Kitabı oku: «Die heilende Kraft Gottes»
Daniel E. Fountain
Die heilende Kraft Gottes
Krankheit, Heilung
und der Faktor Glaube

Für John, Deborah, Roger, Nellie, Patric und Michael, die durch Jesus Christus geheilt wurden, und für die Vielzahl meiner Schwestern und Brüder, die Heilung brauchen.
Er nahm unsere Leiden auf sich und heilte unsere Krankheiten. Matthäus 8,17/Jesaja 53,4
INHALT
Vorwort zur deutschen Ausgabe
Dank
Einführung
1 Weiß Ihr Arzt, wer Sie sind?
2 Heilende Worte
3 Gott erschuf uns sehr gut
4 Wenn die Chemie (nicht) stimmt
5 Die Architektur des Herzens
6 Was hat Sünde damit zu tun?
7 Was hat Jesus damit zu tun?
8 Reinigung des Herzens
9 Frei, um gesund zu sein
10 Die Kraft der Vergebung
11 Krankheit – Tragödie oder Herausforderung?
12 Hoffnung – auch wenn es dunkel ist
Nachwort
Das Team im heilenden Dienst
Der Autor
Literaturhinweise
VORWORT ZUR DEUTSCHEN AUSGABE
Nur das ist wirklich, was wirkt.« Diese eingängige Definition von Carl G. Jung (1875–1961) erklärt die Dinge als fassbare Wirklichkeit, die eine Wirkung haben oder ausüben. Sie enthält zugleich eine bohrende Anfrage an uns Christen: Haben wir nicht gerade hier unsere Probleme? Wie wirksam sind unsere geistlichen Erfahrungen denn in unserem alltäglichen Leben? Konkret: Was hat unser Glaube mit Gesundheit, Krankheit und Heilung zu tun? Diese Bereiche sind mehr als andere von existenzieller Bedeutung für uns. Gibt es so etwas wie eine Heilkraft des Evangeliums auch im Körperlichen?
Wenn man krank ist, geht man zum Arzt. Ganz selbstverständlich nehmen wir dann unser Gesundheitssystem, das trotz manch berechtigter Kritik weltweit gesehen immer noch zu den besten zählt, in Anspruch. Schließlich zahlt man doch monatlich einen nicht unbeträchtlichen Beitrag an seine Krankenkasse! Für den geistlich-spirituellen Bereich des Lebens sorgt die Kirche oder Gemeinde, vorwiegend sonntags, manchmal auch in der Woche. Der Pastor und vielleicht auch noch die Presbyter und Ältesten der Gemeinde sind für seelsorgerliche Belange zuständig.
Man hat den Eindruck, als stünden die materielle Welt unseres Körpers und unser geistlich-spirituelles Leben einander beziehungslos gegenüber. »Der Glaube hat sich bei uns an vielen Stellen abstrahiert und die Leiblichkeit verloren«, so beschreibt ein kirchlicher Verantwortungsträger diese Situation.
Begegnet man Christen aus anderen Kulturkreisen, z. B. aus Afrika, so erlebt man, wie die Erfahrungen von Krankheit, Heilung, Leiden und Tod ganz selbstverständlich fester Bestandteil ihres Glaubens- und Gemeindelebens und ihrer christlichen Existenz sind. Wenn Menschen körperlich krank werden, ist es keine Frage, dass dies gerade in den Rahmen der Gemeinde gehört. Sie nehmen dabei seelsorgerliche Hilfe in Anspruch; das Evangelium zeigt fassbare Wirkungen.
Dr. Daniel E. Fountain hat 35 Jahre als Missionsarzt im Kongo gelebt und gearbeitet. Als westlich ausgebildeter Arzt ist er dabei auf Wirklichkeitserfahrungen gestoßen, die seine medizinische Arbeit, sein Denken als Arzt und seinen Glauben als Christ tief beeinflusst haben. Dabei hat er erfahren, dass Körper, Geist und Seele des Menschen in einem engen Beziehungsgeflecht zueinander stehen – wobei der christliche Glaube eine entscheidende Rolle spielt.
Anhand vieler Beispiele berichtet er, wie sich negative Gefühle, Stressbelastungen und Schuld in das Körperliche eingraben und krank machen. Zugleich schildert er, wie Gott durch sein Wort und seine Kraft wirkt und zur Gesundung und Heilung führt. Dabei wird der kranke Mensch als Person in seiner Ganzheit mit seinen lebensgeschichtlichen Bezügen wahrgenommen und angesprochen.
Durch die verständnisvolle Zuwendung des Arztes dem Patienten gegenüber kann sich dabei eine vertrauensvolle und auch heilsame Beziehung zwischen beiden entwickeln, in der auch Raum für seelsorgerliches Raten und Helfen entsteht.
Bei alledem ist Dr. Fountain der naturwissenschaftlichen Medizin verpflichtet. Er berücksichtigt in seiner Darstellung Forschungsergebnisse etwa aus Medizin, Psychologie und Immunologie. Die jüngsten Erkenntnisse z. B. auf dem Gebiet der Psychoneuroimmunologie und Neurobiologie belegen eindrucksvoll seine Sichtweise.
Bei der Vorbereitung dieser deutschen Ausgabe haben wir uns Gedanken darüber gemacht, an wen sich dieses Buch denn eigentlich richtet. In der amerikanischen Originalausgabe wendet sich Dr. Fountain zuerst an Mediziner, Studenten wie Ärzte. Aber er schreibt so, dass auch Nichtmediziner sein Buch gleichermaßen mit Gewinn lesen können. Biologische Grundkenntnisse und Zusammenhänge werden gerade auch für Leser ohne naturwissenschaftlich-medizinische Vorbildung deutlich.
Dieses Buch wendet sich also an einen breiten Leserkreis; denn wer möchte nicht wissen, welchen Einfluss unser Glaube an Gott und Jesus Christus auf unseren Körper hat, wie sich die Vergebung von Schuld und die Bereinigung der Vergangenheit auf unsere Gesundheit auswirken, welche Zusammenhänge zwischen z. B. chronischen Entzündungen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Gott bestehen?
Dabei will Dr. Fountain keine neuen theologischen Erkenntnisse in der Diskussion um das Verständnis von Gesundheit, Krankheit und Heilung beitragen, sondern er beschreibt seine Erfahrungen als Arzt, aus denen deutlich wird, dass Gottes Wirken auch für uns im Körperlichen heilsam werden kann, wenn wir uns darauf einlassen.
Theologische Diskussionen und Einsichten sind unabdingbare wichtige Hilfestellungen und notwendig zur Orientierung. Sie bleiben aber intellektuelle Gedankenspiele, wenn die praktischen Erfahrungen und Umsetzungen im Alltag fehlen. Zu diesen Erfahrungen will uns Dr. Fountain einladen und ermutigen.
Das Arztbild in unserer Gesellschaft, und damit auch das Verhältnis zwischen Arzt und Patient, verändert sich. Stichworte wie »der Arzt als Unternehmer«, »die Ökonomisierung der Medizin«, »der Patient als Kunde/Klient« machen deutlich, wohin die Reise geht. Dabei verschwindet zunehmend das eigentlich ärztliche Handeln, nämlich der Umgang mit den hilfsbedürftigen und kranken und immer mehr auch mit Rat suchenden gesunden Menschen aus der medizinischen Praxis und Ausbildung. Das hat zur Folge, dass diejenigen, die von Krankheitsnöten und Leid im persönlichen Leben und im Umfeld der Familie betroffen sind und nach Antworten suchen, sich alleingelassen fühlen und deshalb alle möglichen anderen Hilfen in Anspruch nehmen.
Als Christen sind wir unserer Gesellschaft schuldig, den Menschen etwas von der Wirklichkeit Gottes zu bezeugen. Der katholische Theologe Eugen Biser weist auf die therapeutische Kraft des Evangeliums hin, und der protestantische Theologe Paul Tillich (1886–1965) war der Überzeugung, dass der Weg des Heilens von den verschiedenen Möglichkeiten, den Menschen die christliche Botschaft nahe zu bringen, heutzutage der wichtigste sei.
Uns allen ist – in einer Gesellschaft mit immer mehr alten und chronisch kranken Menschen – die Aufgabe gestellt, die Frage: Was bedeuten und was bewirken Krankheit und Gesundheit, Leiden und Tod und wie gehen wir damit um? aufzunehmen und zu beantworten. Mit unseren Fragen und Antworten stehen wir vor Gott, dessen Wirklichkeit wir bezeugen. Wer ist hierzu berufener als diejenigen, die an den glauben und mit ihm leben, der von sich selbst gesagt hat, er werde alle Tränen von ihren Augen abwischen und »der Tod wird keine Macht mehr haben. Leid, Angst und Schmerzen wird es nie wieder geben; denn was einmal war, ist für immer vorbei« (Offenbarung 21,4) und auch dies: »Ich lebe und ihr sollt auch leben« (Johannes 14,19; Luther 1984)?
Die Übersetzung und die Herausgabe dieser deutschen Ausgabe war keine Einzelaktion, sondern erforderte die Mithilfe Vieler. Ein ganz besonderer Dank gilt Karl Lagershausen für seine hervorragende Übersetzung aus dem Amerikanischen sowie seine wertvollen Anregungen darüber hinaus. Während seiner Arbeit stellte sich zunehmende Begeisterung ein, gepaart mit der festen Überzeugung, dass die Darstellung und Sichtweise des Autors zu einer wichtigen und lebendigen Erweiterung unseres Christseins verhelfen kann. Meiner Frau gilt Dank für die Korrektur des deutschen Manuskriptes. David Neufeld hat als Verleger mit viel Einsatz, Sachverstand und Umsicht die Fertigstellung des Buches geleitet. Die Zusammenarbeit mit ihm war zu jeder Zeit harmonisch und hat Freude gemacht. Dafür gebühren ihm unsere Anerkennung und unser herzlicher Dank.
Dem Vorstand und den Mitgliedern der Medizinischen Missionshilfe/Medical Mission Support (MMH/MMS) sei gedankt für die finanzielle Unterstützung.
Dr. med. Gerd Propach
Wettenberg, im Januar 2008
DANK
Viele der besten Gaben Gottes erreichen uns durch andere Menschen. Dieses Buch ist da keine Ausnahme. Vieles von dem, was ich über Gesundheit, Krankheit und Heilung gelernt habe, hat Gott mir durch zahlreiche unterschiedliche Mentoren zuteil werden lassen. Ihnen möchte ich hier meine Anerkennung zollen.
Ungezählte Menschen haben mir veranschaulicht, dass Krankheit tiefer reicht als nur bis ins Fleisch. Viele dieser Menschen waren bereit, mir das Innerste ihrer Seele zu öffnen – immer in der Hoffnung, gemeinsam den lindernden Balsam zu entdecken. Trotz meiner oft heftigen Art und dem Drang, möglichst schnell von einem Krankenbett ans nächste zu stürmen, haben mich diese Menschen dazu gebracht, nach Lösungen zu suchen, die tiefer greifen als Pillen, irgendein Antiseptikum oder eine ganze Batterie chirurgischer Instrumente. Nach und nach habe ich gelernt, dass ich Seele und Geist eines kranken Menschen nicht mit Latexhandschuhen anrühren kann. Genauso wenig kann ich sie berühren, wenn ich mich hinter einem weißen Kittel verstecke. Diesen wunderbaren Menschen, von denen viele Heilung gefunden haben, schulde ich ganz viel Dank.
Eine großartige Gemeinschaft von Kollegen hat mich auf dieser Reise des Lernens von unserem großen Arzt begleitet. Ganz vorn in der ersten Reihe steht Mrs. Felicity Matala, eine Afrikanerin, der Gott viele Gaben anvertraut hat. Ihr umfassendes Verständnis der biblischen Wahrheiten, ihr Gespür für die eigentlichen Leiden der Kranken und ihre mitfühlende und sanfte Art, Patienten Wege zur Heilung aufzuzeigen, sind die Erklärung für viele Heilungserfolge. Gemeinsam haben wir den allgegenwärtigen und zerstörenden Auswirkungen bestimmter Krankheiten auf die menschliche Psyche ins Auge geschaut. Gemeinsam haben wir aber auch die wunderbare Kraft des Glaubens an den Gott entdeckt, der Seele, Geist und Körper wiederherstellen kann.
Ein Ärzteteam, das sich uneingeschränkt in den Dienst am Menschen gerufen sah – einige Afrikaner, andere Deutsche, Schweizer und Nordamerikaner –, war Teil dieses Lernprozesses. Viele Fragen und Anregungen für dieses Buch nahmen Gestalt an, als wir zusammen darüber nachdachten und uns austauschten und als wir gemeinsam unsere Runden durch die einzelnen Stationen machten oder uns trafen, um über Gottes Wort zu sprechen und zugleich über menschliche Krankheiten allgemein oder ganz spezielle Fälle. Mitarbeiter in der Verwaltung, im technischen Dienst sowie das Pflegepersonal unseres Krankenhauses in der Demokratischen Republik Kongo haben viel zu unserem umfassenderen Verständnis und zur Verwirklichung dessen, was Heilung ausmacht, beigetragen.
Ich habe mir die Erkenntnisse weiser Lehrer früherer Zeiten zunutze gemacht. Sir William Osler, Dr. Paul Tournier, Dr. Paul Brand sowie Professoren und Mitstudierende an den Universitäten und während der weiteren medizinischen Ausbildung haben mir den Blick für die grundlegenden Prinzipien der Ganzheitlichkeit des Lebens geöffnet. Sie haben darauf bestanden, den geistlichen Belangen, den persönlichen Beziehungen und den Lebensgewohnheiten kranker Menschen unsere volle Beachtung zu schenken. Sie haben mir gezeigt, von welch entscheidender Bedeutung es ist, sorgfältig auf das zu hören, was der Patient wirklich mitteilen will.
Die Mitarbeiter des Verlages Harold Shaw Publishers haben mich ermutigt und mir wertvolle Ratschläge gegeben. Von Beginn an war mir klar, dass es ihnen nicht nur darum ging, ein weiteres Buch zu veröffentlichen. Sie teilten meine Vision für dieses Buch: für den ganzen Menschen zu sorgen; das Buch den leidenden Menschen, an die es sich vor allem richtet, zugänglich zu machen und nicht zuletzt all denen, die sich um kranke Menschen kümmern, Hilfestellung zu bieten. Sie haben unermüdlich mit mir zusammen daran gearbeitet, die Botschaft möglichst klar und ohne unnötiges Drumherum auf den Punkt zu bringen, sodass sie zu Herzen geht und den Verstand berührt.
Meine ganze Familie war von Beginn an beteiligt. Für meine Frau Miriam und mich war es unser Leben. Gemeinsam haben wir gerungen, wenn wir vor zunächst unlösbaren Fragestellungen standen, gegen die Feinde ankämpften, die alles mies machen wollten, und natürlich gegen all das Böse, das menschliches Leben zerstören will. Wir haben zusammen geweint, wenn wir Gefechte verloren hatten. Sie hat mir geholfen, meinen Glauben an den Gott lebendig zu erhalten, der Leben und Gesundheit will und der die Schlachten, die wir schlagen, zu seinen Schlachten macht. Mit Gott zusammen haben wir an vielen Siegen teilgehabt.
