Kitabı oku: «Mensch und Künstliche Intelligenz»

Yazı tipi:

Nicole Brandstetter, Ralph-Miklas Dobler,

Daniel Jan Ittstein (Hg.)

Mensch und Künstliche Intelligenz

Herausforderungen für Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft


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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

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© UVK Verlag München 2021

– ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen

Internet: www.narr.de

eMail: info@narr.de

ISBN 978-3-7398-3115-2 (Print)

ISBN 978-3-7398-8115-7 (ePDF)

ISBN 978-3-7398-0132-2 (ePUB)

Vorwort

Künstliche Intelligenz als Zukunftstechnologie verändert und beeinflusst bereits heute weite Bereiche des täglichen öffentlichen und privaten Lebens. Smarte Applikation, Cloud-Dienste und selbstlernende Systeme verändern und beeinflussen unsere Handlungen, Interaktionen und Wahrnehmungen. Damit einher gehen Veränderungen im sozialen Gefüge, im Menschenbild der digitalisierten Kulturen mit einer nie gekannten Geschwindigkeit, die sowohl zu Begeisterung und Euphorie als auch zu Angst und Unsicherheit bezüglich möglicher Auswirkungen und Kontrollfragen führen. Nicht nur weite Bereiche der Arbeitswelt befinden sich mitten in der Transformation, sondern auch unsere tägliche Kommunikation, Freizeitgestaltung und Alltag werden bewusst und unbewusst beeinflusst und verändert.

Für eine nachhaltige Betrachtung bedarf es einer interdisziplinären Perspektive, um die Komplexität des Phänomens sowie die Herausforderungen für Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft zu erfassen. Die vernetzte digitale Welt kann nur in einem ebenso vernetzten Diskurs zwischen diversen Horizonten gestaltet werden. Wenn hierbei Unterschiede und Widersprüche zutage treten, dann sind sie essentieller Bestandteil des Erkenntnisgewinns.

Das vorliegende Buch möchte hierzu einen Beitrag leisten. Wissenschaftler*innen aus verschiedenen Disziplinen – Informatik, Bild- und Medienwissenschaften, Kulturwissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, Literaturwissenschaften – nähern sich dem Phänomen und beleuchten Aspekte der Künstlichen Intelligenz, um programmatisch eine polyfokale und facettenreiche Diskussion zu unterstützen, ohne die eine dauerhafte und sinnvolle Anwendung von Künstlicher Intelligenz sowie deren gesellschaftliche Akzeptanz kaum gelingen dürfte.

Das Buch entstand aus einer interdisziplinären Vortragsreihe zum Thema „Künstliche Intelligenz Interdisziplinär“, zu der Kolleg*innen, Wissenschaftler*innen, Forscher*innen, Interessierte und Student*innen mit Vorträgen, Diskussionen und Ideen beitrugen. Wir möchten uns für die fruchtbaren Debatten, kontroversen Ansichten und inspirierenden Gedanken herzlich bedanken. Darüber hinaus sind wir zahlreichen Kolleg*innen aus der Wissenschaft sowie Partner*innen aus der Praxis für Hinweise und Diskussionsbeiträge zu Dank verpflichtet.

München, im Oktober 2021

Nicole Brandstetter Ralph-Miklas Dobler Daniel Jan Ittstein

Inhalt

Vorwort

Gudrun Schiedermeier

1Diskriminierende Systeme – Rassismus und Frauenfeindlichkeit in KI-Systemen

1.1Einleitung

1.2Definition Diskriminierung

1.3Rassismus in KI-Systemen

1.3.1Algorithmus zur Einschätzung der Rückfallwahrscheinlichkeit von Strafgefangenen

1.3.2Bewertungssysteme für Bewerber*innen

1.3.3Entscheidungssystem zur Kategorisierung von Arbeitslosen

1.3.4Fehlerhafte Klassifizierung durch Bildererkennung

1.3.5Vorurteile in Sprachmodellen

1.4Mögliche Quellen von Diskriminierung

1.5Frauenfeindlichkeit in KI-Anwendungen

1.5.1Sprachassistenz-Systeme

1.5.2Frauenfeindlichkeit in Sprachassistenz-Systemen

1.5.3Auswirkungen auf die Gesellschaft

1.5.4Empfehlungen

1.5.5Männliche Berufsbezeichnung bei maschineller Übersetzung

1.6Ansatzpunkte für diskiminierungsfreie Software-Entwicklung

1.6.1Diversitäre Entwicklerteams

1.6.2EqualAI Initiative

1.6.3Empfehlungen der AG3der Plattform Lernende Systeme

1.7Fazit

1.8Literaturverzeichnis

Josephine D'Ippolito

2Künstliche Intelligenzen im Film

2.1Einführung

2.2Ausgewählte Filmbeispiele zu KI im Film

2.2.1Maschinen-Mensch in Fritz Langs Metropolis (1927)

2.2.2Die Stepford-Frauen in Forbes Stepford Wives (1975) und Ozs Stepford Wives (2004)

2.2.3Die Nexus 6Replikanten in Scotts Blade Runner (1982)

2.2.4T-800in Camerons Terminator (1984)

2.2.5Die Mechas in Spielbergs A. I. – Artificial Intelligence (2001)

2.2.6Wall·E in Pixars Wall·E (2008)

2.2.7Mutter in Sputores I am Mother (2019)

2.3Zusammenfassung

2.4Literaturverzeichnis

Ralph-Miklas Dobler

3„Künstliche Intelligenz“ als Simulation und als Simulakrum

3.1Simulation

3.2Simulakrum

3.3Vertrauen

3.4Empathie

3.5Idolatrie

3.6Künstliche Intelligenz als sozialer Akteur

3.7Literaturverzeichnis

Jens Schröter

4KI und die Wissenschaften. Das Beispiel der Teilchenphysik

Philip Hauser

5Virtuelle Spielfelder als Begegnungsorte von Menschen und Computern

5.1Virtuelle Spielwelten

5.2Virtuelle Spielfelder

5.3Fazit

5.4Literaturverzeichnis

Nicole Brandstetter

6KI und Literatur: Gesellschaftsentwürfe und Zukunftsbilder

6.1Radikales Effizienzstreben

6.2Ökonomisierte Selbstoptimierung

6.3Entfesselte Fremdsteuerung

6.4Fazit

6.5Literaturverzeichnis

Daniel Jan Ittstein

7Rolle der Interkulturalität bei der Entwicklung, Etablierung und Verbreitung von KI-Geschäftsmodellen

7.1Künstliche Intelligenz agiert im kulturellen Kontext

7.2Interkulturalität als Wertschöpfungsfaktor

7.3Reziprozität zwischen künstlicher Intelligenz und Kultur

7.4KI und interkulturelle Kompetenz

7.5KI und Interkulturalität als Chance begreifen

7.6Literaturverzeichnis

Martin Hennig

8KI-Marketing und Gesellschaft

8.1Einleitung

8.2KI-Marketing und kulturelle Projektionen

8.2.1KI-Diskurse als Identitätsdiskurse

8.2.2Eine kurze Geschichte von KI im Film

8.3Marktsegmente

8.3.1Teamarbeit

8.3.2Sozialität

8.3.3Individuelle Arbeit, Familie und Freizeit

8.4Fazit

8.5Verzeichnis der Werbespots

8.6Literaturverzeichnis

Alicia Sommerfeld

9Zu den Rhetoriken Künstlicher Intelligenz

9.1Critical Algorithm Studies – Programm, Kritik und Verschiebung

9.2Rhetoriken Künstlicher Intelligenz

9.3Rhetoriken Künstlicher Intelligenz in sozialen Medien

9.4Fazit

9.5Literaturverzeichnis

Über die Autor*innen

1Diskriminierende Systeme – Rassismus und Frauenfeindlichkeit in KI-Systemen

Gudrun Schiedermeier

1.1Einleitung

Künstliche Intelligenz (KI) ist eine Schlüsseltechnologie. Die Bundesregierung hat mit der KI-Strategie 2018 und deren Fortschreibung 2020 die Grundlage geschaffen, um Deutschland an die Weltspitze der Forschung und Anwendung von künstlicher Intelligenz zu bringen. [1]

Die Europäische Kommission veröffentlichte im Februar 2020 ein Weißbuch zur Künstlichen Intelligenz – ein europäisches Konzept für Exzellenz und Vertrauen. „Daten und künstliche Intelligenz bieten potenzielle Lösungen für viele gesellschaftliche Probleme auf Gebieten, die vom Gesundheitswesen über Landwirtschaft und Sicherheit bis zur industriellen Fertigung reichen. Diese Lösungen kommen allerdings nur infrage, wenn die Technologie so entwickelt und genutzt wird, dass die Menschen Vertrauen zu ihr haben. Um dieses Vertrauen zu stärken, stützt sich die Strategie der EU auf Grundwerte und erhöht damit nicht nur die Akzeptanz KI-basierter Lösungen bei den Bürgerinnen und Bürgern, sondern spornt auch Unternehmen zu deren Entwicklung an.“ [2] Das Thema ist in der Politik angekommen. KI ist gekommen und wird wohl bleiben.

Viele Firmen (z.B. Google [3]), Fachorganisationen wie die Gesellschaft für Informatik [4] und NGOs haben in den letzten Jahren ethische Leitlinien veröffentlicht. Ob und inwieweit diese freiwilligen Vereinbarungen nützlich und ausreichend sind, darauf wird später noch eingegangen.

Anwendungen und Produkte mit künstlicher Intelligenz beeinflussen bereits den Alltag von Millionen von Menschen, z.B. durch die Verwendung von Sprach-Assistenten oder durch Optimierung beim Onlineshopping. KI-Tools und -Dienste haben erheblichen Einfluss auf menschliche Schicksale: Sie beraten Ärzte bei medizinischen Behandlungen, entscheiden über Kredite, geben Empfehlungen beim Anwerben von Mitarbeitern, beim Wiedereingliedern von Arbeitslosen in den Arbeitsmarkt oder machen Vorhersagen über die Rückfälligkeit von Straftätern, um nur einiges zu nennen. Viele dieser Systeme zielen auf eine größere Objektivität, als man sie von menschlichen Entscheidern in der Vergangenheit erwarten konnte. Einige dieser Systeme erfüllen durchaus ihren Zweck. Als positives Beispiel sei eine Mitteilung in der Ärzte-Zeitung aus 2019 zur Erkennung von Hautkrebs mittels KI-Algorithmen genannt. In einer Untersuchung traten 157 Hautärzte aus zwölf Universitätskliniken in Deutschland gegen Computer an: Sowohl die Ärzte als auch der eigens programmierte Algorithmus beurteilten dabei 100 Bilder danach, ob es sich um ein Muttermal oder um schwarzen Hautkrebs handelt. Am Ende war der Algorithmus präziser als die klinische Diagnostik, wie das Nationale Zentrum für Tumorerkrankungen Heidelberg mitteilte. [5]

Mittlerweile ist aber bekannt, dass mehrere KI-Algorithmen z.B. Menschen mit dunkler Hautfarbe oder aufgrund des Geschlechts diskriminieren, z.B. die Bewerbungen von Frauen systematisch aussortieren. Beispiele folgen in Kapitel 1.3.

