Kitabı oku: «Reisen unter Osmanen und Griechen»

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Dr. Lars Hoffmann, Studium der Evangelischen Theologie in Erlangen und Münster sowie der Byzantinistik, der Geschichte und der Gräzistik in Münster und Wien. Ab 1988 Mitarbeiter am Projekt »Lexikon der Byzantinischen Gräzität« der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sowie zusätzlich ab 1990 Mitarbeiter bei der Neuausgabe der Predigten des Gregor von Nazianz für das Corpus Christianorum. Seit 1996 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Mainz. Seit 2001 Sekretär der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Byzantinische Studien.

Zum Buch

1830 am Vorabend der Staatsgründung des modernen Griechenlands unternahm David Urquhart eine Reise, die ihn vom Peloponnes über Makedonien in das heutige Albanien führte. Das Tagebuch über seine Reise veröffentlichte Urquhart 1838. In dem ganzen Bericht scheint seine Skepsis gegenüber dem neuen Griechentum durch, das seiner Meinung nach mit dem der Antike nicht mehr viel zu tun hat.

Der hier vorliegende erste Band reicht vom Peloponnes bis zum Berg Olymp in Mittelgriechenland, behandelt also jenes Gebiet, in dem sich der größte Teil des neugriechischen Staates bis zum Ende des Ersten Weltkrieges befand.

Eine der zugleich faszinierendsten wie auch zwielichtigsten Gestalten aus der großen Gruppe der europäischen Reisenden des 19. Jahrhunderts ist der Schotte David Urquhart (1805-1877), der viele Jahre seines Lebens fern der Heimat verbrachte. Er wurde im Jahr 1805 auf dem schottischen Braelangwell Castle unweit der Stadt Inverness geboren, das seine Familie im Jahr 1790 neu hatte errichten lassen. Die schulische Ausbildung erhielt er in der Schweiz, in Frankreich und in Spanien. Nach seiner Rückkehr in die Heimat ließ er sich zunächst zum Agronomen ausbilden, bevor er zum Studium der Altertumswissenschaften an das St. John’s College in Cambridge wechselte.

Wie zahlreiche seiner Zeitgenossen, war auch David Urquhart vom griechischen Unabhängigkeitskampf begeistert. Deswegen ging er 1827 mit dem in Großbritannien in Ungnade gefallenen Admiral Thomas Cochrane in den Orient, der dort eine griechische Flotte aufzubauen versuchte. Allerdings scheiterte er mit diesem Unternehmen an der Disziplinlosigkeit und den mangelnden militärischen Fähigkeiten der Griechen. David Urquhart sollte jedoch für die kommenden zehn Jahre im Orient bleiben und entwickelte in dieser Zeit seine große Sympathie für die osmanischtürkische Kultur und Lebensweise.

ALTE ABENTEUERLICHE REISEBERICHTE


David Urquhart (1805 - 1877)

David Urquhart

REISEN UNTER

OSMANEN UND

GRIECHEN

Vom Peloponnes zum Olymp

in einer ereignisreichen Zeit

um 1830

Herausgegeben und eingeleitet

von Lars Martin Hoffmann


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Der Text basiert auf der Ausgabe Edition Erdmann, Wiesbaden 2008

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ISBN: 978-3-8438-0351-9

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INHALT

VORWORT DES HERAUSGEBERS

EINLEITUNG

ERSTES KAPITEL

ZWEITES KAPITEL: Zustand des griechischen Landvolks im Jahr 1830 – Militärische und politische Wichtigkeit der Bucht von Korinth – Vorfall im Befreiungskrieg – Seegefecht in der Bay von Salona

DRITTES KAPITEL: Patras – Türkische und griechische Flaggen

VIERTES KAPITEL: Das westliche Griechenland – Griechische Meinungen vom Herzog von Wellington – Messolonghi – Das Füllhorn – Schlacht von Lepanto

FÜNFTES KAPITEL: Anatolikó – Trigardon – Moor von Lezini – Schwimmen nach einem Kloster – Senkung der Küste von Akarnanien und Epirus

SECHSTES KAPITEL: Europäische Politik und türkisches Verfahren – Vergleichung der türkischen und römischen Eroberung – Von den Türken eingeführte Verwaltung

SIEBTES KAPITEL: Flüchtlinge im See von Vrachóri – Altertümliche Forschungen und Unfälle – Einfluss des Schießpulvers auf Regierungen und Völker – Kultur und Trümmer von Alyzea – Eine malerische Szene

ACHTES KAPITEL: Veränderungen unter den Palikaren – Die Vlachen, Hirten, Soldaten – Pouqueville’s Irrtümer – Festlichkeiten auf dem Makronoros – Eberjagd – Ankunft in Albanien

NEUNTES KAPITEL: Das Protokoll

ZEHNTES KAPITEL: Die drei Kommissarien – Abreise von Preveza – Aussicht auf Zerrüttung in Albanien – Die Ebene von Arta

ELFTES KAPITEL: Politische, gesellschaftliche und diplomatische Erörterungen mit einem Gouverneur, einem Edelmann und einem Kadi

ZWÖLFTES KAPITEL: Stand der Parteien, Einleitungen zur Eröffnung des Feldzugs

DREIZEHNTES KAPITEL: Stadt Arta – Abreise nach und Ankunft in Jannena – Zustand des Landes – Weibliche Tracht und Schönheit – Häuslicher Gewerbfleiß – Verteilung der Truppen – Plötzlicher Schrecken und Zurüstungen zu einem Feldzuge

VIERZEHNTES KAPITEL: Skipetaren – Zug nach dem Pindos

FÜNFZEHNTES KAPITEL: Zusammentreffen der Lager – Konferenz zwischen den Anführern – Neue Besorgnisse

SECHZEHNTES KAPITEL: Eindrücke, die das Skipetarenlager auf uns machte – Frühere Lage und zukünftige Aussichten Albaniens – Vergleichende Charakterzüge des Aufstandes in der Türkei und in Europa

SIEBZEHNTES KAPITEL: Abreise aus dem Lager – Abenteuer auf dem Pindos – Aufwinden in ein Kloster – Meteora – Entdeckung seltsamer Intrigen – Der radikale Gouverneur von Trikala – Ankunft in Lárissa

ACHTZEHNTES KAPITEL: Thessalien

NEUNZEHNTES KAPITEL: Aufnahme der albanesischen Beys aus Monastir

ZWANZIGSTES KAPITEL: Ausflüge in Thessalien – Politische Stellung Englands – Abenteuer in Thermopylä – Feld von Pharsalia – Ver fassung und Wohlstand der Städter in Magnesia – Túrnovo – Einführung der Künste aus Kleinasien – Geschichte Turkhan Beys

EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL: Ein Rückblick – Mohammed IV. und seine Zeiten – Diplomatischer Verkehr – Gegenseitiges National-Unrecht – Dragomans im Orient – Handelsbe schränkungen im Abendlande

ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL: Geselliger Verkehr mit den Türken

DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL: Eigentümlichkeiten eines orientalischen und eines antiken Zimmers – Erscheinen eines Europäers in morgenländischer Gesellschaft

VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL: Streifereien auf dem Olymp und Ersteigen des Gipfels

FÜNFUNZWANZIGSTES KAPITEL: Gerichtsverwaltung und auswärtige Angelegenheiten eines Bergräuber-Königs – Organische Überreste des trojanischen Krieges

VORWORT DES HERAUSGEBERS

Vom ausgehenden 17. Jahrhundert an gehörten Reiseberichte zu den meistgelesenen Werken in der schönen Literatur. Verglichen mit den Büchern unserer Tage, hätte so manche Publikation ihren Weg in die heute verbreiteten Bestsellerlisten gefunden - und dort auch, wie ein moderner Roman, einen Platz für längere Zeit gehalten. Um so mehr galt dies natürlich für Berichte, die Auskunft über Länder und Menschen gaben, an deren Schicksal halb Europa Anteil nahm. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist das Osmanische Reich, das nicht zuletzt durch den Einfluss der europäischen Großmächte aus den Fugen zu geraten schien. Insbesondere an den Rändern dieses riesigen Reichs, das in seiner größten Ausdehnung das Römische um ein Vielfaches übertroffen hatte, entstanden oft aus einer Unzufriedenheit mit den allgemeinen politischen Verhältnissen heraus Unabhängigkeitsbewegungen - so auch im Gebiet des modernen Griechenlands. In Mittel- und Westeuropa nahm man daran großen Anteil. Zum einen verband man das neue Griechentum jener Zeit mit der klassischen Antike, für deren Ideale man sich insbesondere seit der Französischen Revolution wieder neu begeistert hatte, zum anderen hielt man in den eigenen Ländern den Begriff der politisch-bürgerlichen Freiheit hoch, die man nunmehr auch auf andere Weltgegenden übertrug. Überall in Europa entstanden daher die sogenannten Philhellenischen Gesellschaften und Vereine, deren Ziel es war, den Griechen zu einem eigenen Staat zu verhelfen. Vor diesem Hintergrund waren Reiseberichte aus dem westlichen Osmanischen Reich und den griechischen Territorien hochgeschätzt - und verschafften Verlegern wie auch Buchhändlern steigende Umsätze.

Natürlich setzte sich der osmanische Staat gegen eine solche mögliche Verkleinerung seines Territoriums zur Wehr, ein Staat freilich, der einen tiefen inneren Wandel durchmachte und der von den europäischen Großmächten des frühen 19. Jahrhunderts intensiv beobachtet wurde. Das waren in erster Linie Russland, Frankreich und England, während sich Österreich, das Interessen in erster Linie auf dem Balkan wahrnahm, aus dem sich abzeichnenden internationalen Konflikt zunächst noch heraushielt. Die Positionen waren klar. Frankreich unterstützte den Unabhängigkeitskampf der Griechen auf eigene Rechnung, um damit den Einfluss der Osmanen im Mittelmeerraum zu mindern und engagierte sich eher im südlichen Griechenland. Russland, das ja auch im Kaukasus gemeinsame Grenzen mit den Osmanen hatte, strebte eher die Errichtung eines panslavischen Staates unter seiner Führung an, womit man an das alte Byzantinische Reich und die eigene Tradition des sogenannten Dritten Roms anknüpfte. Man hätte auf diese Weise eine große orthodoxe Region unter Einschluss von Rumänien, Bulgarien und Serbien aufbauen können. England dagegen stand trotz eines Lord Byron, der für Griechenland fiel, solchen Ideen skeptisch gegenüber, da man einen Zuwachs der französischen und russischen Macht zu Lasten der eigenen Interessen befürchtete. Von daher unterstützte man mal die eine, mal die andere Seite, um sich unter dem Deckmantel einer scheinbaren politischen Neutralität den türkischen Sultan gewogen zu halten und eher dafür einzutreten, dass man wohl einen kleinen, innenpolitisch autonomen griechischen Staat schafft, ohne dass dabei die Osmanen entscheidend geschwächt und der russische Einfluss in Europa zu sehr gestärkt worden wäre. So hätte man in London keinesfalls darunter gelitten, hätte sich an den politischen Konstellationen nichts geändert und wäre alles beim Alten geblieben.

Deswegen verwundert es kaum, dass am Ende der 20er-Jahre des 19. Jahrhunderts, nachdem die heftigsten Kämpfe zwischen Türken und Griechen abgeflaut waren und man - ähnlich wie heute im Kosovo - nnnach einer diplomatische Lösung suchte, zahlreiche Reisende in dem zum Teil stark zerstörten Land unterwegs waren. Zu ihnen gehörte David Urquhart, ein bekennender Freund der Osmanen, von dem aber nicht ganz klar ist, welche Zwecke er eigentlich mit seiner Reise verfolgte.

Urquhart wurde 1805 auf Braelangwell Castle unweit der schottischen Stadt Inverness geboren. Er besuchte Internate in der Schweiz, in Frankreich und in Spanien, um nach seiner Rückkehr am St. John’s College in Cambridge Altertumskunde zu studieren. Während dieser Zeit starb sein Vater, was dazu führte, dass er sein Studium abbrechen und sich um den elterlichen Besitz kümmern musste. Im Jahr 1827 jedoch ging er zusammen mit Admiral Thomas Cochrane, der aus dem Dienst der englischen Flotte entlassen worden war, nach Griechenland, um an dem dortigen Unabhängigkeitskampf teilzunehmen. Ob nun auf Anforderung oder nicht, jedenfalls berichtete Urquhart der britischen Regierung regelmäßig über die Kämpfe, die bis zum Jahr 1829 zur Ruhe gekommen waren und in deren Verlauf die südlichen Teile des modernen Griechenlands hatten befreit werden können. Nach dem sogenannten Juli-Traktat des Jahres 1830, das in London beschlossen worden war, sollten die Griechen jedoch einige der von ihnen eroberten Gebiete wieder räumen, was auf breiten Widerstand in der griechischsprachigen Bevölkerung stieß. Unumstritten waren Attika, die südlichen Teile Thessaliens und auch der Peloponnes. Das mittelgriechische Bergland hingegen, das nördlich einer Linie von Preveza bzw. Arta nach Volos lag, sollte im Osmanischen Reich verbleiben. Urquharts ursprünglicher Plan war es, bereits 1829 nach dem Ende der Kämpfe wieder nach London zurückzukehren. Aus seinem Bericht geht nun nicht eindeutig hervor, warum er in Griechenland blieb und seine mehrmonatige Reise auf sich nahm, die ihn zunächst nach Arta und Jannena und dann in etwa entlang der neu vereinbarten Demarkationslinie nach Thessalien und weiter in den Norden brachte. Vieles spricht dafür, dass er ein Doppelleben führte. Denn zum einen war er als Reisender unterwegs, der sich für Landschaften, geologische Formationen, Altertümer sowie für Sitten und Gebräuche interessierte, zum anderen fällt auf, dass ihm auf den Wegen, die er ging, eine Spur des Todes und der Verwüstung folgte. In Nordgriechenland hatten nämlich verschiedene albanische Gruppen die Gelegenheit genutzt, ihren eigenen Einfluss geltend zu machen, und je nach politischer Lage für die Griechen oder für die Türken gekämpft. Eines ihrer Zentren war die Gebirgsregion nördlich von Jannena, wo wenige Jahre zuvor der albanischstämmige Ali Pascha ein eigenständiges Herrschaftsgebiet errichtet hatte, das die Osmanen nur mühsam hatten zurückgewinnen können. Urquhart besuchte nun Jannena, das bald darauf ein weiteres Mal vom türkischen Heer zerstört wurde. Daraufhin traf er sich im Pindos-Gebirge mit den beiden wichtigsten albanischen Stammesführern, die nicht allzu viel später mitsamt ihren Einheiten regelrecht abgeschlachtet wurden - weil ihre Gegner entscheidende Informationen über deren Stärke und Vorgehensweise besaßen. Dabei hatte Urquhart die Gastfreundschaft beider genossen - nachdem er sich ihnen zuvor mehr oder weniger aufgedrängt hatte. Über Mittelund Nordgriechenland sowie über den Berg Athos, Gebiete, die bis nach 1922 bei der Türkei verblieben, reiste Urquhart schließlich nach Skutari/Skodar in Albanien und danach über Konstantinopel zurück nach England. Eine weitere Reise brachte ihn Anfang der 30er-Jahre des 19. Jahrhunderts erneut in die Türkei, die er daraufhin als wichtigsten und verlässlichsten Bündnispartner Englands anpries. Überhaupt wurde Russland in der Folgezeit sein Lieblingsfeind, das er während und nach seiner kurzen Zeit als Botschaftssekretär in Konstantinopel (1835-1836) heftig bekämpfte. Politische Kompromisse lehnte er ab, weswegen sich Urquhart nunmehr gegen seinen früheren Förderer Lord Palmerston stellte.

