Kitabı oku: «USA»
Hannelore Veit

David Kriegleder
USA
Stimmen aus einem gespaltenen Land

Inhalt
Zu diesem Buch
Einleitung
Transatlantische Gedanken
STIMMEN AUS EINEM GESPALTENEN LAND
Der Revolutions-Führer
NEW YORK Eine Tour der etwas anderen Art durch den Big Apple
Der Konservative
NORTH DAKOTA Mit voller Überzeugung für Trump
Die Abtrünnigen
TEXAS Der Kampf um die Stimmen der christlich-evangelikalen Wähler
Der Realist
WASHINGTON, DC Der afroamerikanische Kampf gegen Rassismus
Die Kalifornierin
KALIFORNIEN Das Leben im etwas anderen Bundesstaat
Die Dreamer
KALIFORNIEN Aufgewachsen in den USA – aber nur geduldet
Der Außerirdische
NEVADA Schräge Begegnungen der dritten Art in der Wüste
Die Camper
MASSACHUSETTS Der Traum vom Leben am Highway
Die Süchtigen
VIRGINIA – WEST VIRGINIA – NEW HAMPSHIRE Wie die Opioidkrise ländliche Gemeinden vergiftet
Die Business-Kids
VIRGINIA – KALIFORNIEN – NEW YORK Wie Amerikas Nachwuchs zum Unternehmertum erzogen wird
Die Karrierefrau
WASHINGTON, DC – CONNECTICUT Neu durchstarten mit 70
Die Aussteigerin
PUERTO RICO Umdenken nach dem Hurrikan – wie »Earthships« nachhaltiges Leben ermöglichen
Die Farmerin
MARYLAND Mit Regional und Bio aus der Corona-Krise
Der Extremist
VIRGINIA Wie die einflussreiche US-Waffenlobby ihren Kampf auf die Straße trägt
Die Nanny
WASHINGTON, DC – SOUTH DAKOTA Studierende zwischen Bildungsschulden und Zukunftshoffnungen
Der Insider
WASHINGTON, DC Big John, der Journalist im Weißen Haus
Die Trumpette
FLORIDA Eine Society-Lady wirbt für Trump
Die Parteisoldatin
IOWA Wie die Demokraten um ihren Kandidaten und um Trump-Wähler ringen
Ein Land am Scheideweg
Verwendete und empfohlene Literatur
Zu diesem Buch
Die Pandemie hat alles auf den Kopf gestellt. Das gilt auch für dieses Buch, an dem wir seit über einem Jahr schreiben. Ein Buch über die Vereinigten Staaten, das schon mehrmals vor der Veröffentlichung stand, zuletzt als der Ausbruch der Corona-Krise plötzlich alle politischen und gesellschaftlichen Gewissheiten infrage stellte: der Lockdown, die Wirtschaftskrise, die für viele Europäer nur schwer nachvollziehbare, unbeholfene Reaktion der Regierung und der Gesellschaft auf das Virus. Es war nicht das erste Mal, dass aktuelle Ereignisse unseren Zeitplan durcheinanderbrachten. Ende 2019 standen wir kurz vor der Publikation, als der US-Kongress ein Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Donald Trump einleitete. Mit so viel Ungewissheit konnten wir nicht in Druck gehen. Und nun, während wir diese Zeilen schreiben, haben landesweite Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus das Land in neue Unsicherheit gestürzt. Wieder mussten wir Kapitel umschreiben, neu schreiben oder auf den neuesten Stand bringen.
Wie schreiben über ein Land, das seit vier Jahren kontinuierlich von einer Krise in die nächste zu schlittern scheint? Wie in Buchform berichten über eine Nation, deren tagesaktuelle Entwicklungen so rasant vorbeirasen, dass sie selbst dem hyperaufmerksamen und geschulten Journalisten und Medien-Junkie regelmäßig Schwindel bereiten?
Diese Frage stand am Anfang unseres Buchprojekts. Es sollte kein Buch über den US-Präsidenten werden, der mit oft bizarren Auftritten, mit seinen medialen Inszenierungen und seinen autoritären Instinkten ohnehin seit vier Jahren täglich die nationale und internationale Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ebenso wenig wollten wir ein Buch über den Wandel der amerikanischen Außenpolitik schreiben, wenngleich uns Europäer dieser Aspekt am meisten betrifft und vor den Kopf stößt. Stattdessen wollten wir Amerikaner ins Zentrum unseres Buches stellen und die Menschen selbst zu Wort kommen lassen: US-Bürger aus allen Gesellschaftsschichten und Landesteilen, die wir im Zuge unserer vielen Reportagereisen als ORF-Korrespondenten getroffen haben. Wir wollten »Stimmen aus einem gespaltenen Land« wiedergeben.
Es sind Porträts, die das vielfältige und einzigartige Gesellschaftsmosaik der USA widerspiegeln, das wir in den vielen Jahren unserer US-Aufenthalte kennengelernt, erlebt und lieben gelernt haben. Charaktere und Lebensgeschichten, die vom unbeugsamen Pioniergeist, Tatendrang und Individualismus zeugen, die dieses Land groß gemacht haben. Menschen, deren tägliche Herausforderungen, Hoffnungen und Ängste die gesellschaftliche Wirklichkeit dieses komplexen Landes abbilden.
Religion, Rassismus, Revolutionssehnsüchte, Waffenbesitz, UFOs, Glamour, Drogensucht, Einwandererträume und Klimawandel – das sind nur einige der Themen, die wir mit der Auswahl unserer Buch-Charaktere mit Leben erfüllen wollen. Wir wollen ihre Geschichten erzählen, um sie dem Leser näherzubringen. Wir hoffen, damit zum besseren Verständnis der USA beizutragen, abseits der Schlagzeilen des 24-Stunden-Nachrichtenzyklus, denen wir als Journalisten sonst im Alltag hinterherhechten.
Zugleich haben wir Menschen porträtiert, deren Leben die tiefen Missstände und sozialen Verwerfungen zum Ausdruck bringen, die sich in den letzten Jahrzehnten weiter verschärft haben – oder, wie David es noch drastischer ausdrücken würde: die USA an den Rand des Abgrunds gedrängt haben. Die extreme Polarisierung, das Misstrauen zwischen Jung und Alt, Stadt und Land, Arm und Reich, zwischen links, rechts und dem Zentrum des politischen Spektrums – all das spiegelt sich in den Kapiteln unseres Buches wider. Ebenso die zunehmend abgeschotteten Wahrnehmungsblasen, in denen sich die unterschiedlichen Gesellschaftsteile bewegen. Unversöhnlich prallen diese Parallelwelten derzeit aufeinander. Ein Hauch von 1968 liegt in der Luft, vielleicht auch 1972. Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.
Hannelore Veit und David Kriegleder
Washington, im Juni 2020
Einleitung
Transatlantische Gedanken, Teil 1
David Kriegleder
Kapuzenpullover am Haupt, Latexhandschuhe an den Fingern, N95-Atemschutzmaske im Gesicht. So sitze ich regungslos auf meinem Fensterplatz, etwa 12 000 Meter über dem Meeresspiegel. Aus meinen Kopfhörern tönt der Bass von elektronischer Musik, der sich mit dem dumpfen Dröhnen der Boeing-787-Passagiermaschine vermischt. Unter uns zieht glitzernd der Atlantische Ozean vorbei. So weit wie dieser Tage kam er mir noch nie vor. Und die Reise aus Europa in die Neue Welt selten so lang.
Ich bin auf dem Weg zurück in die USA, jenes Land, das ich seit zwei Jahren mein Zuhause nennen darf. Ein Land, in dem ich schon Teile meiner Kindheit, Jugend- und Studentenjahre verbracht habe und das mich trotz aller Ambivalenz, die ich empfinde, immer wieder zu sich ruft. Auch inmitten der Corona-Krise. Unser Flieger ist in diesen Zeiten der geschlossenen Grenzen nur zu einem Drittel gefüllt – Social Distancing fällt da nicht schwer. Mit an Bord: US-amerikanische Rückkehrer, Diplomaten, gereiztes Flugpersonal in Schutzkleidung.
Dass ich während der Pandemie meine Familie in Österreich besuchen und danach in die USA zurückkehren kann, verdanke ich der österreichischen Botschaft in Washington. Sie hat mit viel Geschick eine spezielle Wiedereinreise-Genehmigung für Journalisten organisiert, eine Ausnahmeregelung für den vom Weißen Haus verhängten Corona-Reisebann für Schengen-Bürger. Viele andere internationale Korrespondenten haben dieses Glück nicht gehabt.
Die USA waren für mich stets so etwas wie eine zweite Heimat – ein Ort, den ich mit vielen positiven Erlebnissen, Erinnerungen und Menschen verbinde. Aber so richtig willkommen fühle ich mich hier in letzter Zeit nicht mehr. Während ich an Bord meines Fluges das Zollformular ausfülle, stelle ich mich im Kopf bereits auf die langwierige und peinliche Befragung durch die US-Einwanderungsbehörden ein, die schon zum Fixritual bei meinen Einreisen geworden ist. Journalisten, einheimische und ausländische, werden im Land der Pressefreiheit immer öfter als Störenfriede behandelt. »Gibt es in Österreich nicht genug zu berichten, dass Sie hierherkommen müssen?«, hat mich ein US-Grenzbeamter schon einmal forsch gefragt.
Die offene, herzliche und unbekümmerte Landesmentalität der USA, die ich so schätze, ist in den vergangenen 20 Jahren spürbar einer tiefen Verunsicherung und Verbitterung gewichen, das merke ich auch in Gesprächen mit amerikanischen Freunden und den Porträtierten in diesem Buch. Was sagt man in Europa zu unserem Chaos? Wieso funktionieren gewisse Dinge bei euch und bei uns nicht? Ist in Österreich wirklich jeder krankenversichert? Es sind Fragen, die von der tiefen Identitätskrise zeugen, in der dieses Land steckt – der unbeugsame Fortschrittsglaube seiner Menschen hat schweren Schaden erlitten. Das gesellschaftliche Fundament der USA erlebe ich zunehmend als ausgehöhlt, wie eine leere Simulation seiner selbst. Es ist ein Land, in dem mittlerweile weder der Staat noch der Markt wirklich funktionieren. Und die Amerikaner scheinen es zu spüren: »In Bezug auf unsere politischen und sozialen Institutionen kann ich mir nicht verkneifen, zu denken: Lasst sie doch alle brennen« – dieser Aussage schließen sich laut der viel beachteten politikwissenschaftlichen Studie »A Need for Chaos« (Petersen, Osmundsen & Arceneaux, 2018) ganze 40 Prozent der befragten US-Bürger an. Laut Gallup-Umfrage haben 59 Prozent der Amerikaner kein Vertrauen mehr in ihre Demokratie und die Fairness ihrer Wahlen. Über 60 Prozent sind der Meinung, das Land sei auf dem falschen Weg.
Die Corona-Krise hat die sozialen Missstände und internen Spannungen noch einmal verstärkt und die gesellschaftlichen Vorerkrankungen des Patienten USA gnadenlos offengelegt. Es ist nicht das erste Mal, dass die USA mit einer Pandemie ringen, nicht das erste Mal, dass das Land eine schwere Wirtschaftskrise erlebt. Und nicht das erste Mal, dass der US-Kongress versucht hat, einen US-Präsidenten des Amtes zu entheben. Doch noch nie fand all das im selben Jahr statt, noch dazu in einem Wahljahr. Politische Beobachter in den USA sprechen daher immer öfter von ernsthaften Anzeichen und Symptomen eines gescheiterten Staates. Das amerikanische Selbstverständnis ist jedenfalls infrage gestellt und mit ihm die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs etablierte internationale Staatenordnung. Die Vereinigten Staaten sind mit sich selbst beschäftigt und ziehen sich international zurück. Zwischen Europa und Washington sind tiefe Gräben entstanden, nicht erst seit der nationalistischen »America First«-Politik Donald Trumps. Man ist sich fremd geworden diesseits und jenseits des Atlantiks.
Es sind Entwicklungen, die mich nachdenklich stimmen. Als unsere Boeing-Maschine zum Landeanflug ansetzt, überkommt mich eine tiefe Melancholie. Wir gleiten am Potomac-Fluss entlang, Washingtons Innenstadt zieht am Fenster vorbei: die Gedenkstätten historischer Präsidenten, steinerne Mahnmale aus besseren Zeiten; das Weiße Haus, das dieser Tage mehr denn je einer verbarrikadierten Festung gleicht; der überfüllte Soldatenfriedhof Arlington, Zeugnis eines wankenden Imperiums. Ich habe Transatlantikflüge in die USA lange als magisch empfunden – als Reisen, die über die Überwindung von räumlicher Distanz hinausgehen. Gleich einer Zeitmaschine, bei der jedes Mal unklar ist, ob sie in Richtung Zukunft oder in Richtung Vergangenheit steuert. Oder überhaupt in ein Paralleluniversum, vertraut und gleichzeitig fremd. Vieles hat sich verändert in diesem Land – manches davon offensichtlich, manches subtil. Ach Amerika, wie sehr ich dich noch immer bewundere und gleichzeitig bedaure.