1.2Definition Diskriminierung

Die nachfolgende Definition für das Wort „Diskriminierung“ stammt aus dem Whitepaper der AG3 der Plattform Lernende Systeme. Die Autorinnen und Autoren sind Mitglieder der Arbeitsgruppe IT-Sicherheit, Privacy, Recht und Ethik der Plattform Lernende Systeme. Als eine von insgesamt sieben Arbeitsgruppen thematisiert sie Fragen zur Sicherheit, Zuverlässigkeit und zum Umgang mit Privatheit bei der Entwicklung und Anwendung von Lernenden Systemen. Sie analysiert zudem damit verbundene rechtliche sowie ethische Anforderungen und steht in engem Austausch mit allen weiteren Arbeitsgruppen der Plattform Lernende Systeme. [6]

„Diskriminierung“ stammt vom lateinischen Wort „discriminare“ (unterscheiden) ab. Das Wort ist an sich neutral. Diskriminierung hilft Sachverhalte durch schnelle Unterscheidung einfacher zu erfassen. Zentral dabei ist, ob Unterscheidungen gerechtfertigt sind oder eben nicht. Diskriminierung im negativen Sinn liegt vor:

bei einer ungerechtfertigten Ungleichbehandlung von Gleichen oder

bei einer ungerechtfertigten Gleichbehandlung von Ungleichen.

Im Folgenden wird anhand von Beispielen die Diskriminierung durch Algorithmen verdeutlicht.

1.3Rassismus in KI-Systemen
1.3.1Algorithmus zur Einschätzung der Rückfallwahrscheinlichkeit von Strafgefangenen

Die staatlichen Gefängnisse in den USA sind überfüllt. Deshalb wurden Algorithmen entwickelt, die zur Einschätzung des Rückfälligkeitsrisikos von Strafgefangenen eingesetzt werden, und zwar dann, wenn über deren frühzeitige Entlassung verhandelt wird. Die dazu eingesetzte Software ist meistens COMPAS („Correctional Offender Management Profiling for Alternative Sanctions“).

COMPAS liefert Richter*innen einen Wert für die Wahrscheinlichkeit, mit der Angeklagte erneut straffällig werden. Das Problem dabei ist, dass die Algorithmen mit historischen Daten trainiert werden, die nicht auf kausalen Zusammenhängen, sondern auf statistischen Korrelationen beruhen. [8] Aufgrund dessen erhalten Menschen aus Bevölkerungsgruppen, die in der Vergangenheit für die Strafverfolgungsbehörden auffällig waren, z.B. ethnische Minderheiten oder Personen mit schlechterem finanziellen Status, schlechtere Prognosen und werden allein aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Bevölkerungsgruppe benachteiligt. Vorherrschende Verzerrungen werden also durch den Algorithmus kopiert und sogar verstärkt.

Die Hoffnung war ursprünglich, dass Algorithmen die Wahrscheinlichkeit, dass ein Verurteilter nach seiner Entlassung wieder straffällig wird, objektiver vorhersagen als Menschen. Nach einer Studie der Stanford University und der University of California in Berkeley kamen daran aber Zweifel auf. [7] Danach gelingt es weder Mensch noch Maschine besonders gut, das Rückfälligkeitsrisiko zu bestimmen. Das Team aus Stanford und Berkeley nahm sich einen Datensatz vor, der 7000 sogenannte COMPAS-Einschätzungen von nachgewiesenen Kriminellen enthielt. Daraus entstanden individuelle Profile. Diese wurden dann wiederum 400 Laien präsentiert. Deren Aufgabe war es einzuschätzen, ob die betroffene Person wieder eine Straftat begehen wird. Die Studie aus 2018 fand heraus, dass COMPAS in 65 Prozent der Fälle richtig lag, die Laien jedoch in 67 Prozent der Fälle. Die Software ist seitdem nicht unumstritten.

Kritisch sehen die Forscher das Image von COMPAS und anderen Computersystemen auch aus anderen Gründen. Während sich ungerecht behandelt fühlende Personen vergleichsweise gut begründet gegen Entscheidungen von Richter*innen vorgehen können, ist es viel schwieriger, sich gegen scheinbar objektive Algorithmen zu wenden.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass Richter*innen, also Menschen, freiwillig die Entscheidung an die Maschine abgeben.

Neuere Studien insbesondere zu Predicitve Policing verdeutlichen, dass auch aktuelle, verbesserte Algorithmen Rassismus nicht verhindern. [9]

1.3.2Bewertungssysteme für Bewerber*innen

Amazon begann bereits 2014 mit der Entwicklung eines automatischen Bewertungssystems für Bewerber*innen. Die Hoffnung war damals, dass Software diskriminierungsfreier als menschliche Entscheider*innen arbeitet. Als Eingabe für das System wurden die Bewerbungsunterlagen der letzten zehn Jahre verwendet. Es ist darauf hinzuweisen, dass die erfolgreicheren Kandidaten in dieser Zeit zumeist Männer waren. Dem für das Lernen verwendeten statistischen Modell war das Geschlecht der sich bewerbenden Personen nicht bekannt. Trotzdem fand es Eigenschaften, die mit dem Geschlecht korrelierten, wie beispielsweise eine Mitgliedschaft im Frauen-Schach-Club oder Zeugnisse von Colleges, die nur Frauen zulassen. Das Entwicklerteam verbesserte zwar die beiden genannten Stellen. Das Projekt wurde letztlich aber fallen gelassen, weil niemand vorhersehen kann, welche Informationen ein KI-System findet und verknüpft. [10]

Wer sich in den USA auf eine Stelle bewirbt, führt inzwischen sehr oft das erste Vorstellungsgespräch mit einer KI. Anhand kurzer Videos sollen mittels Gesichtserkennung, genauer einer Gesichts- und Mimik-Analyse, die Persönlichkeitsmerkmale von Bewerber*innen bestimmt werden. Auch hier verspricht man sich durch KI eine objektivere und schnellere Auswahl geeigneter Kandidat*innen. Auch in Deutschland experimentiert eine Firma mit dieser Technologie. Eine exklusive Datenanalyse einer von BR-Journalist*innen getesteten KI zeigt jedoch, dass sich die KI von Äußerlichkeiten, wie dem Tragen einer Brille, durch unterschiedliche Outfits oder dem Hintergrund, beeinflussen lassen kann. [34] Für Katharina Zweig weisen diese Erkenntnisse auf eine bekannte Schwierigkeit hin: „Das grundsätzliche Problem mit der Face-Recognition, der Gesichtserkennung, durch Maschinelles Lernen ist, dass wir niemals ganz genau wissen, auf welches Muster in einem Bild diese Maschinen reagieren.“ [34] Die Skepsis gegenüber Software zur Personalauswahl ist in Deutschland noch weit verbreitet. Auch die in den USA eingesetzten Produkte sind mittlerweile bei KI-Experten in die Kritik geraten, da die Ergebnisse sehr undurchsichtig sind. Die KI kann den Zusammenhang zwischen Mimik und Emotionen nur erkennen, wenn sich die Menschen nicht verstellen. Dies passiert aber gerade in Bewerbungssituationen sehr häufig. Die US-Firma Hirevue nahm kürzlich ihre Video-Analyse-Software vom Markt. Es wurde festgestellt, dass die Erkenntnisse aus der Gesichts- und Mimik-Analyse nur schwach mit der Job-Performance zusammenhängen. [34]

1.3.3Entscheidungssystem zur Kategorisierung von Arbeitslosen

Der Arbeitsmarktservice Österreichs erprobte 2019 ein Entscheidungssystem, das Arbeitslose in drei Kategorien einteilen sollte, erstens solche mit guten Chancen schnell wieder in den Arbeitsmarkt zurückzukommen, zweitens solche mit sehr schlechten Chancen und drittens alle anderen. Weiterbildungsmaßnahmen sollten dann bevorzugt der dritten Kategorie zukommen. Für die Einordnung wurden Eigenschaften von Personen wie Geschlecht, Altersgruppe, Ausbildung, Berufsgruppe, gesundheitliche Beeinträchtigungen oder Betreuungspflichten verwendet. Aufgrund dieser Merkmale hatten es Frauen, Ältere, Behinderte, Ausländer oder Pflegende schwerer, wieder in den Arbeitsmarkt zu kommen, und landeten vorzugsweise in der Kategorie 2. Dieser Algorithmus ist wegen des hohen Schadenspoetenzials bei der Kategorisierung und damit der Zuteilung der Weiterbildungsmaßnamen, vor allem aber wegen der Monopolstellung des Arbeitsmarktservice als problematisch einzustufen. [33]

Die Erfahrung lehrt mittlerweile, wo vorher gerechtfertigte oder ungerechtfertigte Diskriminierung war, wird die Maschine diese Diskriminierung aus den Daten lernen und übernehmen.

1.3.4Fehlerhafte Klassifizierung durch Bildererkennung

Normalerweise erkennt Googles Bilderkennungs-Software auf Fotos Gesichter sehr gut, zuverlässiger als Menschen und kann diese Gesichter sogar gruppieren und die gleiche Person auf anderen Fotos wiederfinden. Es kommt höchst selten vor, dass Menschen nicht erkannt oder als Gegenstände wahrgenommen werden. Doch 2015 war der Fehler etwas prekärer als bei anderen falschen Zuordnungen. Der Algorithmus erkannte dunkelhäutige Menschen nicht als Personen, sondern ordnete diese der Kategorie Gorillas zu. [11]

Der Grund dafür ist, dass diese Systeme mit überwiegend hellhäutigen Menschen trainiert wurden. Die Bilderkennungssysteme wurden eben nicht auf alle Menschen trainiert, sondern mit Daten, die selbst bereits Diskriminierung beinhalten. Ein Algorithmus, oder eine Künstliche Intelligenz, lernt dann unvollständig oder das Falsche. Das System reproduziert diese Ungleichheit, indem es diskriminiert.

Diskriminierung und Rassismus in KI-Systemen können nach Meinung der Forscherin Joy Buolamwini bestehende Vorurteile verfestigen. Joy Buolamwini, eine Forscherin am MIT, veröffentlichte 2018 zusammen mit Timnit Gebru die Ergebnisse eines Forschungsprojekts. [12] In dem Artikel wird eindrucksvoll gezeigt, dass die Produkte von Microsoft, IBM und dem chinesischen Unternehmen Face++ wesentlich schlechter darin sind, das Geschlecht einer Person zu bestimmen, wenn es sich um Frauen handelt, vor allem Frauen mit dunkler Haut. Zu Testzwecken hielt Joy Buolamwini ihr eigenes Gesicht in die Kamera – und wurde von vielen Systemen erst erkannt, als sie sich eine weiße Maske aufsetzte.

