Kitabı oku: «Stille Nacht»

Yazı tipi:

U. D. Müller Braun

Stille Nacht

Ein Eintracht Frankfurt-Krimi


Alle Rechte vorbehalten • Societäts-Verlag

© 2021 Frankfurter Societäts-Medien GmbH

Satz/E-Book: Julia Desch, Societäts-Verlag

Umschlaggestaltung: Müller-Braun, Societäts-Verlag

Umschlagabbildung: ©schankz/Shutterstock

Printausgabe ISBN 978-3-95542-407-7

E-Book ISBN 978-3-95542-435-0

Prolog

Severin

Ich laufe. Jetzt schon seit Wochen. Seit meiner dämlichen Sprachnachricht. Ich habe mir am nächsten Morgen vorgenommen, mein Leben zu ändern. Mich zu ändern. Aber ich habe nur die bequemen Chucks gegen Laufschuhe ausgetauscht. »In denen läuft es sich fast von allein«, hat mir Achim versprochen. Inzwischen weiß ich, dass er als Redakteur vielleicht ganz brauchbar ist. Als Laufschuhexperte eher nicht.

Musik dröhnt in meinen Ohren und übertönt meine lauten, schnellen Schritte. Früher, an einem normalen Tag, hätte man das Aufsetzen der Sohlen nicht gehört. Weil diese Stadt immer Lärm macht. An normalen Tagen. Jetzt kann ich mich sogar atmen hören. Aber ich mag diese Stille nicht und lasse mich deshalb lieber von alten Queen-Songs beschallen.

In meiner Jugend habe ich Fußball gespielt. Ansonsten war ich nie wirklich der sportliche Typ. Aber inzwischen sterbe ich nicht mehr schon nach einem Kilometer und das Laufen hilft mir. Es bläst meinen Kopf frei und lässt mich meinen Körper wieder spüren. Nimmt all das, was geschehen ist, von mir. Wenn auch nur für einen kurzen Augenblick.

Die Straßen Frankfurts sind für diese Uhrzeit ziemlich leer. Das Virus kam und hat sie leergefegt. Und ein Teil von mir hat sich nur dazu entschieden, joggen zu gehen, um frische Luft zu atmen und mich frei zu fühlen, während die ganze Welt eingesperrt ist.

Ich denke an Lydia. Lydia. Ob es wohl je wieder normal zwischen uns sein wird? Ob wir je zusammenfinden? Als Freunde oder vielleicht sogar … Ich denke, alles ist möglich. Ich würde viel dafür geben, wenn das bedeutet, an ihrer Seite zu sein. Sie in meinem Leben zu haben.

Ich biege von der Saalburgstraße in die Berger Straße ab und mustere die Schaufenster, hinter denen alles dunkel ist. Die Stühle, die leer sind. Es ist richtig so, doch es fühlt sich falsch an. Aber wann hat es sich je richtig angefühlt, Menschen zu schützen, auch wenn man es mit solchen Mitteln tun muss? Ich kann ein Lied davon singen. Ich kann verstehen, wie weit man geht, um Leben zu retten. Und das ist am Ende doch genau das, was hier geschieht. Die leeren Straßen und das Eingesperrtsein retten Leben.

Und so langsam frage ich mich, wann ich eigentlich damit beginnen will, mein Leben zu retten. Wann ich endlich erwachsen werden will. Mit mir selbst im Reinen. Wird dieser Tag kommen? Oder werde ich auf ewig Severin, der Idiot bleiben, der alles vermasselt, obwohl er doch eigentlich das Richtige tun will?

Kapitel 1

23. Dezember 2020, 17.34 Uhr

Lydia

Mama? Du? Was … Wieso … äh …« Ich kann fühlen, wie das Blut aus meinem Kopf in die Tiefe sackt und sich mein Magen nach innen wölbt. Sprechen kann ich dafür nicht.

»Ja, Mäuschen. Ich bin es!« Wortfetzen dringen an mein Ohr. Kommen von weit, weit her. Jedenfalls empfinde ich das so.

»M … ama?«, bringe ich noch einmal hervor. Mein Puls rast und meine Beine sind nicht mehr in der Lage, die läppischen 52 Kilogramm zu tragen, die ich nach einem halben Jahr als Gleichstellungsbeauftragte der Eintracht mit Mühe auf die Waage bringe. Ich blicke mich fast panisch nach einer Sitzgelegenheit um. Als ob ich mich direkt vor meinem Elternhaus nicht bestens auskennen würde. Aber: Ich fürchte, mein Orientierungsvermögen ist gerade außer Kraft gesetzt. Ich schaue rechts, schaue links, aber da ist nichts. Ob ich reingehen soll? Es sind nicht mal 50 Meter bis zur Haustür. Besser nicht! 50 Meter können weit sein. Also gleite ich wie ein Plumpsack zu Boden. Sollen die Nachbarn doch denken, was sie wollen, wenn sie die Eintracht-Vizepräsidentin wenige Meter vor ihrem Elternhaus kreidebleich auf dem Bürgersteig hocken sehen.

Vielleicht sollte ich die Maske aufsetzen, schießt es mir durch den Kopf. Dann erkennt mich nicht gleich jeder. Im gleichen Atemzug beantworte ich mir die Frage selbst: »Lydia Heller. Hast du sie eigentlich noch alle!«, entfährt es mir hörbar. Ich nehme das Handy wieder ans Ohr. »Nein. Mama. Du warst nicht gemeint. Obwohl: Äh. Verzeih, aber: Hast du sie noch alle?«

»Ach Mäuschen. Es spielt keine Rolle, was mit mir ist. Glaub mir. Es geht um dich. Sonst würde ich mich wohl kaum so aus dem Nichts heraus bei dir melden.«

»Aus dem Nichts heraus trifft es ziemlich gut.«

Ich habe ein Stück Fassung zurückgewonnen und kann sogar diesen leicht schnippischen Ton, den ich im Kommunikationsseminar für Pressesprecher erlernt habe, in diesen Satz legen. Das hilft auch bei Presseleuten, eine Art dunkelgelbe Karte zu zeigen, wenn sie immer wieder die gleichen blöden Fragen stellen.

»Weihnachten ist doch erst morgen, Mama. Und normalerweise bringt der Briefträger eine Ansichtskarte irgendwo aus Afrika oder was weiß ich woher, mit zwei Wörtern: Frohes Fest!« Ich lege eine kleine Pause ein. Das mit den lieblosen Karten soll erst einmal bei ihr ankommen. Dann hole ich aus.

»Dein letzter Anruf war …«

»Ich weiß. Aber dieses Jahr ist eben alles anders. Ich erkläre es dir. Alles«, unterbricht mich ihre Stimme merkwürdig schroff.

Plötzlich schießt es mir durch den Kopf. Corona! Meldet sie sich bei mir telefonisch … einfach nur, weil sie krank ist, und Angst davor hat zu sterben, ohne vorher noch ein paar Dinge ins Reine gebracht zu haben?

»Bist du mit diesem Virus infiziert?«

»Nein, Mäuschen. Ich bin nicht infiziert.«

»Okay. Was willst du dann? Und hör auf, mich Mäuschen zu nennen. Ich bin schon lange nicht mehr dein Mäuschen!« Ein kurzer Moment der Stille entsteht. Offenbar muss sie meine Antwort erst verdauen.

»Was ich will? Das lässt sich nicht so einfach in drei Worten sagen. Du musst zu Papa und ihm mitteilen, dass ich angerufen habe. Er weiß dann, was zu tun ist. Und bitte, Mäuschen: Tu einfach, was ich sage. Es ist wichtig. Vielleicht sogar überlebenswichtig!«

Ihre Stimme klingt plötzlich so, als hätte ich mein Zimmer mal wieder nicht aufgeräumt. Und das ›überlebenswichtig‹ macht mir Angst.

»Hallo! Mama! Du erinnerst dich doch, oder? Es ist ein paar Tage her, dass wir uns zuletzt gehört haben. Gefühlt: ein paar Jahre. Und du willst das mit deinem Gouvernantenton mal eben aus meinem Gedächtnis streichen? So, als wäre nichts gewesen. Denkst du wirklich, ich glaube noch an den Weihnachtsmann? Ich bin kein Kind mehr … und du hast irgendwann entschieden, nicht mehr meine Mutter sein zu wollen.«

»Nein. Mäuschen. Will ich nicht. Und würde ich ja auch nicht, wenn es nicht so wichtig wäre. Also, ich meine das Aus-der-Welt-schaffen. Nicht das Muttersein. Ach, egal. Du bist in Gefahr.«

»Klar, Mama. Ich sitze hier auf dem Bürgersteig in einer reinen Anliegerstraße und bin ziemlich aufgelöst. Aber: Ich sitze. Also umfallen kann ich nicht, und es sieht auch nicht so aus, als käme der Gruber aus der 79 hier mit seinem aufgemotzten Flitzer um die Ecke gebogen, um mich über den Haufen zu fahren!«

Meine Stimme ist ziemlich am Ende ihrer Kapazitäten angelangt.

Mama scheint das aber überhaupt nicht zu beeindrucken. »Du musst mir einfach nur vertrauen. Ich rufe nicht an, um dir … äh … euch ein schönes Weihnachtsfest zu wünschen. Ich melde mich, um dich zu warnen!«

»Jetzt? Vor was denn? Wie wäre es mit einem Anruf gewesen vor meiner Blinddarm-OP, vor der Abi-Prüfung oder meinem ersten Tag bei der Eintracht? Das mit dem Telefonieren soll weltweit funktionieren, habe ich gehört!«

»Ja, das wollte ich auch immer mal wieder, aber …«

»Was aber! Mama! Willst du mich verarschen?! Wir leben seit einem Jahr in Corona-Zeiten – gut. Weltweit – auch gut, aber da kann man doch völlig gefahrlos telefonieren. Oder nicht?«

»Ach, Mäuschen! Wenn das alles so einfach wäre.«

»Sicher einfacher, als seinen Koffer zu packen und sich auf Nimmerwiedersehen zu verabschieden. Weißt du was, Mama: Leck mich!«

Das hat gesessen. Zumindest herrscht jetzt Stille am anderen Ende der Leitung. Vielleicht, weil diese Art Gefühlsausbruch so gar nicht zu mir zu passen scheint. Ich bin selbst überrascht. Leck mich … ? Aber – was soll’s. Ihre Sprachlosigkeit gibt mir Gelegenheit, ein bisschen auszuholen: »Weißt du, es kann ja sein, dass dich Papa mit seiner Eintracht nur noch genervt hat. Aber was war denn mit mir?«

»Hat es dir Papa nicht gesagt?« Mit sechs Wörtern bringt sie mich wieder aus dem Konzept.

»Was hat mir Papa nicht gesagt?«

Es ist alles so irreal. So völlig aberwitzig. Ich habe die Stimme meiner Mutter beim ersten Ton wiedererkannt. Sie war so vertraut. So völlig vertraut. Als wäre sie niemals weg gewesen. Als wäre da nicht mehr als ein Jahr vergangen, dass ich sie zum letzten Mal am Telefon gehört habe. Und gleichzeitig klang dieses ›Ach Mäuschen‹ so fremd. So entfernt. So schuldig. Eine Träne kullert meine Backe hinunter zu meinem Mundwinkel. Sie schmeckt salzig. Salziger als normal, habe ich das Gefühl.

»Warum ich gegangen bin. Hat Papa es dir nicht gesagt?«

»Nein. Papa hat nicht ein Wort dazu verloren. Er ist damals in seinem Kabuff verschwunden und erst nach vielen Stunden wieder aufgetaucht. Gesagt hat er nichts. Was hätte er denn auch sagen sollen? Dass er dich mit seiner allumfassenden Eintracht-Liebe letztlich fortgetrieben hat? Und dass dir dabei dein Kind völlig egal war? Mama! Hätte er mir das sagen sollen?«

»Ich kann dir nicht sagen, was er hätte machen sollen. Es war seine Entscheidung.«

Und wieder bollert das Blut durch meine Halsschlagader. »Seine Entscheidung!«, brülle ich wie nach dem 5:2 gegen die Bayern letztes Jahr: »Seine Entscheidung! Ich fürchte, du bringst da ein bisschen was durcheinander.«

»Es ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, um darüber zu streiten. Du musst mir einfach vertrauen. Wo bist du gerade? Im Stadion? Am Riederwald? In Kronberg?«

»Vor Papas Haustür.« Ich versuche, die Worte Papas Haustür möglichst lang zu ziehen. Jeder Buchstabe soll sie daran erinnern, was sie aufgegeben hat. Dass sie mich aufgegeben hat. Schmierentheater, ich weiß, aber das ist mir in diesem Moment egal. Seit vergangenem Mittwoch haben wir wieder einen Lockdown und ich noch immer nicht alle Weihnachtsgeschenke. Leider haben aber keine Geschäfte mehr auf. Also muss ich Gutscheine schreiben und mir irgendwelche Kleinigkeiten einfallen lassen. Außerdem ist heute eine Mini-Weihnachtsfeier bei der Eintracht, zu der ich eigentlich nicht will, weil ich Heiligabend mit Papa verbringen möchte und Angst habe, mich bei dieser Feier anzustecken und ihn dann gleich mit. Er gehört mit seinem scheiß Schlaganfall auch noch zur Risikogruppe. Und weil ich auf Nummer sicher gehen will, werde ich nicht zu dieser Feier gehen und zusätzlich noch einen Test machen. Außerdem hat sich Sev heute abgemeldet, weil er mit seinen ›Buddys‹ aus dem Greifvogel natürlich den Todestag von Mic begehen möchte. Ohne mich. Was ja okay ist, wenn ich nicht genau wüsste, dass er vor Sonntag wahrscheinlich kein Lebenzeichen mehr von sich geben wird. Was mir eigentlich ganz egal sein könnte – wir sind ja schließlich kein Paar –, was mir aber eben verflucht nochmal nicht egal ist. Ich sag’s mal so: Es ist einfach alles wirklich sehr, sehr, sehr viel. Und dann ruft mich meine Ex-Mutter an und will mich vor was auch immer warnen. Mal ehrlich. Fröhliche Weihnachten fühlt sich dann doch irgendwie anders an.

Ich spüre, wie die Galle in meiner Speiseröhre Zentimeter für Zentimeter nach oben klettert.

»Kannst du jetzt bitte einfach tun, was ich sage?«

Wieder so ein Schlüsselwort, das mich innerlich verbluten lässt. Mama meldet sich nach Monaten und wenn ich nicht spure, setzt es Stubenarrest, oder was? Ja, wo sind wir denn?

Es fällt mir schwer, mich zu beherrschen. »Aus welchem fernen Land rufst du eigentlich an?« Sarkastischer hätte nicht einmal Böhmermann diese Frage betonen können.

»Aus Afghanistan! Könntest du mir vielleicht zehn Minuten gönnen?«

Ihr Ton erinnert mich an die Mama, die ich erleben durfte, als ich Kläuschen von nebenan ein blaues Auge verpasst hatte, weil er gesagt hat, die Bayern wären viel besser als die Eintracht. Da war ich sieben und er hatte wahrscheinlich sogar recht. Aber das war mir egal. Ich hätte niemandem erlaubt, so etwas ungestraft zu sagen. Klaus schon gar nicht. Der wollte schließlich mein Freund sein. Und Mama hat mir dann für das blaue Auge in aller Schärfe zwei Wochen Hausarrest aufgebrummt. Was unter dem Strich betrachtet auch pädagogisch nicht wirklich wertvoll war. Zwei Wochen lang hatte ich schließlich keine Gelegenheit, mich mit Kläuschen zu versöhnen. Aber bei Mama gab es da kein Pardon. Und schwups – ein Satz in dieser Tonart reichte, schon stand die kleine Lydia wieder vor ihr. Das funktionierte selbst aus 5.000 Kilometer Entfernung.

»Geh rein zu Papa. Kannst du das für mich tun, bitte!«

Eigentlich hätte ein Fragezeichen ans Satzende platziert werden müssen, aber ich höre nur ein Ausrufezeichen. Und dann dieses Geräusch, das ein Telefon von sich gibt, wenn der Gesprächspartner am Ende der Leitung aufgelegt hat.

Es dauert eine halbe Ewigkeit, bis ich das Handy von meinem Ohr nehmen kann. Hunderttausend Gedanken schwirren durch meinen Kopf. Ungeordnet, zusammenhanglos, chaotisch. War das tatsächlich meine Mutter, mit der ich eben telefoniert habe? Oder hat mir mein Kleinhirn einen bitterbösen Streich gespielt? Morgen ist schließlich Weihnachten. Da kann sich das Unterbewusstsein schon mal dazu aufraffen, seltsame Geschichten zu produzieren. Es gab Zeiten, da habe ich sogar ans Christkind geglaubt. Und an den Osterhasen.

