Kitabı oku: «Medienlinguistik»

utb 2503
Eine Arbeitsgemeinschaft der Verlage
Böhlau Verlag · Wien · Köln · Weimar
Verlag Barbara Budrich · Opladen · Toronto
facultas · Wien
Wilhelm Fink · Paderborn
A. Francke Verlag · Tübingen
Haupt Verlag · Bern
Verlag Julius Klinkhardt · Bad Heilbrunn
Mohr Siebeck · Tübingen
Nomos Verlagsgesellschaft · Baden-Baden
Ernst Reinhardt Verlag · München · Basel
Ferdinand Schöningh · Paderborn
Eugen Ulmer Verlag · Stuttgart
UVK Verlagsgesellschaft · Konstanz, mit UVK/Lucius · München
Vandenhoeck & Ruprecht · Göttingen · Bristol
Waxmann · Münster · New York
Daniel Perrin
Medienlinguistik
3., aktualisierte Auflage
UVK Verlagsgesellschaft mbH · Konstanz
mit UVK / Lucius · München
Professor Dr. Daniel Perrin lehrt Medienlinguistik an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.
Online-Angebote oder elektronische Ausgaben sind erhältlich unter www.utb-shop.de. Zusätzliche Materialien zum Buch befinden sich unter www.medienlinguistik.net
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.
Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
1. Auflage 2006
2. Auflage 2011
3. Auflage 2015
© UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz und München 2015
Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart
Druck und Bindung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm
UVK Verlagsgesellschaft mbH • Deutschland
Schützenstr. 24 • 78462 Konstanz
Tel. 07531-9053-0 • Fax 07531-9053-98
www.uvk.de
UTB-Nr. 2503
ISBN (print) 978-3-8252-4362-3
ISBN (epub) 978-3-8463-4362-3
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
| Inhalt | |
| Die schnelle Tour – Zum Schmökern vor dem Lesen | |
| Fall RÄTSELTITEL: Auf den ersten Blick | |
| Aufsatz EKSTRÖM: Interviewantworten rekontextualisieren | |
| Originale! | |
| Die fünf Teile des Buchs | |
| A | Einleitung: Entdecken, arbeiten und lernen mit diesem Buch |
| B | Medienlinguistik als linguistische Teildisziplin |
| C | Systematik medienlinguistischen Wissens |
| D | Medienlinguistische Projektpraxis in Forschung und Transfer |
| E | Intermezzo: Daten zum Buch und Daten im Netz |
| A | Einleitung: Entdecken, arbeiten und lernen mit diesem Buch |
| 1 | Zum Beispiel der Fall RISIKEN |
| 2 | Zum Beispiel der Begriff Rekontextualisieren |
| Fall RISIKEN: Hinter die Oberfläche | |
| Fall WAHLKAMPF: Bruchstück einkopiert | |
| Fall FLUGHAFEN: Vorweg werten | |
| Fall RÄTSELTITEL: Auf den ersten Blick | |
| 3 | Noch mehr Aufgaben – Das didaktische Konzept |
| 4 | Und die Lösungen? – Das Lehrmittel im Medienverbund |
| 5 | Die Ausrichtung im Diskurs |
| B | Medienlinguistik als linguistische Teildisziplin |
| Streiflicht WISSENSCHAFTSTHEORIE: Wie man Wissen schafft | |
| 1 | Medienlinguistik im Wissenschaftsbetrieb |
| 1.1 | Disziplinen ausprägen |
| Nicht-Linguistik, Linguistik, Angewandte Linguistik, Medienlinguistik | |
| 1.2 | Disziplingrenzen überwinden |
| Multidisziplinäre, interdisziplinäre und transdisziplinäre Aspekte | |
| 2 | Das Erkenntnisinteresse der Medienlinguistik |
| Aufsatz CHOI: Zwei Perspektiven | |
| 2.1 | Der Gegenstand |
| Aufsatz STÖCKL: Ein A ist ein A ist ein A Sprache, Sprachgebrauch Kommunikation und Medium, Publizistisches Medium Streiflicht MEDIENKONVERGENZ, Fall RISIKEN: Nachbessern | |
| 2.2 | Die Fragestellungen |
| Synchron und diachron, Rezeption und Produktion | |
| 3 | Forschungsmethoden in der Medienlinguistik |
| Streiflicht METHODOLOGIE: Wo stehen Sie? | |
| 3.1 | Sprachprodukte untersuchen mit der Versionenanalyse |
| Die Leistung der Versionenanalyse: Fokus auf intertextuelle Ketten | |
| 3.2 | Kognitive Praktiken untersuchen mit der Progressionsanalyse |
| Die Leistung der Progressionsanalyse: Fokus auf Schreibprozesse | |
| 3.3 | Soziale Praktiken untersuchen mit der Variationsanalyse |
| Streiflicht SELBSTANSPRUCH: Was Redaktionen wollen Die Leistung der Variationsanalyse: Fokus auf Audience Design | |
| 3.4 | Kognitiv-soziale Praktiken untersuchen mit der Metadiskursanalyse |
| Fall RÄTSELTITEL: Ätsch Die Leistung der Metadiskursanalyse: Fokus auf Language Awareness | |
| 3.5 | Die Methoden ergänzen sich |
| Streiflicht KORPORA, Streiflicht TRANSKRIPTION | |
| 4 | Fazit zur Medienlinguistik als linguistischer Teildisziplin |
| Transdisziplinär nützlich, Interdisziplinär anschlussfähig, Disziplinär eigenständig, Aufsatz Perrin: Zwei Perspektiven, Streiflicht PRODUKTIONSMODELL: Neun Messpunkte | |
| C | Systematik medienlinguistischen Wissens |
| 1 | Die Umweltperspektive der Medienlinguistik |
| 1.1 | Begegnungen: Interviewte herausfordern vs. Publika informieren |
| Theorie- und praxisgeleitete Fragestellung, fünf Aufgaben dazu | |
| 1.2 | Herstellung: Produkt vollenden vs. Prozess optimieren |
| Theorie- und praxisgeleitete Fragestellung, fünf Aufgaben dazu | |
| 1.3 | Diskurszusammenhang: Diskurs vermitteln vs. Storys zuspitzen |
| Theorie- und praxisgeleitete Fragestellung, fünf Aufgaben dazu | |
| 1.4 | Zeichenvielfalt: Texten vs. vertonen, bebildern und verlinken |
| Theorie- und praxisgeleitete Fragestellung, sechs Aufgaben dazu | |
| 2 | Die Funktionsperspektive der Medienlinguistik |
| 2.1 | Benennen: Bekanntes weiterziehen vs. Neues erklären |
| Theorie- und praxisgeleitete Fragestellung, fünf Aufgaben dazu | |
| 2.2 | Denken: Gemeintes sagen vs. Ergänzbares auslassen |
| Theorie- und praxisgeleitete Fragestellung, fünf Aufgaben dazu | |
| 2.3 | Handeln: Öffentlichkeit informieren vs. Medien verkaufen |
| Theorie- und praxisgeleitete Fragestellung, fünf Aufgaben dazu | |
| 2.4 | Verbinden: Zielpublika ansprechen vs. der Sache gerecht werden |
| Theorie- und praxisgeleitete Fragestellung, sechs Aufgaben dazu | |
| 3 | Die Strukturperspektive der Medienlinguistik |
| 3.1 | Lautebene: Spontan wirken vs. Nutzer führen |
| Theorie- und praxisgeleitete Fragestellung, fünf Aufgaben dazu | |
| 3.2 | Wortebene: Wortschatz beschränken vs. Schlagwörter setzen |
| Theorie- und praxisgeleitete Fragestellung, fünf Aufgaben dazu | |
| 3.3 | Satzebene: Äußerungen portionieren vs. Information verdichten |
| Theorie- und praxisgeleitete Fragestellung, fünf Aufgaben dazu | |
| 3.4 | Textebene: Routinen nutzen vs. Muster aufbrechen |
| Theorie- und praxisgeleitete Fragestellung, sechs Aufgaben dazu | |
| 4 | Fazit zur Systematik medienlinguistischen Wissens |
| Weiter üben im WWW | |
| D | Medienlinguistische Projektpraxis in Forschung und Transfer |
| 1 | Forschungsprojekt: IDÉE SUISSE |
| 1.1 | Forschungsziel |
| Problem, Fragestellung Erwartbare Ergebnisse, Wissenschaftliche Bedeutung Wissenstransformation | |
| 1.2 | Forschungsstand |
| Theoriebildung und Methodik Politischer Bezugsrahmen, Ökonomischer Bezugsrahmen Organisationsperspektive, Gesellschaftsperspektive | |
| 1.3 | Forschungsplan |
| Modul A: Externe Anforderungen Modul B: Interne Leitvorstellung Modul C: Redaktionelle Textproduktion Modul D: Redaktioneller Metadiskurs | |
| 1.4 | Fazit zum Forschungsprojekt IDÉE SUISSE |
| 2 | Transferprojekt: TEXTBERATUNG TA |
| 2.1 | Textberatung als kunterbunter Markt |
| Domänenspezifische Unterschiede | |
| 2.2 | Professionelle Textberatung |
| Von der Zuständigkeit der Angewandten Linguistik | |
| 2.3 | Textberatung am Beispiel Redaktionscoaching |
| Den Konfliktraum abstecken Im Leitbild Qualität festlegen, Zum Beispiel Inland und Kultur Im Schreibcoaching die Repertoires erweitern Die Textprogression aufzeichnen Repertoires erschließen Mit Interventionen arbeiten Mit der Sprachkritik die Produkte und den Maßstab überprüfen | |
| 2.4 | Fazit zum Transferprojekt TEXTBERATUNG TA |
| 3 | Forschungsrahmen für medienlinguistische Projekte |
| Streiflichter CDA und ETHNOGRAFIE Streiflichter GROUNDED THEORY, TD, RST und DST, Fall LEBANON | |
| 3.1 | Fazit zu den Forschungsrahmen |
| E | Intermezzo: Daten zum Buch und Daten im Netz |
| Originale! | |
| 1 | Datenkorpora |
| Korpus 1: Quellen und Versionen einer Online-Nachricht Korpus 2: Textproduktionsprozesse zu Radiobeiträgen Korpus 3: Sprachproben aus Fernsehnachrichten Korpus 4: Leitbild und Sprachkritik einer Zeitungsredaktion Korpus 5: Sprachpolitik, -norm und -praxis im öffentlichen Rundfunk | |
| 2 | Transkriptionssystem GAT |
| Die Partiturdarstellung: Spuren und Zeilen Zeichen für Rollen und Quellen Zeichen für die Sequenzierung Zeichen für prosod is che Merkmale Zeichen für Merkmale jenseits gesprochener Sprache | |
| 3 | Verzeichnis der Aufgaben |
| 4 | Verzeichnis der Fachbegriffe |
| 5 | Verzeichnis der Namen und Quellen |
Dank
Die Idee mit dem Schmökerverzeichnis vor dem Inhaltsverzeichnis stammt von Aleksandra Gnach, die kräftig mitgeholfen hat, dieses Buch zu Papier zu bringen. Inhaltliche Anregungen verdanke ich auch Kirsten Adamzik, Jannis Androutsopoulos, Harald Burger, Marcel Burger, Christa Dürscheid, Jürg Häusermann, Werner Holly, Petra Jörg, Michael Klemm, Martin Luginbühl, Patrick Tschirky, Iwar Werlen und Toni Zwyssig. Beim Gestalten, Überprüfen und Vernetzen des Lehrmittels mitgearbeitet haben Christine Albrecht Perrin (Coaching), Heike Burkard (Korrektorat), Barbara Buri (Transkription), Maureen Ehrensberger-Dow (Proofreading), Willy Federer (htm), Mathias Fürer (Abstracts), Thomas Gantenbein und Karin Grob (Verzeichnisse), Daniel Hanimann (Kontakt zu EUROPE BY SATELLITE), Christian Irgl (Webauthoring), Sarah King (Lösungsdatenbank), Liliane Krauthammer (Typografie), Luzius Meyer Kurmann (Projektfinanzierung SWISS VIRTUAL CAMPUS), Sibylla Laemmel (Lektorat Spanisch), Hannah Müller (Verlagslektorat), Alexandra Novkovic (Abstracts Korpus 3), Heimo Paffhausen (Quicktime), Anna-Katharina Pantli (Terminologie), Maria-Noemi Rossetto-Giallella (Korrektorat Website), Michael Ruppen (Datenbanken), Michael Schanne (Projekt IDÉE SUISSE), Marcel Sennhauser (Prozessdaten Korpus 1), Rüdiger Steiner (Geduld), Harry Straehl (Videostreams), Simon Vögtli (Scans Korpus 4), Marlies Whitehouse (Korrektorat), Vinzenz Wyss (Schnittstelle zur Kommunikationswissenschaft), Peter Zschunke (Quellenrecherche Korpus 1). Das Lehrmittelprojekt wurde im Rahmen des Bundesprogramms SWISS VIRTUAL CAMPUS maßgeblich gefördert. Das Arbeiten mit empirischen Daten ermöglichten und ermöglichen die Praxispartner AGENCE FRANCE PRESSE, ASSOCIATED PRESS, DEUTSCHE PRESSE-AGENTUR, REUTERS, SCHWEIZERISCHE DEPESCHENAGENTUR, TAMEDIA und SRG SSR IDÉE SUISSE. Zum Feinschliff dieser dritten Auflage beigetragen haben die vielen Nutzerinnen und Nutzer des Buchs, die mir von ihren Erfahrungen berichtet haben. Ihnen allen großen Dank!
| A | Einleitung: Entdecken, arbeiten und lernen mit diesem Buch |
Wofür sich Medienlinguistik interessiert, wie sie vorgeht, zu welchen Ergebnissen sie gelangt und was dies der Wissenschaft und der Praxis bringt – damit befasst sich dieses Buch. Das Lehrmittel verortet die Medienlinguistik als eine Teildisziplin der Linguistik, erfasst systematisch das Besondere des Sprachgebrauchs im Umfeld publizistischer Medien und schlägt die Brücke zum medienlinguistischen Wissenschaftsbetrieb. In seinen fünf Teilen führt das Buch ein in das Vorgehen, den Gegenstand und den Fachdiskurs der Medienlinguistik:
Der Teil A umreißt das Thema und erklärt die Logik des Buchs. Wer diesen kurzen Teil ganz durcharbeitet, kann später zum Beispiel die Querbezüge zwischen Theorie und Praxisfällen besser nutzen.
Der Teil B beschreibt Medienlinguistik als wissenschaftliche Teildisziplin mit eigenem Gegenstand, eigenen Erkenntnisinteressen und typischer Methodik.
Der Teil C erklärt den Sprachgebrauch in medienvermittelter öffentlicher Kommunikation systematisch aus drei Blickwinkeln: Sprachumwelt, Sprachfunktion, Sprachstruktur.
Der Teil D schlägt die Brücke vom gedruckten Einführungsbuch zu exemplarischen Projekten und zum laufenden Fachdiskurs, greifbar im Internet >> www.medienlinguistik.net und darüber hinaus.
Der Serviceteil E zeigt, wie die Sprachdaten dieses Buchs transkribiert wurden, beschreibt die Datenkorpora und verzeichnet die Fachbegriffe und Quellen.
Der Bogen spannt sich also vom Profil über den Gegenstand bis zum Nutzen der Medienlinguistik, zur Anwendung medienlinguistischen Wissens in den forschenden Disziplinen und der beforschten Berufspraxis. Während das Buch so das Hauptthema Medienlinguistik möglichst weit fasst, stellt es beim Teilthema Mediensprache scharf auf journalistische Textproduktion. Diese Produktionsperspektive wird in den anderen Einführungen kaum bezogen. Bislang wenig diskutiert wurden auch das wissenschaftliche Profil der Medienlinguistik und ihre Bedeutung für die Kommunikationspraxis und den Forschungsbetrieb.
Die MEDIENLINGUISTIK richtet sich an Studierende der Linguistik und der Kommunikations- und Medienwissenschaft, die sich interessieren für Theorie und Praxis des sprachgebrauchs in medialer öffentlicher Kommunikation – weil sie zum Beispiel eine reflektierte Tätigkeit in Kommunikationsberufen anstreben.
Das Buch eignet sich zur Vor- und Nachbereitung von Lehre an der Hochschule, aber auch zum Selbststudium. Die Lehr-/Lernziele umfassen • Wissen, • Methoden und • Haltungen – also auch die Fähigkeiten, medienlinguistisches Wissen anzuwenden und einzuschätzen:
Wissen: Sie verstehen den Sprachgebrauch im Zusammenhang mit publizistischen Medien als Schnittstelle kognitiver und sozialer Praktiken.
Methoden: Sie können Werkzeuge der Medienlinguistik anwenden, um Kommunikation zu analysieren, zu reflektieren und zu optimieren.
Haltungen: Sie entwickeln eigene, begründete Einstellungen zum wissenschaftlichen und praktischen Nutzen medienlinguistischer Reflexion.
Was das bedeutet? – Dazu als Kostprobe ein erster praktischer Fall (Kapitel A|1) und ein theoretisches Werkzeug (A|2) samt Aufgaben (A|2|?a – ?d), dann der Blick auf das didaktische Konzept (A|3), auf das ganze Lehrmittel (A|4) und darüber hinaus (A|5).
| ⓘ | Zur Kennzeichnung der Kapitel in den Überschriften und Querverweisen: Die fünf Teile des Buchs sind mit Großbuchstaben gekennzeichnet, die Kapitel und Unterkapitel mit Ziffern, die Aufgaben mit Fragezeichen und Kleinbuchstaben. A|2|?c ist also die Aufgabe c in Kapitel 2 des Teils A. |
| A|1 | Zum Beispiel der Fall RISIKEN |
„The situation is serious and we do have to take some risks.“ – Diese Worte gehen als Zitat des EU-Ratsvorsitzenden Josep Piqué um die Welt. Piqué hat so etwas Ähnliches gesagt, während einer Medienkonferenz, in einer langen Antwort auf eine lange Frage eines Journalisten. Übersetzer, Nachrichtenagenturen und Medienredaktionen haben dann aber die Äußerung in immer neue Zusammenhänge eingebettet.
