat. Jemanden nach ihrem/seinem Geschlecht zu fragen, bedeutet, es als solches zu bezweifeln. Die meisten Menschen würde diese Frage schockieren (sie wird auch kaum gestellt), selbst wenn sie an der Geschlechtsdarstellung (Gender) desinteressiert sind. Ab der Geburt wird das, was Geschlecht primär ausmacht, so schnell und intensiv verinnerlicht, ohne dass man sich (einschließlich vieler erschreckter Eltern, die behaupten, bei der Erziehung keinen Unterschied zu machen) dessen bewusst ist. Da wir uns im Folgenden nicht immer dazu äußern können und wollen, ob Sexus- und Genderklasse übereinstimmen, sprechen wir vereinfachend von Geschlecht, wenn wir die persönliche Geschlechtszugehörigkeit eines Menschen meinen.1 Umso konsequenter werden wir in der Grammatik das Wort Geschlecht meiden (wir sprechen dort nur von Genus).

In ihrem berühmten Werk „Das andere Geschlecht“ (1949) erklärte Simone de Beauvoir:

Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es [d.h.: dazu gemacht]. Keine biologische, psychische oder ökonomische Bestimmung legt die Gestalt fest, die der weibliche Mensch in der Gesellschaft annimmt. (Beauvoir 1992, 334).

Das große Anliegen der linguistischen Geschlechterforschung war und ist es, in diesem Sinn die sprachlichen und kommunikativen Beiträge zur Gestaltung von Männlichkeiten, Weiblichkeiten, Zwischen- und Transidentitäten nachzuzeichnen. Die noch größere Frage, wie es zur sprachlichen Geschlechtsdifferenzung überhaupt kommt – phylo-, historio- wie ontogenetisch –, ist noch kaum beantwortet: Weder wissen wir, ob alle Sprachen Geschlecht kodieren (und, wenn ja, wie verpflichtend und seit wann sie es tun), noch wie sich im Zeitverlauf der Ausdruck dieser Information verändert, verstärkt oder abschwächt. Dieses Buch wird dazu neue Einblicke liefern.

1.2 Geschichte der linguistischen Genderforschung

Die linguistische, feministisch geprägte Forschung zu Sprache, Gespräch und Geschlecht blickt in Deutschland inzwischen auf eine über vierzigjährige Geschichte zurück. Damit wurde eine soziolinguistische Teildisziplin begründet, die mehr in den USA als in Deutschland intensiv beforscht wird. Da die Genderlinguistik in Deutschland nie institutionalisiert wurde (es gibt keinen Lehrstuhl mit genderlinguistischer Ausrichtung), hinkt die Forschung zum Deutschen beträchtlich der englisch-amerikanischen hinterher. Immer wieder werden wir in dieser Einführung auf gravierende Forschungs- und Wissensdefizite zum Deutschen hinweisen müssen. Manche Kapitel (z.B. Kap. 12 zur Soziolinguistik) sind darauf angewiesen, sich auf anglophone Länder zu beziehen. Dennoch versuchen wir, uns in dieser Einführung so weit wie möglich auf das Deutsche zu konzentrieren. Dabei müssen wir (aus Platzgründen) kontrastive Betrachtungen, so wichtig und interessant sie wären, weitestgehend ausklammern (dazu seien die Bände „Gender across languages“ von Hellinger/Bußmann 2001–2003 sowie Hellinger/Motschenbacher 2015 empfohlen, die 42 Sprachen untersuchen). Dennoch hat sich innerhalb der bisherigen Forschung ein breites Spektrum an Fragestellungen entwickelt, das sich mit grammatischem Genus ebenso beschäftigt wie mit Wortbildung, Namen, Gesprächsforschung und Genderstilisierungen in den sog. Neuen Medien. Dabei kommt eine Bandbreite an qualitativ-interpretativen und quantifizierenden Methoden zum Einsatz.

Zu Beginn der 1970er Jahre entstanden in den USA erste Studien zum Zusammenhang von Patriarchat, Sprache und Diskurs. 1970 hatte Mary Ritchie Key auf der Tagung der American Dialect Society ihren Vortrag „Linguistic Behavior of Male and Female“ gehalten (1972), 1972 analysierten Casey Miller und Kate Swift Sexismen im Wortschatz, und 1973 erschien Lakoffs Beobachtungsstudie dazu, wie Frauen in Sprache und Sprechen marginalisiert werden, z.B. wie sie im sog. generischen Maskulinum verschwinden und einen Sprechstil der Zurückhaltung, Unterordnung und Unsicherheit praktizieren, der ihre gesellschaftliche Zweitrangigkeit absichert. LinguistInnen widmeten sich auch der textuellen Repräsentation der Geschlechter, z.B. in Kinder- und SchulbüchernSchulbücher (Nilsen 1971, 1973; Ott 2017a, b), in denen mehr Jungen auftraten und viel interessanteren Tätigkeiten nachgingen als die wenigen Mädchen.

Seither hat sich die internationale linguistische Geschlechterforschung zu einem lebendigen Forschungsgebiet entwickelt. Sie beschäftigt sich mit Grammatik und Diskurs, mit Sprachsystem, Sprachwandel und Sprachverhalten, auch im Kulturvergleich (Günthner/Kotthoff 1991; Hellinger/Bußmann 2001–2003; Hellinger/Motschenbacher 2015). Cameron (1998) und Coates (1998) haben wichtige Veröffentlichungen in zwei Readern zugänglich gemacht. Auch ein Handbuch zu Sprache, Kommunikation und Geschlecht steht zur Verfügung (Holmes/Meyerhoff 2003).

In Deutschland bildeten Beiträge von Luise Pusch und Senta Trömel-Plötz den Auftakt zur feministischen Linguistik. Trömel-Plötz (1978) griff in „Linguistik und Frauensprache“Frauensprachen Fragestellungen aus den USA auf und übertrug sie auf das Deutsche. Sie identifizierte und kritisierte dabei bzgl. des Sprachsystems das frauenverschleiernde sog. generische Maskulinum wie der Zuhörer, bei dem sich Frauen mitgemeint fühlen dürfen, das sich aber oft genug als geschlechtsspezifisch-männlich erweist. Auch Wortbildungsasymmetrien (Gott → Göttin, aber Krankenschwester → *Krankenbruder) sowie semantische und lexikalische Asymmetrien identifiziert sie erstmals, des Weiteren Unterschiede im sprachlichen Verhalten. Dem folgte die Replik „Die Frauen und die Sprache“ von Kalverkämper (1979), der das Anliegen der Linguistin missverstanden hatte und ihr einen linguistisch-strukturalistischen Nachhilfekurs angedeihen ließ. Dies wiederum hat Pusch (1979) zu einer Antwort veranlasst, in der sie für das Deutsche den Grundstein zur feministischen Linguistik gelegt hat. Dem sind mehrere gewichtige Aufsätze und Bände von Trömel-Plötz, Pusch, aber auch anderen LinguistInnen gefolgt (so 1995 ein Überblicksartikel von Bußmann, mehrere Beiträge von Schoenthal, 2012 der Sammelband „Genderlinguistik“ von Günthner et al.). Samel (2000) hat die erste Einführung in die feminische Linguistik verfasst, gefolgt von Klann-Delius (2005). Ayaß (2008) hat mit „Kommunikation und Geschlecht“ eine Einführung in Kommunikationssoziologie vorgelegt. Bis heute ist die Disziplin der feministischen Linguistik bzw. Genderlinguistik ein umstrittenes und ideologisch umkämpftes Feld mit zahlreichen, sehr unterschiedlichen feministischen und antifeministischen Strömungen. Gravierende Wissensdefizite und ins Kraut schießende Vermutungen, persönliche Meinungen und vehement artikulierte Überzeugungen meist ohne linguistische Fundierung sind die Folge, unter Beteiligung von Fachleuten und Laien. Insbesondere der öffentliche Diskurs ist durch eine robuste Ignoranz gegenüber der Linguistik geprägt, er verzichtet auf die linguistische Forschung. Diese Einführung versucht deshalb, einen Überblick über den aktuellen, oft verstreut publizierten Wissensstand zu liefern, aber auch die zahlreichen Forschungsdefizite zu benennen.

In diesem Band vertreten wir ein gemäßigtes Konzept des sprachlichen KonstruktivismusKonstruktivismus. Es besteht kein Zweifel daran, dass Geschlechtsdarstellungen (doing gender) nicht nur durch Kleidung, Körperstilisierungen, Berufe, Tätigkeiten und Institutionen produziert werden, sondern maßgeblich durch Sprache und Sprechen, sei es in Gesprächen und Interaktionen, sei es durch Anreden, Namensnennungen, die Verwendung von Pronomen, oder – auf noch subtilere Weise – durch grammatische Strukturen: Geschlecht ist im Deutschen sehr präsent, man kann der Geschlechtsauskunft kaum entrinnen. Sprachsysteme bestehen aus der Härtung jahrhundertelangen Sprechens der Geschlechter mit- und übereinander. Nicht nur die Lexik (Wortschatz), auch die „Grammatik ist geronnener Diskurs“ (Haspelmath 2002, 270), denn „Grammatik entsteht als Nebenprodukt des Sprechens in der sozialen Interaktion“ (ebd., 262). Offensichtlich ist oder war (viele Jahrhunderte lang) Geschlecht in der Interaktion eine so wichtige Information, dass Geschlechtshinweise tief in die deutsche Grammatik eingesickert sind. Damit handelt es sich um ein kaum zu umschiffendes Phänomen, das Geschlecht ständig aufruft. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass das deutsche Sprachsystem eine Obsession mit Gender hat.

Wir betrachten das Verhältnis zwischen Sprache und ‚Wirklichkeit‘ im Sinne eines moderaten sprachlichen RelativitätsprinzipsRelativitätsprinzip als ein flexibles, wechselseitiges Bedingungsgefüge: Einerseits prägt und präformiert die Sprache als Sediment früherer Diskurse unsere Wahrnehmung (und damit auch die Wirklichkeit). Sie determiniert sie aber nicht; sonst wäre Sprachwandel (der permanent stattfindet) kaum denkbar. Andererseits und umgekehrt aktiviert man beim Sprechen eben diese Kategorien und Informationen in jeder einzelnen Äußerung. So sind Ausdrücke wie Köchin, Arzt, sie, er nicht nur bloße Referenzformen, sondern gleichzeitig (je nach Sichtweise ausschließlich) Appellationen mit wirklichkeitskonstituierender Funktion (Hornscheidt 1998, 2006). Unseres Erachtens vollzieht sich Wirklichkeit auch jenseits sprachlicher Handlungen, wenngleich sie maßgeblich diskursiv hergestellt wird. So beobachten wir immer wieder, dass und wie veränderte soziale Verhältnisse sich in der Sprache niederschlagen. Hierzu schreibt Haß-Zumkehr (2003):

Wir finden in der Sprache weniger ein Abbild als einen Abdruck der gesellschaftlichen Verhältnisse vor […], der die Wahrnehmung so lange prägt, bis entweder die Verhältnisse oder die Wahrnehmung der Verhältnisse in Misskredit geraten. Bewusste Veränderungen der Sprache sollen die Wahrnehmung korrigieren. Auch veränderte gesellschaftliche Verhältnisse können jedoch zu Veränderungen in der Sprache führen, auf die die feministische Sprachkritik nicht abgezielt hatte. Tatsächlich lässt sich beides oft gar nicht voneinander trennen (162).

Im Folgenden distanzieren wir uns von einseitig-radikalkonstruktivistischen Ansätzen, die die Sprache bzw. das Sprechen verabsolutieren.

Wir gehen davon aus, dass spezifische Sprechaktivitäten und Kommunikationsstile in der Gesellschaft mit historisch entstandenen Genderassoziationen verbunden sind, die je nach Kontext unterschiedlich genutzt werden können. Innerhalb eines sozialen Milieus eignen sich interpretierbare Genderfolien für die Inszenierung verschiedener sozialer Identitäten. Mit einem zurückhaltenden Gesprächsstil (der traditionell eher als feminin gesehen wird) kann ein Mann sich z.B. in einem bestimmten Kontext als „Nicht-Macho“ oder als „neuer Mann“ inszenieren. Auch Typenzitationen wie das Sprechen in der Rolle eines Kiezdeutsch-Sprechers bedeuten bei männlichen und weiblichen Jugendlichen nicht dasselbe. Wer eine Queer-Identität für sich beansprucht oder eine andere Art von Transgression lebt, kann diese über semiotische Anleihen hier wie dort kommunizieren. In den folgenden Kapiteln wird unsere gegenstandsorientierte Herangehensweise an Geschlechterverhältnisse in Sprache und Kommunikation deutlicher. Wir konzipieren die Genderlinguistik so, dass auch Fragen einer „queeren Linguistik“ (Motschenbacher 2012) eingehen.

Im Buch gibt es Kapitel, die von ihrer methodischen Ausrichtung her historisch-philologisch oder textanalytisch-philologisch orientiert sind: Daneben stehen sozialwissenschaftlich oder medienwissenschaftlich ausgerichtete. Selbst naturwissenschaftliche Anteile werden im Kap. 3 über die Stimme tangiert. Die Gesprächs- und Medienforschung (Kap. 13, 14, 15) verbindet sozialwissenschaftliche und linguistische Methoden.

1.3 Aufbau dieser Einführung

Vorab ein Wort zur Personenreferenz: Da ein generisches Maskulinum (Kap. 5) nur beschränkte Gültigkeit hat, werden wir es weitgehend meiden. Wir verwenden stattdessen verschiedene Formen der BeidnennungBeidnennung, meistens das große Binnen-I. Daneben praktizieren wir das, wofür uns „Das kleine Etymologicum“ von Kristin Kopf (2014) als praktikables Vorbild erscheint. Hier die betreffende Passage:

Bei generischer Verwendung von Personenbezeichnungen (wenn keine konkreten Individuen gemeint sind) wird in diesem Buch die weibliche oder die männliche Form gebraucht. Die Zuweisung erfolgt per Zufall, über eine randomisierte Liste. Gemeint sind aber immer alle Menschen, egal welchem Geschlecht sie sich zugehörig fühlen (oder ob sie das überhaupt tun). Auch die Fälle, in denen unklar ist, ob beide Geschlechter gemeint sind, wurden großzügig den generischen Bezeichnungen zugeschlagen. Sie werden im Folgenden also auf Vorfahrinnen, Griechinnen, Lexikografinnen … stoßen, die alle Nicht-Frauen mitmeinen – und auf Ahnen, Goten und Sprachwissenschaftler, die die Nicht-Männer mit einschließen (11).

Eine der häufigsten Reaktionen auf dieses Buch bestand in dem interessanten Vorwurf, Frauen genannt zu haben, wo angeblich eindeutig nur Männer gemeint sein können. So bestand man bspw. ohne Rücksicht auf historische Tatsachen darauf, dass an der Völkerwanderung nur Männer beteiligt waren. Hinzu kam, dass die weiblichen Formen, obwohl sie im Buch genau 50 % ausmachen, als dominierend kritisiert wurden. Dies deutet auf einen gravierenden allgemeinen male-bias hin. Dem kann man, wie mittlerweile erwiesen ist, nur mit der Sichtbarmachung von Frauen begegnen. In dieser Einführung praktizieren wir also verschiedene Mischverfahren, die den Text nicht schwerfälliger werden lassen.

Unser Band enthält neben dieser Einleitung 14 Kapitel, die kurz skizziert werden.

Kap. 2, „Doing, undoing und indexing gender“ stellt die Konzepte des doing gender und indexing gender vor. Gesellschaften haben Vorstellungen davon, welches kommunikative Verhaltensrepertoire eher als weiblich oder als eher männlich gilt, und auch Praktiken, Kindern und Erwachsenen diesbezügliche Erwartungen zu spiegeln. Hat sich im Laufe seiner Enkulturation ein Kind etwa über Kleidungs- und andere Verhaltenssemiotiken zu einem erkennbaren Mädchen oder Jungen gemacht, braucht diese Mitgliedschaftskategorie nur noch mitzulaufen, kann aber auf unterschiedliche Art und Weise salient gemacht werden. Viele Anzeigeverfahren von Gender sind bspw. über die Mode habitualisiert. In der Kommunikationsstilistik gibt es keine strenge Genderexklusivität, sehr wohl aber in manchen Bereichen höhere Auftretensfrequenzen (z.B. freundliches Lachen bei Frauen). Dies indiziert Unterstützung des Gegenübers, die weiblich konnotiert ist. Alle Geschlechter können sich so verhalten und erlangen darüber spezifische Identitätsprofile.

Kap. 3, „Prosodie und Phonologie“, befasst sich mit der Stimme, die man (wie kaum sonst etwas an der Sprache) für etwas so Biologisches und Angeborenes hält wie Haare oder Körperteile. Forschungen zeigen jedoch, dass auch die Stimme, ihre Tonhöhe und ihr Verlauf (Modulation) weitaus mehr Kultur als Natur enthält. Auch werden Frauen- und Männerstimmen durch Höher- bzw. Tieferlegung voneinander differenziert, ihr Überschneidungsbereich wird schärfer abgetrennt als natürlichweise der Fall. Frauen- und Männerstimmen verändern sich auch historisch, und sie unterscheiden sich im interkulturellen Vergleich. Als noch konstruierter erweist sich die Singstimme. Ab dem 19. Jh. wurden Tenor und Alt voneinander separiert und Frauen- und Männerstimmen außerdem klanglich polarisiert (Koloraturen werden weiblich).

Kap. 4, „Nominalklassifikation“, widmet sich der zweifachen Klassifikation der Substantive durch Genus und durch Deklinationsklasse (als der Art und Weise, Kasus und Numerus auszudrücken). In diesen Tiefen der deutschen Grammatik sind (historische) Geschlechtervorstellungen fest verankert, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Hier legen wir die Bezüge sowohl von Genus als auch von Deklinationsklasse zu Geschlecht offen. Beide Klassifikationen haben massiven Anteil an der Produktion der Zweigeschlechtlichkeit und der asymmetrischen sprachlichen Ausstattung entsprechender Personenbezeichnungen. So ist es kein sprachgeschichtlicher Zufall, dass maskuline Personenreferenzen am Nomen drei bis vier Kasus unterscheiden, feminine dagegen gar keinen. Dies weist subtil auf handlungsmächtige Männer und ohnmächtige Frauen hin. Beim Genus erweisen sich die Frauenbezeichnungen im Neutrum (WeibWeib, MädchenMädchen, FräuleinFräulein) als Hinweise auf unreife oder unangenehme Frauen, in jedem Fall auf solche, die ihre soziale Funktion (Ehe, Mutterschaft) (noch) nicht erreicht oder verfehlt haben.

Kap. 5 zum sog. generischen Maskulinum behandelt genaugenommen einen Teil von Kap. 4, nämlich die vieldiskutierte Frage, ob das grammatische Maskulinum bei Personenbezeichnungen (wie der Zuschauer) sich auf beide Geschlechter zu beziehen in der Lage ist, wie dies manche Grammatiken und viele Laien behaupten. Um diese Frage linguistisch anzugehen, referieren wir zehn (psycho-)linguistische Untersuchungen, die die öffentliche Diskussion bislang nicht zur Kenntnis genommen hat und die wir abschließend interpretieren und einordnen. Vor allem nehmen wir grammatische und referenzsemantische Unterscheidungen vor, die den Numerus und die syntaktische Einbettung dieser Maskulina berücksichtigen und maßgeblich darüber entscheiden, ob sie geschlechtsübergreifend referieren können. Auch IndefinitpronomenIndefinitpronomen wie man, jemand, keiner werden berücksichtigt.

Kap. 6 thematisiert die Morphologie, vor allem die Wortbildung. Hier wird das breite Spektrum an morphologischen und morphosyntaktischen Verfahren der Geschlechtsspezifikation und der Geschlechtsabstraktion vorgestellt, z.B. (häufige) Feminin- und (seltene) Maskulinmovierungen (Köchin – Witwer), substantivierte Partizipien und Adjektive (Behinderte, Arbeitslose), Attribute wie weiblich/männlich etc. und die Frage, wann und zu welchem Zweck welche Strategie gewählt wird. Auch wird der Frage nachgegangen, warum viele einen Satz wie sie ist Raucher akzeptabel, andere inakzeptabel finden. Dass und warum Diminution mehr mit weiblichem als mit männlichem Geschlecht zu tun hat, wird ebenfalls erhellt.

Kap. 7 thematisiert die Syntax. Zunächst werden syntaktische Verfestigungen in Form sog. Formulierungs- oder SprachgebrauchsmusterSprachgebrauchsmuster erfasst, so das häufige Faktum, dass die (Ehe-)Frau syntaktisch hinter ihrem Mann herläuft und dabei in seinem Schatten bleibt, denn meist wird sie nicht (anonym) oder weniger individualisiert als er (etwa durch den bloßen Vornamen), z.B. Helmut Kohl und Frau (Hannelore). Die bei Katastrophenmeldungen zu lesende Wendung darunter auch Frauen und Kinder weist dagegen Männer als weniger wichtig und wertvoll aus. Anschließend wenden wir uns sog. BinomialenBinomial (Koordinationen) zu, die – je nach Kontext – den Mann vor die Frau (Mann und Frau) oder die Frau vor den Mann stellen (Mama und Papa). Hier zeigen wir, dass soziale GeschlechterrollenGeschlechterrolle die jeweilige Abfolge bestimmen und dass es im Laufe der Zeit zu Lockerungen kommen kann.

Kap. 8 adressiert den Kernbereich sprachlicher Bausteine, die Lexeme. Es klärt zunächst die Etymologie von Geschlecht sowie der wichtigsten Frauen- und Männerbezeichnungen. Dann wendet es sich der PejorisierungPejorisierung und ihren Qualitäten zu, die die meisten Frauenbezeichnungen im Laufe ihrer Geschichte erfahren haben. Auch werden Geschlechterstereotype in Sprich- und SchimpfwörternSchimpfwörter herausgearbeitet. Anschließend werden lexikalische Asymmetrien identifiziert, etwa dass ein Liebhaber etwas anderes ist als eine Liebhaberin, aber auch dass MutterMutter und VaterVater sich durch mehr als ihr Geschlecht unterscheiden. Abschließend wird das lexikografische doing gender in Wörterbüchern aufgezeigt, in denen oft jahrhundertealte Stereotypen unreflektiert überdauert haben. Nicht unerwähnt bleiben darf das linguistische doing gender, das durch diese Disziplin selbst betrieben wird.

Kap. 9 befasst sich mit einer der größten Bühnen der Geschlechterdarstellung, den PersonennamenPersonenname. Bekanntlich verweisen Rufnamen direkt auf ein bestimmtes Geschlecht, UnisexnamenUnisexnamen sind selten und führen immer noch zu Irritationen. Geschlecht lässt sich dabei der Phonologie von Rufnamen entnehmen, d.h. es ist tief in diese Strukturen eingelassen. Bis ins 18. und 19. Jh. hinein war es üblich, die Familiennamen von Frauen zu movieren (die Lutherin). Dieser sprachlich markierten Zugehörigkeit zu einem Mann entspricht noch heute die Praxis, dass bei der Eheschließung in der großen Mehrzahl der Fälle die Frau den Namen des Mannes annimmt. Schließlich wird auch mit der dialektal gegebenen Möglichkeit der NeutralisierungNeutralisierung weiblicher Rufnamen (das Heidi), aber auch von Familiennamen (das Merkel) ein namengrammatisches Thema aufgegriffen und der Ratio dahinter nachgegangen.

Mit der Schreibung in Kap. 10 beschließen wir den systemlinguistischen Teil. Auch die Schreibung leistet einen beträchtlichen Beitrag zur Geschlechterunterscheidung. So gibt es erste Hinweise darauf, dass sich die Substantivgroßschreibung bei Lexemen für Männer früher durchgesetzt hat als bei solchen für Frauen. Auch bei KosenamenKosename auf –[i] lässt sich bei sonst gleich klingenden Namen beobachten, dass die Schreibung doch das Geschlecht verrät, vgl. Bobbie für Frauen vs. Bobby für Männer. Schließlich werden die verschiedenen grafischen Strategien (wie SchrägstrichSchrägstriche, SterneSterne, UnterstricheUnterstrich) behandelt, die entweder Frauen und Männer sichtbar machen sollen oder Personen, die sich jenseits der Zweigeschlechtlichkeit verorten.

Kap. 11, „Gender, Sozialisation, Kommunikation“, fragt danach, wie das Kind die Kategorie Gender erwirbt. Beim Hineinwachsen in eine Kultur begegnen dem Kind implizite und explizite Verfahren, die auf Gender hindeuten. In Westeuropa und Amerika ist eine kontextuelle Diversität beobachbar, bspw. wird in Kindergartenstudien keine starke Genderdifferenzierung in Interaktion und Verhalten der Erzieher/innen gegenüber den Kindern mehr belegt. Gleichzeitig ist Gender Marketing zu einem unübersehbaren Faktor geworden: Die Produktwelt besonders für Kinder ist in den letzten Jahren einer absurden Zweiteilung ausgesetzt worden, gegen die die rosa und blauen Strampelhosen von vor 50 Jahren harmlos sind. In diesem Kapitel wird ein Überblick über Familieninteraktionen, Gender in KindercliquenKinderclique, in der Schule und im Konsumsektor gegeben.

In Kap. 12, „Gender in der Soziolinguistik“, rekapitulieren wir die Forschung zu Gender in der korrelationalenkorrelationale Soziolinguistik und interaktionalen Soziolinguistikinteraktionale Soziolinguistik. Sehr oft hat diese gezeigt, dass phonetische, syntaktische und auch pragmatische Variablen nicht nur eine SchichtenprägungSchichtendifferenz aufweisen, sondern auch zwischen den Geschlechtern systematisch variieren. Die im englischen Sprachraum durchgeführten Studien zeigen, dass Menschen sich mittels einer bestimmten Aussprache oder eines Satzbaus mehr oder weniger unbewusst als einen sozialen Typussoziale Typisierung entwerfen. So spielt bspw. auch kulturelle Widerständigkeit in solche Selbstinszenierungen hinein. Die deutschsprachige Soziolinguistik ist im Hinblick auf die Integration sprachlicher Indices in eine soziale Semiotiksoziale Semiotik viel zurückhaltender und liefert deshalb in Bezug auf Gender wenig Erhellendes.

In Kap. 13, „Gender im Gespräch“, wird kurz auf verschiedene Sprachverhaltensbereiche eingegangen, die in der nun fast fünfzigjährigen Geschichte der linguistischen Genderforschung als mehr oder weniger typisch für das eine oder andere Geschlecht angesehen wurden: Unterbrechungen, hohe Direktheitsstufen bei Aufforderungen und humoristischen Frotzelaktivitäten, Eingehen auf Themen, Herausstreichen eigener Kompetenzen usw. Dabei muss feministische Folklore an manchen Stellen zurückgewiesen werden, so die des Unterbrechens als männlicher Verhaltensstrategie. Als sehr relevant zeigt sich, dass jeweils gleiche Sprachverhaltensweisen oftmals von der sozialen Umgebung nicht gleich rezipiert werden. Tatsächlich ist beispielsweise die Autorität weiblicher Führungspersonen weniger gesichert als die männlicher. Die StatusdimensionStatus (sozialer) ist durchgängig mit Gender verquickt. Hohe Redezeiten und Themengestaltungen in Gesprächen sind primär mit Status verbunden. Auch die Genderdimensionen von ScherzkommunikationScherzkommunikation werden erhellt. Aus der Beobachtung, wer sich wem gegenüber welche Scherze erlauben kann und ob und wie diese von den Interagierenden goutiert werden, lässt sich die soziale Mikrostruktur einer Situation ablesen.

In Kap. 14, „Fernsehen, Radio und Printmedien“, stellen wir interdisziplinäre Zugänge zu verschiedenen Bereichen der massenmedialen Kommunikation vor. Frauen sind noch immer viel weniger nachrichtenwürdig als Männer, was die Machtverteilung in der Welt unmittelbar ausdrückt. Männer in bedeutenden Positionen dominieren nach wie vor die Massenmedien. So rekreieren Fernsehen, Radio und Zeitungen assoziative Verbindungen von Männlichkeit und Macht. Unterhaltungs- und Wettkampfshows wie „Germany’s next Topmodel“ und die Werbung werden etwas genauer betrachtet, z.B. die Entwicklung der RadiowerbungRadiowerbung unter Einschluss der Analyse einiger Spots. Vor allem in der TV- und Bühnencomedy finden sich graduell unterschiedlich starke Inszenierungen widerständiger weiblicher Typen, deren Spektrum sich enorm erweitert hat. Wir arbeiten bei der Beschreibung komischer Figuren weiterhin mit dem Ansatz der sozialen Indexikalisierungsozialer IndexIndexikalisierung.

Im letzten Kap. 15 wird danach gefragt, inwieweit die durch die Neuen Medien geschaffenen vielfältigen Kommunikationsmöglichkeiten mit z.T. spezifischer sprachlicher Ausgestaltung Geschlechtsunterschiede in der Nutzung aufweisen, welche StilisierungenStilisierung (Selbst- und Fremd-S.) von Gender sich herausgebildet haben und ob die sprachlichen Handlungsmöglichkeiten im Netz die Binarität der Geschlechter verstärken oder zu ihrer Auflösung beitragen. Einbezogen werden auch Analysen multimodaler Texte, da visuelle Daten Aufschluss darüber geben können, wie die Gestaltung des Köpers zu Genderkonstruktionen beiträgt. Hier wird vor allem auf die Funktion und Gestaltung von SelfiesSelfies eingegangen. Berücksichtigt werden neben (internet-)linguistischen Arbeiten Forschungsergebnisse aus den Medienwissenschaften.

2. Doing, undoing und indexing gender in Sprache und Gespräch
2.1 Was heißt „Konstruktion“ von Geschlecht?

Den Basisgedanken einer gesellschaftlichen Konstruktion von Geschlecht stützen wir auf Berger und Luckmanns (1966/1987) Sicht, nach der in der Alltagswelt die Vis-à-vis-Situation zentral ist, in der Menschen in Aktion, Reaktion und Gegenreaktion miteinander interagieren (Reziprozität). Die/der Andere ist dabei als anderes Subjekt wahrzunehmen und bildet ein Spiegelbild für die eigene Ich-Wahrnehmung. Die Vis-à-vis-Interaktion ist dynamisch und flexibel, folgt aber vorgeprägten sozialen Typisierungensoziale Typisierung, die im Laufe der Geschichte spezifische Prägungen erfahren haben. In solche Prägungen wird ein Kind zunächst hineingeboren. Eine historische Perspektive auf soziale Typisierung ist somit von Belang. Der Basisgedanke der gesellschaftlichen Konstruktion verleugnet in unserer Lesart keine biologischen Gegebenheiten, sondern beleuchtet deren Aus- oder Umbau, Unterstreichung und (Ir)Relevantsetzung.

Die sogenannten Baby X-Studien zeigen eindrücklich, dass und wie die Erwachsenen das gesellschaftliche Gendersystem an das Kind herantragen (mehr dazu in Kap. 10). Erwachsene fahren mit dem zunächst von der GenitalienbestimmungGenitalien ausgehenden SortiervorgangSortiervorgang für das Kind fort, indem sie z.B. das Schreien eines männlichen Babys eher als Ausdruck von Aggression hören als das Schreien eines weiblichen: Als den Erwachsenen in einem viel zitierten Experiment erzählt wurde, dass ein kleines Mädchen schreie, interpretierten sie dasselbe Schreien desselben Kindes eher als Ausdruck von Angst (Condry/Condry 1976).

Man hört derzeit manchmal die Kritik, in den Anfängen der Geschlechterforschung sei diese essentialistisch vorgegangen (Kerner 2007); sie sei von einer biologischen Essenz ausgegangen und habe aus dieser psychische Eigenschaften und Verhalten abgeleitet. Wir werden sehen, dass diese Kritik auf die linguistische Forschung nicht zutrifft. Zumindest weite Teile der sprach- und kommunikationswissenschaftlichen Geschlechterforschung standen von Anfang an eher in einer durch George Herbert Mead geprägten, interaktionssymbolischen Tradition und in einer sozialkonstruktivistischen.

SozialkonstruktivismusKonstruktivismus in der Geschlechterforschung

In dieser Tradition geht man davon aus, dass Kinder durch eine historisch vorgeprägte Sicht auf soziale Typen indirekt ihre SelbstwahrnehmungSelbstwahrnehmung lernen. Das heißt nicht, dass man sie als eine „black box“ sieht, auf die das gesellschaftlich vorherrschende Genderbild einfach projiziert wird. Prägungen gehen aber entlang gängiger Vorstellungen von weiblichem und männlichem Verhalten vonstatten, die die Kinder in ihren jeweiligen Lebenswelten verstärken oder abmildern können. Im Zusammenhang mit der Interpretation ihrer Äußerungen und ihres Verhaltens bilden sie entsprechende Gefühle auch im Bezug auf sich selbst aus.

2.2 Was heißt doing gender?

In den Sozial- und Kommunikationswissenschaften stellt sich bei allen sozialen Kategorien, denen im Alltag Relevanz zugeschrieben wird, die Frage, wie dies geschieht (Kotthoff 2002a). In keiner (bekannten) Kultur bleibt es bezüglich folgenschwerer sozialer Kategorien grundsätzlich nur beim Konstatiereren physischer oder psychologischer Differenzen. Auch der sozialen Kategorie Alter liegt beispielsweise zunächst ein physiologischer Prozess zu Grunde. Darüber hinaus wird gesellschaftlich relevant gesetzt, dass beispielsweise ein Kind ab einem gewissen Alter laufen lernt; Alter ist mit Verhaltensstandards verbunden; Jugendliche markieren den Übergang von der Kindheit zum Jugendalter aktiv, indem sie sich anders kleiden und anderen Aktivitäten nachgehen (auch gehört Rauchen oft als semiotische Anzeige des Verlassens des Kind-Status dazu; Eckert 2014). In konservativ-islamischen Milieus soll das geschlechtsreife Mädchen sein Haar verbergen. Mit dem Erreichen der Menstruation und Gebärfähigkeit wird nun über ein Kopftuch in der Öffentlichkeit die Relevanz von Alter, Religion und Geschlecht gleichzeitig semiotisch demonstriert. In vielen Gesellschaften leistet beispielsweise das Auftragen von Make up die gekoppelte Anzeige von Alter und Weiblichkeit. Genauso wie es eine große Bandbreite an Möglichkeiten gibt, die Kategorie Alter über den Körper hinaus oder gegen ihn gerichtet (das Ziel der Kosmetikindustrie) semiotisch kundzutun, bietet auch das soziale und kulturelle Geschlecht (Gender), die Möglichkeit, in graduell abgestufter Relevanz inszeniert zu werden.

2.2.1 Der EthnomethodologeEthnomethodologie Harald Garfinkel und seine Agnes-Studie

In den Sozialwissenschaften arbeiten wir zur Erfassung der Relevantsetzung mit dem Konzept des doing gender, das auf Harold Garfinkels „Agnes-Studie“ (1967) fußt. Agnes (Pseudonym) wurde 1958 an das Medical Center der University of California Los Angeles überwiesen. Sie besaß weder Eierstöcke noch Gebärmutter. Die männlichen GenitalienGenitalien, die für Agnes einen grausamen Schlag des Schicksals darstellten, wurden ihr entfernt. Um die Operation herum wurde das Lernen weiblicher Verhaltensweisen zentral. Agnes war fortwährend damit beschäftigt, sich als Frau zu präsentieren und dies zu routinisieren. Diesen Vorgang nennt Garfinkel (1967, 118) „passing“. Ihr Geschlecht verlangt nun eine Ausübung, die Kinder meist ohne hohe Bewusstheit allmählich erwerben. Diese Ausübung („doing“) von Femininität verlangt beispielsweise als weiblich geltende Kleidungs- und Haarstile und Arbeit an der Stimme (Kap. 3). „Doing“ (tun) erfasst zunächst die Alltagsbeobachtung, dass Geschlecht einer Inszenierung bedarf, wenn es bemerkbar sein und Konsequenzen haben soll, die für alle interpretierbar sind.

Der Soziologe Garfinkel verfolgte, wie sich die TransfrauTransfrauen Agnes nach ihrer Operation (vom Mann zur Frau) auf allen Ebenen des Verhaltens in das kulturelle Frau-Sein im Kalifornien der sechziger Jahre einübte, darunter auch das Gesprächsverhalten. Zunächst einmal hatte Agnes sich nach der Entscheidung, als Frau leben zu wollen und nach Operationen, mittels Kleidungs- und Körpergestaltungssemiotik als erkennbare Frau umstilisiert. Auf dieser Ebene liegen auch heute noch die auffälligsten GenderstilisierungenStilisierung (Selbst- und Fremd-S.).

Auf dem Terrain des Gesprächsverhaltens musste und wollte Agnes z.B. lernen, sich in argumentativen Gesprächen nicht durchzusetzen, sondern stattdessen einzulenken, was sie und ihr Umfeld als typisch für Frauen erkannt hatte. Vor allem ihr Freund lehrte sie, nicht zu insistieren und nicht so stark ihre Meinung zu verteidigen, weil das unweiblich sei. Ihr soziales Umfeld fungierte dabei als Ratgeber für das Aufführen von Frau-Sein. Sie musste und wollte es lernen, sich von Männern bestimmte Höflichkeiten angedeihen zu lassen und andere selbst zu praktizieren. Agnes hörte auf, Frauen zur Zigarette Feuer zu geben und hielt stattdessen selbst einem Mann sichtbar ihre der Anzündung harrende Zigarette hin, damit dieser sein Feuerzeug zücke. Agnes verwendete viele Euphemismen, weil sie das als frauentypisches Sprechen empfand. Garfinkel diskutierte Verhaltensweisen, die damals noch gemeinhin als natürlich galten, als in kultureller Praxis wechselseitig erzeugtes „accomplishment“ (Leistung). Die Komponenten der Genderpraxis konnten in Agnes’ Umfeld gut in ihrer Machart und Bedeutung erkannt werden.

Der Gedanke der interaktiven Wechselseitigkeit ist für die gesamte EthnomethodologieEthnomethodologie sehr bedeutungsvoll. Ayaß (2007) verdeutlicht, dass auch Garfinkel selbst am doing gender rund um Agnes beteiligt war, weil auch er sie genderspezifisch behandelte (z.B. durch spezifische Höflichkeiten als Frau bestätigte und sich selbst gleichzeitig als Mann).

