Kitabı oku: «Yan Chi Gong»
Dàomíng Xióng
Yàn Chí Gōng
Eine fast vergessene Shàolín-Tradition

Aus dem Chinesischen übersetzt von Maik Albrecht
Kommentiert von Maik Albrecht und Frank Rudolph
Kalligraphien von Meister Pān
Palisander
Zur Schreibweise der chinesischen Personennamen: Auf dem Umschlag, dem Titelblatt und auf dem Klappentext wird der Name des Autors gemäß den Gepflogenheiten im deutschen Sprachraum in der Reihenfolge Vor- und Familienname geschrieben. Im Text folgt die Schreibung der chinesischen Namen generell der in China üblichen Reihenfolge, nach der zuerst der Familienname und dann der Vorname geschrieben wird.
Der Verlag dankt Dr. Janett Kühnert und Norbert Wölfel (Chemnitz) sowie Ludmila Szypura-Lin (Schwetzingen) für die fachliche Unterstützung und Beratung bei der Redaktion.
Deutsche Erstausgabe
1. Auflage 2014
© 2014 by Palisander Verlag, Chemnitz
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Bildrechte: Foto S. 5, Foto 132, Abb. S. 75, S. 225-245: Li Zhènghuá; Abb. S. 10, S. 167, S. 194, Foto S. 6, Fotos 45, 47: Maik Albrecht und Frank Rudolph; Fotos 1 - 24, 26 - 44, 46, 48 - 122, 124 - 169, 171 - 218, 220 - 245, 247 - 280: Palisander Verlag; Foto 246: Wolf Lux (mit freundlicher Genehmigung); Fotos 25, 47, 114, 123, 281, Abb. S. 40, S. 146, S. 151, S. 167: lizenzfrei; Foto 219: Christian Knoch (»fliegender Sperber«: lizenziert unter Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Germany, URL: http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/de/deed.en)
Umschlaggestaltung: Anja Elstner
Redaktion & Layout: Palisander Verlag
Lektorat: Frank Elstner
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016
ISBN 978-3-938305-76-8
www.palisander-verlag.de

Xióng Dàomíng
Der Autor
Xióng Dàomíng (ca. 1900 - 1986) war ein Großmeister der chinesischen Kampfkünste (Wushu). Er entstammte einer sehr armen Familie. Im Alter von fünf Jahren ließen ihn seine Eltern im Stich, und er musste sich als Straßenkind zu behaupten lernen. Eines Tages bettelte er einen Mann an, der sich später als einer der letzten Xiákè des alten China, ein »fahrender Ritter«, entpuppte. Sein Name war Yáng Zuānkuí. Diesem gefiel das Selbstbewusstsein des Kindes, und er nahm ihn als Schüler in seinen kleinen Begleittrupp auf. Yáng Zuānkuí war nicht nur ein außerordentlicher Meister der alten Kampfkünste, sondern darüber hinaus ein universell gebildeter Mann. Er war bewandert in Religion, Philosophie, Heilkunde, Kalligraphie und selbst in der Kochkunst. Er und sein Schülertrupp waren auf dem Gebiet des Begleitschutzes tätig. Zu den wertvollsten Dingen, die er Xióng Dàomíng lehrte, gehören das Trainingssystem und die Philosophie des Yàn Chí Gōng. Nach dem Tode seines Meisters ließ Xióng sich in Wuhan nieder. Dort wurde er der Lehrer Li Zhènghuás (geb. 1953), der seinerseits seit 2001 der Lehrer von Maik Albrecht ist.
Die Koautoren
Maik Albrecht, Jahrgang 1981, praktiziert seit seiner frühen Jugend die verschiedensten östlichen und westlichen Kampfkünste. Mit 20 Jahren ging er nach China und studierte dort chinesische Kampfkunst bei den letzten noch lebenden Meistern des alten Wushu.
2006 gewann er als einziger Ausländer in der chinesischen Profigruppe eine Goldmedaille bei der Wushu-Weltmeisterschaft in Zhengzhou. Im selben Jahr erhielt er den 4. Meistergrad (Wushu Duan) und war zu dieser Zeit der jüngste Ausländer mit einer solch hohen Graduierung. Albrecht besitzt einen Abschluss in Sinologie von der Universität Wuhan, die zu den besten Sportuniversitäten der Welt gehört.
Maik Albrecht ist heute einer der führenden Chinaexperten und Kenner der chinesischen Kampfkünste weltweit. Er trainierte als einer der ersten Ausländer in China sogar Chinesen, unter anderem Mitglieder chinesischer SWAT-Einheiten.
Das ARD hat 2008 einen Dokumentarfilm über sein Leben in China gedreht: »Herr Albrecht macht Wushu – Ein Deutscher kämpft in China.« In China, wo er selbst von den Meistern der alten Generation als Kenner und Könner des Wushu anerkannt wird, gibt es zahlreiche Veröffentlichungen über ihn. 2009 drehte das chinesische Staatsfernsehen eine mehrteilige Dokumentation über sein Leben mit der Kampfkunst.
Maik Albrecht lebt in Wuhan, China. Er ist mit der Tochter seines Shifu (Lehrer-Vater) Li Zhènghuá verheiratet.
Frank Rudolph, Jahrgang 1969. Nach mehreren Ausbildungen absolvierte er von 1993 bis 1996 ein Journalistikstudium. Tätigkeit als freier Mitarbeiter bei verschiedenen Zeitungen und Magazinen. Seit 1992 Veröffentlichungen über Philosophie, Geschichte, Kampfkunst und Kultur mit den Schwerpunkten Asien und vergleichende Geschichte. Mehrere Studienreisen führten ihn nach China. Er verfasst Belletristik, Lyrik und Essays, des Weiteren Biographien und Fachtexte zu den unterschiedlichsten Themen. Er lebt in Wolfsburg.
Frank Rudolph praktiziert verschiedene europäische und asiatische Kampfkünste. Gemeinsam mit Maik Albrecht gründete er das Albrecht-Rudolph Institute of Martial Arts Research (ARIOMAR).

Maik Albrecht (links) und Frank Rudolph.
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Der Autor
Die Koautoren
Vorwort
Teil 1 – Einleitung
Gōng, qìgōng und Yàn Chí Gōng
Zum Begriff gōng
Das qì der Körperfabrik
Der Ursprung der gōng
Yàn Chí Gōng und qìgōng
Der Unterschied zwischen gōng und qìgōng
Beispiele für alte Gōng-Übungen
Dǎoyǐn-Übungsprinzipien
Bāguà
Tàijíquán
Yǒngchūnquán
Zuìbāxiān
Páidǎ
Zuòchán
Tāiwèi – die Embryonalhaltung
Dàolì – der Handstand
Das Wasser-Gōng
Meditation
Willst du lange leben, lebe langsam
Der menschliche Körper und das Universum
Teil II – Das Yàn Chí Gōng
Vorbemerkung
Die Herkunft des Yàn Chí Gōng
Für wen und wozu ist Yàn Chí Gōng geeignet?
Was heißt Yàn Chí Gōng?
Der Inhalt der Tafeln und der Ablauf der Übungen
Vorbemerkung
Das Vorwort des Yàn Chí Gōng
Das dào
Yīn und yáng
Leere und Chaos
Die Einleitung des Yàn Chí Gōng
Anmerkungen zum Training
Die Tafeln zu den Übungen
Vorbemerkung zu den Übungen
Der erste Teil des Yàn Chí Gōng
Die erste Bewegung: Training der Arme und Schultern
Die zweite Bewegung: Training der Brust und des Schulter-Rücken-Bereichs
Die dritte Bewegung: Training von Brust und Bauch
Die vierte Bewegung: Training von Hüfte und Taille
Die fünfte Bewegung: Training großer Beinteil, links-rechts
Die sechste Bewegung: Training großer Beinteil, äußerer Teil
Die siebente Bewegung: Training großer Beinteil, innerer Teil
Verschiedene gesundheitliche Aspekte des Trainings
Daoistische Sexualkunde
Die Rolle des Körperfetts
Jīn – ein komplexer Begriff
Jīnluò – die Blutgefäße
Jīnmó – die Faszien
Zhěngtǐ – der Körper als Einheit
Der zweite Teil des Yàn Chí Gōng
Einleitung
Die Zwischenbewegung – fùjiā dòngzuò
Die erste Bewegung: Den Drachen stützen
Die zweite Bewegung: Der Reiher entdeckt bzw. erforscht den Schlamm
Die dritte Bewegung: Der Phönix beschützt das Kind
Die vierte Bewegung: Die goldene Kröte spuckt das Schwert aus
Die fünfte Bewegung: Der schlafende bzw. liegende Fisch
Die sechste Bewegung: Der Sperber dreht den Körper
Die siebente Bewegung: Die Schwalbe verbindet den Schlamm
Verschiedene Einzelaspekte des Yàn-Chí-Gōng-Trainings
Passives Training des Atems
Die Embryonalhaltung
Training der kleinen Körperteile
Der dritte Teil des Yàn Chí Gōng
Die Übung des méihuāchūn
Vorbemerkung
Die Pflaumenblütenpfähle
Muster und Formen
Höhe und Durchmesser
Pflaumenblütenpfahl-Gōng
Die Pflaumenblütenpfähle und das Yàn Chí Gōng
Das méihuāchūn als lèitái
Zhěngtǐjìn – der Peitschenkörper
Vorbemerkung zu den Übungen
Zwischenbewegung »Wirbelwindfuß«
Die erste Bewegung: Pfahlstand-Gōng
Die zweite Bewegung: Erweiterter Pfahlstand-Gōng
Die dritte Bewegung: Yīnyáng-bù-gōng
Die vierte Bewegung: Rechts-Links-Schritt
Abschließende Bemerkungen
Teil III – Die Kalligraphien von Meister Pān
Die Übersetzung der Tafeln
Weitere Titel
Anmerkungen