Unsere Kinder und inzwischen auch unsere Enkelkinder haben sich diese Vision ebenfalls zu eigen gemacht. Darüber freue ich mich riesig, denn an sie und ungezählte andere Freunde im heilenden Dienst reiche ich das Staffelholz weiter.

EINFÜHRUNG
Krankwerden ist menschlich. Auf die eine oder andere Weise trifft es jeden. Wenn wir krank werden, ist es nur natürlich, dass wir wieder gesund werden wollen. Wir wollen die Schmerzen loswerden, das Fieber, die Schwäche oder was immer unser Unwohlsein verursacht. Wenn wir wirklich krank sind, wenden wir uns an jemanden, von dem wir glauben, dass er uns helfen kann, wieder gesund zu werden. Aber finden wir immer die nötige Hilfe?
Krankheit, Heilung und der ganze Mensch
Die medizinischen Berufe haben ein großes Problem. Ich darf das so sagen, weil ich selbst Arzt bin. Wir konzentrieren uns zu sehr auf die Krankheit und auf den betreffenden Körperteil, der krank zu sein scheint. Und wir verwenden zu wenig Aufmerksamkeit auf die Person, die krank ist, und darauf, wie sie versucht, mit der Krankheit fertig zu werden.
Als kleiner Junge bekam ich Tuberkulose. Der Arzt sagte meinen Eltern, dass der obere Lungenlappen betroffen sei, ebenso die Lymphdrüsen in meiner Brust und im Nacken. Erst Jahre später wurde mir bewusst, dass ich erkrankt war und nicht ein Lungenlappen und ein paar Lymphdrüsen.
Während meiner Ausbildung zum Chirurgen im Veterans Administration Hospital assistierte ich dem Chefarzt der chirurgischen Abteilung. Wir operierten einem 30-jährigen Kriegsteilnehmer zwei Drittel seines Magens weg. In den Monaten zuvor hatten wir uns völlig erfolglos darum bemüht, ihm das Trinken abzugewöhnen. Als sein Magengeschwür stark zu bluten begann, waren wir gezwungen, ihn zu operieren, um sein Leben zu retten. Drei Tage später fragte er meinen Chef während der Visite: »Doktor, wann kann ich wieder mit dem Trinken anfangen?« Wir hatten sein Leben gerettet, indem wir den Krankheitsherd in seinem Magen beseitigt hatten; aber wir hatten es nicht geschafft, den ganzen Mann zu heilen.
Heilung hat mit Seele und Geist zu tun, genauso wie mit dem Körper. Tief im Innern scheinen wir das alle zu spüren; aber wir im Gesundheitsdienst Tätigen haben diesen Aspekt der Heilung viel zu lange vernachlässigt. Wenn Sie zu uns kommen, erzählen Sie uns, wo es weh tut und wie es Ihnen gerade geht. Aber selten fragen wir Sie, wie Sie leben und was Sie im Innersten bewegt, welche Sorgen, Ängste und Stresssituationen Sie durchleiden. Teil unseres Problems dabei ist schlicht und ergreifend die fehlende Zeit. So gehen Sie – eine vollständige Person – wieder heim, ohne dass Ihrer ganzen Persönlichkeit Rechnung getragen oder geholfen wurde.
Im Alten Testament stoßen wir auf ein bedeutendes Sprichwort jener Zeit: Das Bett ist zu kurz, um sich auszustrecken, die Decke ist zu schmal, um sich zuzudecken (Jesaja 28,20). Jesaja hätte auch die moderne Medizin und unser Gesundheitssystem nicht treffender analysieren können. Die medizinische Wissenschaft hat den Kranken ein prächtiges »Bett« bereitet; aber dieses »Bett« ist zu kurz. Der Körper passt zwar hinein, aber Seele und Geist finden darin keinen Platz. Die Psychologie hat eine liebliche »Decke« gestrickt. Aber sie ist zu schmal. Sie deckt den Geist nicht mit ab.
Als Menschen sind wir geistig-geistliche Wesen und soziale obendrein. Die medizinische Wissenschaft vollbringt Großartiges im physischen Bereich und die Psychologie im psychischen. Aber die Heilung von Seele und Geist, die Wiederherstellung unserer Beziehungen zu anderen und das Zurechtbringen der ganzen Persönlichkeit erfordert noch etwas anderes.
Ich glaube, dass Gott diese Welt und alles, was darin ist, geschaffen hat, uns Menschen eingeschlossen. Ich glaube, dass Gott gut ist und dass er alles gut gemacht hat und dass sein Plan für uns gut ist. Dieser Plan umfasst Gesundheit, Leben und Freude. Die Realität sieht allerdings anders aus. Wir sind häufig krank, das Leben verliert oft Sinn und Ziel und wir können dieses umfassende Ganzsein auf dieser Erde nicht verwirklichen. Wo kommt Gott da vor, seine Güte und Liebe und all das? Können wir von ihm Hilfe erwarten und Hoffnung, Heilung und Gesundheit?
In der Bibel lesen wir, wie Gott in Jesus von Nazareth in diese Welt kam. Während seines Lebens auf dieser Erde hat Jesus Menschen geheilt. Heilt er heute noch Kranke, wie er das vor 2000 Jahren getan hat? Ich glaube, dass er das tut, obwohl ich mir nicht einbilde, alle Fragen, die diese Aussage aufwirft, beantworten zu können. Während ich mit diesen Fragen gerungen und zugleich überlegt habe, wie sie uns als Menschen heute berühren, habe ich etwas gelernt, was Ihnen in Ihrer Krankheit von Bedeutung sein kann (oder auch anderen, denen Sie beistehen möchten).
Gott will, dass wir die Welt, die er geschaffen hat, erforschen. Dazu hat er uns die Fähigkeiten gegeben. Wir studieren die Wissenschaften, zu denen Medizin und Psychologie gehören, mit all ihren Unterabteilungen. Die Wissenschaft trägt viel dazu bei, angesichts von Krankheit und körperlichen Gebrechen Hilfe zu leisten. Aber eines fehlt noch, oder besser: einer fehlt noch.
Die Bibel spricht von Jesus als dem Retter oder Heiland. Moderne Bibelübersetzungen werden den alten hebräischen oder griechischen Ausdrücken, die wir mit »Retter« wiedergeben, nicht ganz gerecht. Das hebräische Wort Yeshua und der griechische Ausdruck Soter bedeuten beide Retter und Heiler. Diese beiden Bedeutungen sind sowohl dem hebräischen als auch dem griechischen Ausdruck eigen. Das bedeutet, dass Heilung ein Teil der Erlösung ist. Yeshua bzw. Rettung heißt Befreiung, Gesundheit, Heilung, Rettung oder rettende Gesundheit. Die umfassende Bedeutung von Rettung ist »vollständig gemacht werden«, befreit werden von Sünde, von Sorge und Krankheit. Jesus ist sowohl unser Heiler als auch unser Retter. Aus diesem Grund wurde er »Großer Arzt« genannt.
Leiden Sie an einer Krankheit, die Sie weiterhin plagt, obwohl die medizinische Wissenschaft das Ihre geleistet hat? Schmerzt Ihr Körper oder gibt es Dinge, die Sie in Ihrem Geist und Gemüt beschweren, die einfach nicht verschwinden? Gibt es Hoffnung auf Entlastung, eine Wiederherstellung der Gesundheit und ist ein erfülltes und von Freude geprägtes Leben möglich?
Unter Umständen haben Sie kranke Angehörige, irgendwie behinderte und belastete Menschen in Ihrer Umgebung? Sie haben sie betreut, beraten, für sie gebetet, sie zu allen möglichen Ärzten und Kliniken gebracht, und alles war umsonst. Kann man darüber hinaus noch etwas tun?
Gott hat uns Möglichkeiten zur Verfügung gestellt
Gott hat uns zu unserer Gesunderhaltung viele Ressourcen zur Verfügung gestellt. Einige davon finden sich in unserem Körper, ein integriertes System gewissermaßen. Hinzu kommt unser Innenleben mit unseren Gefühlen und Wahlmöglichkeiten. Wir kommen auf diese Ressourcen später im Einzelnen zurück. Dem fügt die medizinische Wissenschaft noch weitere hinzu, und zwar für Leib und Seele. Darüber hinaus steht uns eine weitere potenzielle therapeutische Möglichkeit offen: der Glaube, speziell der Glaube an Jesus Christus.
Vielleicht wissen Sie wenig bis nichts über Gott oder Jesus Christus, aber der Inhalt dieses Buches interessiert Sie. Das ist gut so. Falls Sie krank sind und weder die eigenen Ressourcen noch die der medizinischen Wissenschaft mit aller verfügbaren professionellen Hilfe ausgereicht haben, um Sie voll und ganz wieder herzustellen, dann kann dieses Buch Ihnen helfen. Es kann Ihnen helfen, ein umfassenderes Bild von sich selbst zu gewinnen. Sie werden die wunderbaren Möglichkeiten entdecken, die Gott zur Erhaltung unserer Gesundheit in uns hineingelegt hat. Sie treten in Kraft, wo etwas falsch läuft und wo unsere Gesundheit beeinträchtigt wird; und wir werden sehen, was wir selbst dazu beitragen können. Geistliche Ressourcen können sich im Körperlichen segensreich auswirken: Der Glaube ist da, wo es um Gesundheit und Heilung geht, ein wesentlicher Faktor.
Wir werden uns in diesem Buch also mit folgenden Fragen beschäftigen:
1. Wie wirken sich unsere Emotionen, Gefühle und Grundhaltungen – unser innerstes Wesen also – auf unsere Gesundheit aus?
2. Wie können wir, wenn wir krank werden, mentale, emotionale und geistliche Ressourcen mobilisieren, damit unser Körper mit der Krankheit fertig wird?
3. Wie kann der Glaube an Jesus Christus in Verbindung mit der auf Heilung zielenden medizinischen Wissenschaft helfen, wenn wir krank werden?
Ich bin auf diese Fragen gestoßen, da ich beide Seiten erlebt habe, als Arzt und als Patient. Ich habe lange Monate im Bett verbracht. Ich habe rücklings auf dem Operationstisch gelegen und an die Decke gestarrt. Ich habe den Tod durch das Fenster lugen sehen und gehofft, er würde sich davon machen. Ich habe gegen Schmerzen angekämpft, gegen körperliche Schwäche und gegen die Frustration, es mit einem willigen Geist und meinem schwachen Fleisch zu tun zu haben.
Viel Zeit meines Lebens habe ich am Bett anderer Leidender verbracht. Ich habe von oben auf viele Menschen herabgeblickt, die vor mir auf dem Operationstisch lagen, und Gott gebeten, mir zu helfen, das zu tun, was sie wiederherstellen würde. Ich habe mir die Lebensgeschichte vieler Kranker angehört und versucht, sie zu ermutigen, damit sie den Weg zu neuer Gesundheit beschreiten konnten. Bei all dem habe ich die einschlägigen medizinischen Fachbücher konsultiert und genauso den Großen Arzt. In all den Jahren haben mich Gott und die medizinische Wissenschaft vieles gelehrt, was es mit Heilung auf sich hat. Und ich lerne immer noch. Auf den folgenden Seiten finden Sie ein wenig von dem, was ich von Gott gelernt habe – »Randnotizen« gewissermaßen zu den Wegen, die er uns führt; denn das ganze Ausmaß seiner Wege ist unerforschlich (Römer 11,33).

1
WEISS IHR ARZT, WER SIE SIND?
Sind Sie eine Person oder einfach nur eine Ansammlung unterschiedlicher Organe, die durch Haut und Knochen zusammengehalten wird? Sind Sie ein isoliertes Individuum oder sind Sie Glied einer Familie, einer größeren Gemeinschaft, und haben Sie darüber hinaus einen Freundes- oder Kollegenkreis? Sind Sie lediglich eine hochkomplexe Ansammlung von Kohlehydraten, Amino-und Fettsäuren, die irgendwie denken kann; oder sind Sie ein Wesen, das mit anderen geistbegabten Wesen des Universums in Beziehung zu treten vermag?
Wenn Sie einen Arzt aufsuchen, was erwarten Sie von ihm, wie er Sie wahrnehmen soll? Als einen möglichen Fall mit Gallensteinen? Oder als einen potenziellen Herzpatienten? Oder hoffen Sie, der Arzt möge Sie als ganze Person betrachten, mit der etwas nicht in Ordnung ist?
Eine vollständige Person?
Die westliche Kultur hat das Konzept und das Verständnis vom Menschsein radikal verändert. Unsere wissenschaftlichen Errungenschaften machen uns glauben, durch Sezieren und Molekularbiologie könnten wir alles, was für das Menschsein von Bedeutung ist, erklären. Unsere gegenwärtige Kultur und sogar viele unserer religiösen Anschauungen und Praktiken betonen das Individuum und vernachlässigen die Auswirkungen, die Beziehungen auf uns ausüben. Indem wir unserem Verstand und dem Verstehenwollen oberste Bedeutung beimessen, gehen wir viel zu oft davon aus, dass es in unserem Leben und der gesamten Natur nichts gibt, was unser Verstand schließlich nicht doch meistern und folglich manipulieren könnte.
All das hat sich sehr stark auf unseren Umgang mit Gesundheit und Krankheit ausgewirkt. Die moderne Medizin ist mechanisiert und technisiert und in vielen verschiedenen Schubladen untergebracht worden. Wenn Sie krank sind, konzentrieren sich die Ärzte darauf, festzustellen, was aus der Fassung geraten ist und wie es wieder repariert werden kann. Wir registrieren Ihren Namen zusammen mit weiteren persönlichen Daten, um die medizinischen Unterlagen und die Formulare für die Krankenkasse ausfüllen zu können.
Während des dritten Jahres meiner medizinischen Ausbildung arbeitete ich einige Zeit in der Ambulanz. Ich begann meine Runde in der allgemeinmedizinischen Abteilung. Einmal klagte eine Frau mittleren Alters über bereits längere Zeit anhaltende Schmerzen im unteren Rückenbereich. Wir vermuteten ein orthopädisches Problem und überwiesen sie an die entsprechende Klinik. Einige Tage später schickten die Kollegen die Patientin mit einer Notiz zu uns zurück, dass alle Untersuchungen ergeben hatten, dass ihr Rücken, ihre Knochen und Gelenke keine Krankheitssymptome aufwiesen.
Wir schickten sie zur gynäkologischen Klinik. Auch von dort kam sie mit dem Bericht zurück, man hätte keine Anzeichen von Erkrankung ihrer Organe im Becken gefunden. Es folgte die urologische Klinik, und nach ausgedehnten Labor- und Röntgenuntersuchungen wurde weder in ihren Nieren noch in den Harnleitern oder in der Harnblase etwas gefunden. Schließlich kam sie noch in die neurologische Klinik, wo ebenfalls nichts Außergewöhnliches entdeckt wurde.