Transatlantische Gedanken, Teil 2
Hannelore Veit
Es sind erste Eindrücke, die prägen. Meine ersten Eindrücke der USA gehen auf die 1980er Jahre zurück. Als junge Fulbright-Studentin kam ich hierher, es war ein unglaubliches Gefühl der Freiheit, der Weite, des Willkommen-Seins in diesem Land. Ich hatte das Gefühl, mit offenen Armen aufgenommen zu werden. Die Menschen hier wollten zeigen, was für ein demokratisches, weltoffenes und großartiges Land sie sind. Viele der Menschen, die ich als Studentin kennengelernt habe, zähle ich auch heute noch zu meinen Freunden.
30 Jahre später kam ich als Korrespondentin zurück in ein Land, das sich total verändert hatte, ein Land, in dem ich mich als Ausländerin, auch als Europäerin, nicht mehr uneingeschränkt willkommen fühle. Der 11. September 2001 hat dieses Land verändert. Nach mehr als zehn Jahren Krieg in Afghanistan und im Irak haben die USA das Interesse am Rest der Welt verloren. Die Haupt-Nachrichten: local news. Mit Donald Trump im Weißen Haus hat sich das alles noch drastisch verschärft. America First – der Rest der Welt zählt nicht. Und im Inneren ist die Kluft so tief geworden, dass ein Dialog nicht mehr möglich scheint. Die, die versuchen zu vermitteln, die einen Kompromiss suchen, werden nicht gehört, weder in der Politik noch in der Gesellschaft. Republikaner und Demokraten können schon längst nicht mehr miteinander. Es geht um Machtspiele in Washington – um nichts sonst. Trump-Anhänger leben in ihrer eigenen Welt, sehen Donald Trump, wie es eine meiner Interviewpartnerinnen sagte, als einen, der »den Sumpf trockenlegen wollte, aber nicht gewusst hat, wie viele Alligatoren in diesem Sumpf leben«. Trump-Gegner können es nicht fassen, dass dieser Egozentriker, der andere anpöbelt, aber selbst nicht die geringste Kritik verträgt und beratungsresistent ist, das Amt des Präsidenten innehat, ein Amt, um das in Zeiten vor Donald Trump immer ein Hauch von Ehrfurcht geweht hat. Jeder lebt in einer Blase, holt sich die Informationen dort, wo er oder sie sicher sein kann, dass sie die eigene Meinung widerspiegeln. Niemand will Argumente dafür und dagegen hören. Der Präsident macht es vor: Desinformation wird so oft wiederholt, bis sie salonfähig ist.
Ich versuche in meinen Kapiteln des Buches, Amerikaner zu Wort kommen zu lassen und möglichst wenig zu werten – auch wenn es, das muss ich zugeben, manchmal schwerfällt.
Die USA sind heute ein tief gespaltenes Land. Und doch erlebe ich immer wieder, wie das Amerika aufblitzt, das ich aus meiner Studentenzeit in Erinnerung habe. Es ist immer noch das Land der Weite, der Freiheit und der freien Meinungsäußerung, ein Land, das gerade im Frühsommer 2020 mit der Protestwelle gegen Rassismus eine intensive Phase der Konfrontation mit der eigenen Geschichte durchlebt. Eine Phase, aus der dieses Land, und da teile ich die Meinung meines afroamerikanischen Gesprächspartners Doug im Kapitel »Der Realist«, lernen und hoffentlich gestärkt hervorgehen wird. Die USA sind eine stabile Demokratie mit gut verankerten Kontrollen der Macht, auch der Macht des Präsidenten: Die »checks and balances«, die in der Verfassung festgelegt sind, garantieren, dass der Kongress, der Präsident und die Gerichte einander kontrollieren. Bis jetzt haben sie funktioniert – der Präsident, der am liebsten allein regieren würde, wird gebremst vom Kongress und von den Gerichten.
Wir kritisieren die USA oft und heftig, weil wir das können – weil Kritiker nicht im Gefängnis landen oder »verschwinden«, weil ich als ausländische Journalistin nicht damit rechnen muss, Repressalien ausgesetzt zu sein. Es sind nach wie vor gemeinsame Werte, die die USA und Europa verbinden.
Die meisten Gesprächspartner, die ich getroffen habe (zugegeben nicht alle), mag ich einfach persönlich, ob ich ihre politische Einstellung jetzt goutiere oder nicht. Willkommen habe ich mich bei der konservativen Familie in Fargo genauso gefühlt wie bei der Anything-But-Trump-Universitätslektorin in Kalifornien. Ich kenne Freundschaften zwischen Trump-Gegnern und Trump-Unterstützern, die weiter bestehen, weil beide Seiten gelernt haben, das Thema Trump auszuklammern.
Mag sein, dass hier die unverbesserliche Optimistin in mir spricht, aber ich habe in all den Jahren, die ich hier gelebt habe, so viele Aspekte dieses Landes kennengelernt, dass ich aus voller Überzeugung sagen kann: Trotz aller Kritik, die ich übe, liebe ich dieses Land. Wie es ein amerikanischer Freund ausdrückt: Das schönste an diesem Land ist seine Fähigkeit, sich nach dunklen Kapiteln der Geschichte neu zu finden.
STIMMEN AUS EINEM GESPALTENEN LAND
Der Revolutions-Führer
Eine Tour der etwas anderen Art durch den Big Apple
New York
David Kriegleder
»Herzlich willkommen in New York City! Eines gleich vorweg: Das hier ist nicht Disneyland – hier wird nichts schöngeredet, wir nennen die Dinge beim Namen – the Good, the Bad and the Ugly.« Michael Pellagattis Blick wandert selbstbewusst über das Dach des offenen Doppeldecker-Busses. Alle Sitzplätze sind belegt, er wirkt zufrieden – es ist Hochsaison, noch vor der Corona-Krise, und seine heutigen Gäste, internationale Besucher und US-Amerikaner, lauschen den Worten des 32-jährigen Touristenführers aufmerksam. »Ich bin New Yorker der fünften Generation und kenne diese Stadt wie meine Westentasche«, fügt Pellagatti mit kantigem New Yorker Akzent hinzu. Er trägt ein schwarzes Barrett und eine verspiegelte Sonnenbrille – in der linken Hand hält er einen ausziehbaren Teleskopstock, den rechten Arm zieren mehrere Tätowierungen.
Der rote »Hop on Hop off«-Bus setzt sich in Bewegung, manövriert im Schritttempo durch den zähen New Yorker Morgenverkehr rund um den berühmten Times Square. Gigantische Leuchtreklamen flackern von den Gebäudefassaden. Grelle Bildschirme wetteifern um die Aufmerksamkeit der Passanten – werben für Broadway-Musicals, Sportschuhe und Aftershave. Ein buntes Kaleidoskop, nein, Stroboskop spätkapitalistischer Ekstase. Im Hintergrund das Hupen genervter Pendler, begleitet vom Dröhnen mehrerer Presslufthämmer, ein Fußgänger schimpft lautstark auf einen vorbeisausenden Radfahrer. »Ahh, hört ihr das? Bei dieser Geräuschkulisse wird mir gleich ganz warm ums Herz«, sagt Pellagatti – »das ist die wahre Symphonie New Yorks, vergesst die noblen Orchester. Darum reden wir New Yorker auch so laut, sonst hört uns keiner, vielleicht sind wir deswegen alle ein bisschen neurotisch!«
Pellagatti trinkt aus seiner Wasserflasche, atmet kurz durch und widmet sich sofort wieder mit vollem Elan seinen Tour-Gästen. Er ist ein wandelndes Lexikon der Stadt – kaum ein Straßenblock, den er nicht mit einer historischen Anekdote kommentiert.
»In diesem Gebäude ist Nikola Tesla gestorben … und in dieser Nachbarschaft wurde Präsident Franklin D. Roosevelt geboren … Und hier haben sich die irischen Hafenarbeiter angesiedelt, nachdem man sie vom alten Dock am East River vertrieben hatte.«
Der Bus biegt in die 34. Straße ein. »Hier zu meiner Linken sehen sie Macy’s, eines der größten Kaufhäuser der Welt«, erzählt der junge Guide, »das Gebäude soll demnächst zu einem Wolkenkratzer umgebaut werden, die Amazon-Konkurrenz setzt ihnen offenbar ziemlich zu …«
»… Zu meiner Rechten befindet sich das berühmte Empire State Building, wussten Sie, dass es ursprünglich als Zeppelin-Landeplatz konzipiert war?«
»… Und hier in dieser Kirche hat Trump seine Melania geheiratet – the GREATEST wedding ever«, ergänzt er mit einer gekonnten Stimm-Imitation des US-Präsidenten.
Die Occupy-Wall-Street-Tour
Michael Pellagatti ist seit sechs Jahren als Touristenführer in Manhattan tätig. Zwei bis drei solcher Bus-Rundfahrten absolviert er pro Tag, 17 Dollar beträgt der Stundenlohn. »Kein Vermögen, aber ich bin krankenversichert, das ist das Wichtigste.« Nebenbei jobbt er als freischaffender Pressefotograf. Doch Michaels Herzblut steckt in einem anderen Projekt, seiner sogenannten Occupy-Wall-Street-Tour. Bei dieser Spezialführung habe ich ihn 2016 kennengelernt und für eine ORF-Sondersendung zur Wahlnacht interviewt. Thema des damaligen Beitrags war die Frage, wie die junge Generation der unter 35-Jährigen, manchmal auch »Millennials« genannt, politisch tickt. Eine Frage, die untrennbar mit einer Protestbewegung verknüpft ist, die hier in New York City im Jahr 2011 ihren Ausgang genommen hat.
»Occupy Wall Street war so etwas wie die politische Geburtsstunde meiner Generation«, erzählte mir Michael Pellagatti bei unserem ersten Treffen. Er selbst stand im September 2011 an vorderster Front, als Tausende junge Menschen einen Straßenblock rund um die New Yorker Börse mit Zelten besetzt hielten, ein Protest gegen die Nachwehen des 2008 kollabierten Finanzsystems, gegen die Gier der großen Investmentbanken, gegen die Untätigkeit der Politik. Nach knapp zwei Monaten wurde das Protestcamp schließlich recht brutal geräumt – noch heute hat Pellagatti Videos auf seinem Mobiltelefon, die zeigen, wie die weitgehend friedlichen Demonstranten von übereifrigen Polizisten mit Pfefferspray eingekesselt wurden.
»Präsident Obama hat die Räumung des Protestcamps damals zugelassen – für uns ist er damit gestorben und damit auch die Hoffnung, dass sich dieses System durch Wahlen ändern lässt.«
Die Protestbewegung sei zwar mit ihren Zielen und Forderungen gescheitert, aber sie habe damals die Büchse der Pandora geöffnet und landesweit viele weitere Protest- und Bürgerrechtsbewegungen inspiriert, sagt Pellagatti. »Für mich wurde damals klar, dass ich mich politisch und vor allem aktivistisch engagieren muss – ich habe mein überteuertes und nutzloses Studium abgebrochen und mich mit Gleichgesinnten vernetzt. Ich habe mir damals unzählige Bücher gekauft und begonnen, die sozialrevolutionäre Geschichte meiner Heimatstadt zu studieren.«
Mit seiner Occupy-Wall-Street-Tour will der junge New Yorker den Geist der Protestbewegung am Leben erhalten und interessierten Besuchern aus aller Welt vermitteln – zuletzt etwa einer Studentengruppe aus dem deutschen Münster.
