Kitabı oku: «Soladum - Suche des Sonnenpatrons», sayfa 3

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Keuchend lugte er erneut nach draußen: Eine sich auf- und abschwellende Wolkenfront fauchte finster über die Ebene. Innerhalb weniger Herzschläge war sie zur Ostküste abgezogen und hinterließ stechende Helligkeit, blauen Himmel und die aufdunstende Wüste. ‚Bald wird es wieder heiß’, seufzte Thomas.

Behutsam stampfte er durch den feuchten Sand, bedacht, nicht zu rutschen. Ihn zog es zum Eichenwald, dessen Blätter sich von grün zu rötlich-gelb verfärbten. Hoffentlich war das kein Omen, dachte er im Stillen.

Auf dem Weg zur Jurte blendete ihn plötzlich ein gleißend-braunes Licht. Rasch sprang er zurück.

Da blendete es ihn wieder. Er erkannte einen Gegenstand aus dem Sand ragend: Spitz, alt und leicht verrostet. Neugierig beugte er sich nieder.

Ein Schrei riss Laudanius aus dem Schlaf. Erleichtert seufzte er. ‚Die Schlacht ist vorbei.’ Kalter Schweiß rann seiner Stirn hinab. Noch immer sah er die Frau im prächtig wehenden Schamanengewand, die sich durch eine Menge kreischender Dämonen kämpfte. Wie wunderschön sie doch war.

Beinahe lächelnd hörte er ein neues Brüllen! Er riss sich hoch und blickte durch einen Spalt der Zeltöffnung.

Stirnrunzelnd schritt er auf seinen scheinbar gesunden Adept zu. Dieser versuchte krampfhaft etwas aus dem Boden zu heben. Starr blieb er stehen.

Was Thomas vergeblich versuchte, aus den Sand zu ziehen, war eine Klinge. Laudanius’ Blick verschwamm. In seinen Ohren hörte er wieder das Kampfgebrüll:

„Schickt sie in den Abgrund!“, ruft ihr Anführer zum tobenden Heer. Diese Menschen hatten ihr Land verwelken sehen, Angehörige und Familie verloren und schienen ausgelaugt zu sein. Bis sich ein Mutiger an ihre Spitze gewagt hat.

„Lasse uns das gemeinsam überstehen“, flüstert Laudanius beunruhigt zu der Frau im Schamanengewand.

Diese haucht ihm ein Lächeln ins Ohr. „Und zum Guten wenden.“

Neben dem plötzlichen Aufbrüllen der Krieger, spürt der Schamane einen sanften Kuss auf der Wange.

Dann stürmen die Krieger los, hinaus in das Ödland und dem aneinander gereihten Dämonenheer.

„Was ist das für Schrott?!“, stöhnte Thomas verkrampft auf. Während er kräftiger am Schwert zog, spürte er plötzlich eine Hand auf der Schulter.

„Hör’ auf. Du bekommst das Schwert nicht hoch“, sagte sein Mentor.

Erschrocken fuhr er auf. Dabei klirrte etwas, und starrte auf den Breitschwertknauf in seiner Hand. Daran stak nur die Hälfte der Bronzeklinge. Verblüfft betrachtete er die andere Hälfte, die unberührt im Boden stak. Sein Blick wandte sich zu Laudanius, der ebenfalls auf die Klingenspitze starrte, und geistig weggetreten war.

Die menschlichen Krieger reduzieren sich immer drastischer – trotz der geistigen Stütze der Schamanen. Laudanius’ zerstochene Schulter trieft vor heißem Blut. Er verzweifelt mit jedem Schlag. Seine Gefährtin springt dafür wie ein Reh von einer Bestie zur nächsten, um zu ihm zu gelangen.

Als sie ihn erreicht und seine Wundheilung unterstützen will, hebt Laudanius verneinend die Hand. „Spare deine Geistmächte für Wichtigeres“, und deutet auf das tobende Schlachtfeld, worüber ein riesiger Rabe kreist. „Macha dreht bereits die Runde. Wir müssen den Fluch aussprechen, bevor ihre Vision wahr wird.“

„Ein Fluch“, flüsterte Laudanius vor sich hin.

Thomas hob die Braue. „Wozu ein Fluch?“

Kurz aufgezuckt, blinzelte der Alte ihn an. „Um die Waffen der Tyrannen nicht mehr anzuheben, ohne dass sie zerbersten.“

„Wow“, pfiff Thomas. „Wieso habt ihr sie dann nicht vertreiben können?“

„Sie sind zu stark – auch ohne Schild und Schwert!“, schreit Laudanius die Klippe hinab, wo die Dämonen mit bloßen Fäusten auf die Menschen einschlagen.

