Kitabı oku: «Wolken im Paradies»

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Inhalt

Impressum 6

Widmung 7

I 8

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2022 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99010-991-5

ISBN e-book: 978-3-903382-52-7

Umschlagfoto: Flowersofsunny | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Widmung

Für Flynn und Keyla

I

1

Der Wecker klingelt. Im Dunkeln ertaste ich ihn und blicke mit halb geöffneten Augen auf die Zeiger. Halb vier. Alles ist still. Nur der Ventilator an der Decke summt leise vor sich hin. Carlos schläft tief und fest. Leise schleiche ich mich aus dem Bett. Es ist warm, aber die Müdigkeit lässt mich frösteln und ich stelle mich unter die Dusche. Lasse lauwarmes Wasser an meinem müden Körper herunterprasseln.

Ich ziehe meinen pinkfarbenen Bikini an, darüber einen kurzen schwarzen Rock. Streife ein hellblaues Polohemd über, auf dem das Firmenlogo der Agentur abgebildet ist, für die ich arbeite: ein Walhai.

In der Küche beiße ich in eine Banane. Für unterwegs schmiere ich mir ein Brot.

Leise schließe ich die Wohnungstür hinter mir und gehe hinaus in die Dunkelheit. Schwach schimmern die Laternen und tauchen die Straße in ein gelbliches Licht. Auf der anderen Straßenseite stehen keine Häuser, nur das dunkle dichtbewachsene Grün des Urwaldes.

Mit meinem Rucksack auf dem Rücken und der Schnorchelausrüstung, die ich mir in einer großen Tasche um die Schulter hänge, gehe ich den kleinen gepflasterten Weg am Haus entlang bis zum schwarzen Gartentor.

Vor dem Tor am Straßenrand wartet schon ein glänzend weißer Toyota-Kleinbus auf mich. Alles ist ruhig. Der Fahrer hat es sich auf dem Sitz bequem gemacht und sich mit geschlossenen Augen leicht zurückgelehnt. Er wartet sicher schon seit einigen Minuten.

Ich steige auf den Beifahrersitz und begrüße ihn, wir haben schon viele Male zusammen gearbeitet. Er heißt Victor. Victor ist Mexikaner und kommt aus Veracruz, einer Hafenstadt am Golf von Mexiko. Der Tourismus-Boom hat ihn vor zehn Jahren in die mexikanische Karibik getrieben. Seither hat er sich ein anständiges Transportunternehmen mit inzwischen sieben Kleinbussen aufgebaut. Einen fährt er selber, für die anderen hat er Fahrer angestellt. Er bietet Transfers vom Hotel zum Flughafen an und vermietet seine Busse an Agenturen für Tagesausflüge. Essen ist seine Leidenschaft, und das sieht man ihm auch an. Kaum Platz bleibt zwischen seinem Bauch und dem Steuer.

Victor dreht den Schlüssel im Zündschloss herum und der Motor springt an. Der typische Geruch eines Neuwagens dringt in meine Nase. Mit dem laufenden Motor beginnt auch sofort die Klimaanlage auf Hochtouren zu arbeiten und lässt mich frösteln. Ich drehe das Gebläse von mir weg. Langsam fährt Victor die ruhige Straße entlang und biegt ab auf die Hauptstraße. Dann geht es auf der Autobahn Richtung Süden. Die einzige Straße, die den Norden mit dem Süden verbindet. Immer parallel zur Küste, mitten durch den fast undurchdringlichen Dschungel. Hier wachsen viele Edelhölzer wie die Mahagonibäume und der berühmte Chicozapote, der schon vor mehr als hundertfünfzig Jahren den Gummisaft für die Herstellung des Kaugummis lieferte. Damals wurde das geschmacklose Chicle, wie es auch noch heute in Mexiko genannt wird, von den Ureinwohnern des Urwaldes gekaut. Ein Amerikaner hat es beobachtet, ihm Geschmack gegeben, und das Kaugummi ging um die Welt. Uralte Legenden des Urvolkes dieser Region, der Mayas, machen den Urwald zu einem mystischen Ort. So wird erzählt, dass es vor Tausenden von Jahren zwei Krieger gab, die in die gleiche Frau verliebt waren. Der eine repräsentierte das Licht, der andere die Dunkelheit. Sie bekriegten sich, bis sie letztendlich beide starben, ohne jedoch mit der Geliebten zusammen gewesen zu sein. Um zurückkehren zu können auf die Erde, baten sie die Götter im Jenseits um Vergebung und wurden als Chechén und Chacá, Bäumen dieser Region, wiedergeboren. Der schwarze dickflüssige Saft des Chechén, der sich unter der Baumrinde befindet, ist giftig und ätzend. Bei Hautkontakt entstehen innerhalb weniger Stunden Verbrennungen zweiten Grades. Der Nektar des Chacá dagegen neutralisiert das Gift und wird auf die verbrannte Haut als Heilmittel aufgetragen. Beide Bäume befinden sich in unmittelbarer Nähe zueinander, meistens beträgt der Abstand zwischen ihnen nicht einmal einen Meter. Da der Chacá eine rötliche Baumrinde besitzt, die sich ständig pellt, nennen wir Reiseleiter ihn auch den Touristenbaum. Die krebsroten, von der Sonne verbrannten Urlauber amüsieren sich jedes Mal köstlich über den Vergleich.

Ich entspanne mich mit geschlossenen Augen und genieße die Ruhe. Aus dem Radio ertönt mexikanischer Pop. Sehr schnulzig, aber so mag es Victor halt. So wie wir sind in den frühen Morgenstunden viele Kleinbusse unterwegs auf dem Weg zu den Hotelanlagen, um die Urlauber zu ihren Ausflügen abzuholen oder Abreisende zum Flughafen zu bringen. Der Tourismus boomt. Fast alle Menschen die hier leben, haben direkt oder indirekt mit dem Tourismus zu tun. Nicht ohne Grund zählt diese Region zu den wohlhabendsten Mexikos. Was natürlich nicht bedeutet, dass es hier keine Armut gibt. Die gibt es. Obwohl sie den Touristen meist verborgen bleibt.

Auf der Seite des karibischen Meeres wird der dichte Dschungel immer wieder unterbrochen und monströse, palastähnliche Einfahrten kommen zum Vorschein. Sie führen in die luxuriösen, teils gigantisch großen, Hotelanlagen.

Nach fast dreißig Minuten Fahrt erscheint auf einem großen grünen Autobahnschild über der Fahrbahn der Name des Hotels, in dem wir heute Gäste abholen. Victor verlangsamt den Bus und setzt den Blinker. Am Hoteleingang hält er vor einer großen Schranke, und ein Wachmann tritt aus seinem kleinen Häuschen heraus. Wir zeigen ihm unsere Liste mit den Gästenamen. Nach einem kurzen Blick darauf lässt er uns passieren. Die Schranke geht hoch.

Diese Hotelanlage ist eine der größten in der Gegend. Insgesamt fünf Lobbys verteilen sich auf einer gigantisch großen Fläche, die durch Straßen miteinander verbunden sind. Sobald Victor Gas gibt, erscheint ein Tope auf der Straße und er wird gezwungen zu bremsen. Langsam fährt er über ihn rüber bis schon kurz darauf der nächste folgt. Der Grund für die Beschleunigungsbremsen sind neben den Fußgänger auch die Tiere, die hier leben, wie Leguane und Nasenbären. Die Coatis sehen aus wie eine Mischung zwischen Hund und Affe, habe eine spitze, lange Nase, einen langen Schwanz und kurze Beine. Da sie so gut wie alles fressen und kaum Angst vor Menschen haben, fühlen sie sich in den Hotelanlagen pudelwohl. Zu dieser frühen Stunde habe ich auch schon Mazamas im Dunkeln am Straßenrand entdeckt. Das Wort kommt aus dem Nahuatl, der meistgesprochenen indigenen Sprache Nord- und Mittelamerikas. Es bedeutet Hirsch.

Alles in der großen Hotelanlage ist unglaublich schön hergerichtet. Hohe Kokospalmen und duftende Orchideen schmücken den Straßenrand. Am Wegrand ein englischer Rasen. Nirgends auch nur eine Spur von Abfall, Dreck oder Armut. An der Hotellobby werden wir erneut von einem Wachmann kontrolliert. Victor fährt die breite pompöse Auffahrt hoch und hält direkt vor der offenen Eingangshalle an.

Wir sind früh dran. Über den hellen, glänzenden Marmorboden schlendere ich durch den stillen Eingangsbereich. Ein herrlicher Blumenduft umhüllt mich. Er kommt von dem großen, bunten Blumenstrauß aus exotischen Blumen, der in einer gläsernen Vase auf einem runden Tisch mitten in der Halle steht. Selbst auf den Toiletten duftet es herrlich nach Jasmin. Alles ist penibel sauber und glänzt im hellen Licht. Im Spiegel blicke ich auf mein sonnengebräuntes Gesicht und meine von Salzwasser und Sonne ausgeblichenen blonden Haare. Ich befeuchte mein Gesicht mit kaltem Wasser aus dem Wasserhahn um die Müdigkeit zu vertreiben und gehe langsam zurück zum Bus, wo sich inzwischen auch schon meine ersten Gäste eingefunden haben.

Es ist nun kurz nach Sechs und der Himmel färbt sich rosarot. Die Sonne steigt schnell empor, und schon nach kurzer Zeit brennt sie gnadenlos vom wolkenlosen Himmel. In unserem klimatisierten Bus ist von der tropischen Hitze jedoch nichts zu spüren. Der Verkehr auf der Autobahn wird dichter, je weiter wir Richtung Norden fahren. Ein großes Windrad erscheint am Straßenrand und kurz dahinter die Abfahrt zum Flughafen. Wir fahren weiter geradeaus, und plötzlich staut sich der Verkehr bis er komplett zum stehen kommt. Der Grund ist ein Kontrollpunkt des mexikanischen Militärs. Langsam fährt Victor wieder an und im Schritttempo geht es an schwerbewaffneten Soldaten vorbei, die mit einschüchternden Gesichtsausdrücken jeden Autofahrer ganz genau anschauen, bevor sie ihn mit einer Handbewegung zum Weiterfahren auffordern. Nach Waffen und Drogen suchen sie. Touristenbusse sind nicht interessant und Victor darf weiterfahren.

Der dichte immergrüne Dschungel verschwindet nach und nach. Riesige moderne Einkaufszentren und private Universitäten mit ihren grünen Fußballplätzen davor machen sich am Straßenrad breit. Hinter großen, verschlossenen Eisentoren lassen sich teure Wohnanlagen erahnen. Ein mehrspuriger Kreisverkehr erscheint vor uns. Als Victor kurz abbremst, beginnt sofort ein nervtötendes Hupkonzert. Wer schneller ist, hat Vorfahrt. Es ist kurz nach Sieben, die Zeit, in der die meisten Schulen beginnen. Hier ist es üblich, die Kinder mit dem Auto zur Schule zu bringen, bis sie erwachsen sind und selber fahren können. Dementsprechend viele Autos sind daher schon in diesen frühen Morgenstunden unterwegs. Ein öffentliches Verkehrsnetz mit Bussen gibt es schon. Sie sind billig und fahren durch so gut wie alle Stadtteile. Doch einen Fahrplan gibt es nicht. Kein System. Hier und da eine Bushaltestelle, an der man warten und auf der Windschutzscheibe des Combis die Endhaltestelle ablesen kann. Irgendwann kommt dann ein überfüllter, dreckiger und lauter Kleinbus vorbei. Oft hinterlässt er eine schwarze, stinkende Rauchwolke. Die Fahrer fahren ohne Rücksicht auf die Fahrgäste wild durch die Stadt. Raubüberfälle und Entführungen sind keine Seltenheit. Wer sogar das Fahrrad nimmt, ist entweder verrückt oder lebensmüde. Oder beides. Selbst Moped zu fahren ist hier in der Stadt eine gefährliche Angelegenheit, da unter den Verkehrsteilnehmern kaum Rücksicht genommen wird. Ständig scheppert es.

Langsam bahnen wir uns unseren Weg quer durch die Stadt. Von Süden nach Norden. Nachdem wir an einem großen eleganten Einkaufszentrum vorbeifahren, verändert sich das Stadtbild. An den Hausfassaden bröckelt die Farbe ab, und am Straßenrand sammelt sich weggeschmissener Plastikmüll. Ich drehe mich um und blicke in zwölf müde Gesichter. Auf englisch erkläre ich den Urlaubern, was sie heute erwarten. Sie hören mir aufmerksam zu und ich sehe, wie langsam wieder Leben in ihre müden Körper kommt. Einige von ihnen werden nervös.

Seit mehreren Jahren arbeite ich nun schon als Reiseleiterin für Tagesausflüge in der mexikanischen Riviera Maya. Als Tour-Guide für Abenteuerausflüge durchquerte ich mit meinen Gästen, in einem schweißtreibenden Fußmarsch, den dichten Dschungel und ließ sie die Pyramiden besteigen. Wir seilten uns an steilen Kalksteinabhängen ab, bis wir in ein Wasserloch gelangten und glitten an einem Drahtseil über eine Lagune, während uns Krokodile dabei von unten interessiert zuschauten. Doch heute ist alles anders. Kein Dschungel wird durchquert und keine Pyramide erklommen.

2

Das Meer. Das Festland haben wir schon seit über einer Stunde nicht mehr erblicken können. Das zunächst leuchtende Türkis des karibischen Meeres schimmert nun in einem einheitlichen dunklen Blau. Grelle Sonnenstrahlen glitzern auf der Oberfläche. Und dann entdecken wir sie. Haifischflossen. Es müssen Hunderte sein. Friedlich ziehen sie behutsam durch das Wasser. Walhaie. Die größten Fische der Welt. Mit Walen haben sie trotz des Namens nichts zu tun. Außer vielleicht, dass sie sich ebenfalls von Plankton ernähren, untypisch für einen Hai. Im karibischen Sommer wird das Meer so warm, dass es viel Plankton gibt und die Walhaie in die Region zieht. Ein Festmahl.

Leicht schwankt unser modernes Schnellboot hin und her. Heute ist ein relativ ruhiger Tag und die Wellen sind klein. Trotzdem muss ich mich gut festhalten, um nicht umzufallen. Meine Gäste sitzen gespannt auf den Bänken im hinteren Bereich des Bootes. Überwältigt vom majestätischen Anblick der friedlichen Riesen machen sie Foto nach Foto.

Und dann kann es endlich losgehen. Zehn Gäste habe ich bei mir im kleinen Boot, und pärchenweise dürfen sie nun ins Wasser, um neben den Walhaien zu schwimmen. Damit sie dabei auch gut vorankommen, bekommt jeder Flossen von mir. Durch die Taucherbrille und den Schnorchel können sie während des Schwimmens den Walhai unter Wasser beobachten.

Ich springe ins Wasser. Meine Gäste folgen mir. Das Meer ist erfrischend und gleichzeitig erstaunlich warm. Über meinen Bikini trage ich lediglich ein langärmliges Schwimmshirt als Schutz vor der starken Tropensonne. Irgendetwas pikt an meiner Haut unter der Wasseroberfläche. Vielleicht ist es das Plankton, die pelagischen Minitiere. Es ist zwar etwas unangenehm, jedoch nur von kurzer Dauer.

Nachdem ich mich kurz im Wasser orientiere, setze ich mir die Taucherbrille auf und tauche in die faszinierende blaue Welt ein. Bis auf ein knisterndes Geräusch herrscht komplette Stille. Das Wasser ist erstaunlich klar und ich kann viele Meter weit schauen. Den Meeresgrund erkenne ich dennoch nicht. Ein Schwarm grauer Stachelrochen gleitet tief unter mir vorbei. Dann erscheint ein langsam schwimmender Walhai vor meiner Taucherbrille. Noch ist er einige Meter von mir entfernt, und doch kann ich gut seinen grauen Rücken mit den vielen weißen Flecken und Streifen erkennen. Jeder Walhai hat dabei ein ganz individuelles Muster. Seine winzigen Augen sind kaum zu erkennen. Das Tier ist langsam und bewegt kraftvoll seine große Schwanzflosse hin und her. Wir müssen Abstand halten, um nicht verletzt zu werden, schwimmen daher im vorderen Bereich der Tiere an der Seite mit. Dem friedlichen Riesen scheint unsere Anwesenheit nichts auszumachen. Er zeigt weder Scheu noch Neugier. Nach einer Weile halte ich mit meinen Gästen an und das schöne Tier verschwindet langsam aus unserem Blickfeld.

Plötzlich taucht ein riesiger schwarzer Teufelsrochen vor mir auf. Ich schätze die Spannweite der Manta auf sieben Meter. Zügig schwimmt sie auf mich zu. Der Teufelsrochen ist jedoch, wie der Walhai, ein friedlicher Planktonfresser. Dann dreht er ab. Tief beeindruckt schaue ich ihm hinterher bis er in den blauen Tiefen verschwindet.

Erschöpft und glücklich klettern die Urlauber über die wackelige Leiter zurück ins Boot. Überwältigt von dem besonderen Erlebnis haben die meisten ein großes Lächeln im Gesicht. Zwei Gäste können es jedoch kaum erwarten, wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren, und schauen gequält drein. Haifischfütterung nennen wir das, unter Kollegen. Sie opfern ihr Frühstück den Meeresbewohnern. Andere nennen es einfach Seekrankheit. Es vergeht kein Tag, an dem nicht zumindest einer von meinen Gästen darunter leidet. Vor zwei Wochen haben sie besonders gelitten.