Dabei hat sich der Sinn der Äußerung verändert: In einer Meldung der Nachrichtenagentur Associated Press zum Beispiel scheint sich Piqué mit den „Risiken“ auf schnelles Handeln zu beziehen (_1), bei der DEUTSCHEN Presse-Agentur darauf, hilflos zu wirken (_2), und bei REUTERS darauf, einen bestimmten Machthaber vielleicht nicht treffen zu können (_3):
Derweil betonten die EU-Außenminister ihre Entschlossenheit zu schnellem Handeln: „Die Situation ist ernst, wir müssen Risiken eingehen, und dazu sind wir bereit“, sagte der spanische Außenminister […] Joseph Piqué.
| _1 | Piqués Äußerung, wiedergegeben von ASSOCIATED PRESS. Quelle: ap_020404_0703 |
So will die EU zunächst vor allem zur Beruhigung beitragen – mit allen reden, die dabei helfen können, wie Solana sagt. Ohne Vorbedingungen, auch wenn das hilflos wirkt. „Wir müssen Risiken eingehen“, meint der Ratsvorsitzende Piqué.
| _2 | Piqués Äußerung in einer Meldung der DEUTSCHEN PRESSE-AGENTUR. Quelle: dpa_020404_1157 |
Piqué räumte ein, noch sei unklar, ob Israel es der Delegation ermöglichen werde, mit Arafat zu sprechen. „Wir müssen Risiken eingehen.“ Davon hänge ab, wie hochrangig die EU-Delegation sein werde.
| _3 | Nochmals Piqués Äußerung, in einer Meldung von REUTERS. Quelle: rtr_020404_0126 |
| ⓘ | Zur Herkunft der Sprachdaten in den Fallstudien: Die Textkette zur EU-Meldung (_1 bis _3) wurde untersucht für SWISS VIRTUAL CAMPUS (Perrin, Dörig, & Vervoort, 2005). Auch alle anderen Analysebeispiele in diesem Buch greifen zurück auf Sprachdaten aus Forschungsund Transferprojekten: Die Radio-Beispiele stammen aus dem Forschungsprojekt STRATEGIEN DER NACHRICHTENPRODUKTION für das Schweizer Bundesamt für Kommunikation BAKOM (Perrin, 2001b). Die Fernseh-Beispiele gehen zurück auf ein Beratungsprojekt, ausgewertet in der Vorstudie des NATIONALFONDS-Projekts IDÉE SUISSE (Teil D|1 in diesem Band). Die Print- Beispiele entstammen einem ethnografischen Projekt zum redaktionellen Qualitätsmanagement (D|2). Alle Sprachdaten wurden von den Beforschten zur Publikation in diesem Lehrmittel freigegeben. Die Datenkorpora sind beschrieben im Anhang (E|1) und abrufbar im Internetangebot zum Buch: >> www.medienlinguistik.net |
| A|2 | Zum Beispiel der Begriff Rekontextualisieren |
Die Redaktionen haben die ursprüngliche Äußerung des Außenministers Josep Piqué so verarbeitet, dass der Wortlaut bleibt, der Sinn aber sich ändert. Sie haben die Äußerung rekontextualisiert (_1). Das bedeutet: Sie haben einen Text (_3) in einen neuen Kontext (_2) gestellt.
Rekontextualiseren: sprachliche Tätigkeit, bei der ein Textteil aus einem früheren Textumfeld und Kommunikationszusammenhang herausgelöst und neu eingebettet wird, was den Kontext beim Verstehen ändert.
| _1 | R. wird in der Medienlinguistik ausführlich diskutiert. ■ Ekström, 2001 beispielsweise stellt fest, dass viele Äußerungen von Politikern in Fernsehnachrichten so rekontextualisiert sind, dass die Kommunikationsabsicht der Quelle kaum mehr auszumachen ist. |
| ⓘ | Dieses Buch arbeitet durchgehend mit solchen Arbeitsdefinitionen (schwarz hinterlegt) und Diskursverweisen (klein gedruckt darunter). Die Definitionen erfassen medienlinguistisch zentrale Fachbegriffe möglichst einheitlich, dicht und anschlussfähig. Die Fachbegriffe sind zusammengestellt im Glossar am Ende des Buchs (E|4). Die Diskursverweise sind knapp gehalten, weitere sind im Internet-Glossar aktuell abrufbar. |
Kontext: dynamische Umwelt, auf die sich Äußerungen beziehen, wenn sie verarbeitet werden.
| _2 | Der K. ist dynamisch: Er entsteht und verändert sich beim Herstellen und Verstehen sprachlicher Äußerungen. Je mehr man von einem Text oder Gespräch bereits verarbeitet hat, desto mehr Wissen daraus kann mit einfließen in die Wahrnehmung der weiteren sprachlichen Äußerungen und der Kommunikationssituation. ■ Diese Dynamik des K. betonen etwa Drew & Heritage, 1992, Fritz & Hundsnurscher, 1994, Roberts, 2003, Feilke, 2003, 219, González Rodríguez, 2006 oder Kecskes, 2008. ■ Catford, 1965 oder D. Franck, 1996 unterscheiden den K. und den (statischen) Kotext – den Text vor und nach einer bestimmten Textstelle. ■ Tracy, 2012 beschreibt die „newsphere“ als K. journalistischer Nachrichten. |
Text: fixierter sprachlicher Zeichenkomplex, der gemeint und verstehbar ist als sinntragende Einheit.
| _3 | Ein T. ist gemeint und verstehbar als Einheit mit kommunikativem Sinn und eigenem Thema. Er hängt in sich stark zusammen und ist nach außen abgegrenzt. Je nach Theorie besteht er aus Zeichen aller Art, aus fixierten Zeichen, sprachlichen Zeichen, fixierten sprachlichen Zeichen oder schriftsprachlichen Zeichen. Hier gilt: Ein T. besteht aus fixierten und primär sprachlichen Zeichen. Piqués gesprochene Äußerung, eine Antwort auf die Frage eines Journalisten in einer Medienkonferenz, ist also nach dieser Definition kein T.; eine Aufzeichnung oder Niederschrift der ganzen Antwort dagegen ist ein T., und die Agenturmeldungen dazu sind ebenfalls Texte. Mehr dazu im Kapitel zur Textebene (C|3.4). |
Die nächsten Seiten bringen vier Aufgaben zur Rekontextualisierung: zuerst eine Aufgabe zum Fall RISIKEN mit der Äußerung von Piqué, dann drei Aufgaben zu Fällen, die das Buch später vertieft.
| A|2|?a | Fall RISIKEN: Hinter die Oberfläche |
Die Äußerung von Josep Piqué in der Agenturnachricht ist nicht die Äußerung von Piqué in der Medienkonferenz. Jede Wiedergabe rekontextualisiert die ursprüngliche Äußerung. Hier sehen Sie zwei Rekontextualisierungen der Äußerung von Piqué: eine Niederschrift der Interviewantwort und eine Wiedergabe in einer Agenturnachricht (_1).
▶ Worin unterscheiden sie sich? Finden Sie die Unterschiede, zuerst hier und dann mit der deutschen Übersetzung. >> www.medienlinguistik.net
| Was der spanische Außenminister nach der EU-Sonderkonferenz vom 2. April 2002 sagte: | Was der spanische Außenminister nach der EU-Sonderkonferenz vom 2. April 2002 sagte: |
| Vamos a ver. Yo creo que todo el mundo puede entender que la visita del presidente Aznar tiene que … pues tener unas … unas condiciones determinadas. Pero creo que todo el mundo puede estar de acuerdo también en que hay muchos interlocutores, mucha gente con la cual hablar, mucha gente con … a la cual transmitirle los mensajes de la Unión Europea, y creo que no debemos desperdiciar esta oportunidad. En este sentido tiene razón y es que la posibilidad de ver al presidente Arafat pues va ser una posibilidad en el tiempo lejana. Debemos por tanto evitar cualquier tipo de contacto con los diferentes interlocutores de la zona. Esto es el planteamiento que nos estamos haciendo, planteamiento si se quiere pragmático, práctico, pero que nos parece que puede ser útil, conscientes de los riesgos que todos corremos; pero es cierto también, que la situación es suficientemente grave como para que asumamos determinados riesgos. | Wir müssen Risiken eingehen. |
| _1 | Äußerung (links) und Wiedergabe (rechts). Quelle: ebs_020403_2300 und dpa_020404_1157 |
| ⓘ | Zu allen Fällen sind elektronisch gespeicherte Daten abrufbar: Transkripte, Produktionsdaten, Scans, Audio- und/oder Videodateien. >> www.medienlinguistik.net |
| A|2|?b | Fall WAHLKAMPF: Bruchstück einkopiert |
Eine zweite Aufgabe zur Rekontextualisierung, ein weiterer Denkanstoß zum Einstieg in die Medienlinguistik: Ein Rundfunkjournalist löst zwei Ausschnitte aus der Wahlkampf-Rede eines Österreicher Lokalpolitikers und baut sie in den Anfang eines eigenen Beitrags ein (_1). Der erste dieser Ausschnitte (Akteur A1, Zeile 13) lautet „sehr geehrter Herr Landeshauptmann-Stellvertreter“, daraufhin ordnet der redaktionelle Sprecher die Äußerung ein (Redaktioneller Sprecher R, Zeilen 14–18).
▶ Wie empfinden Sie die Äußerung des Politikers im Licht dieser redaktionellen Einordnung? ▶ Auf welche sprachlichen Mittel führen Sie Ihren Eindruck zurück?
| 13 | A1: | sehr geEHRter ↓herr ↑LANdeshauptmann stell ↑Vertreter |
| 14 | R: | der ↑SP-BÜrgermeister der geMEINde |
| 15 | be↓ grüsst die honora↑ tiONen• | |
| 16 | es gehe_↑um MENschen·!NICHT! um ↑AKtien• | |
| 17 | ↓meint_er ↑weltgewandt– | |
| 18 | ↓und ↑DAher solle ↑man SP wählen•(•) |
| _1 | Fall WAHLKAMPF, Quote und Einordnung. Quelle: sr_echo_980319_1800_wahlkampf_1. Den Fall Wahlkampf greift das Buch wieder auf im Kapitel zur Progressionsanalyse (B|3.2). |
| ⓘ | Notiert sind die meisten Transkriptionen nach den Regeln des Gesprächsanalytischen Transkriptionssystems GAT (Selting, et al., 1998; Selting, et al., 2009). Die verwendeten Zeichen sind im Anhang zusammengestellt (E|2). |
| A|2|?c | Fall FLUGHAFEN: Vorweg werten |
Nächste Aufgabe, zum Durchspielen oder Überspringen: Ein Flughafen, der wegen Fluglärms, hoher Kosten und fraglicher Marktperspektive öffentlich kritisiert wird, eröffnet ein neues Terminal. Zur Eröffnungsfeier sind die Medien geladen. Der Einladung folgt unter anderem das Team des Schweizer TV-Nachrichtenmagazins 10 VOR 10. Dieses Magazin will sich durch Infotainment, unterhaltsames Informieren, abheben von der TAGESSCHAU, dem klassischen Nachrichtengefäß des gleichen Senders.
Das Kamerateam gibt dem sichtlich stolzen Bauprojektleiter Gelegenheit, sein Werk im Detail vor laufender Kamera zu erklären. Diese Szene ist im fertigen Nachrichtenbeitrag fast 50 Sekunden lang zu sehen. Man erfährt zum Beispiel, dass die Sitzgruppen in den Warteräumen geschützt sind gegen Schläge von Putzmaschinen und eigens neu entwickelt worden sind.
▶ Welchen Eindruck können solche Darstellungen hinterlassen, je nachdem, ob dem Auftritt des Bauleiters die Einleitung (_1) oder die Einleitung (_2) vorausgeht? – ▶ Nennen Sie den Unterschied ▶ und begründen Sie ihn mit der Wahl der sprachlichen Mittel in den beiden Einleitungen.
| 02 | ↑JÜRG ROSenber.(--) °h der ↑LEIter des BAUprojektes? |
| 03 | zeigt uns die EIenschaften des ebäudes. |
| _1 | Fall FLUGHAFEN, Variante 1 (Bearbeitung: DP). Quelle: sf_zvz_030121_2150_flughafen_rahmen |
| 02 | ↑JÜRG ROSenberg. (--) °hder ↑LEIter des BAUprojektes? |
| 03 | zeigt uns die ↓SCHÖnen a↑ber ↑TEUren Eigenschaften des gebäudes. |
| _2 | Fall FLUGHAFEN, Variante 2 (Originalbeitrag). Quelle: sf_zvz_030121_2150_flughafen_rahmen. Den Fall FLUGHAFEN greift das Buch wieder auf im Kapitel zur Variationsanalyse (B|3.3). |
| A|2|?d | Fall RÄTSELTITEL: Auf den ersten Blick |
Die vierte Aufgabe, nochmals zum Thema Rekontextualisieren: Die Tagespresse berichtet über Rinderwahnsinn. Ein Journalist des Schweizer TAGES-ANZEIGERS interviewt den Schweizer Landwirtschaftsminister. Die Zeitung druckt das Interview ab. Über dem Beitrag steht als Titel eine Äußerung in Anführungszeichen: „Kein Rindfleisch vor der Kamera“. Ein Bild zeigt groß Gesicht und Hand des gestikulierenden Ministers (_1).
▶ Welche Geschichte erwarten Sie im Text? ▶ Was denken Sie über den abgebildeten Minister? ▶ Auf welche schrift- und bildsprachlichen Mittel führen Sie Ihre Erwartung und Ihre Einschätzung zurück?

| _1 | Fall RÄTSELTITEL, Quote und Geste. Quelle: ta_print_010215_07_rindfleisch. Diesen Fall greift das Buch wieder auf im Kapitel zur Metadiskursanalyse (B|3.4). |
| A|3 | Noch mehr Aufgaben – Das didaktische Konzept |
Worum ging es bei diesen vier Aufgaben? – Viermal hatten Sie Problemlösungen aus der journalistischen Praxis einzuschätzen: Sie haben beschrieben, wie ein Text in einer bestimmten Situation auf Sie wirkt, haben diese Einschätzung auf sprachliche Mittel zurückgeführt und sich dabei auf Ihr bisheriges Wissen gestützt, zum Beispiel auf Ihr Alltagswissen als Mediennutzerin oder auf Linguistik-Grundwissen.
Dahinter liegt ein Grundmuster handlungsorientierter Didaktik: Zu einem bestimmten Problem gibt es unterschiedliche Lösungen. Deshalb sind Kriterien zu entwickeln, um die Lösungsvarianten einzuschätzen. Erst danach ist die passendste Lösung zu bestimmen und umzusetzen (_1):
| Schritt | Denkprozess | Beispiel aus Aufgabe A|2|?C |
| 1 Problem | Zu einem bestimmten Problem | Mit Nachrichten unterhalten |
| 2 Lösungen | gibt es unterschiedliche Lösungen. | Textakteur (nicht) wertend einleiten |
| 3 Kriterien | Sie sind nach bestimmten Kriterien | Fairness? Unterhaltungswert? … |
| 4 Bewertung | einzuschätzen. Dies führt zur | Lösung × ist fair, Lösung y unfair, … |
| 5 Entscheidung | Wahl der passendsten Lösung. | Lösung × passt |
| Einzubringen sind Wissen, Methoden, Haltungen | Alltagswissen über TV-Magazine, … | |
| _1 | Das Grundmuster der Aufgaben im Buch: Problemlösen, nach Dörig, 2003, 503 ff. |
Nach diesem Grundmuster funktionieren alle Aufgaben im Buch. Im Lauf des Buchs werden sie aber anspruchsvoller und vielfältiger:
Zum Wissen aus Alltagserfahrung kommt spezifisch medienlinguistisches Wissen. So werden Sie etwa praktische Probleme und Lösungen auch aus dem Blickwinkel bestimmter theoretischer Ansätze erörtern – oder theoretische Überlegungen im Licht anderer Ansätze diskutieren.
Erörtern und diskutieren bedeutet zum Beispiel: Probleme erkennen und beschreiben; zu bestimmten Problemen eigene Lösungen finden und beschreiben; die Lösungen aufgrund bestimmter Kriterien bewerten; selbst Kriterien für die Wahl einer passenden Lösung formulieren.
Zu solchen Aufgaben sind, je nach Kriterien, oft mehrere passende Lösungen denkbar. Lösungsvarianten, eingereicht auch von Nutzerinnen und Nutzern dieses Lehrmittels, und weitere Aufgaben sind in der Datenbank im Internet abrufbar (nächste Seite, A|4).
| A|4 | Und die Lösungen? – Das Lehrmittel im Medienverbund |
Das Lehrmittel MEDIENLINGUISTIK besteht aus • diesem Buch und • dem Internetangebot. Die Inhalte und Funktionen sind so verteilt, dass sich die zwei Angebote in ihren medialen Stärken ergänzen (_1):
Das Buch erleichtert fortlaufendes Arbeiten überall und jederzeit. Es bietet einen linearen Lernweg mit dosiert eingebauten Erklärstücken, empirischen Daten, Ausschnitten aus dem Fachdiskurs und Aufgaben.
Das Internetangebot >> www.medienlinguistik.net lässt zugreifen auf die multimodalen Sprachdaten der fünf Übungskorpora. Zudem funktioniert es als offenes System, als ausbaubare Datenbank für Lösungen – und weitere Aufgaben, zum Beispiel zum aktuellen Fachdiskurs.