Heftige Angriffe auf seinen Gegner prägten auch seine Zeit als Abgeordneter im britischen Unterhaus, dem er von 1847 bis 1852 angehörte. Sein barsches Auftreten, insbesondere nach der Montenegro-Krise des Jahres 1853, verhinderte jedoch, dass er 1854 erneut in das Parlament gewählt wurde. Seine politischen Ambitionen musste Urquhart von da an aufgeben, nicht aber seine ausgedehnte Reisetätigkeit, die ihn immer wieder in das Osmanische Reich, aber auch nach Frankreich, Spanien und Nordafrika bringen sollte. So verwundert es nicht weiter, dass er nicht in seiner Heimat starb, sondern am 16. Mai 1877 in Neapel. Was er seit seinem ersten Aufenthalt in den osmanischen Gebieten beförderte, waren einerseits die politischen und wirtschaftlichen Interessen Großbritanniens, und damit verbunden eine starke Türkei als unabdingbares Gegengewicht zu einem immer einflussreicheren Russland. Dessen enormes wirtschaftliches Potenzial, das auch England hätte gefährlich werden können, war ihm nicht verborgen geblieben. Andererseits waren Urquharts Methoden mitunter rücksichtslos, da er auch in dem von ihm so geschätzten Osmanischen Reich Aufstände anzettelte, wenn ihm dies geboten erschien.

Daneben zeigte er sich von den seiner Meinung nach ursprünglichen orientalischen Lebensformen begeistert, und es gelang ihm sogar, sein persönliches Umfeld dafür zu gewinnen. So war er im Jahr 1850 einer der Initiatoren für den Bau des ersten türkischen Bades in London, das großen Anklang finden sollte. Auch im vorliegenden Reisebericht, der im Jahr 1839 unter dem Titel „The Spirit of the East” erschien und der noch im selben Jahr ins Deutsche übersetzt wurde, finden sich zahlreiche Elogien auf die Welt des Orients. Die Menschen lebten dort noch der Natur näher, sie gestalteten sich ihre Umwelt so, wie es ihren Bedürfnissen entspricht, Herr und Diener könnten an demselben Tisch essen, und vor allem sei es die Landschaft, die auch die Wesenszüge derjenigen präge, die in ihr leben. Eindrucksvoll beschreibt er den Idealtyp des orientalischen Hauses, in dem man sich allem Anschein nach frei bewegen kann - wenn man nur die unausgesprochenen Regeln versteht, die ein geordnetes Zusammenleben überhaupt erst gewährleisten. Aber man muss sich nicht über diese Dinge verständigen, sondern alles liegt klar vor Augen, und jeder weiß, wie er sich zu benehmen hat. Urquhart steht damit in der Tradition der Romantik, einer stark zurückgewandten freilich, die in jedem Fortschritt zugleich die Zerstörung eines alten, vertrauten Wertes sieht.

Vor diesem Hintergrund will Urquhart - wie er es in seinem Vorwort ausdrückt - einen unverfälschten Einblick in die Dinge vermitteln, um sich auf diese Weise von seinen zahlreichen literarischen Mitbewerbern zu unterscheiden, die über ihre Reiseberichte eher die eigenen politischen Überzeugungen vermittelten. Im Gegensatz zu ihm selbst fehle diesen Autoren nämlich die Bereitschaft, sich wirklich auf die geschilderte Kultur einzulassen und dieser nicht von vornherein mit dem Bewusstsein zu begegnen, dass man aus einer in jeder Beziehung überlegenen Position heraus schreibe und urteile. Er werde jedoch anders vorgehen, um damit als einziger dem Gegenstand gerecht zu werden, über den er berichten will.

Wie sich dabei schon recht bald zeigt, interessiert ihn der von den ionischen Inseln und Epiros ausgehende Kampf um die staatliche Unabhängigkeit Griechenlands wenig. Urquhart sieht darin nur einen Prozess des Verfalls, der eine bis dahin bestehende gute politische und soziale Ordnung durcheinander bringt. So besuchte er während seiner Reise insbesondere die noch umkämpften Gebiete, um festzustellen, dass dort anstelle der früheren wirtschaftlichen Prosperität nur noch Armut herrscht, dass Dörfer und Städte zerstört sind und dass deren Einwohnerschaft ganz erheblich zusammengeschrumpft ist. Dies sei das ernüchternde Ergebnis eines zehnjährigen Kampfes, der aus Urquharts Sicht hätte vermieden werden können. Dass es so weit gekommen sei, liege aber nicht nur am griechischen Aufstand und den daran teilnehmenden, untereinander zum Teil verfeindeten Gruppen, sondern auch an den Türken selbst, die sich seit dem 19. Jahrhundert mehr und mehr dem schädlichen westlichen Einfluss geöffnet hätten, um westeuropäische Institutionen und Umgangsformen nachzuahmen. Und in der Tat war das 19. Jahrhundert für das Osmanische Reich ein Jahrhundert der Reformen, in dem man zahlreiche, aus Westeuropa stammende Elemente übernahm - und die nicht zuletzt in der weiteren politischen Entwicklung den aus Thessalonike stammenden Kemal Atatürk dazu bewogen, das Zentrum der politischen Macht von Europa weg nach Asien zu verlegen. Bis heute verbindet man in der Türkei den Zusammenbruch des Osmanischen Reiches und die Einbuße der politischen Macht vor allem mit dem westeuropäischen Einfluss jener Zeit - und vor diesem Hintergrund begegnet man Europa nach wie vor mit großen Vorbehalten.

Die Naivität, mit der Urquhart seine persönlichen Überzeugungen vorträgt, ist bisweilen aber grenzenlos. Von den Osmanen fordert er, dass sie an ihren alten Werten festhalten und damit zugleich ein Agrarstaat bleiben sollen - der sich freilich für die Produkte der rasch wachsenden englischen Industrie zu öffnen habe. Der Islam sei eine tolerante, friedfertige Religion, aber von den Greueltaten der Sultane und Wesire gegen die christliche Bevölkerung insbesondere in den europäischen Teilen des Osmanischen Reiches und der in Konstantinopel begünstigten kulturellen Gleichmacherei schreibt oder weiß er nichts. England sei die einzige politisch unschuldige Weltmacht dieser Zeit, die keine territoriale Ausdehnung anstrebe, und daher der natürliche Verbündete der Türkei, die ähnliche Prinzipien verfolge. Der britische Kolonialismus hingegen wird reichlich beschönigt. Dass Urquhart mit seinen Überzeugungen auf Dauer jedoch allein stehen sollte, beweist das unvermittelte Ende seiner politischen Laufbahn nach 1852: Man hörte ihn zwar nach wie vor an, man las seine Bücher, aber seine Sicht der Welt hatte mit den politischen Realitäten jener Tage nicht mehr viel zu tun.

Urquharts Reisebericht wird damit auch zu einem Dokument jener tiefen politischen Veränderung, die ganz Europa und das Osmanische Reich im 19. Jahrhundert ergriff. Er selbst wehrt sich dagegen und will das verteidigen, was er für die alten Ideale hält, die allein den Fortbestand einer Gesellschaft sichern könnten. Mit diesen Vorstellungen ist er vertraut, sein eigenes Wohlbefinden hängt davon ab, und daher möchte er sie um keinen Preis verlieren. So erklärt sich auch die innere Struktur seiner Texte, denn in die Abfolge einzelner Episoden und Erlebnisse fügt er immer wieder allgemeine Erwägungen ein, mit denen er seine persönlichen Überzeugungen zu erkennen gibt. Einer seiner sehr begierigen Leser in Deutschland war übrigens Karl May, der Urquharts Weltsicht mehr oder weniger übernahm - und auch in formaler Hinsicht ganz ähnlich schrieb.

Mitunter fällt es dem Leser ein wenig schwer, nicht doch die Geduld mit dem Autor zu verlieren, dessen politische Absichten man rasch durchschaut. Den einen oder anderen Exkurs, der von den unmittelbaren Erlebnissen ablenkt, hätte man sich vielleicht gerne erspart. Andererseits erweist er sich damit jedoch wieder als sehr belesen, und es beeindruckt durchaus, dass er die wichtigsten Bücher zur osmanischen Geschichte kennt und verarbeitet, die in seiner Zeit erhältlich waren. Dies spricht für Urquhart und zeigt, dass er immerhin dazu bereit war, auch andere Sichtweisen zur Kenntnis zu nehmen und sich damit auseinander zu setzen.

Der vorliegende Band enthält nun die erste Hälfte seiner Reise, die ihn vom Peloponnes zum Berg Olymp in Thessalien brachte - und damit aus griechischem in türkisches Territorium. Die deutsche Übersetzung des 19. Jahrhunderts, die Urquharts mitunter altertümliches Englisch nachahmt, wurde zum Teil sprachlich angepasst, zum Teil aber auch verbessert, wo offensichtliche Verständnisfehler vorlagen. Neben Urquharts eigenen Erläuterungen hatte bereits der Übersetzer einige Begriffe oder auch Vorgänge mit eigenen Anmerkungen versehen. Diese wurden - sofern zutreffend - beibehalten und entsprechend gekennzeichnet. Viele Namen und Ereignisse, die man um 1840 noch als allgemein bekannt voraussetzen konnte, sind heute jedoch nicht mehr ohne Weiteres nachvollziehbar. Um aber das Verständnis des Textes zu gewährleisten, mussten nunmehr eine ganze Reihe neuer Erklärungen ergänzt werden. Ein Name oder Begriff wird dabei beim ersten Auftreten kurz erläutert, da anderenfalls der größere Sinnzusammenhang verlorenginge. Urquhart selbst hatte eine ganze Reihe griechischer Zitate in seinen Text aufgenommen - und diese mit einer Ausnahme auch richtig wiedergegeben. Um der besseren Lesbarkeit willen, wurden diese Passagen nun jedoch unter den Text gesetzt, zumal Urquhart selbst diese zu einem großen Teil schon übertragen hatte. Doch wie eingangs bereits angedeutet: Solche Reiseberichte wurden - bevor Kulturwissenschaftler und Historiker sie für sich in Anspruch nahmen - als Werke der schönen Literatur verfasst und von ihrem Publikum auch als solche verstanden. Und von daher sollten sie in erster Linie auch gut lesbar sein.

Weiterführende Literatur:

D. BREWER, THE FLAME OF FREEDOM. THE GREEK WAR OF INDIPENDENCE, 1821-1833. LONDON 2001.

P. N. TZERMIAS, NEUGRIECHISCHE GESCHICHTE. EINE EINFÜHRUNG. 3., ÜBERARBEITETE UND ERWEITERTE AUFL. TÜBINGEN 1999.

R. HEYDENREUTHER (HRG.), DIE ERTRÄUMTE NATION. GRIECHENLANDS WIEDERGEBURT IM 19. JAHRHUNDERT. 2. AUFL. MÜNCHEN 1995.

TH. C. PROUSIS, RUSSIAN SOCIETY AND GREEK REVOLUTION. DEKALB, ILL., 1994.

G. HERING, DIE POLITISCHEN PARTEIEN IN GRIECHENLAND, 1821-1936. BAND 1. MÜNCHEN 1992.

G. ROBINSON, DAVID URQUHART. BOSTON 1920.

(Titel der deutschen Originalausgabe)

DER GEIST DES ORIENTS

erläutert in einem Tagebuch

über

Reisen durch Rumili

während einer ereignisreichen Zeit.

Von

D. Urquhart, Esq.

Verfasser der Schriften: „Die Türkei und ihre Hilfsquellen“ -„England, Frankreich, Russland und die Türkei“ u.s.w.

Aus dem Englischen übersetzt von F. Georg Buck, b.R. Dr. Hamburg

(Motto: Nicht durch Tatsachen, sondern durch Ansichten über Tatsachen lassen sich die Menschen leiten. Epiktet.)

Erster Band

Stuttgart und Tübingen, Verlag der J.G. Cotta’schen Buchhandlung 1839.

Dem Andenken Wilhelms IV. gewidmet.

EINLEITUNG

Jeder Reisende, der dem Publikum ein Werk vorlegt, setzt voraus, dass er neue Tatsachen oder Ideen mitzuteilen oder irrige Angaben oder Meinungen in den Werken seiner Vorgänger zu berichtigen habe. Ist das richtig in Beziehung auf uns nahe liegende Länder, mit deren Sprache, Einrichtungen und Gebräuchen wir völlig vertraut sind, so muss es noch viel anwendbarer auf ferne Länder sein, deren Sitten und Einrichtungen den unsrigen unähnlich, mit deren Sprache wir nun einmal nicht bekannt sind, von deren Literatur wir nichts wissen, mit deren Gesellschaft wir nie zusammenkommen, zwischen deren Bewohnern und unseren Landsleuten selten oder nie Freundschaft besteht. Wer zufällig in solch ein Land reist, muss, da es ihm unmöglich ist, genau zu beobachten, eine Menge oberflächlicher Eindrücke in sich aufnehmen, die er dann bei seiner Heimkehr eben so leicht und bunt verbreitet, wie er eben sie empfangen. Nicht sowohl in dem Glauben daher, dass vieles zu berichtigen sei in den Meinungen, die aus solchen Nachrichten in Bezug auf die Länder entstanden sind, von denen diese Bände handeln, sondern in der Überzeugung, dass man gar nichts davon weiß, übergebe ich diese Bände meinen Landsleuten. Mit den Sitten eines Volkes geht es, wie mit seiner Sprache: Keines von beiden kann genau beschrieben, keine Stelle kann richtig angewendet werden, wenn nicht der Geist der Volkssitten, wie die Grammatik der Volkssprache fleißig studiert und vollkommen begriffen ist.

Die Ansprüche, die ich aufweisen kann, um mein Selbstvertrauen oder das Vertrauen anderer zu begründen, sind -zehn Jahre, die ich unablässig anwendete, die nötige Belehrung zu erlangen, um über die Länder zu urteilen, die ich hier zum Teil beschreibe. Während dieses Zeitraumes, wo kein anderer Zweck mich beschäftigte, habe ich meine Zeit gänzlich dazu gewidmet, im einzelnen oder im ganzen zu erforschen und zu studieren, was sich in gegenseitiger Verbindung auf die Gesetze, die Geschichte, den Handel, die politische und diplomatische Lage des Orients und besonders der Türkei bezog. Obgleich sich diese Untersuchungen über weite und mannigfache Felder verbreiteten, wurden sie doch systematisch auf die Aufklärung einer einzelnen Frage geleitet, der Frage nämlich, welche die Interessen und vielleicht das politische Dasein Großbritanniens zunächst berührt.

