Kitabı oku: «Star Trek - The Next Generation: Kollateralschaden»

Yazı tipi:

STAR TREK™

THE NEXT GENERATION

KOLLATERALSCHADEN

DAVID MACK

Based on

Star Trek and Star Trek: The Next Generation created by Gene Roddenberry

Ins Deutsche übertragen von

Bernd Perplies



Die deutsche Ausgabe von STAR TREK – THE NEXT GENERATION: KOLLATERALSCHADEN wird herausgegeben von Cross Cult Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.

Herausgeber: Andreas Mergenthaler; Übersetzung: Bernd Perplies; verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde; Lektorat: Kerstin Feuersänger;

Korrektorat: André Piotrowski; Cover Artwork: Alan Dingman, Satz: Rowan Rüster; Print-Ausgabe gedruckt von CPI Moravia Books s.r.o., CZ-69123 Pohorelice. Printed in the EU.

Titel der Originalausgabe: STAR TREK – THE NEXT GENERATION: COLLATERAL DAMAGE

German translation copyright © 2020 by Cross Cult.

Original English language edition copyright © 2019 by CBS Studios Inc. All rights reserved.

TM & © 2020 CBS Studios Inc. STAR TREK and related marks and logos are trademarks of CBS Studios Inc. All Rights Reserved.

This book is published by arrangement with Pocket Books, a Division of Simon & Schuster, Inc., pursuant to an exclusive license from CBS Studios Inc.

Print ISBN 978-3-96658-323-7 (Oktober 2020) · E-Book ISBN 978-3-96658-324-4 (Oktober 2020)

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Gewidmet allen Träumen, denen man entwachsen ist, ohne sie je zu vergessen.

INHALT

HISTORISCHE ANMERKUNG

PROLOG FEBRUAR 2381

JANUAR 2387

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 29

KAPITEL 30

KAPITEL 31

KAPITEL 32

KAPITEL 33

KAPITEL 34

KAPITEL 35

EPILOG

DANKSAGUNG

ÜBER DEN AUTOR

HISTORISCHE ANMERKUNG


Der Prolog dieser Geschichte spielt im Februar 2381, eine Woche nach dem Ende der Borg-Invasion (STAR TREK – DESTINY).

Der Hauptteil des Romans trägt sich im Januar 2387 zu, etwa acht Wochen nach der Mission der Enterprise, das Generationenschiff der Nejamri abzufangen (STAR TREK – TNG »Vorhandenes Licht«), und zehn Wochen nachdem die Verbrechen von Sektion 31 publik gemacht wurden (STAR TREK »Sektion 31: Kontrolle«).

Nächstenliebe beginnt in den eigenen vier Wänden – aber wenn sie dort auch endet, was ist sie dann wert?

PROLOG


FEBRUAR 2381

Vor sieben Tagen ist meine Welt gestorben. Ermordet worden. Niedergestreckt wie ein tollwütiger Hund. Man hat sie brennen lassen, ohne dass eine lebende Seele verblieben wäre, die um sie hätte trauern können. Sie ist völlig grundlos zerstört worden.

Vom Gipfel des höchsten Berges auf Nausikaa blicke ich hinab auf verkohlte Schlacke. Eine geschwärzte Kugel, still und leer. Ein Nebel, der die Farbe von verrottendem Fleisch hat, hängt über den Ebenen zu meinen Füßen. Er passt zu der Leichenblässe unseres einst strahlenden Himmels, der jetzt durch ständige Schleier aus braunem Staub und grauem Rauch verhangen ist, die durch das gnadenlose Bombardement der Borg in die Atmosphäre geschleudert wurden.

Wo ich meine Geburtsstadt sehen sollte, das Land meiner Vorväter, das Heim meiner Familie … da ist nichts weiter als ein schwelender Krater, dessen tiefster Punkt noch immer in dem grünen Feuer glüht, das ihn erschaffen hat. Eine qualmende Wunde in der Landschaft. Ein leerer Raum, sowohl im übertragenen als auch im sehr direkten Sinne.

Ich will schreien. Meinen Kummer und meine Wut hinausheulen. Aber die Trauer raubt mir die Stimme, erstickt mich wie ein Strick um meine Kehle. Meine seitlichen Mandibeln beben. Meine Augen brennen vor Tränen des Zorns. Ich muss stark bleiben. Ich bin alles, was meinem Volk geblieben ist. Wenn ich schwach bin, werden die Letzten von uns vergehen.

Ich darf nicht wanken, darf keine Furcht zeigen. Ich muss es irgendwie schaffen weiterzumachen.

Hinter mir geben sich andere ihrer Trauer hin. Die Frauen und die Jünglinge lasse ich weinen. Die Männer brüllen, bis sie heiser sind, so als hofften sie, dass ihre Schreie das Grabtuch zerreißen könnten, das unsere Welt einhüllt. Sie brauchen das jetzt. Sie müssen sicher sein, dass sie ihre Tegoli den Vier Winden ausgeschüttet haben und nicht von ihnen erhört wurden.

Unsere Götter werden uns nie wieder klagen hören. Sie haben uns entweder verlassen, oder sie sind tot. Wie dem auch sei, sie spielen keine Rolle mehr. Die einzige Wahrheit, die es jetzt noch gibt, ist die, dass wir allein sind.

Und dass ich hätte hier sein sollen.

Ich hätte neben meinen Gefährtinnen und unseren Jünglingen sterben sollen. Yawa, kannst du mir jemals vergeben? Baru? Hörst du das Bedauern in meiner Stimme? Ich wünschte, ich hätte den Tag nicht erleben müssen, an dem ich plötzlich ohne euch beide dastehe. Ohne unseren eigensinnigen, leidenschaftlichen Jüngling. Wart ihr dankbar, dass ich nicht auf Nausikaa war? Habt ihr gehofft, ich würde euch rächen? Oder habt ihr mich verflucht, als ihr diese Welt verlassen habt? Mich einen Feigling genannt?

Ich schwöre auf eure Tegoli, dass ich kein Feigling bin. Wäre ich hier gewesen, hätte ich den Borg gezeigt, was Guramba wirklich bedeutet. Ich hätte sie für diese Schrecken mit Blut bezahlen lassen.

Das ist mehr, als die Föderation getan hat – denn sie hat nichts getan.

Kein einziges Schiff kam, um Nausikaa zu verteidigen.

Immer diese großen Worte, und wo war die Föderation dann, als wir sie brauchten? Die Borg waren deren Feinde. Ein Albtraum, den sie hervorgebracht hat. Eine Katastrophe, die sie auf die Galaxis losgelassen hat.

Wo war die Föderation, als unsere Welt in Schutt und Asche gelegt wurde?

Wo war die Föderation, als unsere Wahrzeichen vaporisiert und jede Spur unserer Geschichte, unserer Kultur, unserer Literatur, unserer Musik, unseres Erbes ausgelöscht wurde? Sie befand sich auf dem Rückzug, floh, um ihre wertvolle Erde zu beschützen.

Die große und viel gepriesene Sternenflotte rannte ängstlich davon, während die Borg die Ozeane meiner Welt durch die glühende Asche von sechs Milliarden Nausikaanern in Schlamm verwandelten.

Jetzt ist nichts mehr übrig. Kein einziger Überlebender existiert noch auf der Planetenoberfläche.

Die einzigen Nausikaaner, die in der Galaxis übrig sind, sind jene, die nicht in der Heimat weilten, als die Borg kamen. Eine Handvoll Schurken, Plünderer und unabhängiger Händler. Das, was bei unserem Volk einem Militär am nächsten kam, ist zusammen mit diesem Planeten gestorben. Genauso wie unsere streitsüchtige Regierung und jedes letzte bisschen an Reichtum, den wir als Zivilisation besaßen.

Wir waren schon immer eine stolze Spezies. Stark. Unabhängig. Furchtlos.

Aber jetzt sind nur noch so wenige von uns übrig. Eine falsche Entscheidung könnte unser Aussterben bedeuten.

Als ich aufwuchs, lernte ich, dass Nausikaaner niemals um etwas bitten. Nicht um Hilfe, nicht um Gefallen, nicht um Gnade. Was wir wollen, nehmen wir uns. Was wir haben, behalten wir. Das ist unsere Art. Aber wie holen wir uns unsere eigene Vergangenheit zurück? Unsere Identität? Tausende von Zyklen an Geschichte, Mythologie, Musik, Kunst, Literatur, Dichtung und Glauben … alles fort und verloren.

Alles, was wir waren. Zerstört in einem Blitz aus Licht und Hitze.

Wir letzten Überlebenden treiben hilflos durch das Nichts. Zu stolz, um zu bitten. Zu schwach, um zu erobern. Das nausikaanische Volk ist zu Abfall geworden, der von der grausamen, endlosen Strömung der Zeit davongespült wird.

Ausgelöscht ohne Grund. Nicht, weil wir etwas hatten, das die Borg wollten, oder etwas darstellten, das sie fürchteten. Sondern bloß, weil unser Sternensystem zwischen dem Ankunftspunkt der Borg im Alpha-Quadranten, dem Azur-Nebel, und ihrem Endziel, dem Sol-System, lag.

Der Erde.

Unsere Welt wurde ermordet, weil sie sich auf der kürzesten Route der Borg zur Erde befand.

Mein Volk hat die Borg nie herausgefordert. Sie haben sich nie für uns oder unsere Technologie interessiert. Sie haben uns in Frieden gelassen und wir sie. Bis sie die Föderation getroffen haben. Da hat sich alles verändert. Nachdem die Föderation und ihre Sternenflotte mit den Borg Kontakt aufgenommen hatte, war es nur eine Frage der Zeit gewesen, bis etwas wie das hier passieren würde.

Es ist immer die gleiche Geschichte mit der Sternenflotte. Sie fühlt sich so überlegen. Sie ist so überzeugt von sich selbst.

Und jetzt sind Milliarden meiner Leute tot. Ausgerottet wie Ungeziefer. Und auf anderen Welten ist das Gleiche geschehen, wieder und wieder. Mehr als sechzig Milliarden lebendig verbrannt, jeder von ihnen ein Opfer auf dem blutgetränkten Altar der Föderationsarroganz.

Manche wollen die Borg für diese Schrecken verantwortlich machen. Aber die Borg sind fort. In der Caeliar-Gestalt aufgegangen. All ihrer Verantwortung enthoben, von all ihren Sünden reingewaschen.

So sei es. Ich weiß, wer wirklich verantwortlich ist.

Ich wende mich von dem endlosen Feld der Zerstörung ab und blickte auf die wenigen Dutzend Überlebenden. Sie in diesem brutalen, gleichgültigen Universum zu verteidigen, ist ab heute meine heilige Pflicht. »Genug!« Meine Stimme ist rau. Ich deute auf mein Schiff, die Seovong, die nicht weit entfernt auf einem kleinen Felsplateau parkt und deren hintere Zugangsrampe offen steht. »Wir verschwinden.«

Mein Erster Offizier Kradech tritt auf mich zu. »Kinogar«, sagt er in leisem Tonfall, »die Frauen und Jünglinge brauchen mehr Zeit.«

Er war schon immer weniger hartherzig als ich. Ich schüttle den Kopf.

»Eine Stunde oder einen Tag zu klagen, macht keinen Unterschied. Selbst wenn wir weinen, bis unsere Augen keine Tränen mehr haben, wird unsere Welt immer noch tot sein.« Ich nicke in Richtung des Schiffs. »Schafft sie an Bord.«

Meine Miene ist ausdruckslos, aber mein Herz heult vor Schmerz, als ich zusehe, wie Kradech und meine anderen treuen Männer die Handvoll unserer trauernden Verwandten zurück ins Schiffsinnere führen. Manche von ihnen klammern sich an winzige Erinnerungen aus unseren früheren Leben. Eine Frau – die Glückliche – hat ein Buch, das in unserer Muttersprache geschrieben ist. Ich sehe einen Jüngling, der ein Holzblasinstrument bei sich trägt. Womöglich weiß er nicht mal, wie es gespielt wird, aber trotzdem wurde ihm eingeschärft, es zu bewahren und zu beschützen.

Soweit ich weiß, sind wir alles, was vom Volk der Nausikaaner übrig ist.

Um ihretwillen werde ich die Föderation für das bezahlen lassen, was wir verloren haben.

Ich unterdrücke meine brennenden Tränen, während ich mein Schiff betrete und zu den Sternen aufsteigen lasse. Hinter uns bleibt die Leiche meiner Welt zurück – und mit ihr ein Stück meiner Tegol.

JANUAR 2387

KAPITEL 1


Der Kragen von Jean-Luc Picards Galauniform lag eng wie eine Schlinge um seinen Hals. Er schob den Zeigefinger dahinter und zog behutsam daran, um ihn ein wenig zu lockern. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass er früher so eng saß. Aus dem Augenwinkel gewahrte er, dass er die Aufmerksamkeit seiner Frau, Doktor Beverly Crusher, erregt hatte, die neben ihm in dem Shuttle Galileo saß. Er ließ den Kragen los und richtete den Blick nach vorn. Draußen glitten die Türme und Dachspitzen von San Francisco vorbei.

Crusher trug ebenfalls ihre Ausgehuniform. Picard hatte sie daran erinnert, dass es für sie nicht nötig war, sich das anzutun, aber sie hatte darauf bestanden. »Wir stecken da beide mit drin, Jean-Luc«, hatte sie ihm vor einer Stunde erklärt, als sie sich in ihrem Quartier an Bord der Enterprise umgezogen hatten.

Ich hoffe nur, das wird sich nicht als wahr herausstellen.

Seit sie die Galileo bestiegen hatten, hatten sie kein Wort miteinander gewechselt. Ihr Flug hinunter vom Erdorbit war kurz gewesen und beherrscht von dem Unbehagen vor dem, was sie am Ende erwarten würde. Sie hatten diese Reise so lange wie möglich vor sich hergeschoben – zunächst durch Ausreden, dann durch eine Mission weit jenseits der Föderationsgrenzen. Aber die Zeit für Verzögerungen und Ausweichmanöver war vorbei.

Ich kann nicht länger davor weglaufen. Es wird Zeit, für meine Taten einzustehen.

Mitglieder des Föderationsrats hatten schon seit Wochen Picards Anwesenheit eingefordert, seit Sektion 31 öffentlich bloßgestellt worden war. Denn mit dieser Bloßstellung war, neben all ihren Verbrechen außerhalb und innerhalb der Föderation, auch enthüllt worden, dass Picard und mehrere Flaggoffiziere der Sternenflotte Schlüsselrollen in der gewaltsamen Absetzung von Föderationspräsident Min Zife sieben Jahre zuvor gespielt hatten. Dabei war Picard genauso wie jedermann sonst von der Neuigkeit schockiert worden, dass Sektion 31 zusätzlich so weit gegangen war, Zife und seine Topberater direkt nach ihrem Rücktritt zu exekutieren.

Wenn ich das nur gewusst hätte … Der Gedanke führte nirgendwohin. Wenn er auf diese von Furcht beherrschten, gewalttätigen Tage zurückblickte und sich fragte, was er anders hätte machen können, fiel ihm keine Antwort ein. Die Tezwa-Krise hatte zu den dunkelsten Zeiten in seiner Sternenflottenlaufbahn gehört. Millionen waren gestorben, ein Planet und ein Volk waren zerstört worden, und all das für nichts. Er hatte gehofft, nie wieder daran denken zu müssen, doch die Schrecken von damals verfolgten ihn bis heute. Er vermochte ihnen ebenso wenig zu entrinnen wie seinem eigenen Schatten.

Eine Veränderung in der künstlichen Schwerkraft des Shuttles und ein Absenken der Nase warnten Beverly und ihn vor dem, was kommen würde, noch bevor ihre Pilotin, der rothaarige Lieutenant Allison Scagliotti, über die Schulter blickte. »Captain, wir befinden uns im Landeanflug auf das Sternenflottenhauptquartier.«

»Danke, Lieutenant.«

Er bewegte seine Hand gerade weit genug, um seine Finger mit denen von Crusher zu verschränken.

Sie schloss ihre Finger um die seinen, eine kleine, aber wertvolle Geste der Unterstützung.

Über die Komm-Verbindung der Galileo vernahm Picard die Stimme des Flugsicherungsoffiziers im Sternenflottenhauptquartier, der letzte Anweisungen gab. Genau wie Picard erwartet hatte, wurde das Shuttle zu der Landeplattform dirigiert, die in unmittelbarer Nähe des Büros des höchsten Sternenflottenoffiziers lag: Fleet Admiral Leonard James Akaar. Das ergab Sinn, und das nicht nur, weil es praktisch war. Die Landeplattform war vor den Blicken außenstehender Beobachter geschützt, außerdem war Zivilisten, die nicht zur Regierung gehörten, der Zutritt hier nicht gestattet.

Mit anderen Worten: keine Presse.

Butterweich setzte die Galileo auf. Das Brummen des Impulsantriebs verringerte sich zu einem leisen Schnurren, ganz aus ging es aber nicht. Das Shuttle hatte den Befehl, umgehend zur Enterprise zurückzukehren, sobald Picard und Crusher sicher beim Sternenflottenkommando abgeliefert worden waren.

»Kommando, die Galileo ist sicher gelandet«, meldete Scagliotti dem Luftsicherungsoffizier des Sternenflottenhauptquartiers. »Die Passagiere steigen nun aus. Erbitte Freigabe zum sofortigen Abflug.«

»Wir machen Ihnen einen Flugvektor frei. Bitte warten, Galileo.«

Picard und Crusher lösten ihre Sicherheitsharnische und erhoben sich von ihren Plätzen. Scagliotti öffnete die Steuerbordluke des Shuttles, als sie sich ihm näherten. Dann drehte sich die junge Frau auf ihrem Sessel um und blickte sie an, bevor sie ausstiegen. Tränen schimmerten in ihren Augen. »Viel Glück, Sir!«, sagte sie, und ihr Wunsch kam sichtlich von Herzen.

Was konnte er darauf antworten? Er wollte ihre keine falschen Hoffnungen machen.

Mit einem knappen Nicken nahm er ihre Worte entgegen. »Danke.«

Dann führte er seine Frau aus dem Shuttle, hinaus in den blendenden Schein eines klaren, eiskalten Wintermorgens in San Francisco, Kalifornien.

Seite an Seite schritten sie über die Landeplattform zu der Doppeltür, die ins Innere des Hauptquartiers der Sternenflotte führte. Sie hatten die rote Zone der Plattform kaum verlassen, als sie schon hörten, wie das Antriebsgeräusch der Galileo wieder anschwoll. Weder Picard noch Crusher blickte zurück, aber der Captain sah das abhebende Shuttle in der Reflexion der spiegelblanken Fensterfront des Gebäudes.

Die Doppeltür glitt auf, als sie sich ihr näherten. Ein hochgewachsener Sternenflottenoffizier trat ins Freie, um sie zu begrüßen. Es war ein jung wirkender Pacificaner, der eine Flüssigatemmaske über Mund und Nase trug und auffällige Schwimmhäute zwischen den langen, schlanken Fingern seiner Hände aufwies. Elegante, mehrfarbige Finnen wuchsen aus der Oberseite und den Seiten seines Schädels. Als er sich auf Gesprächsdistanz genähert hatte, sah Picard, dass der Mann die Rangabzeichen eines Lieutenants trug. Seine Worte drangen aus einem speziellen Übersetzungsmodul, das in seine Atemmaske integriert war.

»Ich grüße Sie, Captain Picard.« Er wandte sich Crusher zu. »Willkommen, Doktor Crusher!« Er deutete auf die offen stehende Tür hinter sich. »Ich bin Lieutenant Commander Boyelip, der oberste Berater von Fleet Admiral Akaar. Sie werden beide erwartet. Folgen Sie mir, bitte.«

Boyelip drehte sich um und führte sie ins Innere.

Weit von einem Empfang für Helden entfernt. Nicht, dass ich irgendeinen Grund gehabt hätte, so etwas zu erwarten. Nicht diesmal.

Auf dem kurzen Weg durch die sterilen weißen Korridore zum Büro des höchsten Admirals der Sternenflotte passierten sie Offiziere unterschiedlicher Spezies sowie verschiedenen Ranges und Geschlechts. Picard hatte das Gefühl, das Gewicht der starrenden Blicke jedes Einzelnen zu spüren, während er sich bemühte, ebendiese zu ignorieren. Augenkontakt zu vermeiden, das hatte er in letzter Zeit gelernt, war die beste Methode, um unerwünschte Fragen zu verhindern. Also gab er neuerdings sein Bestes, um den Blick immer nach vorn zu richten, dorthin, wohin er ging, auf das, was er gerade tat, und auf die Person, mit der er in dem Moment sprach.

Aber er spürte die Blicke. Die vorwurfsvollen Gesichtsausdrücke. Überall, wohin er ging. Und ihr Gewicht nahm mit jedem vergehenden Tag zu. Schon bald würden sie zu viel für ihn sein, nicht mehr zu ertragen. Er musste sich von dieser Bürde befreien.

Boyelip öffnete die Tür zu Akaars Büro, aber er blieb draußen, als Picard und Crusher eintraten. Hinter ihnen schloss er die Tür wieder.

Akaar stand vor dem bodentiefen Fenster, den breiten Rücken Picard und Crusher zugewandt. Der große, weißhaarige Capellaner – der noch immer gut durchtrainiert war, ungeachtet seines Alters von über hundertzwanzig Jahren – blickte hinaus auf die Schönheit der Bucht von San Francisco. Als er das Wort ergriff, sprach er mit der Ruhe eines bajoranischen Vedek, der ein Gebet für die Toten liest. »Und so beginnt es.« Er drehte sich zu Picard um. »Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sehr ich gehofft habe, dass dieser Tag niemals kommen würde.«

Picard war zu weit gereist, um sich irgendwelchen rührseligen Anwandlungen hinzugeben. Das Einzige, was ihm im Augenblick Halt gab, waren die Rituale des Protokolls. Er trat vor und sprach die Worte aus, die er während der letzten acht Wochen so oft geprobt hatte, damit er für diesen Moment vorbereitet war.