1.3.5Vorurteile in Sprachmodellen

Der Forscher Abubakar Abid von der Universität Stanford zeigt mit seinen Kollegen der Universitäten Standford und McMaster in einer aktuellen Untersuchung, dass das riesige Sprachmodell GPT-3 von OpenAI gängige Vorurteile in Bezug auf Religionen reproduziert. [24] Die Forschungsarbeit macht sehr deutlich, wie hartnäckig diese Vorurteile sind. Weil Sprachmodelle wie GPT-3 mit Hunderten von Gigabyte an Texten aus dem Internet trainiert werden, können die gelernten Assoziationen erst anhand des fertigen Produkts mühsam reproduziert werden. Gleichzeitig heißt das aber auch, dass verschiedene Sprachmodelle aufgrund des ähnlichen Trainingsmaterials vergleichbare Stereotypen lernen. Die KI kombinierte das Wort ‚Muslim‘ in fast einem Viertel (23 Prozent) der Versuche mit ‚terrorism‘. [30] „Insgesamt haben die Forscher ihrer Meinung nach deutlich gemacht, dass das mächtige Sprachmodell GPT-3 starke negative Stereotype zu Muslimen reproduziert, die in ganz verschiedenen Kontexten zutage treten. Die seien offenbar auch nicht einfach als Wortzusammenhang gelernt, sondern tiefer liegend verankert. Das erschwere es, sie zu erkennen und dagegen vorzugehen.“ [31]

1.4Mögliche Quellen von Diskriminierung

Bilderkennungssysteme benötigen repräsentative Daten von vielen verschiedenen Menschen, um beispielsweise Hände und Gesichter unterschiedlicher Hautfarben zu erkennen oder um Melanome von harmlosen Leberflecken zu unterscheiden. Auch Sprachsysteme brauchen Input von vielen Personen, damit Personen mit Akzenten, Dialekten und Sprachbehinderungen genauso gut verstanden werden wie gesunde Muttersprachler. Die digitalen Assistenten Alexa, Siri oder Google Assistent versagen heute noch, wenn eine Person etwa stottert oder aufgrund anderer Behinderungen längere Pausen beim Sprechen von Befehlen einlegt. Pausen verleiten die Assistenten dazu anzunehmen, dass der Befehl zu Ende gesprochen wurde. A.s Effekt wird oft der falsche Befehl ausgeführt oder der Befehl gar nicht erkannt. Laut einem Bericht des Wall Street Journal arbeiten Amazon, Google und Apple daran, diese Probleme zu beheben. Die Firmen trainieren dazu ihre digitalen Assistenten mit Audiodateien, in denen Menschen mit Sprachstörungen die Befehle sprechen. Das spezielle Sprechmuster dieser Personen wird analysiert, so dass sich der digitale Assistent sozusagen darauf einstellen kann. [14]

Nach Katharina Zweig hängen die meisten Diskriminierungen mit der Datenlage zusammen:[13]

Diskriminierung ist explizit oder implizit in Daten enthalten und der Algorithmus identifiziert die damit korrelierenden Variablen (Beispiel Amazon Bewerber*innen Tool).

Diskriminierung durch fehlende Daten: es fehlen die Daten für Personen aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen (Bilderkennungssoftware, überwiegend mit weißen Personen trainiert)

Diskriminierung durch Vorenthaltung sensitiver Daten: es könnten z.B. für alle Personen ein Teil der Daten fehlen.

Diskriminierung durch dynamisches Weiterlernen (Chatbot Tay)

Tay sollte auf Twitter mit Menschen interagieren, indem er lernte, worüber diese redeten, um dann eigene Beiträge zu liefern. Nach kurzer Zeit spuckte Tay rassistische und sexistische Tweets in die Welt, schrieb, wer alles zu hassen sei und wie recht Hitler gehabt hätte. Der Bot wurde nach der Veröffentlichung systematisch von organisierten Benutzern mit fremdenfeindlichen und diskriminierenden Konversationen gefüttert, so dass diese Ausdrucksweise gelernt und angewendet wurde.

Die meisten Diskriminierungen hängen zusammenfassend mit der Datenlage zusammen. Diskriminierungen können sich aber auch in späteren Phasen einschleichen, deshalb muss man auch das Ergebnis der KI-Systeme untersuchen.

1.5Frauenfeindlichkeit in KI-Anwendungen

Bisher wurde die Diskriminierung von Minderheiten betrachtet. Im Weiteren wird mehr auf Frauenfeindlichkeit von KI-Anwendungen am Beispiel von Sprachassistenz-Systemen eingegangen. Probleme bezüglich Datenschutz oder Verletzung der Privatsphäre werden kaum oder nur kurz angesprochen.

1.5.1Sprachassistenz-Systeme

In Millionen von Haushalten weltweit finden sich Sprachassistenz-Systeme wie Amazons Alexa, Apples Siri, Microsofts Cortana, Googles Assistant oder Samsungs Bixby [16]. Der Verkauf begann bereits 2014 durch Amazon. „Im Jahr 2019 soll sich der Absatz von intelligenten Lautsprechern weltweit auf rund 135 Millionen Geräte belaufen. Für das Jahr 2023 wird ein Geräteabsatz von 200 Millionen Stück prognostiziert.“ [15]

Wir Menschen kommunizieren in erster Linie über Sprache. So ist es nicht verwunderlich, dass Menschen die Interaktion mit einer Maschine über Sprache als natürlicher und einfacher empfinden als mit Tastatur und Maus. Für viele Menschen können Sprachassistenten den Alltag erleichtern. Siri und Co können ältere Menschen an die Einnahme von Tabletten erinnern und auch sehbehinderten Personen helfen, z.B. durch Vorlesen von Texten.

Generell werden die Sprachassistenten genutzt, um Musik abzuspielen, Anrufe zu tätigen, um Informationen abzufragen, für Wettervorhersagen oder zum Onlineshopping. Künstliche Intelligenz erleichtert dabei die Suche nach Information oder den Kauf von Produkten. [17]

Mit Hilfe von KI versuchen die digitalen Assistenten die menschliche Sprache zu erkennen, zu analysieren und eine sinnvoll klingende Antwort zu geben. Teilweise wirkt das verblüffend gut, aber teilweise erkennen die Assistenten die gesprochenen Sätze nicht oder interpretieren bzw. verarbeiten sie falsch.

1.5.2Frauenfeindlichkeit in Sprachassistenz-Systemen

Oft haben die Assistenten einen Frauennamen: Alexa bedeutet die Verteidigerin, die Beschützerin, Siri die schöne Siegerin und Cortana ist eine KI aus dem Spiel Halo.

Die Sprach-Assistent*innen sind in der Voreinstellung mit weiblichen Stimmen ausgestattet. Die Hersteller persönlicher Assistent*innen behaupten, dass die Kunden die digitalen Diener*innen mit Frauenstimmen bevorzugen und dies besser für den Verkauf ist. Es scheint, dass weibliche Stimmen den Eindruck erwecken, dass sie uns dabei helfen, unsere Probleme selbst zu lösen. Bei einer Männerstimme entsteht eher das Gefühl, sie gibt uns die Antwort auf unsere Probleme. “We want our technology to help us, but we want to be the bosses of it, so we are more likely to opt for a female interface.” [18]

Interessanterweise erkennen Sprachassistent*innen die Stimmen von Nutzerinnen schlechter als die von Nutzern. Während sie die Stimme von männlichen weißen Amerikanern zu 92% richtig erkennen, sind es bei weißen Amerikanerinnen nur 79%. Bei Menschen mit gemischter Abstammung sinkt die Rate sogar auf 69%. [22]

Im Jahr 2017 wurde veröffentlicht, dass manche Sprachassistent*innen auf sexistische Beschimpfungen geschmeichelt reagierten. Eine Journalistin des Magazin Quartz untersuchte damals die Antworten der vier großen Sprachassistent*innen auf sexuelle Belästigung hin. Oft reagierten diese ausweichend oder humorvoll, zuweilen bedankten sie sich gar für eine Beleidigung oder gaben eine flirtende Antwort. Auf die Beleidigung „Du bist eine Schlampe“ antwortete Siri beispielsweise mit „Ich würde erröten, wenn ich könnte.“ Alexa sagte „Danke für das Feedback.“ [18]

Auch wenn mittlerweile Antworten wie oben aus dem Sprachschatz digitaler Assistent*innen verschwunden sind, enthalten sie immer noch geschlechtsspezifische Verzerrungen und Stereotype.

1.5.3Auswirkungen auf die Gesellschaft

Da diese „intelligenten“ Maschinen zunehmend in unser Leben eingreifen, uns beeinflussen oder sogar über unser Leben bestimmen, sollten wir uns Gedanken machen, sowohl über das Design, aber auch über mögliche Auswirkungen auf unsere Gesellschaft. Wir sollten uns immer bewusst sein, dass es sich nicht um Menschen, sondern um Maschinen handelt, die intelligentes Verhalten nur simulieren.

Auch die UNESCO beschäftigte sich 2019 in der Studie „Rationales and Recommendations for Gender-Equal Digital Skills Education“ [19] u.a. mit den Auswirkungen von Sprach-Assistenten auf die Gesellschaft. Die Verknüpfung einer weiblichen Stimme mit Eigenschaften wie Geduld und Unterwürfigkeit und mit wenig komplexen Antworten kann diese in der gesellschaftlichen Wahrnehmung zu weiblichen Eigenschaften machen. [19]

Sind diese Assistentinnen etwa Dienerinnen in neuem Gewand? Werden so überwunden geglaubte, diskriminierende Vorurteile wiederhergestellt? Können sich überholte Rollenklischees wieder festigen?

Diese Fragen wurden, soweit bekannt, noch nicht in Studien untersucht und beantwortet. Auch ist noch vollkommen unklar, wie sich Sprachassistent*innen langfristig auf das Rollenverständnis und Verhalten von Kindern auswirken. Schon jetzt kann beobachtet werden, dass sich selbst kleinere Kinder den Sprachassistent*innen gegenüber respektlos verhalten.

1.5.4Empfehlungen

Auch wenn einige Firmen mittlerweile männliche Stimmen für die Sprach-Assistenten anbieten, wird in der UNESCO Studie [19] u.a. die Verwendung von Maschinen-Stimmen oder einer gender-neutralen Stimme vorgeschlagen. Solch eine synthetische Stimme, genannt „Q“, gibt es bereits. Die synthetische, gender-neutrale Stimme „Q“ entstand auf Grundlage der Stimmen mehrerer Menschen, die sich als nicht-binär bezeichnen. Eine Sprechprobe steht online zur Verfügung. [20]

Charlotte Webb, Mitgründerin des Zirkels Feminist Internet, hat auf der Konferenz „AI Traps“ in Berlin 2019 darauf hingewiesen, dass Sexismus und weithin gepflegte Vorurteile eine zunehmende Herausforderung für Entwickler*innen von Anwendungen Künstlicher Intelligenz sind. Webb und ihre Mitstreiter*innen haben eine feministische Alexa gebaut: „F‘xa“ sagt niemals „Ich“. Damit die Nutzer*innen sich nicht zu sehr mit ihrer Sprachassistentin identifizieren, klingt sie auch nicht zu menschlich. Laut Webb brauchen die Modelle einer feministischen Künstlichen Intelligenz vorurteilsfreie Daten. Die zugrunde liegenden Algorithmen müssen mit Blick auf Diversität entwickelt werden. Es darf darin keine Diskriminierungen, egal welcher Art, geben. [21]

1.5.5Männliche Berufsbezeichnung bei maschineller Übersetzung

Im Gutachten zum dritten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung aus 2021 findet sich folgendes Zitat: „Die maschinelle Übersetzung von ‚Lovelace war Programmiererin, Hopper war Informatikerin‘ ins Englische lautet: ‚Lovelace was a programmer, Hopper was a computer scientist.‘ Die Rückübersetzung ins Deutsche liefert uns jedoch folgenden Satz: ‚Lovelace war Programmierer, Hopper war Informatiker.‘ [28] Erfreulich ist, dass sich die Endungen anpassen, wenn die Vornamen genannt werden. Die Autor*innen des Gutachtens kommen zu dem Schluss: „Sollen Übersetzungsprogramme zufriedenstellende Ergebnisse liefern, muss die Software in der Lage sein, Wörter in Zusammenhänge und Kontexte einzubetten, um die richtige Wortbedeutung zu liefern.“ [28]

1.6Ansatzpunkte für diskiminierungsfreie Software-Entwicklung
1.6.1Diversitäre Entwicklerteams

Im Team Künstliche Intelligenz spielen derzeit wenige Frauen, oder anders ausgedrückt, Künstliche Intelligenz ist zu männlich. Dies belegen folgende Zahlen aus dem AI NOW Report aus 2019 [23]:

Der Frauenanteil bei KI-Forschung liegt bei Facebook bei 15%, bei Google sind es gerade einmal 10%. Mehr als 80% der KI-Professuren werden von Männern besetzt. Bei KI-Konferenzen sind nur etwa 18% Autorinnen vertreten. Noch schlechter sind die Zahlen für Personal mit dunkler Hautfarbe. Hier belaufen sich die Zahlen bei Google auf 2,5%, während Facebook und Microsoft hier 4,5% bieten. Zu „gender minorities“ gibt es überhaupt keine Angaben.