| _1 | Buch und Internetangebot im Verbund. Hervorgehoben sind die Schwerpunkte der Angebote, markiert sind die didaktisch aufbereiteten Auszüge (•) aus der offenen Datenbank (+). |
| A|5 | Die Ausrichtung im Diskurs |
Mit ihren Fragestellungen, Fallstudien und Arbeitsaufgaben zur journalistischen Textproduktion zeigt die vorliegende Einführung in die Medienlinguistik eine eigenständige Ausrichtung im medienlinguistischen Diskurs. Theoretisch abgestützt ist die Einführung dagegen breit. Sie knüpft zum Beispiel an folgende Diskursbeiträge an:
Aktuelle Einführungen: ■ H. Burger & Luginbühl, 2014 bieten eine germanistisch und textlinguistisch verankerte „Einführung in Sprache und Kommunikationsformen der Massenmedien“. ■ Durant & Lambrou, 2009 führen ein ins systematische Studium von Mediensprache. Cotter, 2010 verbindet linguistisches und berufspraktisch-journalistisches Wissen in ihrer Einführung in „news talk“, den Sprachgebrauch im Journalismus. ■ O’Keeffe, 2006 hebt in ihrer Einführung die Bedeutung der Analysemethoden hervor. ■ Schmitz, 2004 und Schmitz, 2015 führen ein in die „Sprache in modernen Medien“ bzw. in eine sehr breit verstandene Medienlinguistik. Mit Prozessen journalistischer Textproduktion und der wissenschaftspraktischen Bedeutung von Medienlinguistik befassen sich die sechs Einführungen nur am Rand.
Monografien zu Teilbereichen (Auswahl): ■ Hauser & Martin, 2015 analysieren Medien kontrastiv. ■ Machin & Van Leeuwen, 2007 führen ein in die kritische Analyse von „global media discourse“;Montgomery, 2007 in die linguistische Analyse der Sprache von Rundfunkmedien; ■ Conboy, 2010 in die Analyse der Sprache der Zeitung. ■ Hickethier, 2003 gibt eine medienlinguistisch aufgeschlossene „Einführung in die Medienwissenschaft“. ■ Straßner, 2000 beschreibt „journalistische Texte“. ■ Fairclough, 1995 diskutiert die Leistungen journalistischer Massenmedien aus dem Blickwinkel kritischer Diskursanalyse. ■ Fowler, 1991 fokussiert auf Sprache journalistischer Nachrichten. ■ Bell, 1991 untersucht journalistische Textproduktion als gesellschaftlich eingebetteten Prozess. ■ Van Dijk, 1988b erfasst „news as discourse“.
Sammelbände (Auswahl): ■ Bird, 2010b bündelt neue ethnografische Analysen journalistischer Textproduktion. ■ M. Burger, 2008 stellt scharf auf die Schnittstelle von Sprach- und Medienwissenschaft bei der Untersuchung von Mediensprache. ■ Aitchison & Lewis, 2003 stellen Beiträge zu „new media language“ zusammen; ■ Breuer & Korhonen, 2001 zur medienlinguistischen Forschung u.a. in Skandinavien; ■ Möhn, Roß, & Tjarks-Sobhani, 2001 zu einzelnen Ansätzen unterschiedlicher Disziplinen, Sprache in Medien zu untersuchen; ■ Biere & Henne, 1993 zur „Sprache in den Medien nach 1945“; ■ Bucher & Straßner, 1991 zu „Mediensprache, Medienkommunikation, Medienkritik“; ■ Van Dijk, 1985b zu Ansätzen, die über linguistische Diskursanalyse hinausgreifen.
Zeitschriften- und Buchbeiträge (Auswahl): ■ Perrin, 2014, O’Keeffe, 2011, White & Thomson, 2008, Thornborrow, 2006, Cotter, 2001, Bucher, 1999a, und Bucher, 1999b, erklären linguistische Analysen von Medienbeiträgen. ■ Catenaccio, et al., 2011 fordern programmatisch eine „linguistics of news production“. ■ Richardson, 2008 lotet die „research agenda“ im Schnittfeld von Journalismus und Sprache aus. ■ Bell, 2006 fasst Schlüsselwerke medienlinguistischer Forschung knapp zusammen. ■ Muckenhaupt, 1999 umreißt die „Grundlagen der kommunikationsanalytischen Medienwissenschaft“; ■ Von Polenz, 1999 die Geschichte der „Sprache in Massenmedien“; ■ Schrøder, 1994 „media language and communication“; ■ Straßner, 1980 „Sprache in Massenmedien“.
„Das Verhältnis der massendemokratischen Öffentlichkeit’ zu Sprachfragen ist fatalerweise kein Gegenstand der Linguistik. Das liegt daran, dass die Linguistik keine Kommunikationswissenschaft ist und schon gar keine Massenkommunikationswissenschaft. Eigentlich müsste sie das sein – nicht in erster Linie, sondern gleichsam ‚nebenberuflich‘.“
Knobloch, 2003, 103
| B | Medienlinguistik als linguistische Teildisziplin |
Wissenschaft fragt nach dem, was hinter dem Offensichtlichen liegt – zum Beispiel nach der Entstehungsgeschichte hinter einem fertigen Text. So scheint hinter der straffen Forderung „Wir müssen Risiken eingehen“ eine tastende ursprüngliche Formulierung auf (A|1|_1). Was wurde mit der Äußerung von Josep Piqué getan? Wer hat sie bearbeitet? Mit welchem Ziel und welcher möglichen Wirkung? Was davon geschieht immer wieder? Und wie lässt sich dies alles zuverlässig und gültig feststellen und überprüfen? – Wissenschaft fragt kritisch und systematisch (_1).
Wissenschaft: gesellschaftliche Institution, die nach theoretisch begründeten Regeln theoretisches Wissen erzeugt, bereitstellt, überliefert und teils nach außen vermittelt.
| _1 | ■ Seiffert, 2003 zeigt in seiner Einführung in die Wissenschaftstheorie, wie präzise Sprache und präzises Denken beim Aufbau von Wissen zusammenhängen. |
Wissenschaft stellt also Wissen her. Sie gewinnt es, indem sie bestehendes Wissen neu verknüpft oder ihren Gegenstand empirisch, in der Praxis erforscht. Ein solcher Gegenstand ist zum Beispiel der Umgang publizistischer Medien mit Quellenäußerungen. Wissen kann sich auf einen einzigen Fall beziehen oder auf mehrere oder alle denkbaren Fälle. Ziel der wissenschaftlichen Wissensproduktion ist es, Theorien zu entwickeln und zu überprüfen: weitreichend gültige, widerspruchsfreie Beschreibungen, Erklärungen und Begründungen eines klar abgegrenzten Gegenstandes (_2).
Theorie: explizites und intersubjektiv nachvollziehbares, widerspruchsfreies und systematisches Geflecht von Aussagen zu Regelhaftigkeiten eines rekonstruierten Weltausschnitts.
| _2 | ■ So gibt es etwa T. zur Wechselwirkung von Sprache und Gesellschaft. Neuere solche T. (z.B. Larsen-Freeman & Cameron, 2008 oder Sealey & Carter, 2004) besagen, dass Menschen beim Sprachhandeln von sozialen Strukturen bestimmt werden, dass sie aber durch ihr Sprachhandeln selbst wieder gesellschaftliche Strukturen verstärken oder verändern und damit die Handlungsbedingungen weiter ausprägen – etwa die journalistischen Normen zum Umgang mit Quellenäußerungen. |
Dazu organisiert sich Wissenschaft in Disziplinen (B|1), mit je eigenen Erkenntnisinteressen (B|2) und passenden Methoden (B|3). Der Platz einer Medienlinguistik in diesem Gefüge ist zu bestimmen (B|4). Zuerst aber eine Aufgabe zum Nachdenken über Wissenschaftstheorie …
| B|?a | Streiflicht WISSENSCHAFTSTHEORIE: Wie man Wissen schafft |
Wissenschaft wirkt auf einer Objektebene und einer Metaebene. Auf der Objektebene bestimmt sie ihren Gegenstand, schärft Begriffe mit ausdrücklichen Definitionen, verknüpft diese zu Hypothesen, zu empirisch überprüfbaren Aussagen über den Gegenstand, und ordnet vorläufig gesichertes Wissen zu Theorien, die ihren Gegenstand erklären und Prognosen ermöglichen. Bleibt ein Bündel von Theorien lange Zeit stabil und wichtig, bildet es wissenschaftsgeschichtlich ein Paradigma.
Auf der Metaebene hinterfragt sich Wissenschaft selbst theoretisch, verankert sich politisch, managt ihren Betrieb und verfeinert die Methoden, mit denen sie Wissen erzeugt und weitergibt (_1). ▶ Beschreiben Sie diese Zusammenhänge in eigenen Worten und ▶ vergleichen Sie Ihre Version mit Versionen in der Lösungsdatenbank. >> www.medienlinguistik.net

| _1 | Wissenschaft mit Objekt- und Metawissen und der Beziehung von Praxis und Theorie |
| B|1 | Medienlinguistik im Wissenschaftsbetrieb |
Wissenschaft organisiert sich in Disziplinen. Eine Disziplin ist bestimmt über ihren Gegenstand, ihre Fragestellungen und ihre Methoden (_1). Die Linguistik forscht zum Beispiel gesprächsanalytisch (Methode) nach Regelhaftigkeiten (Fragestellung) des Sprachgebrauchs (Gegenstand); dazu zählen etwa Rekontextualisierungen im öffentlichen Diskurs.
Wissenschaftliche Disziplin: gesellschaftliche Institution, die Wissenschaft betreibt zu einem eigenen Gegenstand, mit eigenen Fragestellungen und eigenen Methoden.
| _1 | ■ Roe, 2003 zeigt disziplinäre Reibungsflächen und Bezüge am Beispiel Kommunikationsund Medienwissenschaft. Rampton, 2008 beschreibt Angewandte Linguistik als „disciplinary mixing“. |
Die Bedeutung der Disziplin als Organisationsform der Wissenschaft wird deutlich im • Studienangebot, im • Forschungsbetrieb sowie in • Tagungen und • Publikationen als den Brennpunkten fachlicher Diskurse:
Studienangebot: Ein Fach wie Linguistik bieten Hochschulen weltweit als Studienfach an, was dazu beiträgt, die Fachgemeinschaft zu erneuern und zu erweitern und so die Disziplin zu erhalten und auszubauen.
Forschungsbetrieb: Institutionen wie der SCHWEIZERISCHE NATIONALFONDS unterstützen Institutionen wie Hochschulen oder Projektgruppen systematisch in einzelnen Forschungsvorhaben oder ganzen Programmen.
Tagungen: Anlässe wie die Jahrestagung der deutschen GESELLSCHAFT FÜR ANGEWANDTE LINGUISTIK führen regelmäßig Fachleute zusammen und fördern Diskurse im Fach selbst, mit Nachbarfächern und mit der Praxis.
Publikationen: In Zeitschriften wie dem JOURNAL OF PRAGMATICS diskutieren Forschende unterschiedlicher fachlicher Herkunft neue Ansätze zum Sprachgebrauch in Anwendungsfeldern wie öffentlicher Kommunikation.
Dabei deuten Begriffe wie Angewandte Linguistik und Pragmatics auf Probleme und Grenzen der Disziplin als der klassischen Organisationsform der Wissenschaft: Weil sich Erkenntnisinteressen und Wissen mit der Zeit verändern, sind etablierte Disziplinen für den Wissenschaftsbetrieb oft zu weit (B|1.1) oder zu eng (B|1.2) gefasst.
| B|1.1 | Disziplinen ausprägen |
Mehrere Disziplinen können sich mit dem gleichen Gegenstand befassen. Dazu kurz zurück zum Fall Risiken (A|1): Die Äußerung von Piqué durchlief fünf Stationen einer Produktionskette, bis sie in einer Online-Nachricht des Zürcher TAGES-ANZEIGERS erschien: Piqué sprach Spanisch, ein EU- Dolmetscher simultan dazu Englisch, ein Korrespondent der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) griff die Äußerung mit den „Risiken“ auf, AP aktualisierte damit die weltweite Berichterstattung, AP Frankfurt die deutschsprachige, und AP Schweiz übermittelte die Meldung an Schweizer Kunden, etwa den TAGES-ANZEIGER online (_1).

| _1 | Die intertextuelle Kette von der Äußerung eines Politikers bis zur Wiedergabe in TA ONLINE |
Unter ökonomischem Blickwinkel wird in einer solchen Produktionskette Wert geschöpft, unter linguistischem werden sprachliche Äußerungen rekontextualisiert. So befassen sich beide Disziplinen damit, und zwar in der Medienökonomie und der Medienlinguistik – also in Teildisziplinen:
Wissenschaftliche Teildisziplin: Bereich einer wissenschaftlichen Disziplin, der sich in Gegenstand, Fragestellung oder Methoden prägnant und stabil von der Disziplin abhebt.
Aus linguistischer Sicht stellen nichtlinguistische (Teil-)Disziplinen wie die Medienökonomie scharf auf die Umwelt von Sprachgebrauch (B|1.1.1), die Linguistik dagegen auf den Sprachgebrauch selbst (B|1.1.2). Dabei klärt und beantwortet die Angewandte Linguistik auch Fragestellungen und Wissen der beforschten Praxis (B|1.1.3), und die Medienlinguistik konzentriert sich auf den Sprachgebrauch in medialer Umwelt (B|1.1.4).
| B|1.1.1 | Nicht-Linguistik |
Kommunikation (B|2.1.3|_1) und Medien (B|2.1.3|_2) als ein Thema unter vielen behandeln etwa Soziologie, Politologie, Wirtschafts- und Rechtswissenschaft, Psychologie oder Pädagogik. Viele davon tun dies in eigenen Teildisziplinen, als Mediensoziologie, -ökonomie, -recht, -psychologie oder -pädagogik. Aus linguistischer Sicht thematisieren solche Disziplinen, mit je eigenen Fragestellungen und Methoden, Ausschnitte der vielschichtigen Umwelten des Sprachgebrauchs. So untersucht eben zum Beispiel die Medienökonomie die publizistischen Medien aus wirtschaftlichem Blickwinkel.
Einige Disziplinen konzentrieren sich ganz auf öffentliche oder massenmediale oder journalistische Kommunikation: Kommunikationswissenschaft, Medienwissenschaft, Publizistik, Journalistik. Wie sich diese Disziplinen gegeneinander abgrenzen, darüber wird immer wieder gestritten. Aus linguistischer Sicht jedenfalls beschreiben auch sie gesellschaftliche, organisationale, wirtschaftliche, technologische und andere Aspekte der Umwelten, in denen Medienschaffende ihre Kommunikationsangebote herstellen, ihre Texte produzieren.
Vom Sprachgebrauch her nähern sich all jene Disziplinen den (publizistischen) Medien, die sich mit Sprache und Sprachen, mit Zeichen und Texten überhaupt beschäftigen: Die Semiotik etwa untersucht Wechselwirkungen von Zeichensystemen. Sprach- und Kulturraum-gerichtete Disziplinen wie die Germanistik oder die Romanistik untersuchen die jeweilige Sprache in den Medien. Die Literaturwissenschaft stellt Medientexte als Gebrauchstexte neben die Belletristik. Die Sprachdidaktik erkennt Mediensprache als Sozialisationsfaktor. Sprachkritik, Stilistik oder Rhetorik diskutieren Gestalt und Wirkung von Mediensprache, oft ausdrücklich wertend.
Sprache und Sprachgebrauch als Hauptgegenstand umfassend beobachten, beschreiben und erklären aber – das leistet allein die Linguistik.
| B|1.1.2 | Linguistik |
Zentral mit der Sprache befasst sich die (allgemeine) Linguistik: Sie untersucht im Gegensatz zur Semiotik nur Sprache, und zwar gesprochene, geschriebene oder gebärdete natürliche Sprache. Anders als etwa Germanistik oder Romanistik tut sie dies über die Grenzen der Einzelsprachen hinweg. Sie arbeitet beschreibend, nicht wertend wie die Sprachkritik, und interessiert sich, anders als die Literaturwissenschaft, für Sprache in allen Gebrauchszusammenhängen (_1).
Linguistik: wissenschaftliche Disziplin, die sich befasst mit der Sprache als einer menschlichen Fähigkeit, mit den natürlichen Einzelsprachen und mit dem Sprachgebrauch.
| _1 | ■ Die Bezeichnung Linguistik für Sprachwissenschaft kam auf mit den Arbeiten von De Saussure, 1916. ■ Das Verhältnis von Linguistik und Semiotik diskutiert etwa Peters, 1999. |
In drei Forschungsparadigmen hat die Linguistik seit dem frühen 20. Jahrhundert die Sprache erschlossen: zuerst strukturalistisch, als System aus Lauten, Wörtern und Sätzen; dann generativ, als Produkt kognitivindividueller Tätigkeit; dann pragmatisch, als Auslöserin, Begleiterin und Spur menschlicher Tätigkeit in konkreten Umwelten. So haben sich linguistische Teildisziplinen herausgebildet. Sie erfassen heute alle den gleichen Gegenstand, nämlich die Sprache und den Sprachgebrauch. Aber sie nehmen dazu einen je eigenen Blickwinkel ein:
Teildisziplinen wie Phonologie, Phonetik, Morphologie, Syntax oder Textlinguistik gehen aus von Struktureinheiten der Sprache, etwa von Lauten, Wörtern, Sätzen oder Texten.
Teildisziplinen wie Semantik, Pragmatik, Psycho- oder Soziolinguistik gehen aus von Funktionen der Sprache, etwa Benennen, Denken, Handeln oder Identitäts- und Gemeinschaftsbildung.
Teildisziplinen wie Gesprächs-, Schreib-, Diskurs- und Hypermediaforschung gehen aus von Umwelten des Sprachgebrauchs wie Gesprächssituationen oder Hypermedia-Umgebungen.
In allen Teildisziplinen geht es darum, die Regelhaftigkeiten theoretisch zu beschreiben, die für eine bestimmte Sprachgemeinschaft gelten oder sogar universal, für alle Sprachbenutzer.
| B|1.1.3 | Angewandte Linguistik |
Wie andere wissenschaftliche Fächer auch hat die Linguistik eine angewandte Fachrichtung ausgeprägt: die Angewandte Linguistik. Während die klassischen wissenschaftlichen Fächer ihre Fragen aus theoretischen Überlegungen ableiten, greifen die angewandten Fächer auch Probleme der Praxis auf und tragen zu deren Klärung und Lösung bei.