An diesem Morgen konnte noch keiner ahnen, welchen Verlauf der Tag nehmen würde. Ich hatte ein sympathisches, junges deutsches Pärchen dabei, Lisa und Martin. Frisch verheiratet. Viele Pärchen verbringen ihr Honeymoon in der Karibik, so auch die beiden. Morgens im Bus erklärte ich ihnen und den anderen Gästen den Tagesablauf. Gespannt und aufgeregt hörten sie mir zu. Man fährt nun mal nicht jeden Tag auf das offene Meer hinaus, um mit dem größten Fisch der Welt zu schwimmen. Das ist natürlich etwas ganz Besonderes. Viele Urlauber buchen diesen Ausflug, weil er ihnen als ein unbedingtes Muss verkauft wird. Wenn es dann allerdings wirklich losgeht und die Touristen in meinem Bus sitzen, wird vielen erst bewusst, worauf sie sich da eingelassen haben. Sie werden nervös. Auch an diesem Morgen spürte ich die Anspannung meiner Gäste.

Als wir am Anleger ankamen schien es, ein wunderbarer Tag zu werden. Neben der strahlenden Sonne zogen nur ganz vereinzelt graue Wölkchen vorbei. Lisa und Martin folgten mir mit den anderen acht Gästen auf das weiße Schnellboot. Meine Anwesenheit gab ihnen Sicherheit. Ich sprach ihre Sprache, verstand ihre Sorgen und konnte sie beruhigen. Als wir bei den Walhaien ankamen, erklärte ich ihnen die Regeln und die Benutzung der Ausrüstung. So wie ich es jeden Tag mache. Während Lisa schon einmal auf den Malediven tauchte, und ein Profi im Umgang mit Schnorchel, Taucherbrille und Flossen zu sein schien, hatte Martin dagegen keine Ahnung. Wasser war nicht sein Element. Planschen im seichten Meer, wenige Meter vor dem Strand alles, für das er bisher zu haben war. Doch jetzt befanden wir uns auf dem offenen Meer. Vom seichten Wasser waren wir knapp dreißig Kilometer entfernt. Wo man auch hinschaute, der Horizont blieb blau. Durch den Wellengang schwankte das Boot leicht hin und her und Martin wirkte sichtlich ängstlich. An seinem Gesichtsausdruck war zu erkennen, dass er sich gerade fragte, was zur Hölle ihn dazu gebracht hatte, diesen Ausflug zu buchen. Um unser Boot herum ragten inzwischen große Haifischflossen aus dem dunkelblauen Wasser. Drehten ihre Runden. Dass es sich dabei um friedliche Haie handelte, schien Martin nicht zu beruhigen. Sicher, irgendwo da unten waren auch andere Lebewesen unterwegs. Wie zum Beispiel die gefürchteten Bullen- und Tigerhaie. Das wusste auch Martin.

Ich setzte mich schließlich neben ihn. Erklärte ihm ruhig, wie er die Brille anlegen und durch den Schnorchel atmen muss. Dann setzten wir uns beide auf den Rand des Bootes. Die Flossen an unseren Füßen baumelten außen am Boot herunter. Fast berührten sie die Wasseroberfläche. Nervös schaute mich Martin an. Da sollte er jetzt reinspringen? Aber es gab da etwas, was ihn antrieb. Er hatte für den Ausflug gezahlt. Und zwar viel. Über zweihundert Euro pro Person kostet dieser Tagesausflug. Und würde er den Sprung jetzt nicht wagen, sein Geld bekäme er nicht zurück. Und er würde es mit Sicherheit bereuen.

„Die Möglichkeit, mit dem größten Fisch der Welt zu schwimmen, wirst du wahrscheinlich nur einmal in deinem Leben haben.“ Meine Worte überzeugten schon viele meiner Gäste. Und auch ihn. Er sprang. Und ich hinterher. Sobald Martin auftauchte prustete er erschrocken und verängstigt. Ich nahm seine Hand und er beruhigte sich sofort. Da Martin wie alle Gäste, egal ob Nichtschwimmer oder professionelle Taucher, eine Schwimmweste tragen musste, blieb er, ohne sich zu bewegen, an der Wasseroberfläche.

„Leg dich auf die Wasseroberfläche und wirf mal einen Blick unter das Wasser.“ Martin folgte zögerlich meiner Anweisung, wobei er weiterhin krampfhaft meine Hand hielt. Dann fing er an, langsam neben mir zu schnorcheln. Seine Angst verschwand nach und nach. Fasziniert beobachtete er die wunderschönen Walhaie unter der Wasseroberfläche und vergaß vollkommen seine anfängliche Angst. Zurück an Bord des Bootes erzählte er den anderen Gästen euphorisch von diesem einzigartigen Erlebnis. Die Gäste stecken sich gegenseitig an. Hat einer Angst, haben sie auf einmal alle Angst. Die Euphorie von Martin gab den anderen Gästen Mut. Letztendlich schnorchelten an diesem Tag alle mit den Walhaien. Und alle waren sie euphorisch und glücklich.

Als Reiseleiterin habe ich nicht nur die Aufgabe, meine Gäste über den Ausflug zu informieren und auf sie aufzupassen. Ihnen Wissen zu vermitteln über Geschichte, Flora und Fauna. Meine Arbeit ist viel umfangreicher. Agiere ich zudem als Seelsorgerin. Ich mache meinen Gästen Mut, gebe ihnen Halt und Sicherheit. Nehme ihnen Ängste. Jeder Gast ist auf seiner Art besonders. An viele erinnere ich mich immer mal wieder gerne zurück. Bei einigen wenigen bin ich froh, sie nicht wiedersehen zu müssen. Es sind diese Art von Gästen, die sich schon morgens darüber beschweren, dass ihnen die Sonne zu hell, der Regen zu nass und die Klimaanlage zu laut ist. Man kann es ihnen einfach nicht recht machen. Zu ein paar wenigen Gästen habe ich noch immer Kontakt, eine Freundschaft ist entstanden. Die meisten jedoch sieht man nie wieder. Vielleicht denken sie ja manchmal an mich zurück. An die Reiseleiterin, die ihnen Mut gemacht hat, damals, beim Walhaischwimmen.

Auf der Rückfahrt zum Festland zogen plötzlich schwarze Wolken auf. In der Karibik verändert sich das Wetter manchmal rasant schnell. Ehe wir uns versehen konnten, war der Himmel pechschwarz. Ein rauer Wind begann uns um die Ohren zu pfeifen, und der Wellengang nahm stetig zu. Dann fing es an zu regnen. Wie aus Kübeln begann es zu schütten. Die Schnellboote sind offen, und wir waren dem Regen gnadenlos ausgesetzt. An sich nicht schlimm bei tropisch warmen Temperaturen. Zudem hatten alle noch Badesachen vom Schnorcheln an. Ich selber war im Bikini. Langsam navigierte uns unser junger mexikanische Kapitän über das raue Meer. Wohin er fuhr war mir schleierhaft. Man konnte kaum noch die eigene Hand vor den Augen erkennen. Natürlich gab es ein GPS an Bord und unser Kapitän hatte viel Erfahrung. Doch wäre ein schnelles Boot auf uns zugerast, wir hätten ihm nicht rechtzeitig ausweichen können. Da bin ich mir ganz sicher. Die Sichtweite lag unter einem Meter. Ich stellte mich auf den hinteren Rand des Bootes, hielt mich am Gerüst des Sonnensegels fest und jauchzte vor Vergnügen. Nur ein kleiner Schauer, dachte ich. Dann fing sich jedoch das Wasser im Boot langsam an zu stauen, das bei jeder hohen Welle ins Innere des Bootes katapultiert wurde. Immer weiter stieg die Wasserhöhe an. Und zur Küste waren es sicher noch über zehn Kilometer. Von der euphorischen und glücklichen Stimmung unter den Gästen war nichts mehr zu merken. Zunächst trat eine Totenstille ein. Dann fingen einige an zu weinen und hielten sich krampfhaft irgendwo fest. Martins Gesicht war bleich vor Angst. Eng umschlungen saßen er und Lisa auf der nassen Bank. Schnell schnappte ich mir den schwarzen Eimer, der zur Aufbewahrung der Tauchermasken diente und fing an, das Wasser nach und nach aus dem Boot zu schöpfen.

„Was für ein Abenteuer! Alles inklusive heute“, witzelte ich.

Meine Gäste fanden das natürlich weniger lustig. Anspannung und Angst standen ihnen ins Gesicht geschrieben. Meine lustige Art beruhigte sie jedoch ein wenig. Nach dem Motto: wenn die Reiseleiterin darüber noch Späße macht, kann es so schlimm doch nicht sein. Aber es war schlimm. Auch wenn ich meinen Gästen Gelassenheit vorspielte. Unser Boot war kurz davor unterzugehen. Und bei diesem Sturm hätte man uns so schnell nicht gefunden. Wenn überhaupt. Doch wollte ich unter allen Umständen Panik vermeiden. Egal was passiert, Panik würde alles nur noch schlimmer machen. Das war mir bewusst.

Nach einer halben Stunde legte sich der Sturm langsam und wir erreichten das Festland. Alle Gäste atmeten erleichtert auf. Der Schrecken stand ihnen jedoch ins Gesicht geschrieben. Ob Lisa und Martin jemals wieder mit einem Schnellboot auf das offene Meer hinausfahren werden, bleibt fraglich.

3

Es ist mein erster Sommer bei den Walhai-Ausflügen. Seit vielen Wochen bin ich nun fast täglich auf dem offenen Meer unterwegs, um Menschen aus der ganzen Welt bei diesem einzigartigen Erlebnis zu begleiten. Doch das Gefühl einer langweiligen Routine will sich noch immer nicht einstellen. Jeder Tag ist etwas Besonderes. Auch heute.

Luis wirft die Motoren an und steuert das Boot langsam und vorsichtig aus dem Gebiet, in dem sich inzwischen sehr viele Schnellboote eingefunden haben. In einer sicheren Entfernung von den Walhaien gibt er Gas. Der vordere Teil des Bootes hebt sich aus dem Wasser, und wir rauschen bei wolkenlosem Himmel über das Meer Richtung Festland. Luis ist unser Bootskapitän. Neben diesem Schnellboot hat er noch drei andere, die auch zum Walhai-Schwimmen eingesetzt werden. Davon lebt er. Und gut. Obwohl es diesen Ausflug nur vier Monate im Jahr gibt, reicht es fast das ganze Jahr zum Leben. Heute ist Ricardo, sein Sohn, mit an Bord. Er ist gerade siebzehn Jahre alt geworden und bessert sich in den Sommerferien mit dieser Arbeit sein Taschengeld auf. So kümmert er sich mit mir zusammen um die Urlauber an Bord. Er ist ein netter Junge. Die Arbeit mit den beiden macht großen Spaß. Sein Vater ist ein lockerer Spaßvogel. Er hat immer einen Witz parat, ist aber trotzdem professionell bei der Arbeit.

Nach und nach lässt sich am Horizont wieder das Festland ausmachen. Zu allererst Isla Mujeres. Eine Karibikinsel ungefähr acht Kilometer vor dem mexikanischen Festland. Die pompösen Hotelhochhäuser von Cancún zieren den Horizont.

Luis drosselt die Geschwindigkeit und steuert das Boot zur Insel, wo er etwa einhundert Meter vor dem weißen Sandstrand im kristallklaren Wasser den Anker wirft. Trotz der Entfernung zum Strand ist das seichte Meer hier nur knietief. Meterhohe Kokospalmen, kleine idyllische Hotels und farbenfrohe Fischrestaurants zieren die Silhouette der Insel.

Ich genieße das warme Wasser und unterhalte mich mit Luis. Er bringt mich zum Lachen. Immer ist er gut gelaunt. Ein fröhlicher Mensch. Ich beneide seine Frau, mit einem so tollen Mann verheiratet zu sein. Sicher führen sie eine schöne Ehe. Zwei Kinder haben sie, Ricardo und Lily. Beide schon fast erwachsen. Dabei ist Luis noch gar nicht so alt, gerade einmal Anfang vierzig. In meinem Kopf male ich mir aus, was für eine glückliche Familie sie wohl sind. Dann denke ich an Carlos und mich. Unsere Ehe. Wie verliebt ich anfangs war. Im ersten Jahr waren wir auch glücklich. Im Zweiten nicht mehr.

In etwas Abstand zum Boot hocke ich mich ins knietiefe Wasser und spüre den weichen Sand unter meinen Knien. Meine Augen verschwinden hinter der verdunkelten Sonnenbrille. Dabei beobachte ich Luis und denke an heute Morgen.

Eigentlich war es ein Morgen wie jeder andere in diesem Sommer. In aller Frühe, während alles um mich herum noch schlief, bin ich aufgestanden. Doch irgendetwas war anders als sonst. Fühlte sich anders an. Ich war irgendwie nervös. Konnte es mir jedoch nicht erklären. Arbeite ich doch nun schon seit mehreren Jahren als Reiseleiterin. Auch die Walhai-Tour mache ich nun schon seit fast drei Monaten. Warum also war ich plötzlich nervös?

Als ich mein braun gebranntes Gesicht im Spiegel meines Badezimmers begutachtete, traf es mich wie einen Schlag ins Gesicht. Es war, als hätte mir jemand in genau diesem Moment die Augen geöffnet. Ich hatte mich verliebt.

Als ich mit allen meinen Gästen zurück im Bus den Rückweg antrete, macht sich schnell Müdigkeit breit. Die Klimaanlage des Busses ist kalt und die Urlauber sind so erschöpft, dass die meisten nach wenigen Kilometern einschlafen. Auch ich mache die Augen zu und falle in einen entspannten Halbschlaf, aus dem mich Victor bei der Einfahrt ins Hotel wieder herausholt. Nachdem wir alle Gäste verabschieden, fährt er mich nach Hause.

Ich schließe die Wohnungstür auf. Stille. Niemand ist da. Es ist später Nachmittag, Carlos ist noch auf einem Ausflug unterwegs. Reiseleiter ist er, wie ich. Wir lernten uns kennen, als ich gerade einige Wochen in der Riviera Maya war und noch zur Reiseleiterin ausgebildet wurde. Das ist nun drei Jahre her. Wir verliebten uns schnell, und nach einem Jahr heirateten wir. Alles schien perfekt. Wir teilten nicht nur unsere Liebe zueinander, sondern auch unsere Arbeit und einen gemeinsamen Freundeskreis, unsere Kollegen. Carlos ist ein lieber Mensch, sehr freundlich und gutmütig. Mit der Zeit zog er sich jedoch immer mehr zurück. Inzwischen verbringt er fast jede freie Minute vor seinem Computer um Nachforschungen über Außerirdische und den Sinn des Lebens zu tätigen. Verfangen im Netz des Internets. Zum Lachen bringt er mich schon lange nicht mehr.

In der Küche mache ich mir etwas zu essen. Lege mich aufs Sofa und mache den Fernseher an. Ich schließe die Augen und schlafe ein.

4

„Warte“, ruft Luis und eilt über die Straße zum Bus auf mich zu. Seine dunklen Augen schauen mich liebevoll und traurig an. Dann umarmt er mich. Trauer und Verzweiflung machen sich in mir breit.

Wie schnell sind doch die letzten Wochen vergangen. Fast täglich bin ich zum Walhai-Ausflug gefahren. Habe Stunden mit Luis auf seinem Boot verbracht. Gelacht. Ja, ich habe viel gelacht. Die Welt stand still für uns. Für diese Stunden, die wir zusammen mit den Urlaubern auf dem offenen Meer verbracht haben. Alles andere existierte nicht in diesen Stunden. Mein Leben mit meinem Mann in Playa del Carmen. Aus dem Sinn. Und doch war unser Verhältnis bis zum heutigen, letzten Arbeitstag, immer professionell. Geflirtet haben wir, ja. Aber das war auch schon alles.

In Mexiko ist es üblich, sich mit einem Wangenkuss zu begrüßen. An einem Morgen am Bootsanleger begrüßte ich alle in einer Reihe stehenden Kapitäne. Luis stellte sich gleich an den Anfang. Dann in die Mitte und anschließend ans Ende, um mehrere Begrüßungsküsse zu ergattern. So ist er, ein charmanter Witzbold, der mich zum Schmunzeln bringt. Seine Arbeit macht er mit großer Leidenschaft, und selbst die Gäste verfallen nach kurzer Zeit seinem unwiderstehlichen Charme.

Ich schließe die Beifahrertür. Es zerreißt mir das Herz mir vorzustellen, Luis acht Monate lang nicht zu sehen. So lange dauert es, bis es wieder Ausflüge zu den Walhaien geben wird.

Victor fährt los. Luis bleibt zurück. Hinter meiner Sonnenbrille werden meine Augen feucht. Ich blicke zurück. Doch er ist schon weg. Zurück bleibt eine drückende Leere und die zuckersüße Erinnerung eines unvergesslichen Sommers.

