Kitabı oku: «Fußball-IQ - Dinge, die clevere Spieler tun»
FUSSBALL - IQ
Dinge, die clevere Spieler tun
Spielsituationen lösen
DAN BLANK

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Copress Verlag
erschienenen Printausgabe (ISBN 978-3-7679-0923-6).
Erstmals erschienen 2015 unter dem Titel
„Soccer IQ. Things That Smart Players Do“
Text und Illustrationen © 2012 by Dan Blank
© 2015 der deutschen Ausgabe:
Copress Verlag in der
Stiebner Verlag GmbH
www.copress.de
Übersetzung aus dem Englischen: Werner Roller
Redaktion: Julia Niehaus, Berlin
Layout (Printausgabe): Dirk Brauns, Berlin
Covergestaltung: Pierre Sick
Alle Rechte vorbehalten. Dieses Buch darf nur nach vorheriger schriftlicher Zustimmung des Copyright-Inhabers vollständig bzw. teilweise vervielfältigt, in einem Datenerfassungssystem gespeichert oder mit elektronischen bzw. mechanischen Hilfsmitteln, Fotokopierern oder Aufzeichnungsgeräten bzw. anderweitig weiterverbreitet werden.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
ISBN 978-3-7679-2032-3
Für Izzy
Inhalt
Vorwort
Einleitung
1.Der Heilige Gral
2.An Ort und Stelle spielen
3.Der unmögliche Pass
4.Zuspielwinkel und Einfühlungsvermögen
5.Ballannahme mit dem richtigen Fuß
6.Zuspiel auf den richtigen Fuß
7.Lupfer bei schmalem Zuspielwinkel
8.Die Drei-Schritte-Regel
9.Besser als quer
10. Drei Fragen
11. Der Zeitzünder-Pass
12. Initiative zeigen
13. Das nicht zu gewinnende Laufduell
14. Zwei Läufe
15. Braucht mich der Mitspieler?
16. Die Schnittstellen
17. Der Ball in den Rücken der Abwehr
18. Das flache Ende
19. Keine halbherzigen Befreiungsschläge
20. Das dümmste Foul der Welt
21. Ballkontrolle
22. Mit der Pike
23. Die funktionslose Mauer
24. Einwürfe
25. Den Ball abschirmen
26. Der letzte Mann setzt sich niemals einem Tackling aus. Niemals!
27. An der ersten Angriffswelle vorbeikommen
28. Den Ball schnell wieder ins Spiel bringen
29. Kopfbälle selbst einschätzen
30. In den Augen des Gegners lesen
31. Die einleitende Körpertäuschung
32. Das (un)gefährliche Spiel
33. Aufpassen nach dem Elfmeter
34. Mit Verstand verteidigen
35. Mein Ball, dein Ball, ihr Ball
36. Nach innen ziehen
37. Das Radargerät einstellen
38. Elfmeter herausholen
39. Den Ball im Spiel halten
40. Einwürfe sind nicht so toll, wie du denkst
41. Die Jagd nach Abprallern
42. Ködertaktik
43. Falsche Zuordnung bei Abschlägen, Abstößen und Eckbällen
44. Hin- und Herpassen unterbinden
45. Gegen einen mörderischen Wind spielen
46. Mit Rückenwind spielen
47. Regenspiele
48. Das Rote-Karten-Phänomen
49. Eindrucksvoll jubeln
50. Das Spiel mit der Zeit, wenn man führt
51. Das Spiel mit der Zeit für Torhüter
52. Das Spiel gegen die Zeit, wenn man im Rückstand ist
53. Tore schießen
Schlusswort
Über den Autor
Vorwort
Zu Beginn des Jahres 2009 war ich Cheftrainer an der University of Mississippi (Ole Miss) und hatte meinen Chefassistenten verloren. Viele ausgezeichnete Kandidaten interessierten sich für diesen Posten. Dan gehörte bereits als Freiwilliger zu meinem Mitarbeiterstab, und ich überlegte, ob ich nicht ihn zum Chefassistenten befördern sollte. Zur gleichen Zeit wurde der Cheftrainerposten bei Arkansas, einer anderen Mannschaft in der Southeastern Conference (SEC), frei. Ich sprach mit unseren Mannschaftskapitänen über eine Beförderung unseres Freiwilligen zum Chefassistenten. Sie kannten Dan wenig und waren skeptisch, doch im Verlauf dieser Diskussion hatte ich ein Aha-Erlebnis. Ich sagte zu den Kapitänen: »Eins kann ich euch sagen: Ich will ganz bestimmt nicht, dass er den Job in Arkansas übernimmt!« So wurde Dan mein Chefassistent an der University of Mississippi.
Die Saison 2009 war eine der erfreulichsten, denkwürdigsten und erfolgreichsten in meiner 15-jährigen Zeit als Trainer dort, und Dan leistete einen großen Beitrag zu unserem Erfolg. Er war, neben vielen anderen Verpflichtungen, für unsere Abwehr zuständig. Ich gab ihm völlige Handlungsfreiheit bei der Gestaltung unserer Abwehrarbeit. Er konnte tun, was immer er für richtig hielt. Um ihm das Leben ein bisschen schwerer zu machen, nahm ich eine für das All-American-Auswahlteam nominierte Innenverteidigerin aus der Abwehrreihe heraus und machte sie zur zentralen Mittelfeldspielerin.
In diese Saison gingen wir mit einer Abwehrreihe, die von zwei Spielerinnen aus dem ersten, einer aus dem zweiten und einer aus dem letzten Studienjahr gebildet wurde. Unsere Torfrau war eine »Walk-on«, eine Spielerin, die nicht von den Trainern verpflichtet worden war, sondern aus eigener Initiative und ohne Sport-Stipendium zum Team kam, und mit einer Größe von 1,65 Meter die kleinste Torhüterin der Liga. In dieser Saison ließ das Team von Ole Miss die wenigsten Gegentore in der gesamten Liga zu.