»Ich habe auch schon Schulklassen bei meiner Tour begrüßt, einige Schüler haben mir dann ein paar Wochen später geschrieben, dass sie nach meiner Tour zum ersten Mal selbst an einer Demonstration teilgenommen haben – das war ein echtes Erfolgserlebnis.«
Die Tourismusbranche sei ein idealer Ort für politischen Aktivismus, eine Sphäre, in der sozialrevolutionäre Theorie und Geschichte unterhaltsam und gleichzeitig bewusstseinsbildend vermittelt werden könne, so Pellagatti. »Und bei den Tour-Gästen kommt mein Stil überraschend gut an, den touristischen Einheitsbrei kann man ja ohnehin woanders nachlesen.«
Der rote Tour-Bus fährt an den Hudson Yards vorbei – einem kürzlich aus dem Boden gestampften und neu eröffneten Luxus-Stadtviertel entlang der 11th Avenue. Mehrere gläserne Wolkenkratzer beheimaten dort Nobelapartments – darunter befindet sich ein riesiges, steriles Einkaufszentrum mit Boutiquen namhafter Marken. Vor dem Eingang ragt eine etwas bizarr anmutende Kunstskulptur in den Himmel, das sogenannte »Vessel«. Sie besteht aus über 150 ineinander verzahnten und protzig verkupferten Treppenaufgängen, die, auf 16 Stockwerke gestapelt, Besucher zum kostenpflichtigen Erklimmen anregen sollen und vom Kritiker der »New York Times« spöttisch als »mistkübelförmiges Treppenhaus ins Nichts« bezeichnet wurde.
Der gesamte Hudson-Yards-Gebäudekomplex wird nach seiner Fertigstellung über 20 Milliarden Dollar gekostet haben – das teuerste privat finanzierte Immobilienprojekt der US-Geschichte. Viele New Yorker sehen darin aber vor allem eine architektonische Sünde und einen weiteren öffentlichen Ort, der alles bietet außer Sitzbänken und somit zum Konsum zwingt, statt zum Verweilen einzuladen.
»Hier sehen Sie eine weitere Oase der Superreichen«, richtet sich Mike Pellagatti an seine Tour-Gäste, ohne seine Abneigung gegenüber dem neuen Stadtviertel zu verbergen. »Ein weiterer Ort, an dem Menschen mit zu viel Einkommen ihr Geld in irgendwelchen gläsernen Wolkenkratzern anlegen können – ja, von denen haben wir hier in New York wahrlich mehr als genug.«
Die US-Immobilienbranche sei seiner Meinung nach überhaupt der größte Killer der US-Mittelklasse, erzählt mir Mike anschließend im Interview, »sogar noch schlimmer als die Finanzbranche«. Wundere es irgendjemanden, dass ausgerechnet ein Bauherr und Immobilienhai aus New York im Weißen Haus sitzt?
Stadt des Widerstands, Stadt der Armut
Pellagattis Ausführungen verdeutlichen: New York City besitzt in den Vereinigten Staaten der Gegenwart eine interessante Doppelrolle. Die Metropole ist die ehemalige Heimatstadt Donald Trumps – das Biotop, in dem er zum Baumogul aufgestiegen ist. Gleichzeitig verkörpert die Stadt die absolute Antithese zu Trumps Amerika. Das multikulturelle und bunte New York ist eine Hochburg der Demokraten. Hillary Clinton war Senatorin des Bundesstaates New York, ehe sie gegen Trump ins Rennen ging und den Kürzeren zog.
Mike Pellagatti hat bei den Vorwahlen 2016 den demokratischen Sozialisten Bernie Sanders unterstützt, der seiner Konkurrentin Clinton nur knapp unterlag. Sanders ist zum Zeitpunkt unseres Treffens erneut im Rennen um das Weiße Haus, doch der junge New Yorker bezweifelt, dass ihn die Demokraten wirklich zu ihrem Kandidaten nominieren werden. »Das ist doch alles geschoben: Unser politischer Prozess ist mittlerweile eine einzige Reality Show und deswegen hat Trump gute Karten, wiedergewählt zu werden. Ich denke, die aufrichtigen Demokraten werden es schwer haben, mit Inhalten durchzukommen, und ich befürchte, dass die Dinge zuerst noch viel schlechter werden müssen, ehe sie wieder besser werden. Wer weiß, vielleicht steht der nächste Finanzcrash schon vor der Tür?«
Der Tour-Bus fährt weiter und erreicht den Stadtteil Greenwich Village – Pellagatti setzt seine revolutionär angehauchte Stadtführung fort.
»Zu unserer Linken befindet sich jener Straßenblock, in dem in den 1960er Jahren die berühmten Stonewall-Proteste stattfanden, die sich heuer zum 50. Mal jähren. Hier haben sich Homo- und Transsexuelle im Kampf um Bürgerrechte Straßenschlachten mit der New Yorker Polizei geliefert …«
»… Und an dieser Ecke haben New Yorks Straßenmusiker vor mehreren Jahrzehnten das Recht erkämpft, ohne Genehmigung allerorts spielen zu dürfen – dieses Recht gilt bis heute. Sehen Sie, in diesem Land wird einem nichts geschenkt, alles muss erkämpft werden – glauben Sie mir, ich bin der Sohn italienischer Einwanderer und weiß, wovon ich spreche …«
»… Ach ja, und bevor ich’s vergesse, an dieser Ecke hier kriegt ihr die besten Mac and Cheese der ganzen Stadt!«
Die aktuelle Situation der Stadt erinnere ihn frappant an die historischen Schilderungen über das New York der 1920er Jahre, sagt Pellagatti. Die Wirtschaft boome, die Reichen werfen mit Geld um sich, aber ein Großteil der Bewohner bleibe auf der Strecke. »Ich habe noch nie so viele Obdachlose gesehen wie jetzt …« Einige von ihnen würden in der Nacht auf der Straße schlafen und tagsüber in der Stadt arbeiten gehen – denn die Mieten seien dermaßen in die Höhe geschossen, dass sich auch viele berufstätige Menschen kaum noch ein würdiges Wohnen leisten können. Das Gleiche gelte für die Lebensmittelpreise, »und dann spüren wir auch noch die Auswirkungen von Trumps Zöllen auf chinesische Importprodukte.«
Viele seiner Freunde seien in den vergangenen Jahren aus New York City weggezogen, weil sie sich das Leben hier nicht mehr leisten können, erzählt Pellagatti, »aber sie können es sich ebenso wenig leisten, zu weit weg zu ziehen, denn die Jobs sind alle in der Stadt – eine echte Zwickmühle.«
Auch er selbst sei vor Kurzem wieder zurück in die Wohnung seines Vaters im angrenzenden New Jersey gezogen, um Geld zu sparen – denn sein Touristenbus-Unternehmen könne ihm nicht immer genug Arbeitsstunden garantieren. Mikes zwei jüngere Brüder leben noch im Apartment ihrer Mutter. »Unsere Elterngeneration hat zumindest noch fixe Jobs, meine Mom arbeitet seit Jahrzehnten beim selben Arbeitgeber, einer amerikanischen Airline – von so viel Beständigkeit kann meine Generation nur träumen, wir werden mit der Gig-Economy, der Vergabe von Mini-Aufträgen, verarscht.«
Der Traum von Hawaii und die harte Wirklichkeit in New York
Pellagatti wollte sich angesichts so großer wirtschaftlicher Unsicherheit eigentlich ein zweites Standbein aufbauen – als saisonaler Touristenführer auf den US-amerikanischen Pazifikinseln Hawaii. Er habe dort über sein Occupy Wall Street Aktivisten-Netzwerk Kontakte geknüpft und die Hauptinsel Oahu mehrmals besucht. »Viele Leute sagen, wir fliegen nach Hawaii, wir gehen ins Paradies – Strand, Piña Colada, Hula-Mädchen mit Blumenkränzen –, aber das entspricht nicht der Realität: Der Bundesstaat hat das größte Obdachlosen-Problem im ganzen Land.« Und die Tourismusbranche dort verschleiere die Probleme, weswegen er gerne eine alternative Hawaii-Tour auf die Beine gestellt hätte. Doch die strengen Regulierungen und die Bürokratie Hawaiis hätten diesen Plan vorerst zunichte gemacht. »So bleibt mir nichts anderes übrig, als die sozialen Bewegungen Hawaiis hier aus der Ferne zu unterstützen – demnächst gibt es in New York eine große Demonstration gegen den geplanten Bau eines Teleskops auf dem Land der hawaiianischen Ureinwohner, da werde ich sicher mitmarschieren«, so Pellagatti. In Planung sei auch ein Aktivistentreffen rund um bleiverseuchtes Trinkwasser in der nahe gelegenen Stadt Newark.
Der rote Doppeldecker-Bus passiert den ehemaligen Standort des World Trade Center, das am 11. September 2001 durch Terrorangriffe zerstört wurde. Ein kollektives Trauma, das das Land und die Stadt bis heute nicht ganz überwunden haben. Ein stimmiges Mahnmal erinnert an die Opfer des Anschlags – daneben ragt das neue One World Trade Center über 500 Meter in den Himmel. Der Bus hat die Südspitze Manhattans erreicht und biegt in die Wall Street ein, das Herz des Finanzdistrikts und Sitz der US-Börse. Einige Tour-Gäste steigen aus, um ein Selfie mit der berühmten Charging-Bull-Statue zu bekommen. Diese Skulptur eines Stiers war ursprünglich als befristetes Street-Art-Projekt konzipiert und wurde erst danach zu einer permanenten Installation – »ein Symbol für die Marktgläubigkeit dieser Stadt«, erzählt Tour-Guide Pellagatti den verbleibenden Passagieren mit einem unüberhörbaren Seufzer. Der rote Bus rollt zur letzten Station weiter, Pellagatti bedankt sich für die Aufmerksamkeit und sammelt Trinkgeld ein. Ein Senioren-Paar aus Kalifornien bedankt sich für die Tour, »toll, dass Sie die Dinge beim Namen nennen«, sagt die ältere Dame, während sie Mike einen 20-Dollar-Schein zusteckt. »Falls Sie noch Zeit haben, würde ich Ihnen einen Spaziergang zum nahe gelegenen Zuccotti-Park ans Herz legen«, erwidert der junge New Yorker. »Dort hat die Occupy-Wall-Street-Bewegung ihren Anfang genommen, die 99 Prozent der Bevölkerung haben begonnen, gegen das eine Prozent der Superreichen zu kämpfen – ein Kampf, der bis heute andauert und uns alle betrifft.«
Im Juni 2020 erreiche ich Mike nach mehreren erfolglosen Versuchen am Telefon. Seine Lebensumstände haben sich seit unserer gemeinsamen Stadtrundfahrt deutlich verschlechtert: Die Corona-Krise hat New York City besonders hart getroffen, der Tourismus ist zusammengebrochen, Pellagatti hat seinen Tour-Guide-Job verloren. Er arbeitet jetzt aushilfsweise in einem Kaufhaus in New Jersey und erzählt mir, wie unglücklich er über den verordneten Corona-Shutdown der Stadt ist. Die Quarantäne-Maßnahmen hält er für übertrieben. Mike schildert, wie er in eine tiefe Depression gestürzt ist, aus der er sich gerade erst langsam und mit Hilfe von Therapie befreit. Derzeit bereite er sein Comeback als alternativer Touristenführer vor – die Stadt New Orleans reize ihn dabei besonders. Mike Pellagatti unterstützt die landesweiten Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus, die sich auch auf den Straßen des Big Apple abspielen. »Vielleicht sind sie ein weiterer Schritt hin zu einer größeren sozialen Revolte, die unser verrottetes System wegfegt«, sagt der junge New Yorker.
Der Konservative
Mit voller Überzeugung für Trump
Fargo, North Dakota
Hannelore Veit
Fargo – das ist der Name einer Stadt, der sofort ein Bild im Kopf entstehen lässt: karge Landschaft, kalt, unwirtlich. Wer immer den Filmklassiker der Coen-Brüder aus dem Jahr 1996 gesehen hat, wird ähnliche Eindrücke mitgenommen haben.
Ich plane eine Reportage über eine Familie, die Trump gewählt hat und zu Trump steht, aber nicht in das übliche Klischee der ungebildeten, selbstgefälligen und grölenden Trump-Anhänger fällt, die seine populistischen Ideen unreflektiert aufnehmen und die wir in den Medien so gerne als die Wählerbasis Trumps beschreiben. Fast die Hälfte der Amerikaner hat Trump 2016 gewählt. Mit seinen Stammwählern allein hätte Trump die Wahl nie gewinnen können.
Fargo, der Name fällt in einer Besprechung mit meiner Producerin Lauren. Sie hat dort eine Familie gefunden, die bereit ist, mit mir zu reden. Ich bin sofort Feuer und Flamme. Fargo wollte ich immer schon sehen.