Angewandte Linguistik befasst sich zum Beispiel mit der Optimierung des Sprachgebrauchs für bestimmte kommunikative Aufgaben. Sie fragt dann etwa nach den Repertoires an Strategien, mit denen individuelle Sprachbenutzer oder Sprachgemeinschaften Gespräche führen oder Äußerungen anderer rekontextualisieren – und nach Verfahren, um diese Repertoires in Lehr- und Lernprozessen zu erweitern (_1).
Angewandte Linguistik: disziplinäre Variante der Linguistik, die sprachbezogene Theorien, Methoden und Erkenntnisse erzeugt und anwendet, um Probleme des Sprachgebrauchs in Anwendungsfeldern zu bearbeiten.
| _1 | ■ Widdowson, 2000 setzt „applied linguistics“ gegen „linguistics applied“. Die Erste forscht grundsätzlich von den Problemen der Praxis her, die Zweite wendet theoretische Fragestellungen auf die Praxis an. ■ Sealey & Carter, 2004, 18 sehen A.L. systemtheoretisch, also interessiert an Umwelt, Funktion und Struktur von Sprache im Gebrauch. ■ Perry, 2005 führt in die Forschungspraxis von A.L. ein. ■ Knapp, et al., 2011 zeigen die Arbeitsfelder der A.L., auch als mögliche künftige Berufsfelder für Studierende. |
So entwickelt die Angewandte Linguistik Teildisziplinen zu Tätigkeitsfeldern, deren Sprachgebrauch gesellschaftlich bedeutsam ist und sich vom Sprachgebrauch in anderen Tätigkeitsfeldern wesentlich unterscheidet. Beispiele solcher Teildisziplinen:
Die Rechtslinguistik befasst sich mit Sprachgebrauch in der Rechtspraxis, wo Sprache rechtliche Verbindlichkeit herstellt.
Die Forensische Linguistik befasst sich mit Sprachgebrauch in der Ermittlungs- und Gerichtspraxis, wo Sprache Alibi und Indiz abgeben kann.
Die Klinische Linguistik befasst sich mit Sprachgebrauch in der Therapie sprachlicher, kommunikativer und damit verwandter Störungen.
Die Wirtschaftslinguistik befasst sich mit Sprachgebrauch im Betriebsalltag, wo Sprache organisationale Abläufe zur Wertschöpfung steuert.
| B|1.1.4 | Medienlinguistik |
Auch die medienvermittelte öffentliche Kommunikation stellt ein Tätigkeitsfeld dar, das gesellschaftlich bedeutsam ist und dessen Sprachgebrauch sich vom Sprachgebrauch in anderen Feldern unterscheiden kann (B|1.1.3). Mit diesem Sprachgebrauch im Umfeld von Medien – oder im engeren Sinn von publizistischen Medien (B|2.1.4) – befasst sich die Medienlinguistik (_1).
Medienlinguistik: Teildisziplin der Linguistik, die sich befasst mit dem Zusammenhang von Sprache und Medien.
| _1 | ■ Möhn, et al., 2001 publizieren das erste Buch, das den Begriff Medienlinguistik im Titel trägt. ■ Androutsopoulos, 2003 und Perrin, 2004 beschreiben M. programmatisch. ■ Perrin, 2006a legt den ersten Lexikoneintrag zum Stichwort M. vor. ■ Held & Stöckl, 2010 rufen zur ersten mehrtägigen deutschsprachigen Fachtagung mit Titel Medienlinguistik. |
Als Wissenschaft arbeitet Medienlinguistik immer theoriebasiert, als angewandte Wissenschaft geht sie theorie- und praxisgeleitet vor: Theoriegeleitet sucht sie in Daten zum Sprachgebrauch im Umfeld von Medien Antworten auf linguistische oder linguistisch-interdisziplinäre Fragestellungen, praxisgeleitet klärt sie mit linguistischen Werkzeugen Probleme der Medienpraxis – und überprüft damit zugleich die Reichweite der Theorie. Die Wissenschaftsdisziplin und das berufspraktische Fach sind also aufeinander bezogen (_2):

| _2 | Medienlinguistik als Teildisziplin der Linguistik |
So kann Medienlinguistik am Fall von Josep Piqué theoriegeleitet untersuchen, wie Sprachbenutzer mit Äußerungen anderer umgehen, oder sie kann praxisgeleitet forschen nach handhabbaren und kommunikativ zufrieden stellenden Techniken der Redewiedergabe.
| B|1.2 | Disziplingrenzen überwinden |
Für konkrete Forschung können wissenschaftliche Disziplinen aber nicht nur zu weit sein (B|1.1), sondern auch zu eng. Fragen nach einer angemessenen Methodik oder nach dem Sprachgebrauch im Umfeld publizistischer Medien zum Beispiel greifen über die Medienlinguistik hinaus. Sie rufen nach Disziplinen-übergreifenden Ansätzen, nach multi-, inter- und transdisziplinärer Forschung (_1).
Multidisziplinär: Forschung, bei der wissenschaftliche Disziplinen zusammenarbeiten, indem sie ihre je eigenen Theorien und Methoden ergänzend einbringen, um gemeinsame Fragestellungen zu verfolgen.
Interdisziplinär: Forschung, bei der wissenschaftliche Disziplinen zusammenarbeiten, indem sie gemeinsame Fragestellungen verfolgen und zusätzlich gemeinsam Methoden oder Theorien entwickeln.
Transdisziplinär: Forschung, bei der wissenschaftliche Disziplinen mit außerwissenschaftlichen Fächern gemeinsam Wissen erzeugen, um gesellschaftlich relevante Probleme zu lösen.
| _1 | ■ Hoffmann-Riem, et al., 2008 behandeln im „Handbook of transdisciplinary research“ Fragen zur Kooperation wissenschaftlicher und nichtwissenschaftlicher Fächer theoretisch und bezogen auf viele Anwendungsfelder. Sie beschreiben t. Forschung als Zusammenarbeit von Fachleuten aus wissenschaftlichen und berufspraktischen Disziplinen, bei der disziplinäre Denkmuster überwunden und praktische Probleme auf eine gesellschaftlich fruchtbare Art gelöst werden. So erscheint t. Forschung als Forschung über die Praxis, mit der Praxis und für die Praxis. ■ Menz & Gruber, 2001 diskutieren „Interdisziplinarität in der Angewandten Sprachwissenschaft“. ■ Charaudeau, 2008 erklärt die Stärken interdisziplinärer, linguistischkommunikationswissenschaftlicher Medienanalysen. |
Hinterfragt Medienlinguistik zum Beispiel ihren Wissenschaftsbetrieb kritisch, nützt ihr multidisziplinäre Zusammenarbeit, etwa mit der Wissenschaftssoziologie oder der Didaktik (B|1.2.1). In interdisziplinärer Zusammenarbeit mit der Kommunikations- und Medienwissenschaft kann sie beispielsweise Mehrmethodenansätze entwickeln, um den gemeinsamen Gegenstand plastischer zu erfassen (B|1.2.2). In transdisziplinärer Zusammenarbeit mit der Medienpraxis erschließen sich ihr etwa deren Berufswissen und Fragen, was zu gemeinsamer, lösungsorientierter Theoriebildung führen kann (B|1.2.3).
| B|1.2.1 | Der multidisziplinäre Aspekt |
Wie jede wissenschaftliche Fachdisziplin steht die Medienlinguistik in der Pflicht, nicht nur auf der Objektebene zu wirken und ihren Gegenstand zu erforschen, sondern, auf der disziplinären Metaebene, auch über sich selbst nachzudenken – nachzudenken über ihre • Forschungsmethoden, ihre • Wissenschaftsdidaktik, ihr • Wissenschaftsmanagement und ihre
Wissenschaftspolitik. Dies legt multidisziplinäre Zusammenarbeit nahe:
Forschungsmethoden: Eine Medienlinguistik, die ihren Gegenstand empirisch erfassen will, braucht geeignete Forschungsmethoden. Wie zum Beispiel kommt sie zu aussagekräftigen Daten zur Textproduktion, ohne die Arbeitsabläufe in der Praxis zu stören und damit die Befunde zu verzerren? – An solchen Fragen arbeiten Disziplinen, die menschliche Tätigkeiten in natürlichen Umwelten erforschen, etwa Anthropologie oder Arbeitssoziologie und -psychologie.
Wissenschaftsdidaktik: Eine Medienlinguistik, die dazu beitragen will, Probleme der Sprachpraxis zu lösen, braucht auch geeignete Methoden der Wissenstransformation. Wie kann es zum Beispiel gelingen, im komplexen Umfeld einer Redaktion Haltungen, Wissen und Arbeitsmethoden aufzubauen, um die Textproduktionskompetenz zu optimieren? – An solchen Fragen arbeiten Didaktik, Pädagogik, Angewandte Psychologie.
Wissenschaftsmanagement: Eine Medienlinguistik, die sich auch am praktischen Markt behaupten will, muss diesen Markt verstehen. Wie aber funktioniert zum Beispiel ein Medienmarkt, der auf öffentliche und zugleich auf medienwirtschaftliche Interessen ausgerichtet ist und dessen Berufsfeld sich spät professionalisiert? – An solchen Fragen arbeiten etwa Arbeitssoziologie, Berufsfeldforschung, Medienökonomie.
Wissenschaftspolitik: Eine Medienlinguistik schließlich, die sich wissenschaftlich behaupten und entfalten will, braucht einen solid verankerten und zugkräftigen Wissenschaftsbetrieb. Wie bilden Disziplinen Profile aus und überwinden disziplinäre Grenzen? Wie sichern sie die Qualität ihrer Grundlagenforschung, angewandten Forschung und Auftragsforschung? – An solchen Fragen arbeiten Wissenschaftstheorie und -soziologie.
| B|1.2.2 | Der interdisziplinäre Aspekt |
Die Medienlinguistik und die Kommunikations- und Medienwissenschaft (KMW) befassen sich beide mit medialer öffentlicher Kommunikation – mit der Produktion und der Rezeption von Kommunikationsangeboten, mit den Produkten selbst und mit der Umwelt, die diese Kommunikation beeinflusst und durch sie beeinflusst wird. Interdisziplinäre Zusammenarbeit drängt sich hier auf (_1):

| _1 | Die interdisziplinäre Zusammenarbeit von KMW und Medienlinguistik |
Die beiden Disziplinen ergänzen sich in Erkenntnisinteresse und Methode: Die KMW strebt vorwiegend Befunde an, die mit statistischer Wahrscheinlichkeit allgemein gelten. Das bedingt breite Erhebungen mit wenig Aufwand für den einzelnen Fall. Die Medienlinguistik dagegen will Regelhaftigkeiten sprachbasierter Sinnkonstruktion auch an einzelnen Fällen tiefgreifend, präzise und schlüssig nachweisen; dann argumentiert sie für die Relevanz ihrer Befunde statt für statistische Repräsentativität.
Interdisziplinär können KMW und Medienlinguistik zum Beispiel einerseits breit untersuchen, welche politischen Akteure mit welchen Themen in welchen Medienangeboten auftreten – und andererseits an wenigen Texten oder Verstehenssituationen schlüssig nachweisen, dass ein und dieselbe Quellenäußerung je nach Rekontextualisierung gegensätzliche Bedeutungsvorstellungen nahelegt und damit ganz unterschiedliche Wirkungen auslösen kann.
| B|1.2.3 | Der transdisziplinäre Aspekt |
Wer Sprache benutzt, greift dazu auf geronnene Erfahrung, auf praktisch erworbenes Wissen über Sprache und Sprachgebrauch. Ist dieses Wissen situativ bewusst einsetzbar und gekoppelt an eine Haltung der Aufmerksamkeit für sprachliche Probleme, spricht man von Language Awareness (_1). Transdisziplinäre Medienlinguistik kann die Language Awareness von Medienschaffenden mit wissenschaftlichem Wissen verbinden, um Probleme der Praxis zu erkennen, Lösungen zu entwickeln und die Lösungen in der Praxis zu verankern – Lösungen wie etwa professionell und gesellschaftlich angemessene Praktiken der Rekontextualisierung.
Language Awareness: Bewusstheit und Aufmerksamkeit beim Lösen sprachlicher Probleme in Kommunikationssituationen.
| _1 | ■ Garrett, 2010 fasst den Forschungsstand zu L. konzis für verschiedene Anwendungsfelder zusammen. ■ Ehrensberger-Dow & Perrin, 2009 erforschen die L.A. von Übersetzen; ■ Svalberg, 2007 untersucht die Funktion von L.A. im Sprachenlernen. ■ Perrin, 2001b erforscht L.A. im Journalismus und weist bewusste sprachliche Vorstellungen Medienschaffender nach: Vorstellungen zum Beispiel von sprachlichen Einheiten wie Wörtern, Sätzen und Texten; von berufsspezifischen Text- und Gesprächssorten; von Normen der Rechtschreibung und Aussprache; von der Angemessenheit bestimmter sprachlich-kommunikativer Mittel in bestimmten Situationen; von den Varietäten eigener und benachbarter Tätigkeitsfelder wie der PR oder der Politischen Kommunikation; vom Wandel der Sprache; von Techniken der Textproduktion und Gesprächsführung; von der Sprachkompetenz der Adressaten. ■ Lehr, 2001 schließt von „sprachreflexive[n] Äußerungen“ in Pressetexten auf „alltagsweltliche Vorstellungen von Sprache“ (322). ■ Stenschke, 2005 erfasst in drei Zeitungen die Schlüsselwörter im öffentlichen Diskurs zur deutschen Rechtschreibreform. ■ Spitzmüller, 2005 untersucht in Diskursbeiträgen aus Sprachwissenschaft und Medien Unterschiede zwischen wissenschaftlicher und öffentlicher Einschätzung von Anglizismen. |
Solches Wissen kann fruchtbar einfließen in die Entwicklung von Fragestellungen, in die Problemfindung und Problemlösung, in die Theoriebildung – vorausgesetzt, Wissenschaft und Praxis verständigen sich. Dazu ist aber eine Kluft zu überwinden: Eine Wissenschaftlern, die mit der Medienpraxis transdisziplinär zusammenarbeiten will, muss zwischen den Berufsverständnissen und Sprachen beider Seiten vermitteln, muss Codes switchen.
Was das bedeutet, können Linguisten vor einem soziolinguistischen Hintergrund leichter einschätzen als Vertreter anderer Disziplinen, die sich ebenfalls für publizistische Medien interessieren. Die Medienlinguistik ist also auch auf der Ebene der Vermittlungssprache zum transdisziplinären Brückenschlag berufen.
| B|2 | Das Erkenntnisinteresse der Medienlinguistik |
Es gibt kein Wissen an sich. Erkennen ist gebunden an Standpunkte, Blickwinkel, Begriffe – und damit an Interessen. Erkenntnisinteresse leitet die Forschung, die Theoriebildung, den Wissenschaftsbetrieb (_1).
Erkenntnisunteresse: Ausrichtung des Bewusstseins und der Aufmerksamkeit beim Untersuchen eines Gegenstandes.
| _1 | ■ Ortner & Sitta, 2003, 5 sehen hinter aller Forschung „sowohl ein Erkenntnis- als auch Verwendungsinteresse“. ■ Hirsch Hadorn, et al., 2008, 21 beschreiben wissenschaftliche Tätigkeit als grundsätzlich verbunden mit wirtschaftlichen und politischen Interessen. ■ Fairclough, 2008 verteidigt das E. der Kritischen Diskursanalyse, im Sprachgebrauch Spuren unterdrückender Ideologien zu entdecken und dagegen anzutreten. |
Wissenschaft kann also nicht objektiv sein, wohl aber intersubjektiv nachvollziehbar: in ihren Erkenntnisinteressen und ihrem Vorgehen klar und begründet. – Für das Beispiel Rekontextualisierung bedeutet dies:
Ein Erkenntnisinteresse kann darauf abzielen, Rekontextualisierungen in publizistischen und wissenschaftlichen Kommunikationsangeboten zu vergleichen. Dann wird man feststellen, dass zum Beispiel die „Risiken“- Stelle bei ASSOCIATED PRESS (A|1) wissenschaftliche Zitiernormen verletzen würde: Es fehlen Hinweise auf die Originalsprache, die Veränderung im Wortlaut sowie das originale sprachliche und kommunikative Umfeld.
Ein Erkenntnisinteresse kann aber auch auf den Sprachgebrauch im Praxisfeld selbst zielen. Dabei könnte sich herausstellen, dass Medienschaffende einen erzählerischen Umgang mit Quellen pflegen. Der wissenschaftlich geprägte Zitatbegriff wäre dieser Wirklichkeit weniger angemessen. Zur Abgrenzung empfiehlt sich dann der berufspraktisch verwendete Begriff des Quotes: Ein Quote erscheint als Redewiedergabe, kann aber auch zugespitzt oder gar erfunden sein (_2).
Quote: Einheit in einem Medienbeitrag, die dargestellt wird als originalnahe Wiedergabe einer Äußerung einer Quelle.
| _2 | ■ Hauser, 2008 vergleicht Q. in Zeitungen aus Australien, Deutschland, Großbritannien und der Schweiz. ■ Marinos, 2001 arbeitet über Authentizität journalistischer Redewiedergabe in der Zeitung; ■ H. Burger, 2001a über das „Zitat in Fernsehnachrichten“. |
Zu klären sind also die Grundannahmen zum Gegenstand (B|2.1) und die Fragestellungen (B|2.2) medienlinguistischer Arbeit.
| B|2|?a | Aufsatz CHOI: Zwei Perspektiven |
Lesen Sie den folgenden Abstract von Dongdoo Choi (_1). ▶ Was erfahren Sie ausdrücklich zum Erkenntnisinteresse des Autors?