Im April 2010 wechselte ich auf den Cheftrainerposten an der University of Georgia. Ich nahm Dan mit und übertrug ihm erneut die Verantwortung für die Abwehrreihe. Eine der Spielerinnen, die wir von den Vorgängern übernahmen, war Laura Eddy. Sie war als Innenverteidigerin des Georgia-Teams zur besten Erstsemester-Spielerin des Jahres in der SEC gewählt worden. Und wie schon zuvor in Mississippi machte ich unsere beste Innenverteidigerin zur Mittelfeldspielerin, was im Abwehrzentrum eine klaffende Lücke hinterließ. Und was soll ich sagen? In dieser Saison hatte Georgia die beste Gegentor-Bilanz in der SEC! Ich glaube nicht, dass das ein Zufall war. In der Geschichte der Liga war es noch nicht vorgekommen, dass ein Trainer in zwei aufeinanderfolgenden Jahren und an zwei verschiedenen Universitäten die beste Gegentor-Bilanz vorzuweisen gehabt hatte – bis Dan auf den Plan trat. Ich glaube, dass Georgia die beste Verteidigung in der Liga hatte, weil für diese Mannschaft die am besten trainierten und betreuten Abwehrspielerinnen aufliefen. Kein Zweifel: Mein Assistent versteht sein Handwerk!
Dieses Buch ist inhaltlich wie auch mit seiner einfachen, verständlichen Sprache gleichermaßen fantastisch. Beim Lesen kam mir immer wieder dieser eine Gedanke: Warum ist so etwas nicht schon früher geschrieben worden? Warum hat bisher niemand diese wertvollen Informationen zu Papier gebracht?
Wie viele Spieler gelangen bis in Hochschulmannschaften, ohne auch nur im Ansatz über die Cleverness eines Straßenkickers zu verfügen. Genau das vermittelt dieses Buch: Straßenkicker-Cleverness. Ein guter Fußballer ist auch ein Denker, nicht bloß ein Sportler, nicht bloß ein Talent. Das Allerbeste daran: Alle diese wertvollen Strategien sind in kurzen Kapiteln dargestellt, sodass man sie gut verarbeiten und vom Fleck weg umsetzen kann und sofort ein besserer Spieler wird. Die Lektüre, die Sie sich vorgenommen haben, ist vielleicht das nützlichste Fußballbuch, das je geschrieben wurde. Machen Sie etwas daraus!
Steve Holeman, Cheftrainer, University of Georgia (UGA), Soccer
Einleitung
Wussten Sie schon, dass die Präsidentschaftswahl 1960 zwischen John F. Kennedy und Richard Nixon ganz entscheidend von ein paar Schweißperlen beeinflusst wurde? Diese beiden Kandidaten trugen das erste vor einer Präsidentenwahl landesweit gesendete Fernsehduell aus. Der Einsatz hätte nicht höher sein können. Millionen von Amerikanern saßen vor den Fernsehgeräten, um sich ein Urteil darüber zu bilden, wer sich nach ihrem Eindruck besser für das höchste Amt im Staat eignete. Der Sieger in dieser Debatte würde höchstwahrscheinlich die Wahl gewinnen.
Kennedys Berater wussten, dass Nixon leicht ins Schwitzen geriet, und es gelang ihnen, den Temperaturregler im Fernsehstudio einige Stunden vor Debattenbeginn höher einzustellen. Das Studio war unangenehm warm und stickig, als die Kandidaten auftraten. Die Studio-Hitze sorgte bei Nixon für Schweißausbrüche. Während Kennedy das Erscheinungsbild eines gelassenen, ruhigen und kompetenten politischen Führers bot, war Nixon schweißgebadet, er wirkte unruhig, nervös und alles andere als präsidial. Das bekannteste, im Gedächtnis der Nation haftende Bild aus dieser Debatte zeigt Nixon, der sich mit dem Taschentuch den Schweiß aus dem Gesicht wischt.
Kennedy war der strahlende Sieger bei diesem Auftritt, und dieser Erfolg wirkte sich auch in den Wahlkabinen aus. Kennedy wurde der 35. Präsident der Vereinigten Staaten und der mächtigste Mann der Welt. Und das gelang ihm, weil jemand schlau genug war, den Thermostat hochzudrehen.
Wenn dieses Buch etwas bewirken soll, müssen Sie daran glauben, dass Kleinigkeiten wirklich wichtig sind und dass auch eine einzige über Sieg oder Niederlage entscheiden kann.
Dieses Buch befasst sich nicht mit fußballspezifischer Technik. Ich gehe einfach davon aus, dass Sie, da Ihr Interesse für den Kauf dieses Buches ausreichte, bereits über eine ordentliche Technik am Ball verfügen (vielleicht sind Sie wie ich Trainer). Dieses Buch beschäftigt sich mit Entscheidungen, die im Verlauf eines Spiels getroffen werden – Augenblicksentscheidungen, die ein Trainer bei einem Spieler, bei einer Spielerin sieht und dabei denkt: Ja, dieser Junge, dieses Mädchen ist clever.
Die einzelnen Kapitel bauen nicht aufeinander auf. Alle Gedanken sind wichtig, und jeder von ihnen kann den entscheidenden kleinen Beitrag zum Sieg Ihres Teams liefern. Ich trainiere seit mehr als 20 Jahren Hochschulmannschaften und staune darüber, wie viele Spieler es bis auf dieses Niveau schaffen, ohne diese grundlegenden Gedanken verinnerlicht zu haben. Sie sind einfach. Sie bieten auf den ersten Blick nichts anderes als gesunden Menschenverstand. Aber glauben Sie mir, an einem Spieler, der diese Gedanken versteht und sie im Spielverlauf umsetzt, ist nichts Gewöhnliches mehr.
Ich nenne dieses Buch eine Sammlung von Fußball-Nuggets. Der Wert jedes einzelnen Nuggets kann groß genug sein, um ein Spiel oder sogar einen Meistertitel zu gewinnen – wie noch zu lesen ist. Aber gedanklich sind sie sehr einfach. Die meisten von ihnen reichen als Grundlage für ein ganzes Training oder auch nur für einen Trainingsabschnitt gar nicht aus. Sie sind einfach zu klein. In ihrer Mehrzahl sind es Ideen, die Trainer ihren Spielern nur weitergeben können, in der Hoffnung, dass die sich darin erinnern, wenn die Zeit dafür gekommen ist.
Ich begann die Niederschrift dieser Fußball-Nuggets mit der Vorstellung, dass ich sie eines Tages meiner Mannschaft vorstellen würde, jeweils eines pro Tag, eine ganze Saison lang und unter der Bezeichnung Tagestipp. Nach einem Jahrzehnt, in dem es bei der reinen Absicht blieb, beschloss ich, dass es wohl einfacher wäre, daraus ein gut lesbares Buch zu machen. Hier ist es.
1. KAPITEL
Der Heilige Gral
Fangen wir am Anfang an. Mit dem Spieltempo. Das Spieltempo ist der Heilige Gral des Fußballs. Das zu wissen, ist eine Grundvoraussetzung für cleveres Spielverhalten. Frag mich nicht, warum. Schnell ist besser als langsam. So ist das eben. Und deine Aufgabe ist es, alles zu tun, was du kannst, nur noch schneller.