Es ist März, als ich dorthin reise. Direktflüge gibt es keine. Anstatt in Minneapolis, einem großen Drehkreuz im Mittleren Westen, in einen Anschlussflug nach Fargo umzusteigen, beschließe ich, mit meinem Kameramann Markus ein Mietauto zu nehmen und quer durch Minnesota nach North Dakota zu fahren. Nicht nur, weil Fliegen umständlich und langweilig ist, sondern auch, weil ich so ein Gefühl für die unendliche Weite des Mittleren Westens bekomme. Vier Autostunden sind es bis Fargo, quer durch das Land der 10 000 Seen, wie Minnesota genannt wird. Die Landschaft verändert sich kaum, ein paar Hügel, flaches Land, so weit der Blick reicht. Selbst im März sind die Teiche hier im Norden noch zugefroren.
Der eiskalte, aber sonnige Märztag neigt sich dem Ende zu, als wir Fargo erreichen. Fast baumlos ist die Ebene rund um die Stadt, der kalte Wind raubt einem den Atem. Und doch: Fargo ist ganz anders, als ich es mir vorgestellt habe. Gar nicht düster, kein gottverlassener Winkel, wie es der Film suggeriert. Fargo liegt am Red River, ist mit 120 000 Einwohnern die größte Stadt im dünn besiedelten North Dakota und hat ein hübsches Art-Déco-Zentrum, das mit seinen roten Backsteinfassaden erkennen lässt, dass sie schon sehr westlich liegt. Cowboy-Romantik schimmert durch. Fargo ist eine junge Stadt, das Durchschnittsalter der Bevölkerung beträgt 30 Jahre. Fargo bietet das, was viele andere Städte nicht haben: eine niedrige Kriminalitätsrate, kaum Arbeitslosigkeit und leistbare Wohnungen. Sie ist eine der lebenswertesten Kleinstädte der USA.
»Welcome, and please feel at home here.« John Trandem öffnet die Tür zu seinem Einfamilienhaus am Rande der Stadt. Mit seiner Frau Lydia und ihren drei kleinen Kindern lebt John in dem für europäische Verhältnisse geräumigen, neu gebauten Haus, vier Garagen lassen erahnen, dass Autos eine wichtige Rolle im Leben der Trandems spielen. John, der Mann, den ich gerne näher kennenlernen möchte, ist Besitzer einer kleinen Autowerkstatt. Solide Mittelklasse, sympathisch, drahtig, die schulterlangen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. John ist Mitte 40, seine Frau Lydia um einiges jünger, zart, bildhübsch, schüchtern wirkt sie. Ihr Haus liegt in einer neuen Siedlung am Rande der Stadt: Bäume, die im Sommer Schatten spenden könnten, gibt es hier in dieser Siedlung – noch – keine. Die Vorgärten und die im Winter braunen Wiesen hinter den Häusern sind kahl. Die unvermeidlichen BBQ-Griller stehen – winterfest verhüllt – auf jeder Terrasse.
Religion, das Fundament des Lebens
Die Trandems sind so etwas wie eine konservative Bilderbuchfamilie, stolz darauf, ihre konservativen Werte hochzuhalten, und stolz darauf, tiefreligiös zu sein.
Johns und Lydias Gastfreundschaft ist überwältigend. Die Einladung zum Abendessen schlagen mein Kameramann Markus und ich zuerst aus – und wir bleiben dann doch. Vor dem gemeinsamen Abendessen reichen sich Eltern und Kinder die Hände: »Father, we thank you so much for this day, we thank you for all the opportunities you placed before us«: John ist es, der heute das Tischgebet spricht. Für die Kinder habe ich als Mitbringsel ein Miniflughafenset mitgebracht, ein Flugzeug zu wenig, weil ich mit zwei und nicht drei Kindern gerechnet habe. Kein Problem: »We’ll share«, wir wechseln uns ab, sagt Elsie, mit fast sechs die älteste der Trandem-Kinder. Wenn nicht genug für alle da ist, wird geteilt – ohne Aufforderung der Eltern. Kinder wie aus dem Bilderbuch eben.
John Trandem hat mir schon im Vorfeld gesagt, dass er sehr religiös ist. Er lässt uns für eine Stunde mit Lydia und den Kindern allein: Er geht zu seiner Bibelstunde. Wie jeden Montagabend. Lydia besucht ihre Bibelstunde für Mütter am Mittwoch. Ihr Glaube beeinflusst alles im Leben der Trandems. »Ich bin in einer Familie aufgewachsen, für die der Glaube wichtig war, für die der Kirchenbesuch wichtig war«, sagt Lydia. »Von Kindheit an.«
»Mein Glaube definiert mich«, sagt auch John. »Er ist ganz zentral in meinem Leben, bestimmt alles. Ich folge meinem Glauben. Als Christen sind wir dazu aufgerufen und der Glaube ist auch die Basis meiner politischen Ansichten.«
Und da sind wir schon beim Thema Donald Trump angekommen. »Nehmen Sie Donald Trump denn ab, dass er religiös ist?«, frage ich John. Trump ist zweimal geschieden, hatte unzählige Affären, brüstet sich, Frauen könnten ihm nicht widerstehen. »I just grab them by the pussy«, ich bin schließlich ein Star, ich kann mir alles erlauben, sagt er in dem inzwischen berühmt-berüchtigt gewordenen Pussygate-Video ins Mikrofon, als er sich unbeobachtet fühlt. Knapp vor der Wahl 2016 taucht dieses Video auf und ist ein gefundenes Fressen für die Presse, besonders für die Anti-Trump-Presse.
Die Trandems haben eine Antwort darauf, die unter Evangelikalen oft zu hören ist: »Trump ist wie wir alle«, sagt John. »Auch ich bin ein sündiger Mensch. Wenn ich jemanden nur dann wählen kann, wenn ich alles, was er in der Vergangenheit getan hat, okay finde, dann könnte ich niemanden wählen. Nicht einmal mich selbst.« Er lacht. »Trump hat vieles falsch gemacht, wie wir alle. Ich glaube ihm, dass er bereut, für mich ist er ein Mann des Glaubens. Davon bin ich überzeugt.«
Trump ist von Gott auserwählt, uns zu führen – das ist die Argumentation vieler konservativ Religiöser in den USA.
Lydia ist es nicht leichtgefallen, Trump zu wählen, das gibt sie zu. Sie lächelt leicht verlegen, als ich sie danach frage: »Eine schwierige Frage«, sagt sie, »ich habe lange gebraucht, bis ich mich mit der Idee anfreunden konnte. Ausschlaggebend für mich war, dass Trump sehr gläubige Menschen in sein Umfeld geholt hat.« In erster Linie war es Ben Carson, der Lydia zum Umschwenken brachte: Mit dem einstigen Trump-Rivalen um die Präsidentschaftsnominierung, dem einzigen Schwarzen unter den Republikaner-Kandidaten, einem hoch angesehenen Chirurgen und Pionier auf dem Gebiet der Trennung siamesischer Zwillinge, hatte sie Gelegenheit, ein Gespräch zu führen, als er 2016 nach North Dakota kam. Carson, der tiefgläubig ist, ist inzwischen Wohnbauminister im Kabinett Trump.
Im Wahlkampf hat Trump immer wieder seine – angebliche – Religiosität hervorgekehrt. Bei den Evangelikalen, einer großen und für die Republikaner wichtigen Wählergruppe, hat er damit punkten können – auch wenn das bei vielen Beobachtern in den USA für Erstaunen gesorgt hat. Es ist eine Sache, Trump zuzuhören, wenn er auf die Bibel seiner Mutter schwört, sich als strikter Abtreibungsgegner gibt oder behauptet, Mitglied einer Kirche in New York zu sein (die das auf unsere Nachfrage abstreitet), eine andere Sache ist es, ihm diese Wandlung vom Saulus zum Paulus auch abzunehmen.
John und auch Lydia tun das. Sie sind strikte Abtreibungsgegner. Trumps Pro-Life-Haltung war gerade für Lydia ein wesentlicher Grund, ihn zu wählen: »Trump steht fest aufseiten der Pro-Life-Bewegung.« Das war nicht immer so, Trump ist in der Vergangenheit sehr wohl für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch eingetreten. Als Neo-Politiker ist er zum Abtreibungsgegner mutiert und setzt voll auf diese Karte: Im Jänner 2020 ist er der erste amtierende US-Präsident, der am alljährlichen Pro-Life-Marsch auf der Mall in Washington teilnimmt. Es ist schließlich Wahlkampf.
John ist überzeugt, dass sich mit Trump als Präsident das gesellschaftliche Klima in den USA verändert hat und sich noch weiter verändern wird. Er glaubt fest, dass die als »Roe gegen Wade« in die Geschichtsbücher eingegangene Entscheidung des Obersten Gerichtshofs aus dem Jahr 1973, die die Abtreibung erlaubt, demnächst noch einmal vor dem Obersten Gerichtshof landen wird. »Seit 1973 hat sich die Wissenschaft weiterentwickelt, ist unser Wissen darüber, wann Leben beginnt und was Leben heißt, ein anderes geworden. Ich glaube, die Argumente der Abtreibungsbefürworter werden nicht mehr durch die Wissenschaft unterstützt.« An Argumenten, die seine Meinung unterstützen, fehlt es John nie – was er immer wieder nicht ohne Stolz und mit schelmischem Lächeln betont.
John, der Businessman
John ist auch der Prototyp des »Selfmademan«, des erfolgreichen Kleinunternehmers, ein Businessman wie aus dem Bilderbuch. John und seine Familie leben von der Autowerkstatt, die er am Rande der Stadt aufgebaut hat. Sie ist nicht viel mehr als eine Lagerhalle in einer Industriegegend, aber John nennt sie sein Eigen und die Werkstatt läuft gut. Er ist spezialisiert darauf, Zusatzfunktionen in Autos einzubauen. Im langen und bitterkalten Winter hier im Norden sind das vor allem Fernstarter, um Autos vorzuheizen. Hochsaison ist für ihn im Herbst, weil, wie er grinsend sagt, den Leuten erst dann wieder einfällt, dass der Winter vor der Tür steht. Häufig baut er auch Alkohol-Wegfahrsperren ein: Ein längerer Führerscheinentzug für Lenker, die alkoholisiert gestoppt werden, wäre im ländlichen North Dakota unverhältnismäßig hart. Ohne Auto ist es fast unmöglich, seiner Arbeit nachzukommen oder auch nur die Familie zu versorgen. Öffentliche Verkehrsmittel gibt es kaum oder gar nicht. Daher erlauben die Behörden oft den Einbau einer Wegfahrsperre statt eines Führerscheinentzugs.
Ich besuche ihn in seiner Werkstatt. Bilder an der Wand im kleinen Büro zeigen John mit Donald Trump, John mit dem republikanischen Senator Ted Cruz, Lydia mit Ben Carson. Ein Bild von Bill und Hillary Clinton gibt es auch, es ist auf die Dart-Zielscheibe geheftet, die an der Wand hängt. Und ziemlich durchlöchert.
Lydia kommt am Nachmittag mit den Kindern vorbei, im kleinen Büro ist eine Spielecke eingerichtet. Es ist leicht zu erkennen, warum Johns Werkstatt gut läuft: Das ist keine Hochglanzwerkstatt, aber John bietet persönlichen Service, freundlich, zuvorkommend, am Telefon und mit Kunden, die ihre Autos abholen. Kundenservice, wie man es nur in einem Kleinbetrieb finden kann. In einer Stunde will ein Kunde seinen Wagen abholen, John legt letzte Hand an, um alles fertigzustellen. Sein dreijähriger Sohn James steht daneben, schaut fasziniert zu, hält das Werkzeug bereit und »hilft«. Auch wenn das »Helfen« ein bisschen bremst, John ist ein geduldiger Vater. Dass er seine Kinder liebt, ist augenscheinlich.
Ganz klein hat John angefangen, erzählt er. Mit sehr, sehr wenig Geld hat er nach der Highschool und während seiner College-Jahre seine Autowerkstatt gegründet. Er war in den ersten Monaten nicht sicher, ob er finanziell überleben wird oder den Traum von der Selbstständigkeit wieder aufgeben und sich einen Job suchen muss. »Aber ich habe hart gearbeitet, habe die richtigen Entscheidungen getroffen – und habe im Lauf der Zeit ein Business aufgebaut, mit dem ich meine Familie erhalten kann.« Er zitiert seine Regeln des Erfolgs, die der Ökonom Walter E. Williams aufgestellt hat: die Highschool abschließen, einen Job annehmen, erst Kinder kriegen, wenn man verheiratet ist, und nicht in die Kriminalität abrutschen. An diese Regeln hat er sich gehalten, sagt John stolz.