»Admiral, gemäß Ihrem Befehl und auf Anordnung der Generalanwaltschaft der Sternenflotte stelle ich mich als wesentlichen Zeugen der andauernden strafrechtlichen Untersuchung der Handlungen von Sektion 31 während der Tezwa-Krise zur Verfügung. Ich bin bereit, über meine Rolle im Rahmen dieser Ereignisse auszusagen und die volle Verantwortung für meine Taten zu übernehmen.«

Akaar nahm diese Nachricht mit Gelassenheit zur Kenntnis. Dann wandte er sich Crusher zu. »Und welchem Umstand verdanke ich das Vergnügen Ihrer Anwesenheit, Doktor?«

»Ich bin hier, um das zu tun, was er nicht tun wird.«

»Und das wäre?«

»Verhindern, dass er sich ins Unglück stürzt.«

»Damit wären wir schon zwei.« Der Admiral deutete auf die Gästesessel vor seinem geschwungenen Schreibtisch. »Bitte, setzen Sie sich.« Er ließ sich auf seinem eigenen Sessel nieder und wartete, bis sie Platz genommen hatten, bevor er fortfuhr. »Captain, ich weiß Ihr Beharren auf das Protokoll zu schätzen. Ich werde dafür Sorge tragen, dass Ihre Gesten ordentlich vermerkt und in den Akten des Militäranwalts eingetragen werden.«

»Danke, Admiral.«

»Mehr als gern geschehen. Nun lassen Sie mich Ihnen erklären, warum ich darauf bestanden habe, dass Sie bei mir vorstellig werden, statt sich unmittelbar an die Juristische Abteilung der Sternenflotte zu wenden. Ich habe mein Bestes gegeben, um Sie und die Enterprise während der frühen Phasen dieser Untersuchung außer Reichweite zu halten. Ich hatte gehofft, dass man genug finden würde, um zufrieden zu sein, ohne Ihren Namen in den Schmutz zu ziehen. Das war leider nicht der Fall. Die Völker der Föderation sind verständlicherweise schockiert über die Entdeckung, dass sie und ihre Vorfahren mehr als zwei Jahrhunderte lang in einem Überwachungsstaat lebten, der von einer soziopathischen, künstlichen Superintelligenz geführt wurde. Und das, da bin ich mir sicher, wäre auch ihre größte Sorge gewesen, wären nicht all diese Dokumente aufgetaucht, die behaupten, dass die Sternenflotte einen Coup gegen den Präsidenten durchgeführt hat, der den Dominion-Krieg gewonnen hat, und dann wegschaute, als er ermordet wurde. Ich habe getan, was ich konnte, um Sie vor dem medialen Sturm der letzten paar Wochen abzuschirmen, aber meine Fähigkeiten, Sie zu decken, sind an ihr Ende gelangt.«

Picard nickte. »Das habe ich erwartet, Admiral. Ich bin bereit, die Suppe auszulöffeln.«

»Ich hoffe, dass sie sich daran später noch erinnern. Denn Ihre Lage ist schlimmer, als Sie denken.« Akaar nahm ein Padd zur Hand, rief eine Datei auf und reichte es Picard über den Tisch hinweg, damit dieser den Inhalt überfliegen konnte. »Um null-neunhundert heute Morgen hat die Generalanwältin der Föderation, Phillipa Louvois, dem Föderationsrat und Präsidentin zh’Tarash eine Petition überreicht mit dem Ziel, alle Sternenflottenangehörigen, die Bestandteil der Sektion-31-Untersuchung sind, an die zivile Gerichtsbarkeit zu übergeben, statt zuzulassen, dass die Sternenflotte ihre eigenen Verfahren in Militärgerichten durchführt, wie es das Militärjustizgesetz der Sternenflotte vorsieht.«

Alarmiert setzte sich Picard auf. Das stank nach einer Hexenjagd. »Und?«

»Ich habe dagegen protestiert. Mit Nachdruck. Die Rechtsautonomie der Sternenflotte ist ein Privileg, das ich nicht aufzugeben bereit bin, und es gibt keinen juristischen Präzedenzfall für solch eine Übertragung der Autorität. Die gute Nachricht ist, dass der Oberste Gerichtshof der Föderation Louvois’ Bitte abgelehnt hat. Das bedeutet allerdings, dass unsere eigene offizielle Untersuchung ohne jeden Tadel sein muss. Verstehen Sie, was ich damit sagen will, Captain?«

»Ja, Admiral.«

»Lassen Sie es mich zur Sicherheit trotzdem noch einmal in Worte fassen. Ich habe Sie zu mir gerufen, um Ihnen mitzuteilen, dass ich die Untersuchung Ihrer Rolle bei der mutmaßlich erzwungenen Absetzung von Präsident Min Zife und der Schuld, die Sie an seiner mutmaßlichen nachfolgenden Ermordung tragen, an die Juristische Abteilung der Sternenflotte übergeben habe. Außerdem habe ich den offiziellen Antrag gestellt, dass eine strafrechtliche Untersuchung gemäß MJGS, Artikel zweiunddreißig, aufgenommen wird.«

»Verstanden, Admiral.«

Akaar verzog die Miene, als hätte er soeben etwas höchst Unappetitliches schlucken müssen. »Obwohl Sie derzeit keiner konkreten Straftat angeklagt sind, rate ich Ihnen als Ihr vorgesetzter Offizier, sich dringend so bald wie möglich Rechtsbeistand einzuholen. Außerdem sollten Sie diese Untersuchung mit all der Umsicht und Ernsthaftigkeit behandeln, die Sie bei jedem strafrechtlichen Verfahren an den Tag legen würden. Verstanden?«

»Absolut, Sir.«

»Gut, das war’s dann. Danke, dass Sie gekommen sind. Sie können gehen.«

Akaar stand auf und gab damit Picard und Crusher das Zeichen, sich ebenfalls von ihren Sesseln zu erheben. Der Admiral schüttelte Picards Hand, dann geleitete er ihn zur Tür, die sich öffnete. Jenseits davon bedeutete Boyelip Picard und Crusher, ihm zu folgen. Er eskortierte sie zu einer nahen Landeplattform, wo ein kleines Shuttle auf sie wartete. Als sie in dem Durchgang zum Landefeld stehen blieben, fragte Boyelip Picard: »Wünschen Sie, dass ich eine Unterkunft für Sie besorge, Sir?«

»Das wird nicht nötig sein.« Picard nahm den Arm seiner Frau und spazierte mit ihr zum Shuttle. Boyelip sah ihnen vom Durchgang aus zu, während sie an Bord gingen. Erst als sich die Luke geschlossen hatte, zog sich Boyelip wieder ins Innere des Gebäudes zurück.

Die Pilotin des Shuttles, eine jugendlich frisch wirkende andorianische shen, sah ihm entgegen. »Wohin, Sir?«

»Das Château-Picard-Weingut in La Barre, Frankreich«, erwiderte Picard, während er und Crusher sich setzten und ihre Sicherheitsharnische anlegten. »Bringen Sie mich nach Hause.«

•

Es war ein Zuhause und zugleich nicht. Das ursprüngliche Landhaus, an das sich Picard aus seiner Jugend erinnerte, war schon vor Jahren abgebrannt. Dabei waren sein älterer Bruder Robert und Roberts Teenager-Sohn René, zu dessen Andenken Picard und Crusher ihren eigenen Sohn benannt hatten, ums Leben gekommen. Roberts Witwe Marie hatte den Brand überlebt, und in den Jahren seit der Tragödie hatte sie das Haus wiederaufgebaut und die Leitung des Weinguts übernommen. Der Weinberg war dankbarerweise unverändert geblieben.

Das Haus hingegen war zwar auf den ursprünglichen Grundfesten errichtet worden, aber Marie hatte sich die Freiheit genommen, die Zimmerverteilung zu verändern. Sie hatte die Küche vergrößert, um eine geräumige Kochinsel inklusive Spülbecken darin unterzubringen. Und sie hatte das Erdgeschoss umgestaltet und den Raum so geöffnet, dass man von der Küche aus ungehinderte Sicht auf den Großteil des übrigen Stockwerks hatte. Daher fühlte sich das wiederaufgebaute Haus weitläufiger an und war von mehr natürlichem Licht erfüllt.

Es war wunderschön und funktional – aber es war nicht das Heim, an das Picard sich erinnerte.

Er konnte Marie nicht vorwerfen, dass sie ihr eigenes Haus umgebaut hatte, vor allem wenn man berücksichtigte, was sie alles verloren hatte. Es wäre selbstsüchtig von ihm und auch von jedem anderen gewesen, von ihr zu erwarten, dass sie das Haus genauso wiederaufbaute, wie es gewesen war. Das wäre ohnehin nicht möglich gewesen. Kein Nachbau konnte jemals perfekt genug sein, um jemanden zu täuschen, der darin gelebt hatte. Also warum es überhaupt versuchen?

Das erinnerte Picard an ein altes philosophisches Gedankenspiel: Wenn man nach und nach alle Teile eines Schiffs ersetzte – mal eine Planke hier, mal einen Bolzen da, ein Segel, ein Ruder, ein Steuerrad – und dann an irgendeinem Punkt begriff, dass kein einziges Stück des ursprünglichen Schiffs noch vorhanden war … handelte es sich dann noch um dasselbe Schiff?

Handelte es sich hierbei noch um dasselbe Heim? Er schüttelte den Kopf.

Diese Frage überlasse ich lieber den Gelehrten.

Eine Sache hatte sich nicht verändert: das verführerische Aroma eines Brie-Käses, verfeinert mit Preiselbeersoße und umhüllt von Blätterteig, der im Ofen backte. Sein süßer Geruch erfüllte das ganze Haus, wehte durch das offene Fenster auf die Veranda und zauberte ein zufriedenes Lächeln auf Picards Gesicht. Ein gebackener Brie und eine Flasche Cote du Rhône oder vielleicht eine Flasche von dem Languedoc … das rief angenehme Erinnerungen bei ihm wach. An Nächte am Esstisch mit seinen Eltern und seinem Bruder, an gebratenes Huhn und gestampfte Kartoffeln, gedünsteten Spinat mit Knoblauch und warmes Baguette, frisch aus dem Ofen …

Die Eingangstür des Hauses öffnete sich hinter ihm. Einen Moment lang drangen fröhliche Geräusche aus dem Inneren – das Kichern von Picards kleinem Sohn René, der mit seiner Tante Marie spielte.

Leise schloss Crusher die Tür hinter sich und gesellte sich zu Picard. Ihr Blick richtete sich auf den Weinberg. »Deine Schwägerin ist unglaublich vernarrt in unseren Sohn.«

»Kannst du es ihr verdenken?«

»Ich schätze nicht.« Crusher legte ihre Hände auf das Geländer und schaute hinaus in die Dämmerung. »Ich war so frei, unsere Taschen auszupacken.«

Er legte seine Hand auf die ihre. »Danke.« Er warf einen Blick über die Schulter und lächelte beim Anblick von Marie und dem kleinen René, die mit einem Plüschhasen spielten. »Wann gibt es Abendessen?«

»Pünktlich um acht, sagt Marie. Sie wird eine Flasche des besten Jahrgangs Château Picard aufmachen, um deine Rückkehr nach Hause zu feiern.«

Zu Picards Überraschung füllten sich seine Augen plötzlich mit Tränen. Daran erinnert zu werden, wie lange er schon wieder fort gewesen war, weckte Erinnerungen an seine schwierige letzte Begegnung mit Robert im Anschluss an Picards gewaltsame geistige und körperliche Übernahme durch die Borg.

»Zwanzig Jahre«, sagte Picard und rang um seine Stimme, während ein Schluchzen in seiner Brust aufstieg. »So lange ist es her, seit Robert mir Vernunft eingeprügelt hat. Seit er mich gezwungen hat, mich dem zu stellen, was mir die Borg genommen hatten. Seit er mir half, mich daran zu erinnern, wer ich bin.« Er wischte die Tränen der Dankbarkeit mit dem Handrücken fort. »Vier Jahre später war er tot. Er und René.« Ein tiefer Atemzug verhalf ihm zu einem Anflug von Würde. »Ein Teil von mir würde alles dafür geben, sie zurückzubekommen. Wenn sie mich nur nicht so sehen müssten.«

Crusher legte einen Arm um ihn. »Sie wären trotzdem stolz auf dich, Jean-Luc. Genau, wie ich es bin.«

Er wandte dem Weinberg den Rücken zu und betrachtete das unvertraute Haus, das das Gebäude seiner Erinnerung ersetzt hatte. »Manchmal dachte ich, dass ich diesen Ort nie wiedersehen würde. Selbst wenn ich über meinen Lebensabend nachgedacht habe, war es nie mein Plan, hierher zurückzukehren. Das ist jetzt Maries Heim. Ihr Erbe, mehr als es meins jemals war.« Er spürte, wie ihn der Sog der Erinnerungen hinabzuziehen begann, und wandte sich ein weiteres Mal den geordneten Reihen des Weinbergs zu. »Meine Verbindung zu diesem Land, zu seiner Geschichte … sie ist so schwach, dass ich kaum ein wahres Gefühl von Besitz für irgendetwas hier verspüre.«

Crusher blickte ebenfalls auf die Weinreben. »Das verstehe ich. Aber ich denke, dass es wichtig ist, dass unser Sohn die Gelegenheit erhält, diesen Ort selbst kennenzulernen. Damit er seine eigenen Erinnerungen daran bekommt. Das ist ein Teil seiner Geschichte – und nicht weniger wichtig für seine Identität als unser Leben an Bord der Enterprise.«

Sie hatte recht. Er blickte durch das Fenster, um Marie zuzuschauen, die mit René spielte, und verspürte einen unvermittelten Anflug von Nostalgie, als Erinnerungen an die Liebe seiner eigenen Mutter aufstiegen – dort, in der Küche, die es damals gegeben hatte, die nie wieder sein würde und die er doch niemals vergessen würde.

»Ich wünschte, mein Bruder wäre hier. Ich wünschte, er hätte mich als Vater erleben können. Dass unsere Jungs die Gelegenheit bekommen hätten, einander kennenzulernen, um diese spezielle Verbindung zu erfahren, die zwischen Cousins besteht.« Ein Schatten legte sich auf Picards Gemüt. »Aber nicht, wenn es bedeutet hätte, dass sie mich so sehen. Entehrt. Beschuldigt, meinen Präsidenten betrogen zu haben. Meine Regierung. Meine Leute.«

Picard wandte den Blick ab. Bestürmt von den Erinnerungen an diese dunklen Tage und verzweifelten Zeiten, an Kompromisse, von denen er sich wünschte, dass er sie nie eingegangen wäre, sah er in die nahende Nacht hinaus. Er hatte seiner Frau erzählt, was damals vorgefallen war – aber erst nachdem Ozla Graniv alles über Sektion 31 und ihre Beteiligung an dem Fall Min Zifes enthüllt hatte. »Schlimm genug, dass ich mich der Gerechtigkeit stellen muss. Wenn ich dich damals in alles eingeweiht hätte, was diese finstere Angelegenheit anging, hättest du vor dem gleichen rechtlichen Problem stehen können.« In einer Geste zärtlicher Zuneigung legte er seine Hand an ihre Wange. »Ich bin so froh, dass du nicht beteiligt bist. Um unseres Sohnes willen musst du über alle Kritik erhaben bleiben.«

»Aber spielt das überhaupt noch eine Rolle zu diesem Zeitpunkt, Jean-Luc? Wenn deine Anhörung vorbei ist, werden ohnehin alle Einzelheiten des Vorfalls an die Öffentlichkeit gelangen.«

Picard spürte, wie grimmige Vorahnung die Falten auf seinen Zügen vertiefte.

»Genau davor habe ich Angst, Beverly.«

KAPITEL 2


Der Wind treibt Schmutz vor sich her, der das Vollgesichtsvisier meines Anzugs trübt. Ich wische ihn mit meiner behandschuhten Hand ab, dann schüttle ich meine Finger mit einer raschen Bewegung weitgehend sauber. Ein Sturm aus saurem Regen und korrodierendem Staub wütet in dieser Nacht, und man kann kaum etwas sehen. Hier am Rand der Stadt ist der Wind besonders stark, was auch an dem künstlich erzeugten Krater hinter uns liegt. Die Grabungsbagger laufen die ganze Nacht hindurch, bringen die Erde zum Beben und erfüllen die Luft mit Grollen, so als würde unablässig ein Unwetter am Horizont dräuen, ohne jemals loszubrechen.

Die Kamhawy-Kolonie ist groß genug, um als Stadt durchzugehen, aber es handelt sich im Wesentlichen um eine riesige Ansammlung von Fertigstrukturen und behelfsmäßigen Energiegeneratoranlagen, die zum Schutz zusammengedrängt am Rand eines Dschungels voll unbekannter Schrecken liegt. Und das Einzige, was die Wildnis im Zaum hält, ist ein Perimeter-Kraftfeld.

Das Leben auf Celes II ist gefährlich, war es schon immer. Vor einem Jahrzehnt gehörte diese Welt den automatischen Legionen romulanischer Bergbaumaschinen. Dann ermordete Shinzon den romulanischen Praetor, und ihr Sternenreich vergaß diesen Ort. Celes II erklärte sich für unabhängig, und eine Gruppe unzufriedener Rohstoffsucher errichtete ein »unabhängiges Bergbaukonsortium«. Ich bin mir sicher, dass sie verdammt stolz auf sich waren – bis zu dem Tag, an dem die Borg die anderen Städte dieses Planeten binnen weniger Minuten in Schutt und Asche legten. Die Sucher verloren keine Zeit und baten die Föderation um das Aufstellen von Terraform-Reaktoren, um die Atmosphäre zu reinigen. Nach allem, was ich hier so gesehen habe, ist das reine Zeitverschwendung. Diese äquatornahe Insel ist einer der letzten Flecken lebender Biomasse auf dem Planeten. Meiner Meinung nach sollten sie sie sterben lassen.

Doch die Föderation hängt an diesem zerschossenen Felsbrocken. Der Rest der Welt mag eine tote Einöde sein, aber solange dieser Krater Duraniumerz und Rohdilithium liefert, werden die Sucher und ihre Gäste dafür sorgen, dass es auf dieser heruntergekommenen Schrotthalde Nahrung, Getränke und Vergnügungen gibt. Komfort für sie selbst, Tod für alle anderen. Das ist eine Lektion, die sie von der Föderation gelernt haben.

Von außen betrachtet, glitzert Kamhawy wie ein Juwel. Strahlend, kraftvoll und unantastbar wirkt der Ort unter seinem unsichtbaren Kraftfeld. Aber ich weiß es besser. Wie so vieles, was die Föderation baut, ist dieser Schild schwächer, als er aussieht. Er ist voller Mängel. Hat Schwachstellen.

Er ist eine Blase. Blasen kann man leicht platzen lassen, wenn man weiß, wo man reinstechen muss. Ich aktiviere den Sendeempfänger meines Helms. »Kradech, Bericht.«

Mein Waffenbruder antwortet auf unserem sicheren Kanal. »Kradech hier. Sprich, Kinogar.«

»Sind die Ladungen angebracht?«

»Ich bin gerade beim letzten Paar.« Das schlechte Wetter und die wilden magnetischen Störungen des Planeten lassen unsere Kommunikationen vor Rauschen knistern. »Aktiviere die Sprengsätze in sechzig Sekunden.«

Ich überprüfe die Zeit auf der holografischen Anzeige meines Helmvisiers. Wir liegen vor dem Zeitplan. »Mach es richtig und in Ruhe. Wir haben keine zweite Chance.«

»Verstanden.« Der Kanal wird mit einem leisen Klick geschlossen.

Ein paar Schritte von mir entfernt studiert einer meiner Schützen, ein stiller Denker namens Drogeer, seinen Zielscanner. Obwohl er jung ist, habe ich gelernt, ihn in meiner Nähe zu behalten und seinem Rat zu folgen. Er ist selten bei uns: ein Schneeblut – ein Venolar in der alten Sprache. Es ist keine Leidenschaft in ihm, kein Zorn – aber auch kein Mangel an Guramba. Keine Angst. Nur kalte blaue Vernunft. Eiswasser fließt in seinen Adern.

Ich öffne einen privaten Kommunikationskanal von meinem Helm zu seinem. »Drogeer, Bericht.«

Seine Stimme ist monoton, ruhig. »Ziel hält Position. Große Anzahl von Lebenszeichen. Verschiedene Handfeuerwaffen, mehrere aktive Alarmsysteme. Verfolge einen neuen Feind in der Angriffszone.«

»Irgendwelche Komm-Aktivität von der Stationssicherheit?«

»Nichts auf ihren regulären Kanälen. Nichts, was von unserem Kommunikationsfilter angezeigt wird.«

»Sag mir Bescheid, wenn sich was ändert.«

»Geht klar.« Er scannt weiter. Er hat die ganze Zeit, während der er mit mir gesprochen hat, keinen Augenblick von dem Gerät aufgesehen. Ich schließe unseren Privatkanal und bewege mich weiter die Reihe entlang.

Mein Ingenieur Majaf ist damit beschäftigt, letzte Einstellungen an einer Gruppe von Geräten vorzunehmen, die am Stadtrand platziert wurden und alle auf einen der Kraftfeld-Emitter gerichtet sind. Er hat heute Abend gute Arbeit geleistet. Mit nur wenig Hilfe hat er drei Subraumverzerrungsgeneratoren und eine Gruppe von Sprengsätzen installiert. Es muss alles ineinandergreifen, einige Teile davon nach einem streng festgelegten Zeitplan, andere nur bei Bedarf. Wenn uns auch nur ein Teil im Stich lässt, kommt keiner von uns lebend von diesem Felsen weg.

Ich stehe neben ihm und bewundere seine Arbeit. Über einen sicheren Kanal frage ich: »Bereit?«

»Drück den Auslöser, und wir werden es herausfinden.«

Ich gehe weg und verfluche die Vier Winde, weil sie mir einen Ingenieur geschickt haben, der sich für witzig hält.

Minuten später erreiche ich den Rendezvouspunkt. Kradech und Drogeer sind bereits dort, zusammen mit einem halben Dutzend weiterer unserer Brüder. Ich zähle die Leute durch. Überprüfe ihre Namen in der Anzeige meines Visiers. Dann schalte ich auf die taktische Übersicht und versichere mich, dass alle unsere externen Vorbereitungen platziert und scharf sind. Alles sieht gut aus.

Ich aktiviere meine Disruptoren, ein Gewehr und eine Pistole. An der Luke, die in einen Schmugglertunnel und dann in die Stadt führt, halte ich an, um ein letztes Detail zu überprüfen. Ich wechsle auf meinen sicheren Hauptkommunikationskanal: »Kinogar an Seovong. Statusbericht.«

Haylak, der oberste Pilot meines Schiffes, antwortet: »Bereit zum Start auf dein Kommando.«

»Denk daran: Antrieb auslassen, bis ich ›Los‹ sage. Wenn du zu früh startest, wird das der Sicherheitsdienst der Station sehen.«

»Verstanden. Seovong Ende.«

Ich öffne die Luke und führe mein Team in den Tunnel hinunter und dann in die Randviertel von Kamhawy. Wir bleiben so lange wie möglich in den Servicetunneln – den Zugangsräumen unterhalb der Hauptverkehrsstraßen, von Rohrleitungen gesäumten Verbindungen unter und zwischen den Fundamenten der Gebäude.

Als wir uns endlich ins Freie wagen, befinden wir uns in einem der dunkelsten Teile der Stadt, inmitten der Mietcontainer, die die ärmsten Arbeiter der Anlage ihr Zuhause nennen. Die Straßen sind gesäumt von Ablenkungen für die Elenden und Überarbeiteten: Bars, Spielhöllen und Bordelle. Für diejenigen, die noch glückloser sind als ihre geknechteten Nachbarn, gibt es Pfandhäuser.

Aber das Wichtigste sind all die nicht gekennzeichneten Türen. Was sich dahinter verbirgt, hängt davon ab, wer man ist. Für die Schwachen gibt es auf der anderen Seite dieser Pforten nichts als Schmerz und Tod. Aber für die Starken, die Kühnen, die geborenen Raubtiere … sind diese Türen Zugänge zu ungeahnten Möglichkeiten.

Wir folgen dem Signal von Drogeers Peilgerät und erreichen genau so eine Tür.

Ich trete sie ein, stürme hinein und feuere aus allen Rohren.

Meine Männer stürmen an meiner Seite voran, auch ihre Waffen jaulen.

Kein Guramba, kein Ruhm.

•

»Ich weiß nicht«, sagte Kima. Die Orionerin blickte an mir hoch und runter, und als sie ein Bein über das andere schlug, fing ich den süßen Hauch ihrer Pheromone ein, die mich umschmeichelten. »Wo ist der Haken, Okona?«

Ich spielte den Unbedarften. Gab vor, ein wenig benommen zu sein, nur für eine Sekunde, damit sie nicht erkannte, dass ich schon lange gegen die geschlechtsspezifische Gedankenkontrolle ihrer Spezies immun war. »Kein Haken«, sagte ich. »Was Sie sehen, ist das, was Sie bekommen: eine Omega-Partikel-Kanone des Husnock-Militärs.« Wie ein übereifriger Gebrauchtschweberverkäufer präsentierte ich mit einer Hand meine Ware. »Frisch aus einem schlecht gesicherten Waffendepot der Breen auf Salavat.«

Kima erhob sich elegant und schritt um die Kiste herum. Wir waren über den Punkt des »Vertrauen-aber-Überprüfen« hinaus. Ich hatte ihren Tech-Nerd-Untergebenen jeden Zentimeter der OPK scannen lassen, um sicherzustellen, dass sie echt war und in der Lage, Verwüstungen in einer Größenordnung anzurichten, die man sich lieber nicht vorstellen wollte. Und ich war absolut offen gewesen im Hinblick auf die Sicherheitsvorkehrungen, die ich getroffen hatte, bevor ich die Waffe auf diese rückständige Schlammkugel gebracht hatte. Niemand konnte die OPK verwenden, bis ich die Sperre entfernte – ein Schritt, den ich erst dann vollziehen würde, nachdem meine UGO – meine unterstützende Geheimdienstoffizierin – bestätigt hatte, dass sie die volle Bezahlung erhalten hatte. So war es vereinbart worden.

Jetzt musste ich bloß noch den Handel abschließen. Ohne erschossen oder in die Luft gejagt zu werden.