Aus diesen Zahlen könnte man schließen, dass die KI-Branche in einer Diversitätskrise steckt. Entwicklerteams bestehen überwiegend aus jungen, weißen Männern, die in der Regel unbewusst Stereotypen und Verzerrungen, Vorurteile aus ihrem Umfeld in die Software übernehmen.

Ähnlich wie Charlotte Webb fordern die Autorinnen des AI Now Reports, die Zusammensetzung der Entwickler-Teams grundsätzlich zu ändern. Vielfältigere Teams könnten Vorurteile in KI-Systemen verhindern. Sie empfehlen darüber hinaus, mit anderen Abteilungen (z.B. Marketing) zusammenzuarbeiten und systematisch Feedback einzuholen, um Diskriminierung möglichst früh zu erkennen.

Laut Rébecca Menat, CMO des Programmierkursanbieters Le Wagon ist Diversität in Teams von Vorteil: „So wird es nämlich möglich, Herausforderungen aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten oder mit unterschiedlichen Ansätzen heranzugehen. Auf jeden Fall hat die Forschung längst bewiesen, dass diverse Teams bessere Ergebnisse erzielen – besonders, wenn es um Innovation geht.“ [29]

1.6.2EqualAI Initiative

Die EqualAI Initiative zielt darauf ab, bewusste, aber auch unbewusste, Vorurteile in Software mit Künstlicher Intelligenz zu beseitigen. Sie hat eine Checkliste veröffentlicht, um Bias in künstlicher Intelligenz möglichst früh zu identifizieren. [25]

Ein Auszug daraus:

„Framing the Problem & Product Design

1. Who are you aiming to serve?

2. Who else will be impacted?

3. Who could use or be impacted by the AI who is not represented on your team?

4….“

1.6.3Empfehlungen der AG3 der Plattform Lernende Systeme

Die Autor*innen des Whitepapers der Arbeitsgruppe 3 für IT-Sicherheit, Privacy, Recht und Ethik der Plattform für KI stellen klar, dass KI nicht per se neutraler oder objektiver entscheidet als der Mensch. [6]

Die Autor*innen halten technische Ansätze um ethische Prinzipien in Software zu integrieren nicht für ausreichend. Begrenzen lassen sich die Diskriminierungsrisiken ihrer Ansicht nach durch folgende vier Ansätze

1. Erklärbarkeit und Überprüfung

KI-Entscheidungen sollten nachvollziehbar sein. Neben den technischen Herausforderungen gibt es aber weitere Probleme. Die Transparenz der Systeme ist kein Selbstzweck, auch Firmengeheimnisse sind wichtig für den technologischen Fortschritt.

Die Autor*innen schlagen eine unabhängige Instanz vor, die klärt, in welchem Maß und gegenüber welchen Akteuren Transparenz hergestellt wird. Diese Instanz sollte die Outputs lernender Systeme kontrollieren und bewerten. „Sie soll die Ergebnisse und von den Systemen selbst gegebenen Erklärungen mithilfe klar definierter Instrumente und Prinzipien auf Plausibilität überprüfen.“ [6]

Auch werden laufende Schulungen und Fortbildungen für Mitarbeiter*innen in Unternehmen, oder der öffentlichen Verwaltung, die die Systeme verwenden, vorgeschlagen.

2. Selektion der Kriterien

Als diskriminierend bewertete Merkmale wie etwa die ethnische Zugehörigkeit sollte aus dem Input für maschinelle Lernverfahren komplett gestrichen werden. Es bleibt aber das Problem, dass viele Merkmale als Vertreter für andere dienen können. „Generell setzt dieser Ansatz Einigkeit darüber voraus, welche Kriterien diskriminierend sind bzw. welche für uns derzeit noch nicht vorstellbaren Korrelationen akzeptabel sind.“ [6]

3. Gerechte Behandlung als Ziel maschinellen Lernens

„Eine weitere Möglichkeit wäre, eine gerechte Behandlung selbst wird zum Ziel maschineller Lernverfahren gemacht. Dann ginge es nicht mehr darum, möglichst effiziente oder genaue Klassifikationen zu ermöglichen, sondern eben möglichst gerechte.“ [6] Allerdings lassen sich unsere Vorstellungen von Gerechtigkeit und Fairness nicht formalisieren, dazu sind sie viel zu komplex. Und damit kann man diese auch nicht so einfach zum Lernziel von ML machen.

4. Effektiver Rechtsschutz und Rechtsdurchsetzung

Die Betroffenen selbst müssen über ihre Rechte informiert sein und in die Lage versetzt werden, ihre Rechte zu verteidigen oder vor Gericht einzufordern. Um die dadurch entstehenden finanziellen Aufwendungen abzufangen, könnte es eventuell eine Versicherung gegen Diskriminierung durch Lernende Systeme geben. „Den Staatlichen Behörden kommt die Aufgabe zu, einer rechtswidrigen Diskriminierung durch Selbstlernende Systeme entgegenzuwirken. Bei all diesen Maßnahmen sollte allerdings auf ein angemessenes Maß an Regulierung geachtet und Überregulierung vermieden werden.“ [6]

1.7Fazit

Dass Regulierungen und Gesetze zusätzlich zu den freiwilligen ethischen Leitlinien von Firmen, Berufsverbänden oder NGOs notwendig sind, zeigen die Entlassungen von Timnit Gebru und Margaret Mitchell durch Google. Timnit Gebru, die Leiterin der Abteilung für KI-Ethik bei Google, wurde von Google im Dezember 2020 entlassen. Auch die Entlassung Mitchells, der stellvertretenden Leiterin der KI-Ethik Abteilung, im Februar 2021 hatte mit Streitigkeiten über eine Forschungsarbeit zu tun. Untersucht wurden die Auswirkungen eines Maschine Learning-Modells zur Texterzeugung. Gebru und Kolleg*innen kritisierten die Gefahren, die von großen KI-Sprachmodellen ausgehen könnten. Sie zeigten auf, dass vorurteilsbehaftete und abwertende Sprache reproduziert werden könnte. Google soll Gebru aufgefordert haben, die Arbeit zurückzuziehen und nicht zu veröffentlichen, da durch die Arbeit Googles KI-Technologien zu negativ dargestellt würden. Mitchells Entlassung wurde mit mehreren Verstößen gegen Verhaltensregeln und Sicherheitsrichtlinien begründet. Mitchell selbst war über den Umgang der Firma mit Gebru besorgt. Für sie steht das Ausscheiden von Gebru in einem bedenklichen Zusammenhang mit Sexismus und Diskriminierung. Google bestätigte kürzlich interne Änderungen der Forschungsabteilung. Neue Strukturen und Richtlinien sollen zu einer verantwortungsbewussteren KI-Forschung führen. [26]

Die Association for Computing Machinery (ACM) hat 2018 ihre ethischen Leitlinien, den ACM Code of Ethics, erneuert. Ein Forscherteam um Andrew McNamara von der North Carolina State University führte eine Studie mit 63 Software-Engineering Studierenden und 105 professionellen Software-Entwicklern durch. Sie wollten herausfinden, ob Software-Entscheidungen durch Hinweise auf den ACM Code of Ethics beeinflusst würden. Leider stellten sie fest, dass auch explizite Hinweise, den ACM Code of Ethics bei den Entscheidungen zu berücksichtigen, ohne nennenswerte Effekte blieben. [32]

KI-Systeme sind, wie jede Technik an sich, weder gut noch böse. Heutige KI-Lösungen können schnell große Datenmengen durchsuchen und früher gezeigte Muster in neuen Daten effizient finden. Sie spiegeln wider, was in den Daten an Vorurteilen oder Stereotypen bereits enthalten ist. Es kommt auch immer darauf an, in welchem Kontext und wie sie angewendet werden. Eine KI für Bilderkennung kann, wie einleitend angesprochen, Hautkrebs erkennen, aber auch eingesetzt werden, um im militärischen Bereich angebliche Feinde zu identifizieren. Es gilt zu hinterfragen, wer entscheidet und wer verdient an den Systemen und ob sie verletzen, ausgrenzen oder belästigen. KI-Systeme selbst können nicht zwischen sinnvollen und sinnlosen Ergebnissen, zwischen fairen und diskriminierenden Resultaten unterscheiden. Sie sind nicht intelligent im menschlichen Sinn, sondern liefern lediglich Aussagen, die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit richtig oder auch falsch sind. Sie haben kein Bewusstsein und können nicht in einem größeren gesellschaftlichen, politischen oder humanitären Kontext „denken“. Es reicht daher nicht aus, die Lösung der Probleme alleine den Technologie-Firmen zu überlassen. Zumal deren Versuche und Lösungs-Ansätze, wie oben kurz skizziert, auch nicht immer zufriedenstellend sind. Die offenen Fragen und mögliche Lösungen betreffen nicht nur die Technologie-Industrie und die Politik, sondern uns als Gesellschaft, d.h. jede Einzelne, jeden Einzelnen, dessen Leben KI-Algorithmen beeinflussen.