Ihn lässt ein schriller Schrei herumwirbeln: Eine vierbeinige Bestie mit Löwenkopf und Skorpionschwanz liegt sabbernd auf seiner Gefährtin. Kaum hat sie die Tatze zum Hieb ausgeholt, brüllt sie die Frau an.

Bevor Laudanius sie erreicht, schlägt der Dämon zu. Er stößt ihn wuchtig weg und tötet ihn mit dem Schwert. Als er aber hinab blickt, sieht er in die matter werdenden Augen der Frau, deren Bauch aufgeschlitzt ist.

Hastig kniet er sich zu ihr und versucht sie mit seinen Hilfsgeistern zu retten. Diese aber meinen: ‚Es ist zu spät.’

Sich der Tatsache bewusst werdend, haucht die Schamanin Laudanius ein letztes Mal an: „Verbanne die Dominantoren in die … Unterwelt – mit allen Mitteln. Versprich es mir.“

Laudanius’ Blicke werden starr. „Ich schwöre es, auf alles, wofür wir gelitten haben. Sie sollen deinen Bruder und dich nicht umsonst bezwungen haben.“

„Diese verfluchte Schlacht“, raunte der Alte plötzlich.

„Welche Schlacht?“, fragte sein Adept.

Laudanius fuhr verwirrt auf, schüttelte den Kopf. „Wie geht es dir?“, und blickte lächelnd auf das Dämonenschwert in Thomas’ Hand. „Na, Kraft hast du ja wieder.“

„Was für eine Schlacht?“, drängte er.

„Hast du schon etwas gegessen?“

Thomas schüttelte den Kopf. „Von welcher Schlacht redest du?“

„Unglaublich. Die Eichenwurzeln müssen das Schwert wieder zutage gefördert haben.“

„Wer hat es denn vergraben? Liegt unter der Wüste ein Schlachtfeld?“ Thomas wurde mulmig bei dem Gedanken, jede Nacht über hunderten Gerippen zu schlafen.

Sein Mentor zerschnitt mit der Hand wild die Luft. „Schluss mit den Fragen! Das ist uninteressant. Du musst dich auf deine Ausbildung konzentrieren. Erhole dich, dann sehen wir weiter.“ Plötzlich stieß er die Klinge aus Thomas’ Hand. „Rühre das Ding nie wieder an!“

Bevor Thomas knurrte, drehte sich der Alte um und trat zurück in sein Zelt. Thomas tat es ihm gleich. ‚Warum verschweigt er soviel?’

Laudanius ließ sich erschöpft an seinem Mittelbaum sinken. Der Schweiß drang ihm heiß aus jeder Pore. „Wie soll ich diesen Schwur erfüllen?“ Er erhob sich und ging auf und ab. „Ich habe den Sonnenpatron nicht gefunden. Und Thomas bringt mich zur Weißglut!“ Wie gehetzt schritt er um den Pfahl und torkelte. Dann stürzte er bäuchlings auf die Decken.

Sehnsüchtig betrachtete er die Holzfiguren neben sich. Sein Blick brannte sich auf eine kleine Wildkatze fest, die in einem anderen, rötlichen Holz schimmerte. „Wie bringe ich dich zurück an meine Seite. Hilf mir, Schamanin meines Lebens. Hilf mir, Alena – meine Frau!“, und fiel zurück in tiefen Schlummer.

„Was willst du?“, fragte Laudanius. Er wollte Thomas mit einer Handbewegung aus seinem Blickfeld scheuchen und im Schneidersitz in Meditation versinken. „Es gibt Augenblicke, wo auch ich meine Ruhe haben will!“

Doch Thomas grinste ihn argwöhnisch an. „Ich muss dir etwas zeigen. Komme mit mir.“

Stöhnend erhob er sich. Sein Adept nahm ihn an die Hand. Laudanius wollte sich losreißen. Ihm fehlte dazu jedoch die Kraft. Auch sein Inneres war zermürbt: Von den Herausforderungen und offenen Aufgaben in seinem langen Leben. Er ertappte sich bei dem Gedanken, mit Thomas zu tauschen und von vorn zu beginnen.

Wie von einer Mutter geführt, traten sie vorsichtig aus dem Zelt. Der Eichenwald war verschwunden! Neben der Traurigkeit irritierte Laudanius, dass nicht einmal die Wüste existierte: Um sie erstreckte sich wehendes Grasland. Wind pfiff ihm in die Ohren. Fast verlor er den Halt. Thomas zog ihn weiter. „Komm. Es bleibt nicht ewig hell.“

Sie marschierten los. Manchmal stolperte er über Grasbüschel. Dennoch war das Gelände flach und windig.