Zhǐyǒu gōngfū zhēn tiě bàng mó chéng zhēn
Nur wenn das Gōngfū echt ist, schleift sich der Eisenstab zu einer Nadel.
Vorwort
China ist ein Land der Geheimnisse und Mysterien und eine der am wenigsten verstandenen Kulturen der Welt. Es ist ein Land, bei dessen Erwähnung man sofort an weise Sprüche, alte Mönche, Schattenboxen oder die Chinesische Mauer denkt.
Bevor dieses Buch möglich wurde, hatte ich bereits mehr als 13 Jahre in diesem Land gelebt. Im Vergleich zu den meisten westlichen Ausländern, die dort weitgehend abgeschirmt von der Gesellschaft wohnen und arbeiten, hatte ich das Glück und das Privileg, direkt unter Chinesen leben zu können. Dadurch lernte ich die Menschen und die Kultur in einer Tiefe kennen, wie das normalerweise bis heute kaum möglich ist.
Unter den herausragendsten kulturellen Schätzen, die ich kennenlernen durfte, sticht das Yàn Chí Gōng (硯弛功) als das vielleicht kostbarste Kleinod heraus. Es handelt sich dabei um ein vollständiges, authentisches und sehr altes Trainingssystem. Das Yàn Chí Gōng stellt einen komplexen und geradezu wissenschaftlich aufgebauten Katalog hervorragender Übungen dar, die den Körper kräftigen und ihn nachhaltig gesunderhalten. Vor allem geht es auch um die Pflege der inneren Organe.
Durch eine glückliche Fügung erhielt ich von meinem Lehrer die vollständigen, originalen und bisher nicht einmal in China veröffentlichten Schriften über dieses Übungssystem. Das Manuskript gibt Aufschluss darüber, wo diese Gōng-Form herkommt und wie man sie trainiert. Auch die Auswirkungen der einzelnen Bewegungen auf den menschlichen Organismus werden darin angegeben.
Die hier vorgestellten und kommentierten Texttafeln wurden von Xióng Dàomíng (熊道明, gest. 1986)1 am 23. Mai 1963, das heißt, noch vor der Kulturrevolution, diktiert und von einem alten Kalligraphie-Meister namens Pān (潘)2 niedergeschrieben. Kenner der Kalligraphie werden die meisterhafte Schreibkunst der Zeichen auf den Tafeln zu schätzen wissen. Eine derartige Qualität sieht man heute in China nicht mehr sehr oft. Meister Xióng Dàomíng hatte sich einen der Allerbesten seines Faches für die Niederschrift ausgesucht, was beweist, wie wichtig ihm diese Arbeit war. Das Diktat erfolgte von Xióng Dàomíng anhand von alten Dokumenten des xiákè3 Yáng Zuānkuí (楊鑽魁)4, seines Lehrers, welcher einer der letzten großen Kampfkunstmeister des alten China war. Der Kalligraphie-Meister bestand damals darauf, dass sein Name mit auf die Titelseite des Buches kommen sollte und er somit als Experte des Yàn Chí Gōng anerkannt würde. Xióng Dàomíng gab sich widerstrebend damit einverstanden, obwohl der Kalligraph niemals trainiert hatte, sondern lediglich am Ruhm des Buches teilhaben wollte. Auch das betont den Wert des Textes.
Als der Text fertig geschrieben war, wollte das Forschungsinstitut der damaligen Erziehungs- und Sportuniversität von Wǔhàn5 den Text veröffentlichen und als Forschungsmaterial aufnehmen. Der Kalligraph brachte es zum Abschluss und war gerade dabei, die Verhandlungen mit der Universität durchzuführen, als er plötzlich an einem aggressiven Krebs erkrankte und starb.
Nur Großmeister Xióng Dàomíng hatte die Berechtigung, dieses gōng zu veröffentlichen und zu verbreiten. Es ist sein Buch und sein Wissen. Er ist der authentische Erbe dieser Kunst.6 Sein Meister, der xiákè Yáng Zuānkuí, beherrschte viele sehr »gute und wirkliche Dinge« der Kampfkunst. Er lehrte jeden seiner Schüler etwas anderes und keine zwei Personen dasselbe. Das Yàn Chí Gōng gab er an seinen jüngsten Schüler Xióng Dàomíng weiter.
Nach dem Tod des Kalligraphen zog Xióng Dàomíng die Veröffentlichung zurück und behielt das gesamte Material ein. Der Grund war sein Aberglaube. Meister Xióng sah es als Schande an, dass ein an Krebs Erkrankter mit der Kunst des Yàn Chí Gōng in Verbindung gebracht werden könnte. Er betonte immer wieder, dass Menschen, die Yàn Chí Gōng üben, keinen Krebs bekommen können, da sich in ihrem Körper nichts festsetzen kann, das zu Tumoren führt. Außerdem sah er es als ein daoistisches Omen an. Der Daoismus lehnt jede Form von Vermarktung ab. Es darf nichts veröffentlicht und angepriesen werden, schon gar nicht von Uneingeweihten, weil die Natur Stärke, die sich selbst darstellt, verachtet und als Gegenstück der Natürlichkeit ansieht.
Xióng Dàomíng hatte eine große Liege, unter der er allerlei Dinge aufbewahrte und auf der er immer saß, wenn seine Schüler bei ihm trainierten. Nur er allein fand sich dort zurecht. Neben Geschenken von Schülern wie Schnapsflaschen oder Zigaretten befand sich dort auch ein Koffer, in dem er all seine Materialien über die Kampfkunst aufbewahrte. Unter anderem die Kalligraphien über das Yàn Chí Gōng. Erst kurz vor seinem Tod gab Meister Xióng das Material an meinen Lehrer Li Zhènghuá weiter, und ich erhielt die Unterlagen von diesem im Jahr 2012.
In dem Text werden wichtige Prinzipien des Daoismus und der chinesischen Medizin erklärt und es wird erläutert, wie die Bewegungen auf den Körper wirken. Der Inhalt dieses Textes geht auf ein nahezu 2 000-jähriges Wissen zurück und ist sowohl eng mit der Philosophie des Daoismus als auch mit dem Wirken von Dámó7 verbunden.
Die Vorworttafeln 1 bis 16 erklären Grundlegendes zum geistigen Hintergrund und zur Praxis des Yàn Chí Gōng. Yàn Chí Gōng war, wie Xióng Dàomíng schrieb, ursprünglich eine daoistische Trainingsmethode. Diese wurde bereits von Dámó (達摩) als inneres Haupt-Gōng ins Shàolín-Training aufgenommen. Es durfte nur an einen auserwählten Personenkreis innerhalb des Shàolín weitergegeben werden.
Die starre Trennung zwischen Daoismus und Buddhismus, wie sie heute besteht, war anfangs nicht vorhanden. Ein reger Austausch von Wissen zwischen beiden war früher etwas ganz Normales. Viele gute Trainingsmethoden und auch Techniken wurden vom Buddhismus weitergegeben und verbreitet, stammten jedoch ursprünglich aus dem Daoismus. Denn der alte Daoismus verbreitete sich und seine Lehre nicht gern. Dies gilt auch für das Yàn Chí Gōng.
Die Tafeln 17 bis 19 beschreiben die drei Teile des Yàn Chí Gōng mit jeweils sieben Übungen pro Teil. Das heißt, der gesamte Komplex besteht aus 21 Übungen. Mein Lehrer, Meister Li Zhènghuá, der Erbe Xióng Dàomíngs, hat mir gestattet, das Yàn Chí Gōng der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, mit Ausnahme der letzten drei Übungen, die traditionell nicht öffentlich gelehrt werden dürfen.
Die Tafeln sind generell als Hinweise zur Unterstützung der praktischen Anwendung bestimmt, für Personen, die die Übungen bereits beherrschen. Es war also unbedingt notwendig, den Text detailliert zu erläutern, damit er für den Leser einen praktischen Nutzen ergeben kann. Auf Grundlage dieser Tafeln und der Erläuterungen kann die Linie dieser uralten Trainingsmethode fortgeführt und für eine breite Öffentlichkeit nutzbar gemacht werden. Ein gutes Trainingssystem muss logisch aufgebaut sein und sich wissenschaftlich begründen lassen. – Jiǎng dàolǐ (講道理) bedeutet, den Grund für etwas erklären zu können. Genau das werden wir in diesem Buch tun.
Maik Albrecht, Wuhan, 2014
Teil I Einleitung
Gōng, qìgōng und Yàn Chí Gōng
Zum Begriff gōng
In der westlichen Welt hat sich heute für chinesische Gesundheitsübungen der Begriff qìgōng eingebürgert. Im Folgenden sollen die Begriffe gōng und qìgōng näher erläutert werden, da dies für das Verständnis dessen, worum es sich bei Yàn Chí Gōng handelt, notwendig ist.
Gōng (功) wird allgemein mit Arbeit, Leistung oder Verdienst übersetzt. Der chinesische Begriff setzt sich zusammen aus den Zeichen gōng (工) für Arbeit und li (力) für Kraft. In Verbindung mit anderen Zeichen gibt es noch folgende Bedeutungen: Yònggōng (用功) steht für »arbeitsam, fleißig«, gōngkè (功課) für »Hausaufgabe«, gōngxiào (功效) für »Wirksamkeit« und chénggōngde (成功的) für »erfolgreich«. Im Westen wurde der Begriff gōng im Zusammenhang mit einem Begriff, der heute oft als Synonym für chinesische Kampfkunst verwendet wird, bekannt: gōngfu (功夫) beziehungsweise Kung Fu. Tatsächlich war gōngfu ursprünglich nur eine Bezeichnung für den Zeitaufwand, welcher nötig ist, um eine bestimmte Sache zu meistern. Egal, worum es sich hierbei handelt. Der Begriff wird daher je nach Zusammenhang auch mit Fähigkeit, Können, Mühe, Anstrengung oder Zeitaufwand passend übersetzt. Im Folgenden geht es um die Verwendung des Begriffes gōng im Sinne von körperlicher Ertüchtigung beziehungsweise der Steigerung der Vitalität.