Als diese Frau zu uns zurückkam, waren drei Dinge klar: Ihre Schmerzen waren nach wie vor vorhanden, ihr Geld war weg und wir hatten ihr nicht helfen können. Sie verließ die Klinik auf nimmer Wiedersehen. Erst später wurde mir klar, dass sich keiner von uns zu ihr gesetzt und mit ihr über ihr Leben gesprochen, versucht hatte, ihr zuzuhören, wie die Krankheit begonnen hatte. Wir hatten uns bemüht, auf ihre Schmerzen einzugehen, und dabei versäumt, sie als ganze Person wahrzunehmen.
Einige Wochen später in der Klinik für Innere Medizin lief es besser. Ich hatte ein richtiges Erfolgserlebnis, als ich Rasselgeräusche über der Lunge einer etwa 60-jährigen Frau vernahm, die über Kurzatmigkeit klagte. Ihre Knöchel und Beine waren geschwollen. Es war klar, dass ihr Herz nicht richtig funktionierte und wir ihr helfen konnten. Wir verschrieben ihr Digoxin, ein Herzmittel aus Digitalis, für die Herzmuskulatur und ein Diuretikum (ein entwässerndes Medikament). Bereits eine Woche später ging es ihr viel besser. Dann nahm ich mir die Zeit, um mit ihr über längerfristige Maßnahmen einschließlich einer Diät mit wenig Salz, kleiner körperlicher Übungen und regelmäßiger Klinikbesuche zu sprechen.
Diese Frau ging zufrieden nach Hause. Ich hatte ein gutes Gefühl. Wir hatten unseren therapeutischen Triumph. Eine Woche später jedoch konnte ich mich weder an ihren Namen noch an ihren Wohnort erinnern. War sie verheiratet? Danach hatte ich gar nicht gefragt. Wie gestaltete sich ihr Leben in der Familie und im Freundeskreis? Könnte es sein, dass sie Stresssituationen durchzustehen hatte, die ihr Herz zusätzlich belasteten? Danach hatte ich nie gefragt. Erst viel später wurde mir klar, dass ich nicht jene Frau, sondern einen Herzmuskel behandelt hatte.
Das biomedizinische Modell
Beim biomedizinischen Modell der medizinischen Versorgung handelt es sich um folgendes: Mediziner lernen, den Menschen als ein biologisches und rein körperliches Wesen zu betrachten. Irgendetwas Biologisches funktioniert in der Physis des menschlichen Körpers nicht mehr und macht einen medizinischen Eingriff erforderlich. Über die Mechanismen, die uns am Leben halten, wissen wir eine Menge: über das Verdauungssystem, unsere Atmung, den Blutkreislauf und andere uns vertraute -ismen.
Wenn der eine oder mehrere dieser Mechanismen nicht mehr richtig funktioniert, sprechen wir von Kranksein und davon, dass wir das, was nicht in Ordnung ist, reparieren müssen. Aber wo in diesem Modell findet sich der Mensch als solcher?
In unserem Körper greifen eine Menge Mechanismen ineinander, wobei vieles falsch laufen kann. Aber als Person sind wir wesentlich mehr als gut oder nicht so gut funktionierende »Mechanik«. Wir können denken, fühlen, kämpfen und hoffen. Wir treten mit anderen Personen in Beziehung und finden darin so oft Freude und Erfüllung; zuweilen sind wir auch enttäuscht und ärgerlich.
Unglücklicherweise brauchen wir Angehörige heilender Berufe meistens zu lange, bis wir wahrnehmen, dass Enttäuschungen und ungute Gefühle unsere biologischen Mechanismen beeinträchtigen können. Auf der anderen Seite können Freude, Lachen und ein erfülltes Leben im Kreis von Freunden und Familie schlecht funktionierende Mechanismen oft besser wiederherstellen als die aufwendigsten Medikamente oder komplizierte Gerätschaften. All das habe ich während meines Universitätsstudiums nicht gelernt.
Meine persönliche Krankengeschichte
Selbst einmal krank zu werden, gehört für einen Arzt zu den wichtigsten Erfahrungen. Ich habe während zahlreicher Krankheitszeiten viel gelernt – nicht so sehr über Biomedizinisches als vielmehr darüber, wie man für die ganze Person Sorge trägt. Dieser Lernprozess begann bereits lange vor Beginn meines Medizinstudiums.
Ich war sieben Jahre alt, als sich ein weiser Kinderarzt die Röntgenbilder meiner Brust anschaute und meinen Eltern sagte: »Euer Danny hat Tuberkulose.« Diese Worte schlugen im Herzen meiner Eltern ein wie eine Bombe, denn das war 1937, ein Jahr vor Beginn des Antibiotika-Zeitalters. TB war eine der häufigsten Todesursachen, vor allem bei kleinen Kindern. Die »Dreifach-Therapie« damals bestand nicht etwa aus drei Medikamenten, sondern aus Bettruhe, gutem Essen und jeder Menge Sonnenschein. Mir wurde ein Jahr Bettruhe verschrieben und wenigstens drei weitere Jahre, in denen ich nur begrenzt aktiv sein sollte. Der Doktor ließ mich wählen: Entweder in ein gut eingerichtetes Sanatorium, knapp 250 Kilometer entfernt und mit entsprechend ausgebildetem Personal ausgestattet, oder zuhause das Bett hüten. Für meine Eltern gab es da nichts zu wählen: Ich sollte daheim bleiben.
Um es ganz vorsichtig zu formulieren: Für einen hyperaktiven Jungen war die Aussicht, ein Jahr lang das Bett nicht zu verlassen, in höchstem Maße deprimierend. Meine Eltern waren zwar hart bei der Einhaltung des Verschriebenen, aber sie glichen das durch viel liebende Fürsorge aus. Ich lernte bald etwas sehr Wichtiges: Eine Krankheit konnte meine körperlichen Aktivitäten einschränken, aber sie konnte nicht meine gedanklichen Aktivitäten, meinen Geist und meine Kreativität beeinträchtigen.
Bücher wurden meine Begleiter. Der umgedrehte Betttisch wurde in ein Schiff verwandelt, mit dem ich über die sieben Weltmeere segeln konnte. Ich entdeckte, dass Jesus mein Freund war, und wir redeten stundenlang miteinander. Wir überquerten den See Genezareth, durchstreiften Wälder und bestiegen hohe Berge miteinander. Während ich sein Buch, die Bibel, las, habe ich Weisheiten wie Goldklumpen gesammelt, die mir bis heute Wegweisung bedeuten. Nach einem Monat waren mein Gemüt, mein Herz und mein Geist geheilt. Ich bin davon überzeugt, dass dies die Heilung meiner Lungen und der Lymphknoten in meiner Brust beschleunigt hat.
Als ich diese Krankheit jener prägenden Zeit in meinem Leben viele Jahre später analysierte und mir klar machte, was eigentlich damals geschehen war, trieben mich eine Menge Fragen um. Wurde ich lediglich von TB geheilt, oder war ich ganz geworden? Waren es nur meine Lungen, die wiederhergestellt worden waren, oder hatte sich mein ganzes Sein und Wesen zum Besseren gewandelt? Ich war wirklich von TB geheilt worden, aber wie? Die weißen Blutkörperchen in meinen Lungen und Lymphknoten hatten die TB-Bazillen irgendwie unschädlich gemacht; aber was war sonst noch geschehen, was mich gesund gemacht hatte?
Mir wurde bewusst: das Jahr 1937/38 war für mich ein ganz besonderes. Ich hatte viel gelernt: meine Lese- und Schreibfähigkeit weiterentwickelt, geduldiges Warten, Kreativität und Fantasie und eine erste Ahnung davon bekommen, später eventuell selbst den Krankheiten zu Leibe zu rücken und anderen das Leben zu erleichtern. Freunde hatten mich besucht. Der Lehrer des zweiten Schuljahrs schickte mir jeden Tag die entsprechenden Hausaufgaben, sodass ich mithalten konnte. Von meinen Eltern erfuhr ich viel Liebe und Fürsorge; sie waren hervorragende Pflegekräfte. Regelmäßige Besuche beim Kinderarzt bestätigten uns, dass wir auf der richtigen Fährte waren.
Rückblickend erkannte ich, dass mein Geist und Verstand gerade in jenem Jahr zugenommen hatten. Das geschah nicht trotz, sondern wesentlich gerade wegen der Krankheit und durch den Beistand von Familie und Freunden. Hat das alles irgendwie auch meiner Lunge und den Lymphknoten in ihrem Kampf gegen die Infektion geholfen? Mir wurde immer klarer, dass das, was mir als ganzer Person widerfahren war, meine Genesung beeinflusst und gefördert hatte.
Mein Medizinstudium
Als ich Jahre später an der Universität Rochester mein Medizinstudium begann, war ich von den großartigen Möglichkeiten der medizinischen Wissenschaft total begeistert und eingenommen. Die erstaunliche Anatomie des menschlichen Körpers, die ungeheure Komplexität des Zusammenwirkens der verschiedenen Organe – alles das faszinierte mich.
Gleichzeitig las ich weiterhin die Bibel und lernte mehr über Jesus. Ich las dort von Heilungen und beschäftigte mich mit diesen konkreten Beispielen des Wirkens Jesu. Vieles von dem schien über das Medizinische hinaus zu gehen, wenigstens über das, was die medizinische Wissenschaft mir gerade zu vermitteln versuchte. Was meinte Jesus, wenn er einer kranken Person sagte: »Dein Glaube hat dich gesund gemacht«? Waren all die Heilungen, die Jesus wirkte, echte Wunder? Oder lagen ihnen – in einigen Fällen wenigstens – Methoden und Prinzipien zu Grunde, die uns auch heute zur Verfügung stehen?
Ich beschäftigte mich immer wieder mit dem Zusammenhang von Medizin und Glaube. Unglücklicherweise gab es niemanden, der mir helfen konnte, denn diese beiden Lebensbereiche wurden sorgfältig auseinander gehalten. Die medizinische Wissenschaft schließt den Glauben aus, denn der Glaube ist nicht wissenschaftlich messbar. (Die Wissenschaft kann den Glauben genauso wenig widerlegen.) Was ich in der Kirche hörte, stand in keinerlei Beziehung zu wissenschaftlichen oder technologischen Erkenntnissen. Ich fand sehr schnell heraus, dass ich nach Meinung gewisser Leute die Kraft Gottes in Frage stellte, wenn ich Wunder vom wissenschaftlichen Standpunkt aus untersuchte. Aber hat Gott denn gar nichts mit den Wissenschaften zu tun? Schließlich befassen sie sich doch mit dem, was Gott geschaffen hat.
Ich bemühte mich nach Kräften, herauszufinden, wie Jesus in dieses Szenario passt. Ich erinnere mich gut an den Tag, als ich – gerade in meinem ersten Praktikum – im Behandlungszimmer der Station für akute psychiatrische Fälle des Philadelphia General Hospital stand. Durch die großen Glasfenster hatte ich beide langen Korridore im Blick. Ich wusste, wer in den einzelnen Betten eines jeden Zimmers lag. Ich beobachtete einen älteren Iren in einer manisch-depressiven Phase, wie er um einen großen, kräftig gebauten afro-amerikanischen Mann herumtanzte, der, seinerseits völlig unbeweglich, in einer krankheitsbedingten starren Pose die Mitte des Korridors einnahm. Dabei nahmen sie einander überhaupt nicht wahr. Aus meinem Herzen drang eine brennende Frage himmelwärts: Herr, wenn du zehn Minuten auf dieser Station verbringen würdest, du könntest alle diese 40 leidenden Menschen heilen. Kannst du kommen? Seine Antwort war niederschmetternd: Ich bin hier, in dir. Frustriert rief ich aus: Aber was erwartest du, das ich tun soll?
Ich setzte meine Suche fort. Zwei Dinge waren mir allerdings klar:
1. Jesus hat vor 2 000 Jahren Kranke geheilt und wirkte dabei oftmals auch im Zusammenhang mit dem Glauben der Betroffenenin, von Familienangehörigen oder Freunden.
2. Durch die medizinische Wissenschaft werden heutzutage viele kranke Menschen geheilt; aber längst nicht alle und in vielen Fällen nur unvollkommen.
Eine brennende Frage trieb mich um: Jesus hat nicht nur selbst Kranke geheilt; er befahl auch seinen Jüngern, dasselbe zu tun; und sie taten es. Ich war sein Jünger und ich heilte einige von denen, die zu mir kamen. Ich machte mir die Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft zunutze, die Jesus damals so natürlich nicht zur Verfügung standen. Aber welche Rolle spielte der Glaube in dem, was ich tat? Hat die medizinische Technik den Glauben ersetzt? Oder können Medizin und Glaube zusammenfinden und sich der Person als ganzer zuwenden?
Medizin und der Mensch in Afrika
Einige Jahre später ging ich mit meiner Familie nach Zentralafrika. Als einziger Arzt in einem Buschhospital in der Demokratischen Republik Kongo (von 1971 bis 1997 Zaire) blieb mir keine Zeit für ein geordnetes Sprachstudium. Ich lernte die Kituba-Sprache nebenbei – vor allem während der Arbeit in der Klinik. Ich hatte ganz schnell heraus, wie ich eine Magenschleimhautentzündung diagnostizieren konnte: Wenn jemand – gewöhnlich eine Frau – auf eine Stelle im unteren Brustbereich deutete und dann auf ihren Rücken zwischen den Schultern, wusste ich sofort, was ihr Problem war. Mit meinen begrenzten Sprachfähigkeiten konnte ich ohne weiteres Natriumhydrogencarbonat und Belladonna-Extrakt verschreiben und ihnen die nötigen Instruktionen erteilen: langsam essen, scharfe Gewürze vermeiden, drei Mahlzeiten täglich (als ob das für eine afrikanische Frau das Selbstverständlichste von der Welt wäre). Es vergingen Jahre, bis ich gelernt hatte, dass sich hinter jedem Fall von Gastritis chronischer Ärger, Sorgen, Angst, eine zerbrochene Beziehung oder schwere Trauer verbargen. Eine halbe Tonne Natriumhydrogencarbonat können nie und nimmer die wirklichen Ursachen für die Gastritis beseitigen, denn sie liegen jenseits dessen, was wir mit unserem biochemischem Ansatz ausrichten können.
Ich erinnere mich gut an eine stark unterernährte Frau, der ich mit Eselsgeduld erklärte, welche Sorten Nahrung sie zu sich nehmen sollte, um ihrem Körper wieder auf die Beine zu helfen. Als sie nach drei Wochen wieder kam, fröhlich lächelte und sehr viel stabiler wirkte, war ich überrascht, denn solche rapiden Behandlungserfolge bei chronisch Unterernährten erlebten wir selten. Sie erklärte mir, dass eine der Krankenschwestern sie mit Jesus Christus bekannt gemacht hätte, dass Christus in ihr Herz gekommen sei und dass sie wahre Freude und Frieden gefunden hatte. Ihr Appetit habe sich stark verbessert und sie fühle sich viel kräftiger. Nachdem sie gegangen war, fragte ich mich verwundert, wie ihr neu gefundenes geistlichen Leben und ihr Ernährungszustand in Beziehung zu setzen seien. Es hat lange gedauert, bis ich das herausgefunden hatte.