In der Wohnung ist es ruhig und ich bin erleichtert, dass Carlos noch unterwegs ist. Kaum ist es mir möglich, meine Gefühle zu verbergen. Von daher gehe ich ihm in letzter Zeit gerne aus dem Weg. Wie soll das alles jetzt weitergehen? Luis werde ich zunächst nicht wiedersehen. Nur der Gedanke daran, jetzt von ihm getrennt zu sein, bereitet mir Bauchschmerzen. Und das, obwohl wir lediglich zusammen gearbeitet haben und uns nie privat trafen.

Eigentlich müsste ich mich jetzt bei einer neuen Agentur als Reiseleiterin bewerben, denn mit dem Ende der Walhai-Saison ist auch meine Arbeitsstelle weggefallen. Erst mal jedoch wollen Carlos und ich einen Monat Urlaub machen. In Mexiko City. Seiner Heimatstadt. Seine Familie besuchen. Der Gedanke daran, einen Monat Tag und Nacht mit Carlos und seiner Familie zusammen zu sein und ihnen eine heile Welt vorzutäuschen, bereitet mir erneut Bauchschmerzen. Wie kann ich mit Carlos zusammen sein, wenn ich mich die ganze Zeit nach Luis sehne? Der Gedanke, dass er jetzt bei seiner Ehefrau ist, machen meine Bauchschmerzen nicht besser.

In der Küche hole ich mir eine eiskalte Limonada aus dem Kühlschrank und unter der Dusche spüle ich mir das Salz aus den verblichenen, kurzen Haaren. Reinige anschließend noch meine Taucherbrille, denn die werde ich wohl vorerst nicht benötigen. In einer gemütlichen Shorts und einem pinkfarbenen Trägerhemd lege ich mich faul aufs Sofa und streichle meinen getigerten Kater, der sich schnurrend auf meinen Bauch legt. Sofort entspanne ich mich.

5

Es ist früher Vormittag. Auf meinem Bett liegt mein bunter Rucksack und aus dem Schrank suche ich ein kurzes schwarzes Sommerkleid. Dann verstaue ich noch etwas Wechselwäsche und einen Bikini. Im Badezimmer greife ich nach meiner Zahnbürste. Meine Vorfreude kann ich kaum verbergen.

Carlos kommt ins Zimmer. „Wir müssen los“, sagt er in einem ruhigen, für ihn typischen Ton.

Am Busterminal hievt Carlos seinen großen Koffer aus dem Kofferraum des Taxis. Ich schnappe mir meinen Rucksack und gebe ihm einen Kuss auf den Mund. Freundlich aber ohne Leidenschaft. So als wären wir ein altes, seit Jahrzehnten verheiratetes Paar und würden es nur noch aus Gewohnheit machen. Dann verschwindet er. Steigt ein, in einen großen komfortablen Reisebus zum Flughafen.

Ich bleibe zurück im Busterminal. Mein Blick fällt auf die riesige Anzeigetafel mit den Busabfahrten in alle möglichen mexikanischen Städte. Sogar nach Belize und Guatemala kann man von hier in einem bequemen klimatisierten Reisebus fahren. Da es in Mexiko keine Fernzüge gibt, die die Ortschaften miteinander verbinden, ist die einzige Möglichkeit zu Reisen der Bus oder das eigene Auto. Das Flugzeug können sich die meisten Mexikaner nicht leisten, obwohl es auch hier inzwischen Billigfluglinien gibt. Sie sind für die allgemeine Bevölkerung Mexikos, in dem der Mindestlohn in einigen Bundesstaaten nur um die fünf Euro pro Tag beträgt, zu teuer. Sicher ist vieles in diesem Land relativ günstig, wenn man es mit Deutschland vergleicht. Und doch, ich bezahle für meine kleine, einfache Wohnung, die abseits des Zentrums liegt, knapp dreihundert Euro im Monat. Das schaffe ich nur, weil ich als Reiseleiterin gut verdiene. An guten Tagen mit reichlich Trinkgeld können das schon mal einhundert Euro sein. Normalerweise ist es ungefähr die Hälfte. Bezahlt wird pro Tour. Bin ich krank oder im Urlaub, gibt es nichts. Da in der Nebensaison zwischen September und Dezember weniger Touristen die Region besuchen da Regenzeit ist, habe ich auch weniger Arbeit. Es ist die Zeit, in der ich und viele meiner Kollegen Urlaub machen. So wie auch jetzt, Anfang Oktober.

Zwei Wochen sind vergangen, seitdem ich Luis das letzte Mal gesehen habe. Am letzten Tag des Walhai-Ausfluges, Mitte September. Und immer wieder habe ich versucht, mich abzulenken. Mit Kinobesuchen, Freunden oder einem Strandtag. Dinge, die ich normalerweise liebend gerne mache. Doch überall wo ich war, war auch die Sehnsucht nach Luis. Sie schwebte wie eine Wolke über mir. Immer und überall. Ließ das Paradies grau erscheinen. Das Leben freudlos. Auf einmal fühlte ich mich inmitten von guten Freunden einsam. Die Gegenwart meines Mannes bereitete mir keine Freude mehr. Die spürte ich erst wieder, als der Anruf kam. Und mit ihm die Hoffnung. Luis. Ja, wir hatten unsere Telefonnummern ausgetauscht. Und er rief an.

„Es wird ein Seminar geben, um als Reiseleiter in einem Nationalpark zertifiziert zu werden. Ich werde das Seminar besuchen und habe dich auch angemeldet.“

Ich war sprachlos. Mein Herz machte einen Sprung. Dass er ohne mich zu fragen, mich einfach bei einem Seminar angemeldet hatte, störte mich keineswegs. Ganz im Gegenteil. Ich fühlte mich geehrt, wie er um ein Wiedersehen mit mir kämpfte.

„Wir sehen uns dann dort“, beendete er das Telefonat. Es war so gut wie perfekt. Das einzige Problem war nur, dass der Seminartag einen Tag nach meinem Flug nach Mexiko City stattfinden würde. Da ich jedoch noch keine neue Agentur habe, ist das Seminar genau das, was ich brauche. Es würde mir Vorteile einbringen, um eine neue Agentur zu finden. Und das sah auch Carlos ein. Also verschob ich meinen Flug um zwei Tage. Carlos jedoch fliegt wie geplant. Heute.

Ich gehe die Stufen des geräumigen Reisebusses hinauf und lasse mich in einem bequemen Sitz am Fenster nieder. Die Klimaanlage summt, und schnell wird es spürbar kalt und ich bekomme eine Gänsehaut.

Ungefähr eine Stunde später kommen wir in Cancún an. Can cún bedeutet übersetzt aus der Maya-Sprache soviel wie „Schlangennest“ oder „Ort der goldenen Schlange“. Vielleicht, weil es hier im Dschungel so viele Schlangen gibt.

Cancún gehört heute zu einer der meistbesuchten Städte der Welt, mit jährlich über sechs Millionen Touristen aus dem Ausland. Viele wohlhabende Mexikaner haben hier ihren einen zweiten Wohnsitz, den sie vor allem über die Weihnachts- und Osterfeiertage nutzen. Cancún besteht zum Einem aus der luxuriösen Hotelzone, der Zona Hotelera, die sich auf einem zwanzig Kilometer langen Landstreifen befindet. Wie ein Halbkreis umschließt sie die große Lagune Nichupté. An beiden Enden ist der Landstreifen mit dem Festland verbunden.

Zum Anderen besteht Cancún aus dem Stadtzentrum, welches sich auf dem Festland befindet, und durch das wir jetzt durchfahren. Hier leben die meisten Einwohner in verschiedenen Stadtvierteln. Von privaten, abgezäunten Wohnanlagen mit edlen Villen, bis zu dreckigen und gefährlichen Vierteln, mit ungepflegten, einstöckigen kleinen Häusern, die Wand an Wand gebaut sind, hat Cancún so gut wie alles zu bieten. Im Jahr 2010 lebten hier schon über eine halbe Million Menschen. Eine große Nummer, wenn man bedenkt, dass vor nur einem halben Jahrhundert hier so gut wie nichts existierte. Einzelne kleine Fischerdörfer an der Küste waren neben den Mayas, die in kleinen Dörfern noch immer den dichten Urwald besiedeln, die einzige Zivilisation dieser Region. Anfang der Siebzigerjahre hatte die mexikanische Regierung dann die geniale Idee, diese Region zu einem pompösen Urlaubsort zu verwandeln. Für den Menschen eine tolle Sache. Für Flora und Faune dagegen eher nicht. Der Landstreifen, der damals noch eine Insel war, wurde durch einen künstlichen Damm mit dem Festland verbunden. Auf ihm entstand ein Luxushotel neben dem anderen. Für die Bauarbeiter errichtete man einfache Wohnungen abseits der Hotelzone, auf dem Festland. Der Urwald musste großen Stahlbauten weichen. Tiere wurden aus ihrem Lebensraum vertrieben. In rasanter Geschwindigkeit wurde gebaut und gebaut. Nach Wohnungen folgten Supermärkte, Schulen, Universitäten und große Einkaufszentren. Die Stadt musste funktionieren. Kathedralen oder einen zentralen Platz gibt es hier nicht. Cancún wurde erschaffen, um Mexiko Geld einzubringen. So wurde in kurzer Zeit aus einem unberührten Paradies eine weltweit beliebte Touristenhochburg.

Die Sonne brennt gnadenlos vom wolkenlosen Himmel, als ich aus dem Reisebus aussteige. Mein abgekühlter Körper beginnt langsam wieder warm zu werden. An der großen Hauptstraße ist die Hölle los, überall sind Menschen unterwegs. Autos hupen. Combis in heruntergekommenen Zuständen stauen sich an der Haltestelle. Menschen drängeln, steigen ein und aus. Alles wirkt chaotisch.

Ich stelle mich zur Menschenansammlung an den Straßenrand und warte. Sicher hätte ich auch ein Taxi nehmen können, doch ich habe es nicht eilig. Zudem spare ich so ein paar Pesos. Die Luft stinkt nach Abgasen. Es ist nicht einfach, in dem Gewusel den richtigen Combi zu finden und schnell hineinzuspringen, bevor er weiterfährt. Nach zehn Minuten schaffe ich es. Auf der Windschutzscheibe eines Combi steht in schwarzen Buchstaben PUERTO JUAREZ geschrieben. Durch die seitliche offene Schiebetür mache ich einen Satz in den Bus, als er kurz quietschend anhält. Dabei muss ich mich ducken, da die Decke sehr niedrig ist. Ich gebe dem Fahrer fünf Pesos. Der Bus ist voll. Es ist heiß und stickig und riecht unangenehm nach Schweiß. Da die Schiebetür während der Fahrt offen bleibt, zirkuliert die Luft im Bus etwas und macht den Gestank und die Hitze erträglicher. Aus den Boxen der Stereoanlage dröhnt mexikanische Rap-Musik. Der Busfahrer ist ein junger Mann, vielleicht gerade neunzehn Jahre alt. Ich muss mich gut festhalten, um nicht durch den Bus geschleudert zu werden. Die wilde Fahrt dauert nicht lange. Nach kaum zehn Minuten hält er an, und mit einem Sprung bin ich wieder draußen.

Mein Rücken ist nassgeschwitzt von der schwülen Tropenluft und dem schweren Rucksack, als ich mich ans Ende einer langen Menschenschlange stelle. Vor wenigen Minuten hat die Fähre von der Insel angelegt, und nun kommt uns ein Menschenschwall entgegen. Passagiere, die in die Stadt wollen.

In einem kleinen Laden am Anleger kaufe ich mir eine Fahrkarte. Nur Hinfahrt. Schließe mich dann den Menschen an, die langsam Einer nach dem Anderen, die Fähre betreten. Viele Urlauber sind dabei, mit schweren Koffern, an denen noch der Klebestreifen mit den Buchstaben CUN vom Flug befestigt ist. Aber auch Einheimische mit großen Kisten voller Lebensmittel oder anderen Artikeln. Sie haben den Besuch in der Stadt für einen Großeinkauf genutzt. Es herrscht eine lebhafte Stimmung. Vor mir ist eine größere Gruppe von US-Amerikanern. Laut plappern sie auf Englisch, als wären sie alleine auf der Welt. Hinter mir weint ein Baby. Die Mutter trägt es in einem Tuch auf dem Rücken, dass sie sich um den Oberkörper gewickelt hat. Fast selber noch ein Kind. Sie ist klein und dunkelhäutig. Hat schwarze lange Haare und dunkle, traurige Augen. Ihr weißes Kleid ist mit bunten Blumenmustern bestickt. Man erkennt sofort, dass es Handgemacht ist.

Leicht schwankt die gelbe-blaue Fähre hin und her, als ich sie über die hintere Rampe betrete. Ich gehe die Treppe hinauf zum Sonnendeck und suche mir einen Platz. Natürlich sitzen hier oben in der glühenden Mittagshitze nur Touristen, die sich gerne freiwillig grillen lassen. Einheimische bevorzugen dagegen den klimatisierten Bereich darunter. Trotz Hitze bleibe ich dennoch sitzen, denn für die herrliche Aussicht über das glitzernde karibische Meer nehme ich den ein oder anderen Schweißtropfen gerne in Kauf. In etwas Entfernung strahlen die luxuriösen Hochhäuser der Zona Hotelera um die Wette.

Die Fähre legt ab, und es lässt sich schon die Silhouette der Insel in der Ferne erkennen. Die Blautöne der Karibik schwanken zwischen einem leuchtenden Türkis und einem grünlichen Dunkelblau. Zügig und relativ ruhig fahren wir auf die Insel zu, die nach und nach Gestalt annimmt. Es gibt keine Hochhäuser wie auf dem Festland. Kleine Hotels und offene Restaurants mit Palmblattdächern zieren das Bild von Isla Mujeres. Und Boote. Schnellboote und Jachten liegen an hölzernen Bootsstegen. Plötzlich drosselt die Fähre ihre Geschwindigkeit. Die Insel ist jetzt ganz nah und es herrscht viel Verkehr auf dem Wasser. Große Katamarane fahren mit lauter Musik und tanzenden Gästen an Bord an uns vorbei. Party-Katamarane. Kleine Holzboote liegen an einem kleinen Korallenriff vor der Insel, während die Gäste im Wasser schnorcheln. Und dann bahnt sich da noch eine große Autofähre ihren Weg zum Festland, während zwei Verrückte auf ihren Jet-Skis vorbeirauschen.

Ich gehe die Rampe hinunter und betrete den großen Betonsteg. Das erste Mal, dass ich Isla Mujeres betrete. Während der Walhai-Ausflüge habe ich nur den Strand der Insel kennengelernt. Nun bin ich endlich hier, und das, mit einem Kribbeln im Bauch. Wird wohl an der Aufregung liegen. Irgendwo auf dieser Insel lebt Luis. Mit seiner Frau.

Im Zentrum der Insel herrscht großer Trubel. Viele Tagesausflügler sind unterwegs. Überall wo man hinblickt gibt es Souvenirläden und kleine bunte Restaurants. Es gibt italienisches, vegetarisches und natürlich mexikanisches Essen. Viele Lokalitäten bieten frische Smoothies aus Früchten und Gemüse an. Vorsichtig überquere ich die einspurige Hauptstraße, auf der wohl mehr offene Golfwagen als normale Autos fahren. Einheimische rauschen auf ihren Mopeds die engen, grau gepflasterten Straßen entlang.

Die Fußgängerzone ist klein, und schon nach fünf Minuten Fußweg stehe ich vor den Klippen auf der anderen Inselseite. Hier ist das Meer rau und verliert sich in einem dunklen Blauton in der Ferne am Horizont. Ich spüre die milde Brise im Gesicht und atme tief durch. Die Wellen klatschen an die Klippen, kaum zwei Meter unter mir. Da der letzte Hurrikan hier vor einigen Jahren alles weggespült hat, wurde eine kleine steinerne Schutzmauer errichtet und davor ein breiter Fußweg, auf dem ich mich jetzt befinde. Für eine Weile setze ich mich auf die Mauer und blicke sehnsüchtig auf den Horizont. Dort draußen habe ich unvergesslich schöne Momente erlebt. Mit Luis. Dort haben wir uns kennengelernt. Ich spüre eine tiefe Sehnsucht in mir. Wie ich diese Momente vermisse. Wie ich ihn vermisse. So sehr, dass ich an nichts anderes mehr denken kann. Und jetzt bin ich auf seiner Insel. Seinem Zuhause. Er ist so nah und doch so fern.