Im Zusammenhang mit den meisten ursprünglichen Übungen taucht in China der Begriff qìgōng (氣功) nicht auf. Man bemühte die geheimnisvolle Kraft des qì nicht, wenn es sich vermeiden ließ. Es wird oft vergessen, dass die Chinesen ein sehr pragmatisches Volk sind. Diesem Pragmatismus, der praktischen Anwendung des Wissens, wird buchstäblich alles untergeordnet, auch das Himmlische und die Spiritualität. Chinesen pflegen, ganz im Jetzt zu leben. Sie sind selten religiös. Sie haben für gewöhnlich keinen Drang zu missionarischer Verbreitung ihrer Anschauungen. Sie sind vorrangig interessiert an praktischen, realen, sichtbaren Ergebnissen. Wie diese zustande kommen, mit welcher Philosophie, welcher Religion oder welchem Glauben, spielt dabei keine Rolle.
Das qì der Körperfabrik
Viele Leute glauben nicht an das qì (氣), weil sie es für etwas »Übernatürliches« halten. Es ist jedoch keine Frage des Glaubens, sondern eine Angelegenheit nüchterner Fakten. Qì bedeutet Lebensenergie, und dieser Begriff beinhaltet all die ständig fließenden Prozesse, die uns am Leben und in Bewegung halten. Wenn dieser Fluss unterbrochen wird, dann wird man krank. Damit dies nicht passiert, muss man seinen Körper durch korrektes Training gesunderhalten. Bei den Gōng-Übungen werden genau diese Prozesse gefördert und gestärkt. Je besser die Übungen, desto gesünder der Mensch. Selbstverständlich gibt es auch einen geistigen Aspekt. So können auch untrainierte, unkriegerische Menschen in extremen Situationen, wie zum Beispiel in Lebensgefahr, mitunter erstaunliche Kräfte freisetzen, die sich der bewussten Steuerung vollkommen entziehen.
Man kann die Funktion des Körpers sehr gut mit den Abläufen in einer Fabrik vergleichen:
Erstens: Will man in einer Fabrik etwas herstellen, werden zunächst gute Rohstoffe benötigt. – Dies entspricht der Nahrungs- und Sauerstoffaufnahme.
Zweitens: Diese Rohstoffe müssen innerhalb der Fabrik gut verarbeitet und effektiv transportiert werden, und die guten müssen von den schlechten Bestandteilen getrennt werden. – Dies entspricht dem Blutkreislauf, der Nährstoffverarbeitung und der Verdauung.
Drittens: Zuletzt muss ein gutes Produkt aus der Fabrik kommen, und der Abfall muss entsorgt werden. – Das Produkt entspricht einem gesunden, starken Körper. Die Abfallentsorgung entspricht den Ausscheidungen sowie der Ausatmung, die den verbrauchten Sauerstoff in Form von Kohlendioxid wieder abgibt.
Gōng-Übungen spielen in der Körperfabrik die Rolle eines effektiven Managements, das dafür sorgt, dass alle Vorgänge reibungslos und auf optimale Weise ablaufen. Bauen Sie sich Ihre starke und gut funktionierende Körperfabrik selbst auf!
Die alten Daoisten, Mediziner und Kampfkunstmeister sowie die Shàolín-Mönche waren Menschen, die die Natur in all ihren Erscheinungsformen einschließlich der Anatomie, beziehungsweise das Universum insgesamt genauestens beobachteten und tiefgründig erforschten. Sie kamen schon sehr früh zu dem Schluss, dass alles gemäß denselben Grundlagen funktioniert. Auf dieser Basis wurden die chinesische Medizin, die Kampfkünste und die Gōng-Übungen entwickelt. Somit ist diese Analogie zwischen Körper und Fabrik durchaus im Sinne dieser frühen Forscher.
Der Ursprung der gōng
Die ersten gōng sind bereits viele Jahrhunderte alt. In der Vergangenheit wurde der Begriff gōng hierfür allerdings oft gar nicht verwendet. Die alten Bezeichnungen sind manchmal sehr blumig, manchmal aber auch vollkommen klar. Zu den ältesten dieser Übungen gehört das »Spiel der fünf Tiere«. (chin. wǔ qín xì 五禽戲) von Huá Tuó (華佗, ca. 145 - 208), das heute nicht mehr im Original existiert. Alle Übungen, die heute unter diesen Begriff fallen, sind allenfalls blasse Spiegelbilder des Originals. Nicht so alt, aber mindestens ebenso bekannt, sind die »Acht Brokate«. (chin. bāduànjǐn 八段錦) des Generals Yuè Fēi (岳飛, 1103 - 1142). Diese und ähnliche Übungen, wie yǐntǐ (引體), das »Dehnen nach dem Vorbild von Tieren«, sind in erster Linie zur Erhaltung der Vitalität gedacht. In vielen Kampfkünsten gibt es vereinfachte Formen komplexerer Gōng-Programme.
Die Gōng-Übungen gehören zu den Wurzeln der chinesischen Kampfkunst. Ihre Grundlage ist die chinesische Medizin und die Lehre von der Gesunderhaltung des Körpers. Auch die Kampfkunst dient letztendlich der Gesunderhaltung des Körpers im Kampf, da ihr vorrangiges Ziel der Selbstschutz in Kämpfen auf Leben und Tod ist.
Yàn Chí Gōng und qìgōng
Es ist ohne die Kenntnis einiger Zeichen wegen der verschiedenen Transkriptionen des Chinesischen manchmal schwierig, sich über die genaue Bedeutung des einen oder anderen Begriffs klar zu werden. Wenn man die von China vorgegebene Pīnyīn-Umschrift verwendet, lassen sich einige Fehler jedoch vermeiden. Das früher verbreitete Wade-Giles-System war in einigen – jedoch nicht in allen – Bereichen eher mangelhaft. Auf den Begriff qìgōng bezogen bedeutet das Folgendes: Nach der Wade-Giles-Umschrift liest sich Yàn Chí Gōng als yanchikung und qìgōng als chikung. Für Uneingeweihte, die sich nach der alten Transkription richten, sieht das so aus, als wäre das yan-chikung nur eine besondere Form des chikung (oder ch’i-kung), da sich die Schreibweisen nicht voneinander unterscheiden. Erst bei der Pīnyīn-Umschrift wird deutlich, dass es sich um zwei verschiedene Begriffe handeln muss, denn hier schreibt man (yàn)chígōng und qìgōng mit unterschiedlichen Buchstaben und verschiedenen Betonungszeichen. Verwendet man diese Zeichen, verschwinden die letzten Zweifel. Hier sieht man den Unterschied zwischen dem chí (弛), was entspannen bedeutet, und dem qì (氣), was Energie bedeutet, sofort. Das qì (氣), die Lebensenergie, ist etwas Selbstverständliches und bei allen Menschen vorhanden. Deswegen muss es aus Sicht der Chinesen nicht eigens erwähnt werden.
Freilich lässt sich an der Tatsache, dass sich im Westen der Oberbegriff qìgōng sowohl für echte Gōng-Übungen als auch für die modernen Übungen, die heute auch in China als qìgōng bezeichnet werden, eingebürgert hat, kaum noch etwas ändern. Nach westlichem Verständnis ist dann natürlich der Yàn-Chí-Gōng-Komplex ebenfalls ein Qìgōng-Übungssystem und, wie in dieser Arbeit gezeigt wird, eines der ursprünglichsten und effektivsten überhaupt. Er umfasst etliche Techniken, auf welchen letztendlich die heutigen Qìgōng-Übungen aufbauen, sofern diese nicht frei erfunden sind.
Der Unterschied zwischen gōng und qìgōng
Ein gōng ist ein systematisch aufgebautes System. Es ist im Prinzip wie eine mathematische Gleichung – führt man die Lösungsschritte korrekt aus, so gelangt man zum richtigen Ergebnis. Bei seriösen Übungen heißt das, durch die richtigen Bewegungen wird beziehungsweise bleibt der Körper flexibel und kräftig – und nachhaltig gesund.
Die heutigen Arten des qìgōng tragen zu dem Missverständnis bei, dass die alten gōng gewissermaßen zum Zeitvertreib betrieben werden könnten. Qìgōng ist etwas für Studenten und Senioren geworden, die es als leichte Morgengymnastik in Parks betreiben. Der Begriff selbst ist in diesem Zusammenhang modern. Die Bezeichnung qìgōng für chinesische Übungen stammt aus den 1950er Jahren. Es heißt, der Arzt Liú Guìzhēn (劉貴 珍) verwendete den Begriff als erster für diese Gesundheitsübungen.8 Die damaligen Meister wurden nicht zu Rate gezogen. Die unterschiedlichen Stilarten des qìgōng sind zum Teil ganz neue Entwicklungen. Sie wurden in den meisten Fällen auch nicht von Könnern kreiert, sondern von pragmatischen Geschäftsleuten, die zwar nicht über herausragendes fachliches Können verfügten, dafür jedoch über einen ausgeprägten Geschäftssinn. Manche der neuen Übungen basieren jedoch wenigstens teilweise auf den jahrtausendealten Traditionen. Die weitaus meisten haben allerdings kaum noch einen Bezug zu traditionellen Vorbildern.
Als mein Lehrer in seiner Jugend Gōng-Übungen erlernte, vermieden die wirklichen Meister in diesem Zusammenhang den Begriff qìgōng. Das rührte daher, dass sie hierbei keinen Zusammenhang mit der effektiven Körperschule sahen, die sie selbst trainierten und lehrten. Diese neuen gōng sind keine Weiterentwicklungen, sondern Rück- beziehungsweise Fehlentwicklungen. Qìgōng war in den Augen dieser Meister eine überflüssige Kreation. Das kann man mit dem japanischen Shōtōkan-Karate vergleichen. Shōtōkan-Karate ist nicht einmal hundert Jahre alt. Die verschiedenen okinawanischen Stile sind jedoch viel älter und haben ihre Ursprünge zu einem guten Teil in China. Meister Mabuni Kenei (摩文仁 賢 榮, geb. 1918) erzählte, wie einst Karate-Schüler des shōtōkan aus Japan nach Okinawa gekommen sind und dort vor okinawanischen Meistern ihr Können demonstrierten. Die okinawanischen Meister sagten daraufhin: »Das ist kein Karate.«9 Kommt man nach China und zeigt wirklichen Meistern das, was im Westen als qìgōng bezeichnet wird, bekommt man vermutlich eine vergleichbare Antwort.