Wenn du diese Einstellung, dass schnell grundsätzlich besser ist als langsam, verinnerlichen kannst, ist das bereits die halbe Miete. Wenn du dann noch deine Mannschaft davon überzeugen kannst, werdet ihr viele Spiele gewinnen.
Den Ball mit einer Berührung von A nach B zu bringen, ist besser, als dafür zwei Ballkontakte zu brauchen – vorausgesetzt alle anderen Faktoren sind gleich. Warum? Weil es mit einem Ballkontakt schneller geht als mit zweien, und schnell ist besser als langsam. Sicher, es gibt Ausnahmen. Aber du spielst viel zu oft so, als wäre die Ausnahme die Regel.
Mein guter Rat:
•Wenn du den Ball mit einem Kontakt an den Mitspieler bringen kannst, versuch es nicht mit zweien.
•Wenn du den Pass mit zwei Ballkontakten spielen kannst, versuch es nicht mit dreien.
Je mehr Ballkontakte du für deine Aufgabe brauchst, desto langsamer wird das Spiel. Die Aufgabe eines intelligenten Spielers besteht darin, mit möglichst wenigen Ballberührungen größtmögliche Wirkung zu erzielen. Versetz dich zurück in dein letztes Spiel und überlege: Wie hättest du das, was dir in diesem Spiel gut gelungen ist, auch mit weniger Ballkontakten erreichen können? Dafür müsstest du schneller denken. Du müsstest Entscheidungen treffen, bevor der Ball bei dir ist. Du müsstest deine Ballbehandlung weiter verbessern. Kurz gesagt: Du müsstest das tun, was ein besserer Spieler täte.
Zu viele Spieler verstehen den Wert des schnellen Passspiels nicht. Anstatt einen schnellen und einfachen Pass zu spielen, der zu einem hohen Spieltempo führt, wird der einfache Pass ihre letzte Möglichkeit – nachdem sie alle anderen Optionen überlegt und ausgereizt haben. Viel zu oft glauben sie, jetzt, wo sie den Ball am Fuß haben, unmittelbar Einfluss auf den Spielstand nehmen zu müssen. Jedes Mal, wenn der Ball bei ihnen landet, versuchen sie den tödlichen Pass zu spielen. Sie suchen nach der einen siegbringenden Aktion. Und weil sich nicht immer gleich eine Lösung anbietet, sehen sie sich in ihren Spielmöglichkeiten eingeengt, während der Spielfluss der Mannschaft immer mehr ins Stocken gerät.
Der Feind heißt langsames Spiel. Eine langsame Spielweise ermöglicht es dem Gegner, sich zu organisieren. Langsames Spiel führt zu Ballverlusten. Mit langsamem Spiel verliert man Spiele.
Nicht jeder Pass, den man spielt, muss der entscheidende Pass sein. Du musst nicht mit jeder Ballberührung das Spiel gewinnen. Manchmal genügt es voll und ganz, den Ball zu einem Mitspieler zu bringen. Und den Ball schnell zu spielen ist besser, als ihn langsam weiterzuleiten.
Schau dir ein Spiel des FC Barcelona an. Kein Barça-Spieler wird jemals den Vorwurf zu hören bekommen, er versuche, mit jeder Ballberührung das Spiel zu gewinnen – nicht einmal der herausragende Torjäger Lionel Messi. Barcelonas Spieler gehen so geduldig vor, wenn sie den Ball haben, dass ihnen manchmal gar nicht mehr bewusst zu sein scheint, dass es auf dem Spielfeld auch noch Tore gibt. Das sieht mitunter so aus, als sei das Passen für sie ein Selbstzweck. Die Art, in der sie andere Teams mit ihrem ausgefeilten Ballbesitz-Fußball in Grund und Boden spielen, ist auch schon als »Tod durch 1000 Pässe« bezeichnet worden. Aber trotz aller Geduld im Großen und Ganzen lassen sie den Ball mit einem Minimum an Berührungen sehr schnell durch die eigenen Reihen laufen. Die Pass-Maschine mag zwar insgesamt als langsam oder abwägend empfunden werden, aber die einzelnen Teile bewegen sich dennoch mit höchstem Tempo. Geduld und Tempo sind hier in verblüffender Harmonie vereint. Die Barça-Spieler haben dieses Konzept verinnerlicht. Jeder einzelne Spieler versteht die Bedeutung des schnellen Passspiels; und jeder Spieler weiß, dass der Mitspieler, an den er den Ball weiterleitet, vielleicht die Lösung parat hat, die ihm selbst in diesem Augenblick, mit dem Ball am Fuß, nicht einfällt. Bei Barcelona macht das Spieltempo die Spielkultur aus.
Mach dir folgende Tempo-Reihenfolge beim Fußball klar:
•Am langsamsten: Ein Spieler dribbelt mit dem Ball am Fuß und macht dabei Seitwärtsbewegungen und Finten.
•Langsam: Ein Spieler läuft mit dem Ball in höchstem Tempo geradeaus.
•Schneller: Ein Spieler läuft ohne Ball.
•Am schnellsten: Ein Ball in Bewegung.
Nichts auf dem Fußballplatz ist schneller als ein Ball, der in Bewegung ist. Der schnellste Spieler auf dem Platz kann keine zehn Meter so schnell zurücklegen wie ein gespielter Ball. Das gilt auch für dich. Und jetzt musst du dich entscheiden zwischen einem überflüssigen Führen des Balles, das allenfalls dem eigenen Ego schmeichelt und sonst rein gar nichts bringt, … und dem Gewinnen. Wenn du den Ball 20 Meter weiter bringen willst, geht das mit einem Pass sehr viel schneller als mit einem Dribbling. Und schnell ist besser als langsam.
Ich möchte an dieser Stelle noch eine wertvolle kleine Weisheit einflechten: Wer ein schnelles Spiel aufziehen will, muss das wirklich wollen. Diese Entscheidung muss man vor Spielbeginn treffen. Man muss sich bewusst für eine schnelle Spielweise entscheiden. Man muss sich bewusst für möglichst wenige Ballberührungen entscheiden. Ein schnelles Spiel entwickelt sich nicht durch Zufall. Wenn man es nicht wirklich will, wird nichts daraus.
Das Spieltempo ist mehr als eine Gewohnheit, es ist eine Lebenseinstellung. Zugriff darauf hat man erst, wenn man die Vorstellung, dass das Spieltempo das Allerwichtigste ist, vollkommen verinnerlicht hat. Schnell ist besser als langsam. Mit Spieltempo gewinnt man Spiele. Kluge Spieler bevorzugen das schnelle Spiel.