Während meiner früheren Reisen, eingebunden, wie ich ursprünglich war, in den Krieg zwischen Griechenland und der Türkei, kam ich zu den ungünstigsten Schlüssen über den Charakter der orientalischen Länder und besonders der türkischen Regierung und des türkischen Volkes. Erst nach dreijährigen fleißigen Forschungen in der Statistik1 begann ich einzusehen, dass es doch wirklich Institutionen gebe, die mit dem Orient verknüpft sind. Von dem Augenblick an, wo ich das Vorhandensein besonderer, obgleich noch unklarer Grundsätze bemerkte, erwachte in meiner Seele ein hohes Interesse, und ich machte mich an eine Sammlung finanzieller Details, in der Absicht, die Regeln kennenzulernen, auf welche diese gegründet waren. Ich darf wohl sagen, dass ich abermalige drei Jahre in dieser Ungewissheit zubrachte, und ich sammelte und notierte die Verwaltung von zweihundertfünfzig Städten und Dörfern, bevor mir die gemeinsamen Grundsätze auffielen, welche diese Verwaltung leiteten.

Erst nachdem also die Hälfte der Zeit verflossen war, die ich überhaupt im Orient zubrachte, begann ich zu merken, dass dort bestimmte Regeln und Grundsätze der geselligen Sitten und Gebräuche vorhanden waren, die man an ihnen selbst studieren müsse, und deren Erlernung eine Bedingung zum nützlichen und geselligen Verkehr sei.

Nachdem ich diesen mühsamen Prozess durchgemacht, muss ich natürlich annehmen, dass eine Kenntnis des Orients lange und emsige Arbeit erfordert, die nur von jemand unternommen werden kann, der keine andere Beschäftigung oder Ziele hat, der mit Tatkraft und Beharrlichkeit ausgerüstet und bereit ist, alle Bequemlichkeiten, Annehmlichkeiten und Lebensgenüsse, an die er gewöhnt gewesen, gänzlich aufzuopfern.

Ein Werk über den Orient ist eine Aufgabe, die kein Man von richtigem Takt leicht oder bereitwillig übernehmen kann. Je weiter man vorschreitet, gerade um so deutlicher werden die Schwierigkeiten solch eines Studiums, desto grösser das Misstrauen des Forschers.

Wenn ein Botaniker, an eine Gegend gewöhnt, die nur eine beschränkte Zahl von Arten enthält, seine Theorie der Botanik auf solche allgemeinen Regeln gegründet hat, wie er nach dieser beschränkten Anzahl von Daten aufstellen durfte oder anwenden konnte, und nun plötzlich in eine andere Gegend gerät, wo er seine Grundsätze unanwendbar oder unzureichend findet, so muss er augenblicklich die ganze Wissenschaft, zu der er sich bekennt, revidieren. Ebenso wenn man Nationen beobachtet und auf Ideen stösst, die, wenn richtig verstanden, nicht genau durch die Worte der bekannten Sprache übersetzt werden können, muss man augenblicklich zu den ersten Anfängen zurückkehren, zurück zu der Wiederbeobachtung der menschlichen Natur.

Darin liegt die Schwierigkeit des Orients, der eigentliche Grund der Verlegenheit, die sich zu vergrössern scheint, je nachdem die Materialien sich anhäufen. Wer das Morgenland einen Tag lang ansieht, kann äussere Gegenstände mit den Worten skizzieren, die in der europäischen Sprache vorhanden sind. Um aber im Stande zu sein Gedanken vorzuführen, muss er fühlen wie die Morgenländer, und dennoch diese Gefühle in einer Sprache beschreiben, die nicht die ihrige ist, und das gerade ist eine überwältigende Aufgabe. Die Sprache ist die herkömmliche Vertreterin der Eindrücke; aber wenn die Eindrücke nicht dieselben sind, können sie nicht durch gemeinsame Töne ausgedrückt werden, und deshalb ist da, wo eine Verschiedenheit der Eindrücke stattfindet, keine Möglichkeit einer gemeinsamen Sprache.

Bei dieser Schwierigkeit der gemeinsamen Mitteilung darf man natürlich nur annehme, dass jeder Teil in den Augen des anderen gelitten hat: wir sind der Mittel beraubt gewesen, das Gute zu würdigen; wir haben das Schlechte übertrieben und das Gleichgültige ungünstig gedeutet. Die ursprüngliche Unzulänglichkeit der Sprache ist später die Veranlassung zu einer entschuldbaren Feindseligkeit geworden, und aus dieser Wechselwirkung von Ursache und Wirkung ist endlich gegenseitige Verachtung entstanden. Dieses bei den im Morgenlande ansässigen Europäern eingewurzelte Missverständnis beschliesst durch die bestehende Feindseligkeit Reisende aus von dem Verkehr mit den Landeseingeborenen. Sie haben nicht den Schlüssel zum Verkehr und sind in den ersten Eindrücken, durch welche ihre ganze spätere Laufbahn notwendig geleitet wird, von den im Orient ansässigen Europäern abhängig, welche mit ihnen dieselbe Sprache reden.

Man sollte annehmen, dass Leute, die ihr Antlitz der aufgehenden Sonne zuwenden, von einem edlen Eifer der Forschung beseelt wären; dass ihre Einbildungskraft erwärmt wäre von der Poesie des orientalischen Lebens und dem Glanz morgenländischer Staffage; dass Männer, deren früheste Erziehung nach der Bibel gebildet worden, und deren kindliche Sehnsucht angefeuert wurde durch den orientalischen Hauch der „arabischen Nächte“, mitfühlend und teilnehmend auf jene Einrichtungen, Gewohnheiten und Wirkungen blicken würden, die allein in des Morgenlandes Klima leben. Nichtsdestoweniger ist es unglücklicherweise nur zu wahr, dass während europäische Reisende die politischen und moralischen Interessen und Charakterzüge vernachlässigten, die das Land darbietet, sie auch selbst die äusseren und physischen Züge vernachlässigten, die in den Bereich der Wissenschaften gehören, welche die der Gegenwart zu Gebot stehenden Fähigkeiten der Beobachtung und Vergleichung für sich in Anspruch nehmen. Die Botanik, die Geologie, die Mineralogie der europäischen und asiatischen Türkei sind kaum weiter gekommen seit Tourneforts Zeiten. Unsere gegenwärtige geographische Kunde der Länder von Hochasien verdanken wir einer in Paris angefertigten Übersetzung eines chinesischen Erdbeschreibers, dessen Werk vor anderthalb tausend Jahren erschien! Bis zum Berichte des Leutnants Burnes war die einzige Belehrung, die wir über den Lauf des Indus besaßen - des Kanals des indischen Handels und der Grenze der britischen Besitzungen - aus den Geschichtsschreibern Alexanders genommen! Wir dürfen uns also nicht wundern, dass wir unwissend sind, in Bezug auf das Wesen des orientalischen Geistes, die Grenzen orientalischer Kenntnis, die Ebbe und Flut orientalischer Meinung.

Gibt man es bloss als allgemeinen Satz zu, dass das Studium des Orients schwierig sei, dass wir von Tatsachen nichts wissen, dass wir irrige Schlüsse ziehen, so mag das ein fruchtloses, unnützes Wahrheitsbekenntnis sein, und es bleibt also noch übrig und nötig zu zeigen, wie der Gebrauch gewisser Ausdrücke, die auf unseren Zustand anwendbar sind, zur Quelle des Irrtums wird, während es dem Beobachter auf keine Weise einfallen kann, der Irrtum liege nur im Gebrauch der Sprache, mit der allein er vertraut ist. Ich will deshalb einige Beispiele geben, die vielleicht dazu dienen, die Steine des Anstoßes zu bezeichnen, welche vorurteilsvolle und europäische Begriffe auf den Pfad werfen, auf welchem man den Orient erforschte.

Blicken wir eben nicht gar viele Jahre zurück in der Geschichte von Großbritannien, so finden wir eine erniedrigte, jämmerliche, vereinzelte Bevölkerung. Wir sehen, dass der Fortschritt der Künste, der Landwirtschaft und vor allen Dingen des Wegebaues eine gleichzeitige Verbesserung in der Lage der Menschen hervorbrachte, und wir folgern natürlich, dass gute Wege, mechanische Fertigkeit u.s.w. Bedingungen des Wohlseins sind, und dass, wo sie fehlen, alles schlecht und erbärmlich sein muss. Hören wir also von Ländern, wo die Wege in so schlechtem Zustande sind, wie sie vor fünfzig Jahren in England waren, so schliessen wir, das gesellschaftliche Verhältnis dieser Länder sei, wie es in England zu einer früheren Zeit war, oder wie wir glauben, dass es war, denn der dogmatische Charakter des Heute ist stets geneigt, die Vergangenheit herabzusetzen. In England aber und in den unter derselben Breite liegenden Ländern kommen die Lebensgenüsse des Volkes aus ferner Zone her, müssen weit hervorgebracht werden, und um diese Luxusgegenstände zu erhalten, muss erst der Überfluss an heimischen Erzeugnissen ausgeführt werden, um ihn gegen jene zu vertauschen. Fehlt es einer so gelegenen Bevölkerung an leichten Transportmitteln, so muss sie aller der Lebensgenüsse entbehren, die aus dem Tauschhandel entstehen und den Gewerbfleiss erzeugen. Für sie werden also Landstraßen zur Lebensfrage; keineswegs aber sind Landstraßen von gleicher Wichtigkeit für Länder, wo jedes Dorf in seinem Bereiche die Bequemlichkeiten und Genüsse hat, welche nördliche Völkerschaften aus der Ferne holen müssen.

Auf gleiche Weise war die Bevölkerung Großbritanniens, vor der Einführung des Gemüsebaues, während der langen, rauhen Wintermonate auf Nahrungsmittel der schlechtesten Art beschränkt. Gesalzener Speck, und in früheren Zeiten Aale, war die einzige Zugabe, die der Bauer während sechs Monaten im Jahr zu seinem Roggen- oder Gerstenbrot erwarten konnte, und wir halten daher natürlich die Verbesserungen der neueren Landwirtschaft für nötig, zu einer guten und vollständigen Kost und zum Wohlsein jeder ackerbauenden Bevölkerung. In Ländern aber, wo der Winter nicht so lange anhält, und wo die Erzeugnisse des Bodens mannigfacher sind, ist der Fortschritt der Wissenschaft des Landbaues nicht in demselben Grade nötig zum Wohlsein der Gemeinde. Der „zurückstehende Ackerbau“ ist daher eine Redensart, welche nicht denselben Begriff ausdrückt, wenn man sie auf Länder in verschiedenen Breiten anwendet.

Ferner ist in unserer konstitutionellen Gedankenreihe der Ausgangspunkt, auf den wir zurückblicken, das Lehnswesen. Die Masse der Bevölkerung war damals wirkliches Eigentum, und da jeder Schritt, der geschehen ist in der Erlangung gesellschaftlicher Rechte, in der Festsetzung der Gleichheit, in der Erhebung der Macht und des Charakters eines allgemeinen Gerichtsstandes, eine Verbesserung der ursprünglichen Staatsverfassung war, so betrachten wir das Vorwärtsschreiten als gleichbedeutend mit Verbesserung. Im Morgenland ist der Ausgangspunkt: freies Eigentumsrecht jedermanns und Gleichheit aller vor dem Gesetze. Jede Abweichung von dieser ursprünglichen Verfassung ist als Verletzung ihrer Grundsätze und als Verletzung der Volksrechte vorgegangen. Morgenländische Bevölkerungen wünschen daher das Bestehenbleiben als die Sanktion der Volksrechte; der Europäer hingegen, der einsieht, das Vorrücken der Volksrechte liege in dem Worte Fortschritt, begreift den Orientalen nicht, der auf das Feststehende als auf etwas Vortreffliches hinsieht. Während also den Europäer seine vorgefasste Meinung der Fähigkeit beraubt, eine so wichtige und wertvolle Gedankenfolge zu begreifen, stellt er irrtümliche Angaben als die Grundlage aller seiner Folgerungen auf.

Sodann veranlasst das Wort „Lehnswesen“ eine ähnliche Verwirrung. Das Lehnswesen, in seiner wahren und wesentlichen Bedeutung hat im ganzen Morgenland seit allen Zeiten bestanden, und besteht noch. Dennoch habe ich mich, als ich den zwischen dem Osten und Westen bestehenden Unterschied in dem einfachsten Ausdrucke zusammenfasste, genötigt gesehen, zur Erläuterung des Gegensatzes eine Grenzlinie zwischen den Nationen zu ziehen, die das Lehnswesen durchgemacht, und den anderen, welche das nicht getan haben. Unter den ersteren verstand ich die Bewohner des westlichen Europa, mit Ausnahme einiger Bruchstücke von Rassen, z.B. der baskischen Provinzen, der Inseln Guernsey, Jersey u.s.w.

Obgleich das Lehnswesen von Osten nach Westen gebracht worden, gingen damit in unseren westlichen Gegenden Abänderungen und Modifikationen vor, die das Wesen desselben völlig umänderten. Der ursprüngliche Charakter des Lehnswesens war eine örtliche militärische Organisation zur Verteidigung des Grundes und Bodens, wofür eine regelmäßige Abgabe gezahlt wurde, die sich auf den Zehnten des Ertrags von dem so beschützten Boden belief. Das Innehaben dieser Belehnung hing von dem Willen des Souveräns ab, und in den früheren Zeiten waren es allgemein jährliche Übertragungen. Im Westen wurden die Lehnsträger, die Vasallen, Eigentümer des Bodens, mit dessen Schutz sie beauftragt waren, und stürzten so die Grundsätze des Systems gänzlich um und verfälschten den Zweck. Das Lehnswesen im Morgenland lässt dem Bebauer das Eigentumsrecht; das Lehnswesen im Abendland hat ihn dieses Recht beraubt, hat das Land auf den Lehnsträger übertragen und den Bebauer in einen Leibeigenen verwandelt. Das System ist völlig verschieden, aber das Wort ist dasselbe. Der Europäer stösst auf ein Verhältnis, das er als Lehnswesen bezeichnet, und augenblicklich wendet er nun seine Ansichten vom abendländischen Lehnswesen auf den Zustand einer bürgerlichen Gesellschaft an, wo nichts dergleichen jemals bekannt war. Daher entstehen unsere Missbegriffe von den Eigentumsrechten unserer Hindu-Untertanen und eine Grundquelle von Missbegriffen jedes Grundsatzes orientalischer Regierung, Gesetze, Eigentumsverhältnisse und Gesetzgebung.