Ein Grund, weshalb sich moderne Qìgōng-Übungen so großer Beliebtheit erfreuen, ist ihre relative Einfachheit. Jeder kann sie lernen und praktizieren, ohne sich hierfür allzu große Mühe geben zu müssen. Doch Dinge, die ohne Anstrengung erworben werden, sind selten viel wert … Yàn Chí Gōng (硯弛功) und auch andere traditionelle Übungen, die nicht primär als Kampftechnik verwendet werden, so zum Beispiel die Folge der 18 Luóhàn beziehungsweise Arhat (chin. shíbāluóhàngōng 十八羅漢 功), sind hingegen in ihrer Gesamtheit nicht durch jedermann zu meistern. Das bedeutet jedoch nicht, dass man keinen Nutzen davon hätte, sie in Teilen zu beherrschen. Generell gilt für solche anspruchsvollen und komplexen Übungen, dass man um so bessere Chancen hat, einen solchen Zyklus vollständig verstehen und beherrschen zu lernen, wenn man damit in jungen Jahren beginnt. Ein vollständiges Verständnis bedeutet auch, die enthaltenen Übungen fehlerfrei ausführen zu können. Die alten Gōng-Übungen beinhalten viele anspruchsvolle Prinzipien, auf die man beim Üben achten muss, um einen optimalen Trainingseffekt zu erreichen.
Die Wurzeln des alten gōng sind die chinesische Medizin und die Kampfkunst. Mit Bezug auf die Medizin geht es nicht primär um Heilung, nachdem eine Krankheit ausgebrochen ist, sondern vorrangig darum, den Körper und seine innere Struktur so zu trainieren, dass Krankheiten gar nicht erst entstehen können. Mit Bezug auf die Kampfkunst dienten diese Übungen als Stärkungsmittel für einen Kampf auf Leben und Tod. Das umfasst die allgemeine Stärkung des Körpers sowie den Aufbau von Elastizität und Flexibilität, um die Körperwaffen mit Schnelligkeit und Kraft in einem Kampf auf Leben und Tod bestmöglich einsetzen zu können.
Beispiele für alte Gōng-Übungen
Die chinesische Medizin beziehungsweise Kampfkunst10 ist so weitläufig wie der Ozean. Die dahinterliegenden Konzepte können durch die rationalen Begriffe unserer westlichen Sprache kaum umfassend beschrieben werden. Entsprechend vielfältig ist die entsprechende Begriffswelt. Hinzu kommt, dass es keine vollständige Erklärung und keine festgelegte Definition für die technischen Begriffe gibt. Die Bezeichnungen verweisen meist nicht auf eindeutig definierte Abläufe, sondern sie beschreiben inhaltliche Prinzipien der Übung, auf die zu achten ist, um nützliche Ergebnisse durch die Bewegungen zu erhalten. Beispiele für solche Begriffe sind tǔnà (吐納), xíngqì (行氣), fúqì (服氣), xiūdào (修道) oder zuòchán (坐禪). Tǔnà bezieht sich auf das freie Fließen des Atems. Xíngqì bedeutet »das Bewegen des qì«. Xiūdào ist der »Weg des Mönches« – hier geht es um Meditationsübungen und Haltungen, durch die man Körper und Geist in Einklang bringt. Zuòchán ist eine Meditations- und Körpertrainingsübung im Sitzen (jpn. zazen).
Besonders weit verbreitet waren früher Begriffe, die das Wort dān beinhalteten, wie zum Beispiel jīndān zhīshù (金丹之術) oder nèidān (內丹). Das Zeichen dān (丹) steht hierbei für dāntián (丹田, jpn. hara), was im Westen als »Zinnoberfeld« bekannt ist. Jīndān zhīshù bedeutet wörtlich übersetzt »Kunst des goldenen dāntián« – darunter versteht man physische Übungsmethoden, die sich auf die Beherrschung des dāntián konzentrieren. Nèidān bedeutet »innerer Zinnober«.
In der daoistischen Philosophie spielt der dāntián, das Körperzentrum, eine entscheidende Rolle. Auch in allen chinesischen Gōng-Übungen ist das ausnahmslos der Fall. Der dāntián ist das ursprüngliche Energiezentrum des Körpers. Wer dieses Zentrum beherrscht, wird weder im Kampf noch beim Tanzen oder beim Sport aus dem Gleichgewicht geraten. Von hier aus wird der Qì-Fluss gesteuert. Diese Rolle wird schon vor der Geburt festgelegt: Hier wurde unser Körper im Mutterleib durch die Nabelschnur versorgt. Alle Gōng-Übungen haben sich aus dem Dāntián-Training entwickelt. Dieses Training wird als liàndān (煉丹), Training des dāntián, oder auch als dǎoyǐn (導引), Lenken der Energie durch Kontrolle des dāntián, bezeichnet.
Grundsätzlich geht es bei den Gōng-Übungen darum, den Organismus zu dehnen und zu strecken und das qì, das Blut und den Sauerstoff störungsfrei zirkulieren zu lassen. Daher wird im Namen mancher Übungen auch das Leiten und Führen oder das Ausstrecken erwähnt. Dǎoyǐn bedeutet beispielsweise wörtlich übersetzt »etwas führen/leiten durch Ausstrecken«.
Die alten chinesischen Meister besaßen als Herzstück ihrer Kampfkunst stets eine Gōng-Übung. Eine »echte Sache«, die sie nur an ihre inneren Schüler vollständig weitergaben. Diese gōng waren schwer, und man musste ein hartes Training durchstehen, um sie zu meistern. Daran hat sich bis zum heutigen Tag nichts geändert.
Zu den alten Gōng-Übungen gehören ebenfalls das tàijíquán (太極拳), das bāguàzhǎng (八卦掌) und auch das yǒngchūnquán (詠春拳, kant. wingchunkuen). Die in der westlichen Welt weitverbreitete chinesische Kampfkunst yǒngchūn (bekannter als Wing Chun, Wing Tsun usw.) beginnt mit der Form »Kleine Idee«. (mand. xiǎo niàntou 小念頭, kant. siunimtau). Diese Form ist ein reines gōng.11
Bei den weiter hinten vorgestellten Bewegungen des Yàn Chí Gōng wird dem Leser vielleicht auffallen, dass es Ähnlichkeiten zum Yoga gibt oder auch zu anderen gymnastischen Übungen des Ostens und des Westens. Das liegt zum einen in der Anatomie des Menschen begründet, zum anderen aber auch darin, dass Yàn Chí Gōng eine sehr ursprüngliche Übungsform ist, in die viel altes Wissen eingeflossen ist. Und natürlich gab es gegenseitige Beeinflussungen; auch das Yoga beispielsweise ist eine sehr alte indische Kunst, und Bodhidharma, der das Yàn Chí Gōng im Shàolín-Kloster einführte, stammte bekanntlich aus Indien.
Die bekanntesten der heute existierenden Gōng-Übungen besitzen etwa noch 20 bis 30 Prozent des wirksamen oder nützlichen Inhalts des Yàn Chí Gōng. Vorausgesetzt, der Lehrer ist sehr gut in dem, was er tut.
Im Folgenden werden einige der bekanntesten Gōng-Übungen kurz vorgestellt.
Dǎoyǐn-Übungsprinzipien
Das Zeichen dǎo (導) in dǎoyǐn bedeutet in diesem Fall »leiten«, yǐn (引) bedeutet »etwas ausstrecken« oder »etwas führen«. Das bezieht sich darauf, dass man den Körper vollkommen streckt beziehungsweise ihn so führt, so dass er gut »leitet«. Das bedeutet, diese Übungen sorgen für die maximale Bewegungsfähigkeit des Körpers und den freien Fluss des qì. Atem und Sauerstofftransport durch das Blut arbeiten reibungslos. Es bedeutet ebenfalls, dass man das qì störungsfrei durch den Organismus bewegt. Yùnqì (運 氣) sagt man dazu auf Chinesisch, was Transport von qì (Blut, Sauerstoff, Nahrung, Energie) durch den Körper bedeutet. Das qì kann mit Hilfe des dāntián durch den gesamten Körper bewegt werden. Yùnqì bedeutet auch »wahres Glück«, das erst erreicht werden kann, wenn das qì frei fließen kann. Bei den Bewegungen ist das Prinzip dǐngtiānlìdì (頂天立地) sehr wichtig, was bedeutet, mit den Beinen fest mit der Erde verwurzelt zu sein (chin. lìdì 立地) und zugleich den Kopf gegen den Himmel (chin. dǐngtiān 頂天) zu richten. Auf diese Weise ist der Körper vollkommen gestreckt, und das qì kann ungehindert durch ihn geleitet werden (dǎoyǐn). Dieses Prinzip ist in fast allen Gōng-Übungen (auch im Yàn Chí Gōng) enthalten. Es existiert ebenfalls in anderen Kulturen. So ist es im indischen Yoga ebenso wie im alten westlichen Dehnen bekannt, auch wenn im Westen das Konzept des qi früher unbekannt war.
Oft heißt es in der heutigen Qìgōng-Szene, es handele sich bei dǎoyǐn um alte Gesundheits-Übungen, die der Ursprung des qìgōng seien. Doch das ist nicht wahr. Qìgōng und das dahinterstehende Konzept wurden früher nicht als dǎoyǐn bezeichnet; dǎoyǐn war niemals ein allgemeines Synonym für (qì) gōng. Tatsächlich ist die Grundlage der (Qì-)Gōng-Übungen die chinesische Medizin (chin. zhōngyī lǐlùn 中醫理論) beziehungsweise die Lehre von der Gesunderhaltung des Menschen. Der Begriff dǎoyǐn ist nur eine Bezeichnung für einen – wenn auch wichtigen – Teilaspekt der Gōng-Übungen.
Fotos 1 bis 20 stellen ein Beispiel für eine Dǎoyǐn-Form dar.