In der Fußgängerzone kaufe ich mir einen belegten Bagel. Seit dem Frühstück hatte ich nichts mehr gegessen, und mein Magen knurrt wie verrückt. Die kleine Fußgängerzone ist sehr idyllisch. Ich spüre das typisch bunte mexikanische Leben, das in den großen Städten der Karibik bereits vom Massentourismus überschattet wird. Während sich in Cancún die meisten Einwohner erst vor wenigen Jahrzehnten aus Mexiko City oder anderen Orten dort niedergelassen haben, sind die meisten Inselbewohner schon seit vielen Generationen hier. Als auf dem knapp zwölf Kilometer entfernten Festland nur dichter Dschungel zu erkennen war, gab es auf Isla Mujeres dagegen bereits Zivilisation. Schon seit Tausenden von Jahren wird die Insel von Mayas genutzt. Dann, vor ungefähr fünfhundert Jahren, eroberten sie die Spanier und während der letzten Jahrhunderte wurde sie immer wieder von Piraten für kürzere und längere Aufenthalte genutzt. Übersetzt bedeutet Isla Mujeres die Insel der Frauen. Als ihr Entdecker gilt bis heute Francisco Hernández de Córdoba, der als erster Spanier die Insel betrat. Hunderte Jahre vor Christi erbauten die Mayas auf der Südspitze einen kleinen steinernen Tempel zu Ehren ihrer Göttin Ixchel, die Göttin der Fruchtbarkeit, des Mondes und der Medizin. Durch den Fund von steinernen Frauenfiguren und Schmuck auf der Südspitze der Insel, wo sich noch heute der kleine Maya-Tempel befindet, bekam die Insel angeblich ihren Namen. Vielleicht von spanischen Eroberern, vielleicht von Piraten. Auch die Piraten haben ihr Erbe auf der Insel gelassen. Der berühmte Pirat Fermin Mundaca ließ vor über einhundert Jahren ein riesiges Anwesen erbauen, das man noch heute als Villa Mundaca besichtigen kann. Andere berühmte Piraten haben ihre letzte Ruhestätte auf dem kleinen Friedhof der Insel gefunden. Mein Blick fällt auf die grauen Gräber aus Beton, die oberirdisch dicht aneinandergereiht sind. Die gesamte Region liegt auf einer Kalksteinplatte. Tiefe Löcher zu graben ist daher extrem schwierig. Erde gibt es kaum.

In einem einfachen zentralen Hotel miete ich mir ein kleines Zimmer im ersten Stock. Das Gebäude ist lila angestrichen und macht einen gepflegten Eindruck. Meinen Rucksack streife ich ab und lasse mich auf das weiche Bett fallen.

Nach einem Blick auf mein Handy wird meine Enttäuschung groß, und mir wird bewusst, wieso ich einen Tag vor dem Seminar auf die Insel gekommen bin. Sicher nicht, um die Schönheit der Insel zu bewundern. Hatte er mich nicht eingeladen? „Komm auf die Insel damit ich sie dir zeigen kann“, waren seine exakten Worte. Habe ich da vielleicht etwas falsch verstanden?

Frustriert bin ich. So sehr, dass ich keine Lust mehr habe, das Hotelzimmer heute noch zu verlassen. Hatte ich mich doch so gefreut, ihn endlich wiederzusehen. Einen ganzen Tag mit ihm zu verbringen. Ohne Arbeit.

Die Sonne steht schon tief am Horizont, und der Himmel verfärbt sich blutorange. Ich beschließe, eine Dusche zu nehmen. Als ich mich abtrockne piept mein Handy. Jetzt habe er Zeit. Er kommt, schreibt er. Mein Herz fängt wild an zu rasen.

Aufgeregt setze ich mich auf den weißen Plastikstuhl vor meiner Hoteltür. Von hier habe ich einen Blick auf die Einfahrt des Hotels, die auf die kleine Straße führt. Es scheint eine Ewigkeit zu dauern, bis schließlich ein knatternder, blauer Motorroller in die Einfahrt fährt. Als der Fahrer den Helm abnimmt, erkenne ich den schwarzen Lockenkopf von Luis. Ich beobachte ihn, wie er die beleuchteten Treppen nach oben geht. Noch hat er mich nicht gesehen. Mein ganzer Körper bebt vor Aufregung. Dann treffen sich unsere Augen. Luis lächelt mich an. Als er mich ein wenig tölpelhaft umarmt, spüre ich seine Nervosität. Im kleinen Hotelzimmer erklärt er mir, dass er verschwitzt sei und sich duschen müsse. Etwas verdutzt beobachte ich ihn dann dabei, wie er sich vor mir entblößt und ins Badezimmer verschwindet, ohne dabei die Tür hinter sich zu schließen. Als er fertig ist kommt er zurück ins Zimmer und stellt sich splitternackt vor mich. Denkt er wirklich, ich wäre auf die Insel gekommen, um mit ihm ins Bett zu steigen? Natürlich habe ich Gefühle für ihn. Aber ich möchte Carlos nicht betrügen. Plötzlich fühle ich mich unglaublich naiv. Was will ich hier eigentlich? Luis ist Latino. Natürlich muss er denken, dass ich Sex will, wenn ich ihn alleine in einem Hotelzimmer treffen möchte. Wobei man dafür wahrscheinlich noch nicht einmal ein heißblütiger Latino sein muss.

„Wollen wie eine Runde mit deinem Moped drehen? Du wolltest mir doch die Insel zeigen, oder?“, werfe ich in den Raum.

Der milde Fahrtwind streichelt mein Gesicht. Im Dunkeln leuchten die Straßenlaternen in einem matten Gelb und weisen uns den Weg. Links tief unter uns die Klippen. Das Mondlicht glitzert über der endlos scheinenden pechschwarzen Karibik. Außer dem Rauschen des Meeres höre ich nur das stetige Knattern des Mopeds. Es ist stockdunkel, als Luis an der Südspitze der Insel den Motorroller zum Stehen bringt. Wir steigen ab und gehen den dunklen Pfad an den Klippen entlang. Vorbei an der steinernen Statue der Fruchtbarkeitsgöttin. Hier am Ende der Insel befinden sich neben den Ruinen des Maya-Tempels lediglich steile Klippen. Die Sicht ist atemberaubend. Auf der einen Seite sieht man die eleganten Hochhäuser der Zona Hotelera, wie sie majestätisch um die Wette glitzern. Auf der anderen Seite spiegelt sich das Meer aus Sternen auf der dunklen Wasseroberfläche.

Wir setzen uns auf eine Bank. Und reden und reden. Ich bin glücklich. Nach und nach vergeht auch meine Nervosität. Luis scheint es ähnlich zu gehen. Verliebt schaut er mich an. Es ist ihm anzusehen, wir sehr er sich nach einer Umarmung sehnt. Einem Kuss. Doch wir bleiben auf Distanz. Trauen uns nicht. Vielleicht weil wir beide wissen, dass es nicht richtig wäre.

Auf dem Rückweg fahren wir durch Wohngebiete. Wie wohl sein Haus aussieht, frage ich mich. Ob er hier in der Nähe wohnt? Natürlich frage ich nicht. Wohnt er da doch mit seiner Frau zusammen. Und das Thema ist heute Abend ein Tabu.

Inzwischen ist es gespenstig ruhig geworden auf der Insel. Die Tagesausflügler sind allesamt zurück auf dem Festland. Nur hier und da spielen noch Kinder am Straßenrand während ältere Menschen vor ihren Häusern sitzen und sich unterhalten. Plötzlich hält Luis vor einem Hauseingang, vor dem eine alte Dame sitzt. Er steigt vom Moped und begrüßt sie mit einem Kuss auf die Wange. Ich folge ihm leicht irritiert.

„Meine Mutter“, erklärt er mir. „Mutter, das ist eine Arbeitskollegin“, erklärt er der alten Dame. Ich spüre ihre prüfenden Blicke. Ihre kurzen Haare sind schneeweiß und ihr helles Gesicht voller Falten. Obwohl sie schon an die achtzig Jahre alt sein wird, macht sie noch einen sehr agilen Eindruck. Und sie redet gerne und viel. Wie ein Wasserfall strömen die Wörter aus ihrem fast zahnlosen Mund. Langsam folge ich den beiden in ihre kunterbunte Wohnung. Die Wände sind in knalligen Farbtönen bemalt und überall steht, hängt oder liegt irgendetwas. Es wirkt chaotisch und doch gleichzeitig irgendwie gemütlich. Schon eine ganze Weile spüre ich meine Blase drücken und entscheide mich dazu, sie zu fragen, ob ich ihre Toilette benutzen dürfe. Sie bejaht dies, und erleichtert schließe ich im kleinen Badezimmer die Tür hinter mir. Während ich mich pinkeln höre ich, wie sie ihren Sohn in einem strengen Ton fragt, was ich hier mit ihm mache. Nun ja, Luis ist verheiratet, und die konservativen mexikanischen Männer haben keine weiblichen Freunde. Das ist mir schon klar. Doch möchte ich denn nur eine Freundin von ihm sein?

Es ist fast Mitternacht, als Luis seinen knatternden Motorroller vor meinem Hotel abstellt. Ich gebe ihm meinen Helm zurück. Nervös schaut er mich an. „Soll ich mit raufkommen?“, fragt er mich.

„Ja“, höre ich mich überraschend sagen, bevor ich überhaupt darüber nachdenken kann. Als wäre es nicht meine eigene Stimme gewesen. Ich schließe die Tür zu meinem Hotelzimmer auf. Bevor ich eintreten kann, packt mich Luis am Arm und küsst mich leidenschaftlich. Ich erstarre. Eiskalt läuft es mir den Rücken herunter. Etwas ist nicht richtig. Fühlt sich nicht richtig an. Nein. Ich mache einen Schritt zurück. Schaue ihn freundlich an. „Es tut mir leid Luis, aber ich kann nicht. Nicht hier und nicht jetzt.“

Aufgewühlt lege ich mich auf mein Hotelbett. Ich weiß, ich habe die richtige Entscheidung getroffen und ihn abgewiesen. Ich fühle mich erneut unglaublich naiv. Mein Herz sehnt sich nach Luis, doch mein Verstand sagt mir immer wieder, dass ich verheiratet bin. Und Luis eine Familie hat. Es ist ein Kampf zwischen Herz und Geist. Heute hat mein Verstand gewonnen. Glücklich bin ich damit dennoch nicht und mache in dieser Nacht kein Auge zu. Unruhig wälze ich mich hin und her. Bis die ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages durch die hellen Gardinen schimmern, und mich von meiner Qual erlösen. Trotz Müdigkeit bin ich froh, endlich aufstehen zu können.

Unter der Dusche lasse ich kühles Wasser an meinem Körper herunterlaufen. Die Müdigkeit nimmt ab. Ich ziehe mich an und packe alles wieder in meinen Rucksack. Ins Hotelzimmer werde ich nicht mehr zurückkehren.

An der Straße vor dem Hotel warte ich. Es ist fast Sieben, als ich in der Ferne ein bekanntes Knattern höre, das langsam immer lauter wird.

„Ich muss mich bei dir für letzte Nacht entschuldigen. Es ist mir sehr unangenehm was passiert ist.“

Ich bin überrascht. Und erleichtert. Hatte doch eigentlich ich das schlechte Gewissen. Ihn abgewiesen zu haben. Nun entschuldigt sich Luis jedoch bei mir.

„Alles gut“, antworte ich und schwinge mich fröhlich hinter ihn auf den blauen Motorroller.

6

Wir gehen den Bootssteg entlang. Die meisten Crew-Mitglieder sind schon eifrig damit beschäftigt, das Deck und die Sitzbänke des gelben Katamarans zu reinigen.

Luis und ich setzen uns in den vorderen Bereich mit Blick auf die Lagune. Sie ist umgeben von Mangroven, aus denen überall weitere Bootsanleger herausragen. Schicke Schnellboote und wunderschöne Segelschiffe warten hier auf ihren Ausflug. Das Wasser ist ruhig und in einem dunkelgrünen Ton. Bei strahlend blauem Himmel zwitschern vergnügt die Vögel. Es ist Seminartag. Und es wird ein heißer werden.

Die Dieselmotoren des Katamarans heulen auf. Langsam fährt er durch das trübe Wasser der Lagune auf einen kleinen Kanal zu, der auf das karibische Meer führt. Über das Meer zum Festland, wo schon eine Ansammlung von Tagesausflüglern wartet. Mit ihnen auch mehrere Reiseleiter und Seminarteilnehmer. Als alle an Bord sind, legen wir wieder ab und fahren nun eine Weile parallel zur Küste Richtung Norden. Wie auch die Fähre hat dieser Katamaran ein Sonnendeck und darunter einen überdachten Bereich. Dieser ist jedoch offen und somit nicht klimatisiert. Auf den hintereinander gereihten weißen Sitzbänken haben sich die meisten der Gäste niedergelassen. Nur wenige sitzen oben in der glühenden Hitze. Leicht schwankend bewegt sich der Katamaran schließlich aufs offene Meer zu. Dann verstummen die Motoren abrupt. Vor uns liegt das zweitgrößte Korallenriff der Welt. Ein guter Grund, für einen Sprung ins Wasser.

Eine farbenfrohe, faszinierende Welt voller Leben erwartet mich. Überall um mich herum tummeln sich bunte Fische. Ein giftiger Feuerfisch schwimmt vorbei. Man erkennt diese exotischen Fische leicht an ihren vielen auffälligen Brustflossenstacheln und dem bräunlich-weißen Streifenmuster. Eigentlich gehören diese wirklich schön aussehenden Skorpionfische in den Indopazifik und ins Rote Meer und nicht in die Karibik. Irgendwie haben sie dann doch ihren Weg hierher geschafft, wahrscheinlich mit menschlicher Hilfe. Sie verbreiten sich rasant, da sie im karibischen Meer kaum natürliche Feinde haben, und das führt so langsam zu einem Ungleichgewicht der Meeresbewohner in dieser Region. Was von der Natur sinngemäß eingerichtet wurde, bringen wir Menschen halt gerne durcheinander. Dass dieses egoistische Verhalten auf langer Sicht auch Nachteile für uns haben wird, scheint viele Menschen nicht zu interessieren.

Majestätisch schwimmen drei graue Stachelrochen an mir vorbei. Geschütz, unter einem steinernen Vorsprung des Korallenriffs, ruht ein zwei Meter langer Ammenhai auf dem sandigen Meeresgrund. Ich scheine ihn nicht zu interessieren. Sonnenstrahlen glitzern durch die Wasseroberfläche hindurch und bringen die vielen unterschiedlichen Korallen zum Leuchten. In diesem Moment gibt es keine Sorgen und keinen Kummer. Mein Kopf hört auf zu arbeiten und meine Seele hat Frieden. Es ist, als existiere nichts außerhalb dieser bezaubernden Unterwasserwelt. Die Zeit steht still.

Zurück auf dem Katamaran geht die Fahrt weiter und ein kleiner grüner Fleck am blauen Horizont nimmt langsam Gestalt an. Umrandet vom türkis leuchtenden Meer erscheint sie vor uns wie ein Postkartenmotiv aus dem Paradies. Fragatas gleiten über unsere Köpfe hinweg. Kormorane dümpeln im Wasser, und Pelikane stürzen sich im Sturzflug auf die Fische unter der Wasseroberfläche. Vogelgezwitscher ertönt in den schönsten Klängen und wird lauter, je näher wir der grünen Paradiesinsel kommen. Contoy.

Der Katamaran fährt in eine Bucht, und ein weißer Sandstrand kommt zum Vorschein. Hinter ihm wiegen sich meterhohe Kokospalmen leicht im Wind. Das kristallklare Wasser ist ruhig und glitzert in hellen Blautönen in der Mittagssonne. Ab und zu taucht eine Tortuga kurz zum Luftholen auf. Sobald sie uns sieht, taucht sie erschrocken schnell wieder ab. Meeresschildkröten sind faszinierende Lebewesen. Hier begegnen einem vor allem die Suppenschildkröte und die unechte Karettschildkröte. Sie bevölkerten die Erde schon bevor es Dinosaurier gab. In den Sommermonaten legen sie ihre Eier am Strand. Nur dazu kommen sie einmal im Jahr aus dem Wasser heraus. Und zwar nachts, wenn alles dunkel ist. Helle beleuchtete Strände an Hotelanlagen sind ein Problem für die Schildkröten, sie verwirren sie in der dunklen Nacht und schrecken sie ab. Aus dem Grund sind Orte wie diese unbewohnte Insel so wichtig. Schlüpfen die kleinen süßen Babymeeresschildkröten, müssen sie so schnell es geht über den Strand ins Meer gelangen, um nicht von Vögeln gefressen zu werden. Nur fünf Prozent überleben das erste Lebensjahr. Nach dreißig Jahre sind sie geschlechtsreif und legen ihre eigenen Eier. Dazu kehren sie an ihren Geburtsort zurück. Wie sie das nach dreißig Jahren schaffen, obwohl sie inzwischen Tausende von Kilometern entfernt sind, ist bis heute ein ungelöstes Rätsel.

Die Sonne steht hoch am Himmel. Es ist Mittag und heiß. An einem hölzernen Bootssteg betreten wir die Insel. Nur Biologen und Parkangestellte dürfen hier über Nacht bleiben, in einem für sie errichteten Besucherzentrum. Touristen kommen nur mit einem gebuchten Tagesausflug mit uns Reiseleitern und einer geführten Tour auf die Insel. Pro Tag sind die Besucherzahlen begrenzt. Der Grund dafür ist, die Unberührtheit der Insel mit ihrer Flora und Fauna zu schützen.

Ich folge mit den anderen Seminarteilnehmern dem Biologen, der das Seminar leiten wird. Acht Reiseleiter sind wir insgesamt. Alle leben hier in der Karibik in Cancún oder wie ich, in Playa del Carmen. Und so wie auch ich sind die meisten schon seit mehreren Jahren hier. Wir kennen uns von anderen Ausflügen, haben schon zusammen gearbeitet. Sind Freunde geworden. Ein Italiener, eine Holländerin, eine Schweizerin und mehrere Mexikaner.