Das waren nur einige wenige von tausenden Fällen, die mir als Arzt das Gefühl der Unzulänglichkeit gaben. Da saß ich tagtäglich in der Klinik, jahrein, jahraus, behandelte ungezählte Patienten mit chronischen Leiden, die immer und immer wieder kamen, dieselben Medikamente und Instruktionen erhielten und dabei keinerlei Besserung erlebten. Das ließ mich ernstlich fragen, was ich damit wirklich erreichte. Das Krankenhaus war dazu da, Leute zu heilen; aber es kam mir jetzt eher vor wie eine Reparaturwerkstatt. Ich sollte eigentlich Arzt sein, also jemand, der heilt; aber ich kam mir vor wie ein Flickschuster, der das eigentliche Problem gar nicht reparieren konnte. Damals erkannte ich nicht, dass dieses eigentliche Problem, das in Ordnung gebracht werden musste, in mir selbst lag. Das lag aber nicht allein in mir, es lag im ganzen System unserer modernen Gesundheitsfürsorge begründet.
Wie der geistliche Faktor ins Bild kam
Obwohl ich als praktizierender Arzt Christ war, wusste ich nicht, wie Glaube und Heilung zusammen gingen. Mit meinen Lippen habe ich den Spruch oft wiederholt: »Wir behandeln und Gott heilt«, aber ich hatte keine Ahnung, wie das funktionierte.
Im Jahr 1984 stellte unser Krankenhaus eine begabte junge Frau ein, die als Pastorin ausgebildet worden war. Felicity Matala hatte gerade die Evangelical School of Theology in der Hauptstadt Kinshasa abgeschlossen, wo sie Kurse in Klinikseelsorge belegt hatte. Frau Matala hatte eine innige, persönliche Beziehung mit Christus, ein tiefgehendes Verständnis der Bibel, eine Ausbildung zur Seelsorgerin sowie die Gabe zuzuhören, zu ermutigen und den Dingen auf den Grund zu gehen. Wir – die Krankenhausärzte – und bald auch die Krankenschwestern begannen, kranke Menschen zu ihr in die Seelsorge zu schicken. Viele litten an Krankheiten, bei denen Stress eine bedeutende Rolle spielte. Andere litten hauptsächlich an physischen Problemen wie Tuberkulose, Zirrhose oder anderen chronischen Infektionen, darunter HIV/Aids. Uns beeindruckte, wie segensreich sich ihre Seelsorge bei denen auswirkte, die mit Beziehungskonflikten zu ihr kamen und Heilung fanden. Wir erlebten oft, wie sich deren körperliche Gebrechen besserten oder schneller heilten.
Wir entdeckten auch, dass eine geistliche Wiedergeburt – das Eintreten in eine persönliche Beziehung mit Jesus Christus – positive physische Wirkungen hervorbrachte. Wir erlebten, wie Gebet in einer Weise wirkte, die die Wissenschaft nicht erklären konnte. Erlebten wir mit, wie Christus heilte, wie er das auf ähnliche Weise einst in Galiläa getan hatte? Wir waren überzeugt: so war es, und dass wir endlich begonnen hatten, für die ganze Person Sorge zu tragen.
Wir erkannten auch den ungeheuren Vorteil, als heilendes Team zusammenarbeiten zu können. Wir Ärzte hatten weder die Zeit noch die Ausbildung, um Kranken bei den Belangen ihres persönlichen Lebens zu helfen, in ihre Gefühlswelt einzutreten oder etwas über ihre Beziehungen herauszufinden. Wir waren auch nicht ausreichend darauf vorbereitet, den oft zeitaufwendigen, weiterführenden seelsorgerlichen Dienst zu tun.
Frau Matala und mir war klar, dass alle Mitarbeiter des Krankenhauses Teil dieses fürsorgenden Prozesses waren. Krankenschwestern und Pfleger verbringen mehr Zeit im persönlichen Kontakt mit den Patienten als Ärzte. (Das ist überall so.) Operationsteams und Geburtshelfer begleiten Menschen in kritischen Phasen ihres Lebens. Sie alle sollten lernen, sich um die ganze Person zu kümmern und ihr wirksam zu helfen.
Darüber hinaus gab es die Mitarbeiter in der Technik und in der Verwaltung. Wie sie zu den Kranken in Beziehung treten, ist im Blick auf das Ergebnis ebenfalls sehr wichtig. Wenn der erste Kontakt eines Patienten mit dem Klinikpersonal zu einer warmherzigen Angelegenheit wird, begründet das bereits ein Vertrauensverhältnis, das für die weitere wirksame Behandlung unbedingt nötig ist.
So nahmen wir – Frau Matala und ich – uns trotz eines vollen Programms die Zeit, eine ganze Reihe unserer Angestellten weiterzubilden. Der Pflegedienstleiter, der dafür bemerkenswerte persönliche Begabungen mitbrachte, half uns dabei. Wir unterrichteten die Schwesternschülerinnen, denn sie sollten gleich zu Beginn ihrer beruflichen Laufbahn mit diesen Aufgabenfeldern vertraut gemacht werden. Kurze Zeit später auf meinem Weg durch die Stationen sah ich immer wieder Mitarbeiter oder Schülerinnen im Gespräch mit Patienten oder wie sie zusammen beteten. Uns wurde bewusst, dass Frau Matala gemeinsam mit ihrem Seelsorgeteam sowie die restlichen Klinikangestellten letztlich Heiler waren, weil die Sorge für den ganzen Menschen endlich ihren Platz gefunden hatte. Das möchte ich an einem konkreten Fall illustrieren.
Tuberkulose, die nicht weichen wollte
Vor einigen Jahren kam John mit schwerer Tuberkulose in unser Krankenhaus. Er war 18 Jahre alt, besuchte die Sekundarschule und war sechs Monate, bevor er zu uns kam, erkrankt. Obwohl er sehr krank war, waren wir zuversichtlich, ihn heilen zu können. Schließlich gab es zur Behandlung von TB hervorragende Medikamente. Wir nahmen ihn auf und verordneten ihm das Standardprogramm, bestehend aus drei Antibiotika.
Nachdem er auf diese Weise einen Monat lang behandelt worden war, hatte sich bei John nichts gebessert; stattdessen wurde er immer kränker. Wir vermuteten, dass seine TB-Bazillen resistent waren gegenüber unseren Antibiotika. Wir behandelten ihn stattdessen mit stärkeren und teureren Medikamenten. Auch das führte zu nichts. Schon bald wurde klar, dass John sterben würde, und niemand wusste, aus welchem Grund.
Eines Tages fand eine Schwesternschülerin heraus, warum John krank war. Sie kam zu uns und erzählte, dass John verflucht bzw. mit einem Bann belegt worden sei. John wollte unbedingt die höhere Schule besuchen, aber seine Eltern hatten dafür kein Geld gehabt. Also hatten sie sich das Geld für den Schulbesuch von einem Onkel geliehen. Einige Monate später hatte dieser das Geld wieder zurück verlangt. Doch Johns Eltern waren viel zu arm, als dass sie es sogleich hätten zurückzahlen können. Der Onkel war darauf hin wütend geworden und hatte John in seiner Gegenwart mit einem Bann belegt. Den Eltern hatte er Vorwürfe gemacht, weil John all sein Geld ausgegeben hatte. Dem Fluch zufolge würde John krank werden und trotz allem, was die Ärzte für ihn tun würden, sterben müssen. Genau das war John vor unser aller Augen im Begriff zu tun, trotz der bestmöglichen medizinischen Betreuung.
Für ein solches Problem haben Ärzte keine Lösung parat. Keine Tablette kann einen Bann aufheben, kein Skalpell ihn entfernen. Im afrikanischen Kontext wird so ein Fluch direkt übertragen und gewöhnlich wörtlich genommen. Wenn so etwas passiert, kann das Ergebnis verheerend sein. Im nordamerikanischen und europäischen Kontext wird so ein Bann eher indirekt gehandhabt. Die Wörter »Krebs« und »Aids« können wie ein Fluch wirken. Das gilt noch viel mehr für Aussagen wie: »Du taugst zu gar nichts, du wirst es nie zu etwas bringen.« Oder: »Sie haben eine unheilbare Krankheit.« Oder: »Bringen Sie Ihre Angelegenheiten in Ordnung, Sie haben nur noch drei Monate zu leben.«
Frau Matala und unsere Schwesternschülerin kannten die Lösung für Johns Problem. Sie machten ihn mit Jesus Christus bekannt, und schon kurze Zeit später wurde John Christ. Darüber freuten wir uns, denn jetzt hatten John und Jesus sich für Zeit und Ewigkeit einander verschrieben. Wir waren der Aufgabe einer traditionellen evangelikalen medizinischen Einrichtung gerecht geworden: Wir hatten John medizinisch aufs Beste versorgt und ihn zu Jesus, dem Großen Arzt, geführt. Aber John starb weiterhin an TB, einer heilbaren Krankheit, und wir wussten nicht, warum. Frau Matala wusste es, und sie gab nicht auf, bis John völlig geheilt war.
Sie fand heraus, dass John Probleme hatte, die tiefer saßen als seine TB, Probleme, die auch seine religiöse Bekehrung nicht gelöst hatten. Sie las ihm aus der Bibel vor, von der Macht Jesu, wie er Kranke geheilt, den Sturm gestillt, Brot und Fisch vermehrt und sogar Tote auferweckt hatte. Und dann stellte sie John eine ganz einfache Frage: »John, wer ist stärker, Jesus oder dein Onkel?«
John war sofort bewusst, dass Jesus stärker ist als sein Onkel. Frau Matala versicherte ihm, dass er jetzt Jesus gehöre und dass die beschützende Kraft Jesu in seinem Herzen stärker sei als die zerstörerischen Kräfte seines Onkels, der ihn töten wollte. Auf diese Weise behandelte sie Johns tief sitzende Angst vor der Macht der Zauberei; und von dieser Angst wurde er befreit.
Frau Matala wusste, dass das noch nicht alles war. Sie fragte John, ob er der Meinung sei, sein Onkel hätte ihm unrecht getan. John antwortete: »Natürlich hat er mir unrecht getan. Er hat versucht, mich zu töten.« Dann erklärte Frau Matala ihm, wie Jesus uns geboten hat, denen zu vergeben, die übel an uns gehandelt haben. Diesen Schritt zu vollziehen, war für John sehr viel schwieriger, denn wie kann man denen vergeben, die uns absichtlich ins Elend stürzen und dabei noch glücklich scheinen? Nichtsdestotrotz – dank der Hilfe von Frau Matala und anderer Mitarbeiter war John in der Lage, seinem Onkel zu vergeben. Ärger und Hass in Johns Herzen waren damit geheilt.
Sein Fieber verließ ihn bald, sein Appetit kehrte zurück, er nahm zu und nach wenigen Monaten war er wieder völlig hergestellt. Der geistliche Faktor, bodenständige Psychologie und eine gute medizinische Versorgung hatten zusammengewirkt. John war heil geworden an Geist, Seele und Leib; er hatte zu einer gesunden Ganzheitlichkeit zurück gefunden.
Eine Krankheit haben oder krank sein
Was war geschehen? Hatte John eine Krankheit oder war er krank? War er kuriert oder geheilt worden? Die englischen Begriffe Disease und Illness, in der Regel beide mit »Krankheit« übersetzt, bezeichnen zweierlei, ebenso wie die Worte »kurieren« und »heilen«. Wir wollen diese Fragen näher betrachten und zugleich klären, wovon wir überhaupt reden.
Krankheit im Sinne von Disease ist ein besonderer Zustand, der unsere Körperfunktionen aus dem Gleichgewicht bringt. Einige dieser Krankheiten kommen von außen – eine Infektion, ein Unfall, eine Vergiftung durch eine schädliche Substanz. Andere sind die Folge von Veränderungen im Inneren einer Person. Irgendetwas hat die normalen, gesunden Körperfunktionen beeinträchtigt. Hoher Blutdruck und Diabetes sind Beispiele für diese Art von Krankheiten. Auch bösartige Tumore gehören dazu, also Veränderungen der Zellfunktionen, wobei gewisse Zellen in chaotischer Manier zu wachsen beginnen.
Wir wissen eine Menge über von außen kommende Krankheiten. Weitaus weniger wissen wir über Krankheiten, die durch Veränderungen in unseren Organen, den Körperfunktionen oder in den Zellen entstehen. Warum verengen sich kleine Arterien und verursachen hohen Blutdruck? Warum produziert die Bauchspeicheldrüse nicht mehr genug Insulin? Warum entarten normale Zellen und lassen so Krebs entstehen?
Krankheit im Sinne von Illness hat demgegenüber etwas mit der Person zu tun. Hier sind all die Unannehmlichkeiten und störenden Dinge gemeint, die einer Person zustoßen und in einem Menschen passieren, wenn eine Krankheit eingetreten ist. John hatte die Krankheit (Disease) TB, aber zugleich war John selbst krank; und letztere Krankheit (Illness) bestand aus wesentlich mehr als nur den Aktivitäten der TB-Bazillen in den Geweben und Organen seines Körpers. Sie wirkte sich auf sein ganzes Sein und Wesen aus, auf seine Gedanken und sein Gemüt, seine Empfindungen und seinen Geist, auf das Zentrum seiner Persönlichkeit.
Kurieren und Heilen
Kurieren bezieht sich auf Krankheit im Sinne von Disease, also auf spezielle Krankheiten. Heilen hat mit der Behandlung von Krankheit im Sinne von Illness, Kranksein im umfassenderen Sinn, zu tun. Während Kurieren darauf zielt, eine Krankheit loszuwerden, geht es beim Heilen darum, einen Menschen wiederherzustellen. Einige Krankheiten können wir heilen. Wir können TB heilen und viele andere Infektionskrankheiten, zuweilen sogar Krebs. Andere, wie HIV/Aids und viele Krebsarten, können wir nicht heilen. Doch selbst angesichts solcher unheilbaren Krankheiten können wir einer Person helfen, indem wir ihr Denken und Fühlen, ihren Geist und ihre Beziehungen heilen. Die Krankheit ist dann zwar immer noch da und kann sogar schlimmer werden, doch Geist und Seele des Patienten sind geheilt und seine produktiven, kreativen Funktionen wieder geweckt worden. Dabei ist es äußerst spannend, zu beobachten, dass die Heilung des Herzens und des Geistes zur Folge haben kann, dass selbst so genannte unheilbare Krankheiten zurückgehen und gelegentlich sogar ganz verschwinden.