Johns konservative Welteinstellung hat sich erst im Erwachsenenalter gefestigt. In seinen Highschool-Jahren war er eher liberal, erzählt er mir, das war die überwiegende Stimmung an den Schulen und Universitäten in den 1980er, 1990er Jahren, er wollte nicht gegen den Strom schwimmen. »Wie die meisten jungen Menschen in meinem Umfeld war ich ein bisschen links.« Aber nach und nach hat er seine Meinung geändert, ganz besonders, als er begonnen hat, für die Republikanische Partei zu arbeiten, anfangs nur des Geldes wegen, aber dann immer mehr auch wegen deren Ideologie. »Da gehöre ich hin, zu dieser Überzeugung bin ich gekommen. Das sind die Ideale, an die ich glaube und die ich eigentlich immer schon hatte.«
Weniger Staat, mehr privat, das ist Johns Credo. »Zu viele erwarten, dass der Staat alles für uns tut, uns alles gibt. In den letzten zehn Jahren haben wir begonnen, vieles als unser Recht zu sehen, was gar nicht in der Verfassung steht, was die Gründerväter der Republik gar nicht so wollten.« Es ist ein klarer Seitenhieb auf die Demokraten und »die Linken« mit ihrer Vorsorgementalität, wie er sagt. Eine Regierung, die den Menschen alles gibt, macht sie abhängig, so seine Philosophie: »Großzügige Unterstützungsprogramme halten viele davon ab, Arbeit zu suchen und Eigeninitiative zu ergreifen. Die Machthabenden schaffen sich damit einen großen Wählerblock, der ihnen den Machterhalt garantiert. Selbstlos ist daran gar nichts, im Gegenteil.«
Hart arbeiten, das ist Johns Motto. Business – das ist für ihn die Essenz des amerikanischen Traums. Er bedauert, dass das protestantische Arbeitsethos verlorengegangen sei. »Die Menschen müssen wieder Initiative zeigen, Ambitionen haben, müssen sich mehr im Job engagieren. Sie müssen den Dollar wieder schätzen lernen, harte Arbeit schätzen lernen. Ich glaube, diese Mentalität existiert nicht mehr in Amerika.«
Es sind republikanische Werte, die John hochhält.
Neben seiner Autowerkstatt betreibt John noch ein kleines Zusatzgeschäft, das mehr Hobby ist als Geldbringer. Es ist ein kleines, aber feines Hobby. Er führt mich in eine Halle hinter der Werkstatt: An die 20 amerikanische Schlitten aus den 1960er und 1970er Jahren stehen da, alle liebevoll restauriert. John ist auf Lincolns spezialisiert. »Das ist ein 1978er Lincoln Continental Mark 5, Diamond Jubilee Edition, in lindgrüner Speziallackierung«, erklärt er mir und hebt die Stoffhülle, die das Auto vor Staub schützt. Manche der Autos tragen die Initialen der Erstbesitzer, es sind Spezialanfertigungen, wunderschön, aber für Reisen durch das Land ungeeignet. »Sie sind Benzinfresser, das geht ins Geld«, muss John eingestehen. Er nützt seine Sammlung für Ausflüge mit gleichgesinnten Freunden. »Cruise nights« nennen sie das. Wenn ein Kunde sich in einen seiner Oldtimer verliebt, dann verkauft John sie auch – zwischen 3000 und 10 000 Dollar kosten die meisten Autos, an einer kleinen Tafel in der Werkstatt sind die Kaufpreise angeschrieben. Aus gutem Grund fast versteckt: Am liebsten behält John die Autos selbst.
Delegierter 1237
Kommen wir noch einmal zurück zu Donald Trump. John ist Republikaner, und nicht nur das: Er ist in der Republikanischen Partei in North Dakota engagiert.
»Haben Sie gewusst, dass ich Mister 1237 bin?«, fragt er mich. Als ich ihn fragend anschaue, lächelt er verschmitzt. »Ich war der Delegierte, der Trump 2016 die Nominierung sichergestellt hat«, sagt er stolz und erzählt mir die Geschichte.
Die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) wollte wie viele andere amerikanische Medien die erste sein, die ankündigt, dass Trump die für die Nominierung nötige Zahl der Delegierten hinter sich hat. 1237 Delegiertenstimmen musste Trump erreichen, um in den Vorwahlen von keinem anderen republikanischen Kandidaten mehr übertrumpft werden zu können. Also startete die AP Ende Mai 2016 einen Telefon-Rundruf und landete bei John, der gerade mit einem anderen Delegierten auf dem Weg zu einer Veranstaltung war. »Wie viele Stimmen haben sie schon?, habe ich den Reporter gefragt. 1235 war seine Antwort. Fragen Sie doch zuerst Ben Koppleman, er ist mein Beifahrer«, erzählt John. Der AP-Reporter tut es, Koppleman bestätigt: Er wird für Trump stimmen. »Haben Sie jetzt 1236 Stimmen für Trump? Dann fragen Sie mich nochmal! Now I’m your guy!« Johns Stimme war damit die 1237ste für Donald Trump, die Stimme, die ihm auf dem Parteitag die Kür zum Präsidentschaftskandidaten garantiert hat. Für die Medien war John ab diesem Zeitpunkt Mister 1237. Beim Parteikonvent in Cleveland ein paar Monate später, im Sommer 2016, war John dann auch Mitglied der Delegation aus North Dakota – die Delegation aus dem kleinen und eher unwichtigen Bundesstaat hatte einen Ehrenplatz in der Versammlung, weil, wie es im US-Politjargon heißt, »they carried Trump over the top«, sie haben ihm die Nominierung gesichert.
Trump-Fan auch drei Jahre später
John ist ein Trumper der ersten Stunde. Aber hat Trump in seiner Amtszeit gehalten, was er versprochen hat? Im Vorwahlkampf 2020 fliege ich noch einmal nach Fargo. Drei Jahre Trump, drei Jahre Populismus mit erratischer Außenpolitik, mit nicht eingehaltenen Versprechen und einem Image im Ausland, das zwischen Showman auf Ego-Trip und gefährlichem starkem Mann schwankt.
Es ist Jänner und ich erfahre, was Winter im nördlichen Mittleren Westen wirklich heißt. Der Tag ist sonnig und strahlend schön, aber klirrend kalt – minus 29 Grad Celsius zeigt das Thermometer. Der Red River ist zugefroren, im Landeanflug auf Fargo als Fluss nur zu erkennen, weil sich ein weißes Band in Mäandern durch die Stadt schlingt. Schneefahrbahnen gibt es auch im Stadtzentrum. Fußgänger sieht man kaum – wenn, dann gleichen sie dick vermummten Michelin-Männchen. Ihre Autos lassen die Fargoans laufen, wenn sie Besorgungen erledigen – und sie parken möglichst direkt vor der Tür. Jeder Schritt weniger zählt.
In Johns Werkstatt warten mehrere Kunden auf ihre Autos. Winter ist Hochsaison. Zeit für ein Gespräch über Politik hat John Trandem aber immer.
Wenig überraschend fällt die Bilanz nach drei Jahren Trump für John positiv aus. »Trump hat eine Steuerreform durchgesetzt, die hat fast allen etwas gebracht. Und ich bin sehr zufrieden, dass er Obamacare weitgehend entschärft hat«, sagt John und bringt Beispiele, warum Obamacare schlecht war: »Wir hatten eine Krankenversicherung, bevor Obamacare Gesetz wurde, wir haben etwas mehr als 400 Dollar Prämie im Monat gezahlt, der Selbstbehalt lag bei 6000 Dollar. Obama hat versprochen, dass jede Familie 2500 Dollar im Jahr sparen würde, dass wir unsere Ärzte und auch unsere Krankenversicherung behalten könnten. Eine Lüge. Es hat nicht lange gedauert, dann gab es unsere Krankenversicherung nicht mehr. Sie haben uns eine andere angeboten: Die Prämie war dreimal so hoch, der Selbstbehalt war viermal so hoch. Also waren wir acht Jahre lang gar nicht versichert. Wir haben uns dann einer christlichen Selbstversicherungsgruppe angeschlossen. Ich hatte eine Operation, die war gedeckt, die Hebamme für meine Frau ebenfalls. Das funktioniert für uns und unsere Selbstversicherung ist auch staatlich anerkannt. Aber bei Verwandten von mir ist das anders. Sie waren früher versichert. Die Prämien waren mit Obamacare plötzlich sehr viel höher, sie konnten sich die Versicherung nicht mehr leisten. Um einen Zuschuss zu erhalten, haben sie ein bisschen zu viel verdient. Weil sie keine Versicherung hatten und sich keine leisten konnten, mussten sie – weil Obamacare das so vorschrieb – fast 2000 Dollar im Jahr Strafe zahlen. Das ist unfair. Damit hätten sie Arztrechnungen bezahlen können. Das hat viele in meinem Bekanntenkreis getroffen.«
Obamacare hat zwar für Millionen Amerikaner eine Krankenversicherung überhaupt erst möglich gemacht – für Arbeitslose, Menschen mit schlecht bezahlten Jobs oder Menschen mit bereits bestehenden Krankheiten, aber Obamas Gesundheitsreform hat sich eben nicht für alle gleich ausgewirkt. John und seine Bekannten zählen zu den Verlierern.
Johns Lieblingsthema ist aber die Wirtschaft. »Business is great. Alles läuft bestens«, strahlt John. »Mit meiner Werkstatt verdiene ich so gut wie nie zuvor, die Kunden geben mehr Geld aus, sie kaufen neue Autos. Wir besitzen ein paar Wohnungen, die wir vermieten, keine einzige steht frei, wir haben keine Mietausfälle. Und unsere Mieter sind keine Großverdiener, sie kommen aus den unteren Einkommensschichten.« Aber John will fair bleiben und gibt zu, dass nicht alles auf Trumps Wirtschaftspolitik allein zurückzuführen ist.
Wie viele Amerikaner legt John Geld an der Börse an, als Zukunftsvorsorge in einem Land, in dem Pensionsvorsorge in erster Linie der Eigeninitiative überlassen bleibt. Die Märkte sind unter Trump nach oben geklettert. Nicht an Trumps Wahlsieg zu glauben, war ein Fehler, sagt John heute: »Weil ich nicht sicher war, ob Trump oder Hillary die Wahl gewinnen und wie die Märkte reagieren würden, bin ich in sichere Anlageprodukte umgestiegen. Das hätte ich nicht tun sollen. Trump ist gewählt worden und die Aktien sind nach oben geschnellt.« Er lächelt spitzbübisch. Von den sicheren Produkten ist John Trandem längst wieder auf risikoreiche Anlageprodukte umgestiegen.
Und noch etwas, fast hätte John es vergessen. Auch die Richterbestellungen Trumps findet er extrem positiv: die große Anzahl von Bundesrichtern, die Trump in den letzten drei Jahren nominiert hat, und vor allem die zwei konservativen Richter am Obersten Gerichtshof, Neil Gorsuch und Brett Kavanaugh, wie alle Obersten Richter auf Lebenszeit nominiert und damit für vermutlich die nächsten Jahrzehnte Garanten für eine konservative Auslegung der Gesetze. »Das ist ermutigend«, sagt John, »die Gerichte sollten sich an die Verfassung und die Gesetze halten und nicht gesellschaftspolitische Entscheidungen treffen, wie sie das mit der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare getan haben. Der Begriff Ehe ist ohnehin falsch, eine Ehe kann es nur zwischen Mann und Frau geben, das steht so geschrieben, das ist gottgegeben.«
Auch was Trumps Außenpolitik betrifft, die die Welt als sprunghaft und unberechenbar ansieht, ist John ganz auf der Seite des US-Präsidenten. »Er macht das, was wir seit Jahren und Jahrzehnten verabsäumt haben. China hat er gezeigt, dass wir uns nicht über den Tisch ziehen lassen. Mit Mexiko und Kanada hat Trump ein neues und besseres Freihandelsabkommen verhandelt. Er hat da sogar die Demokraten mit an Bord bekommen. Mit dem Schlag gegen den iranischen General Soleimani im Jänner 2020 hat er gezeigt, dass er gegenüber dem Iran entschieden auftritt. Das ist gut. Das ist man im Ausland nicht mehr gewöhnt. Trumps Nordkoreapolitik kann man kritisieren, aber wenigstens tut er etwas – nicht wie seine Vorgänger, die nichts getan haben. Mit einem Verrückten wie Kim Jong-un umzugehen, ist schwierig. Aber wir zeigen Stärke und sind gleichzeitig bereit zu verhandeln.«
Johns Argumente sind die, die fast täglich in konservativen Medien zu hören und zu lesen sind. »Wir sind das einzige Network, das über die ausgezeichnete Wirtschaftslage berichtet«, höre ich immer wieder auf »Fox and Friends«, dem Frühstücksfernsehen des konservativen Senders Fox, in das sich Trump selbst manchmal gerne per Telefon zuschaltet. Präsident Trump sei ein guter Verhandler, kein klassischer Politiker. Kapitalismus und freie Marktwirtschaft seien die Antwort auf alles, verkünden da Moderatoren und Experten.