Mit aller Macht versuche ich, mir diesen blödsinnigen Gedanken aus dem Kopf zu schütteln und blicke nach oben. Direkt in zwei rehbraune Augen. Und wieder knallt mein Puls auf weit über 100. Diesmal ist es nur der Schreck. »Was um Himmels willen!«

»Lydia? Bist du das? Was sitzt du denn hier auf dem Bürgersteig herum? Auch wenn wir heute noch 11 Grad haben, was ja am 23. Dezember nicht wirklich kalt ist, willst du ja wohl Weihnachten nicht mit einer Erkältung im Bett liegen?«

Ich schwenke meinen Blick von den beiden rehbraunen Augen knapp zwei Meter nach oben und blicke fassungslos in die Augen von Eric Presfeth.

»Eric? Du? Was …«

Der Lange grinst und streckt mir seine Hand entgegen. »Frau Vizepräsidentin! Würden Sie mal Ihren Hintern von der Straße heben. Als meine Stellvertreterin kann ich doch wohl ein wenig Contenance einfordern. Auch wenn Sie am Telefon sicherlich gerade erfahren haben, dass ich nächstes Jahr nicht nur auf 3.000 Großflächenplakaten für die Meinungsfreiheit eintreten werde, sondern auch nächstes Jahr so wie es aussieht in Oberursel vom Hochtaunuskreis einen Sonderpreis für das Engagement gegen Rassismus und für Vielfalt und Integration erhalten werde, gibt es keinen Grund, vor mir auf den Knien herumzurutschen.«

»Eric. Scheiße. Nein. Sorry. Glückwunsch! Zu den Plakaten und zu diesem Preis.«

Irgendwie scheint mein Kopf nicht mehr wie üblich zu funktionieren. Ich starre abwechselnd den Präsi und Country, seine englische Bulldogge, an. Die beiden Gesichter ähneln sich immer mehr, finde ich, und muss lachen.

»Immerhin. Lydia Heller. Du kannst schon wieder lachen«, grinst Eric Presfeth gut gelaunt zurück. Aber das hält nicht lange an. Schon klingt er besorgt: »Was war denn nun wirklich? Brauchst du einen Arzt?«

Um gleich wieder in seine hemmungslos humorige Art zurückzufallen: »Corona? Oder wartest du hier immer, bis die Gäste deines Vaters das Haus verlassen haben. Damit keiner merkt, dass du wieder bei ihm wohnst? Mit 30!«

»Ach, Eric. Nein. Meine Mutter hat mich gerade angerufen. Du weißt, dass sie das nicht sehr häufig tut. Das hat mich ein wenig aus der Rolle gebracht.«

Ich weiß, dass ich ihm das sagen kann. Er war schließlich auch mit ihr befreundet. Nicht nur mit Papa. Aber er hat nie einen Hehl daraus gemacht, wie sehr er sie dafür verachtet, einfach gegangen zu sein.

»Deine Mutter?! Welch überaus seltener Gast!« Seine Stimme konnte schon immer innerhalb eines Wimpernschlags von warm auf kalt wechseln. Er schüttelte den Kopf: »Sie konnte schon immer Menschen aus der Fassung bringen!«

Mit einem kurzen Schweigen lassen wir diesen Gedankengang kommentarlos stehen. Ich ergreife seine noch immer ausgestreckte Hand und ziehe mich hoch. Auf meine Beine zurück ins Leben. Und schon tickt mein Hirn wieder im Hellerschen Rhythmus.

»Was machst du eigentlich hier? Bei Papa?«, will ich wissen. Eigentlich lässt der Lockdown freundschaftliche Annäherungen schließlich nicht zu.

»Deinem Papa einen Weihnachtsbesuch abstatten. Was glaubst du denn?«

»Ja. Aber Corona! Was, wenn du ihn jetzt angesteckt hast?«

»Ach, Lydia. Ich gehöre zum erweiterten Kreis der Mannschaft und werde doch ständig getestet. Traust du mir tatsächlich zu, dass ich ausgerechnet bei deinem alten Herrn ein Risiko eingehe?« Er zückt eine FFP2-Maske und wedelt triumphierend damit herum.

»Sorry. Ich bin noch ein bisschen neben der Spur. Der Anruf. Tut mir leid.«

»Macht nichts. Kommst du denn zu unserer kleinen improvisierten Feier in die Geschäftsstelle? Ich fahr da jetzt hin.«

»Nee, Mr. President. Ich will Weihnachten mit Papa verbringen und kein Risiko eingehen. Außerdem muss ich die Sache mit meiner Mutter klären. Sie meinte, ich solle Papa dazu fragen. Aber bei der Art und Weise, wie der gewöhnlich die Dinge ausschmückt, weiß ich wahrscheinlich am Ersten Weihnachtsfeiertag immer noch nicht, um was es eigentlich geht. Also sei so lieb: Grüß alle, wünsch ihnen frohe Weihnachten von mir. Wir sehen uns am Montag in der Präsidiumssitzung. Die findet doch statt? Per Zoom – wie üblich?«

»Wie du willst! Und – bevor ich es vergesse: Du kannst am Montag dann ruhig öffentlich machen, dass du in Kronberg ausgezogen bist und wieder zu Hause wohnst. Es wissen doch eh alle.«

Damit breitet Eric seine Arme aus und gibt mir einen Moment der völligen Geborgenheit. Direkt gefolgt von Panik – coronakonform geht anders.

»Danke, Eric. Hab ein frohes Fest!«

Er murmelt ein »Du auch« und ich blicke ihm einen Moment versonnen hinterher. Drahtig, geht mir durch den Kopf, als er in einer geschmeidigen Bewegung in seinen 911er flutscht. So ganz anders als Papa, wenn er sich mühevoll aus seinem Rolli quält. Klar: Auch bei Eric geht das nicht mehr so flüssig wie noch vor 20 Jahren, als ich seinen Flitzer das erste Mal vor unserer Haustür gesehen habe. Damals habe ich gedacht: Das kann nicht sein, dass ein so großer Mann in einem so kleinen Auto Platz hat. Und damals war Papa auch noch fit wie ein Turnschuh.

Manchmal ist das Leben schon fies, denke ich und bereite mich innerlich auf die amüsante Begegnung der dritten Art vor, die jetzt vor mir liegen dürfte. Bei Papa etwas über Mama herauszufinden, war schon immer so gut wie unmöglich. Allein beim Wort ›Mama‹ geht er für gewöhnlich zu wie eine Auster. Mal sehen, wie das jetzt ausgeht.

Ich atme zweimal tief durch und stecke den Schlüssel in die Tür.

Kapitel 2

23. Dezember 2020, 17.39 Uhr

Severin

Was zum Henker tust du da, Sev?«

»Geht dich nichts an«, gebe ich zurück, ohne Tim anzuschauen.

»Du durchsuchst meine Schränke. Ich finde schon, dass mich das etwas angeht.«

»Psst, Mobby Dick.«

»Severin!«, brummt er und packt meinen Arm, um mich zu sich zu drehen. »Was tust du da?«

»Ich suche nach einem passenden Geschenk.«

»In meinen Schubladen?« Er zieht seine Brauen hoch. »Und für wen soll das Geschenk sein?«

»Für Lydia.«

»Du hast komplett den Verstand verloren«, murmelt er kopfschüttelnd vor sich hin und setzt sich resigniert auf seinen dämlichen Ledersessel.

»Warum denkst du, dass du bei mir ein Geschenk für Lydia finden wirst?«

»Ich habe keine andere Wahl. Die Läden haben dank des Kackvirus zu.«

»Deshalb denkt man nicht erst einen Tag vor Weihnachten über Weihnachtsgeschenke nach.« Tim schüttelt den Kopf und seufzt. »Versuchs bei eBay Kleinanzeigen.«

»Ich liebe dich!«, sage ich mit einem breiten Grinsen, nehme mein Bier vom Couchtisch und setze mich, bevor ich einen Schluck nehme und mein Handy zücke.

»Was wünschen sich Frauen?«, frage ich dann hilflos und sehe zu Tim auf. Aber schon in dem Moment muss ich laut loslachen. »Als ob du das wüsstest.«

»Witzig. Mit deinem Wissen über die Frauen, die mit einem wie dir in die Kiste steigen, kommst du bei Lydia auch nicht weit.«

»Mh«, mache ich und verziehe den Mund, während ich die Angebote in der Nähe durchsuche.

»Vielleicht sollten wir uns der Frage stellen, warum du Lydia etwas schenken willst.« Seine Stimme nimmt diesen bestimmten Ton an. Etwas leiser und unschuldig. Das macht er immer, wenn er mich etwas sehr Privates fragt.

»Weil ich geträumt habe, dass sie mir etwas geschenkt hat, und ich dastand und nichts hatte.«

Tim blinzelt, als würde er auf die richtige Antwort warten. Aber genau so ist es gewesen.

»Sie wird dir niemals was schenken.«

»Und warum nicht, Schlauberger?«

»Weil ihr nicht zusammen seid.«

»Tim … Du hast mir auch was geschenkt. Sind wir jetzt neuerdings zusammen?«

»Du bist mein bester Freund«, kontert er und hebt die Schultern.

»Und Lydia ist meine beste Freundin.«

»Das hast du vermasselt, als du dich besoffen von Jules getrennt hast, nur um Lydia dann eine lallende Sprachnachricht zu schicken, wie sexy sie doch ist.«

»Erinnere mich nicht daran«, stöhne ich und presse die Lider zusammen. Ich wünschte, ich könnte diese Nachricht und Lydias Reaktion darauf vergessen.

»Wenn deine rötlichen Haare auf die Sonne treffen, dann ist das für mich die Verkörperung von Sommer …«

»Halt’s Maul, Tim!«, zische ich und reibe mir über die Stirn, während Tim leise vor sich hin kichert. Wirklich witzig. Lydia hat mich daraufhin zwei Wochen ignoriert und dann so getan, als wäre nie etwas gewesen.

»Vielleicht sollte ich heimfahren und in der Schmuckschublade meiner Mom suchen.«

»Wag es, Sev! Deine Mutter ist der liebenswerteste Mensch der Welt und hat das sicher nicht verdient.«

Ich swipe weiter und bleibe an einer alten Armbanduhr hängen. Als hätte ich keine Kontrolle über meine Mimik, verziehen sich meine Lippen zu einem Lächeln.

Genauso eine Uhr hat Lydia von ihrer Mutter geerbt. Wir haben dann später in der Uni Spiele gespielt, um uns herauszufordern, aber vor allem, um die Zeit zu vertreiben.

Jede volle Uhrzeit stand für ein Buch. Lydias Lieblingszeit war 16 Uhr, denn da haben wir uns Rätsel zu Emilia Galotti gestellt. Soll ein Mensch verstehen, warum sie dieses Buch so liebt. Der Minutenzeiger stand damals für die Personen im Buch und wir mussten dann eine Frage aus ihrer Sicht beantworten. Ich habe meistens kläglich versagt.

Später, als Lydia die Uhr gestohlen wurde, haben wir das Spiel nie wieder gespielt. Offenbar hat ihre Mutter ein ähnliches Spiel mit ihr und dieser Uhr gespielt und der Verlust des letzten Gegenstands, den sie von ihr noch hatte, hat alles verändert.

»Ich hab was«, sage ich und reiße mich selbst aus meiner Trance. »Los, wir fahren nach Eschersheim. Dann lasse ich dich bei deinen Eltern raus und fahre anschließend zu meinen.«

»Und wie komme ich dann zur Weihnachtsfeier ohne Auto?«, hakt Tim genervt nach.

»Erstens sind Weihnachtsfeiern verboten und zweitens muss ich, nachdem ich bei meinen Eltern war, sowieso zum Stadion.« Ich mache eine kurze Pause. »Mics Todestag.«

»In Ordnung«, raunt Tim und steht auf. »Und du bist dir sicher, dass du morgen bei mir sein willst? Es ist Heiligabend.«

»Du kennst doch meine Mom. Nie in Amerika gelebt und trotzdem feiern wir erst am Ersten Weihnachtsfeiertag. Morgen wird nur Nastassia da rumlaufen und alle verrückt machen, weil im Braten keine giftigen Stoffe sein dürfen.«

Tim grinst. Ich weiß, dass es ihm viel bedeutet, an Heiligabend nicht allein sein zu müssen. Seine Eltern fahren noch heute zu Tims Oma in den Osten. Er bleibt hier, weil er kein Risiko für sie darstellen will. Und auch heute treffen sie sich nur mit viel Abstand in ihrem Garten, um einen Glühwein zu trinken. Also haben wir beschlossen, zu zweit zu feiern. Lydia wird bei ihrem Dad sein. Und ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, ob ich sie gerne in unserer kleinen Runde dabei hätte. Es ist einfach seltsam zwischen uns. Als hätten wir die Freundschaftsebene verlassen und würden jetzt in der ›da ist was zwischen uns, was keiner benennen will‹-Ebene feststecken.

»Los jetzt, der Kerl ist nur noch ’ne halbe Stunde zu Hause.«

Als wir in meinem Mustang sitzen, beginnt Tim nervös auf seinem Handy herumzutippen. Ich runzle die Stirn und versuche einen Blick zu erhaschen. Aber ich erkenne nichts.

»Was machst du da?«

»Geht dich nichts an.«

»Wow. Ich dachte, wir sind beste Freunde.«

Tim wirft mir einen genervten Blick zu. »Es geht dich zwar trotzdem nichts an, aber ich schreibe mit einer Frau.«

»Ist sie ein Roboter?«

»Siehst du! Und genau aus diesem Grund erzähle ich dir sowas nicht!«, zischt er und verschränkt zornig die Arme vor der Brust.

»Entschuldige. Also nochmal von vorne. Woher kennt ihr euch?«

»Tinder«, sagt er und mustert mich, als würde er auf den nächsten dummen Spruch warten. Aber ich zügle mich. »Und weiter? Wie heißt sie? Wie alt? Woher? Ist sie heiß?«

Er schnauft. »Sie heißt Meike und ist 27. Hier aus Frankfurt.«

»Soll ich dich lieber bei ihr rauslassen?« Ich zwinkere ihm lasziv zu. Aber Tim schüttelt nur bedröppelt den Kopf. »Ich kann sie nicht treffen.«

»Und warum nicht?«

»Weil sie sicher denkt, dass ich besser aussehe als …«, er deutet an sich hinab, »so!«

»Was für ein Schwachsinn. Außerdem hast du doch sicher ein Bild drin.«

»Ja, aber da bin ich gut getroffen und schlanker.«

Ich blinzle. »Wann warst du mal schlanker? Als du zehn warst?«

»Nicht witzig. Nach dem Studium habe ich eine Weile eine Diät gemacht.«

»Und weiter? Jeder hat während Corona zugenommen. Schieb’s darauf.«

»Das ist alles nicht so einfach wie für dich, Sev. Ich habe nie Dates. Ich wüsste nicht mal, was ich sagen soll.«

»Aber du schreibst ihr doch auch. Du machst einfach genau so weiter, nur dass du nicht schreibst, sondern die Worte ausnahmsweise aus deinem Mund kommen.«

Tim zuckt mit den Schultern und sieht aus dem Fenster.

»Ist das Gespräch damit beendet?«, hake ich nach und bekomme nur ein sanftes Nicken. Allerdings werde ich keine Ruhe geben. Jetzt vielleicht, damit er sich nicht noch weiter in seinen Hasenbau zurückzieht. Aber früher oder später bekomme ich ihn schon dazu, sie zu treffen.

Ich halte bei der Adresse, die der Kerl angegeben hat, kaufe die Uhr und fahre Tim dann zu seinen Eltern, bevor ich zum Nordend fahre, parke und am Holzhausenpark vorbei zum Haus meiner Eltern schlendere.

»Mom!«, rufe ich, als ich mich durch den Flur voller Weihnachtsschmuck gequetscht habe und in die Küche trete, wo – wie immer einen Tag zu früh – Nasti steht und die Packungen überprüft, die Mom zum Kochen benutzen will.

»Wo ist Mom?«

»Hallo auch«, zischt Nasti und spitzt ihre Lippen.

»Hallo. Wo ist Mom?«, wiederhole ich genervt und versenke meine Hände in den Hosentaschen. Vielleicht hätte ich mich dicker anziehen sollen.

»Im Garten mit Papa. Irgendein bescheuertes Rentier aufstellen.«

»Danke, Schwesterlein«, sage ich, schnappe mir einen Apfel und gehe durch das Esszimmer hinaus auf die Terrasse, wo Mom steht und Dad Anweisungen zubrüllt, der nicht sehr elegant auf der Leiter steht. Ein Rentier, Kabel und Stecker in der Hand.

»Oh hallo, Honey«, sagt Mom und drückt mir einen Kuss auf die Wange.

»Ja, haltet doch am besten noch ein Kaffeekränzchen, statt mir zu sagen, wo dieses Mistvieh hin soll!«, beschwert sich Dad sichtlich genervt von oben.