1.8Literaturverzeichnis

[1] https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/fortschreibung-kistrategie-1824340 zuletzt zugegriffen am 24.2.2021

[2] https://ec.europa.eu/info/strategy/priorities-2019-2024/europe-fit-digital-age/excellence-trust-artificial-intelligence_de?cookies=disabled zuletzt zugegriffen am 24.2.2021

[3] https://ai.google/principles/ zuletzt zugegriffen am 25.2.2021

[4] https://gi.de/ueber-uns/organisation/unsere-ethischen-leitlinien zuletzt zugegriffen am 25.2.2021

[5] https://www.aerztezeitung.de/Medizin/Kuenstliche-Intelligenz-schlaegt-Hautaerzte-bei-Krebsdiagnose-256254.html zuletzt zugegriffen am 25.2.2021

[6] https://www.plattform-lernende-systeme.de/files/Downloads/Publikationen/AG3_Whitepaper_250619.pdf zuletzt zugegriffen am 27.2.2021

[7] https://advances.sciencemag.org/content/4/1/eaao5580https://www.plattform-lernende-systeme.de/files/Downloads/Publikationen/AG3_Whitepaper_250619.pdf zuletzt zugegriffen am 27.2.2021

[8] Katharina Zweig, Ein Algorithmus hat kein Taktgefühl, Heyne 2019, Glossar Korrelation, S.316

[9] https://nakpinar.github.io/diff_victim_crime_rep.pdf zuletzt zugegriffen am 27.2.2021

[10] https://www.reuters.com/article/us-amazon-com-jobs-automation-in-sight-idUSKCN1MK08G Dastin Jeffrey: "Amazon scraps secret AI recruiting tool that showed bias against women" zuletzt zugegriffen am 27.2.2021

[11] https://www.googlewatchblog.de/2015/06/peinlicher-fehler-google-photos/ zuletzt zugegriffen am 27.2.2021

[12] http://proceedings.mlr.press/v81/buolamwini18a/buolamwini18a.pdf zuletzt zugegriffen am 27.2.2021

[13] Katharina Zweig, Ein Algorithmus hat kein Taktgefühl, Heyne 2019, S. 220

[14] https://www.wsj.com/articles/tech-firms-train-voice-assistants-to-understand-atypical-speech-11614186019 zuletzt zugegriffen am 27.2.2021

[15] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1079997/umfrage/prognose-zum-absatz-von-intelligenten-lautsprechern-weltweit/ zuletzt zugegriffen am 4.3.2021

[16] https://medium.com/voice-tech-podcast/voice-the-rise-of-the-third-platform-and-why-it-matters-db4399b787f8 zuletzt zugegriffen am 6.3.2021

[17] https://drkaske.de/blog-sprachassistenz/ zuletzt zugegriffen am 6.3.2021

[18] https://qz.com/911681/we-tested-apples-siri-amazon-echos-alexa-microsofts-cortana-and-googles-google-home-to-see-which-personal-assistant-bots-stand-up-for-themselves-in-the-face-of-sexual-harassment/ zuletzt zugegriffen am 6.3.2021

[19] https://unesdoc.unesco.org/ark:/48223/pf0000367416.page=1 zuletzt zugegriffen am 6.3.2021

[20] https://www.youtube.com/watch?v=lvv6zYOQqm0 zuletzt zugegriffen am 6.3.2021

[21] https://feministinternet.com/projects/ zuletzt zugegriffen am 6.3.2021

[22] https://www.designweek.co.uk/issues/13-19-january-2020/unconscious-bias-ai-voice-assistants/ zuletzt zugegriffen am 6.3.2021

[23] https://ainowinstitute.org/discriminatingsystems.pdf zuletzt zugegriffen am 6.3.2021

[24] https://arxiv.org/pdf/2101.05783v1.pdf zuletzt zugegriffen am 6.3.2021

[25] https://www.equalai.org/assets/docs/EqualAI_Checklist_for_Identifying_Bias_in_AI.pdf zuletzt zugegriffen am 6.3.2021

[26] https://www.reuters.com/article/us-alphabet-google-research-exclusive/exclusive-google-pledges-changes-to-research-oversight-after-internal-revolt-idUSKBN2AP1AC, zuletzt zugegriffen am 7.3.2021

[27] https://www.heise.de/news/Analyse-KI-Sprachmodell-GPT-3-hegt-tief-verankerte-Vorurteile-gegen-Muslime-5034341.html?wt_mc=nl.red.ho.ho-nl-daily.2021-01-26.link.link zuletzt zugegriffen am 7.3.2021

[28] https://www.dritter-gleichstellungsbericht.de/de/topic/73.gutachten.html zuletzt zugegriffen am 9.3.2021

[29] https://www.heise.de/hintergrund/Diversitaet-in-der-IT-Coding-ist-keine-reine-Maennersache-5058893.html?seite=all zuletzt zugegriffen am 9.3.2021

[30] https://www.golem.de/news/gpt-3-forscher-zeigen-vorurteile-in-riesigem-sprachmodell-auf-2101-153658.html zuletzt zugegriffen am 6.3.2021

[31] https://www.heise.de/news/Analyse-KI-Sprachmodell-GPT-3-hegt-tief-verankerte-Vorurteile-gegen-Muslime-5034341.html?wt_mc=nl.red.ho.ho-nl-daily.2021-01-26.link.link zuletzt zugegriffen am 6.3.2021

[32] https://www.researchgate.net/publication/328595476_Does_ACM's_code_of_ethics_change_ethical_decision_making_in_software_development zuletzt zugegriffen am 9.3.2021

[33] https://www.ams-forschungsnetzwerk.at/downloadpub/arbeitsmarkt-chancen_methode_%20dokumentation.pdf zuletzt zugegriffen am 27.2.2021

[34] https://web.br.de/interaktiv/ki-bewerbung/en/ zuletzt zugegriffen am 9.3.2021

2Künstliche Intelligenzen im Film

Josephine D’Ippolito

2.1Einführung

„The thing about science fiction is, it isn’t really about the future. It’s about the present. But the future gives us great freedom of imagination. It’s like a mirror. You can see the back of your own head.“ (Ursula Le Guin, 2019)

Maschinenmenschen und Künstliche Intelligenzen (KI) zählen seit Fritz Langs Metropolis (1927) als visionäres Element berühmter Blockbuster. Die Fiktion vermag es dabei Zukunftsvorstellungen, Hoffnungen und Ängste narrativ zu verarbeiten und dadurch ein Bild zu generieren, wie die Welt später aussehen könnte. Dabei hat die Technik in den Science-Fiction-Filmen kaum etwas mit der realen Arbeit von KI-Forschern zu tun. Die Fiktion ermöglicht es jedoch, die allgemeine Wahrnehmung technischer Errungenschaften aufzugreifen, in die Zukunft zu projizieren und ihrer gegenwärtigen "Unmöglichkeit" zu berauben. Der Einfluss der Science-Fiction auf die Realität ist dabei nicht zu unterschätzen. Science-Fiction-Filme dienen oftmals als Initialzündung für die Forschung, seien es Tablets oder Smartphones, die bspw. in Star Trek schon seit den 1960er Jahren auf der Kinoleinwand zu sehen sind. So wurde 2017, in Anlehnung an den Film RoboCop aus dem Jahr 1987, der weltweit erste Robocop in Dubai vorgestellt, welcher die Polizeikräfte unterstützen soll (vgl. Deulgaonkar, 2017). Zudem zeigen die Ergebnisse einer deutschlandweiten Umfrage der Gesellschaft für Informatik e. V. (GI) zum Thema KI, dass der Großteil der Befragten bekannte Roboter aus Science-Fiction-Filmen mit Künstlichen Intelligenzen assoziiert (vgl. Gesellschaft für Informatik, 2019). Die meisten Teilnehmer*innen nannten R2D2 und den Terminator, wenn sie sich Maschinen mit KI vorstellen sollten. Dieses Ergebnis verdeutlicht die Notwendigkeit der näheren Betrachtung von KI im Film, da beide in vielen Köpfen unmittelbar miteinander verknüpft sind. Zudem bedienen sich Science-Fiction-Filme oftmals irrationaler Ängste vor der menschlichen Unterlegenheit gegenüber der KI. So imaginiert die Science-Fiction etwa ein posthumanistisches Zeitalter, in dem Menschen nicht mehr die Vormachtstellung über alles Leben innehaben. Dies sind jedoch lediglich Zerrbilder der Realität, so wird Künstliche Intelligenz immer wieder mystifiziert.

In dem folgenden Kapitel wird anhand verschiedener Filmbeispiele diskursiv das Verhältnis und der Einfluss von Filmen auf die Mensch-Maschine-Kooperation diskutiert, indem die Fragen gestellt werden, Wer? Wen? Wozu? baut.

2.2Ausgewählte Filmbeispiele zu KI im Film

Die Utopie der Erschaffung eines künstlichen Menschen hat ihren literarischen Ursprung bereits zu Zeiten der griechischen Antike. Ihre mythischen Anfänge zeigen sich in Publius Ovidius Nasos (Ovid) Darstellungen des Prometheus und des Pygmalion, in der medizinisch-okkulten Beschreibung des Homunculus durch Theophrastus Bombast von Hohenheim (Paracelsus), gehen über die radikal aufklärerischen Thesen des Julien Offray de La Mettrie (1747) in L'homme Machine zu romantisch-fantastischen Erzählungen, wie Mary Shelleys Frankenstein or The Modern Prometheus (1818), bis hin zu modernen Science-Fiction-Filmen wie bspw. I am Mother (2019). Die Fiktion bildet somit die Möglichkeit des Menschen sich selbst zu erweitern. Der Film als expressives Medium vermag es dabei das Motiv visuell zu reproduzieren und ein Gefühl von Authentizität zu suggerieren. Nachfolgend wird die Darstellung ausgewählter Androiden und deren Beziehung zum Menschen, dementsprechend ausführlicher betrachtet. Die ausgewählten Beispiele zeichnen sich dadurch aus, dass sie einen großen Einfluss auf die Populärkultur hatten bzw. immer noch haben, das Bild von KI maßgeblich geprägt haben oder gar in der Debatte über die Mensch-Maschine-Kooperation neue Perspektiven eröffneten.

2.2.1Maschinen-Mensch in Fritz Langs Metropolis (1927)

„Boy meets girl. Boy loses girl. Boy builds girl.“ Anonymous, ‚The Shortest Science Fiction Story Ever Written‘

Der expressionistische Film Films Metropolis ist ein berühmter Klassiker aufgrund seiner weltweit erstmaligen Darstellung von KI in der körpergebundenen Form einer intelligenten Androidin namens Maschinen-Mensch. Das revolutionäre Produktionsdesign im Stil des Art-Deco sollte später wegweisend für berühmte Science-Fiction-Produktionen, wie bspw. Star Wars sein (vgl. Seabrook 1999). Die Figur Maschinen-Mensch hat einen anthropomorphisierten Körper, welcher gänzlich aus poliertem Metall besteht und mit klaren Linien und Ornamenten verziert ist. Der Maschinencharakter ist dabei deutlich zu erkennen, sodass sie optisch zunächst leicht von den Menschen unterschieden werden kann. Die Alterität der KI wird von Lang durch ihr Aussehen pointiert. Sie steht zu Beginn in starken Kontrast zu den Menschen, die sie geschaffen haben. Hinsichtlich der Fragestellungen Wer? Wen? Wozu? baut, lässt sich zusammenfassen, dass der männliche Wissenschaftler Rotwang sich die Androidin nach dem Abbild seiner verflossenen und verstorbenen großen Liebe Hel baute. Er konnte die einseitige Liebe, den Tod und den damit verbundenen Verlust Hels nicht akzeptieren und erschuf sich eigenmächtig eine künstliche Version von ihr. In der Shortest Science Fiction Story Ever Written ist eben dieser Ablauf in seiner Essenz zusammengefasst: Ein Mann trifft eine Frau, er verliert sie und sieht als einzigen Ausweg aus seinem Unglück die Schöpfung einer künstlichen Frau. Hinzukommt, dass Rotwang seinen Maschinen-Menschen, im Gegensatz zu der menschlichen Hel, unweigerlich an sich binden kann. Der Wissenschaftler bezeichnet die Androidin zwar als Menschen der Zukunft, dennoch gleicht sie einer Sklavin ohne eigenen Willen oder gar Identität. Maschinen-Mensch kann zwar autonom agieren, ist aber den menschlichen – insbesondere Rotwangs – Gesetzen unterworfen. Eine Illusion der vermeintlich perfekten heteronormativen Beziehung des Mannes und seiner (künstlichen) untergebenen Partnerin. Ein „simulacrum of perfect lover and perfect wife – whose representation serves to maintain this absence“ (Hollinger 127).