Wir gehen einen kleinen Trampelpfad entlang und gelangen nach wenigen Gehminuten zu einer Lagune. Mücken attackieren uns gnadenlos. Von einem kleinen hölzernen Steg aus beobachten wir ein Cocodrilo, wie es langsam die Lagune durchquert. Es ist ein Spitzkrokodil, vielleicht drei Meter lang. In den Mangroven um uns herum ziehen währenddessen Fregattvögel ihre Jungen auf. Ein lautes buntes Gegacker ist das hier. Contoy ist berühmt für seine Fragatas. Die Männchen sind leicht an ihrem aufgeblasenen, roten Kehlsack zu erkennen. In den Bäumen der Mangroven um die Lagune herum brüten sie. Da sie Koloniebrüter sind, brüten hier viele Vögel eng beieinander. Als tropische Vögel sind sie an keine bestimmte Brutzeit gebunden, und man kann sie das ganze Jahr dabei beobachten. Alle zwei Jahre wird ein Ei gelegt. Das ist relativ wenig für einen Vogel. Dafür können sie wiederum fünfundzwanzig Jahre alt werden. Über uns gleiten einige von ihnen am blauen Himmel. Fregattvögel sind perfekte Flieger und können wochenlang, ohne landen zu müssen, dahingleiten. Sogar schlafen sie währenddessen immer mal wieder für wenige Minuten. An Land wird der Schlafverlust dann nachgeholt. Bekannt sind Fregattvögel vor allem aber dafür, andere Vögel zu überfallen, um ihnen die hart erbeutete Beute zu klauen. Dieses Verhalten brachte ihnen auch ihren Namen ein. So wurden sie nämlich mit den Überfällen der Fregatten von Piraten verglichen. Alles das passiert aus der Luft. Wenn sie jedoch mal selber den Fisch aus der Lagune erbeuten, müssen sie aufpassen, dabei nicht nass zu werden. Ihre Federn würden sich vollsaugen und ein weiterfliegen schwierig bis unmöglich machen.

Während uns der Biologe weitere interessante Details der Vögel erklärt, welche wir dann eines Tages den Urlaubern erzählen werden, beobachte ich, wie unter uns in der Lagune Pfeilschwanzkrebse am seichten Grund entlangwandern. Lebende Fossile nennt sie der Biologe. Und so sehen sie wahrhaftig auch aus. Es scheint, als wäre die Zeit hier vor Langem stehen geblieben.

Nachdem wir den kleinen Pfad durch das grüne Dickicht zurückgehen und uns erneut mir zahllosen Stechmücken anlegen, gelangen wir an einen Aussichtsturm. Er ist aus Stein und damit relativ robust gebaut, da hier immer mal wieder starke Tropenstürme und Hurrikans über die Insel fegen. Bei der Hitze ist der Aufstieg schweißtreibend. Oben angekommen weht dann aber eine angenehme Brise als Entschädigung, und der Ausblick lässt die Anstrengung schnell vergessen. Contoy ist eine eher schmale, dafür aber eine relativ lange Insel. Dichte Palmenwälder und Mangrovenbäume zieren sie. Auf der gegenüberliegenden Seite der Traumbucht brechen sich die Wellen an den Felsen und das Meer hat einen dunkelblauen Ton. Auf dieser Seite geht es zum Golf von Mexiko, und würde man immer geradeaus fahren, würde man auf Kuba stoßen. Ich drehe mich um und schaue in die Richtung, aus der wir gekommen sind. Klitzeklein erkenne ich Isla Mujeres am Horizont. Unter mir blicke ich auf die dunkle Lagune, an der wir die Fragatas beobachtet haben.

Beim Verlassen des Aussichtsturms spüre ich meinen knurrenden Magen. Seit dem Frühstück, und das bestand lediglich aus einigen wenigen Melonenscheiben, die mir Luis mitgebracht hatte, hat dieser nichts mehr bekommen. Da kommt es mir sehr gelegen, dass es jetzt Mittagessen gibt. Und zwar am Strand. Unter einem hölzernen Pavillon mit Palmblattdach qualmt die offene Feuerstelle, auf der ein großer Fisch vor sich hin brutzelt. Er wird auf eine traditionelle Art der Region mit Achiote mariniert, einem Annattostrauch. Die roten Samen der Früchte werden als Gewürz über den Fisch gerieben. Sie geben dem Fisch einen würzigen Geschmack und eine rote Farbe.

Mit verschwitzten Gesichtern sind die Mexikaner dabei, das Buffet aufzustellen. Neben dem herrlich würzig duftenden Fisch gibt es noch gegrillte Hähnchenschenkel, weißen Reis und einen großen gemischten Salat. Ich fülle mir großzügig auf und lasse es mir schmecken. Inzwischen haben auch die Urlauber auf den langen Holzbänken Platz genommen und genießen das Mahl. Zu Trinken gibt es gekühlte Erfrischungsgetränke in unterschiedlichen Farben und Geschmacksrichtungen und kaltes Bier. Mir reicht stilles Wasser.

Auf der Rückfahrt setze ich mich vorne auf das Sonnendeck vor die Absperrung auf einen kleinen Vorsprung. Luis setzt sich zu mir. Während ich den lauwarmen Fahrtwind im Gesicht spüre und leicht hin und her schwanke, blicken wir auf den blauen Horizont, der vor uns liegt. Es ist der wohl schönste Platz auf dem Katamaran. Ich genieße es, in Luis’ Nähe zu sein. Obwohl wir nur Freunde sind, fühlt es sich ganz besonders an. Der unangenehme Moment am Abend zuvor scheint Lichtjahre in der Vergangenheit zu liegen. Wir reden, machen Witze und sind einfach nur glücklich. Am Horizont erscheint nach und nach wieder die Silhouette der modernen Hochhäuser des Festlands. Sie kommen viel zu schnell auf bedrückende Weise immer näher. Morgen geht mein Flug in die Hauptstadt zu meinem Mann. Heute Abend wird Luis wieder bei seiner Frau sein. Wann werden wir uns wiedersehen? Das immer näher kommende Festland verwandelt sich in eine Wand voller Sorgen.

Wir verabschieden uns schnell. Als wäre es das Normalste überhaupt. Die Anderen wissen nichts von uns. Dürfen nichts wissen. Luis hat eine Familie. Ich einen Ehemann. Und der ist mit fast allen meiner Kollegen befreundet, die heute dabei waren. Und die Besitzer des Katamarans, die dieses Seminar organisiert haben, sind gute Freunde von Luis. Und seiner Frau. Bis auf den Kuss gestern im Hotel ist ja auch gar nichts passiert.

Langsam beginnt sich unser Kleinbus in Bewegung zu setzen. Durch das Fenster blicke ich traurig zurück zum Katamaran, der nun Kurs auf Isla Mujeres nimmt. Wie gerne wäre ich jetzt dort an Bord. Ich schließe die Augen und spüre zum ersten Mal am heutigen Tag, wie müde ich eigentlich bin. Als unser Fahrer hinter Cancún die Autobahn nach Playa del Carmen nimmt, schlafe ich ein.

7

Was ist nur mit mir los? Normalerweise bin ich sehr organisiert und bei Terminen generell zu früh. Doch jetzt bin ich wirklich unter Zeitdruck. Ich stehe vor meiner Wohnungstür und halte kurz inne. Im Kopf gehe ich nochmals alles durch, was ich definitiv nicht vergessen darf. Ich denke, ich habe an alles gedacht und lasse die Tür ins Schloss fallen. An der Straße halte ich ein Taxi an, das mich zum Busterminal fährt. Zehn Minuten später sind wir da und ich zahle dem Fahrer dreißig Pesos und hole meinen Koffer aus dem Kofferraum. Für Anwohner gibt es einen besonderen Taxitarif. Touristen dagegen müssen oft das Dreifache bezahlen. Ständig muss ich mit den Taxifahrern diskutieren, da sie es mir oft nicht glauben, dass ich auch zu den Einwohnern gehöre. Als deutsche Blondine halten sie mich für eine Touristin, oder hätten es zumindest gerne, da es für sie mehr Einnahmen bedeuten würde.

Die Eingangshalle des Busterminals ist belebt, und ich stelle mich in die Menschenschlange vor einer der Kassen an. Ich habe Glück, und kurze Zeit später sitze ich in einem großen, gemütlichen Reisebus. Doch glücklich bin ich nicht. Liegt da wohl ein Unterschied im „Glück haben“ und „glücklich sein“. Irgendwie ist es mir ja eigentlich auch egal, ob ich den Flieger kriege oder nicht. Ich will ja gar nicht fliegen.

Eine Stunde später fährt der Reisebus auf den Parkplatz des Flughafenterminals. Ich ziehe meinen pinken Koffer hinter mir her und blicke auf die riesige Anzeigetafel am Eingang, auf der die Abflüge aufgelistet sind. Schnell gehe ich weiter zum Schalter, um meinen Koffer aufgeben zu lassen. Der Schalter ist leer, ich scheine die Letzte zu sein. Mit meiner Bordkarte in der Hand gehe ich dann mit schnellen Schritten auf die Sicherheitskontrolle zu. Die Menschen haben sich hier zu einer langen Schlange angesammelt. Nur langsam geht es voran. Ungeduldig schwanke ich von einem Bein auf das andere. In aller Ruhe werden Gürtel abgenommen, Taschen durchsucht und Babynahrung in spezielle Gefäße gefüllt. Vor mir ist eine Familie. Die Mutter klappt den Buggy zusammen und hievt ihn auf das Laufband. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis ich endlich an der Reihe bin. Schnell packe ich meinen Rucksack auf das Laufband und gehe durch den Detektor. Er piept. Eine Sicherheitsbeamtin winkt mich zu ihr. Sie tastet mit einem Handdetektor meinen Körper ab. Auf und ab. War wohl mein Bauchnabelpiercing. Als sie dort mit ihrem Gerät vorbeikommt, piept es wieder. Schließlich wirkt sie zufrieden und macht einen Schritt zurück. Ich darf endlich gehen. Doch von gehen kann jetzt keine Rede mehr sein. Ich muss rennen. Wenn ich es noch schaffen will.

Eine Dame steht hinter dem Schalter und starrt auf einen Computerbildschirm. Als sie aufschaut, gebe ich ihr meine Bordkarte ohne etwas zu sagen, da ich komplett aus der Puste bin. Sie lächelt mich freundlich an. „Glück gehabt.“ Hinter mir sperrt sie den Eingang mit einem Absperrband ab.

Die Maschine fliegt kurz nach dem Start eine Schleife, und ich blicke auf die pompösen Hochhäuser der Zona Hotelera. Schneeweiße Sandstrände, und ein Meer aus Hunderten verschiedener Blautönen glitzert mir entgegen. Kurz vor der Küste ist das Meer kristallklar und leuchtet in einem hellen Türkis. Dann sehe ich Luis’ Zuhause. Friedlich und wunderschön liegt es dort mitten im karibischen Meer. Ein kleines idyllisches Paradies. Auf der einen Seite brechen dunkelblaue Wellen vor felsigen Klippen. Auf der anderen Seite schimmert das türkisfarbene Meer vor weißen, mit Kokospalmen gesäumten Sandstränden. Mein Herz wird schwer beim Anblick der Insel. Wie ein Magnet fühle ich mich zu ihr hingezogen.

Ich beginne, über Luis nachzudenken. Über das, was er mir alles in den letzten Tagen erzählt hat. Dass vor sieben Jahren seine Frau mit den Kindern nach Mérida gezogen ist. Dreihundert Kilometer weg von ihm und der Insel. Er blieb alleine zurück auf der Insel, wo er seine Arbeit. Seine Familie besuchte er an den Wochenenden, und die Schulferien verbrachten sie alle gemeinsam auf der Insel. Seine Kinder sollten gute Schulen besuchen. Und die sind auf der kleinen Insel rar. Nun, das war laut Luis der Grund des Umzuges. Die Ehe ging trotz der Distanz weiter. Von einer Trennung war nie die Rede. Und doch, Luis hatte hier und da immer mal eine Affäre. Ich frage mich, ob seine Frau davon wohl wusste. Vor wenigen Monaten ist sie wieder in das gemeinsame Haus der Insel gezogen, da ihre Kinder nun fast erwachsen sind und alleine zurecht kommen. Ob sie wohl glücklich sind? Luis meidet das Thema. Ich stelle ihn mir vor, wie er nach einem langen Arbeitstag nach Hause kommt und seine Frau liebevoll begrüßt. Ihr von seinem Tag erzählt und sie gemeinsam zu Abend essen. Sie mit seinem unwiderstehlichen Charme zum Lachen bringt.

Meine Wangen werden feucht. Die Tränen lassen sich nicht mehr aufhalten. Ich schaue durch das Fenster auf die dichte Wolkendecke unter mir. Wie ein kuscheliger Watteberg verbirgt sie den Blick auf das mir so ans Herz gewachsene Land. Ich schließe die Augen und träume vom Meer.

Mehrere Stunden dauert der Flug über das große Land. Langsam verschwindet die Wolkendecke unter uns. Das flache Land ist einer bergigen Landschaft gewichen. Die Schneedecke des Vulkans Popocatépetl glitzert im Sonnenlicht. Mitten in einem von hohen Bergen umgebenen Tal ruht eine graue Dunstwolke. Unter ihr befindet sich eine der größten Städte der Welt. Ein eingekesseltes Meer aus Beton.

Auch wenn Mexiko City gerne als ein Moloch beschrieben wird, fasziniert es mich. Während die Mayas auf der Halbinsel Yucatán leben, sind es im Tal von Mexiko die Azteken. Sie gründeten im Jahr 1345 die Stadt Tenochtitlán, auf dessen Boden sich heute die Hauptstadt befindet. Damals umgab sie ein großer See, der Texcoco-See. Als die Spanier Mexiko eroberten, war Tenochtitlán das damalige Machtzentrum der Azteken mit ihrem Herrscher Moctezuma. Bei ihrer Ankunft verschlug es ihnen den Atem. Die Stadt war für damalige Verhältnisse riesig und protzte mit prächtigen Bauten. Es gab schöne Steinhäuser und sogar Dämme, die die Wasserwege regulierten. Hatten die spanischen Eroberer doch damit gerechnet, ein primitives, im Urwald lebendes Volk anzutreffen. Mit einer modernen großen Stadt, wie es sie auch in Europa schon gab, hatten sie nicht gerechnet. Nach blutigen Auseinandersetzungen unterwarfen sich die Azteken den Spaniern schließlich. Dies war nur möglich, da die spanischen Eroberer von der indianischen Bevölkerung des Umlandes Unterstützung bekamen. Zudem waren sie im Besitz von Feuerwaffen und schleppten europäische, für das indianische Volk unbekannte Krankheiten ins Land, an denen viele Azteken starben. Mit den Jahren zerstörten die Spanier alles, was sich die Azteken mühevoll erbaut hatten. Wo einst prächtige Pyramiden standen, bauten die streng katholischen Spanier Kirchen. Als sie mehr Platz brauchten, fingen sie an, den flachen Texcoco-See zuzuschütten. Und das ist heute zu einem großen Problem geworden. Viele der Gebäude sacken über die Zeit langsam ab. Zudem liegt Mexiko City in einem Erdbebengebiet und der weiche Untergrund der Stadt verstärkt die Stoßwellen noch zusätzlich, was verheerende Folgen haben kann. So kamen bei einem Erdbeben im Jahr 1985 über zehntausend Hauptstadtbewohner ums Leben. Eine viertel Million wurde obdachlos. Carlos war damals gerade elf Jahre alt. Er gehörte mit seiner Familie zu den Glücklicheren, deren Häuser unbeschädigt blieben. Doch traumatisch war das Ereignis dennoch für ihn. Das Chaos in den zerstörten Stadtteilen und der nach einigen Tagen eintretende Todesgeruch verfolgt ihn bis zum heutigen Tag.

Die Maschine landet pünktlich auf dem riesigen Flughafen. Beim Heraustreten aus dem Sicherheitsbereich entdecke ich Carlos neben anderen fremden Menschen stehend. Als er mich sieht fängt er an zu strahlen. Ich schäme mich dafür, mich nicht zu freuen und zwinge mich zu einem gequälten Lächeln. Hat er meine schlechte Laune doch nicht verdient.

Die Luft riecht nach Abgasen und meine Augen fangen an zu brennen, sobald wir das klimatisierte Flughafengebäude verlassen. Das Atmen durch die Nase schmerzt. Im Gegensatz zur feuchten Karibikhitze ist das Klima hier in den Bergen angenehm warm und trocken. Nachts kann es sogar sehr kalt werden, da die Stadt zweitausend Meter über dem Meeresspiegel liegt.

Wir fahren auf einer mehrspurigen, dicht befahrenden Straße. Die Ledersitze sind kühl und durch die Klimaanlage strömt trockene kalte Luft ins Wageninnere. Mexikaner lieben Klimaanlagen. Je kälter desto besser. Heiß ist es draußen nicht, doch die Fenster werden aus Sicherheitsgründen nicht geöffnet. Überfälle und Kidnappings stehen auf der Tagesordnung. Also wird alles verriegelt, was man verriegeln kann. Als Carlos an einer Kreuzung vor einer roten Ampel hält, rennen sofort Jugendliche mit Putzeimern zum Auto und machen die Scheiben sauber. Ein anderer jongliert währenddessen mit Bällen. Auf der anderen Seite der Kreuzung speit ein junger Mann Feuer. Kurz bevor die Ampel grün wird packen sie in Windeseile ihre Sachen zusammen und laufen von Auto zu Auto. Grün. Carlos lässt sein Fenster ein paar Zentimeter herunter und gibt dem Jungen, der seine Windschutzscheibe in einer Rekordzeit gereinigt hat, eine Münze. An der nächsten Kreuzung erwartet uns ein ähnliches Bild. Doch noch bevor die Jungs die Möglichkeit haben, noch einmal zu putzen, weist Carlos sie mit einer Handbewegung ab. Mexiko City ist sicher die Stadt mit den saubersten Windschutzscheiben.