Probleme bei der Behandlung
Wir wollen das Kurieren von Krankheiten und die Heilung des ganzen Menschen in Einklang bringen. Wir wollen für den ganzen Menschen sorgen – für Leib, Seele und Geist. Doch dabei sind einige Probleme zu überwinden. Zunächst einmal ist die Behandlung von Kranken in unserer Zeit vom Schubladendenken geprägt: Die einen sind für den Körper zuständig (und da sorgen dann Spezialisten für spezielle Körperteile und spezielle Körperfunktionen); andere Fachärzte richten ihr Augenmerk auf den mentalen und emotionalen Zustand einer Person; und eine weitere Person im Dienst der Fürsorge – gewöhnlich ein Pastor – bemüht sich um die geistlichen Aspekte. Die meiste Zeit haben die verschiedenen Behandelnden keinerlei Kontakt miteinander, geschweige denn, dass sie einander gezielt wegen eines bestimmten Patienten konsultieren, den sie unter Umständen gleichzeitig behandeln.
Ärzte, Krankenschwestern, medizinisch-technische Assistenten, Physiotherapeuten, Psychologen, Psychiater, andere Therapeuten und Sozialarbeiter, Krankenhausseelsorger und Pastoren und wer immer sonst noch mit kranken Menschen zu tun bekommt – sie alle erhalten ihre Ausbildung in ihrem jeweiligen Fachbereich. Sie haben ihre eigenen Kliniken oder Büros, wo sie sich um die Patienten kümmern. Aber das Gesamtkonzept sieht nicht vor, dass die Angehörigen dieser Heilberufe zusammenarbeiten, obwohl die Menschen, denen zu helfen sie sich bemühen, diese mehrfache und gleichzeitige Hilfe nötig hätten. Wenn ich als Arzt den Eindruck habe, Sie sollten einen Psychologen oder einen Seelsorger konsultieren, erfordert das einen zweiten Arzttermin und möglicherweise eine Fahrt ans andere Ende der Stadt. Zudem kostet es zusätzliches Geld. So fügen wir den Beschwernissen – verschiedene Örtlichkeiten und Termine – noch ein wirtschaftliches hinzu. Und wenn ich einen Patienten dann zum Psychologen oder Seelsorger überwiesen habe, ist meine Aufgabe bei der Behandlung dieses Patienten beendet. Ich werde jedenfalls nicht bei den anderen Behandelnden nachfragen, und niemand wird mich von sich aus informieren. Ich kümmere mich um einen Teil von Ihnen und irgendjemand kümmert sich um andere Bereiche.
Und doch erfordert Heilung eine konzertierte, koordinierte Anstrengung all jener, die zum Heilen ausgebildet, begabt und sogar berufen sind.
Der Faktor Glaube
Das zweite große Hindernis bei der umfassenden Heilung einer Person ist die Vernachlässigung spiritueller Ressourcen. Wir alle gebrauchen in unserem heilenden Dienst hoch komplizierte Technologie und in der Psychologie und Psychotherapie komplexe philosophische Systeme. Und dabei beschränken wir uns auf die von der Technologie vorgegebenen Modelle.
Der wichtigste Bestandteil fehlt: Glaube – diese der äußeren Wahrnehmung sich entziehende Wesensart unseres Herzens, der Vertrauen und Hingabe innewohnt. Glaube ist eine Beziehungssache, eine Beziehung, die sich letztlich auf eine Kraft richtet, die jenseits unseres eigenen Selbst liegt – auf Gott, der helfen und alles wieder zusammenfügen kann. Ich schreibe als Christ, und ich schreibe davon, wie der Glaube – Vertrauen und Hingabe an Jesus Christus – Geist und Seele wiederherstellen und dadurch die Heilung des Körpers fördern kann.
Die Kraft Jesu, zu heilen, ist eine reale Kraft und hat ihren Ursprung außerhalb der menschlichen Psyche. Die Worte Jesu können psychologisch gesehen hilfreich sein, genauso wie allgemein die Worte der Bibel. Mehr noch, die Gegenwart des Geistes Jesu Christi in uns kann unseren Geist heilen. Wenn Jesus aufgrund unserer Einladung in unser Leben kommt (und nur so vermag er einzutreten), kann er uns sogleich seine Kraft zur Heilung unseres Herzens, unserer Sinne, unserer Seele und unseres Geistes verfügbar machen und dadurch unseren Körper stärken.
Für mich besteht der geistliche Faktor darin, Jesus Christus in den Heilungsprozess mit einzubeziehen. So wird seine Kraft all denen zuteil, die sie begreifen und ergreifen wollen, sodass Christus bei der Heilung des ganzen Menschen Hand in Hand mit den Errungenschaften von Medizin und Psychologie arbeiten kann. Es ist diese geistliche Dimension, die ich in der Medizin vermisse und genauso in vielen christlichen Heilungsbemühungen, meine eigenen während vieler Jahre eingeschlossen.
Wir alle so unterschiedlich geprägten und ausgebildeten Mitarbeiter heilender Dienste müssen zueinander finden und als Team arbeiten. Wenn wir dann dem Glauben an Christus in unseren Praxen Raum geben, bringen wir das zusammen, was zur Heilung der ganzen Person – Körper, Geist und Seele – nötig ist. Darum geht es in diesem Buch.
Johns eigentliches Problem war ein soziales – der Konflikt zwischen seinen Eltern und seinem Onkel. Der Fluch seines Onkels bewirkte bei John eine Krankheit im Geist. John glaubte, er würde krank werden und müsse sterben; Sinn und Zweck seines Lebens waren zerstört worden. Frau Matala und einige Schwestern halfen ihm, dass Jesus in sein Leben kam, und die Gegenwart Christi in seinem Herzen heilte seinen Geist und gab seinem Leben einen neuen Sinn. Die Worte Jesu, wie sie in der Bibel aufgezeichnet sind, heilten ihn psychisch, indem sie ihm halfen, seine Ängste und seine unguten Gefühle seinem Onkel gegenüber zu überwinden und ihm zu vergeben. Darauf konnte Johns Körper dann reagieren, und er wurde gesund. Das schloss die Heilung von Tuberkulose mit ein, eine Heilung, die wir Ärzte mit all unseren medizinischen Fähigkeiten und Möglichkeiten selbst nicht bewerkstelligen konnten.
Johns Geschichte zeigt, wie Medizin, Seelsorge und Glauben an Jesus Christus – an einem Ort – zusammen wirken können, um einen Menschen ganz wiederherzustellen. Lässt sich so etwas sowohl wissenschaftlich als auch biblisch erklären? Sehen wir uns zunächst an, wie Jesus selbst kranke Menschen heilte.

2
HEILENDE WORTE
Die Schreiber der Evangelien zeigen eindeutig, dass Jesus den ganzen Menschen heilen wollte, wenn er sich mit kranken Menschen befasste. Er wollte Leib, Seele und Geist wiederherstellen und den Menschen ermöglichen, in den Kreis ihrer Familie und Gemeinschaft zurückzukehren.
Eine Frau mit einem »gynäkologischen Problem«
Wie hat Jesus den ganzen Menschen geheilt? Und wie kann Jesus jeden von uns heilen, in welcher Situation auch immer? Die folgende Geschichte steht im 5. Kapitel des Markus-Evangeliums.
In der Menge war auch eine Frau, die seit zwölf Jahren an starken Blutungen litt. Sie hatte sich schon von vielen Ärzten behandeln lassen und dabei ihr ganzes Vermögen ausgegeben. Aber niemand konnte ihr helfen. Ihr Leiden war eher schlimmer geworden. Dann hatte sie davon gehört, dass Jesus Kranke heilt. Deshalb drängte sie sich durch die Menge an Jesus heran und berührte von hinten seinen Mantel. Dabei dachte sie: »Wenn ich wenigstens seine Kleider berühren kann, werde ich bestimmt gesund.«
Und tatsächlich: Sie merkte sofort, dass sie von ihrem Leiden befreit war. Die Blutung hörte auf. Aber auch Jesus spürte, dass heilende Kraft von ihm ausgegangen war. Deshalb drehte er sich um und fragte: »Wer hat mich angefasst?« Seine Jünger antworteten: »Die Leute bedrängen dich von allen Seiten, und da fragst du, wer dich angefasst hat?«
Aber Jesus sah die Frau an, die ihn berührt hatte. Die war erschrocken und zitterte am ganzen Leib, denn sie wusste ja, was an ihr geschehen war. Sie fiel vor ihm nieder und sagte ihm alles. Jesus sprach zu ihr: »Meine Tochter, weil du so fest an mich geglaubt hast, bist du gesund geworden. Gehe in Frieden. Du bist geheilt« (Verse 25–34).
Bevor wir diese Geschichte näher betrachten, lassen Sie uns drei Prinzipien der Bibelauslegung bedenken. Zuerst: Obwohl die Bibel aus mehreren Büchern besteht, ist sie doch ein einheitliches Ganzes. Viele alttestamentliche Konzepte beleuchten und illustrieren neutestamentliche Wahrheiten. Das gilt auch für diesen Text: Eine alttestamentliche Schriftstelle wirft ein bedeutendes Licht auf unsere Geschichte.
Zweitens ist es wichtig, den kulturellen Kontext eines Textes zu kennen. Was waren die Glaubensauffassungen, die Verhaltensnormen und die Gewohnheiten der Menschen, unter denen sich eine Geschichte ereignete oder an die geschrieben wurde? Wie haben es die Menschen damals verstanden und aufgenommen? Jesus war Jude. Diese Frau war Jüdin; die jüdische Kultur spielt in diesem Drama eine wichtige Rolle.
Drittens hat Gott uns Verstand und Vorstellungskraft gegeben, und er erwartet von uns, dass wir beim Umgang mit der Bibel davon Gebrauch machen. Viele Geschichten sind sehr knapp gehalten und schildern nur wenige Einzelheiten, oft nur das Nötigste. Indem wir mit logischen Überlegungen, einer gewissen Vorstellungskraft und der Leitung des Heiligen Geistes an die Sache heran gehen, können wir andere Einzelheiten mit einbeziehen, die, obwohl im Text nicht ausdrücklich erwähnt, höchstwahrscheinlich aber vorkamen. Mit anderen Worten: Mittels einer inspirierten Vorstellungskraft können wir zwischen den Zeilen lesen.
Der physische Aspekt
Diese Frau hatte jahrelang an unregelmäßigen Blutungen gelitten. Markus sagt nichts über deren Ursache. Es war gewiss kein bösartiger Tumor, denn Krebs führt schneller zum Tode. Zudem ist Gebärmutterkrebs bei jüdischen Frauen eher selten. Es ist wahrscheinlich, dass die Blutungen durch eine länger anhaltende Unausgeglichenheit in ihrem Hormonhaushalt hervorgerufen wurden. Ihre Blutungen verursachten wahrscheinlich Schmerzen, die ihr Leben arg beeinträchtigten. Sie litt aufgrund des chronischen Blutverlusts mit großer Wahrscheinlichkeit an Blutarmut. Das wiederum verursachte körperliche Schwäche und machte es ihr unmöglich, ihre täglichen Arbeiten in Haus und Familie auszuführen. Ich gehe davon aus, dass sie aufgrund der unregelmäßigen Menstruation während dieser schwierigen zwölf Jahre nicht schwanger werden konnte. Unfruchtbarkeit war für jüdische Frauen ein ernsthaftes Problem; das trifft auch für die meisten Frauen in anderen Kulturen zu.
Das also ist der physische Aspekt: Sie war eine Frau mit einem ernsthaften gynäkologischen Problem.
Der soziale Aspekt
Diese Jüdin unterstand der jüdischen Kultur und dem alttestamentlichen Gesetz. Nach dem levitischen Gesetz, aufgezeichnet in 3. Mose 15,19–30, galt eine Frau während ihrer normalen Menstruation und weitere sieben Tage danach als unrein. Wenn unregelmäßige Blutungen auftraten, war sie ebenfalls unrein. Darüber hinaus verunreinigte sie ihre Kleidung, ihr Haus, irgendwelche Möbel oder andere Gegenstände, die sie berührte, sowie jeden Menschen, mit dem sie Kontakt hatte.
Diese Frau war also zwölf Jahre lang unrein gewesen und hatte die Welt um sie her ebenfalls verunreinigt. Falls sie verheiratet war, hatte sich ihr Mann bestimmt längst von ihr scheiden lassen. Ihre Familienangehörigen hatten sie vermutlich im Stich gelassen und Freunde hatte sie keine mehr. Wie konnte sie Freunde haben, wenn die ständig Gefahr liefen, unrein zu werden? Schließlich, so stellt Markus fest, stand sie ohne einen Pfennig da, nachdem sie all ihr Geld für vergebliche Heilungsversuche ausgegeben hatte.
Der geistliche Aspekt
Vielleicht trug diese Frau am schwersten an ihrer inneren Not. Weil sie unrein war, durfte sie nicht in den Tempel zum Gottesdienst gehen. Sie konnte nicht zum Beten dorthin gehen, noch konnte sie Opfer bringen oder um Hilfe bitten. Sie stand völlig ohne soziale Kontakte da und geistlich gesehen war es genauso: sie war abgeschnitten von Gott und verzweifelt. Markus schildert uns also nicht einen »gynäkologischen Problemfall«. Er schreibt die Wahrheit, dass da ein Mensch war, eine Frau, die litt. Ihr ganzes Sein war durch diese Krankheit in Mitleidenschaft gezogen worden.
Eines Tages hörte diese Frau von Jesus, einem bevollmächtigten Mann, der Kranke heilen konnte. In ihrem Herzen keimte Hoffnung. Aber zu Jesus gehen und ihn um Hilfe bitten? Das konnte sie auf keinen Fall. Keine jüdische Frau konnte zu einem fremden Mann gehen, um mit ihm zu reden oder ihn um irgendetwas zu bitten. Falls sie es doch tat, wurde sie als unmoralisch gebrandmarkt. In ihrem jetzigen Zustand würde sie diesen wichtigen Mann zudem kultisch verunreinigen. Ein anderer Mann – ihr Ehemann, ein Bruder oder Freund – könnte zu Jesus gehen und ein Wort für sie einlegen. Doch diese Frau war völlig allein gelassen worden und hatte niemanden, der ihr helfen oder Hilfe vermitteln konnte. Aber eines wollte sie auf gar keinen Fall: aufgeben. Sie war entschlossen, sich auf Gedeih oder Verderb diesem Mann Jesus zu nähern, komme, was da wolle.
Sie entwickelte einen Plan, der verwegen und deswegen gefährlich war. Sie würde sich Jesus von hinten nähern – und zwar mitten in der Menschenmenge – und sein Gewand berühren. Verschwiegenheit und Unauffälligkeit waren das oberste Gebot, denn wenn irgendjemand sie beobachtete, würde sie öffentlich der Verunreinigung Jesu angeklagt und unter Umständen zu Tode gesteinigt werden. Aber sie war schon viele Tode gestorben; was hatte sie noch zu verlieren?