»Jesus«, flucht Mom auf Englisch und berührt ihre Schläfe.

»Stell ihn einfach irgendwo hin, bevor du dich noch umbringst.«

»Na schön.« Dad schmeißt das Rentier förmlich auf das Dach und wir alle sehen dabei zu, wie es immer weiter hinabrutscht, bis es in der Regenrinne steckenbleibt und schief hinabhängt, Dad den Stecker reinsteckt und von der Leiter steigt. Ich hebe belustigt meine Brauen. »Ein echtes Kunstwerk.«

»Deine Mutter kann einfach keine klaren Aussagen treffen«, beschwert er sich und klopft mir auf die Schulter. »Und ich muss jetzt ins Gericht. Hab den Kollegen frei gegeben und den Notdienst selbst übernommen.«

»Sieht man«, kommentiere ich den Anzug, den er trägt. »Passende Kleidung, um auf dem Dach herumzuklettern.«

»Er hätte den Weihnachtsschmuck auch wie alle anderen Nachbarn schon vor dem ersten Advent anbringen können. Aber dein Oberstaatsanwalt-Vater hat ja zu viele Termine, um die Bitten seiner Frauen wahrzunehmen«, gibt Mom ihren Senf dazu.

»Wie auch immer«, sagt Dad, küsst Mom und verschwindet dann.

Mein Blick ruht noch eine Weile auf dem Rentier, das aussieht, als hätte es sturzbetrunken seinen Schlitten verloren, wäre vom Himmel direkt auf unser Dach geknallt und würde jetzt von der Regenrinne aus in unseren Garten reihern.

»Komm rein, Honey«, höre ich Mom sagen und folge ihr.

»Was machst du überhaupt hier?«, fragt Nasti durch die offene Küchentür, ohne ihren Blick von der Packung Soßenbinder, die sie gerade inspiziert, abzuwenden. Seitdem sie im Internet auf eine App gestoßen ist, die alle für Kinder gefährlichen Stoffe aufzählt, ist sie wie besessen, etwas ›Hochgiftiges‹ im Essen anderer Leute zu finden. Wahrscheinlich nur, um dann hämisch zu grinsen und zu sagen: »Ohne mich – tot!«

»Ich wollte Mom besuchen«, gebe ich zurück und ziehe dann die Uhr aus der Tasche. »Und fragen, ob du Geschenkpapier hast.« Ich blinzle Mom unschuldig an, während Nasti mit der Zunge schnalzt.

»Ich hoffe, das alte Ding ist nicht für mich.«

»Seit wann bekommst du Geschenke von mir?«, kontere ich und zwinkere ihr zu.

»Hauptsache, du hast etwas für Leonard besorgt. Du weißt, wie sehr er seinen Onkel liebt.«

»Und das tut er nicht mehr, wenn ich ihm nichts schenke?«

»Hört auf, Kinder«, mischt sich Mom ein und nimmt mir die Uhr ab. »Ist sie für Lydia? Kommt sie auch?«

»Nein. Sie feiert bei ihrem Pa.«

»Wie schade. Aber ich schaue mal, was ich finde.« Sie drückt mir die Uhr wieder in die Hand und verschwindet, woraufhin mir ein kleines »verdammt« über die Lippen gleitet.

»Hast wohl gehofft, dass sie es dir einpackt«, giftet Nasti. Ich atme tief ein und ignoriere sie. Stattdessen beiße ich in den Apfel, um auch meinen Mund daran zu hindern, mit irgendeiner unpassenden Gemeinheit auf ihre Provokation einzugehen. Stoff gäbe es schließlich genug.

Wir schweigen uns an, bis Mom wiederkommt und mir ein Tütchen in die Hand drückt. Ich stecke es zusammen mit der Uhr zurück in meine Hosentasche und schmeiße den Apfel in den Müll. »Ich treffe mich jetzt mit Hel, Gustav und Kev. Wir sehen uns übermorgen.«

»Komm bloß nicht zu spät, Severin. Pünktlich um 12 Uhr öffnen wir die Geschenke.«

»Ich weiß, Mom«, sage ich, küsse sie auf die Stirn und gehe. Nasti winke ich nur knapp zu.

Als ich Tim wieder eingesammelt habe, ist auch er seltsam schweigsam und ich bekomme allmählich das Gefühl, dass dieses Weihnachten anders wird. Scheiß Corona hat alles verändert. So langsam könnte es wirklich vorbei sein.

»Hier, dein Test«, sagt Tim dann irgendwann und legt ein Päckchen in meine Mittelkonsole. »Woher hast du den? Außerdem war ich heute Vormittag im Testzentrum. Weißt du doch.«

»Doppelt hält besser. Und ich habe Verbindungen.«

»Klingt, als wärst du ein Schmuggler.«

»Ja genau, Severin. Ich schmuggle nebenberuflich Corona-Tests.«

»Das erklärt auch deine teure Wohnung.«

»Witzig«, mault er und beginnt mir vorzulesen, was ich zu tun habe. Als wir am Stadion angekommen sind und Tim sei Dank direkt vor dem Stadion parken konnten, hat er mich bereits so zugelabert, dass ich mir das blöde Stäbchen freiwillig in die Nase stecke und drehe, bis meine Augen leicht tränen.

Tim nimmt es und drückt es in das kleine Gefäß, bevor wir eine Viertelstunde warten und er mir endlich das Okay gibt, auszusteigen.

»Wie gesagt, ich war schon heute Vormittag negativ.«

»Du bist immer negativ«, lacht Tim und klopft sich selbst auf die Schulter. Ich stimme in sein Lachen ein, auch wenn das wirklich der schlechteste Witz aller Zeiten war. Aber ich muss den Plan verfolgen, ihn mutig genug zu machen, um sich mit dieser Meike zu treffen. Außerdem ist Weihnachten und da muss man ja angeblich nett sein.

»Also … Wir sehen uns dann später im Greifvogel«, beginnt Tim mit einem Blick auf seine Uhr. Ich hasse es, wenn er in seinen Planungsmodus fällt. »Sind von hier aus ja nur 20 Minuten zu Fuß. Oder irgendjemand nimmt mich nachher mit und setzt mich ab. Aber du fährst dann nicht mehr! Stell dein Auto an der Rennbahn ab und gib am besten Hel den Schlüssel.«

»Ich würde nie betrunken fahren, Tim«, gebe ich mit Unschuldsmine zurück und sehe mich um, bis ich Hel und Gustav entdecke, die gerade den Weg vom Haupteingang hochkommen.

»Also, viel Spaß mein kleiner Frauenheld, hab dich lieb«, sage ich zu Tim, kneife ihm in die Wange und laufe zu den anderen.

»Du mich auch, Severin!«, ruft Tim mir nach und verabschiedet mich dabei mit einer nicht gerade netten Handbewegung.

Ich begrüße Hel, die mich eine halbe Ewigkeit drückt, bevor Gustav mich väterlich in den Arm nimmt und seine Hand auf meinen Rücken klatschen lässt.

»Hier sind unsere Ergebnisse«, sagt Hel und zeigt mir eine Mail auf ihrem Handy.

»Hel, ich vertraue euch.«

»Na, schließlich hast du auf die Tests bestanden«, brummt Gustav durch seinen weißen Bart und deutet dann hinter sich, wo Kevin erscheint und mir die Faust entgegenhält.

»Was ist mit Claudia?«

»Sie ist im Greifvogel geblieben und bereitet alles vor, wenn wir danach zu ihr kommen«, sagt Hel und deutet auf die Tribüne, die im Dunkeln noch gewaltiger aussieht. Mehr als 30 Meter hoch reckt sie sich in den düsteren Abendhimmel. Hels Blick vernebelt sich.

»Wir legen nur diese blöden Blumen ab und dann gehen wir wieder, ok?«

Ich nicke. Wir alle wissen, dass sie nicht gerne hier ist, und doch war es ihre Idee. Vielleicht weiß sie tief in ihrem Inneren, dass sie sich diesem Ort, nein, dem ganzen Stadion irgendwann stellen muss, wenn sie Mic und dem Fußball wieder nah sein will.

Hel drückt mir eine Blume in die Hand und schenkt mir ein trostloses Lächeln, bevor wir die Rampe hochgehen. Ich versuche, die Gedanken an Mic und seinen Selbstmord zu verdrängen. Versuche, nicht darüber nachzudenken, wie allein er sich nach seiner Verhaftung und dem darauffolgenden Freispruch gefühlt haben muss. Zwar hatte er nichts mit der Bombe und den Morden zu tun, die der Ordner begangen hat, aber einmal verhaftet und unter Verdacht, wird man das nur schwer wieder los. Mic hat es nicht geschafft und ich wünschte, ich wäre mehr für ihn da gewesen. Ich wünschte, er hätte sich mir oder Hel oder einem der anderen anvertraut. Aber so war er nie gewesen. Mein Herzschlag beschleunigt sich schmerzhaft, als wir direkt unter der Nordwestkurve stehen. Mic, das Stadion, das alles hier fühlt sich wie ein altes Leben an. Eines, nach dem ich mich manchmal sehne. Oder vielleicht sehne ich mich viel eher nach einer Zeit, in der noch nicht alles dermaßen befleckt war. Jetzt ist es das. Und ich bin es auch.

Kapitel 3

23. Dezember 2020, 18.57 Uhr

Lydia

Ich glaube, du bist ernsthaft in Schwierigkeiten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass deine Mutter sich meldet, wenn es nicht wirklich wichtig wäre!«

Papas Gesicht nimmt bei diesem Satz einen denkwürdigen Ausdruck an. Das macht mich noch zorniger. Ich fühle mich so maßlos hintergangen. In den letzten Minuten habe ich Papa von diesem merkwürdigen Anruf erzählt und war absolut sicher: Der alte Mann würde aus allen Wolken fallen. Aber nichts da. Ja, er war ein wenig über den Zeitpunkt ihres Anrufs überrascht. Am 23. Dezember hatte er damit wohl noch nicht gerechnet. Wenn, dann frühestens Samstag. Aber kaum habe ich ihm gesagt, dass sie mich warnen wollte, änderte sich sein Verhalten schlagartig. Wie bei einem Schauspieler, der in seine Rolle schlüpft. Aus Dr. Jekyll wird Mr. Hyde. Plötzlich schien mir der ältere Herr im Rollstuhl, den der Abgang seiner Frau, meiner Mutter, in meinen Augen zu einem gebrochenen Mann hat werden lassen, völlig verändert. Fast verhält er sich wie ein Komplize dieser Frau.

»Hallo! Mama hat sich in den letzten 15 Jahren höchstens zweimal im Jahr gemeldet. An Weihnachten und zum Geburtstag. Fertig.«

»Genau das meine ich ja.«

Sein Blick geht bei diesem Satz aus dem Küchenfenster hinaus in den Garten und bleibt offenbar an der alten Weide hängen, die er vor vielen Jahren gepflanzt hat. Den Blick kenne ich nur zu gut. Ich habe in diesen Momenten immer gedacht: Jetzt hat sich seine Erinnerung an irgendeiner Eintracht-Episode aufgehängt. Aber jetzt auch? Lange Pause.

»Es gibt einen guten Grund, warum Mama uns damals verlassen hat. Und der hat mit meiner Eintracht-Leidenschaft eher weniger zu tun. Nur am Rande sozusagen. Wobei dieser Rand schon eine entscheidende Rolle gespielt hat.«

»Papa! Bitte! Komm mir jetzt nicht mit irgendwelchen kryptischen Andeutungen. Erzähl mir doch einfach die Wahrheit. Ich denke, die habe ich langsam wirklich verdient. Ich verstehe nämlich rein gar nichts mehr.«

Ich schaue ihn mit leeren Augen an. Das sichere Gefühl in der Magengegend, dass wohl gleich eine Welt zusammenbrechen wird. Meine Welt. Und ich weiß: Genau darauf habe ich nach diesem elenden Seuchenjahr mit all den Einschränkungen null Bock. Solange ich nur stellvertretende Pressesprecherin der Fußball AG war – alles gut. Klar: Wir hätten im Nachhinein besser darauf verzichtet, unbedingt noch schnell gegen Basel zu spielen. Aber egal. Doch dann musste Eric ja wegen der Vorkommnisse im Stadion am 15. November letzten Jahres auf die Idee kommen, mich übergangsweise zur Vizepräsidentin des Vereins und Gleichstellungsbeauftragten zu machen. Dummerweise ziemlich genau in dem Moment, in dem sich ein Virus auf den Weg machte, die Welt in Unordnung zu stürzen. Die Eintracht hat mit Basketball, Boxen, Eishockey, Eissport, Fanabteilung, Fechten, Fußball, Handball, Hockey, Leichtathletik, Ringen, Rugby, Tennis, Tischtennis, Triathlon, Turnen, Ultimate Frisbee und Volleyball 18 Abteilungen und damit unendlich viele Sportlerinnen und Sportler, die von der Pandemie eiskalt erwischt wurden und von den Abteilungsleitern und dem Präsidium Antworten erwarteten und ja auch verdient hatten. Gleichgestellt habe ich seither wenn überhaupt nur noch die gendergerechte Schreibweise unserer Presseinfos. Und ich wollte doch so viel bewirken. Hoffentlich kommt irgendwann wieder eine Zeit, in der alles normal ist. So normal, wie es eben sein kann …

»Heute ist der 23. Dezember. Ich habe eine Menge Stress hinter mir in diesem Jahr. Also, bitte, komm mir nicht mit Game of Thrones, Teil 74, oder mit dem Sandmännchen.«

Papa schaut betroffen, bringt seinen Rolli in Position und wuchtet sich auf den Küchenstuhl. »Setz dich!«, befiehlt er dann und deutet auf die Bank, auf der ich schon als Kind gesessen habe, um meine Hausaufgaben zu machen. Natürlich hatte ich auch einen Schreibtisch in meinem Zimmer, aber am liebsten kritzelte ich meine ersten Wörter genau hier in mein Heft. Und Mama schaute mit einem prüfenden Blick zu, während sie Kartoffeln schälte oder etwas Leckeres zubereitete.

»Weißt du, Schatz. Um alles zu verstehen, muss ich ziemlich weit zurückgehen.«

»Von mir aus bis in die Steinzeit. Hauptsache, die Geschichte ergibt Sinn!« Ich beiße mir auf die Lippen. So patzig sollte meine Antwort gar nicht ausfallen. Vielleicht hat Tim doch recht, dass ich ziemlich auf dem Zahnfleisch gehe …

»Und ich erzähle dir das nur, weil ich deine Mutter kenne und sicher bin: Du musst das jetzt wissen.« Er atmet tief ein. So, als müsse er Anlauf nehmen.

»Alles begann mit dem Tag, an dem ich deine Mutter kennengelernt habe. Das ist lange her. Genauer: mehr als 30 Jahre. Aber ich erinnere mich daran so gut wie heute. Es war der 30. November 1989. Genau drei Wochen nach dem Mauerfall. Ein Donnerstag. Ich war in Bad Homburg in der Redaktion. Ziemlich früh, jedenfalls für meine Verhältnisse. Um kurz nach 8 Uhr. Was daran lag, dass ich zeitig wieder weg wollte, weil ich am Abend eine Verabredung hatte. Mit einer Kollegin. Johanna.«

»Papa. Bitte. Nicht wieder abschweifen!«

»Ist ja schon gut. Auf jeden Fall hat es so um halb neun einen unglaublichen Knall gegeben. Ich wusste gleich: Da ist etwas explodiert. Irgendetwas Großes. Ich dachte erst, das war am Bahnhof, aber keine Wolke am Himmel. In die Richtung konnte ich ja gucken.«

»Das heißt, das war in der alten Redaktion?«

»Ja, genau und – weißt du – das hat so gescheppert, da haben die Scheiben vibriert. Und ich habe nur gedacht: Das ist jetzt die Geschichte deines Lebens. Aber vom Fenster aus war nichts zu sehen. Bis zum Karstadt runter – nichts. Also habe ich meine Jacke geschnappt und bin los. Die Louisenstraße entlang Richtung Europakreisel. Und überall standen Menschengruppen, haben diskutiert und gestikuliert und in alle möglichen Himmelsrichtungen gezeigt. Aber Genaueres wusste offensichtlich niemand. Also: Ich immer weiter. Hab gedacht: Vielleicht ist bei Fresenius irgendetwas in die Luft geflogen. Oder ein Tanklastzug hatte am Kreuz einen Unfall und ist explodiert.«

»Und dann?«

»Dann sind die ersten Blaulichter aufgetaucht. Am Europakreisel vorbei Richtung Kaiser-Friedrich-Promenade. Und ich dachte noch: Wow. Hat es etwa die Taunus Therme erwischt? Und da ist mir deine Mutter in die Arme gelaufen. An der Tankstelle am Kreisel. Mit Schmackes. Sie hat sich im Laufen herumgedreht, und ich hatte wirklich keine Chance mehr auszuweichen.«

Wieder schaut Papa durchs Fenster in den Garten zur alten Weide und mir wird inzwischen klar: Nein, da draußen im Garten sucht er definitiv nicht nach verborgenen Eintracht-Erinnerungen …

»Blödmann! Kannst du nicht aufpassen – hat sie mich angeschnauzt. Und ich war sofort verliebt. In ihren Blondschopf. Ihre wunderschönen blauen Augen. Dieses freche Mundwerk mit leichtem Berliner Akzent. Sofort.«

»Papa. Komm doch mal zum Punkt. Bitte.«

Keine geschmackvolle Unterbrechung. Das kann ich sofort an seinem Gesicht sehen. Und eigentlich tut es mir auch schon wieder leid. Warum kann ich mein Mundwerk nicht einfach mal halten?