Ayaß (2008, 152) widmet der Rezeptionsgeschichte dieser klassischen Studie, die diesseits- und jenseits des Atlantiks lange ignoriert wurde, einige Ausführungen. Mit Hirschauer (1993b, 58) konstatiert Ayaß, dass „ein Gutteil feministischer Grundlagenforschung außerhalb der Frauenforschung stattfand.“ Butlers theoretisches Buch „Gender Trouble“ lese sich wie ein spätes Echo auf Garfinkels und Goffmans Studien. Allerdings nehme Butler gar nicht zur Kenntnis, dass ihre wesentlichen Thesen von der sozialen Konstruiertheit des Geschlechts bereits bei Garfinkel zu finden seien, der solche Prozesse auch empirisch rekonstruiert habe. Wir möchten diese bedenkliche wissenschaftsgeschichtliche Unterschlagung, der sich leider auch in der Folge Forscher/innen blind angeschlossen haben (z.B. betreibt Villa (2003) in ihrer Einführung in Butlers Werk keine Richtigstellung bezüglich der Entwicklung konstruktivistischen Denkens über Gender), nicht fortsetzen und kommen auf andere Kritikpunkte an dem einflussreichen Buch „Gender Trouble“ später zurück.

Hirschauer (1993a) hat etwa dreißig Jahre später mittels einer ethnografischen Studie darüber, wie die Transition sowohl von Frau zu Mann wie von Mann zu Frau vor sich geht, sehr genau beschrieben, was medizinische und psychologische ExpertInnen leisten, um diese durch ihr professionelles Engagement eine soziale Wirklichkeit werden zu lassen. Dabei belegt er mit einer Fülle ethnografischer Daten die allgemeine These, „daß die medizinische Konstruktion der Transsexualität ein immanenter Bestandteil der zeitgenössischen Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit ist“ (ebd., 9). Gerade weil die Trennung der Geschlechter im Alltag immer weniger gelebt werde, erweise sich die „GeschlechtsidentitätGeschlechtsidentität“ als „letzte Bastion des Glaubens an ein wahres Geschlecht“ (1993, 115). Dieser Glaube findet sich nicht nur bei Stimmexperten und Kosmetikerinnen, die beim passing zu Werke gehen.

2.2.2 Goffmans Sicht auf Arrangements der Geschlechter1

Nur kurz nach Erscheinen von Garfinkels Studie hat Erving Goffman die Betrachtungsweise von Geschlecht innerhalb der Soziologie und den Kommunikationswissenschaften weiter revolutioniert. Er kritisiert im „Arrangement der Geschlechter“ (1977) die Sozialwissenschaften, welche bis dato die Prozesse der fortlaufenden Geschlechterkonstruktion kaum erforscht hätten. Für viele Wissenschaftler/innen war die Bedeutung des Faktors Geschlecht ein Phänomen, welches im Rahmen von Rolle, Privileg und Benachteilung erfassbar schien. Mit der Untersuchung von „Rollenverhalten“ seien sie, so Goffman, der immensen Bedeutung des geschlossenen Bündels an Glaubensvorstellungen und PraktikenKommunikative Aktivität nicht gerecht geworden, welche geltend gemacht werden, um das gesellschaftliche Arrangement der Geschlechter als natürliches auszugeben und abzusichern.

Goffman ist hauptsächlich in seinem Buch „Gender Advertisement“ (1976, dt. „Geschlecht und Werbung“ 1981) und in seinem Aufsatz „The Arrangement between the Sexes“ (1977, dt. 1994) auf die Methoden der GeschlechterstilisierungStilisierung (Selbst- und Fremd-S.) eingegangen. Wir verdanken ihm die Betrachtungsweise von Geschlecht als naturalisiertem Ordnungsfaktor von Interaktionen, eine Konzeption, welche weit reichende theoretische und empirisch-forschungspraktische Ausblicke auf Fragen von Geschlechterverhältnissen und Kommunikation eröffnete.

Seine Genderanalysen fügen sich konsequent in seine Studien zu InteraktionsritualenInteraktionsritual ein. Sein Forschungsprogramm lässt sich als das Studium der direkten und unmittelbaren Interaktion umreißen, wie es Knoblauch im Vorwort zur Herausgabe seiner Schriften zu Gender (1994) herausgearbeitet hat. Im Zusammenhang mit der Erforschung der Interaktionsordnung hat er sich auch Fragen der Darstellung von Männlichkeit und Weiblichkeit gewidmet; diese Darstellungen implizieren immer auch normative Zuweisungsakte für die gesellschaftlichen Plätze der Individuen. Verschiedentlich ist Goffman dem Vorwurf begegnet, er analysiere nicht die Gesellschaft mit ihren Schichten-, Klassen- und Einkommensstrukturen, sondern Verhalten von Individuen. Dieser Vorwurf könnte potentiell auch die Genderanalysen betreffen. Kaum je ist bei ihm die Rede davon, dass Männer weltweit den Großteil der Produktionsmittel besitzen und Frauen schlechter bezahlt werden und außerdem in der Regel die Familienarbeit auf ihren Schultern lastet. Hier gilt, was er in der „Rahmen Analyse“ süffisant zu Bedenken gab: „Persönlich halte ich die Gesellschaft in jeder Hinsicht für das Primäre und die jeweiligen Beziehungen eines einzelnen für das Sekundäre; die vorliegende Untersuchung beschäftigt sich nur mit Sekundärem (22ff.).“

Goffman geht davon aus, dass sich die Verhaltenssymbolik der Geschlechter zu einem gewichtigen Teil an der Mittelschichts-Idealversion des Eltern-Kind-Komplexes orientiere. Zu diesem humanen Grundmuster gehöre das hilflose Kind und der es beschützende Erwachsene. Da Goffman glaubt, dass Männlichkeitsrituale sich eher am Elternstatus orientieren und Weiblichkeitsrituale sich eher am Kindstatus, belasse ich es bei der Redeweise „der Erwachsene“. Wir zählen ein paar Bereiche auf, in denen Rituale des Genderismus Elemente aus dem Eltern-Kind-Komplex in Szene setzen.

 Das Kind ist bewegungsmäßig instabil. Es wird vom Erwachsenen gestützt. Weibliche Kleidung (Stöckelschuhe, enge und komplizierte Röcke) ritualisiert Instabilität.

 Der Erwachsene erklärt dem Kind die Welt; er belehrt und das Kind nimmt die Belehrungen an. In unserer Berufswelt gelangen Frauen seltener in die Positionen und Institutionen, welche die Welt erklären.

 Das Kind darf sich emotional freier ausdrücken als der beherrschte Erwachsene. Es darf weinen, herumalbern und euphorische Bewegtheit ausdrücken. Starke Gefühlsbewegungen gelten bei uns als unmännlich, aber durchaus als weiblich.

 Der Erwachsene muss immer bereit sein zur Selbstverteidigung, Frauen und Kinder nicht. Männer bewaffnen sich auch in Bedrohungssituationen mehr als Frauen.

2.2.3 Geschlecht als reflexiv institutionalisiert

An der Dramatisierung (Relevanzzuspitzung) der sexuierten Sozialordnung in alltäglichen Begegnungen sind viele Verhaltensdimensionen beteiligt, z.B. kann ich mich mehr oder weniger genderisiert kleiden oder mich mehr oder weniger im Sinne kultureller Stereotype verhalten. Ich kann als Frau eine hohe StimmeStimme mit starker Behauchung für mich einspielen oder auch nicht (Kap. 3).

Ähnlich wie die EthnomethodologieEthnomethodologie geht Goffman davon aus, dass der Zugang zu gesellschaftlichen Positionen, Rängen und Funktionen kein ausschließlich exogener Faktor der Kommunikation ist, sondern endogen in der sozialen Begegnung mitproduziert wird. Ich bin also im Bezug auf meine Rolle gesellschaftlich nicht ausschließlich durch äußere Faktoren festgelegt, sondern produziere sie selbst im Austausch mit. Daher rührt das starke Interesse der sozialkonstruktivistischen Richtungen an Interaktionen.

Rekonstruktion der Genderrelevanz: Hier lässt sich nachzeichnen, dass beispielsweise eine junge Frau in einem Prüfungsgespräch kaum zu Wort kam, weil der ältere, männliche Professor die Themen selbst ausformulierte. Wenn wir nur diesen einen interaktionalen Kontext analysieren, können wir die Struktur des Gesprächs beschreiben, wissen aber nicht, ob hier tatsächlich Genderkategorien die institutionellen Kategorien überschrieben haben. Wusste die junge Frau nichts, so dass der Professor selbst reden musste? Tritt der Professor gegenüber männlichen und weiblichen Studierenden unterschiedlich auf? Wenn wir sagen, dass Gender aus einem Bündel an Typisierungen besteht, müssen wir diese personen- und situationenübergreifend nachweisen.

In „Das Arrangement der Geschlechter“ erläutert Goffman Geschlecht als eine Angelegenheit institutioneller Reflexivität. Das heißt, dass das soziale Geschlecht so institutionalisiert wird, dass es genau die Merkmale des Männlichen und Weiblichen entwickelt, welche angeblich die differente Institutionalisierung begründen. Sein durchgängiges Argument lautet, dass die körperlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern als solche keine große Bedeutung haben für die Fähigkeiten, die wir für die Bewältigung der meisten Aufgaben im Alltag brauchen. Warum also, lautet dann die Frage, lassen Gesellschaften irrelevante Unterschiede sozial so bedeutsam werden, dass sich die ganze Arbeitsteilung darauf aufbaut? Diese Institutionalisierung von zwei Geschlechtern schließt immer auch normative Zuweisungsakte für die gesellschaftlichen Plätze der Individuen ein. Unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten zu gesellschaftlichen Positionen sind darin eingeschlossen. Wenn beispielsweise weibliche Wesen als zart gelten, kann die Kleidung dies unterstreichen (was sie bis heute in vielen Kulturen tut). Man erlaubt weiblichen Kindern kein lautes Herumbrüllen, weil es nicht zu den Annahmen passt, die man sich bereits gebildet hat. Zur Zartheit passt Turnen besser als Fußball. Solche Prozesse der Verstetigung nennt Goffman „Institutionalisierung“.

2.2.4 Rückbindungen ans Biologische

Die Institutionalisierung der Geschlechtlichkeit lässt sich an bestimmbare biologische Merkmale rückbinden. Der Verankerungsprozess biologischer Differenz ist aber in allen seinen Schattierungen sozial. Obwohl die kulturellen Ausdrucksformen des Männlichen und des Weiblichen kaum etwas mit der Biologie zu tun haben, liefert diese dennoch die Grenzlinien, woran Semiotiken rückgekoppelt werden. Der Code des Geschlechts prägt die Vorstellungen der Menschen von ihrer Natur, nicht umgekehrt. Genau diesen Gedanken schreibt Butler (1988) sich originär selbst zu. Insofern entspricht Goffmans Sicht auch derjenigen postmoderner Theorien. Universal beobachtbar ist die Tatsache, dass Menschen sich eine Natur konstruieren. Beobachtbar ist auch, dass natürliche Phänomene (Schwangerschaft, Alter, Körpergröße, Geburt, Tod) in diese Konstruktionen eingehen. Goffman gibt diese Begriffe nicht auf und verleugnet auch nicht ihre Materialität. Damit unterscheidet er sich von Butlers frühen Arbeiten. Sie hatte zunächst die Performanz des sozialen Geschlechts als so zentral gesetzt, dass auch das biologische Geschlecht als von dieser Performanz gestaltet gesehen wurde (Butler 1991, zur Kritik daran siehe Kotthoff/Wodak 1997). Auch bei Goffman werden Geschlecht und Gender einander nicht dichotomisch gegenübergestellt. Das biologische Geschlecht wird auch hier nicht für das Substrat gehalten, woran die Konstruktion von Gender anknüpft.

Goffman (1977, 1979) und Garfinkel (1967) arbeiteten kulturgebundene Methoden der GeschlechterstilisierungStilisierung (Selbst- und Fremd-S.) empirisch so heraus, dass der Beschreibung der Phänomenbereiche viel Raum gegeben wird, z.B. derjenige der höflichen Etikette, der Frauen als das zartere Geschlecht symbolisiert und Männer als das robustere. Wie nebenbei gerät das robustere Geschlecht eher an die Schalthebel der Macht. Daran konnte die Genderlinguistik anknüpfen. Mit ihren historischen Analysen dazu, dass Männernamen und -bezeichnungen in der Entstehung der GroßschreibungSubstantivgroßschreibung von Substantiven eher groß geschrieben wurden als Frauenbezeichnungen (Kap. 4), oder Studien dazu, dass Väter in der Familie mehr ImperativeImperativ von sich geben als Mütter (Kap. 10), absolviert sie dabei vornehmlich ein sozialwissenschaftlich-rekonstruktives Programm, kein philosophisch-dekonstruktives.

2.2.5 Gender hervorbringen und/oder mitlaufen lassen

Innerhalb der EthnomethodologieEthnomethodologie wird zwischen sozialen Kategorien im Fokus der Aufmerksamkeit und Habitualisierungen, die nur mehr im Hintergrund des Handelns der Menschen mitlaufen, unterschieden. Viele Kategorien sind genderisiert. Das Zuschreiben bringt eine Kategorie hervor oder lässt sie mitlaufen. Im Zentrum des Konzepts der „Mitgliedschaft in einer sozialen Kategorie“ stehen zwei Beobachtungen:

1 Personen werden in Gesprächen mit Hilfe bestimmter Mitgliedschaftskategorien als Zugehörige bzw. Mitglieder bestimmter Gruppen erkennbar gemacht und klassifiziert.

2 Diese Zugehörigkeitskategorien sind ihrerseits in jeweils übergeordnete Kategoriensammlungen integriert, deren einzelne Kategorien zusammengehören:

„Bezeichnungen wie ‚Lehrer‘, ‚Franzose‘ oder ‚Mozartfan‘ erscheinen in dieser Perspektive als Vehikel der Darstellung von Mitgliedschaft bzw. Zugehörigkeit. Bezeichnungen wie ‚Beruf‘ oder ‚Nation‘ erscheinen als die jeweils übergeordneten ‚category sets‘, auf die die Teilnehmer bei dieser Darstellungsarbeit zurückgreifen können. Beide Beobachtungen geben zusammengenommen Anlass für eine Reihe von Fragen, die darum kreisen, wie Mitgliedschaftskategorien in Gesprächen eingesetzt werden und wie sie die Anfertigung und das Verstehen ‚sinnvoller‘ Beschreibungen von Personen und Handlungen, Situationen und Ereignissen ermöglichen und nahelegen1“ (Hausendorf 2002, 27).

Der Reiz dieses von Hausendorf grob umrissenen Konzepts liegt darin, Zugehörigkeit bzw. Mitgliedschaft in einer sozialen Kategorie nicht als ein Phänomen von immer gleicher Relevanz zu behandeln, sondern als eines, das von den Mitgliedern einer Gruppe systematisch erzeugt wird. Spreckels (2006) zeigt beispielsweise, wie eine Mädchenclique bestimmte andere Mädchen als „Britneys“ (in Anlehnung an den Popstar Britney Spears) klassifiziert und unter sich eine Abgrenzung von diesem stark geschminkten und sexy gekleideten Typus betreibt.

Bei Kindern wird die Mitgliedschaftskategorie Mädchen oder Junge zunächst durch Erwachsene hervorgebracht, indem sie den Kindern vergeschlechtlichte Namen geben (Kap. 9, Kotthoff 1994a), indem sie beispielsweise Jungen die Puppen wegnehmen, weil häufiges Mit-Puppen-Spielen nicht als jungenhaft gilt. Hat das Kind sich im Laufe seiner Enkulturation u.a. über Kleidungs- und Verhaltenssemiotiken zu einem erkennbaren Mädchen oder Jungen gemacht, braucht diese Mitgliedschaftskategorie eigentlich nur noch mitzulaufen, kann aber auf unterschiedliche Art und Weise auch betont werden. Mehr oder weniger starke Hervorgehobenheit spielt für das Konzept des doing gender eine entscheidende Rolle. Für Garfinkels Agnes und ihre soziale Umgebung stand zunächst Hervorrufen im Zentrum (zum Hervorrufen eines neuen Geschlechts s. Hirschauer 1993). Das Frau-Sein musste von Agnes für alle verständlich angezeigt und in Interaktionen ausgehandelt und bestätigt werden.

Der Mensch hat viele Identitätsfacetten; nicht alle werden aber in einer Interaktion relevant gesetzt, nicht alle sind genderisiert. Ich kann gleichzeitig Deutsche, Nachbarin, Autofahrerin und vieles mehr sein. Wenn mir wegen Fahrens trotz Rot an einer Ampel der Führerschein entzogen wird, ist Gender irrelevant. Die Dramatisierung einer genderisierten Sozialordnung kann in alltäglichen Begegnungen unterschiedlich vonstatten gehen, auch unterschiedlich stark gewichtet und bemerkbar gemacht.

2.2.6 Gender bemerkbar in den Vordergrund der Interaktion bringen?

Einige EthnomethodologenEthnomethodologie (so z.B. E. Schegloff 1997) plädieren dafür, nur von doing gender zu sprechen, wenn die Interagierenden eine erkennbare Orientierung auf diese IdentitätskategorieIdentitätskategorie selbst vornehmen, wenn beispielsweise die Geschlechteretikette im Gespräch ausdrücklich angesprochen wird (z.B. als Regel „Ladies first“). Nur dann werde gender von den Beteiligten selbst als IdentitätskategorieIdentitätskategorie relevant gesetzt, denn wir alle haben viele solche Identitäten, die prinzipiell in den Vordergrund der Interaktion geholt werden können oder eben nicht (siehe die Zeitschriften Discourse&Society 7 (1997), 8 (1998), und 10 (1999)). Solche expliziten Referenzen auf Geschlechternormen spielen aber im Alltag nur eine untergeordnete Rolle im Vergleich zu StilisierungenStilisierung (Selbst- und Fremd-S.), die quasi immer mitlaufen und von den Mitgliedern einer Gesellschaft als Normalität angenommen worden sind (wenngleich sie kulturell hergestellt sind). Thematisierungen von Gender lassen sich bei expliziten Zuordnungen („Das ist Männersache“ oder „Jetzt reden wir mal von Frau zu Frau“) und anderen Bezugnahmen auf die soziale Kategorie Geschlecht finden. Pavlidou (2015) diskutiert informelle Gesprächsszenen unter guten Bekannten in Griechenland und analysiert, wie über Themen wie Körpergewicht oder Schönheit eine Relevanz von Gender hergestellt wird. Der Themenkomplex der Gestaltung des Äußeren setzt Gender relevant. Die Konversationsanalytikerin Stokoe (1998) stellte in englischen Diskussionen junger Leute über ihre Zukunft fest, dass Gender oft im Zusammenhang mit Familienplanung und Kinderbetreuung thematisiert wurde. Kinderbetreuung werde oft als Frauensache besprochen. Damit würde Gender im Gespräch selbst salient. Salienz/AuffälligkeitSalienz scheint für doing gender von großer Bedeutung zu sein. Auf solche Fokussierungen können wir aber die Alltagsbedeutung von Gender nicht beschränken, wie verschiedene Genderforscher/innen aus dem großen Feld der Diskursanalyse deutlich gemacht haben (z.B. Günthner/Kotthoff 1991; Bucholtz 2003; Spreckels 2012).

Andere Ethnomethodolog/inn/en, z.B. West und Zimmerman (1987, 126), sehen Gender als „fortlaufende Leistung“, die in alle Alltagssituationen eingeschrieben ist:

When we view gender as an accomplishment, an achieved property of situated conduct, our attention shifts from matters internal to the individual and focuses on interactional and, ultimately, institutional arenas. In one sense, of course, it is individuals who “do” gender. But it is a situated doing, carried out in the virtual or real presence of others, who are presumed to be oriented to its production. Rather than as a property of individuals, we conceive of gender as an emergent feature of the social situations: both as an outcome of and a rationale for various social arrangements and as a means of legitimating one of the most fundamental divisions of society.

Es ergibt sich ein Spannungsverhältnis zu Schegloffs Konzept von doing gender als im Vordergrund der Interaktion stattfindende, bemerkbare Aktivität und dem fortlaufenden „accomplishment“, das durchaus im Hintergrund bleiben kann. Gender kann als soziale Kategorie im Agieren von Gesellschaftsmitgliedern nicht immer die wichtigste sein. West und Zimmerman (1987) schreiben, im Unterschied zu anderen situativen Identitäten (z.B. beruflicher Art) sei Gender aber eine „Meisteridentität“, die sich durch alle Situationen ziehe. Soziale Kategorien wie „Nachbarin“ oder „Verkäufer“ seien eben auch genderisiert. Dem möchten wir nicht widersprechen; aber auch Alter wirkt sich beispielsweise auf die Repräsentation solcher Kategorien aus; es muss also von mehreren „master categories“ ausgegangen werden. In Kap. 7 wird herausgearbeitet, wie tief Alter und Geschlecht auch im Sprachsystem sedimentiert sind. Die Interagierenden müssen nicht unbedingt selbst bemerken, dass ihre Verhaltens- und Denkweisen auf Alter oder Geschlecht verweisen. Die mehr oder weniger hervorgehobene Relevanz solcher Kategorien zeigt sich oft nur den Forschenden, die systematische Vergleiche anstellen, z.B. zwischen Freizeitinteraktionen unter Männern oder unter Frauen oder unter jüngeren und älteren Menschen. Gerade in der feministischen Gesprächsforschung wurden für einige Kontexte subtile Gesprächsverhaltensunterschiede beschrieben, z.B. bezüglich der Themensteuerung weiblicher und männlicher Studierender in Arbeitsgruppen (Schmidt 1992) oder in der kommunikativen Darstellung eigener beruflicher Kompetenzen (Schlyter 1992), die für die Agierenden selbst nicht salient sind, nicht offen zu Tage treten. Die Sprecher/innen orientieren sich aber nicht offen an einer Geschlechterrelevanz, sondern versteckt und hintergründig. Wir halten also zunächst fest, dass innerhalb der EthnomethodologieEthnomethodologie keine Einigkeit darüber herrscht, ob doing gender in der Situation salient sein muss oder ob es genügt, über Vergleiche aus einer Forschungsperspektive heraus zeigen zu können, dass Gender neben anderen Kategorien irgendwie bemerkbar war.

Versteckte Genderrelevanzen: In Schmidts Studie zu studentischen Arbeitsgruppen (1992) wurde auf die von den Studenten eingebrachten Themen stärker reagiert als auf die von den Studentinnen eingebrachten. Solche Subtilitäten sind kaum salient. In Schlyters Aufzeichnungen von Gleichstellungsverhandlungen für schwedische FormularentwicklerInnen zeigte sich, dass die Frauen ihre Kompetenzen weniger herausgestrichen und betont hatten als die Männer. Sie bezogen weniger Lohn, weil ihre Arbeit bei den Vorgesetzten nicht als genauso anspruchsvoll galt wie die der Männer. Schlyter verfolgte Gerichtsverhandlungen und zeigt, dass die Frauen andere verbale Selbstdarstellungstechniken verwendeten als die Männer (1992). In dem Prozess war Gender somit von großer Bedeutung. Trotzdem war die bescheidene berufliche Selbstdarstellung der Entwicklerinnen von Behördenformularen zunächst auch hier nicht salient. Sie setzten Gender durchaus thematisch relevant, weil sie ja für gleichen Lohn für gleiche Arbeit klagten. Dass sie außerdem noch Gender „taten/aufführten“, indem sie ihren Erfolg durch ihr eigenes konversationelles Auftretenkonversationeller Stil behinderten, erschloss sich erst durch Schlyters vergleichende Analysen.

2.2.7 UnterbrechungUnterbrechung als doing gender?

Zimmerman/West (1983, 1989) haben gesprächsstilistische Unterschiede, z.B. den hohen Einsatz von Unterbrechungen, unter „doing gender“ gefasst, obwohl auch hier im Gespräch selbst nicht darauf verwiesen wurde, somit also keine offene Orientierung an Gender deutlich wurde. Darauf werden wir im Kap. 13 zu Gender im Gespräch ausführlich eingehen. Der Fokus liegt sowohl bei Schegloffs als auch bei Zimmermans und Wests Ausführungen auf der Rekonstruktion von Verfahren des Anzeigens und Bermerkbar-Machens der sozialen Kategorie Geschlecht. Die Kriterien dafür sind beim Erstgenannten aber wesentlich rigider, weil er in der sozialwissenschaftlichen Rekonstruktion von doing gender einer offenen Ausrichtung an der Relevanz von Gender durch die Interagierenden habhaft werden möchte. Diese Ausrichtung auf Genderdifferenzen hin bleibt für die Interagierenden selbst aber oft versteckt hinter speziellen Stilphänomenen, Handlungsrollen oder Themen.

Wests und Zimmermans breite Konzeption von doing gender ist einerseits brauchbarer, aber andrerseits auch problematisch, weil sie weiterhin meinen, doing gender an Einzelphänomenen festmachen zu können, die im Kern zunächst eher doing dominance bewirken (Kotthoff 1996a). Wer andere viel unterbricht, gibt sich dominant. Ist Dominanz immer an Männlichkeit gekoppelt?

Sie zitieren Cahill (1986), dessen Kindergartenstudien eigentlich zu einer etwas anderen Sicht einladen. Er hatte herausgearbeitet, über welche Aktivitäten und Zuschreibungen Kinder Gender gestalthaft für sich selbst annehmen. So lernen kleine Jungen von etwa drei Jahren es als jungenhaft zu betrachten, dass sie die Umwelt offen manipulieren können und dass ihr Äußeres nicht so wichtig ist. Mädchen lernen z.B., dass die Ornamentierung des Körpers mädchenhaft ist. Der Umgang mit dem eigenen Äußeren und die Art des Einwirkens auf andere sind erste Genderperformanzen der Kinder (Kotthoff 1994b, 1996a). In Cahills Studie ist bemerkbar, dass das Sprachverhalten der Kinder im Einklang mit anderen semiotischen Codes (wie Kleidung) eine gestalthafte Genderisierung ergibt. Eine StilisierungStilisierung (Selbst- und Fremd-S.) von Feinheit und die Bedeutsamkeit der Gestaltung des Äußeren gehören in unserem Kulturkreis zu einer sichtbaren Kommunikation von Weiblichkeit. Kinder sind ja auf ihre Beobachtungen der Welt angewiesen. Dies deutet darauf hin, dass Gender gestalthaft kommuniziert wird, als ein Bündel verschiedener Ausformungen. Wir kommen in Kap. 11 darauf zurück.

In den achtziger Jahren gingen Zimmerman und West als gradlinig angenommenen Rangordnungen im Gespräch nach, wie sie etwa mittels des Turn-Taking-Mechanismus herstellbar wären. Sacks et al. (1974) haben ausdrücklich darauf hingewiesen, dass über das Rederechtsmanagement lokale Hierarchien hergestellt werden können. In ihrer Studie von 1983 fanden Zimmermann und West bei zufällig aufgenommenen, gemischtgeschlechtlichen Paaren 48 UnterbrechungenUnterbrechung ihrer Definition (Sprecheinsatz vor Redezug-Ende des vorherigen Sprechers). Davon wurden 46 von Männern ausgeführt. In ihrer zweiten Studie (1989) bei fünf Paaren von Unbekannten in einem Laborsetting fanden sie 75 % der insgesamt 28 Unterbrechungen von Männern realisiert. West und Zimmerman glaubten, damit ein alltägliches, direktes Verfahren des doing gender gefunden zu haben. So ein gradliniges doing gender als Verfahren maskuliner Dominanzherstellung müsste an auffälligen Frequenzen von beispielsweise Unterbrechungen oder Themensetzungen von männlicher Seite festmachbar sein, und das ist selten der Fall, wie wir in Kap. 12 sehen.

Gleiches gilt für hohe Frequenzen von Fragen oder Vagheitsmarkierungen, die in der Forschung zunächst als Ausweise der Kommunikation von Weiblichkeit gesehen wurden (dazu auch Kotthoff 2006c). Unsicherheit kommuniziert aber nicht gradlinig Weiblichkeit. Noch nicht einmal die Herstellung von Dominanz lässt sich über ein konversationelles Verfahren allein bewerkstelligen, geschweige denn Geschlecht. Dass doing dominance mit doing masculinity einfach identifiziert wurde, macht einen weiteren Kritikpunkt an diesem frühen Konzept von doing gender aus.

2.2.8 Gender als semiotische Gestalt

Genderunterschiede in der Gestaltung des Äußeren (Frisur, Gesichtsgestaltung mit Bart und/oder Make-up, Kleidung) sind außerdem wesentlich offensichtlicher als Sprachverhaltensphänomene (dazu mehr in Kap. 12). Aber nicht einmal dieser Differenzbereich lässt sich einfach auf einer Machtskala abbilden, schließlich ist in den Kulturwissenschaften gut belegt, dass zumindest in vergangenen Jahrhunderten Höherstehende sich einer Semiotik von Feinheit bedienten (Veblen 1899/1997). Seit vielen Jahrzehnten schon sind Spitzen, Seiden und zarte Stoffe weiblich assoziiert. In Cahills Kindergartenstudie deutet sich schon an, dass Gender ein Gestaltphänomen ist, das unbedingt die Darbietung des Äußeren einschließt. Die Kommunikation von Männlichkeit und Grobheit überlappen sich sehr häufig, wie kürzlich Pujolar (2001) in einer Studie über zwei Jugendgruppen in Barcelona erneut gezeigt hat (mehr in Kap. 12). Kaum je „tut“ ein einziges Phänomen allein Gender.

Wenn wir Gender als semiotische Gestalt konzeptualisieren, können wir auch erfassen, dass NeutralisierungsarbeitNeutralisierung auf einer semiotischen Ebene des Handels durch Differenzarbeit auf einer anderen Ebene prinzipiell ausgeglichen werden kann. Die Firmenleiterin setzt sich beispielsweise mit vormals männlich konnotierten Verhaltensweisen gut durch, gibt sich in ihrer Kleidung mit Stöckelschuhen und engen Röcken aber sehr weiblich. Wir können spezifische Transgender-IdentitätenTransgender beschreiben, die beispielsweise Bart und Augenmake-up kombinieren, wie Hall (2003) und Barrett (2017) ausführen. Außerdem wird Gender oft nur „mitvollzogen“ und wird nur mittelbar relevant, wenn etwas anderes zentral ist (ein anderes „doing“ bemerkbar im Vordergrund steht).

Im Bezug auf Situationsbeeinflussung legen einige Studien nahe, dass doing being male oft mit hohen Direktheitsstufen beim Ausdruck von Dissens und Aufforderungen einhergeht (z.B. Goodwin 1990), sich insofern mit Dominanzgebaren überlappt. Klann-Delius (2005) fasst Untersuchungen zum Kommunikationsstil von Müttern und Vätern dahingehend zusammen, dass Väter gegenüber den Kindern häufiger direkte Befehle verwenden als Mütter. Trotzdem wird niemand eine sehr direkte Frau für einen Mann halten. Das heißt, die Beziehung ist weder exklusiv noch hinreichend. In Kap. 13 werden wir sehen, dass in der heutigen Arbeitswelt auch Männer Aufforderungen eher indirekt gestalten.

Über Jahrhunderte hinweg diente die Etikette der Geschlechterbegegnung einer sehr hohen Relevantsetzung von Geschlecht und konstruierte den Unterschied vom sich um die Frau bemühenden Mann und der umworbenen Frau. Beide hatten komplexe Rituale einzuhalten und in allen Nuancen zu verstehen. Burmann (2000) hat ihrer Untersuchung dazu eine umfangreiche Materialbasis von etwa 170 Etikette- und Anstandsbüchern der letzten 250 Jahre zugrunde gelegt. Wenn der Herr der Dame Komplimente machte, dann tat er aus heutiger Sicht genauso Gender wie wenn er sie zum Tanz aufforderte und ein Angebot zur Begleitung machte. Das gesamte rituelle System symbolisierte die Frau als kostbar, moralisch hochstehend und verletzlich. Im Vergleich dazu wird bei Analysen heutiger Speed-dating-Veranstaltungen (Günthner/Franz 2012) deutlich, dass die Kommunikation von Genderdifferenz phasenweise weniger relevant ist.

2.2.9 Undoing gender, Grade an SalienzSalienz und Verzicht auf Relevantsetzung

Gegen die Omnirelevanzannahme von Gender, die von weiten Teilen der Gender Studies zunächst geteilt wurde, stellt Hirschauer 1994 seine Idee des undoing gender, einer vorübergehenden situativen NeutralisierungNeutralisierung der Geschlechterdifferenz. Er rekurriert dabei auch auf Goffman (1977), der unterschiedliche Inszenierungsgrade von Gender seinerzeit schon im Blick hatte. Hirschauer (1994, 676) verweist auch auf die relative Signifikanz der Geschlechterunterscheidung im Vergleich zu anderen Klassifikationen wie Alter, Ethnizität oder Schicht. Dass bei allen Identitätsklassifikationen mit Kreuzungen und Kopplungen gerechnet werden muss, bestätigt die Interaktionsforschung schon seit langer Zeit (Günthner/Kotthoff 1991). Es gilt immer im Kontext zu rekonstruieren, welche Mitgliedschaftskategorien in welcher Kopplung zum Tragen kamen.

Wir stimmen dem Befund zu, dass es Kontexte gibt, in denen Geschlecht kaum eine Rolle spielt, in den Hintergrund des Handelns tritt. Wir stimmen auch zu, dass dieses Absehen NeutralisierungsarbeitNeutralisierung verlangen kann, die als undoing gender fassbar wäre (etwa bei institutionellen Entgenderisierungsverfahren wie Bemühungen um gleiche Repräsentanz von Männern und Frauen in bestimmten Berufsgruppen). Dies setzt allerdings voraus, dass für den Phänomenbereich historisch eine Geschichte von großer Genderrelevanz aufgefallen ist. Nur vor einem solchen Hintergrund ist dann die Rückstufung so auffällig, dass das Konzept des „undoing“ greifen würde.

Wenn man für die soziale Konstruktion von Gender eine Relevanzabstufung zwischen den Polen des ‚doing‘ und ‚undoing‘ versucht (Kotthoff 2002a, 2012a), begegnet man PraktikenKommunikative Aktivität und stilistischen Realisierungen derselben, die sozusagen hinter dem Rücken der Beteiligten mehr oder weniger Geschlechterrelevanz ergeben. Sie treten nur bei eklatanter Abweichung vom Erwartbaren ins Bewusstsein. Beim Sprechen sind es z.B. StimmeStimme und Prosodie, welche sowohl mit dem Körper verbunden sind als auch kulturell auf bestimmte Genderdifferenzen eingespielt werden, die normalerweise im Hintergrund der Interaktion bleiben (Kap. 3). In einigen Bereichen der Sportbekleidung ist die Genderisierung so heruntergefahren, dass beispielsweise bei Turn- oder Bergschuhen vieler Marken nur Größenunterschiede zählen. Da sonst im Schuhgeschäft eklatante Differenzierungen am Werk sind, die den Frauenschuh mit anderem Leder, Riemchen oder Absätzen bis hin zum Stiletto ausstatten und verzieren und den Männerschuh funktional und flach gestalten, kann im Sportschuhbereich beispielsweise von „undoing“ gesprochen werden.

Gender tritt in einer Abstufung von Relevanz und SalienzSalienz auf. In die unauffällige Alltagsbekleidung ist Gender beispielsweise dahingehend eingeschrieben, dass Männer in der westlichen Welt keine Röcke und Kleider tragen, Frauen erstens mehr Schmuck und zweitens einen besonderen Schmuck tragen, derzeit auch betont enge Hosen, um nur ein paar Besonderheiten zu nennen, die über die Jahrzehnte nur leicht variieren (hier ein Satz aus einer Werbung: „Ladies, show your legs mit Skinny Jeans! Skinny Jeans betonen deine Beine und bringen deine Kurven toll zur Geltung […]“)1. In den letzten drei bis vier Jahren hat sich an Schulen und Hochschulen im deutschen Sprachraum der hautenge, sehr körperbetonte Hosentyp („leggings“) als der am meisten verbreitete Typ durchgesetzt. Damit setzen junge Frauen ihren Körper mit seiner Kontur relevant. Diese genderdifferenten Hosen gehören unbedingt zu den Phänomenen, die Gender als bemerkbare Identitätskomponente kommunizieren und auch körperliches Geschlecht, weil die Hosen beispielsweise Schenkel und Hinterteil betonen. Greift der Mann zu einer solchen Strumpfhose oder zur Perlenkette, würde dies zunächst als „crossing“ bemerkt (mehr dazu in Kap. 12). In der Soziolinguistik wird das „Hineinwandern“ in fremde sprachliche Territorien als crossing bezeichnet (Androutsopoulos 2001). Wenn deutsche Jugendliche plötzlich ethnolektal reden, greifen sie einen Stil auf, der zunächst unter den GastarbeiterInnen zu Hause war und deutschen Jugendlichen streng genommen nicht gehört. Ähnlich würden sich Männer mit einer sogenannten „Skinny Jeans“ oder Perlenkette um den Hals verhalten2. Wenn dies von anderen Männern aufgegriffen würde, könnten wir entweder von undoing gender rund um die Semiotik der Leggins oder Perlenkette sprechen. Undoing will mit seiner spezifischen Veränderung einer Zuordnung bemerkt werden. Oder wir rekonstruieren die bemerkbare StilisierungStilisierung (Selbst- und Fremd-S.) von Inter- oder TransgenderTransgender.

Im flüchtigen Alltagshandeln ergibt sich die NeutralisierungNeutralisierung von Geschlecht aber auch unbemerkt, hintergründig, wenig „bemerkbar“ (wie EthnomethodologInnen sagen würden).

2.2.10 Indexing genderindexing gender

Das Konzept der IndexikalisierungIndexikalisierung/Indizierung von kulturellem Geschlecht fasst die graduelle Relevantsetzung der Phänomene besser, weil es von vorn herein auf ein Erkennen von Typisierungsgraden und -merkmalen innerhalb von Handlungsgemeinschaften setzt, deren Wissen man aus der Forschungsperspektive rekonstruieren kann (etwa so, wie Eckert 2000 es durchgeführt hat, siehe dazu Kap. 12 zur Soziolinguistik). Wenn etwa ein Mann einen Bart trägt, indiziert er durchaus Gender, bringt es aber nicht als zentrales Merkmal in den Vordergrund der Interaktion.

Ein anderer Kritikpunkt am Modell des doing gender betrifft die subjektivistische Orientierung. Tut nur das Individuum Gender, nicht etwa Institutionen?