Überall ringsum war das Zucken nervöser Finger an Abzügen zu vernehmen, während Kima vor der offenen Kiste auf und ab ging. »Ich muss zugeben, dass dies hier eine einmalige Gelegenheit darstellt. Auf dem Schwarzmarkt könnte diese Waffe ein stattliches Vermögen wert sein.«

»Könnte? Als ob es daran den leisesten Zweifel gäbe. Dieses Ding ist eine Latinum-Mine.«

»Alles, was so wertvoll ist, birgt auch seine Risiken.«

»Welche zum Beispiel?«

»Etwa Vergeltungsmaßnahmen. Woher weiß ich, dass die Breen nicht kommen und auf Rache sinnen?«

»Wer würde sich mit jemandem anlegen, der eine dieser Waffen besitzt?«

»Sie scherzen, Okona, aber …«

»Bitte, nennen Sie mich Thadiun.«

»Nein.« Sie richtete ihren Blick auf die Ware. »So lukrativ das hier auch sein mag, die Kanone zu transportieren, wäre Selbstmord. Die Breen werden nach ihr Ausschau halten und ebenso die Sternenflotte. Und die Klingonen. Und auch sonst jeder, der auch nur im Entferntesten auf einen Vorteil im jüngsten interstellaren Wettrüsten aus ist.«

Ich spürte, dass ich dabei war, sie zu verlieren. Und das nach all dem, was ich auf mich genommen hatte, um den Köder auszulegen! Ich setzte meine beste Unschuldsmiene auf und legte eine Hand auf meine Brust, so als käme das, was ich antwortete, wirklich von Herzen. »Ich verstehe, was Sie mir sagen wollen, Kima. Die OPK wird eine Menge Ärger anziehen, und Sie glauben nicht, dass der Profit das Risiko wert ist. Was wäre, wenn ich meinen Preis um fünfundzwanzig Prozent senke?«

Ihre Augen verengten sich, und ihre Nasenflügel blähten sich, wie bei einem aquatischen Jäger, der Blut im Wasser witterte. Sie schob sich näher an mich heran, und ihr Lächeln war beinahe so breit, dass sie mir die Zähne gezeigt hätte. »Was, wenn Sie Ihren Preis um sechzig Prozent senken?«

»Seien Sie vernünftig, Kima. Die OPK aus dem Breen-Raum zu bringen, war weder einfach noch billig. Ich kann meinen Preis unmöglich um mehr als dreißig Prozent senken.«

»Fünfundfünfzig.«

»Fünfunddreißig, und bei dem Handel verliere ich sogar noch Geld. Letztes Angebot.« Es war der klassische Fall eines Bluffduells. Wir hatten beide ein gutes Pokerface. Ich wartete mehrere Sekunden. Sie blinzelte nicht, also schloss ich den Deckel über der OPK und begann die Schlösser zu verriegeln.

Sie legte eine Hand auf das Kontrollfeld der Kiste. »Vierzig Prozent.«

»Was? Subventioniere ich Sie neuerdings? Nein, danke.« Ich schob ihre Hand beiseite und schloss die Kiste vollständig. »Wenn Sie nichts dagegen haben, mache ich mich jetzt auf den Weg zu einem Treffen mit ein paar ernsthaften Käufern auf …«

»Fünfunddreißig, einverstanden.« Kima wandte sich ihrem Consigliere zu, einem bulligen Zibalianer, dessen Gesicht, Hals und Arme vollständig von verschlungenen Tätowierungen bedeckt waren. »Kadan, bezahl diesen Mann.«

Genau drei Sekunden lang war ich ziemlich stolz auf mich.

Dann explodierte die Eingangstür von Kimas Versteck nach innen.

Die Lichter flackerten und wurden dunkel. Ein apokalyptischer Donnerschlag erschütterte das Gebäude, und Staub regnete von den Dachsparren in meine Augen. Mein Schließmuskel verkrampfte sich, als links und rechts von mir Disruptorfeuer kreischte und Kimas Leute niedermähte. Als das Kreischen und Heulen der Waffen wenige Sekunden später endete, waren die meisten Schläger des Orion-Syndikats in diesem Raum zu gut durchgegarten Fleischklumpen auf dem Boden reduziert worden. Nur Kima und ich standen noch, um den Trupp schwer bewaffneter Nausikaaner zu begrüßen, der in gepanzerte Kampfanzüge gekleidet hereinstürmte und sich um uns verteilte.

Der Anführer richtete seine Waffe auf Kimas Gesicht. Seine Stimme wurde durch einen Lautsprecher verzerrt, der in die Vorderseite seines Helmes eingelassen war. »Waffe! Wo ist sie?«

»Waffen?« Sie deutete auf die Handfeuerwaffen ihrer Leute am Boden. »Bedienen Sie sich.«

Der Obernausikaaner presste die Mündung seines Gewehrs gegen Kimas Kehle, genau über der Einbuchtung in der Mitte ihres Schlüsselbeins. »Kanone. Gib sie mir.«

Sie funkelte ihn an, ihre Stimme und ihr Körper fest wie ein Fels. Den Umstand fand ich recht amüsant, denn ich selbst zitterte wie ein Blatt im Sturm. Kima sah dem hässlichen Bastard direkt ins Gesicht. »Haben Sie irgendeine Vorstellung davon, wer ich bin? Oder von wem Sie hier stehlen?«

Die Mandibeln des Nausikaaners zuckten im Inneren seines Helms, während er mit seinem Gewehr herumfuchtelte wie ein Geistesgestörter. »Du? Kima. Von wem wir stehlen? Orion-Syndikat.« Er betätigte den Abzug und stanzte ein faustgroßes Loch in Kimas Brustkorb. Ihr Körper flog nach hinten und landete als schlaffer Haufen an der rückwärtigen Wand. »Ich? Derjenige, der das Sagen hat.«

Als er den Blick auf mich richtete, schenkte ich ihm ein dümmliches Grinsen. Ich weiß nicht, warum. Ich konnte es einfach nicht verhindern. Um ehrlich zu sein, ist es mir mittlerweile beinahe zum Reflex geworden. So als sei es das universelle Zeichen für Bitte tu mir nicht weh, wenn man wie ein Idiot grinst.

Er zielte mit seinem Gewehr auf mein Gesicht. »Kanone.«

Ich deutete auf die Kiste. »Da drin. Der Code für das Schloss ist neun-sechs-eins-Alpha-drei.«

Seine Waffe blieb auf mich gerichtet, während einer seiner Leute die Kiste öffnete. Sie scannten die OPK und bedeuteten ihm, dass sie hatten, weswegen sie gekommen waren. Ich gab mein Bestes, um klein und nicht bedrohlich zu wirken, die rechte Hand vor mir auf das linke Handgelenk gelegt, wo er sie gut sehen konnte. Mit einem Nicken schickte er den Rest seiner Männer zu der Kiste. »Für Transport vorbereiten.«

»Sie müssen sie erst nach draußen bringen«, sagte ich und handelte mir damit einen finsteren Blick von dem Oberschurken ein. »Die Orioner schirmen ihre Anlage ab. Man kann weder raus noch rein beamen.«

Es dauerte eine Sekunde, dann bestätigte einer seiner Männer meine Aussage. Der Trupp Untergebener fing an, nach Griffen an der Außenseite der glatten Polymerfrachtkiste zu suchen.

»Am besten packen Sie sie von unten«, schlug ich vor. »Und denken Sie daran, den Rücken gerade zu halten. Heben Sie sie mit den Beinen. Und nicht …« Ich bemerkte das warnende Funkeln des Bosses. »Nicht so wichtig.«

Als der Schlägertrupp die Kiste in Richtung des offenen Eingangs hievte, aktivierte ich das Fluchtprotokoll, von dem ich gehofft hatte, es an diesem Abend nicht zu brauchen. Glücklicherweise ging ich niemals in einen Raum, ohne einen Plan zu haben, wie ich auch wieder aus ihm herauskam.

Eine Berührung meines Armbandchronos schickte ein Signal an eine Reihe kleinerer Sprengsätze – zwei, die ich in der Brandunterdrückungsanlage des Anwesens sowie seinem Wasserzuleitungssystem versteckt hatte, und einen an der verschlossenen Seitenausgangstür, die drei große Schritte von meiner gewählten Verhandlungsposition entfernt lag.

Es gab eine rasche Abfolge von Blitzen und Schlägen, dann füllte sich der Raum mit heißem Dampf und dichtem Feuerlöschschaum – während gleichzeitig das Schloss und die Angeln der Seitentür in Stücke gesprengt wurden. Ich hörte, wie die Nausikaaner in dem beißenden Nebel hinter mir ihre Waffen abfeuerten, aber ich war bereits in Bewegung. Meine Schulter traf die Seitentür. Sie wurde aus dem Rahmen gerissen und fiel auf die Gasse draußen, mit mir obenauf. Ich prallte von der Wand auf der anderen Seite der Gasse ab, rappelte mich auf und rannte sofort weiter.

Als ich die Straße erreichte, nahm ich die Beine in die Hand und suchte nach Deckung – denn die Disruptorschüsse, die durch die Luft über meinem Kopf peitschten, machten deutlich, dass die Nausikaaner mich nicht so leicht davonkommen lassen würden.

•

Ich rannte, bis ich völlig außer Atem war und mir das Mittagessen wieder hochzukommen drohte. Ich nutzte alles, was mir Deckung gab: Müllberge, eine verlassene Frachtkapsel, ein holografisches Werbedisplay.

Die Nausikaaner blieben an mir dran und beharkten mich mit Disruptorschüssen. Einer versengte mir die Haare über dem rechten Ohr. Ein anderer streifte meine linke Ferse und sorgte dafür, dass ich einen halben Block lang eine Rauchfahne hinter mir herzog.

Ich wollte bloß ein wenig mehr als fünf Sekunden Abstand zwischen uns bringen. Gerade genug Zeit, um meinen Notfall-Rücktransport auszulösen, ohne dabei zu riskieren, erschossen zu werden, während ich darauf wartete, dass der Strahl mich erfasste und fortbrachte. Aber die langbeinigen Mistkerle waren schnell.

Als ich um eine Ecke bog, sah ich vor mir eine T-Kreuzung. Es wurde Zeit für einen der klassischen Tricks. Ich zog eine Mini-Kombo-Sprengladung von meinem Gürtel und schleuderte sie im Laufen hinter mich. Sie explodierte mit einem blendend weißen Impuls und einem Knall, der meine Eingeweide gegen meine alternden Knochen schlackern ließ, bevor sie die Gasse mit dichtem grauen Rauch füllte.

Endlich, ein paar Sekunden Deckung.

Ich schlug einen Haken nach links und rannte geduckt eine Treppe hinunter zu einer Tür unter dem Straßenniveau. Dann löste ich den Transporter-Rückruf aus und fing an, die Sekunden zu zählen.

Von hinten hörte ich, wie die Nausikaaner unbeholfen zum Stehen kamen, murrend und mit klappernder Ausrüstung, als sie auf engstem Raum zusammenstießen. Ich konnte nicht verstehen, was sie sagten, aber ich war mir ziemlich sicher, dass sie sich stritten.

Dann setzten sie sich in Bewegung. Und sie kamen in meine Richtung.

Ich zog meinen Nalori-Blaster und stellte mich mit dem Rücken zur Wand.

Im Kopf hatte ich bis fünf gezählt, aber ich spürte nichts von der tröstenden Umarmung des ringförmigen Begrenzungsstrahls des Transporters. Hatte ich falsch gezählt? War mein Signal verzögert worden? Oder störten die Nausikaaner die Signalverstärker der Stadt?

Wenn dieses Rückruf-Signal nicht durchkommt, wird das ziemlich hässlich enden.

Durch dünner werdende Rauchschwaden sah ich die Nausikaaner – zuerst nur Schatten, dann Silhouetten. Ihre Umrisse wurden mit jedem Schritt, den sie in meine Richtung machten, schärfer.

Wie waren sie mir gefolgt? Durch schieres Glück? Oder waren ihre Helme besser ausgestattet, als sie aussahen? Ich fürchtete, ich würde es auf die harte Tour herausfinden.

Ich hob meinen Blaster und nahm den Anführer aufs Korn.

Mein Finger verkrampfte sich um den Abzug …

Ein dumpfes Druckgefühl, eine lähmende Umarmung. Der Begrenzungsstrahl. Ein paar Sekunden zu spät, aber gerade rechtzeitig, um meine Position zu verraten. Einfach großartig!

Ich war wie erstarrt. Jetzt meine Waffe abzufeuern, wäre Selbstmord gewesen – das geladene Plasma wäre im Begrenzungsstrahl gefangen gewesen, wo es ein paar Tausend Mal abgeprallt wäre und mich in ein gut durchgebratenes Stück Hackfleisch verwandelt hätte. Meine Sicht auf die Nausikaaner verblasste, während ich in schimmernde Partikel eingehüllt wurde, doch im letzten Moment vor dem Transport sah ich noch, wie der Anführer auf mich schoss. Sein Disruptorschuss prallte an dem Begrenzungsstrahl ab und traf den Nausikaaner hinter ihm.

Alles wurde weiß – und dann stand ich in der Transporternische meines Schiffs, eines heruntergekommen aussehenden mancharanischen Sternenhüpfers namens Tain Hu.

Der Begrenzungsstrahl ließ mich frei. Während ich meinen Blaster holsterte und aus der Nische hastete, um mich durch den Mittelgang zum Cockpit zu begeben, betete ich, dass noch immer genug Zeit blieb, um dieses Chaos wieder in Ordnung zu bringen. Ich kam gerade rechtzeitig dort an, um mitzubekommen, wie etwas, das nach einem nausikaanischen Schiff aussah, mit vollem Schub losschoss – direkt auf das Kraftfeld der Stadt zu.

Sind die irre? Wenn sie den Schild treffen, sind sie so gut wie …

Sengend weiße Blitze erhellten den Rand der Kamhawy-Kolonie an mehreren Stellen. Sekundärexplosionen folgten. Der normalerweise unsichtbare Energieschild flackerte einen Sekundenbruchteil lang golden, bevor er stotterte und ausfiel.

Leise fluchend, sah ich zu, wie die Angreifer davonschossen. Dann aktivierte ich die Sensoren der Tain Hu und konnte sie gerade lang genug auf deren Schiff ausrichten, um zu bestätigen, dass die Besatzung komplett aus Nausikaanern bestand – und dass sie die Husnock-Waffe an Bord hatten.

Ich sprang in meinen Pilotensessel und streckte den Arm aus, um den Antrieb der Tain Hu zu starten und die Bastarde zu verfolgen. Im nächsten Moment blockierte ein Kraftfeld den Eingangsbereich meiner Dockbucht. Es schimmerte in unheilvollem Rot, und mein Schiff bebte, als es rüde von einem Traktorstrahl erfasst wurde.

Eine automatische Nachricht aus dem Sicherheitsbüro der Stadt erschien auf meinem Statusmonitor.

Abriegelung erfolgt. Starts oder Landungen sind gegenwärtig verboten. Inspektionen bei allen angedockten Schiffen sind möglich. Bitte bleiben Sie, wo Sie sind, bis Sie weitere Anweisungen erhalten.

Ich seufzte. Großartig! Ich bin geliefert.

Es war davon auszugehen, dass die Signalkontrolle von Kamhawy alle regulären Subraumfrequenzen blockierte. Glücklicherweise – oder angesichts meiner misslichen Lage vielleicht auch nicht – funkte das verborgene Quanten-Komm-Gerät der Tain Hu auf keiner Frequenz, die die Station blockieren oder abfangen konnte. Ich aktivierte den Quantensendeempfänger und wählte den Kanal meiner Mitstreiter. Ich wusste, dass ihnen nicht gefallen würde, was ich ihnen zu melden hatte. Wie gewöhnlich.

Ein Hinweislämpchen leuchtete grün und bestätigte damit, dass der Kanal offen und gesichert war. »Exeget, hier ist Agonist. Hören Sie mich?«

Ich hatte mal gefragt, warum wir eigentlich Codenamen auf einem Kanal nutzten, der eigentlich unmöglich abzuhören sein sollte. Die Antwort hatte exakt meiner Erwartung entsprochen: Gehen Sie immer davon aus, dass jemand zuhört. Selbst wenn es unmöglich ist? Gerade dann.

Eine fröhliche Frauenstimme meldete sich über die Verbindung. »Hier Exeget. Sprechen Sie, Agonist.«

»Ich nehme an, Protektor hört mit?«

Eine kraftvolle Männerstimme antwortete. »Natürlich tue ich das. Wie ist Ihr Status, Agonist?«

»Operation Marrakesch ist schiefgegangen.«

»Was für eine Überraschung«, erwiderte Protektor. »Einzelheiten, bitte.«

Ich streifte verbrannte Haarüberreste von meinem Schädel. »Das Treffen wurde von nausikaanischen Banditen gestört. Gut bewaffnet, gut ausgebildet, und sie wussten, wonach sie suchten.«

Exeget stöhnte. »Oh nein! Bitte sagen Sie mir nicht, dass sie …«

»Die OPK mitgenommen haben? Ich fürchte doch. Einer von Kimas Leuten muss geredet haben.«

»Können Sie sie verfolgen?«, fragte Protektor.

»Negativ. Die Nausikaaner haben sich ihren Weg rausgeschossen und eine Menge Chaos hinterlassen. Ich sitze zusammen mit dem Rest der Stadt in einer Abriegelung fest – Gott weiß, für wie lange.« Ich überprüfte meine Sensorlogbücher. »Ihr letzter bekannter Flugvektor war zwei fünf acht zu zwölf. Aber sie könnten einfach überallhin unterwegs sein, und sie haben niemanden zurückgelassen, den ich befragen kann. Das heißt, die sind fein raus, und wir stehen dumm da.« Erschöpfung und der unvermeidliche Adrenalinsturz überwältigten mich, und meine Hände fingen an zu zittern. Es wurde höchste Zeit für einen ordentlichen Drink. »Also, was machen wir jetzt, Leute? Irgendwelche Vorschläge?«

Protektor klang nicht glücklich. »Für einen Mann, der soeben eine Husnock-Waffe verloren hat, die einen Planeten knacken kann? Ich empfehle Seppuku.«

•

»Ein sauber erledigter Auftrag! Trinkt, meine Freunde!« Ich lasse eine halbe Flasche risanischen Wein meine Kehle hinunterfließen, schlucke und rülpse so laut, dass die Schotten wackeln. Dann lache ich, während Kradech mir auf den Rücken schlägt, und reiche die Flasche an Majaf weiter. Niemand schert sich darum, wie selten der Wein ist. Oder dass Risa genauso tot ist wie Nausikaa und dass dort niemals wieder Weintrauben wachsen werden. Wir wissen bloß, dass der Wein gut und reich an Ethylalkohol ist, der uns den Geschmack des Sieges versüßt.

Selbst unser junger Heißsporn Grendig feiert ausgelassen, und dieser Keebets wurde von meinem Querschläger erwischt. Er lehrt seine zweite Kanne tiburonianischen Schnaps und präsentiert Kiruna seine »Kampfwunde«. Sie ist ein doppelt so guter Scharfschütze, wie er jemals sein wird, aber sie lässt ihm seinen Spaß, denn für beide ist es schon eine lange Zeit her, seit sie die Gelegenheit hatten, sich mit jemandem zu paaren. Das scheint eine heiße Nacht zu werden. Ich bedaure schon jetzt ihre Kojennachbarn.

Drogeer bleibt wie immer in sich gekehrt. Er sitzt mit dem Rücken an die Wand gelehnt auf dem Deck und zieht sich narkotisierende Dämpfe durch seine flüssigkeitsgekühlte Pfeife rein, die im Moment auf Ferenginar der letzte Schrei ist. Die nebelhafte Droge passt zu unserem Venolar-Bruder. Sie macht ihn ernst. Vertieft seine Ruhe.

Ich? Ich halte mich an den Fusel.

Kradech kommt mit einem Paar Erdentrommeln aus seinem Quartier zurück, die, wie er sagt, Bongos heißen. Sie klingen lächerlich in meinen Ohren, aber kaum dass sie sich in den Lärm all der anderen improvisierten Schlaginstrumente eingefügt haben, die meine Besatzung im Laufe der Jahre angesammelt hat, stören sie mich nicht mehr. Es ist alles Teil des Rhythmus. Teil des Liedes. Irgendwann singen alle mit – außer Drogeer natürlich. Aber ich sehe, wie er mit dem Kinn nickt, immer im Takt. Er gibt sich abgebrüht, aber ich weiß, dass er das Tempo in seinem Blut fühlt, genau wie der Rest von uns. Tief im Inneren ist er immer noch Nausikaaner.

Brüllendes Gelächter erfüllt die Messe. Ich lasse den Blick schweifen. Kradech, der geborene Selbstdarsteller, hat die Bühne übernommen, und er hält Hof.

»Und dann tritt Kinogar die Tür ein«, bellt er den Jünglingen entgegen, als hätten sie die Geschichte heute Nacht nicht schon zweimal gehört. »Und er fackelt! Sie! Ab!« Er tut so, als würde er mit einem Disruptorgewehr auf Autopuls feuern, wobei er die Garbe über die Gruppe aus Jünglingen zieht, die voller Begeisterung lachen, während sie wanken und in einem wilden Durcheinander zu Boden fallen, das fröhliche Pantomimenspiel eines gewaltsamen Todes.

Ich schaue ihnen zu und frage mich unwillkürlich, ob irgendjemand irgendwo schon mal eine ähnliche Darbietung über das Ende von Nausikaa gegeben hat. Ob er genauso viel Jubel dafür bekam, die Toten zu verhöhnen. Dann dränge ich mein Selbstmitleid zurück. Gebe dem Alkohol die Schuld dafür, mich gefühlsduselig gemacht zu haben. In dieser Nacht soll gefeiert werden! Wir sind Sieger und mit Beute reich gesegnet.

In der Zwischenzeit kreist Kradech um die Jünglinge. Seine Geschichte ist noch nicht vorbei. »Und dann haben wir diesen Männsch durch die Straßen gejagt! Durch die Gassen! Treppen hinauf und runter in die Kanalisation! Und die ganze Zeit hat er geheult und gejammert und sich aufgeführt, als sei er ein verängstigtes kleines Yefu! Und warum?«

Die Jünglinge schreien wie aus einem Mund: »Weil er ein MÄNNSCH ist!«

Ich schnappe mir eine frische Flasche Wein und öffne sie, indem ich den oberen Teil des Halses gegen die Zarge des Eingangs schlage. Die Hälfte des Inhalts spritzt auf die Vorderseite meines Hemds und meiner Weste, während ich nach hinten marschiere und mir dabei den scharlachroten Fusel in einem langen Zug in den Rachen schütte. Ich lasse meine bestiefelten Füße aufs Deck knallen, meine Schritte wie Donnerschläge, die meine Anwesenheit verkünden, während ich nach hinten stapfe und dann in den Frachtraum hinuntersteige.

Dort unten sichten unser Chefarzt, Doktor Veekhour, und mein zweiter Offizier, Zenber, alles, was wir den Orionern abgenommen haben.

Ich halte meine beinahe leere Flasche über den Kopf. »Zählt ihr wieder Zeug? Wisst ihr zwei nicht, dass oben in der Messe eine Feier läuft?«

Veekhour blickt zu mir auf. Seine Mandibeln zucken in mildem Unwillen. »Wir sind gleich da.« Er fängt einen Blick von Zenber auf. »Aber wo du schon hier bist«, fügt er hinzu, »schau dir das mal an.«

Die zwei sind solche Detailfanatiker. Sorgfältige Logbücher. Präzise Zählungen. Ich mache gern Witze über ihre Liebe für Papierkram, aber in Wahrheit wären wir ohne sie schon vor langer Zeit verhungert, irgendwo ohne Treibstoff im All hängen geblieben oder schlimmer. Ich begebe mich an ihre Seite und zu der Frachtkapsel, die wir aus Kimas Versteck mitgenommen haben. »Was ist wichtiger, als mit dem Rest von uns zu feiern?«

Zenber reicht mir eine Datentafel mit seiner aktualisierten Inventarliste. »Es war ein guter Raubzug heute Nacht. Latinum. Waffen. Seltene Drogen, die auf dem Schwarzmarkt gut nachgefragt werden. Aber das hier …« Er blickt hinab in die offene Kiste. »… ist zu heiß für uns.«

»Wovon redest du?« Ich folge seinem Blick. Und dann bin ich verwirrt. Ich spüre, wie sich die Falten auf meiner Stirn vertiefen, als ich finster auf das fremdartige Gerät im Inneren der grauen Polymerkiste schaue. »Was ist das?«

»Artillerie«, sagt Zenber.