Heimunterricht: Leben in der konservativen Blase
Die Trandems laden mich auch drei Jahre nach meinem ersten Besuch wieder zu sich nach Hause ein. Die Kinder, die inzwischen achtjährige Elsie, der sechsjährige James und die vierjährige Marcella freuen sich auf die Fernsehkameras. Alle drei lernen Klavier spielen. Elsie, die älteste, hat extra für uns ein neues Lied einstudiert.
Lydia unterrichtet die Kinder zu Hause. Das sogenannte Homeschooling ist in den ländlichen Bundesstaaten wie North Dakota nicht so selten. Zwei Millionen Kinder, das sind knapp vier Prozent der Schulpflichtigen, werden von den Eltern zu Hause unterrichtet. Nach Lehrplänen, versteht sich, aber nicht an Schulen. Oft sind es die Entfernungen, die Eltern dazu bringen, ihre Kinder zu Hause zu unterrichten. Lydia und John sagen, sie wollen einfach so viel Zeit wie möglich mit ihren Kindern verbringen, die ohnehin zu schnell erwachsen werden. Sehr oft hört man in konservativen Kreisen auch, dass die öffentlichen Schulen zu liberal seien. Das ist auch für die Trandems ein wesentlicher Beweggrund. »Oft sind die Lehrer und Lehrerinnen ideologisch geprägt, wollen keine Diskussionen oder andere Meinungen. Ganz schnell sind Kinder da isoliert, wenn sie eine andere Meinung haben. Das will ich nicht für meine Kinder. Ich will nicht, dass sie mit ihrem christlichen Weltbild Außenseiter sind.«
Bis zum Highschool-Abschluss, bis 18, will Lydia ihre Kinder unterrichten. Meinen Einwand, dass sie vielleicht nicht genug Kontakt mit Gleichaltrigen hätten, wischt Lydia lachend vom Tisch. »Ich lache, weil ich dieses Argument immer wieder höre. Nein, meine Kinder haben sehr viel Kontakt zu anderen, wir treffen uns einmal in der Woche in unserer Homeschooling-Gemeinschaft, da sind die Kinder in Gruppen mit Gleichaltrigen und haben auch andere Mütter als Lehrerinnen. Wenn der Unterrichtsgegenstand zu schwierig wird, dann gibt es Experten in unserer Gruppe, die die Kinder unterrichten. Wann immer ich mich als Lehrerin meiner eigenen Kinder überfordert fühle, habe ich Unterstützung durch andere. Aber ich kenne meine Kinder besser als jede andere, kann viel mehr auf ihre Bedürfnisse eingehen und ihre Begabungen fördern.«
Externe Tests müssen absolviert werden, sie sichern, dass Kinder, die zu Hause unterrichtet werden, auch die vorgeschriebenen Lernziele erreichen. Noch etwas ist Lydia wichtig: »Meine Kinder sollen ihre Meinung offen sagen können, aber auch andere Standpunkte respektieren.«
Den Dialog, das Verständnis für andere, das vermissen Lydia und John im gegenwärtig so gespaltenen Amerika. Auch wenn sie selbst sehr konservativ sind und ihre Haltung eloquent verteidigen, Platz für andere Meinungen muss sein. »Ich habe viele Bekannte und auch Freunde, die ideologisch ganz woanders stehen als ich«, sagt John. »Das ist gut so. Ich kann ein gewisses Verständnis für sie aufbringen, aber ich muss deswegen nicht meine Meinung ändern.«
Und auch zum Homeschooling hat John, der auf Individualismus setzt und zu viele Vorschriften als Einmischung des Staates in private Angelegenheiten sieht, eine dezidierte Meinung: »In North Dakota finanziert die property tax, die Grund- und Vermögensteuer, zu 60 Prozent das öffentliche Schulsystem. Das ist unfair. Ich schicke meine Kinder nicht in öffentliche Schulen und finanziere ihre Ausbildung selbst, warum soll ich dann so viel property tax zahlen? Da liegt gerade ein Gesetzesvorschlag im Kongress unseres Bundesstaates auf dem Tisch, ich hoffe, er geht durch.«
Fast schon im Weggehen frage ich ihn noch kurz, was er vom Impeachment-Prozess gegen Präsident Trump hält. »Ein Scherz«, sagt John, »das wollten die Demokraten von Tag Eins an.«
Unverbrüchliche Treue
Nachdem in den USA im Jahr 2020 eine Krise die andere jagt (und eine dritte Reise nach Fargo wohl doch übertrieben wäre), setzen John und ich unsere Konversation über E-Mails fort, in mehreren Etappen.
Die Corona-Krise hat Spuren hinterlassen. »Stay at home«, zu Hause bleiben, hat es überall geheißen. Auch hier in den USA waren Schulen geschlossen, nur die notwendigsten Geschäfte durften offenhalten, in vielen Bundesstaaten galten die Einschränkungen bis weit in den Juni hinein.
Johns Autowerkstatt hat, wie alle Kleinunternehmen in diesem Land, Einbußen hinnehmen müssen. Doch es geht wieder aufwärts. Zu seinem Präsidenten steht er nach wie vor, auch zu dessen Krisenmanagement, das auf viele dilettantisch gewirkt hat und von der Bevölkerung mehrheitlich als unzulänglich empfunden wurde. »Trumps frühzeitiges Einreiseverbot aus China wurde als rassistisch und xenophob kritisiert, im Nachhinein haben die, die zuerst kritisierten, gesagt, er habe nicht genug getan. Ich bin überzeugt, Präsident Trump hat das Bestmögliche getan in einer sich ständig ändernden Situation. Er hat nicht unbedingt alles richtig gemacht, aber er hat nicht gezögert, die Führungsrolle zu übernehmen, in Situationen, in denen andere zuerst das politische Fahrwasser ausgelotet hätten. Er ist ein Macher.«
Und: »Die Corona-Krise hat meine Haltung zum Präsidenten nicht verändert, aber sie hat gezeigt, wie opportunistisch seine Gegner sind: nur darauf aus, den Präsidenten zu Fall zu bringen. Sie denken nicht an die Amerikaner, die unter der Krise leiden, oder daran, was die Wirtschaft braucht. Sie sind nur darauf aus, ihre eigenen Ziele zu verfolgen – das sollte objektiv denkenden Menschen wirklich die Augen öffnen.«
Dass Trump auf dem Höhepunkt der Pandemie oft Wissenschaftlern widersprochen hat oder Hydroxychloroquin aus reinem Bauchgefühl heraus und ohne wissenschaftliche Grundlage als Medikament empfohlen hat, darüber sieht John hinweg. »Wenn der Präsident etwas besser gemacht haben könnte, dann: nicht so viel Vorsicht walten lassen.«
Die Wirtschafts-Ankurbelungsprogramme – 1200 Dollar per Scheck oder Prepaid Card für jeden Steuerzahler, Überbrückungshilfe für Kleinunternehmen – waren für John Trandems Geschmack zu viel des Guten. »Ich wette, wäre das nicht ein Wahljahr, wären die Geldgeschenke magerer ausgefallen.«
Die Corona-Pandemie war noch nicht vorbei, da brach die nächste Krise über das Land herein. Ein brutaler Mord, man kann es nicht anders nennen, begangen durch einen Polizisten an dem Afroamerikaner George Floyd in Minneapolis. Massenproteste gegen den in den USA systemimmanenten Rassismus und gegen Polizeigewalt waren die Folge. Der Präsident meldete sich zu Wort, aber nicht, um an Einigkeit und Zusammengehörigkeit zu appellieren, sondern um sich für Law and Order, Recht und Ordnung, stark zu machen und um mit dem Einsatz von Truppen gegen Demonstranten zu drohen.
Der Präsident habe sich bei den Protesten in seiner Rhetorik zurückgehalten – »oddly«, ungewöhnlich für ihn, findet John, doch es sei richtig gewesen: »Proteste sind Sache der lokalen Behörden. Hier in Fargo hat die Polizei gute Arbeit geleistet und versucht, einen Dialog mit den Demonstranten aufzubauen.« Dass die Medien Trump kritisieren, überrascht John nicht, »die Mainstream-Medien sind seine Gegner«.
Könnte die Wiederwahl Trumps nach diesem turbulenten ersten Halbjahr 2020 gefährdet sein? »Es fällt mir schwer zu glauben, dass die Demokraten angesichts einer fehlenden Vision, eines schwachen Kandidaten und einer schwächelnden Wirtschaft gegen Trump bestehen können. Unter Trump hatten wir ein noch nie dagewesenes Wirtschaftswachstum und eine extrem niedrige Arbeitslosigkeit. Dank ihm sind wir halbwegs gut aus der Corona-Krise herauskommen. Die Börsen steigen wieder. Gegen Trump zu sein ist keine Plattform, mit der die Demokraten gewinnen können.«
Was hält John Trandem von Joe Biden, will ich wissen, dem auch durchaus wohlmeinende Beobachter vorwerfen, ständig ins Fettnäpfchen zu treten und des Öfteren seine eigenen Statements geraderücken zu müssen? »Ein schrecklicher Kandidat, der genau das verkörpert, was die Linke Präsident Trump vorhält: Er ist ein Lügner. Biden ist ein Rezept für Peinlichkeit und Versagen – die Linken werden das erst erkennen, wenn es zu spät ist.«
Es ist mehr oder weniger pro forma, dass ich John Trandem noch einmal die Frage stelle: Wen wird er wählen?
»Mit gutem Gewissen Donald Trump«, sagt John.
Die Abtrünnigen
Der Kampf um die Stimmen der christlich-evangelikalen Wähler
Texas
David Kriegleder
»Hallelujah everyone, praise the Lord!« Der texanische Pastor eröffnet den Gottesdienst, der Chor beginnt zu singen, »This little light of mine«, begleitet von rhythmischem Klatschen und Schlagzeug. Kinder tanzen vor dem Altar. In der Scofield Memorial Church am Stadtrand von Dallas haben sich wie jeden Sonntagvormittag mehrere Dutzend Gläubige eingefunden. Die Stimmung ist herzlich, familiär, weltoffen – eine kleine und intime Gemeinde und gerade deswegen für Tess Clarke etwas ganz Besonderes.
»Unsere Familie kommt seit zwei Jahren hierher, um zu beten. Die Liebe zu Jesus und der gemeinsame Gottesdienst mit unseren Mitmenschen, das gibt mir Kraft, um durch die Woche zu kommen.«
Die gebürtige Texanerin ist 36, sie trägt ihr brünettes Haar offen, lächelt viel und zeigt dabei ihre makellos weißen Zähne. Tess strahlt eine aufrichtige Warmherzigkeit aus und spricht mit schwerem texanischem Akzent. »Wir Amerikaner arbeiten so viel und haben dabei kaum Zeit zum Verschnaufen – da sind solche Momente der Gemeinschaft und Kontemplation besonders wichtig.«
Auf der Kirchenbank neben Tess sitzen ihre drei Kinder, der achtjährige Roman, die fünfjährige Hilton und der drei Jahre alte Cruz, den sie als Neugeborenen adoptiert hat. Ebenfalls an ihrer Seite ist ihr Ehemann Jason, der für eine Entwicklungs-NGO arbeitet. Zwischenzeitlich lebten die beiden in China und im Oman, ehe sie zurück nach Texas kamen, wo Tess an der University of Northern Texas ein Soziologiestudium absolvierte.
Tess Clarke bezeichnet sich als tiefreligiöse, evangelikale Anhängerin von Jesus Christus. Die »Evangelicals« sind die größte religiöse Gruppierung in den USA, je nach Definition ist jeder vierte oder sogar jeder dritte Amerikaner Mitglied dieser protestantischen Glaubensrichtung. Ihren zahlreichen Untergruppen gehören Lutheraner, Baptisten, Presbyterianer und verschiedene Freikirchen an. Über 80 Prozent ihrer Mitglieder sind weiß. Die Evangelikalen zählen seit Jahrzehnten zu einer verlässlichen und wichtigen Wählergruppe der Republikanischen Partei.
Die konservative Allianz zwischen »Big Business« und frommen Amerikanern in den ländlichen Regionen – die »moral majority« – brachte Präsident Ronald Reagan 1980 ins Weiße Haus. Und auch im Jahr 2016 waren es die evangelikalen Wähler, die Donald Trump maßgeblich zum Sieg verholfen haben. Und das, obwohl Trumps Privatleben und auch seine Politik in vielen Bereichen so gar nicht den klassischen christlichen Werten entsprechen. Ein Widerspruch, der bei Tess Clarke einen tiefen Reflexionsprozess angestoßen hat, der schließlich zu einem Bruch mit ihren bisherigen politischen Loyalitäten führte.