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Bāguà
Das bāguà ist besonders gut dafür geeignet, dem Körper vollendete Bewegungsfreiheit zu geben. Das gesamte Bindegewebe wird gestreckt und elastisch gemacht. Durch die windenden Bewegungen werden die Gelenke gestärkt und gewinnen an Beweglichkeit. Die wahre Kraft kommt nicht aus den Muskeln. Sie wird von den elastischen Sehnen und Bändern, die ein Bindegewebe bilden, freigesetzt. Der Fachbegriff für dieses Bindegewebe lautet Faszien. Faszien sind Strukturen, zu denen Bänder, Sehnen und Gelenkkapseln gehören. Auf diese Thematik wird weiter hinten noch ausführlich eingegangen. Das bāguà ist eine Trainingsmethode, dieses Bindegewebe ganzkörperlich und einheitlich zu trainieren und es dadurch elastisch und flexibel zu halten beziehungsweise zu machen. Durch die Torsionsbewegungen des Körpers wird das Bindegewebe elastisch verdreht und entspannt. Dadurch lösen sich Stockungen, und man wird sehr beweglich.
Fotos 21 bis 24 zeigen Beispiele für typische Bāguà-Bewegungen.

Foto 21

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Foto 24
Tàijíquán
Tàijí ist ein gōng, das dem Körper eine gute Innenspannung verleiht und einen isometrischen Trainingseffekt hat. Im tàijí, wie es heute oft ausgeführt wird, wird dieses Grundprinzip allerdings oft nicht verstanden, so dass die Übungen nicht mehr im Sinne eines gōng ausgeführt werden. Die korrekte Ausführung lässt sich mit einem gespannten Bogen vergleichen, auf den ein Pfeil aufgelegt wurde. Der Bogen steht unter Spannung, aber der Pfeil liegt vollkommen locker und entspannt. Dennoch kann er jederzeit abgeschossen werden.
Die innere Spannung wird beispielsweise durch tiefe Stellungen und langsames Bewegen in diesen Stellungen, oder durch das Anheben der Hüfte und das Nach-unten-Drücken der Schultern bewirkt. Letzteres bringt eine natürliche Spannung in den gesamten Oberkörper, ohne dass dabei eine schädliche Pressatmung erfolgt. Es ist möglich, sich locker und fließend zu bewegen, obwohl der Körper eine gute Spannung hat. Das alles ist letztendlich ein gutes isometrisches Training, das unter anderem zur Folge hat, dass man Schläge gut verkraften kann.
Für einen Betrachter ist die innere Spannung in den fließenden, flexiblen Bewegungen kaum erkennbar. – Das tàijí funktioniert, wie auch alle anderen echten gōng, nach den Prinzipien von yīn und yáng: Härte und Spannung im Inneren und äußere Weichheit bilden eine fließende Einheit.

Foto 25: Yáng Chéngfǔ (1883 - 1936), Enkelsohn des Gründers des Yáng-Stils des tàijíquán, bei einer Vorführung der Tàijí-Technik »einfache Peitsche«. (dān biān), ca. 1925.
Yǒngchūnquán
Die erste Form des yǒngchūn (Wing Chun) ist ein gōng, welches den Körper streckt und so den Grundstein für eine gute Kraftausgabe und Nutzung des Körpers legt. Durch Dehnung der Gelenke, Bänder und Sehnen wird eine wichtige flexible Grundkraft aufgebaut. Die Bewegungen dieser ersten Form sind so strukturiert, dass Spannung und Entspannung sich abwechseln. Besonders die Gelenke und die Gelenkmuskulatur werden durchgestreckt und flexibel gemacht, ebenso das gesamte Gewebe. Auch im yǒngchūnquán spielt das Prinzip des dǐngtiānlìdì (wie beim Dǎoyǐn-Übungsprinzip) eine wichtige Rolle, was man an der Körperhaltung erkennen kann.
Fotos 26 bis 30 zeigen einen Teil der ersten Form des yǒngchūnquán.

Foto 26

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Zuìbāxiān
Dies ist ein daoistisches gōng – »die Acht betrunkenen Unsterblichen«. Im Stand dreht man sich nach hinten und wieder nach vorn, wobei man die Arme entgegengesetzt weich und rund bewegt. Durch diese Bewegung wird der Körper unter Spannung flexibel bewegt, und Spannung und Flexibilität bleiben somit verbunden. Das gesamte Gewebe im Körper wird vollständig gedehnt.
Fotos 31 bis 36 zeigen einen Bewegungsablauf aus dem Zuìbāxiān.
Páidǎ
Páidǎ ist eine alte Grundübung, die auch zu den Gōng-Übungen gerechnet wird.12 Man steht vollkommen entspannt. Dann wird der Oberkörper um eine unsichtbare Achse gedreht, nach links und nach rechts. Dabei werden durch die Rotation die Arme vom Körper weg geworfen und schlagen beim Richtungswechsel auf den Leib. Man kann allerdings auch ganz entspannt mit den Handflächen den Körper abklopfen. Beides ist gut für das Gewebe und fördert die Durchblutung. Wichtig dabei ist, nur Körperteile wie Außenarme und Schultern zu klopfen. Die inneren Teile (Innenarme, Rippen, Weichteile) dürfen nicht geklopft werden, da sich dort sensibles und verletzungsanfälliges Gewebe befindet.