»Was für welche? Das Ding stammt nicht aus der Föderation. Oder von den Klingonen. Oder Romulanern. Oder Breen.«

Ich sehe den besorgten Blick, den Zenber und Veekhour wechseln, dann überbringt mir Zenber die schlechten Nachrichten: »Husnock.«

Aus meinem Gesicht weicht alles Blut, und meine Blase scheint auf einmal zum Platzen gefüllt mit Pisse. Wir sitzen hier auf einem Vermögen – und haben uns gleichzeitig eine Zielmarkierung auf den Rücken gemalt. »Der Hehler sagte, wir würden was Besonderes dort finden. Er hat nichts von Husnock gesagt.«

Ich marschiere um die Kiste herum auf die andere Seite, nicht, weil ich einen guten Grund dafür gehabt hätte, sondern bloß, um meiner Nervosität ein Ventil zu geben. Meine Gedanken überschlagen sich. Das Ding könnte der Schlüssel zu unserer lange verzögerten Rache sein. Wenn es uns nicht alle umbringt.

Zenber starrt die Waffe an, als erwarte er von ihr, dass sie zu ihm sprechen würde. Dann schüttelt er den Kopf. »Das ist übel. Erinnerst du dich an Slokar und die Patrioten des Windes?«

»Slokar war ein Narr«, erwiderte ich, die Stimme gesenkt zu einem Knurren. »Nachlässig. Keine Disziplin.«

Veekhour bleibt skeptisch. »Er hat nicht unrecht, Kinogar. Gefährliche Leute wollen dieses Ding. Die Sternenflotte, Klingonen, Romulaner, Breen – ganz zu schweigen vom Orion-Syndikat und jetzt auch die Dashkari-Barone. Jeder von denen würde uns dafür umbringen.«

»Wir können das nicht mal verkaufen«, sagt Zenber. »In dem Augenblick, in dem wir zugeben, dass wir es haben, werden wir zu den meistgesuchten Flüchtlingen der Galaxis werden. Jeder von uns wird zum Abschuss freigegeben sein.«

Mit einer Geste, als würde ich Fliegen verscheuchen, wehre ich ihre kleinliche Furcht ab. »Genug! Schluss mit dieser Panikmache! Wenn ihr euren Guramba verloren habt, schert euch von meinem Schiff!« Ich stütze mich auf die Seiten der Kiste und betrachte die todbringende Beute, die mir in die Hände gefallen ist. »Du hast recht, Zenber: Wir können das Ding nicht verkaufen. Aber ich kann es auch nicht wegwerfen. Wir haben es gewaltsam erobert. Deshalb gehört es jetzt uns. Und ich beabsichtige, es zu nutzen.«

Die Augen des Doktors weiten sich. »Es zu nutzen?«

»Ohne zu zögern oder Mitleid zu haben.« Ich strecke die Hand aus und streichle die Kanone. »Wir haben schon viel zu lang am Rand der Galaxis gelebt, haben leichte Ziele bestohlen und die Schwachen ausgeraubt. Jetzt haben uns die Vier Winde die Stärke geschenkt, um unseren Kampf mit den Feinden aufzunehmen, die unseren Zorn am meisten verdienen. Für Nausikaa und sein ganzes Volk werden wir die Föderation für ihre Arroganz und ihre Gleichgültigkeit bezahlen lassen. Nach all diesen Jahren … werden wir uns nehmen, was man uns schuldet.«

KAPITEL 3


Es gab wenige Missionen innerhalb der Sternenflotte, die dermaßen Routine bedeuteten wie eine Patrouille in den Kernsystemen. Dabei handelte es sich um eine annähernd elliptische Reise, die ein Schiff in mittlere Sensorreichweite der fünf bewohnten Sternensysteme führte, die der Föderationshauptstadt im Sol-System am nächsten lagen. Es war einer der am stärksten verteidigten Raumsektoren im gesamten Alpha- und Beta-Quadranten. Hier erlebte man keine Überraschungen.

Aus diesem Grund waren Kernsystempatrouillen der perfekte Job für Sternenflottenschiffe, die, aus welchem Grund auch immer, als nicht voll einsatztauglich galten. Bestand die Besatzung vielleicht komplett aus Raumkadetten? Mussten noch die Mängel eines Jungfernflugs beseitigt werden? Galt es, eine Reihe unerprobter Umbauten auf den Prüfstand zu stellen? Herzlichen Glückwunsch – schon hatte man sich für eine Runde des langweiligsten Routineflugs der Galaxis qualifiziert!

Commander Worf gab sich Mühe, solche Gedanken aus seinem Kopf zu verdrängen, während er den dritten Treibstoffverbrauchsbericht des Tages studierte. Die Enterprise wurde für mehr als das geschaffen.

Von jedem vernünftigen Standpunkt aus betrachtet, war mit der Enterprise und ihrer Besatzung alles in Ordnung, mal davon abgesehen, dass Captain Picard fehlte. Und während seines letzten Gesprächs mit Worf vor seiner Abreise hatte Picard sein Bestes gegeben, den aktuellen Befehlen der Enterprise etwas Positives abzugewinnen. »Das ist ein gutes Zeichen, Mister Worf«, hatte er gesagt. »Wenn diejenigen, die das Sagen haben, wirklich der Ansicht wären, dass meine Zeit als Kommandant vorüber ist, hätten sie Ihnen mittlerweile ein weiteres Abzeichen an den Kragen geheftet. Aber so, wie es aussieht, wollen sie lediglich, dass Sie das Schiff in Bereitschaft halten, bis ich zurückkehre.«

»Ich hoffe es«, hatte Worf geantwortet. Und das war es gewesen.

Jetzt hüllten Worf die Feedbackgeräusche und das Umgebungssummen der Brücke ein. Er hatte bereits nach kurzer Zeit erfreut festgestellt, wie absolut perfekt der Kommandosessel in der Mitte der Brücke auf all das, was ringsum geschah, ausgerichtet war. Jeder Konsolenalarm, jedes Flackern unerwarteter Aktivität erregte Worfs Aufmerksamkeit.

Commander Geordi La Forge befand sich im hinteren Teil der Brücke, in der Nähe der Hauptsystemanzeige, und sichtete gemeinsam mit Lieutenant Dina Elfiki, der Chefwissenschaftlerin des Schiffs, einige Sensorlogbücher. Obwohl La Forge lieber vom Hauptmaschinenraum aus arbeitete, wann immer das möglich war – eine Bitte, der Captain Picard grundsätzlich stattgab, denn La Forge war schon Chefingenieur gewesen, lange bevor er die zusätzliche Rolle des zweiten Offiziers an Bord übernommen hatte –, hatte ihm Worf klargemacht, dass er ihn auf der Brücke brauchte. Da Worf nun als amtierender Kommandant des Schiffs fungierte, war auch La Forge zeitweilig befördert worden, und zwar zum amtierenden Ersten Offizier. Was bedeutete, dass er, ob es ihm gefiel oder nicht, hier auf Deck eins seinen Arbeitsplatz hatte.

Auf dem Hauptschirm strömten vom Warp lang gezogene Sterne auf die Enterprise zu und verschwanden dann aus dem Bildausschnitt. Routine-Funkkommunikation war von der Sicherheitskonsole zu hören, die von Lieutenant Aneta Šmrhová besetzt war. Die Frau mit dunklen Haaren und ebensolchen Augen, die ihren Job stets todernst nahm, schien die Einzige auf der Brücke zu sein, die Worfs Abneigung gegenüber ihrer Mission teilte, die schlichtweg banal war, ganz gleich, wie man es drehte und wendete.

An den vorderen Stationen beugte sich Chefpilotin Lieutenant Johanna Faur zum Ops-Offizier Glinn Ravel Dygan hinüber. »Hatten Sie bereits Gelegenheit, in den Holoroman hineinzuschauen, den ich Ihnen empfohlen habe?«, fragte sie den cardassianischen Austauschoffizier mit vertraulich gesenkter Stimme.

Dygan bedachte Faur mit einem verstohlenen Seitenblick. »Den mit sich unterschiedlich entwickelnden Erzählsträngen?«

»Genau.«

Er verzog das Gesicht. »Ich ertrage ihn kaum noch. Nichts als glückliche Enden.«

»Na ja, was haben Sie erwartet? Es ist eine romantische Komödie.«

Er zuckte mit den Schultern. »Viele Romanzen enden mit Mord und Selbstmord. Liebende werden durch Kriege getrennt. Katastrophen. Schicksalsschläge.«

»Dann wäre es keine Komödie.«

»Da bin ich anderer Meinung. Ich denke, es ist alles eine Frage davon, wie man es spielt.«

Ihre Diskussion weckte die Aufmerksamkeit von Lieutenant T’Ryssa Chen, der halb vulkanischen, halb menschlichen Erstkontaktspezialistin des Schiffs. »Sie hat recht, Dygan. In der westlichen Literatur der Erde gibt es eine klassische Trennung zwischen Komödie und Drama – oder Komödie und Tragödie, wie man es damals definierte.«

Lieutenant Rennan Konya blickte von seiner taktischen Konsole auf. Der Betazoide wirkte sichtlich fasziniert. »Kann eine Geschichte nicht Elemente von beidem haben?«

»Natürlich«, sagte Chen, die zwischen dem stellvertretenden Sicherheitschef und Dygan an der Ops hin und her blickte. »Aber den alten Griechen zufolge lag das Ziel einer Geschichte entweder darin, Lachen zu erzeugen oder Tränen.«

Faur an der Flugkontrolle blickte über die Schulter und schüttelte den Kopf. »Ich bevorzuge den elisabethanischen Standard: Tragödien enden mit dem Tod, Komödien mit Hochzeiten.«

Dygan runzelte die Stirn. »Das erscheint mir unnötig beschränkend.«

Chen reagierte auf seinen Protest gespielt schockiert. »Und das von einem Mann, dessen Kultur Das ewige Opfer für die größte aller literarischen Errungenschaften hält. Beinahe zwei Millionen Worte gewichtiger Prosa über sieben Generationen einer Familie, die sich alle ihr Leben lang abplagen und dann sterben.«

»Wenn auch nur eine Ihrer Kulturen etwas hervorbringt, das in Form oder Subtext nur annähernd so tiefgründig ist wie das repetitive Epos, dann mag ich mich dazu herablassen, diese Debatte mit Ihnen zu führen – aber vorher nicht.«

Aus dem Augenwinkel sah Worf, wie La Forge und Elfiki von dieser Diskussion angezogen wurden wie Motten von der sprichwörtlichen Flamme. Bitte lass sie sich nicht in diese Sache einmischen.

»Wissen Sie«, machte La Forge Worfs Hoffnung direkt zunichte, »ich habe nicht viel cardassianische Literatur gelesen, aber in den Werken, die ich kenne, sind mir ein paar wiederkehrende Themen aufgefallen, die hier relevant sein könnten. Als Erstes …«

Worf musste all seine Selbstbeherrschung aufbringen, um zu verhindern, dass sich seine Hand zur Faust ballte. Fek’lhr, töte mich bitte.

An Šmrhovás Konsole schrillte ein Alarm, und plötzlich drang wildes Geplapper aus dem Komm-Kanal.

»Alle auf Posten!«, sagte Worf und richtete sich auf seinem Platz auf. Endlich passierte etwas.

Die Brückenbesatzung wurde sofort wieder ernst, und jeder Small Talk endete umgehend.

Šmrhová brachte das Lärmen ihrer Konsole zum Verstummen. »Captain, wir empfangen einen Notruf. Von der Kamhawy-Minenkolonie auf Celes II.« Sie aktivierte einen kleinen Sendeempfänger an ihrem Ohr und lauschte der Botschaft. »Sie sagen, dass sie von nausikaanischen Plünderern überfallen worden sind und schwere Schäden an den Schilden ihrer Siedlung erlitten haben.«

Ein weiterer Alarm erklang, diesmal von Konyas Konsole. Er brachte ihn zum Schweigen und überprüfte seine Anzeigen. Dann blickte er auf und Worf an. »Captain, neue Befehle vom Sternenflottenhauptquartier. ›Begeben Sie sich so schnell wie möglich nach Celes II und untersuchen Sie den Angriff auf die Kamhawy-Kolonie. Bieten Sie Unterstützung an und ergreifen Sie alle weiteren Maßnahmen, die Sie für richtig und notwendig erachten.‹ Unterzeichnet von Admiral Kernova, Sir.«

»Navigation, setzen Sie einen Kurs nach Celes II, Warp neun, und ausführen. Lieutenant Konya, stellen Sie einen Bericht aller jüngsten Piratenaktivitäten in diesem Sektor zusammen. Markieren Sie alle Fälle, in die Nausikaaner verwickelt waren.« Worf drehte seinen Sessel gerade weit genug, um La Forge anzublicken. »Nummer eins, finden Sie heraus, welche Schiffe in diesem und benachbarten Sektoren unterwegs sind. Vielleicht benötigen wir Hilfe bei der Verfolgung der Angreifer.«

La Forge bedachte ihn mit einem knappen Nicken. »Ich kümmere mich darum.«

»Lieutenant Šmrhová. Setzen Sie noch für diese Stunde eine Gefechtsübung an.«

»Aye, Sir.«

Die künstliche Schwerkraft des Schiffs fluktuierte kurz, als die Enterprise auf hohe Warpgeschwindigkeit beschleunigte und sich die Streifen aus Sternenlicht auf dem Bildschirm in verwaschene Schlieren aus wirbelndem Licht verwandelten. Durch den Rumpf und die Deckplatten des Sovereign-Klasse-Schiffs spürte Worf die Vibrationen des Warpantriebs, der an seine Grenzen ging, und das bisherige leise Plaudern einer Brückenbesatzung auf Routineflug war dem angespannten Gemurmel von Männern und Frauen gewichen, die der Gefahr entgegenflogen.

Manche der Offiziere mochten sich darüber ärgern, dass sich ihr entspannter Rundflug durch die Kernsysteme in eine ernsthafte Mission verwandelt hatte, aber für Worf, dessen klingonisches Herz sich allein bei der Erwähnung von Freizeit sträubte, war es genau das, wonach er sich gesehnt hatte: eine Gelegenheit, etwas zu tun, das Bedeutung hatte.

Seiner Meinung nach gab es nichts Besseres.

•

Nachdem er jahrelang auf das Zirpen von Türglocken an Bord von Raumschiffen reagiert hatte, klang das Geräusch eines einfachen Klopfens gegen einen hölzernen Türpfosten in Picards Ohren eigenartig atavistisch.

Er legte sein Padd auf den Tisch neben dem Sofa im Wohnzimmer und stand auf. Picard, der mittlerweile in die einfachen Kleider und schlichten Schuhe eines ländlichen Winzers gekleidet war, begab sich zum Vordereingang des Hauses. Die innere Tür stand offen und gestattete es ihm, seinen Besucher durch die vergitterte Außentür zu sehen. Wie ein Matrose, der nach Monaten auf See Land erspähte, oder ein durstiger Pilger, der nach endlosen Tagen in der Wüste endlich eine Oase erblickte, lächelte Picard beim Anblick seines alten Freundes William Riker. Der graubärtige Mann trug ebenfalls Zivil.

»Will!« Picard öffnete die Tür und trat auf die Veranda hinaus. Riker erwiderte das Lächeln. »Jean-Luc. Es ist viel zu lang her.« Als Picard in einem herzlichen Willkommen die Arme ausbreitete, trat Will näher, und sie umarmten sich. Picard freute sich sehr über Rikers Besuch. Nach all den Jahren, die sie gemeinsam gedient hatten, nach allem, was sie Seite an Seite erlebt hatten, war Riker für Picard fast so etwas wie ein Sohn geworden. Selbst nach der Geburt von René, seinem leiblichen Nachkommen, hatte sich Picard seine beinahe väterliche Zuneigung für Will Riker bewahrt. Obwohl er es niemals laut ausgesprochen hatte, liebte er ihn wirklich.

»Es ist so schön, dich zu sehen, Will. Oder sollte ich Admiral sagen?«

Riker antwortete ihm mit einem lächelnden Kopfschütteln. »Zwischen uns gibt es keine Ränge.«

»Das ist wahr.« Picard trat einen Schritt zurück. »Was führt dich hierher?«

»Ich habe gehört, dass du nach Hause berufen wurdest.«

»Ich war so lange fort, wie ich konnte.«

»Und jetzt bin ich derjenige, der gehen muss. Aber ich wollte die Erde nicht verlassen, ohne dich zu besuchen.« Riker deutete auf die benachbarten Weinberge. »Gehen wir ein Stück?«

»Gern.«

Die zwei stiegen die Stufen der Veranda hinunter, überquerten den Feldweg, der das Haus von den Reihen der Weinreben trennte, und gingen dann weiter, hinein in die Reihen kahler Zweige. Es war Winter, und die Reben ruhten. Bald würde der Frühling wiederkehren, und die Reben würden grüne Blätter bekommen, bevor sie neue Früchte trugen, die ersten Schritte eines neuen Jahrgangs an Château-Picard-Weinen.

Der Boden unter ihren Füßen war felsig und trocken, und mit jedem Schritt, den Riker und Picard machten, wirbelten sie kleine, kurzlebige Staubwolken auf. Der Himmel über ihren Köpfen wurde dunkel, wandelte sich von Violett zu Schwarz, während das letzte Licht des Tages jenseits der nahen Hügel verblasste.

Nachdem sie sich ein paar Dutzend Schritte vom Haus entfernt hatten, fühlte sich Picard sicher genug, auch heikle Themen anzusprechen. »Dich beschäftigt etwas, oder, Will?«

»Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich mir keine Sorgen um dich mache.« Mit zusammengekniffenen Augen blickte er zum Horizont. »Sie haben mich vor ein paar Monaten ziemlich in die Mangel genommen. Haben mir eine Menge Fragen über dich gestellt. Was ich so darüber weiß, was du gewusst hast, solche Dinge.«

Es bedrückte Picard, sich vorzustellen, dass irgendeine seiner Taten Riker in Schwierigkeiten gebracht haben könnte. »Sie haben nicht versucht, dir etwas anzuhängen, oder?«

Riker schüttelte den Kopf. »Nicht direkt. Der Großteil ihrer Fragen betraf das Ende der Tezwa-Krise. Und in dieser Zeit war ich größtenteils ein Kriegsgefangener.«

Ein plötzlicher Anfall von schlechtem Gewissen überkam Picard. »Will, sollten wir überhaupt darüber sprechen?«

»Schon in Ordnung, Jean-Luc. Ich habe mit meinen Anwälten geredet, bevor ich herkam. Es ist absolut legal, dass wir uns treffen und darüber sprechen, was wir gemeinsam auf Tezwa durchgemacht haben.«

»Ich schätze, das sollte mich beruhigen.«

Riker ließ seine Fingerspitzen über die trockenen, kahlen Reben streichen, während sie weiterspazierten. »Ich will ehrlich sein, Jean-Luc. Ich bin besorgt.«

»Weswegen?«

»Ich dachte schon immer, dass an der Art, wie Min Zife von seinem Amt zurückgetreten ist, irgendetwas seltsam war. Aber ich habe nie ernsthaft über die Möglichkeit nachgedacht, dass du etwas damit zu tun haben könntest, bis mich die Juristische Abteilung der Sternenflotte plötzlich darüber befragt hat.« Er warf Picard einen Blick zu, und in seinen Augen lag Furcht – nicht um sich selbst, sondern um Picard. »Dann habe ich Ozla Granivs Enthüllungsbericht im Seeker gelesen. Und ihren Anschlussartikel über alles, was auf Tezwa passiert ist.« Er holte scharf Luft und seufzte dann. »Jetzt weiß ich nicht mehr, was ich denken soll.«

Es war nicht nötig für Picard, dass Riker seine Sorgen aussprach. Er teilte sie. »Will, ich weiß, was du mich fragen willst. Und ich …«

»Jean-Luc, halt!« Der Augenblick bekam eine unangenehme Note, schwer beladen von Misstrauen und Anspannung. »Erzähl mir nichts, worüber ich unter Eid lügen müsste.«

Picard bemühte sich um einen neutralen Gesichtsausdruck, obwohl es ihn verletzte, dass Riker ihn zu einer solchen Nachlässigkeit fähig hielt. »Ich würde dich niemals in so eine Lage bringen. Will, ich gebe dir mein Wort – als dein ehemaliger Captain, als dein Kampfgefährte, als dein Freund –, dass ich niemals auch nur den leisesten Verdacht hatte, dass Min Zife ermordet worden sein könnte. Als ich Granivs Artikel las, war ich erschüttert. Ich fühlte mich verraten. Das habe ich nie gewollt. Das musst du mir glauben.«

Riker blieb stehen, und Picard kam neben ihm zum Halten. Sie blickten sich an. Riker sah Picard tief in die Augen … und dann umfasste er seine Schultern. »Ich glaube dir.«

Es war nur ein kleiner Akt der Bestätigung, eine persönliche Geste, die vor Gericht keinerlei Bedeutung haben würde, aber für Picard bedeutete sie alles. »Danke, Will.«

»Also … was geschieht jetzt?«

»Ich weiß es nicht.«

Riker ging weiter, und Picard schritt an seiner Seite. »Wenn meine Erfahrung mit der Juristischen Abteilung der Sternenflotte irgendein Indikator ist«, sagte Riker, »dann wird das, was folgen wird, nicht schön sein. Sie suchen nach einem Sündenbock, Jean-Luc. Sie brauchen einen.«

»Und du glaubst, dass sie mich auf ihrem Alter zu opfern gedenken?«

»Womöglich. Berücksichtigt man deinen Ruf, sind sie vielleicht der Ansicht, dass du die richtige Art von Märtyrer wärst, um sie von diesem Schlamassel reinzuwaschen.« Seine Schultern sackten herab, als belaste ihn plötzlich ein unerträgliches Gewicht. »Das Einzige, was ich dir mit aller Sicherheit sagen kann, ist, dass du einen echten Verteidiger brauchen wirst. Keinen von der Juristischen Abteilung gestellten Pflichtverteidiger, dessen nächste Beförderung davon abhängen mag, ob er dich am Spieß braten lässt oder nicht. Du brauchst jemanden, der mit harten Bandagen kämpft, Jean-Luc – einen professionellen Verteidiger, der weiß, wie man sich innerhalb des Rechtssystems der Sternenflotte bewegt.«

»Meine Untersuchung kann jederzeit beginnen. Ich habe kaum die Zeit für eine sorgfältige Überprüfung von Anwälten, Will.«

»Dann ist es ja gut, dass ich das für dich bereits erledigt habe.« Riker blieb stehen, griff in seine Jackentasche und zog eine kleine Visitenkarte aus durchsichtigem Plastik hervor, in die ein isolinearer Chip eingebettet war. »Diesem Mann vertraue ich.« Er reichte Picard die Karte. Auf der Oberseite war mit Laser ein Schriftzug eingraviert:

JONATHAN EZOR, RA – STRAFVERTEIDIGER

»Du brauchst einen Experten«, sagte Riker. »Ich habe ihm gesagt, dass du ihn anrufen wirst.«

Picard lächelte und steckte die Karte ein. »Nach all der Zeit passt du immer noch auf mich auf.«

»Und das werde ich auch immer tun«, erwiderte Riker. »Denn ich weiß, dass du im Gegenzug auf mich aufpasst.«

KAPITEL 4


Ich hasste es zu rennen. Ich war kein junger Mann mehr, und ich hatte schon vor langer Zeit erkannt, wie glücklich Stillstand machen konnte. Aber irgendjemand fand immer einen Grund, mich zum Rennen zu bringen – entweder weil sie mich verfolgten oder, in diesem Fall, weil sie selbstsüchtig genug waren, mich dazu zu bringen, ihnen nachzustellen.