Man ist es gewohnt, die Regierung der Türkei, wie die der übrigen morgenländischen Nationen, als Despotismus zu bezeichnen, und diese Bezeichnung hat sich nicht nur auf Reisebücher beschränkt, sondern wird von Schriftstellern eines wissenschaftlichen Charakters und in der Klassifizierung der Länder gebraucht. Nun aber ist es ein sonderbar Ding, dass unsere Idee von Despotismus dem Geiste des Orients ganz unbekannt ist; dass, um einem Orientalen das Wort zu erklären, man ihm einen gesellschaftlichen Zustand beschreiben muss, wo die Leute über die Grundsätze von Recht und Gesetz uneinig sind. Die Idee des Despotismus, oder die Verfälschung des Rechtes durch die Gewalttat der Macht, kann nur da existieren, wo zwei Meinungen über Recht und Unrecht vorhanden sind, so dass eine schwankende und zufällige Mehrheit ihren Willen als die Richtschnur von Gerechtigkeit und Gesetz durchsetzt. Solch ein Zustand der Dinge hat Gefühle tiefer Erbitterung unter den Menschen erzeugt und entwickelt, und daraus entsteht folgerichtig eine Erbitterung des Ausdrucks in allen mit der Politik verknüpften Ideen. In Ländern aber, wo die Grundsätze der Regierung niemals im Widerspruch standen mit den Meinungen irgendeiner Volksklasse, ist der Missbrauch der Gewalt Tyrannei, aber nicht Despotismus. Die Menschen mögen dulden unter der Gewalttat der Macht, aber sie werden nicht erbittert dadurch, dass Ansichten, die sie verwerfen, in Gesetze verwandelt werden.

Zu den allen Europäern gemeinsamen Quellen der Täuschung kommen noch die, welche aus den Sekten- und Partei-Ansichten der Reisenden entspringen. Jeder Engländer gehört zu der einen oder der anderen der politischen Parteien, die sein Vaterland zerspalten. Unfähig, eine unparteiische Ansicht von seinem Vaterland zu fassen, wie kann er der Beurteiler eines anderen Landes sein? Selbst seine Sprache ist unanwendbar auf den Gegenstand, und die Worte rufen die Antipathie seiner Parteilichkeit hervor. Der Liberale nennt die Türkei eine despotische Regierung, verwirft sie schon durch dies Wort und forscht nicht weiter; der Tory erblickt in der Türkei volkstümliche Grundsätze und sieht nicht weiter hin; der Radikale sieht dort Grundsätze, die er für aristokratische hält, und der Begünstiger der Aristokratie verachtet die Türkei, weil es dort keine erbliche Aristokratie gibt; der Konstitutionelle hält ein Land ohne Parlament nicht der Mühe wert, weiter daran zu denken; den Legitimisten verdrießen die dort der königlichen Gewalt gesteckten Grenzen; der Staatsökonom stösst auf ein Steuersystem, das er inquisitorisch nennt, und der Verteidiger des „Schutzes der Industrie“ kann ohne Zollhaus keinen Wohlstand, keine Zivilisation sehen. So findet das Mitglied jeder Partei, der Bekenner jeder Klasse von Meinungen in den Worten, die er zu gebrauchen gezwungen ist, dasjenige, was seine Grundsätze verletzt und seine Theorie umstürzt.

Die zunächst sich darbietenden Hindernisse sind von gesellschaftlicher Art. Täuschungen metaphysischer, logischer und politischer Beschaffenheit missleiten unsere Vernunft; Irrtümer über Sitten empören unser Gefühl. Wir werden im Orient als Verstossene, als Verworfene behandelt. Wir forschen nicht nach der Ursache; wir erwerben uns nicht die Kenntnis, wodurch unsere Stellung verändert werden kann; wir sind folglich geneigt, wo möglich ungünstig zu schliessen, und sind entweder von ihrer Gesellschaft ausgeschlossen, oder, wen wir darin zugelassen werden, leiden wir unter unaufhörlicher Geistesverstimmung.

Die nächste und letzte Quelle des Irrtums, deren ich gedenken will, ist die Religion. Im Widerspruch mit der Liturgie der englischen Kirche sehen wir die Muselmänner als Ungläubige an, und im Geist unseres Zeitalters und Vaterlandes, der nicht weniger fanatisch in der Religion als im Unglauben ist, nicht weniger unduldsam im Glauben als in der Politik, behandeln wir als Feinde unserer Religion diejenigen, welche die Evangelien als ihr Glaubensbekenntnis annehmen und setzen bei ihnen dieselbe Unduldsamkeit gegen uns voraus, deren wir uns gegen sie schuldig machen.

Als ich dieses Werk unternahm, war einer meiner Hauptzwecke, das Wesen des Islam darzulegen, sowohl in der Glaubenslehre, als auch der Ausübung. Umstände aber, die zu erörtern unnütz sein würde, haben mir die nötige Muße genommen, die Frage gehörigermassen zu behandeln. Ich muss sie daher für den Augenblick fallen lassen, und will nur bemerken, dass ich als Presbyterianer und Calvinist den Islam in seiner Glaubenslehre der wahren Kirche näher halte3 als manche Sekten sich so nennender Christen. Der Muselmann gibt nämlich die Rechtfertigung durch den Glauben zu und nicht durch gute Werke; er erkennt die Evangelien als geoffenbarte Schriften und als Glaubensregel; er betrachtet Christus als den Geist Gottes, als ohne Erbsünde, und bestimmt, wenn die Zeit erfüllt ist, zu schaffen, dass „Ein Hirte sei und Eine Herde.“4

Der gesellschaftliche und politische Einfluss des Islamismus ist völlig missverstanden worden, und ich erlaube mir nur einige Bemerkungen über das ausschliesslich weltliche und zeitliche Wesen des Islamismus, um eine andere Quelle des Irrtums in unserer Beurteilung des Orients zu erörtern.

Im Orient hat das Wort Religion nicht dieselbe Bedeutung wie in Europa. Bei uns ist Religion - Glaube und Lehre -ganz verschieden von polizeilichen Massregeln und Regierungsformen. Zur Zeit der Erhebung des Islamismus stellte der Kampf der Religionen den Meinungskampf des Westens in jetziger Zeit dar, wenn gleich mit edleren und nützlicheren Charakterzügen. Unser Meinungskampf bezieht sich auf Regierungsformen; ihr Religionskampf bezog sich auf Regierungsmassregeln. Der Grieche (seinem Glauben und System gemäß) hielt schwere Steuern, Monopole und Privilegien aufrecht. Der Muselmann (Araber und Anhänger Mohammeds) verwarf Monopole und Privilegien und erkannte nur eine einzige Vermögenssteuer an. Tuleihah, ein Nebenbuhler des Propheten, gewann verschiedene Stämme, indem er das Gesetz gegen die Zinsen wegstrich und verschiedene zivilrechtliche Vorschriften abänderte. Mosseylemah5, der größte Nebenbuhler Mohammeds, hatte ein Gesetzbuch aufgestellt, das so wenig von dem seines siegreichen Mitbewerbers abwich, dass nur örtliche und persönliche Zufälle Einfluss hatten auf den „Kampf, der entscheiden sollte, ob dieLehrsätze Mohammeds oder das Gesetzbuch Mosseylemahs der morgenländischen Welt Gesetze geben sollten.“ Er hatte nur die Grundsätze abgeschrieben von wohlfeiler Regierung, gleichem Gesetz und freiem Handel, deren Mohammed sich als der Hebel bemächtigte, die bestehende Ordnung der Dinge umzustürzen und eine neue einzuführen, die er, den Ideen seines Zeitalters und seines Vaterlandes nachgehend, mit religiösen Glaubenslehren verband, das Bestehende verbessernd und das Ganze bildend, das als Religion ausdauerte, ohne seine politischen Züge zu verlieren, und das als politisches System triumphierte, ohne seinen Charakter der Gottesverehrung abzulegen.

Nach langer und sorgfältiger Erwägung, während deren ich mich mehr auf lebendige Eindrücke als auf kalte Erzählungen der Vergangenheit verließ, und wobei ich den Vorteil hatte, die Ursachen und Wirkungen neuerlicher Annahme des Islams durch christliche und heidnische Bevölkerungen ansehen zu können, bin ich zu der folgenden Beurteilung des politischen Charakters des Islams gelangt.

Als Religion lehrt er keine neuen Dogmen, stellt keine neue Offenbarung, keine neuen Vorschriften auf, hat keine Priesterschaft und keine Kirchenregierung. Er gibt dem Volke ein Gesetzbuch, dem Staat eine Verfassung, beide durch die Heiligung der Religion verstärkt. In seinem religiösen Charakter ist er andächtig, nicht dogmatisch. In seinem zivilrechtlichen Charakter ist er so einfach, umfassend und gedrängt, dass das Gesetz durch die moralische Verpflichtung unterstützt wird. In seinem politischen Charakter beschränkt er die Besteuerung, stellt die Menschen vor dem Gesetz gleich, heiligt die Grundsätze der Selbstregierung (wie in Amerika) und die örtliche Kontrolle der Rechnungen. Er setzt eine Kontrolle über die souveräne Gewalt fest, indem er die ausübende Macht der Macht des Gesetzes unterordnet6,

die auf die religiöse Sanktion und auf moralische Verpflichtungen gegründet ist.

Die Vortrefflichkeit und Wirksamkeit jedes dieser Grundsätze, von denen jeder einzelne schon im Stande wäre, seinen Begründer unsterblich zu mache, gibt dem übrigen Wert, und alle drei zusammen gaben dem von ihnen gebildeten System eine Kraft, welche die jedes anderen politischen Systems übertraf. Während eines Menschenlebens verbreitete sich dieses System, obgleich in den Händen einer wilden, unwissenden und unbedeutenden Völkerschaft, über einen grösseren Raum als das römische Weltreich. So lange es seinen ursprünglichen Charakter behielt, war es unwiderstehlich, und seine ausdehnende Kraft wurde erst gehemmt, als (um das Jahr 30 der Hedschra) eine Lüge in seine Jahrbücher aufgenommen wurde.7

So wurden ein Glaube, ein Gesetzbuch und eine Verfassung in einen umfassenden Plan vereinigt, in welchem der Altardienst, die Dorfverwaltung, die Steuererhebung Ehrendienste waren, nicht besoldete Stellen, und wo keine Klasse oder Korporation eine Stelle mit Interessen einnahm, die im Widerspruch ständen mit denen der Gemeinde. Die Erhabenheit der Gottesverehrung, die Einfachheit des Gesetzbuches, die Trefflichkeit des Finanzsystems, die Freisinnigkeit der politischen Lehren, schienen den Islamismus mit den Mitteln zu begaben, zugleich die Einbildungskraft anzufeuern, die Vernunft für sich zu gewinnen, allen Bedürfnissen zu genügen, jeden Zweck, für den die Gesellschaft errichtet ist, zu erfüllen und von jeder denkbaren Seite her dem Menschen beizukommen.

Nachdem ich so lange bei den Schwierigkeiten verweilt habe, welche im Wege stehen, um eine genaue Würdigung des Orients vorzunehmen, muss ich bemerken, dass diese Schwierigkeiten einzig und allein in eines Europäers vorgefassten Meinungen liegen. Lasst einen Europäer von mächtigem aber einfachem Geist nach dem Morgenland gehen, und der Schlüssel zur Einsicht steht ihm sofort zu Gebot. Als Beweis dieser Behauptung darf ich nur auf Lady Mary Wortley Montague8 verweisen, die sich nicht länger als vierzehn Monat an der Türkei aufhielt und doch fast jeden Zug der Gesellschaft in jenem Lande genau beobachtete und getreu malte. Während sie die einzige von allen Europäern war, welche richtig urteilte, ist sie auch die einzige gewesen, die oder der jemals dort Einfluss und Achtung erwarb. Die Ursache dieser ausserordentlichen Erscheinung finde ich darin, dass sie von der ersten Stunde an, wo sie das Land betrat, in einem türkischen Haus ihre Wohnung nahm, wodurch sie mit einem Mal dem schädlichen Einfluss fränkischer Einwohner und Dolmetscher entzogen wurde, während sie zugleich als Frau in die Fallstricke des politischen Lebens sich nicht verwickelte und nicht in die Irrtümer der Staatsgelehrten verfiel.

Ich kann es nicht unterlassen, hier Herrn Lane’s Werk über Ägypten zu erwähnen9, der einzigen Beschreibung orientalischer Sitten in europäischer Sprache. Ich finde dieses Werk ganz vorzüglich geeignet, unsere Stellung im Orient zu verbessern, weil es jetzt einem Reisenden unmöglich ist dahin zu gehen, ohne zugleich zu wissen, dass dort ein anderes Gesetzbuch der Sitten und der Höflichkeit gilt, das er studieren muss, wenn er es unternimmt, das Volk zu kennen oder zu beurteilen.

In Bezug auf vorliegende Bände habe ich nur noch zu sagen, dass ich denke, sie werden wenigstens die Untersuchung und Besprechung des Gegenstandes fördern. Die Grundlage ist ein fünfmonatlicher Ausflug in die europäische Türkei. Die damals aufgenommenen spärlichen Noten habe ich ausgearbeitet, während ich unter Türken und an den Ufern des Bosporus lebte. Die Arbeit diente indessen mehr zur Zerstreuung als zur Beschäftigung, während ich körperlich und geistig ernsthaft litt, und den peinlichen Eindrücken preisgegeben war, denen nämlich, dass ich die besten Interessen meines Vaterlandes aufgeopfert und die erhaltenden Grundsätze der türkischen Regierung und Gesellschaft untergraben sehen musste, weniger durch fremden und feindlichen Einfluss, als durch eine unselige Nachahmung abendländischer Sitten, Vorurteile und Grundsätze.

1Hier eine Methode der historischen Forschung des 18. und 19. Jahrhunderts (Red.).

3So war auch die Meinung der Gottesgelehrten zur Zeit der Reformation.

4Ev. Joh. 10, 16 (Red.).

5Beide hier genannten Personen, nämlich die aus Südarabien stammenden Tuleiha ibn Choveiled sowie Moseilana, genossen wie Mohammed das Ansehen, die wahren Propheten Arabiens zu sein.

6So wurde die Armenversorgung, obgleich eine feste Summe, 2 1/2 Prozent vom Einkommen jedes Mannes von hinreichenden Mitteln, der eigenen Verteilung eines jeden überlassen. Daher der Grundstein des muselmanischen Charakters; daher die Gastfreundschaft und das Wohlwollen zwischen Nachbarn und Nebenmenschen.

7Urquhart spielt hier auf die Regentschaft Uthmans ibn Affan (644-656), des dritten Kalifen, an, in dessen Herrschaftszeit die konfessionelle Spaltung des Islam einsetzte (Red.).

8Ihr Ehemann war von 1716-1718 britischer Gesandter in Konstantinopel. (Red.)

9Edward William Lane, ein britischer Afrikareisender (1801-1876), hielt sich von 1825 bis 1828 in Ägypten auf (Red.).

URQUHART’S REISEN
IM ORIENT.

Reisen und Länderbeschreibungen.