A Critical Discourse Analysis on Different Representations of the Same Event in the Media […]
The main purpose of this study was to investigate how language in the media is manipulated for ideological purposes to present different representations of the same event. The data used were newspaper articles printed in the Washington Post and China Daily about the air crash incident between the United States and China over the South China Sea on April 1st, 2001. The main focus of this study was analysis of the first articles printed immediately after the episode took place. In addition, articles from the onset to the settlement phase of the incident were also analyzed in order to see how language use in each newspaper changed, reflecting a change in their attitudes towards the episode as the situation was developing. And the probable effects the ways of language use found in the data would have on readers were discussed.
The linguistic analysis in this study concerned the choice of lexical items, syntactic and semantic structures, focal points of each newspaper, and effects of quotations in the articles. The findings were that there were significant differences in their ways of reporting the incident that would have been able to lead their readers to perceive the incident in favor of the ideology that each newspaper supports. Differences were found in lexical choices used to refer to the planes involved and their characteristics. Syntactic resources were strategically exploited in assigning each plane a thematic role that would produce a negative impact on one side and mitigate the impact on the other side. In terms of focal points, the damage inflicted on one side was zoomed in and that on the other side was zoomed out. Also, a tendency was found to exploit reported speech to downplay damage inflicted to the opposing side.
[…] This study tries to build a logical connection between extra-linguistic factors such as the politico-diplomatic delicacies between the two countries and the differences of linguistic representations used.
| _1 | Aufsatz CHOI, Textanfang. Quelle: Choi, 2002, 1 f. |
| B|2.1 | Der Gegenstand |
Die Wissenschaft will Wissen über Weltausschnitte herstellen. Dazu macht sie sich, aus bestimmten Blickwinkeln und mit bestimmten Erkenntnisinteressen, abstrakte und explizite Vorstellungen von konkreten Ausschnitten der Wirklichkeit – sie schafft sich Begriffe. Diesen Begriffen gelten dann ihre Aussagen, ihre Hypothesen und Theorien. So konstruiert sich jede wissenschaftliche (Teil-)Disziplin, ausgehend vom konkreten Materialobjekt, ihr abstraktes Formalobjekt (_1).
Materialobjekt: Weltausschnitt, der unabhängig von wissenschaftlichem Erkennen existiert und den Wissenschaft untersuchen will.
Formalobjekt: Begriff, den sich eine wissenschaftliche (Teil-)Disziplin aus ihrem Blickwinkel von ihrem Gegenstand macht.
| _1 | ■ Die Scholastik unterscheidet objectum materiale und objectum formale; ■ Leont’ev, 1971 Objekt und Gegenstand einer Wissenschaft; ■ De Saussure, 1916 „la matière de la linguistique“ und „l’objet de la linguistique“. |
Das Materialobjekt der Linguistik zum Beispiel ist unstrittig die Sprache. Davon kann sie sich aber verschiedene Formalobjekte konstruieren: zum Beispiel Sprache allein als Produkt oder Sprache als Spur und Auslöser von Prozessen. – Ein Beispiel für diesen Bezug von Produkt und Prozess:
EU to send mission to Mideast to urge Israel, Palestinians to cease fire now; Eds: UPDATES with Piqué quote
| _2 | Inhaltsangabe und Aktualisierungshinweis über einer AP-Meldung. Quelle: ap_020403_17:33 |
Die Nachrichtenagentur ASSOCIATED PRESS schreibt über einer Neufassung einer bereits veröffentlichten Agenturmeldung, es handle sich um „UPDATES with Piqué quote“. Sie wirbt also mit sprachlichen Mitteln für den sprachlichen Mehrwert („with Piqué quote“) der Neufassung und verweist dabei auf den Wertschöpfungsprozess („UPDATES“).
Nur bei prozesshaftem Formalobjekt interessiert sich Medienlinguistik für solche Prozesse. Die Formalobjekte Sprache (B|2.1.1 und 2.1.2), aber auch Kommunikation und Medien (B|2.1.3 bis 2.1.4) sind also zu diskutieren.
| B|2.1|?a | Aufsatz STÖCKL: Ein A ist ein A ist ein A |
▶ Umreißen Sie das Materialobjekt und das Formalobjekt der Linguistik intuitiv – jetzt gleich, ohne weiterzulesen.
▶ Tun Sie dies noch einmal, nachdem Sie den folgenden Anfang eines Aufsatzes von Hartmut Stöckl gelesen haben (_1):
1. Typographie – (k)ein Thema für die Linguistik?
Die Beschäftigung mit Typographie – d.h. der Form, Auswahl und Verwendung von Schrift im Text sowie der gesamten graphischen Gestaltung eines Schriftstücks oder Dokuments – in einem linguistischen Rahmen mag zunächst verwundern. Zu sehr scheint typographische Gestaltung die Domäne eines eigenen Berufsstandes (Typograph, Setzer, Drucker) zu sein, zu eng erscheint uns die Bindung typographischer Aspekte an künstlerische Gestaltung […] und zu weit entrückt von der eigentlichen Struktur und Bedeutung der sie darstellenden Sprache mutet die materielle Gestalt der Schrift an. In der Tat ist die Linguistik bis auf wenige Ausnahmen […] der Thematisierung von Schrift und ihrer Materialität, d.h. den Gestaltungsspielräumen graphischer Zeichen, eher abgeneigt. Die den Blick auf die Materialität von geschriebener Sprache verstellende Position des ein A ist ein A ist ein A gegenüber Typographie zeigt sich durchgängig in Sprachphilosophie, Sprachwissenschaft und Semiotik.
| _1 | Aufsatz STÖCKL, Textanfang. Quelle: Stöckl, 2004b, 5 f. |
| B|2.1.1 | Sprache |
Im semiotischen Begriffsverständnis kommunizieren auch Tiere oder Computer mit Sprachen. Der Text „Wir müssen Risiken eingehen“ etwa wird im Internet gespeichert und übermittelt in HTML, in Hypertext Markup Language. Die Linguistik aber konzentriert sich auf menschliche Sprache und begreift sie • als vermutlich artspezifische menschliche Fähigkeit, • als natürliche Einzelsprache und • als konkrete Spur von Sprachgebrauch. Was bedeutet das? – Definition und Beispiele (_1):
Sprache: • Fähigkeit des Menschen, mittels sprachlicher Zeichen kognitive und kommunikative Prozesse zu steuern; • System der Zeichen einer natürlichen Einzelsprache, die Grundlage einer Sprachgemeinschaft; • konkrete Äußerung von Einheiten einer Sprache.
| _1 | ■ Sapir, 1921 zum Beispiel versteht S. als ein System von Zeichen zur Kommunikation; ■ Bloomfield, 1926 als die Gesamtheit aller möglichen Äußerungen in einer Sprachgemeinschaft; ■ Chomsky, 1957 als die Menge der Sätze eines formalen Systems; ■ Halliday, McIntosh, & Strevens, 1964 beschreiben S. als Tätigkeit, als „activity basically of four kinds: speaking, listening, writing and reading“ (9). |
Als menschliche Begabung ist Sprache eine genetisch gegebene, auf neurophysiologischen Prozessen beruhende Fähigkeit zur Kommunikation und zum sprachlichen Denken. Alle Menschen sind fähig, mittels Sprache Nachrichten über Dinge auszutauschen, die, wie im Fall der Äußerung über die „Risiken“ von Josep Piqué, weit außerhalb der Kommunikationssituation liegen können.
Als natürliche Einzelsprache ist Sprache das Zeichensystem einer Sprachgemeinschaft. Die Äußerung von Piqué ist gesprochen in Spanisch und simultan übersetzt in Englisch, schriftliche Redewiedergaben liegen zum Beispiel in Englisch und Deutsch vor.
Als geäußerte, materiale Sprache ist Sprache die konkrete Spur von Sprachgebrauch. „Wir müssen Risiken eingehen“ stellt ein Stück Sprache dar, einen Satz aus vier Wörtern zwischen Wortlücken. Samt Leerschlägen sind es 27 Zeichen, publiziert am 4. April 2002. – Was Sprachgebrauch bedeutet, ist allerdings noch zu klären (B|2.1.2).
| B|2.1.2 | Sprachgebrauch |
Sprachgebrauch zu erforschen, bedeutet zuerst, nach der • fertigen Sprache zu fragen. Sie ist das Ergebnis von Sprachgebrauch und legt den Grund für neuen Sprachgebrauch, etwa für Verstehensprozesse. Zu fragen ist aber auch nach dem Gebrauch: dem Sprachgebrauch als • kognitive, • soziale und • kognitiv-soziale Tätigkeit (_1):
| Hintergrund | sozial | ||
| – | + | ||
| kognitiv | – | fertige Sprache | und soziale Tätigkeit |
| + | und kognitive Tätigkeit | und kognitiv-soziale Tätigkeit | |
| _1 | Sprache als Schnittstelle kognitiver und sozialer Tätigkeiten |
Für die Untersuchung von Rekontextualisierungen in der journalistischen Textproduktion zum Beispiel stellen sich Fragen zur Sprache als …
fertiges Produkt, also zu den Veränderungen, die eine Äußerung erfährt durch einen einmaligen oder wiederholten Rekontextualisierungsprozess. Zum Beispiel: Wie ändert sich die Bedeutung eines Quotes mit der sprachlichen und kommunikativen Umgebung?
kognitive Tätigkeit, also zu Handlungen, Strategien und Routinen, mit denen die einzelnen Sprachbenutzer Äußerungen rekontextualisieren. Zum Beispiel: Was tut ein Journalist genau und warum tut er es, wenn er eine Äußerung aus einem Quellentext löst und in seinen Text einbaut?
soziale Tätigkeit, also zu Rekontextualisierungsmustern, die sich in einer Gemeinschaft bilden oder verfestigt haben. Zum Beispiel: Wie verhält sich das, was eine Redaktion mit einem Quote tut, zu den Normen, die in dieser Redaktion für die Beitragsproduktion gelten?
sozial-kognitive Tätigkeit, also zum Zusammenspiel individueller Handlungen des Rekontextualisierens und kollektiver Handlungsmuster. Zum Beispiel: Wie handeln Redakteure eine gemeinsame Vorstellung akzeptabler Quotes aus und setzen sie um?
| B|2.1.3 | Kommunikation und Medium |
Zum Medium, deutsch Mittler, kann in der Kommunikation vieles taugen, etwa auch ein Statussymbol wie ein Kleid, ein Schallwellenträger wie die Luft oder ein Zeichensystem wie die deutsche Sprache. In diesem weiten Sinn ist jede Form von Kommunikation (_1) medial vermittelt. Hier gemeint ist aber ein engerer, technischer Medienbegriff (_2).
Kommunikation: absichtsvolle, auf andere Menschen ausgerichtete sprachliche oder sprachnahe Tätigkeit.
| _1 | ■ Hymes, 1972, Gumperz, 1982, Keller, 2003, Deppermann, 2004 oder Becker-Mrotzek & Brünner, 2004 beschreiben kommunikative Kompetenz als die Fähigkeit einer Sprachbenutzerin, sich in konkreten Situationen angemessen mitzuteilen. ■ Nach Luhmann, 1984, 241 bestehen soziale Systeme „über ihre kommunikativen Handlungen“. ■ D. Jones & Stubbe, 2004 beschreiben K. als Kernprozess allen Organisierens und sehen Organisationen als hergestellt und entwickelbar vor allem durch Kommunikation. ■ Häusermann, 2001 versteht den journalistischen Text als „Ort der öffentlichen Kommunikation“. |
Medium: technische Einrichtung zur Herstellung, Speicherung, Vervielfältigung und Übertragung von Zeichen.
| _2 | ■ Schneider, 2006 geht der Frage nach, ob es „nichtmediale Kommunikation“ überhaupt gibt. ■ Holly, 1997 unterscheidet zwischen M., Zeichensystem und Kommunikationsform. Schrift etwa sei „selbst nicht als Medium anzusehen, sondern als Speichermöglichkeit für Sprachzeichen, als andere (durchaus eigenständige) Repräsentation eines Zeichensystems“ (67). ■ Holly, 1997 versteht Medien als „konkrete materielle Hilfsmittel, mit denen Zeichen verstärkt, hergestellt, gespeichert und/oder übertragen werden können“ (69 f.). ■ Habscheid, 2000, 138 formuliert: „In terminologischer Abgrenzung zu ‚Zeichen’ und ‚Kommunikationsform’ lassen sich Medien bestimmen als materiale, vom Menschen hergestellte Apparate zur Herstellung, Modifikation, Speicherung, Übertragung oder Verteilung von sprachlichen (und nichtsprachlichen) Zeichen (im Sinne musterhafter Äußerungen), die bestimmte, im Vergleich zur sog. ‚direkten’ Kommunikation […] erweiterte und/oder beschränkte Kommunikationsformen ermöglichen und die die mit ihnen kommunizierten Symbole sowie – mittelbar, im Rahmen institutioneller Ordnungen und soziokultureller Aneignungsprozesse – Strukturen der Wahrnehmung, Kognition, Erfahrung, Erinnerung und Gesellschaft prägen.“ ■ Hutchby, 1991 zeigt im Überblick, wie die Medien vom Telefon bis zum Internet die kommunikativen Praktiken beeinflussen. |
Nach diesen Definitionen können mit Medien alle technischen Kommunikationsmedien gemeint sein, etwa die Postkarte, das Intranet, die Saalbeschallungsanlage. Jede Kommunikation nutzt solche technischen Einrichtungen, abgesehen vom Gespräch. Ein eigenständiges Anwendungsfeld von Sprache wird erst greifbar in einer Präzisierung wie publizistische Medien (B|2.1.4).
| B|2.1.4 | Publizistisches Medium |
Ein enger gefasster Begriff von Medien meint vor allem die publizistischen Medien (_1). So verstanden, bezieht sich Medienlinguistik auf ein eigenständiges und gesellschaftlich relevantes Anwendungsfeld von Sprache, ähnlich wie die Rechts- oder die Wirtschaftslinguistik.
Publizistisches Medium: technische Einrichtung, mit der öffentlich bedeutsame Kommunikationsangebote unter ökonomischen Bedingungen hergestellt und veröffentlicht werden.
| _1 | ■ Luhmann, 1996 bestimmt das p.M. als technisches Mittel, das Äußerungen vervielfältigt, in einer Richtung vermittelt und für alle Mitglieder einer Kultur öffentlich macht. ■ S. Weber, 2005 erfasst p.M. als „Massenmedien“, die aus alten Wirklichkeitsbeschreibungen neue schaffen. ■ Reich & Lahav, 2012 hinterfragen in ihrem Experiment die Rolle der Journalisten in publizistischen Medien, indem sie Literaturschaffende eine Tageszeitung machen lassen. |
Der Begriff des publizistischen Mediums ist also • gesellschaftspolitisch, • wirtschaftlich und • kommunikativ schärfer gefasst als der Begriff des Mediums allgemein. – Beispiele:
gesellschaftspolitisch: Öffentlich bedeutsame Kommunikationsangebote tragen bei zur Herstellung von Öffentlichkeit in Gesellschaften, deren Beziehungen hinausreichen über einen direkten Kontakt im Dorf. Wie Josep Piqué als Vorsitzender einer EU-Sonderkommission zum Frieden im Nahen Osten beitragen will, ist öffentlich bedeutsam.
wirtschaftlich: Ökonomische Bedingungen bedeuten den Zwang zur Wertschöpfung in arbeitsteiligen und technisierten Prozessen. Das Zitat von Piqué durchläuft eine Kette von Stationen, wo es Medienschaffende unterschiedlicher Berufsrollen auswählen, sprachlich bearbeiten, technisch aufbereiten, bewerben – „UPDATES with Piqué quote“ (B|2.1|_2) – und neuen Adressaten verkaufen.
kommunikativ: Veröffentlichen meint verbreiten aus dem Herstellungszusammenhang hinaus, an individuell unbekannte Adressaten. Die Redaktion des TAGES-ANZEIGERS richtet sich an ein Publikum, das nur statistisch überschaubar ist, über Stichproben und Hochrechnungen.
Mit der Digitalisierung und Vernetzung verschwimmen allerdings die Grenzen zwischen öffentlicher und individueller Kommunikation.
| B|2.1.4|?a | Streiflicht MEDIENKONVERGENZ: 1 Maschine |
Die Medien entwickeln sich aufeinander zu – hin zum Computer als der universalen Kommunikationsmaschine (_1). Der vernetzte Computer verarbeitet alles Digitalisierbare, zum Beispiel alle sicht- und hörbaren Zeichen. So erschließt er Bibliotheken und Rundfunkprogramme, ist Schreibmaschine, Spielkonsole und Telefon.
Medienkonvergenz: Entwicklung aller Medien in Richtung digitale, vernetzte, mobile und multimodale Technologien, mit entsprechenden Kommunikationspraktiken, Medienformaten und Institutionen.
| _1 | ■ Nach Schmitz, 1997, 132 f. kann „zum ersten Mal in der Weltgeschichte […] dasselbe Gerät alle technisch vermittelten Kommunikationsformen tragen“. ■ Fraas & Barczok, 2006 untersuchen das Internet als Medium öffentlicher Kommunikation. ■ Quinn, 2005, 7 umreißt M. als „doing journalism and telling stories using the most appropriate media”. ■ Erdal, 2009, Revers, 2014, Rodgers, 2015 und Marchionni, 2015 fragen nach dem Wandel der journalistischen Arbeit durch M. |
Im Internet wirken Computer als Empfänger und Sender, mit • Bring-Angeboten an Adressierte und • Hol-Angeboten für Interessierte.
Bring-Angebote: Gleiche oder ähnliche, personalisierte Kommunikationsangebote können in Massenversänden an beliebig viele einzeln adressierte Empfänger verschickt werden, zum Beispiel eine Börsennachricht als E-Mail oder SMS oder ein Nachrichtenmagazin als pdf-Datei.
Hol-Angebote: Ein Kommunikationsangebot kann so bereitgestellt werden, dass berechtigte oder beliebige Interessierte es nach persönlichen Vorlieben erkunden können, zum Beispiel eine Nachrichtendatenbank hinter einem individuell gestaltbaren Internetportal.