»Ach, Kind. Wie wäre es denn, wenn du mal aufhören würdest, davon auszugehen, dass du allein darunter zu leiden hattest, dass sie gegangen ist, und mich mal kurz in Erinnerungen schweifen lässt?«

Ich schwanke. Verstehe, dass er ebenfalls emotional angeschlagen ist. Trotzdem: Tief in mir begehrt etwas auf, aber ich entscheide, nichts zu sagen.

»Sie hatte merkwürdige rote Sprenkel im Gesicht und auf ihrem Pullover, und ich habe sofort gedacht: die Bombe! Ohne, dass ich überhaupt wusste, dass da eine Bombe explodiert war. Hat sie am Ende etwas damit zu tun? Aber zwei Augenaufschläge später hat sich keiner mehr für die Bombe interessiert. Jedenfalls sie nicht und ich auch nicht.«

»Ja, Hedwig Courths-Mahler lässt grüßen. Sie hätte eure Liebesgeschichte nicht schöner beschreiben können. Und dann seid ihr wahrscheinlich in den Kurpark und habt – oh Gott, ich will es gar nicht wissen – und am Ende kam ich dabei heraus. Aber das hilft mir gerade nicht wirklich weiter. Warum ist sie nach 15 Jahren gegangen und wovor will sie mich jetzt warnen?«

»Alles war gut. Die roten Spritzer waren kein Blut, sondern Kirschsaft. Die Flasche war ihr aus der Hand geglitten, als die Bombe am Seedammbad hochgegangen ist. Sie war zufällig gerade da, als das Attentat verübt wurde und Herrhausen gestorben ist. Wie das Schicksal eben manchmal spielt: Nah genug, um das Glas mit dem Kirschsaft vor Schreck fallen zu lassen, weit genug entfernt, um ohne Verletzungen davonzukommen.«

Mit einem kurzen Kopfschütteln beamt sich Papa zurück, wie er es so schön nennt. Typisch Generation Star Trek.

»Ich habe ihr dann meine Jacke übergehängt und sie zu Michael ins Petit Café gebracht. Sie brauchte offenkundig einen starken Kaffee. Besser noch einen Schnaps, aber dafür war es einfach zu früh.«

»Papa!«

»Ist ja gut. Auf jeden Fall war sie erst zwei Tage vorher mit ihrem alten Trabi aus der DDR gekommen, um den kapitalistischen Westen mal genauer zu begutachten, wie sie meinte. Geschlafen hat sie in der Jugendherberge und eigentlich wollte sie mit der Bahn nach Frankfurt, hatte sich aber verlaufen.«

»Papa! Geht es ein bisschen knapper?«

»Knapper? Sie haben ein Kind gezeugt, geheiratet und lebten glücklich und zufrieden in einem kleinen Häuschen in Zeilsheim … knapp genug?«

»So knapp nun auch wieder nicht.«

»Doch, das passt schon. Ich habe nicht viel gefragt, und sie mochte nicht viel aus den alten Zeiten erzählen. Ihre Eltern waren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Es gab keine Geschwister oder sonst jemanden. Und ihr Studium hatte sie nach dem Unfall der Eltern geschmissen. Die Zeichen standen wie im ganzen Osten auf Neuanfang. Hier. Bei mir.«

»Aber wie können zwei Menschen, die sich so aufeinander eingelassen haben, plötzlich auseinandergehen. Das passt doch gar nicht!«

»Es war alles gut, bis zu einem Sonntagmorgen im Oktober 2002. Da stand plötzlich ein Kerl vor unserer Haustür. Johannes Grahms. Sagte, er sei ein alter Bekannter deiner Mutter. Aus DDR-Zeiten. Wolle mal Erinnerungen auffrischen. Ich hatte sofort ein ungutes Gefühl und deine Mutter ist kreidebleich geworden, als sie ihn sah.«

»Warum hast du ihn nicht einfach vor die Tür gesetzt?«

»Wollte ich ja, aber deine Mutter hat mich nicht gelassen. Und dann haben sich die beiden in den Garten verzogen und vielleicht eine halbe Stunde lang miteinander gesprochen. Deine Mutter war ziemlich aufgebracht. Sie hat ihn dann zur Tür gezerrt und ihm gesagt, dass sie sich bei ihm melden wird. Danach hat sie zwei Tage lang erst mal gar nichts gesagt und mir dann ihre wahre Geschichte erzählt.«

»Ihre wahre Geschichte?«

»Ja, Kind: Deine Mutter ist nicht in der ehemaligen DDR aufgewachsen, sondern in Hamburg. Sie hat weder ihre Eltern bei einem Verkehrsunfall verloren noch jemals ihr Studium beendet. Dafür hatte sie Mitte der 70er Jahre keine Zeit. Sie wurde 1973 als Hausbesetzerin verhaftet und von den Polizisten bei dieser Aktion ziemlich gedemütigt. Sie haben ihr wohl sogar an die Brüste gepackt. Was sie dazu brachte, sich – kaum wieder auf freiem Fuß – mit Mitgliedern der sogenannten Komitees gegen Folter zu treffen.«

Jetzt war es an mir, fassungslos aus dem Fenster zu starren. Ich bin erst weit danach geboren, aber ein bisschen was aus dieser Zeit ist mir durchaus bekannt. Ganz abgesehen davon, habe ich gerade erst den Film der ›Deutsche Herbst‹ gesehen, und Stuttgart-Stammheim als Symbolstätte der Auseinandersetzung zwischen Staat und RAF schlechthin bei einer Klassenfahrt besucht. Ich weiß: Die Entführung der Lufthansa-Maschine Landshut und der Versuch, die inhaftierten RAF-Terroristen freizupressen, ist gescheitert, und daraufhin haben Baader, ­Ensslin und Raspe Selbstmord begangen. Wie Ulrike Meinhoff schon vor der Urteilsverkündung. Die Erpresser haben daraufhin den Arbeitgeberpräsidenten Schleyer ermordet. Der Staat hat sich zwar nicht erpressen lassen, dafür aber ein Menschenleben geopfert. Toller Film. Und Mama gehörte dazu?

»Die galten als Teil der Sympathisantenszene der RAF.«

»Ja, und damit kannst du dir ja vorstellen, wie die Geschichte weitergegangen ist.«

»Meine Mutter – die Terroristin?« Tränen schießen in meine Augen und ich kann sie nicht aufhalten. Sollte das wirklich stimmen, was Papa mir gerade auftischt? Besser, ich wache gleich auf und das Christkind stupst mich sanft an der Schulter.

»Sie ist noch zweimal wegen unerlaubten Waffenbesitzes und der Schmuggelei von Sprengstoff und schwarzem Afghan aus Holland aufgegriffen worden, aber eine wirkliche Nähe zum terroristischen Kern konnten die Behörden ihr nicht nachweisen. Ende der 70er hatte sie dann die Schnauze voll von den permanenten Übergriffen der Behörden und schloss sich noch mehr den Geächteten, wie sie diese nannte, an. Aber gut, sie war gerade mal 22. Da macht man eine Menge dummes Zeug.«

»Dummes Zeug?« Allein schon die Vorstellung, was Papa mir jetzt noch alles auftischen würde, sorgt für einen kalten Schauer in meinem Nacken.

»Nachdem sie sich 1978 auch noch in einem palästinensischen Lager im Jemen, warum auch immer – ich nehme mal an, es gab auch einen passenden Palästinenser dazu –, militärisch ausbilden ließ, ergriff sie 1980 die Chance auf ein halbwegs normales Leben, wie sie dachte. Sie verließ mit einigen anderen RAF-Aussteigern die BRD und floh in die DDR, wo sie vom Ministerium für Staatssicherheit mit offenen Armen empfangen wurde. Sie bekam den Decknamen Julia Decker, einen fiktiven Lebenslauf und eine Einzimmerwohnung in Gotha.«

Mit einem tiefen Seufzer entlädt sich plötzlich Papas komplette Anspannung. Ich schaue ihm ins Gesicht. Sehe diese Mischung aus Traurigkeit, Wut und unendlicher Liebe, der selbst diese ganze furchtbare Geschichte, all die Lügen davor und die vielen einsamen Jahre danach nichts anhaben konnten.

»Und was wollte sie in Bad Homburg? Ausgerechnet als die RAF Herrhausens Auto in die Luft gejagt hat?«

»Sie hat mir geschworen, dass sie damit nichts, aber auch überhaupt nichts zu tun hatte!«

»Und wer war dieser, wie nochmal, Grahms?«

»Ein verdammtes Arschloch? Der hat alles kaputtgemacht. Weil er in der Gauck-Behörde ihre Akte aufgetrieben hatte. Ihre und viele andere. Und damit versuchten er und seinesgleichen Kohle zu machen. Grahms war nichts anderes als ein schmieriger Erpresser aus Erfurt, der den famosen Einfall hatte, die Ossis abzukassieren, die ihre Stasi-Akten lieber geheim halten wollten.«

»Aber was hätte Mama denn passieren können?«

»Na ja. Zehn Jahre in der DDR. Unter den Fittichen der Stasi. Selbst wenn sie niemanden in dieser Zeit wirklich verraten hat, weil sie ja doch nur ängstlich in ihrem eigenen Kokon zu überleben versuchte, das hätte schon für eine Menge Wirbel gesorgt. Abgesehen davon, dass das Herrhausen-Attentat niemals aufgeklärt wurde.«

»Du meinst, die Bundesanwaltschaft hätte sich auf Mama als Verdächtige gestürzt und es ihr angehängt?«

»Klar. Alle Angeklagten wurden entweder freigesprochen oder die Verfahren eingestellt. Sie hatten bereits erklärt, dass nur noch gegen Unbekannt ermittelt wird. Und dann kommt heraus, dass eine vorbestrafte ehemalige RAF-Sympathisantin mit militärischer Ausbildung und jahrelangem Unterschlupf in der DDR zufällig keine 300 Meter entfernt vom Tatort war. Wie wäre das wohl ausgegangen?«

»Scheiße! Nicht gut, nehme ich an.«

Mit weit aufgerissenen Augen sitze ich vor Papa, der mir plötzlich sehr klein, sehr verletzlich vorkommt. Weil sie ihn unendlich viel Kraft gekostet hat, aber er noch immer wie ein Löwe um sie kämpft. Oder für sie? Seine Augen glänzen plötzlich.

»Ja. Und weil sie sicher war, dass ich und vor allem du darunter unendlich zu leiden gehabt hätten, hat sie sich entschieden zu gehen.«

»Und du? Warum hast du sie nicht zurückgehalten?«

»Als ob irgendwer oder irgendetwas deine Mutter hätte zurückhalten können. Nein. Nein, wenn sie eine Entscheidung getroffen hatte, gab es kein Zurück.«

Ich zögere. Ist es okay, wenn ich jetzt weiter bohre? Noch mehr – die ganze Geschichte – erfahren will. Statt ihm eine Pause zu gönnen? Mein Kopf entscheidet schnell. Ja! Nach so vielen Jahren Ungewissheit und falschen Schlussfolgerungen ist es richtig. Alles muss auf den Tisch. Jetzt.

»Und wo ist sie hin? Zurück in den Osten?«

»Ich weiß es nicht. Aber ich glaube eher, sie hat ihre alten Kontakte in den Jemen aufgefrischt.«

»In irgendein militantes Wüstenlager? Und dort hüpft sie jetzt mit Kopftuch und komplett verschleiert von Sanddüne zu Sanddüne und ist Teil einer Miliz?«

»Nun schnapp mal nicht gleich über, Kind. Deine Mutter und Kopftuch, das ist wie Grabowski mit der Nummer 1 auf dem Rücken. Geht gar nicht! Und als Terror-Oma ist sie auch nur schwer vorstellbar.«

Immerhin: Seinen Humor hat er wieder, schießt es mir durch den Kopf, und gleichzeitig verwirrt mich all das maßlos. Kein Wunder: Mein halbes Leben habe ich nicht verstanden, warum meine Mutter mich verlassen hat. Und ich hatte ja nur zwei Möglichkeiten: Den Grund bei mir zu suchen oder bei ihr. Also habe ich nach einigen furchtbaren Jahren mit fettigen Haaren, Pickeln, abgekauten Fingernägeln und einer Menge Schwachsinn im Kopf mich selbst geschützt und ihr die Verantwortung zugeschoben. Während mein Vater einfach nur geschwiegen hat. Und all das soll plötzlich völlig anders sein.

»Die ganze Geschichte ist doch inzwischen längst verjährt. Warum ist sie nicht zurückgekommen? 30 Jahre sind eine Ewigkeit, wenn du niemanden umgebracht hast …« Pause. »Hat sie, Papa?« Allein der Gedanke daran sorgt für reichlich Unbehagen in meiner Magengegend, und ich zähle im Kopf die Sekunden, bis Papa endlich antwortet.

»Nein. Hat sie sicher nicht. Sie hat ein paar äußerst dämliche Jugendsünden auf dem Kerbholz und ein paar üble Freunde um sich geschart. Es ist so ein bisschen wie bei Susanne Albrecht. Da ist ebenso bis heute nicht eindeutig klar geworden, ob die RAF-Leute sie nicht ganz bewusst eingefangen haben, weil sie Zugang zu Ponto hatte.«

»War Mama am Ende da auch dabei?«

»Ach Quatsch! Der Mord ist doch längst aufgeklärt. Sie war ja nicht mal in der Nähe von Oberursel, und ob sie einen der Beteiligten überhaupt gekannt hat, weiß niemand.«

»Okay, Papa. Aber was weiß sie, wovor sie mich warnen kann? Wieso soll ich denn jetzt in Gefahr sein?«

»Gute Frage. Keine Ahnung. Aber so viel ist sicher: Wenn sie einen Tag vor Heiligabend aus Afghanistan anruft, um dich zu warnen, hat sie einen guten Grund dafür.«

Damit dreht er sich von mir ab und rollt zu einem Schränkchen im Flur. Er zieht eine Schublade heraus und kramt eine alte Blechschachtel hervor. Papa öffnet den Deckel und streckt mir ein Uralthandy entgegen. »Prepaid«, schnauft er. »Brauchst nur auf Wiederwahl zu drücken. Dann bekommst du Antworten auf deine Fragen.«

»Und das Passwort?«

»Kind, dieses Teil ist fast 20 Jahre alt. Passwort ist heute. Damals war es einfach ich bin drin.«

Ich öffne den Deckel, schalte das Museumsstück an und drücke auf den Wiederwahl-Knopf. Es tutet und eine Stimme meldet sich: »Yes!«

»Mama?«

»Ah. Gut. Du hast mit deinem Vater gesprochen.«

»Habe ich. Und er hat mir die Geschichte erzählt. Nach so langer Zeit. Darüber will ich aber mit dir jetzt nicht sprechen. Wenn du das willst … musst du nach Deutschland kommen. Hierherkommen.« Ich habe all meinen Mut für diesen Satz zusammengenommen und komme mir jetzt vor wie der Held aus irgendeinem meiner Schmachtfilme, die ich mir so gerne reinziehe. Jedoch nicht lange.

»Ach, Mäuschen! Wenn das alles so einfach wäre«, nimmt sie mir die Luft aus den Segeln. Aber so lasse ich sie diesmal nicht davonkommen. Ich schalte das Handy auf Lautsprecher.

»Niemand hat behauptet, dass es einfach wäre. Ich schon gar nicht. Ich dachte drei Jahre meines Lebens, ich sei daran schuld, dass meine Mama mich nicht mehr lieb hat. Drei lange Jahre. Also erzähl mir nicht, was einfach ist.«

Schweigen.

»Sag mir bitte einfach nur, wovor du mich warnen willst, und dann lass Papa und mich in Ruhe Weihnachten feiern und genieß dein Leben in der Wüste.«

Eigentlich würde ich gerne auflegen und nie wieder dieses versiffte Handy anfassen. Es ist zu viel Zeit vergangen, um verzeihen zu können. Viel zu viel.