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Generell teilt man in der chinesischen Tradition den Körper in wàizé (外 則) – das Äußere – und nèizé (內則) – das Innere – ein (so zum Beispiel unterscheidet man beim Arm die weiche Innenseite und die harte Außenseite), und man betrachtet ihn als eine harmonische Vereinigung aus weichen und harten Teilen.
Fotos 37 bis 44 zeigen eine Páidǎ-Übung.

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Zuòchán
Zuòchán (jpn. zazen) ist eine entspannte Sitz- und Meditationshaltung, durch welche der dāntián trainiert wird. – Wichtig dabei ist, nicht zu denken. Dies ist jedoch ein schwer zu erreichender Zustand. Durch das bewegungslose Sitzen geschieht Folgendes: Das Natürliche übernimmt die Kontrolle über den Organismus und alle ablaufenden Prozesse. Wir geraten zum Kern aller Dinge, werden zur Schöpfung und zum Verfall, erleben Geburt und Sterben, den Anfang und das Ende aller Dinge. Wir können, wenn wir das Denken abstellen und uns dem Unterbewusstsein hingeben, zur natürlichen Selbstheilung zurückkehren. Des Weiteren wird in dieser Haltung der dāntián sehr gut trainiert, er wird tief in den Körper eingezogen. Das qì wird dadurch durch den gesamten Körper gelenkt. Auch die Atmung reguliert sich auf ganz natürliche, die Gesundheit fördernde Weise.

Abbildung: Meditation in der Zuòchán-Haltung.
Tāiwèi – die Embryonalhaltung
Auch diese Haltung ist ein ursprüngliches Gōng-Übungsprinzip. Es geht darum, den dāntián tief in den Körper einzuziehen und zu bewegen. Die Körperkanäle werden in dieser Haltung geweitet, so dass alles frei fließen kann. Das gilt für den Atem und das Blut gleichermaßen. Die Embryonalhaltung gehört als Übung zu allen ursprünglichen gōng und deren Übungskonzepten dazu, sei es das dǎoyǐn, das xíngqì oder das liàndān. Auch im Yàn Chí Gōng wird sie mehrfach eingenommen (siehe Seite 190).

Foto 45: Embryonalhaltung.
Dàolì – der Handstand
Auch der Handstand ist ein ursprüngliches gōng zur Regulierung des Energieflusses. Durch den Handstand wird der Bauch tief eingezogen. Der gesamte Organismus wird durch diese Haltung gestärkt und gereinigt.
Bekannt ist diese uralte Übung ebenfalls im Yoga, und Bodhidharma integrierte sie ins Shàolín-Training. Sie war aber bereits vorher in daoistischen Übungskonzepten bekannt.