Hinweis für Trainer: Es ist erstaunlich, wie gut unser Team spielt, wenn wir bei einer Übungsform im Training verlangen, jeweils mit nur einem Ballkontakt auszukommen. Es ist ein wunderbarer Anblick, wenn unsere Spieler den Ball in einem Höllentempo laufen lassen. Die Herausforderung für den Trainer besteht darin, die Spieler dazu zu bringen, dieses Tempo auf ein Spiel zu übertragen, bei dem es keine Vorgaben solcher Art gibt. Sind zwischen Training und Spiel erhebliche Unterschiede zu erkennen, haben die Spieler die grundsätzliche Bedeutung des schnellen Spiels noch nicht verinnerlicht. Sie müssen Ihre Spieler dazu bringen, dass sie schnell spielen wollen.
Im 8. Kapitel werde ich eines meiner bevorzugten Ballbesitz-Spiele vorstellen, das Spiel »31«. Es ist eine hervorragende Übung, die den Spielern hilft, zu entscheiden, wann sie den Ball direkt weiterleiten können und wann sie ihn halten sollten.
2. KAPITEL
An Ort und Stelle spielen
»An Ort und Stelle spielen« bedeutet, den Ball sicher anzunehmen und dann von dort, wo man gerade ist, weiterzuspielen oder zu schießen. Klingt ziemlich einfach, nicht wahr?
Stellen wir uns vor, ein Spieler nimmt den Ball in der Spielfeldmitte an, mit Blick zum gegnerischen Tor. Der nächste Gegenspieler ist zehn Meter weit weg, unmittelbar vor dem Spieler am Ball. In diesem Augenblick hat dieser Spieler ein Zehn-Meter-Polster, das ihm ermöglicht, den Kopf hochzunehmen und eine Anspielstation zu finden. Das Sinnvollste wäre jetzt, den eng am Fuß liegenden Ball an Ort und Stelle zu spielen und so den Abwehrspieler zu zwingen, die ganze Entfernung Zentimeter für Zentimeter zu überwinden, wenn er den Ball erobern will.
Stattdessen nimmt der Angreifer den Ball mit der ersten Berührung drei Meter weit mit. Der Gegner verringert den Abstand seinerseits und kommt vier Meter näher. Jetzt sind von dem Zehn-Meter-Abstand noch ganze drei Meter übrig, und innerhalb von Sekundenbruchteilen sind die auch weg. Als Nächstes folgt ein Tackling und man kann zusehen, wie der Ball unkontrolliert zu einem Spieler des gegnerischen Teams rollt.
Es verblüfft mich, wie viele Fußballer und Fußballerinnen spielen, als wären sie Runningbacks in einem Football-Team. Sie nehmen einen Pass an, laufen mit Ball nach vorn und suchen den direkten Zweikampf. Ich werde nie verstehen, wieso ein Spieler freiwillig den Abstand aufgibt, der ihn von einem Verteidiger trennt. Dieses Polster verschafft dir Zeit. Es verschafft dir Zeit für eine gute Entscheidung und Zeit für ein Spielen des Balles unter möglichst wenig Druck. Warum sollte man darauf verzichten?
Mit dem längeren Ballführen in Richtung des Gegners nimmt man dem die halbe Arbeit ab! Es ist nicht deine Aufgabe, ihm den Ball näherzubringen. Er muss näher rücken, um dich unter Druck zu setzen. Spiel nicht für den Gegner! Mach nicht ihm das Leben leichter, indem du dich selbst in Schwierigkeiten bringst!
Wenn du den Ball geschickt angenommen und spielbereit am Fuß hast, ist es an dir, ihn jetzt sofort nach vorn zu spielen. Denn das stellt den Verteidiger vor ein Problem. Er muss überlegen, wie er den Pass nach vorn verhindern kann, anstatt zum Tackling anzusetzen. Der Angriff auf den ballführenden Spieler fällt aus, der Gegenspieler muss sich auf Seitwärtsbewegungen einstellen, wenn er den Pass abfangen will. Mit dem einleitenden Bewegungsablauf für ein Zuspiel hält man den Gegner letztlich an seinen Platz fest und erhält sich so das Polster.
Noch erstaunlicher ist, wie oft ein Spieler bereit ist, dieses Polster herzugeben, noch bevor er den Ball unter Kontrolle hat. In jeder Begegnung fallen mir Spieler auf, die mit dem Ball laufen, ohne ihn zu kontrollieren. Er verspringt ihnen vom Knie, vom Schienbein, vom Oberschenkel, vom Bauch. Was hofft man denn zu erreichen, wenn man den Ball nicht einmal sicher am Fuß liegen hat? Hol um Himmels willen erst einmal kurz Luft und sorg dafür, dass du den Ball am Fuß hast! Das Wichtigste zuerst, nicht wahr? Glaub mir, du bist besser beraten, wenn du auf die Bremse trittst und erst einmal den Ball kontrollierst, bevor du dich auf den 50-Meter-Sprint zum Ruhm begibst.
Wenn ich einer Mannschaft »An Ort und Stelle spielen« erklären will, setze ich sie dazu vor eine Aufzeichnung von einem Spiel der englischen Premier League, aber auch jede andere Profiliga käme infrage.
Immer gibt es kluge Spieler, die verstehen, wie wertvoll es ist, wenn man sich nicht selbst unter Druck setzt. Im Profifußball erhalten die Spieler vor allem im Abwehrbereich und im Mittelfeld regelmäßig Zuspiele, die sie so annehmen, dass der Ball sofort spielbereit am Fuß liegt. Ihre nächste Ballberührung ist meist ein Pass zu einem Mitspieler, wobei der Gegner gar nicht erst dazu kommt, Druck auszuüben.
Schau dir einmal eine Halbzeit eines Premier-League-Spiels an und zähle mit, wie oft beide Mannschaften den Ball an Ort und Stelle spielen. (Auch das direkte Weiterleiten des Balles mit nur einem Kontakt fällt in diese Kategorie.) Sieh dir dann eines eurer Spiele an und zähle auch hier mit. Es gibt schon einen Grund dafür, warum deine Mannschaft den Ball so oft verliert. Es gibt auch einen Grund dafür, warum man selten eine Jugendmannschaft sieht, die drei aufeinanderfolgende Pässe zustande bringt. Es liegt daran, dass die Spieler dieses ganz einfache Konzept noch nicht verstanden haben. Man kann nicht erwarten, im Ballbesitz zu bleiben, wenn man sich durch unbedachtes Losrennen ständig selbst in Schwierigkeiten bringt.