»Ich habe hier ein paar alte Freunde. Die haben etwas aufgeschnappt. Es geht um Frankfurt. Um ein Attentat. Bei euch.«

»Wie – bei uns?«

»Irgendwo am Stadion. Sie haben Pläne gesehen.«

»Pläne? Pläne von der Arena gibt es haufenweise im Internet. Was soll daran gefährlich sein? Mama!«

»Ich kann dir nicht mehr sagen, ohne meine Leute in Gefahr zu bringen. Eigentlich dürfte ich nicht mal mit dir telefonieren. Halt dich einfach heute fern vom Stadion. Dann ist alles gut.«

Diese Frau schafft es in einem unglaublichen Tempo, mich völlig aus der Fassung zu bringen. Erst der Anruf. Dann die Warnung. Jetzt das Stadion und ein angebliches Attentat. Dazu die ganze alte Geschichte von Papa. Gedankenfetzen schwirren in meinem Kopf umher und es gelingt mir nicht, auch nur einen einzigen davon einzufangen. Fragend schaue ich Papa an, aber der sitzt mir auch nur mit weit aufgerissenem Mund gegenüber und scheint zwischen Verzückung, weil er ihre Stimme hören kann, und Entsetzen hin- und herzupendeln.

»Bleib weg vom Stadion heute, versteh doch. Mehr will ich nicht.«

»Ja. Ist gut. Hatte ich eh nicht vor. Also: Den Anruf hätten wir uns ersparen können. Machs’ gut, Mama. Frohe Weihnachten!«

Ich klappe den Deckel des Handys zu und reiche es Papa.

»Kannst du wegpacken. Ich bin hier. Also kann nix passieren, hat sie gesagt.«

Ich schaue ihn an und spüre plötzlich meine zittrigen Beine. Ich habe in den vergangenen Jahren eine Menge abgefahrene und nicht alltägliche Sachen erlebt. Privat mit Sev und natürlich auch mit der Eintracht. So schnell haut mich nichts mehr vom Hocker, aber die letzten zwei Stunden waren dann doch harter Tobak. ›Too much information‹, würde Tim jetzt sagen.

Papa nimmt mir das Teil ab. Rollt zurück zum Schränkchen und zögert plötzlich. Dann dreht er den Rolli herum und hält mir das Handy hin. »Ich glaube, es ist besser, wenn du das Teil jetzt erst mal bei dir behältst. Für alle Fälle.«

Ich blicke ihn an und streiche ihm über die Wange. »Okay. Wenn du meinst.«

»Hmmm«, brummt er und wendet sich ab. Und ich bin nicht sicher, was er meint. Will er, dass ich sie jederzeit erreichen kann, oder doch vielmehr, dass er es in dieser Nacht besser nicht kann?

Kapitel 4

23. Dezember 2020, 19.00 Uhr

Severin

Wer fährt denn um diese Uhrzeit ins Stadion?«, lacht Hel. »Haben die hohen Herrschaften etwa ihren eigenen Chauffeur-Service? Na dann kann der Schampus ja in Strömen fließen.« Sie tut so, als hielte sie mit spitzen Fingern ein Sektglas und prostet uns zu. Dann rümpft sie die Nase und duckt sich hinter einem Strauch weg. Oder stolpert eher, als plötzlich drei schwarze Vans nur knapp an uns vorbei die Rampe zur Geschäftsstelle hochfahren. Gustav, Kev und ich stellen uns ebenfalls zu ihr. Sehen muss uns hier jetzt niemand. Es ist zwar nicht sicher, ob das Betreten des Stadiongeländes um diese Zeit überhaupt unter den §123 Hausfriedensbruch fällt, aber in Corona-Zeiten weiß man ja nie.

Trotzdem sehen diese komplett schwarzen Vans ohne Schriftzüge oder wenigstens einem Eintracht-Adler nicht gerade nach Eintracht-Fahrzeugen aus.

Ich hebe meine Brauen, als ich die verdunkelten Scheiben sehe. »Vielleicht bekommen sie auch hohen Besuch«, lache ich und überlege, ob Tim irgendetwas erwähnt hat. Mobby Dick redet einfach zu viel, als dass ich mir alles merken könnte. Vor allem bei seinen Erzählungen von dieser dämlichen Weihnachtsfeier habe ich abgeschaltet.

»Und die dürfen mich dann fast über den Haufen fahren?«

Ich runzle die Stirn. Ein ungutes Gefühl macht sich in mir breit. »Lass uns nachschauen, wer diese Rüpel sind.« Ich zwinkere ihr zu.

»Was?«, empört sich Hel und schüttelt den Matsch von ihren Schuhen ab. Ohne Erfolg. »Die Idee, sich hinter dem Busch in Sicherheit zu bringen, war wohl nicht so schlau, was?«

»Mir ist nicht nach Scherzen, Severin«, schnaubt Hel zurück.

In dem Moment halten die Autos mit quietschenden Reifen direkt vor der Eingangstür der Geschäftsstelle. Zu sehen ist nichts. Es brennt nur die Notbeleuchtung. Die tollen Eintrachtler wollen wohl keine Aufmerksamkeit auf ihre illegale Party ziehen. Türen werden geschlagen. Ich höre Stimmen. Tiefe brummende Stimmen, aber wir sind zu weit weg, um sie zu verstehen.

»Vielleicht wird die Party aufgelöst. Ist schließlich verboten sowas«, gibt Kevin zum Besten. Sein Ernst? Ich bin mir sicher, dass er sich an keine der Regeln hält.

»Ich gehe jetzt nach Tim sehen. Geht einfach schon mal vor.«

»Nein, wir werden mitkommen«, sagt Gustav bestimmt und hängt sich an meine Fersen.

Wir schleichen die Rampe hinauf und halten uns dabei dicht an der Böschung. Zu sehen sind wir im Dunkeln so sicher nicht. Ich gehe Schritt für Schritt auf die Fahrzeuge zu und erwarte jede Sekunde, dass mich irgendwer vom Sicherheitsdienst erkennt.

»Bist du jetzt Geheimagent geworden oder was tust du da?«, zischt Hel mit zusammengekniffenen Augen.

»Sie müssen uns ja nicht gleich mit festnehmen«, gebe ich schulterzuckend zurück.

»Dein Auto steht da, Severin. Und leider hast du vergessen, es mit Blättern zu tarnen.« Hel lacht, bis ihr Blick wieder auf ihre vor Kurzem noch weißen Sneaker fällt und sie den Mund verzieht. Ich schüttle belustigt den Kopf und suche nach den Fahrern. Aber da ist niemand. Die Fahrzeuge stehen mit offenen Türen und laufenden Motoren da, anscheinend sind die Fahrer in der Geschäftsstelle. Ich lasse kurz mein Handy aufleuchten und richte das Licht auf eines der Kennzeichen der Vans. Es ist abgeklebt. Hier stimmt etwas so ganz und gar nicht. Aber bevor ich das wirklich zu Ende denken kann, ertönt ein lauter Knall von drinnen. Schreie sind zu hören. Dann wird die Tür aufgerissen. Rauch dringt heraus und vier vermummte Gestalten stürzen zu den Fahrzeugen. Der Größe und Körperbauten nach scheinen es Männer zu sein. Gustav und Kev laufen einem davon direkt in die Arme. Einen Moment lang scheint der Kerl davon überrascht zu sein und Kev nutzt diesen, um sich mit einem Satz in die Böschung in Sicherheit zu bringen. Gustav hingegen zögert zu lange und bekommt im gleichen Moment den Kolben einer Maschinenpistole ins Gesicht. Sein weißer Bart färbt sich rot und er geht mit einem lauten Stöhnen zu Boden. Ich erstarre. Buchstäblich. Ich sollte ihnen helfen, aber kann mich nicht bewegen. Was zum Teufel passiert hier?

Wie in Trance sehe ich dabei zu, wie weitere vermummte Männer Menschen mit Müllsäcken über den Köpfen zu den Autos bringen. Gewimmer dringt durch die Nacht. Dann folgt ein Schrei.

»Lasst mich los, ihr Arschlöcher!«, brüllt einer. Unverkennbar Eric Presfeth, der Präsi. Er erntet einen heftigen Schlag in die Magengrube für sein Geschrei und geht ebenfalls zu Boden. Ein Tritt ins Gesicht bringt ihn endgültig zum Schweigen. Die Brutalität dieser Typen dringt mir bis ins Mark. Und da endlich löse ich mich aus meiner Starre.

Ich packe Hel und ziehe sie hinter einen Wandvorsprung. Einer der Männer schießt eine Gewehrsalve Kugeln in die Richtung, in die Kev verschwunden ist.

Ich starre fassungslos auf die Waffen der Männer. Sie packen Gustav, stülpen ihm einen Sack über den Kopf und zerren ihn ins Auto. Er stöhnt. Der Schlag mit dem Gewehr war übel, es muss ihm heftig zugesetzt haben.

»Was soll das?«, wimmert Hel neben mir. Ich will mich aus der Nische hervorwagen, doch sie hält mich fest. »Spinnst du, Snobbi? Die haben Waffen!«

»Ich lasse ganz sicher nicht zu …«, knurre ich, doch Stimmen unterbrechen mich. Weitere Geiseln werden zu den Fahrzeugen gebracht. Ich zähle mindestens sechs. Macht mit den ersten Opfern und Gustav ein knappes Dutzend, die die Täter in ihre Gewalt gebracht haben. Und dann sehe ich unter dem blauen Müllsack eine schäbige Cordhose in Giftgrün, die ist unverkennbar. Tim …

Ich will zu ihm rennen, aber Hel krallt ihre Finger in meinen Unterarm. Ich stoße sie von mir weg. Viel zu grob. Sie stöhnt auf. Laut. Zu laut. Einer der Männer kommt direkt auf uns zu.

Mein Puls beschleunigt sich, während ich am Boden nach irgendetwas suche, was sich als Waffe nutzen ließe. Aber warum sollte hier ein Ast oder sowas herumliegen? Ich entscheide mich, das Arschloch zu überrumpeln, renne gebückt nach vorne, springe mit beiden Beinen zuerst und erwische ihn mit meinem Kick knapp unter der Kniescheibe. Es knackt und er geht mit einem merkwürdigen Gurgelton zu Boden.

Da höre ich Hel wieder schreien. Wut kocht in mir hoch und als ich mich zu ihr umdrehe, steht einer der Vermummten hinter ihr und hält ihr ein Messer an die Kehle.

Nein. Nein. Nein. Das kann nicht sein. Was zum Henker passiert hier? In dem Moment greift mich der Kerl, dem ich wahrscheinlich doch nicht die Kniescheibe gebrochen habe, am Knöchel und reißt mich herum. Unbedacht mache ich einen Schritt nach hinten und dann trifft mich ein dumpfer Schlag am Kopf.

Schritte. Schreie. Türen, die zugeschlagen werden. Das Geräusch, das Autos von sich geben, wenn sie mit durchdrehenden Reifen lospreschen. Motorengeheul. Dann komme ich endlich wieder zu Bewusstsein. Ich drehe mich voller Schmerz um und sehe noch, wie sie Tim in den letzten Van stoßen und losfahren.

Nein!

Mein Hals ist trocken. Meine Kehle brennt, mein Kopf pocht, alles um mich herum dreht sich. Aber ich muss aufstehen. Ich muss ihnen hinterherfahren. Ich muss Tim da rausholen.

Mit all meiner verbliebenen Kraft stütze ich mich am Boden ab und hieve meinen Körper nach oben. Ganz vorsichtig berühre ich meinen feuchten Hinterkopf. Blut.

Aber ich muss weiter. Übelkeit überkommt mich, bis ich endlich an meinem Auto angekommen bin und wieder klarer sehe. Das Adrenalin dringt an die Oberfläche und lässt mich den Schmerz vergessen.

Ich steige ein, starte den Motor und fahre los. Mein Herz rast, während ich meinen Mustang an seine Grenzen bringe. Die Schranke vor mir ist unten. Wie sind sie da rausgekommen? Scheiß drauf. Ich gebe Vollgas und halte darauf zu. Die Stange knallt gegen mein Auto, fliegt durch die Luft und landet krachend auf meinem Dach. Aber mir ist alles egal. Diese Bastarde haben meine Freunde in ihre Gewalt genommen und sich definitiv mit dem Falschen angelegt.

Als ich vorne am Eingang an der Otto-Fleck-Schneise ankomme, sehe ich die drei schwarzen Vans nur 20 Meter von mir entfernt auf der gegenüberliegenden Fahrspur Richtung Oberforsthaus. Die Schweine wollen in die Stadt. Was ist das für ein scheiß Plan? Mit Geiseln mitten in die Stadt?

Ich fahre in die Schneise. So viel Vorsprung wie diese Schwachmaten eben noch hatten, sind sie garantiert über den Autobahnkreisel zurück nach Frankfurt gefahren. Aber das kommt für mich nicht mehr in Frage. Ich würde sie verlieren, also ziehe ich in Höhe des Tiefgarageneingangs bei voller Geschwindigkeit die Handbremse und reiße das Lenkrad nach links. Die Reifen geben einen erbärmlichen Ton von sich. Mit einem lauten Knall schlägt das Heck in den Zaun auf der anderen Straßenseite ein, aber ich habe es geschafft, also trete ich das Gaspedal wieder durch und fahre weiter über die Mörfelder Landstraße in Richtung Kennedyallee. Wo sollten sie sonst hin?

Als ich die Kolonne endlich vor mir erkenne, atme ich auf. Ich drücke das Gas durch, aber auch sie sind jetzt verdammt schnell unterwegs. Meine Hand fingert nach meinem Handy in der Hosentasche. Als ich es endlich zu greifen bekomme, wähle ich Lydias Nummer. Warum auch immer. Vielleicht, weil die Entführten da vor mir in den Vans ihre Leute sind. Oder weil es um Tim geht. Oder weil sie der einzige Mensch ist, den ich gerade hören will.

»Was hast du angestellt?«, ertönt ihre Stimme in der Freisprechanlage. Sie klingt angriffslustig. Aber das wundert mich nicht wirklich. Meine letzte Aktion war ziemlich daneben.

»Lyd, hör mir zu! Da waren Vans und bewaffnete Männer vorm Stadion und haben alle mitgenommen.«

»Wen haben sie mitgenommen«?, fragt sie irritiert.

»Ich denke alle, die bei eurer Weihnachtsfeier waren. Und Gustav, Hel und … Tim … Gustav hat ziemlich was abbekommen. Ich fahre hinter ihnen her. Du musst meinen Standort verfolgen.«

»Und wie soll ich das machen?«, fragt sie verblüffend ruhig. Inzwischen bringt sie wirklich nichts mehr so leicht aus der Ruhe, fast schon so, als hätte sie etwas geahnt.

Ich versuche blind, ihr meinen Live-Standort auf WhatsApp zu schicken, während ich die Fahrzeuge im sicheren Abstand verfolge. Wir sind zwar wieder im Lockdown, aber trotzdem ist in Richtung Hauptbahnhof eine Menge Verkehr, Pandemie hin oder her.

Die Täter haben offenbar ein klares Ziel und einen klaren Zeitplan. Sie rasen nicht, aber sie fahren weiterhin sehr zielstrebig mit Tempo 70. Mehr als die meisten anderen, die sich an die vorgeschriebenen 50 km/h halten, aber nicht genug, um wirklich aufzufallen. Dazu wechseln sie ständig die Spur. Oder haben sie mich entdeckt?

Ich bleibe kurz vor der Stresemannallee deutlich zurück, weil diese verdammte Ampel dort immer rot ist. Und ich habe sicher keine Lust, direkt hinter ihnen stehenzubleiben. Ich tippe mal, dass die Schranke auf meinem Dach eine auffällige Beule hinterlassen hat.

»Ich hasse dich!«, schnauze ich die Ampel an und bete, dass endlich Grün wird.

Die Ampel springt um. Einen Moment lang habe ich Zeit durchzuatmen und mir zu überlegen, was ich tun kann. Einfach weiter hinterherfahren, ist wohl das Beste. Lydia kann meinem Live-Standort folgen und schon haben wir die kleinen Bastarde.

Ich versuche, die sechs, sieben Autolängen zwischen den Tätern und mir zu halten. Über die Friedensbrücke, die Wilhelm-Leuschner-Straße lang – alles kein Problem. Aber wo verdammt wollen die hin?

Vielleicht 150 Meter vor mir biegt der Corso in die Mainluststraße. Richtung Theatertunnel. Die fahren wirklich Richtung Innenstadt. Was soll das Ganze?

Vor mir leuchten die Bremslichter eines alten Corsa auf. Die Fahrerin fuchtelt wild mit den Armen und zeigt mir an, dass sie zurücksetzen will. Nicht ausgerechnet jetzt, oder?

Ich reiße das Steuer herum und versuche links an ihr vorbeizukommen, doch die Wagen haben schon an Abstand gewonnen.

Plötzlich trompetet es zwischen meinen Beinen. Mein Handy. Lydia.