Alle Institutionalisierungen (wie Herren- und Damenparfüms etc.) und die Massenmedien leisten die permanente Erinnerung der Welt an die von ihnen inszenierten binären Idealbilder von Mann und Fra, wozu auch die Omnipräsenz des erotisierten Blicks auf die Frau gehört. Massenmediale, aber auch andere institutionelle Einflüsse (Kirchen, Militär, Wirtschaft …) liegen jenseits des personalen Handelns der meisten Menschen. Sie verweisen auf die Geschichtlichkeit der normativen Konzeption, die West/Fenstermaker (2002, 540f.) im Blick haben, wenn sie schreiben,

[…] that the doing of gender, race and class consists of the management of conduct in relation to normative conceptions of appropriate attitudes and activities for particular sex category, race category and class category members.

Wenn West und Fenstermaker „doing“ hier „in relation to normative conceptions“ setzen, kommen sie dem durchaus nahe, was wir mit Ochs (1992) als „indexing“ fassen. Sie vernachlässigen aber, dass Gender oder Klasse bereits in Institutionen so eingeschrieben sein kann, dass das Individuum nur wenig tun muss. In vielen institutionellen Bereichen finden sich z.B. in den dort vertretenen Berufen und Machtbereichen Indikationen von Gender.Es sei hier nur kurz angemerkt, dass auch doing class ein sehr problematisches Konzept ist. Gesellschaftliche Klassenverhältnisse sind primär ökonomisch basiert. Wie Ökonomie und Kommunikation zusammengehen, lässt sich im Rahmen dieses Buches nicht klären.

Wenn man für die soziale Konstruktion von Gender eine Relevanzabstufung zwischen den Polen des „doing“ und „undoing“ versucht (Kotthoff 2002a; Günthner/Franz 2012), muss man Praktiken und stilistische Realisierungen derselben verorten, die hinter dem Rücken der Beteiligten und nur „nebenbei“ auch noch Geschlechterrelevanz ergeben. Sie sind als Einzelphänomene nicht salient und treten nur bei eklatanter Abweichung vom Erwartbaren ins Bewusstsein. Erst die Forschungsperspektive kann in den Verhaltens- und Handlungsweisen von Menschen Bezüge zu Gender aufdecken.

Ochs nahm den Befund, dass es für viele sprachliche und kommunikative Verfahren wenig Exklusivität der Genderanzeige gibt (viele Namen sind exklusive Kennzeichnungsverfahren, auch beispielsweise morphologische Markierungen am Verb in slawischen und einigen anderen Sprachen, Kap. 6 und 8), zum Anlass, über nichtexklusive Verfahren der Geschlechtsanzeige nachzudenken. Die Verfahren verlangen die Interpretation der Beteiligten, welche innerhalb von Handlungsgemeinschaften gelingt. Aktivitäten und stilistische Realisierungen von Aktivitäten verweisen auf historisch entstandene soziale Typen, welche so tradiert oder variiert werden können.

Indexikalität1 ist eine Beziehung des Verweisens (Charles Sanders Peirce nach Pape 1993). Das Pronomen ich verweist direkt auf den Sprecher/die Sprecherin, referiert auf ihn/sie (Indexikalität 1. Ordnung). Silverstein (1976) diskutiert auch nichtreferenzielle Indexikalität, wie sie z.B. durch bestimmte Intonationskonturen kommuniziert werden kann (Indexikalität 2. Ordnung). Die Intonationskontur geht z.B. eine assoziative Verbindung mit einem Gefühlsausdruck ein (Tonsprung nach oben kann auf Begeisterung hindeuten). Erst je nach Verbindung mit anderen Phänomenen (wie dem verwendeten Vokabular und der ablaufenden Handlung) konkretisiert sich aber die Beziehung als typisch für ein Gefühl oder jemanden, dem ein solcher Gefühlsausdruck zugeschrieben wird. Das häufige, begeisterte Ausrufen von „super“ und ähnlich positiven Adverbien kann Weiblichkeit indexikalisieren, eine Indexikalität 2. Ordnung anzeigen, wenn der häufige Ausdruck von Begeisterung und Freude in der Gesellschaft für Frauen als normal eingespielt ist. Dann kann er auch für ParodiezweckeParodie genutzt werden.

Da die meisten Namen eindeutig auf ein Geschlecht verweisen (Nübling et al. 2015, hier Kap. 8), sprechen wir mit Silverstein (1976) von „referenzieller Indexikalität“ oder von Indexikalität 1. Ordnung. In der Grammatik des Deutschen verweisen Pronomen der dritten Person Singular direkt auf das Geschlecht von Personen und Genus des Substantivs (Kap. 4). Auch Verwandschaftsbezeichnungen wie MutterMutter, VaterVater, Onkel, Tante usw. verweisen direkt auf Geschlecht (Kap. 7).

Selbst die Verbindung von Gattung und Geschlecht kann einfach und direkt sein, wenn bestimmte Gattungen gesellschaftlich fest an eine GeschlechterrolleGeschlechterrolle gebunden sind (etwa die Predigt in der katholischen Kirche). Oft sind kommunikative Gattungen allerdings nur im Rahmen patriarchaler Ideologien genderisiert. Klatsch wurde oft als weibliches Betätigungsfeld abgewertet, was sowohl in der Zuordnung falsch ist (Johnson/Finlay 1997), als auch in der generellen Abwertung (Bergmann 1981). Lamentationen beispielsweise werden in vielen Kulturen ausschließlich von Frauen praktiziert (Kotthoff 2002b) und bestimmte Jagdgesänge oder verbale Angriffsspiele nur von Männern. Für bestimmte Tätigkeitskomplexe hat sich eine exklusive geschlechtliche Arbeitsteilung herausgebildet, innerhalb derer die kommunikative Gattung dann funktioniert (Günthner 2001). Wenn die in der Gattung ausgedrückten Emotionen, z.B. die der Trauer in georgischen Lamentationen, eher mit Frauen als mit Männern assoziiert werden, fungieren sie als ein Genderindex zweiter Ordnung.

Der Emotionenausdruck der Trauer ist nicht exklusiv weiblich, jedoch historisch eher mit dem öffentlich sichtbaren Trauern von Frauen verbunden. Bis ins letzte Jahrhundert hinein trugen Witwen beispielsweise länger die schwarze Trauerkleidung als Witwer. Mit Cameron (1997) plädieren wir dafür, bei der Erforschung von Sprechen und Geschlecht nicht von stabilen Korrelationen auszugehen, sondern eher davon, dass Stile (und meist auch Gattungen und andere Sprechaktivitäten) in soziale PraktikenKommunikative Aktivität eingebettet sind, in denen auch Gender (neben anderen sozialen Parametern) relevant gesetzt werden kann, aber nicht muss. Eckert/McConnell-Ginet (1992) betonen, dass unser Sprachverhalten von den Aktivitäten geprägt ist, in denen wir uns engagieren und soziale Beziehungen eingehen. Cameron (1997, 34) unterstreicht, dass durch den Begriff der kommunikativen PraxisKommunikative Praktik die Relationen von Sprache, Sprechen und Geschlecht zu vermittelten Relationen werden.

2.3 Indexikalität erster und zweiter Ordnung

Wir erkennen seit einiger Zeit, dass Geschlecht im Sprachverhalten kaum kontextübergreifend immer auf dieselbe Art und Weise symbolisiert wird (Günthner/Kotthoff 1991), aber dass es doch stilistische Verfahren gibt, die im Zusammenhang von Handlungen auch auf Gender verweisen. Wenn spezifische Sprechaktivitäten und ihre stilistischen Realisierung in der Gesellschaft mit historisch entstandenen Assoziationen verbunden sind, können sie u.a. eine besondere Ausprägung von Gender indizieren (eine über Interpretation hergestellte Indexikalität zweiter Ordnung). So entstandene Genderfolien eignen sich dann für die Inszenierung verschiedener Identitäten. Mit einem zurückhaltenden Gesprächstil (der traditionell eher als feminin gesehen wird) kann ein Mann sich z.B. in einem bestimmten Kontext als „Nicht-Macho“ oder als „neuer Mann“ inszenieren, eine Frau sich hingegen mit der gleichen Verhaltensweise als traditionelle Frau, da herkömmlich verschiedene Anzeichen für verbale Zurückhaltung am stärksten bei Frauen gefunden wurden. Ochs (1992, 337) versteht es so, dass Gender mit bestimmten PraktikenKommunikative Aktivität und Verhaltensweisen in eine assoziative Verbindung tritt, die kulturtypisch ist.

Pavlidou (2011, 412) erläutert die Position von Ochs zu indirektem Indizieren so, dass dies über Normen, Erwartungen und Präferenzen, die in einer spezifischen Handlungsgemeinschaft erkennbar sind, Aktivitäten mit Images von Männern und Frauen verbindet. Dann haftet ihnen Genderisierung an. Das wird nun an einem Beispiel verdeutlicht.

2.3.1 Jungen inszenieren eine weiblich assoziierte kommunikative Gattung

Gobiani/Kotthoff (2014) diskutieren einige Freizeitszenen aus einer georgischen Schülerclique, in der einige Jungen mit einem weiblich konnotierten Klagediskurs einen anderen Jungen aufziehen, der sich verletzt hatte und Schmerzenslaute von sich gab. Schmerzenslaute und -formeln sind in Georgien weiblich assoziiert (vgl. z.B. Kotthoff 2007). Dies streichen die Jungen heraus, indem sie im ironischen AufziehenAufziehen des verletzten Freundes Formeln verwenden, die sich in Georgien hochfrequent in den Lamentationen von trauernden Frauen finden (Kotthoff 2001). Für die Jungen ist es ein „weibliches Verhalten“, körperlichen Schmerz zu zeigen; sie beginnen in einer langen Interaktionssequenz, den verletzten Freund spöttisch mit den typischen Formeln lamentierender Frauen („Dein Leid mir“) indirekt zu verspotten. Sie imitieren Frauenstimmen und ihre Formeln aus rituellen Zusammenhängen der stark genderisierten Trauerklage. Solche Klageformeln verwenden georgische Mütter auch zur Warnung, wenn ihre Kinder gefährdet sind oder sich kritikwürdig verhalten, z.B.: deine MutterMutter soll dir sterben; warum bin ich am Leben; weh meinem Herzen (Kotthoff 2002b). Durch die Aufführung von mit Frauen assoziierten Lamentationselementen „verweiblichen“ die männlichen Jugendlichen den verletzten Freund symbolisch und beleidigen ihn scherzhaft, indem sie um ihn herum einen in der georgischen Kultur im Bereich weiblicher Aktivitäten angesiedelten Diskurs entfalten. Man muss wissen, dass auf dem georgischen Land bei einem Tod tagelange Lamentationen von Frauen aufgeführt werden. Es ist somit für die Jugendlichen leicht, eine Sprechweise zu parodieren, die mit den „fremden StimmenStimme“ der Frauen spielt. Jede/r in der georgischen Kultur kann diese Stimmen sozial zuordnen. Im deutschen Sprachraum gibt es kaum etwas Vergleichbares. Für unsere Argumentation ist bedeutsam, dass die Gattung der Lamentation, der Emotionsausdruck starker Trauer und ihr Formelrepertoire in Georgien weiblich assoziiert sind. Dieses Konglomerat an Aktivitäten und Emotionsausdrücken lässt sich zu verschiedenen Zwecken nutzen, z.B. dazu, dem demonstrativ bemitleideten Jungen indirekt die Männlichkeit abzusprechen (bei uns könnte man sagen, dass er zu einem „Weichei“ gemacht wird), indem man ihn in einen weiblich assoziierten Diskurs integriert. Sekundäre IndexikalisierungIndexikalisierung wird hier genutzt, um in einem bestimmten Kontext jemanden zu einem sozialen Typussoziale Typisierung zu machen, indem ihm ein genderisiertes Verhalten zugesprochen wird, das an seine Verletzung anknüpft und seine Geschlechtsklasse bedroht.

2.3.2 Jugendliche in Detroit inszenieren Schicht und Gender

Eckert (2000) zeigt indexing gender in einer varietätenlinguistischen Studie über Jugendliche in Detroit, die eine sog. „Belten High School“ („all white community“) besuchen. Unter anderem mittels kleidungsstilistischer, phonologischer und grammatischer Variablen betreiben die Jugendlichen soziale Selbstpositionierungen. Eckert führt eine qualitative Ethnografie der Milieus durch, in denen die Jugendlichen leben. Unter den Schülern und Schülerinnen ist die Einteilung in „jocks“ und „burnouts“ zentral. Die „jocks“ sind pro-schulisch eingestellt, rauchen nicht und orientieren sich insgesamt eher an globalen Mittelschichtswerten. Die rauchenden „burnouts“ verkörpern dagegen eher eine Art lokale Arbeiterklassenkultur. Mit Schule haben sie nicht viel am Hut. Die Autorin bemüht Bourdieus HabitusHabitus-Konzept (1976), um die lokalen Konstruktionen von Unterschieden verstehen zu können, die alle eine Geschichte haben und deshalb nicht „lokal“ beschränkt sind. Sprachverhalten bettet sich in die semiotische Differenzarbeit ein. Die „jocks“ betreiben z.B. eher eine hintere Aussprache der Vokale /e/ und /a/, flesh klingt bei ihnen wie flush, lunch mehr wie launch. Die Mädchen praktizieren dies in beiden Gruppen mehr als die Jungen. Dies gilt als chic.

Genderideale sind mit SchichtenspezifikSchichtendifferenz so verbunden, dass Mädchen der Mittelschicht bestimmte mit Weiblichkeit assoziierte Merkmale stark betonen und Jungen der Mittelschicht davon punktuell abweichen. Doing being male wird semiotisch über Anleihen am „unfeinen Sprechen der Unterschicht“ geleistet (Kotthoff 1992b). Wir finden in einem mittelschichtsorientierten semiotischen Komplex somit Indices, die gleichzeitig auf ein männlich und unterschichtig assoziiertes Verhalten hinweisen.1 Manche „burnout“-Mädchen sprechen auch standardnah und gepflegt.

Für die männlichen Ausgebrannten ist zentral, sich mittels Gewalt und Schlauheit im Dschungel der Stadt durchzukämpfen. Die weiblichen „burnouts“ tun sich selten mit der Demonstration ihrer Kampfkraft hervor. Die männlichen „jocks“ kommunizieren im Sport und im Umgang mit Computertechnologie (beliebte Freizeitbeschäftigungen) ein Image starker Selbstkontrolle und Kompetition. Für die Mädchen ist die Gestaltung ihres Äußeren und ihr ansprechendes Auftreten ein viel zentraleres Anliegen. Die von Eckert untersuchten Variablen stellen wir in Kap. 12 vor.

In Eckerts Studie ergibt sich ein höchst differenziertes Bild der verschiedenen Variablen, die einen unterschiedlichen Status für die Kommunikation von sozialer Identität haben. Sprachliche Stile nehmen auf jeden Fall an einer sozialen Gesamtstilisierung teil, deren Komponenten innerhalb der Gemeinschaft prototypisch zugeordnet werden können; aber genau dies kann für Basteln am Identitätsindex genutzt werden. Die „gender performance“ sieht auch diese Richtung nicht als von innen kommend, sozusagen aus der Essenz des Individuums, sondern von außen, aus der Beobachtung semiotischer Zuordnungen. Ein Phänomen, sei es ein bestimmter Schuhtyp, eine Vokalaussprache oder eine Direktheitsstufe, wird mit einem sozialen Typus locker assoziiert. Der kombinierte Einsatz dieser Phänomene wird so zum StilisierungsaktStilisierung (Selbst- und Fremd-S.), mit dem das Individuum sich einen Platz in einem sehr spezifischen sozialen Gefüge zuschreibt, vor allem in der Bündelung verschiedener Phänomene, denn ein Stil besteht immer aus der Kombination verschiedener Verfahren (Auer 2007, 12). Einige Jugendliche an der Detroiter Schule inszenieren sich auch als „In-betweens“. Sie setzen die bemerkbaren semiotischen Verfahren so ein, dass sie weder als „jock“ noch als „burnout“ klar zugeordnet werden können.

Alle Soziolinguist/inn/en, die mit dem Konzept des indexing gender arbeiten (z.B. auch Holmes/Stubbe 2003; Holmes 2006; Barrett 2017) betonen, dass die interpretative Rekonstruktion von Genderbezügen nur innerhalb einer „community of practicecommunity of practice“ (einer Handlungsgemeinschaft, wie sie z.B. eine Schule oder eine Firma darstellt; Kap. 12) möglich ist, in der die sozialen Assoziationen im Zusammenhang historisch entstanden sind.

2.3.3 Indirekte Assoziationen mit Gender

Ochs (1992) betont die konventionelle und konstitutive Rolle zwischen der Kommunikation von Affekt und von Gender. Die Verwendung vieler Frageanhängsel vom Typ „isn’t it?“ im Englischen oder „ne?“ und Ähnliches im Deutschen („tag questions“) wurden von Lakoff 1973 stärker mit dem Ausdruck von Weiblichkeit assoziiert; primär aber gelten sie als Verfahren des Rückbezugs auf einen Gesprächspartner oder als Ausdrucksformen von Unsicherheit (vgl. Holmes 1984 und Kap. 12). Nur weil demonstrative Rückbezüge zum Gegenüber und Vermeidung von Sicherheit historisch eher mit dem von Frauen als von Männern verlangten Verhalten assoziiert werden und in manchen Kulturen zur Weiblichkeitserziehung gehören, indizieren sie indirekt kulturelles Geschlecht. Sie bringen die soziale Kategorie Geschlecht aber auch bei gehäuftem Auftreten nicht in den Vordergrund der Interaktion, laufen somit nicht unter doing gender im Sinne von Schegloff (1997), bei dem Gender so salient sein muss, dass im Gespräch eine bemerkbare Orientierung an dieser Kategorie stattfindet. West und Zimmermans Vorstellungen von doing gender entsprechen sie auch nicht, weil die Relation zwischen der Sprachverhaltensweise und der sozialen Kategorie nicht direkt ist. Man kann sich problemlos einen Therapeuten vorstellen, der mit Fragepartikeln den Klienten zum Reden bringen will und sich strategisch unsicher gibt. Im Kontext dieser institutionellen Kommunikation kann eine Anleihe bei einem weiblich assoziierten Stilphänomen einen therapeutischen Gesprächsstil miterzeugen. Der Therapeut inszeniert sich nicht als besonders männlicher Mann.

2.3.4 Mehr zu Genderindices in der Jugendkommunikation

In der Jugendkommunikation wird die Relevanz von Gender über grammatische oder phonologische Variablen hinaus vielfältig indiziert. Auch bestimmte Gesprächspraktiken indizieren altersspezifische Männlichkeiten, Weiblichkeiten oder Zwischentypen. Lust und Frust auf dem heterosexuellen Paarbildungssektor gehören unter Mädchen nicht nur zu einem offen bekundeten, sondern geradezu forcierten psychischen Zustand, der in besonderer Weise an der Ko-Konstruktion der soziokulturellen in-group der gleichaltrigen Freundinnen und der Ausbildung von alters-, kultur- und genderdistinkten Gefühlsnormen teilhat (Stenström 2003; Spreckels 2006; Kotthoff 2012a). Die Mädchen verhandeln untereinander strategische Weitergaben der Telefonnummern von Jungen und die entsprechenden Normen für das Organisieren des Miteinander-Bekanntmachens von Mädchen und Jungen untereinander; sie beziehen ihre Freundinnen in ihre romantischen Interessen ein, z.B. über Grußrituale und lang und breit ausgemalte, gemeinschaftliche Annäherungsinitiativen an einen Jungen. Sowohl eigene Korpora als auch Aufnahmen anderer Forscher aus Jungengruppen ähnlicher oder höherer Altersstufen (Schmidt 2004) liefern keine Belege für eine ähnliche Frequenz und Intensität der interaktionalen Verhandlung des Paarbildungsgeschehens und den Einbezug des Freundes. In den untersuchten Cliquen gab es keine Transgender-Jugendlichen.

In Kotthoffs Daten (2012a) von privaten Telefongesprächen unter 14- bis 16-jährigen Freundinnen entsprechen die Mädchen dem, was in der Literatur schon vor drei Jahrzehnten als weibliche Beziehungsorientierung diskutiert wurde (Giligan et al. 1990). Auch die Tatsache, dass es in den langen Telefongesprächen thematisch sehr häufig um Paarbildung und heteroromantische Geselligkeit geht, passt wunderbar in ein bekanntes Bild über Mädchenaktivitäten. Man kann in diesen hochgradig kooperativen Verhandlungen des „wer mit wem“ somit einen Index auf ein traditionelles Mädchen-Sein ausmachen, denn in der Tat stricken sie am Telefon fortlaufend Geflechte von Beziehungen, verhandeln Allianzen, marginalisieren einige Mädchen und Jungen und erhöhen die anderen. Sie bewerten die Aktivitäten ihres sozialen Umfelds, einschließlich Schule und Elternhaus, Jungen, die moralischen Standards romantisch-erotischer Hetero-Beziehungen, Mädchen und deren (un)mögliche Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe. Essentialisierung der demonstrativ hohen Kooperativität unter weiblichen Wesen (eine Lesart, die man Gilligan et al. durchaus zuschreiben kann) sollte man nicht betreiben, wenn man verfolgt, wie die Mädchen Allianzen und NetzwerkeNetzwerk bilden. Die feministische Idealisierung dieser Beziehungsorientierung als prinzipiell unterstützend (wie wir sie z.B. bei Coates 1986 finden) greift zu kurz, hat aber doch für die Phänomenologie einiger Aktivitätstypen schon Beschreibungen geliefert. Wie stark wer mit wem kooperiert, ist eine Frage der Wahl; sie ist nicht schlichtes Produkt einer psychologischen Prägung, sondern Gegenstand sozialer Netzwerkherstellung, wie in den Transkripten der Gesprächsausschnitte deutlich wird.

Der romantische Diskurs ist weitgehend an Heterosexualität ausgerichtet; das heterosexuelle Paar ist nach wie vor der Prototyp der in den Mädchengesprächen komplementär inszenierten Geschlechterdifferenz. Insofern können wir in Bezug auf die in Kotthoff (2012a) präsentierten Gesprächsausschnitte global durchaus von doing gender und doing heteronormativity sprechen; das ist den Themenbereichen inhärent. Allerdings bleibt diese Zuordnung unspezifisch, wenn man nicht weiß, welche Vorstellungen über die Begegnung von Mädchen und Jungen in diesem Diskurs lebendig werden. Es sind nicht etwa Vorstellungen von einer einzigen großen Liebe, die vielleicht auch in dieser Altersgruppe bis in die sechziger Jahre des vorherigen Jahrhunderts galten, sondern kurzlebige Verbindungen, die gleichwohl von großen Worten begleitet sein können. Im Vordergrund steht die Institutionalisierung von Heterogeselligkeit mit ihrem hohen Unterhaltungswert. Diesen bedienen zu können gehört zur Selbstinszenierung eines heutigen, spezifischen Mädchen-Seins.

Schon allein das zeitlich ausgedehnte Telefonieren als solches wurde zu einem sekundären Genderindex (heute wird die Freundinnenkommunikation anders praktiziert, Kap. 15). Die von Winterhalter (2006) befragten Eltern sahen das ausgedehnte Telefonieren der Töchter als eine Praxis von Mädchen, kaum von Jungen. Zum Zeitpunkt der Aufnahmen vor dreizehn Jahren bedienten sie sich aus Kostengründen der Festnetzanschlüsse. Auch andere Studien (Rakow 1992) kommen zu dem Ergebnis, dass die Tele-Privatgespräche von Frauen im Durchschnitt länger dauern als die von Männern (s. auch www.dsltarife.net/news/2095.html, 2006) und im Alltag der Frauen eine zentralere Rolle spielen. Telefonate dienen nicht nur instrumentellen Zwecken, wie etwa der Terminfindung, sondern der Beziehungskommunikation. Vor diesem Hintergrund indiziert ein Telefonat, in dem sich lang und breit über Beziehungen ausgetauscht wird, eine genderisierte Tradition. Am Telefon betreiben die Mädchen zwar „social engineering“, aber auch in einer historisch eher neuen Ausrichtung. Wir können dem zustimmen, was Eckert (2003, 384) über US-Mädchen schreibt:

The entire heterosexual enterprise at this point is about alignments within the cohort rather than about individual boy-girl relationships. The pairs are brokered by members of the crowd, […] And it is girls who do the brokering. Girls control the heterosexual market – they decide who will go with whom, they arrange meetings and alliances, and they negotiate desirability.

Die nüchterne Abschätzung äußerer und statusbezogener Qualitäten für die Paarbildung in Frage kommender Jungen kann durchaus als Anleihe am traditionell Männern attribuierten Verhalten gesehen werden. Die Mädchen geben sich als strategische Spielerinnen auf dem Paarbildungsmarkt. Die hohe Relevanz dessen bleibt als traditioneller Genderindex bestehen, die konstruierten Spielregeln ordnen den Mädchen aber aktive und initiative Rollen zu. Der alten Differenzlinie zwischen dem wählenden Mann und der ausgewählten Frau begegnen wir nicht mehr. Über IndexikalisierungenIndexikalisierung von historisch männlich verorteten Verhaltenskomplexen wird die kommunizierte Identität des altersspezifischen Mädchen-Seins zu einer besonderen Bricolage (Stilbastelei). Um solche Bricolagen verstehen zu können, muss man die Geschichte eines Verhaltensbereichs kennen (mehr zum Bricolage-Konzept bei Galliker 2014). In der Genderetikette galt über Jahrhunderte hinweg der Mann als der aktiv wählende Part und die Frau hatte seine Wahl geschickt und verdeckt auf sich zu lenken (Burmann 2000). Sie hatte seine Annäherungsversuche abzuwehren, aber so, dass der Mann aus der Art der Abwehr seine Chancen herauslesen konnte.

2.3.5 Soziale StilisierungStilisierung (Selbst- und Fremd-S.) über Genderindizien

Wir fassen zusammen, dass unter doing gender einerseits alle PraktikenKommunikative Aktivität verstanden werden, mittels derer die Geschlechter lange eingespielte Unterschiede anzeigen. Das ist im Bereich der äußeren Gestaltung stark der Fall. Sobald sich beispielsweise in einem Kleidungsstück Spitze befindet, ist dies eines für Frauen und hilft, Frau-Sein anzuzeigen. Das Tragen von Make up und Schönheitshandeln (Degele 2004, 2006) sind weiteren Formen, Weiblichkeit zu tun. Innerhalb der vielen Abstufungen in der Kommunikation von Weiblichkeit kann vor allem über Arbeit am Äußeren der Körper sexuell aufgeladen werden. Diese PraktikenKommunikative Aktivität sind mehr oder weniger exklusiv. Sie sind unterschiedlich stark habitualisiert, sodass sie nicht unbedingt in den Vordergrund der Interaktion treten. Komplimente können sie allerdings schnell in diesen Vordergrund holen. Im Bereich der Interaktion gibt es kaum geschlechtsexklusive Verhaltensweisen, die allein direkt auf Gender verweisen, allerdings geschlechtspräferentielle, die im multimodalen Verbund als Genderisierung interpretiert werden können.

Eine bemerkbare Relevantsetzung von Gender in der Interaktion kann als „doing“ verstanden werden (enges Konzept von doing gender). Das ist beispielsweise der Fall, wenn Männer sich mittels besonderer PraktikenKommunikative Aktivität, die historisch bereits als Männerpraktiken identifiziert wurden, als männlich inszenieren. Dazu gehört in einigen Kulturen z.B. das Aufführen ritueller, poetischer und obszöner Angriffsspiele wie verbale Duelle (z.B. Labov 1972b; Dundes et al. 1972; Kotthoff 1995a). Auch Thematisierungen und Aufführungen von Geschlechteretikette gehören dazu (Der Herr gibt der Dame Feuer).

Viele Verhaltensweisen und sprachliche Merkmale (also sehr unterschiedliche Größenordnungen) können einen Genderindex ergeben, der an einer spezifischen sozialen StilisierungStilisierung (Selbst- und Fremd-S.) teilhat. Wenn sich beispielsweise Jungen untereinander schmutzige Witze erzählen und beleidigende Frotzelangriffe austauschen, dann inszenieren sie damit eine traditionelle Männlichkeit. Solche PraktikenKommunikative Aktivität gehören zum historisch überlieferten Repertoire der Männlichkeit (Fine 1990). Wenn Mädchen diese Verhaltensweisen zeigen, integrieren sie diese in ihr ansonsten mehr oder weniger weiblich konnotiertes Verhaltensrepertoire. Sie können damit die Identität eines widerständigen, unangepassten Mädchens aufführen. Im Ansatz der IndexikalisierungIndexikalisierung werden sprachliche Merkmale und kommunikative PraktikenKommunikative Praktik innerhalb von Sprechgemeinschaften unter einer historischen Perspektive interpretiert, bzw. die in der Sprechgemeinschaft vorherrschende Sicht wird rekonstruiert. Erst vor dem Hintergrund der historischen Einordnung der Praktik oder des Merkmals kann sie dann im Rahmen einer Selbst- und Fremdstilisierung „gelesen“ werden. Gender wird so als Bündel von Stilisierungen gesehen. Niemand muss die gesamte Palette der Männlichkeits- oder Weiblichkeitsmerkmale und -praktiken ausschöpfen. Außerdem sind auch soziale Kategorien wie Alter, Schicht oder Kulturzugehörigkeit an StilisierungStilisierung (Selbst- und Fremd-S.) gebunden. Über Anleihen hüben und drüben kann man sich im Genderbereich gekonnt dazwischen ansiedeln. Auch bei Transgender-Personen schlägt wenig Natur durch (wenngleich dies von denselben oft behauptet wird), sondern vor allem semiotische Kenntnisse. Wir bleiben also Goffmans dramatologischer Perspektive treu.

2.3.6 Kommunikation von Identitäten

Wir stilisieren uns nicht einfach als Frau oder Mann, sondern sehr viel spezifischer als eine „performable persona“ (Agha 2007, 160). Wenn wir eine bestimmte Kleidungs- und Sprechsemiotik an den Tag legen, machen wir uns zu einem spezifischen sozialen Typ, bedienen uns also zunächst an einem historisch bereits zur Verfügung stehenden Zeichenrepertoire, um den Typus aufzuführen, der für andere als solcher erkennbar wird (Bucholtz 1999). Der Zeichengebrauch ist insofern reflexiv, als er soziale Typensoziale Typisierung so auch durch Bestätigung fortleben lässt. Schon Kindergartenkinder wissen beispielsweise, wie sie in ihren Rollenspielen Polizisten, autoritäre Mütter und quengelnde Kleinkinder aufführen. Sie können in diesen Rollen Anweisungen erteilen oder weinerlich tun, je nachdem. In der Terminologie von Agha (2007) führen sie metapragmatischemetapragmatisch Modelle auf, die sie über typische Äußerungen (die Mutter äußert z.B. Mahnungen), typische Prosodie und Kleidungsstile gestalten (in Cahills Aufnahmen legen sich Kinder für die Mutterrolle eine Kette um den Hals oder sie tun, als würden sie rauchen). Transgender-Personen stilisieren ihre Spezifik über bestimmte Kombinationen aus bekannten semiotischen Genderrepertoiren (Barrett 2017). Die Rekonstruktion von Typisierungsprozessen (z.B. typischem Vaterverhalten in der Familie), in die sich Machtbeziehungen einschreiben, fassen wir entschieden nicht als „Zitat“ im Sinne von Butler (1991, 217), die Geschlechterfestschreibung als im Diskurs des performativen Akts konstituiert sieht, das heißt durch ständige repetitive PraktikenKommunikative Aktivität. Wenn ich jemanden zitiere, schreibe ich mir die Worte oder die Aufführung nicht selbst zu, verhalte mich dazu mit Distanz. Das Konzept der sozialen StilisierungStilisierung (Selbst- und Fremd-S.), das wir hier stattdessen verwenden, integriert durchaus Verfahren der Imitation, die den Butler’schen Zitaten ähnlich sein könnten; unten entfalten wir, wie wichtig es für die wissenschaftliche Rekonstruktion ist, dass Individuen über das Imitieren in der Regel hinausgehen.

2.3.7 Stil-Basteln – Gender-Basteln

Sprachverhalten und Selbststilisierungen hat vor allem die heutige Jugendsprachforschung als soziale Positionierungsaktivität fest im Blick. Jugendliche nutzen ihr Wissen um sprechstilistische Zuordnungen, um sich als ein bestimmter Typus zu entwerfen, aber auch, um Typen zu zitieren, zu karikieren und mit Zuordnungen zu spielen. Das Sprachrepertoire von Jugendlichen bildet oft ein komplexes und dynamisches Spektrum „ererbter“ und „erworbener“ Zugehörigkeiten und Abgrenzungen einerseits ab (als Produkt von Aneignungs- und Auswahlprozessen), wie es zugleich ein Instrumentarium zur Verfügung stellt, um kulturelle Identität immer wieder neu zu definieren, zu bestätigen, anzupassen und kontextbezogen zum Ausdruck zu bringen. Verschiedene Soziolinguist/inn/en (wie etwa Bierbach/Birken-Silverman 2014) zeigen wie Sprachvarietäten, Aktivitäten, in denen sich die Jugendlichen engagieren (in ihrem Fall Break-Dance), die Gestaltung ihres Äußeren und vieles mehr, zusammenwirkend kontextuelle Bedeutungen produzieren, Beziehungen zwischen den Interaktanten abstecken und diese in ihrem sozialen Umfeld positionieren. Gender ist dabei eine relevante, aber verwobene und vermittelte Größe.

Die Autorinnen setzten ihren Schwerpunkt auf die Rekonstruktion einer spezifischen, italo-deutschen Männlichkeit junger Break-Dancer. Bildung stellt für die meisten der männlichen Mitglieder der von Bierbach/Birken-Silvermann im Raum Mannheim in langjährigen Ethnografien erforschen Cliquen jugendlicher Italo-Deutscher beispielsweise kaum ein erstrebenswertes Ziel dar (sie entsprechen in mancher Hinsicht Eckerts „burnouts“); dem Selbstbild der Jungen entspricht eher die Kunst des „arrangiarsi“, ein geschicktes „Irgendwie-Durchkommen“, verbunden mit dem Image des „bad boy“. Zu dieser sprachlichen SelbststilisierungStilisierung (Selbst- und Fremd-S.) gehört viel Switching ins Sizilianische, ansonsten Mannheimerisch mit Anleihen beim überregionalen Kiezdeutsch (Wiese 2012) und wenig Standarddeutsch. Angeben ist eine anerkannte Aktivität in der aus vielen Jungen und wenigen Mädchen bestehenden Clique, aber auch Geschichten vom Schuleschwänzen und andere Zurückweisungen eines geordneten Lebens.

2.4 Sozial-konstruktivistische und radikalkonstruktivistische Ansätze

Wir haben uns oben in der rekonstruktiven Sozial- und Kommunikationsforschung verortet. Diese arbeitet empirisch mit bestimmten Aufzeichnungsmethoden von Diskursen. Goffman hat die Institutionalisierung von Gender beispielsweise in der Werbung und in der Geschlechteretikette aufgezeigt. Wir haben oben viele Studien rekapituliert, die in dieser Tradition kontextuelle Arrangements der Geschlechter weiter ausgeleuchtet haben. Immer stehen in sozio- und diskurslinguistischen Studien überindividuelle Verankerungsprozesse genderisierter Zuschreibungen und Handlungsmöglichkeiten im Zentrum der Analyse.

Im universitären Fach der Gender Studies werden demgegenüber oft aus der Philosophie kommende Reflexionen zu Gender fokussiert.

2.4.1 Judith Butlers Diskursidealismus

Da die Schriften der Philosophin Judith Butler sehr einflussreich sind, seien sie hier kurz gestreift. Butler hatte zunächst mit dem „Unbehagen der Geschlechter“ (1991) eine Theorie entwickelt, nach der die Geschlechter sich hauptsächlich durch den Diskurs erst konstituieren. Auch der Körper ist in ihrer Theorie wesentlich ein Konstrukt, das über „Sprechakte“ hergestellt wird. Sie greift auf John L. Austins Theorie der performativen Sprechakte und Jacques Derridas Konzepte der Iterierbarkeit von „différance“ zurück, um behaupten zu können, auch das biologische Geschlecht sei „herstellt“. Völlig unklar bleibt in ihrem Werk, wie metaphorisch dieses „Herstellen“ eigentlich gemeint ist. Zunächst einmal ist der Körper mit all seinen Prozessen des Wachsens, Alterns usw. gegeben, die selbstverständlich kulturell mit unterschiedlichen Bedeutungen aufgeladen werden. Aber wie weit geht dieses Aufladen in den Körper hinein? Wie und warum stellen Menschen körperliche Differenzen aus, die in der heutigen Mode ähnlich zelebriert werden wie vor 50 Jahren? Da finden wir keine Beschreibungssprache, die wir für die Rekonstruktion von Geschlechterverhältnissen nutzen können.

Auch in „Körper von Gewicht“ (1995) betreibt Butler eine Art von Diskursidealismus, dem wir uns nicht anschließen. Da auch die deutschen Gender Studies von der Butler-Rezeption sehr stark geprägt werden, kommen wir um eine Stellungnahme dazu nicht herum. Sie beschreibt sich selbst generierende Normen, die Gender prägen und auch tief in den biologischen Bereich eingreifen. Für die Auseinandersetzung damit, wie genau kulturelle Normen, die sich nach Butler als „Sprechakte“ im Sinne Austins äußern, auf Körperlichkeit einwirken, tritt sie nicht in den notwendigen Austausch mit Medizin und Biologie, sondern setzt sich mit der griechischen Mythologie auseinander und verbleibt somit in der Textwelt (dazu kritisch z.B. Meyer 2015; Vukadinovič 2017). Platon entwickle im „Timaios“ die Vorstellung des „Aufnehmenden“ (S. 82), das als „Chora“ beschrieben wird. Indem dieses aufnehmende Prinzip als „Amme“, die alle Körper aufnimmt, weiblich verfasst sei, komme ihm der Status von etwas Ausgeschlossenem, Verworfenem zu. So lässt sich allerdings kein Bezug zur realen Leiblichkeit herstellen. Des Weiteren besteht das Buch sehr stark aus einer Auseinandersetzung mit den Schriften des Psychoanalytikers Jacques Lacan, für den der Phallus eine alles signifizierende Kraft besitzt. So bleiben die verschiedenen Darlegungen im Buch sehr empiriefern. Nirgends ist die Rede von Kindergärten oder Sportclubs, in denen reale Körper aufeinander treffen und ein Mit- oder Gegeneinander sprachlich und multimodal aushandeln. Gegen die Macht der „iterativ“ hergestellten Normalität stellt Butler die Subversion von „queerness“ und Transvestitenbällen. Radikal ist dieser KonstruktivismusKonstruktivismus nur innerhalb von Traditionen philosophischen Denkens (Hall 2003), aber er tritt mit keiner Empirie in Kontakt, sei diese ökonomisch, sozial, sprachlich oder sonstwie kulturell.