Auch die monotone Idylle nahm kein Ende.

Da zeigte Thomas plötzlich in die Ferne. „Er steht da hinten.“

Laudanius erschrak: Vielleicht hundert Meter vor ihnen ragte urplötzlich ein mächtiger Nadelbaum auf, als stünde er dort seit Jahrhunderten. „Wo kommt der her?“

„Weiter“, drängte sein Adept.

Als sie an den stacheligen, im Wind wankenden Monolith der Einsamkeit traten, runzelte Laudanius die Stirn. An den Ästen der Lärche hingen all seine Schamanenrequisiten, die er in seinem Leben angefertigt und über die Zeiten gerettet hatte: Seine Kostüme – von prächtig bis plump –, seine Trommel mit Schlegel, Kräutersack-Gürtel, Zeremonialstab, Brustspiegel, Tiermasken, die ihn bedrohlich anfunkelten, Ketten und Rasseln, Messer und Schwerter, sowie Kleinigkeiten, wie die Tierfigürchen, die eigentlich in seiner Jurte verweilten.

Ein weiteres Requisit war die kunstvoll bestrebte Leiter, die am Stamm der Lärche hinaufführte. Neben ihm hob Thomas seine Hand zum Ende. Statt Finger sah Laudanius jedoch zwei spitze Hufe!

Er drehte den Kopf zu Thomas’ Gesicht und schrak auf. Neben ihn hielt nicht sein Adept, sondern ein aufrecht stehendes, zottig behaartes Ren seine Hand. Sie blickten sich gegenseitig an, bis Laudanius begriff: Vor ihm stand seine Tiermutter, die gleichzeitig sein Schutzgeist war. Nur selten war er ihr auf zwei Beinen begegnet.

Laudanius amüsierte der Anblick beinahe, deutete die Renmutter nicht erneut zur Lärche. „Sieh und begreife.“

Der alte Schamane blickte zum Ende der Leiter. Auf drei mächtigen, abzweigenden Lärchensträngen wuchs knirschend ein plumpes Gebilde heraus. Es ähnelte einem Kasten, der seine Körperlänge maß. „Ein Sarg?!“, rief Laudanius.

„Und begreife“, wiederholte seine Renmutter.

Laudanius fuhr auf. Das Tageslicht drang nur noch rötlich gedämpft durch den Zeltabzug und beruhigte ihn. Er blickte sich ängstlich um. Erleichtert darüber, dass weder seine Tiermutter, noch jemand anderes im Zelt stand, ließ ihn zurücklehnen. Trotzdem flatterte sein Herz.

Kapitel 5

Überfall

„Bereit?“, rief Thomas Laudanius zu.

Als dieser nickte, schnellte der Junge vor und traf den Alten sanft an der Schulter.

Dieser drehte erst nach langen Herzschlägen seinen Kopf zur Spitze. „Oh“, meinte er. „Ich war kurz woanders.“

Thomas hob amüsiert die Brauen. „Wer ist wohl jetzt der Träumer?“

Der Alte wehrte barsch die Klinge ab. Wieso dachte er immer an diesen Traum? „Hör her“, lenkte er sich ab. „Ich erwarte morgen Abend zwei Schamanen. Der eine kommt durch die Felsspalten des Definio-Gebirges, der andere von der Ozeanküste den Fluss hinauf.“

„Herauf?“, hakte Thomas verwirrt nach. „Er widersetzt sich der Fließkraft?“

Laudanius zerschnitt die Luft quer mit dem Schwert. „Sie bringen mir Material für deine Ausbildung und wollen uns eine Zeit lang unterstützen. Zusammen werden wir ein Ritual praktizieren, das ich lange Zeit vernachlässigt habe …“

„Weiter geht’s“, unterbrach Thomas ihn. Ihm waren die theoretischen Lehrstunden zuwider geworden. Außerdem gefiel ihm, dass er im Kampf besser wurde.

Über den ganzen Tag blieb Laudanius halbherzig bei der Sache. Thomas’ Übermut stieg, und als er den Alten unverhofft zu Boden schlug, wurde dieser fahrig. „Übereifriger Rabauk!“, und eilte fluchend in seine Jurte.

Trotz des Hochgefühls reichte es dem ‚Rabauken’: Die ständige Strenge des Alten, die Vorurteile und Beleidigungen, die gesamte Schamanenausbildung! Sollte bei Thomas’ Geburt sonst etwas schief gelaufen sein.

Mit seiner beinahe täglichen Meditation beruhigte Thomas sich meist. Doch heute wallten die Gedanken rasch wieder auf.