»Lydia, du musst der Polizei Bescheid sagen. Du musst …« Ich sehe die Vans gerade noch so im Theatertunnel verschwinden und schlage gegen mein Lenkrad. »Hast du mich verstanden?«

»Ja«, wispert sie. Ich presse kurz meine schmerzenden Augen zusammen. »Ich habe eine Kopfverletzung, ich weiß nicht, wie lange ich ihnen noch folgen kann.«

Blinzelnd starre ich auf die Straßensperrung vor mir. Eine Barke, lauter Hütchen. »Fuck!« Wie sind diese Bastarde in den Tunnel gekommen? Fuck! Fuck! Fuck!

»Severin, was passiert da?«

»Nichts«, brülle ich sie an. Und fahre an den Hütchen vorbei in den Tunnel. In diesem Moment explodiert etwas am Ende der langen Kurve. Ich bremse. Das Heck bricht aus. Aber bevor ich gegen die Tunnelwände knalle, wird das Auto langsamer und bleibt stehen. Panik kriecht meine Kehle hinauf, als ich nach und nach den ausgebrannten Van vor mir erkenne.

Nein. Mein Herz bleibt stehen. Setzt aus. Mein Verstand begreift nicht, was ich da sehe.

»Nein!«

»Was ist los?«, schreit Lydia. Aber ich bin nicht in der Verfassung zu reden. Mit weit aufgerissenen Augen und bebenden Lippen sitze ich da, das Handy entgleitet mir und ich starre auf den Van, in dem Tim saß. Ich erkenne ihn sofort, weil ihm eine Radkappe hinten rechts fehlt, was mir schon vorhin aufgefallen ist.

»Tim«, hauche ich und steige aus. Ich stolpere vorwärts.

»Tim!«, brülle ich und nähere mich den heißen Flammen. »Tim!« Ich komme beim Van an und halte mir meinen Jackenärmel vor Nase und Mund, aber es hat keinen Sinn. Der Van brennt lichterloh. Die Menschen, die darin waren, hatten keine Chance. Nein. Mein Verstand ist nicht in der Lage, zu verarbeiten, was meine Augen sehen. Ich renne verzweifelt um diesen glühenden Feuerball herum. Renne hin und her, weil ich mir sicher bin, dass Tim vorher rausgesprungen ist. Er muss rausgesprungen sein. Er kann nicht …

»Tim!«, schreie ich wieder. Warum verflucht antwortet er nicht?

»Tim, verdammt!« Meine Kehle schnürt sich zu. Heiße Tränen steigen in meine Augen. Nein! Ich schüttle den Kopf, hindere meinen Körper daran, zusammenzubrechen und renne wieder zu dem Van. Renne weiter zur anderen Seite des Tunnels. So weit, dass ich den Ausgang in Richtung Berliner Straße schemenhaft erkennen kann. Ich schreie, höre den Hall meiner eigenen Stimme und bilde mir ein, es wäre Tim. Er darf nicht tot sein. Er kann nicht. Mein Herz bricht und bricht und zerreißt mir dabei die Brust. Schießt ätzende, bittere Säure durch meinen gesamten Körper und drückt mir die Kehle zu.

»Tim«, hauche ich nur noch heiser und lasse mich auf meine Knie sinken. Sehe wie in Trance dabei zu, wie der Van weiter brennt. Wie mein Leben brennt. Tim ist mein bester Freund. Er ist meine bessere Hälfte. Er ist so viel für mich. So vieles, was ich ihm nie gesagt habe. Er darf nicht tot sein.

Schritte ertönen hinter mir. Ich drehe mich um. Ich flehe, dass dort Tim steht. Stattdessen ist es einer seiner Mörder. Ich sehe seine dunklen Augen förmlich aus den Löchern der Sturmhaube herausquellen. Sehe seinen schief gelegten Kopf, als würde er mich belächeln. Ich rapple mich auf, wische mir die Tränen aus dem Gesicht und gehe auf ihn los. Er ist überrascht, weshalb ich einen Schlag in sein Gesicht landen kann. Er hebt sein Knie und rammt es mir in den Unterleib. Lähmt mich, aber ich fange mich und schlage ihm mit der Faust gegen sein Kinn. Er stöhnt auf. Flucht in einer fremden Sprache und bevor er mir erneut einen Tritt verpassen kann, donnere ich ihm meine Faust ein zweites Mal ins Gesicht. Dunkelheit umhüllt mich. Meine eigene Dunkelheit, die ich so lange tief in mir versteckt habe, bricht aus mir heraus und ich schlage wieder und wieder zu. Ich höre seine Nase brechen. Ich spüre das Blut durch die schwarze Haube, die sein Gesicht verdeckt. Ich schlage auch dann noch zu, als er am Boden liegt. Verpasse ihm einen Tritt und schreie bestialisch auf. Tims Gesicht taucht dabei immer wieder vor meinen Augen auf. Diese Bastarde haben ihn umgebracht. Haben meinen besten Freund genommen. Ihn dieser Welt und mir genommen.

Ich schlage wieder zu. Höre noch seinen Kiefer knacken, bevor ich von hinten gepackt werde. Ich wehre mich. Winde mich wie ein Tier, aber es sind zwei Männer, die mich festhalten. Zwei dieser Monster. Ich trete um mich. Will sie verletzen. So sehr verletzen, wie sie Tim verletzt haben. Wie sie mich verletzt haben. Wie sie meine Seele unwiderruflich zerstört haben. Aber ich habe keine Chance. Das Letzte, was ich sehe, ist, wie sich der Kerl vom Boden erhebt, dann wird mir etwas über den Kopf gestülpt. Darauf folgt ein gezielter Schlag auf meine Schulter und ich verliere mich in der unendlichen Tiefe der Bewusstlosigkeit.

Kapitel 5

23. Dezember 2020, 19.43 Uhr

Lydia

Papa! Rufst du bitte die Polizei an und sagst ihnen, irgendwo im Bereich des Theatertunnels wird gerade – keine Ahnung wer – entführt. Wahrscheinlich alle, die bei der Weihnachtsfeier der Eintracht in der Geschäftsstelle waren. Nein. Das sag bitte nicht. Sonst müssen alle in Quarantäne und bekommen eine ordentliche Geldstrafe aufgebrummt.«

Manchmal könnte ich mich wirklich ohrfeigen für meine Art zu denken. Eintracht immer zuerst. Genau das, was ich meinem Vater stets vorgeworfen habe. Aber ich bin genauso geworden wie er. Keinen Deut besser. Und deshalb hat Severin wahrscheinlich die Flucht ergriffen. Hat keinen Bock mehr auf mich gehabt. Der alte Hooligan, der gelernt hat, dass es auch ein Leben ohne die Eintracht gibt. Und jetzt ist er in Lebensgefahr. Nur weil ich meiner Mutter nicht vertraut und ihn nicht gewarnt habe. Dabei wusste ich doch genau, dass er im Stadion ist. Wegen Mic. Und sie hat gesagt: Wenn du nicht im Stadion bist, kann dir nichts passieren. Was bin ich denn nur für ein Mensch. Habe nur an mich gedacht und keine Sekunde lang an Severin oder die anderen. Eric. Tim. Das Team. Scheiße. Verdammt. Scheiße.

Tränen rinnen über mein Gesicht. Sagen mir, wie viel mir an diesem blöden arroganten Arsch liegt. Wie sehr ich Severin liebe. Schon immer geliebt habe.

Papa nimmt mich in den Arm.

»Soll ich das der Polizei wirklich genau so sagen. Oder möchtest du den Text noch überarbeiten?«

Dieser Mann hat es schon immer verstanden, mich mit diesen kleinen Spitzen, die er wie ein erfahrener Fechtmeister zu setzen versteht, zur Weißglut zu bringen. Selbst jetzt.

»Nein, Papa. Keine Überarbeitung. Nur anrufen und das, was ich gesagt habe, durchgeben. Sie sollen den Theatertunnel abfahren und mir sagen, dass Sev nur einen seiner berühmten Suff-Scherze gemacht hat.«

»Okay.« Ich starre den alten Mann an und bin verblüfft. Zum ersten Mal, jedenfalls soweit ich denken kann, macht er wirklich, was ich sage. Aber das ist dann auch nicht das Richtige.

»Hallo! Hier spricht Heller. Klaus Heller. Ich soll Ihnen von meiner Tochter sagen, dass gerade irgendwo im Bereich des Theatertunnels … ja, in Frankfurt. Wo denn auch sonst … jemand entführt wird. Sie hat auch keine Ahnung, wer«, flötet er.

»Papa!«, ich reiße ihm das Telefon aus der Hand.

»Guten Abend. Mein Name ist Lydia Heller. Ich habe gerade von Severin Klemm einen Anruf erhalten. Darin schildert er mir, dass im oder in der Nähe des Theatertunnels ein Verbrechen verübt wird. Könnten Sie das bitte überprüfen?«

»Wie stellen Sie sich das vor, junge Frau?«

»Was heißt, wie stellen Sie sich das vor? Der Zeuge Severin Klemm sagt, dass hier Menschen entführt wurden und in Gefahr sind. Das muss ja wohl ausreichend sein, um den Tunnel zu kontrollieren?«

»Frau Heller. Haben Sie eine Vorstellung davon, wie viele Menschen hier täglich anrufen und von Entführungen berichten. Nur weil einer mal Zigaretten holen gegangen ist. Wenn Sie verstehen, was ich meine. Seit Corona hat sich die Zahl mehr als verdoppelt.«

»Herr … wie auch immer Sie heißen. Da fällt mir ein: Wie heißen Sie eigentlich?«

»Raubein. Obermeister Raubein.«

Ich versuche, meinen Puls mit aller Gewalt herunterzudrücken, atme dreimal tief durch und greife dann zu einem Mittel, das ich eigentlich nicht mag, das aber meist funktioniert.

»Okay. Herr Obermeister Raubein. Sehen Sie: Dieser Severin Klemm ist zufälligerweise der Sohn von Oberstaatsanwalt Klemm. Es mag sein, dass er zu den ausgemachten Witzbolden dieser Welt gehört, aber wenn es um seinen Freund Tim geht, hört auch für ihn der Spaß auf. Also: Er hat mich vor wenigen Minuten angerufen und gesagt, am Stadion bei der Eintracht-Geschäftsstelle seien Menschen entführt worden. Von irgendwelchen vermummten Gestalten. Und die seien jetzt im Theatertunnel. Mehr konnte er mir nicht sagen, dann ist die Verbindung abgerissen. Wahrscheinlich, weil er in den Tunnel gefahren ist.«

Ich stocke und mir wird klar, dass ich das eigentlich nicht weiß, sondern nur hoffe. Weil ich mir nicht vorstellen will, dass ihm etwas Schlimmes passiert ist.

»Also, Herr Raubein. Mehr weiß ich auch nicht, aber Sie müssen dort doch irgendwelche Überwachungskameras haben, um nach dem Rechten sehen zu können.«

Ich finde es schon pervers, dass ich ihm sagen muss, was zu tun ist, und bete trotzdem inständig, dass er es einfach tut. Am anderen Ende der Leitung herrscht erst einmal Stille. Immerhin. Sollte er wirklich …?

»Frau Heller?«

»Ja. Ich bin noch hier. Was ist?«

»Sind Sie die von der Eintracht?«

»Ja, ich bin die von der Eintracht. Aber das spielt jetzt wirklich keine Rolle.«

»Ich wollte es ja nur wissen, weil … Tommy, mein Enkel, ist so ein großer Fan der Eintracht. Und wenn ich ihm morgen bei der Bescherung erzähle, dass ich mit Ihnen gesprochen habe, flippt der aus.«

»Herr Raubein! Das tue ich jetzt auch gleich!« Schweigen.

Dann ein förmliches »Können Sie dranbleiben?«

»Ja. Natürlich. Ich kann dranbleiben.«

Papa schaut mich fragend an. Normalerweise würde er triumphierend mindestens drei Pirouetten mit seinem Rolli drehen. Weil ich bislang auch nicht mehr erreicht habe als er. Die Polizei ist so kurz vor Weihnachten offenbar dünn besetzt. Na klar. Wer will schon bis zum frühen Morgen an Heiligabend Dienst schieben. Das machen wirklich nur die ›Special Forces‹, geht es mir durch den Kopf.

Dann knackt es zweimal in der Leitung.

»Homburg. KHK Ulf Homburg. Was kann ich für Sie tun?«, meldet sich eine angenehme Stimme. Noch dazu eine, die Kompetenz ausstrahlt. Ich atme auf.

»Herr Hauptkommissar. Homburg. Mein …«, ich zögere einen Moment, »mein … Freund Severin Klemm hat mich eben angerufen und gesagt, am Stadion bei der Eintracht-Geschäftsstelle seien Menschen entführt worden. Er ist den Entführern gefolgt, bis sie im Theatertunnel verschwunden sind. Er hat mir seine Position zugemailt, aber der Kontakt ist abgerissen.«

»Aha!«, sagt der Mann. »Und wann soll das gewesen sein?« Schon die Formulierung bringt mich auf die Palme. Wann soll das denn gewesen sein? Das fragt so doch nur einer, der dir nicht glaubt.

»Vielleicht vor einer Viertelstunde. Schließlich ist mein Anruf dank Ihres Kollegen schon 10 Minuten her.«

»Na ja, das müssen Sie dem Obermeister Raubein schon verzeihen. Der macht normalerweise keinen Telefondienst. Nur wegen den anstehenden Feiertagen. Und indem er Sie zu mir durchgestellt hat, hat er ja eigentlich alles richtig gemacht, nicht wahr?!«

Dieser Mann versucht mich offenkundig zu beruhigen. Was ihm allerdings nicht wirklich gelingt. Heißt das, die Polizei hat längst eine Meldung von den Vorgängen im Theatertunnel bekommen und er will mir die Wahrheit nicht sagen? Weil … schon wieder mag ich den Gedanken nicht zu Ende bringen. Zu schlimm ist die Vorstellung, Severin könnte etwas zugestoßen sein. Oder war bei der Weihnachtsfeier gerade der Nikolaus unterwegs, hat leckere Geschenke verteilt und sie schlafen jetzt alle den Schlaf der Gerechten.

»Jaja, alles gut. Ich bin ihm auch nicht böse, aber bitte sagen Sie mir doch endlich, was in dem Tunnel los ist. Sie müssen doch Überwachungskameras da unten drin haben. Falls ein Unfall passiert oder ein Unglück.«

»Ich lasse das gerade überprüfen, Frau Heller. Dauert aber einen Moment. Haben Sie eine Vorstellung davon, wie viele dieser Kameras in der Stadt verteilt sind?«

»Nein, habe ich nicht. Warum auch? Ich bitte Sie ja auch nur eine, vielleicht zwei dieser Kameras zu überprüfen und mir dann zu sagen, was mit Severin ist! Können Sie das bitte für mich tun?!«

Kapitel 6

23. Dezember 2020, 20.17 Uhr

Severin

Ich öffne meine Augen und starre auf eine kahle Wand. Was? Benommen versuche ich mich zu erinnern, was passiert ist. Und dann wird es mir klar. Mein Herz brennt wie Feuer, als ich das lodernde Auto vor mir sehe. Langsam verstehe, was geschehen ist. Begreife, dass Tim …

Ich will mich aufrappeln und die Männer finden, die dafür verantwortlich sind, aber meine Hände und Beine sind gefesselt. Ich starre fassungslos auf die Kabelbinder und realisiere endlich vollends, was passiert ist. Ich bin ihnen hinterhergefahren und schließlich haben sie mich bewusstlos geschlagen und mitgenommen.

Ein Stöhnen reißt mich aus meinen Gedanken. Ich sehe mich um, doch alles liegt in einem trüben Dunkel. Es dauert einen Moment, bis ich hinter ein paar Transportkisten einen Mann sitzen sehe.

»Geht es dir gut?«, frage ich und versuche in seine Richtung zu robben.

Wieder stöhnt er auf und sieht dann verwundert auf seine eigenen Fesseln.

»Was ist passiert?«, fragt er mit einem Akzent und blinzelt.

»Irgendwelche Bastarde haben uns entführt«, knurre ich und dann sieht er auf. Mich direkt an. Seine dunklen Augen wecken ein vertrautes Gefühl in mir. Ich kenne ihn. Aber woher?

»Habe ich dich schon mal gesehen?«, frage ich, als ich bei der Kiste angekommen bin und kurz die Augen schließe. Mein Kopf dröhnt. Der Typ legt den Kopf schief und mustert mich. »Severin, oder?«

Ich schärfe meinen Blick, um mir das Gesicht noch einmal genau anzusehen. Er ist Ausländer. Araber … Syrer vielleicht. Aber ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern. »Arbeitest du für die Eintracht?«, will ich wissen und sehe mich im Raum um. Statt hier ein Pläuschchen zu halten, sollten wir vielleicht besser einen Ausweg finden.