Butler gilt als wichtigste Theoretikerin des diskursanalytischen Dekonstruktivismus. Dieser beschäftigt sich theorieimmanent mit Identitäten oder Identifizierungen und Machtverhältnissen. Herrschafts- und Machtverhältnisse, die „Zwangsheterosexualität“ und Formen der Kleinfamilie werden in psychoanalytischen Theorien und literarischen Werken „dekonstruiert“. Die Entselbstverständlichung von Körper, Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität als Naturtatsachen geschieht in einer philosophischen Auseinandersetzung.

Entsprechend versuchen heute die von Butlers Schriften sehr stark geprägten „queer studies“ große Theorieentwürfe, deren empirische Anbindung aber fast immer schwach ausfällt (dazu kritisch auch Degele 2008). Unser Buch steht hingegen in der sozialwissenschaftlichen Tradition von gegenstandsorientierter Theoriebildung (Strauss/Corbin 1996/1999). Theorieentwicklung bleibt an die empirische Forschung rückgebunden. Die linguistische Genderforschung rekonstruiert zuerst einen Phänomenbereich, sei es derjenige der Jugendkommunikation, der Personenreferenz oder der Namen. Von empirischen Befunden ausgehend rekonstruiert sie, welche sozialstrukturellen Kategorien in dem Bereich für Differenzen verantwortlich sein könnten. Die Theoriediskussion erfolgt möglichst auf der Basis empirischen Materials.

Auch in „Hass spricht“ finden wir bei Butler (2001) keine Korpora, in denen beispielsweise Kontexte und Wirkungen von Hassäußerungen rekonstruiert würden. Sie greift erneut prominent auf die von John L. Austin ausgearbeitete Theorie der Sprechakte (1972) zurück, auch auf seine Unterscheidung zwischen konstativen und performativen Sprechakten.

Konstative Äußerungen sind Behauptungen und Aussagen, die als wahr oder falsch bewertet werden können, denen also Wahrheitswerte zugeordnet werden können. Demgegenüber beschreibt Austin Sprechakte als performativ, wenn mit ihnen Handlungen vollzogen werden (z.B. Austin 1972, 27). Ein Beispiel zur Illustration ist der Akt der Eröffnung der Olympischen Spiele: Eine dazu befugte Person einer spezifischen Institution (beispielsweise des gastgebenden Staates) vollzieht mit bestimmten Worten – „Hiermit erkläre ich die Olympischen Spiele in … für eröffnet.“ – eine Handlung, die den Status der Situation verändert. Die Wirkung des performativen Sprechaktes ist bei diesem Beispiel besonders deutlich, da die Olympischen Spiele genau an dem Moment, in dem diese Worte ausgesprochen werden, beginnen (Müller 2011). Zu beachten ist, dass hier die Befugnis der beteiligten Personen, der institutionelle Rahmen sowie Konventionen eine entscheidende Rolle spielen: Zwar kann jede/r eine solche Aussage vollziehen, aber die spezifische Performativität tritt nur in bestimmten Konstellationen und Kontexten auf, ansonsten misslingt der Sprechakt (Bourdieu 1979). So lässt sich festhalten: Konstative Sprechakte können wahr oder falsch sein, performative Sprechakte gelingen oder misslingen, und wenn sie gelingen, werden mit ihnen sozial bedeutsame Handlungen vollzogen.

Butler schreibt den konstativen und performativen Sprechakten große Macht zu, sowohl zur Bestätigung gesellschaftlicher Ordnungen als auch zu ihrer Unterlaufung. Beschimpfungen könnten Subjekte entwerten. Subjekte könnten die derogativen Ausdrücke aber auch umdrehen und sie sich unter umgekehrtem Vorzeichen neu aneignen (wie es etwa geschieht, wenn sich mehrsprachige Jugendliche im deutschen Sprachraum Kanacken nennen). Wir stimmen dem zu, sind allerdings bei der Zuschreibung revolutionärer Potentiale an dergleichen kommunikative PraktikenKommunikative Praktik weniger enthusiastisch (Kotthoff et al. 2014, 94f.). Wieder bleibt Butlers Auseinandersetzung mit der Macht isolierter Sprechakte theorieimmanent. Diese Macht scheint tatsächlich einerseits umfassend gedacht zu sein: Sprache macht das Subjekt, macht Gesellschaft. Andrerseits gerät die Materialisierung von Macht kaum in den Blick.

Interaktionslinguist(inn)en legen ihren Studien selten Austins Werk zugrunde, weil es im Unterschied zu demjenigen von Goffman und Garfinkel und vor allem deren Weiterentwicklungen in Linguistik und Soziologie bei ihm nur um isolierte Äußerungen geht, um einzelne Sprechakte. In Wirklichkeit finden Sprechakte aber Eingang in Dialoge, in denen auf sie reagiert wird. Die linguistische Geschlechterforschung tut gut daran, sich in dialogische Traditionen einzureihen, weil hier auch die überzeugenderen Zugänge zur Empirie von Diskursen und Interaktionen zu finden sind (Linell 1998). In Kap. 13 werden wir sehen, dass Reaktionen Sprechhandlungen mitunter überhaupt erst konstituieren. Auch vermag Sprache nicht das Subjekt herzustellen, steht sie doch vom ersten Tag an auch im Kontext außersprachlicher Handlungen und Gegebenheiten. Ob ein Kind beispielsweise in Armut oder Reichtum aufwächst, hängt mit außersprachlichen Gegebenheiten zusammen und lässt sich sprachlich-diskursiv kaum umkonditionieren.

2.4.2 Sind sexuelle Präferenzen für Identitäten immer zentral?

Different fällt auch aus, wie die Butler’schen „queer studies“ und die sozialkonstruktivistische Genderforschung Identität konzipieren. Butler und Lacan setzen die geschlechtliche Identität des Menschen als zentral an. Innerhalb der GeschlechtsidentitätGeschlechtsidentität ist wiederum die Dimension der sexuellen Präferenz kontextübergreifend ausschlaggebend. Selten geht es darum, wie sich beispielsweise Berufe oder Tätigkeitsfelder in Identitäten einschreiben (ein nicht zu unterschätzender Faktor). Immer liefert das Homo- oder Heterosexuellsein scheinbar den entscheidenden Hebel zum Handeln in der Welt.

Soziale Identität wird von den meisten Sozialwissenschaftler/innen als der Teil des Selbst gesehen, der innerhalb einer soziokulturellen Lebenswelt ausgearbeitet werden kann. Persönliche Identität bezieht sich im Unterschied dazu auf die Einzigartigkeit des Individuums innerhalb einer individuellen Lebensgeschichte und ist somit so etwas wie die Kontinuität des Ich. Krappmann (1978, 39) fasst diesen Unterschied so zusammen:

Obviously, identity is both simultaneously: the anticipated expectations of the other and the individual’s own answers. G.H. Mead took this dual aspect of identity into account in his concept of the self, which contains a “me” that is the adopted attitudes of the other, and an “I”, the individual’s answer to the expectations of the others.

Obwohl viele AutorInnen, so auch Butler, von „Identität“ im Singular sprechen, hat sich in der Soziolinguistik längst die Erkenntnis durchgesetzt, dass Menschen in der Regel unterschiedliche Identitäten aufführen und ihre Einzigartigartigkeit eher im speziellen Verschnitt dieser Aufführungen liegt.

Wir alle leben im Alltag mehrere Rollen (als Tochter, Mitglied eines Sportclubs etc.) und sind mit unterschiedlichen sozialen Gruppen verbunden. Individuen konstruieren ihre sozialen Identitäten auf der Basis verschiedener Parameter, darunter Nationalität, Geschlecht, Alter, Hobby, Beruf etc. (Duszak 2002, 2). Das Konzept der sozialen Identität muss deshalb als vielschichtig und sehr dynamisch angesehen werden. Mehrfachmitgliedschaften sind der Normalfall.

Zusammenfassung

In diesem Kapitel wurden verschiedene konstruktivistische Herangehensweisen an Gender vorgestellt. Weil Macharten und Relevantsetzungen von Gender in unterschiedlichen Kontexten rekonstruiert werden sollen, erscheinen Ansätze wie das doing gender und das indexing gender als vielversprechend. Da uns die Analyse von Genderindices in vielen Kapiteln beschäftigen wird, wurde dieser Ansatz oben schon umrissen. In der Genderlinguistik arbeiten wir mit einem fluiden Verständnis von Identität, deren lokale Kommunikation und die Verfahren ihrer Anzeige uns am meisten interessieren. Gender ist zwar eine zentrale soziale Kategorie, jedoch dominiert sie nicht unser gesamtes Handeln fortlaufend. Außerdem tritt sie in Überlappung mit anderen sozialen Kategorien wie Alter oder StatusStatus (sozialer) auf. Solche Ko-Artikulationen müssen empirisch nachgezeichnet werden können und vertragen keine Vorab-Einengungen.

3. Prosodie und Phonologie

Landet man auf dem Frankfurter Flughafen auf einer Außenposition und wird mit dem Bus zum Flughafengebäude gebracht, macht man eine überraschende Erfahrung: Aus dem Lautsprecher des Busses ertönt – eine ganz normale Frauenstimme! Sie heißt unaufgeregt die Fluggäste willkommen und rät Weiterreisenden, sich wegen der Gates ans Flughafenpersonal zu wenden. Was im Gegensatz zu üblichen weiblichen StimmenStimme im öffentlichen Raum (Bahnansagen, Werbung, Filme etc.) frappiert, ist, dass die Stimme sich nicht vor guter Laune und Freundlichkeit überschlägt, dass auch kein Gesäusel oder erotisches Gehauche zu vernehmen ist: Die Frau spricht als erwachsener, kaum genderisierter Mensch. Ihre StimmeStimme ist tief und entspannt, Sprechtempo und Stimmführung sind gleichmäßig und eben. Dies verdeutlicht, was ‚normalerweise‘ mit öffentlichen Frauenstimmen ‚passiert‘: Es wird overdoing genderoverdoing gender betrieben. Frauenstimmen werden Kinderstimmen angeglichen, oft wirken sie emotional und impulsiv. Männerstimmen werden dagegen monotoner inszeniert und wirken dadurch kompetenter (Kotthoff 2001). Der Einsatz weiblicher und männlicher StimmenStimme speziell in der Werbung wird in Kap. 14 vertieft.

In Deutschland und vielen anderen Gesellschaften wird Geschlecht prosodisch (suprasegmental) an die StimmeStimme geheftet. Damit setzt dieses akustisch wahrnehmbare Merkmal direkt am Körper an, ähnlich wie Gestik und Mimik, die visuell wahrnehmbar sind. Diese Körpernähe darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass StimmenStimme im Laufe des Lebens erworben und gestaltet werden, ebenso wie Gestik und Mimik, und dass alle drei gerne naturalisiert (für angeboren gehalten) werden.

3.1 Prosodie

Die eingangs geschilderte Erfahrung macht deutlich, wie konstruiert weibliche und auch männliche StimmenStimme sind. Dies betrifft nicht nur Stimmen im öffentlichen Raum, auch die individuellen StimmenStimme enthalten weitaus mehr Kultur als Natur. Kaum etwas anderes an der Sprache hält man für so stark biologisch festgelegt wie die Stimme. Man muss sich jedoch nur in andere Gesellschaften begeben, um schnell festzustellen, dass die Menschen dort per se höhere, tiefere, rauhere, feinere, engere, sonorere, lautere etc. Stimmen bzw. modulierendere oder monotonere Stimmverläufe haben können als in Deutschland. Auch ein und dieselbe Person kann an sich selbst feststellen, dass sie beim Gebrauch einer anderen Sprache (z.B. Französisch) ihre Stimme anhebt (oder senkt). Selbst innerhalb Deutschlands gibt es Unterschiede: Eine StimmeStimme aus Bayern klingt anders als eine aus Hamburg. Niemand würde dafür Gene, Berge oder Meeresnähe verantwortlich machen. Man braucht auch nur 50 oder 80 Jahre zurückzugehen, um festzustellen, dass die StimmenStimme damals anders klangen. Frauenstimmen waren „nachgerade neurotisch“ hoch (Slembek 1995, 113). Diese kulturelle Stimmgestaltung umfasst ebenso die Genderisierung der StimmeStimme (Graddol/Swann 1989, 18–40). Es deutet vieles darauf hin, dass der größte Anteil an Stimm‚beschaffenheit‘ auf das Konto des sozialen Geschlechts (Gender) geht, also erlernt wird. Da Stimmen die Sprache nicht nur begleiten, sondern maßgeblich tragen, vermelden sie beständig die Geschlechtsinformation. Mehr noch als eine genderisierte Grammatik und Lexik prozessiert die Stimme permanent die Geschlechterdifferenz.1

Nach Geissner (1991, zit. in Slembek 1995, 110) entfallen bei der Wirkung einer SprecherIn nur 30 % auf Wörter und Sätze und 70 % auf das Wie des Sprechens. Das heißt, der Prosodie ist höchste Relevanz bzgl. der Glaubwürdigkeit des Gesagten beizumessen.

3.1.1 Die StimmgrundfrequenzStimmgrundfrequenz

Um SkeptikerInnen gleich entgegenzutreten: Natürlich(erweise) haben Männer – kehlkopf- und stimmbandlängenbedingt – im Schnitt eine etwas tiefere sog. Stimmgrundfrequenz, d.h. ihr Spektrum oszilliert um ca. 100 Hz, das der Frauen um ca. 170 Hz (das heißt, die Glottis oder Stimmritze öffnet und schließt sich ca. 100- bzw. 170-mal pro Sekunde; zu Details der StimmeStimme s. Titze 1989; Moosmüller 2002). Diese Spektren variieren jedoch individuell stark, was zu Tonhöhenüberschneidungen zwischen den Geschlechtern führt: Es gibt viele Männer, deren Stimme natürlicherweise im unteren ‚weiblichen‘ Spektrum liegt bzw. umgekehrt sprechen viele Frauen im oberen ‚männlichen‘ Spektrum (ein oft vermuteter Bezug zwischen Stimme und Körpergröße besteht nicht). Außerdem praktiziert jede Person variierende Höhenspektren, womit auch gespielt werden kann (Bitten bringt man z.B. durch höhere Stimmen vor). So lösen allein schon verschiedene Gegenüber höhere (gegenüber Kindern, Tieren) oder tiefere Stimmlagen aus. Wie stark der natürliche geschlechtliche Überschneidungsbereich ist (nämlich ca. die Hälfte des weiblichen und männlichen Stimmspektrums), zeigen präzise Graddol/Swann (1989, 21). Diese Überlappung ist mit der Körpergröße vergleichbar: Auch wenn (in Deutschland) Männer im Schnitt ca. 12 cm größer sind als Frauen, gibt es viele Männer, die kleiner sind als Frauen bzw. umgekehrt. Dass jedoch in die allermeisten (Hetero-)Paare eine persistente einseitige Größen- und auch Altersdifferenz eingebaut ist, hat ausschließlich mit Gender zu tun (Hirschauer 1994; 2014). Würden Körpergröße und Altersabstand nicht zur Herstellung der Geschlechterdifferenz genutzt, gäbe es viel mehr Paare, bei denen die Frau größer und/oder älter ist als der Mann.

Eine potentielle stimmliche Verwechselbarkeit wird jedoch gebannt, indem an die StimmeStimme weitere, kulturell induzierte Marker geheftet werden: Frauen sprechen sehr häufig höher als natürlicherweise und Männer tiefer. Leider gibt es nicht viele Untersuchungen dazu, wie stark Männer ihre StimmeStimme gestalten: Sprechen sie ebenso viel tiefer wie Frauen höher? Slembek (1995) bemerkt zumindest für die Stimmen in den Medien, dass Männer (und besonders Nachrichtensprecher) ihren natürlichen Tenor absenken: „Der Tenor reicht mit seinem Sprechstimmumfang weit in die Stimmregister von Frauen, dieser Stimmtyp ist in den Medien kaum zu hören“ (111). Auch Graddol/Swann (1989) weisen darauf hin:

[M]en seem to be under some kind of social or psychological pressure to make their voices sound as different as possible from women (and, perhaps, vice versa). In fact it is not immediately obvious whether one sex plays a greater role than the other (22).

In unserer Gesellschaft werden Männer mit ‚weiblichen‘ Merkmalen stärker stigmatisiert als Frauen mit ‚männlichen‘ (man nehme für diese Asymmetrie nur das Beispiel von Rock und Hose). Dies liegt daran, dass beide Geschlechter sich primär und vorrangig (negativ) definieren dadurch, nicht das andere Geschlecht zu sein. Dies gilt noch mehr für Männer als Inhaber des privilegierten Geschlechts. Deshalb dürften sie ein vitaleres Interesse daran haben, ihre StimmenStimme vor potentieller Verwechslung zu schützen. Hinzu kommt, dass Frauen, die ernst genommen werden möchten, ihre Stimmen absenken. Interessant wäre zu wissen, ob hohe Männerstimmen (per se – denn es gibt auch Männer ohne Stimmbruch) stigmatisierender sind (oder gar pathologisiert werden) als tiefe Frauenstimmen – oder ob eine Gesellschaft dem gar keine oder immer weniger Bedeutung beimisst. Frauenstimmen werden in aller Regel vergeschlechtlicht (gynisiert), indem sie verkindlichtVerkindlichung werden (Goffman 1979, 1981; Kotthoff 2001). Das geht über die bloße Tonhöhe weit hinaus.

Untersuchungen aus den 1990er Jahren haben erwiesen, dass Japanerinnen eine StimmgrundfrequenzStimmgrundfrequenz von 225 Hz, Spanierinnen von 217 Hz und Amerikanerinnen von 214 Hz pflegen. Unter 200 Hz kamen nur Schwedinnen (196 Hz) und Niederländerinnen (191 Hz). Moosmüller (2002) betont den Konstruktionscharakter der StimmeStimme:

Diese kulturspezifischen Unterschiede hängen u.a. auch mit dem Frauen- und Männerbild der jeweiligen Kultur zusammen (Ohara 1999) – eine hohe StimmgrundfrequenzStimmgrundfrequenz bei Frauen wirkt in Japan attraktiv und wird als ‚süß, angenehm, sanft, nett, höflich, ruhig, jung und hübsch‘ eingeschätzt, während Frauen mit einer tiefen Stimmgrundfrequenz als ‚eigensinnig, selbstsüchtig, direkt, aufrichtig und stark‘ wahrgenommen werden. (125).

2017 war der Berliner Zeitung (24.02.2017) in einem Artikel über ein Leipziger Symposium zur StimmeStimme zu entnehmen, dass Männerstimmen heute im Durchschnitt bei 110 Hz liegen und Frauenstimmen bei 168 Hz, während letztere vor 20 Jahren noch bei ca. 220 Hz lagen. Michael Fuchs von der Universität Leipzig hatte eine Messung bei fast 2.500 LeipzigerInnen zwischen 40 und 80 Jahren durchgeführt. Lag die Frauenstimme also früher eine Oktave höher, so ist es heute nur noch eine Quinte, die sie von der durchschnittlichen Männerstimme unterscheidet. Die Männerstimme ist dagegen gleich geblieben.

Es scheint also in der Tat mit dem veränderten Rollenbild der Frau zu tun zu haben […] Früher waren hohe Frauenstimmen schick – denken Sie etwa an Doris Day. Es gab viele piepsige, mädchenhafte, süße Stimmen, die nach Schutzbedürfnis klangen. Die heutige Frau steht voll im Leben. Sie muss nicht mehr beschützt werden. Deshalb klingt sie auch anders. (Fuchs 2017)1

Michael Fuchs stellt in einem Interview2 außerdem fest, dass sich die weibliche StimmeStimme auch biografisch senkt, was nicht biologisch, sondern sozial motiviert sei. Mädchen nach der Pubertät starten noch mit (den alten) 220 Hz, um sie zwischen 20 und 40 Jahren, wenn sie mehr und verantwortungsvollere Rollen einnehmen, um ca. 50 Hz zu senken.

Historische Stimmveränderungen: Männer verlieren sozial mit einer hohen StimmeStimme. Frauen haben dies früher sowohl mit einer hohen als auch mit einer tiefen Stimme getan. Lange hat man sie vom Verlesen von Nachrichten abgehalten, da man die Glaubwürdigkeit derselben bedroht sah (zum Autoritätsdefizit weiblicher StimmenStimme, auch zur Absenkung von Margaret Thatchers Stimme s. Graddol/Swann 1989, 35–39). Dabei hat sich seit den 1960er Jahren zuerst in den USA, dann auch in Europa einiges geändert: Tiefe Stimmen werden heute auch bei Frauen als sachlich, vertrauenswürdig und kompetent wahrgenommen. StimmbildnerInnen arbeiten auf tiefere Frauenstimmen hin. Slembek (1995) stellt fest, dass die deutschen Synchronstimmen US-amerikanischer TV-Serien Ende der 1950er Jahre deutlich über den weiblichen Originalstimmen lagen und „extrem melodiös“ (109) waren, also modulierten: „[D]ie Stimme gelangt in solche Höhen, dass sie gelegentlich wegbricht“ und „kaum je ihren Normalsprechtonbereich“ erreicht (ebd.).

Für die meisten Trans-PersonenTrans-Personen (TransidentenTransidente) stellt die Bearbeitung ihrer StimmeStimme ein großes Thema dar. Sie arbeiten intensiv daran, ihre Stimmen den Erwartungen an die jeweilige Geschlechtsklasse anzupassen. TransmännernTransmänner kommt entgegen, dass Testosteroneinnahmen auch (lange) nach der Pubertät einen Stimmbruch verursachen, während TransfrauenTransfrauen vor der ungleich höheren Herausforderung stehen, ihre tiefe Stimme mit logopädischer Begleitung, durch intensives Stimmtraining und nicht selten durch eine Kehlkopf- bzw. Stimmbandoperation anzuheben: „Der […] ungleiche Erfolg der Hormonbehandlung transsexueller Männer und Frauen lässt für letztere eine ‚Behandlungslücke‘ offen, an der Stimmpädagogik und Kosmetik arbeiten“ (Hirschauer 1993a, 233). Außerdem ist die Stimme mit optischen Markern wie Kleidung, Frisur und Bewegungen (und – vor allem – dem neuen Namen, Kap. 9.4) in Kongruenz zu bringen, um ein ‚Missgendern‘ zu verhindern. Auch dieses Markerzusammenspiel gestaltet sich für TransmännerTransmänner einfacher als für TransfrauenTransfrauen. Transfrauen haben einen längeren Weg zurückzulegen, den sie übrigens mit ziemlich vielen gebürtigen Frauen teilen, indem sie sich einem anstrengenden Schönheitsdiktat unterwerfen (Hirschauer 1993a, 233–241; Lindemann 2011; Schmidt-Jüngst 2018b). Dass es bei der Stimme jedoch weniger um Stimmhöhe als um erworbene Gendermerkmale geht, belegen die Äußerungen einer Stimmbildnerin, die Hirschauer (1993a) zitiert:

Die Verweiblichung der Stimme bestehe nicht so sehr in einer Frequenzerhöhung, sondern darin, dass ‚schlanker und schmaler, irgendwie weicher und mehr vorne‘ artikuliert wird und die Klientinnen mehr Mut zum Spielen mit ihrer Stimme bekommen (236).

Damit ist genau das angesprochen, was die folgenden Abschnitte zeigen: Die weibliche StimmeStimme soll

 mehr modulieren,

 variabler werden („Spielen“),

 ihr Timbre verändern („weicher“), und womöglich sollen

 die Wörter überpalatalisiert werden („mehr vorne“), was kindliches Sprechen imitiert.

Auch Forschungen zum Englischen unterstreichen die Tatsache, dass neben der Tonhöhe weitere (kulturspezifische) Gendermerkmale über den Transitionserfolg entscheiden (s. Thornton 2008; McNeill 2006).

3.1.2 Schwankungen der StimmgrundfrequenzStimmgrundfrequenz

An die anatomisch mitbedingten Tonhöhenunterschiede werden weitere, ausschließlich kulturell induzierte, erworbene Gendermarker geheftet, deren Hauptsinn in der Binaritätsverstärkung bzw. Ambiguitätsbannung liegt. So wurde nachgewiesen, dass deutsche Frauen auf den Äußerungssequenzen (meist: Sätze) stärkere Modulationen (Stimmgrundfrequenzschwankungen, Tonhöhenbewegungen) vornehmen als Männer. Diese Schwankungen werden durch eine stimmlose sog. Knarrstimme (creaky voice) unterstützt, bei der die StimmeStimme auf unter 150 Hz abstürzt. So wird der „Singsang“ oder auch das Zerdehnen („tschühüüüs!“), was Emotionalität und Expressivität, aber keine Autorität vermittelt und an die Impulsivität von Kindern erinnert, von mehreren Seiten her bedient und abgesichert. Diese Zutaten machen das doing gender durch StimmeStimme besonders offenkundig. Doing gender wird schon früh erlernt und es erklärt, weshalb man auch Kinderstimmen lange vor dem Stimmbruch ein Geschlecht zuweisen kann. Hinzu kommt, dass schon kleine Mädchen erhöhte Stimmgrundfrequenzen praktizieren. Graddol/Swann (1989, 25) berichten von einer (nicht-repräsentativen) Studie über einjährige Kinder, die ihre Stimmhöhe imitierend an ihr Gegenüber anpassen, je nachdem, ob sie mit ihrem Vater (tiefer) oder ihrer Mutter (höher) sprechen. (Zu prosodischen Geschlechterunterschieden in Europa und den USA s. Graddol/Swann 1989, 12–40 und Klann-Delius 2005, 39ff.).

3.1.3 Äußerungsfinale Tonverläufe und weitere Merkmale

Normalerweise sinkt die StimmgrundfrequenzStimmgrundfrequenz zum Äußerungsende hin ab (terminaler Verlauf) – es sei denn, die Äußerung wird fortgesetzt, dann bleibt sie gleich oder geht leicht nach oben (progredienter Verlauf). Bei einer Frage geht sie sogar steil nach oben (interrogativer Verlauf) (Moosmüller 2002, 121). Hier eröffnet sich eine große Plattform für doing gender, indem Frauen – früher noch mehr als heute – ihre Äußerungen häufig mit steigendem Verlauf beenden, was zum einen die generelle Stimmgrundfrequenz erhöht, zum anderen eine Feststellung als Frage wirken und der Äußerung insgesamt Unsicherheit zukommen lässt („Klein-Mädchen-StimmeStimme“ nach Moosmüller 2002, 127, die auch Diagramme für diese Phänomene liefert, u.a. für eine Frauenstimme mit max. 344, min. 220 und durchschnittlich 250 Hz). Im Berufsleben sind nach Moosmüller (2002, 128) dagegen monotonere und tiefere Frauenstimmen anzutreffen.

Für das Englische liegen mehr Untersuchungen vor. In Kap. 7 thematisieren wir ein prosodisches Phänomen, das mit einem syntaktischen (der Stellung von Nebensätzen) kombiniert wird und bei Frauen die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass das Gegenüber den sog. Turn (die Redesequenz) übernimmt. Männer tun das weniger und sichern sich dadurch eher das Rederecht.

Männliche Stimmverläufe werden deutlich monotoner gestaltet. Insgesamt manifestiert sich die VerkinderungVerkindlichungVerkinderungVerkindlichung von Frauen (Goffman 1979, 1981) sprachlich nirgendwo so deutlich wie in ihrer StimmeStimme (zur Eltern-Kind-Metaphorisierung der Paarbeziehung in der Werbung s. Kap. 14.2.3.). Ob und wie stark durch äußerungsfinale Gestaltungen auch Männerstimmen zusätzlich genderisiert werden, ist unzureichend erforscht.

An weiteren Merkmalen können Lautstärke, Sprechtempo und Wechsel des Stimmverlaufs ebenfalls Gender indizieren. Dabei wird (in Europa und Amerika) die emotionalere, unsicherer bzw. kindlicher wirkende Variante mit Weiblichkeit assoziiert. Stimmqualitäten kommen ebenfalls zum Einsatz. Die oben erwähnte Knarrstimme (creaky voice) tritt bei Männern eher äußerungsfinal auf und ist dort mit Männlichkeit assoziiert. Behauchte StimmeStimmen (breathy voice) sind dagegen bei Frauenstimmen v.a. im Fernsehen und in der RadiowerbungRadiowerbung anzutreffen und suggerieren Entspanntheit, auch Erotik. Alles in allem liegt der Schluss nahe, dass gerade weil die StimmenStimme von Frauen und Männern natürlicherweise so ähnlich sind, es in geschlechtsgläubigen Gesellschaften umso dringlicher ist, sie möglichst über mehrere Verfahren des doing gender voneinander zu distanzieren, wenn nicht zu polarisieren. Alle diese geschlechtsdifferenzierenden Ausgestaltungen werden in Fernsehen, Radio und v.a. in der Werbung besonders stark dramatisiert (Kap. 14).

3.1.4 Die Singstimme und ihre Genderisierung

Lehrbücher zur Gesangspädagogik, so Grotjahn (2011), unterteilen die Singstimme zuerst nach Geschlecht. Ginge es nur um Tonhöhe, so könnte man auch ältere und jüngere Stimmen differenzieren. Da jedoch nichts für so natürlich gehalten wird wie ein stimmlicher Geschlechtsunterschied, muss der natürliche und beträchtliche Überschneidungsbereich zwischen Frauen- und Männerstimmen gebannt und die Stimmbinarität vergrößert (polarisiert) werden (boundary makingboundary making). Auch unterschiedliche Gesangstechniken tragen zur Konstruktion des Stimmgeschlechts bei und wurden naturalisiert.

Bis ca. 1800 sangen Männerstimmen in Alt- oder gar Sopranlage, entweder mit Kopfstimme (Falsett) oder als Kastraten, da es Frauen in der Kirchenmusik und teilweise auch im Theater verboten war, aufzutreten. Außerdem gab es in der Barockoper, so Grotjahn (2011), keinen Unterschied zwischen Stimmhöhe und Geschlecht, denn die hohe StimmeStimme stand weniger für Weiblichkeit als „für Göttlichkeit, StatusStatus (sozialer) und Jugend“ (ebd., 148). Damit war sie für männliche Sänger statthaft. Die hohe StimmeStimme vertrat männliche wie weibliche Götter, Liebhaber, Helden. Wenn aber Ammen als fraglos weibliche, doch statusniedrige Personen vertont wurden, dann als Tenorpartien, die von Männern gesungen wurden. „Niedrige“ StimmenStimme (Tenor, Bass) ikonisierten „niedrigen“ Stand und höheres Alter. Die Stimme war also weniger genderisiert als stratifiziert und Index für Altersklassen.

Das änderte sich im 19. und 20. Jh. gründlich. Vor allem zwischen 1830 und 1930 wurde die StimmeStimme genderisiert – und damit galt es zuvörderst, den jetzt irritierenden Überschneidungsbereich zwischen Alt und Tenor zu trennen. Der Belcanto als besonders hoher Tenor wirkte nun unmännlich und wurde durch ein anderes, tieferes und mit Bruststimme realisiertes Tenorideal ersetzt. Im Gegenzug wurde die tiefe weibliche StimmeStimme, die (‚kräftige‘) Bruststimme geächtet (sie kommt heute nur im Pop- und Musicalgesang vor), indem sie als zu männlich und auch als Gefahr für die weibliche StimmeStimme erklärt wurde.

Um die Trennlinie zwischen Tenor und Alt noch stärker zu profilieren, kamen klangliche Differenzierungen hinzu, und zwar vor allem die „Koloratur als Symbol für Weiblichkeit“: „Halsbrecherisches wie die Partien einer König der Nacht aus Mozarts ‚Zauberflöte‘ […] wird Tenören oder gar Baritönen und Bässen kaum abverlangt“ (Grotjahn 2011, 150). Diese neue Stimmästhetik der Beweglichkeit ist keine Frage der Stimmhöhe als vielmehr der Technik; sie konstruiert nun zunehmend die weibliche StimmeStimme. Umgekehrt verliert der virtuose Tenor des 18. Jhs. an Bedeutung.

Wenn aber (fast) nur noch Frauen Koloratur singen, lässt sich die Koloratur umgekehrt als Zeichen von Weiblichkeit verwenden. Nachdem in der Oper des 18. Jahrhunderts die – zumeist improvisierte – Verzierung eine Selbstverständlichkeit für alle Sänger/innen war, konzentriert sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts der Ziergesang immer mehr auf bestimmte Aspekte von Weiblichkeit (150).

Solche Aspekte von Weiblichkeit waren weiblich genderisierte ‚Eigenschaften‘ wie Koketterei, Eitelkeit, Wahnsinn und Hysterie (zu Weiterem s. Grotjahn 2005, 2011).

3.2 Phonologie

Ungleich schwieriger ist es, phonologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu identifizieren. Zu englischsprachigen Studien informiert ausführlich Kap. 12.

Moosmüller (2002) weist jedoch auf ein bei deutschen Frauen nicht selten zu beobachtendes (geschlechtspräferentielles) Phänomen hin, das u.W. noch kaum untersucht wurde: Es handelt sich um linguistisch unmotivierte (Über-)Palatalisierungen, die vermutlich dem Sprechen von Kleinkindern nachempfunden sind und die Frau klein, niedlich, hilfsbedürftig und ungefährlich erscheinen lassen sollen. Die Artikulation ganzer Äußerungssequenzen wird dabei im Mundraum stark nach vorne verschoben (palatalisiert), die Lippen werden manchmal geschürzt, der Kopf womöglich schräg gehalten, kurzum: das gesamte Kindchenschema wird aktiviert (Kap. 14.2). Wörter wie schön [ʃ] klingen wie „chön“ [ç], schimpfen [ʃ] wie „chimfen“ [ç] etc. Solche Aussprachen, deren Konstruktionscharakter niemand bestreiten dürfte, bedienen das Klein-Mädchen-Schema und dürften insgesamt seltener vorkommen als die naturalisierungsfreudigenNaturalisierung prosodischen Genderindices.

Echte morphophonologische Gender Marker, die auf das Geschlecht der Sprechenden verweisen, werden für die indianische Sprache Koasati (USA) beschrieben, wo Männer an jedes Verb (nicht nur in der 1. Person) ein -s zur eigenen Geschlechtsmarkierung anfügen und Frauen bestimmte Vokale nasalieren (Günthner/Kotthoff 1991, 30f.).

Zusammenfassung

Während weibliches und männliches Sprechen kaum phonologische Unterschiede birgt, existieren umso mehr prosodische. Die StimmeStimme wird im Alltag zwar als natürlich und körperbezogen aufgefasst, doch hat sie als weitgehend konstruiert zu gelten, wie historische Stimmveränderungen und kulturvergleichende Unterschiede bestätigen. Natürliche Tonhöhenüberschneidungen zwischen Frauen und Männern werden – in kulturell unterschiedlichem Ausmaß – verringert, beseitigt oder gar polarisiert. Deutliche Unterschiede bestehen in der ‚Melodie‘, d.h. im Tonhöhenverlauf, der bei Männern i.d.R. flacher ausfällt, bei Frauen bewegter und modulationsreicher. Frauenstimmen werden Kinderstimmen angeähnelt und wirken emotionaler. Lange Zeit waren Frauenstimmen von der Bekanntgabe wichtiger Nachrichten ausgeschlossen. Mittlerweile haben sich die Frauenstimmen zahlreicher westlicher Kulturen deutlich abgesenkt. Anders in Japan, wo die höchsten Stimmgrundfrequenzen gemessen werden. Dies untermauert den Konstruktionscharakter der StimmeStimme.

4. Nominalklassifikation: Flexion und Genus

Das Deutsche ist eine morphologisch komplexe Sprache. Bei den Substantiven (Nomen) praktiziert es eine zweifache sog. Nominalklassifikation: Jedes Substantiv gehört erstens einer bestimmten Deklinationsklasse (oder Flexionsklasse) und zweitens einem bestimmten Genus an. Damit ist nichts über die Wortbedeutung ausgesagt, es handelt sich um zwei rein (inner)sprachliche Klassifikationen. Während die erste Klassifikation unter der Wahrnehmungsschwelle liegt, liegt die zweite darüber: Man weiß, dass es drei Genera gibt (und macht sie meistens am Artikel der, die, das fest). Weniger bekannt ist, dass unsere Substantive unterschiedlich flektieren und dementsprechend verschiedenen Flexionsklassen angehören. Das Englische hat beide Klassifikationssysteme komplett beseitigt, andere germanische Sprachen haben sie vereinfacht, das Deutsche hat sie erhalten, teilweise sogar ausgebaut und nutzt sie zur Markierung von Sexus und Gender.

4.1 Deklination – Genus – Sexus – Gender

Die Genderlinguistik behandelt allenfalls die Genusklassifikation und fragt nach möglichen Bezügen zum Geschlecht der bezeichneten Person. Ist nur das biologische, meist an den GenitalienGenitalien orientierte Geschlecht gemeint (was auch für die hier ebenfalls zu berücksichtigenden TiereTiere gilt), spricht man von Sexus, während Gender die daran andockenden PraktikenKommunikative Aktivität der Geschlechterdarstellung (doing gender) meint (Kap. 1 und 2). Die linguistische Genusforschung, die hier rezipiert wird, praktiziert diese Sexus-Gender-Differenzierung jedoch nicht. Sie spricht fast ausschließlich von Sexus (engl. sex). Da viele Termini wie Genus-Sexus-Kongruenz fest etabliert sind, werden wir diesen biologistischen Terminus in diesem Kontext beibehalten.

Die meisten Menschen glauben schon lange an zwei Geschlechter und praktizieren sie hingebungsvoll. So nimmt es nicht wunder, dass dieses binäre Konzept tief in die deutsche Grammatik und Lexik eingesickert ist. Diese sedimentierten Strukturen beschreiben und analysieren wir im Folgenden. Das Genus- und das Flexionsklassensystem bilden besonders tiefe Schichten der Grammatik. Da wir ständig Substantive verwenden, die immer einem Genus und einer Flexionsklasse angehören, replizieren wir auch permanent die darin enthaltenen Geschlechterunterscheidungen und -ordnungen.