Er sprang auf, nahm das Schwert und wirbelte kräftig mit der Klinge umher. Entkräftet, aber noch zu aufgeregt, knurrte er die geschlossene Truhe mit den Schamanenbüchern neben sich an: „Was will ich hier?!“, und schlug mehrfach gegen das Holz. Der Schmerz in seiner Faust ließ ihn niedersinken. Seine Schläfen pochten.

Als würde ihn ein Kinnhaken treffen, fiel er plötzlich längs zu Boden – und erwachte neben dem Teich, wie er zur Ankunft in Soladum aussah: Mit drei wankenden Palmen darum, und den zwei Kröten! Sie sprangen auf dem Wasser umher, als wäre es fest wie Eis. Statt zu quaken, flüsterten sie düster und fahrig zugleich: „Du hast uns versprochen, Schamane zu werden.“ „Halte es.“ „Oder du wirst unsere Rache spüren.“ „Hältst du es nun?“

Thomas’ Stimmbänder begannen zu vibrieren, als würden sie platzen. „Niemals! Ihr habt mein Leben zerstört. Verschwindet!“, und wollte die Kröten in den Teich treten. Diese sprangen dafür in sein Gesicht und an den Bauch. „Du bist ein Schamane, ob du willst oder nicht!“ Seine Atemwege schnürten sich zu, er schmeckte Galle und Schleim. „Wir werden es dich lehren!“ Zudem verkrampfte sich sein Magen. Alle Eingeweide prickelten und stachen plötzlich … bis die Schmerzen ihn hochfahren ließen.

Zurück im Zelt presste Thomas die Hände auf den Bauch. Der Schmerz malträtierte ihn noch immer, ebenso real und intensiv wie im Traum. Er wollte schreien, aber sein Hals drückte. Die Luft wich kaum heraus, noch hinein.

So schnell wie er schnauben konnte, rannte er hektisch zur Wasserschüssel neben dem Teppich. Als er auf die spiegelnde Oberfläche sah, erschrak er: Sein Hals war um das Doppelte angeschwollen. Träumte er noch, oder reichte das Martyrium in die Realität?!

Bevor er hechelnd in Panik verfallen konnte, trank er einen Schluck. Das Wasser glitt drückend seine Kehle hinab und löste die Verschnürung etwas. Rann es jedoch in den Magen, begann es zu stechen.

Mit vorgehaltenen Händen sprang er zur Zeltöffnung. Er hielt inne, bevor er hinaus stürmte. Denn der Alte würde nur seine Geister auf ihn hetzen.

Tief durchatmend setzte er sich verschränkt hin, ignorierte den Schmerz und zählte von Hundert rückwärts. Bei der Hälfte zerdrückte die Spannung seine Bronchien, dass er zusammenbrach.

„Du wirst uns erliegen“, quakte eine Kröte. Die andere fügte bedächtig hinzu: „Früher, oder später.“

Mit einem Schal um den Hals, beging Thomas den neuen Tag. „Ich glaube, dass ich was ausbrüte“, gab er den Blicken Laudanius’ zu verstehen.

So gut es der zuschnürende Druck in Hals und Magen zuließ, versuchte er der Theorie des Alten zu folgen und zu begreifen. Es schien ihm Ablenkung genug zu sein, um bis zur Abenddämmerung wieder frei atmen zu können. Sein Bauch drückte weiter.

Am frühen Abend saßen die beiden nebeneinander und warteten. So vergingen viele Stunden. Die Sterne blinkten bereits in der anziehenden Kälte. Auch die drei Monde verstärkten den Frost des Wüstenabends. Ungeduld breitete sich auf den beiden Männergesichtern aus. Sie saßen da wie Götzen, die darauf warteten, zu versteinern.

Plötzlich blinkte etwas neben der untergehenden Sonne auf.

„Das Signal“, rief Laudanius. Es kam aus den unteren Graten der Berge. „Cheviots Spiegel“, und sagte Thomas, bevor er sich erhob und in die Wüste eilte. „Warte hier. Achte auf den Fluss.“

Stöhnend drehte Thomas sich in Richtung des Ozeans. ‚Du willst bloß nicht, dass ich den Ausgang der Wüste entdecke.’ Trotz des Grams war er auch froh. Was wollte er in einer unbekannten Welt, die von drei Wahnsinnigen regiert wird? Er war noch nicht bereit für diese Reise – oder?

Der Warterei müde praktizierte er seine Gymnastik. Mitten in den Übungen jedoch wurde das Rauschen des Flusses verstärkt. Kaum sah er auf, erspähte er keine hundert Fuß stromabwärts ein Floß, das ‚gegen’ die Strömung steuerte!