»Ich habe für die Eintracht gespielt. Sie wollten wohl einen Ausländer bei ihrer kleinen Feier dabeihaben.«

Ich hebe meine Brauen. Wann soll der bei der Eintracht gekickt haben? Mein Gedächtnis lässt mich offensichtlich im Stich.

»Hast du eine Idee, wie wir hier rauskommen?«, fragt er und reckt seinen Nacken.

»Ich wüsste zunächst erst mal ganz gerne, wo wir hier eigentlich sind«, brumme ich und wieder taucht Tims Gesicht vor mir auf. Ich verscheuche es, so schnell es geht, und sehe dann zur Tür.

»Kannst du aufstehen?«, frage ich mit einem Blick hinter die Kisten. Er verzieht sein Gesicht und schüttelt den Kopf. »Ich glaube, sie haben mir das Bein gebrochen.«

Na super. Also versuche ich mich hochzuhieven und zur Tür zu hüpfen. Mein Kopf explodiert beinahe. Und wie erwartet, ist die Tür verschlossen. Was jetzt? Und wo sind die anderen? Da stand doch nur einer der Vans, oder nicht?

Ich lasse mich wieder auf den Boden sinken und lehne meinen Kopf gegen die Tür.

»Du hast dir echt den falschen Zeitpunkt ausgesucht, um bei der Weihnachtsfeier den Quoten-Kicker zu geben und in alten Geschichten zu schwelgen«, sage ich resigniert und sehe auf. Sein Blick trifft mich. Etwas wie Trauer schwappt zu mir herüber.

»Alte Geschichten?«, murmelt er in gebrochenem Deutsch. »Einen wie mich vergisst man schnell. Keiner will alte Geschichten hören.«

»Na, immerhin haben sie dich eingeladen«, sage ich, vor allem, um mich abzulenken.

»Und das macht alles andere wieder gut?«, kontert er traurig und zuckt mit den Schultern. »Ich hätte nicht hingehen sollen. Das sind Menschen, die sich für Einzelne nicht interessieren.«

Ich verziehe den Mund. So gerne ich hier eine kleine Lästerrunde über die obere Etage der Eintracht und ihre Arroganz und Ignoranz abhalten würde, kann ich einfach nicht tatenlos herumsitzen.

»Es sollte dir egal sein. Was hast du mit diesen Leuten zu tun? Nichts.«

Ich blicke mich weiter um. Hier ist nichts außer diesen Blechkisten auf Rädern. Aber irgendwann wird jemand kommen. Sie werden uns ja nicht einfach verrotten lassen. Und für genau diesen Moment wäre es gut, vorbereitet zu sein.

»Wir sind hier offenbar eingesperrt, weil diese Eintracht-Männer noch mehr Menschen verärgert haben. Also ist es mir nicht egal«, raunt er.

»Vielleicht wollen sie Geld«, sage ich und krieche wieder zu den Kisten, um darin nach einer Waffe oder etwas Brauchbarem zu suchen.

»Geld …«, wiederholt er mit einem fiesen Lachen. »Und was machen wir beide, was machen du und ich dann hier? Denkst du wirklich, dass einer dieser Bosse Geld für uns zahlt?«

Ich kneife die Augen zusammen und denke nach, während ich den Deckel der Kiste öffne. Ja, was mache ich hier? Warum hat der Anführer nicht zugelassen, dass sie mich einfach erschießen? Hat er mich erkannt? Gewusst, dass ich der Sohn des Oberstaatsanwalts bin? Das ist das Einzige, was mein Leben wertvoll macht. Aber das wäre ein Riesenzufall.

»Mir ist scheißegal, was sie von mir wollen«, bricht sich der Zorn in mir plötzlich seine Bahn. »Diese Bastarde haben meinen besten Freund getötet.«

Wieder legt er den Kopf schief. Schweigt aber.

»Wie heißt du eigentlich?«, frage ich, um mich selbst ein bisschen runterzubringen. Dabei starre ich in die Kiste vor mir, zerre einen Beutel heraus und schrecke perplex zurück. Drogen.

»Ich heiße Assad.« Ich nehme die Stimme meines Mitgefangenen nur nebenbei wahr.

»Warum haben die hier Drogen?«, frage ich und spüre Hitze in meinem Nacken. Sie kriecht an meiner Wirbelsäule entlang und lässt mich schaudern. Der Beutel in meiner Hand ist voller Tabletten und einem weißen Pulver. Wahrscheinlich Koks. Mein Kreislauf lässt mich im Stich und plötzlich fühlt es sich so an, als wäre ich ein echter Junkie.

Nachdem ich endlich von dem Ritalin runtergekommen bin, das sie mir schon als Kind eingeflößt haben, habe ich es tunlichst vermieden, mit anderen Drogen in Kontakt zu kommen. Auch wenn ich solche eigentlich nie hätte nehmen wollen, man weiß ja nie. Nicht das Koks und auch die meisten Tabletten nicht. Würde ich da nicht unter ihnen die Schachtel Ritalin erkennen. Es könnte mir helfen, klarer zu werden. Mich zu konzentrieren. Gerade jetzt, da ich …

»Was ist los?«, fragt Assad und reckt den Kopf ein wenig.

»Nichts«, lüge ich, werfe den Beutel zurück und knalle den Deckel zu.

Mein Herz pumpt schnell und unregelmäßig. Kalter Schweiß läuft mir über den Rücken. Ich schaue zu ihm. Er beobachtet jede meiner Bewegungen mit Argusaugen.

Ich lehne mich erschöpft gegen eine der Wände und wir schweigen eine ganze Weile, bis Assad erneut das Wort ergreift.

»Als ich neu in Deutschland war, das war am Anfang eurer Flüchtlingskrise, da haben mich ein paar Typen in Niederrad auf dem Nachhauseweg abgefangen«, sagt er mit ruhiger, tiefer Stimme. Fast so, als würde er damit keine Emotionen verbinden.

»Sie wollten mich verprügeln. Weil ich anders aussah als sie. Das hat ihnen als Grund gereicht.«

Ich fahre mit meiner Zunge die Zähne entlang. Mich interessiert diese Geschichte nicht. Mich interessiert gar nichts mehr, außer der Möglichkeit, all das hier zu vergessen und nach dem zu greifen, was genau vor mir in der Kiste in einem Plastikbeutel liegt. Ich will mich und den Schmerz in meiner Brust betäuben. Will …

»Aber da war ein junger Mann, der mir geholfen hat. An der Straßenbahnhaltestelle vor der alten Rennbahn. Von dort wollte ich zum Stadion.«

Ich öffne meine Augen und sehe ihn an. Ich erinnere mich. Er war dieser Typ, den sie erst beschimpft und dann bespuckt haben. Und ich war es, der ihm geholfen hat.

Eigentlich wollte ich zum Greifvogel und mit Gustav, Hel und Kat reden, aber ich war zu früh. Der Greifvogel war noch zu und bei Claudia zu klingeln, habe ich mich nicht getraut.

Ich bin zur Straßenbahnhaltestelle und da sind mir plötzlich diese Arschlöcher aufgefallen, die einen Ausländer in die Ecke drängten.

»Das warst du?«

Seine Lider zucken kurz. »Ich sage ja, man erinnert sich nicht an mich.«

Ich atme schwer. »Das war ein anderes Leben. Es ist sicher fünf Jahre her. Diese Zeit habe ich hinter mir gelassen.«

Er lacht freudlos auf. »Wenn es nur immer so leicht wäre, ein Leben zu verlassen und ein neues zu betreten.«

Hinter mir ertönt ein Geräusch an der Tür.

»Achtung!«, sage ich und Assad nickt, während ich mir den Eisendeckel der Kiste schnappe und aufstehe, um mich neben die Tür zu stellen. Wenn ich schon keine Waffe habe, kann ich mich mit dem Ding wenigstens verteidigen.

Die Tür wird geöffnet und vor mir taucht einer der Vermummten auf, doch als ich gerade zuschlagen will, spüre ich etwas Hartes, Kaltes an meinem schmerzenden Hinterkopf. Ich drehe mich langsam um und erstarre. Hinter mir steht Assad. Nicht mehr gefesselt. Kein gebrochenes Bein. Stattdessen hält er mir eine Waffe an den Kopf. Mein Verstand braucht eine ganze Weile, um das hier zu sortieren und zu verstehen.

»Du hättest mich nicht auch vergessen sollen, Severin Klemm«, sagt er mit einem merkwürdig traurigen Blick. Als wäre das hier eine Prüfung gewesen, die ich nicht bestanden habe. Als wäre er darüber wirklich betrübt.

»Ich …«, will ich etwas erwidern. Aber was soll ich sagen? Was würde das hier ändern?

»Es ist nicht immer so leicht, ein neues Leben zu beginnen. Ich wünschte, es hätte auch nur eine Menschenseele interessiert, was aus mir geworden ist.«

Ich schlucke schwer. »Was ist passiert?«

Er hebt seinen Mundwinkel. »Das werde ich dir zu gegebener Zeit erzählen, Severin. Und jetzt los!«

Er deutet mit seiner Waffe Richtung Tür, bevor er sich hinabbeugt und meine Fußfessel durchschneidet.

Als ich hinaustrete und das Glas vor mir erkenne, klettert bittere Säure meine Kehle hinauf. Entsetzt öffne ich den Mund und starre auf Frankfurt. Frankfurt von oben. Und ich weiß sofort, wo wir sind.

Meine über alles geliebte Frau,

ich schäme mich so sehr, denn ich habe versagt. Ich konnte meinen kleinen Bruder und deine Schwester nicht beschützen. Vor diesen Gottlosen, die nichts als sinnlose Gewalt und Tod über die Unseren gebracht haben. Die diese schändliche Bluttat auf unschuldige Kinder auf dem Weg zur Schule ausgeführt haben und sich noch mit Gewehrsalven in den Himmel dafür brüsten, Elend und Tod in unser Leben zu tragen. Seit so langer Zeit.

Ich hätte auf dich hören und rechtzeitig meiner Heimat, unserer Heimat, den Rücken kehren sollen. Irgendwo ins gelobte Land gehen. Nach Deutschland zu meiner Schwägerin. Zu meinem Zwillingsbruder, denn ich bin sicher: ich hätte all diese bösen Gedanken, die ihm falsche Menschen in den Kopf gepflanzt haben, mit meiner Hilfe vertrieben, und wir hätten ein gutes Leben führen können.

Ja. Weit weg von der geliebten Heimat. Weit weg von den Verwandten, von den Freunden. Aber in Frieden.

Meine über alles geliebte Frau: Verzeih mir. Das, was unverzeihlich ist. Was niemand verzeihen kann. Was ich mir selbst niemals werde verzeihen können.

Mit welcher Überheblichkeit habe ich die Welt betrachtet? Mit welchem Gleichmut hingenommen, dass die Fratze des Feindes immer längere Schatten auf uns geworfen hat. Wie oft habe ich nachts auf dem Dach unseres Hauses gehockt und am dunklen Horizont die Blitze der Raketen und die Feuer gesehen. Mit angstvoll zusammengekniffenen Augen. Wie oft bin ich dann hinunter gegangen, habe meiner Tochter und meinem Sohn mit dem Zeigefinger sanft über die Nase gestrichen und geflüstert: Keine Angst. Ich beschütze euch!

Wie oft? Zu oft.

Und dann bin ich zu dir ins Bett geschlichen, meine über alles geliebte Frau, und habe sehr wohl gespürt, wie sehr dein Körper gezittert hat. Vor Angst. Habe dich dann wortlos umschlungen und schweißgebadet die weiße Decke unseres Zimmers angestarrt. So lange, bis ich überall rote Flecken gesehen habe. Blutflecken. Und mir vornahm, dieses Leben zu ändern.

Aber ich habe nicht gehandelt, wie ein Mann handeln muss. Habe mich doch wieder ängstlich verkrochen und dafür einen unsagbar hohen Preis bezahlt. Wie viel würde ich dafür geben, wenn ich noch einmal die Chance bekäme, alles richtig zu machen. Nicht den Worten der Ältesten blind zu vertrauen und für den Frieden zu beten, statt aufzustehen und den Kriegern auf beiden Seiten Einhalt zu gebieten.

Mein Leben würde ich dafür geben. Glaub mir. Ohne eine Sekunde zu zögern. Aber ich fürchte, dies ist jetzt wieder nur eine Träumerei. Wer könnte den blutrünstigen Kriegern Einhalt gebieten, wenn die ganze Welt genüsslich zuschaut, wie unser Volk sich abschlachtet? Ich? Wohl kaum.

Ja. Hätte mein Talent gereicht, um meine alte graue Welt gegen eine neue schillernde einzutauschen, dann würde mein Wort jetzt vielleicht in der Welt gehört werden. Vielleicht.

Vielleicht auch nicht. Aber ihr wäret in Sicherheit. Müsstet nicht tagein, tagaus um euer Leben bangen. Könntet mit euren Freunden zusammenkommen und sagen, was euch bewegt. Ohne Angst, verraten zu werden. Könntet wählen, ohne ein Gewehr im Rücken zu spüren. Könntet lernen, was immer ihr erlernen wollt. Könntet euren Glauben leben, ohne befürchten zu müssen, es ist nicht genug, was ihr tut. Könntet Fremde freundlich willkommen heißen. Ohne Angst, dass sie unter eurem Dach nach eurem Leben trachten. Könntet wann immer ihr wollt den Himmel betrachten, ohne Angst, dass eine Rakete vor euren Augen explodiert und die Metallsplitter eure Körper in tausend Fetzen reißen. Könntet in Frieden leben, ohne Angst vor jedem neuen Tag.

Mein Gott, was habe ich getan! Was habe ich euch genommen? Was gibt mir das Recht, von meiner Liebe zu euch zu sprechen. Nichts mehr!

Kapitel 7

23. Dezember 2020, 00.20 Uhr

Lydia

Ein rascher Blick auf die Uhr zeigt mir, dass meine Einschätzung richtig war. 20 Minuten von Zeilsheim zum Stadion – um diese Uhrzeit und zu Corona-Zeiten kein Problem. Eigentlich ärgere ich mich sogar, dass ich nicht schneller war. Severin hätte die Strecke in 15 Minuten geschafft. Jedenfalls hätte er das gesagt und dabei die Motorhaube seines Mustangs getätschelt. Oder er hätte eine Abkürzung genutzt. Was weiß ich. Auf jeden Fall ist dieses Getätschel lächerlich. Er mochte dieses Auto eigentlich gar nicht. Schlimmer noch: Er hat es gehasst, weil sein Dad es ihm vor die Tür gestellt hat. Aber inzwischen steht er drauf, damit anzugeben. Dieser Idiot.

Ich bin mit dieser Fahrzeit äußerst zufrieden. Das abschätzige ›Sind Sie sich sicher?‹ dieses Hauptkommissars, nachdem ich seine Frage, wie lange ich wohl von Zeilsheim zum Stadion brauche, forsch mit ›20 Minuten‹ beantwortet habe, klingt mir noch im Ohr. Wie auch immer: Ich bin ja froh, dass er mir nicht geraten hat, gemütlich mit Papa ein bisschen Fernsehen zu schauen und ihn seine Arbeit machen zu lassen. Stattdessen hat er mich gebeten, zum Stadion zu kommen, weil es dort wohl tatsächlich einen Vorfall gegeben hat. Ob er endlich begriffen hat, dass Severins Anruf garantiert kein Fake war?

Ich biege von der Mörfelder in den dunklen Weg zum Stadion ab. Langsam, vorsichtig. So als könnte es sein, dass hier noch bösartige Heckenschützen auf mich lauern. »Quatsch, Heller! Mach hier nicht das Mädchen«, brülle ich mich im Spiegel an. Hier ist niemand. Die Parkplätze rechts und links sind leer. Gespenstig leer. »Lydia Heller, du bist hier schon Hunderte Male nachts rein- und rausgefahren. Kein Grund, panisch zu werden«, versuche ich mein Spiegelbild zu beruhigen. Dann packe ich das Teil und drücke die Abblendfunktion. Mag ja sein, dass ich die seltsame Angewohnheit habe, Selbstgespräche in Form von Interviews zu führen. Aber nicht jetzt!

Im Lichtkegel vor mir taucht die Schranke auf. Jedenfalls das, was von ihr übrig geblieben ist. Der größte Teil liegt ein paar Meter weiter am Rand des Weges. Mein Gott. Was war hier los? Ich versuche, konzentriert zu bleiben und die nächste Panik­attacke gar nicht erst aufkommen zu lassen. Vergeblich. Der Gedanke an Severin, der wahrscheinlich vor einer knappen Stunde hier durchgefahren ist, weil er unbedingt irgendwelche Attentäter verfolgen musste, statt seinen verdammten Hintern in den Greifvogel zu schieben, sich grenzenlos abzufüllen und drei Tage ins Koma zu fallen, lässt meinen Magen erneut rebellieren. Warum muss dieser blöde Kerl eigentlich immer mit dem Kopf durch die Wand?