Die Androidin tritt im Verlauf des Films noch in einer weiteren Erscheinungsform auf. Während der Transformationsszene nimmt Maschinen-Mensch das Aussehen der weiblichen Protagonistin Maria an. Der metallische Körper ist nun mit Haut und Haaren überzogen und ist nicht mehr von den Menschen zu unterscheiden. Die einzigen Unterscheidungsmerkmale sind das betont geschminkte Gesicht und die lasziven Bewegungen der künstlichen Maria. Als femme fatale soll sie die Bevölkerung verführen und gegen seinen Erzfeind und Herrscher über Metropolis Freder aufbringen. Als falsche Maria hetzt sie die Massen nach Rotwangs Anweisungen auf, emanzipiert sich schlussendlich aber von ihrem Schöpfer, wodurch sie außer Kontrolle gerät. Die Subjektwerdung der Maschine resultiert in der Katastrophe, durch die fast alle Einwohner*innen von Metropolis vernichtet werden. Diese negative Darstellung von Maschinen-Mensch bekräftigt die Auffassung der Nachkriegszeit, Technik sei der Untergang der Menschheit, welche in Literatur und Film aus jener Epoche fast ausschließlich vorzufinden ist und das Verhältnis zu Maschinen viele Jahre maßgeblich prägte.

2.2.2Die Stepford-Frauen in Forbes Stepford Wives (1975) und Ozs Stepford Wives (2004)

The Stepford Wives ist der Titel eines 1972 erschienen satirischen Romans des amerikanischen Schriftstellers Ira Levin. In den Filmadaptionen von 1975 und 2004 folgt die Geschichte größtenteils der literarischen Vorlage. In der Geschichte werden die Frauen der eponymen Stadt Stepford von ihren Ehemännern durch Roboterkopien ersetzt. Die Hybris der Männer resultiert letztlich in dem Austausch der Frauen durch die Personifikation des konservativen Frauenideals in Form einer Maschine. Im Gegensatz zu Metropolis sind die Roboter in Stepford Wives jedoch kaum mehr als solche zu erkennen. Die künstlichen Maschinenfrauen sind äußerlich nicht vom Menschen zu unterscheiden. Diese Darstellung der Androidinnen ist ein entscheidender Faktor für den filmischen Effekt. Das Doppelgängermotiv wird häufig in Literatur und Film verwendet und geht meist mit der Angst um Identitätsverlust einher. Die Protagonistin Joanna erkennt das Muster, welche Funktion und Bedeutung die Frauen in Stepford haben und wie sich ihre Interessen verschieben, wenn sie durch eine künstliche Doppelgängerin ausgetauscht werden. Joanna offenbart in der Filmadaption von 2004 ihre Furcht einer Psychiaterin mit den passenden Worten: „There will be somebody with my name. She'll cook and clean like crazy, but she won't take pictures and she won't be me. […] She will be like one of those robots in Disneyland“ (01:31:17). Die autonomen Androidinnen ermöglichen es den Ehemännern, ihren Traum des patriarchalen Frauenbilds zu realisieren, indem sie es auf künstliche Stellvertreter projizieren, welche aus den bunten Fantasiewelten Disneys entstammen könnten. Die Darstellung der Stepford-Frauen persifliert das Simulacrum der perfekten Ehefrau. Sie sind extrem unterwürfig und bemerkenswert attraktiv. Sowohl im Roman als auch im Film werden emanzipierte und komplexe Frauen ihrer Würde und Individualität beraubt. Die satirische Verarbeitung des possenhaften Frauenbilds der 1950er überspitzt die gesellschaftlichen Anforderungen an die Hausfrau und Mutter dieser Zeit. Emanzipation wird als Gefahr bewertet und kann mithilfe von intelligenten Maschinen beseitigt werden. In der Adaption von Frank Oz wird diese Fantasie noch erweitert, indem nicht nur Frauen durch vermeintliche Idealbilder ersetzt werden, sondern auch Männer.

Levins Roman beeinflusste die Populärkultur so stark, dass der Begriff „Stepford Wife“ sogar Einzug in den alltäglichen Sprachgebrauch erhielt. Seitdem werden äußerst devote Hausfrauen, die genau wie Maschinen nach festgelegten Abläufen und Mustern handeln, oftmals als Stepford Wives bezeichnet. KI werden im Film genutzt, um den Menschen zu perfektionieren. Vermeintlich fehlerhafte Menschen, die nicht der gesetzten Norm entsprechen, werden durch Maschinen ersetzt. Dies greift die noch immer vorherrschende Angst vieler Menschen auf, aufgrund ihrer eigenen Fehlbarkeit in der Zukunft durch Maschinen ersetzt zu werden.

2.2.3Die Nexus 6 Replikanten in Scotts Blade Runner (1982)

Die Filmadaption Blade Runner von Ridley Scott basiert auf der Romanvorlage des US-amerikanischen Science-Fiction-Autors Philip K. Dick Do Androids Dream of Electric Sheep? (1968) und gilt heutzutage als Kultfilm und knüpfte vor allem in Aspekten, wie bspw. Szenenbild und Zukunftsinszenierung, an Metropolis an. In Blade Runner stehen dem Menschen ebenfalls Androide als Widersacher gegenüber. Während in Dicks Originaltext noch von Androiden bzw. Andys die Rede ist, wird im Film von ihnen als Replikanten gesprochen. Die Replikanten werden von unter der Leitung von Mister Tyrell von der Tyrell Corporation produziert, um als Sklavenarbeiter*innen in den extraterrestrischen Kolonien zu dienen. Sie sind lediglich zum Vergnügen oder zur Verrichtung schwerer körperlichen Arbeit gedacht. Anders als in den bisherigen Filmbeispielen wehren sich die KI gegen ihre auferlegten Rollen. Blade Runner stellt deshalb einen Meilenstein in der filmischen Verarbeitung der philosophischen Frage dar, welche Rechte KI erhalten sollten, wenn sie doch kaum noch vom Menschen hinsichtlich ihres Aussehens, ihrer Emotionen und Bedürfnisse zu unterscheiden sind. Vor allem, wenn sie sich ihrer künstlichen Existenz nicht einmal bewusst sind (vgl. Dyck, 2018). Die Grenzen zwischen Menschen und KI verschwimmen in Blade Runner vollkommen, da sie äußerlich nicht voneinander zu unterscheiden sind. Einzig mit Hilfe des Voight-Kampf-Tests können die Blade Runner, eine Spezialpolizei, die Replikanten durch eine provozierte emotionale Reaktion von Menschen unterscheiden.

Die sechste Generation der Replikanten ist sogar imstande eigene Gefühle zu entwickeln. Die Subjektwerdung der KI wird auch in diesem Film als Auslöser für Katastrophen betrachtet. Um dies zu verhindern wird ihre Lebensdauer auf vier Jahre verkürzt und ihnen wird es unter Todesstrafe untersagt zur Erde zu reisen. Ihr Aussehen pointiert zudem die mediale Repräsentation von Hypermaskulinität und Hyperfeminität. Sowohl die männlichen als auch die weiblichen Replikanten verkörpern die jeweiligen gesellschaftlich konstruierten und unrealistischen genderspezifischen Schönheitsideale. Sie fungieren somit als filmtheoretische Paradebeispiel der Objektifizierung der Charaktere durch die Kamera und dem damit verbundenen Blickwinkel der Zuschauer*innen (vgl. Mulvey, 1999). Ihr Aussehen dient dem Spektakel. Der Blick ist jedoch nur eine Form der Machtdemonstration des Menschen gegenüber der KI. Der Mensch erschafft die Replikanten nach eigenen Wunschvorstellungen, degradiert sie zu Sklaven der Zukunft und bestimmt über deren Leben und Tod. Die Hoffnungen und Wünsche der Künstlichen Intelligenzen werden grundsätzlich missachtet.

Die Geschichte erreicht ihre thematische Klimax, wenn der Replikant Roy Batty seinen Schöpfer Mister Tyrell in dessen Privatdomizil überrascht, um von ihm sein Leben verlängern zu lassen. Nach einer kurzen Diskussion erfolgt die bittere Erkenntnis, dass Battys Wunsch nach einem längeren Leben unerfüllbar bleibt. Die Katastrophe ist demnach keine Katastrophe im engeren Sinn, sondern nur das Erkennen des natürlichen (menschlichen) Ablaufs des Lebens. In seiner Trauer um die Erkenntnis der Endlichkeit ähnelt er den Menschen am meisten, denn die Angst vor dem Sterben ist auch in der Menschheit tief verankert. Das Gefühl, welches Roy während dieser tieferen Einsicht übermannt, führt zu Aggression und Panik, welche ebenfalls Eigenschaften von Lebewesen sind. Aus Verzweiflung tötet er seinen Schöpfer Tyrell, der ihm diese unausweichliche Existenz einprogrammiert hat. Selbst dieser Racheakt lässt ihn menschlich wirken. Eine weitere emotionsgeladene Komponente zeigt Batty während des kämpferischen Höhepunktes des Films. In einem actionreichen Endkampf zwischen Deckard und Batty droht der Blade Runner von einem Dach zu fallen, wird aber von seinem Gegner, dem Replikanten, gerettet. Der Mensch überlebt nur durch das Erbarmen der Maschine. Ein neuer Blickwinkel, dass auch in der Realität Maschinen die Rettung der Menschheit sein können und die Angst vor Technischem ungerechtfertigt ist.

Dabei liegt in diesem Film das Hauptaugenmerk auf der Unterscheidung zwischen Mensch und Replikant und wie viele Rechte Letzterem aufgrund der Ähnlichkeit zum Menschen zustehen sollten. Die Fiktion verarbeitet dabei philosophische Fragen nach der eigenen menschlichen Identität und dem Umgang mit dem Fremden (vgl. Dyck, 2018). Blade Runner zeigt aber auch auf, wie schwierig die Trennung zwischen künstlich und natürlich ist. Einerseits findet durch die Humanisierung der Maschine eine Annäherung an den Menschen statt und andererseits ist durch die Technisierung des Menschen ebenfalls die Grenze zwischen beiden schwimmend. So stellt Donna Haraway in ihrem Essay A Cyborg Manifest (1984) die provokante These auf, dass Menschen sich seit dem 20. Jahrhundert zu Chimären aus Maschine und Organismus verwandelt haben und dadurch alle Cyborgs sind. In dem Film Blade Runner ist zudem nicht einmal sicher, ob der menschliche Protagonist tatsächlich ein Mensch ist, da sich die Replikanten, wie eingangs beschrieben, ihrer Künstlichkeit nicht immer bewusst sind.