Die Krux mit der Abtreibung
»Als Donald Trump gewählt wurde, habe ich begonnen, mich neu mit meinem Glauben auseinanderzusetzen und gleichzeitig viele Themen und Standpunkte zu hinterfragen«, erzählt sie. »Ich habe mein ganzes Leben lang die Republikaner gewählt, in erster Linie, weil ich ›pro life‹ bin, also gegen Abtreibung.« In den USA und besonders in Texas habe es stets dieses ungeschriebene Gesetz gegeben, dass jeder, der gegen Abtreibung ist, auch republikanisch wählen muss, sagt Tess. »Das haben uns viele unserer Pastoren schon seit Kindesjahren mit auf den Weg gegeben.« Dieser Umstand habe auch viele Menschen in ihrem Bekanntenkreis bei der vergangenen Wahl beeinflusst. »Fast niemand hier mochte Trump, aber er hat versprochen, konservative Höchstrichter zu ernennen, von denen viele Menschen hoffen, dass sie die Abtreibungsgesetze verschärfen werden.«
Zwei solche Höchstrichter hat Präsident Trump bereits bestellt – Neil Gorsuch und Brett Kavanaugh. Der neu zusammengesetzte Supreme Court hat bis dato jedoch noch kein Urteil in einem der mit der Abtreibungsdebatte verbundenen Fälle gesprochen.
Der Schutz des ungeborenen Lebens sei ein sehr emotionales Thema für viele Evangelikale, sie verstehe das, sagt Tess Clarke. Doch dann habe sie begonnen, sich intensiver mit dem Thema und all seinen Nuancen zu beschäftigen. »Und je mehr ich recherchiert habe, desto mehr wurde mir klar, dass die Sache viel komplizierter ist, wenn man sie abseits der politischen Kampfrhetorik betrachtet. Ich habe etwa gesehen, dass die Zahl der Abtreibungen in den USA unter demokratischen Präsidenten wie Barack Obama zurückgegangen ist, weil Frauen der Zugang zu Verhütung und Gesundheitsberatung erleichtert wurde. Und weil die Demokraten tendenziell Sozialprogramme und staatliche Leistungen fördern, die es finanziell schlechter gestellten Frauen erleichtern, sich für ein Kind zu entscheiden.«
Sie habe erkannt, dass man sich mit den sozialen Ursachen von Schwangerschaftsabbrüchen auseinandersetzen muss, wenn man die Zahl der Abtreibungen reduzieren wolle. Gesetzliche Verbote, wie sie viele Evangelikale fordern, würden nichts bringen, da Frauen ja dann trotzdem weiter im Stillen, illegal und unter großen medizinischen Risiken abtreiben würden.
»Das heißt, ich bin nach wie vor ›pro life‹, also gegen Abtreibung, aber meine Perspektive, wie wir dieses Ziel erreichen, hat sich geändert«, sagt Tess Clarke. Die amerikanischen Evangelikalen dürften sich vom Thema Abtreibung nicht mehr in republikanische Geiselhaft nehmen lassen, so die Texanerin.
Tess betreibt in Dallas seit vielen Jahren eine NGO, die sich mit den Opfern sexueller Gewalt beschäftigt und junge Frauen stärken will – ihr Projekt nennt sich »Shine for Teen Girls«. Viele der Frauen, mit denen sie arbeitet, kommen aus Lateinamerika – es sind Einwanderer der ersten Generation und Flüchtlinge. Und hier fand Tess schließlich das zweite große Thema, das im Sommer 2018 ihre Entfremdung von der Republikanischen Partei besiegelte.
Ein politischer Befreiungsschlag
Als die Trump-Regierung ihre Asyl- und Grenzschutzpolitik verschärfte, gingen Fotos von in Käfigen eingesperrten und von ihren Eltern getrennten Flüchtlingskindern ums ganze Land. Die Fotos stammen aus offiziellen Flüchtlings- und Schubhaftzentren an der amerikanisch-mexikanischen Grenze – eine Maßnahme, mit der das Weiße Haus weitere Zuwanderer abschrecken wollte.
»Ich dachte mir, oh Gott, das könnten meine Kinder sein, die sind im selben Alter. Es hat mir das Herz gebrochen und ich musste weinen. Ich habe mir gedacht: Das können wir doch nicht zulassen, das ist unchristlich, unamerikanisch und untexanisch«, sagt Tess.
Vieler ihrer texanischen Freundinnen sahen das genauso – es war ein Thema, ein zivilisatorischer Bruch, der Frauen und Mütter in beiden politischen Lagern schockierte. Zum Schluss machte selbst First Lady Melania Trump Druck auf den Präsidenten, der die umstrittene Praktik schließlich wieder zurücknahm. Trotzdem dauerte es Monate, bis viele der inhaftierten Kinder wieder mit ihren Eltern zusammengeführt wurden. »Mir wurde damals klar, dass unser Land seine traditionellen Werte aus dem Fenster geworfen hat«, sagt Tess Clarke, »unsere tief amerikanische Willkommenskultur gegenüber den Fremden, den Einwanderern, den Verfolgten und den Unterdrückten.«
Die Dämonisierung von Einwanderern schockierte Tess: »Die Regierung bezeichnete die Migranten damals demonstrativ als ›Aliens‹, nur um ihnen das Menschliche abzusprechen. In vielen Medien wurden Angst und Hysterie verbreitet, auch in meinem Bekanntenkreis wurden die Menschen von den ganzen Falschinformationen erschlagen.«
Also ergriff die engagierte Texanerin selbst die Initiative. Sie begann Nachbarschaftsreisen zu den Flüchtlingszentren an der Grenze zu organisieren und danach weitere Reisen nach Mexiko, damit sich ihre Freunde und Bekannten ein Bild von der Lage der Menschen dort machen konnten.
»Die Menschen, die wir bei diesen Reisen getroffen haben, waren keine kriminellen Bandenmitglieder – das waren keine Monster, die zu uns kommen wollen, um zu plündern und zu vergewaltigen, wie oft suggeriert wird. Im Gegenteil, diese Menschen aus Mittelamerika fliehen vor genau denselben Gefahren in ihrer Heimat, vor denen wir uns fürchten, wenn wir die Einwanderer bei unseren Grenzübergängen sehen.«
Tess gründete daraufhin eine zweite Non-Profit-Organisation namens »Seek the Peace«, die mit Migranten und Flüchtlingen arbeitet. Die Organisation sammelt und schreibt die Geschichten der Einwanderer nieder, um die Hintergründe ihrer Flucht einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln. Gleichzeitig veranstaltet Tess dort »Peacemaking«-Workshops, bei denen engagierte Bürger aus Dallas gemeinsam mit den Migranten etwa Duftkerzen und Kosmetikprodukte herstellen und vertreiben, was das Selbstwertgefühl der Migranten stärken soll und gleichzeitig Einkommen und Spenden einbringt. Dieses humanitäre Engagement von Tess Clarke kulminierte schließlich in einen Akt politischer und religiöser Emanzipation. Sie gab gemeinsam mit mehreren Freundinnen der »New York Times« ein viel beachtetes Interview. Darin kündigten die Frauen an, trotz ihres evangelikalen Hintergrundes bei den US-Kongresswahlen im November 2018 für den demokratischen Senatskandidaten Beto O’Rourke stimmen und werben zu wollen. Der jungenhafte Texaner tritt für eine humane Asylpolitik und eine weitreichende Einwanderungsreform ein und begeisterte mit seinem Traum von einem vereinten und bunten Bundesstaat vor allem junge Wähler. Der charismatische O’Rourke unterlag zwar schlussendlich knapp seinem republikanischen Kontrahenten Ted Cruz. Doch seine leidenschaftlich geführte Kampagne zeigte auf, dass sich der seit Jahrzehnten tief republikanische Bundesstaat demografisch verändert hat und künftig von den Demokraten zurückerobert werden könnte. Texas ist mit seinen knapp 30 Millionen Einwohnern und seiner riesigen Wirtschaftsleistung, die jener von Kanada entspricht, bei jeder US-Wahl ein heiß begehrter Preis.
Für O’Rourke stimmte auch die Mehrheit der in den Vorstädten lebenden, gebildeten urbanen Frauen wie Tess Clarke. Diese Wählergruppe lief den Republikanern bei den Kongresswahlen 2018 in Scharen davon und ermöglichte den Demokraten die Rückeroberung des US-Repräsentantenhauses. Es ist eine Wählergruppe, die auch 2020 das Zünglein an der Waage spielen könnte.
Für ihr »New York Times«-Interview wurde Tess Clarke vielfach angefeindet und in Sozialen Medien auch als »Ketzerin« beschimpft. »Eine meiner Freundinnen ist im letzten Moment von dem Interview abgesprungen, weil sie ihre Ehe nicht gefährden wollte«, erzählt sie. »Diese Freundin hat buchstäblich davon gesprochen, dass man sie in ihrem Familienkreis kreuzigen und auf den Scheiterhaufen werfen würde, wenn sie sich öffentlich für einen demokratischen Kandidaten ausspricht.«
»Ja, das war ein sehr mutiger Schritt, den diese Frauen gesetzt haben. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie das hier in Texas Wellen geschlagen hat«, erzählt uns ein Kirchgänger aus Tess Clarkes Gemeinde beim Pfarrkaffee.
Gottes Werk und Trumps Beitrag
Seither macht sie einen noch größeren Bogen um die konservativevangelikalen Megakirchen des Bundesstaates. Diese gigantischen Gebetstempel ragen neben mehrspurigen Autobahnen in den Himmel und ähneln dabei Sportstadien. Ihre riesigen Plakatwände werben um die Seelen der Vorbeireisenden.
»Jesus ist die Antwort«, steht auf einem.
»Armageddon steht bevor – bist du bereit?«, warnt ein weiteres.
»Amerika ist eine christliche Nation und Trump ist unser Retter«, liest man auf einem anderen.
Eine der bekanntesten evangelikalen Megakirchen der Stadt ist die First Baptist Church im Zentrum von Dallas. Ein riesiger Glasbau, dessen Vorderseite ein opulenter Springbrunnen ziert. Das Kirchengebäude wurde in den vergangenen Jahren zu einem großen Campus und Veranstaltungszentrum ausgebaut. An zahlungskräftigen Spendern und Förderern fehlt es dieser Gemeinde ganz offensichtlich nicht. Die sonntäglichen Messen sind richtige Events und locken mehrere Tausend Besucher an.
Wir wollen für unsere ORF-Reportage ein Bild vom Inneren dieser Megakirche machen, doch eine offizielle Drehgenehmigung haben wir nicht erhalten. Also geben wir uns beim Eingang als neugierige Touristen aus Österreich aus. Man bittet uns freundlich herein – der Möglichkeit, zwei Katholiken zu bekehren, können die Empfangsdamen offenbar nicht widerstehen. Handyaufnahmen werden explizit erlaubt, man reicht uns Broschüren und führt uns in die große Gebetshalle. Diese gleicht einem Konzertsaal, inklusive mehrerer Kinoleinwände und einer Hightech-Soundanlage. Das Publikum ist gemischt und tendenziell etwas älter. Geleitet wird die First Baptist Church vom bekannten Prediger Robert Jeffress. Er ist ein glühender Trump-Anhänger und für seine regelmäßigen Auftritte beim konservativen TV-Sender Fox News bekannt. An diesem Tag empfängt er eine Kampfpilotin auf der Bühne. Die Frau erzählt von ihrer Begegnung mit Gott, als sie sich bei einem verunglückten Trainingsflug per Schleudersitz und Fallschirm retten musste.
Warum haben über 80 Prozent der evangelikalen Wähler 2016 Präsident Trump ihre Stimme gegeben? Diese Frage beschäftigt Journalisten und Akademiker des Landes. Neben Trumps ablehnender Haltung gegenüber Abtreibung und seinen Höchstrichter-Bestellungen wird auch immer wieder seine beispiellos pro-israelische Politik im Nahostkonflikt genannt, die viele US-Christen gutheißen. Trump und die Evangelikalen – eine politische Zweckehe, so ließe sich dieser Erklärungsansatz zusammenfassen.