Sie hatte sich mit einfachen Betrugsspielchen auf dem offenen Markt von Kamhawy beschäftigt. Der Fremdweltler-Version eines Spiels, das ich unter dem Namen Kümmelblättchen erstmals kennengelernt hatte. Manche nannten es auch »Follow the Queen«, aber das hatte ich immer als verwirrend empfunden, denn es gab auch eine 7-Karten-Poker-Variante unter diesem Namen. Alles, was zählte, war, dass sie fragwürdige Kartenspiele auf der Straße abhielt und auch eine ganze Menge junger und völlig unerfahrener Halbstarker gefunden hatte, die von irgendeinem Frachter der Föderations-Handelsmarine stammten und gedacht hatten, sie seien diejenigen, die sie darin schlagen könnten. Auch nach dreißig Minuten Betrügerei hatte keiner von ihnen herausgefunden, dass Pinch die Karte, auf die sie gesetzt hatten, in ihrer Hand verschwinden lassen konnte. Sie war bloß noch ein paar Minuten davon entfernt, die wohl lukrativste Nacht seit einem halben Zyklus zu erleben.

Dann kam ich vorbei und ruinierte alles.

Ich versuchte nicht aufzufallen, aber unscheinbar zu sein, ist nicht so mein Ding. Das ist eine Familiensache. Wir Okonas hatten schon immer ein Talent dafür, uns ins Rampenlicht zu stellen. Trotzdem gab ich wirklich mein Bestes. Und ja, ich hatte eine Aufgabe zu erledigen, aber das bedeutete nicht, dass ich mich dabei wie ein Idiot anstellen musste. Ich hatte wohl einfach Pech, aber zwischen zwei Runden Abzocke der Leichtgläubigen bemerkte mich Pinch quer über die Straße hinweg. Im Handumdrehen hatte sie all ihre Latinum-Streifen in ihre Taschen gestopft, und schon war sie weg wie ein Schiff, das auf Warp geht.

Dann rannte ich, zum zweiten Mal binnen eines Tages.

Und verdammt, sie war schnell. Und klein. Sie schlüpfte unter oder um Dinge herum, die ich überspringen oder schlichtweg durchbrechen musste, und nach dem zweiten Abfallhaufen begann meine Schulter zu schmerzen.

Die Tatsache, dass sie weglief, sagte mir, dass sie diejenige war, die ich finden musste. Wäre sie bloß irgendein gewöhnlicher Abschaum auf dieser Blase am Arsch des Weltraums gewesen, hätte sie sich gegen mich behauptet, mich beschimpft und vielleicht sogar versucht, mich schlicht und ergreifend zu erschießen. Stattdessen war sie beim ersten Anzeichen dafür abgehauen, dass jemand eins und eins zusammengezählt und in der Summe ihren Namen gefunden hatte. Das schrie geradezu danach, dass sie schuldig war.

Eine Sache, die ich immer an rückständigen Brocken wie Celes II geliebt habe, war, dass man Leute auf diese Weise jagen konnte, und niemand scherte sich darum. Hier gab es keine guten Samariter. Niemand streckte einen Fuß aus, um einen stolpern zu lassen. Die vorherrschende Regel hier lautete: Halt dich aus dem Mist anderer Leute raus.

Der Nachteil war, dass es auch niemanden interessierte, wenn ein nettes Mädchen wie Pinch versuchte, mir mit einem Disruptor Teile des Schädels webzuballern.

Hatte ich schon erwähnt, dass sie schnell war? Sie war mittlerweile bereits einen halben Block vor mir, und ihr Vorsprung vergrößerte sich.

Bitte lass mich sie nicht verlieren. Das wird man mir ewig vorhalten.

Das Schicksal wollte mich gerade auslachen und mir eine lange Nase drehen, als ein Müllwagen vor Pinch um die Ecke kam und ihr den Weg versperrte, wie sie es in dieser Scheißstadt immer tun. Sie wurde abgeschnitten, ihr Vorsprung war dahin, und sie wusste es.

Sie drehte sich um und entfesselte ein wildes Sperrfeuer in meine Richtung. Ich duckte mich hinter einen geparkten Transporter, der an meiner statt einen Großteil der Prügel bezog. Am Boden liegend, schaute ich unter dem Wagen hindurch und erblickte Pinchs Füße, während sie in einen engen Durchgang zwischen ein paar Garagen sprintete. Als ich aufstand, sah ich, dass das Fahrzeug, das ich als Schutzschild benutzt hatte, auf einen rauchenden Totalschaden reduziert worden war. Ich hatte Mitleid mit seinem Besitzer, der das alles würde erklären müssen – zuerst den städtischen Ordnungshütern und dann einem aalglatten Versicherungsermittler, der den Auftrag hatte, Ansprüche wann immer möglich für ungültig zu erklären.

Vor allem aber hatte ich Mitleid mit Pinch, denn ich wusste etwas, das sie nicht wusste.

Sie war in eine Sackgasse geflohen. Sofern sie nicht einen Transporterrückrufsender bei sich trug – was ein mörderischer Trick gewesen wäre, denn sie besaß kein Schiff, von dem ich gewusst hätte –, steckte sie in der Klemme.

Das bedeutete nicht, dass sie hilflos gewesen wäre. Lektionen, die man auf die harte Tour lernt, sind in der Regel diejenigen, die einem in Erinnerung bleiben. Ich hatte schon in jungen Jahren gelernt, dass Tiere, die in die Enge getrieben werden, gefährlich sind. Jetzt hatte ich Pinch mit dem Rücken zur Wand. Ich zog meinen Blaster und bewegte mich langsam in die Sackgasse.

Abfallhaufen und Müllsäcke verströmten einen erbärmlichen Gestank nach verfaulendem Fleisch, verdorbenen Milchprodukten und den Exkrementen von Ungeziefer. Kaputte Maschinenteile ragten aus feuchten Ansammlungen von Unrat hervor, und der Straßenbelag schimmerte vor öligen Rückständen, die von hoch aufgehängten, kalten blauen Scheinwerfern beleuchtet wurden. Dampf stieg aus Lüftungsschlitzen auf und behinderte meine Sicht auf das Ende der Gasse.

»Pinch?« Ich hoffte, dass es sie ein wenig beruhigte, wenn ich sie beim Namen nannte. Dass es ihr verraten würde, dass ich ein Bekannter war und nicht irgendein zufälliger Attentäter. »Kein Grund zu schießen. Ich bin nicht auf einen Kampf aus. Ich will dich nicht festnehmen. Ich will nur mit dir reden. Ganz ruhig ein paar Fragen stellen.«

Ein Disruptorimpuls kreischte durch den Nebel und schoss an meinem Kopf vorbei, so nah, dass ich seine Hitze auf meiner Wange spürte und die verbrannte Luft roch.

Ich erstarrte. »Komm schon, Pinch. Ich bin’s, Okona. Nicht schießen.«

Ihre Stimme zitterte. »Okona?«

»Ja.«

»Du schuldest mir noch zwanzig Streifen Latinum, du Hurensohn.«

War das so? Ich konnte mich ehrlich gesagt nicht erinnern. »Was wäre, wenn ich sagen würde, dass ich hier bin, um zu bezahlen?«

»Ich wüsste, dass du lügst.«

»Ich habe zwanzig bei mir, Pinch. Und noch mehr. Also lass uns die Waffen runternehmen und reden.«

»Du zuerst.«

Ich schob meine Pistole ins Holster. »So. Meine Kanone steckt wieder in ihrem Leder. Jetzt komm raus.«

Ich hob meine leeren Hände, während Pinch aus einer Dampfwolke hervortrat, die Waffe erhoben und auf mein Gesicht gerichtet. Sie brauchte nur eine Sekunde, um zu erkennen, dass ich die Wahrheit gesagt hatte.

Mürrisch holsterte sie auch ihre Waffe. »Was willst du?«

»Zunächst mal, lass mich meine Schulden zahlen.« Eine Hand weiter erhoben, schob ich betont langsam bloß den Daumen und Zeigefinger meiner anderen in meine Jacke. Vorsichtig zog ich eine Spindel Latinum-Streifen hervor. Ich ließ sie zusehen, wie ich zwanzig davon abzog. Langsam trat ich einige Schritte vor und legte das Latinum auf den Boden, dann zog ich mich wieder zurück. Ich behielt beide Hände in der Luft, als sie näher kam, um das Geld einzusammeln, und sich dann wieder zurückzog, ohne mich auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen.

Die Streifen verschwanden in ihrem Mantel. »In Ordnung. Rede.«

»Meine Quellen haben mir gesagt, dass du einer Gruppe Nausikaaner geholfen hast, einen der Schmugglertunnel zu finden.«

»Du solltest nicht alles glauben, was du hörst.«

»Ja, ich weiß. Aber das hier klang, als sei es wahr. Also raus damit, Pinch. Wer ist ihr Anführer? Wie heißt ihr Schiff? Und wo finde ich sie?«

Die kleine Menschenfrau grinste und schnaubte spöttisch. »Für wie blöd hältst du mich, Kona? Nausikaaner zu verpfeifen, kann einen ganz schnell das Leben kosten.«

Ich warf ihr eine Handvoll Latinum-Streifen vor die Füße. »Es kann einen auch ganz schnell reich machen. Weit weg von hier.«

Sie ging in die Hocke und strich die Bestechung ein.

»Der Söldner, nach dem du suchst, führt die größte rein nausikaanische Bande in der Galaxis an.«

»Und wo legt er die Füße hoch?«

»Woher zum Teufel soll ich das wissen? Die haben keinen Heimathafen. Sie sind Nomaden, immer in Bewegung. Sie schlagen zu und reisen weiter, wie Todespilger.«

Das hörte sich nach der Wahrheit an. Ich hatte schon mehr als einmal seit der Borg-Invasion von ’81 mit Nausikaanern zu tun gehabt. Sie waren Renegaten dieser Tage. Wanderer. Piraten ohne Heimat.

Aber selbst Piraten mussten irgendwann einen Hafen anlaufen.

»Letzte Frage, versprochen: Wohin könnten Sie von hier aus geflogen sein?«

»Warum hätten sie mir das sagen sollen?« Ein leichtes Lächeln zupfte an ihren Mundwinkeln. »Und selbst wenn, warum sollte ich dumm genug sein, mich daran zu erinnern?«

Sie hatte genug gesagt. Ich warf ihr eine weitere Spindel aufgerolltes Latinum vor die Füße.

Ihr kokettes Schmunzeln wurde zu einem breiten Grinsen. »Warte, ich glaube, es dämmert mir langsam wieder …«

•

Die Seitenluke des Runabouts Colorado glitt auf, und Lieutenant Aneta Šmrhová trat ins Freie, bevor sich auch nur die Gangway vor der offenen Luke ganz ausgefahren hatte. Als die Planke die Landeplattform auf dem Dach der Ratshalle von Kamhawy berührte, war sie bereits von ihr hinunter und schritt auf den Chef des Stadtschutzes zu, einen Mann in den Vierzigern mit tiefbrauner Haut, rasiertem Schädel und den breitesten Schultern, die sie seit einer Ewigkeit zu Gesicht bekommen hatte.

Sein Händedruck war fest, sein Blick ruhig, seine Stimme klar. »Lieutenant Šmrhová? Ich bin Kenneth Sapp, der Chef des Stadtschutzes. Oder Bürgermeister, je nach Situation.«

»Welchen Titel bevorzugen Sie?«

»Ich bevorzuge Ken.«

»Wie Sie möchten, Ken.« Šmrhová vollführte eine Geste mit ihrem Arm, als sie die anderen drei Mitglieder ihres Außenteams von der Enterprise vorstellte, die gerade die Colorado verließen und sich hinter ihr versammelten. »Gestatten Sie mir, Ihnen den Rest meiner Einheit vorzustellen. Lieutenant T’Ryssa Chen, wissenschaftliche Abteilung. Lieutenant Robert Mars, Sicherheit. Und unsere Pilotin, Lieutenant Ally Scagliotti.«

»Willkommen in Kamhawy und danke, dass Sie so schnell gekommen sind.«

Šmrhová wollte unbedingt an die Arbeit gehen, und sie gab sich keine Mühe, das zu verbergen. »Sie sagten, es gäbe einen akuten Zwischenfall?«

»Korrekt. Jemand versucht schon den ganzen Tag, die Firewall auf unserem Flugkontrollserver zu knacken.« Sapp bedeutete dem Außenteam mit dem Kopf, ihm ins Innere des Kommandogebäudes der Kolonie zu folgen. »Kommen Sie, ich zeige Ihnen, was wir bis jetzt haben.«

Mars und Chen schlossen sich Sapp an, der sie in das städtische Kontrollzentrum führte. Šmrhová hielt Scagliotti auf. »Bleiben Sie hier. Und lassen Sie den Motor laufen.«

Die Pilotin registrierte die Stimmung der Sicherheitschefin. »Abhauen oder abfangen?«

»Vielleicht beides. Und erfassen Sie uns mit dem Transporter. Nur für den Fall.«

»Alles klar, Boss.« Die schlanke, rothaarige Frau drehte sich um und duckte sich wieder in das Runabout, während Šmrhová Mars, Chen und Sapp ins Kontrollzentrum folgte.

Trostlos reichte nicht einmal ansatzweise aus, um das Hauptquartier der Schutztruppe zu beschreiben. Es wirkte wie ein Gotteshaus, in dem das Unzeitgemäße angebetet wurde. Veraltete Arbeitsstationen standen auf zwei kreisförmigen Rängen um eine Senke, die für den Wachoffizier der Schicht bestimmt war. Massive zweidimensionale Hologramme wurden vor eine schwarze Wand projiziert, die sich gegenüber dem Eingang zur Landeplattform befand. Diese war durch hohe, vom Boden bis zur Decke reichende Fenster sichtbar, die von innen transparent, von außen aber verspiegelt waren. Kabelknäuel hingen wie Dschungelranken aus Öffnungen in der Decke und verbanden all die Systeme miteinander.

Es ist ein Wunder, dass es hier noch keine EPS-Leitung gesprengt hat. Oder dass der ganze Laden nicht einfach niedergebrannt ist.

Sapp führte Chen, Mars und Šmrhová in die Kommandosenke in der Mitte des Raums. Trotz der Antiquiertheit aller Systeme waren die Anzeigen klar, und die Menge an nützlichen Informationen, die dem Wachoffizier der Schicht zu jedem Zeitpunkt zur Verfügung stand, genügte, um Šmrhová zu beeindrucken.

Der Chef der Schutztruppe deutete auf einen Schirm. »Wir haben uns mit den Sabotageakten von gestern beschäftigt. Dem Sprengstoff, der unsere Kuppel aufgerissen hat und den nausikaanischen Banditen zur Flucht verhalf.«

»Sind Sie sicher, dass es Nausikaaner waren?«, warf Chen ein.

»Überprüfen Sie die Sensorprotokolle selbst.« Sapp gab auf seiner Master-Konsole Befehle ein und führte Chen zu einem Bildschirm mit Daten. »Kein Hinweis auf Signalstörung oder Manipulation. Außerdem hatten wir Zeugen, die sagten, dass die Nausikaaner gestern Abend in eine Schießerei im Haligon-Sektor verwickelt waren, und wir fanden nausikaanisches Genmaterial an verschiedenen Orten, die mit dem gestrigen Aufruhr in Verbindung stehen. Wenn sie es nicht waren, hat sich jemand viel Mühe gegeben, ihnen die Sache anzuhängen.«

Gedankenvoll runzelte Mars die Stirn. »Konnten Sie das Schiff identifizieren?«

»Es hatte einen nausikaanischen Registereintrag, aber das trifft auf die meisten Piraten heute zu. Vor allem, weil es keine nausikaanische Regierung mehr gibt, die den Transponder verifizieren kann.«

»Nicht, dass die jemals eine große Hilfe war«, murmelte Mars.

»Das ist wahr.« Sapp rief weitere Informationen auf. »Wir dachten, dass sie Komplizen gehabt haben könnten, also haben wir sofort eine allgemeine Abriegelung eingeleitet, als sie unsere Energieschilde durchbrochen haben.«

Chen ging zu einem Systemmonitor und gab neue Befehle ein. »Ken? Wann hat jemand angefangen zu versuchen, Ihre Firewall zu hacken?«

»Vor ungefähr sechs Stunden. Wir haben versucht, die Quelle einzugrenzen, aber der Angriff endete, bevor wir den Aufenthaltsort der Täter ermitteln konnten.«

Šmrhová gesellte sich zu Sapp. »Funktioniert der sichere Sender Ihrer Station noch?«

»Ich denke schon. Warum?«

»Ich möchte, dass die Enterprise Ihre Server-Protokolle analysiert. Der Hacker mag Ihrer Sicherheitssoftware entkommen sein, aber ich bezweifle, dass er sich vor unserer verstecken kann.«

Sapp zuckte mit den Schultern. »Klar, warum nicht? Ich habe nichts zu verbergen.« Er rief einem seiner Leute in der unteren Reihe zu: »Pérez! Öffnen Sie einen Kanal für die Enterprise. Volle Admin-Privilegien. Legen Sie ihn auf Sockel drei, Port eins-zwanzig.«

»Kommt sofort, Chef.«

Šmrhová berührte Ihren Kommunikator. »Šmrhová an Enterprise. Bereithalten zum Einloggen in den Hauptrechner der Kamhawy-Kolonie auf dem lokalen Sockel drei, Port einszwanzig. Ich brauche eine Analyse der vor ein paar Stunden stattgefundenen Versuche, das Flugkontrollsystem zu hacken.«

»Verstanden«, war La Forges Stimme über den Komm-Kanal zu vernehmen. »Wir klinken uns jetzt in ihr System ein. Bereithalten zum …« Unvermittelt brach er ab, und sie fragte sich schon, ob die Verbindung unterbrochen worden war. Doch dann fuhr er fort. »Lieutenant, diese Angriffe auf die Flugkontrollsysteme haben nie aufgehört. Sie sind noch immer im Gange. Warten Sie. Wir verfolgen sie zu ihrem Ursprungsknoten zurück.«

Auf Sapps Züge trat ein Ausdruck, der halb Überraschung, halb Bewunderung war. Der Stab seines Kommandozentrums ringsum reagierte teils peinlich berührt, weil er so vorgeführt worden war, teils fest entschlossen, diese Bedrohung der Sicherheit und seiner Reputation der Gerechtigkeit zuzuführen.

»Wer auch immer Ihre Hacker sind, sie sind gut. Sie haben das System fast geknackt, und sie haben es geschafft, während sie sich der Entdeckung völlig entzogen haben.«

Šmrhová verdrehte die Augen. »Wir können ihnen später eine Medaille anheften, Sir. Wo sind sie?«

»Im Malka-Sektor, Andockstation Bravo sieben.«

»Verstanden.« Šmrhová blickte Sapp an. »Sorgen Sie dafür, dass vor Ort ein Sicherheitsteam zu uns stößt, und das so schnell wie möglich.« Bevor der Mann protestieren konnte, zog sie ihren Phaser und berührte ihren Kommunikator. »Šmrhová an Colorado. Ich brauche einen Ort-zu-Ort-Transport für das Außenteam. Malka-Sektor, Andockstation Bravo sieben. Treffen Sie uns dort.«

»Bin unterwegs«, sagte Scagliotti über die Verbindung, kurz bevor der Transporterstrahl des Runabouts Šmrhová, Chen und Mars dematerialisierte …

… und sie in einer schmuddeligen, beengten und schlecht beleuchteten Dockbucht wieder zusammensetzte. Vor ihnen parkte eine heruntergekommene Klapperkiste von einem Schiff. Šmrhová schätzte, dass das Ding fast ein Jahrhundert alt sein musste, und sie hätte gewettet, dass es nur noch durch grobe Schweißnähte und Gebete zusammengehalten wurde.

Sie richtete ihren Phaser auf die Backbordseite des Schiffs und rückte vor, die Augen auf das Cockpit gerichtet, das sich in der verdickten Spitze eines langen, halsförmigen Rumpfes befand. »Sie da im Schiff! Kommen Sie raus, sofort!«

Hinter ihr zogen Chen und Mars ihre Phaser und verteilten sich zu beiden Seiten. Beide zielten auf das seltsame verbeulte Schiff vor ihnen.

Die Cockpitscheibe war getönt, sodass man nicht ins Innere schauen konnte, aber Šmrhová hatte das Gefühl, dass sich jemand dort drinnen aufhielt. Ihr Gefühl wurde bestätigt, als die Schubdüsen des Schiffs plötzlich zu brummen anfingen – der Antrieb wurde hochgefahren, um abzuheben.

»Denken Sie nicht einmal daran, zu starten!« Sie gab einen Warnschuss aus ihrem Phaser in die Backbordseite des Rumpfs hinter der Cockpitscheibe ab – ein kurzer Feuerstoß bei schwerer Betäubungseinstellung. Gerade genug, um das Schiff zu erschüttern und eine kleine Rußspur auf der Außenhaut des Raumfahrzeugs zu hinterlassen. Sie berührte ihren Kommunikator »Šmrhová an die Flugsicherung Kamhawy. Verbinden Sie mich mit dem Schiff in Malka Bravo sieben.«

»Der Kanal ist offen, Lieutenant. Sprechen Sie.«

»Achtung, Besatzung der …« Ihr fiel auf, dass sie den Namen des Schiffs nicht kannte. Sie ließ den Blick über den Rumpf gleiten und sah, dass ein Schriftzug unter den hinteren Atmosphärenstabilisatorfinnen angebracht worden war. »Besatzung der Tain Hu. Hier spricht Lieutenant Aneta Šmrhová vom Sternenflottenraumschiff Enterprise. Ergeben Sie sich. Wenn Sie versuchen zu fliehen oder das Feuer eröffnen, werden wir auf Sie schießen.«

Auf der anderen Seite der Dockbucht schoben sich große Türen auf. Ein Team bewaffneter Beamter der Kamhawy-Schutztruppe stürmte herein, Gewehre im Anschlag und bereit zu kämpfen. Innerhalb von Sekunden hatten sie sich verteilt und umzingelten den angeschlagenen alten mancharanischen Sternenhüpfer.

Doch es erfolgte weiterhin keine Reaktion aus dem Inneren des Schiffes.

»Besatzung der Tain Hu, dies ist Ihre letzte Warnung. Ergeben Sie sich, oder Sie werden zerstört.«

Außerhalb des bedrohlichen roten Kraftfeldes der Dockbucht fiel das Runabout Colorado aus dem Himmel und schwenkte auf das Schiff in der Dockbucht zu. »Die Colorado ist in Position, die Schilde sind hochgefahren und die Waffen scharf«, meldete Scagliotti über den offenen Kanal. »Bereit für Ihren Befehl, Lieutenant.«

»Position halten, Colorado. Tain Hu, antworten Sie, oder Sie werden beschossen.«

Die Triebwerke des Sternenhüpfers fuhren herunter. Ihr tiefes Brummen wurde zu einem leiser werdenden Heulen.

In einem Nebel aus hydraulischen Dämpfen und der Abwärme der Wärmetauscher sank eine Heckluke an der Unterseite des Schiffes herab. Als die Rampe das Deck berührte, schlenderte ein einsamer Mann durch die nebligen Schleier herunter. Er ging ganz gemächlich, und seine Körpersprache wirkte locker und entspannt.

Šmrhová bewegte sich nach rechts, um sich am Fuße der Rampe aufzustellen und ihn in Empfang zu nehmen.

Der Mann tauchte aus dem Dunst auf. Er war groß, schlank, glatt rasiert und auf knabenhafte Weise gut aussehend, mit heller Haut und braunem Haar, das mehr als nur ein paar graue Strähnen aufwies. Seine Lippen teilten sich zu einem Lächeln und präsentierten die perfektesten weißen Zähne, die sie je gesehen hatte. »Na hallo!«, begrüßte er Šmrhová. »Ich bin Thadiun.«

Sie packte ihn an seinem Handgelenk, brachte ihn rücklings auf dem Deck zu Fall und drückte ihm ihr Knie in die Brust. »Nein. Sie sind verhaftet.«

•

Wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich zugeben, dass sie mich antörnte. Ich bin schon immer scharf auf starke Frauen gewesen. Ich liebe das einfach. Vielleicht, weil meine Mutter clever und stark war. Sie hat sich keinen Quatsch gefallen lassen, das kann ich Ihnen verraten. Sie hatte Prinzipien. Einen Kodex. Das ist wichtig. Man muss einen Kodex im Leben haben. Etwas, für das man steht. Linien, die man nicht überschreitet.

Und ich hatte das Gefühl, dass diese dunkelhaarige, braunäugige Schönheit vom Raumschiff Enterprise eine Frau war, die viele Linien hatte, die sie nicht zu überschreiten bereit war. Von dem Moment an, als sie mich in Gewahrsam nahm, wusste ich, dass sie etwas Besonderes war. Schnell? Wie eine zuschlagende Kobra. Stark? Wie ein Mugato.