Lerne, an Ort und Stelle zu spielen. Dadurch wirst du sehr viel mehr Pässe an die Mitspieler bringen, und deine Mannschaft wird sehr viel häufiger im Ballbesitz sein.
Hinweis für Trainer: Wenn Ihnen dieser Zusammenhang klar ist, machen Sie ihn auch Ihren Spielern klar. Das wird sich sofort auf die Fähigkeit Ihres Teams, den Ball in den eigenen Reihen zu halten, auswirken. Ich schlage dazu die oben erwähnte Auswertung eines Profi-Spiels vor. Teilen Sie die Mannschaft in zwei Gruppen. Jede Gruppe soll eine Mannschaft genau beobachten und die Zahl der Pässe an Ort und Stelle festhalten, die die Spieler spielen. Lassen Sie, um das Thema fest in den Köpfen der Spieler zu verankern, darauf die Analyse eines eigenen Spiels folgen und auch hier die Zahl der an Ort und Stelle gespielten Pässe registrieren. Ich verspreche Ihnen, dass die Statistik ihre Wirkung auf die Spieler nicht verfehlen wird.
3. KAPITEL
Der unmögliche Pass
Mit der Verständigung, die meine Spieler untereinander auf dem Platz pflegen, bin ich grundsätzlich unzufrieden. Könnte ich sie jemals alle dazu bringen, im laufenden Spiel großzügig nützliche Informationen auszutauschen, würde das das Spielniveau deutlich heben, doch dazu später mehr. In diesem Kapitel geht es nicht nur darum, was man sagen soll, hier geht es darum, was man nicht und wann man es nicht sagen soll.
Kluge Spieler, die gut kommunizieren, sprechen über das, was für den Ball am besten ist. Sie lassen ihren Mitspielern präzise Informationen zukommen, die den Angesprochenen helfen, eine Lösung für die Spielsituation zu finden. Sie gleichen Schach-Großmeistern, die ihre Figuren zu einem gut aufgebauten Angriff anordnen, und leiten den Ball von einem Mitspieler zum nächsten weiter. So verhalten sich clevere Spieler.
Die meisten anderen sehen, wer den Ball hat, und beschränken sich darauf, seinen Namen zu brüllen: »Alex! Alex! Alex!«
Der arme Alex im Mittelfeld hat alle Mühe, sich gegen zwei entschlossene Gegner zu behaupten, und die einzige Hilfe, die ihm zuteilwird, kommt von zehn Mitspielern, die aus zehn verschiedenen Richtungen seinen Namen rufen. Was soll das? Euer Mitspieler weiß selbst, wie er heißt. Er braucht allerdings nützliche Informationen, die ihm aus seiner aktuellen unangenehmen Lage heraushelfen. Er braucht einen Mitspieler, der so etwas sagt wie: »Spiel zu Steve.« Das wäre ein brauchbarer Hinweis. Stattdessen hört er: »Alex! Alex! Alex!«
Die Verständigung, wie sie die meisten Spieler pflegen, ist im wahrsten Sinne des Wortes armselig – entweder sie reden nicht genug oder sie reden dummes Zeug. Spieler, deren einzige Kommunikation darin besteht, den Namen des Spielers zu rufen, der gerade am Ball ist, fallen in die zweite Kategorie.
Das Dümmste daran inspirierte mich zu dem Begriff vom »Unmöglichen Pass«.
Alex ist wieder am Ball. Diesmal hat ihn ein Gegenspieler, der absolut nicht lockerlässt, an die Seitenlinie abgedrängt. Der Ball befindet sich zwischen Alex und der Seitenlinie. Alex schirmt den Ball vor dem Gegenspieler ab. Und 20 Meter hinter dem Gegenspieler stehst du und rufst »Alex! Alex! Alex!«
Da stehst du also und verlangst von einem Mitspieler, der vom Gegner unter Druck gesetzt wird und dich nicht einmal sehen kann, den Ball durch den Gegner hindurch und über eine Entfernung von 20 Metern hinweg an deinen wartenden Fuß zu zaubern.
Meine Frage lautet: Wie um alles in der Welt soll er das anstellen?
Wie frei du dort stehst, ist mir egal. Mir ist auch egal, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass du ein Tor schießt, wenn du diesen Ball bekommst. Beides hat keinerlei Bedeutung, weil Alex DIR DEN BALL NICHT ZUSPIELEN KANN! Verstehst du das? Du verlangst einen UNMÖGLICHEN PASS von ihm! Das Einzige, was du mit deinem Rufen erreichst, ist, dass vielleicht ein nützlicher Hinweis, den ein anderer Mitspieler anzubringen versucht, übertönt wird.
Ich verstehe ja, dass du den Ball haben willst. Aber lass doch ein bisschen gesunden Menschenverstand walten, wenn das Problem gelöst werden soll. Es nützt deinem Team viel mehr, wenn du Alex eine Information zukommen lässt, mit der das Problem zu lösen ist. Durch deine Mitteilung gelangt der Ball vielleicht zu einem Mitspieler, der ihn dann an dich weiterleiten kann, sodass du zu einem Torerfolg kommst. Klingt einleuchtend, oder?
Verwende für die Verständigung mit deinen Mitspielern klare und präzise Worte, Formulierungen und Sätze. Sprich mit dem Spieler am Ball so, als wären ihm die Augen verbunden und er vollständig auf dich angewiesen. Er weiß nicht, was du denkst, wenn du seinen Namen rufst, aber er weiß genau, was du meinst, wenn du »Hintermann!« oder »Zeit« oder »Dreh dich!« sagst. Wenn er zu einer Flanke ansetzt und du »kurz« rufst, weiß er, dass du den Ball an den kurzen Pfosten haben willst. Lauter Optionen, die Alex die Informationen liefern, die er braucht, um sein Problem zu lösen. Einfach nur seinen Namen zu rufen, nützt ihm überhaupt nichts.
Kurz und knapp: Rede kein dummes Zeug. Und bitte nicht um den »Unmöglichen Pass«. Er kommt nicht.
Hinweis für Trainer: Verlangen Sie bei jeder geeigneten Übung von Ihren Spielern, dass sie sinnvoll kommunizieren. Es ist erstaunlich, wie viel einfacher das Fußballspielen wird, wenn die Spieler nützliche Informationen geben und empfangen.