Wir beginnen mit dem linguistisch eher vernachlässigten Klassifikationssystem der Deklination. Hier fragen wir nach seinen Bezügen zum grammatischen (Genus), zum menschlichen und zum tierischen Geschlecht. Da Deklination und Genus partiell interagieren, sei schon hier vorausgeschickt, dass es einen sehr engen Bezug zwischen Geschlecht und Genus gibt: Fast alle Frauenbezeichnungen sind feminin und Männerbezeichnungen maskulin. Die Nominalklassifikation der Deklination wurde bislang von der feministischen Linguistik übersehen. Da diese sprachaktivistisch ausgerichtet ist, nimmt sie eher solche Phänomene in den Blick, die ‚kurier-‘ oder ‚justierbar‘ erscheinen. In diesen Bereich fallen Flexionsklassen nicht. Eine Genderlinguistik muss auch diesen sehr tief liegenden Bereich der Grammatik beleuchten. Denn die Grammatik bildet das Zentrum, den eigentlichen Stoff, die Identität einer Sprache.

4.2 Deklination und Geschlecht

Das Deklinations- oder Flexionsklassensystem stellt eine sehr alte und grammatisch tief angelegte, eher „versteckte“ Klassifikation dar, die sich Bewusstsein und Reflexion noch mehr entzieht als die Genusklassifikation. Deklinationsklassen manifestieren sich noch subtiler: Während Genus, obwohl jedem Nomen inhärent, am Nomen selbst nicht erkennbar sein muss, dafür, umso sichtbarer, auf sog. Genusträgern wie Artikeln und Pronomen zum Ausdruck kommt (d-er Hund: m.), wird die Zugehörigkeit zu einer Deklinationsklasse am Nomen selbst markiert, aber sehr indirekt: Sie manifestiert sich (heute) in der Art und Weise, wie Substantive nach Kasus und Numerus flektiert werden, genauer, welche Allomorphe (d.h. Morphemvarianten, Affixe) sie hier verwenden. Sie sitzt also auf anderen Kategorien (Numerus, Kasus) auf und verhält sich damit parasitär.

Beispielsweise kann man den Plural mit -e (Hunde), -en (MenschenMensch) oder -er (WeiberWeib) bilden, auch kommen manchmal Umlaute hinzu (Füchse), manchmal nicht (Luchse). Außerdem gibt es Nullplurale (Lehrer) und reine Umlautplurale (Väter). Diese Verteilung ist nicht willkürlich, sondern sie folgt strikt der Deklinationsklassenzugehörigkeit des Nomens. Das Deutsche hat (je nachdem, wie man zählt) ca. acht Deklinationsklassen, während das Englische seine Deklinationsklassen komplett beseitigt hat; letzte Zeugen sind irreguläre Plurale vom Typ men, women, oxen, mice, feet.

Im Deutschen reicht es zur Bestimmung der Deklinationsklasse aus, den Genitiv Singular und den Nominativ Plural als die beiden Leit- oder Kennformen heranzuziehen, denn die gesamte restliche Flexion ist daraus ableitbar. Dabei interagiert diese Nominal- mit der Genusklassifikation, wenngleich keineswegs eng oder gar eins zu eins (s. Nübling 2008). Schließlich gibt es mehr Deklinationsklassen als Genera, und manche Deklinationsklasse beherbergt Substantive mehrerer Genera und umgekehrt. Interessanterweise teilen sich Maskulina und Neutra mehrere Deklinationsklassen, während Feminina immer eigene Klassen bilden, also (fast) nie mit Maskulina oder Neutra koalieren. Das war früher nicht so und hat sich erst in den letzten Jahrhunderten so ausdifferenziert und zugespitzt (Nübling 2008). Man spricht hier von der Entstehung einer Femininum/Nicht-Femininum-Opposition (Bittner 1994, 2003; Eisenberg 2013a). Nur die relativ junge Klasse mit s-Plural umfasst alle drei Genera (Unis, Studis, Abis), wobei die Feminina keinen s-Genitiv bilden (die Kosten der Uni-Ø) und sich insofern doch wieder von den Maskulina und Neutra abheben. Im Folgenden umreißen wir nur einige wenige Deklinationsklassen.

Die Attribute stark, schwach und gemischt beziehen sich ausschließlich auf die Form der Endungen: Schwache Flexion bedeutet n-haltige Endung sowohl im Gen.Sg. als auch im Plural (des Affe-n – die Affe-n), gemischt n-haltige Endung nur im Plural (der Frau-Ø – die Frau-en, des Ohr-s – die Ohr-en), stark weder n-haltige Endung im Singular noch im Plural (des Mann-es – die Männ-er).

4.2.1 Gemischte und starke Feminina

Die sog. gemischten Feminina stellen eine sehr große Deklinationsklasse dar, die fast sämtliche Feminina beherbergt. Sie bildet den Gen.Sg. mit Null und den Plural mit -(e)n: die FrauNom / der FrauGen / die Frau-enPl, die DameDame / der Dame / die Dame-n. Endet das Nomen auf -e [ǝ], tritt nur -n hinzu, andernfalls silbisches -en. Nicht nur diese Klasse, sondern alle Feminina verzichten heute auf jedwede Kasusmarkierung. Es existiert nur eine Singular- und eine Pluralform. Auch der Artikel (und das Personalpronomen) leistet nur eine rudimentäre Kasusmarkierung: So sind Nominativ und Akkusativ durchgehend identisch (synkretistisch), ebenso Genitiv und Dativ im Singular (Tab. 4-1).

Diese Kasusausdrucksdefizite beklagt Pusch (2011, 98ff.), da diese Synkretismen das Schreiben über Frauen, die mit anderen Frauen interagieren, erheblich behindern. Sie verursachen Ambiguitäten, die sich nur mit stilistisch aufwändigen, hölzern wirkenden Verfahren umschiffen lassen. Ein Beispiel ist der doppeldeutige Satz Niemand kannte sie so gut wie sie, während bei zwei (ebenfalls vorgenannten) Männern die Kasusdistinktion und damit Bezugnahme funktioniert: Niemand kannte er so gut wie ihn bzw. Niemand kannte ihn so gut wie er. Beim femininen Satz bleibe aber „völlig im Dunkeln, welche der beiden ‚sie‘ die andere so gut kennt. Ich könnte Bände erzählen über diese Problematik, die sich erst dann im vollen Maße auftut, wenn wir über Frauen schreiben wollen“ (100). Abhilfe lasse sich nur „mit dem hässlichen diese“ schaffen.


Singular Plural
Kasus Artikel gem. Dekl. (fast alle Fem.) st. Dekl. (noch 35) Artikel gem. Dekl. st. Dekl.
Nom. die Frau Tante Braut die Frauen Tanten Bräute(n Dat.)
Gen. der der
Dat. der den
Akk. die die

Tab. 4-1: Die Deklination gemischter (gem.) und starker (st.) Feminina

Diese gemischte Klasse wird immer größer und hat schon fast alle Mitglieder der anderen Femininklasse, der sog. starken Klasse, übernommen, die sich – bis auf den Dat. Pl. – ebenfalls keinerlei Kasusdistinktion leistet und den Plural mit Umlaut & -e bildet: die BrautBraut / der BrautBraut / die Bräute (gegenwärtige Klassenwechsler sind Gruft und Flucht, die den Plural neben Grüfte, Flüchte auch schon mit Gruften, Fluchten bilden). Unter den noch verbleibenden ca. 35 starken Feminina befinden sich nicht viele Lebewesen, auch erfolgt die Räumung dieser Klasse nicht belebtheitsgesteuert (Köpcke 2000a, 2000b, 2002). Der Faktor Belebtheit – man unterscheidet hier grob zwischen MENSCHLICH > BELEBT > UNBELEBT – spielt bei den femininen Klassen überhaupt keine Rolle1 – im Gegensatz zu den maskulinen Klassen.

4.2.2 Starke Maskulina

Eine andere Klasse bilden die starken Maskulina und Neutra mit s-Genitiv und e-Plural. Dabei lauten die Neutra niemals um, die Maskulina unter bestimmten Bedingungen, die viel mit Belebtheit zu tun haben. Dies ist eine junge Entwicklung, denn diese Maskulina speisen sich aus ursprünglich zwei Klassen im Ahd. (die Neutra traten erst später bei).1 Bei den Maskulina hat anschließend (seit dem Mhd.) eine Umsortierung nach Belebtheit stattgefunden: Maskulina mit menschlichem bzw. belebtem Denotat (Ärzte, Äbte, Generäle, Füchse, Frösche, Wölfe) haben eine ungleich höhere Wahrscheinlichkeit umzulauten als solche mit unbelebtem Denotat (Tage, Farne, Gutturale, Busse, Monde, Dolche). Doppeldeutiges Bund zeigt schön, dass zur Bezeichnung von Menschengruppen (Geheimbünde, Staatenbünde) Umlaut eintritt, nicht aber von Objektbezeichnungen (Schlüsselbunde). Köpcke (1994) hat von allen einsilbigen Maskulina dieser Klasse (940 Types) die umlautfähigen (400) herausgegriffen (d.h. solche mit a, o, u oder au als Wurzelvokal), um zu erfahren, ob und wann Umlaut ausgelöst wird. Von diesen 400 lauten 48 % um. Dabei steuert eine sog. „anthropozentrische Weltsicht“Anthropozentrismus (ebd., 83) das Umlautverhalten: Menschen(gruppen) lauten zu 79 % um (Ärzte, Päpste, Köche), Säugetiere zu 66 % (Füchse, Wölfe), Vögel zu 44 % (Hähne, Käuze), Fische, Reptilien, Amphibien und Insekten nur zu 14 % (Frösche) und Pflanzen (Bäume) zu 9 %. Mit der Nähe zum Menschen nimmt also der Pluralumlaut zu. Da Frauen unter den Maskulina nicht vorkommen, kann man auch sagen: Mit der Nähe zum Mann nimmt der Pluralumlaut zu, es liegt weniger eine anthropozentrische als eine androzentrische WeltsichtAndrozentrismus vor. Die seltenen (ca. 35) Feminina mit Umlaut im Plural spezialisieren sich nicht auf Frauen (sondern auf rein phonologische Merkmale des Nomens, Köpcke 2000b, 158f.; Nübling 2008, 304).

Interessanterweise befinden sich unter den 21 % der nicht-umlautenden Menschen- bzw. Männerbezeichnungen solche, die negative oder nicht ernstzunehmende Gestalten bezeichnen: Schufte, Strolche, Protze, Prolle, Schalke, Trolle, Faune. ‚Ehrenhafte‘, d.h. sozial anerkannte und einflussreiche, handlungsmächtige (agentive) Männer wurden dagegen im Laufe der Sprachgeschichte durch analogischen Umlaut erhöht (SalienzzuwachsSalienz): Päpste, Äbte, Ärzte, Pröbste, Vögte, Köche, Räte (Klein 2017, demn.).

Dies zeigt: Belebtheit, Geschlecht, soziales PrestigePrestige und Handlungsmacht sind Humankategorien, die tief in die Organisation von Flexionssystemen diffundiert sind und tagtäglich so häufig wie subtil reaktiviert werden. Deklinationsklassen erweisen sich als Speicher sozialer Verhältnisse (dabei durchaus historischer, siehe die an der sozialen Spitze stehende Geistlichkeit) und gleichzeitig als wirkungsvolle Reproduzenten derselben. Wahrscheinlich haben die Neutra an dieser Umlautklasse deswegen keinen Anteil, weil Neutra fast keine Lebewesen bzw., noch konsequenter, keine Männer bezeichnen. Darauf kommen wir in Kap. 4.2.6 ausführlich zurück.

4.2.3 Schwache Maskulina

Genderlinguistisch ebenfalls aussagekräftig ist die Klasse der sog. schwachen Maskulina. Diese umfasste ursprünglich (im Ahd. und Mhd.) zahlreiche Maskulina unterschiedlichster Bedeutung. Sie bilden alle Formen des Paradigmas mit -(e)n außer dem Nominativ Singular: der MenschMensch/des MenschenMensch/die MenschenMensch, der Kunde/des Kunden/die Kunden. Der stabilste Prototyp, der sogar noch Neuzuwächse erfährt (z.B. durch Partizipien wie der Angestellte, Behinderte, Arbeitslose), besteht aus drei- oder zweisilbigen Nominativen auf -e mit Betonung der vorletzten Silbe, also (x)X-e (Typ Matróse, Gesélle, Bóte, Schimpánse, Áffe), wobei speziell Männerlexeme die Stabilität und Produktivität maximieren. Ursprünglich war die Klasse semantisch bunt gemischt, s. mhd. der brunne, balke, schade, schwane, storche, mensche, s(ch)lange etc. Erst später hat sie sich auf männliche Lebewesen spezialisiert – und sich nach und nach der unbelebten, später auch der schwach belebten Mitglieder entledigt (Köpcke 1993, 1995). Für die unbelebten Maskulina (Objekte und Abstrakta) wurde sogar eine eigene (starke) Deklinationsklasse geschaffen: Deren Mitglieder haben auch im Nom.Sg. ein festes -n angenommen und im Gen.Sg. ein -s, womit der Plural formal mit dem Singular identisch ist (s. der Brunnen / des Brunnens / die Brunnen), wenn nicht sekundär-analogisch ein morphologischer Umlaut angenommen wurde (der Schaden / des Schadens / die Schäden). Damit wird bei den unbelebten Maskulina bis auf den Gen.Sg. keinerlei Kasus mehr unterschieden (Tab. 4-2).


schwache Kl. (Mhd.) > starke n-Klasse (Nhd.)
Singular Nom. der brunne Brunnen
Gen. des brunne-n Brunnen-s
Dat. dem brunne-n Brunnen
Akk. den brunne-n Brunnen
Plural Nom.–Akk. die etc. brunne-n Brunnen

Tab. 4-2: Der Übergang unbelebter Maskulina von der schwachen in die starke n-Klasse

Während die Inanimata in diese starke n-Klasse ausgewandert sind (Brunnen, Kuchen, Lumpen, Balken, Laden), haben schwach belebte Objekte wie Pflanzen, Insekten, Fische und Reptilien ihr Genus gewechselt (z.B. Schlange, Schnecke, Kresse, Traube): Sie wurden zu Feminina umkategorisiert und sind damit in die gemischte Klasse übergegangen, die keinerlei Kasusunterscheidung leistet (Tab. 4-1), auch kaum am Artikel (die Schnecke / der Schnecke / die Schnecken), s. Köpcke (2000a). Stärker belebte, dem Menschen näherstehende Tiere wie Vögel sind zwar bei den Maskulina verblieben, aber in die starke Klasse ausgewandert – und haben hier i.d.R. den Umlaut angenommen, da sie ja belebt sind: die Hahnen (schwach) > die Hähne (stark), Schwanen > Schwäne, Storchen > Störche. Auch Herzog (< mhd. herzoge) war einmal schwach, hat sich aber zu den Päpsten, Äbten und Pröbsten der starken Maskulina gesellt (die Herzogen > Herzöge). Derzeit schwanken Fink, Greif, Pfau und Bär (u.a. erkennbar am variierenden Gen.Sg.: des Greifen / des Greifs).1 Das bedeutet, die Klasse der schwachen Maskulina spezialisiert sich immer mehr auf den männlichen und menschlichen Prototyp, die diachron immer enger gezogene Grenze schließt aktuell Vögel und bereits einige Säugetiere aus. Damit scheinen sich die schwachen Maskulina zu einer exklusiven Männerklasse zu entwickeln.

Einige schwache Maskulina im unteren Belebtheitsbereich schwanken bis heute in Genus und Flexion (der Makak / die Makake; der Kakerlak / die Kakerlake), teilweise sogar zwischen zwei Genera und drei Klassen (wobei die jeweils erstgenannte am ungebräuchlichsten ist): der Kraken, der Krake, die Krake – der Socke, der Socken, die Socke – der Hode, der Hoden, die Hode.

4.2.4 Deklinationsunterschiede als sedimentierte GeschlechterrollenGeschlechterrolle

Fragt man nach der Ratio der hier behandelten Klassen und insbesondere der Attraktivität der schwachen Maskulina für Männerbezeichnungen, so findet man die Antwort in der materiellen Kasus- und damit Rollenanzeige. Einzig die schwachen Maskulina praktizieren im Singular einen flexivischen Unterschied zwischen Nominativ und Akkusativ, indem (der) Bote gegen (den) Boten opponiert. Historisch (im Ahd. und Mhd.) gehörten auch sehr viele Feminina dieser schwachen Klasse an (womit Maskulina und Feminina in einer Klasse vereint waren), d.h. diese Feminina flektierten damals ebenso wie die Maskulina heute, also mit Nullendung im Nominativ und mit n-Endung im Nichtnominativ (s. Relikte wie auf Erden oder von Seiten). Noch bei Luther flektierte Erde im Singular wie folgt: die ErdeNom vs. der ErdenGen/Dat / die ErdenAkk. Tab. 4-3 zeigt das Singularparadigma eines nhd. schwachen Maskulinums und eines gemischten Femininums. Deutlich wird außerdem, wie stark der Artikel in den Kasusausdruck eingebunden ist – auch dies bei den Maskulina stärker als bei den Feminina.

Der (unmarkierte) Nominativ bezeichnet i.d.R. das Agens, d.h. den Auslöser/Ausführer einer Handlung, während die (markierten) n-Formen den Mann als Rezipienten (Dativ) oder als Patiens (Akkusativ) ausweist (der Genitiv zeigt Zugehörigkeit oder Besitz an). Die unterschiedliche formale Markierung ist dabei nicht zufällig, sondern zeigt an, dass der grammatische Normalfall den Mann als Agens einer Handlung und nicht als Patiens vorsieht. Auch das Polnische ist dafür bekannt, nur bei belebten Maskulina eine flexivische Nom./Akk.-Opposition zu praktizieren, z.B. kotNom vs. kotaAkk ‚Katze‘, aber domNom=Akk ‚Haus‘. In der Romania (v.a. Spanisch) ist die sog. differenzielle Objektmarkierung, eine präpositionale Markierung belebter Objekte, verbreitet; davon sind jedoch Maskulina wie Feminina betroffen (die Neutra sind abgebaut).

Zentral ist hier die +/– Agens-Information, die der Hörerin sofort signalisiert, ob der vom Nomen bezeichnete Mann die Handlung selbst steuert und ausführt oder ob er von ihr betroffen (affiziert) und ihr damit ausgeliefert ist. Wie stark die Agentivität insgesamt ausgeprägt ist, hängt außerdem von der Dynamik der Handlung und dem Ausmaß ab, in dem das Agens sie steuert, sowie von der Zahl der (womöglich belebten) Objekte, die von dieser Handlung affiziert sind (sie friert – hustet – spricht – beendet das Gespräch – gibt ihnen drei Euro – rettet zehn Patienten das Leben).


Kasus prototyp. sem. Rolle Artikel sw. Mask. Artikel gem. Fem.
Nom. Agens der Bote die Dame
Gen. Possessor des Bote-n der
Dat. Rezipient dem der
Akk. Patiens den die

Tab. 4-3: Die nhd. Kasusflexion im Singular schwacher (sw.) Maskulina und gemischter (gem.) Feminina

Generell ist eine Nom./Akk.-Distinktion bei Animata sinnvoll, weil typischerweise belebte Objekte Handlungen auslösen (Agens), aber auch Ziel einer Handlung sein können (Patiens), und dieser wichtige Unterschied will klar markiert sein: Ob jemand transferiert / operiert / tötet oder ob jemand transferiert /operiert / getötet wird, ist von höchster Relevanz. Unbelebte Objekte kommen dagegen typischerweise in der Patiensposition vor, sie steuern selten eine Aktion. Seit jeher bezeichnen Neutra äußerst selten Menschen (zu MädchenMädchen und WeibWeib s. Kap. 4.2.6), was erklärt, weshalb sich viele indoeuropäische Sprachen hier einen (alten) Nom./Akk.-SynkretismusSynkretismus (Formgleichheit) leisten, vgl. nhd. Nom. = Akk bei es / es, das Schwein / das Schwein. Auch das unbelebte Fragepronomen was, das ein altes Neutrum fortsetzt, zeigt diesen Synkretismus (wasNom läuft da? wasAkk hast du gesehen?), während maskulines, belebtes wer hier differenziert (werNom läuft da? wenAkk hast du gesehen?).1 Feminina hatten an der Nom./Akk.-Distinktion ursprünglich auch teil, vgl. ahd. siu ‚sie‘ (Nom.) vs. sia ‚sie‘ (Akk.), diu zunga (Nom.) vs. dia zungūn (Akk.). Im späten Mhd. wurde diese systematische Distinktion ([dy:] vs. [diǝ] etc.) jedoch aufgegeben – ob phonologisch oder morphologisch motiviert, ist umstritten, denn im Fall von mhd. s[y:] (Nom.) vs. s[iǝ] (Akk.) kamen auch betonte Formen vor, die eine solche phonologische Differenzierung hätten konservieren können. Andere vertreten die Ansicht, dass mhd./fnhd. sie, die den alten Akk. fortsetzt (zu dieser Diskussion s. Krifka 2009), die Einheitsform also morphologisch motiviert sei.

It remains a problem, for either explanation, why the animates, among the feminines, did not build up sufficient resistance against this development, if the case distinction had a high functional load for them. (Krifka 2009, 153).

Die deutsche Sprachgeschichte kennt durchaus Beispiele für morphologischen Widerstand gegen lautgesetzlichen Sprachwandel (so erfasst die e-Apokope zwar den Dat.Sg., nicht aber den Plural, s. dem Tag(e) vs. die Tag-e). Hier wurde jedoch eine wichtige Distinktion aufgegeben, die bei femininen Nomen (worunter sich die meisten Frauenbezeichnungen befinden) auf die Information Agens vs. Patiens verzichtet. Dass auch die feminine gemischte Flexionsklasse im Frühnhd. sämtliche Kasus aufgegeben hat, wurde bereits gesagt (Reste: mit MutterMuttern, ich habe MutternMutter gesehen). Hierbei handelt es sich um keinen phonologischen (es gibt keinen n-Schwund), sondern um einen morphologischen Prozess. Krifka (2009) erklärt diese Kasusnivellierung mit der historischen Ungleichbewertung der Geschlechter, wo Frauen daran gehindert wurden, Handlungsträgerschaft zu übernehmen und damit in Agensrollen zu treten. Dieser Sexismus habe sich in die Grammatik eingefräst:

One possible reason why the functional load of case distinction might have been less prominent with feminines than with masculines is that female referents are lower on the (linguistic) animacy scale than male referents. This might be an effect of a sexist speech community, or a sexist perception within the speech community, in which females are less likely to resume the agent role. There is little doubt that sexism is behind the so-called generic use of the masculine gender, as in someone left his lipstick in the bathroom, and the generic use of expressions like chairman. […] Case syncretism in feminine nouns would then be nothing else than another case of built-in sexism of language. (153f.)

This finding [keine Nom./Akk.-Unterscheidung bei Feminina] can be interpreted straightforwardly as evidence of a sexist society in which the denotation of feminine NPs occur less frequently in the agent role than the denotation objects of masculines; the need to distinguish agent and patient would then be less pressing for feminines. (165)

Schließlich muss man auch einen Blick auf die Genitivmarkierung werfen: Auch hier gilt, dass Feminina früher eine hatten, heute aber nicht mehr.2 Auch der mit dem Dativ synkretistische (homophone) Artikel der (Singular) trägt dazu wenig bei. Tab. 4-3 ist zu entnehmen, dass der Genitiv typischerweise die Possessor-Rolle markiert, also i.d.R. eine Person, die etwas oder jemanden besitzt (Besitzrelation) oder der etwas oder jemand gehört (Zugehörigkeitsrelation). Damit ist der Possessor eine mächtige Person, die über etwas oder jemanden verfügt. Alle Maskulina (und auch Neutra) markieren den Genitiv sehr salient, nämlich im Singular (heute oft als noch einzigen Kasus) über -(e)s: des Mann-(e)s, des Lehrer-s, des Hund-es. Dieses Genitiv-s ist stabil und tritt auch an Fremdwörter. Auch der Artikel des markiert monofunktional (d.h. mit hoher Signalstärke) Genitiv Singular bei Maskulina und Neutra. Innerhalb der Familie werden und wurden Zugehörigkeiten über Genitivkonstruktionen mitgeteilt, wobei hier fast nur Väter und Ehemänner als Possessoren auftreten, manchmal auch Berufsausübende (Pfarrers Kinder, Müllers Vieh …). Dialektal sind solche Possessivkonstruktionen wie (s) Meiers Grete noch erhalten (Kap. 9.3). In welchem Ausmaß früher Männer häufiger als Frauen die Possessorposition innehatten bzw. noch heute besetzen, ist nicht bekannt und ein weiteres offenes Thema. Auch die Dativmarkierung erfolgt wenn, dann bei Maskulina und Neutra, aber nicht (mehr) bei Feminina. Allerdings wird sie in ihrer Form als -e kaum noch verwendet (dem Mann(e), im Wald(e)).

Weitere Evidenz dafür, dass Bezeichnungen für Frauen tiefer auf der (sozial induzierten) AnimatizitätsskalaAnimatizitätsskalaBelebtheitshierarchieBelebtheitshierarchie liegen als solche für Männer, wurde bereits genannt: Bei der Räumung der schwachen Maskulinklasse wurden unbelebte Entitäten in die neue n-Klasse überführt, schwach belebte (Pflanzen, Fische, Insekten etc.) dagegen zu den Feminina umsortiert. Stärker belebte, aber nicht-humane Lebewesen (Vögel, Säuger) bleiben Maskulina und wandern in andere Flexions-, aber eben nicht Genusklassen ab. Wie das Verhältnis zwischen Flexions- und Genusklassifikation genau beschaffen ist, wie es sich diachron wandelt und welche Hinweise auf (historische) Geschlechterordnungen es uns liefert, ist noch unzureichend erforscht und verstanden.

Das gesamte Flexionsklassensystem ist durchzogen von unterschiedlichen Kasusdistinktionen und -markierungen und getränkt mit Geschlechtersegregation und GeschlechterrollenGeschlechterrolle, die allesamt darauf hinweisen, dass Männer in deutlichem Unterschied zu Frauen mächtige, einflussreiche Rollen und Positionen innehaben. Seit vielen Jahrhunderten bis heute tradieren und verändern wir (unbewusst) dieses Klassifikationssystem über Sprachwandel. Nur in Gestalt sog. Zweifelsfälle – synchrone Varianten (wie des Bärs / des Bären) als Ausdruck von Sprachwandel – durchbricht es die Wahrnehmungsschwelle, indem man aktuelle Umklassifizierungen zu greifen bekommt. Die Ratio dahinter hat jedoch viel und diachron zunehmend mit Belebtheit, Geschlecht, Geschlechterordnung und Bewertungen zu tun, die sich grosso modo in der Abgrenzung des agentiven Mannes von TierenTiere, Frauen und Gegenständen manifestiert, aber auch zu ‚Versagern‘, zu sozial verachteten Männern (s. Nübling, im Druck). Ein empfehlenswerter Aufsatz, der sich mit russischen Deklinationsklassen und der durch sie manifest werdenden Geschlechterordnung befasst, ist „How pervasive are sexist ideologies in grammar?“ von Nesset (2001).

4.3 Genus und Geschlecht

Genus ist ein jedem Substantiv inhärenter Klassifikator, dem selbst keine Semantik (Bedeutung) zukommt. Die Tafel hat nichts Weibliches an sich ebensowenig wie der Stuhl etwas Männliches, und das Fenster ist nicht ‚sächlicher‘ als die beiden anderen Objekte. Genus trägt (in aller Regel) nichts zur Bedeutung des Substantivs bei (außer beim sog. DifferentialgenusDifferentialgenus, s.u. in 4.2.2). Deshalb kommen Sprachen gut ohne Nominalgenus aus (man betrachte nur das Englische, Türkische, Finnische). Umgekehrt kann aber Genus mit einiger Wahrscheinlichkeit aus der Bedeutung des Substantivs abgeleitet werden (die sog. GenuszuweisungGenuszuweisung erfolgt dann semantisch): Substantive, die Frauen bezeichnen, haben eine extrem hohe Wahrscheinlichkeit, feminin zu sein – und solche, die Männer bezeichnen, maskulin. Dabei drücken Frau, Tante, Nachbarin, Nonne bereits als Lexeme ‚weibliches Geschlecht‘ aus, ihr feminines Genus macht sie nicht weiblicher (umgekehrt ebenso bei Männerbezeichnungen). Genus dockt also an die Bedeutung (Semantik) des Substantivs an und wird dadurch beherrschbarer. Es gibt ein paar weitere semantische Zuweisungsprinzipien, z.B. sind Früchte fast ausnahmslos feminin (die Pflaume, Mango, Ananas), Alkoholika sind oft maskulin (der Wein, Whiskey, Amarula), Stoffe und Flüssigkeiten oft neutral (das Eisen, Erz, Wasser, Blut). Dieses Kapitel befasst sich eingehend mit solchen Bezügen zwischen (grammatischem) Genus und (sozialem und biologischem) Geschlecht. Da auch viele Tierbezeichnungen dem sog. Genus-Sexus-PrinzipGenus-Sexus-Prinzip unterliegen, werden wir die biologische Kategorie Geschlecht (Sexus) nicht verwerfen. Auch die meisten Menschen identifizieren sich mit ihrem biologischen Geschlecht und sind insofern Weibchen und Männchen. Was sie durch mehr oder weniger hingebungsvolles doing gender daraus machen bzw. darauf aufsatteln, hat mit Sexus logisch nichts zu tun und macht sie zu (eher mehr als weniger eindeutigen) Frauen und Männern (Hirschauer 1989).

4.3.1 Genussysteme und GenuszuweisungGenuszuweisung

Alle Substantive im Deutschen enthalten ein festes Genus. Die indoeuropäischen Sprachen unterscheiden maximal drei Genera: Femininum, Maskulinum und Neutrum (zu Genussprachen weltweit s. den Überblick in WALS 2013 und Corbett 1991). Keinem dieser drei Genera kommt eine feste Bedeutung zu, so dass man sagen könnte: Alle Neutra (oder alle Feminina, alle Maskulina) haben eine bestimmte Funktion oder teilen sich ein bestimmtes semantisches Merkmal. Als wichtigste Bedingung gilt, dass ihre Begleitwörter (z.B. Artikel, Pronomen) dieses Genus anzeigen (sog. Kongruenz). Die berühmte Genus-Definition von Hockett (1958) lautet: “Genders are classes of nouns reflected in the behavior of associated words” (231). Beim Genus handelt es sich zunächst einmal nur um eine Nominalklassifikation um ihrer selbst willen, die aller Wahrscheinlichkeit nach auf eine vor mehreren Jahrtausenden geltende quantifizierende und/oder qualifizierende Funktion zurückgeht, über die bis heute kein fester Konsens besteht. Vermutlich gab es im Urindogermanischen nur zwei Genera, das Maskulinum für belebte und unbelebte, zählbare Objekte (Individuativa) und das Neutrum für unbelebte Objekte, Handlungen und ihre Resultate (vgl. heute noch das Rauchen); es scheint aus dem Akkusativ alter Maskulina hervorzugehen bei Wörtern, die so oft als Patiens auftraten, dass ihr Akk. (s. lat. -um) zum neuen Nominativ wurde (weshalb Scholten 2017a, 106, sie als sog. m-Wörter bezeichnet), z.B. lat. iugum (n.) ‚Joch‘ als ‚das Gezogene‘, ebenso verbum ‚Wort‘ < ‚das Gesagte‘, factum < ‚das Gemachte‘. Sie stehen so selten im ‚Agenskasus‘ Nominativ, dass sie sich von alters her keine formale Unterscheidung zwischen Nominativ und Akkusativ leisten (sog. SynkretismusSynkretismus, vgl. noch heute nhd. es/es, das/das). Das Hethitische reflektiert dieses alte Zweigenussystem. Erst sehr viel später hat sich im Gemeinindogermanischen aus Kollektiv- und Abstraktbildungen (im Sg.) ein Femininum entwickelt; noch heute sind im Deutschen sehr viele Kollektiva (die Reiserei, die Kundschaft) und Abstrakta feminin, z.B. die Liebe, Kunst und alle Wörter auf -heit oder -(ig)keit (die Weisheit, Heiligkeit) (Leiss 1994; Scholten 2017a; Werner 2012, 2017).1 Die (weibliche) Personifizierung solcher Abstrakta hat dazu geführt, dass das Femininum immer mehr mit weiblichen Lebewesen assoziiert wurde (vgl. dort läuft eine Schönheit). Dass es ein Stadium gab, in dem Substantive je nach Perspektivierung in allen drei Genera auftreten konnten (so wie sie heute in vier Kasus und zwei Numeri auftreten können), wird angenommen. Wichtig ist, dass die zwei bzw. drei Genera ursprünglich nichts mit Geschlecht zu tun hatten.2 Vielmehr hat sich erst sehr spät „ein jüngeres, durch das natürliche Geschlecht bestimmter Designata [Referenzobjekte] motiviertes Genussystem“ über ein „älteres Genussystem, in dem das natürliche Geschlecht als Unterscheidungsmerkmal unberücksichtigt blieb“ (Fritz 1998, 255), gelagert. Damit stellt der Verweis von Genus auf Geschlecht die sekundäre Nutzung (Exaptation) eines alten Genussystems dar. Auch wenn Genus ursprünglich nicht auf die Anzeige von Geschlecht zurückgeht, so ist nicht von der Hand zu weisen, dass heute enge und produktive Genus-Sexus-Verschränkungen bestehen, am augenfälligsten bei der GenuszuweisungGenuszuweisung von (per se genuslosen) Anglizismen (die Queen, der King) und beim sog. DifferentialgenusDifferentialgenus substantivierter Adjektive und Partizipien (die/der Alte, die/der Angestellte).

Manche germanischen Sprachen haben alle drei Genera erhalten. Neben Deutsch gehören dazu Luxemburgisch, Jiddisch, Ost- und teilweise Nordfriesisch und Isländisch. Andere haben nur zwei Genera, meist ein Neutrum und ein sog. Utrum, entstanden aus dem (lautlich motivierten) Zusammenfall von Femininum und Maskulinum. Dazu gehören Niederländisch, Westfriesisch, Dänisch und Schwedisch. Englisch und Afrikaans haben gar kein Nominalgenus mehr. Dies sind gravierende Unterschiede, die erklären, weshalb Deutsch und Englisch oder Schwedisch bzgl. des Ausdrucks von Geschlecht nicht bzw. nur äußerst bedingt zu vergleichen sind, auch wenn dies immer wieder gerne getan wird.

Alle germanischen Sprachen einschließlich Englisch und Afrikaans ohne Nominalgenus unterscheiden jedoch bei den Pronomina3 immer drei Genera: nhd. er, sie, es – nl. hij, zij, het – engl. he, she, it, und das Schwedische hat sogar vier Genera ausgebildet: schwed. han [männl., belebt], hon [weibl., belebt], det [Neutrum, unbelebt], den [Utrum, unbelebt]. In den Sprachen mit reduziertem und v.a. in denen ohne Nominalgenus beziehen sich die maskulinen Pronomina auf Männer, Jungen und teilweise auch männliche Nutz- und Haustiere, die femininen auf Frauen, Mädchen und evt. weibliche Nutz- und Haustiere, während das neutrale Pronomen nur auf Unbelebtes referiert – und nicht etwa auf Menschen unbekannten Geschlechts: Nl. het, engl. it und schwed. det können sich niemals auf Menschen beziehen, sondern nur auf sog. Inanimata (unbelebte Objekte). Das heißt, ihre von der Kongruenz mit dem Nominalgenus sich entkoppelnden bzw. bereits entkoppelten Pronomina wurden reanalysiert und refunktionalisiert, indem sie in den Dienst der Belebtheitsanzeige gestellt wurden (he/she vs. it) und im Fall der beiden belebten Pronomen zwei Geschlechter bezeichnen, weiblich (wl.) und männlich (ml.). Im Prinzip verhalten sich Possessivpronomen ähnlich (engl. his (ml.), her (wl.), its (unbel.) – schwed. hans (ml.), hennes (wl.), dess (unbel.). In Zweigenussprachen wie Niederländisch und Schwedisch kommt es zu einigen zusätzlichen (interessanten, doch hier irrelevanten) Entwicklungen im Pronominalsystem (s. Audring 2010).

Ganz anders verhält es sich in Dreigenus-Sprachen wie dem Deutschen, wo er, sie, es in aller Regel das Genus des Nomens, auf das sie verweisen, aufgreifen (Kongruenz) und sich damit alle drei Genera sowohl auf Belebtes als auch auf Unbelebtes beziehen können. Man spricht hier von grammatischer Kongruenz:


Maskulinum Femininum Neutrum
– belebt: der Durst er die Wurst sie das Maß es
+ belebt: der Mann (ml.) er die Frau (wl.) sie das Kind (ml./wl.) es

Zu unterscheiden sind also die drei Genera Femininum (f), Maskulinum (m) und Neutrum (n) und die zwei großen Geschlechtsklassen weiblich (wl) und männlich (ml). Hier besteht eine zahlenmäßige Asymmetrie, die noch von Interesse sein wird. Abgesehen von der Geschlechtskennzeichnung leisten Pronomen auch eine Belebtheitsanzeige. Belebt – egal welchen Geschlechts – wird mit „+ bel.“ abgekürzt, unbelebt mit „– bel.“.

4.3.2 Das Genus-Sexus-PrinzipGenus-Sexus-Prinzip

Ähnlich wie sich eine strikte Geschlechtsbinarität nicht aufrechterhalten lässt, handelt es sich auch bei ‚+/– belebt‘ nicht um eine Dichotomie: Menschen und Götter werden als belebter wahrgenommen als Säuge- und Kuscheltiere, diese wiederum mehr als Quallen, Pflanzen, Steine oder Hohlmaße. In der Linguistik hat sich die in Abb. 4-1 skizzierte sog. Belebtheits- oder AnimatizitätshierarchieBelebtheitshierarchie bewährt, die zahlreiche grammatische und lexikalische Strukturen zu erklären in der Lage ist.