XVII. (Urquhart’s Tagebuch)

ERSTES KAPITEL
REISEZWECKE - ABREISE VON ARGOS - BESCHWERDEN UND FREUDEN EINER REISE IM ORIENT

Am Anfang des Jahres 1830 war ich in Argos auf der Rückreise von Konstantinopel nach England, nachdem ich fast drei Jahre in Griechenland und der Türkei zugebracht hatte. Ich war gerade im Begriffe mich einzuschiffen und einem Land Lebewohl zu sagen, in dessen Geschick ich tief verflochten gewesen, das aber jetzt sein gewissermaßen dramatisches Ansehen und Interesse verloren hatte und in Frieden und Ehren unter die schützenden Fittiche der drei grössten Mächte auf Erden gestellt war. Gerade in diesem Augenblicke berührte ein Fahrzeug, ein königliches Schiff, die Landesküsten und brachte ein Protokoll mit, das mit wahrhafter Zaubermacht augenblicklich alle in Zwietracht versetzte. Es wäre wahrlich eine hübsche Aufgabe, zu schildern wie die Leute kamen und gingen und redeten und ratschlagten, wie die Fustanellen1 flatterten und rauschten, wie die Schnurrbärte gedreht wurden. So war es in Argos, aber überall war die Wirkung dieser Neuigkeit nicht weiter merkwürdig. Von Tage zu Tage trafen Nachrichten ein aus einer Provinz, aus einer Stadt nach der anderen; überall, wie in Argos, waren alle anderen Gedanken und Beschäftigungen bei Seite gelegt; überall verließ das Volk seine Läden und Häuser, und in Ermangelung einer Agora (Marktplatz) zum Ratschlagen versammelte man sich in den verschiedenen Kaffenien2 oder Kaffeehäusern, und dort entstanden Kampfplätze heissen Streites und Schulen der kräftigsten Beredsamkeit.

Man kann sich leicht denken, wie unterhaltend dies alles für Reisende war; aber es war auch wirklich sinnverwirrend, wie ein Stück Papier mit drei Unterschriften ein ganzes Land in einen solchen Zustand der Aufregung versetzen konnte. Die Schwierigkeit, uns die vor unseren Augen vorgehenden sonderbaren Auftritte zu erklären, wurde dadurch noch grösser, dass eben jenes Aktenstück mit gegenseitigen Glückwünschen schloss, welche die Unterzeichnenden sich selbst darbrachten. Hatten sie doch gemeinsam das vorliegende Protokoll abgefasst, das für Griechenland eine neue und herrliche Ordnung der Dinge einführen sollte; verstummen sollte nun alsbald das Geräusch der Waffen und die Stimme der Parteiung, und fortan und für immer sollten die Griechen ihre Herzen und Harfen nur zu Preis und Ehren der Tripel-Allianz stimmen.

Es war aber klar, mit Worten liess sich das nicht abmachen; wir konnten zu keinem befriedigenden Ende gelangen, weil Männer von gleichen Fähigkeiten und gleicher Sachkenntnis Ansichten hegten, die einander schnurstracks entgegen liefen. Jedenfalls waren alle Parteien darüber einig, dass die Selbstglückwünsche des Protokolls voreilig waren, und auf diesen Punkt berief man sich beständig, um den Grad der Unkunde in der Londoner Konferenz zu beweisen, eine Unkunde, von der man behauptete, sie könne nur aus absichtlich falschen Vorstellungen entstehen, die von Griechenland ausgingen.

Während diese Gegenstände in Argos besprochen wurden, trafen Nachrichten ein, die Sulioten3 in Albanien ständen wieder unter den Waffen; dann, die Albanesen wären aufgestanden. Einige sagten, sie hätten obendrein beschlossen, sich dem unheilbringenden Protokoll zu widersetzen; andere, sie rüsteten sich zu einem allgemeinen Einfall in Griechenland; die allgemein überwiegende Meinung aber ging dahin, ein großer Bund der christlichen und muselmännischen Albanesen unter Anführung des fürchterlichen Pascha von Skodra4 rüste sich, den Krieg nach Mazedonien und Thrakien zu versetzen und, Mustafa Bairaktar5 nachahmend, das illyrische Banner auf die Höhen zu pflanzen, welche die Kaiserstadt beherrschen.

So traf denn das Protokoll, das Griechenland abermals auf ein stürmisches Meer schleuderte, mit den Bewegungen in Albanien zusammen, welche das Dasein der Pforte selbst gefährdeten und so möglicherweise das bestehende Gebäude europäischer Macht zu zerschmettern drohten. Dieses Zusammentreffen aber bewog mich, meine Rückkehr nach England zu verschieben, um mich, soweit es die Kenntnis von den streitigen Punkten vermochte, zum Meister der Angelegenheiten zu machen. Ich beschloss, das Festland von Griechenland und das streitige Grenzland zu besuchen. Ich fühlte, dass meine Teilnahme an Griechenland so wie die Bekanntschaft mit diesem Lande daraus entsprang, dass ich teilgenommen hatte an seinem Kampf, und deshalb beschloss ich den Versuch, gleicherweise Albanien kennen zu lernen, und mich dem ersten Lager, dem ersten Anführer anzuschließen, die der Zufall mir in den Weg führen würde.

Am 7. Mai 1830 reiste ich von Argos ab, in Gesellschaft des Herrn Ross aus Bladensburg6, doch waren wir in Folge des allgemeinen Gerüchts genötigt, unser eigentliches Ziel zu verschweigen. Hätten unsere Freunde ahnen können, dass wir beabsichtigten, die wilden Arnauten zu besuchen, so würden sie uns für Wahnsinnige gehalten haben. Das hätte nun freilich wenig ausgemacht, aber wir hätten gewiss keine Diener gefunden, die uns hätten begleiten wollen.

Ich denke mir, die Sachen haben sich jetzt geändert, natürlich zu viel Besserem; allein zu der Zeit, von der ich schreibe, als Griechenland noch leichtherzig und jung war, damals wurde es einem Menschen schwer, seine Absicht zu verbergen. Bei jeder Biegung des Weges, an jeder Gassenecke, überall auf der Landstrasse wurde man alle Augenblicke aufgehalten, um eine ganze Reihe von Fragen zu erdulden. „Woher kommen Sie?“, „Wohin gehen Sie?“, „Was ist Ihr Geschäft?“, „Wie befinden Sie sich?“, „Wo ist Ihr verehrungswürdiges Vaterhaus?“, „Welcher von den großen Verbündeten hat die Ehre, Sie zu den Seinen zu zählen?“, „Was gibt’s Neues?“7 - und das alles wohlverstanden, zwischen völlig Fremden. Begegneten sich aber Freunde oder Bekannte, traf es sich gar, dass einer oder der andere zum Frauengeschlechte gehörte, dann begann mit den verdoppelten S-Lauten der griechischen Fragen ein Gezisch, das man für eine Zwiesprache zwischen Riesenschlangen hätte halten sollen. Nach dem Stand, der Gesundheit, der Stimmung, nach allem wurde einzeln gefragt, und dann folgten ähnliche Fragen in Betreff all und jedes bekannten Angehörigen, jedes Pferdes und Hundes. Zur schuldigen Danksagung musste man dann auch in den herkömmlichen Komplimenten für jeden antworten, der auf diese Weise beehrt wurde, zum Beispiel: „Wie befindet sich Ihr Herr Vater, der verehrungswürdige Archon?“ „Er lässt Sie schönstens grüßen.“ - „Wie befindet sich Ihr Herr Bruder, der achtungswerte Bürger?“ „Er küsst Ihre Augen.“ - „Wie befindet sich der hoffnungsvolle Sprössling, Ihr Sohn?“ „Er küsst Ihre Hand.“ Und von einem Dutzend Personenwird jeder sein Recht ausüben, einzeln den Reisenden zum Antworten zu bringen und jeder wird durchaus dieselben Fragen stellen, die er schon oben hat tun und beantworten gehört.

Während meiner früheren Wanderungen in Griechenland war ich wirklich nervös angegriffen von dieser Plage, die um so widerlicher wird, wenn man gerade aus der Türkei kommt, wo jede persönliche Frage, die nur irgend nach Neugierde schmeckt, dem Nationalgefühle und den Bräuchen völlig zuwider ist. Am Ende kam ich auf einen Einfall, der die Neugierde erstickte. Ich erzählte nämlich den Leuten, ich käme von Konstantinopel und ginge nach Jannena8 - eine so seltsame Erklärung machte allen ferneren Redensarten ein Ende. Jetzt aber, wo ich wirklich von Konstantinopel nach Jannena ging, musste ich auf die Vorteile des Eingeständnisses verzichten und unterwarf mich dem Hin- und Herfragen mit der Geduld, die sich mit den Jahren einstellt - und dies noch früher auf Reisen.

Wir waren also genötigt zu einer Pilgerfahrt nach den seit langer Zeit von den Fussstapfen hyperboreischer Wanderer unberührten Türmen und Gräbern der Helden, die sich von nah und fern an Aulis Küste versammelten und dem „Könige der Männer“ Treue schworen. Nicht besser konnten wir daher unsere Pilgerfahrt antreten, als indem wir unsere Andacht verrichteten bei dem Grab des großen Agamemnon und mit ehrfürchtigen Schritten die altersgrauen Trümmer von Mykenai durchwanderten, dieser Nebenbuhlerin Trojas. Diese Ruinen liegen nur wenige Meilen9 von Argos, und dort beschlossen wir, die erste Nacht zu bleiben. Unser Zelt - ich sage mit einer Art von Stolz, dass es ganz frei von eigener Hausarbeit war - hatten wir schon am Morgen mit Dienern und Packpferden vorausgeschickt. Erst nachdem die abendlichen Schatten begannen in der Ebene länger zu werden, verließen wir die zerstreuten Gässchen von Argos und schieden von seinen gastfreien Einwohnern. Wir kamen an dem schroffen und seltsam gestalteten Felsen vorbei, auf dessen Gipfel die alte Feste Lárissa steht. Dann durchwateten wir das leichte Flüsschen des „Vater Inachos“ und traten nun in die herrliche Ebene, die noch den Namen nach der Stadt des Agamemnon führt.

Noch jetzt, nachdem über sieben Jahre verlaufen sind, ist es mir eine wahre Freude, die Gefühle zurückzurufen, womit ich diese Reise antrat, und wenn es auch nicht leicht sein mag, zu beschreiben, was nur verstehen kann, wer es mitfühlt, so halte ich es doch für meine Pflicht, bevor wir aufbrechen, den Versuch zu machen, dem Leser, der mich begleiten will, die Art und Weise unseres bevorstehenden Marsches gewissermaßen anschaulich zu machen.

Durch die ganze europäische und einen großen Teil der asiatischen Türkei, wie auch in Persien und Mittelasien reist man zu Pferde. Mit eigenen Pferden macht man etwa 20 bis 25 Meilen täglich im Durchschnitt. Mit Postpferden, die man auf Stationen wechseln kann, die von 10 bis 48 Meilen entfernt sind, kann man täglich 60 Meilen bequem machen; 100 heißt schnell reisen, 150 am schnellsten; 600 Meilen in vier und einem halben Tage, 1200 in zehn, sind freilich schon Gewaltmärsche, aber durchaus nicht ungewöhnlich.

Diese Art zu reisen, wenn auch nicht gerade in solcher Eile wie eben erwähnt, ist beschwerlich, angreifend und ermüdend. Es ist keine Erholung, die für jedermann passt, und sogar ein Probestück für den, der kräftig ist und gleichgültig gegen Weichlichkeit und Bequemlichkeit; aber doch erzeugt sie nicht die Ermattung und den fieberhaften Zustand, der so gewöhnlich vom Fahren entsteht. Die Beschwerden selbst bringen ihre Freuden mit sich: Die Gesundheit wird kräftiger, die Nerven gestählter, die Lebensgeister frischer. Man ist in unmittelbarer Berührung mit der Natur; jede Veränderung in der Umgebung und in der Witterung bekommt ihren Wert und ihre Wichtigkeit, und nicht die kleinste Merkwürdigkeit der Gegend oder der Ortsgebräuche kann der Beobachtung entgehen. Die brennende Sonne kann uns zuweilen ermatten, ein Gewitterregen uns durchnässen, aber was kann erheiternder sein als die Ansicht, wenn der lange Trupp in bunten und lebhaften Trachten im vollen Galopp vorwärts sprengt, die Kurierpeitsche knallt und der wilde Zuruf des Surridschi (Führers der Karawanen) ertönt? Was kann malerischer sein, als das kühne Jagen zu betrachten, über Tal und Hügel, oder längs der Wellenlinie der Landschaft, wenn sie vorwärts eilen im tauigen Morgen oder heimwärts jagen am rosigen Abend?

Man ist beständig im vollen Genuss der freien Luft eines himmlischen Klimas - die Leichtigkeit der Atmosphäre dringt in unseren Geist, der heitere Himmel erhebt das Gemüt; man ist vorbereitet, sich über alle Dinge und alle Lagen zu freuen; man ist bereit zur Arbeit und freut sich über die Ruhe; man ist vor allen Dingen bereit zum Essen, das immer gut schmeckt, wenn man es haben kann und nie zur Unzeit aufgetragen wird. Ich muss ehrlich gestehen, dass ein nicht geringer Teil der Freuden einer Reise im Orient aus den wirklichen Beschwerden und Entbehrungen entsteht, die den wenigen unglücklichen Wesen, welche nicht um ihr täglich Brot arbeiten müssen, einen vorübergehenden Blick auf das wirkliche Glück zu verschaffen, welches die ganze Menge Menschen dreimal täglich genießt, die um das Brot arbeitet und auf die Schüssel hungert.

Um mit Bequemlichkeit oder Nutzen im Orient zu reisen, muss man es so machen, wie die Regel und die Sitte des Landes es mit sich bringt. Das ist freilich sehr leicht als Vorschrift aufzustellen, aber verzweifelt schwer auszuführen, weil es eine lange Erfahrung und genaue Bekanntschaft mit einem Gegenstande voraussetzt, wo man erst eben über die Schwelle getreten ist. Vorausgesetzt aber, das lässt sich ins Werk richten, so wird man auf seinen Wanderungen vorwärts schreiten, begleitet von Dienern, welche die verschiedenen Geschäfte unserer Einrichtung so verrichten, wie sie es daheim in einem festen Hausstand tun würden. Jedes Bedürfnis und jede Bequemlichkeit führt man bei sich und fühlt sich selbst gänzlich unabhängig von Umständen und Beiständen. In der Wüste, wie in der bevölkerten Stadt, begleiten uns die heimischen Verbindungen und lehren uns praktisch die Gefühle der beweglichen Unabhängigkeit kennen, und den Zusammenhang zwischen Familienbanden und nomadischem Dasein, den Grundzug des orientalischen Charakters. Wie heimisch und einfach werden selbst jene Fragen, die von Ferne betrachtet so abstoßend erscheinen; man umgebe sich nur mit der Atmosphäre der Sitte! Ohne weiteres liegen die Gründe zur Hand; ohne weiteres gelangt man zu Schlüssen, ohne die Mühe des Nachdenkens, oder die Gefahren, welche den Geburtswehen der Logik so traurig drohen. Steht man unter einem fremden Volk, muss der Fragende eine Sprache reden, die zu den fremden Ideen nicht passt, so wird jede Schlussfolge sich auf eigene Eindrücke, nicht auf die ihrigen stützen; versetzt man sich aber in eine der ihrigen ähnliche Lage, so fühlt man gleich ihnen und das ist der Endzweck nutzbarer Nachforschung. Burke10 erwähnt in seinem Versuche über das Schöne und Erhabene eines alten Philosophen, der, wenn er wünschte, den Charakter eines Menschen zu erforschen, ihm in allem nachahmte, den Ton seiner Stimme nachzumachen versuchte, und sogar sich bemühte, so auszusehen wie jener: die beste Regel für einen Reisenden, die jemals erfunden worden.