Auflachend stürmte er darauf zu. Er erreichte das Ufer und staunte erneut. Die Gestalt darauf – von Kopf bis Fuß in schwarze Leinen gehüllt – saß wie auf einem fliegenden Teppich, ohne zu paddeln. Neben und hinter ihm stapelten sich angetaute Kisten, mit einer gespannten Lederplane darüber, die sich im Wind wellte.

Die schwarze Gestalt sprang vom Floß, pflockte einen Stab in den Sand und taute das Floß fest. Nach einigen Knoten wandte sich die Gestalt zu Thomas und rief mit rauer, aber schneller Stimme: „Hilf mir, das Floß an Land zu ziehen.“

Nach einigen knirschenden Zügen ruhte das Gefährt durchnässt im Sand. Endlich enthüllte der Fremdling seinen Kopf, um sich den Schweiß von der schwarz-braunen Stirn zu wischen.

Thomas glaubte zu träumen: Genauso hatte er sich als Kind die Szenen zu ‚Tausend und Einer Nacht’ herbeigewünscht. Heute stand solch eine Gestalt vor ihm: Ein muskulös wirkender Afrikaner mit stählernem Gesicht, einer breiten Nase und etliche goldene Ohrringe, sowie einen schwarz geflochtenen Zopf. Zugleich strahlten seine braunen Augen etwas Offenes aus. Vor allem, als er Thomas anlächelte und die Hand aufs Herz legte. „Sei mir gegrüßt, Adept von Laudanius. Ich hoffe, du bist frohen Mutes“, und reichte ihm die Hand. „Ich bin Achim, Schamane eines Nomadenvolkes, das zurzeit am Fjord Salmus verweilt.“

„Thomas Ortwig“, entgegnete dieser und reichte ebenfalls die Hand. Kaum berührten Sie einander, durchdrang eine fremde Wärme Thomas’ Herz. „War die Reise zu uns angenehm?“ Was interessierte ihn das plötzlich?

Aufatmend blickte Achim zum Ozean. „Zurzeit ist stürmische See da draußen. Aber meine Geister beschützen mich sehr gut.“ Bevor Thomas bei dem Geist-Wort fröstelte, fragte Achim. „Ist Laudanius nicht da?“ Plötzlich klarte sein Blick auf, als er zum Gebirge sah. „Ah, da kommt der große Meister – zusammen mit Cheviot. Komm’, lasse uns zu ihnen gehen.“

Gesagt, getan, wurde Cheviot – ein ebenso alter Greis wie Laudanius – vorgestellt; mit einem zerrissenen Ohr, einem halb vernarbten, kahlen Scheitel und stark verbrannter Gesichtshaut. Er war das Gegenstück zum strahlenden Achim. Cheviot wirkte auf Thomas noch unsympathischer, als er grimmig murrte: „Der Kleine soll Soladum retten? Viel Spaß, Meister.“ Insgeheim gab ihm Thomas Recht. Der Kerl schien hellzusehen.

Nachdem die Neuankömmlinge ihre Zelte neben das von Laudanius errichteten, sammelten sich die Schamanen um ein knisterndes, Funken wehendes Feuer.

Als Thomas zu ihnen stieß, schrak er zusammen: Drei knorpelige Holzstäbe staken – rot beleuchtet – neben den Schamanen. Darauf kauerten daumengroße, unmaterielle Schemen – mit Gesichtern von Eulen, Hirschen, Ziegen, Wildschweinen und anderer Geister. Sie starrten ihn an, und er fühlte sich von den Blicken der Lichtgestalten erstochen. ‚Hilfsgeister!’ Als dass sie ihm nicht bereits im Traum auflauerten, sah er sie direkt vor sich.

„Komm’, setze dich zu mir“, empfahl Achim ihm. Seine Stimme verjagte Thomas’ Unbehagen.

Kaum hat er sich zu ihnen gesellt, reichte Cheviot eine qualmende Pfeife herum, von der jeder einen Zug nahm. Nach dem bitteren Geschmack meinte Achim: „Jetzt kommt erstmal mein Präsent“, und hob eine verkorkte Holzflasche mit vier Bechern. „Wir wollen doch ins Gespräch kommen und nicht vor uns hin gucken.“

Rasch war der Wein verteilt und schimmerte durchsichtig in jedem Becher. Kaum hat er genippt, begann Thomas’ Magenschmerz zu schwinden. Vom feurigen Geschmack verblüfft, interessierten ihn nicht einmal mehr die flackernden Geister neben ihn.

„Also gut“, unterbrach Laudanius den Genuss. „Danke, dass ihr gekommen seid. Ohne eure mitgebrachten Mittel, stünden Thomas und ich jetzt planlos da.“

Cheviot zog ein Lid hoch. „Vergeudet nicht alles für heiße Luft. Ich habe lang gesucht, bis ich alles zusammen hatte.“

„Dafür zolle ich euch auch meinen Respekt.“

„Ist doch selbstverständlich“, meinte Achim.