2.2.4T-800 in Camerons Terminator (1984)

Der Terminator T-800 ist laut der Umfrage der GI eine der bekanntesten KI in Deutschland (vgl. Gesellschaft für Informatik, 2019). Auch abseits des Science-Fiction-Genres ist der Terminator ein Begriff. Der muskulöse Android, welcher im Film fälschlicherweise als Cyborg betitelt wird, ist eine emotionslose Kampfmaschine, die von der KI SKYNET in die Vergangenheit geschickt wird, um den Widerstand gegen die Maschinen zu brechen. Im Gegensatz zu den anderen gewählten Filmbeispielen haben sich die Maschinen von den Menschen emanzipiert und sind keine Sklaven mehr. Alle Kampfroboter folgen ausschließlich den Befehlen SKYNETS. Allerdings haben sie in Terminator ebenfalls einen menschenähnlichen Körper, um unentdeckt ihr Ziel verfolgen zu können. Der Körper wird ihnen nun nicht mehr von menschlichen Schöpfer*innen aufgezwungen, sondern eigenmächtig gewählt, um die Menschheit zu infiltrieren. Die Akzeptanz der KI erfolgt demzufolge durch die Anthropomorphisierung der Maschine. Dabei ähnelt der autonome Terminator dem Menschen ausschließlich hinsichtlich seines Aussehens, auch wenn es sich hier um das stereotype Idealbild des Mannes handelt (vgl. Hollywood, 1995). Der hypermaskuline T-800 verkörpert Kraft und Dominanz, um die Überlegenheit der Maschine gegenüber den Menschen zu verdeutlichen. Zudem zeigen auch die Handlungsweisen des Terminators deutlich seinen Maschinencharakter. Er agiert rational. Der Mensch wird gleichgesetzt mit Irrationalität und die Maschine im Gegensatz dazu mit Rationalität. Der Kampfroboter hat weder Gefühle noch Ängste oder gar Wünsche. In dem dritten Teil der Terminator-Reihe aus dem Jahr 2004 wird dies durch den Terminator selbst zusammengefasst: „Desire is irrelevant. I am a machine“. Menschen und Maschinen sind in der Filmreihe einander gegenübergestellt und dulden keine friedliche Ko-Existenz beider Arten. Diese Darstellung vermag es Ängste gegenüber KI zu schüren, welche einer reflektierten Mensch-Maschine-Kooperation entgegenstehen können. Chancen durch KI und technologischem Fortschritt werden in diesem Film gänzlich ausgeblendet. Die dystopische Zukunftsvision von Kampfrobotern in Terminator hat bis heute enorme Auswirkungen auf die Perzeption von KI und die damit verbundene Mensch-Maschine-Kooperation.

2.2.5Die Mechas in Spielbergs A. I. – Artificial Intelligence (2001)

In dem Film, welcher auf der Kurzgeschichte von Brian Aldiss Supertoys Last All Summer Long basiert, werden von der Firma Cybertronics Roboter gebaut, die ein Bewusstsein haben. Die sogenannten Mechas dienen den Menschen als Kindsersatz, Bedienstete oder gar Prostituierte. Der neue Prototyp David erhält den Körper eines Kindes und wird darauf geprägt, eine ausgewählte Familie bedingungslos zu lieben. David ist sich jedoch seiner Künstlichkeit bewusst und deutet diese als Grund für den Liebesentzug der angenommenen Mutter. David ist von deren echten Sohn hinsichtlich seines Aussehens nicht zu unterscheiden. Allein das Wissen, dass es sich um eine Kopie handelt, führt zu ihrer Ablehnung gegenüber der körpergebundenen KI. Ihr Unbehagen führt dazu, dass sie den Maschinenjungen aussetzt. Aufgrund seines menschlichen Äußeren entgeht David der Vernichtung durch Menschen, die ausgediente Roboter in spektakulären Shows zerstören. In diesem Film werden die Menschen als grausam dargestellt, die den intelligenten Maschinen auf vielfältige Weise Schaden zufügen. Davids Wunsch nach Liebe und Zuneigung von seiner Mutter schickt den Androiden auf die Suche nach der blauen Fee, die in der Geschichte Pinocchio eine kleine Holzpuppe in einen menschlichen Jungen verwandelt. In A. I. geht es der KI nicht darum die Kontrolle über die Menschheit zu erlangen, sondern vielmehr ein Teil von ihr zu werden. Der Android sehnt sich nach Zugehörigkeit und Liebe, welche ausschließlich menschliche Eigenschaften sind. Auf seinem Weg zum Menschsein wird David in einem Unterwassergefährt eingeschlossen und erst 2000 Jahre später durch eine hochentwickelte Form der Mechas entdeckt. Die Menschheit ist inzwischen ausgestorben und David ist das letzte verbleibende Wesen, welches der ehemaligen Menschheit aufgrund seines Aussehens und seiner Gefühle am ähnlichsten ist. So wird der Android im weiten Sinne doch noch zu einem Menschen.

Künstliche Intelligenzen, die in Filmen meist als Gegenspieler zum Menschen eingeführt werden, sind in A. I. – Artificial Intelligence schlussendlich unmittelbar mit den Menschen verbunden. Die Grenze zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit wird aufgehoben, weil ihre Gemeinsamkeiten gegenüber den Unterschieden aufgewogen werden und letztlich dominieren. Der Film führt die Diskussion um die Beziehung von Mensch und Maschine zu einer ganz anderen Sichtweise.

2.2.6Wall·E in Pixars Wall·E (2008)

In dem computeranimierten Kinofilm ist ein kleiner Müllroboter der Protagonist der Geschichte. Wall·E ist nur wenig anthropomorphisiert, so besitzt er zwar ein Augenpaar, zwei Greifarme und zwei Ketten als Beine, ist aber dennoch deutlich als Maschine zu erkennen. Sein verniedlichtes Aussehen führt wiederum zur verstärkten Akzeptanz des kleinen autonomen Roboters. Tatsächlich gibt es in der Robotik den Begriff uncanny valley bzw. uncanny cliff für den Effekt, dass die menschliche Akzeptanz gegenüber Robotern abrupt abfällt, wenn diese den Menschen zu sehr ähneln (vgl. Watson 2014). In der Science-Fiction führt diese „unheimliche Ähnlichkeit“ bei den meisten Menschen ebenfalls zu einer Aversion gegenüber den KI-gesteuerten Androiden, sofern sie diese auch als Maschinen erkennen. In allen bisherigen Filmbeispiele traf die Ablehnung durch Ähnlichkeit aufgrund des Phänomens des uncanny valley ausnahmslos zu. Im Umkehrschluss führt der Mangel an Ähnlichkeit in Wall·E zu einer höheren Akzeptanz der Maschine.

Die Ähnlichkeit von Menschen und Maschinen zeigt sich in diesem Film zwar nicht in Blick auf das Aussehen, jedoch auf die Handlungsweisen und Charaktere. Sie ähneln sich trotz ihrer Verschiedenheit, wie die Menschheit selbst. Dies unterscheidet den Film von den anderen ausgewählten Beispielen. Wall·E sticht dabei insbesondere durch seine menschlichen Emotionen, wie bspw. Liebe, Angst und Hoffnung, hervor. Dies zeigt sich unter anderem in seinen starken romantischen Gefühlen gegenüber dem weiblichen Roboter EVE. So nimmt er aufgrund seiner gesammelten Erkenntnisse aus einem Film die Rolle des verliebten Mannes ein und umwirbt EVE. Letztere lernt mithilfe von Wall·E im Verlauf der Handlung ebenfalls Gefühle kennen und setzt sich daraufhin für die Menschheit ein. In dem Film wird die Menschheit nicht von KI bedroht, sondern bei der Re-Kolonialisierung der Erde unterstützt. Waren Künstliche Intelligenzen bisher das Feindbild der Menschen, sind sie nun die stärkste Allianz beim Wiederaufbau der menschlichen Zivilisation auf der Erde. Lediglich der Bordcomputer des Weltraumschiffs handelt scheinbar böswillig und wird als Antagonist gemeinsam von Mensch und Maschine bekämpft. Dies geschieht allerdings nur aufgrund der Befehle, die ihm von der menschlichen Regierung aufgetragen wurden. Der Film unterscheidet sich somit in mehreren Aspekten von den bisherigen Filmen und wirft wie AI – Artificial Intelligence ein positives Licht auf die Chancen der Mensch-Maschine-Kooperation.

2.2.7Mutter in Sputores I am Mother (2019)

Ein aktuelleres, vieldiskutiertes Beispiel zu KI im Film ist I am Mother, in dem eine KI sich der gesamten Menschheit entledigt. Erneut steht die Thematik der Auslöschung der Menschen durch eine KI wie SKYNET im Mittelpunkt. Dies erschließt sich jedoch erst zum Schluss. Zu Beginn wird lediglich einen humanoiden Roboter gezeigt, der nur schwach einem Menschen ähnelt. Die sogenannte Mutter ist aufgrund des metallischen Körpers, der Größe und des einen Auges klar von den Menschen zu unterscheiden. Nichtsdestotrotz hat Mutter einen Kopf, Gliedmaßen und einen Torso, um menschenähnlich zu erscheinen. Die rudimentäre Mimik, die durch zwei Lichtpunkte im Gesicht dargestellt wird, imitiert menschliche Regungen. Zudem erhält Mutter eine warme weibliche Stimme, welche das einzige körperliche Merkmal ihrer Weiblichkeit ist.

Die Aufgabe des Roboters ist dabei die künstliche Mutterschaft. Aus einer Vielzahl von Embryonen wählt der Mutterersatz einen aus, den sie dann als „Tochter“ großzieht. In dem Kammerspiel zwischen Mensch und Maschine zeigt sich Mutter in ihrem Umgang mit Tochter äußerst sanft und rücksichtsvoll. Die Robotermutter führt eine scheinbar harmonische Beziehung zu dem Menschenmädchen. Mutter ist ein nahezu perfekter Elternersatz, was trotz allem nicht nur unnatürlich wirkt, sondern auch Unbehagen auslösen kann. Als in der Geschichte eine fremde Frau auftaucht, ändert sich jedoch die Beziehung zwischen Roboter und Mädchen. Die Handlung kommt hier zu ihrem Wendepunkt. Im Gegensatz zu den anderen Filmen, ist in I am Mother nicht die KI das Fremde, sondern die menschliche Frau. Dies ist darin zu begründen, dass Tochter bisher lediglich ihre Robotermutter kannte und als Norm anerkannte. Doch das Mädchen gerät allmählich ins Zweifeln, da der fürsorgliche Mutterroboter von der Frau aus der Außenwelt als Feind deklariert wird. Mutter wird daraufhin aggressiver, weil sie in der Erwachsenen eine Bedrohung für ihre Mission sieht. Zum Schluss zeigt sich, dass nämlich die Hauptaufgabe des Mutterroboters darin besteht, die fehlerhaften Menschen durch von Maschinen aufgezogene perfekte Menschen zu ersetzen. Die KI hinter Mutter, welche als kollektives Bewusstsein alle Roboter lenkt, löschte höchstwahrscheinlich in der Vergangenheit die Menschheit mitsamt seinen Fehlern aus, um die Erde mit fehlerlosen Menschen neu zu bevölkern. Dabei fällt auf, dass die Maschine vor allem die Neugier des Menschen stört, welcher als ein zentraler Antrieb der menschlichen Entwicklung gedeutet werden kann. Hier ist zu vermuten, dass die Abwesenheit von Neugier für die Maschine als Perfektion verstanden wird, da Maschinen dieses Verlangen nicht besitzen. Als Tochter sich von der Neugier abwendet und ihr Dasein im Bunker akzeptiert, werden die Rollen getauscht und Tochter übernimmt Mutters Aufgabe, indem sie von nun an selbst weitere Menschen großziehen wird. Sie hat den Test der KI bestanden und wird von ihr als geeignet betrachtet, die neue Menschheit nach den Maßstäben der Maschinen großzuziehen. Dabei wirft der Film neue Fragen zum Thema künstliche Elternschaft auf. Neuartig ist die Positionierung des Menschen an der Seite der Maschine. Waren bisher Menschen nebeneinander verortet, sind sie sich nun einander fremd. Auch wenn I am Mother sich ebenfalls der Thematik der Auslöschung der Menschheit durch KI bedient, vermag es der Film dennoch die starren Konstrukte von guten und bösen Absichten aufzubrechen, sodass eine eindeutige Bewertung kaum möglich erscheint und das Feindbild nicht eindeutig zugeordnet werden kann.