Betrachtet man von diesem Gesichtspunkt aus die Verhältnisse im Orient, welche interessanten Gedankenreihen, welche Kontraste entstehen bei jedem Schritt, und welche Wichtigkeit, welchen Wert gewinnen unbedeutende Umstände, nicht nur die im Morgenland, sondern auch in Europa! Wie zusammenhängend erscheinen dann bisher unbeachtete Beziehungen zwischen täglichen Gewohnheiten und dem Nationalcharakter von Jahrhunderten, zwischen häuslichen Gebräuchen und ge schichtlichen Ereignissen! Erst seit zehn Minuten ist das Zelt aufgeschlagen, vom Herd steigt der Rauch auf, und wir fühlen, wir begreifen den Unterschied zwischen gotischer und orientalischer Kolonisierung und Vaterlandsliebe. Wir lagern vielleicht zwischen den Trümmern eines Tempels der althellenischen Götterwelt; ein Diener bringt zum Abendessen Kräuter, die er auf einem Schlachtfeld suchte, bei dessen Namen das Schulknabenherz hoch aufschlug; er nennt sie mit denselben Namen, die Hippokrates oder Galen gebraucht hätten, und während der Zeit pfählt der Reitknecht das Pferd an, wie es Brauch im Altai-Gebirge.

Aber der Durst des europäischen Reisenden nach Neuem wird nicht gestillt werden, wendet er nicht seinen Geist auf das, was ich das Neue vom Altertum nennen möchte. Die feineren und kleineren Teile des Wesens der früheren Zeiten, die man nicht mit Worten fassen konnte, sind für unsere Zeiten und in unserem Erdteil verloren. Im Morgenland aber leben und atmen noch die Sitten des Altertums. Dort kann man essen, wie die Leute in Athen aßen; dort kann man im größten, im verlorenen Genuss der Vorzeit schwelgen und baden wie einst in Rom, und während man dort noch frisch und lebendig, mit Fleisch und Blut angetan die homerischen Gebilde von dreitausend Jahren erblicken kann, mag man sich das leibhaftige Gegenstück in unseren angelsächsischen Urahnen denken, wie Beda11 sie beschreibt, und den von Alfred12 angeordneten Gauthingen beiwohnen.

Sollte ich die köstlichste Stunde auswählen aus diesem einfachen und nomadischen Leben, so wäre es die der Abend-Biwacht. Man wählt sein Lager und schlägt sein Zelt auf, wo Phantasie oder Laune es eingeben, am Bergesabhang, im abgeschlossenen Tal, am murmelnden Bach oder in einem düsteren Wald. Vertraut geworden mit der Mutter Erde streckt man sich nieder und legt sein Haupt an ihre nackte Brust. Schnell knüpft man Gemeinschaft an mit ihren anderen Kindern, mit dem Forstmann, dem Pflüger im Blachfeld oder dem Schäfer auf den Bergen. Man ruft zur Teilnahme am Abendbrot einen müden Wanderer, dessen Namen uns ebenso unbekannt ist wie sein Stamm und sein Geburtsland. So angenehm diese Ungewissheit ist, so sicher ist doch die Belohnung aus einem solchen Zusammentreffen, mag nun der Gast die Abendstunden mit Märchen aus der Wüste ausfüllen oder mit Geschichten aus der Hauptstadt, und mag er in diesem Pilgerland die Ströme Kaschmirs oder die brennende Sahara besucht haben.

Obgleich man aber die Gesellschaft eines Menschen nirgends besser genießen kann, so kann man sie doch auch nirgends leichter entbehren als in seinem Zelt nach den Beschwerden eines langen Tages. Es ist ein mit Worten nicht auszusprechendes Vergnügen, diese überall sich gleiche, bewegliche Heimat zu hüten, die ihren Zauberkreis aufschlägt und ihre vergoldete Kugel in die Lüfte erhebt. So wie ein Strick nach dem anderen eingepfählt wird, nimmt sie ihre gewohnten Formen an, und dann breitet sie weithin ihr zierlich ausgezacktes Dach, drinnen mit ihren bunten Teppichen und Polstern und Kissen prunkend. Nach den Beschwerden des Tages und den Mühen der Reise verrichtet der Reisende zuvörderst seine Abwaschungen am fließenden Bach, sagt sein Namaz13 her, und dann ruht er in seinem Zelt, den letzten Strahl der Abenddämmerung belauschend, in der abgeschlossenen Ruhe, die nicht Nachdenken ist, nicht Gedankenleere, sondern die Stille in der ganzen Natur, die stumme Betrachtung der Menschen und Dinge. So fördert man die nachdenkliche Weise, so erlangt man die Nüchternheit des Sinnes, die, wenn auch nicht tief, doch niemals oberflächlich wird. So sollte man den Moslem sehen, daheim in der Wildnis, malerisch in seinem Aufzug, Würde auf der Stirn, Willkommen auf seinen Lippen und Poesie rund um ihn her. Ein solches Gemälde vor Augen habend, mag der immer geschäftige Abendländer das innere Wesen, die Gemütsbildung derer belauschen, die an ein solches Leben gewöhnt sind und die eben deshalb zu ihrem Lebensbetrieb die Ruhe mitbringen, die wir nur in der Einsamkeit finden können, wenn wir unserer selbst geschaffenen Welt von Umständen entronnen, einen Augenblick lang das Weltall besuchen und bewohnen dürfen, und mit ihm uns unterhalten in einer Sprache ohne Worte.

Diese Vergnügungen aber, von denen ich nur die Schatten zu skizzieren versucht habe, sind keineswegs die einzigen auf einer Reise im Morgenland. Die große Quelle der Lust für einen Fremden ist der Mensch, der Charakter des Volkes und seine politischen Verhältnisse; die neue und verschiedenartige Handlung; die dramatische, einfache und eigentümliche Darstellung. Bei uns sind die Nationalverhältnisse, die des Forschers Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, so analytisch und wissenschaftlich, dass nur diejenigen sich ihnen nahen dürfen, die jedem einzelnen Zweig eine Lebensdauer voll Arbeit gewidmet haben. Wer aber das vermocht hat, ist vertieft in ein ausschliessliches Studium; wer es nicht gekonnt, hat kein Stimmrecht und scheut zurück vor der Prüfung. Im Osten aber, wo das System der politischen Verhältnisse einfach ist, wo man das sittliche Recht und Unrecht im persönlichen Charakter klar auffasst, sind alle unserer Aufmerksamkeit würdigen Gegenstände im Bereiche unwissenschaftlicher Beobachtung und selbst der gewöhnlichen Auffassung zugänglich. Freilich muss der Fremde damit beginnen, dass er vorgefasste Meinungen bei Seite lege; das ist der erste Schritt, um sich bekannt zu machen mit Begriffen, die ganz verschieden sind von denen, die die Erziehung in volkstümlichen Gewohnheiten und die Erfahrungen des Geburtslandes ihm einpflanzten.

1Der albanische Schurz, weiß, länger als der schottische und sehr reich an Falten.

2Das vornehmste Kaffeehaus in Napoli di Romania war, in Folge der günstigsten Wirkung eines früheren Protokolls „les trois puissances“ genannt worden. So wie das Protokoll vom 3. Februar 1830 eintraf, erhielt es augenblicklich den Spottnamen: Café des trois potences.

3Die Sulioten aus dem unzugänglichen epirotischen, heute nordgriechischen Bergland waren eine der Keimzellen der sog. Epanastasis gegen die Osmanen. Einer ihrer herausragenden Anführer war Markos Botzaris (Red.).

4Oder Skutari/Skoder in Albanien (Red.).

5Im Jahr 1808 war der Großwesir Mustafa Bayraktar nach Konstantinopel marschiert, um dort einen Janitscharenaufstand niederzuschlagen, bei dem der amtierende Sultan abgesetzt worden war.

6Der britische General Robert Ross, der 1814 Washington eroberte und die dort von Seiten der Amerikaner bereits errichteten öffentlichen Gebäude zerstörte (Red.).

7Diese Frage wird zur größeren Deutlichkeit oft dreifach wiederholt, mit Ausdrücken, die aus dem Italienischen, Türkischen und Griechischen abgeleitet sind, nämlich: Ti m(p)ándata - ti chabéri - ti néa?

8Provinzstadt in Nordwestgriechenland (Red.).

9Wenn im Texte von Meilen die Rede ist, so sind damit immer englische gemeint, 69 auf einen Grad. (Anm. d. Übers.)

10Edmund Burke (1729-1797), englischer Philosoph und Staatsmann (Red.).

11Beda Venerabilis, englischer Geschichtsschreiber und Literat (Red.).

12Alfred der Große (ca. 846-899), der im Jahr 886 die beiden angelsächsischen Königreiche zusammenführte (Red.)

13Türkische und persische Bezeichnung der moslemischen Tagesgebete (Red.).

ZWEITES KAPITEL
ZUSTAND DES GRIECHISCHEN LANDVOLKES IM JAHRE 1830 - MILITÄRISCHE UND POLITISCHE WICHTIGKEIT DER BUCHT VON KORINTH - VORFALL IM BEFREIUNGSKRIEGE - SEEGEFECHT IN DER BAY VON SALONA

Nachdem wir, wie schon erwähnt, die erste Nacht unserer Reise in den Trümmern von Mykenai zugebracht hatten, gingen wir am folgenden Morgen nach Korinth. Wir kamen durch das Dervenákia1, welches durch die Niederlage berühmt geworden war, die der Pascha von Drama hier erlitt. Nicht ohne Interesse bemerkten wir die damals aufgeworfenen Cambouris (Brustwehren, Feldschanzen) und vernahmen verschiedene Erzählungen von der Vereinigung und dem Sieg der Griechen. Einige Meilen weiter ergötzte es mich, die durch ihre malerischen Trümmer geweihte kleine Ebene von Nemaia wieder zu erblicken; allein ich musste bedauern, dass ein ganzes Jahr weder den Anbau vermehrt, noch die Lage der wandernden Vlachen2 verbessert hatte. Derselbe Monat fand sie wieder, ihre Butter unter demselben Baum bereitend und ihre einfachen Geräte an dieselbe Säule hängend; keine Last war erleichtert - ich möchte, dass ich hinzufügen könnte: keine Aussicht war zerstört.

Der gegenwärtige Zustand des Landes ist weit entfernt, die Hoffnungen zu erfüllen, die ich nach den Fortschritten hegen zu dürfen glaubte, welche ich beobachtete, als ich denselben Landstrich ein Jahr zuvor bereiste. Alle Vorschläge zum Anbau der Staatsländereien, zur Errichtung von landwirtschaftlichen und sonstigen Instituten, zum Straßenbau, sind entmutigt oder verworfen von der Regierung, die jedes Unternehmen selbst durch Einschüchterung und Drohungen hemmt und aus ihren Endabsichten und Maßregeln ein Geheimnis macht. Schon die bloße Tatsache, dass überhaupt eine Regierung vorhanden war, hatte während des Jahres vorher Leben und Tätigkeit über das ganze Land verbreitet, und die Wirkung war wirklich wundergleich. Aber diese Kraft wurde gelähmt, als das von der Regierung gewählte System in Vollzug gesetzt wurde, und jetzt ist keine einzige Hütte neu entstanden, nicht ein Baum gepflanzt, nicht ein Feld eingehegt, nicht eine Brücke wieder gebaut, nicht ein Weg ausgebessert. Aber das ist noch nicht alles.

Von den öffentlichen Ländereien, wozu die ergiebigsten und ebensten Striche gehören, erhebt die Regierung drei Zehntel vom Ertrage. Die Bauern wirtschaften größtenteils mit Geld, das sie gegen 2 ½ Prozent monatlicher Zinsen borgen oder sie erhalten das Saatkorn unter der Verpflichtung, die Hälfte des reinen Ertrages wieder abzuliefern. Zur Saatzeit war wegen der Blockade der Dardanellen der Kornpreis sehr hoch, während das Saatkorn noch höher stand, wegen des allgemein herrschenden Vorurteils, nur das im Land gewachsene Saatkorn könne eine gute Ernte geben -und davon gab es nur einen sehr geringen Vorrat. Zur Erntezeit, als die Blockade aufgehoben war, fiel der Preis um die Hälfte, ein merkwürdiger Beweis des Einflusses der Dardanellen auf die umliegenden Länder.

Die Kosten des Landbaues sind in Griechenland höher als in England. Das Verfahren und die Geräte sind roh und kümmerlich; jeder Transport geschieht auf dem Rücken der Maulesel; das Land muss vor der Saat dreimal gepflügt werden; der Pflug wirft die Erde von der Stelle, ohne die Schollen umzukehren und zu zerschlagen; das Land wird nicht gedüngt und bringt in der Regel nur zwei Ernten in drei Jahren, und dann wird ein großer Teil Saatkorn mehr gebraucht, als nötig wäre. Nach allen diesen Kosten und Nachteilen fällt ein Dritteil der Ernte an die Regierung (ausser 12 Prozent Abgabe von allen verschifften oder nicht verschifften Produkten und Gütern); die Hälfte des Restes fällt an den, der Vieh und Saatkorn hergegeben hat, so dass der Bauer drei und ein halb Zehnteile vom reinen Ertrage erhält, und damit soll er die Zinsen von den Vorschüssen abtragen, die Kosten des Landbaues bestreiten, seine Familie erhalten und somit die Erwartungen erfüllt sehen, die er fasste, in eine neue und glücklichere Lage zu kommen.

Dennoch geht es den eigentlichen Bauern noch viel besser als den Landbesitzern. Manche von diesen hatten durch alle Wechselfälle der Revolution noch etwas als einen letzten Notpfennig gerettet und ergriffen eifrig den Augenblick, wo sie in den friedlichen Besitz ihres Eigentums gesetzt wurden, um alles noch vorhandene Wertvolle zu Geld zu machen. Sie verwendeten diesen Erlös, mit etwaigen Vorschüssen, die sie erhalten konnten, auf die Wiederherstellung ihrer Ländereien. Gewöhnlich waren aber ihre Mittel unzulänglich und immer waren ihre Erwartungen übertrieben. Nachdem sie Häuser und Scheunen gebaut, Vieh gekauft, Land aufgebrochen und bearbeitet hatten, fehlten ihnen die Mittel, Saatkorn zu kaufen.

Die Ölbäume und besonders die Maulbeerbäume, die ihre Ernte ohne Auslage und Mühe tragen, und die sichersten Hilfsquellen eines noch nicht geordneten Landes sind, wurden während des Krieges in großen Massen zum Feuerholz niedergehauen; die Weinberge und Korinthen-Anpflanzungen konnten nur mit bedeutenden Kosten und dem Verluste mehrerer Ernten hergestellt werden.