„Ach ja?“, erwiderte Cheviot. „Die Ausbildung des Bengels soll die Zukunft unseres geschundenen Volkes bestimmen. Da darf nichts vergeudet werden oder schief laufen. Die Tyrannei muss ein Ende nehmen!“

„Bräuchte mein Stamm mich nicht ständig“, seufzte Achim, „würde ich Thomas auf seiner Suche begleiten.“

Cheviot lachte auf und schielte zu Thomas’ Mentor. „Wie ich Laudanius kenne, schaffen die das schon. Wir beide kennen uns lang genug, um zu wissen, wer der Stärkere ist.“

„Übertreibe nicht.“

Auch Achim stimmte ein: „Doch, doch. Zu Soladums Blütezeit nannte man dich nicht umsonst ‚Begehrtester Schamane, neben dem Sonnenpatron’. Weißt du noch, wie dich manche mit ihm gleichgesetzt und verwechselt hatten?“

Thomas wurde stutzig. „Darf ich fragen, wie alt ihr seid?“

„Zweihundertdreißig“, sagte Achim.

Cheviot: „Etwas über Dreihundert.“ Bevor Thomas keuchen konnte, drehte Cheviot sich Laudanius zu: „Allein dein Ehrgeiz hat mich und andere zum Schamanismus bekannt: Vom armen Bauernsohn, der nach Höherem gestrebt hat, als sich auf dem ertraglosen Feld abzumühen. Damals gab es wenigstens noch in jedem Dorf einen Stammes-Schamanen, bei dem du lerntest.“

„Was heute kaum mehr möglich ist“, seufzte Achim.

„Ja, ja“, schnaubte Laudanius gereizt. „Gelernt, zu oft gebraucht, zu viel umhergezogen.“

„Und allerhand erlebt“, hob Cheviot mit dem Finger hervor. „Die Strapazen haben sich gelohnt – nicht? Erst Sonnenpatrons-Vasall, dann sogar Schwager ...“

„Schluss!“, schnitt Laudanius mit einem Handwisch das Wort ab. „Wir sind nicht zum Schwärmen hier, sondern einer Aufgabe Willen“, und sah zu Thomas. „Seiner Aufgabe. Morgen will ich eine ‚Voraussicht’ praktizieren, da ihr hier seid. Ich muss wissen, was die drei Dominantoren zukünftig vorhaben. Das wird Thomas von Nutzen sein. Material haben wir ja nun.“

„Morgen ist morgen“, meinte der gähnende Achim, verschränkte die Arme hinterm Kopf und streckte die Beine. „Hier stört uns keiner. Ich habe die Anspannung der letzten Jahre satt. Lasst uns musizieren … tanzen … singen!“

„Oder etwas spielen“, stimmte Thomas mitgerissen ein.

„Was hast du anzubieten, als Kinderkram?“, fragte Cheviot bissig.

„Kennt ihr Pasch?“

Die beiden Ältesten blickten sich verdutzt an. Dafür rief Achim: „Die Wette gilt“, kramte drei Würfel aus einem Gürtelsäckchen und warf sie in den leeren Weinbecher. „Gut, dass ich gern im Traum durch eure Welt schleiche. Da entdeckt man einiges“, und schüttelte.

Nachdem sie den Älteren nebenbei das Spiel und die Einsätze erklärten, wurde der Abend recht lustig; schon da Laudanius – nach Achims Aufforderung – einen wackeligen Handstand auf dessen Zeremonialstab hinlegte. Selbst die verdrängten Schutzgeister schienen zu lächeln.

Thomas spürte, wie sich die alte Sehnsucht stillte. Doch er wusste: Der Abend währte. Der kommende Tag würde ernst genug beginnen.

„Stehe auf, Junge.“

Thomas erschrak beim Anblick von Cheviots Narbengesicht. Prompt war er wach. „Was ist los?“

„Langschläfer sind keine gewissenhaften Schamanen. Merke dir das.“ Er wandte sich wieder zum Zeltausgang. „Wir erwarten dich zum Zenit vor Laudanius Jurte. Sei pünktlich. Es gibt allerhand vorzubereiten.“

Cheviot trat bereits hinaus. Thomas war die Lust am Aufstehen vergangen. Er wälzte sich noch dutzende Male hin und her. Einschlafen konnte er nicht mehr. Seine innere Unruhe zwang ihn auf.

Etwas verspätet erschien er vor der Jurte. Zu seiner Verblüffung saßen die Schamanen noch im Kreis und aßen Suppe, die über dem Feuer köchelte. Cheviot schüttelte schlürfend den Kopf.