Als wir weiterfahren bleiben die Jugendlichen zurück am Straßenrand, um auf die nächste Rotphase zu warten. Ihre Kleidung ist verdreckt und voller Löcher. Sicher kommen sie aus den Armenvierteln der Stadt. Oft gibt es dort noch nicht einmal fließendes Wasser. Die unzureichenden hygienischen Bedingungen legen zudem den Grundstein für viele Krankheiten. Sie tun mir leid. Der Weg aus der Armut fast unmöglich. Da sie arbeiten gehen müssen, um das Überleben der Familie zu sichern, kommt die Schule oft zu kurz oder wird einfach gar nicht besucht. Viele Jugendliche werden daher irgendwann kriminell. So können sie ohne Schulabschluss oder Studium vielleicht doch noch den Weg aus der Armut schaffen. Indem sie zum Beispiel für die berühmten mexikanischen Kartelle Drogen verkaufen oder sogar zu Sicarios werden. Auftragsmördern.

Überall in Mexiko City trifft man auf Reichtum und Armut. Luxusautos mit verdunkelten Scheiben gefolgt von Leibwächtern in ihren massiven SUVs. Bettelnde Frauen mit Kindern an den Straßenrändern. Der Verkehr ist dicht und zieht sich wie ein breiter Fluss durch die Stadt. Mehrspurige Straßen, so groß wie Autobahnen, werden tagtäglich von Millionen von Menschen genutzt. Um den Verkehr zu entlasten, wurden Straßen in Form von Brücken errichtet, die sich kilometerlang, über die schon vorhandenen mehrspurigen Straßen, über die Stadt ziehen. Überall sind Menschen auf den Beinen. Ein großes hektisches Wirrwarr. Immer wieder stockt es, und Carlos muss langsam fahren. Wir kommen durch einen teuren Stadtteil mit edlen Markenläden und verglasten Wolkenkratzern mit Helikopterlandeplätzen auf den Dächern. Kurze Zeit später ändert sich das Bild schlagartig und die Häuser werden kleiner und machen einen verwahrlosten Eindruck. Im Untergeschoss haben sie große Rollläden, die morgens hochgezogen werden und ein kleiner Laden erscheint. Hier wird alles angeboten, was irgendwie Einnahmen bringen könnte. Handy-Ersatzteile, nachgemachte Markenklamotten, viel Krimskrams halt. An einem Stand werden Hunderte, vielleicht sogar Tausende von CDs angeboten, alle illegal gebrannt. Luftlinie gemessen sind es vom Flughafen bis zu Carlos’ Elternhaus knapp zwanzig Kilometer. Wir sind dennoch über eine Stunde unterwegs. Immer wieder stockt der Verkehr.

Als das Estadio Azteca vor uns erscheint, eines der größten Fußballstadien der Welt, sind wir fast da. Wir biegen ab in eine kleinere Straße und halten schließlich vor einer Schranke. Der Wachmann grüßt Carlos mit einem leichten Kopfnicken, und die Schranke geht hoch. Es ist eine ruhige Straße mit großen schattenspendenden Bäumen. Der Rummel der Großstadt scheint weit weg, wobei wir uns mittendrin befinden. Vor jedem der schönen Villen ist eine meterhohe Mauer, auf der Stacheldrahtzaun und Glasscheiben das Überklettern erschweren sollen.

Bevor es hier einen Wachmann und eine Schranke gab, als Carlos noch ein kleiner Junge war, drang eines Morgens eine bewaffnete Bande in sein Elternhaus ein. Sie drohten mit Pistolen, die Kinder zu entführen und umzubringen, sollten die Eltern sich weigern, ihre Wertsachen herauszugeben. Körperlich blieben sie unverletzt. Und doch bin ich mir sicher, dass das traumatische Erlebnis bei jedem von ihnen seine Spuren hinterlassen hat. Erschreckenderweise sind sie nicht die einzige Familie, der so etwas passierte. Nein, es scheint normal zu sein. Hier. In diesem Moloch. Das Einzige, was sich seither geändert hat, ist, dass sie nun einen Wachmann haben. Und eine Schranke.

Carlos parkt den schwarzen Jeep vor dem Haus seiner Eltern. Wir steigen aus. Er öffnet das Tor und ein großer heller Labrador-Hund springt ihm entgegen. Ich gehe die Stufen am Haus hinauf zum großen Hauseingang. Hinter der Tür befindet sich ein Museum. Nun ja, zumindest empfinde ich es so. Der Eingangsbereich protzt mit einer eleganten, altmodischen Sofagarnitur. In den Schränken glänzt teures Porzellangeschirr, und an den Wänden hängen wertvolle Gemälde. Bis auf einen lachsfarbenen Teppich im Wohnzimmer ist das Haus mit einem glänzenden Marmorboden ausgestattet. Ich gehe am Gästebad vorbei einige Stufen nach oben in den Essbereich. Ein sehr langer dunkelbrauner Esstisch mit edlen Holzstühlen ziert das Zimmer, von dem es in einen kleinen Garten geht. Dieser elegante Raum wird nur zu besonderen Anlässen genutzt. Gegenüber befindet sich die geräumige Wohnküche, in der ein großer runder Esstisch aus Holz steht. Hier spielt sich prinzipiell das Leben im Haus ab. Ich setze mich. Die Haushälterin ist gerade mit Kochen beschäftigt. Es riecht nach Bohnen, Zwiebeln und Reis. Als sie die Schnitzel aus Schweinefleisch in die Pfanne gibt, zischt das Öl. Meine Schwiegermutter tritt in die Küche und begrüßt mich freundlich mit einer Umarmung. Ihre dominante und forsche Art ist mir irgendwie unheimlich. Wenn hier im Haus jemand das Sagen hat, dann sie. Und das bekommt auch der Vater von Carlos zu spüren. Wobei sich Carlos’ Mutter schon von ihm trennen wollte. Als sein Vater jedoch vor seinen Kindern und seiner Frau mit einer Pistole an der Schläfe androhte, sich das Leben zu nehmen, sollte sie sich scheiden lassen, wurde das Thema Trennung zunächst einmal auf Eis gelegt. Und daran hat sich bis heute auch nichts geändert. Eine ganz normale Familie halt.

Seit wenigen Jahren wohnt auch Carlos’s Großmutter bei ihnen. Die Mutter seiner Mutter. Seinem Vater gefällt das nicht, aber sie hat halt das Sagen. Er könne sich ja von ihr trennen, spottet sie gehässig. Will er ja nicht. Also muss er es schlucken. Ob er will oder nicht. Dazu kommt noch, dass Carlos’ Großmutter streng katholisch ist, während sein Vater aus einer jüdischen Familie stammt. Den traditionsbewussten, katholischen Eltern von Carlos’ Mutter gefiel das natürlich gar nicht. Doch meine Schwiegermutter war schon damals ein selbstbewusster Mensch, der sich von anderen nichts sagen ließ. Auch nicht von ihren eigenen Eltern. Also konvertierte sie zum Judentum und heiratete ihre große Liebe.

Irgendwie ist Carlos daher mit einem Gemisch beider Religionen groß geworden. Weder dem Judentum noch dem Katholizismus fühlt er sich jedoch zugehörig. So glaubt er an Vieles, aber Religionen sind ihm ein Dorn im Auge. Carlos hat noch zwei Brüder, die beide noch im Elternhaus leben.

Ich sage meiner Schwiegermutter, ich möchte zunächst einmal meinen Koffer ins Zimmer bringen. Eine gute Ausrede, um etwas Ruhe zu bekommen. Also trage ich meinen Koffer die Treppen hoch. Auf der ersten Etage befindet sich das übertrieben große Schlafzimmer der Eltern. An ihm schließt sich ein Ankleidezimmer und das private Badezimmer der Eltern an. Vom großen Doppelbett aus blickt man durch eine gläserne Fensterwand auf die grüne Baumkrone. In der Ecke des Raumes hängt ein großer Plasmabildschirm an der Wand. Ansonsten wirkt der mit Teppich ausgelegte Raum leer und kalt.

Auf der letzten Etage befinden sich drei Schlafzimmer, zwei davon mit privatem Bad. Eines davon gehört den erwachsenen Brüdern von Carlos. Auf jeder Seite steht ein Bett, und an der großen Wand hängt ein moderner Plasmabildschirm mit der neuesten Hightech-Ausstattung. Der kleinste der Brüder hat eine eigene Firma, mit der er solche Elektroanlagen in Luxus-Villen installiert und damit einen Haufen Geld verdient. Trotzdem wohnt er noch immer im Elternhaus. Vielleicht aus Bequemlichkeit, vielleicht aber auch, weil er noch Single ist, und nicht alleine sein möchte.

Carlos’ Großmutter bewohnt das zweite Zimmer mit Bad, welches mal das Kinderzimmer von Carlos war. Da er der Älteste der Brüder ist, hatte er ein Anrecht auf ein Einzelzimmer. Ein weiteres kleines Zimmer, aber ohne Bad, ist als Gästezimmer hergerichtet. Während wir zu Besuch sind, schlafen wir jedoch in Carlos’ altem Zimmer und seine Großmutter im Gästezimmer.

Carlos’ Großmutter ist eine freundliche und noch sehr agile alte Dame. Sie ist mir weitaus sympathischer als meine Schwiegermutter. Immer ist sie fröhlich und unterhält sich gerne, während ihre Tochter stets grimmig dreinschaut. Der Tod ihrer Eltern führte zu einem Familienkrieg zwischen den Geschwistern. Es ging um das Erbe ihrer wohlhabenden Eltern. Letztendlich wurde alles verkauft und ausgegeben. Die Geschwister sind bis zum heutigen Tage zerstritten. Das, was Carlos’ Großmutter blieb, befindet sich in seinem ehemaligen Kinderzimmer. Ein großes Doppelbett, welches das Zimmer fast komplett ausfüllt. Zwei edle Holzkommoden, übersät mit Bilderrahmen und Schmuckkästchen, und ein großer goldener Spiegel, der an der Wand hängt. Die alte Tapete ist übersät mit katholischen Symbolen in Form von Bildern und Kreuzen. Ich fühle ich erschlagen von ihnen, als ich das Zimmer betrete. Erschöpft lasse ich mich auf das harte Bett fallen und atme tief durch.

8

Heute ist mein einunddreißigster Geburtstag. Das einzige Geschenk, das ich mir von Herzen wünsche, wäre ein Anruf oder eine Nachricht von Luis. Doch nichts. Ich frage mich ernsthaft, ob er das Interesse an mir verloren hat. Wobei er mir ja nie direkt mitgeteilt hat, was er eigentlich von mir möchte und für mich empfindet. Falls das überhaupt der Fall sein sollte.

Seit einer Woche bin ich nun mit Carlos in der Hauptstadt. Ich versuche, mir meine schlechte Laune nicht anmerken zu lassen. Doch es ist zwecklos. Carlos fragt mich ständig, was denn los sei. Ihm von Luis zu erzählen kommt natürlich nicht infrage. Also ringe ich nach Erklärungen. Sage ihm, dass ich denke, wir verstehen uns einfach nicht mehr gut, und ich möchte mal eine Zeit lang alleine sein. Es ist zumindest nicht gelogen. Ich habe nur ein klitzekleines Detail weggelassen.

Doch mein Versuch, Carlos davon zu überzeugen, dass wir uns trennen sollten, scheint nicht zu fruchten. Er nimmt mich einfach nicht ernst. Geht überhaupt nicht auf mich ein. „Ja ja“ antwortet er immer nur gelangweilt. Zumindest hält er sich keine Pistole an den Kopf und droht sich umzubringen.

Ich gehe ins Zimmer und setze mich auf das riesengroße, sehr unbequeme Bett der Großmutter. Lautlos rollen mir die Tränen über die Wangen als plötzlich die Tür aufgeht und Carlos vor mir steht. Überrascht schaut er mich an.

„Was ist los? Warum weinst du? Ist was passiert?“, fragt er mitfühlend. Dann erscheint auch noch seine Mutter im Türrahmen. Klar, ich könnte ihnen jetzt beiden sagen, dass ich weine, weil ich mich in einen anderen Mann verliebt habe und diesen ganz schrecklich vermisse und es ganz furchtbar finde, mit ihnen meinen Geburtstag hier in Mexiko City verbringen zu müssen. Ich frage mich, wie sie wohl reagieren würden. Mich hochkant aus dem Haus werfen?

Normalerweise bin ich der Meinung, dass Ehrlichkeit das Fundament einer gesunden Beziehung darstellt. In diesem Moment entscheide ich mich dennoch für eine Lüge. Ich nenne es mal Notlüge. Denn keinem wäre mit der Wahrheit geholfen. Luis wäre noch immer bei seiner Frau und Carlos und seine Mutter am Boden zerstört. Also höre ich mich etwas von Zahnschmerzen sagen. Als würde da eine andere Person für mich sprechen. Sofort bekomme ich eine mitleidige Umarmung von Carlos und eine Telefonnummer der Zahnärztin meiner Schwiegermutter in die Hand gedrückt. Dann ruf ich da mal an. Zumindest bin ich so für ein paar Stunden alleine. Nachdem beide das Zimmer verlassen haben, rufe ich meine Freundin Ana an.

Ana habe ich vor einem Jahr in Playa del Carmen kennengelernt. Und zwar durch ihren Freund, einen Arbeitskollegen von mir. Auf einer Party am Strand hat er sie mir vorgestellt. Sofort waren wir uns sympathisch. Wir trafen uns wieder, und über die Zeit ist eine gute Freundschaft entstanden. Ana lebt schon seit mehreren Jahren mit ihrem Freund und ihrer kleinen Tochter in der Karibik. Aufgewachsen ist sie jedoch in der Hauptstadt, und somit eine typische Chilanga. Mehrmals im Jahr fliegt sie nach Mexiko City, um ihre Eltern zu besuchen. Und wie das Schicksal es so will, ist sie genau jetzt in ihrem Elternhaus zu Besuch. Und gar nicht weit von Carlos’ Elternhaus entfernt. Ich habe somit die perfekte Möglichkeit, diesem anstrengenden Urlaub mit meinem Mann für ein paar Stunden zu entfliehen und ihn mit Ana zu verbringen. Glücklich ist Carlos darüber nicht, denn er hat ein Treffen mit seinen Freunden organisiert. Ich bitte ihn jedoch, alleine zu fahren. Zähneknirschend gibt er nach und fährt los. Eine Stunde später steht dann Ana in ihrem Auto vor dem Haus und hupt einmal kurz. Glücklich sprinte ich die Stufen hinunter und umarme meine Retterin. Dank ihr entkomme ich dem goldenen Käfig für einige Stunden.

Zunächst schlendern wir durch ein modernes Einkaufszentrum. Hinter gläsernen Fassaden gibt es hier alles, was das Herz begehrt. Solange man es sich leisten kann. International bekannte Markennamen haben hier, neben kleinen Boutiquen und Beautysalons, eine Filiale. Frauen mit heller Hautfarbe und häufig auch blondierten Haaren, kommen einem entgegen. Vielleicht sind es Frauen mit reichen Ehemännern aus Politik oder Wirtschaft. Zu Hause haben sie Angestellte, die sich um Kochen und Putzen kümmern. Die Kinder haben eine Niñera.

Ana und ich lassen uns in einem Friseursalon die Haare schneiden und schlendern eine Weile einfach so durchs Centro Comercial.

Anschließend fahren wir dann zum Essen zu ihren Eltern. Ihre Mutter bewundere ich zutiefst. Trotz der Multiple Sklerose, durch die sie seit Jahren an den Rollstuhl gefesselt wird, ist sie ein lächelnder und liebenswerter Mensch. Ihr Vater widmet sich klaglos ihrer Pflege, sobald er von der Arbeit kommt. Es tut gut, in einer so herzlichen Familie zu sein und deren Wärme zu spüren. Und nicht mehr lügen zu müssen. Ana und ihre Mutter hören mir zu. Geben mir Ratschläge. Heute ist der erste Tag, seit ich in der Hauptstadt angekommen bin, an dem ich mich nicht einsam fühle.

9

Ein Monat in der Hauptstadt kann ganz schön lang sein. Daher beschließen Carlos und ich, eine Freundin zu besuchen, die auch Reiseleiterin in der Karibik ist und zurzeit in ihrem Elternhaus in Guanajuato Urlaub macht. Von Mexiko City sind es knapp vierhundert Kilometer, also etwa vier Autostunden. Wenn man die kostenpflichtige Autobahn nimmt.

Carlos’ Bruder leiht uns seinen eleganten schwarzen Jeep. Die Familie besitzt mehrere Autos. Neben dem Jeep noch einen SUV und einen älteren Kompaktwagen. Ohne ein Auto ist es nicht einfach, sich in dieser Riesenstadt fortzubewegen. Obwohl es ein Metrosystem, kleine Busse und an die zwei Millionen Taxen gibt. Die untere Mittelschicht ist auf diese günstigen Transportmittel angewiesen. Alle Einwohner jedoch, die sich ein eigenes Auto leisten können, meiden öffentliche Verkehrsmittel.