Es war also innerhalb eines kurzen Jahres ein panischer Schrecken an die Stelle des Spekulierens getreten. Die Blockade der Dardanellen und später deren Aufhören brachten ein verderbliches Schwanken im Preis hervor, was in Verbindung mit dem Mangel an Kapital (Dank sei es Kapodistria’s Verfahren3) jetzt die Landbesitzer in einen Zustand des Bankrotts und der Erbitterung versetzt hat, der für die künftige Ruhe des Landes eben kein günstiges Vorzeichen ist. Auch muss man ihre Aufregung der Einführung von Gesetzen zuschreiben, deren Nutzen noch sehr in Frage steht, die aber ohne alle Frage wegen ihrer Unpopularität tadelnswert sind, geschweige dessen, was das Volk als den Verlust von Rechten und Vorteilen betrachtet, mit deren Hilfe sie unter der alten Verwaltung die vorhandene Ruhe hätten benutzen oder die augenblicklichen Übel überwinden können, welche aus Zufällen der Witterung oder Schwankungen im Handel entstehen.

Argos ist nur acht Stunden entfernt von Korinth. So erblickten wir am Vormittag des zweiten Reisetages unser am Tag zuvor vorausgeschicktes Zelt, wie es in Korinth im Sonnenschein glänzte, mitten zwischen den Trümmern des Serails des Kiamil Bey4.

Der Felsen und die Trümmer haben die Federn und Pinsel der Dichter, Ortsbeschreiber und Maler schon hinlänglich beschäftigt; ich brauche also meine Leser nicht mitzuführen, um mit uns den Untergang und Wiederaufgang der Sonne vom unsterblichen Gipfel herab zu bewundern. Was ich in Betreff der Landenge und des durch dieselbe begonnenen Kanals zu sagen habe, soll in einem besonderen Anhang der Benutzung des wissbegierigen Geologen und Antiquars vorgelegt werden, wie nicht minder Bemerkungen über das intermittierende Fieber, welches die Küstenbewohner des Meerbusens plagt.

Von Korinth wendeten wir unseren Weg nach Patras, längs der schönen Küste der Bucht von Korinth. Der Weg läuft fast immer dicht am Ufer mit der seegleichen Bucht zur Rechten. Ein schmaler, korinthenbüschetragender Küstenstrich vom allerergiebigsten Land auf Erden liegt zwischen dem Ufer und niedrigen Hügeln von fleischfarbenem Ton, die sich in langen, parallelen Zügen hinziehen und mit dunkelgrünem Gesträuch bewachsen sind.

Dahinter erheben sich Berge, größtenteils Felsen, mit rechtwinkligen Umrissen, senkrechten Seiten und gleichlaufenden Gipfeln, mit Fichten gesäumt; ihre dunklen Farben und mächtigen Gestalten erscheinen noch um so düsterer und ernster bei den lebhaften Farben und den phantastischen Wellenlinien des Vordergrundes. Zuerst bemerkte ich diese Berggruppen vom Mittelpunkt des Golfs aus im dunklen Morgennebel. Sie sahen aus wie höchst fleißig und künstlich gearbeitete Riesenfestungen; die Hand der Natur hatte sie gebildet, um die Kinder ihres Bodens zu beschirmen. Noch ein Jahr vorher lagen die Gebeine feindlicher Tataren auf dem Rasen und bleichten am Gestade von Akrata; jetzt konnte ich keine Spur mehr davon entdecken.

Der Golf wird an seinem schmalen Eingang durch die Festungen gedeckt, die man die kleinen Dardanellen nennt. Seit der Erfindung des Schießpulvers ist er für die militärische Behauptung Griechenlands von großer Bedeutung gewesen und wird es immer bleiben. Seine Wichtigkeit war den Osmanen selbst im Frieden nicht weniger fühlbar als sie es für andere Nationen im Krieg gewesen wäre, wenn man Rücksicht nimmt auf die diplomatische Beschaffenheit der Bande, welche ihre Herrschaft zusammenhalten und auf die abgesonderte und oft feindliche Bewegung, welche dieses Reich durch sein eigentümliches Gleichgewicht ohne Zersplitterung aushalten kann. Örtlich starke oder schwache Punkte, Gebirgspässe, Sümpfe geben oft den Maßstab ab für Bedingungen, die eine Partei vorschreiben kann, oder bestimmen die Privilegien, auf welche eine Gemeinde Anspruch erheben darf. Solche Umstände werden also täglich in Betracht gezogen, und in Dorf-Zusammenkünften werden oft allen ernstes Staatsgründe und strategische Kombinationen erwogen und beraten, die in Europa nur in ein Staatskabinett oder vor einen Generalstab gehört würden. Die Türkei hat in ihren europäischen Provinzen lange Zeit die Herren der Gebirge, die Arnauten (Albanesen) benutzt, bedroht und bestraft. Der Golf von Lepanto versperrt ihnen den Weg zu den fruchtbaren Tälern Griechenlands; dreimal sind sie hingezogen, um den Aufstand zu unterdrücken, und jedesmal haben sie sich der wildesten Ausschweifungen schuldig gemacht; ihr einziger Zaum war die Gewissheit, ein Rückzug sei ohne Einwilligung der Pforte untunlich, da die Türken die Schlösser besetzt hielten und eine griechische Miliz die Landenge von Korinth.5 Deshalb ist jedes Kind vertraut mit der politischen Wichtigkeit, den Golf besetzt zu halten.

Man braucht nur einen Blick auf die Karte von Griechenland zu werfen, um den Wert dieses Seearmes zu würdigen. Die Gegend im Norden von Lepanto bis an die Grenze von Attika ist so durchschnitten von Bergen und eingezähnt von Meerbuchten, dass sie für einen Reisenden schwer zugänglich und für ein Heer ganz unzugänglich ist. Wer die Schlösser der kleinen Dardanellen im Besitz hat, beherrscht alle Verbindung zu Land und zur See zwischen dem westlichen Griechenland, Arta, Albanien und der Morea.6

Es war also kein Wunder, dass die Osmanen diesen Grenzpass als die Fassung ansehen, womit sie den kostbarsten Edelstein des europäischen Turbans festhielten.7 Die drohenden Batterien der Doppelschlösser verschlossen den Ungläubigen den Zugang. Ein langes Jahrhundert hindurch hatten ihre Zinnen nicht im Grimm gelodert8, hatten die Gewässer des Golfs nie einen fremden Kiel getragen, hatte sich in seiner ruhigen Flut kein anderes Wimpel gespiegelt als die blutrote Türkenflagge.

Während der ersten sechs Jahre des Befreiungskrieges unterhielt die Überlegenheit der Griechen zur See die Verbindung zwischen dem griechischen Festland und der moreotischen Halbinsel. Während dieser langen Zeit blieb der Golf im Besitz der Türken. Dadurch wurden die Teile eines und desselben Landes, die gegenseitiger Unterstützung bedurften, von einander getrennt, und eine Folge davon war, dass der westliche Teil des griechischen Festlandes, wenn auch nicht völlig unterjocht, doch der Macht zu einem weiteren Widerstand beraubt wurde.

Im Herbst 1827, als die letzten Sandkörner in Hellas’ Stundenglase dem Verrinnen nahe schienen, erfüllte die Nachricht vom Juli-Traktat9 alle mit frischen Hoffnungen und rief die Söhne Griechenlands zu erneuter Kraftanstrengung. Die Kunde verbreitete sich im Norden und erweckte Akarnanien aus seinem Todesschlaf; die Armatolis von Baltos und Xeromeros forderten die Rückkehr ihrer in Morea dienenden Brüder und riefen die Peloponnesier zum Beistand, um die Albanesen wieder zu verjagen und die frühere, notwendige Grenze des Markronoros10 wieder zu gewinnen.

Doch der Versuch schien hoffnungslos. Alle Verbindungslinien mit dem griechischen Festland waren in Händen der Feinde. Albanesen hielten Markronoros und die Distrikte und Festungen in Akarnanien, Türken hatten Lepanto und die Schlösser am Golf besetzt, Ägypter hatten Patras inne und Türken beherrschten das Ionische Meer und Messolonghi11 war in ihrer Gewalt. Die Griechen waren in einiger Stärke in Argolis und im Osten des Peloponnes versammelt, aber, hätten auch die Türken sich ihnen nicht widersetzen können, sobald sie einmal im westlichen Griechenland angelangt wären, wie sollten sie dahin kommen? Hätten sie auch durch die Hochgebirge auf dem Festlande dringen können, so würden die Türken sie bei Rachova und bei Thermopylä festgehalten haben. Hätten sie versucht durch Morea zu gehen, so wären sie auf die Ägypter gestossen; die vereinigten muselmanischen Flotten, die an den Küsten bei Navarino, Patras und Messolonghi ankerten, machten der Idee eines Transportes zur See ein Ende, und zwischen den Hörnern dieses unauflöslichen Dilemmas flutete die Bucht von Lepanto im Besitz eines türkischen Geschwaders. Was nützte aber der Juli-Traktat, wenn nicht das Festland von Griechenland wieder erobert wurde?

Aus den Dispositionen der beiden englischen Befehlshaber der griechischen Land- und Seemacht wurde bald klar, dass es auf ein Unternehmen abgesehen war, bei dem alle Hilfsmittel beider Truppenteile zusammenwirken sollten, und obgleich alle die dringende Notwendigkeit fühlten, das griechische Festland in Aufstand zu bringen, so fühlten sie doch auch nicht weniger empfindlich die Schwierigkeit oder gar die Unmöglichkeit, Truppen aus Argos nach Akarnanien zu schicken. Die griechische Flotte konnte wohl von einem Platz zum anderen kommen, aber weder dem Heer Zufuhr bringen, noch von demselben unterstützt werden. Dennoch war es klar, dass eine Landung im westlichen Griechenland beabsichtigt wurde.

General Church12 hatte Korinth als Sammelplatz bezeichnet, aber diese unerklärbare Versammlung erregte wenig Hoffnung, und die Kapitäne der Palikaren bezeigten keinen großen Eifer, sich zur Fahne zu scharen. Die, welche dem General folgten, waren daran gewöhnt, das Recht freier Beratung und freien Willens unbeschränkt zu üben; sie hatten also kein Herz für eine Unternehmung, in der ihnen weder das eine, noch das andere frei stand, und fragten, ob der Oberbefehlshaber etwa beabsichtige, sie in Walnussschalen nach Akarnanien zu bringen. Endlich war indes eine beträchtliche Truppenmacht beisammen, die am 22. September 1827 auf dem großen Amphitheater zerstreut war, welches vom Gipfel der Akropolis in Korinth bis an die Meeresküste den Golf beherrschte - als man ein vollbesegeltes Schiff gerade vor dem Wind bemerkte, das auf die Landenge lossegelte. Türkische Kriegsschiffe näherten sich niemals der Küste, und welches andere Schiff konnte sich durch die Meerenge gewagt haben? Tausend Hoffnungen und Besorgnisse entstanden und verbreiteten sich in den ängstlichen Haufen; die wenigen Ferngläser, deren man im Lager und auf der Zitadelle habhaft werden konnte, wurden umsonst in Anspruch genommen; die schwellenden Topsegel zeigten keine Flagge. Nun aber wendete sich das Schiff nach Lutráki, einem Hafen in der nördlichsten Ecke des Isthmus, die große Flagge wurde aufgezogen und da entfaltete sich das Silberkreuz im himmelblauen Felde. Ein Jubelschrei des Willkommens erscholl von der harrenden Menge und jubelnd verkündete der Donner aller Geschütze von der Zitadelle, dass nach zweitausendjähriger Knechtschaft Griechenlands Sinnbild wieder erschienen sei in den Gewässern von Lepanto.

Man erfuhr jetzt, dass Lord Cochrane13 ein Geschwader zusammengebracht und das Landheer ausserhalb der Meer enge erwartet hatte, um es nach Westgriechenland zu bringen. Ängstlich aber und doch vergebens blickte er aus nach den verabredeten Signalfeuern im Gebirge. Da beschloss er, die Durchfahrt zu erzwingen und die Truppen innerhalb des Golfes einzuschiffen. Als er aber diese seine Absicht den Kapitänen mitteilte, erklärten diese, einer solchen Gefahr würden sie ihre Schiffe nicht aussetzen, und der Admiral wurde also genötigt, seinen Plan aufzugeben. Das Geschwader ankerte bei Messolonghi, als der Admiral zwei mit Griechen bemannten, aber von Engländern befehligten Schiffen ein Zeichen gab. Augenblicklich lichteten sie die Anker und fuhren nach in den Golf. Diese Schiffe waren das Dampfschiff Perseverance (Beharrlichkeit) und die Brigg Sauveur (der Erlöser). Nur das letztere entkam den Batterien und segelte in den Meerbusen ein. Dies ist ein romantischer Vorfall im Lauf der Dinge, welche zu der Feststellung von Griechenlands Unabhängigkeit führten, und das mag mich entschuldigen, wenn ich in der Erzählung eines Ereignisses fortfahre, das unmittelbar die Seeschlacht von Navarino veranlasste.

Unbedeutend beschädigt bei der Durchfahrt segelte die Brigg vorwärts und gelangte in eine tiefe Bucht bei Galaxidi an der nördlichen Küste des Golfes - Vóstizza gegenüber. Die Windungen des Golfs zeigten den Augen der Griechen ein türkisches Geschwader, das dicht zusammen gedrängt ebenso sorglos als unordentlich festlag; die Segel trockneten, die Mannschaft war am Land, und, wie sich erwies, nicht einmal Munition an Bord. Aber bald schwanden die Träume eines unblutigen Sieges; am Abend desselben Tages gelang es noch so eben dem Erlöser davon zu kommen, und so segelte er nach Korinth. Seine Flagge war die Veranlassung, dass Korinthos’ Felsen vom Geschütz und vom Jubelruf erdröhnten.

Die Wirkung, die das Erscheinen dieses Schiffes im Meerbusen hervorbrachte, war einem Wunder gleich; der Talisman türkischer Oberherrschaft war gebrochen und die Fahrt nach Westgriechenland eröffnet. Nun umschwärmten die Palikaren den General Church und drängten ihn, sie vorwärts zu führen. Das Lager brach auf von Korinth, und der Erlöser, dem sich jetzt auch das Dampfschiff zugesellt hatte, segelte westlich.

Es war beschlossen, beide Schiffe, das Dampfschiff und die Brigg, sollten das Geschwader bei Salona angreifen, vor dessen Bucht sie am Morgen des 28sten anlangten. Die Türken waren mit Verteidigungsmassnahmen emsig beschäftigt, sie landeten Kanonen, errichteten Küstenbatterien und zogen 1 500 bis 2 000 Mann von den umliegenden Posten zusammen.