Als sie sein Gewand berührte, spürte sie sofort etwas in ihrem Körper. Es kann ein plötzliches wohliges Gefühl gewesen sein oder Empfindungen in einem Organ, das »in Wallung« geraten war. Was auch immer: es war eine wahrnehmbare physische Veränderung in ihrem Körper. Was für eine Freude muss sie einen glücklichen Augenblick lang empfunden haben! Sie wusste, dass sie geheilt worden war. Dann gab es nur noch eins: schnell verschwinden. Aber das war unmöglich. Dieser Mann Jesus stellte sie bloß. Sie hatte ihn hintergangen. Er war durch sie kultisch unrein geworden. Zudem hatte sie ihm seine Kraft geraubt, und irgendwie hatte er das gemerkt. Jetzt rief er sie, und wahrscheinlich würde sie gesteinigt. So, wie Markus das beschreibt, kam sie, warf sich – längst am Boden zerstört – Jesus zu Füßen und erzählte ihm ihre Geschichte.
Warum hat Jesus diese Frau noch einmal extra hervorgeholt? Er wusste, dass jemand körperlich geheilt worden war, denn Markus schreibt: Jesus spürte, dass heilende Kraft von ihm ausgegangen war. Wir Ärzte sind jeweils hocherfreut, wenn wir jemanden geheilt haben. Hätte sich Jesus damit nicht zufrieden geben können?
Nein, denn die Frau selbst war noch nicht heil geworden. Jesus hatte ihre weiblichen Organe geheilt, aber noch nicht sie als ganze Person, und aus diesem Grunde rief er sie zu sich. Während sie da vor ihm ausgebreitet auf dem Boden lag, jeden Augenblick das Verdammungsurteil erwartend, hörte sie eine absolut unglaubliche aramäische Vokabel, die übersetzt lautet: Meine Tochter. »Meine Tochter«, hörte sie Jesus sagen, sehr sanft und einfühlsam, und dieses Wort machte sie heil.
35 Jahre lang habe ich in Afrika Medizin praktiziert und als Chirurg gearbeitet. Ich habe unzählige Frauen behandelt, die Probleme mit Blutungen und Unfruchtbarkeit hatten. Ich habe Hunderte, wenn nicht Tausende von ihnen operiert. Doch wie oft habe ich etwas gesagt, das zur Heilung der ganzen Person beigetragen hat, das den Geist und die Sinne und Emotionen derer, die krank waren, wieder ins Lot gebracht hat?
Das heilende Wort
Was heilt das zerbrochene Herz und den verwundeten Geist? Was für ein »Eingriff« muss hier erfolgen? Wenn es um Hilfe für den Körper geht, wissen wir in der Regel, wie wir vorzugehen haben. Aber was heilt das Herz?
Das Heilmittel für das Herz ist einfach nur ein Wort, das die Tiefenschichten einer kranken Person erreicht. Es ist ein Schlüsselwort oder eine Aussage, bei der »es klickt«, die jemand begreift, und zwar auf eine Art und Weise, die die psychospirituellen Probleme berührt: Furcht, Konflikte, Ängste, Schuld, Verzweiflung. Wenn dieses Wort einen solchen inneren Schmerz heilt, wird das ganze Selbst aufgerichtet.
Nachdem die inneren Organe dieser Frau geheilt worden waren, war sie aus psychologischer, sozialer und geistlicher Sicht noch nicht gesund, weil alle ihre Beziehungen noch nicht wiederhergestellt waren. Was Jesus jetzt sagte, berührte die Frau in der Tiefe ihres Herzens, sprach die zerstörten Beziehungen an und heilte sie. Mit ihren eigenen Ohren hörte sie Jesus sagen: »Meine Tochter.« In ihrem Geist hörte sie ihn sagen: »Ich liebe dich. Ich akzeptiere dich. Du bist es wert, Glied meiner Familie zu werden. Du bist jetzt geheilt und wiederhergestellt.« Dieses Wort stellte die Beziehung zu ihr selbst, ihr Selbstwertgefühl wieder her. Sie wusste, dass sie in den Augen dieses großartigen Mannes mit Namen Jesus irgendwie wertgeachtet wurde. Ihre Würde war wiederhergestellt, und sofort waren Angst, Ausgestoßensein, und Verzweiflung, die ihr Leben zerstört hatten, verschwunden.
Dieses Wort eröffnete zugleich eine völlig neue geistliche Beziehung. Sie trat durch die Person Jesus Christus in eine Beziehung mit ihrem Schöpfer ein. Sie gehörte jetzt zur Familie Gottes, einer Familie, zu der sie (und wir alle) schon von Mutterleib an hätten gehören sollen. Jetzt durfte sie beten, Gottesdienst feiern, ihre Gaben opfern und ihre Sünden und Unzulänglichkeiten zu seinen Füßen ablegen. Das Leben hatte für sie einen neuen Sinn bekommen.
Indem Jesus sagte: Gehe in Frieden. Du bist geheilt, wurden auch ihre sozialen Beziehungen geheilt. Praktisch hieß das: Sie war nicht länger unrein und konnte wieder mit anderen zusammenleben. Ihre ganze Schande war überwunden, sie konnte in den Kreis ihrer Familie und Freunde sowie in die Dorfgemeinschaft zurückkehren. Das Heilwerden sozialer Beziehungen ist genauso wichtig wie jeder andere Aspekt unserer Genesung. Jesus hatte das bei dieser Frau erreicht.
Menschliches Leben ist Beziehungen. Wesentliches Merkmal des christlichen Lebens sind funktionierende Beziehungen. Wahres Heilwerden stellt verletzte oder zerbrochene Beziehungen wieder her. Im Leben dieser Frau hat Jesus all diese Beziehungen wieder in Ordnung gebracht.
Eine Frau mit einem gebrochenen Herzen
Ich möchte die Lehren aus diesem Geschehen in unsere heutige Welt und Zeit übertragen. Dazu möchte ich ihnen die Geschichte einer anderen Jüdin erzählen, die etwas Ähnliches erlebt hat. Deborah ist eine dynamische und attraktive Juristin. Aber sie wäre fast an ihrem zerbrochenen Herzen gestorben.
Deborah ist in einer nichtreligiösen jüdischen Familie aufgewachsen. Als Mädchen las sie gerne die Psalmen und die Propheten. Nach ihrem Jurastudium heiratete sie einen nichtjüdischen Juristen, sie bekam zwei Kinder. Unglücklicherweise ging es in der Ehe schon bald drunter und drüber; sie wurde beendet, nachdem ihr Mann sie wegen einer hübschen Sekretärin sitzen ließ. Man versuche, das Trauma nachzuvollziehen: Eine nette, intelligente, fähige Jüdin, verachtet und zurückgestoßen von einem Mann, dem sie sich für ein ganzes Leben lang anvertraut hatte. In ihrem Herzen empfand sie Schande, Wut, Trauer, Einsamkeit und ein tief empfundenes Gefühl der Zerrissenheit, weil das, was »ein Fleisch« sein sollte, in die Brüche gegangen war. Als Alleinerziehende konnte sie ihre Rechtsanwaltspraxis nicht aufrechterhalten. Sie hatte keine Möglichkeit, für sich und ihre Kinder zu sorgen. Ihr Leben war ein Trümmerhaufen; sie dachte an Selbstmord.
Während dieser verzweifelten Situation besuchte sie eine Freundin, die ihr eine Bibel gab und ihr vorschlug, die Berichte über das Leben Jesu zu lesen. Mit ihrem jüdischen Hintergrund und der Kenntnis der Kultur entdeckte Deborah in den Evangelien vieles, was Nichtjuden übersehen. Als sie diese Geschichte von der Frau mit der Blutung las, hat sie sich völlig mit ihr identifiziert. Deborah blutete das Herz und ihr Leben war ebenfalls ein Scherbenhaufen. Als sie las, was diese Frau tat, war sie geschockt. Keine jüdische Frau durfte so etwas tun. Der Mann Jesus, selbst Jude, müsste sie eigentlich der Zerstörung preisgeben; das forderten die religiösen Vorschriften.
Deborah war vollkommen überwältigt, als sie las, was Jesus stattdessen zu ihr sagte: Meine Tochter! Sie sagte sich: Wenn Jesus jene Frau »meine Tochter« nennen konnte, dann würde er auch mich als seine Tochter ansprechen. Sie fiel auf ihre Knie und betete: »Jesus, ich kenne dich nicht, aber ich möchte deine Tochter sein.« In der Tiefe ihres Herzens vernahm sie seine Stimme: »Deborah, du bist meine Tochter.« In demselben Augenblick wurde Deborah durch dasselbe Wort geheilt, das Jesus 2 000 Jahre zuvor einer anderen Frau gesagt hatte.
Vom Kopf ins Herz
Was für ein Wort kann ein zerbrochenes Herz und einen verwundeten Geist heilen? Es kann ein einziger Ausdruck sein wie dieses Aramäische »Meine Tochter«. Es kann sich um einen längeren erklärenden Abschnitt handeln, eine Aufforderung oder einfach eine Erzählung. Es kann sich um einen Text aus der Bibel handeln, ein Wort aus einem Gebet oder um eine Botschaft, die der Heilige Geist ins Herz spricht. Es kann auch irgendeine sichtbare Darstellung oder ein Symbol sein, das, wenn die Sinne es aufnehmen, innere Konflikte löst und Frieden und Heilung bewirkt.
Gott, der die Trägheit der Herzen des Volkes Israel kannte, erklärte dem Propheten Jesaja dieses Prinzip in negativer Form:
Da sprach er: »Geh und sag diesem Volk: Hört mir nur zu, so lange ihr wollt, ihr werdet doch nichts verstehen. Seht nur her, ihr werdet doch nichts erkennen! Sag ihnen das, und mach ihre Herzen hart und gleichgültig, verstopf ihre Ohren, und verkleb ihre Augen! Sie sollen weder sehen noch hören, noch mit dem Herzen etwas verstehen, damit sie nicht umkehren und geheilt werden« (Jesaja 6,9–10).
Die Botschaft dieses Textes ist eindeutig: Was wir hören und sehen, nimmt unser Verstand auf. Wenn diese Gedanken von unseren Gefühlen, Emotionen und Intuitionen akzeptiert werden, geschieht Heilung. Es ist sicher nicht ohne Bedeutung, dass alle vier Evangelisten und der Apostel Paulus diesen Text zitieren.1
Während unser Verstand sich primär auf Ideen und Argumente richtet, wird unser Herz häufig durch Symbole angesprochen. Symbole helfen uns, die Realität auf einer tieferen Ebene zu verstehen, die Worte allein nicht erreichen können. Wenn sich Informationen, die zunächst nur aus Ideen bestehen, in ein Symbol verwandeln, dann können auch unsere Gefühle, Emotionen und Intuitionen sie wahrnehmen. Jene kranke Frau hörte, wie Jesus sie: »Meine Tochter« nannte. Diese Idee hat mit der „Wirklichkeit“ nichts gemein, denn Jesus war nicht ihr leiblicher Vater. Ihr Herz aber hat dieses Symbolwort sofort verstanden, denn sie nahm Jesus wahr als jemanden, der sie in seine Familie aufnahm, sie vorbehaltlos akzeptierte und sie wieder rein werden ließ. Genauso hat sich Deborah, überwältigt von der Art und Weise, wie Jesus diese Frau auf- und annahm, in ihrer Verzweiflung nach Jesus ausgestreckt und ihn gebeten, sie auch als seine Tochter anzusprechen. Als ihr Herz ihn als den wahrnahm, dessen Tochter sie werden sollte, wurde sie geheilt und ihr Leben wurde umgestaltet.
Die Macht der Worte
Worte haben Macht und Kraft. Sie können heilen, aufbauen und uns stärken. Sie können Schmerzen zufügen, Krankheiten heraufbeschwören und sogar Leben vernichten. In Kapitel 1 haben wir uns mit John beschäftigt, der an TB erkrankt war. Er hatte von seinem Onkel dieses niederschmetternde Wort gehört: »Du wirst sterben.« Und fast wäre er tatsächlich gestorben. John jedoch übergab sein Leben Christus und vernahm dann heilende Worte, die mächtiger wirkten als die zerstörerischen Worte seines Onkels.
Frau Matala hatte John gefragt: »Wer ist stärker, Jesus oder dein Onkel?« Johns Verstand hat diese Frage auf der Basis dessen verarbeitet, was er von Frau Matala gehört und in der Bibel gelesen hatte. Als er antwortete: »Jesus ist stärker«, hat er seinem eigenen Herzen ein heilendes Wort zugesprochen und das folgerte, dass es jetzt keinen Grund mehr gab, seinen Onkel zu fürchten. Dann verhalf Frau Matala ihm zu der Einsicht, dass es wichtig sei, seinem Onkel zu vergeben. Im Gebet sagte er Gott, dass er seinem Onkel vergeben hatte. Johns Herz verstand dieses Wort und ließ ab von Wut und Hass, woran es bis dahin festgehalten hatte. So wurde sein Herz geheilt und fing an, seinen Körper zu stärken. In Kapitel 4 werden wir sehen, wie so etwas funktioniert.
Der Journalist, Autor und Forscher Norman Cousins (1915–1990) hat ein bedeutendes Buch mit dem Titel The Healing Heart (Das heilende Herz) geschrieben. In der Einleitung zum Buch erzählt der Friedensnobelpreisträger und Kardiologe Dr. Bernard Lown, damals Professor an der Harvard University School of Medicine, die Geschichte eines kranken Mannes in kritischem Stadium, der gerade einen massiven Herzanfall erlitten hatte. Trotz intensivster Therapieversuche schien sein Ende nahe. Als Dr. Lown das Herz dieses Mannes abhörte, stellte er einen eigenartigen Rhythmus seiner Herztätigkeit fest, einen Dreifach-Schlag, »Galopp« genannt. In der Annahme, der Mann liege im Koma, rief Dr. Lown seine Kollegen mit den Worten herbei, sie sollten sich diesen »gesunden Galopp-Rhythmus« einmal anhören. Überraschend wurde es langsam besser mit dem Mann, und er genas von seinem Herzanfall.