In diese Bresche schlägt auch Autor Ben Howe, der in seinem Buch »The Immoral Majority: Why Evangelicals Chose Political Power over Christian Values« das Bild einer von tief verwurzelter Bigotterie getriebenen Bewegung zeichnet, die sich von der fortschreitenden Säkularisierung in den USA bedroht fühlt. Er beschreibt eine zunehmend radikalisierte Glaubensgemeinschaft, die, gekränkt von zahlreichen juristischen Niederlagen im amerikanischen Kulturkampf – zu Abtreibung und Homo-Ehe –, einen Rachefeldzug gegen die liberalen Bewohner der Küstenstädte gestartet hat und Trump dafür als Vehikel nutzt.
Der Investigativjournalist und ehemalige »New York Times«-Korrespondent Chris Hedges geht noch einen Schritt weiter. Er warnte in seinem Buch »American Fascists – The Christian Right and the War on America« bereits vor über zehn Jahren vor dem Aufstieg von religiösem Extremismus und christlichem Fundamentalismus in den USA. Für seine Recherche tauchte Hedges damals tief in die Welt radikalisierter evangelikaler Gemeinden ein, denen er klerikal-faschistische Züge und religiöse Allmachtsfantasien attestiert. Etliche dieser Gruppen würden die in der US-Verfassung verankerte Trennung von Staat und Religion durch politisches Engagement zu Fall bringen wollen, schreibt Hedges. Sie würden dazu die Sprache und die Ikonographie des Religiösen mit der Sprache und der Symbolik des Nationalismus verbinden – eine giftige und gefährliche Mischung, die ihn stark an die Dynamik vor dem Zerfall Ex-Jugoslawiens erinnere.
Pastoren auf Tournee
Doch die politische Radikalisierung des evangelikalen Lagers hat auch Gegenreaktionen ausgelöst, nicht nur bei Tess Clarke. Eine wachsende Bewegung innerhalb der evangelikalen Kirchen, die sich »Emerging Church« nennt, will ihren Glauben nutzen, um sozialliberale Ideale zu verbreiten und damit die evangelikale Botschaft an die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts anzupassen. Einer ihrer Vertreter ist der charismatische Pastor und Aktivist Doug Pagitt aus Minnesota. Er hat die Aktion »Vote Common Good« – also »Wähle das Gemeinwohl« – ins Leben gerufen. Gemeinsam mit sieben weiteren evangelikalen Pastoren tourte er im Herbst 2018 einen ganzen Monat lang mit dem Bus durch die USA. 31 Städte in 31 Tagen, Tausende Kilometer und eine Mission: religiöse Wähler wachzurütteln und zur Wahl demokratischer Oppositionskandidaten zu bewegen.
Wir treffen die Gruppe an einer Raststation südlich von Austin, Texas, ihr Konvoi besteht aus drei Bussen – Dutzende Freiwillige haben sich der Tour angeschlossen. »Die Republikaner haben vielen religiösen Würdenträgern und Wählern eingeredet, dass sie lieber Donald Trump als den Lehren von Jesus folgen sollen. Das hat zu einer tiefen Glaubenskrise geführt. Trump ist eine Gefahr für das Land und die Welt und er muss gestoppt werden«, sagt Initiator Doug Pagitt. Die Gruppe ist auf dem Weg nach San Antonio, um dort eine ihrer vielen Messen und Informationsabende zu veranstalten. Das Innere des Pastoren-Busses strahlt »Rock’n’Roll«-Tourneefeeling aus. Roadies schlafen auf einem Matratzenlager. Gitarrenkoffer und Energydrinks kugeln herum. Die Reisenden singen »This land is your land, this land is my land«, ein afroamerikanischer Pastor begleitet sie auf dem Keyboard mit bluesiger Stimme. Die flache Landschaft des Bundesstaates zieht an uns vorbei. Die Wege des Herrn sind unergründlich und im Falle von Texas manchmal sehr weit.
Mit an Bord ist auch die evangelikale Buchautorin Christy Berghoef. Sie sagt, das Wichtigste an der Tournee sei es, evangelikale Frauen aus dem ideologischen Zwinger ihrer Ehemänner und ihrer konservativen Pastoren zu befreien. »Diese Frauen fürchten soziale Isolation, wenn sie sich kritisch gegenüber Trump oder den Republikanern äußern, und gerade in ländlichen Regionen kann so ein Schritt zu sozialer Ausgrenzung führen. Daher ist es so schön, wenn wir erleben, wie sich Frauen auf unseren Veranstaltungen begegnen, die aus denselben Gemeinden stammen und voneinander gar nicht wussten, dass sie Gleichgesinnte sind«, sagt Berghoef. Die »Vote Common Good«-Initiative will sich auch vor der Präsidentschaftswahl 2020 wieder auf landesweite Tournee begeben, wenn es die Corona-Situation zulässt. Denn es geht um jede Stimme.
Trumps Kampf um evangelikale Wähler
Das weiß auch Donald Trump, der seit Monaten wieder verstärkt um evangelikale Stimmen buhlt, die seine Wiederwahl sichern sollen. Dafür bezeichnet er sich auch gerne als »The Chosen One« – der Auserwählte. Ende Jänner 2020 tritt der Präsident beim »March for Life« auf, der größten Anti-Abtreibungs-Kundgebung in der Hauptstadt Washington. Es ist das erste Mal in der 47-jährigen Geschichte dieser alljährlichen Veranstaltung, dass ein Präsident daran teilnimmt. Die evangelikale Anti-Abtreibungs-Lobby schließt Trump dafür nicht nur in ihre Gebete ein – es folgt auch irdischer Dank in Form einer 52-Millionen-Dollar-Wahlkampfspende an die Republikaner. Unterstützung erhält Trump in Fragen der religiösen Kommunikation auch von Vizepräsident Mike Pence und Außenminister Mike Pompeo, beide sind evangelikale Christen. Um den Kontakt mit religiösen Wählern zu pflegen, hat das Weiße Haus sogar ein eigenes Büro für Glaubensfragen eingerichtet. Geleitet wird es seit Jahresbeginn von der evangelikalen Fernsehpredigerin Paula White, einer beinahe fanatischen Anhängerin des Präsidenten, die klargestellt hat: »Wer Nein zu Trump sagt, sagt Nein zu Gott.«
Um den zum dritten Mal verheirateten Trump, der mutmaßlich auch Schweigegeld an eine Pornodarstellerin gezahlt hat, zu einem christlichen Retter hochzustilisieren, greifen seine evangelikalen Anhänger zu immer bizarreren Verrenkungen. Zuletzt wurde der US-Präsident von ihnen immer wieder mit dem Perserkönig Kyros verglichen, der gemäß dem Alten Testament die Juden aus der babylonischen Gefangenschaft befreit hat – ein makelbehafteter Sünder, der trotz oder gerade wegen seiner Schwächen als Gottes Werkzeug diene, um dessen irdische Pläne zu vollenden. Und damit auch apokalyptische Prophezeiungen erfülle: »Ich halte Trump für den Antichristen und wähle ihn genau deswegen, damit der Tag des Jüngsten Gerichts eingeleitet wird«, erklärt uns ein Trump-Anhänger unverblümt auf einer Wahlkampfveranstaltung.
Trumps Kampf um die evangelikalen Stimmen setzte sich auch während des Lockdowns in der Corona-Krise fort. Er drängte die Gouverneure des Landes wiederholt zum raschen Wiederaufsperren der geschlossenen Kirchen: Wenn Alkoholläden und Abtreibungskliniken als »systemrelevant« eingestuft würden, müsse das für Kirchen umso mehr gelten, klagte der Präsident.
Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte Trumps aggressives Werben um christliche Wähler Anfang Juni: Der Präsident ließ Demonstranten, die friedlich am Lafayette-Square hinter dem Weißen Haus gegen Polizeigewalt und Rassismus demonstriert hatten, brutal mit Tränengas und Schlagstöcken vertreiben. Wenige Minuten später spazierte er über den leergefegten Platz zur angrenzenden St. John’s Episcopal Church, wo er sich mit einer Bibel in der Hand fotografieren ließ, als starker Mann von Gottes Gnaden. Der brachiale PR-Stunt sorgte in vielen Kreisen für Entsetzen. Zahlreiche afroamerikanische Baptisten-Pastoren aus der Hauptstadt verurteilten die Aktion scharf – sie hielten in den Folgewochen mehrere Protestmessen vor der Kirche ab.
»Es hat uns angewidert, dass der Präsident die Bibel für sein politisches Fotoshooting missbraucht hat«, sagte Pastor Keith Byrd von der Zion Baptist Church im ORF-Interview. »Er hat ein Buch hochgehalten, dessen Inhalt er nicht kennt, da hätte er genauso gut das Telefonbuch in Kamera halten können! Würde Trump die Bibel auch lesen, dann würde er Mitgefühl zeigen mit all den schwarzen Familien, die Kinder verloren haben.«
»In der Bibel steht, Gott ist auf der Seite der Unterdrückten«, rief ein weiterer afroamerikanischer Pastor zu den versammelten Gläubigen. »Ich warne Sie, Mr. President, Ihre Hände sind viel zu klein, um gegen Gott in den Ring zu steigen! Wir werden dafür sorgen, dass Sie abgewählt werden.«
Es ist eine Kampfansage, die ein weiteres interessantes Charakteristikum der US-Christen verdeutlicht: die enorme Kluft zwischen weißen Christen und nicht-weißen Gläubigen. Seit den 1980er Jahren haben weiße christliche Wähler, egal ob Protestanten oder Katholiken, immer mehrheitlich die Republikaner gewählt, während nicht-weiße Christen für die Demokraten gestimmt haben. Das heißt, diese Gruppen eint zwar die gemeinsame religiöse Identität und Praxis, aber politisch stehen sie einander diametral gegenüber, organisiert je nach Hautfarbe.
Und hier nun liege der eigentliche Schlüssel zum Verständnis der Verbundenheit zwischen Trump und den Evangelikalen, sagt Robert Jones, der Leiter des auf religiöse Gruppen fokussierten Meinungsforschungsinstituts PRRI: »Die weißen Evangelikalen haben eine historisch tief verwurzelte, problematische Tradition, strukturellen Rassismus zu ignorieren oder sogar zu fördern. Sie waren einer der größten Unterstützer der Sklaverei und danach der Diskriminierungs- und Rassentrennungsgesetze. Und jetzt, wo sich die US-Bevölkerungsstruktur zunehmend ändert, weniger weiß und weniger christlich wird, sind sie in Panik geraten. Und da holt Trump sie ab, indem er verspricht, die Uhr zurückzudrehen – »Make America Great Again« –, zurück zur weißen Dominanz. Und in diesem Kontext müssen wir auch seinen konfrontativen Umgang mit den Antirassismus-Protesten sehen.«
Doch mit seiner religiös kodierten »Law and Order«-Haltung ist Donald Trump möglicherweise über das Ziel hinausgeschossen. Selbst traditionelle Verbündete des Präsidenten wie der ultrakonservative und einflussreiche Fernsehprediger Pat Robertson verurteilten das harte Vorgehen gegen Demonstranten: »So etwas tut man nicht, Mr. President, das ist nicht cool«, sagte der 90-Jährige.
Der Bruch innerhalb des evangelikalen Lagers war schon davor immer offener zutage getreten. Im Dezember 2019 rief ausgerechnet das einflussreiche evangelikale Magazin »Christianity Today« dazu auf, Trump des Amtes zu entheben – dessen »tief amoralisches Verhalten« in der Ukraine-Affäre lasse keine andere Konsequenz zu. Trumps religiöse Verteidiger attackierten das Magazin daraufhin öffentlich. »Christianity Today« verlor 2000 Abonnenten, bekam aber auch 5000 neue dazu. Gleichzeitig gründete eine Gruppe von Trump-kritischen Republikanern das sogenannte »Lincoln Project« – eine Plattform, die evangelikale Wähler in Online-Videos vor dem falschen Propheten im Weißen Haus warnt. Eine Umfrage des »Public Religion Research Institute« stellte im Juni 2020 fest, dass der Zuspruch für Trump unter weißen evangelikalen Wählern zwischen März und Juni von 77 auf 62 Prozent geschrumpft ist.
Noch dramatischer war der Umfrage-Umschwung bei weißen Katholiken: Bei ihnen brach die Zustimmung für den Präsidenten im selben Zeitraum von 60 auf 37 Prozent ein. Diese Entwicklung sollte dem Wahlkampfteam Trumps Sorgen bereiten, sagt Meinungsforscher Robert Jones. Denn die US-Wahl werde wohl erneut in einigen wenigen umkämpften Bundesstaaten des Mittleren Westens entschieden und dort sei der Anteil der weißen Katholiken an der Bevölkerung mit bis zu 20 Prozent besonders hoch.
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