Als ich einmal vor Jahren die Metro in der Stoßzeit genommen habe, war sie gnadenlos überfüllt und ein Mitfahrer griff mir zwischen die Beine. Seither fahre ich ungern mit ihr. Das Bussystem ist schlimm. Es ist chaotisch und gefährlich. Da ich immer alles ausprobieren möchte, bin ich auch schon mit dem Bus gefahren. Oder habe es zumindest versucht. Eine Stunde bin ich irrend durch die Stadt gelaufen, von Haltestelle zu Haltestelle. Nach drei langen Stunden und fünf verschieden Peseros, war ich dann irgendwann an meinem Ziel. Das war das erste und letzte Mal, dass ich einen verdreckten, stinkenden Pesero in der Hauptstadt genommen habe. Wenn man sich nicht auskennt, sollte man die Peseros daher meiden. Oft wird man zudem beklaut und sollte Wertsachen lieber zuhause lassen. Taxifahren in Mexiko City stellt leider auch keine gute Alternative zum eigenen Auto da, da es schwierig ist zu erkennen, ob es sich um ein legales, registriertes Taxi, oder ein Pirata, also ein illegales Taxi, handelt. Die Piratas schlossen sich vor Jahren zu Banden zusammen und fingen an, das Verkehrsministerium mit Geldern zu bestechen, um keine Strafen befürchten zu müssen. Benutzt man eines dieser illegalen Taxis, könnte es zu dem gängigen Kidnapping-Express kommen. Dabei wird der Fahrgast mit Waffengewalt zu einem oder mehreren Bankautomaten gefahren und gezwungen, so viel Geld wie möglich abzuheben. In anderen Fällen kann die Benutzung eines Pirata sogar zu Misshandlungen wie Vergewaltigungen bei Frauen, oder Entführungen kommen.

Eine Stunde fahren wir noch durch den dichten Verkehr der in Smog eingehüllten Millionenstadt, bis Carlos endlich auf eine mehrspurige Autobahn fährt und wir die Stadt langsam hinter uns lassen. Plötzlich erscheint vor uns eine große Kontrollanlage mitten auf der Autobahn. Eine caseta de cobro. Wir müssen uns einreihen. Es ist die Autobahnmaut, die hier bezahlt werden muss. Mehrere Kassen gibt es, die parallel abkassieren, damit es nicht lange dauert. Da diese gebührenpflichtigen Autobahnen jedoch sehr teuer sind, benutzen sie auch nicht viele, und zu Staus kommt es so gut wie nie. Der Staat darf nur Gebühren für eine Autobahn des Landes erheben, wenn es eine kostenfreie Alternative gibt, die sogenannten Libres. Im Gegensatz zur teuren Autobahn sind sie jedoch häufig in schlechtem Zustand und führen über Dörfer. Man braucht daher oft viel länger, um ans Ziel zu gelangen. Und sie sind gefährlicher, da es dort zu Überfällen kommen kann, was auf den kostenpflichtigen Autobahnen so gut wie ausgeschlossen ist.

Wir fahren Richtung Norden durch eine grüne, bergige Landschaft. Auch Guanajuato liegt in einem Gebirgstal etwa zweitausend Meter über dem Meeresspiegel. Dadurch hat es ein sehr angenehmes Klima. Tagsüber ist es warm und nachts angenehm kühl.

Nach mehreren Autostunden auf der fast leeren Autopista sind wir am Ziel und Carlos parkt den Jeep vor dem schönen Garten des Elternhauses unserer Freundin Sofia. Sie leben außerhalb der Stadt mitten im grünen Nadelwald. Sofort steigt mir der frische Duft der Tannen in die Nase. Nach den Wochen des Dauersmogs durch stinkende Abgase wirkt die duftende Waldluft belebend und reinigend.

Wir begrüßen Sofia herzlich, und sie stellt uns gleich ihren Eltern vor. Sofia ist groß und kurvig und hat lange schwarze Locken. Man erkennt sofort die brasilianischen Gene der Mutter in ihr, die noch größer ist als Sofia. Wie auch Sofia, ist ihre Mutter eine fröhliche und sehr selbstbewusste Person. Ihr Vater wirkt angenehm ruhig. Vielleicht ist er auch einfach überwältigt, von seinen brasilianischen Power-Frauen.

Sofia führt uns in das gemütliche Gästezimmer und nach einem herzlichen, familiären Abendessen, ziehen wir uns müde zurück. Am nächsten Morgen zeigt uns Sofia die Stadt. Nachdem wir das Auto in einer Tiefgarage geparkt haben, schlendern wir zu Fuß durch das Zentrum von Guanajuato. Ich bekomme sofort das Gefühl, mich in Spanien zu befinden. Wir schlängeln uns durch enge, verwinkelte Gassen aus Kopfsteinpflaster und ich bestaune die Bauten aus der kolonialen Zeit. Heute ist in Guanajuato die Hölle los, es ist gefüllt mit feiernden Menschen. Überall gibt es Tanz- und Theateraufführungen. El Cervantino. Das berühmte Festival hat die gesamte Stadt im griff.

Wir schauen uns das Theaterstück La Llorona an. Der Legende nach handelt es sich dabei um eine Frau, die ihre Kinder an einem Fluss ertränkt haben soll. Als sie sich der grausigen Tat bewusst wurde, beging sie Selbstmord. Die Bewohner des Dorfes begruben sie, und in der darauffolgenden Nacht hörten sie am Fluss, wie eine Frau um ihre Kinder weint. Die Dorfbewohner gaben daraufhin dem weinenden Geist der toten Frau den Namen La Llorona. Viele spirituelle Mexikaner sagen, dass man sie heutzutage auch noch hören kann, und zwar meist in der Nähe von Flüssen.

Als das Theaterstück endet, ist es draußen bereits dunkel. Ich bekomme eine Gänsehaut. Irgendwie ging mir die Geschichte nah. In diesem Land habe ich gelernt, an Geister zu glauben. Mexikaner glauben ganz fest daran. Jedes Jahr feiern sie Anfang November den Día de los Muertos. An diesen Tagen kommen die Toten als Geister zu ihnen zurück. Um sie zu ehren, werden in den Häusern und auf den Friedhöfen Altare aufgestellt und geschmückt, auf denen Angehörige den Verstorbenen deren Lieblingsspeisen und Getränke anbieten. Mexikaner glauben, der Tod sei der Anfang eines neuen Lebens. Diese spirituelle Denkweise hatten schon die Urvölker der Mayas und Azteken, die bis heute das mexikanische Leben mit ihren Traditionen prägen.

Sofia spürt, dass ich Carlos gegenüber distanzierter bin. Als Carlos einige Meter vor uns geht und ich mir ziemlich sicher bin, dass er mich nicht mehr hören kann, erzähle ich Sofia von meinen Qualen. Dass ich das Gefühl habe, Carlos einfach nicht mehr zu lieben. Luis erwähne ich jedoch nicht. Carlos scheint mein distanziertes Verhalten ihm gegenüber jedoch überhaupt nicht zu interessieren. Entweder will er es nicht wahrhaben, oder es ist für ihn normal, dass man in einer Ehe einfach irgendwann distanzierter wird. So wie seine Eltern es ihm jahrelang vorgemacht haben.

Sofia sieht bedrückt aus. Sie kann mich verstehen, doch tut ihr Carlos auch leid, ist er doch ein guter Freund von ihr. Dennoch schweigt sie und behält das Geheimnis für sich.

Bevor wir Guanajuato wieder verlassen, besuchen wir am nächsten Tag noch eine inzwischen stillgelegte Silbermine. Einige Meter unter der Erde drängen wir uns durch kleine, dreckige, dunkle Schächte. Faszinierend und bedrückend zugleich, wenn man den Geschichten des Mexikaners so zuhört, der uns durch die Mine führt. Wie die Männer hier unten Knochenarbeit leisten mussten, um das Silber aus dem Gestein zu brechen. Nicht wenige gingen dabei zugrunde. Starben nicht selten an Lungenkrankheiten.

Zurück in der warmen Sonne sieht die Welt wieder anders aus. An einem kleinen Souvenirstand kaufe ich mir ein Armband aus rosafarbenen Natursteinperlen. Die Verkäufer erzählt mir, dass es Glück in der Liebe bringt. Das könnte ich wahrlich gebrauchen. Sollte es seinen Zweck dennoch nicht erfüllen, ist es zumindest hübsch anzusehen.

Zum Abschied umarme ich Sofia herzlich. Bald werden wir uns in der Karibik wiedersehen. Doch noch ist der Urlaub nicht ganz zu Ende. Wir lassen Tod und Geister hinter uns und fahren in die vielleicht schönste Stadt Mexikos.

San Miguel de Allende. Eine relativ kleine Stadt. Auch hier habe ich das Gefühl, mich im Süden Europas zu befinden. Auf dem zentralen Platz der Stadt, dem Jardin de Allende, befindet sich die im gotischen Stil erbaute Kathedrale aus dem siebzehnten Jahrhundert. Ohne Zweifel haben die spanischen Eroberer hier ihre Spuren hinterlassen.

Am späten Nachmittag treten wir dann die Heimfahrt an zurück zum Smog. Obwohl ich wunderbare Orte gesehen habe, bin ich froh, dass wir nun fahren. Noch eine weitere Woche in der Hauptstadt, bis es dann endlich auch wieder zurück in die Karibik gehen wird. Mit meinem Glücksbringer am Handgelenk.

10

Es ist noch dunkel draußen. Das Bett von Carlos’ Großmutter ist hart und unbequem. Die Matratze ist so alt, dass sich der Körper seiner Großmutter eingeformt hat. Mit Rückenschmerzen quäle ich mich aus dem Bett. Es ist nahezu unmöglich, einen guten Nachtschlaf in diesem Bett zu bekommen.

Das Badezimmer ist klein und irgendwie niedlich. Baby-blau gekachelt. Ich lasse das heiße Wasser über meinen müden Körper laufen. Vor allem über meinen steifen, schmerzenden Nacken und Rücken.

Unten in der Küche ist alles ruhig. Es duftet nach frischem Kaffee. Mir ist kalt. Das Thermometer am Fenster zeigt neun Grad Celsius an. Heizungen gibt es hier keine. Dafür ist es tagsüber warm genug. Sobald sich die Sonnenstrahlen den Weg durch die graue Dunstglocke der Stadt bahnen, wird das Thermometer schnell wieder über zwanzig Grad klettern.

Carlos’ Mutter erscheint und nimmt sich wortlos einen Kaffee. Sicher hat sie mitbekommen, dass es zurzeit nicht besonders rosig zwischen mir und Carlos ist. Für sie sind Beziehungen voller Streit, Disharmonie und Frust allerdings normal. Sorgen macht sie sich daher wohl keine, nehme ich an. „Ich hole meinen Koffer“, sage ich und verschwinde nach oben.

In den frühen Morgenstunden fließt der Verkehr noch etwas besser, obwohl auch jetzt schon viel Betrieb herrscht. Wir schaffen es in einer halben Stunde zum Flughafen. Die Fahrt über herrscht Stille im Auto. Nur das Radio spielt einen Song nach dem anderen mit etwas Gequatsche zwischendurch.

Meine Schwiegermutter stoppt den SUV am Eingang des Terminals für Inlandflüge. Während Carlos unsere Koffer aus dem geräumigen Kofferraum hievt, umarmt mich meine Schwiegermutter kurz aber freundlich zum Abschied. Irgendwie spüre ich, dass ich sie nie wiedersehen werde.

Im riesigen Flughafen-Terminal von Mexiko City tobt das Leben. Noch ist es dunkel draußen, noch keine sechs Uhr morgens und doch sind schon unglaublich viele Menschen unterwegs. Lange Schlangen haben sich bereits vor den Schaltern gebildet. Wir stellen uns in die Menschenschlange und warten. Und wenn mich eines an Flughäfen nervt, dann das Warten. Warten aufs Check-in. Warten aufs Boarding. Einfach immer nur warten. Eine gefühlte Ewigkeit.

Ich erinnere mich, als wir vor drei Wochen Anfang Oktober bei Carlos’ Großmutter eingeladen waren. Ich kannte bis dahin nur die Mutter seiner Mutter. Jetzt lernte ich auch die Mutter seines Vaters kennen. Seine jüdische Großmutter. Der Anlass war die Feier des jüdischen Neujahres, des Rosch ha-Shana, dass immer zu dieser Jahreszeit stattfindet. Und wir waren nicht die einzigen Gäste in ihrer kleinen Wohnung. Neben Carlos’ Eltern und Geschwistern kamen zudem seine jüdischen Cousins und Cousinen, Tanten und Onkel. Die Wohnung seiner Großmutter befand sich in dem schicken Stadtteil Polanco, in dem viele wohlhabende Juden leben. Sie bestand aus einem Schlafzimmer, einem kleinen Badezimmer, einer kleinen Küche und einem Wohnraum, den der große Esstisch so gut wie ausfüllte. Wir mussten so um die fünfzehn Personen gewesen sein. Gezählt habe ich sie nicht. Es war eng, aber irgendwie auch gemütlich. Fröhlich unterhielten sich alle und es gab viel zu viel Essen. Typisch jüdisches Essen natürlich. Das erste Mal, dass ich es probierte. Es war lecker, doch irgendwie hatte alles eine süße Note. Das Brot wurde in Honig getaucht und der Reis enthielt süßes Trockenobst. Selbst im aus Fleisch hergestellten Kugel tummelten sich kleine süße Rosinen. Und als dann auch noch Honigkuchen aufgedeckt wurde, konnte ich keinen Bissen mehr runterbekommen. Mir wurde erklärt, dass beim Neujahrsfest um ein süßes neues Jahr gebeten und in vielen Speisen Honig statt Salz genommen wird.

Carlos’ Cousins hatten alle ungepflegte Bärte, die sie sich wegen eines Todesfalles in der Familie seit Wochen nicht rasieren durften. Sie interessierten sich für mich als neues Familienmitglied. Gaben mir das Gefühl, willkommen zu sein, obwohl ich nicht dem jüdischen Glauben angehöre. Als Carlos’ Großonkel von seiner Zeit in Auschwitz erzählte, wurde mir unbehaglich. Bevor er nach Mexiko auswanderte, lebte er mit seiner Familie nämlich in Polen.

Ich wusste nicht, wie ich auf seine Geschichte reagieren sollte. Was angebracht wäre, zu antworten. Also sagte ich nichts und hörte einfach nur zu. Als Carlos’ jüdische Familie plötzlich anfing, auf jiddisch zu sprechen, staunte ich nicht schlecht. Noch nie hatte ich die Sprache zuvor gehört. Niemals hatte ich damit gerechnet, diese tausend Jahre alte Sprache verstehen zu können. Dass sie meiner Muttersprache Deutsch so sehr ähnelt. Auch Carlos staunte nicht schlecht, als ich seiner Familie auf Deutsch antwortete, und sie mich verstanden. Wir eine amüsante Unterhaltung auf jiddisch-deutsch führten. Es war ein fröhliches Familienfest, das ich so schnell nicht vergessen werde.

Das Flugzeug ist bereit zum Boarden. Endlich. Wir gehen durch den Tunnel ins Innere der Maschine und ich setze mich an einen Fensterplatz. Es ist ein bewölkter Tag. Flughafenmitarbeiter in neongelben Westen weisen eine Maschine nach der anderen zum Rollfeld, damit sie starten können. Inzwischen hat mich der Hunger gepackt, und ich packe das Käse-Sandwich aus, das ich mir während der Wartezeit im Terminal gekauft habe. Zufrieden genieße ich mein Frühstück, während sich unser Flugzeug langsam in Bewegung setzt. Carlos hat sich Stöpsel ins Ohr gesteckt und hört Musik aus seinem iPod. In drei Stunden werden wir wieder in der Karibik sein. Ich frage mich, wann ich Luis wiedersehen werde und ob ich es schaffe, mich von Carlos zu trennen und ihm die Wahrheit zu sagen.

Während sich in meinem Kopf die Fragen überschlagen, bahnt sich die Maschine rüttelnd den Weg durch die graue Wolkendecke hinauf in den blauen Himmel.

11

Als sich die gläsernen Türen des Flughafenterminals öffnen, stößt mir eine feucht-schwüle Luft entgegen. Mir wird warm ums Herz. Mario, ein langjähriger Freund von Carlos, wartet schon auf uns. Er hat vor wenigen Jahren ein Busunternehmen gegründet, das ihm inzwischen eine Menge Geld einbringt. In Kleinbussen bringt er Urlauber vom Flughafen zum Hotel und wieder zurück. Die Reiseveranstalter beauftragen ihn mit diesem Service, den viele Pauschaltouristen ja inklusive gebucht haben. Gerade eben hat Mario Urlauber am Flughafen abgeliefert. Sein Bus ist jetzt leer, und er muss zurück nach Playa del Carmen. Also nimmt er uns mit.

Carlos unterhält sich die gesamte Fahrt über lebhaft mit seinem Freund. Ich bin froh, mich nicht unterhalten zu müssen, denn meine Gedanken sind woanders. Einen Monat ist es nun her, dass ich ins Flugzeug nach Mexiko City gestiegen bin. Einen Monat, seit ich das letzte Mal etwas von Luis gehört habe. Ich schließe die Augen und genieße die kühle Luft der Klimaanlage im Bus.