Foto 46: Handstand.
Das Wasser-Gōng
Es gibt zahlreiche, zum Teil außerordentlich wirkungsvolle Übungen, die inzwischen kaum noch bekannt sind. Vieles ist vollständig verloren gegangen und existiert nur noch in Form von Geschichten. Von etlichen Übungen haben sich nur abgeschwächte Varianten erhalten. Zu diesen weitgehend verschollenen Übungen gehören unter anderem das bāduànjǐn (八段锦), das luóhàngōng (罗汉功), das ausgestorbene huǒqìgōng (火氣 功) sowie das shuǐgōng (水功) – das Wasser-Gōng. Das Wasser-Gōng war eine Technik, welche der xiákè Yáng Zuānkuí überlieferte. Er hatte vier Haupt- und einige Nebenschüler, die jedoch im Gegensatz zu den Hauptschülern nicht bei ihm lebten. Meister Xióng Dàomíng, seinen jüngsten Schüler, lehrte er das Yàn Chí Gōng. Seinen kampfstärksten Schüler, Yáng Tiānyou (楊天友), lehrte er das Wasser-Gōng. Jeder Schüler bekam andere Dinge gelehrt, und niemals lernten zwei Schüler das gleiche.
Niemand beherrscht heute mehr das Wasser-Gōng. Die genaue Übungs- und Bewegungsfolge hierfür ist verlorengegangen. Es bestand darin, mehrere Liter kaltes klares Wasser aus einem Eimer in einem Zug zu trinken. Dann spie man das Wasser in einem konzentrierten, sehr kräftigen Strahl wieder aus. Dieser Strahl konnte Ziegelsteine beschädigen oder gar zerbrechen. Zielte man damit auf Menschen, konnte ein Treffer zumindest Augenschäden verursachen.13
Bevor man das Wasser trank, musste man seinen Körper und die inneren Organe durch Bewegungen ausrichten und vorbereiten. Beim Ausspucken des Wassers musste man ebenfalls bestimmte Bewegungen durchführen und seinen Körper positionieren. Man musste hierfür seinen dāntián perfekt beherrschen und von ihm ausgehend natürlich atmen können. Vom dāntián aus steuerte man die Wasseraufnahme und das Ausspeien. Im Grunde kann man sich das so vorstellen, als ob man einen schweren Gegenstand auf eine Luftmatratze mit offenem Ventil legt. Die Luft wird komprimiert und am Ventil stark gebündelt ausgestoßen. Beim Wasser-Gōng übernehmen die Muskeln und das Gewebe die Positionierung des Körpers und seiner Glieder, der dāntián und die Atmung die Funktion der Presse.
In einem Kampf wäre das Wasserspucken wohl schwerlich anwendbar. Aber für die Gesundheit und die Kontrolle des Körpers bis hin zur Kontrolle und Stärkung der Verdauung und aller Funktionen der inneren Organe war die Übung Gold wert. Das gesamte Innenleben unseres Organismus wurde gestärkt. Die Gefäße weiteten sich, wodurch der Fluss besser funktionierte. Der Körper war dadurch in der Lage, seine Kraft vom Inneren heraus vollkommen und flexibel in alle Richtungen zu leiten. Durch das kalte Wasser wurde der Körper zudem von innen her abgehärtet. Mit heutigen Trainingsmethoden trainiert man nur das Korsett des Körpers, mit den klassischen Methoden trainiert und verfeinert man ebenfalls das Innere.
Es gibt eine interessante Anekdote zum Thema Wasser-Gōng. Wie erwähnt, trainierte der kampfstärkste Schüler von Meister Yáng dieses gōng. Sein ältester Gōngfu-Bruder beobachtete ihn heimlich dabei und versuchte, nachdem er meinte, den Ablauf verstanden zu haben, diese Technik auszuführen. Er schaffte es auch, den Eimer Wasser in einem Zug zu leeren. Aber das Problem war nun, dass er das Wasser nicht mehr herausbekam. Mehrere Liter kalten Wassers waren nun in seinem Inneren gefangen, was eine tödliche Gefahr für den Organismus darstellt, wenn man nicht weiß, wie man es wieder von sich gibt. Für die normale Verdauung ist das einfach zuviel. Zwar erbrach er krampfartig einige Tropfen, doch das meiste blieb in seinem Innern. Xióng Dàomíng und Yáng Tiānyou fanden ihn zusammengekrümmt und stöhnend am Boden liegen. Yáng Tiānyou versuchte seinem Gōngfu-Bruder zu erklären, mit welcher Technik er das Wasser wieder herausbekommen konnte, aber jener verstand es nicht. Er konnte sich nicht einmal mehr erheben. Die Schüler wussten sich nicht mehr zu helfen und holten schnell ihren Meister herbei. Dieser wandte sofort einige lebensrettende Maßnahmen an, und nach einiger Zeit ging es dem Pechvogel wieder besser. Es gab dann natürlich noch eine Standpauke vom xiákè, da er ausdrücklich verboten hatte, dass die Schüler sich untereinander austauschten oder voneinander abschauten.
Meditation
Die Übungen, die der Hauptgegenstand dieses Buches sind, bewirken, wenn sie mit der gebührenden Konzentration ausgeführt werden, einen tiefen meditativen Zustand. Meditation ist nichts »Rationales«, das mit Worten erklärt werden kann, denn sobald man Worte verwendet, entfernt man sich von genau dem Punkt, der die Meditation eigentlich erst ausmacht. Meditation schafft einen Zustand der Leere im Geist, in dem keine Gedanken mehr vorhanden sind. Man könnte sagen, der Körper geht zurück zu seinem natürlichen Zustand, in dem nur Instinkte herrschen. Meditation bedeutet das Vergessen des Ichs. Durch leidenschaftliches, hingebungsvolles Üben der Bewegungen des Yàn Chí Gōng erreicht man diesen Zustand ganz von selbst. Dadurch wird es möglich, dass man sich wirklich im »Hier und Jetzt« befinden kann. Das ist für gewöhnlich sehr schwer für uns, da unsere Gedanken ständig mit der Vergangenheit oder der Zukunft befasst sind und wir den Augenblick kaum wahrnehmen. Das Leben findet jedoch im Augenblick statt. Erreicht man einen Dauerzustand der inneren Stille, in dem der Geist immer präsent ist, wird das Herz ruhig wie fließendes Wasser sein. Ein solcher Zustand wird im Chinesischen als píngjìng rúshuǐ (平靜如水) bezeichnet, und er gilt als das höchste Ziel, das in der Kampfkunst erreicht werden kann.
Auch wenn eine direkte Beschreibung dieses wortlosen Zustandes nicht möglich ist, gelang es dem daoistischen Philosophen Zhuāngzǐ (莊子, 4. Jh. u. Z.), ihn mit Hilfe von Geschichten sehr gut darzustellen, von denen zwei hier wiedergegeben werden sollen:
Der Betrunkene fällt vom Wagen
Ein stark betrunkener Mann saß hinten auf einem Pferdewagen und stürzte bei schneller Fahrt herunter. Obwohl er sehr hart fiel, starb er nicht. Er wurde nicht einmal verletzt. Dies war so, weil der Mann überhaupt nicht wusste, dass er auf einem Pferdewagen saß. Genauso wenig wusste er, dass er von einem Pferdewagen herabgefallen war. Die Angst um sein Leben war in seinem Herzen nicht vorhanden. Deshalb konnte er sich nicht zu Tode stürzen.
Betrunkene Menschen sind wie Menschen, die ihr Ich vergessen haben. Menschen, die sich selbst vergessen haben, werden, weil sie sich vergessen haben, den Schutz der Natur bekommen.
Der Frosch und der Tausendfüßer
Ein Tausendfüßer lief vergnügt, geschmeidig und flink über eine Wiese. Ein Frosch, der ebenfalls gerade auf der Wiese war und sich sonnte, erblickte ihn. Ganz erstaunt von dieser Kreatur mit so vielen Beinen, sprang der Frosch auf und hüpfte dem Tausendfüßer hinterher. Mit frechem Mundwerk und voller Neugier fragte der Frosch: »He, du hast so viele Beine und bewegst dich damit. Ich habe hingegen nur vier Beine. Sag mir doch einmal, welchen Fuß du bei so vielen Beinen zuerst bewegst?«
Als der Tausendfüßer diese Frage hörte, hielt er inne und sagte kalt zum Frosch: »Ich weiß nicht, welchen Fuß ich zuerst bewege. Ich darf und will es auch überhaupt nicht wissen. Bitte tu mir den Gefallen und stelle nie wieder einem Tausendfüßer eine solche Frage.«
Die Dinge in der Natur geschehen auf natürliche Weise. Auch unsere Handlungen verlaufen so, solange wir nicht versuchen, sie zu analysieren. Wenn wir über etwas nachdenken, um darüber zu urteilen, werden wir entgegen der Natur handeln und die natürlichen Fähigkeiten verlieren. Wir Menschen können viele Dinge von ganz allein – atmen, leben, kämpfen –, ohne dass man sie uns beibringen muss. Aber durch unsere Sozialisierung verlieren wir unsere Instinkte und unsere Natürlichkeit, weshalb es so schwierig ist, genau dann zu essen, wenn man hungrig ist und zu schlafen, wenn man müde ist. Gedanken sind immer eine Störung des Natürlichen. Meditation bedeutet, die Gedanken zu beseitigen und zur ursprünglichen Leere zurückzukehren, aus der einst alles entstanden ist, der Mensch wie letztendlich auch das gesamte Universum.
Willst du lange leben, lebe langsam
Es ist wichtig, die Übungen des Yàn Chí Gōng so langsam wie möglich auszuführen, bis hin zur Bewegungslosigkeit. Dadurch erreicht man körperlich und geistig den besten Trainingseffekt. Der Kopf bleibt vollkommen frei, ohne Gedanken. Nähme man Zeit und Raum nicht mehr wahr, so wäre dies vermutlich der Zustand der vollkommenen Freiheit, nach dem so viele Menschen verzweifelt suchen. Diese Art des Meditationszustandes kann man durch langsame Bewegungen erreichen. Zeit ist so kostbar wie flüchtig. Wir können sie nicht beeinflussen, nur die Wahrnehmung von ihr können wir verändern. Zeit ist auch ein Gefühl. Albert Einstein beschrieb diese Tatsache mit den folgenden Worten: »Eine Stunde mit einer schönen Frau nimmt man anders wahr, als eine Stunde mit einer alten Matrone.« Obwohl die Zeitstunde von der Länge her bei beiden Frauen dieselbe ist, so sind die Wahrnehmung davon und das Gefühl dafür verschieden.
Wir Menschen leiden oft unter Zeitdruck, und unser ganzes Leben »leidet« gewissermaßen an zeitlicher Begrenztheit. Wenn es uns gelingt, die empfundene Zeit für uns zu verlangsamen, bis wir sie gar nicht mehr wahrnehmen, erreichen wir ein freieres Leben. Das liegt in erster Linie an uns selbst, nicht so sehr an unserem Umfeld. Und es kann durch geeignete Bewegungen erreicht werden. Deswegen spricht man auch von Meditation durch Bewegung. Bei der Übung des Yàn Chí Gōng sowie bei allen anderen Gōng-Übungen geht es darum, dem Menschen ein anderes Bewusstsein zu vermitteln, es geht um körperliche und geistige Gesundheit und Freiheit. Ein geistig gesunder und innerlich freier Mensch wird sich keine Sorgen mehr darum machen, was andere von ihm denken. Er wird erkennen, dass ein Slogan wie »Zeit ist Geld« einzig und allein zu gesundheitsschädlicher Hektik antreibt. Man will die Zeit nicht verschwenden, weil auf diese Weise Geld verschwendet wird. Daraus ergibt sich, dass man alles schnell schaffen will, um die Arbeit so schnell wie möglich fertig zu bekommen und somit mehr Geld zu verdienen. Aber abgesehen davon, dass auf diese Weise oft die Qualität der Arbeit leidet und man letztendlich draufzahlen muss, verliert das Leben durch die Eile seinen wahren Geschmack und seinen Sinn. Es ist wie im Straßenverkehr. Wenn jeder versucht, mit seinem Auto so schnell wie möglich zu fahren, entstehen immer mehr Unfälle und es entstehen immer häufiger Staus. In vielen Ländern hat man bereits erkannt, dass man die Geschwindigkeit begrenzen muss, um mehr Sicherheit und einen besseren Verkehrsfluss zu erlangen.