Als der Patient einige Monate später zu einer Nachuntersuchung kam, erwähnte Dr. Lown seine wundersame Heilung. Der Mann sagte: »Doktor, ich weiß nicht nur, was mich heilte, sondern ich kenne sogar den genauen Zeitpunkt, wann das geschah. Ich war mir sicher, dass mein Ende nahe war und Sie und die anderen Ärzte die Hoffnung aufgegeben hatten. Als Sie jedoch am Donnerstagvormittag mit Ihren Truppen einmarschierten, geschah etwas, was alles veränderte: Sie hörten mein Herz ab, Sie schienen mit dem Befund zufrieden und verkündeten allen, die sich um mein Bett herum versammelt hatten, ich hätte einen ›guten Galopp‹. Mir war klar: Sprächen die Ärzte mich direkt an, würden sie sich bemühen, das weniger deutlich zu sagen. Aber sie würden sich gegenseitig nichts vormachen. Als ich nun also vernahm, wie Sie Ihren Kollegen erklärten, ich hätte einen gesunden Galopp drauf, konnte ich mir das nur so erklären, als würden Sie sagen: Der hat noch eine Menge Kick im Herzen und kann keineswegs im Sterben liegen. Zum ersten Mal rappelten sich meine Sinne auf und ich wusste, ich würde weiterleben und genesen.«2
Genauso können Worte Leben zerstören. Dr. Lown schreibt von einer Frau, Frau S., die jahrelang mit einer schwachen Form von Tricuspidalstenose (T. S., Verengung der Tricuspidalklappe/Herzklappe) gelebt hatte. Bei der Visite sagte der damalige Professor für Kardiologie, der Frau S. gut kannte und ihre Krankheit über Jahre verfolgt hatte, eines Tages einer großen Gruppe von Ärzten in ihrer Gegenwart, dass sie »T. S.« habe. Dann verließ er den Raum.
Innerhalb von Minuten veränderte sich das Verhalten von Frau S. völlig. Ihr Herz schlug unregelmäßig und innerhalb von 24 Stunden starb sie. Bevor sie starb, flüsterte sie Dr. Lown zu, sie habe unter »T. S.« »terminal situation«, Endstation, verstanden. Trotz größter Bemühungen, sie vom Gegenteil zu überzeugen, blieb sie bei ihrer Auffassung, die Worte des Kardiologen bedeuteten, dass sie im Sterben liege. Ihr physisches Herz reagierte darauf mit Versagen.3
Gott spricht durch Symbole zu uns. Er hat uns eine Menge Symbole gegeben, die uns ermutigen und heilen können. Wir können sie in geschichtlichen Ereignissen aufspüren, wie sie uns die Propheten, Psalmdichter und Apostel mitgeteilt haben. Und wir finden sie in dem, was Christus für unser Heilwerden getan hat, in Gethsemane, am Kreuz und durch die Auferstehung von den Toten. In Kapitel 6 werden wir uns diesen Symbolen ausführlich widmen. Weitere Symbole vermittelt uns der Heilige Geist, der wie ein Strom lebendigen Wassers durch die Herzen all derer strömt, die sich ihm öffnen.
Ein heilendes Team
Warum haben die Profis im Gesundheitsdienst heute solche Schwierigkeiten, sich dem ganzen Menschen zu widmen? Warum verstehen es so wenige von uns, den Herzen derer, die krank sind, heilende Worte zuzusprechen? Oder die passenden Symbole zu finden, nach denen ihre Herzen verlangen? Ich bin davon überzeugt, dass viele in medizinischen Berufen tätige Christen dazu bereit und mehr als willens wären, wenn sie wüssten wie. Unsere rationalistische und schubladisierte Weltanschauung hat diese integrierte Vorgehensweise in Sachen Heilen sehr erschwert. Darüber hinaus haben wenige Ärzte die Zeit, den tiefliegenden Problemen der Patienten auf den Grund zu kommen bzw. die nötigen Worte oder Symbole bereit zu halten, die die inneren Probleme lösen.
Als Frau Matala bei uns angestellt wurde, brachte sie die entsprechende Ausbildung und die Gabe, die innere Situation eines Menschen zu erfassen und heilende Symbole einzubringen, bereits mit. Sie hatte zudem die Zeit dafür, denn eine solche Arbeit ist sehr zeitaufwendig und erfordert viel Geduld. Wenn die Ärzte Patienten zu ihr schickten, stellte sie ihnen Fragen, um persönlichen Problemen auf die Spur zu kommen. Sie versuchte dabei, sich ein möglichst realistisches Bild davon zu machen, was in den Menschen vorging. Wenn sie mit den Kranken sprach, gebrauchte sie oft einen wunderbaren Vers aus der Bibel: Ein ausgeglichener Sinn erhält den Körper gesund; aber Eifersucht ist wie eine Krebsgeschwulst (Sprüche 14,30; Gute Nachricht Bibel). Sie erklärte ihnen, wie Krebs den Körper zerstört. Die Bibel sagt, dass Neid dasselbe bewirkt. Nicht nur Neid, auch Eifersucht, Bitterkeit, Angst, Schuld, chronische Wutanfälle und andere destruktive Emotionen. Wir nannten Frau Matala unsere »Herzens-Ärztin«.
Oft machte sie einen Patienten auf sehr feinfühlige Art und Weise mit Jesus Christus bekannt, wodurch sich viele zu einer Beziehung mit ihm hingezogen fühlten. Dann zeigte sie ihnen, wie sie bei Jesus ihre Verletzungen los werden konnten, ihre Schmerzen und ihre kaputten Verhältnisse, und wie sie Heilung, Frieden und Wiederherstellung erfahren konnten, die Jesus anbietet. Oft wurden im Verlauf eines solchen Prozesses auch körperliche Krankheiten gelöst und die ganze Person wurde heil. Sogar Leute mit Aids fanden wieder Hoffnung, erlangten neue Kraft und neues Leben, indem sie zu Jesus kamen. Soweit wir wissen, ist niemand vom Aids-Virus befreit worden, doch viele der HIV-Patienten erlebten ein zeitweiliges Nachlassen der Symptome dieser Krankheit. Einige lebten noch Monate oder gar Jahre allein aus der Kraft Gottes, die durch ein geheiltes und friedvolles Herz wirksam wird.
Zurück zu den Fragen: Wie hat Jesus geheilt? Und kann er Menschen heute heilen? In der Regel gehen wir davon aus, dass alle Heilungen Jesu Wunder waren. Damit meinen wir Ereignisse, die nicht vorhersehbar waren, die durch die Gesetze der Naturwissenschaft nicht erklärt werden können und die deswegen auf Gottes direktes Eingreifen zurückzuführen sind. Jesus hat viele Wunder vollbracht, einschließlich Heilungswunder, die wir mit den uns bekannten physikalischen und psychologischen Gesetzen nicht erklären können. Es ist zum Beispiel schwierig, die Heilung einer verdorrten Hand in einen wissenschaftlichen Rahmen zu zwängen (Lukas 6,6–11). Genauso wenig können wir wissenschaftlich erklären, wie der Knecht des römischen Hauptmanns plötzlich von seiner Krankheit genas, und zwar in genau dem Moment, als Jesus ihn über eine ziemliche Entfernung hin für geheilt erklärte (Matthäus 8,5–13).
Doch es ist sicherlich falsch, alle heilenden Handlungen Jesu als Wunder zu betrachten. Ich kann Jesu heilendes Handeln an der Frau mit den Blutungen und damit einem gynäkologischen Problem nicht wissenschaftlich erklären. Auf der anderen Seite glaube ich, dass er geistliche, psychologische und soziale Dynamik mit solcher Kraft bündelte, dass er in der Lage war, sie komplett zu heilen. Ich glaube, dass uns diese Dynamik auch heute zur Verfügung steht und dass Jesu heilende Kraft durch uns wirken kann.
Ein Mann mit einem Leberleiden
Eines Tages kam ein Mann, nennen wir ihn Roger, in unser Krankenhaus im Kongo. Zwei Jahre lang hatte er immer wieder an Schmerzen, Schwäche, Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust gelitten. Als ich ihn untersuchte, entdeckte ich eine vergrößerte, harte, knotige und etwas druckempfindliche Leber. Aufgrund von Hepatitis B stoßen wir in Zentralafrika häufig auf Zirrhose und Leberkrebs. So ging ich davon aus, dass er an einer dieser beiden unheilbaren, tödlich verlaufenden Krankheiten litt. Als Arzt konnte ich ihm wenig Hoffnung machen; ich verschrieb ihm lediglich einige Aspirin- und Multivitamin-Tabletten. (Irgendetwas müssen wir den Kranken geben, sonst sind sie nicht zufrieden.) Dann schlug ich ihm vor, sich mit Frau Matala in Verbindung zu setzen. Ich gab ihm einen versiegelten Brief mit, in dem ich Frau Matala Rogers gar nicht rosige Diagnose mitteilte und dass er seelsorgerliche Betreuung zur Vorbereitung auf den Tod brauche.
Eine Woche später erschien Roger erneut bei mir und sagte, es ginge ihm viel besser. Ich dachte: Wunderbar! Die Vitamintabletten haben ihm offensichtlich geholfen! Als ich ihn untersuchte, schien seine vor kurzem so auffällige Leber normal zu sein. Ich schaute mir seine Akte genau an, denn ich konnte kaum glauben, dass ich dieselbe Person vor mir hatte. Der Name war korrekt, die Anschrift; ich hatte sogar eine Skizze seiner vergrößerten Leber angefertigt. Es handelte sich tatsächlich um Roger. Genau in diesem Augenblick steckte Frau Matala zufällig ihren Kopf in die Tür, um mir etwas mitzuteilen. Ich bat sie herein und fragte sie: »Was in aller Welt haben Sie mit der Leber dieses Mannes angestellt?« Mit fröhlicher Miene lud sie mich ein, später in ihr Büro zu kommen.
Dann erzählte sie von Roger. Sie hatte Stunden mit ihm verbracht, während er ihr die Scherben seines Lebens darlegte: Alkohol, Drogen, freizügiges sexuelles Verhalten, Zauberei und sogar ein offener Konflikt mit dem Dorfhäuptling – in jener Kultur ein äußerst gefährliches Unterfangen. Eine tödliche Furcht vor den Auswirkungen der Zauberei trieb ihn um; zudem litt er unter einem schweren Schuldgefühl. Wie uns Sprüche 14,30 klar macht, zerstören belastende Gefühle den Körper. Rogers Leber hatte tatsächlich den Prozess der Selbstzerstörung begonnen.
Nachdem Roger die Probleme seines Lebens herausgewürgt hatte, erzählte Frau Matala ihm von Jesus und seiner heilenden Kraft für unsere Sinne. Roger übergab sein Leben Christus und erfuhr einen ihm bis dahin unbekannten Frieden. Dann ging Frau Matala alle seine Probleme mit ihm durch, eins nach dem anderen. Roger bekannte seine Sünde der sexuellen Untreue und Verfehlungen, worauf ihm Frau Matala das heilende: »Dir sind deine Sünden vergeben« zusprach. Er vergab anderen, die an ihm schuldig geworden waren, was seine Hass- und Wutgefühle heilte. Seine Angst wurde überwunden, als Frau Matala ihm erklärte, dass die Kraft des Heiligen Geistes in seinem Herzen mächtiger ist als die Mächte von Zauberei, Okkultismus und schwarzer Magie. Sie sprachen über sein Alkohol- und Drogenproblem. Als er Christus um Hilfe bat, damit fertig zu werden, betete Frau Matala um Befreiung von diesen Bindungen. Die Worte jenes Gebets drangen in Rogers Herz und bewirkten ein Gefühl von Freiheit. Auf eine Art und Weise, auf die wir später ausführlicher eingehen, traten daraufhin Veränderungen in Rogers Organen ein. Unter anderem stoppten seine Nebennieren die Überproduktion von Hormonen, die Entzündungen verursachen. Die Entzündung seiner Leber verschwand, sodass sie wieder normal arbeitete. Roger war komplett wiederhergestellt.
In dieser Geschichte wird Gottes Wirken im Kopf eines kranken Menschen deutlich, in seinem Geist und seinem Gemüt, was dann auch körperliche Veränderungen hervorrief. Die hier wirksame Dynamik entspricht der, die bei Jesus vor 2 000 Jahren spürbar war. Die heilenden Worte, die Frau Matala Roger persönlich zusprach, spielten in diesem Prozess eine wichtige Rolle.
Diese Geschichte ist auch ein anschauliches Bild dafür, wie sich unser Lebensstil auf unsere Gesundheit auswirkt. Ein problematischer Lebensstil kann sogar zu körperlichen Krankheiten führen, wie das bei diesem Mann geschah. Wenn solche Probleme im Leben von Menschen dann offen und realistisch angegangen werden, kann das mit Gottes Hilfe ein wichtiger Faktor im Heilungsprozess sein; bis hin zur Heilung von körperlichen Krankheiten.
Die Bibel berichtet ganz eindeutig davon, wie Jesus Krankheiten wie Lepra, Blindheit und Lähmungen geheilt hat. Rogers Geschichte von der Heilung seiner Leber und Johns Genesung von Tuberkulose sind Beispiele dafür, wie Heilung heute geschieht. Ganz sicher passiert so etwas nicht jedes Mal; tatsächlich ist es eher außergewöhnlich. Doch das Heilwerden des inneren Menschen bewirkt zweierlei:
1. Es befreit den Körper von negativen Einflüssen, die schmerzhafte oder destruktive Emotionen hervorbringen können.
2. Es fügt positive Einflüsse hinzu, die die Selbstheilungskräfte des Körpers unterstützen.
Wenn also körperliche Heilung nicht immer bzw. nicht sofort geschieht, schafft die Heilung des Herzens, der Sinne und des Geistes jedoch ein günstiges Umfeld, auf das der Körper, durch die Krankheit herausgefordert, positiv reagieren kann. In einigen Fällen (nicht immer) kann die körperliche Reaktion darauf die physische Heilung zur Folge haben. Sehen wir uns an, wie dies geschieht.
Anmerkungen
1 Matthäus 13,14–15; Markus 4,12; Lukas 8,10; Johannes 12,40; Apostelgeschichte 28,26–27.
2 Norman Cousins, The Healing Heart. New York 1983, S. 16.
3 Cousins, S. 13–15.

3
GOTT ERSCHUF UNS SEHR GUT
Aaron, ein Mann mittleren Alters, kam in unser Krankenhaus und beschwerte sich über Schmerzen im Unterleib, die ihn bereits sechs Jahre lang geplagt hatten. Der einzige Anhaltspunkt, den seine Krankengeschichte hergab, war die Geschlechtskrankheit Gonorrhoe (Tripper) zu Beginn seiner Krankheit. Obwohl er mit guten Antibiotika behandelt worden war und alle Anzeichen von Infektionen verschwunden waren, hielten seine Schmerzen an. Er hatte bereits viele Krankenhäuser und Kliniken aufgesucht und viele verschiedene Antibiotika erhalten – alles umsonst. Mehrere Möglichkeiten gingen mir durch den Kopf: eine sehr resistente Infektion, ein Tumor oder ein Knochen- und Gelenkproblem. Aber ich konnte keine körperlichen Anzeichen finden, die seine Schmerzen erklärten. Alle seine Laborwerte waren normal, einschließlich eines HIV-Tests. Ich überwies ihn an Frau Matala, unsere Krankenhaus-Seelsorgerin.