Die alte Trennung von Individual- und publizistischen Medien fällt also weg, womit sich auch individuelle und öffentliche Kommunikation enger verzahnen. Zum Beispiel kann eine Leserin von TAGES-ANZEIGER ONLINE einen Fehler in einer Nachricht bemerken und dies der Redaktion mitteilen, ohne das Medium wechseln zu müssen; die Redaktion korrigiert die Meldung sofort und bedankt sich bei der Leserin – wieder über das gleiche Medium.
▶ Wird es dadurch einerlei, ob man Öffentlichkeit herstellen oder sich mit einem bestimmten Gegenüber austauschen will? ▶ Nennen Sie Argumente für und gegen eine solche Sichtweise.
| B|2.1.4|?b | Fall RISIKEN: Nachbessern |
Josep Piqués „Risiken“ (A|1) finden am 4. April 2002 zu den Nutzerinnen und Nutzern von TAGES-ANZEIGER ONLINE. Um 10:46 Uhr sieht der Anfang der Nachricht so aus (_1):

| _1 | Fall RISIKEN, Anfang der Online-Nachricht. Quelle: ta_online_020404_1046_update |
Um 07:36 Uhr aber, beim Aufschalten der Nachricht, hat die Bildlegende anders gelautet, nämlich: „Wer an der Delegation angehören soll ist noch nicht klar“. Ein Nutzer hat sich dann per E-Mail über den veröffentlichten Unsinn beschwert. ▶ Worin hat dieser Unsinn bestanden? ▶ Wie erklären Sie sich den Fehler? Wie spielen publizistische und Individualkommunikation in der Onlineredaktion zusammen ▶ und wie sähe das Zusammenspiel bei ähnlicher Ausgangslage in einer Zeitung aus?
| B|2.2 | Die Fragestellungen |
Was interessiert nun die Medienlinguistik? – Die folgende Tabelle gibt eine erste Antwort (_1). Sie zeigt das ganze Feld des Sprachgebrauchs in der publizistischen Kommunikation. Dieses Feld ist aufgerastert in Fragestellungen nach • Sprachbenutzern, • Sprachtätigkeit und • linguistischer Sprachbeschreibung.

| _1 | Medienlinguistische Fragestellungen im Überblick, grob aufgerastert |
Sprachbenutzer: Die Teilhaber publizistischer Kommunikation sind die Quellen, die Medienschaffenden, die Publika und die Allgemeinheit. Quellen, Medienschaffende und Publika sind direkt an publizistischer Kommunikation beteiligt, die umfassende Allgemeinheit ist es indirekt: Mit ihr tauschen sich die direkt beteiligten Sprachbenutzer aus, etwa in Gesprächen nach der Rezeption von Medienbeiträgen (Beispiel 1).
Sprachtätigkeit: Publizistische Kommunikation legt die Sprachbenutzer oft auf Produktion oder Rezeption als rollenbestimmende Tätigkeit fest: Medienschaffende etwa produzieren Medienbeiträge (Beispiel 2), Publika rezipieren sie (Beispiel 3). In kommunikativen Gattungen und Formen wie Recherchegesprächen oder Blogs sind dagegen rasche Wechsel üblich.
Sprachbeschreibung: Linguistik erfasst den Sprachzustand synchron, zu einem Zeitpunkt, oder diachron, im Zeitverlauf. Synchrone Beschreibung kann zeigen, wie die journalistische Fachsprache Rekontextualisierungen benennt (Beispiel 4). Diachrone Beschreibung kann zeigen, ob und wie eine Sprache eine andere beeinflusst – zum Beispiel die Sprache von Quellen diejenige von publizistischen Medien (Beispiel 5).
Nach diesem Raster auszuloten sind nun die medienlinguistischen Fragestellungen überhaupt – und diejenigen dieses Buchs.
| B|2.2.1 | Fragestellungen in synchroner und diachroner Sprachbeschreibung |
Diese Seite zeigt die Typen der Fragestellungen aus den letzten zwei Zeilen des Rasters (B|2.2): Es sind Fragestellungen zur Sprache von Quellen, Medienschaffenden, Publika und der Allgemeinheit, und zwar in synchroner (_2) und diachroner (_3) Beschreibung. – Im Überblick (_1):
| Fragestellungen | Sprachbenutzer | ||||
| Quelle | Medien | Publikum | Allgemein | ||
| Be- schrei- bung | synchron: SpracheX benennt WeltausschnittY | SQ, WQ,M,P,A | SM, WQ,M,P,A | SP, WQ,M,P,A | SA, WQ,M,P |
| diachron: SpracheX beeinflusst SpracheY | SQ, SM | SM, SP | SM, SA | ||
| _1 | Medienlinguistische Fragestellungen in synchroner und diachroner Sprachbeschreibung |
Synchron bezieht sich die Sprache bestimmter Teilhaber publizistischer Kommunikation (SX) auf Ausschnitte aus der Welt der gleichen oder anderer Sprachbenutzer (WY): Die Sprache der Quellen (SQ), der Medienschaffenden (SM), der Publika (SP) oder der Allgemeinheit (SA) kann sich beziehen auf Weltausschnitte im Umfeld der Quellen (WQ), der Medienschaffenden (WM), der Publika (WP) oder auf beliebige Weltausschnitte (WA). – Typische Fragestellungen bei synchroner Beschreibung sind also: Welche Sprache benennt welche Weltausschnitte? Mit welchen Mitteln?
| _2 | ■ Jakubowicz, 2006 fasst zusammen, wie Medien Minderheiten benennen – und damit zur Schaffung dieser Minderheiten beitragen. ■ Cramer & Eisenhart, 2014 zeigen, wie subjektiv Publika die Objektivität von Medienangeboten wahrnehmen und einschätzen. |
Diachron kann die Sprache (SX) bestimmter Teilhaber publizistischer Kommunikation die Sprache (SY) bestimmter anderer Teilhaber beeinflussen: Zum Beispiel kann die Sprache von Quellen (SQ) die Sprache von Medienschaffenden (SM) mitprägen, dann die Sprache der Publika (SP) und schließlich die Alltagssprache überhaupt (SA). – Typische Fragestellungen bei diachroner Beschreibung sind also: Welche Sprache beeinflusst bei welchem Kontakt welche andere Sprache? Womit?
| _3 | ■ Leitner, 1985 untersucht, wie sich die Sprachnormen der BBC zwischen 1922 und 1954 entwickelt haben. Am Beispiel Australiens zeigt er den weltweiten sprachbildenden Einfluss der BBC auf englischsprachige Radioprogrammanbieter. ■ Michel, 2001 erforscht, ob der Wandel der Syntax in überregionalen deutschen Tageszeitungen des 19. Jahrhunderts (SM) den Wandel der Syntax des Deutschen überhaupt (SA) beeinflusst hat. ■ Bell, 2003 beschreibt den Wandel der Nachrichtensprache im 20. Jahrhundert. ■ Studer, 2008 zeigt, wie der Wandel von Sprache in den Medien untersucht werden kann. ■ Sayers, 2014 modelliert den Einfluss des Medienwandels auf den Sprachwandel. |
| B|2.2.2 | Fragestellungen zum Sprachgebrauch als Rezeption und Produktion |
Diese Seite zeigt die Typen medienlinguistischer Fragestellungen aus den mittleren zwei Zeilen des Rasters (B|2.2): Fragestellungen zum Sprachgebrauch als Produktion (_2) und Rezeption (_3). – Im Überblick (_1):
| Fragestellungen | Sprachbenutzer | ||||
| Quelle | Medien | Publikum | Allgemein | ||
| Tätigkeit | Produktion: X produziert für Y | Q, M | M, P | P, A (SM-stimuliert) | |
| Rezeption: X rezipiert SY | Q, SQ | M, SQ | P, Sm | A, SP | |
| _1 | Medienlinguistische Fragestellungen zur Produktion und Rezeption |
Bestimmte Teilhaber publizistischer Kommunikation (X) produzieren Sprache für bestimmte andere Teilhaber (Y): die Quellen (Q) für die Medienschaffenden (M), diese für die Publika (P), die Publika schließlich, angeregt durch publizistische Kommunikation, für die Allgemeinheit (A), im alltäglichen Austausch über Aktualität. – Typische Fragestellungen zur Produktionstätigkeit sind also: Was genau tun die Produzierenden, wie tun sie es, warum tun sie es so, und was bewirken sie damit?
| _2 | ■ Sleurs, Jacobs, & Van Waes, 2003 untersuchen, wie PR-Redakteure mit der Sprache ihrer eigenen Quellen (SQ) umgehen, etwa mit Äußerungen von Analysten – und wie sie die Sprache ihrer Medienmitteilungen auf die Medienschaffenden (M) ausrichten. |
Bestimmte Teilhaber publizistischer Kommunikation (X) rezipieren Sprache anderer Teilhaber (SY): die Quellen (Q) die Sprache ihrer eigenen Quellen (SQ), die Medienschaffenden (M) die Sprache ihrer Quellen (SQ), die Publika (P) die Sprache der Medienschaffenden (SM), die Allgemeinheit (A) schließlich die Sprache der Publika (SP). – Typische Fragestellungen sind also: Was genau tun die Rezipierenden, wie tun sie es, warum tun sie es so, und was bewirken sie damit?
| _3 | ■ Klemm, 2000 zeigt, wie sich Fernsehen und Gespräche zu Hause gegenseitig beeinflussen; ■ ähnlich Tovares, 2007 und Hefner, 2012; ■ Klemm & Graner, 2000 für Fernsehen und Chatten; ■ Hassoun, 2014 für Fernsehen gleichzeitige Nutzung anderer Medien überhaupt. ■ Tenenboim & Cohen, 2015 erforschen, wann Nutzer von Internet-Nachrichten klicken. ■ Hartung, 2008 untersucht, wie sich Kinder Humor aus dem Hörfunk aneignen. |
Bestimmte Fragestellungen angehen und damit das Erkenntnisinteresse von Medienlinguistik als linguistischer Teildisziplin exemplarisch aufzeigen kann dieses Buch aber erst, wenn geklärt ist, welche Methoden welchen Fragestellungen angemessen sind.
| B|3 | Forschungsmethoden in der Medienlinguistik |
Forschungsmethoden sind Verfahren, um Forschungsfragen mit theoretisch begründeter • Zuverlässigkeit und • Gültigkeit zu beantworten (_1).
Forschungsmethode: theoretisch begründetes Verfahren zum Bearbeiten von Forschungsfragen.
| _1 | ■ Bucher, 1999b gibt einen Überblick über „sprachwissenschaftliche Methoden der Medienforschung“. ■ Lombardo, Haarman, Morley, & Taylor, 1999 zeigen einige medienlinguistisch ergiebige Methoden, v.a. in Kap. 3. ■ Androutsopoulos, 2003 beschreibt und illustriert in der Medienlinguistik verbreitete Methoden; ■ ähnlich Thornborrow, 2006 und O’Keeffe, 2006, 32–61. |
Zuverlässig (= reliabel) sind Antworten, die gleich ausfallen, wenn jemand anderes eine Untersuchung nach dem gleichen Verfahren wiederholt. Zuverlässigkeit setzt präzises Arbeiten nach durchdachten (= systematischen) und offengelegten, nachvollziehbaren Regeln voraus.
Gültig (= valide) sind Antworten, die ähnlich ausfallen, wenn man die gleiche Forschungsfrage mit einem anderen Verfahren untersucht. Leisten können dies Verfahren, die ein Problem in den wesentlichen Zügen seiner Komplexität erfassen, statt es in eine methodisch bequeme Richtung zu verschieben. Wenn zum Beispiel gefragt ist, in welcher Form eine Äußerung in späteren Texten aufgegriffen wird, reicht es, die ursprüngliche Äußerung mit späteren Wiedergaben zu vergleichen. Wenn aber nachgezeichnet werden soll, mit welchen Überlegungen ein Autor Äußerungen rekontextualisiert, sind diese kognitiven Zusammenhänge mit zu erfassen. Wenn schließlich der Autor als gesellschaftlich eingebettet verstanden wird, dann sind auch diese sozialen Zusammenhänge mit zu erfassen.
Forschungsmethoden müssen also durchdacht sein, in ihren Schritten offengelegt, nachvollziehbar – und angemessen. So müssen sie den Gegenstand in einer Tiefe nachzeichnen, die der Forschungsfrage entspricht. Je nach (medien)linguistischer Fragestellung hat eine Methode zu erfassen: die fertige Sprache allein (B|3.1), den Sprachgebrauch als kognitive Tätigkeit (B|3.2), den Sprachgebrauch als soziale Tätigkeit (B|3.3) oder den Sprachgebrauch als kognitiv-soziale Tätigkeit (B|3.4).
| B|3|?a | Streiflicht METHODOLOGIE: Wo stehen Sie? |
Mit der Frage, welche Forschungsmethode zu welcher Forschungsfrage passt, befasst sich innerhalb der Disziplinen und quer durch die Disziplinen die Methodologie (_1).
Methodologie: wissenschaftliche Querschnittsdisziplin, die sich befasst mit dem Zusammenhang von Gegenstand, Fragestellung, Methoden und zu erwartender Erkenntnis in der wissenschaftlichen Forschung.
| _1 | ■ Stolz & Kolbe, 2003 führen ein in die „Methodologie in der Linguistik“; ■ Bohnsack, 2008 allgemeiner in „Methodologie und Praxis qualitativer Forschung“. ■ Feilzer, 2010, Teddlie, Tashakkori, & Johnson, 2008, Flick, 2004, Aguado & Riemer, 2001, Denzin, 1989 und Brewer & Hunter, 1989 beschreiben theoretische und praktische Probleme und Lösungen für Mehrmethoden-Ansätze, wo Forschungsmethoden aufeinander abgestimmt und miteinander verbunden werden, um einen Gegenstand von mehreren Seiten her zu erschließen. |
Im Folgenden sehen Sie Haltungen zu vier klassischen methodologischen Problemen. ▶ Wo stehen Sie? – ▶ Beziehen Sie Stellung und begründen Sie Ihre Position, bevor Sie die nächsten vier Abschnitte (B|3.1 bis 3.4) lesen, ▶ und tun Sie es nochmals danach. ▶ Was hat sich geändert?
Fall vs. statistische Repräsentation: Wer annimmt, alle Menschen würden in ähnlichen Situationen bezüglich der Forschungsfrage ähnlich handeln, kann sich auf Fallstudien beschränken; wer dies anzweifelt, erwartet von statistisch repräsentativen Erhebungen zuverlässigere Ergebnisse.
Feld vs. Labor: Wer annimmt, ein Mensch funktioniere bezüglich der Forschungsfrage situationsunabhängig immer gleich, kann Experimente im Labor durchführen und damit Umwelteinflüsse genau kontrollieren; wer dies anzweifelt, erwartet von Feldforschung gültigere Ergebnisse.
Befragung vs. Beobachtung: Wer annimmt, ein Mensch könne bezüglich der Forschungsfrage über sein Handeln wirklichkeitsnah Auskunft geben, erfragt die Daten zum Handeln; wer dies anzweifelt, beobachtet und misst Handeln als Zustandsveränderung direkt.
Einmethodenansatz vs. Methodentriangulation: Wer annimmt, die Daten zur Forschungsfrage mit einem einzigen Verfahren gültig und zuverlässig erheben und auswerten zu können, beschränkt sich auf dieses eine Verfahren; wer dies anzweifelt, erfasst den Gegenstand mit mehreren Methoden, aus mehreren Blickwinkeln.
| B|3.1 | Sprachprodukte untersuchen mit der Versionenanalyse |
Linguistik untersucht zuerst die sprachlichen Äußerungen an sich. Eine produktionsgerichtete Medienlinguistik, die nach dem sprachlich Besonderen und praktisch Relevanten in ihrem Anwendungsfeld fragt (B|1.1.4), stellt aus diesem Blickwinkel scharf auf die intertextuellen Ketten journalistischer Textproduktion: Aus früheren Texten entstehen rasch und laufend neue. Was dabei mit den Äußerungen geschieht, erfasst die Versionenanalyse.
Die Versionenanalyse verfolgt sprachliche Äußerungen in einer intertextuellen Kette (B|1.1|_1). Dazu arbeitet sie die sprachlichen Merkmale, die Funktionen und Strukturen von Sprache in Medienbeiträgen heraus (_1). Grundlage für Versionenvergleiche sind linguistische Text- und Gesprächsanalysen einzelner Medienbeiträge.
Versionenanalyse: linguistisches Verfahren zur Datengewinnung und -analyse, das sprachliche Merkmale in intertextuellen Ketten verfolgt.
| _1 | ■ Van Dijk, 1988a, Bell, 1991, 56 ff., Blomqvist, 2002, Luginbühl, Baumberger, Schwab, & Burger, 2002 oder Robinson, 2009 verfolgen Textversionen im Nachrichtenfluss. ■ Reich, 2008 beschreibt, wie Zeitungen in Israel Lecks in vertraulichen Diskursen nutzen. ■ I. Fang, 1991 vergleicht Nachrichten der drei Medien Zeitung, Radio und Fernsehen und leitet daraus medienspezifische Unterschiede für die Textproduktion ab. ■ Ekström, 2001 zeigt eine Variante, die implizite V.: Empirisch kennt er nur ausgestrahlte Fernsehnachrichten-Beiträge mit Quotes. Wenn er diese Quotes als „fragments“ (568) versteht, vergleicht er sie implizit mit den Interviews, von denen er plausiblerweise annehmen kann, dass sie stattgefunden haben. |
Wie man die Versionenanalyse anwenden kann, zeigt der Fall Risiken, den das Buch schon eingeführt hat (ab A|1): Ein Ausschnitt aus der komplexen Antwort eines spanischen Politikers wandelt sich über mehrere Zwischenstufen bis zum knappen deutschen Quote in einer Online-Nachricht. Der Ausschnitt selbst wird umformuliert; zudem ändert sich die Einbettung von Stufe zu Stufe radikal. Damit verschiebt sich auch der Sinn, den eine Leserin dem Quote abgewinnen kann.