Viele Menschen wollen alles auch deshalb schnell erledigen, um mehr Freizeit zu bekommen, benötigen dann jedoch ihre Freizeit vor allem dazu, sich von den Folge der Hektik notdürftig zu erholen. Es gibt Fast-Food, das schnelle Essen, welches auf Dauer unseren Organismus nachhaltig schädigt, wohingegen liebevoll zubereitetes Essen, das gemächlich verzehrt wird, unserem Körper gut tut. Wir wollen in jungen Jahren soviel wie möglich schaffen, um dann im Alter endlich Zeit für die »wichtigen Dinge im Leben« zu haben. Doch das funktioniert so nicht. Wer in der Jugend nicht lernt, auf »richtige« Weise zu leben, dem bringt das Alter nur Krankheit und Verdruss, und es ist dann nichts weiter als ein Warten auf den Tod.
So lange wir leben, so lange können wir uns verbessern. Die alten xiákè Chinas betonten, dass man zu allen Zeiten ein Krieger ist. Das bedeutet, egal ob man jung oder alt ist, ob man 25 oder 85 Jahre zählt, dass man keinen Wert auf Zahlen wie das Alter oder den Kontostand legt und dass man sich nicht nach den gesellschaftlichen Regeln definiert. Man behält immer einen freien ungebunden Geist und arbeitet ständig an seinen körperlichen Fähigkeiten. Dazu bedarf es lediglich der richtigen Einstellung und geeigneter Trainingsmethoden. Ein Hauptziel des Gōng-Trainings ist die Zeitvergessenheit im Geist und im Herzen. Zeitvergessenheit ist die höchste Form des Glücks und ein Weg zum Erreichen der Ewigkeit.
Der menschliche Körper und das Universum
Kosmologische Vorstellungen hatten in der chinesischen Kultur, besonders im Daoismus und im Neokonfuzianismus, einen hohen Stellenwert. Die chinesische Lehre von der Gesundheit und der Kampfkunst befasste sich stets auch mit Dingen wie der Alchemie und der Astrologie beziehungsweise der Astronomie. Die chinesischen Tierkreiszeichen sind heute auch in der westlichen Welt in Mode gekommen. Wir möchten an dieser Stelle versuchen, dem Leser ein Verständnis von der chinesischen Ur-Lehre zu vermitteln. Dadurch soll auch ein besseres Verständnis des Begriffs qì erreicht werden.
Die Chinesen nahmen zu allen Zeiten das Universum, die Natur auf der Erde, die Tiere und Pflanzen als Vorbild und leiteten ihr eigenes Handeln und Sein daraus ab. Diese Denkweise ist tief verwurzelt in den Lehren des Daoismus und auch in denen des Buddhismus. Meist ist es so, dass die Konzepte, die Prinzipien und die Philosophie der Übungen aus dem Daoismus stammen, aber durch den Buddhismus verbreitet wurden. So ist es auch der Fall beim Yàn Chí Gōng. Der Daoismus vermarktet sich nicht und verbreitet seine Lehre nicht im großen Umfang, sondern gibt sie nur im innersten Kreis weiter.14 Erst durch den früher häufig stattfindenden Austausch zwischen Daoismus und Buddhismus kam es zu größerer Verbreitung, denn im Buddhismus ist es durchaus üblich, Lehren und Übungen vorbehaltloser weiterzugeben.
Unser Körper und seine im Innern ablaufenden Prozesse bergen immer noch Geheimnisse und unbeantwortete Fragen. Die allerkleinsten Dinge geben uns ähnlich viele Rätsel auf wie das Universum. In der chinesischen Kampfkunstlehre sieht man die allerkleinsten Dinge und die allergrößten Dinge als dasselbe an, als das Nichts, welches jedoch als unterschiedslos zur Unendlichkeit betrachtet wird. Die Unendlichkeit entsteht aus dem Nichts und führt ins Nichts zurück.
Das Universum, von dem unsere Milchstraße und erst recht unsere Erde nur einen winzigen Teil darstellen, ist gemäß dem heutigen Stand der Wissenschaft vor rund 14 Milliarden Jahren durch den Urknall entstanden, sozusagen aus dem Nichts. Mit dem Urknall entstanden auch Raum und Zeit. Seitdem dehnt sich das Universum aus. Es wächst und besteht aus großen Galaxien-Haufen, mit über 100 Milliarden Galaxien, in denen sich unzählbar viele Sterne und Planeten befinden. Zudem ist heute die Annahme verbreitet, dass es im Universum die sogenannte Dunkle Materie gibt, die nur durch ihre gravitative Wirkung erkannt werden kann, sowie die noch rätselhaftere Dunkle Energie, die eine antigravitative Wirkung zu haben scheint und dafür sorgt, dass das Universum sich immer schneller ausdehnt. Alles in allem sind diese Dinge bis heute den Wissenschaftlern sehr rätselhaft.
Wozu diese Exkursion ins All? – In der alten asiatischen Trainingslehre betrachtete man den menschlichen Körper als ein eigenes Universum. Der japanische Kampfkunstmeister Ueshiba Morihei (植芝 盛平, 1883 - 1969)15, dessen Kampfkunst und Philosophie sehr starke esoterische Einflüsse besaß, sagte einst: »Ich bin das Universum.« Er meinte damit, dass das Universum in uns selbst steckt, und damit hatte er nicht unrecht. Man könnte das Universum als einen (menschlichen) Organismus betrachten; dabei entsprächen die Galaxien mit ihren Sternen und Planeten den inneren Organen. Ebenfalls befinden sich viele Gase, aus denen sich in ferner Zukunft neue Galaxien bilden werden, und Substanzen, die von sterbenden, explodierten Sternen stammen, im All. Dies entspricht den Nähr- und Abfallstoffen im lebenden Organismus. Und wie lebende Organismen ist alles im Universum dem Zyklus aus Geburt, Leben und Tod unterworfen. Planeten entstehen, existieren beziehungsweise leben eine Weile und gehen dann wieder unter. Dasselbe trifft auf Sterne zu, auf Sonnensysteme und auf Galaxien. Die Dunkle Materie, die alles im Universum durchdringt und es durch seine Gravitation zusammenhält, ist wie das Bindegewebe (die Faszien) im menschlichen Körper, welches die inneren Organe und die Muskeln verbindet und den Menschen sozusagen zusammenhält. Die Dunkle Energie ist das qì des Universums, so wie auch unser Körper sein qì hat, die Lebensenergie, die alles antreibt. Der Körper und die Gestirne entwickeln sich so lange weiter, bis sie irgendwann sterben und zerfallen und dann in einer neuen Form wieder erstehen. Nichts verschwindet. Beim Menschen dauert dieser Zyklus für gewöhnlich 80 bis 100 Jahre, bei einer Galaxie viele Milliarden Jahre.16
Aber ob ein solcher Lebenszyklus nun 80 Jahre oder 80 Milliarden Jahre dauert, läuft er doch immer wieder gleich ab. Das erkannte schon der römische Kaiser und Philosoph Marc Aurel (121 - 180 u. Z.), der schrieb: »Es spielt keine Rolle, ob man 30 oder 300 Jahre lebt. Denn man sieht und erfährt immer nur das gleiche.« Worauf es ankommt ist, dass der Mensch sich an seinem Leben in seiner ganzen Länge erfreuen und es sinnvoll nutzen kann, in einem gesunden, vom qì erfüllten Körper. Dazu gehört natürlich die richtige geistige Einstellung zum Leben selbst. Auf Chinesisch sagt man dazu xīntài (心態) – die Mentalität beziehungsweise die seelisch-geistige Einstellung zu den Dingen und zum eigenen Leben, sowie zu allem, was einem im Laufe seines Daseins begegnet. Wörtlich übersetzt bedeutet xīntài die »Form des Herzens«, womit die Chinesen ausdrücken, wie wichtig eine ruhige und gelassene Einstellung des Herzens für den Menschen, sein Leben und auch seine Gesundheit ist. Äußere Dinge und Erscheinungen liegen oftmals oder gar zum größten Teil außerhalb des eigenen Einflusses. Man kann sogar sagen, je mehr man etwas kontrollieren, beeinflussen oder erreichen möchte, desto wahrscheinlicher wird man es nicht erreichen. Aber auf die Form seines Herzens kann jeder selbst Einfluss nehmen und dadurch Leben und Gesundheit beeinflussen. Auch das Geistige gehört zum gesunden Qì-Fluss. Ein wichtiger Punkt ist in diesem Zusammenhang eine gewisse Grundzufriedenheit mit dem eigenen Dasein.
Durch das Training der Kampfkunst lernt man seine körperlichen Grenzen kennen. Man begreift, dass alles im Leben begrenzt ist und dass man nur mit dem arbeiten kann, was einem zur Verfügung steht. Menschen haben den Drang, nach immer mehr zu streben. Das ist, solange diese Eigenschaft in konstruktive Bahnen geleitet wird, der eigenen Zufriedenheit zuträglich. Doch wehe, wenn dieses Streben destruktive Formen annimmt. Neid beispielsweise kann einen Menschen regelrecht »zerfressen«. Viele von uns bedauern vertane Chancen oder mangelndes Glück. Aber verschüttetes Wasser kommt nicht zurück in den Krug. Wünsche wie: »Ach, hätte ich doch …«, sind müßig, denn die Vergangenheit lässt sich nicht ändern. Verändern können wir lediglich unsere Einstellung zum Geschehenen. Menschen können an solchen Gedanken zerbrechen und sich damit selbst zerstören. Das Gegenmittel heißt Zufriedenheit mit der eigenen Situation. Das müßige Streben der Menschen nach Ruhm und Perfektion ist nichts weiter als ein gieriger und trotziger Schrei des Egos. Da alles im Leben zwangsläufig beschränkt ist, kann nur Zufriedenheit mit der Lebenssituation Gesundheit und Lebensglück herbeiführen. Solch einen Zustand zu erreichen, ist nicht einfach, aber es ist möglich. Das gezielte Training des Körpers durch gōng, das den Geist zur Ruhe bringt und einem die natürlichen Grenzen aufzeigt, ist ein Weg zur Zufriedenheit. Zufriedenheit ist wahres Glück.
Johann Wolfgang von Goethe sagte einst: »Der ist der glücklichste Mensch, der das Ende seines Lebens mit dem Anfang in Verbindung setzen kann.« So wie das Universum dem Nichts entsprungen ist, so sind wir es auch, und so wie es einst wieder ins Nichts zusammenfällt, so zerfallen auch wir. Unendlich Kleines wird zu unendlich Großem, alles bewegt sich in einem ewigen Kreislauf. Wenn das Leben uns mit Schicksalsschlägen niederdrückt, wenn wir von Sorgen geplagt werden, dann empfiehlt es sich, in einer sternenklaren Nacht zum Himmel aufzublicken und sich bewusst zu machen, dass man sich tatsächlich mitten im unermesslichen Weltall befindet und dass angesichts dieser Unermesslichkeit alle irdischen Dinge letztendlich bedeutungslos sind. Und dass für uns allein die Tatsache zählt, dass wir existieren.
Mit dem richtigen Verständnis und geeigneten Methoden können Sie das Universum ihres Körpers erforschen und es mit sich selbst in Einklang bringen. Begeben Sie sich auf diese spannende Reise mit einer Urübung für Gesundheit und Stärke – dem Yàn Chí Gōng.

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Leben ist Bewegung, Bewegung ist Leben
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