4. KAPITEL
Zuspielwinkel und Einfühlungsvermögen
Kommen wir zu der Sache mit dem Zuspielwinkel … Man ist noch lange kein großer Spieler, wenn man gute Zuspielwinkel schnell und sicher erkennt, aber ohne diese Fähigkeit wird man nie ein großer Spieler.
Ein Zuspielwinkel ist ein Raum, der sich zwischen Spielern (meist: Gegenspielern) oder zwischen Spielern und Spielfeldbegrenzung auftut, in den man den Ball spielen kann, ohne dass er abgefangen oder abgefälscht wird. Sofern der Spieler, der den Ball erhält, nicht vollständig umzingelt ist, gibt es so eine Lücke immer. Ein Mitspieler, der den Ball haben will, muss etwas tun, um ihn in einer dieser Lücken annehmen zu können. Fußball ist ein dynamisches Spiel, deshalb bewegen sich diese Räume ständig – sie entstehen, verschwinden, sind wieder da. Ein cleverer Spieler erkennt den Bewegungsablauf der Spieler, die sich zwischen ihm selbst und dem Ball befinden, macht so die Lücken aus, die dem Ballführenden die beste Chance für ein Zuspiel bieten, und (das ist das Wichtigste) bewegt sich so, dass er in den Zuspielwinkel gelangt.
Auf dem Spielfeld geht nichts über ein hohes Spieltempo. Die Fähigkeit, den Ball schneller zu spielen, als der Gegner laufen und sich organisieren kann, ist die sicherste Methode, ihn auszuspielen. Wenn der Ball schnell durch die eigenen Reihen laufen soll, muss der Spieler, der den Ball hat, rasche Entscheidungen treffen. Die Fähigkeit, sich schnell zu entscheiden, hängt jedoch von den Möglichkeiten ab, die man hat, wenn man den Ball bekommt. Und diese Möglichkeiten beruhen ganz und gar auf der Fähigkeit der Mitspieler, Lücken für Zuspiele zu erkennen und sich in diesen Bereichen anzubieten.
Wir verlangen oft, dass unsere Spieler mit nur einem Ballkontakt auskommen. Das kann ein Spieler aber nur leisten, wenn ihm die Mitspieler entsprechende Möglichkeiten bieten, vor allem in Blickrichtung. Bewegt sich mindestens ein Mitspieler in eine bespielbare Lücke in dieser Richtung, kann der Spieler den Ball mit einer einzigen Berührung annehmen und weiterleiten. Das Spiel mit nur einer Ballberührung ist die schnellste Variante überhaupt.
Klingt einfach, nicht wahr? In der Theorie ist es das auch. Aber bei jeder praktischen Ballbesitz-Übung sieht man sofort zahlreiche Spieler, die im toten Winkel verharren, anstatt sich in die Lücken hineinzubewegen. Und deshalb wirst du auch in jedem Spiel zahllose Beispiele dafür finden, dass eine Mannschaft den Ball verliert, obwohl das in der Situation absolut unnötig ist.

Abb. 4.1: Der Angreifer am Ball (Nr. 1) hat drei Abspielmöglichkeiten. Die Angreifer Nr. 2 und Nr. 3 haben sich in zwei dieser Räume bewegt, aber Nr. 4 befindet sich im toten Winkel hinter zwei Verteidigern.
Eine Lücke zu erkennen, ist gar nicht so schwer. Man braucht dafür nur eine einzige Eigenschaft – Einfühlungsvermögen. Versetz dich an die Stelle des Mitspielers, der demnächst den Ball bekommt. Frag dich dabei: »Wenn ich an seiner Stelle wäre und den Ball direkt weiterleiten wollte: Wohin wünschte ich mir meinen Mitspieler?« Du würdest dir mit Sicherheit nicht wünschen, dass er sich hinter Gegenspielern versteckt. Du möchtest ihn in einer Lücke sehen, die sich zwischen den Gegenspielern auftut. Diese Lücke zu erkennen ist der erste Schritt.
Der zweite Schritt ist dann, sich in diese Lücke hineinzubewegen. Die einzige Frage, die du dir dabei stellen musst, ist, ob du den Ball haben willst oder nicht, denn du wirst ihn nicht bekommen, wenn du dich hinter einem Gegner versteckst. Der Ball kann den Gegner nicht durchdringen, aber durch die Lücke kann er sehr gut fliegen. Wenn du den Ball willst, mach deinem Mitspieler das Leben leichter, und biete dich in diesem Winkel an.
Hinweis für Trainer: Scheuen Sie sich nicht, Ballbesitz-Übungen jedes Mal zu unterbrechen, wenn ein Spieler nicht für eine ideale Anspielmöglichkeit sorgt. Sie müssen bei jedem Training auf dieses Thema zu sprechen kommen. Dass ein Spieler versteht, wohin er sich bewegen muss, bedeutet noch nicht, dass er es auch tut. Die Spieler müssen diese Aufgabe verinnerlichen.
5. KAPITEL
Ballannahme mit dem richtigen Fuß
Hat man die Lücke für das Anspiel erkannt und sich dorthin begeben, folgt die nächste Herausforderung: den Ball mit dem richtigen Fuß annehmen. Im Normalfall ist das der Fuß, der weiter von dem Abwehrspieler entfernt ist, der verhindern will, dass das Zuspiel ankommt. Aber auf einem höheren Spielniveau sollte man dazu eine Reihe von Entscheidungen getroffen haben, noch bevor der Ball auf einen zukommt. Von diesen Entscheidungen hängt ab, mit welchem Fuß der Ball angenommen werden sollte.
Bei der Entscheidung für die Ballannahme musst du dir die folgenden Fragen stellen:
•Welcher Fuß hilft mir, dem Gegner zu entwischen?
•Welcher Fuß hilft mir, den Ball nach vorne zu bringen?
•Mit welchem Fuß will ich meinen nächsten Pass spielen?
Achte unbedingt darauf, dass die erste Ballberührung nicht unter Druck erfolgt. Stell dich darauf ein, bei der Ballannahme sofort den eigenen Körper zwischen den Ball und den angreifenden Verteidiger zu bringen.
Vergiss bei der Ballannahme nicht – ganz gleich, mit welchem Fuß sie erfolgt –, dass dir nicht immer zwei Kontakte vergönnt sind. Es gibt keine Regel, die besagt, dass es dir zusteht, jeden Ball zu stoppen, der den Weg zu dir findet. Stell dich darauf ein, mit einem Ballkontakt auszukommen, denn sehr oft wirst du nicht mehr bekommen. Reichen Zeit und Platz nicht aus, um den Ball zu stoppen, mach gar nicht erst den Versuch. Stell dich darauf ein, und beschränke dich auf einen Kontakt.