Aber ihre Verhörmethoden konnten etwas Feinschliff vertragen. Sie nahm das so ernst. Das war ungesund. So etwas führt zu hohem Blutdruck. Schlaflosigkeit. Reizdarmsyndrom.

Trotzdem sah ich ihr gern bei der Arbeit zu. Auch wenn meine Hände mit Magnethandschellen gefesselt waren und an einem Tisch im Gefängnistrakt der Enterprise klebten.

Spucke flog von ihren Lippen, als sie mir ihre Fragen ins Gesicht schrie. »Wo waren Sie während des Angriffs der Nausikaaner auf die Kolonie?«

»Ich kann mich nicht erinnern.«

Sie fing an, holografische Videos vom Padd in ihrer Hand abzuheben und sie in die Luft über uns zu werfen, wo sie weiterliefen, während sie fortfuhr. »Die Sicherheitskameras sahen Sie in der Nähe des von den Plünderern überfallenen Lagerhauses.« Sie zauberte Aufnahmen eines laufenden Kampfes herbei: die Nausikaaner, die mich durch eine dampfgefüllte Gasse nach der anderen jagten. »Sind Sie das?«

»Kann ich nicht sagen. Sie haben mich nicht von meiner guten Seite getroffen.«

Lieutenant Šmrhová schlug mit der Faust auf den Tisch. »Finden Sie das lustig, Okona? Ich lasse die forensischen Teams der Enterprise dieses Material gerade durchgehen. Ganz zu schweigen von jedem Quadratzentimeter Ihres Schiffes und jedem Tatort unten. Wir werden Sie damit in Verbindung bringen. Und was, glauben Sie, passiert dann, Klugscheißer?«

»Ich habe mich immer auf die Freundlichkeit von Fremden verlassen.«

»Nun, ich bezweifle, dass Sie hier welche finden werden.«

»Dann sollten wir vielleicht woanders hingehen. Ich kenne da ein wunderbares kleines Café auf Bolarus. Die machen Sikenberi-Crêpes, die Sie einfach umhauen werden.«

»Versuchen Sie mich anzubaggern?«

»Kommt drauf an. Funktioniert es?«

Sie schoss aus ihrem Sitz hoch, knurrte wie ein vulkanischer Le-matya und stürmte aus dem Befragungsraum. »Habe ich etwas Falsches gesagt?«, rief ich ihr nach, als sich die Tür schloss.

Ich bekam keine Antwort. Sie spielte die Unnahbare. Das respektierte ich.

Als sich die Tür wieder öffnete, sah ich zu meiner Freude jemanden, den ich wiedererkannte: Geordi La Forge. Es war schon lange her, dass wir uns das letzte Mal begegnet waren – mehr als zwei Jahrzehnte, um genau zu sein –, aber ich vergaß nie ein Gesicht, nicht einmal eines, das früher hinter einem Visor verborgen lag, heute aber ein Paar metallische kybernetische Augen hatte. Ich lächelte bei seinem Anblick. »Geordi!«

Er runzelte die Stirn. »Okona.«

»Warum habe ich das Gefühl, dass Sie nicht hier sind, um mir gute Nachrichten zu überbringen?«

»Wir haben Sie in flagranti dabei erwischt, wie Sie versucht haben, die Systeme der Flugsicherung von Kamhawy zu hacken. Also warum packen Sie nicht aus und verraten uns, was Sie hier tun?«

»Na schön, wenn Sie darauf bestehen. Ich bin als Talentsucher hier. Ich bin auf der Suche nach Hintergrund-Tänzern für eine interstellare Betrachtung traditioneller klingonischer Musik für Kinder mit dem Titel: Was sind Opern, gagh?«

»Ich könnte Sie aus einer Luftschleuse werfen, und niemand würde es je erfahren.«

»Möglich. Aber Sie würden es wissen. Und es würde Ihre Seele auffressen.«

La Forge seufzte frustriert. »Bitte zwingen Sie mich nicht, Worf hierherzuholen.«

»Soll das eine Drohung sein? Nichts für ungut, Geordi, aber allein in den letzten Wochen wurde ich von Söldnern jeglicher Couleur und Spezies beschossen, von einem Gorn gebissen, ruppig von Tholianern untersucht, von Romulanern unter Drogen gesetzt und von einem Baldukianer mit einem Alkoholproblem als Sandsack benutzt. Zum jetzigen Zeitpunkt bezweifle ich ernsthaft, dass die Sternenflotte mir irgendetwas antun würde oder könnte, das mir schlimmer vorkäme als ein langweiliger Nachmittag des Nachsitzens in der Grundschule. Also wenn nicht Lieutenant Šmrhová wieder reinkommen will, um mit mir einen Ausflug zu einem zweisamen Abend zu planen … lassen Sie mich in Ruhe.«

Mein Gerede machte Geordi nicht wütend. Er schüttelte bloß den Kopf.

»So wollen Sie es also haben? Schön. Sagen Sie mir nur eins: Was, glauben Sie, werde ich finden, wenn ich Ihr Schiff durchsuche?«

Ich lächelte und bemühte mich, nicht zu lachen. »Vorausgesetzt, Sie lösen die Sprengfalle nicht aus? Gar nichts.«

•

Der Kriechraum unter dem Frachtdeck der Tain Hu war eng genug, um in La Forge Klaustrophobie zu wecken. Er war mit dem Kopf voran durch die Falltür geklettert und kroch auf dem Bauch bis zum einzigen Punkt, an dem er direkten Zugang zur Sprengfalle hatte. Um sie zu erreichen, hatte er sich unter niedrigen Querstreben und zwischen dicken ODN-Kabelbündeln hindurchziehen müssen, während er seinen Werkzeugkasten vor sich herschob. Wenigstens kann ich im Dunkeln ohne Handgelenkstrahler sehen. Eine Sache weniger, die ich tragen muss.

Mehrere lange, schweißtreibende Minuten nachdem er das Gerät erreicht hatte, durchtrennte La Forge die letzte Verbindung zum Auslösemechanismus. Er atmete erleichtert aus, als sich die Miniaturzünder der Sprengladung deaktivierten. Das schützende Sensorstörfeld, das ihn umgeben hatte, schaltete sich mit einem sanften Summen ab. Er schob seine Hand unter die Brust und berührte seinen Kommunikator. »La Forge an Elfiki. Hören Sie mich?«

Ihre Stimme aus dem Komm-Kanal hallte durch den beengten Raum. »Sprechen Sie, Geordi.«

»Die Bombe ist deaktiviert, das Kraftfeld unten. Beamen Sie mich bitte raus.«

»Warten Sie kurz.«

Ein Transporterstrahl hüllte La Forge in schimmernde Partikel, die weiß aufglühten …

… und als er wieder sehen konnte, stand er im Frachtraum der Tain Hu, neben Elfiki und einem halben Dutzend Spurensicherungsspezialisten aus der Sicherheitsabteilung der Enterprise. Als sie La Forges ölverschmierte Uniform sah, hob sie eine dünne, fein geschwungene Augenbraue. »Geht es Ihnen gut?«

»Ja, danke.« Er streifte irgendein klebriges Zeug von seiner Hose. »Aber wenn in das Ding nicht dieses Sensorstörgerät eingebaut gewesen wäre, hätte ich diesen Job liebend gern einem Roboter überlassen.«

»Hatten Sie Schwierigkeiten?«

Er schnaubte. »Nicht der Rede wert.« Aber das war gelogen. Das Gerät war deutlich komplexer aufgebaut gewesen, als er erwartet hatte. Bei einem Herumtreiber wie Okona, der die Hälfte seiner Systeme nur notdürftig zusammenhielt, hätte er eigentlich irgendeine Amateur-Plasma-Ladung, die an den Deuteriumtanks angebracht war, vorfinden sollen. Stattdessen war La Forge auf eine Trilithiumladung mit Quantenzünder gestoßen, die so eingestellt war, dass sie binnen einer Pikosekunde das Antimaterie-Eindämmungsfeld zerstört und die Treibstofftanks aufgerissen hätte.

Ein Fehler hier unten, und ich hätte womöglich die ganze Kamhawy-Kolonie ausgelöscht.

Er war gerade im Begriff, Elfiki die Wahrheit über die Bombe zu beichten, als sie von Ensign Rockwell Ingersol unterbrochen wurden, einem linkischen jungen Spurensicherer mit einem ungepflegten Schnurrbart und der Neigung, gegenüber vorgesetzten Offizieren zu schnell zu sprechen. »Also, wir haben jetzt eine komplette Überprüfung vorgenommen. Damit meine ich, vom Bug bis zum Heck. Und es ist, also, einfach nichts hier. Ich meine nada. Niente. Nullkommagarnix.«

La Forge bemühte sich, Ruhe auszustrahlen. »Ganz langsam, Roc. Sie meinen, dass es keine Schmuggelware gibt?«

»Von Schmuggelware will ich gar nicht anfangen, Mann. Ich meine, dass nichts an Bord ist. Punkt. Keine Fracht, legal oder sonst was. Jede Kiste im Frachtraum – leer. Es ist nichts in Schmuggelfächern unter den Deckplatten. Nicht einmal ein Zahn unter seinem Kissen.« Elfiki und La Forge starrten ihn bloß schweigend an, und Ingersol trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen. »Sie wissen schon, wegen der Zahnfee? Und …«

Elfiki hob abwehrend eine Hand. »Wir haben es begriffen, Roc.«

In der Hoffnung, das Plappermaul abzulenken, das es nur gut meinte, zog La Forge Ingersol beiseite. »Tun Sie mir einen Gefallen, Roc. Nehmen Sie den Rest des Teams und gehen Sie noch einmal durchs Schiff. Scannen Sie nach Signallatenzartefakten. Lassen Sie uns mal schauen, ob dieses Schiff Verstecke aufweist, die besser getarnt sind als diejenigen unter den Deckplatten.«

»Aye, Sir.« Wie ein Hundewelpe, der unter nervösen Ticks litt, aber trotzdem unbedingt gefallen wollte, eilte Ingersol zurück zum Rest des Spurensicherungsteams und gab La Forges Befehle weiter.

Während sich die Spezialisten in Zweiertrupps aufteilten, um das kleine Handelsschiff erneut zu durchsuchen, nahm La Forge Elfiki beiseite und senkte die Stimme. »Keine Fracht? Kommt Ihnen das nicht auch seltsam vor?«

»Ein wenig. Aber vielleicht kam er mit einer Ladung hierher und hatte noch keinen Transportauftrag vom Planeten weg.«

»Das hätte ich eher geglaubt, wenn wir ihn nicht dabei erwischt hätten, wie er zu fliehen versuchte.«

Elfiki legte den Kopf schief. »Vielleicht sollten wir uns sein Ladungsverzeichnis anschauen.«

»Kann nicht schaden.«

Sie kletterten die Leiter zum Hauptdeck hinauf und begaben sich ins Cockpit, das kaum groß genug war, um vier normal gewachsene Humanoide aufzunehmen – zwei vorn, an den Steuer- und Kommandokonsolen, und zwei links und rechts hinter ihnen, einer für die Sensoren und die Navigation und der andere für die Kommunikation und die Bordcomputersysteme.

La Forge ließ sich auf dem Kommandosessel nieder und versuchte, auf das Frachtverzeichnis und das Logbuch des Schiffs zuzugreifen. »Wir sind noch immer ausgesperrt. Ich hatte gehofft, dass das Spurensicherungsteam das mittlerweile geknackt hätte.«

Elfiki ließ sich vor dem Hauptcomputerinterface nieder. »Mal schauen, ob ich die Sperren mit ein paar Backdoor-Befehlen umgehen kann, die in sein Rootkit integriert sind.« Ihre Finger huschten über die Konsole und gaben absurd lange Abfolgen esoterisch wirkender Zeichen ein. La Forge hatte Data Ähnliches bereits mehr als einmal vollbringen sehen. Elfiki war nicht annähernd so schnell wie Data, aber dass sie überhaupt zu solchem Computerzauber imstande war, nötigte La Forge nichtsdestoweniger Respekt ab.

Leicht frustriert, schüttelte sie den Kopf. »Die Datenbanken dieses Schiffes laufen auf keinem System, das ich bei dieser Art von Hardware erwartet hätte. Überhaupt scheint hier nichts mit Standardtechnologie zu laufen.«

La Forge sah sich im Cockpit um, das aussah, als würde es nur von Spucke, Draht und warmen Versprechungen zusammengehalten. »Das ergibt Sinn. Wer weiß, was Okona tun musste, um diesen Schrotthaufen in der Luft zu halten?«

»Das meine ich nicht.« Elfiki tippte auf das Display über ihrem Kopf. »Ich will damit sagen, dass dieser ganze Kram auf alt und heruntergekommen gemacht wurde. Aber das ist alles absolute Hightech-Ausrüstung.«

»Ist das Ihr Ernst?«

»Die Verschlüsselung des Hauptcomputers ist stärker als alles, was ich jemals in ziviler Hand gesehen habe. Und ich wette mit Ihnen um einen Monat Sold, dass wir, wenn wir die Wände aufreißen, darunter die modernste Technik finden würden. Dieses Schiff ist ein Diamant, der sich als Klumpen Kohle verkleidet hat.«

»Na, da soll mich doch …« La Forge drehte sich auf der Stelle, bestaunte die schäbige Aufmachung der Tain Hu und fragte sich, was sie wohl verbergen mochte. »Vielleicht sollten wir …«

Sein Kommunikator zirpte. Dann war eine Stimme zu hören. »Ingersol an La Forge.«

»Sprechen Sie, Roc.«

»Sir? Ich glaube, wir haben etwas gefunden, unter der Koje des Piloten. Ein Geheimfach. Wir schneiden es jetzt auf.«

»Seien Sie vorsichtig, Roc. Es könnte mit einer Falle versehen sein, und wir wissen nicht, was sich darin befindet.«

»Warten Sie, Sir. Wir sind fast durch.«

Elfiki und La Forge wechselten einen Blick. Er wird uns alle umbringen.

»Es ist offen!« Ingersols Stimme quietschte vor Begeisterung. »Sir, es handelt sich um ein kleines Lager Handfeuerwaffen, kompakte Militärausführungen – und um, wie es aussieht, ein kleines Vermögen in Latinum.«

Sein Bericht zauberte ein Lächeln auf Elfikis Miene. »Wollen doch mal hören, wie Mister Okona das erklärt.«

»Gute Arbeit, Roc.«

»Danke, Sir. Wir packen alles ein und …«

Die Lichter im Inneren der Tain Hu gingen aus, und es wurde stockdunkel im Schiff. Im gleichen Augenblick wurde die Cockpitscheibe pechschwarz und blockierte alles Licht von draußen. La Forge erstarrte. »Roc? Sind Sie noch da?« Keine Antwort. La Forge berührte seinen Kommunikator. Er gab ein trauriges, dysfunktionales Zirpen von sich, was bedeutete, dass er keine Verbindung hatte. La Forge entschied sich stattdessen für die althergebrachte Methode und schrie durch den hinteren Ausgang des Cockpits. »Roc! Können Sie mich hören?«

»Ich höre Sie, Sir«, rief Ingersol zurück. Seine Stimme wurde durch die Wände gedämpft.

»Bericht!«

»Uns allen geht es gut! Was ist mit dem Licht passiert?«

»Das wollten wir Sie fragen. Bleiben Sie, wo Sie sind, bis wir …« La Forge hielt inne, als sich ein rotes Hinweislämpchen auf der Kommandokonsole aktivierte. Es blinkte dreimal und blieb dann an. Sein Glühen war hell genug, dass La Forge Elfikis Gesicht in der Finsternis erkennen konnte. »Irgendeine Idee, was das …«

»Worf an La Forge!«, bellte eine Stimme aus dem Lautsprecher über La Forges Kopf.

La Forge brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass alle Komm-Geräte durch die Tain Hu geleitet wurden. »La Forge hier.«

»Befehlen Sie dem Spurensicherungsteam, sofort die Arbeit einzustellen.«

»Okay. Hat das mit …«

»Kehren Sie zur Enterprise zurück. Jetzt! Sofort!«

•

Die Temperatur in der Brig herunterzudrehen, um Gefangene unruhig und wach zu halten, war ein alter und nützlicher Trick, solange man es nicht zu weit trieb. Da Okona nur noch eine Hose, eine leichte Tunika, seine Socken und ein dünnes Paar Schuhe trug, dachte sich Šmrhová, dass er bei der derzeitigen Temperatur von dreizehn Grad Celsius im Handumdrehen zur Mitarbeit bereit sein würde.

Stattdessen fand sie ihn am Tisch im Interviewraum sitzend vor, die Hände hinter dem Kopf verschränkt und die Beine vor sich ausgestreckt. Er wirkte so entspannt und gut gelaunt, wie man nur sein konnte.

Sie wollte ihm einfach nur in sein selbstgefälliges Gesicht schlagen.

Sie setzte sich ihm gegenüber und rief einen Stapel Dateien auf ihrem Padd auf. »Wissen Sie, was ich hier habe, Okona?«

»Das übellaunigste Tagebuch der Galaxis?«

Sie ließ seinen Spott an sich abprallen. »Ich habe Ihr ganzes Leben in meiner Hand. Ihre ersten Zusammenstöße mit dem Gesetz. Ihren letzten Zusammenstoß mit der Sternenflotte an Bord der Enterprise-D. Und Jahrzehnte fragwürdigen Verhaltens danach.«

Er grinste sie keck an. »Lassen Sie mich raten: Das wird Ihre Bettlektüre.«

»Ich freue mich, dass Sie glauben, das sei lustig. Denn jetzt, da ich Sie habe, beabsichtige ich nicht, Sie wegen einer Formsache vom Haken zu lassen.«

»Das ist süß von Ihnen, aber wir haben uns doch gerade erst kennengelernt. Ich denke, es ist noch ein bisschen zu früh, um uns irgendwelche ernsthaften Versprechungen zu machen.«

Ohne ihr Zutun ballte sich ihre Hand zur Faust.

Sie atmete tief ein, zählte lautlos bis fünf und zwang ihre Hand, sich wieder zu öffnen. »Ärger folgt Ihnen nach, Mister Okona. Auch wenn Sie nie offiziell angeklagt wurden, scheinen Sie in buchstäblich Dutzende von ungeklärten Diebstählen, Entführungen, Kaperungen und Akte gewaltsamer Sabotage auf mehr als vier Dutzend Welten sowohl innerhalb als auch außerhalb der Föderation verwickelt gewesen zu sein.« Sie drehte das Padd, sodass er die Auflistung seiner mutmaßlichen Vergehen sehen konnte. »Was können Sie mir darüber erzählen?«

Ein kleines Schulterzucken und ein dreistes Grinsen. »Wie Sie schon sagten … Ich wurde nie angeklagt.«

Gott ist mein Zeuge, ich werde diesen Mann mit meinen bloßen Händen töten.

»Mister Okona, ich möchte wissen, was Sie hier in der Kamhawy-Kolonie gemacht haben. Warum man Sie auf der Flucht vor denselben nausikaanischen Banditen gesehen hat, die das Kraftfeld sabotierten. Und …«

Okona unterbrach sie mit einer wegwerfenden Geste. »Genug von mir. Reden wir doch mal über Sie.«

»Das werden wir sicher nicht!«

»Warum? Weil man Ihnen in jungen Jahren beigebracht hat, Ihre Gefühle zu verbergen? Wer hat Ihnen das eingetrichtert? Ihr Vater?« Er musterte sie mit zusammengekniffenen Augen. »Nein … Ihre Mutter. Ihr Vater hat Sie im Stich gelassen, oder?«

Wie konnte er das wissen?

Sein Blick war charmant, hypnotisierend. Šmrhová musste sich zusammenreißen, um wegzuschauen und sich wieder auf das Padd und sein Dossier zu konzentrieren. »Sie wurden im Madena-System geboren. Und Ihre Vorfahren scheinen von den Argelianern abzustammen …«

»Ihre Mutter hat Ihnen beigebracht, anderen Frauen nicht zu trauen. Und Ihr Vater? Alles, was Sie durch sein Verschwinden gelernt haben, war, dass Sie sich Anerkennung von männlichen Autoritätspersonen wünschen. So sehr, dass Sie sie imitieren. Sie geben sich hart, reden hart. Sie werden alles tun, was nötig ist, um dafür zu sorgen, dass die Leute, wenn sie Ihnen begegnen, nur die stählerne Klinge sehen – niemals die seidene Hülle.«

Sie fühlte sich bloßgestellt, enthüllt, verletzlich. Es ärgerte sie zu Tode.

»Küchenpsychologiegeschwätz? Ist das alles, was Sie draufhaben?«

»Tut mir leid, Süße, ich improvisiere hier. Aber davon mal abgesehen, wenn Sie zum Abendessen nichts vorhaben …«

Erst jetzt fiel ihr auf, dass etwas an dem Bild vor ihr ganz und gar nicht stimmte. »Wo sind Ihre Handschellen?« Ein rascher Blick umher zeigte ihr, dass sie in einer Ecke des Raums lagen. »Wie haben Sie die entfernen können?« Sie sprang von ihrem Sitz auf und zog sich ein paar Schritte zurück, um Raum zum Bewegen zu haben, sollte er sie angreifen. »Wer sind Sie?«

»Ich bin bloß ein Junge … der vor einem Mädchen sitzt … und es darum bittet, ihm etwas zu essen zu geben.«

Šmrhová war hin- und hergerissen zwischen dem Drang zu fliehen und dem Wunsch anzugreifen – aber ihr rationaler Verstand, der Teil von ihr, der von der Sternenflotte trainiert worden war, sagte ihr, sie solle ruhig bleiben, standhaft bleiben und dieses Problem lösen. Okona saß noch immer. Von seinem Mund abgesehen, hatte er sich kaum gerührt, seit sie hereingekommen war. Seine Augenbrauen waren lebhafter gewesen als seine Hände. Er war der Inbegriff der Ruhe.

Sie übernahm die Kontrolle über ihre Gefühle. Entspannte ihre Schultern. Kehrte zum Tisch zurück und setzte sich Okona gegenüber. »Warum haben die Nausikaaner Sie gejagt?«

»Haben sie das? Daran kann ich mich nicht erinnern.«

Und schon bin ich wieder so weit, ihn schlagen zu wollen.

»Erzählen Sie mir von Ihrem Schiff.«

»Der Tain Hu? Sie ist eine Schönheit, nicht wahr?«

»Sie ist unfassbar hässlich. Aber sie hat mehr Kraft als jeder hundertjährige Sternenhüpfer, den ich je gesehen habe. Fast so, als hätte jemand eine heruntergekommene alte Hülle auf ein viel neueres Schiff gesetzt.«

»Das wäre ein cleverer Trick, oder nicht?« Sein entwaffnendes Lächeln ging in die Breite. »Sie gehen nicht oft mit Männern aus, oder? Das ist wirklich eine Schande. Ich wette, Sie wären …«

»Wenn Sie diesen Satz beenden, werden Sie eine Woche lang Ihre Zähne ausscheißen.«

»Ich will Sie nicht beleidigen, aber Sie sollten wirklich an Ihrem Konversationsstil arbeiten.«

Das reicht.

Šmrhová kam auf die Beine und umrundete gerade den Tisch, um Okona ein wenig Vernunft einzubläuen … als die Tür des Befragungsraums aufglitt. La Forge kam zuerst herein. Er trug ein kleines Bündel unter dem Arm und ging auf Okona zu.

Hinter ihm folgte Worf und baute sich vor Šmrhová auf. »Lieutenant. Diese Befragung ist beendet. Alle Aufzeichnungen davon werden gelöscht.«

La Forge half Okona auf die Beine und reichte ihm seine persönlichen Sachen. Okona akzeptierte sie mit einem höflichen Nicken und einem Lächeln.