Frau Matala fragte ihn – genau wie ich – nach seiner Krankengeschichte. Sie fragte zudem nach seiner Arbeit, seinen Lebensverhältnissen und nach seinen Gefühlen im Blick auf seine Krankheit. Als sie ihn nach seiner Ehe fragte, brach er in Tränen aus: »Frau Matala, ich weiß, warum es weh tut.« Mit ziemlicher Mühe erzählte er ihr, dass er seine Frau vor sechs Jahren während einer Reise betrogen hatte und seit genau dieser Zeit die Schmerzen hätte. Er sagte, er sei kein unmoralischer Mann, und nur dieses eine Mal sei er der Versuchung erlegen. Aber er wusste, dass es nicht in Ordnung war und die Schmerzen daher rührten.
Nachdem sie Aaron zugehört hatte, ohne zu kommentieren, fragte sie ihn nach seinem geistlichen Leben. Hatte sein Glaube an Gott ihm in irgendeiner Weise geholfen? Es zeigte sich, dass er nicht wirklich an Jesus Christus glaubte. Sie erklärte ihm die Bedeutung einer persönlichen Beziehung mit Jesus Christus, wie er für unsere Sünden gestorben sei und uns unsere Verfehlungen vergeben und unsere Verletzungen, Schmerzen und Schuld nehmen könne. Aaron bat Christus, in sein Herz zu kommen; Frau Matala half ihm, Jesus seine Sünden zu bekennen. Mit den Worten aus 1. Johannes 1,9 bevollmächtigt (Wenn wir aber unsere Sünden bereuen und sie bekennen, dann dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott seine Zusage treu und gerecht erfüllt: Er wird unsere Sünden vergeben und uns von allem Bösen reinigen), vergewisserte sie ihm, dass seine Sünden vergeben seien, auch wo er an seiner Frau schuldig geworden war. Die Zusage der Vergebung war das, was Aaron brauchte; fast gleichzeitig verschwanden seine Unterleibsschmerzen.
Das ist eine sehr fremdartig anmutende Geschichte, nicht wahr? Aaron hatte echte Schmerzen in seinem Unterleib. Als ich dort drückte, tat ihm das weh. Aber es gab für diesen Schmerz keine physische Ursache – keine Infektion und kein Geschwür. Fand die Krankheit »nur in seinem Kopf« statt? Nein, es war sein Herz. Wie in aller Welt kann ein »Herzproblem« Schmerzen im Unterleib verursachen? Dieses und das nächste Kapitel versuchen, darauf eine Antwort zu geben.
Was war die physische Ursache für Aarons Schmerzen? Es könnten Muskelverspannungen oder Krämpfe an der Stelle gewesen sein, wo sich früher die Infektion befunden hatte. Oder es konnte sich um eine nichtinfektiöse Entzündung in jenem Bereich gehandelt haben. Was immer es war: Die eigentliche Ursache war ein Gefühl von Schuld, das ihn an seine alte Infektion erinnerte sowie an sein Fehlverhalten, das sie verursachte hatte. Als sein Herz Christi Vergebung angenommen hatte und ihn nicht länger verklagte, verschwanden auch die Spannungen, Verkrampfungen oder Entzündungen oder was immer es gewesen sein mag.
Von Gott geschaffen
Im Buch Genesis lesen wir, wie Gott die natürlich vorhandenen Elemente wie zum Beispiel Erde nahm und daraus unseren so erstaunlich komplexen Körper schuf. Die Bibel nennt uns keine weiteren Einzelheiten, doch jeder, der irgendwann einmal den menschlichen Körper studiert hat, ist zutiefst bewegt angesichts seiner großartigen Komplexität und des Ineinanderwirkens all seiner Funktionen. Ich habe mich zuweilen gefragt, wie viele »Gottes-Stunden« an Arbeitseinsatz nötig waren, bis der Allmächtige unsere Arterien, Venen und Kapillaren, unsere Muskeln, Sehnen und Bänder, unsere Knochen, Gelenke und Nerven, unseren Verstand, unsere Wirbelsäule und unsere Sinnesorgane zusammen gebastelt hatte. Dabei strapaziert die Art und Weise, wie dieses erstaunlich komplexe Beziehungsgeflecht all unserer Organe zusammenwirkt, unsere analytischen Kapazitäten bis an seine Grenzen.
Und was war? Als Gott dieses erstaunliche Meisterstück vollendet hatte, hatte es kein Leben. Es fehlte noch etwas – der Lebensatem; Gott hauchte diesem ersten menschlichen Körper seinen Geist ein. Dieser Körper wurde dadurch zu einem lebendigen Wesen, zu einer Person (1. Mose 2,7).
Eines Tages – das ist jetzt rund 50 Jahre her – verkündete unser Professor für Biochemie während einer Vorlesung, dass wir in nur wenigen Jahren in der Lage sein würden, alle menschlichen Aktivitäten anhand der Enzyme erklären zu können. Ich war schockiert und in mir sträubte sich alles. Mir war klar: Ich bin viel mehr als eine Ansammlung biochemischer Enzyme, und ich habe bis heute nicht heraus gefunden, wie viele Enzyme nötig sind, um einen menschlichen Geist zu bilden oder um einen Gedanken oder ein Gefühl hervorzubringen! Die Bibel macht uns klar: Ohne den Lebensatem, ohne Geist sind wir keine lebendigen Wesen. Irgendetwas in der Tiefe unseres Herzens schwingt da mit, und dieses »Etwas« nennen wir Geist. Nicht Aarons Enzyme haben auf seine sündige Tat hin reagiert; es war sein Geist. Sein Herz transferierte seine geistigen Schmerzen in seinen Unterleib. Mehr darüber später.
Körper, Seele und Geist
An anderer Stelle spricht die Bibel von Körper, Seele und Geist (1. Thessalonicher 5,23). Die Bibel ist kein Wörterbuch. Sie »definiert« diese Begriffe nicht; vielmehr sind sie im biblischen Gebrauch austauschbar. Jede Definition ist zugleich eine Eingrenzung, wohingegen die Begriffe Seele, Verstand, Geist, Herz und sogar Körper bzw. Leib viel zu dynamisch sind, als dass sie in ihrer Bedeutung fest zu umreißen wären. Zum Verständnis dieses Buches möchte ich erklären, wie ich diese Begriffe verstehe.
Der Körper bzw. der Leib ist der physische Raum, in dem sich das Leben abspielt. Der hat zu tun mit Protoplasma, Proteinen, Kohlenhydraten und Fett, alles zusammengefügt in einer Unmenge komplexer Zellen. Diese Zellen bilden Gewebe, Organe und Organgruppen, die uns zum Funktionieren bringen. Der Begriff »physiologisch« bezieht sich auf das Funktionieren dieser physischen Elemente. Die Bibel gebraucht den Begriff »Körper« einmal für unseren physischen Leib. Bei anderer Gelegenheit meint sie mit »Körper« die ganze Person. Manchmal ist in der Bibel sogar die Rede von »Knochen«, wenn damit der ganze Körper oder die ganze Person gemeint ist.
Der Verstand ist der intellektuelle Bereich des Lebens, wo unser Denken stattfindet, wo wir analysieren und reflektieren. Wir nennen das Bewusstsein, und das ist die Domäne für den Intellekt, fürs Überlegen, die Logik, die Analyse, die Synthese und das Urteilsvermögen. Was wir von der Welt um uns her wahrnehmen, gelangt in unseren Verstand, der diese Wahrnehmungen in Eindrücke, Gedanken und Ideen umsetzt.
Gefühle, Emotionen, Einstellungen und Intuitionen bestimmen das, was wir Affekt nennen. Hier sind unsere Anschauungen und Wünsche angesiedelt, genauso wie unser Erinnerungsvermögen. Hier werden die Gedanken und Ideen des Intellekts verarbeitet, verstanden und aufgenommen oder zurückgewiesen. Unser Affekt bezieht unser Nervensystem mit ein und beeinflusst unsere anderen Organe und Körperfunktionen, und die wiederum wirken sich auf unsere Gemütsbewegungen aus. Wir nennen das gewöhnlich das Unterbewusstsein.
Ich verwende das Wort Seele, um damit den Verstand und den Affekt zusammenzufassen. Wir reden dabei auch von der Psyche. Der Begriff »psychologisch« bezieht sich auf die Funktionen von Verstand und Affekt. Beide können wir nicht trennen, genauso wie wir Gedanken, Gefühle und Emotionen nicht auseinander reißen können. All das gehört zusammen und steht für das, was wir als »Seele« bezeichnen.
Der Geist ist das Zentrum der Persönlichkeit. In meinem Geist stelle ich die grundlegenden Fragen des Lebens: Wer bin ich? Warum bin ich hier? Wohin gehe ich? Mit meinem Geist versuche ich Sinn und Zweck meines Lebens zu erkennen. Mein Geist versucht festzulegen, wohin ich gehe und wie ich dorthin gelange. In meinem Geist treffe ich die wesentlichen Entscheidungen meines Lebens. Durch meinen Geist trete ich zu den mich umgebenden unsichtbaren geistigen und personalen Mächten in Beziehung – auch mit Gott und allem, was von ihm kommt, genauso wie mit den geistigen Mächten des Bösen. Durch meinen Geist bin ich mit Kräften und Mächten in Verbindung, die mein Leben beeinflussen; und durch meinen Geist kann ich andere um mich herum beeinflussen.
Die Bibel fasst dieses Konzept von Seele und Geist oft zu einem Begriff zusammen: das Herz. In diesem Sinn ist damit nicht der Muskel gemeint, das für die Blutzirkulation verantwortliche Organ. »Herz« bezeichnet das Zentrum unserer Persönlichkeit und schließt die Seele und den Geist ein. In diesem Sinne bedeutet »Herz« unser immaterielles inneres Selbst.
Soziale Beziehungen bilden eine weitere wichtige Dimension unseres Lebens. Wir leben regelrecht in einem Beziehungsgeflecht. Wir gehören zu einer irgendwie gearteten Familie. Wir haben Beziehungen zu Freunden, Nachbarn, Kollegen und Fremden. Wir sind Teil unserer Kultur; unser Horizont ist im Wesentlichen durch diese Kultur und die sozialen Beziehungen abgesteckt. Wenn in unseren Beziehungen zu anderen etwas schief geht, wirkt sich das auf unsere Gesundheit aus und kann Unwohlsein bewirken.
Wir haben damit unser Innenleben beschrieben. Es ist der unsichtbare, immaterielle Aspekt eines Menschen, der aber absolut real ist. Das ist unser wahres Selbst. Ohne dieses innere Selbst ist unser physischer Leib nichts weiter als ein Lehmklumpen. Wie fügen sich unser unsichtbares inneres Selbst und unser sichtbarer physischer Leib ineinander?
In der Bibel heißt es: Mehr als alles, was man sonst bewahrt, behüte dein Herz! Denn in ihm entspringt die Quelle des Lebens (Sprüche 4,23, Rev. Elberfelder).
Das schließt die Gesundheit und das Wohlergehen unseres Körpers ein. Für unsere Gesundheit ist äußerst wichtig, wie wir das Ebenbild Gottes in unserem innersten Selbst behüten und nähren. Dem wenden wir uns jetzt zu.
Gottes Ebenbild und unsere Gesundheit
Gott hat uns nach seinem Bild geschaffen. Das ist ein wesentlicher Aspekt unseres Menschseins, der im Medizinstudium nicht vorkommt. In theologischen Seminaren wird es diskutiert, aber selten bis nie machen sich Theologen darüber Gedanken, ob und wie das in Beziehung zu Gesundheit und heilendem Handeln zu setzen ist.
In 1. Mose 1,26–27 wird davon berichtet, wie Gott uns »ihm zum Bilde« geschaffen hat. Unzählige Bücher sind über dieses »imago dei« geschrieben worden, auf die wir hier nicht weiter eingehen wollen. Weil wir aber wissen, dass wir das Bild Gottes tragen, sollten wir uns anhand dessen einige grundlegende Aspekte unserer Persönlichkeit – und unseres Heilwerdens – vor Augen führen.
Die Natur unseres Personseins kommt von Gott, trägt sein Bild und ist deswegen gut Das beinhaltet:
• unsere Kreativität;
• unsere auf soziale Beziehungen angelegte Natur sowie die Notwendigkeit und die Fähigkeit, mit anderen zu kommunizieren;
• unseren Verstand mit seinen Fähigkeiten, etwas zu erfassen und auszutüfteln;
• unsere Vorstellungskraft;
• unsere Emotionen und Intuitionen;
• unsere Freude und die Wertschätzung von Schönheit;
• unsere Sexualität – unser Mannsein und unser Frausein kommen beide von Gott.
Gott hat uns sich selbst nachgebildet – nicht bezüglich der Größe, sondern in Bezug auf die Qualität
Obwohl wir endlich sind, sind wir unendlich wertvoll, wie immer unser gegenwärtiger Zustand beschaffen sein mag.
Wir alle brauchen Heilung, weil das Bild Gottes in uns entstellt worden ist
Der Heilungsprozess besteht folglich darin, den Prozess der Wiederherstellung des Bildes Gottes in uns in Gang zu setzen. Obwohl dieses Bild in diesem Leben nicht völlig wiederhergestellt wird, ist das Ziel allen Heilens doch, dazu beizutragen, dass wir unserem Schöpfer immer ähnlicher werden.
Warum ist es wichtig, zu verstehen, was es mit diesem »Nach-Gottes-Bildgeschaffen-sein« auf sich hat? Ich möchte drei Gründe nennen.
a) Jesus sah das Bild Gottes in den Menschen
Sogar in jemandem, dessen Körper durch Lepra fürchterlich entstellt war, sah er jemanden, der das Bild Gottes trug. Jesus sah Gottes Ebenbild in einer Frau, deren zwanghaftes sexuelles Verhalten fast dazu geführt hätte, von den Religionsführern zu Tode gesteinigt zu werden. Anstatt sie zu verdammen, bestätigte Jesus sie in ihrem Personsein und machte sie frei (Johannes 8,1–11).
b) Keine körperliche Krankheit und kein seelisches Leiden können das Bild Gottes in uns vernichten
Krebs, HIV/Aids und eine Menge anderer destruktiver Krankheiten können das Bild Gottes in uns entstellen, sie können es aber niemals zerstören. Wie immer sich unsere körperliche, mentale oder sonstige Verfassung darstellen mag, wir tragen jetzt und in Zukunft das Bild unseres Schöpfers; und Jesus möchte es in seiner ursprünglichen Perfektion wiederherstellen.
c) Sich des Bildes Gottes in uns bewusst zu werden, setzt potenzielle Heilungskräfte frei
Gott ebenbildlich zu sein, ist unsere Bestimmung. Unser Ziel sollte sein, ihm immer ähnlicher zu werden. Das ist eine erfüllbare Hoffnung, weil Gott versprochen hat, in uns zu wirken – sofern wir das möchten –, damit wir ihm ähnlicher werden. Krankheit entstellt dieses Bild Gottes in uns immer dann, wenn sie der Seele Angst, Aufregung, Scham, Bitterkeit oder Depressionen bereitet. Aber dann zu wissen, wie ich gestaltet sein sollte und dass sogar diese Krankheit irgendwie dazu beitragen kann, das Ziel zu erreichen, kann Seele und Leib wieder aufhelfen.
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