Abb. 4-1: Die Belebtheits- oder AnimatizitätshierarchieTiere

Diese Belebtheitshierarchie ist anthropozentrischAnthropozentrismus organisiert, d.h., sie speist sich primär aus der Ähnlichkeit uns umgebender Entitäten zu uns selbst (Ego). Deshalb sind Verwandte für uns belebter als andere Menschen. Da hierbei auch Agentivität und Individualität eine Rolle spielen, sind handlungsmächtige Personen wie Kanzlerinnen, Präsidenten, Politikerinnen oder Kleriker belebter als weniger agentive. Alles, was einen Namen trägt, weist ebenfalls einen hohen Belebtheitsgrad auf, v.a. dann, wenn der Referent menschlich ist (Lena). Selbstverständlich sind auch fiktive Gestalten und Artefakte, denen wir Agentivität (Götter, Helden) oder Persönlichkeit verleihen (Stofftiere, Puppen), ebenfalls als hochbelebt anzusehen. Auch Körperteile gehören dazu.

Bei den TierenTiere unterscheiden wir abermals nach Ähnlichkeit zu uns. Dies macht Säugetiere für uns belebter als Fische oder Insekten. Es folgen die schwach belebten, fortbewegungsunfähigen Pflanzen, danach inanimate, aber noch konturierte und damit zählbare Gegenstände, dann nicht-konturierte, nicht-zählbare Stoffe und schließlich immaterielle Konzepte, die i.d.R. durch Abstrakta versprachlicht werden.

Die Zusammenhänge zwischen Genus und Geschlecht sind bei genauerem Hinsehen komplex, doch gilt als die verlässlichste und produktivste (d.h. auch bei lexikalischen Neuzugängen wirksame) Regel, dass Bezeichnungen für weibliche Menschen feminin und solche für männliche maskulin sind. Es gibt kein anderes semantisches Genuszuweisungsprinzip von solch hohem Geltungsgrad. Die linguistische Genusforschung spricht hier vom Genus-Sexus-PrinzipGenus-Sexus-Prinzip. Dieses Faktum ist deshalb so bemerkenswert, weil die ursprüngliche Funktion der Genera ja nicht in der Anzeige von Geschlecht bestand. Dass aber Genus in vielen indoeuropäischen Sprachen an Geschlecht gekoppelt wurde, zeigt, dass es ein Bedürfnis gibt, menschliches Geschlecht im Genussystem und damit tief in der Grammatik zu verankern.

Die Prinzipien der GenuszuweisungGenuszuweisung im Deutschen gliedern sich in formale und semantische, die Köpcke/Zubin (1984, 1996, 2009) beschreiben. So haben Einsilber eine hohe Wahrscheinlichkeit, maskulin zu sein (Stein, Job) und Trochäen, feminin zu sein (Kanne, Gruppe). Wichtiger ist das morphologische Letztglied-Prinzip, bei dem das letzte Morphem das Genus der gesamten Wortbildung diktiert; bspw. generieren die Diminutivsuffixe -chen und -lein Neutra und überschreiben damit das Genus der Basis: der Mann – das Männchen, die Mutter – das Mütterchen. Unter die semantischen Prinzipien i.w.S. fasst man alle nicht-formalen Prinzipien (die nicht dem materiellen Wortkörper entnehmbar sind):

1 das referenzielle Prinzip, wo der konkrete Referent Genus zuweist (gilt bei Eigennamen, vgl. die Adler als Schiffs- vs. das Adler als Biername; s. Fahlbusch/Nübling 2014);

2 das pragmatische Prinzip, wo Beziehung Genus zuweist (z.B. das Anna für eine Nähe- und die Anna für eine Distanzbeziehung zwischen SprecherIn und Frau; Kap. 9.3);

3 das semantische Prinzip i.e.S., wo die lexikalische Bedeutung eines Lexems Genus zuweist. Am stärksten evozieren vergeschlechtlichte Personen- oder Tierbezeichnungen ein bestimmtes Genus („Genus-Sexus-Prinzip“ z.B. der Vater, die Mutter, der Hengst, die Stute). Auch Lexeme für Früchte steuern Genus, nämlich das Femininum (die Mango, Ananas, Kiwi etc. – Ausnahmen: Apfel und Pfirsich).

Da Genus an Kongruenz gebunden ist, zieht es sich oft vielfach durch die Nominalphrasen (es ermöglicht maßgeblich die sog. Nominalklammer) und ist es dadurch sehr präsent, man könnte sagen: omnipräsent.

Abb. 4-2 zeigt, dass im linken Bereich höchster AnimatizitätBelebtheitshierarchie engste Genus/Sexus-Verschränkungen gelten. Von Genusarbitrarität kann hier nicht die Rede sein. Da sich die soziale Zweigeschlechtlichkeit direkt in entsprechender GenuszuweisungGenuszuweisung spiegelt, kommen auch nur Feminina und Maskulina vor und so gut wie keine Neutra (zu eingeklammertem s Anna s. Kap. 9.3, zu WeibWeib s. Kap. 4.2.6). Man kann hier also von einer Gleichschaltung zwischen weiblichem Geschlecht und Femininum sowie männlichem Geschlecht und Maskulinum sprechen. Der Festigkeitsgrad dieser Koppelung nimmt nach rechts hin zu den Tieren etc. sukzessive ab, franst immer mehr aus und löst sich schließlich auf. PersonennamenPersonenname als Spitze der Belebtheitshierarchie (Namen referieren auf individualisierte Einzelpersonen) verkoppeln Geschlecht und Genus am engsten (Rolf (m.) – Ronja (f.)).1 Hinzu kommt, dass diese Information sogar meist am Namenkörper salient (hör- und sichtbar) verankert wird (anderen Substantiven hört man kaum ihr Genus an), indem etwa die Auslaute -a und -e auf Frauen und konsonantische Auslaute oder -o auf Männer verweisen (Kap. 9.1). So benötigt man zur Sichtbarmachung von Genus keine Kongruenzmittel (im Standard sind PersonennamenPersonenname auch artikellos), das Genus wird der Phonologie selbst unbekannter Namen entnommen.


Abb. 4-2: Genus-Sexus-Relationen bei Animata (ohne Diminutiva)

Ein anderes Prinzip, das ebenfalls die enge Genus-Sexus-KopplungGenus-Sexus-Prinzip untermauert, wurde bei den Rufnamen im Germanischen, d.h. schon vor über zwei Jahrtausenden, praktiziert: Typischerweise bestanden die Namen aus zweigliedrigen, sog. programmatischen (d.h. mit Bedeutung gefüllten) Komposita (oft aus dem kriegerischen Bereich), wie sie heute noch in Gerhild oder Arnulf zu greifen sind. Dabei galt die strikte Regel, dass (gemäß dem Letztglied-Prinzip) das zweite Nomen bei Frauennamen ein Femininum und bei Männernamen ein Maskulinum sein musste: Ger-hild < ahd. gēr (m.) ‚Speer‘ + ahd. hiltja (f.) ‚Kampf‘; Arn-ulf < ahd. arn (m.) ‚Adler‘ + wolf /wulf (m.) ‚Wolf‘. Dadurch waren Neutra im Zweitglied kategorisch ausgeschlossen; das Genus des Erstglieds spielte keine Rolle. Deutlicher kann die Gleichschaltung von Genus und Sexus kaum zum Ausdruck kommen – außer beim sog. DifferentialgenusDifferentialgenus, das in Abb. 4-2 nicht enthalten ist. Vom Differentialgenus sind Substantivierungen von per se genuslosen Wortarten wie Verben oder Adjektiven betroffen, denen (als Substantiv) ein Genus zugewiesen werden muss, das jedoch variabel ist. Dabei erweist sich klar, dass Feminina ausnahmslos Frauen bezeichnen, Maskulina Männer (die Versicherte, der Versicherte) – und Neutra referieren auf Unbelebtes: das Versicherte würde kontextlos als ‚versichertes Gut‘ verstanden und kaum als *‚versichertes Kind' (Kap. 6). Da weder die Semantik noch die Form einen Beitrag zu diesen Geschlechtsinformationen leisten, handelt es sich hier nur um den reinen Effekt des Genus. Das (produktive und oft genutzte) Differentialgenus ist der stärkste Beleg nicht nur für einen eng verzahnten Verweis, sondern auch für die sprachliche Herstellung von Geschlecht allein durch Genus.2

Bei Verwandtschafts- und zentralen Personenbezeichnungen fällt auf, dass es zumindest im Singular keine gängigen geschlechtsabstrahierenden Oberbegriffe gibt: weder zu MutterMutter und VaterVater (hier springt im Bedarfsfall das etwas technisch wirkende Kompositum Elternteil ein) noch zu Tante/Onkel, Nichte/Neffe, Cousin/Kusine, Oma/Opa etc., aber auch nicht zu Nonne/Mönch (die zu Frau/Mann geschlechtsneutralen Ausdrücke MenschMensch und PersonPerson < lat. persona sind erst später entstanden; Kap. 8). Offensichtlich divergier(t)en soziale Verpflichtungen und GeschlechterrollenGeschlechterrolle so stark, dass eine sprachliche Geschlechtsabstraktion unmöglich ist. Viele Sprachen drücken im Verwandtschaftslexem zusätzlich die geschlechtliche Linie aus, über die das Verwandtschaftsverhältnis besteht – so auch im früheren Deutschen, wo Oheim und Muhme Onkel und Tante mütterlicherseits und Vetter und Base väterlicherseits bezeichneten.

Auch weitere Personenbezeichnungen sind durch enge Genus-Sexus-Bande gekennzeichnet (Mann, Mönch – Frau, Nonne). Allerdings kommt es, sobald man den Kernbereich verlässt und weitere Seme hinzutreten, durchaus zu Lockerungen, z.B. die Hilfskraft, Nachtwache, Geisel, Waise – das Mitglied, Opfer, Individuum – der Gast, Star, die für Frauen und Männer gelten. Ab hier lockert sich der Genus-Sexus-NexusGenus-Sexus-Nexus. Auch kommt es mit Mitglied, Individuum, WeibWeib und Kind zur Nutzung des Neutrums als drittes Genus (auch fachspr. das Geschwister). Während Mitglied sein Neutrum dem Wortbildungsteil –glied verdankt, treten junge, noch wenig geschlechtssaliente und nicht geschlechtsreife Menschen und NutztiereNutztiere häufig ins Neutrum (was umgekehrt das sexuierende Potential der Feminina und Maskulina unterstreicht): das Kind, Kid, Baby, Kleine, Neugeborene – das Junge, Kalb, Lamm, Kitz, Fohlen, Küken, Ferkel. Die drei letzten Substantive basieren historisch auf Diminutiva, die immer Neutrum generieren. Hier müsste umgekehrt die Frage gestellt werden, weshalb Diminutiva eigentlich (schon immer?) Neutra bilden und weshalb Junglebewesen so häufig in den Diminutiv geraten (denkbar ist nämlich, dass die – heute verblasste – DiminutionDiminution genau deshalb gewählt wurde, weil sie zu „passenden“ Neutra führt). Auf das berühmte Neutrum WeibWeib gehen wir in Kap. 4.2.6 ein.

Auch bei den NutztierenNutztiere, deren Ausbeute für uns maßgeblich von deren Geschlecht abhängt, setzt sich die Genus-Sexus-Verschränkung fort, allerdings bei immer mehr Abweichungen (z.B. ist das Huhn weiblich und die Drohne männlich). Auch kommt es bei höheren Nutztieren (aber niemals beim Menschen, abgesehen von Kind) zu geschlechtsneutralen Oberbegriffen im Neutrum: das Rind – die Kuh3 – der Stier/Bulle; das Pferd – die Stute – der Hengst/Wallach; das Schwein – die Sau – der Eber.

Pusch (1984) schlug schon früh die konsequente Nutzung der drei Genera ungefähr wie bei den NutztierenNutztiere gesehen vor, wobei ein und demselben Lexem drei Genera zukommen sollten: das Student (geschlechtsneutral) – die Student (wl.) – der Student (ml.). Dies erspart u.a. die (Nachrangigkeit indizierende) Movierung. Doch hatte dieser Vorschlag, wie Pusch selbst einwendete, aus verschiedenen Gründen wenig Aussicht auf Akzeptanz. Daher wurde die Sichtbarmachung von Frauen durch Femininisierungen zum Programm, was bereits zu Sprachwandel geführt hat. Einen anderen Entwurf, der Genus aufgibt, unterbreitet Matthias Behlert, zit. in Pusch (1999, 23–27). In diesen Einheitsparadigmen werden frühere Feminin- und Maskulinformen so rekombiniert, dass Kasussynkretismen beseitigt werden.

Bei den Säugetieren lockert sich dieses Genus-Sexus-Band immer mehr, denn hinter einem Hund oder einer Katze können sich beide Geschlechter verbergen – auch wenn ein Hund präferentiell männlich und eine Katze (oder eine Taube) weiblich assoziiert ist (zu der sich der Kater bzw. der Täuberich gesellt).4 Umgekehrt kann man, da das feminine Lexem zwar eine weibliche Schlagseite hat, doch auch geschlechtsneutral lesbar ist, Kätzin und Täubin (oder Katzen- bzw. Taubenweibchen) bilden (Doleschal 1992, 25). Bei der GenuszuweisungGenuszuweisung von Säugetieren spielen zunehmend Geschlechtsstereotype herein, die Katzen und Vögel präferentiell als weiblich und große TiereTiere bzw. Raubtiere wie Hunde, Löwen, Tiger, Elefanten als männlich konzipieren. Die Tatsache, dass man ggf. beide Geschlechter ausflaggen kann (Hundemännchen/Hundweibchen, Elefantenbulle/Elefantenkuh), zeigt, dass dieses Genus-Sexus-Band nur noch lose ist. Wie Doleschal (1992, 25) feststellt, lassen sich genus- und stereotypeninduzierte tierische Geschlechtserwartungen streichen, nicht aber menschliche: Der Hund da drüben ist ein Weibchen vs. *der Lehrer da drüben ist eine Frau. Ebenso wirkt es bei Tieren nicht tautologisch, das erwartete Geschlecht zu explizieren: Der Hund da drüben ist ein Männchen (oder Rüde) vs. *der Lehrer da drüben ist ein Mann. Humane Maskulina in spezifischer Verwendung werden männlich gelesen im Gegensatz zu animalischen (abgesehen von zentralen NutztierenNutztiere).5 Entsprechendes gilt auch für Feminina: Humane wie DameDame, Nonne, Tante werden weiblich gelesen, animalische wie Katze und noch mehr Kröte, Amsel, Spinne nicht zwingend.

Bei Nicht-Säugetieren („andere TiereTiere“ in Abb. 4-2) reißt das Genus-Sexus-Band schließlich ab: Feminina wie die Kröte, die Spinne oder Maskulina der Frosch, der Dorsch wecken keinerlei proto- oder stereotype Geschlechtserwartungen mehr, ebensowenig Bezeichnungen von Pflanzen, Objekten, Stoffen und Abstrakta.6 Auch wirken Neutra (Krokodil, Neunauge, Kraut) hier weder degradierend noch desexuierend. Dieser gesamte Genus-Sexus-Komplex auf der Achse abnehmender AnimatizitätBelebtheitshierarchie ist noch unzureichend erforscht und stellt ein wichtiges Desiderat dar (das sich korpusbasiert sehr gut untersuchen lässt), denn von den Rändern her lassen sich Determinanten, Gültigkeit und Reichweite von Prinzipien am klarsten erkennen.

Merkwürdigerweise bestreiten selbst LinguistInnen immer wieder diese evidenten Genus-Sexus-Korrespondenzen, die ausschließlich für die höhere Belebtheitsdomäne beansprucht werden (Menschen und teilweise NutztiereNutztiere). So liest man etwa in der Rubrik „grammis“ des Instituts für deutsche Sprache: „Dennoch weiß natürlich jedes Kind, dass das Genus, das grammatische Geschlecht, und der Sexus, das biologische Geschlecht, keineswegs immer übereinstimmen: ‚Oder glaubt einer, alle Igel seien männlich und alle Fliegen weiblich? Wir wissen schon Bescheid, aber es interessiert uns eben nicht‘ (Heringer 1995, 208)“ (Donalies 2008). Belege für Abweichungen von diesem Prinzip werden immer da gesucht, wofür es keine Geltung beansprucht, nämlich bei schwach belebten TierenTiere und gar unbelebten Objekten. Die folgenden Kapitel zeigen, dass die vermeintliche Genusarbitrarität in der Belebtheitsdomäne noch viel geringer ist als gemeinhin vermutet.

Abgesehen von der Genus-Sexus-Frage machen Köpcke/Zubin (1996, 484) eine weitere interessante Beobachtung (die ebenfalls noch ihres detaillierten und statistisch abgesicherten Nachweises harrt), wonach Lexeme für Menschen und menschenähnliche TiereTiere das Maskulinum als Default-Genus präferieren (Abb. 4-3). Sie entdecken bei Bezeichnungen von Menschen über solche von Säugern und Vögeln bis hin zu Insekten und amorphen Weichtieren ein sog. ethnozoologisches (oder anthropozentrisches) KontinuumAnthropozentrismus, bei dem zunächst das Maskulinum dominant ist. Dieses wird sukzessive vom Femininum abgelöst und schließlich ersetzt. Dem Neutrum kommt eine periphere Position zu (die in Abb. 4-3 nicht enthalten ist).


Abb. 4-3: Das ethnozoologische Kontinuum und sein Genusbezug (nach Köpcke/Zubin 1996)

Nach Köpcke/Zubin (1996) gilt: Je menschenähnlicher das Tier, desto eher wird ihm das Maskulinum zugewiesen – je größer die Distanz zum Menschen, desto eher das Femininum. Beim Menschen selbst manifestiere sich dieses Prinzip im sog. generischen Maskulinum, demzufolge Gattungsbezeichnungen für bestimmte Menschenklassen (Zeugen, Nachbarn, Athleten), bei denen kein Bezug auf das Geschlecht erfolgt, im Maskulinum stehen. Da das generische Maskulinum, wie wir in Kap. 5 erfahren werden, weniger Menschen als (erwachsene) Männer bezeichnet, ist dieses Kontinuum in Wirklichkeit nicht anthropozentrisch, sondern androzentrisch organisiertAndrozentrismus.

Allerdings gibt es auch sehr wirkmächtige formale GenuszuweisungsprinzipienGenuszuweisung – etwa dass Zweisilber auf -e [ǝ] dominant feminin und solche auf -er [ɐ] dominant maskulin sind –, die die semantischen („anthropozentrischen“)Anthropozentrismus Prinzipien durchkreuzen. Umso aussagekräftiger ist es, wenn formale Prinzipien vom semantischen gebrochen, d.h. aus den Angeln gehoben werden, wie dies einerseits für der Affe, der Löwe, andererseits für die Viper, die Natter gilt: Hier steuert allein die Nähe zum Menschen die Genuszuweisung, sie überschreibt dabei die Formregel. Dass diese Skala eine kognitive und keine streng biologisch-taxonomische ist, zeigt etwa, dass die dominant femininen Schlangen von den anderen Reptilien separiert zu werden scheinen: Äußerlich können Schlangen z.B. Würmern ähnlicher sein als Krokodilen. Bemerkenswert ist die schon Kap. 4.2.3 erwähnte Krake, die noch zwischen beiden Genera schwankt und zunehmend feminin wird. Im Fall von Gottesanbeterin ist das Femininum sogar morphologisch abgesichert. Viele Feminina gehen auf relativ späten (frühnhd.) Genuswechsel zurück, wo sich dieses ethnozoologische Kontinuum kognitiv-linguistisch etabliert zu haben scheint. Vor allem kam es zum Wechsel maskulin > feminin, „darunter nicht wenige Bezeichnungen von niederen Tieren“ (Paul 1917/1968, § 55) wie z.B. bei der > die Schlange, Blindschleiche, Ammer, Schnepfe, Grille, Heuschrecke, Schnake, Schnecke, Made, Drohne (!).7 Auch komplett Unbelebtes wanderte zu den Feminina (Brille, Diele, Flocke). Es wurde somit kräftig umklassifiziert (Köpcke 2000a; Paul 1917/1968, §§ 55–66). Dass kaum bewegungs- und steuerungsfähige, inagentive, menschenunähnliche Wesen (und Gegenstände) so femininaffin sind, dürfte genderstereotyp und damit sozial induziert sein und auf eine historisch zunehmende Polarisierung und Asymmetrisierung von Männlichkeit und Weiblichkeit hinweisen. Um solche tief in die Grammatik sedimentierten Strukturen nicht nur oberflächlich zu deuten, sondern wirklich zu verstehen, bedarf es der interdisziplinären Kooperation von Sprach-, Geschichts- und Gesellschaftswissenschaften.

4.3.3 Das Genus-Sexus-PrinzipGenus-Sexus-Prinzip bei personifizierten TierenTiere, Objekten und Abstrakta

In fiktionaler Literatur oder bebilderten KinderbüchernKinderbücher kommt es häufig vor, dass Tiere personifiziert und damit individualisiert werden, d.h. Namen bekommen, bestimmte Kleider tragen, sprechen und miteinander interagieren. Dabei wird ihnen fast ausnahmslos ein Geschlecht zugewiesen. Besonders interessant sind weniger belebte TiereTiere wie Vögel, Reptilien, Amphibien oder Insekten, deren Geschlecht nicht sichtbar und normalerweise auch irrelevant ist.

Man muss sich gar nicht in die fiktionale Welt begeben, denn häufig lässt sich beobachten, dass Wildtiere (vom Wels über die Schnappschildkröte bis hin zu Wolf und Bär) dann, wenn sie allzu dicht mit dem Menschen in Kontakt treten, in den Medien mit einem Eigennamen nicht nur benannt, sondern vermutlich gebannt (kontrolliert) werden. Auch dabei fällt auf, dass das Substantivgenus das im Namen realisierte Individualgeschlecht zu bestimmen scheint. Durch häufige Apposition stehen Appellativ und Name sogar in direkter Kontaktstellung: Problembär Bruno, Kaiman Sammy, Killerwels Kuno, Kranich Heintje, Schildkröte Lotti. Trauerschwänin Petra hieß anfänglich Peter und war damit am Genus von Schwan ausgerichtet. Die Entdeckung ihres wirklichen Geschlechts hat neben dem Geschlechtswechsel des Namens auch den Genuswechsel des Appellativs (Movierung) bewirkt. Auch dieser Komplex harrt noch seiner umfassenden Erschließung.

Am eindeutigsten erweist sich das ihnen zugewiesene Geschlecht am Namen. Ad hoc drängen sich Figuren auf wie die Biene Maja, Maikäfer Sumsemann, Karl der Käfer und der Maulwurf Grabowski.

Nicht selten werden auch Anredenomen verwendet wie Frau (Spinne) oder HerrHerrHerr (Specht). Spielt bei diesen Geschlechtszuweisungen das Genus ihres Appellativs eine Rolle? Fördert ein Femininum eine Verweiblichung, ein Maskulinum eine Vermännlichung? Liegt hier eine Genus-zu-Sexus-Steuerung vor? Dies spräche für einen massiven Einfluss des grammatischen auf das außersprachliche Geschlecht – und genau dieser Einfluss ist in der Genderlinguistik umstritten (Kap. 5 zum sog. generischen Maskulinum). Außerdem stellt sich die Frage, was mit Neutra passiert wie Schwein, Pferd, Rotkehlchen: Wirken hier eher Genderstereotypen?

Diesen Fragen sind Bickes/Mohr (2010) nachgegangen: In „HerrHerr Fuchs und Frau Elster – Zum Verhältnis von Genus und Sexus am Beispiel von Tierbezeichnungen“ wurden 187 TiereTiere (116 Maskulina, 50 Feminina, 21 Neutra) aus 74 originär deutschsprachigen KinderbüchernKinderbücher untersucht (Übersetzungen wurden ausgeschlossen, da es sonst zum Einfluss von Genussystemen anderer Sprachen oder genusloser Sprachen wie Englisch käme).1 Das Ergebnis spricht eine deutliche Sprache: Bei den maskulinen Tierbezeichnungen (Hund, Hase) erfolgt zu 93 % eine damit korrelierende Sexuszuweisung, bei den femininen (Eule, Raupe) zu 82 %, d.h. insgesamt kommt es zu einer ca. 90 %-igen Übereinstimmung zwischen Genus und zugewiesenem Geschlecht. Dies bestätigt die Existenz eines Genus-Sexus-NexusGenus-Sexus-Nexus. Neutrale TiereTiere (Eichhörnchen, Schwein) werden zu zwei Dritteln männlich und einem Drittel weiblich sexuiert. Bickes/Mohr (2010) geben allerdings mit Verweis auf Köpcke/Zubin (1996) zu bedenken, dass menschenähnliche Tiere per se vorrangig maskuline Bezeichnungen tragen:

Dass das maskuline Genus unter Tierbezeichnungen in Tiergeschichten stärker vertreten ist, lässt sich möglicherweise mit der von Köpcke/Zubin (1996) vertretenen These zum enthno-zoologischen Kontinuum in Verbindung bringen: Als Protagonisten treten menschenähnliche Tiere weitaus häufiger auf als Echsen oder Asseln. (Bickes/Mohr 2010, 265)

Prinzipiell hat sich dies – mit fast gleichen Prozentwerten – auch bei Lückentextaufgaben mit 15 Tierbezeichnungen und 1.807 Nennungen sexusdefiniter Vornamen bestätigt. Hier wurden auch Maskulina mit menschenunähnlicheren TierenTiere wie Käfer, Maulwurf, Spatz sowie Feminina mit menschenähnlicheren Tieren wie Giraffe, Katze eingestreut. Der Abstand zum menschlichen Prototyp spielte bei der namentlichen Geschlechtszuweisung jedoch keine Rolle: Es ist primär das Genus, das über Sexus entscheidet. Ähnlich weisen Lötscher (1993) und Christen (2013) bei schweizerdeutschen Metaphern zur Negativbezeichnung von Menschen hin, dass feminine Metaphern sich eher für Frauen und maskuline für Männer eignen. Nur bei den Neutra scheint sich ein stereotypenbedingter Effekt abzuzeichnen, wenngleich hier zu rund 70 % männliche und 30 % weibliche Namen vergeben wurden. Das große, massige Nilpferd wurde zu 85 % männlich und 15 % weiblich konzipiert, das Schwein nur zu 55 % bzw. 45 %. Weitere neutrale Tierbezeichnungen waren jedoch nicht vertreten (was zeigt, dass hier noch viel Forschungsbedarf besteht).

Die Autorinnen deuten diese Befunde als Evidenz gegen die Existenz eines sog. generischen Maskulinums:

Wenn der Zusammenhang zwischen Genus und Sexus im Bewusstsein heutiger SprecherInnen augenscheinlich dahingehend wirksam ist, dass sogar TierenTiere und Gegenständen aufgrund des grammatischen Geschlechts latent ein biologisches Geschlecht zugewiesen wird – wie sollte dann ausgerechnet in Bezug auf Personenbezeichnungen, dem einzigen Feld, wo tatsächlich ein Zusammenhang zwischen Genus und Sexus existiert, dieser Mechanismus ausgeschaltet sein? Die These, das angeblich generische Maskulinum der Arzt in dem Satz Ich muss unbedingt zum Arzt würde geschlechtsneutral interpretiert werden, erscheint vor diesem Hintergrund schlicht abwegig. (271f.)

Wie die Autorinnen andeuten, werden sogar unbelebte Objekte sexuiert, wenn sie personifiziert werden (s. hierzu eingehend Köpcke/Zubin 2012, die von „Genus-Sexus-Konsonanz“ sprechen). So verfasste Christian Morgenstern das Gedicht „Frau Gabel und Herr Löffel“. Heinrich Heine schrieb über die stereotyp-genderisierte Liebesbeziehung zwischen einer weiblichen Palme und einem männlichen Fichtenbaum. Frau Welt, VaterVater Rhein und Gevatter Tod bestätigen ihrerseits die Macht des Genus. Auch Sonne (f.) und Mond (m.) werden im Deutschen genuskonform sexuiert – ebenso in den romanischen Sprachen, aber spiegelbildlich, da dort eine umgekehrte Genusverteilung vorliegt (la luna [f.] – el sol [m.]) (Köpcke/Zubin 2012, 390; auch Bußmann 1995, 115ff.; Kalverkämper 1979, 61). Selbst Pfirsich und Erdbeere, Joghurt und Buttermilch, Schokoriegel und Milch, Tee und Zitrone, Wagen und Zapfsäule gehen in der Werbung geschlechterdifferente Beziehungen ein. Köpcke/Zubin (2012) beschreiben auch Fälle umgekehrter Kausalrichtung, wo für genderisierte Kaufobjekte unter mehreren lexikalischen Alternativen dasjenige Lexem gewählt wird, das das zum gewünschten Objektgeschlecht passende Genus enthält, etwa die Verbindung (dargestellt von einer Frau) statt der Anschluss; die Zapfsäule (dargestellt von einer Frau) statt das Benzin.

4.3.4 Evoziert das Genus von Objektbezeichnungen Geschlechterstereotype?

Zu einigem Aufsehen hat ein Beitrag von Boroditsky et al. (2003) geführt. Hier wird ein Experiment beschrieben, dessen Befunde Evidenz dafür zu liefern scheinen, dass feminine Objektbezeichnungen (z.B. die Brücke) zu weiblichen Genderisierungen des Objekts selbst führen, entsprechend auch bei Maskulina (z.B. der Schlüssel). Wir fassen es ganz knapp zusammen (s. auch Köpcke/Zubin 2012, 385ff.): Bei Deutsch- bzw. Spanisch-SprecherInnen wurde anhand von 12 interlingualen Lexempaaren mit gleicher Bedeutung, aber unterschiedlichem Genus festgestellt, dass den benannten unbelebten Objekten genuskonform genderstereotype Adjektive zugewiesen wurden. Unabhängig davon waren diese Adjektive vorab durch eine andere Gruppe auf ihre Geschlechtsstereotypie und deren Ausprägungsgrad bewertet und eingestuft worden. Dies sei anhand eines Lexempaars illustriert: Nhd. Schlüssel ist maskulin, span. llave feminin. Während die Deutschen dem Schlüssel eher männlich genderisierte Eigenschaften zuwiesen wie hart, schwer, schroff, zackig, metallisch, beschrieb die spanische Gruppe ihren femininen ‚Schlüssel‘ als hübsch, elegant, zerbrechlich und schmal. Auch weitere Tests untermauerten diese Sapir-Whorf-Hypothese, wonach sprachliche Strukturen unsere Wahrnehmung steuern. Allerdings haben Mickan et al. (2014) dieses Experiment repliziert. Wie der Titel „Key is a llave is a Schlüssel: A failure to replicate an experiment of Boroditsky et al. 2003“ vermeldet, konnten diese Resultate jedoch nicht bestätigt werden: „This suggests, that the results of the original experiment [von Boroditsky et al. 2003] were either an artifact of some non-documented aspect of the experimental procedure or a statistical fluke“ (Mickan et al. 2014, 39). Somit kann die Annahme, dass das Genus unbelebter Objektbezeichnungen entsprechende Geschlechterstereotype auslöst, nicht als bestätigt gelten.

4.3.5 Haben Geschlechterstereotype Auswirkungen auf die GenuszuweisungGenuszuweisung?

Für die umgekehrte Richtung – Geschlechterstereotype führen zu entsprechenden Genuszuweisungen – liefern Köpcke/Zubin (1984) überraschende Evidenz. Das Substantiv Mut ist (und war immer) ein Maskulinum. Normalerweise gilt bei Komposita (und Derivata) das Letztglied- oder Kopf-rechts-Prinzip, wonach das letzte Morphem das Genus der gesamten Wortbildung bestimmt: das Haus – die Tür → die Haustür. Deshalb sollte anzunehmen sein, dass Wortbildungen mit dem Zweitglied -mut allesamt maskulin sind. Dies ist bei Unmut, Übermut etc. auch der Fall, nicht aber bei die Anmut, die Weh- und die Demut. Köpcke/Zubin (1984) haben solche sog. Affektbegriffe auf -mut zusammengestellt: Manche sind feminin, manche maskulin, und manche schwanken, z.B. die/der Großmut, die/der Gleichmut (Tab. 4-4). Genusinstabilität betrifft durchaus auch solche Komposita, die hier den Maskulina bzw. Feminina zugeordnet wurden, denn die Wörterbücher liefern oft uneindeutige Hinweise (mehr in Köpcke/Zubin 1984, 38).


Maskulina Feminina
extravertiert („offensiv, abweisend, eigennützig“); aktiv, wild, groß, laut etc. introvertiert („fügsam, aufnehmend, selbstlos“); passiv, sanft, klein, leise etc.
Lebensmut Anmut
Übermut Wehmut
Wagemut Demut
Hochmut Sanftmut
Unmut Schwermut
Missmut Langmut
Großmut, Gleichmut etc.

Tab. 4-4: Genus- und semantische Unterschiede bei mut-Komposita nach Köpcke/Zubin (1984)

Bei diesen Genusdifferenzen (die nur zwischen Feminina und Maskulina bestehen, Neutra gibt es nicht) sehen die Autoren Genderstereotype am Werk, die sie grob mit (männlich assoziierter) Extraversion und (weiblich assoziierter) Introversion etikettieren. Auch das weitere Affektlexikon und dessen Genuszugehörigkeit sehen Köpcke/Zubin (1984) „entlang der Opposition Introversion/Extroversion [sic]“ (40) gegliedert wie die Furcht, Angst, Scheu, Scham, Trauer vs. der Hohn, Wille, Ärger, Eifer, Geiz. Die heutigen Feminina Gunst, Pein, Qual und Reue konnten im Mhd. noch maskulin sein und haben ihr Genus somit der Affektqualität angepasst: „Insgesamt lassen sich bei ca. 25 % der femininen Nomen der Introversionsgruppe und bei ca. 35 % der maskulinen Nomen der Extroversionsgruppe [sic] integrative historische Veränderungen in die eine oder andere der beschriebenen Richtungen feststellen“ (42). Selbstverständlich gibt es auch Gegenbeispiele.

Was die femininen mut-Bildungen betrifft, so gehen allerdings Paul (1917/1968) zufolge die meisten nicht direkt auf Mut zurück:

Kein Übertritt aus dem M. ins F. liegt vor in den anscheinenden Zus[ammen]s[etzungen] mit Mut wie Demut. Im Ahd. gibt es ein Adj. deomuoti = mhd. diemüete ‚demütig‘, daraus wird ein Substantiv abgeleitet, ahd. deomuoti F. = mhd. diemüete, […] woraus dann durch Verkürzung und Anlehnung an Mut unser Demut entstanden ist. Außer deomuoti bestanden im Ahd. noch andere ähnlich gebildete Adjektiva, aus denen dann entsprechende weibliche Substantiva abgeleitet wurden. Neben diesen standen wirkliche Zus[ammen]s[etzungen] mit muot als Maskulina. Nach längeren Schwankungen hat sich jetzt teils das F., teils das M. festgesetzt, vgl. einerseits Anmut, Großm., Langm., Schwerm., Wehm., anderseits Edelmut, Freim., Gleichm., Hochm., Kleinm., Überm., Unm., Wankelm. (Paul 1917/1968, § 62)

Historisch liegen also (nicht-lautgesetzlich) apokopierte Abstraktbildungen vor (vgl. heute noch unapokopierte Bildungen wie Süße, Länge, Größe), die an maskulines Mut angelehnt wurden und dadurch eine starke analogische Beeinflussung mit entsprechender Form-, aber ohne Genusänderung erfahren haben. Regulär müssten sie heute auf -müte (z.B. Demüte) enden. Ob die Genera immer noch so stabil sind wie bei zu Pauls Zeiten bzw. welch starken Genusschwankungen sie heute unterworfen sind, dieser gesamte Komplex lohnt im Rahmen einer größeren Untersuchung vertieft zu werden. Dabei wären sowohl die aktuellen Genusschwankungen korpusbasiert zu überprüfen als auch (um den evt. Einfluss von Genderstereotypen zu ermitteln) die historischen der letzten Jahrhunderte und auch Jahrzehnte, denn die in Tab. 4-4 genannten Geschlechterstereotype dürften heute deutlich abgeschwächt (degenderisiert) sein. Falls sich die Beobachtungen von Köpcke/Zubin (1984) bestätigen, bestünde Evidenz dafür, dass außersprachliche Geschlechterstereotype grammatische Genera steuern oder zumindest beeinflussen können.

4.3.6 Genus-Sexus-Devianzen beim Menschen als Reflexe von Gender

In der internationalen Genusforschung haben die Neutra MädchenMädchen und WeibWeib als sog. hybrid nounshybrid einige Berühmtheit erlangt. Obwohl MädchenMädchen immerhin ein Diminutivsuffix enthält (Mäd- hat allerdings synchron kein lexikalisches Korrelat, diachron leitet es sich aus Magd ab), wird es ebenfalls darunter gefasst. Mit hybrid noun ist gemeint, dass es bei bestimmten (genusmarkierenden) Begleit- oder Kongruenzwörtern zu GenuskonfliktenGenuskonflikt zwischen Neutrum und Femininum kommen kann: Die Genus-Sexus-RegelGenus-Sexus-Prinzip, die bei MädchenMädchen und WeibWeib eigentlich das Femininum erfordert, ist so wirkmächtig, dass Kongruenzwörter (targets), die in größerem Abstand (linearer Distanz) zum genushaltigen Nomen (controller) stehen, vom grammatischen Neutrum ins semantisch erwartbare Femininum umschlagen. Die in WeibWeib und MädchenMädchen enthaltene Information ‚weiblich‘ dominiert über das grammatische Neutrum. Je näher umgekehrt das Begleitwort am Nomen steht, desto obligatorischer das grammatische Neutrum. Innerhalb der NP (d.h. an Artikel und Adjektiv) kommt nur das grammatische Neutrum zum Zug (ein großes MädchenMädchen, ein großes WeibWeib), während schon ein Relativpronomen (das MädchenMädchen, die ich liebte kommt, wenngleich selten, vor) bzw. noch eher ein Possessiv- oder Personalpronomen semantische und damit feminine Kongruenz herstellen kann (s. eingehend Fleischer 2012; Birkenes et al. 2014). Hierzu s. Abb. 4-4, die Nübling et al. (2013, 157) entnommen ist.