Nach einer Stunde fahrt biegen wir dann in unsere ruhige Straße ein. Die Sonne brennt vom Himmel und es ist grell. Ich kneife meine Augen zusammen, mein Kopf fängt an zu dröhnen. Aus meinem Rucksack hole ich meine Sonnenbrille heraus. Beim Aussteigen stößt mir ein Schwall heißer Luft entgegen.

Carlos schließt die Wohnungstür auf. Nach einem Monat ohne zu Lüften hat sich ein muffiger Geruch in der Wohnung ausgebreitet. Sofort öffne ich alle Fenster und stelle die Deckenventilatoren auf die höchste Stufe. Eine Klimaanlage haben wir nur im Schlafzimmer. Und die pustet nur stinkende, muffige Luft in den Raum. Also benutzen wir sie so gut wie nie.

Ich fange an, die Wohnung von oben bis unten sauber zu machen. Etwas, was ich gerne mache. Dabei kann ich meinen Gedanken freien Lauf lassen. Eine Art innere Ruhe überkommt mich, sobald alles schließlich sauber und ordentlich ist. Erst dann kann ich mich selber auch ausruhen und entspannen.

Carlos dagegen verschwindet in sein Arbeitszimmer, ohne auch nur zu fragen, ob er mir beim Putzen helfen könne. Er schaltet den Computer an. Nichts hat sich geändert. Nur dass ich jetzt weiß, was ich machen muss.

12

Noch habe ich mich nicht dazu entschieden, das Bett zu verlassen, obwohl die hellen Sonnenstrahlen schon eine ganze Weile durch die Gardinen schimmern. Schnurrend kuschelt sich mein tigerfarbener Kater an mich. Carlos arbeitet fast täglich, und das finde ich jetzt sehr angenehm. Seine Gegenwart ist erdrückend. Er tut weiterhin so, als wäre alles in Ordnung. Ist es für ihn ja wahrscheinlich auch. Woher soll er von meinem Gefühlschaos wissen, wenn ich es ihm nicht erzähle? Und dass ich kühl und abweisend zu ihm bin, ist ihm wohl egal. Ist er ja selber. Ständig verkriecht er sich in sein Arbeitszimmer. Das war früher nicht so.

Als wir uns vor drei Jahren kennenlernten, verliebten wir uns schnell. Jede Minute, die es uns möglich war, verbrachten wir miteinander. Gingen ins Kino oder Sushi essen. Zu Freunden. An freien Tagen unternahmen wir immer irgendetwas. Einmal sind wir für zwei Nächte nach Tulum gefahren. Besuchten die Maya-Ruinen, die sich in einer traumhaften Lage über den Klippen direkt am Meer befinden. Tulum ist im Gegensatz zu Playa del Carmen eine recht kleine Stadt. An Mangrovenwäldern und noch nahezu unberührten Strandabschnitten vorbei, führt eine kleine Straße durch Tulums sieben Kilometer lange Hotelzone hindurch. Sie steht im krassen Gegensatz zur monströsen Hotelzone Cancúns, die für den Massentourismus geschaffen wurde. In Tulum sind die Hotels klein, und jedes hat seinen ganz persönlichen Stil. Es sind häufig Individualtouristen, die Land und Leute kennenlernen möchten, die es nach Tulum verschlägt. Mit Carlos übernachtete ich in einer zeltähnlichem Hütte direkt am Strand. Fährt man die Straße der Hotelzone weiter geradeaus, kommt man direkt in den Nationalpark Sian Kaan. Sian Kaan ist Maya und bedeutet „Ort, wo der Himmel geboren wurde“. Ein wunderschöner Name für einen wunderschönen Ort. Auf einer Landzunge führt er über eine Sandstraße durch tropische Trockenwälder und Mangroven hindurch. Auf der einen Seite die Lagune, auf der anderen die Küste des karibischen Meeres. Es ist die Heimat vieler Seevögel, aber auch Jaguare und Pumas sind in diesen Wäldern zuhause. Am Ende der Landzunge, etwa vierzig Kilometer von Tulum entfernt, liegt das kleine Fischerdorf Punta Allen. Nicht einmal fünfhundert Einwohner zählt es. Auch in Punta Allen habe ich schon Ausflüge geleitet. Mit Jeeps sind wir hierher gefahren. Andere Fahrzeuge sind auf der mit Schlaglöchern übersäten Sandstraße nicht zu empfehlen. Im Fischerdorf haben wir dann kleine Holzboote gemietet und sind drei Stunden durch die Kanäle der Lagune gefahren. Es ging vorbei an Vogelinseln bis hin zum Korallenriff, wo geschnorchelt wurde. Ein schöner und doch anstrengender Ausflug, da ich nicht selten mit bis zu dreißig deutschen Urlaubern alleine unterwegs war. Nur ein Mechaniker unterstützte mich, für alle Fälle. Jede Vierergruppe bekam einen Jeep, den einer von ihnen selber fahren musste. Ich fuhr voraus und alle anderen in einer Karawane hinterher. Von Playa del Carmen bis Punta Allen. Jede Strecke dauerte dabei an die drei Stunden. Einmal gab es einen Unfall, bei dem das angemietete Boot, mit sechs Gästen an Bord, kenterte. Eine große Welle schoss ins Innere und kippte das Boot kieloben. In Punta Allen gab es natürlich kein Krankenhaus, und so musste ich die teilweise unter Schock stehenden Urlauber von einer Ärztin vor Ort notdürftig behandeln lassen und sie dann mit Platzwunden und Knochenbrüchen in das einhundert Kilometer entfernte Playa del Carmen fahren. Immer schön langsam die Schotterpiste entlang.

Ich schließe meine Augen. Möchte einfach nur weiterschlafen. Der Realität so lange wie möglich entweichen. Doch der Sonnenschein erhellt inzwischen da gesamte Schlafzimmer und das Konzert der Zanates reißt mich aus meiner Traumwelt heraus. Holt mich zurück in die Wirklichkeit. An Weiterschlafen ist nicht mehr zu denken und ich stehe auf.

Nach einer belebenden Dusche streife ich mir ein luftiges Sommerkleid über, nehme meine Handtasche und verlasse die Wohnung. Ich öffne das Tor vor dem Haus und lasse den Motor von Carlos’ Auto an. Ein kleiner dunkelblauer Peugeot. Er selber hat sich einen weißen Kleinbus von Toyota gekauft, den er an Agenturen für Tagesausflüge vermieten möchte. Möchte es Mario nachmachen. Morgens fährt er mit ihm zur Arbeit. So kann ich das Auto nutzen.

In Playa del Carmen sind die Straßen wie auf einem Schachbrett angeordnet. Anstelle von Namen haben sie Nummern. 36. Straße Süd zum Beispiel. Ein Navigationssystem ist daher nicht notwendig, verfahren fast unmöglich. Geteilt wird die Stadt durch eine große Bundesstraße, die sich von Norden nach Süden durch die gesamte Riviera Maya zieht. Auf der einen Seite der Bundesstraße gelangt man zum Meer und zur berühmten Strandpromenade, der 5ta Avenida. Ein Gebäude reiht sich an das andere. Eine beliebte Wohngegend, da fast alles zu Fuß zu erreichen ist. Dementsprechend teuer ist sie. Unbebaute Dschungelflächen gibt es hier keine. Auf der anderen Seite der Bundesstraße geht es in den Urwald. Nun ja, so war es einmal. Inzwischen reihen sich auch hier die Gebäude dicht aneinander. Immer weiter wird gebaut, immer mehr dichter Urwald verschwindet und wird durch Straßen, edle Einkaufszentren, riesige Supermärkte, Krankenhäuser, Schulen, Tankstellen und private Wohnanlagen mit Swimmingpools ersetzt. Meine Wohnung befindet sich auch auf dieser Seite.

Vor nur fünfzig Jahren war Playa, wie wir es liebevoll nennen, nur ein kleines Fischerdorf mit knapp zweihundert Einwohnern. Der Tourismus-Boom erreichte es dann aber auch, und heute gilt Playa als die mexikanische Stadt mit dem höchsten Bevölkerungswachstum. Sie stand sogar schon im Guinness Buch der Rekorde als die am schnellsten wachsende Stadt der Welt. So richtig weiß man daher nie genau, wie viele Einwohner sie jetzt gerade hat. Im Jahr 2010 waren es zumindest einhundertfünfzigtausend.

Die Ampel wird grün, und ich fahre auf die andere Seite der Bundesstraße. Ein enormer Supermarkt über zwei Etagen erscheint am Straßenrand. Immer wieder muss ich abbremsen, da die Straßen mit Topes ausgestattet sind. Angeblich die einzige Möglichkeit, Mexikaner zum Langsamfahren zu bringen. Zumindest ist es effizient. Macht leider auf Dauer die Autos kaputt. Was wohl wiederum die Autoindustrie erfreut. Und wohl auch ein Grund ist, warum es hier so viele Autos mit Automatikgetriebe gibt. Ständig muss man bremsen, beschleunigen, bremsen, beschleunigen und wieder bremsen. Ich bin die ganze Zeit am Schalten und mein kleiner blauer Franzose stöhnt. Je weiter ich mich vom Zentrum und der Strandpromenade entferne, desto verwahrloster wirkt die Gegend. Müll sammelt sich am Straßenrand. Die Wandfarbe der Häuser bröckelt herunter. Wohnungen in diesem Teil der Stadt sind günstiger. Überfälle und Diebstähle keine Seltenheit.

Ich parke das Auto am Straßenrand. Gehwege sind praktisch nicht vorhanden. Sie sind teilweise so schmal, dass gerade mal eine Person darauf gehen kann.

Vor einem weißen Gebäude bleibe ich stehen. Die große Holztür ist verriegelt. Klingeln gibt es keine. Mit meinem Handy rufe ich Sara an. Lasse sie wissen, dass ich vor ihrer Haustür stehe. Hat man kein Handy, muss man rufen. Und zwar laut.

Sara macht mir auf. Gemeinsam gehen wir die Treppen hoch und kommen auf einen überdachten Gang, von dem aus mehrere Wohnungen abgehen. Ich folge ihr in ihre kleine Wohnung. Sie besteht aus einem Wohnbereich mit einer kleinen Küchenecke, einem Schlafzimmer und einem Duschbad. Sara wohnt hier alleine.

Kennengelernt haben wir uns bei den Ausflügen zu den Walhaien, wo auch Sara als Reiseleiterin gearbeitet hat. Sie spricht sechs Sprachen, und das fließend. Geboren in Indien wurde sie als Säugling von Belgiern adoptiert, wo sie auch aufwuchs. Nun lebt sie schon seit vielen Jahren in der Karibik. Ihr Leben hat sie dem Reisen und Abenteuer gewidmet. Viele Länder durfte sie schon ihr Zuhause nennen. Auf Anhieb verstanden wir uns prächtig und freundeten uns schnell an. Ich erzähle ihr von meinem Urlaub in Mexiko City und meinem Liebes-Dilemma. Dass ich mit dem Gedanken spiele, mich von Carlos zu trennen. Sara hört mir zu. Sie hat eine Idee.

Wir verlassen ihre Wohnung und fahren immer weiter nach Norden. Als wir am Stadtrand ankommen, fahre ich in eine Wohnanlage. Alle Häuser sind hier praktisch identisch. Kleine einfache Zwei-Etagen-Häuser mit einer kleinen Rasenfläche davor. Einige Besitzer haben ihrem Haus einen persönlichen Touch gegeben, indem sie zum Beispiel das Haus gelb angestrichen oder die Einfahrt zu einer Garage umfunktioniert haben. Es dämmert langsam, und die Blauraben halten ihr abendliches Zwitscherkonzert. Zu Hunderten sammeln sie sich in den Bäumen pünktlich zum Sonnenuntergang, wenn das Himmelsblau in ein leuchtendes Rosarot übergeht.

Wir klopfen an die Haustür. Eine schlanke Frau mit grauen langen Haaren öffnet uns. Ihr Gesicht braun gebrannt und faltig. Sie ist sicher schon über fünfzig, schätze ich. Und doch macht sie einen jung gebliebenen und sehr agilen Eindruck.

Freudig begrüßt sie uns, und wir setzen uns alle an einen weißen Tisch im Wohnraum. Die Wohnung wirkt kahl und hell. Alles ist sehr klein. Irgendwie trist. Möbel hat sie kaum. Dann holt sie einen Stapel Karten hervor. Behutsam mischt sie sie. Gespannt schaue ich ihr dabei zu. Sie bittet mich, das gleiche zu tun. Also nehme ich den dicken Stapel an mich. Mische ihn. Bin dabei jedoch nicht besonders geschickt und ständig fällt mir eine Karte aus der Hand. Schließlich gebe ich ihr den gemischten Stapel zurück. Sie legt die Karten verdeckt auf den Tisch, und ich soll mir nun sieben aussuchen. Mit der linken Hand. Denn die ist für die Emotionen zuständig. Nicht für den Verstand. Gesagt, getan.

Die Frau breitet anschließend meine ausgesuchten sieben Karten auf dem Tisch vor mir aus. Dreht sie um, sodass Motive erscheinen. Merkwürdige Motive. Ich habe keine Ahnung, was die Motive bedeuten. Sie schaut mich an, und ich bin gespannt, was sie mir sagen wird. Weiß sie doch nichts von mir.

„Ich sehe eine starke Liebe“, beginnt sie. „Zwei Kinder. Ein Junge und ein Mädchen. Der Mann liebt dich. Seine Gefühle für dich sind echt. Aber er hat Angst.“

Ich bin verblüfft und erleichtert. War doch genau das meine schlimmste Befürchtung, dass Luis nur mit mir spielt. Ich gehe einfach mal davon aus, dass mit der starken Liebe Luis gemeint ist. Und doch, was ist mit Carlos?

„Was ist mit meiner Ehe?“

„Ich sehe keine Ehe, keine andere Beziehung. Das bedeutet, dass sie nicht mehr existiert, sie ist tot. Möchtest du, dass die neue Liebe leben kann, so musst du den Tod der Ehe akzeptieren und mit ihr abschließen.“

Ich war nicht erstaunt über diese Erkenntnis. Spüre ich doch schon seit Langem, dass meine Ehe am Ende ist. Meine Gefühle zu Carlos abgestorben sind.

„Wenn du noch Fragen hast, dann stell sie und zieh eine Karte. Sie wird uns die Antwort geben.“

Ich überlege. Und doch ist es im Prinzip nur eine Frage, die mich wie verrückt Tag und Nacht verfolgt.

„Wird sich Luis scheiden lassen?“

Erneut mische ich die Karten. Atme tief durch. Nehme eine und lege sie offen auf den Tisch. Mir läuft ein eiskalter Schauer den Rücken herunter. Bei den meisten Karten sagen mir die Motive nichts. Doch diese ist anders. Vor mir erblicke ich das Zeichen des Gerichts. Die Frau schaut mich blinzelnd an. „Ich sage dir ja, ihr werdet zusammen kommen und eine Familie gründen.“

13

Vor Sonnenaufgang hat Carlos das Haus verlassen. Wie immer zur Arbeit. In den vergangenen sieben Tage haben wir uns kaum gesehen. Erst am Abend wird er wiederkommen. Als ich das Hupen von der Straße höre, schaue aus dem Fenster. Sie sind da. Es geht los. Mein Körper bebt vor Energie und Lebenslust.

Zwei Tage ist es her. Nachts kurz vorm Einschlafen lagen Carlos und ich, wie so oft in letzter Zeit, schweigend nebeneinander im Bett. Wieder mal aufs Neue versuchte ich, mit ihm zu reden. In der Hoffnung, er würde mich ernst nehmen.

„Ich ziehe aus. Muss meinen Kopf frei bekommen und mir klar werden, was ich möchte. Du weißt genau wie ich, dass wir nicht mehr glücklich miteinander sind.“

„Ja gut. Mach was du willst“, brummte er desinteressiert, weder wütend noch traurig. Er drehte sich zur Seite und schlief ein. Natürlich hatte ich mir mehr erhofft. Aber ein schlechtes Gewissen brauche ich jetzt sicher nicht zu haben. Zumindest habe ich es versucht. Wieder mal.

Die Schweißtropfen rannen dem dicken Mexikaner das Gesicht herunter, als stünde er unter einer Dusche. Eine Wohnung ohne Pflanzen ist für mich wie eine Wohnung ohne Leben. Dass diese in schweren steinernen Übertöpfen ihr Zuhause haben, findet der braun gebrannte Mexikaner sicher nicht besonders vorteilhaft. Er stöhnt. Seinen dünnen Sohn hat er als Unterstützung mitgebracht. Er selber scheint trotz des opulenten Bierbauchs ein kräftiger Kerl zu sein. Muskelmasse eventuell darunter verborgen. Er nimmt einen großen Schluck aus der Zwei-Liter-Colaflasche. Seine pechschwarzen Haare sind klatschnass.

„Du hättest mir vorher sagen sollen, dass du schwere Übertöpfe aus Stein hast“, grummelt er. Es ist geschafft und ich gebe ihm sein Geld. Als er das großzügige Trinkgeld bemerkt, bekomme ich doch noch ein zurückhaltendes Lächeln zu sehen.

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