Die Fähigkeit zur Abwägung der passenden Ballannahme entscheidet mitunter über Sieg oder Niederlage.
Hinweis für Trainer: Spieler, die den Ball mit dem falschen Fuß annehmen, wissen entweder nicht, was sie falsch machen, oder sie sind träge. Die einzige Möglichkeit, das richtige Verhalten zur Gewohnheit zu machen, besteht darin, im Training eine perfekte Ausführung zu verlangen. Details sind wichtig.
6. KAPITEL
Zuspiel auf den richtigen Fuß
Im 5. Kapitel warst du der Spieler, der auf ein Zuspiel hoffte. Jetzt bist du der Spieler am Ball, und dein nächster Spielzug ist ein Pass zu einem Mitspieler.
Erinnere dich an die Bedeutung des Spieltempos. Du musst deinen Mitspieler so anspielen, dass auch er schnell spielen kann oder zumindest eine reelle Chance hat, den Ball zu behaupten. Und dazu gehört, ihm den Ball auf den richtigen Fuß zu spielen.
Beim Fußballspielen gibt es viele wichtige Kleinigkeiten, und diese Sache gehört dazu. Es ist erstaunlich, wie viele aussichtsreiche Angriffe nicht vom Gegner, sondern von einem der eigenen Mitspieler vereitelt werden, indem der den Ball auf den falschen Fuß spielt. Hierzu ein Beispiel.
Unser zentraler Mittelfeldspieler führt den Ball in Richtung des rechten Flügels und schafft dort eine 2:1-Überzahlsituation zum Nachteil des gegnerischen linken Außenverteidigers (vgl. Abb. 6.1). Hier soll er den Verteidiger auf sich ziehen und dann den Ball an ihm vorbei zum rechten Flügelspieler passen, der an der Seitenlinie lauert. Der Mittelfeldspieler macht das genau so, wie er es im Training gelernt hat: Der linke Außenverteidiger greift an, und unser Mittelfeldmann schiebt den Ball außen an ihm vorbei. Landet der Pass am rechten Fuß unseres Außenstürmers, kann der sich mit einem explosiven ersten Ballkontakt an der Seitenlinie vom Verteidiger lösen. Leider landet der Pass aber am linken Fuß des Mitspielers. Der muss jetzt einen halben Schritt zurück machen, um den Ball mitzunehmen, und noch vor der zweiten Ballberührung hat der Verteidiger die Lücke geschlossen, und unser Flügelspieler sieht sich gezwungen, zurückzupassen, damit die Mannschaft im Ballbesitz bleibt. Unser zunächst so vielversprechender Angriff gerät ins Stocken, und wir müssen neu aufbauen.
Ein halber Meter – über mehr reden wir hier nicht. Der Pass landet nur einen halben Meter neben dem idealen Anspielpunkt, und das genügt, um eine hervorragende Chance für das Herausspielen einer Torgelegenheit zunichtezumachen. Eine Kleinigkeit?
Wenn du am Ball bist, musst du dich in die Situation des Mitspielers versetzen, für den der Pass bestimmt ist, und ihm die bestmögliche Aussicht auf Erfolg geben. Manchmal zeigt sich das so deutlich, dass es buchstäblich wehtut: Spielst du den Ball an den Fuß deines Mitspielers, der weiter vom angreifenden Gegner entfernt ist, kann er ihn abschirmen. Landet der Ball an dem anderen Fuß, ist es nur noch eine 50:50-Chance und dein Mitspieler einem heftigen Tackling ausgesetzt.
Abb. 6.1: Wenn der Angreifer den Außenverteidiger auf sich zieht und den Ball auf den starken rechten Fuß des Flügelspielers passt, kann der gleich mit dem ersten Ballkontakt in den Rücken des Verteidigers gelangen und ihn überlaufen. Landet der Pass am Nachziehbein, schafft es der Flügelspieler nicht mehr mit dem ersten Ballkontakt in den Rücken der Verteidigung.
Ich schildere im Folgenden ein Beispiel aus meiner Trainingspraxis mit einer Spielerin, die ich Jackie nennen will. Wir spielten Fünf gegen Fünf mit zwei Torwarten, und Jackie bekam den Ball mit dem Rücken zum Tor am Elfmeterpunkt zugespielt. Sie wurde eng gedeckt und entschied sich deshalb dafür, den Ball zur völlig frei stehenden Mitspielerin Meghan zurückzuspielen. Meghan zog aus 20 Metern direkt ab, doch der Schuss verfehlte das Ziel. In dieser Situation unterbrach ich die Übung und fragte:
Jackie, wie lange kennst du Meghan jetzt?
Jackie: Drei Jahre.
Kannst du mir sagen, welcher Fuß ihr starker Fuß ist?
Jackie: Der linke.
Warum hast du sie dann rechts angespielt?
Jackie: Weil ich ein Idiot bin.
Jackie ist keineswegs ein Idiot, aber dieser Pass war in der Tat idiotisch. Meghan ist eine der besten Schützinnen, die kenne … mit dem linken Fuß. Jackie wusste das, hatte aber bei diesem Pass nicht genug daran gedacht, wie sie der Mannschaft nützt. Auf unserem Spielniveau ist das ein inakzeptabler Denkfehler.
Wer auf einem höheren Niveau spielen will, muss einen entsprechenden Standard einhalten. Den Ball irgendwie zum Mitspieler zu bringen, reicht dann nicht mehr. Man muss den Mitspieler in die bestmögliche Ausgangsposition bringen, und das bedeutet: Der richtige Ball muss am richtigen Fuß landen. Dafür gibt es eine wirklich einfache Gedächtnisstütze: Spiel einen Pass, den du selbst gerne bekommen würdest. Sorg dafür, dass der Ball nicht springt, wenn du ihn genauso gut auch flach halten kannst. Knall ihn dem Mitspieler nicht vor den Bauch, wenn du ihn an den Fuß spielen kannst. Und spiel ihn nicht auf den rechten Fuß, wenn er ihn auf dem linken braucht.
Noch einen Rat zu deinen Pässen: Für den Ball, der deinen Fuß verlässt, bist du verantwortlich, und zwar so lange, bis er beim Mitspieler ankommt. Gelangt er nicht dorthin, wird niemand dem vorgesehenen Empfänger die Schuld dafür geben. Hat dir dein Mitspieler keinen hinreichenden Zuspielwinkel angeboten, solltest du also nicht so tun, als sei das Gegenteil der Fall. Wie oft sehe ich Spieler, die sich abmühen, einem Mitspieler, der sich in einem inakzeptablen Winkel anbietet, den Ball doch noch zuzuspielen. Immer und immer wieder gehört der Ball nach einem solchen Pass dem Gegner.