Die nächsten Seiten skizzieren die Versionenanalyse an diesem Beispiel. Eine Äußerung von Josep Piqué wird aus der Herstellungssituation gelöst (B|3.1.1), aus der komplexen Äußerung ausgekoppelt (B|3.1.2), in einer neuen Kommunikationssituation hervorgehoben (B|3.1.3) und in Folgetexte eingebettet (B|3.1.4) – was in mehreren Ketten geschieht (B|3.1.5). Dabei ändert sich die Bedeutung der Äußerung (B|3.1.6).
| B|3.1.1 | Kommunikationssituation: Am Anfang war die Frage |
Die intertextuelle Kette – präziser: der hier untersuchte Ausschnitt einer solchen Kette – beginnt bei einer Medienkonferenz in Luxemburg, in der Nacht vom 2. auf den 3. April 2002 (B|1.1|_1). Eine EU-Sonderkommission, geleitet vom spanischen Außenminister Josep Piqué, hat beschlossen, eine Delegation der EU in den Nahen Osten zu entsenden. Ein Journalist der Zeitung EL PAÍS stellt eine komplexe Frage, Piqué antwortet und erteilt dann jemand anderem das Wort für die nächste Frage (_1).

| _1 | Fall RISIKEN, die Situation am Anfang der intertextuellen Kette. Quelle: EU-Archiv |
Der Journalist und Piqué sprechen Spanisch. Im Raum hörbar ist zusätzlich eine englische Simultanübersetzung. Die Frage des Journalisten, auf Deutsch übersetzt (_2):
Minister, Sie sagten, Sie hätten noch keine offizielle Bestätigung des Beschlusses des israelischen Kabinetts erhalten bezüglich der Abfuhr, die Herr Sharon dem Besuch von Herrn Aznar erteilt hat, da möchten wir wissen, ob, falls es so ist, falls die israelische Regierung dem Besuch von Aznar eine Abfuhr erteilt hat, es also irgendeinen Sinn macht, dass eine andere europäische Delegation, ob sie nun von Ihnen oder von Herrn Solana bestellt ist, da hingeht und vor allem; Welche Garantie haben Sie denn, dass Sie […] Herrn Arafat treffen können?
| _2 | Die komplexe Frage des Journalisten von EL PAÍS, original Spanisch. Quelle: EU-Archiv |
Der Journalist fragt Piqué, ob er es für sinnvoll halte, eine Delegation der EU zum palästinensischen Präsidenten Arafat zu schicken, wo doch der israelische Ministerpräsident Sharon schon verhindert habe, dass der EU-Ratsvorsitzende und spanische Regierungspräsident Aznar sich mit Arafat treffen könne.
| B|3.1.2 | Kotext: Piqué antwortet tastend |
Piqué sagt in seiner Antwort zuerst ausdrücklich, ein Treffen zwischen Arafat und Aznar sei eben heikel; implizit sagt er damit auch, das neue geplante Treffen, ohne Aznar, sei weniger heikel. – Piqués ganze Antwort in deutscher Übersetzung (_1):
Nun also: Ich glaube, dass jedermann versteht, dass der Besuch des Präsidenten Aznar nur unter einigen, sehr bestimmten Bedingungen stattfinden kann. Doch glaube ich auch, dass es Einigkeit darüber gibt, dass viele Gesprächspartner vorhanden sind, viele Menschen, mit denen man sprechen müsste, Menschen, denen man die Botschaft der Europäischen Union überbringen müsste, und ich meine, wir sollten diese Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen. Insofern haben Sie Recht und es ist sicher so, dass die Möglichkeit, den Präsidenten Arafat zu treffen, eine ist, die zeitlich recht weit weg liegt. Deshalb müssen wir jegliches Vorprellen bei den verschiedenen Gesprächspartnern in der Region vermeiden. Das sind die Überlegungen, die wir uns jetzt machen, Überlegungen, die, wenn man so will, pragmatisch sind, praktisch, die unserer Ansicht nach aber Nutzen bringen können, da wir uns der Risiken, denen wir alle ausgesetzt sind, bewusst sind. Doch ist es sicher auch so, dass die Lage ernst genug ist, um uns zu veranlassen, bestimmte Risiken einzugehen.
| _1 | Die komplexe Antwort von Josep Piqué, übersetzt aus dem Spanischen. Quelle: EU-Archiv |
Die Lage sei also „ernst genug“, um die Kommission zu veranlassen, „bestimmte Risiken einzugehen“, sagt Piqué. Mit den „Risiken“ könnte er die Möglichkeit meinen, Arafat nicht zu treffen. Dieser Schluss liegt deshalb nahe, weil Piqué mit seiner Äußerung auf eine Frage eines Journalisten eingeht, die lautet: „Welche Garantien haben Sie denn, dass Sie […] Arafat treffen können?“ Ausdrücklich gibt Piqué in seiner Antwort aber zu bedenken, es seien „viele Gesprächspartner vorhanden“, also nicht nur Arafat. Es gelte, bei diesen Gesprächspartnern „jegliches Vorprellen“ zu vermeiden.
| B|3.1.3 | Einspuren: „Updates with Piqué quote“ |
Der Antwortcharakter der Äußerung und die Abtönung von „ernst“ mit „genug“ fallen weg, wenn das Quote aus dem Zusammenhang gelöst und gestrafft wird (_1):
LUXEMBOURG (AP) _ The European Union plans to send a high-level mission to the Middle East Thursday to urge Israel and the Palestinians to immediately implement a meaningful cease-fire as outlined in a March 30 United Nations resolution. | However, emerging from a special session, the 15 EU foreign ministers could not say who will go since Israel did not immediately guarantee safe access to Palestinian leader Yasser Arafat who is besieged by Israeli troops in his West Bank headquarters. | “The situation is serious, we have to take some risks, we are ready to do that,” said Spanish Foreign Minister Josep Piqué, who chaired the meeting.
| _1 | Fall RISIKEN, Agenturmeldung. Quelle: ap_020403_1733 |
So die erste Meldung mit dem Quote, die von der Nachrichtenagentur AP veröffentlicht wird. Sie ist im Titelblock überschrieben mit „UPDATES with Piqué quote“; der Meldung mit dem Quote gehen andere englischsprachige Meldungen ohne dieses Quote voraus. Das Quote enthält zwei sprachliche Einheiten, deren Bedeutung nur im satzübergreifenden Zusammenhang erschließbar ist: „the situation“ und „risks“. Im sprachlichen Umfeld passt zu beiden nur der nicht zugesicherte „safe access“, der sichere, gefahrlose Zugang. Dies aber hat Piqué nicht gesagt.
Auch die Versicherung „we are ready to do that“ ist in dieser entschiedenen Kürze im Original nicht zu finden. Sie taucht hingegen in vielen anschließenden Meldungen wieder auf.
| B|3.1.4 | Weiterziehen: AP rekontextualisiert das Quote |
Knapp sechs Stunden nach der englischen Meldung erscheint das Quote samt Versicherung zum ersten Mal im deutschsprachigen Dienst der AP. Auch hier steht es in einem Textzusammenhang, der andere Deutungen nahelegt als der ursprüngliche (_1):
[…] Romano Prodi erklärte unterdessen die amerikanischen Vermittlungsversuche in Nahost für gescheitert. | „Die Situation ist ernst, wir müssen Risiken eingehen und dazu sind wir bereit”, sagte der spanische Außenminister Joseph Piqué, der Vorsitzende der Sondersitzung. Von größter Wichtigkeit sei die Umsetzung der UN-Resolution 1402, die am 30. März verabschiedet wurde und Israelis und Palästinenser zu einer Waffenruhe auffordert.
| _1 | Fall RISIKEN, Agenturmeldung. Quelle: ap_020403_2314 |
Welche „Situation“ ist ernst? Der Begriff ist nur zu füllen, indem man ihn auf das vorangehende „gescheitert“ bezieht – wieder ein Verständnis, das Piqués originale Äußerung nicht eindeutig nahelegt. Piqué kann sich mit „dass die Lage ernst genug ist“ (_1) ebenso gut auf den Nahost-Konflikt überhaupt bezogen haben. Was er mit „Risiken“ gemeint haben soll, wird in der rekontextualisierten Variante nicht klar. – Die nächste Fassung der AP dagegen bindet die „Risiken“ eindeutig (_2):
Derweil betonten die EU-Außenminister ihre Entschlossenheit zu schnellem Handeln: „Die Situation ist ernst, wir müssen Risiken eingehen, und dazu sind wir bereit“, sagte der spanische Außenminister und Ratsvorsitzende Joseph Piqué. Von größter Wichtigkeit sei die Umsetzung der UN-Resolution 1402, die am 30. März verabschiedet wurde und Israelis und Palästinenser zu einer Waffenruhe auffordert.
| _2 | Fall RISIKEN, Agenturmeldung. Quelle: ap_020404_0703 |
Mit „Risiken“ scheint Piqué hier die „Entschlossenheit [der EU-Minister] zu schnellem Handeln“ zu meinen. Der Doppelpunkt zwischen dem Satz vor dem Quote und dem Quote selbst stützt diese Leseweise. Piqué indessen hat ausdrücklich gefordert, jedes Vorprellen zu vermeiden.
| B|3.1.5 | Nebenstränge: Das Quote in Nachrichten anderer Agenturen |
Die Meldung einer anderen Nachrichtenagentur, aus einer anderen intertextuellen Kette, hält sich in diesem Punkt eher an Piqués Antwort (_1).
Piqué räumte ein, noch sei unklar, ob Israel es der Delegation ermöglichen werde, mit Arafat zu sprechen. „Wir müssen Risiken eingehen.“ Davon hänge ab, wie hochrangig die EU-Delegation sein werde.
| _1 | Fall RISIKEN, Agenturmeldung. Quelle: rtr_020404_0126 |
Die „Risiken“ beziehen sich hier klar auf die Ungewissheit eines Treffens mit Arafat. Nicht erschließbar ist Piqués Gedanke weiterer möglicher Gesprächspartner, nicht wiedergegeben ist der Hinweis auf die ernste Situation. Ein erfundener Zusatz bleibt aus. Unklar ist der Bezug von „davon hänge ab“ nach dem Quote. – Eine weitere Nachrichtenagentur beschränkt sich auch auf die kurze Form des Quotes, bettet es aber in einen anderen Textzusammenhang ein, was Piqués Äußerung einmal mehr in ein anderes Licht rückt (_2):
So will die EU zunächst vor allem zur Beruhigung beitragen – mit allen reden, die dabei helfen können, wie Solana sagt. Ohne Vorbedingungen, auch wenn das hilflos wirkt. „Wir müssen Risiken eingehen“, meint der Ratsvorsitzende Piqué. Mit begrenzten Mitteln das Mögliche tun, sagt Fischer.
| _2 | Fall RISIKEN, Agenturmeldung. Quelle: dpa_020404_1157 |
Piqué fasst in seiner Antwort an der Medienkonferenz die Argumente für die Entscheidung der Kommission zusammen als „pragmatisch“ und „praktisch“ (B|3.1.2|_1); von „hilflos“ ist nicht die Rede. Der Text der Agentur dagegen legt eine solche Leseweise nahe: Bis zur Wendung „wie Solana sagt“ gehört die Rede dem Generalsekretär Javier Solana. Bei der darauf folgenden Einschätzung „auch wenn das hilflos wirkt“ ist der Urheber unklar, möglicherweise ist es auch Solana. Jedenfalls scheint sich Piqué mit seinen „Risiken“ direkt darauf zu beziehen.
| B|3.1.6 | Die Leistung der Versionenanalyse: Fokus auf intertextuelle Ketten |
Die Versionenanalyse des Falls RISIKEN ergibt: Nach einer Rekontextualisierung erscheinen Äußerungen in neuen kommunikativen und besonders in neuen sprachlichen Umgebungen. Solch neue Umgebungen legen aber neue Verstehensweisen nahe – zum Beispiel andere, vagere, aber auch eindeutigere Bezüge. Das Problem verschärft sich, wenn ein Quote sprachliche Einheiten wie „Risiken“ oder „die Situation“ enthält, deren Bedeutung stark unterbestimmt ist, also von der sprachlichen Umgebung und dem kommunikativen Umfeld abhängt.
In der untersuchten Quellentextkette haben Rekontextualisierungen verwischt, wer die Quelle einer Äußerung ist (B|3.1.5|_2); auf welche Frage sich die Äußerung als Ganzes bezog (B|3.1.1|_2); worauf sich die Kernbegriffe ursprünglich beziehen ließen (B|3.1.2|_1); was sonst noch gesagt wurde (B|3.1.5|_1); was nicht gesagt wurde (B|3.1.3|_1) und was ausdrücklich nicht mitgemeint war (B|3.1.4|_2). Weiter ist auffällig, dass sich die stark verzerrende Verdichtung „we are ready to do that“ (B|3.1.3|_1) in der intertextuellen Kette der AP-Texte fortgepflanzt hat, in Ausschnitten anderer Ketten aber nicht vorkommt (B|3.1.5).
Für solche Nachweise reicht der Vergleich von Textversionen, von fertigen Texten. Keinen Aufschluss gibt die Versionenanalyse hingegen darüber, ob die Journalisten beim Rekontextualisieren oder anderen Praktiken der Textproduktion bewusst gehandelt haben oder nicht; ob die Praktiken typisch sind für bestimmte Medien mit bestimmten Zielpublika oder nicht; ob in den Redaktionen die Praxis und die damit verbundenen Probleme diskutiert und ausgehandelt werden oder nicht. Dafür sind weitere methodische Zugriffe nötig.
| B|3.2 | Kognitive Praktiken untersuchen mit der Progressionsanalyse |
Versteht Linguistik die Sprache als Schnittstelle kognitiver und sozialer Tätigkeit (B|2.1.2), untersucht sie den Zusammenhang von Sprachgebrauch und kognitiver Tätigkeit mit. Eine produktionsgerichtete Medienlinguistik, die nach dem sprachlich Besonderen und praktisch Relevanten in ihrem Anwendungsfeld fragt (B|1.1.4), stellt aus diesem Blickwinkel scharf auf die sprachbezogenen Entscheidungen im Arbeitsfluss: Was tun die einzelnen Journalisten genau, wenn sie im Takt der Medienproduktion Beiträge auf Maß herstellen, und warum tun sie es so? – Das erfasst die Progressionsanalyse.
Die Progressionsanalyse ist ein Mehrmethodenansatz, mit dem Daten auf drei Stufen gewonnen und aufeinander bezogen werden: Vor dem Schreiben wird mit Interviews und teilnehmender Beobachtung die Arbeitssituation nachgezeichnet, während des Schreibens mit computergestützter Beobachtung die Schreibbewegung vermessen, nach dem Schreiben mit datengestützten retrospektiven Verbalprotokollen das Repertoire der Schreibstrategien erschlossen (_1).
Progressionsanalyse: linguistisches Verfahren zur Datengewinnung und -analyse, das Textproduktionsprozesse direkt als kognitiv verankerte Tätigkeit und indirekt als sozial verankerte Tätigkeit erfasst.
| _1 | ■ Hodge, 1979 und Pitts, 1982 arbeiten mit Kernelementen der späteren P.: Sie lassen Journalisten ihr eigenes Schreibhandeln protokollieren und suchen in den Protokollen nach Grundmustern. ■ Perrin, 2003a oder Sleurs, et al., 2003 diskutieren ähnliche Umsetzungen der P. detailliert. ■ Van Hout & Jacobs, 2008 nutzen die P. zur Analyse von Wirtschaftsjournalismus; ■ Ehrensberger-Dow & Perrin, 2008 und Ehrensberger-Dow & Perrin, 2013 analysieren mittels P. Übersetzungsprozesse; ■ Rodriguez & Severinson-Eklundh, 2006 die Zusammenarbeit beim Herstellen von Textdokumenten; ■ Weder, 2010 Probleme der Rechtschreibung im Schreibprozess. |
Wie man die Progressionsanalyse anwenden kann, zeigt der Fall WAHLKAMPF: Ein Rundfunkjournalist löst Ausschnitte aus einer Wahlkampf-Rede und baut sie in einen neuen Beitrag ein. Dabei unterwirft er sie seinen Produktionsbedingungen und seiner Kommunikationsabsicht: Er will das „Floskelhafte, Provinzielle“ des Wahlkampfs zeigen.