Abb. 4-4: Die GenuskongruenzhierarchieGenuskongruenzhierarchie nach Corbett (1991), ans Deutsche angepasst (* = ungrammatisch/inexistent; ? = möglich, aber selten)

Dieses hybride Genusverhalten lässt sich auf der GenuskongruenzhierarchieGenuskongruenzhierarchie (gender agreement hierarchygender agreement hierarchyGenuskongruenzhierarchie) von Corbett (1979, 1991) abbilden, die hier an das Deutsche angepasst wurde. Dass das Possessivpronomen zweimal vorkommt, ist Absicht, denn es kann sowohl im selben als auch im nächsten Satz auftreten, und von diesem (zunehmenden) Abstand hängt die (zunehmende) Wahrscheinlichkeit semantischer Kongruenz ab. Auch Oelkers (1996), die zudem die pronominale Wiederaufnahme männlicher Feminina (Geisel, PersonPerson) und weiblicher Maskulina (Star, Gast) testet, stellt diesen Effekt sog. biologischer (i.S.v. semantischer) Kongruenz fest, und zwar zu 71 %. Dieses „Umschalten“ von grammatischer auf biologische Kongruenz spreche für „systematische Beziehungen zwischen Genus und Sexus“ (13) (s. auch Thurmair 2006; Panther 2009; Köpcke et al. 2010).

Zurück zum Neutrum MädchenMädchen: Braun/Haig (2010) haben anhand einer Fragebogenuntersuchung ihre Hypothese bestätigt, dass auch das Alter eines sog. MädchenMädchens Einfluss auf seine Pronominalisierung hat: Demnach werden 18-jährige Mädchen zu 60 % feminin (und 40 % neutral) pronominalisiert, unter 18-jährige dagegen nur zu 40 % feminin und zu 60 % neutral. Dies verweist auf die hohe Relevanz von Heirats- oder Fortpflanzungsfähigkeit, auf männliche Verfügbarkeit oder was auch immer eine männlich geprägte Gesellschaft an die weibliche Geschlechtsreife knüpft (s. dazu auch Robinson 2010).1 Umgekehrt sind Kinder vor der Pubertät sprachlich (und vermutlich auch kulturell) kaum vergeschlechtlicht. Genau hierfür eignet sich das Neutrum (das Kind, Baby, Neugeborene; das MädchenMädchen, Diandl, Wicht – es) mit Ausnahme lexeminhärent männlicher Kinderbezeichnungen (der Junge, Bub, Knabe – er). Säuglinge beider Geschlechter und Mädchen bis weit ins Erwachsenenalter hinein sind also in der Neutrumklasse vereint, aus der sich der Junge ab einem bestimmten Alter verabschiedet (bei diminuierten Jungennamen kommt es dialektal sogar vor, dass sie statt im erwartbaren Neutrum ins sexuskongruente Maskulinum treten, dr Ursli; Kap. 9.3).2 Braun/Haig (2010, 82) erwähnen das (indische) Tamil, wo Wörter für erwachsene Frauen und Männer Feminina bzw. Maskulina sind, solche für Kinder jedoch der Genusklasse der Inanimata angehören.

In verschiedenen Sprachen stecken Mädchen und Töchter als noch ‚verfügbare‘ und damit prekäre Wesen in abweichenden Nominalklassen (seien es Genus-, seien es Classifier-Systeme). Oft sind sie (und/oder ihre Pronomen) Neutra, oder sie befinden sich statt in der femininen (mit Frauen gefüllten) in der animaten Klasse (zusammen mit Tieren und Inanimata), s. Corbett (1991, 25f., 99ff.). In manchen Sprachen sind diese devianten Mädchenklassen so ‚attraktiv‘, dass immer mehr Bezeichnungen für Frauen (auch von unabhängigen, sich selbst versorgenden) hineinwandern (mit durchaus positiver Bewertung), ja sogar so viele aus der Feminin-Klasse abwandern, bis dort nur noch ‚Hausmütterchen‘, d.h. ältere weibliche Familienmitglieder wie Mütter und Großmütter verbleiben (s. dazu auch das Nordfriesische in Nübling 2017c, 198–203, wo die Femininklasse sogar implodiert ist, nachdem sämtliche Feminina zu den Neutra übergegangen waren). Zwischen dem Konzept ‚Mädchen/ledige junge Frau‘ bis hin zur älteren ‚Ehefrau und Mutter‘ erstreckt sich ein dramatisches nominalklassifikatorisches Feld, das viel über StatusStatus (sozialer) und Bewertung von Frauen berichtet und noch immer seiner typologischen Bestellung harrt. Auch kennzeichnet Frauenreferenzen ihre Affinität zur DiminutionDiminution, gegen die Männerbezeichnungen weithin immun zu sein pflegen (Kap. 6).

Noch interessanter als diese GenuskonflikteGenuskonflikt ist die Frage, wie es überhaupt dazu kommt, dass es im Kernbereich humaner Lexik trotz der sonst so konsequenten Genus-Sexus-Verschränkungen zur Zuweisung ‚falscher‘ Genera kommen kann. In Abb. 4-2 haben wir unter „Personen“ das Neutrum WeibWeib eingeklammert, um den Ausnahmecharakter zum sonst so engen Genus-Sexus-NexusGenus-Sexus-Nexus deutlich zu machen. Es gibt noch weitere Genus-Sexus-DevianzenGenus-Sexus-DevianzGenus-Sexus-DiskordanzGenus-Sexus-Diskordanz, die nicht in Abb. 4-2 enthalten sind, und zwar Männerbezeichnungen im Femininum: die Schwuchtel, die Tunte, die Memme. Wir beginnen mit diesen dreien, weil sich die Ratio dahinter schneller erschließt: Die deviante GenuszuweisungGenuszuweisung (feminine Männerbezeichnungen) steht für eine soziale Normverletzung. Männer, die andere Männer begehren (Schwuchtel, Tunte) oder weiteren Gendererwartungen nicht nachkommen (Memme als ‚Feigling‘), werden grammatisch geächtet; sie werden, indem man ihnen ‚weibliches‘ Verhalten unterstellt, ‚entmännlicht‘, aus der Maskulinklasse ‚exkommuniziert‘ und zu den Feminina abgeschoben. Diese hochmarkierte und stigmatisierende grammatische Devianz kann nur vor dem Hintergrund rigidester und verlässlichster Genus-Sexus-Kopplungen funktionieren. Damit bestätigen solche Genus-Sexus-Brüche (die in Verkennung dieser Fakten manchmal gar als Argument für die Genusarbitrarität herangezogen werden)3 umso nachdrücklicher die Regel: Verstöße gegen die Geschlechterordnung (Gender) werden durch Verstöße gegen die Genus-Sexus-OrdnungGenus-Sexus-Prinzip sanktioniert (ausführlicher dazu Nübling 2017a, im Druck). Auch Eisenberg (2013b, 137) betont, dass wenn „grammatisches und natürliches Geschlecht […] auseinanderfallen“, dies „stets abwertend oder neutral, niemals aber mit einer positiven Konnotation verbunden“ sei.

Während Männer ins Femininum, aber nicht ins Neutrum verschoben werden, ist es bei Frauen anders: Genus-Sexus-DiskordanzenGenus-Sexus-Diskordanz führen nur selten zu Maskulina, was wohl mit dem höheren StatusStatus (sozialer) von deren Mitgliedern zu erklären ist (Nübling 2017a, im Druck). Vielmehr führen sie zum ‚unbelebten‘ Neutrum: das MädchenMädchen, FräuleinFräulein, WeibWeib, FrauenzimmerFrauenzimmer (Abb. 4-6). Wie erwähnt, enthält das Neutrum primär Inanimata wie Gegenstände, Stoffe und Flüssigkeiten (Eisen, Blech, Kristall, Wasser, Öl, Blut), an Animata nur geschlechtsunreife Jungmenschen und -tiere (Kap. 4.2.2). Schon Krifka (2009) hat gezeigt, dass Neutra die wenigsten Animata enthalten. Er hat die 600 häufigsten Substantive nach Genus und Belebtheit sortiert und festgestellt, dass 26 % der Maskulina belebt sind, aber nur 8 % der Feminina und 7 % der Neutra: „Thus, by far most animate nouns are masculine“ (Krifka 2009, 156), denn aus der Perspektive der Animata sind 69 % maskulin, 16 % feminin und 9 % neutral (der Rest entfällt auf Plurale wie Leute, Arbeitslose).


Abb. 4-5: Gendereffekte bei Genus-Sexus-DiskordanzenGenus-Sexus-Diskordanz (soziale Fallhöhenunterschiede)Asexus

Werner (2012) spricht bei neutraler Referenz auf Animata von „AsexusAsexus […], und zwar mit intendierter, starker Pejoration“ (192). Diesen Terminus haben wir in Abb. 4-5 übernommen. Das Neutrum eignet sich zur Markierung bzw. Stigmatisierung nicht-geschlechtsreifer (MädchenMädchen) bzw. nicht-rollenkonformer Frauen (WeibWeib). Köpcke (1993, 140) spricht von „entkräftender Bedeutung“ und führt aus: „Wichtig ist, dass Bezeichnungen für Männer, Verwandtschaftsbeziehungen und für Frauen in sozial reifer und in sexueller Funktion niemals eine Entkräftung via neutraler GenuszuweisungGenuszuweisung erfahren“ (139). Dieser Aspekt wird in Nübling (2014a) anhand der Analyse neutraler das Merkel-Belege als „DeagentivierungDeagentivierung“ (Entzug von Handlungsmacht) gefasst (Kap. 9.3), was das agentive Maskulinum genau nicht leisten könnte. Deutlich erweist sich immer wieder ein Agentivitätsgefälle von Maskulinum über Femininum zu Neutrum, das (früher noch ausgeprägtere) gesellschaftliche Machtverhältnisse widerspiegelt und in der Abfolge (überkommener) behördlicher Anreden zur Formel HerrHerr, Frau, FräuleinFräulein sedimentiert ist (s. auch der, die, das; er, sie, es).

Köpcke/Zubin (1996, 2003) erkennen das Degradierungspotential der NeutralisierungNeutralisierung. Sie beschreiben zwei produktive lexikalische Cluster, bei denen das Femininum sozial unabhängigen, anerkannten Frauen gilt, die sexuell erfahren bzw. verheiratet sind, das Neutrum dagegen sexuell unerfahrenen, ledigen, sozial abhängigen Frauen, denen auch Naivität und leichte Zugänglichkeit nachgesagt werden kann (Prototyp: MädchenMädchen, FräuleinFräulein). Auch gilt es aufsässigen, unattraktiven Frauen jenseits der Fortpflanzungsfähigkeit (Prototyp: WeibWeib, Reff). Von solchen abwertenden Neutra erfassen die Autoren (über Wörterbücher) ca. 100 Types, deren Entstehung sie im 17./18. Jh. vermuten. Das Cluster ist weiterhin produktiv, was Anglizismen wie das Girl, Pin-up, Playmate, Model, Hottie, Bunny, Groupie belegen. Das Muster speist sich aus Metaphern, Metonymien und Diminutiven, auch aus (heute) genuinen Frauenbezeichnungen wie WeibWeib, MädchenMädchen, FrauenzimmerFrauenzimmer (s. dialektal verächtlich das MenschMensch).

Auch für zahlreiche Dialekte werden pejorative Neutra beschrieben, etwa von Dahl (1961) für das Mecklenburgische: „Solch abwertendes N. verdrängt sogar das natürliche Geschlecht: Frugensperson ist N. neben F.; Minsch, bes. Frugensminsch, hat wie das Hd. das N. für die negative sittliche Wertung ausgesondert; Unglücksworm N. gegenüber Worm M. als Tier; Balg als Schelte für Kinder ist N., sonst M. […]ma“ (199). Historisch sind negative Neutra ebenfalls belegt: „‚Das Mensch‘ und ‚der Kerl‘ – Die Konstruktion von Geschlecht in Unzuchtsverfahren der Frühen Neuzeit (1700–1760)“ heißt eine soziologische Untersuchung von Gleixner (1994). Die der „Unzucht“ angeklagten Frauen wurden in den damaligen Verhörprotokollen meist das MenschMensch oder das Weibsstück genannt. – In heutigen Schweizer Dialekten bezeichnet FräuleinFräulein im Neutrum (s Fröili) eine ledige Frau, im Femininum (d Fröili) dagegen eine Lehrerin, also die sozial unabhängige, berufstätige Frau. Auch Schirmunski (1962, 445) beobachtet, dass in Dialekten WeibWeib im Fall einer ledigen Frau neutral pronominalisiert wird, im Fall einer verheirateten feminin.

War mhd. wīp noch der allgemeine, wertneutrale Ausdruck für die Frau, hat es eine der klassischen Pejorisierungen zum Schimpfwort erfahren (Kap. 8). Andere Neutra steuern direkt die abwertende Domäne an: das Reff, Aas, Luder, Ferkel, Stück (Mist-/Weibsstück), Ding, Schaf, Klappergestell, Entchen, Ekel, Flittchen, Loch, Aschenputtel.4 Wichtig ist, dass es neben der negativen Semantik vor allem das neutrale Genus ist, das abgeschöpft wird, denn dieses kommt bei männlichen SchimpfwörternSchimpfwörter weitaus seltener vor. Wie eine aktuelle (2015) studentische Untersuchung anhand des Duden-Universalwörterbuchs von 2003 herausfand, sind hier nur sehr wenige genuin männliche Neutra verzeichnet (die den Mann als Versager ausstellen): das Muttersöhnchen, Bürschchen, Jüngelchen, Weichei. Einige andere werden überwiegend Männern zugewiesen: das Arschloch, Schwein, Mistvieh, Großmaul.5 Dabei könnten über Metaphern und DiminutionDiminution auch für Männer viele Neutra generiert werden. Dies unterbleibt jedoch weitgehend (was nicht heißt, dass es für Männer keine degradierenden Ausdrücke gäbe, es sind nur auffällig wenige Neutra). Dies erklärt umgekehrt die vielen Diminutiva für Frauen: Einerseits drücken sie Kleinheit, Unwichtigkeit und Verfügbarkeit aus, andererseits produzieren sie Neutra. Bei MädchenMädchen ist der Diminutiv längst lexikalisiert, potentiell paralleles Jüngchen/Jünglein wurde jedoch nie gebildet (ähnliches gilt für FräuleinFräulein entgegen *Herrlein/Herrchen). Wie König (2005, 166f.) zu entnehmen ist, sind sämtliche Dialektwörter für Mädchen Neutra: das MenschMensch, Mäken/Mädle/Madl, Diandl, Wicht, Luit, Famen, Deern (bei letzterem auch di Deern). Dagegen sind alle Jungenbezeichnungen (von denen es deutlich weniger gibt) maskulin: de(r) Junge, Bua, Kerle.

Auch in polnischen Dialekten sollen Lexeme für Mädchen und unverheiratete Frauen neutral und solche für verheiratete Frauen feminin sein. Der Wechsel vom Neutrum zum Femininum vollzieht sich direkt nach der Hochzeit, d.h. Heirat hebt vormals neutrale Frauen ins sexuskongruente Femininum an (Corbett 1991).6 Ähnliches beobachtet Robinson (2010, 151–170) bei der genusvariierenden Pronominalisierung weiblicher Figuren in den Grimm’schen Märchen, wo es-Mädchen zu sie-Mädchen aufsteigen, sobald sie geheiratet werden oder dies auch nur in Aussicht steht (der Mann sie also nur begehrt): „No marriage, no sie“ (ebd., 156). Männer verhelfen damit Frauen in ihr kongruentes Genus. Grundsätzlich stellt auch der Typologe Östen Dahl (2000) fest, dass wenn Menschen ein sexusdeviantes Genus oder sogar das Neutrum zugewiesen wird, dies mit ihrem „downgrading“ verbunden ist:

In many languages, speakers may achieve various secondary effects by using the ‘wrong’ gender for a referent, thereby as it were attributing to it the properties associated with that gender. Thus, it seems to be quite common in American English for inanimate objects to be referred to as he and she or for masculine pronouns to be used for women and vice versa or even for humans to be called it […].7 Such ‘upgrading’ and ‘downgrading’ may become more or less conventionalized […]. (Dahl 2000, 105)

Das Neutrum besitzt also das größte Pejorisierungspotential. Dies erklärt, weshalb das Englische bei der pronominalen Genusabstraktion im Singular (zur Vermeidung von pseudogenerischem he) auf singularisches they ausweicht oder auf Mischformen zwischen he und she, doch niemals auf it. Ebenso im Schwedischen, wo die unlängst kreierte genus- und sexusindefinite Form hen an sexusdefinites han ‚er‘ und hon ‚sie‘ anschließt (und unbelebtes det und den gemieden wurde).8 Auch diejenigen, die sich jenseits der dichotomen Geschlechtsklassifikation verorten, empfehlen zur Vermeidung jeglicher Geschlechtsassoziation nicht es, sondern kreative Mischformen aus sie und er, z.B. er_sie, si_er, sie_r, xier, x oder ecs (Kap. 6 und 10.3; AG Feministisch Sprachhandeln 2014/15).

Zusammenfassung

Die beiden Nominalklassifikationen Genus und Flexionsklasse sind eng mit Belebtheit und Geschlecht(ern) vernetzt. Die deutsche Grammatik ist subtil von einem ganzen Geflecht an Geschlechtsindikatoren durchzogen. Indem diese Kategorien in jedem Satz mehrfach aktiviert werden, verfestigen und perpetuieren sich diese Geschlechtsverweise. Weder Flexionsklassen noch Genus hatten ursprünglich die Geschlechterunterscheidung zum Ziel. Dies ist vielmehr Resultat späterer Reanalysen (Exaptation): Aus sprachhistorischer Perspektive zeigt sich, dass und wie überflüssige oder obsolet gewordene Formen mit neuen Funktionen angereichert werden und diese Funktionen um sozial so elementare und zentrale Unterscheidungen wie Belebtheit und Geschlecht(er) kreisen. Andere soziale Unterscheidungen wie Religion, Alter, Ethnizität etc. haben keine Grammatikalisierung erfahren, sie werden lexikalisch realisiert. Die sog. Genus-Sexus-RegelGenus-Sexus-PrinzipGenus-Sexus-RegelGenus-Sexus-Prinzip ist die sichtbarste Verschränkung von Grammatik und Zweigeschlechtlichkeit. Nur vor diesem Hintergrund erzielen ‚Verletzungen‘ dieser Regel besondere Effekte: Feminine Männer- oder neutrale Frauenbezeichnungen verweisen auf ‚Verletzungen‘ von Geschlechterordnungen.

Das nun folgende Kap. 5 zum sog. generischen Maskulinum dockt direkt an den Genuskomplex an und greift eine große Kontroverse auf, indem es danach fragt, ob maskuline Personenbezeichnungen unter bestimmten Bedingungen ihre Verweiskraft auf Geschlecht außer Kraft setzen können, ob also ein Hörer, der Bürger oder ein Kunde geschlechtsübergreifend verwendbar sind, indem damit Frauen wie Männer assoziiert werden. Diese Frage ist so zentral, dass wir ihr ein eigenes Kapitel widmen.

5. Das so genannte generische Maskulinum

Dieses Kapitel adressiert eine der größten Kontroversen in der öffentlichen Diskussion: Können maskuline Personenbezeichnungen wie Tourist, Einwohner, Leser, Pilot oder IndefinitpronomenIndefinitpronomen wie man, keiner, niemand geschlechtsübergreifend referieren, also von Geschlecht absehen? Kann das in ihnen enthaltene Maskulinum seine (in Kap. 4 belegte) Verweiskraft auf das männliche Geschlecht außer Kraft setzen oder zumindest reduzieren? Wie verhält sich dies im Plural? Für alle Substantive gilt, dass sie im Plural genusneutral sind, was bedeutet, dass keines ihrer Begleitwörter irgendetwas über Genus verrät. ‚Vergisst‘ man im Plural das Singulargenus, fördert der Plural eine ausgewogenere Repräsentation beider Geschlechter? Im Gegensatz zur öffentlichen Diskussion, die ohne Bezug zur Linguistik auszukommen pflegt, hat die (Psycho-)Linguistik diese Frage weitgehend beantwortet. Die über verschiedene Untersuchungsdesigns gewonnenen Ergebnisse weisen alle in die gleiche Richtung und führen zu dem Schluss, dass das sog. generische Maskulinum (GM) nur sehr bedingt funktioniert. In diesem Kapitel wollen wir die wichtigsten Tests vorstellen und relevante Differenzierungen vornehmen.

Zunächst irritiert die genderlinguistische Verwendung des Terminus generisch, denn er wird anders als in der Linguistik üblich verwendet (s. Hellinger 1990, 89f.; Heise 2000, 4; Christen 2004, 27f.; Petterson 2011, 62–70; Ott 2017a, 16f.). Eine generische Personenbezeichnung bezieht sich abstrakt auf eine Gattung (Klasse) als solche und keinesfalls auf konkrete Mitglieder derselben. Generisch sind folgende Sätze: Der/Ein MenschMensch ist ein Säugetier. (Die) Menschen sind Säugetiere. Wie man sieht, kann man sowohl im Singular als auch im Plural mit beiden Artikeln generisch referieren. Indem sich Generika nicht auf konkrete (Referenz-)Objekte beziehen, sind sie nicht-referenziell (nicht-identifizierend). Deshalb sind sie auch nicht erweiterbar durch Zahlwörter oder durch bestimmte/r, gewisse/r oder diese/r. Damit würde eine spezifische, referenzielle Lesart erzeugt: Diese/Bestimmte Menschen des 15. Jhs. setzt voraus, dass es sich um spezifische, vorerwähnte oder zumindest bekannte (eingeführte) Menschen handelt. Dies trifft auf Generika genau nicht zu. Betrachtet man die Tests zum sog. GM, wird echte Generizität selten zugrundegelegt. In aller Regel handelt es sich um spezifische Referenzen.

Sehr kurz fasst sich Bußmann (2002) bei der Definition des GM: „Gebrauch maskuliner […] Personenbezeichnungen und Pronomina zur Referenz auf beide Geschlechter“ (245). Klann-Delius (2005) liefert außerdem einige Beispiele:

Unter generischem Maskulinum werden Formen maskuliner Nomina und Pronomina verstanden, die sich auf Personen mit unbekanntem Geschlecht beziehen, bei denen das Geschlecht der Personen nicht relevant ist, mit denen männliche und weibliche Personen gemeint sind oder mit denen eine verallgemeinernde Aussage gemacht werden soll […]. Beispiele sind:

  Die Sendung wird dem Zuschauer gefallen.

  Der Japaner ernährt sich meist gesund. Fast jeder konsumiert häufig Fisch und Gemüse.

  Man sollte wirklich nicht mehr rauchen.

 Jeder, der raucht, kann einen frühen Tod erleiden. (26) [Unterstreichungen: DN].

Generisch wird somit in der Bedeutung von geschlechtsübergreifend oder -inklusiv, geschlechtsneutral, -indifferent oder -abstrahierend gefasst und bildet die Opposition zu geschlechtsspezifisch oder geschlechtsdefinit. Wir schließen uns Pettersson (2011) an und sprechen ab jetzt von geschlechtsübergreifendem Maskulinum, das wir – nicht unintendiert – ebenfalls unter „GM“ subsumieren, der bereits etablierten Abkürzung für Generisches Maskulinum. Da die Literatur zum generischen Maskulinum in aller Regel geschlechtsübergreifende Maskulina meint, ist diese Gleichsetzung vertretbar.

Vorab sind verschiedene Arten der Determination zu berücksichtigen (Hellinger 1990, 87–92; Doleschal 1992; Schoenthal 1998, 11; 2000). Es ist nämlich ein großer Unterschied, ob man eine Einzelperson (sprachlich) ausstellt und beleuchtet (dieser Nachbar ist besonders nett) oder ob man von irgendeiner Gruppe von Personen spricht, die womöglich nicht einmal Subjekt oder nur Objekt der Handlung ist, sondern Teil einer adverbialen Angabe (du kannst das Paket nebenan bei den Nachbarn abgeben). Dass dieser Nachbar keine Frau ist, dagegen nebenan bei den Nachbarn Frauen enthalten kann, dürfte weithin geteilt werden. Deutlich wird auch, dass der Numerus (ob Singular oder Plural) eine Rolle spielt, denn bei einer spezifischen Einzelperson (dieser Nachbar) erwartet man eine konkrete und korrekte Geschlechtsangabe, nicht aber von allen Personen einer Gruppe (meine Nachbarn); mehr dazu unten.

Da nicht-referenzielle Gebräuche von konkreten Eigenschaften der Personen absehen, tritt in solchen Verwendungen das Personengeschlecht am meisten zurück, wird es also irrelevant (dem Zuschauer wird das gefallen). Dies gilt auch für Prädikatsnomen, d.h. Nomen, die nach einer Kopula (einer Form von sein oder werden) stehen: In mein Nachbar ist Bäcker entfaltet ‚Bäcker‘ primär die semantischen Merkmale ‚beruflich backend‘. Ein bestimmter, konkreter Bäcker tritt dabei nicht auf. Gleiches gilt für die Kopula werden: mein Nachbar wird Bäcker. Hier stellt sich die Frage, ob das durch das Maskulinum evozierte Geschlecht soweit herausgefiltert bzw. in den Hintergrund geschoben wird, dass auch bei Frauen solche maskulinen Prädikatsnomen stehen können: ?meine Nachbarin ist Bäcker / wird Bäcker; sie ist Physiker (gemäß Duden-Grammatik 2016, § 1582 geht beides; mehr in Kap. 6.2.2.1).

(Nicht-)ReferenzialitätReferenzialität ist ein komplexes, abgestuftes Konzept. Am referenziellsten sind Objekte (dazu gehören auch Menschen und Tiere), wenn sie sprachlich identifiziert sind, und das leisten per se Eigennamen am besten, die wir hier ausklammern (Kap. 9). Objekte werden auch identifiziert, wenn man sprachlich auf sie zeigen kann, denn Referenzialität ist an den Grad der Identifizierbarkeit, ‚Sichtbarkeit‘ und Definitheit geknüpft. Dies alles nimmt in Tab. 5-1 von a) nach h) hin ab. Wir verwenden jeweils zwei maskuline Personenbezeichnungen: Gast, wozu keine geläufige feminine Form besteht, und Rentner, wozu das usuelle Femininum Rentnerin existiert. In beiden Klassen dürften sich real so viele Frauen wie Männer befinden, in letzterer eher noch mehr Frauen. Wir schließen damit männlich genderisierte Personenbezeichnungen wie Mörder, Kapitäne, Astronauten bewusst aus, ebenso weiblich genderisierte wie Kosmetiker, Altenpfleger, Erzieher (hierzu später mehr).


Beispiele Kategorien
a Sehr geehrter Gast! Lieber Rentner! adressierend + + Referenzialität – – + + Relevanz von Geschlecht – –
b Dieser Gast / Dieser Rentner bezieht gleich sein Zimmer referierend: spezifisch, demonstrativ, Agens
c Der Gast / Der Rentner sucht noch seinen Koffer spezifisch, definit, Agens
d Ich habe den Gast / den Rentner begrüßt spezifisch, definit, Patiens
e Ich begrüße nachher noch einen [bestimmten] Gast / Rentner spezifisch, indefinit
f Im Wirtshaus kommt nachher sicher noch [irgend] ein Gast / ein Rentner vorbei nicht-spezifisch, indefinit
g Sg.: Ein (der) Gast / ein (der) Rentner ist immer willkommen; Pl.: Gäste / Rentner sind immer willkommen. generisch, Subjekt
h Du bist ein beliebter Gast / jetzt (ein) Rentner prädikativ

Tab. 5-1: Einige syntaktische und referenzlinguistische Kategorien und ihr Bezug zur ReferenzialitätReferenzialität und Relevanz von Geschlecht

Tab. 5-1 enthält nur eine kleine Auswahl an syntaktischen und referenzlinguistischen Kategorien. Sie verdeutlicht deren Bezug zur ReferenzialitätReferenzialität und damit zur Relevanz von Geschlecht: Je referenzieller, desto obligatorischer die Geschlechtsangabe. Wir haben unter a) auch die sog. AdressierungAdressierung eingefügt (und vom referierenden Rest abgehoben), da Personen sehr oft angesprochen (und nicht nur besprochen) werden. Bei der Verwendung von Rentner in a) scheinen Frauen sich am wenigsten angesprochen zu fühlen (evt. auch bei Gast). Genau in dieser Adressatenfunktion werden die beiden Geschlechter am häufigsten ausgeflaggt (z.B. durch liebe Rentnerin, lieber Rentner!). Die Konkretheit und Identifizierbarkeit (Referenzialität) des Gastes bzw. Rentners nimmt von a) bis h) sukzessive ab, und in diesem Maß vermutlich auch die Vorstellung eines männlichen Vertreters. Damit ist nicht gesagt, dass in f) bis h) beide Geschlechter gleichermaßen aufgerufen werden, sondern Geschlecht scheint zurückzutreten, irrelevant zu sein. Diese Irrelevanz gilt nicht für a) bis e). Hier erbringen Tests Evidenz dafür, dass kaum Frauen assoziiert werden: Weibliche Rentner müssen hier als movierte Rentnerin erscheinen (Doleschal 1992). Wie dies bei Gast aussieht, wozu nur selten Gästin gebildet wird, ist noch ungeklärt.1 Evozieren nichtmovierbare maskuline Personenbezeichnungen (Gast, Fan) mehr weibliche Vorstellungen als movierbare (Rentner, Kunde), die auf die Existenz einer spezifisch weiblichen Form verweisen? Die Exponierung von Einzelpersonen erfordert Geschlechtsspezifizierung.

Bekanntlich ist es nicht möglich, sich eine geschlechtslose Einzelperson vorzustellen. Daraus resultiert das notorische Problem, auf Straßenschildern oder Ampeln, geschlechtslose Figuren darzustellen. Aus der experimentellen Psychologie weiß man, dass ein Mensch ohne deutlich weibliche Geschlechtsinsignien (Brust, Rock, Stöckelschuhe) als Mann gelesen wird (Heintz 1993, 28). Bei jeder noch so flüchtigen Begegnung mit einem Menschen erwarten wir, sofort das Geschlecht zu erkennen (Heintz 1993; Hirschauer 2001). Bei sprachlichen Zeigegesten auf individualisierte Personen (Fälle a) bis e)) greift das Genus-Sexus-PrinzipGenus-Sexus-Prinzip am verlässlichsten. Dies unterstreicht auch Becker (2008): „Da wir uns kaum eine geschlechtslose Person vorstellen können, ist es nahezu immer relevant, beim sprachlichen Bezug auf eine Einzelperson das Geschlecht zu erwähnen“ (66). So komme es einer Lüge gleich, wenn „ein Mann seiner Ehefrau mitteilt: ‚Heute abend gehe ich mit einem Kollegen zum Essen‘“ (ebd.) und es sich dabei um eine Kollegin handelt. Diese Mitteilung entspricht Typ e) mit hoher Geschlechtsrelevanz.

In den letzten vier Fällen e) bis h) tritt der Indefinitartikel – in unterschiedlicher referenzieller Ausprägung – auf: in e) handelt es sich um einen zwar unbekannten, aber konkreten und für die SprecherIn spezifischen Referenten, der mit bestimmt oder gewiss erweiterbar ist (heute abend gehe ich mit einem bestimmten/gewissen Kollegen zum Essen). Dagegen enthält f) keinen spezifischen Referenten mehr, was das Nomen mit irgend kombinierbar macht. In g) und h) versiegt jegliche ReferenzialitätReferenzialität; in g) liegt echte Generizität (abstrakter Bezug auf die Klasse) vor, in h) prädikative Verwendung, die nur die zentralen Seme (Bedeutungskomponenten) abschöpft (Doleschal 1992, 72). Ebenso sind Determinationsglieder von Komposita nicht-referenziell: Raucherabteil, Ausländeranteil, Verbraucherdienst. Bei der Verwendung von Prädikatsnomen ist das Personengeschlecht durch das Subjekt in der Regel bekannt (auch bei ich und du durch die Anwesenheit dieser Personen); hier stellt sich vielmehr die Frage, ob ein maskulines Prädikatsnomen mit einem weiblichen Subjekt kookkurrieren kann, z.B. sie ist ?Lehrer/?Rentner/?Nichtraucher (Kap. 5.1.11 und 6.1.1.2). In den Fällen a) bis g) stellt sich dagegen die interessante wie relevante Frage, was Hörer- oder LeserInnen tun, wenn sie gebeten werden, solche Bezeichnungen zu konkretisieren, z.B. indem sie die assoziierten Personen zeichnen, ihnen Namen geben oder Geschichten über sie erfinden sollen.

Der Einfachheit halber haben wir nur Singulare verwendet (außer in g). Allerdings dürfte die Numeruswahl hochrelevant sein. Kontrastiert man diese Sätze mit Pluralen, schwächt sich die männliche Lesart ab. Wie bereits gesagt, ist im Plural Genus grundsätzlich unsichtbar (‚Genusneutralisierung‘Neutralisierung). Die Frage ist nur, ob das singularische Genus im Plural ‚vergessen‘ wird. Tatsache ist, dass Nomen, die nur im Plural vorkommen (sog. Pluraliatantum wie Leute, Ferien, Unkosten) tatsächlich kein Genus haben (aber anscheinend dennoch ein Geschlecht, zu Leute s. Kap. 5.1.11). Daraus resultiert die wichtige Frage: Führt die Pluralisierung von Maskulina zu einer ausgewogeneren Geschlechterassoziation? Die meisten Tests (mit Ausnahme von Kusterle 2011 und De Backer/De Cuypere 2012) haben die Numerusopposition nicht oder eher zufällig berücksichtigt. Grundsätzlich tritt die kognitive Geschlechtswahrnehmung bei den Mitgliedern einer Gruppe in den Hintergrund, da es eine Überforderung wäre, jedem einzelnen ein Geschlecht zuzuweisen, vgl. ein Tourist kam auf mich zu vs. Touristen kamen auf mich zu. Im Singular besteht eher Geschlechtsspezifizität, während im Plural auch Frauen enthalten sein können, denn im Deutschen gilt das Prinzip, dass Movierung auch dann unterbleibt, wenn sich in einer Gruppe mehr Frauen als Männer befinden: 99 Sängerinnen und ein Sänger bilden nach deutscher Grammatik 100 Sänger (Pusch 1984). Nur reine Frauengruppen werden moviert (Touristinnen). Daher: Einige Touristen – alles Männer/?alles Frauen / darunter auch Frauen/*darunter auch Männer – kamen auf mich zu. Doch gibt es durchaus Belege für GM, bei denen die Anwesenheit männlicher Mitglieder thematisierbar ist, Frauen somit präsupponiert sind: „Die Täter sind überwiegend Männer, viele der Taten geschehen im nahen sozialen Umfeld“ (Pettersson 2011, 15); „Mit ‚Männer und andere Irrtümer‘ hat die […] Kabarettistin Simone Mutschler […] vor etwa 60 Zuhörern, darunter auch Männer, ihr Debüt gegeben“;2 selbst im Singular (aus einem Bericht über Osteoporose): „Jeder vierte Patient ist ein Mann“. Hierzu besteht noch intensiver Forschungsbedarf.

Hinzu kommt, dass jedes Lexem ein sog. soziales Geschlecht hat (genderisiert ist), das sich aus außersprachlichen Geschlechterverteilungen oder -vorstellungen (die oft historisch befrachtet sind) speist: Piloten und Professoren werden eher männlich gelesen als Touristen, Zuhörer und Patienten.

Schließlich sind auch die syntaktischen Funktionen und die damit verbundenen semantischen Rollen von Bedeutung: Der Grad an ReferenzialitätReferenzialität ist z.B. eingeschränkt, wenn Gast kein direkter Partizipant (Handlungsbeteiligter) ist – d.h. weder Subjekt (Agens) noch Dativ- (Rezipient) oder Akkusativobjekt (Patiens) –, sondern (meist innerhalb einer Präpositionalphrase) nur der räumlichen Verortung von etwas anderem dient und somit adverbiale Funktion innehat: gestern war die Heizung bei dem Gast nicht aufgedreht; sie geht nachher in den Blumenladen neben dem Biobäcker; sie ist immer noch beim Arzt. Da bislang die Abhängigkeit möglicher Geschlechtsassoziationen von den graduellen Gehalten an Referenzialität kaum untersucht ist, wird im Folgenden öfter auf solche Faktoren hingewiesen. Gerade bei dieser überaus kontrovers und oft ideologisch geführten Debatte um die Funktionstüchtigkeit des GM ist der Forschungsstand besonders gering (s. jedoch Doleschal 1992; Pettersson 2011; Kusterle 2011).

Wir beginnen mit Studien zur fraglichen Geschlechtsneutralität maskuliner Substantive (5.1.) und gehen anschließend zu (maskulinen) Indefinitpronomen über (5.2).

5.1 Substantive

Feministische Beiträge starten gerne mit einem sog. Sprachrätsel, das dem genuslosen Englischen entstammt und einfach (bzw. brachial) in die Drei-Genus-Sprache Deutsch übertragen wird. Es soll das Versagen des GM belegen und lautet in etwa so:

Vater und Sohn fahren im Auto. Sie haben einen schweren Unfall, bei dem der Vater sofort stirbt. Der Junge wird mit schweren Kopfverletzungen in ein Krankenhaus gebracht, in dem ein Chef-Chirurg arbeitet, der eine bekannte Kapazität für Kopfverletzungen ist. Die Operation wird vorbereitet, alles ist fertig, als der Chef-Chirurg erscheint, blass wird und sagt: „Ich kann nicht operieren, das ist mein Sohn!“. Frage: In welchem Verwandtschaftsverhältnis stehen der Chirurg und das Kind?