Ist der Winkel, den dir der Mitspieler anbietet, nicht gut genug, dann spiel ihn nicht an. Und wenn du ihn anspielen musst, spiel den Ball nicht dorthin, wo er steht. Spiel ihn dorthin, wo er stehen sollte. Spiel den Pass in die akzeptable Gasse und lass ihn darum kämpfen. Auf diese Art ist es für deine Mannschaft sehr viel einfacher, im Ballbesitz zu bleiben, das kannst du mir glauben.
Ich trainierte einmal eine Innenverteidigerin, die sich ständig über die rechte Außenverteidigerin aufregte, weil die sich grundsätzlich in einem ungünstigen Winkel anbot. Wir konnten das im Training so oft üben, wie wir wollten, im Spiel bekam sie es einfach nicht hin. Sie forderte immer den hoch riskanten Pass, bei dem die Möglichkeit bestand, dass die gegnerische Angreiferin ihn abfing. Unsere Innenverteidigerin hatte dann in einem Spiel endgültig genug von ihrer faulen Mitspielerin. Nach dem Seitenwechsel spielte sie absichtlich einen Pass 20 Meter weit in den Rücken der Außenverteidigerin und zwang sie so, zurückzulaufen, wenn sie den Ball aufnehmen wollte. Nach ein paar Spielzügen dieser Art wollte die Außenverteidigerin wissen, warum die Kollegin sie aus der Abwehrmitte heraus so schlecht anspielte. Die Angesprochene zischte zurück: »Sobald du mir einen guten Winkel anbietest, bekommst du von mir auch gute Pässe.« Amen.
Hinweis für Trainer: An der University of Georgia drillen wir unsere Spielerinnen förmlich darauf, den richtigen Fuß anzuspielen, weil es ein so wichtiges Detail ist. Wenn eine Spielerin bei einem Ballbesitz-Spiel den falschen Fuß bedient, lassen wir sie das wissen. Bei manchen Übungen führt ein Pass auf den falschen Fuß automatisch zum Ballbesitz für den Gegner.
7. KAPITEL
Lupfer bei schmalem Zuspielwinkel
Manchmal musst du einen Pass durch eine sehr schmale Gasse spielen. Spielst du den Ball flach, wird ihn der Verteidiger mit einer schnellen Fußbewegung abfangen oder abfälschen. In solchen Situationen hebst du den Pass am besten auf eine Höhe von etwa 30 Zentimetern an. Der Ball wird über den ausgestreckten rechten Fuß des Verteidigers hinweg zum Adressaten finden. Bei sehr guten Spielern kann man diese Art des Zuspiels regelmäßig beobachten.
Hinweis für Trainer: Drei-gegen-Einen-Ballbesitz-Spiele sind eine hervorragende Gelegenheit, diese Pass-Variante zu erörtern, weil die Spieler dabei oft durch eine schmale Gasse spielen müssen.
8. KAPITEL
Die Drei-Schritte-Regel
Wenn deine Mannschaft im Ballbesitz ist, bist du entweder der Spieler, der gerade den Ball hat, oder einer der zehn Spieler, die dem Passgeber möglicherweise helfen können. Zwischen diesen beiden Rollen musst (und solltest) du oft in Sekundenschnelle hin- und herwechseln.
In dem Augenblick, in dem du den Ball spielst, musst du die Rolle wechseln. Du musst augenblich vom Zuspieler zur Anspielstation werden, und deshalb orientieren sich clevere Spieler an der Drei-Schritte-Regel.
Wenn du einen Pass spielst, geht der Verteidiger normalerweise dem Ball nach, als würde er von ihm an einer Schnur gezogen. Die Bewegung, die sich am Weg des Balles orientiert, hat zur Folge, dass er sich zwischen dir und dem Empfänger des Passes befindet, was dich in einen toten Winkel bringt. Zum Glück ist das leicht zu beheben: im Durchschnitt genügen drei Schritten nach links oder rechts aus dem toten Winkel heraus. Durch diese drei schnellen Schritte wirst du abermals zu einer günstigen Anspielstation für deine Mitspieler.
Wir absolvieren Ballbesitz-Übungen mit der Drei-Schritte-Regel. Nach jedem Zuspiel muss der Passgeber sofort mindestens drei schnelle Schritte machen, um wieder einen besseren Zuspielwinkel anbieten zu können. Unterlässt er das, wird das Spiel unterbrochen, und der Ballbesitz wechselt zur anderen Mannschaft.
Kluge Spieler, Spieler, die den Ball fordern, sollten sich die drei Schritte (mindestens) zur festen Gewohnheit machen.
Hinweis für Trainer: Probieren Sie folgende Ballbesitz-Übung aus. Wir nennen sie »31«, und sie gehört zu meinen Lieblingsübungen, weil sie so viele verschiedene Aspekte des Ballbesitz-Fußballs mit einschließt, unter anderem auch die Fragen, wann man mit nur einem Ballkontakt auskommt und wann man mit zwei oder noch mehr Kontakten spielen sollte. Die Übung ist auch für die Beobachter anstrengend, wenn Ihnen also Helfer, zum Beispiel verletzte Spieler, zur Verfügung stehen (vorzugsweise drei Personen), dann binden Sie sie ein und teilen Sie ihnen jeweils ein Team zur Beobachtung zu.
Teilen Sie die Gruppe in drei Vierer-Mannschaften ein und lassen Sie auf einem Feld von 30 mal 20 Metern spielen. Variieren Sie die Spielfeldgröße nach Bedarf. Eine Mannschaft trägt gelbe, die zweite Mannschaft blaue und die dritte rote Hemdchen. Zunächst versuchen Rot und Blau gegen Gelb den Ball in den eigenen Reihen zu halten. Verliert jetzt zum Beispiel Blau den Ball oder spielt ihn über die Spielfeldbegrenzung, spielen ab sofort Rot und Gelb gegen Blau auf Ballhalten. Die Zahl der Ballkontakte ist nicht begrenzt, aber für jedes direkte Zuspiel, das ein Spieler der beiden angreifenden Mannschaften mit nur einem Ballkontakt zu einem Mitspieler bringt, bekommen beide Angreiferteams einen Punkt gutgeschrieben. Noch einmal: Jeder erzielte Punkt wird bei zwei Teams gezählt. Das Spielziel besteht darin, als erste Mannschaft auf 31 Punkte zu kommen.
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