Šmrhová spürte Zorn in sich aufwallen. »Captain? Was zur Hölle geht hier vor?«

»Mister Okona ist kein Verdächtiger, keine Person von besonderem Interesse und nicht mal ein Zeuge. Und wenn jemand fragt, war er niemals hier.«

Während Okona seinen Gürtel und die Handfeuerwaffe anlegte, wandte sich La Forge Šmrhová zu. »Lieutenant«, sagte er mit verdrossener Miene. »Begrüßen Sie Agent Thadiun Okona vom Sternenflottengeheimdienst.«

KAPITEL 5


»Agent Okona wurde wie befohlen freigelassen.« Weil Worf allein im Bereitschaftsraum des Captains war, wagte er hinzuzufügen: »Aber fürs Protokoll möchte ich protestieren.«

»Protest verweigert.« Das Holoschirm-Abbild von Admiral Akaar vermittelte in beeindruckender Klarheit den finsteren Gesichtsausdruck des Hundertjährigen, selbst über die vielen Lichtjahre hinweg. »Denn es wird kein Protokoll von Okonas Festnahme auf der Enterprise geben, ebenso wenig wie von seiner Freilassung.«

Worf kannte die Anforderungen, die der Sicherheitsalltag mit sich brachte, vor allem was den Schutz von Agenten im Undercover-Einsatz wie Okona anging. Trotzdem ließ er eine gute Gelegenheit nicht gern ungenutzt. »Admiral, die Enterprise wurde nach Celes II gesandt, um eine Bande nausikaanischer Piraten zu fangen. Ich glaube, dass Agent Okona dieselben Nausikaaner jagt. Seine Informationen und unsere Ressourcen könnten …«

»Commander Worf, die Enterprise wurde ebenso nach Celes II geschickt, um der Kamhawy-Kolonie Beistand zu leisten. Ich schlage vor, dass sich die Enterprise für den Moment auf diesen Aspekt der Mission konzentriert.«

Die Implikation des Admirals war eindeutig, doch Worf wollte sie nicht ohne Weiteres akzeptieren. »Es wäre ein Fehler, Agent Okona zu erlauben, das Schiff zu verlassen, ohne ihn dazu zu verpflichten, uns bei unserer Ermittlung zu unterstützen.«

»Nein, es ist eine Investition. Eine von vielen, die wir gemacht haben, seit wir Mister Okona vor fast zwei Jahrzehnten rekrutiert haben.« Akaar machte eine Pause. »Sie müssen Folgendes verstehen, Commander. Okona ist nicht bloß irgendein Agent. Er ist wertvoll für uns, weil er kein Bürger der Föderation ist. Dadurch kann er sich an Orte bewegen und Bündnisse eingehen, die selbst unseren besten Undercover-Agenten verwehrt bleiben.«

»Es bedeutet auch, dass er keinerlei diplomatische Immunität genießt, wenn er erwischt wird.«

»Das ist wahr. Okona gilt als abstreitbarer Aktivposten, jemand, der in fremdem Raumgebiet verloren gehen oder gefangen genommen werden kann, ohne dass dies irgendwelche militärischen Reaktionen gegen die Föderation nach sich zieht. Aber das funktioniert nur so lange, wie Agent Okona nicht mit der Sternenflotte oder der Föderation in Verbindung gebracht werden kann – nicht einmal beiläufig, etwa, indem er dabei gesehen wird, wie er einer Ermittlung oder einer Verhaftungsmission der Sternenflotte behilflich ist.«

Alles, was der Admiral sagte, entsprach der Wahrheit. Worf hatte die gleichen Erklärungen im Laufe der Jahre schon viele Male gehört, wenn es um andere Agenten ging, die ohne Rückendeckung der Regierung operierten. Trotzdem machte irgendetwas gerade in Okonas Fall Worf misstrauisch.

»Abstreitbarkeit allein macht einen Mann nicht so wertvoll. Welche Dienste genau bietet Okona an, die ihm ein derart hohes Maß an Straffreiheit gewähren?«

»Commander Worf, Ihre Sicherheitsfreigabe ist nicht hoch genug, um Zugang zu solchen Informationen zu erhalten.« Der Admiral seufzte schwer. »Entlassen Sie Agent Okona und sein Schiff binnen zehn Minuten aus Ihrem Gewahrsam. Das ist ein Befehl. Akaar Ende.« Der Flottenchef beendete die Übertragung, und sein weißhaariges Haupt wurde durch das weiße Sternenflottenemblem auf azurblauem Grund ersetzt.

Worf hatte nie gern mit der Admiralität zu tun gehabt. Dieses Gespräch hatte nichts daran geändert.

Er beugte sich vor und bedeckte seine rechte Faust auf der Schreibtischplatte mit der linken Hand. »Commander La Forge, bitte kommen Sie in den Bereitschaftsraum.«

Innerhalb weniger Sekunden glitt mit einem sanften Zischen die Tür zur Brücke auf. Ganz kurz waren die Hintergrundgeräusche aus Computerzirpen und Komm-Gesprächen zu vernehmen, während La Forge eintrat und auf Worf zuging. »Wie ist es gelaufen?«, fragte er, nachdem sich die Tür geschlossen hatte.

»Wie erwartet. Ist der Peilsender einsatzbereit?«

»Steckt im Reserve-Deuteriumtank der Tain Hu. Ich werde ihn in dreißig Minuten aktivieren.«

»Und Sie sind sicher, dass Okona ihn nicht finden wird?«

»Das ist höchst unwahrscheinlich. Wir verwenden ultraniederfrequente Subraumimpulse. Selbst wenn seine Sensoren das wahrnehmen können sollten, würden die Impulse wie normale Statik klingen, die bei Langstreckenkommunikation vorkommt.«

»Gut. Sagen Sie Okona, dass er gehen kann. Und dann unterrichten Sie mich über jeden Schritt, den er macht. Er wird uns helfen, diese Nausikaaner zu finden – ganz egal, ob die Sternenflotte das mag oder nicht.«

•

Über die Heckrampe stieg ich in den Frachtraum der Tain Hu, dann begab ich mich nach vorn ins Cockpit. Das Innere meines Schiffs sah aus, als sei es von einer Horde wütender Tiere durchwühlt worden, was genau genommen ja auch der Fall gewesen war. Wandverkleidungen waren heruntergerissen worden, der Inhalt von Schränken lag auf dem Boden, Schubladen waren durchsucht und ihr Inhalt überall verstreut worden. Eine derartige Unordnung hatte ich seit meinem letzten wilden Wochenende auf Risa nicht mehr in der Tain Hu erlebt – damals, als es Risa noch gab.

Chaos oder nicht, ich war froh, Celes II verlassen zu können. Die hiesige Gastfreundschaft ließ doch sehr zu wünschen übrig, und die Konversation war rasch repetitiv und langweilig geworden.

Ein schneller Scan meiner Biosignatur schaltete die tausend Sicherheitssperren des Schiffs ab. Ich ließ mich auf dem Pilotensitz nieder und startete den Antrieb. Die Vibrationen, die das Deck und den Rumpf ergriffen, wirkten rastlos. Die Tain Hu wollte ebenso rasch in den Weltraum zurück wie ich.

Ich öffnete die Komm-Verbindung. »Tain Hu an Kamhawy-Flugkontrolle. Erbitte Freigabe zum Start.« Ich wusste, was sie als Nächstes haben wollten, also schickte ich es ihnen, bevor sie fragten: meinen Flugplan. Nicht meinen echten, natürlich, aber einen, der unverfänglich genug wirkte, um mich aus ihren Klauen zu befreien.

»Tain Hu, Sie haben Freigabe zum Start«, erwiderte eine Frauenstimme in zackigem Tonfall. »Der Traktorstrahl wurde deaktiviert, und das Kraftfeld der Dockbucht ist abgeschaltet. Folgen Sie nach dem Start dem Kurs drei fünf fünf zu neun, bis Sie den Kolonieschild passiert haben. Danach steht es Ihnen frei, Ihren Flug nach Belieben fortzusetzen.«

»Vielen Dank, Flugkontrolle. Tain Hu out, ich hebe ab.«

Ich gab leichten Schub auf die Düsen, gerade genug, um mein Schiff vom Boden zu heben. Dann steuerte ich es durch den Eingang der Dockbucht. Einen kurzen Moment lang verspürte ich den Drang, meinen Impulsantrieb voll aufzudrehen und mit Schwung abzuzischen, aber mein Alter meldete sich, und Diskretion triumphierte über mein Ego. Ganz brav flog ich mit einem Viertel Manövrierschub ab und schlüpfte durch die Lücke im Schild von Freehold, bevor ich auf Kurs ging und auf halben Impuls beschleunigte.

Nachdem ich den Orbit erreicht hatte, bestätigte mir ein Blick auf die Sensoren, dass mich die Enterprise nicht aktiv scannte. Das nahm ich als gutes Zeichen. Manchmal war es hilfreich, Freunde in hohen Positionen zu haben.

»Computer, Systemcheck, Level eins.«

»Systemcheck läuft«, erwiderte der Computer mit angenehm weiblicher Stimme. »Alle Systeme grün.«

»Genau das, was ich hören wollte.« Ich programmierte meinen ersten Warpsprung in die Steuerkonsole. Nach ein paar Sekunden bestätigte der Computer, das er seine Berechnungen für den Überlichtflug beendet hatte. Ich berührte die Konsole und aktivierte damit den Warpantrieb. Die Tain Hu sprang von Celes II fort.

Einige Minuten lang behielt ich die Passivsensoren im Blick. Dann fuhr ich den Quantensendeempfänger hoch und wartete auf das Bereitschaftssignal. Ich bekam es. Der Kanal war offen.

»Exeget, hier ist Agonist. Hören Sie mich?«

»Laut und deutlich, Agonist. Haben Sie Ihre Freizeit genossen?«

»Meinen Sie meine Inhaftierung auf der Enterprise? Es war genau so, wie ich es erwartet habe, und trotzdem enttäuschend. Ich gehe davon aus, dass Sie in der Zwischenzeit damit vorangekommen sind, die Informationen zu analysieren, die ich Ihnen vor meiner Gefangennahme geschickt habe.«

»Nicht so weit, wie Sie vielleicht hoffen.«

»Geben Sie mir einfach irgendetwas.«

»Es gibt ein paar Hinweise von der Fernmeldeaufklärung. Lokale Ordnungskräfte berichten von einigen Nausikaanern, die auf Argelius für Unruhe gesorgt haben. Sie haben mit Geld um sich geworfen und sich im Allgemeinen schlecht betragen.«

»Typisches Verhalten für Nausikaaner. Inwiefern betrifft das uns?«

»Einer von ihnen hat wohl mit einem dicken Fischzug auf Celes II geprahlt.«

»Okay, damit kann ich arbeiten. Schicken Sie mir so schnell wie möglichen ihren letzten bekannten Aufenthaltsort.«

»Schon hochgeladen.«

»Gute Arbeit. Danke, Exeget.«

»Bevor Sie abschalten …«

»Sagen Sie es nicht.«

»… will Protektor mit Ihnen sprechen. Bis dann!« Es gab ein sanftes Klicken, als Exeget das Gespräch zu unserem stets unzufriedenen Vorgesetzten weiterleitete.

»Diesmal haben Sie sich wirklich in die Nesseln gesetzt, Agonist. Die OPK zu verlieren, war schon für sich genommen ein Desaster. Doch dann wurden Sie von der Sternenflotte erwischt? Haben Sie eine Ahnung, wie knapp Sie davorstanden, Ihre komplette Tarnung zu verlieren?«

»Ja, ein wenig. Abgesehen davon, wie lange sollte ich warten, bevor ich den Peilsender deaktiviere, den La Forges Leute in meinem Reserve-Deuteriumtank versteckt haben?«

»Warum haben Sie ihn nicht schon abgeschaltet?«

»Zum einen, weil ich die fragwürdige Entscheidung getroffen habe, mich zuerst bei Ihnen zu melden. Zum anderen, weil sich La Forge und sein Team im Moment echt schlau vorkommen müssen, und ich möchte Ihnen das Gefühl so ungern nehmen.«

»Ich wünschte, Sie würden dieselbe Rücksicht auf meine Gefühle nehmen – ganz zu schweigen von meiner Karriere und der von Exeget. Wir sind nur noch eine Stümperei Ihrerseits davon entfernt, allesamt verleugnet zu werden.«

»Ich weiß, und das tut mir leid. Ehrlich. Aber ich werde das wieder hinbiegen, ich verspreche es.«

»Schön.«

»Sind wir dann fertig? Wenn ja, geben Sie mir noch mal Exeget.«

Ein weiteres, kaum hörbares Klick im Quantenkanal. »Exeget hier.«

»Ich wollte nur kurz Bescheid geben, dass ich Kurs auf Argelius nehmen werde, sobald ich den Peilsender der Enterprise losgeworden bin.« Ich blickte auf den Datenschirm und sah die Polizeiberichte von Argelius’ Hauptraumhafenzentrum. »Die Tain Hu braucht eine neue Transponder-ID – die Argelianer kennen alle meine Identitäten. Und ich benötige einen Ankunftsflugplan, zurückdatiert, zusammen mit einer neuen Geschichte.«

»Und das alles in den nächsten paar Stunden? Ha, sonst noch etwas?«

»Genau genommen: ja. Könnten Sie, wenn es nicht zu viel Mühe macht, den Quartiermeister der Enterprise dazu bringen, einen hübschen Blumenstrauß zu replizieren und ihn an die Kabine von Sicherheitschefin Aneta Šmrhová zu schicken? Und lassen Sie ihn eine Karte hinzufügen: ›Danke für die schöne Zeit. Das müssen wir unbedingt wiederholen. Kuss, Thadiun.‹ Oh, und beschaffen Sie auch eine Vase. Irgendwas Hübsches.«

»Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen. Sagen Sie mir nicht, dass Sie …«

»Nein, habe ich nicht. Das macht es ja so lustig.«

»Oder selbstmörderisch.«

»Schicken Sie sie einfach, bitte.«

»Fein, aber Sie bezahlen das. Wenn Protektor das auf dem Spesenkonto sieht, geht er an die Decke.«

»Danke, Ex.«

»Gern geschehen. Und bitte seien Sie diesmal vorsichtig, ja?«

Ich lachte. »Kommen Sie, Sie kennen mich doch – ich bin immer vorsichtig.«

KAPITEL 6


Der Mann, der vor Picards Tür stand, sah genauso aus, wie dieser ihn sich vorgestellt hatte: mittelgroß, durch die Jahre ein wenig stämmig geworden, und von seinen Haaren war nur ein grau melierter, millimeterkurz geschnittener Halbkreis geblieben, der von einem Ohr über den Hinterkopf zum anderen verlief. Seine Haut hatte die fahle Farbe eines Mannes, der den Großteil seines Lebens drinnen verbracht hatte, fernab von natürlichem Licht. Die Falten seines Anzugs waren messerscharf, nicht minder perfekt wirkte der Windsorknoten seiner Seidenkrawatte, und seine Oxford-Schuhe glänzten spiegelblank poliert. Er trug eine Brieftasche bei sich.

Picard bot dem Mann die Hand. »Commander Jonathan Ezor, nehme ich an.«

»Im Ruhestand, aber ja.« Er schüttelte Picards Hand. »Ich habe jetzt meine eigene Kanzlei.«

»Das sagte Will.« Picard trat einen Schritt zurück und ließ Ezor ein. »Kommen Sie herein. Das Esszimmer wurde für uns vorbereitet.«

»Ich hoffe, Sie haben sich meinetwegen keine unnötigen Mühen gemacht«, sagte Ezor höflich.

»Keineswegs. Es gibt bloß Tee.«

»Ah. Das wäre perfekt. Nach Ihnen, Captain.«

Sie begaben sich ins Esszimmer des Hauses, wo Marie ihr Teeservice aufgetischt hatte. Eine silberne Kanne mit heißem Wasser stand auf einem passenden Teewärmer. Zwei sehr alte Porzellantassen gesellten sich zu einem Kästchen mit einer Auswahl an losen Teesorten, und neben dem Teewärmer waren ein Schälchen Zucker, eine Untertasse mit Zitronenspalten und eine kleine Kanne Milch aufgereiht.

Eine Tasse war bereits mit Wasser gefüllt. Ein Tee-Ei hing darin, und der Tee zog vor sich hin. »Ich war so frei, mir bereits einen Earl Grey zuzubereiten. Was möchten Sie haben?«

»Yorkshire Gold, wenn Sie haben.«

»Natürlich. Der zweite von rechts.«

Sie ließen sich auf den Stühlen an einer Ecke des Tisches nieder. Picard nahm das Sieb aus seiner Tasse und fügte einen winzigen Spritzer frischer Zitrone hinzu. Schweigend nippte er an seinem Getränk, während Ezor sein eigenes zubereitete. Anhand der Sicherheit seiner Handgriffe kam Picard zu dem Schluss, dass auch Ezor, genau wie er selbst, ein Kenner der Etikette und Geheimnisse der korrekten Zubereitung von englischem Tee war.

Als der Tee des Anwalts zog, hielt Picard den Zeitpunkt für angemessen, zum Geschäftlichen zu kommen. »Ich habe gehört, dass Sie ein Offizier der Juristischen Abteilung der Sternenflotte waren.«

»Ja, etwas über zwanzig Jahre lang. Ich bin ’81 in Rente gegangen, nach dem …« Er hielt inne, als fürchte er, einen Fauxpas zu begehen.

»Sie können die Borg ruhig erwähnen. Sie sind nicht länger die offene Wunde, die sie mal waren.« Picard setzte seinen Tee ab. »Wo sollen wir anfangen?«

»Mussten Sie sich schon einmal einer Anhörung nach Artikel zweiunddreißig unterziehen?«

»Nein, aber ich stand Militärschnellgerichten gegenüber. Es waren beides Routineangelegenheiten. Das erste Mal ging es um den Verlust der Stargazer unter meinem Kommando im Jahr 2355, das zweite Mal war 2371, nach dem Verlust der Enterprise-D.«

»Dann sind Sie also mit den Grundlagen von Militärgerichtsverfahren vertraut. Das ist gut. Eine Anhörung nach Artikel zweiunddreißig ist eher eine Befragung …«

»Ich weiß, was das ist«, unterbrach ihn Picard. Dann verspürte er Scham. »Bitte entschuldigen Sie.«

»Schon gut, Captain. Es ist eine anstrengende Zeit für Sie.«

»Das ist keine Entschuldigung für schlechtes Benehmen. Jedenfalls bin ich mit Anhörungen nach Artikel zweiunddreißig vertraut. Es handelt sich um die Vorstufe zu einem Militärgerichtsverfahren.«

»Korrekt. Damit entsprechen Sie den Voruntersuchungen, die in zivilen Gerichtsverhandlungen stattfinden und die dem Zweck dienen herauszufinden, ob genug Beweise vorliegen, um eine formelle Anklage zu erheben.« Ezor nahm die Brieftasche auf seinen Schoß, öffnete sie und zog ein großes Padd hervor. Er stellte die Brieftasche zurück auf den Boden, dann zeigte er Picard das Padd. »Die Juristische Abteilung der Sternenflotte hat vor zwei Monaten eine Ermittlungsbeamtin auf Ihren Fall angesetzt. Wie Sie sehen können, war sie in der Zeit alles andere als untätig.«

»In der Tat.«

»Wie Sie sicher wissen, unterscheiden sich die Beweisregeln bei Militärgerichtsverhandlungen von denen in unserem zivilen Rechtssystem. Genauso unterscheiden sich die Standards, was die Zulässigkeit von Zeugenaussagen angeht. Ein Recht hat aber unverändert Gültigkeit: Niemand darf Sie zwingen, sich selbst zu belasten.«

Die Implikationen von Ezors Aussage gefielen Picard gar nicht. »Sollte ich nicht die Erlaubnis erhalten, meine Sicht der Dinge zu präsentieren? Mein Handeln zu erklären?«

»Das ist Ihnen natürlich erlaubt, aber ich würde Ihnen nicht dazu raten. Als Ihr Rechtsbeistand lautet mein professioneller Rat, dass Sie zu keiner Zeit und unter keinen Umständen Stellung beziehen.«

Picard brauchte einen Moment, um das zu verarbeiten. »Ich verstehe.« Er griff in seine Jacke und zog sein eigenes Padd hervor. Nachdem er es mit einem siebenstelligen Code entriegelt hatte, reichte er es Ezor. »Für Ihre Unterlagen. Meine Logbücher, sowohl als Captain als auch privat. Sie umfassen die komplette Mission der Enterprise nach Tezwa gegen Ende 2379, ebenso wie die Zeitspanne, die zur Abdankung von Präsident Min Zife führte, inklusive der Abdankung selbst.«

Ezor blickte auf das Padd, als sei es ein frisch ausgeschiedener Haufen Exkremente. »Was soll ich damit?«

»Ich hoffe, dass sie entlastend wirken könnten.«

»Das bezweifle ich, Captain. Wenn überhaupt, werden die Aussagen in diesen Logbüchern, zusammen mit allem, was durch die Offenlegung von Sektion 31 bereits an Daten freigegeben wurde, nur dazu führen, dass sich die Schlinge um Ihren Hals zuzieht.« Er schob das Padd über den Tisch zurück zu Picard. »Das nützt uns nichts. Und ich empfehle Ihnen dringend, nichts davon erneut zu lesen.«

»Aber es sind Beweise.«

»Die die Ermittlungsbeamtin zweifellos bereits angefordert hat. Vertrauen Sie mir, Captain: Es gibt nichts, was Sie zu diesem Zeitpunkt an Beweisen liefern können, was der Juristischen Abteilung der Sternenflotte nicht schon vorliegt.« Ezor wandte sich wieder seinem eigenen Padd zu. »So, und jetzt gehen Sie alles mit mir durch, an das Sie sich diese Ereignisse betreffend noch erinnern. Wir beginnen mit …«

Picard hob eine Hand. »Einen Moment. Bevor wir uns in Details verlieren …« Er wartete, bis er Ezors volle Aufmerksamkeit hatte. »Wollen Sie mich nicht fragen, ob ich schuldig bin?«

Ezor schüttelte den Kopf. »Ich frage nie. Das mache ich deshalb nicht, weil die Frage krimineller Schuld in Angelegenheiten wie diesen weitaus komplizierter ist, als Sie es sich vorstellen können. Um ehrlich zu sein, Captain, ist es absolut möglich, dass Sie selbst nicht wissen, ob Sie schuldig oder unschuldig sind. Vielleicht halten Sie sich für schuldig, doch es ergeben sich Faktoren, die Sie entlasten. Oder Sie halten sich für nicht schuldig, müssen aber feststellen, dass Sie Verbrechen begangen haben, derer Sie sich gar nicht bewusst waren. Doch ganz abgesehen davon: Es spielt keine Rolle. Denn am Ende ist nur wichtig, was der Staat beweisen kann, wenn dieser ganze Schlamassel vorbei ist – und welche Fakten wir glaubhaft in Zweifel ziehen können. Der Rest … ist nur Theater.«

KAPITEL 7


Wir treiben im All, laufen auf niedriger Energie. Kalt und dunkel. Geister in einer Leere, die nicht einmal die Vier Winde berühren können. Unsere Stimmen hallen durch den Frachtraum der Seovong, während wir zusammensitzen und debattieren. Ich lasse meine Leute sprechen. Sie alle verdienen, gehört zu werden. Das betrifft jeden von uns.

Der Frachtraum stinkt vor Körpergerüchen, schmutziger Kleidung und faulem Atem. Die Luft ist heiß von all unserem Gerede, stickig von all dem Kohlendioxid, das wir ausstoßen. Unser eigener Gestank ist stark genug geworden, um den bitteren Geruch verbrannter Kabel zu überdecken, die chemischen Dämpfe verschütteter Schmiermittel und leckender Hydraulikflüssigkeit, den dumpfen Mief unseres kaputten Abfallaufbereitungssystems.

Zenber tigert hin und her wie ein Raubtier im Käfig. Er schlägt seine behandschuhte Faust auf den Deckel der Kiste, in der die Husnock-Kanone steckt. »Waffen wie diese verändern alles. Kein Ziel ist so massiv, dass wir es nicht knacken können. Kein Feind stark genug, um gegen uns zu bestehen. Das Ding wird uns alle reich machen!«

Zustimmendes Grollen und Murmeln. Seine Zornrede trifft bei den anderen einen Nerv. Ich fühle ihren Hunger. Ihre Verbitterung. Sie wollen, dass andere so verletzt werden, wie wir verletzt wurden. Das will ich auch – aber ich will noch mehr. Zenber übergibt seinen Platz an Grendig, der sich gegen die Brust schlägt, wie die alten Helden, von denen wir als Jünglinge gesungen haben. »Denkt an all die Aufträge, die wir ablehnen mussten, weil wir nicht die nötige Feuerkraft hatten! An all das, was wir uns hätten nehmen können! All das, was wir hätten sein können!« Er deutet auf den versiegelten Frachtcontainer. »Diese Waffe macht uns stark! Macht uns zu einer Macht, die man anerkennen muss!«

Weiteres beifälliges Heulen. Ein paar der Jüngeren schlagen aufs Deck oder stampfen mit den Füßen. Die älteren, wie Doktor Veekhour oder ich selbst, und der einzigartig kaltblütige Drogeer hören einfach nur zu und machen sich wortlos ihre Gedanken. Können sie wirklich nicht sehen, was da direkt vor ihnen liegt?