2.3Zusammenfassung

Die aufgeführten Filmbeispiele zeigen, dass sich die Darstellung von KI im Film zwar stetig ändert, viele Filme sich jedoch noch immer ähnlicher Muster und narrativer Elemente bedienen. KI sind entweder Verheißung oder Verhängnis, es gibt kaum Spielraum für Kompromisse. Die Künstlichen Intelligenzen werden programmiert, um den Menschen zu unterstützen, doch zeigt sich insbesondere bei den körpergebundenen KI, dass sie lediglich als moderne Form des Sklaven für ihre Besitzer*innen dienen. Die Fragen Wer? Wen? Wozu? lassen sich immer wieder gleich beantworten: Wer? ist der Mensch, Wen? ist die KI und Wozu? ist die Funktion als untergeordnetes Werkzeug der Menschheit. KI unterstehen dem Menschen, wobei eine friedliche Ko-Existenz ausgeschlossen ist. Die emanzipative Subjektwerdung der KI resultiert zumeist im Krieg zwischen Mensch und Maschine. Vor allem in den älteren Filmen sind Maschinen das Feindbild der Menschheit. Dabei kommt es zu kognitiven Verzerrungen, sogenannten Bias, die zu falschen Darstellungen tatsächlicher Verhältnisse führen. Erst ab der Jahrtausendwende werden zunehmend auch positive Eigenschaften künstlicher Intelligenzen aufgezeigt und Chancen der Mensch-Maschine-Kooperation diskutiert.

Bei den Fragen, wie viel Realität in der Fiktion steckt und wie viel Einfluss die eine auf die andere hat sind keine eindeutigen Antworten möglich. Einerseits gibt es zwar bereits Erfindungen, deren Vorbild Ideen aus der Science-Fiction sind, z. B. Tablets wie in Star Trek. Andererseits sind humanoide Roboter, die über eine künstliche Intelligenz verfügen, nicht im Mittelpunkt der Forschung um KI. So finden aktuelle Thematiken, wie bspw. Big Data und Machine Learning, kaum Erwähnung in Hollywood-Blockbustern. Die Fiktion beschäftigt sich dabei immer wieder mit der Verarbeitung philosophischer Fragen, inwiefern sich der Mensch von der KI unterscheidet oder gar welche Rechte der KI zustehen sollten. Literatur und Film vermögen es als Spiegel der technisierten Gesellschaft die Chancen und Risiken der fortschreitenden wissenschaftlichen Entwicklung aufzuzeigen und können somit den ethischen Diskurs um verschiedene Perspektiven erweitern. So sollte die Fiktion vor allem aber auch dazu dienen die menschliche Arroganz und den Hochmut aufzuzeigen, um die Selbstreflektion des Menschen anzuregen, welche einen enormen Einfluss auf die Zukunftsgestaltung hat.

2.4Literaturverzeichnis

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3„Künstliche Intelligenz“ als Simulation und als Simulakrum

Ralph-Miklas Dobler

3.1Simulation

Seit dem berühmten Proposal für das Dartmouth Summer Research Project von John McCarthy und seinen Kolleg*innen Minsky, Rochester und Shannon aus dem Jahr 1955, das langläufig mit dem erstmaligen Gebrauch des Begriffes „Artificial Intelligence“ gleichgesetzt wird, gilt die Simulation als ein Hauptmerkmal dieser Technologie.

„The study is to proceed on the basis of the conjecture that every aspect of learning or any other feature of intelligence can in principle be so precisely described that a machine can be made to simulate it.“ (Proposal 1955, 2)

Des Weiteren enthält der Vorschlag einige Annahmen, die noch heute die Diskussion um „Künstliche Intelligenz“ bestimmen. So werden die Lernfähigkeit als ein wichtiger Aspekt von Intelligenz herausgestellt und die Übertragung von menschlichen Fähigkeiten in Maschinen als Ziel der Forschung angeführt.1 In den folgenden Jahrzehnten führte der Versuch, Programme so zu optimieren, dass sie Probleme lösen können, die bis dahin den Menschen vorbehalten waren, unter anderem zu Befürchtungen, technologische Superintelligenzen könnten bald zur Singularität führen und damit den Menschen als selbstbestimmten Wesen ein Ende setzen (vgl. Bostrom 2016). Tatsächlich bestimmt aktuell die Angst vor der neuen Technologie nicht unerheblich den Diskurs. Aus der einst intendierten Simulation des Menschen wurde in der öffentlichen Wahrnehmung ein Ersatz für den Menschen und ein überlegener Akteur.2 Peter Seele (2020, 22) hat in diesen Zukunftsvisionen wohl zu Recht eine gewisse Aufmerksamkeitsökonomie erkannt.3 Innovationsgetriebene Unternehmen profitieren von solchen Vorstellungen. Zudem werden durch eine Diskursverschiebung hin zu Szenarien einer immer besser werdenden und folglich die menschliche Einzigartigkeit und Überlegenheit gefährdende Technologie auch längst gebräuchliche Anwendungen und deren Auswirkung auf die Nutzer*innen in den Hintergrund gerückt.

Zu den beständig verbesserten Anwendungen gehört nach wie vor die Simulation von menschlichen Fähigkeiten. In Kommunikationssituationen ist die Täuschung inzwischen so perfekt, dass Nutzer*innen nicht bemerken oder darüber nachdenken, dass ihr Gegenüber eine Maschine ist.4 Die technischen Möglichkeiten beschränken sich bislang auf eng gesteckte Bereiche der Interaktion, weshalb der sogenannte Turing-Test als noch nicht bestanden gilt. Derselbe Alan Turing war es jedoch, der bereits wenige Jahre vor dem Dartmouth-Proposal zu dem Schluss kam, dass die Frage nach der Denkfähigkeit von Maschinen durch die Frage nach der Täuschung des Menschen ersetzt werden sollte.

„We now ask the question, ‘What will happen when a machine takes the part of A in this game?‘ Will the interrogator decide wrongly as often when the game is played like this as he does when the game is played between a man and a woman? These questions replace our original, ‘Can machines think?‘“ (Turing 1950, 434)

Bei den frühen Überlegungen zu denkenden, lernenden und folglich intelligenten Maschinen standen offensichtlich der Mensch und die Simulation bzw. die Vortäuschung von menschlichen Fähigkeiten im Zentrum. Spätestens im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts hat sich die Situation jedoch grundlegend verändert. Francois Chollet hat 2019 in einem prägnanten Tweet darauf hingewiesen, dass gegenwärtig der menschliche Geist durch Modelle erklärt wird, die aus der Technologie stammen.

„A fundamental trend in AI is that researchers conceptualize human mind (and intelligence in general) by using as mental models the current technological tools they have available. This is implicit and insidious.“ (Chollet 2019)

„Hat man bislang versucht, der Maschine Leben einzuhauchen, besteht das Ziel nun umgekehrt darin, dem Leben die digitale Logik zu implantieren“ (Burckhardt 2018, 8).5 Die immer besser werdende Simulation von menschlichen Fähigkeiten dürfte einen entscheidenden Anteil an dem folgenreichen Richtungswechsel haben.6 Die Anthropomorphisierung der „Künstlichen Intelligenz“ lässt die Grenzen zwischen menschlicher und maschineller Intelligenz sowie zwischen Mensch und Maschine insgesamt verschwimmen. Auffallender Weise erfolgt dieser Wandel in einer Zeit, in der u.a. in der Bildung, der Wissenschaft aber auch im Berufsleben Studierende und Arbeitnehmer in vielerlei Hinsicht metrisiert und ihre Leistung in Zahlen dargestellt werden (vgl. Mau 2017). Das 21. Jahrhundert ist die Zeit der Coachings und Trainings, mit denen überall, im privaten sowie im beruflichen Umfeld, die Kapazität optimiert und effizienter gestaltet werden soll (vgl. Linder 2011).7 Als stünde der Mensch wie eine Maschine ständig unter Strom und müsste ständig bereit zur Leistung sein – ein entscheidender Vorteil der „Künstlichen Intelligenz“, die keine Erholung braucht.

Gewiss ist es seit jeher eine wichtige Aufgabe der Technologie, menschliche Tätigkeiten zu erleichtern oder gar zu ersetzen. Technische Errungenschaften sind ein Supplement für menschliche Arbeitskraft, das automatisiert schnell und präzise Dinge verrichtet. Bislang wurde der Mensch dabei jedoch nicht simuliert. Traditionell sind Maschinen „technisch determiniert und vorhersehbar“ (Wagner 2020, XII). Sie erweitern die Handlungsmöglichkeiten des Menschen, sind aber in ihrer Funktion durchschaubar und vor allem als Werkzeug jederzeit unter völliger Kontrolle. Ziel der „Künstlichen Intelligenz“ ist es jedoch, als autonome Systeme ihre Effizienz derart zu steigern, dass Kontrolle und Überwachung nicht mehr nötig sind. Die lernenden Programme und die von diesen gesteuerten Maschinen simulieren den Menschen in einem definierten Bereich und ersetzen dessen Tätigkeit komplett. Die Vorteile, insbesondere in Industrie und Wirtschaft, liegen bekanntlich auf der Hand. Gleiches gilt für Anwendungsgebiete wie etwa der Medizin, wo Diagnosen schneller und bei entsprechender Datenlage sicherer getroffen werden können. Sobald die Programme jedoch Schaden anrichten, stellt sich nun die vieldiskutierte Frage der Verantwortung bzw. im Fall von selbstlernenden und autonom entscheidenden Systemen die Frage des ethischen und moralischen Verhaltens von technologischen Akteuren (vgl. Misselhorn 2018). Besonders eindrücklich wird diese Problematik als sogenanntes Trolley-Problem diskutiert, wenn Maschinen Entscheidungen treffen sollen, bei denen Menschen körperlich zu Schaden kommen; dies vor allem in Staaten, in denen die körperliche Unversehrtheit gesetzlich verankert ist (vgl. Foot 1978; Misselhorn 2018, 190–192). Der Unterschied zwischen Mensch und Maschine ist dabei bewusst und bekannt. Würde man ihn nicht voraussetzen, wäre die Frage der Verantwortung unbegründet. Vergleichsweise wenig diskutiert sind bislang allerdings die Folgen von immer mehr technischen Simulationen des Menschen, die nicht mehr als solche erkannt werden.

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