Es ist niemandem zu verübeln, mit Chefchirurg nicht die hier anscheinend erwartete Mutter zu assoziieren.1 Man muss sich auch nicht vorwerfen, bei anspruchsvollen akademischen Berufen nur an Männer zu denken. Was im Englischen funktionieren kann, muss es im Deutschen noch lange nicht: Es wird zunächst ein Chefchirurg (m.) eingeführt, der dann mit dem Definitartikel wiederaufgegriffen und identifiziert, ja sogar in die Subjekts- und Agensposition gehoben wird (der Chefchirurg sagt X). Dies entspricht Funktion c) in Tab. 5-1. Es handelt sich um eine referenzielle Verwendung, die am entgegengesetzten Pol der generischen Verwendung angesiedelt ist. Ist eine Frau gemeint, muss das Femininum Chirurgin auf den Plan treten. Ganz anders im Englischen, wo erstens kein Nominalgenus existiert und damit auch kein Genus-Sexus-PrinzipGenus-Sexus-Prinzip und zweitens es zu surgeon kein weibliches Wortbildungskorrelat gibt. Damit greift bei engl. surgeon, doctor, professor, driver ausschließlich das soziale Geschlecht, also Gender, das auf stereotypen Vorstellungen basiert und/oder der realen Geschlechterrepräsentanz der bezeichneten Tätigkeit. Das Englische erfordert einzig bei der Pronominalisierung eine Geschlechtsoffenbarung durch she oder he. Wie vielfach nachgewiesen, taugt he nicht zur Geschlechtsabstraktion, es wurde und wird geschlechtsspezifisch verstanden.2 Genau hier setzte schon früh die feministische Sprachkritik an, die heute greifbare Erfolge vorweisen kann, indem statt pseudoneutralem he entweder he or she, s/he o.Ä. oder singularisches they verwendet wird (Bodine 1975, Graddol/Swann 1989, 105–110; Hellinger 1990). Dieses ‚Sprachrätsel‘ zeigt, wie problematisch es ist, englische Verhältnisse auf das Deutsche übertragen zu wollen. Auch eng verwandte Sprachen können sehr unterschiedliche grammatische Strukturen enthalten. Eine genderlinguistisch relevante Kernfrage lautet: Unterscheidet diese Sprache zwischen Femininum und Maskulinum? Im Nominalbereich tun dies weder Englisch, noch Schwedisch, noch Dänisch (s. eingehend Hellinger 1990; zum Schwedischen Nübling 2000). Dass es jenseits von Genus dennoch zu präferiert männlichen Lesarten kommt (people = male biasmale bias), zeigt auch das Englische mit Sätzen wie „Americans of higher statusStatus (sozialer) have less chance of having a fat wife“ (Linke 2002, 122; dazu mehr in Hellinger 1990).

Bevor wir einige Studien zur Funktionstüchtigkeit des GM vorstellen, soll die das gesamte Deutsche durchziehende strukturelle Asymmetriestrukturelle Asymmetrie dargestellt werden, die wir bislang nur impliziert haben: Geschlechtsübergreifende und geschlechtsspezifische maskuline Personenbezeichnungen sind homophon (synkretistisch), d.h. sie unterscheiden sich formal in nichts (Tab. 5-2). Rezipientinnen müssen somit bei jedem Maskulinum erschließen, ob sie ein- oder ausgeschlossen sein könnten. Männer sind immer eingeschlossen.3


Singular sog. generisches Maskulinum (geschlechtsübergreifend) der Student
geschlechtsspezifisch die Studentin der Student
Plural geschlechtsspezifisch die Studentinnen die Studenten
sog. generisches Maskulinum (geschlechtsübergreifend) die Studenten

Tab. 5-2: Der doppelte SynkretismusSynkretismus bei maskulinen Personenbezeichnungen (nach Pusch 1984, 54)

Offiziell gibt es also zwei Verwendungen von der Student, eine geschlechtsübergreifende (der Student muss heute mit 735 Euro Bafög auskommen) und eine geschlechtsspezifische (der Student, der uns vorhin geholfen hat, heißt Rudi). Der erste Satz soll Frauen mitmeinen, der andere nicht, sonst spräche man von Studentin. Die gleiche Situation ergibt sich im Plural (s. die grau hinterlegten Zellen in Tab. 5-2). Fett gedruckt sind die geschlechtsmarkierenden Morpheme. Im geschlechtsübergreifenden Gebrauch soll also der Maskulinartikel der vom Sexusverweis entkoppelt sein. Die Frage ist, ob das tatsächlich der Fall ist bzw. ob die unterschiedlichen Maskulinverwendungen beherrscht werden. Wie zahlreiche LinguistInnen, allen voran Pusch (z.B. 1984, 27ff.; Gorny 1995, 525ff.), vielfach nachgewiesen haben, stößt man ständig auf vermeintliche GM, die auf einmal in die geschlechtsspezifische Lesart umkippen – und somit vermuten lassen, dass schon die erste Nennung nicht geschlechtsübergreifend gemeint gewesen sein kann.

Ein klassisches Beispiel dafür liefert die Zeitschrift „Forschung & Lehre“ des Deutschen Hochschulverbands, der bis heute fest ans GM glaubt und damit beide Geschlechter berücksichtigende Schreibweisen ablehnt. Im Jahr 2014 beschreibt ein Artikel das neue Konzept des sog. Projekt-Professors:

Die Daueraktivität des projektorientierten Professors erfordert dagegen Gewandtheit im Auftreten, gute Laune, Flexibilität und weitestgehende Verfügbarkeit. Wer sich als Familienvater […] zu sehr gebunden hat, gilt schnell als inflexibel und damit unbrauchbar. (Forschung & Lehre 2014/11, 873).

Sicher würde sich der Verfasser dagegen verwahren, Frauen beim „Projekt-Professor“ nicht mitgemeint zu haben. Trotzdem hat er sie vergessen, wenn sich der vermeintlich geschlechtsneutrale Professor im Folgesatz als Familienvater entpuppt.4 Dabei wäre der erste Satz generisch zu interpretieren als ‚alle Mitglieder der Klasse Professor‘. Dieses Unvermögen, zwischen geschlechtsübergreifenden und geschlechtsspezifischen Maskulina zu unterscheiden, findet sich in allen Bildungsschichten und in jeder Zeitung zuhauf, besonders häufig in der F.A.Z.

Dieser Zeitung ist denn auch das zweite Beispiel entnommen, das zeigt, wie leicht dies schiefgehen kann. In dem Artikel „Revolution in Japan – Gastarbeiter willkommen“ (13.10.2018) ist vielfach von „Arbeitsmigranten“, „Ausländern“, „Arbeitern“ etc. die Rede, die in Japan dringend benötigt werden für die Bereiche „Landwirtschaft, Pflegedienste, Bau und Beherbergungen“. Gegen Ende erfährt man jedoch: „Diese Arbeitsmigranten sollen auch Ehefrauen und Kinder mitbringen dürfen“. Mutmaßt man anfangs noch, dass evtl. Frauen mitgemeint sein könnten, wird man am Ende eines Besseren belehrt (der F.A.Z. darf man ein heterosexuelles Weltbild unterstellen). Die F.A.Z. besteht darauf, dass generische Maskulina bei ihr auch wirklich „generisch“ gemeint seien – und widerlegt sich regelmäßig selbst.

Das dritte Beispiel stammt aus der Süddeutschen Zeitung (16.05.1997) und wirbt wie folgt für ein Vorbereitungstraining für akademischen Nachwuchs: „Für immer an die Uni – wenn nicht als ewiger Student, dann wenigstens als Herr Professor!“. Student steht im Singular und fördert kraft seines maskulinen Genus (und nicht der Unterrepräsentanz von Studentinnen) die sexusspezifisch-männliche Lesart: Der Genus-Sexus-NexusGenus-Sexus-Nexus ist hart.

Auch im Plural verdeckt das Maskulinum die mögliche Tatsache, dass sich unter alle Studenten theoretisch 99 % Frauen befinden können: Sobald nur ein Mann der Gruppe angehört, wird die maskuline Form pluralisiert. Pluralisierte Feminina (Studentinnen) enthalten dagegen ausschließlich Frauen.5

Gravierender und mit fatalen praktischen Konsequenzen verbunden ist das vierte Beispiel, das Pusch (1999, 19) erwähnt: Ein Lehrer wurde beauftragt, für einen Landkreis einen sog. Altenhilfeplan zu entwickeln. Dort spricht er, vermeintlich generisch, konsequent von der Senior, der alte Mitbürger etc. und vergisst bzw. übersieht darüber die spezifischen Belange der faktisch zwei Drittel betragenden Seniorinnen (nämlich dass sie im Schnitt weniger Einkommen als Senioren haben, dass sie häufig ihre Männer pflegen oder verwitwet sind und deshalb andere Probleme für sie gelten). Durch die Maskulina gerieten dem Lehrer die Frauen aus dem Blick. Der Altenhilfeplan musste komplett umgeschrieben werden, da er den Lebensalltag der meisten Alten verfehlt hatte.

Dieser sprachlichen Unsichtbarkeit von Frauen, so die verbreitete Forderung, kann nur begegnet werden, indem sie über PaarformenPaarform bzw. BeidnennungenBeidnennung (Studentinnen und Studenten), SchrägstricheSchrägstrich (Student/inn/en) oder über die Schreibung mit großem I (StudentInnen) sichtbar gemacht werden. Auch wenn dies den SchreiberInnen Gewandtheit und Flexibilität abverlangt, so kann aus dem Unwillen, dieses Problem anzugehen, nicht – wie allzu häufig der Fall – der Fehlschluss gezogen werden, es gebe kein Problem. Dass die Lesbarkeit durch geschlechtergerechtere Formen beeinträchtigt wird, wurde durch Studien widerlegt (s. Braun et al. 2007).

Da viele, die Artikel oder Arbeiten verfassen, mittlerweile ahnen, dass das GM ein Problem darstellt, versuchen sie es durch eine Fußnote mit ungefähr folgendem Wortlaut zu bannen: „Aus Gründen der besseren Lesbarkeit verwendet die folgende Arbeit ausschließlich die männliche6 Form. Sie bezieht sich auf Personen beiderlei Geschlechts“. Allerdings schützen solche Absichtserklärungen nicht vor der Verwechslung geschlechtsübergreifend intendierter mit geschlechtsspezifischen Maskulina. Im Gegensatz zu männlichen Lesern, die immer gemeint sind und deshalb weniger ein Problem mit dem Deutschen haben, gilt für die weiblichen, dass sie fast nie wissen können, ob sie mitgemeint sind oder nicht. Pusch (1984) vergleicht dies mit einer Lotterie: „Man kann also unser deutsches Sprachsystem […] mit einer Lotterie vergleichen, in dem Männer mit jedem Los gewinnen (mit beiden Lesarten gemeint sind), Frauen aber nur mit jedem zweiten“ (27). Vermutlich dürfte dies noch zu optimistisch sein, denn auch das zweite Los meint Frauen möglicherweise seltener als man glauben möchte. Dazu referieren wir nun linguistische Tests, psycholinguistische Experimente und Textanalysen. Da kommunikativer Erfolg sich weniger aus produzentenseitigen Absichtserklärungen (wie der oben genannte Fußnote) bemisst als ausschließlich aus dem rezipientenseitigen Verständnis – was nützt der bestgemeinte Text, wenn er nicht oder falsch verstanden wird? –, befassen sich diese Studien nur mit Hörern bzw. Leserinnen (RezipientInnen). Mittlerweile gibt es zahlreiche Tests, von denen wir (weitgehend chronologisch) die wichtigsten referieren (zu weiteren s. Motschenbacher 2015). Alle sind geltenden Standards verpflichtet: Die Intention der Tests wurde verschleiert, Distraktoren wurden eingebaut und genügend Test- oder Versuchspersonen (Vpn) mit ausgewogener Geschlechterverteilung (meist Studierende) berücksichtigt, um belastbare Schlüsse ziehen zu können.

5.1.1 Maskulina verstärken männliche Vorstellungen (Klein 1988, 2004)

1987 hat Josef Klein, von dem Wunsch getragen, vom Glauben zum Wissen vorzudringen, einen schriftlichen Test durchgeführt, den er in seinem Aufsatz von 1988 (ähnlich auch in Klein 2004) vorstellt und wo er die Wirkung sog. GM (der Bürger) mit der von PaarformenPaarform (der Bürger/die Bürgerin) vergleicht. Klein geht von der unbestreitbaren Tatsache aus, dass bei einem Satz wie die Stadt Koblenz hat 110000 Einwohner niemand daran zweifeln würde, dass darin auch alle Einwohnerinnen enthalten sind. Vielmehr stellt er die spezifischere Frage, ob das GM sog. Vorrangkonzepte für den Mann als menschlichen Prototyp fördert. Es geht also weniger darum zu fragen, ob, sondern wie stark Frauen mit Maskulina assoziiert werden bzw. umgekehrt, ob bzw. wie stark Männer durch das GM bevorzugt werden.

Bei dem Beispiel Koblenz hat 110000 Einwohner müsste man tiefer gehen, etwa indem man feststellt, dass sich Einwohner im Plural und in der Objektposition befindet, dass „Einwohner-Sein“ nicht genderisiert (vergeschlechtlicht) ist und dass sich darunter real ebenso viele Frauen wie Männer befinden. Die Frage ist, wie ein Einzelexemplar aus dieser diffusen Masse vergeschlechtlicht würde: mal ambig, mal weiblich, mal männlich, und letzteres beides zu ähnlichen Teilen? Die Probe aufs Exempel (Griff ins Internet) ergibt bei „der typische Einwohner“ viele Belege dafür, dass sich dahinter beide Geschlechter verbergen könnten, aber nie sind damit exklusiv oder präferentiell weiblich assoziierte Eigenschaften/Tätigkeiten verbunden, sondern wenn, dann männliche – z.B. sich zu duellieren oder seine Partnerin zu taxieren: „Der typische Einwohner von Flagstaff ist glücklich, athletisch und knabbert eher an einem Müsliriegel als dass er sich mit Cowboys duelliert“ (Lonely Planet, Reiseführer USA, S. 936). – „Der typische Einwohner von L.A. sitzt in einem Hot-Tub, raucht einen Joint, schlürft an einem Glas Roséwein mit Eiswürfeln drin, und schaut sich den Körper seiner Hot-Tub Partnerin an […]“ (www.mykath.de/topic/13235-suche-religion/?page=2; Aufruf 15.08.2018).

Unter dem Vorwand, neueste Anredekonventionen ermitteln zu wollen, wurden 158 Vpn gebeten, entsprechende Lücken in sechs Sätzen auszufüllen. Hier nur die Sätze 1, 2 und 4:

1 Jeder Einwohner der Stadt Aachen sollte sich zu dem Problem des hohen Verkehrsaufkommens äußern. (Anrede____________/Vorname____________) Meier meinte dazu, dass man mehr Straßen zu Fußgängerzonen umgestalten sollte.

2 Kölner Bürger schlossen sich zu einer Bürgerinitiative zur Verkehrsberuhigung in der Innenstadt zusammen. Als einer der ersten trat (Anrede____________/Vorname____________) Müller der Initiative bei.

3 Immer mehr Kunden wechseln vom Tante-Emma-Laden zum Supermarkt, um ihre Einkäufe zu erledigen. (Anrede____________/Vorname____________) Huber widersetzte sich diesem Trend und nahm Mehrausgaben in Kauf.

Problematisch ist, dass ein blanker Familienname, der hier ja zunächst sichtbar wird, eine männliche Lesart fördert: Ein kontextfreier Satz wie Müller kam zu spät wird männlich interpretiert (Kap. 9.2). Alle sechs GM (davon vier im Pl., zwei im Sg.) beziehen sich bewusst auf Bevölkerungsgruppen mit geschlechtlich ausgewogenen Anteilen: Einwohner, Bürger, Leser, Kunden, Wähler, Schüler. Durch die erbetenen Anreden wurde eine Geschlechtsspezifikation erzwungen.

Ergebnis: In keinem einzigen Fall kam es auch nur zu annähernder Gleichverteilung, es ergab sich mit knapp 70 % eine deutliche Prädominanz männlicher Geschlechtsspezifikation gegenüber 20 % weiblicher; der Rest entfiel auf Fehleinträge. Innerhalb der sechs Sätze kam es zu Schwankungen, etwa bei Satz 2, wo nur 13 % Frauen und 78 % Männer realisiert wurden. Hier könnte das overte singularische Maskulinum als einer der ersten die männliche Lesart begünstigt haben, was Anlass zu der Vermutung gibt, dass weitere Genusträger wie Pronomina, Possessiva, Artikel eine Verstärkerwirkung entfalten. Klein liefert dafür nur Evidenz, er überprüft dies aber nicht (Rothermund 1998 erwägt solche Effekte ebenfalls). Bis heute ist also noch nicht untersucht, ob bzw. in welchem Maß sich die männliche Lesart intendierter GM im Singular mit der Häufigkeit von Genusmarkern erhöht, vgl. ein Lehrer sollte Grenzen setzen können mit ein Lehrer,der seinen Beruf liebt und dem seine Schüler wichtig sind, sollte Grenzen setzen können. Pusch (1984) erfasst dies wie folgt: „Das Maskulinum legt die Referenz ‚männlich‘ nahe – je mehr grammatisch erforderliche Maskulina (er, sein, ihm, der, dessen, dem …) in seinem Gefolge auftreten, umso mehr. Frauen werden sprachlich noch weiter unsichtbar gemacht“ (60). Genau hier müssten empirische Forschungen ansetzen.

Die Vermutung, dass maskuline Personal- und auch Possessivpronomina sich ‚generischer‘ Perzeption am meisten entziehen, also ungleich mehr zur Geschlechtsspezifikation neigen als andere genushaltige Wörter, bestätigt sich immer wieder mit Blick auf Untersuchungen zu Pronomina (die ihnen mehr ‚Geschlechtigkeit‘ attestieren als z.B. Artikeln, s. Dahl 1961, 198; Frank 1992, 129; Oelkers 1996; Thurmair 2006; Köpcke et al. 2010), aber auch bei der (hochrelevanten!) Rolle der Pronomen im Transgender-Kontext, s. Lindemann (2011, 221ff.). Ein neuer (vergeschlechtlichter) Vorname wird vom Umfeld der Transperson, das diese schon vor der Transition gekannt hat, schneller erlernt als das neue Pronomen, was auf seine (höhere) Sexuiertheit hinweist (s. Schmidt-Jüngst 2018b). Nur angedeutet werden kann hier, dass TransmännerTransmänner schneller ‚ihr‘ Pronomen bekommen als TransfrauenTransfrauen.

In die umgekehrte Richtung schlug Satz 4 aus mit 56 % männlichen und 33 % weiblichen Einträgen. Hier könnte nach Klein der „Tante Emma-Kontext“ die weibliche Lesart gefördert haben. Auch führen Singulare zu einer leichten Polarisierung (mehr Männer, weniger Frauen). Das Geschlecht der Vpn spielt eine gewisse Rolle: Frauen haben zu 25 % weiblich spezifiziert, Männer zu 14 %.

Anschließend wurde derselbe Test (mit 118 Vpn) durchgeführt, doch diesmal konsequent mit PaarformenPaarform: „Jede Einwohnerin/jeder Einwohner der Stadt Aachen …“ etc. Hier verringerte sich die männliche Assoziation von 69 % auf 61 %, während die weibliche von 20 % auf 30 % anstieg. Damit schwächte sich der Grad männlicher Prädominanz ab, sie verschwand aber nicht. Auf Probandenseite haben Frauen zu 32 % und Männer zu 27 % weiblich spezifiziert.

Klein (1988) schlussfolgert, dass Genus Einfluss auf die Geschlechtswahl hat, wenngleich keinen hundertprozentigen. Das maskuline Genus ist nicht allein für diese dominant männlichen Sexuierungen verantwortlich (diese sind „in tieferen kognitiven Schichten verankert“, Klein 2004, 305), es entfaltet aber eine Verstärkerwirkung. Konsequente Beid-Nennung bewirkt keine konsequente Beid-Vorstellung, sie verringert jedoch den Grad an männlicher und erhöht den Grad an weiblicher Vergeschlechtlichung.

Das generische Maskulinum hat allerdings eine deutliche Verstärkerwirkung. Bei seiner Verwendung liegt der Vorsprung männlicher Geschlechtsspezifizierung – und damit der primären Assoziation ‚Mann‘ – im Durchschnitt um 18 % höher als bei der Verwendung der feminin-maskulinen Doppelform.1 Die Benachteiligung der Frau durch das generische Maskulinum ist also keine feministische Schimäre, sondern psycholinguistische Realität. (Klein 2004, 305)

5.1.2 Psychologie des „generischen“ Maskulinums (Irmen/Köhncke 1996)

Die beiden Psychologinnen gehen ebenfalls von der Beobachtung aus, dass generisch intendierte Maskulina faktisch immer wieder in die männlich-spezifische Lesart kippen, v.a. dann, wenn das Maskulinum im Singular erscheint. Sie führen dazu eine Passage aus einem Text über Gehörlose an, einer Bevölkerungsgruppe, an der beide Geschlechter gleich stark partizipieren:

Die Zahl der Gehörlosen in den Vereinigten Staaten wird gegenwärtig auf nahezu 200000 geschätzt. Der typische erwachsene Gehörlose ist mit einer hörunfähigen Frau verheiratet und hat einen festen Arbeitsplatz. (Irmen/Köhncke 1996, 153, zitiert aus Furth 1972, 32f. – Unterstreichungen: DN).

Sobald aus dem Plural ein immer noch potentiell generischer, aber maskuliner Singular wird, ist der Gedanke an eine Frau vergessen: Der typische Gehörlose ist mit einer hörunfähigen Frau verheiratet.

Die Autorinnen verwenden u.a. Reaktionszeitmessungen, da sich schnell erforderte Reaktionen am ehesten bewusster Steuerung entziehen. 45 Vpn wurden an einem Computerbildschirm 200 Sätze (76 mit Personenbezeichnungen, 124 mit Distraktoren) präsentiert. Die 76 relevanten Sätze enthielten entweder ein GM im Nom.Sg. (Ein Patient muss selber an die Genesung glauben), ein spezifisches Maskulinum ebenfalls im Nom.Sg. (Der Radfahrer fuhr gegen einen Zaun) oder ein Femininum (Eine Radfahrerin trägt zum Umweltschutz bei). Bei den Personen- und Berufsbezeichnungen wurde darauf geachtet, dass Frauen daran real hälftigen (Patient) oder überproportionalen Anteil haben (Erzieher, Kassierer), auf keinen Fall eine einseitig-männliche Genderisierung vorliegt. Die Vpn wurden angeblich auf ihre Reaktionsgeschwindigkeit hin getestet. Sie sollten diese Sätze lesen, durch Tastendruck signalisieren, dass sie sie verstanden haben, und anschließend kurz antworten, ob das unterstrichene Subjekt zur Kategorie „Frau“ oder „Mann“ (als Distraktion auch zu „Heilberuf“, „Handwerk“ o.Ä.) gehört. Die Vpn. konnten nur mit einer Ja- oder einer Nein-Taste antworten (in einer zweiten, verbesserten Versuchsreihe, die zu ähnlichen Ergebnissen führte, wurden Bilder gezeigt).1 Am stärksten abgelehnt wurde mit 80 % die Kombination GM – FRAU. Bezüglich der „Ja“-Antworten entfielen im Schnitt 90 % auf SPEZIF.MASK. – MANN, 85 % auf GM – MANN und nur 20 % auf GM – FRAU. Am schnellsten erfolgte der Bezug SPEZIF.MASK. – MANN, gefolgt von GM – MANN (ob diese 20 % Ja-Nennungen eher auf das Konto der weiblich genderisierten Berufsbezeichnungen wie Erzieher, Telefonist, Kassierer im GM gehen, ist dem Text leider nicht zu entnehmen):

Die ‚nein‘-Antworten zu zahlreichen Items des Typs GM-F[rau] gehen über die erwarteten Reaktionszeitunterschiede hinaus. Die Kategorie ‚Frau‘ ist nach Darbietung einer maskulinen Personenbezeichnung in einem eindeutig geschlechtsneutralen Kontext nicht nur schlechter verfügbar als die Kategorie ‚Mann‘, sie ist vielmehr mit der Vorstellung, die diese Bezeichnung hervorruft, nicht kompatibel. (Irmen/Köhncke 1996, 160)

Die hier ausschließlich im Singular getesteten GM haben also eine ausgeprägt männliche Schlagseite. Wenn sie rezipientenseitig zu 85 % männlich assoziiert werden und die Kategorie ‚Frau‘ zu 80 % abgelehnt wird, kann man sie nur als pseudoneutral bezeichnen. Damit erledigt sich auch die sog. Fußnotenlösung: „Die Rechtfertigung des ‚generischen Meinens‘, also der Behauptung, das Maskulinum werde dadurch generisch, dass es generisch gemeint sei, wird hierdurch widerlegt“ (163).

Allerdings sei nochmals betont, dass hier ausschließlich maskuline (genusoverte) Singulare in Subjektpositionen getestet wurden (Ein Kellner hat einen anstrengenden Beruf). Als Kontrast wäre es interessant zu wissen, wie pluralische (genuskoverte) Maskulina in Objektposition interpretiert werden (Wir geben Kellnern immer Trinkgeld; Wir schätzen aufmerksame Kellner sehr). Als einzigen Ausweg sehen die Psychologinnen die Sichtbarmachungsstrategie, also Verfahren wie die BeidnennungBeidnennung (Patienten und Patientinnen) oder die Verwendung des Binnen-I (PatientInnen). Wenn Maskulin- und Femininformen immer paarweise auftreten, dann schwinden langfristig die in manchen Maskulina (eher im Plural) enthaltenen Anteile an Geschlechtsneutralität. Dieser Effekt ist den Autorinnen zufolge nicht von Nachteil und schon lange erklärtes Ziel feministischer Sprachpolitik.

5.1.3 Sind Frauen mitgemeint? (Heise 2000, 2003)

Heise (2000) bezieht sich kritisch auf Vorgängerstudien wie Klein (1988) und Irmen/Köhnke (1996) und überprüft in einem eigenen Experiment die spontane mentale Repräsentation von Personen im GM (Vegetarier), die Schreibung mit SchrägstrichSchrägstrich (Vegetarier/innen) und mit Binnen-I (VegetarierInnen). Dabei setzt sie die Substantive in den Plural, um durch die Unsichtbarkeit von Genus eine geschlechtsausgewogene Interpretation zu erleichtern. Eingefügt werden auch Kinder und Angestellte, die nicht auf Maskulina basieren. Die Substantive kamen seltener in echt generischer (die Situation von Ausländern in Deutschland ist sehr schwierig) als in spezifischer Verwendung vor (Zwei Vegetarier stehen vor der Metzgerei). Insgesamt 150 Vpn (105 wl., nur 45 ml.) bekamen (in verschiedene Gruppen eingeteilt) 8 Testsätze, die jeweils homogene Referenzformen enthielten. Die Vpn sollten zu diesen fiktiven Personen eine kurze Geschichte schreiben, wobei sie zwei Personen herausgreifen und ihnen Namen geben sollten, d.h. es wurden jeweils 16 Personen vergeschlechtlicht.

Ergebnis: Es erwies sich, dass sowohl die GM als auch – erstaunlicherweise – die sog. neutralen Substantive (Kinder, Angestellte) die meisten männlichen Realisierungen (durchschn. knapp 10) erfuhren. Ausgewogen war es bei den SchrägstrichschreibungenSchrägstrich, während bei den BinnenmajuskelnBinnenmajuskel mehr Frauen (durchschn. 10) genannt wurden, was an der movierten Form mit exponiertem „I“ liegen dürfte. Umgekehrt schließt – wie alle Untersuchungen zeigen – das GM weibliche Nennungen nicht kategorisch aus, es verringert sie nur. Die weiblichen Vpn haben im Schnitt deutlich mehr Frauen assoziiert als die männlichen. Ein solcher bias erweist sich bei fast allen Untersuchungen mehr oder weniger deutlich, manchmal auch jenseits statistischer Signifikanz.

Nicht kontrolliert wurde bei dieser Studie die Geschlechtsstereotypie bestimmter Lexeme. Auch wenn es in Deutschland vermutlich ebenso viele Ausländerinnen wie Ausländer gibt, dürfte diese Personenbezeichnung männlich genderisiert sein (Frank 1992, 134 spricht hier vom männlichen Prototyp). Insgesamt plädiert die Autorin für SchrägstrichschreibungenSchrägstrich (Lehrer/innen), die gesprochen als PaarformPaarform (Lehrer und Lehrerinnen) zu realisieren sind. Offensichtlich führen nur overte (sichtbare) Feminina zum mentalen Einbezug von Frauen, sonst ließe sich nicht erklären, weshalb neutrale Bezeichnungen wie Kinder, Angestellte die Effekte von GM zeigen. Gerade hier, wo Genus nicht einwirken kann, zeigt sich das Male-As-Norm-Prinzip (MAN-PrinzipMAN-Prinzip) bzw. der Mann als menschlicher Prototyp umso deutlicher. Interessant wäre umgekehrt zu wissen, welche Sätze die höchsten weiblichen Assoziationen erhalten haben und wie es ausgegangen wäre, wenn nur eine Person (und nicht zwei) hätten konkretisiert werden sollen (dahinter steht die Vermutung, dass man bei zwei Personen eher [Hetero-] Paare bildet). Auch gäbe es weitere grammatische Variablen zu berücksichtigen.

Stereotype wurden gezielt in Heise (2003) berücksichtigt, indem sie (mit ähnlichem Versuchsaufbau wie oben, jedoch ausschließlich mit GM wie Brillenträger, Amerikaner, Besucher) stereotyp weibliche und männliche Adjektive hinzufügte (deren Stereotypie vorher getestet worden war), wie z.B. einfühlsam, selbstaufopfernd, bezaubernd vs. lässig, ignorant, kräftig. Wieder waren pro Vp 16 Personenkonkretisierungen zu leisten, wieder kam es dabei zu ca. 10 männlichen Realisierungen, doch entfaltete das Adjektiv keinen signifikanten Effekt: GM ohne Adjektiv: 10,28 Männer, mit stereotyp-männlichem Adjektiv: 10,89, mit stereotyp-weiblichem Adjektiv: 10,09. Im Anschluss äußerten einige Befragte, sie haben sich bei GM mit ‚weiblichem‘ Adjektiv homosexuelle Männer vorgestellt.

5.1.4 Generische Maskulina und alternative Sprachformen im Vergleich (Stahlberg/Sczesny 2001)

Die Verfasserinnen geben einleitend zu bedenken, dass es aus psychologischer Sicht hochgradig erwartbar sei, dass GM männlich assoziiert seien, denn hinter Professoren oder Lesern befinde sich mindestens ein männlicher Vertreter, aber nicht zwingend ein weiblicher. Ist keine Frau dabei, dann kippt das GM, ohne dass sich an der Oberfläche etwas ändert, ins spezifische um, was für männliche Rezipienten weder eine Rolle spielt noch bemerkenswert sei, da ihre Referenz in beiden Fällen abgesichert ist (dies entspricht dem Lotto-Vergleich von Pusch, bei dem Männer immer gewinnen). Der Bezug Maskulinum – Mann schlägt also niemals fehl. Dies führe zu einer entsprechenden Festigung dieser Assoziation.

Die Wissenschaftlerinnen referieren mehrere Studien, zunächst die von Braun et al. (1998), wo ein und derselbe Text über einen wissenschaftlichen Kongress einmal im GM (Organisatoren), einmal mit BeidnennungBeidnennung (Organisatorinnen und Organisatoren) und einmal neutralisiert (z.B. die Organisation) abgefasst war. Nach der Verlesung wurden die Vpn gebeten, den Anteil weiblicher Kongressteilnehmer zu schätzen. Während sich bei den männlichen Vpn kein Effekt zeigte, nannten die weiblichen Vpn bei dem Text mit BeidnennungenBeidnennung signifikant mehr Frauen, deutlich weniger bei der GM- und der neutralisierten Version.

Anschließend wird eine Studie von Irmen/Kaczmarek (2000), die auf einem nicht publizierten Konferenzvortrag zu basieren scheint, zusammengefasst: Hier wurde die Lesezeit von Sätzen gemessen, die zunächst mit einem GM (im Plural) als Subjekt beginnen und die im Folgesatz entweder „aufgelöst“ werden zugunsten einer spezifisch-männlichen (a) oder einer spezifisch-weiblichen Lesart (b), oder sie bleiben ambig, d.h. geschlechtsübergreifend (c):

1 Viele Kanadier [GM] gehen sonntags in die Kirche. Viele ziehen sich dazu ihren besten Anzug [ml.] an.

2 Amerikaner [GM] essen gerne Hamburger. Wenn sie jedoch schwanger [wl.] sind, essen sie einen Salat.

3 Japaner [GM] treten immer in Gruppen auf. Und sie fotografieren alles, was ihnen vor die Linse kommt [generisch].

Die kürzesten Lesezeiten erzielte der geschlechtsambige Typ c), gefolgt von der männlichen Lesart a). Am meisten Zeit benötigte die Verarbeitung von Typ b), wo im Folgesatz (ausschließlich?) Frauen vorkamen. Allerdings ist b) problematisch, da „sie“ suggerieren könnte, dass alle Amerikaner schwanger und damit durchgehend weiblich sind. Das GM bezeichnet jedoch allenfalls gemischte Gruppen (wie stark bzw. ob überhaupt gemischt, das ist Gegenstand solcher Tests). Für rein weibliche Amerikaner gilt die Movierung Amerikanerinnen. Besser wäre ein Anschluss wie in a) gewesen, der nur eine Teilmenge herausgreift, z.B. Die schwangeren essen einen Salat. Auch hier dürften sich Verzögerungseffekte ergeben, da GM so männlich aufgeladen sind, dass Schwangerschaft immer irritiert. (Da die anderen Testsätze nicht einsehbar sind, bleibt ungeklärt, ob sie auch solche misslichen Effekte wie in b) beinhalten.)

1987 weigerte sich Rita Süssmuth, ein Gesetz mit folgendem Wortlaut (der heute Heiterkeitsausbrüche auslösen würde) zu unterschreiben: „Wenn der Arzt im Praktikum schwanger wird, hat er Urlaub nach den Regelungen des Mutterschutzgesetzes, nach Inanspruchnahme des Erziehungsurlaubs kann er seine Ausbildung fortführen“. Gerade der Singular – hier sogar mit mehrfachen Maskulinmarkern – aktiviert das Genus-Sexus-PrinzipGenus-Sexus-Prinzip so stark, dass die Verbindung mit schwanger wie eine Paradoxie wirkt. Hieran wird deutlich, dass GM (im Singular, als Subjekt) kaum geschlechtsübergreifend verstanden werden. Hinzu kommt, dass der Arztberuf vor 30 Jahren noch männlicher genderisiert war als heute, was die entsprechende Aufladung zusätzlich steigert. Rita Süssmuth fügte dem ein eindringliches Plädoyer hinzu:

Ich vermag nicht zu erkennen, wo die heutige Rechtssprache klar, präzise und verständlich ist. In den meisten Fällen fühlen sich Frauen nicht angesprochen. Das hat etwas mit ihrem tatsächlichen Rechtsstatus zu tun; sonst würde man es anders handhaben. Dort, wo es einen erklärten politischen Willen gibt, diese Dinge abzuändern, ist dies auch machbar. […] Das meiste, was zu diesem Tatbestand vorgetragen wird, geht immer noch in Richtung der Frage ‚Wie können wir es am besten lächerlich machen? ‘, nicht in Richtung der Frage, was uns an phantasievollen Regelungen einfällt (www.zeit.de/1987/48/die-sprache-kann-so-nicht-bleiben; Aufruf 15.08.2018).

Damals sprach man auch noch von Wahlmännern, wo heute Wahlpersonen stehen. Dies hat seitdem Wirkung gezeigt (Schoenthal 2000; Samel 2000). Zu den spezifischen Problemen des sog. Genderns von Gesetzestexten (in denen es u.a. neben natürlichen auch juristische Personen gibt) sei der Beitrag von Baumann (2017) empfohlen.

Schließlich resümieren Stahlberg/Sczesny (2001) vier eigene Studien, die hier nur auszugsweise wiedergegeben werden (s. auch Stahlberg et al. 2001, Braun et al. 2002). So sollten knapp 100 Vpn (geschlechtlich ausgewogen) beliebte Persönlichkeiten nennen. Vorgegeben wurde ihnen, dass es um ihre Meinungen und Vorlieben gehe, z.B. mit der (Distraktions-)Frage, was sie als ihr größtes Unglück empfunden haben. Unter den 16 Fragen waren sechs von Interesse, nämlich die nach dem Lieblingsromanhelden, dem Lieblingsmaler, -musiker, -sportler etc., einmal nur im GM (Lieblingsromanheld), einmal neutral (heldenhafte Romanfigur), einmal mit BeidnennungBeidnennung (Ihre liebste Romanheldin/Ihr liebster Romanheld). Dabei zeigte sich, dass die sprachliche Version die Geschlechtswahl deutlich beeinflusst: Die Beidnennungen evozierten signifikant mehr weibliche Personen (mit ähnlich hohen Anteilen bei den neutralen Formen) als die Version im GM. Mit Blick auf unsere eingangs vorgenommenen Differenzierungen handelt es sich hier jedoch nicht um generische, sondern um definite, spezifische Kontexte, denn es werden konkrete Einzelpersonen erfragt. Gerade hier dürften die von der sprachlichen Form ausgehenden Effekte besonders hoch sein.

In einer ähnlich angelegten Untersuchung (90 Vpn), in der es um die Aufzählung berühmter Persönlichkeiten ging, wurde außerdem eine Version mit großem Binnen-I getestet. Hier lautete die Aufgabe: „Geben Sie zu den folgenden Fragen bitte jeweils die drei prominenten Persönlichkeiten an, die Ihnen am schnellsten einfallen: Nennen Sie drei Sportler (bzw. Sänger, Politiker, Moderatoren)“, was in drei Versionen verfasst wurde: a) Maskulinum (Politiker), b) BeidnennungBeidnennung (Politikerinnen und Politiker), c) BinnenmajuskelBinnenmajuskel (PolitikerInnen). Wieder erzeugte die Sprachform signifikante Effekte: Hinsichtlich ausgewogener Geschlechterverteilung schnitt das GM (a) am schlechtesten ab, besser die Beidnennenung (b) und am besten die Binnenmajuskel mit teilweise mehr weiblichen als männlichen Nennungen (c). Auf diese Effekte war schon Heise (2000) gestoßen. Dagegen führen NeutralisierungenNeutralisierung (Testpersonen) und SchrägstricheSchrägstrich im Allgemeinen zu mehr männlichen Repräsentationen. Das sog. GM schneidet bei allen Tests am schlechtesten ab.

In allen vier vorgestellten Studien führte der Gebrauch des generischen Maskulinums zu einem geringeren gedanklichen Einbezug von Frauen im Vergleich zu alternativen Sprachformen wie der BeidnennungBeidnennung und dem ‚Großen I‘. Dies zeigte sich sowohl bei direkten Maßen […] wie der Anzahl der Nennungen von Frauen als auch in eingeschränkter Form bei indirekten Maßen wie Reaktionszeiten […]. Im Vergleich zur Beidnennung führte insbesondere das ‚Große I‘ zum stärksten gedanklichen Einbezug von Frauen. (Stahlberg/Sczesny 2001, 137)

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