Zwischen Achim und dem grimmigen Laudanius (der eine Bemerkung unterdrückte) setzte er sich und schöpfte einen Becher voll. Kaum hat er gekostet, hüpften seine Geschmacksnerven. „Hühnerbrühe?“ Er hatte die Deftigkeit des Fleisches bereits vergessen. Welch Genuss.

„Etwas ähnliches“, antwortete Achim. „Ein Präsent von den ‚Vado-Seen’. Eher etwas Fischiges.“

„Sage doch gleich“, paukte Cheviot heraus, „ein Wasserdämon.“

Kurz verging Thomas der Appetit. Dafür nahm er sich danach sogar eine zweite Schale. Wie lang hat er das wenige Brot und Grün gegessen, was hier wuchs?

Vom Mahl gestärkt, begannen die Vier Laudanius’ Zelt auszuräuchern. Jeder Winkel roch schließlich leicht bitter nach Margarite. Die kamillenähnlichen, großen Blüten wurden auf dem ganzen Boden verteilt. Einige Kerzen flackerten am Weltenbaum. Vier volle Wasserschalen standen darum.

„Vor der Voraussicht“, sagte Laudanius, „muss ich Thomas einiges erläutern. Wartet bitte draußen auf uns.“ Er zog seinen Schützling beiseite, während die beiden das Zelt verließen.

Bevor Thomas schnauben konnte, hob er eine Braue. Laudanius’ Gesichtszüge wurden schlaff. Er fuhr sich zitternd über das Gesicht, schloss kurz die Augen und öffnete sie nur halb. „So stark ich es versuche, zu verdrängen, fällt mir jeder Tag schwerer.“

Das wunderte Thomas nicht. Der Mann wird auch einmal alt.

„Meine Zeit kommt. Ein Traum hat es mir prophezeit. Darum habe ich Achim aufgetragen, dass er deine Ausbildung bei seinem Stamm weiterführt.“

Das Herz des Adepten klopfte stärker denn je! Mit Achim kam er besser zurecht. „Wie lang wollen die beiden bleiben?“ Er brannte darauf, von diesem hoffnungslosen Ort zu fliehen.

„Drei, vier Tage wohl. Sonst hätten sie alles umsonst mitgebracht. Vorher“, Laudanius drehte sich zum Lärchenstamm, betastete ihn … und nahm ein Stück Rinde ab, „muss ich dir etwas geben – so schwer es mir auch fällt.“ An der Stelle, die zuvor verdeckt wurde, klaffte nun ein Loch. Heraus zog Laudanius etwas goldig Schimmerndes. Kaum drehte er sich um, musterte Thomas einen Armreif mit verschiebbarer Lasche an der Seite.

„Es ist nicht das Gold, was daran wertvoll ist, Thomas. Dies ist der Armreif des Sonnenpatrones. In ihm schlummert ein Großteil seiner Macht, sein Wissen – ja, sein ganzes Lebens.“ Er legte Thomas die Hand auf die Schulter. „Du bist der Richtige, es ihm zu überreichen. Allein mit dem Reif gewinnt der Sonnenpatron seine verbannte Erinnerung und Stärke zurück.“ Warnend hob er den Finger. „Führe ihn versteckt und immer mit einem Auge darauf mit dir. Wenn er dir gestohlen wird, stehle ihn dir zurück. Beschütze ihn mit deinem Leben. Zeige ihn niemandem! Und das wichtigste: Lege ihn selbst nie an!“

„Wenn doch?“, schnaubte Thomas grimmig.

„Ansonsten wirst du zerfetzt und sämtliche Dimensionstore in Soladum brechen zusammen. Nur der Sonnenpatron und andere Weiße wissen, wo sie sich befinden. Aber stirbt das Wissen mit jeder Generation aus.“ Er betrachtete den Armreif ein letztes Mal und wog ihn leicht in seiner Hand. Wie lang hat er ihn mit sich geführt, gehütet und versteckt? „Nimm ihn. Erzähle nicht einmal Achim davon.“ Rasch streckte er Thomas den Reif zu.

Der Adept nahm ihn ernst entgegen. Er spürte scharfe, ungeschliffene Kanten. Zwei lange, unbemusterte Schlangendrachen streckten sich über und nebeneinander auf je zwei Sonnen am Reif zu. Ansonsten wirkte das Stück plump. Das sollte dem Sonnenpatron gehört haben?