Nun spricht Kiruna. Sie bearbeitet die Leute, streift direkt vor der ersten Reihe entlang und nimmt Augenkontakt auf, während sie ihre Argumente vorträgt. »Keine Nadelstichmissionen mehr! Mit einer Feuerkraft wie dieser können wir eine ganze Welt als Geisel nehmen! Wir können als Lösegeld alles fordern, was wir brauchen – und dann die Kanone als unsere Rückversicherung einsetzen!«

Dafür erntet sie lautes Gebrüll. Die Leidenschaften beginnen hochzukochen.

Ich habe genug gehört. Ich stehe auf. Bedeute Kiruna, beiseitezutreten und sich zu setzen.

»Zu klein. All eure Pläne. All eure Träume. Zu. Klein.« Ich stelle mich hinter die Kiste. Meine Hände ruhen auf ihrem Deckel, als sei sie ein Altar der Winde. »Das hier ist ein Geschenk. Nicht nur für uns. Für unser ganzes Volk. Die Vier Winde haben uns das Schicksal unserer Spezies anvertraut. Keine unbedeutenden Ziele mehr. Keine unbedeutenden Aufträge. Wir müssen größer träumen. Nach Höherem streben. Mutiger sein. Unseren Guramba finden.«

Majaf, unser Ingenieur, springt auf die Füße. Sein Stolz ist verletzt. »Du sagst, dass wir keinen Guramba haben? Wie lange haben wir für dich gekämpft? Wie viele sind gestorben? Wie sehr haben wir geblutet?«

Sein Protest ruft einen Chor der Beschwerden hervor.

Beim ersten Anzeichen eines Atemholens in diesem Aufruhr tritt der Pilot des Schiffs aus der Menge, um das Wort zu ergreifen. »Sechs Jahre haben wir uns an unser Leben geklammert! Uns mit den Fingernägeln daran festgehalten! Mit unseren Fängen! Kinogar redet von Träumen. Von Plänen. Der einzige Plan, der mir wichtig ist, ist der, der uns alle heute Nacht satt macht.«

Ich mag Haylak, aber in diesem Moment möchte ich ihn würgen, bis er still ist. Nicht weil er im Irrtum ist, sondern weil ich von meinen Leuten etwas verlangen will, das sie in diesem Zustand nicht zu tun bereit sind: Opfer zu bringen.

Drogeer, der am Ende des Frachtraums an der Wand lehnt, schaut auf. »Haylak liegt nicht falsch. Wir haben ein Recht darauf, hier und jetzt zu überleben.« Dann nickt er in meine Richtung. »Aber Kinogar hat auch recht. Wir hatten großes Glück. Große Macht wurde uns geschenkt. Wir könnten sie nun bloß für uns selbst nutzen. Aber das würde uns nicht besser machen als die Föderation. Wir könnten sie dazu nutzen, um ohne Grund und Verstand zu zerstören, aber das würde uns nicht besser machen als die Borg.« Er tritt vor, durch eine Wand aus Körpern, manche von ihnen stehend, manche sitzend, um sich in die Mitte zu stellen. »Oder wir könnten uns für alle unserer Art einsetzen.«

Du wunderschöner, vernünftiger Venolar. Niemand kann so argumentieren wie ein Schneeblut.

»Genau das sage ich auch!« Ich hebe meine Stimme, um die Aufmerksamkeit aller im Raum zu erringen. »Diese Waffe ist uns nicht zufällig in die Hände gefallen. Wir haben sie erbeutet, weil unsere Erlösung endlich gekommen ist. Die Vier Winde haben uns die Mission auferlegt, allen noch lebenden Nausikaanern dabei zu helfen, ihr Geburtsrecht einzufordern. Ihre Würde zurückzugewinnen! Und ihren Guramba zu finden!«

Ich hebe meine Stimme, als solle sie das ganze Schiff erfüllen und die Sterne erschüttern. »Die Vier Winde haben die Sturmwolken davongeweht, die uns seit dem Tod unserer Welt heimgesucht haben. Jetzt singen sie die alten Lieder und rufen uns zu sich. Damit wir uns an unsere wahre Natur erinnern!«

Ich schaue jedem meiner Leute in die Augen, während ich um sie herumschreite.

»Wir wurden nicht dazu geboren, Plünderer zu sein! Nausikaaner sind ein Volk voller Stolz. Macht. Mut. Jetzt endet die Zeit der Dunkelheit für uns endlich! Wir wurden gerufen, um aufzustehen, ins Licht zu treten, um als die neuen Helden unseres Volkes gesehen und erkannt zu werden!«

Die Wahrheit dieses Augenblicks lastet schwer auf mir. Ich rufe meine Leute nicht bloß dazu auf, einer ambitionierteren Form der Kriminalität zuzustimmen. Ich blase die Trompeten zum Krieg.

»In unserer dunkelsten Stunde haben uns all unsere galaktischen Nachbarn wie Ungeziefer behandelt. Sie taten so, als sei unser Leid weniger bedeutend als das ihre, und das nur deshalb, weil wir unter unserer eigenen Flagge lebten. Sie ignorierten unsere Verwundeten und unsere Hungrigen. Sie haben unseren Toten den Rücken zugekehrt. Sie ließen uns durch unsere eigene Asche graben und zusehen, wie unser Himmel brannte. Sie zählten darauf, dass wir sterben. Jetzt ist die Zeit gekommen, diesen Fegoru zu zeigen, dass wir noch immer Jäger sind! Wir sind nicht so leicht zu töten. Und wir werden niemals vergessen werden. Nicht von ihnen. Nicht von ihren Kindern. Nicht von der Galaxis. Wir sind Nausikaaner! Und wir werden uns zurückholen, was uns gehört!«

Der Jubel meiner Leute brandet über mich hinweg wie eine Sturzwelle.

Ich weiß, jetzt habe ich sie. Ihre Herzen brennen. Sie wissen, was auf dem Spiel steht.

Alles, was wir im Universum noch haben, steht jetzt auf dem Spiel. Alles, was wir sind. Alles, was unserem Volk noch lieb und teuer ist. Alles, was wir noch sein könnten.

Wir haben die Borg nie kommen sehen. Hatten nie die Chance, unsere Welt zu verteidigen. Unser Volk.

Heute werden diejenigen von uns, die verblieben sind, zusammenstehen. Und wir werden zeigen, was in uns steckt.

Ob wir leben oder sterben, gewinnen oder verlieren … wir werden dafür sorgen, dass sich die Geschichte an uns erinnert.

•

Es gab eine Menge Aspekte an der Arbeit für den Sternenflottengeheimdienst, die Commander Sam Lavelle bereichernd und produktiv fand, aber der täglichen Geheimdienstbesprechung im Palais de la Concorde beizuwohnen, gehörte nicht dazu.

Niemand musste ihm erklären, warum diese täglichen Treffen wichtig waren. Die Koordination der Aktivitäten der verschiedenen innerhalb und außerhalb der Föderation agierenden Nachrichtendienste war extrem wichtig, damit jeder von ihnen – und sie alle gemeinsam – effizient arbeiten konnte und die Sicherheit der Vereinigten Föderation der Planeten, ihrer extraterritorialen Gebiete und ihrer Verbündeten gewährleistet war.

Aber der bürokratische Verwaltungskram, der mit dieser Koordination einherging, verursachte Lavelle fast täglich einen Hirnschlag. Die schiere Masse an Bürokratie war irrsinnig. Und es war schlichtweg entmutigend zu wissen, dass jede Entscheidung, die er an jedem Tag für den Rest seiner Karriere im Feld traf – manche von ihnen in der Hitze eines Gefechts um Leben und Tod –, von einem Komitee hinterfragt werden würde. Sein einziger Trost war, dass er an den meisten Tagen nicht persönlich vor Ort sein musste, um diesen Stress zu ertragen.

Heute hatte er das Glück nicht.

Unbehelligt passierte Lavelle auf seinem Weg ins Gebäude alle Sicherheitskontrollen. Seit seiner Beförderung zum Operationsmanagement innerhalb des Sternenflottengeheimdienstes, der als die wichtigste Behörde für das Sammeln von Informationen in Nachbarreichen galt, war er zu einem bekannten Gesicht im Palais geworden. Als er den Konferenzraum im dritten Stock betrat, der für die täglichen Treffen der Geheimdienstgemeinschaft reserviert war (deren Mitglieder sich selbst oft schlicht »die Gemeinschaft« nannten), fand er dort bereits mehrere seiner Kollegen von den zivilen Nachrichten- und Spionageabwehrdiensten der VFP vor.

Auf der anderen Seite des Tisches ließ sich gerade Patton Gibson nieder, einer der Direktoren des Föderationssicherheitsdienstes. Während Gibson gedrungen, rundlich, käsig und kahl aussah, war Lavelle groß, schlank, braun gebrannt und mit vollem Haar gesegnet, das erst kürzlich begonnen hatte, erste graue Strähnen an den Schläfen und über den Ohren aufzuweisen.

Ein paar Plätze links von Lavelle, aber auf derselben Seite des langen Tischs, saß J. Chapman Shull, eine Frau in den Vierzigern, deren Haar die Farbe von kaltem Stahl hatte und deren eiserner Wille seinesgleichen suchte. Als stolze Tochter des amerikanischen Südens hatte sie sich innerhalb der Ränge der eher unbekannten, aber wichtigen Föderationsfernaufklärung hochgearbeitet. Obwohl sie keine Agenten ins Feld schickte, wie es der SG jenseits der Föderationsgrenzen tat und der FSD gelegentlich innerhalb dieser, war die FF dafür verantwortlich, praktisch jeden zugänglichen Teil der Galaxis zu überwachen – und darüber hinaus. Ihre Technologien und die Spezialisten, die sie bedienten, waren die nimmermüden Augen und Ohren der Vereinigten Föderation der Planeten.

Lavelle setzte sich und rief Okonas letzten Bericht auf seinem Padd auf. Dieser enthielt auch eine Zusammenfassung der Nachbesprechung von Lieutenant Naomi Wildman – alias Exeget, Okonas taktischem Unterstützungs-, Analyse- und Nachrichtenoffizier.

Gerade hatte es sich Lavelle bequem gemacht, als er schon wieder dazu gezwungen wurde aufzustehen, weil Bera chim Gleer, der Sicherheitsberater von Präsidentin Kellessar zh’Tarash, den Raum betrat. Der stämmige Tellarit hatte sich während seiner jahrzehntelangen Tätigkeit als Vertreter Tellars im Föderationsrat den Ruf erworben, übellaunig zu sein, und er hatte keinen Hehl aus seiner politischen Opposition gegen die ehemalige Präsidentin Nanietta Bacco gemacht. Obwohl er Präsidentin zh’Tarash in den Wochen nach ihrer Wahl und Amtseinführung öffentlich kritisch begegnet war, hatte dies die andorianische zhen weder davon abgehalten, Gleer in dieses wichtige Kabinettsamt zu berufen, noch hatte es Gleer daran gehindert, das Amt anzunehmen. Trotz ihrer offensichtlichen ideologischen Differenzen war Gleer zu einem der vertrauenswürdigsten Berater von zh’Tarash geworden – eine Partnerschaft, die sich in Form verbesserter politischer Beziehungen zwischen ihren beiden Welten, die zuvor Jahrhunderte als erbitterte Rivalen verbracht hatten, ausgezahlt hatte.

Gleer ließ sich an der Spitze des Tisches nieder. »In Ordnung, setzen Sie sich.« Jeder nahm seinen Platz ein. Gleer war schroff, aber auch effizient.

Lavelle lehnte sich zurück, in der Hoffnung, sich hinter seinen Kollegen verstecken und seinen Auftritt im Rampenlicht hinauszögern zu können. Bitte lass ihn nicht mit mir beginnen! Bitte lass ihn nicht mit …

»Commander Lavelle«, wandte sich Gleer mit dröhnender Stimme an ihn. »Erklären Sie mir, wie einer Ihrer Leute eine Omega-Partikel-Kanone der Husnock verlieren konnte.«

Verdammt!

Lavelle setzte sich auf und räusperte sich. »Der abstreitbare Aktivposten Agonist verwendete eine Husnock-OPK – die von den Breen aus im letzten Jahr gestohlenen Originalplänen repliziert worden war – als Köder, um eine auf Celes II operierende Schwarzmarktzelle des Orion-Syndikats zu entlarven und auszuschalten. Darüber hinaus lauteten die Befehle von Agonist, die Husnock-Waffe zu verfolgen, nachdem sie die Hände der Orioner verlassen hatte, um potenzielle nichtstaatliche Terrorgruppen aufzuspüren und zu neutralisieren, die im Verdacht stehen, im Beta-Quadranten zu operieren.«

Sogar aus mehreren Metern Entfernung spürte Lavelle Gleers vernichtenden Blick, als strahle dieser eine stechende Hitze aus, die seine Haut zum Prickeln brachte. »Wenn Sie bereits geplant hatten, die Waffe zu verfolgen«, erwiderte der Tellarit schnaubend, »wie hat es Ihr Agent dann geschafft, sie zu verlieren?«

»Die Transaktion mit den Orionern wurde durch eine Bande schwer bewaffneter Nausikaaner gestört. Sie töteten die Mitglieder der Orion-Zelle – darunter auch den Kontakt von Agonist, der nach dem Scannen der Kiste einen Peilsender daran anbringen wollte –, bevor der Sender platziert werden konnte.«

»Wo befindet sich die OPK jetzt, Commander?«

»Daran arbeiten wir noch, Sir.«

Gleers hageres Gesicht verzerrte sich vor Zorn. »Mit anderen Worten: Sie wissen es nicht. Eine katastrophal mächtige Waffe befindet sich innerhalb des lokalen Raums in den Händen nichtstaatlicher Akteure mit unklaren Motiven, weil Sie und Ihr Team eine absolute Routine-Operation verpfuscht haben. Sagen Sie mir, Commander: Wie soll ich das der Präsidentin erklären, ohne ihr zu sagen, dass Sie und Ihr Team in die Targ-Scheiße getreten sind?«

Alle Augen lagen nun auf Lavelle, und er fühlte, wie sein Gesicht vor Scham rot wurde. »Ich denke, das ist vielleicht ein wenig unfair, Sir. Ich meine, wenn wir das hier auf einer Skala bewerten wollten und ganz oben die perfekte Operation stünde und ganz unten totale Targ-Scheiße, dann würde ich sagen, liegen wir …«

»Sparen Sie sich das. Sie haben uns hier eine riesige Schüssel Plurk eingebrockt, also werden Sie sie auch auslöffeln. Denn ich werde es ganz bestimmt nicht machen. Also verraten Sie mir nur eins: Was unternimmt Ihr Team in diesem Moment, um die Waffe zurückzubekommen?«

»Unsere Analystin, Lieutenant Wildman, arbeitet mit Agonist zusammen, um allen Aktivitäten von nausikaanischen Piraten und Unruhestiftern innerhalb von vierzig Lichtjahren rund um Celes II nachzugehen, und wir überwachen alle Subraumfrequenzen auf irgendwelche Kommunikation, die darauf hinweisen könnte, dass die Nausikaaner entweder versuchen, die Waffe zu verkaufen, oder sie als Rekrutierungsmittel nutzen.«

»Gut. Was diesen Aktivposten von Ihnen angeht – Agonist. Bitten sagen Sie mir nicht, dass es der ist, von dem ich denke, dass er es ist.«

»Ich fürchte schon, Sir. Aber ich versichere Ihnen, dass er der perfekte Agent für diese Mission ist.«

»Hält sich Ihr Mann wenigstens ans Protokoll?«

»Absolut, Sir.«

»Und er hat dafür gesorgt, dass die Nausikaaner keine funktionstüchtige Waffe erbeutet haben?«

»So wurde es mir berichtet«, log Lavelle, der wusste, dass ihn die Wahrheit seine Karriere kosten würde.

Gleer wirkte zumindest ein wenig besänftigt. »Ist die Tarnung Ihres Agenten intakt?«

»Ja, Sir. Ich habe Agonist sehr deutlich gemacht, dass Diskretion aktuell von höchster Wichtigkeit ist. Auf meinen Befehl hin tut er alles, was er kann, um unter dem Radar zu bleiben.«

•

Die Faust des Baldukianers traf meinen Kiefer heftig genug, um meine Zähne durchzurütteln, meine Lippe aufplatzen zu lassen und meinen Mund mit Blut zu füllen. Der Hieb warf mich gegen einen Tisch, der unter dem Aufprall zerbrach. In einem Durcheinander aus gesplittertem Holz, zerbrochenem Glas und verschütteten Drinks landete ich krachend auf dem Boden. Angeschlagen und schwerfällig versuchte ich mich wieder aufzurappeln. Das war der Moment, als die mit Stahlkappen besetzten Stiefel des Chalnoth meine Rippen trafen, Knochen brachen und mir die Luft aus den Lungen pressten.

Ich begann langsam zu glauben, dass mich diese Typen nicht mochten.

Ich rollte mit dem Tritt und konnte von Glück sagen, dass die Bar-Gäste, die mit eingezogenem Kopf das Weite suchten, geschickt genug waren, über mich hinwegzuspringen, als ich unter ihren Füßen hindurchkullerte wie eine misshandelte Schwarte Fleisch.

Jeder Teil meines Körpers tat beim Aufstehen weh. Mein linkes Auge war zugeschwollen. Mein Oberkörper war eine Landkarte tiefer, dumpfer Schmerzen, gesprenkelt von den scharfen Stichen der Brüche, die sich durch die Haut zu bohren drohten. Ein Knirschen in meiner rechten Hüfte verriet mir, dass sie wieder aus der Hüftpfanne gesprungen war. Und meine Hände fühlten sich an, als würden sie jeweils hundert Kilo wiegen – egal wie sehr ich versuchte, sie zum Schutz meines Kopfes zu heben, ich konnte meine Arme nicht dazu bringen, meinen Befehlen zu gehorchen.

Der Baldukianer, der Chalnoth und ihr anticanischer Helfer hatten ganze Arbeit geleistet, mich weichzuklopfen. Im Grunde ähnelten sich ihre Spezies nicht im Geringsten. Die Baldukianer waren wilde Wolfswesen, deren lange Gesichter aussahen, als trügen sie ihren Schädelknochen außen; die Chalnoth ähnelten zweibeinigen Löwen mit großen Mähnen und Stoßzähnen, die aus ihren Mäulern herausragten; und die Anticaner wirkten zwar hündisch, aber sie würden nie das Lob verdienen, »brave Hunde« zu sein. Trotzdem war ich aufgrund der bezogenen Prügel mittlerweile dermaßen über jede Doppelsicht hinaus, dass ich sie nicht mehr unterscheiden konnte.

Das bedeutete, dass es Zeit für ihren feigen nausikaanischen Anführer wurde, seine Freischüsse auf mein unverteidigtes Kinn abzufeuern.

Ich wartete darauf, dass er näher kam. Er enttäuschte mich nicht. Der große Bastard drückte mir seine beiden Reißzahnpaare direkt ins Gesicht und verpasste mir eine schwere Dosis seines fauligen Fischatems. »Dürrer Männsch! Fängt Kampf an, den er nicht beenden kann. Nicht schlau.«

»Verzeih mir, aber du irrst dich.« Ich zuckte mit den Schultern und lächelte. »Ich bin kein Mensch.«

Das war genau der Anstoß, den der Nausikaaner brauchte. Mit einer fleischigen Pranke packte er die Vorderseite meines Hemdes. Die andere zog er nach hinten, um die Mutter aller Schläge zu landen.

Dann griff ich an.

Ich duckte und verdrehte mich, schnappte mir sein Handgelenk und befreite mich aus seinem Griff. Dann bog ich seinen Daumen gerade weit genug nach hinten, um ihn in die Knie zu zwingen.

Seine Kumpel stürmten zum Angriff heran. Mit einer Hand hielt ich den Druck auf den Finger des Nausikaaners aufrecht. Mit der anderen zog ich meinen Blaster und betäubte die Schläger mit drei schnellen Schüssen. Sie fielen zu Boden. Ihre Kleidung wies nur schwache Verbrennungen auf, aber sie waren stark genug betäubt, dass sie, wie ich wusste, nicht in absehbarer Zeit aufstehen würden.

Unvermittelt entglitt mir der Nausikaaner und warf sich auf mich, die Hand nach meiner Kehle ausgestreckt.

Meine freie Hand wehrte die seine ab, und ich machte einen Schritt rückwärts, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Er stolperte nach vorn und begann zu fallen. Mein Knie schnellte hoch und traf die Unterseite seines Kiefers. Das Geräusch brechender Zähne war ein Genuss. Und dann, um noch einen draufzusetzen …

… fragte ich mich, ob irgendjemand dieser Geschichte Glauben schenken würde. Sie war so viel befriedigender als das, was wirklich passierte, nachdem ich einen guten Zug fauligen Fischatems genommen hatte.

In Wahrheit nämlich grub seine Faust sich in meinen Magen, und ich klappte zusammen wie eine gekochte Garnele.

Ich taumelte und fiel nach vorn. Prallte gegen den Nausikaaner. Versuchte mich an ihm festzuhalten, aber er trat zurück und ließ mich mit dem Gesicht voran mitten auf den von Pisse besudelten Boden der Bar knallen.

Seine drei Freunde glucksten und johlten vor Lachen auf meine Kosten.

Dann war das Klicken-und-Heulen einer Energiewaffe zu hören, die hinter dem Tresen aufgeladen wurde. Mit meinem einen guten Auge sah ich, wie das Quartett, das mir kurz zuvor den Arsch versohlt hatte, erstarrte. Die vier wandten sich dem Barkeeper zu. Das argelianische Mädchen war groß, aber dünn wie eine Bohnenstange. Sie hielt eine geladene Plasmaschrotflinte tellaritischer Bauart, die auf den Kopf des Nausikaaners gerichtet war. »Verschwindet aus meiner Bar!«

Der Nausikaaner grinste. Es war keine freundliche Geste bei seiner Spezies. Zähne und Reißzähne zu fletschen, war bei Nausikaanern eine Aufforderung zum Kampf.

Ich zuckte zusammen, als die Barkeeperin feuerte und die Hälfte des rechten Beins des Nausikaaners mit einem Schuss kochte. Er brüllte auf, seine Schläger schrien vor Angst, und der Schuss der Schrotflinte hallte im Inneren der Bar wider. Rauch verschleierte die Kanten des Raums, und die Luft wurde dick von dem Gestank verkohlten Fleisches.

Die Barkeeperin lud ihre Schrotflinte wieder auf. »Raus! Sofort!«

Eine verkohlte Gliedmaße war alles, was der Nausikaaner und seine Freunde an Überredung brauchten. Die Schrotflinte argwöhnisch im Blick, begaben sie sich rückwärts zum Haupteingang der Bar. Der Anticaner war als Erster draußen, gefolgt von dem Baldukianer und dem Chalnoth. Der Nausikaaner hielt gerade lange genug inne, um ein letztes spöttisches Grinsen aufzusetzen, bevor auch er sich von der Bar zurückzog.

Einige Sekunden nach ihrem Abgang deaktivierte die Barkeeperin die Schrotflinte. Sie klemmte sie wieder in ihr Versteck unter dem Tresen, und dann goss sie zwei kleine Gläser andorianischen Gin ein.

»Hoch vom Boden!«, befahl sie, als ob ich nicht mehr Schmerz als Mann gewesen wäre. »Ich muss aufwischen.«

Ich stöhnte und bemühte mich, nicht in Tränen auszubrechen, als ich mich auf einen Barhocker zog. Als ich an der Bar saß und an meinem Gin nippte, schaute mich die Barkeeperin misstrauisch an. »Soll ich Ihnen was sagen?«

»Weiß nicht. Will ich es hören?«

»Der Letzte, der noch steht, bekommt die Rechnung.«

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