An diesem Beispiel führen die nächsten Seiten die drei Stufen der Progressionsanalyse vor: Arbeitssituation (B|3.2.1), Schreibbewegung (B|3.2.2), Schreibstrategien (B|3.2.3 und 3.2.4). Die Daten dieser drei Ebenen ergänzen sich zum Gesamtbild (B|3.2.5).
| B|3.2.1 | Die Arbeitssituation erfassen |
Vor dem Schreiben hält die Progressionsanalyse mit Interview und Beobachtung fest, in welcher Situation jemand schreibt und auf welche Erfahrung sie oder er dabei baut. Wichtig sind etwa die Schreibaufgabe, die Berufssozialisation oder ökonomische und technologische Einflüsse am Arbeitsplatz. All diese Faktoren sind einerseits Teil einer realen Welt, andererseits Teil der Vorstellung, die sich der Autor von der Welt macht und die sein Handeln motiviert. – Für die Fallstudie WAHLKAMPF lautet ein Ausschnitt aus der Situationsanalyse (_1):
ECHO DER ZEIT ist die abendliche Hintergrundsendung zu den Nachrichten des Schweizer Radios DRS. Die Redaktion versteht sich laut Redakteur JS als „Bollwerk“ gegen die Tendenz zum Unterhaltungsjournalismus: Man wolle die Stärken des Mediums Radio nutzen, schnell über Neues informieren, Zusammenhänge verständlich aufzeigen, Meinungen kompetenter Persönlichkeiten vermitteln – und dabei die Vielfalt der Präsentationsformen auskosten und mit der Sprache bewusst umgehen. JS, *1955, arbeitet als Auslandredakteur und Produzent bei Echo der Zeit. In der Fallstudie schreibt JS ein Feature zum Thema Wahlkampf in Österreich. Acht Minuten soll der Beitrag umfassen, davon gehen drei Minuten an Originalton-Sequenzen („O-Töne“), die JS an Schauplätzen in Österreich aufgezeichnet und bereits geschnitten hat. Diese „O-Töne“ mit Aussagen der Quellen stecken den Textaufbau schon ab. Am Vortag der Ausstrahlung „macht“ JS zwischen 14:00 und 16:30 Uhr den Beitrag. Er tippt zuerst die Stichwörter zu acht „O-Tönen“ ins Textfenster; seinen eigenen Text schiebt er als Moderation dazwischen. Dabei stützt er sich auf seine Eindrücke und auf Informationen aus mitgebrachten Zeitungen. Zwischendurch plaudert er mit Kollegen. Ausgestrahlt wird der Beitrag im Echo der Zeit vom 19. März 1998 in der Rubrik Echo Dossier. Er dauert mit der Anmoderation 9 Minuten 11 Sekunden.
| _1 | Fall WAHLKAMPF, Situationsanalyse. Quelle: sr_echo_980319_1800_wahlkampf_rahmen |
| B|3.2.2 | Die Schreibbewegung vermessen |
Während des Schreibens zeichnet die Progressionsanalyse jeden Arbeitsschritt auf, den jemand am Computer vollzieht. Dazu läuft hinter dem Textprogramm ein Aufzeichnungsprogramm. Das wissen die Schreibenden; anzunehmen ist, dass dieses Wissen sie am Anfang stärker irritiert, mit der Zeit weniger. Technisch bleibt der Aufzeichnungsprozess unsichtbar bis zur Auswertung.
Diese Auswertung geschieht zum Beispiel in S-Notation: Überall dort, wo jemand seinen Schreibfluss unterbricht, um etwas zu löschen oder einzufügen, setzt die S-Notation das Break-Zeichen | in den Text. Gelöschte Stellen, Deletionen, stehen in [eckigen Klammern]; nachträgliche Einfügungen, Insertionen, stehen in {geschweiften Klammern}. Insertionen und Deletionen bilden zusammen die Revisionen (_1). Die Zahlen unten an den Break-Zeichen und oben an den Klammern zeigen die Reihenfolge der Schritte, der Revisionen an (_2):
Revision: Schritt im Schreibprozess, bei dem eine sprachliche Einheit eingefügt oder gelöscht wird.
| _1 | ■ Severinson-Eklundh & Kollberg, 1996 entwickeln die „S-Notation“ zum Festhalten von Revisionen. ■ Lindgren & Sullivan, 2006 fassen die Schreibforschung zur R. zusammen. ■ J. Jones, 2008 untersucht R. in der Entstehungsgeschichte von Wikipedia-Beiträgen. |
Bürgermeister-Rede-Ton während 8“ aufziehen 3{, dann drunterhalten}3 |4
Es gehe 1{um die Zukunft2[hat|2]2, 5[hat der Bürgermeister ge]5 |68[meint]8 |9}1 |3 6{9[e]9 |1010{sagte}10 |11 der 7[brüger|7]7Bürgermeister}6 |8 4{,und11{ meinte den Semmeringtunnel, die Sozialpolitik22[und]22 |23 23{,}23 |24 die EU-Osterweiterung 24{ und andere Wahlkampf-Themen}24 |25.
Bd A) o-ton 2: Höger 08“
Bd A) o-ton 3: Höger 13“
Bd A) o-ton 4: Pröll 27“
| _2 | Fall WAHLKAMPF, Revisionen in S-Notation. Quelle: sr_echo_980319_1800_wahlkampf_1_snot |
Erkennbar wird hier, dass JS zuerst eine Liste von Originaltönen notiert hat und nun den ersten („Bürgermeister-Rede-Ton“) und den zweiten („BD A o-ton 2“) mit einer Überleitung verbindet, wobei er die Regieanweisung zum ersten Originalton mit „dann drunterhalten“ ergänzt (Revision 3). Ähnlich wird er anschließend die weiteren Originaltöne mit Übergängen verbinden.
| B|3.2.3 | Ein Verbalprotokoll erstellen |
Nach dem Schreiben erschließt die Progressionsanalyse die Repertoires individueller Schreibstrategien: Ist der Schreibprozess abgeschlossen, können sich die Autorinnen und Autoren in Echtzeit oder im Zeitraffer anschauen, wie der Text am Bildschirm entstanden ist. Dabei sagen sie laufend, was sie beim Schreiben getan haben und warum sie es getan haben. Ein Tonaufnahmegerät zeichnet diese datengestützten retrospektiven Verbalprotokolle auf. – So kommentiert JS den Originalton des Redners (_1):
Und da geht es auch noch darum, dass das noch so ein schöner Ton ist, du weißt, so unterhaltsam, wenn der da so etwas radebrechend die Leute dazu aufruft, SP zu wählen, weil es geht um die Zukunft. Das ist all das Floskelhafte, Provinzielle. Das finde ich noch so schön, wenn man das so zeigen kann. Also es ist wirklich halt etwas Länder-Reisen-Völker. Also so nach draußen schauen, ohne dass es jetzt gerade, ja, so knallharte Information sein muss, sondern auch etwas unterhalten.
| _1 | Fall WAHLKAMPF, Protokoll zu Revision 53. Quelle: sr_echo_980319_1800_wahlkampf_1 |
JS’ retrospektives Verbalprotokoll ist natürlich nicht zu lesen als eine originalgetreue Wiedergabe der Überlegungen, die der Autor während des Schreibprozesses tatsächlich so angestellt hat. Vielmehr bringt JS, angeregt durch die Beobachtung seines eigenen Schreibens, einzelne der Überlegungen zur Sprache, die er in vergleichbaren Situationen anstellen könnte: Überlegungen, die in seinem Wissen zur Sprache, zum Sprachgebrauch und besonders zur Textproduktion gründen. Sie heißen hier Schreibstrategien.
Dabei sind Verzerrungen möglich. JS könnte zum Beispiel nur Dinge sagen, die er für erwünscht hält – also von Strategien sprechen, mit denen er die Forschenden beeindrucken will. Bei der Datenaufzeichnung und -auswertung sind solche Verzerrungen stets mit zu bedenken und wenn möglich zu verhindern. Auch wichtig ist aber, dass kein heute greifbares Verfahren ein direktes Fenster in den Kopf öffnet; Strategien, Überlegungen, Denkmuster können stets nur indirekt erschlossen werden.
| B|3.2.4 | Die Schreibstrategien erschließen |
Unter Schreibstrategie (C|1.2.2|_3) verstehe ich die verfestigte, bewusste und damit benennbare Vorstellung davon, wie Entscheidungen beim Schreiben zu fällen sind, damit eine Schreibaufgabe optimal gelöst werden kann – damit also der Schreibprozess und das Textprodukt mit höherer Wahrscheinlichkeit eine zielgemäße Gestalt annehmen und eine zielgemäße Funktion erfüllen. – Mit Blick auf die noch unverbundene Liste der Originaltöne (B|3.2.2|_2) etwa sagt JS (_1):
Ja gut, das hat natürlich etwas damit zu tun, dass man diese O-Töne ja so geschnitten hat, dass es einen Sinn- oder, hoffentlich einen Sinn gibt. So kann man es dann aneinanderreihen. […] Also, das Konzept entsteht eigentlich beim Schneiden der O-Töne. Respektive, eigentlich schon beim Aufnehmen, also beim Fragen hast du ja schon das Konzept, weil du hast das Thema, das du ausführen möchtest. Dann fragst du auch etwas in diese Richtung.
| _1 | Fall WAHLKAMPF, Protokoll vor Revision 1. Quelle: sr_echo_980319_1800_wahlkampf_1 |
In diesen beiden Äußerungsfolgen (B|3.2.3|_1 und B|3.2.4|_1) zeigen sich Strategien: mit dem Informationsbeitrag auch unterhalten; dazu die Rede eines „radebrechend[en]“ Politikers als Originalton einbauen, also rekontextualisieren, weil „das so ein schöner Ton ist“ und weil sie „das Floskelhafte, Provinzielle“ zeigt (B|3.2.3|_1); vor dem Schreiben die Originaltöne „aneinanderreihen“ und das Konzept des Beitrags „beim Schneiden der O-Töne“ entwickeln, wenn es nicht schon vor den Interviews feststeht (B|3.2.4|_1).
| B|3.2.5 | Die Leistung der Progressionsanalyse: Fokus auf Schreibprozesse |
Die Progressionsanalyse des Falls WAHLKAMPF ergibt also: Die Rekontextualisierungen erfüllen primär produktionstechnische und dramaturgische Funktionen; der Journalist steckt mit Originaltönen sowohl den Produktionsprozess als auch das Textprodukt ab. Zuerst bestimmt er die Abfolge der „O-Töne“ (B|3.2.4|_1), dann schreibt er seine Teile als Brücken von „O-Ton“ zu „O-Ton“ (B|3.2.2|_2). Dabei rekontextualisiert er die Originaltöne vorwiegend nach seiner eigenen Gestaltungsabsicht – die von der vermutbaren Handlungsabsicht des Sprechers im Originalkontext stark abweichen kann, wie das Beispiel der Wahlkampf-Rede zeigt (B|3.2.3|_1).
Was leistet die Progressionsanalyse, was nicht? – Sie erfasst einzelne Fälle genau und vielschichtig, und sie kann Widersprüche und Parallelen feststellen zwischen dem, was ein Autor vor dem Schreiben über sein Schreiben sagt, was er beim Schreiben tut und was er danach zu Protokoll gibt. Als Mehrmethodenansatz verbindet die Progressionsanalyse also drei unterschiedliche, sich ergänzende Blickwinkel und ermöglicht so eine plastische Vorstellung vom Gegenstand. Sie bleibt aber im Kern auf die einzelnen Schreibenden ausgerichtet, auf das Schreiben als kognitiven und materialen Prozess.
Die Erkenntnis über Wechselwirkungen zwischen der Organisation oder einer anderen Gemeinschaft und den kommunizierenden einzelnen Akteuren bleibt an die Schilderungen der untersuchten Akteure und an die teilnehmende und computergestützte Beobachtung an deren Arbeitsplatz gebunden. Das Verfahren ist aufwendig, schon im Einzelfall. Soll erforscht werden, wie ganze Gemeinschaften wie etwa Redaktionen ihre Texte in Zusammenarbeit produzieren, muss die Progressionsanalyse mit weiteren Methoden verbunden werden.
| B|3.3 | Soziale Praktiken untersuchen mit der Variationsanalyse |
Versteht Linguistik die Sprache als Schnittstelle kognitiver und sozialer Tätigkeit (B|2.1.2), untersucht sie auch die soziale Tätigkeit mit. Eine produktionsgerichtete Medienlinguistik, die nach dem sprachlich Besonderen und praktisch Relevanten in ihrem Anwendungsfeld fragt (B|1.1.4), stellt aus diesem Blickwinkel zum Beispiel scharf auf den Zielgruppenzuschnitt: Welche sprachlichen Mittel, zum Beispiel welchen Grad der Formalität, wählt eine Redaktion bei welchen Adressaten? – Das erfasst die Variationsanalyse.
Die Variationsanalyse fragt nach Art und Häufigkeit der typischen Merkmale von Äußerungen bestimmter Gruppen von Sprachbenutzern in bestimmten Kommunikationssituationen. Erkennbar wird das Besondere, das diese Sprache unterscheidet von den Sprachen der gleichen Gruppe in anderen Situationen oder von den Sprachen anderer Gruppen (_1).
Variationsanalyse: linguistisches Verfahren zur Datengewinnung und -analyse, welches die besonderen Merkmale der Sprache einer bestimmten Gemeinschaft zeigt.
| _1 | ■ Werlen, 2000a und Werlen, 2000b untersuchen sprachliche Unterschiede der Textsorten Nachricht und Wetterbericht in zwei Programmen eines öffentlichen Radios. ■ Wawra, 2005 vergleicht die Sprache der Print- und Onlineversion von USA TODAY in der Berichterstattung zum Irakkrieg. ■ Als einen Spezialfall der V. lässt sich die Kritische Diskursanalyse (CDA) verstehen. Sie sucht in Mediensprache nach Spuren machtwirksamer Ideologien – etwa nach verdeckten Wertungen oder Stereotypen (D|3|?a). ■ Fairclough, 1995, Richardson, 2007 und Machin & Van Leeuwen, 2007 führen in die CDA von Medienbeiträgen ein. ■ Choi, 2002, Koller, 2005 oder Dirks, 2010 legen beispielhafte CDA vor. |
Wie man die Variationsanalyse anwenden kann, zeigt der Fall FLUGHAFEN: Quotes zur Eröffnung eines neuen Flughafenterminals werden eingebaut in einen Beitrag für 10 VOR 10. Dieses Nachrichtenmagazin will, als Kontrapunkt zur TAGESSCHAU des gleichen Senders, „Zusatzrecherchen“ und „überraschende Einfälle“ bieten (B|3.3|?a). Dazu nutzt der Beitrag, neben anderen Praktiken, auch die Rekontextualisierung.
Die nächsten Seiten skizzieren den Anfang einer Variationsanalyse; untersucht wird nur die Rekontextualisierung, und nur an fünf Stellen des Flughafen-Beitrags: der Anmoderation (B|3.3.1), dem Einstieg (B|3.3.2), einem journalistisch erzählten Teil (B|3.3.3), dem Auftritt eines Textakteurs (B|3.3.4 und 3.3.5). Dabei zeigt sich: In all diesen Ausschnitten sind Äußerungen von Quellen im gleichen Sinn umgedeutet worden (B|3.3.6).
| B|3.3|?a | Streiflicht SELBSTANSPRUCH: Was Redaktionen wollen |
Die Redaktionen des Schweizer Fernsehens (SF) beschreiben ihre Ansprüche an die eigenen Sendungen in „Sendungsporträts“. Hier die Porträts der TAGESSCHAU (_1) und der Sendung 10 vor 10 (_2), der beiden wichtigsten Nachrichtengefäße im Programm des SF. Die Tagesschau wird seit 1953 ausgestrahlt, täglich in mehreren Ausgaben; 10 vor 10 seit 1990, von Montag bis Freitag, jeweils um 21:50 Uhr.
▶ Vergleichen Sie die folgenden Auszüge der Sendungsporträts und ▶ beschreiben Sie, was zur Sprache kommt, ▶ wo sich die Porträts unterscheiden ▶ und welche Unterschiede im Programm Sie aufgrund der benannten Selbstansprüche der Redaktionen erwarten. Sehen Sie sich dann alle Ausschnitte aus der TAGESSCHAU und aus 10 VOR 10 an. >> www.medienlinguistik.net ▶ Halten Sie fest, welche Ausschnitte mit welchen Merkmalen Ihre Erwartung bestätigen oder ihr widersprechen.
Genre
Informationssendung (Nachrichten) […]
Ziele, Anspruch, konkreter Zuschauernutzen
Aktuelle Information für möglichst viele Zuschauerinnen und Zuschauer Inhalte der Sendung
Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport aus dem In- und Ausland […]
| _1 | Aus dem Sendungsporträt der TAGESSCHAU. Quelle: Schweizer Fernsehen, 2005 |
Genre
Informationsmagazin […]
Ziele, Anspruch, Philosophie, konkreter Zuschauernutzen
10 vor 10 berichtet über die wichtigsten Themen des Tages und deren Hintergründe, profiliert sich mit Hintergrundreportagen, leistet Zusatzrecherchen und präsentiert überraschende Einfälle – 10 vor 10 ist in der öffentlichen Debatte ein Referenzpunkt.
Inhalte der Sendung
Berichte, Recherchen, Reportagen, Porträts und Live-Gespräche zur latenten Aktualität in den Bereichen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Sport und Gesellschaft im In- und Ausland
| _2 | Aus dem Sendungsporträt von 10 VOR 10. Quelle: Schweizer Fernsehen, 2005 |
| B|3.3.1 | Die Anmoderation |
„Überraschende Einfälle“ – sie bestimmen bereits die „Philosophie“ des Magazins (B|3.3|?a|_2). Die Anmoderation des Beitrags stellt scharf auf wirtschaftliche Probleme (_1|Zeilen 05–08), verknüpft eine Erhöhung der Passagiergebühren mit dem neuen Dock (09–12), stellt diese Deutung als Tatsache hin, distanziert sich vom Namen (04) und schiebt vor alles die metaphorische Jungfräulichkeit (01–02). Das lässt in der Sache nichts Gutes erwarten:

| _1 | Fall FLUGHAFEN, Anmoderation. Quelle: sf_zvz_030121_2150_flughafen_anfang |
| B|3.3.2 | Der Einstieg |
Und tatsächlich: Der Beitrag selbst beginnt mit dem allumfassenden „man“ (_1|Zeile 15), der sich in den „schlimmsten Vorurteilen bestätigt“ (15–16) sieht. Der kleine Flughafen Zürich „will bei den ganz Großen mitspielen“ (20–22), wo er doch kein Geld hat und jetzt die Passagiergebühren erhöhen muss – „aber halt“ (23), ein Irrtum, das Reportageteam von 10 VOR 10 hat etwas falsch verstanden:

| _1 | Fall FLUGHAFEN, Einstieg. Quelle: sf_zvz_030121_2150_flughafen_anfang |
| B|3.3.3 | Der journalistisch inszenierte Irrweg |
Das Reportageteam führt nun das Publikum erst diesen Irrweg entlang, „Kloten sieht sich auf derselben Stufe wie etwa Bangkok“ (B|3.3.2|_1|Zeilen 20–21), und dreht eine weitere solche Schlaufe, bevor es „endlich“ (34) ins neue Terminal vorstößt – wo dann „die Schöngeister jubeln, die Buchhalter aber verzweifeln“ (38–39):
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.