Das gleißende Blaulicht vor mir reißt mich aus meinen Gedanken: Polizei. Und schon dehnt sich das merkwürdige, beklemmende Gefühl in meiner Magengegend aus. Ich muss schlucken. Wie damals, als plötzlich im Stadion alle Lichter ausgingen und das Gesicht von Vera auf der Anzeigentafel erschien. Es ist jetzt fast genau ein Jahr her, dass diese tödlichen Rätsel Sev und mich durch die Stadt gehetzt haben. Damals war hier auch alles in dieses furchtbare zuckende Blaulicht gehüllt.

Ein Beamter hält mir seine Kelle vor die Motorhaube. Zwingt mich stehenzubleiben. Ich kurbele das Fenster herunter, um ihm zu erklären, dass ich erwartet werde. Von Hauptkommissar … ich habe den Namen vergessen. So ein Mist.

»Hier können Sie nicht weiter«, rasselt der Uniformierte mit grimmigem Blick herunter. »Die Spusi muss ihre Arbeit machen.«

»Die Spurensicherung!«, entgegne ich mit Tatort-Kennerwissen. »Müssten die nicht eher in der Geschäftsstelle ihre Spuren suchen?« Eigentlich weiß ich gar nicht, warum ich nicht einfach meine Karre abstelle und die paar Meter zu Fuß laufe, statt mich auf Diskussionen einzulassen.

»Na ja. Junge Frau. Ich fürchte, da sind die Kollegen natürlich auch und das mit ganz großem Besteck. Große Sache hier … Oder haben die Eintracht-Bonzen einfach nur alle Corona-Regeln außer Kraft gesetzt und sind sich im Suff ein bisschen in die Haare geraten? Würde mich jetzt nicht wirklich wundern«, grinst er blöde und beugt sich dabei zu mir runter wie der Glöckner von Notre-Dame. »Und wer sind Sie noch mal schnell?«

Der Bulle wird mir von Sekunde zu Sekunde unsympathischer und die Geschichte immer mysteriöser. In was ist die Eintracht, in was ist Sev da bloß hineingeraten?

»Am besten, Sie stellen Ihr Auto hier ab und melden sich da oben bei dem Kollegen.« Er deutet ein paar Meter die Rampe hinauf auf einen jungen Mann, der direkt unter einem der offenbar eilends herbeigekarrten Scheinwerfer steht. Davon gibt es eine ganze Menge, und wieder schießt mir der schale Gedanke durch den Kopf: Was um Himmels willen ist hier passiert?

Der Polizist weist mir mit seiner Kelle einen Parkplatz zu und ich bin absolut sicher, wie wichtig er sich in diesem Moment fühlt. Ich kenne diese Typen, die es im Leben nicht wirklich weit gebracht haben, und dann mit Vorliebe Frauen ihre Macht demonstrieren müssen. Seitdem ich im Präsidium den Aufgabenbereich ›Gleichstellung und sexualisierte Gewalt‹ verantworte, habe ich offenbar nur noch mit genau diesen miesen Typen zu tun. Ein merkwürdiger Magnetismus.

»Wunderbar. Danke. Der Kollege dort?« Ich deute auf den jungen Mann unter dem Flutlicht. »Genau – Merbolt. Der hat ein paar Streifen mehr«, grinst er und haut sich mit der Hand auf die Schulter. »Kommissar-Anwärter Hans Merbolt. Wenn der Ihnen nicht helfen kann, weiß ich auch nicht weiter.«

Ich drehe mich angewidert weg und gehe auf den Mann unter dem Lichtkegel zu, nestele meinen Ausweis heraus und stelle mich vor: »Lydia Heller. Ich sollte herkommen. Hat Kriminalhauptkommissar … sorry, ich habe mir seinen Namen nicht gemerkt … irgendeine Stadt im Taunus …!«

»Homburg. KHK Homburg, oder?« Dabei zückt er sein Notizbuch und geht mit dem Finger offenbar eine Liste durch. »Ah. Hier. Heller. Sind Sie die Pressesprecherin?« Seine Stimme klingt verdammt jung, aber hinter der Maske kann ich das nicht so genau einordnen. ›Ein paar mehr Streifen‹, hat der andere gesagt. Also kann er keine zwanzig mehr sein. Wahrscheinlich eher so mein Alter.

»Stellvertretende Pressesprecherin und Vizepräsidentin des Vereins, bitte.« Ich beiße mir mit Schmackes auf die Lippe. Lydia Heller. Das hättest du dir sparen können.

»Ja«, sagt die sympathische Stimme hinter der Maske, schaut von seinem Büchlein auf und kann sein Grinsen nicht verbergen: »Ich weiß! Tschuldigung! Frau Vizepräsidentin.« Das V … i … z … e lässt er dabei auf der Zunge zergehen und ich bin mir nicht sicher: Hat er Spaß daran, mich aufzuziehen oder ist er einfach nur genervt, weil ich ihn so überheblich verbessert habe?

»Alles gut«, antworte ich verwirrt. Dass sich bei mir jemand entschuldigt, gehört eher zu den seltenen Ereignissen meines Eintracht-Daseins. Und sein Grinsen hat mich verlegen gemacht.

Er macht mit einer fast schon galanten Bewegung den Weg frei und deutet auf die Eingangstür der Geschäftsstelle. Besser – was von ihr übrig ist. »Herr Homburg erwartet Sie.«

Ich komme mir vor wie in einem falschen Film. Sissi, die junge Kaiserin oder so. Den habe ich ein paar Mal mit Papa gesehen und fand den Großvater, der immer so getan hat, als sei er schwerhörig, echt cool. Und der Polizist vor mir kommt mir gerade vor wie der Oberst Böckl, der Adjutant der Kaiserin, der auch immer so herrlich unterwürfig war. Und eigentlich nur furchtbar verliebt. Wobei ich nicht davon ausgehe, dass dieser Herr Merbolt sich in mich verliebt hat. Herrgott, was denke ich da eigentlich wieder für einen Unsinn zusammen? Vielleicht spielt mir mein Unterbewusstsein diesen Streich, um zu verhindern, dass ich ständig darüber nachdenke, wie ich Severin erreichen kann. Um zu hören, dass es ihm gut geht.

Der Anblick des Eingangsbereichs bringt mich schlagartig zurück ins Leben. Die Scheibe der Tür ist zersplittert. Auf dem Flur liegen überall Scherben herum. Die Vase, die Max von den Chinesen geschenkt bekommen hat, ist in tausend Teile zersprungen. Hier muss ein Kampf stattgefunden haben, schießt es mir durch den Kopf. Hier hat sich eindeutig jemand mit Leibeskräften gewehrt. Gegen was oder wen auch immer. Überall stehen Polizeibeamte herum. Die Mitarbeiter der Spurensicherung in ihren weißen Overalls haben Nummern aufgestellt. Vor dem Empfangstresen untersuchen sie einen dunklen Fleck auf dem Boden. Ist das Blut? Einer der Beamten macht Fotos, ein anderer sprüht irgendeine chemische Substanz auf den Fleck. Sie wollen bestimmt sehen, ob es wirklich Blut ist, schießt es mir durch den Kopf.

Ich gehe an der Kaffeeküche vorbei. Am Boden liegt etwas. Abgedeckt. Wie damals in der Tiefgarage. Aber das ist kein Mensch. Viel zu klein für einen erwachsenen Menschen. Eine Blutlache. Wer um Gottes willen bringt denn sein Kind mit zu einer Weihnachtsfeier? Eine Frau im weißen Overall tritt auf mich zu. »Sind Sie von der Eintracht?« Ich nicke apathisch. »Vielleicht können Sie?«, will sie wissen und zieht das weiße Tuch zur Seite.

»Country! Nein. Nicht Country!«, schreie ich entsetzt auf. Erics Hund. Die Schweine haben ihn mit einem Messer getötet. Es liegt direkt neben ihm. Die Beamtin deutet mit einem fragenden Blick darauf. Ich verstehe. »Ja. Gehört zur Küche«, mache ich einen Schritt auf die Arbeitsplatte zu, öffne die Schublade und zeige ihr den Platz, wo die Messer aufbewahrt werden. Sie nickt. »Welches Schwein würde, statt zu schießen, nach einem Messer suchen, um einen Hund zu töten?«, frage ich entsetzt. »Vielleicht sollte es lautlos geschehen. Aber wir wissen es noch nicht.« Ich höre das, was sie sagt, wie aus weiter Ferne. Wie in Trance und gleichzeitig distanziert. So als würde mein Kopf sich langsam selbst ausschalten.

Eine Hand legt sich auf meine Schulter. Zieht mich weg.

»Da links, bitte!« Ich habe gar nicht bemerkt, dass mich Merbolt begleitet hat und jetzt direkt hinter mir steht. Er schiebt mich aus der Küche hinaus und dann durch eine halb offene Tür in Max’ Büro.

»Ah. Fräulein Heller. Schön, dass Sie sich die Zeit genommen haben!«

Ich schaue den Mann vor mir erstaunt an. Ist das Homburg?

»Hauptkommissar Homburg. Fräulein Heller. Wir hatten telefoniert.«

Die Welt ist wirklich winzig und spielt ihren Bewohnern merkwürdige Streiche. Es ist keine zwei Stunden her, dass mir mein Vater nach mehr als 30 Jahren endlich gebeichtet hat, wo er und meine Mutter sich tatsächlich zum ersten Mal begegnet sind – nicht im berüchtigten Dorian Gray am Flughafen sonntagmorgens am Ende einer langen Technonacht, sondern nur ein paar Meter von der Stelle entfernt, an der Alfred Herrhausen ermordet wurde. In Bad Homburg. Und jetzt steht ausgerechnet ein Polizist mit dem Namen Homburg vor mir und ist offenbar meine einzige Chance, etwas über Severin zu erfahren. Was ihm passiert ist – und ob er lebt. Und dann bringt es dieser Hauptkommissar Homburg auch noch fertig, mich innerhalb eines Atemzuges gleich zweimal mit Fräulein anzusprechen.

»Sagen Sie einfach Lydia.«

Ich habe keine Lust, ihm den Unterschied zwischen der Anrede Fräulein und Frau zu erklären, Das habe ich im letzten halben Jahr zu oft gemacht. »Lydia genügt.«

Treffer versenkt. Seine Augen zeigen mir, dass er verblüfft ist. Damit hat er wohl nicht gerechnet. Und wahrscheinlich hält er das jetzt für ein Zeichen von Vertrautheit. Dabei ist es mir einfach nur lieber, er sagt Lydia als Fräulein Heller. Noch lieber wäre es mir freilich, ich würde endlich aus diesem Albtraum erwachen.

»Äh. Also. Fräulein Lydia …«

»Einfach nur Lydia, bitte!«

»Ja. Also: Lydia … Wir haben telefoniert. Sie haben diesen Anruf bekommen von Herrn Klemm, nicht wahr?« Sein ›nicht wahr?‹ zeigt mir deutlich, der Mann weiß nichts oder er will mir nicht sagen, was er weiß.

»Sagen Sie mir doch endlich, was los ist, Herr Homburg«, flehe ich beinahe.

»Das ist nicht so einfach … Lydia. Wir wissen es nicht, aber wir werden es herausfinden. Vertrauen Sie mir.«

»Ich soll Ihnen vertrauen? Wirklich? Wie stellen Sie sich das vor. Ich kann ja nicht mal Ihr Gesicht sehen. Mit Ihrer scheiß Maske!«

Jetzt ist Homburg noch verwirrter. Er schnappt mich am Arm und zieht mich aus der Glastür hinaus auf die Tribüne. Wie oft habe ich mit Max hier gesessen und wir haben uns ausgetauscht. Haben Strategien ausbaldowert und dabei auf die mächtige Lichtanlage über dem Rasen geschaut. Der heilige Frankfurter Rasen, den keiner betreten darf, der nicht keimfrei ist. Weil er ja sonst irgendein Rasenvernichtungsbakterium einschleppen könnte. Das gab es schon und ruckzuck war der Rasen gelb und musste ausgetauscht werden. Macht rund 100.000 Euro. Darauf kann jeder Finanzchef eines Fußballvereins gerne verzichten.

Ich schüttle meinen Kopf. Über mich selbst und meine Gedanken und um mich wach und zurück in die Gegenwart zu rütteln. Wie kann man in dieser Situation über den Rasen im Stadion nachdenken?

Ich ziehe mein Handy aus der Tasche und starre darauf. Weil ich so sehr hoffe, dass Severin anruft und mir sagt, dass alles okay ist.

»Herr Klemm wird nicht anrufen.« Der Ton von Homburg lässt mein Blut gerinnen. »Nein? Woher wollen Sie das wissen?«

»Sein Handy ist abgestellt. Wir gehen davon aus, dass die Täter es entdeckt haben. Aber das heißt ja nichts«, beeilt er sich zu sagen. An meinen Augen hat er wohl erkannt, was der Satz ›Herr Klemm wird nicht anrufen‹ bei mir auslöst. Panik macht sich für einen Moment lang breit. Weil sich ›er wird nicht‹ für mich anhört wie ›er kann niemals mehr‹. Polizisten könnten ein wenig empathischer mit Menschen umgehen.

»Sorry. Das wollte ich nicht!« Homburgs Stimme klingt plötzlich sehr sanft. Er hat seine Maske abgenommen und schaut mich fast schon besorgt an. Ich muss lächeln. Hat er meine Gedanken gelesen? Oder einfach nur erkannt, dass sein Satz völlig daneben war?

»Schon gut. Sie tun auch nur Ihre Arbeit.«

Seine linke Augenbraue erhebt sich fast unmerklich und ich weiß sofort: Diesen Satz will niemand gerne hören. Ich könnte mich ohrfeigen.

»Tut mir leid. Es ist für mich nicht normal, so dumm daherzureden.«

»Schon gut. Die Situation ist ja nun auch alles andere als normal.«

Die Tür wird aufgerissen. »Herr Homburg. Hier ist Ober …«

Weiter kommt der Kollege nicht. Severins Vater schiebt sich an ihm vorbei durch die Tür.

»Sie sind Homburg? Gestatten, Klemm. Oberstaatsanwalt Klemm«, rasselt Severins Vater herunter. Fehlt nur noch, dass er die Hacken zusammenschlägt.

»Schön«, sagt Homburg: »Wir haben auf Sie gewartet. Dann kann’s ja jetzt losgehen.« Mit diesen Worten setzt er seine Maske wieder auf und ruft dem Kollegen nach: »In drei Minuten Lagebesprechung. Am besten gleich hier im Büro. Sagen Sie bitte den anderen Bescheid!«

Ich blicke von einem zum anderen und fühle mich plötzlich sehr klein.

Der Oberstaatsanwalt unterbricht das Schweigen. Jetzt erst scheint ihm aufzufallen, dass ich hier bin.

»Lydia? – Haben sie dich erreicht oder warst du hier dabei?«

Er scheint noch gar nichts zu wissen von Severins Anruf und dem, was im Theatertunnel passiert ist. Ich schaue ihn mit großen Augen an und bin sehr froh, dass Homburg für mich in die Bresche springt.

»Sie ist hier, weil sie einen Anruf Ihres Sohnes bekommen hat. Er war offenbar hier, als das passiert ist, und hat die Täter bis in den Theatertunnel verfolgt.«

»Severin? Aber der wollte doch mit seinen Freunden einen netten Abend haben? Er war doch vorhin noch bei uns.«

»Und ist dann hierhergefahren, um sich mit seinen Freunden zu treffen. Wegen Mics Todestag …«, erkläre ich und zögere, »hier sind dann offensichtlich irgendwelche vermummten Gestalten aufgetaucht, in die Geschäftsstelle eingedrungen und haben – ich weiß nicht wen – entführt oder als Geisel genommen oder … ja, was eigentlich? … Und sind dann wohl geflüchtet.« Ich mache einen Moment Pause. Gehe einen Schritt auf Severins Vater zu. »Severin ist hinterher. Hat sie verfolgt, mich unterwegs angerufen und seinen Standort gesendet. Deshalb weiß die Polizei, dass im Theatertunnel irgendetwas passiert sein muss.«

»Wir haben dort ein ausgebranntes Fahrzeug und den Wagen Ihres Sohnes vorgefunden«, ergänzt Homburg. »Aber keine Toten oder Verletzten.«

Severins Vater braucht offenkundig ein paar Sekunden, um das Gehörte zu verdauen.

»Warum macht der Junge immer wieder sowas?«, murmelt er, »warum?«

Trotz der Maske ist zu sehen, dass alles Blut aus seinem Gesicht gewichen ist, er ist kreidebleich. Seine Augen, die eben noch energisch geblitzt haben, sind leer.

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