Thomas steckte den Reif achselzuckend in seine äußere Kuttentasche. Laudanius zog ihn barsch wieder heraus, riss Thomas’ Anzug auf und stülpte ihn in die ‚innere’ Tasche. „Geh’ bloß nicht fahrlässig damit um! Hörst du?!“

Thomas nickte. „Ja, gut.“

„Schön“, und wandte sich dem Rauminneren zu. „Nun zur Einweisung. Die Seance wird zeigen, wie du Theorie mit Praxis einen kannst.“

Nach der Vorarbeit holte Laudanius die Schamanen zurück ins Zelt und verknotete es von innen. Keiner durfte bei einem Ritual den Raum verlassen – höchstens als Freiseele.

Die Vier setzten sich vor die Wasserschüsseln. „Seid ihr bereit für die Voraussicht?“, fragte Laudanius.

„Für einen Blick in die Zukunft?“, schmunzelte Achim. „Immer gern.“

Cheviot nickte ernst und begann als erster – nach Einnahme einer weichen Margeritenblüte – zur Wasserschüssel zu summen.

Die anderen taten es ihm gleich.

Laudanius’ Sicht verschwamm, als sich das kehlige Brummen des Chors zum Singsang eines Schamanenliedes einte. Wie lang hatte er es nicht mehr gehört? Zuletzt mit Alena, seiner Frau.

Ihr Brummen wurde um jeden Herzschlag derart intensiv, dass sich das Wasser der Schalen kräuselte. Tropfen sprangen von der Mitte auf, tanzten auf und ab. Ihre Energien durchdrangen die Sphären zwischen Geist und Ritus.

Plötzlich riss Laudanius entsetzt die Augen auf. „Nein!“, und zog die anderen in ihre Körper zurück. Zudem begann die Erde unter ihn zu beben. Laudanius keuchte. Seinen Augen schnellten hektisch in jede Ecke. Er bekam kaum Luft. Da riss er sich hoch. Die anderen waren noch von Sinnen, Cheviot brummte weiter.

Das Zelt begann unter einem starken, heulenden Sturm zu zittern. Selbst der Weltenbaum ächzte. „Zu spät!“

Mit zitternden Gliedern packte er Thomas barsch am Arm, zog die benebelte Gestalt zu einer offenen, massiven und dicken Truhe an der Seite … und schupste ihn hinein. Bevor Thomas die verwirrten Augen öffnete, stöhnte der Alte: „Sei still, egal was passiert“, und knallte den Deckel zu.

Kaum fasste er einen neuen Gedanken, wurde ihm heiß.

Knall auf Fall fegte eine grelle Feuerwalze durch den Zelteingang, verbrannte die Felle binnen von Sekunden und warf ihn und die zwei Schamanen zu Boden. Laudanius’ Kopf fiel hart auf. Er sah den Eichenwald, der um ihn herum loderte – niedergebrannt bis auf die schwarzen Stämme. Der Alte schnaubte mit einem Zorn, der die gesamte Welt hätte auslöschen können.

Neben der Enge und Finsternis in der Truhe hämmerte der letzte Ausruf des Alten in seinem Kopf. Nach krampfhaftem Wenden und Drehen gelang es ihm, die Truhenklappe einen Spalt zu öffnen.

Thomas’ Erleichterung wurde von Schock verdrängt: Vor ihm züngelten einzelne Flammenmeere. Das Zelt war weg. Was ihn beunruhigte, war, dass die drei Schamanen leblos dalagen. Ihre Kutten und Haare dampften und ihre Haut war verschmort.

Bevor er aus der Truhe springen konnte, duckte er sich: Ein metallisches Klappern kam näher. ‚Schritte?’

Damit drängten sie sich das erste Mal in sein Blickfeld: Schwebend, nebeneinander aufgebäumt, sowie mit schwarz-silbernen Bein- und Armpanzern. Alle Drei waren ebenso von strahllosen Kutten umhüllt. Auf ihren kapuzierten Häuptern thronte je eine in die Höhe gestreckte Maskenfibel, die ihre stämmigen Gestalten größer wirken ließ. Auf den lang gezogenen Spitzen zierte eine runde Kugel mit Augen, die in jede Richtung zuckten und wie die aus Rosswell-Filmen aussahen. Thomas’ Magen verkrampfte sich.

Bevor er sich fragte, was die Wesen wollten, umringten sie die Schamanen und zogen jeden einzelnen hoch. Laudanius war als einziger wach und spuckte der Gestalt ins verdeckte Gesicht. „Ihr verdammten Landplagen!“, schrie er, worauf die anderen die zwei Schamanen fallen ließen.

Eine klappernde, kehlige Stimme ertönte von dem, der Laudanius’ Hals hielt: „Welch liebliche Begrüßung, alter Mann. Da hat man sich ein Jahrhundert nicht gesehen. Mir würde etwas Dezenteres einfallen.“

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