Während der Nacht schallten die Töne der Zurüstung am Bord des Dampfschiffes über die stille Flut des Meerbusens, und von Zeit zu Zeit belebten die Wachen beider Schiffe ihre Arbeiten durch gegenseitigen Zuruf. Der Morgen sollte einen tatenschwangeren Tag für Griechenland bringen; von seinem Ausgang hing die Herrschaft über den Meerbusen ab - und alle mit seinem Besitz verknüpften Vorteile. Vor allen Dingen aber musste er die hochländischen Häuptlinge bestimmen, die jetzt zwischen Türken und Griechen schwankten. Doch noch wichtigere und noch unerwartetere Folgen ruhten in der Zukunft.

Der beabsichtigte Angriff war schwer, wenn nicht verzweifelt. Das Andenken an das letzte Misslingen diente eben nicht dazu, die Befürchtungen zu vermindern, welche das Missverhältnis der Zahl und die nachteilige Stellung einflößen mochten, und da die Türken nun einmal vorbereitet waren, so war es klar, dass nur zwischen Untergang oder Sieg die Wahl blieb.

Lieblich brach der Morgen an über dem schönen, klassischen Schauplatz. Glänzend ging die Sonne auf, am Himmel dunkelte keine Wolke, auf dem Wasser spielte kein Luftzug. Endlich schoss aus dem Schornstein des Dampfschiffes eine Masse dichten Rauchs in die Höhe, gleich dem Ausbruch eines Vulkans. Den Türken war dies Dampfschiff das erste, welches sie jemals erblickten, ein Gegenstand der Verwunderung und des Grauens. Sie hielten es kaum für ein Werk von Menschenhänden, so seltsam erschienen ihnen Gestalt und Bewegung und die Wesen darauf, die direkt aus den höllischen Regionen zu kommen schienen, und so grässlich die Wirkung der Wurfgeschütze, die glühend von unten herauf, aus des Teufels Küche zu kommen schienen.14

Obwohl ich selbst bei dem nun folgenden Auftritt an dessen Gefahren und am Erfolg Anteil nahm, will ich ihn doch lieber erzählen, wie er mir von einem der bei dem General Church angestellten Offizier beschrieben wurde. Das griechische Heer marschierte längs der Südküste, die Bewegungen der Schiffe beobachtend. Es macht Halt in Vóstizza, der Bucht von Salona gerade gegenüber, und ging daran sich, dem Angriffe mit der Aufregung zuzusehen, die ein ruhendes Heer fühlen muss, wenn es die Entscheidung seines Geschickes von dem glücklichen oder unglücklichen Ausgang eines Zweikampfes erwartet.

Die beiden Schiffe mussten in eine enge, landumschlossene Bucht hinein, in die man nur mit Hilfe eines günstigen Windes gelangen konnte, der dann aber die Umkehr verhinderte; dort mussten sie Schiffe angreifen, die viermal so viel Kanonen hatten, dicht am Ufer lagerten und ihre Flanken gleich festen Batterien darboten, mit Batterien am Ufer und ein paar tausend Soldaten am Land, und das alles in einem Krieg, wo von beiden Seiten nicht auf Pardon gerechnet wurde.

Es war ein merkwürdiger Anblick, wie ein frischer Wind die schwarze Rauchwolke eines Dampfschiffes von Achaia gegen die Höhen von Delphi und den Parnaß trieb. Es war seltsam anzuhören, wie das Geräusch der Dampfräder weithin tönte über die korinthische Flut. So wie die griechischen Schiffe die Spitze umsegelten, erblickten sie plötzlich die türkische Flotte, die in der Tiefe der Bucht aufgestellt war, und wie zur Parade mit breiten, blutroten Flaggen prangte, und weithin flatternden Wimpeln. Auch an der Küste wehten drohende Flaggen, überall wo frische Erdbatterien aufgeworfen worden waren; eine tüchtige Anzahl grüner Zelte, und das Blitzen der Waffen belebte die Hügel in der Runde und gewährte einen weniger anlockenden als malerischen Anblick. „Erst dann,“ sagte mein Berichterstatter, „als wir sie um die Spitze fahren sahen, fühlten wir wirklich, mit dem Angriff sei es ernst gemeint; jetzt erst fühlten wir die ganze Gefahr des Unternehmens und die Folgen eines Fehlschlages.

Mit welcher Angst blickten wir nach den weißen Segeln und dem schwarzen Rauch, als sie hinter der niedrigen Landspitze verschwanden! Unter welcher sorgenvollen Ungewissheit verlief die halbe Stunde zwischen diesem Augenblick und dem ersten fernen Kanonenschuss, der über das Wasser dröhnte und der grauen Dampfwolke, die langsam aufstieg aus der Bucht längs der Seite des Parnaß. Nach einem viertelstündigen ununterbrochenen Kanonenfeuer schwellte plötzlich eine schwarze Rauchmasse gen Himmel! War es Freund oder Feind, der gen Himmel oder zur Hölle gefahren? Unsere Ungewissheit dauerte nicht lange; eine zweite Masse folgte, schwärzer, höher als die erste. „Sie sind verloren, sie sind verloren!“ quoll es aus den zusammengepressten Lippen der bestürzten Griechen, als eine dritte Explosion bewies, dass Schiffe der Feinde brannten. Da erschollen die wilden Töne dieses übermenschlichen Kriegsrufes; Phantasie und Lungen erschöpften sich in Übertreibungen und Jubelgeschrei.

Ungeachtet dieses Erfolges, der für den Tag entscheidend schien, hörte man doch noch bis Sonnenuntergang ein unregelmässiges Kanonenfeuer mit geringen Unterbrechungen. Der Wind hatte sich gelegt und ein Vorhang von Rauch verhüllte den Schauplatz, auf den alle Aufmerksamkeit gewendet war. Aber als die Sonne sank, als die Nacht ihren dunklen Mantel ausbreitete, da glänzte hell die Flamme von elf brennenden Schiffen durch das Leichentuch der Wolken und spiegelte sich in den Wellen, „die Lepanto’s Seeschlacht sahen“. Das war ein denkwürdiger Tag für Griechenland, ja für Europa. Ibrahim Pascha15 hatte sein Wort verpfändet, den Hafen von Navarino nicht zu verlassen, nun aber steuerte er nach der Bucht von Lepanto, um die Schmach zu rächen. Admiral Codrington16 zwang ihn zur Rückkehr. Die für den Winter zerstreuten Geschwader der Verbündeten wurden nach Navarino zurückgerufen und was nun folgte, brauche ich nicht zu wiederholen.

1Eine der wichtigen Schlachten im griechischen Unabhängigkeitskampf (26.-28. Juli 1822), in deren Verlauf das osmanische Heer besiegt wurde (Red.).

2Bewohner des heutigen Nordgriechenland und Albanien, die als Wanderhirten (darauf spielt Urquhart hier an), aber auch als Händler lebten (Red.).

3Ioannis Kapodistrias aus Korfu wurde im April 1828 zum ersten Präsidenten Griechenlands gewählt. Er scheiterte jedoch mit seiner Politik, die den veramten Bauern helfen sollte. Außerdem sahen die Briten in ihm den verlängerten Arm des russischen Zaren, weswegen man ihn in London ablehnte (Red.).

4Siehe oben zu Dervenákia (Red.).

5Der berühmte Hassan Pascha vertilgte ein Korps Albanesen nach dem Aufstand von 1780, indem er ihnen den Rückzug bei der Landenge und den kleinen Dardanellen abschnitt.

6Arta liegt etwa 80 km südlich von Jannena in Nordwestgriechenland; die Morea - so genannt nach dem für die Seidenproduktion notwendigen Maulbeerbaum - umfaßt den gesamten Peloponnes (Red.).

7Früher wurden dem Sultan zwei Turbane vorgetragen; einer bedeutete Asien, der andere Europa.

8Selbst in den beiden früheren griechischen Revolutionen waren die Kanonen dieser Festungen niemals gebraucht worden

9Der Londoner Vertrag vom Juli 1827 zwischen Russland, Frankreich und England sah für Griechenland eine innenpolitische Autonomie vor, außenpolitisch sollte es jedoch unter osmanischer Oberhoheit bleiben (Red.).

10Das entspricht auch der heutigen Grenze zwischen Griechenland und Albanien (Red.).

11Gegenüber von Patras auf dem Festland gelegene Hafenstadt, seinerzeit ein bedeutender Flottenstützpunkt (Red.).

12Richard Church (1784-1873), der im April 1827 zum griechischen General ernannt wurde (Red.).

13Lord Thomas Cochrane (1775-1860) hatte nach seiner Entlassung im Jahr 1815 eine Reihe ausländischer Flottenkommandos inne, so kurzzeitig auch das griechische. 1832 wurde er wieder in den Dienst der Royal Navy aufgenommen (Red.).

14Granaten, acht Zoll im Durchmesser, die aus waagerechten Kanonen geschossen wurden und zuweilen glühten; es waren eigentlich Hohlkugeln, die wegen ihrer verhältnismäßigen Leichtigkeit von der Oberfläche des Wassers in unzählbaren Prellschüssen abwippten. Auf diese Weise war es bei ruhiger See unmöglich zu fehlen, und diese Masse glühenden Eisens, diese Granate oder Hohlkugel mit einer Mischung von Holz, Leinwand, Pech und Pulver, welche ein unauslöschliches Feuer aussprühte, war ein Geist, der auch geschicktere Seeleute als die Türken erschreckt haben würde. Diese neue Erfindung in der Artilleriewissenschaft wird ohne Zweifel den Seekrieg und die Schiffsbaukunst in Zukunft bedeutend verändern, und dieser erste Versuch mit der Kraft der Erfindung, einem Feinde gegenüber, gibt dem von mir zu erzählenden Ereignis noch ein Interesse mehr. (Allerdings handelt es sich dabei nicht um eine Neuentwicklung, sondern um das sogenannte Griechische Feuer, mit dem bereits die byzantinische Flotte erfolgreich operierte und dessen Zubereitung nur einem sehr kleinen Kreis bekannt war; Anm. d. Red.)

15Muhammad Ibrahim Pascha (ca.1769-1849), Befehlshaber der ägyptischen Flotte, die vor Navarino vollständig aufgerieben wurde (Red.).

16Sir Edward Codrington (1770-1851), englischer Admiral und Sieger der Schlacht von Navarino (Red.).

DRITTES KAPITEL
PATRAS - TÜRKISCHE UND
GRIECHISCHE FLAGGEN

Wir reisten gemächlich. Es gibt keine Post in Griechenland. Ich habe es zweckmässiger gefunden, in diesem Land mit eigenen Pferden zu reisen. Lebensmittel sind überall zu bekommen, ein Zelt ist überall aufzuschlagen und man ist gänzlich unabhängig von den Launen der Maultiertreiber, dem Mangel an Vieh und wahrlich fast von allen Zufälligkeiten, die in diesen Gegenden dem Reisenden zuteil werden. Drei Tage reisten wir längs des Meerbusens und würden gerne noch längere Zeit auf diesen Teil unserer Reise verwendet haben, die überall das Bild eines neuerdings geordneten Landes darbot, aber unsere ferneren Reisezwecke verboten jeden Aufschub. Es fehlte uns nicht an Gelegenheiten, die uns mit Entrüstung über die Einführung eines Polizeisystems erfüllten, mit all seinen verderblichen Folgen. Ich kann die Unruhe nicht beschreiben, womit ich begann, jetzt auf das künftige Geschick dieses Landes hinzublicken. Wir erfuhren später, dass all unsere Schritte beobachtet, all unsere Worte und Werke ausgespäht wurden, wofür die bettelarme Regierung ein paar hundert Pfund verausgabte.

Den dritten Abend schliefen wir in einem Khan (Herberge) dicht an dem alten Hafen von Panormo1, jetzt einem Moor, wo die einzige athenische Galeere zum Andenken an die Niederlage der Lakedaimonier zum Andenken an den Sieg geweiht wurde.

Am selben Morgen hatte den Khan eine Bande von elf Räubern verlassen, die tags vorher alle Reisenden angehalten, geplündert und an Bäume gebunden hatten. Was sie nicht verzehren oder mitnehmen konnten, hatten sie vernichtet, so dass wir nur sehr wenig Vorrat fanden. Einen Mann hatten sie in heisser Asche gebraten, um von ihm die Nachweisung eines vermuteten Schatzes zu erpressen. Die Bauern waren in größter Unruhe und höchster Erbitterung. „So etwas“, sagten sie, „ist während der Anarchie der Revolution nie vorgekommen. Die Kosten für das Militär wurden immer von rechts wegen beigetrieben, aber den Leibgurt eines Griechen zu berühren, einer Frau Gürtel gewaltsam zu lösen, waren unerhörte Verbrechen, und jetzt, da wir eine regelrechte Regierung haben, da wir jede Steuer bezahlen und jedem Befehle gehorchen, jetzt, wo man uns unsere Waffen genommen hat, müssen wir erdulden, was selbst in unseren unruhigen Zeiten unerhört war?“

Am folgenden Morgen kleideten wir uns sehr elegant, um anständig vor der schönen Welt in Patras zu erscheinen. Vom Khan aus bis zu der Burg von Morea ist es blauer Ton, über den das Wasser von den Hügeln hinströmt und so einen tiefen Morast bildet. Um den zu vermeiden, ritten wir längs der Küste, aber eine Charybdis erwartete uns. Obgleich wir, um dem Morast aus dem Weg zu gehen, im Wellenschlag des Golfs ritten, so begannen doch plötzlich unsere Pferde zu versinken, und ehe wir uns heraushelfen konnten, wälzten wir uns in Schlamm und Sumpf und entkamen nur, indem wir in die See gingen und unsere Pferde ins tiefe Wasser lenkten. In Patras machten wir im hellen Sonnenschein einen wunderhübschen Aufzug, vom Kopf bis zu den Füßen mit Schlamm bedeckt.

Patras ist als der Punkt beachtenswert, von dem man zuerst weiß, dass dort Mohammeds Anhänger und die slavischen Stämme auf einander stießen. Die letzteren hatten im achten Jahrhundert Morea überfallen; die Sarazenen durchstreiften die See, beide vereinigten sich zur Belagerung und Plünderung von Patras.

Das stürmische Wetter und der Mangel eines Bootes in der Burg, das geräumig genug war, unsere Pferde aufzunehmen, hielten uns sechs Tage auf, die wir sehr angenehm zwischen der Burg und Patras mit dem Obristen Rayko zubrachte, dem einzigen Russen, der Philhellene gewesen ist. Er gab sich alle mögliche Mühe, uns von der Ausführung unseres tollkühnen Vorhabens abzubringen, Akarnanien und die Grenzscheide zu besuchen. Ich bin überzeugt, hätte er nur eine Ahnung davon gehabt, dass wir auch nach Albanien wollten, so hätte er uns aus lauter Freundschaft in Arrest gesetzt. Wir mussten also unseren Plan unseren Freunden sorgsam verbergen, wollten wir nicht ausgelacht oder gewaltsam festgehalten werden, sowie vor unseren Dienern, sonst hätten sie uns verlassen.

Als wir über die schmale Meerenge zwischen den beiden Kastellen fuhren, trat mir unwillkürlich die Szene wieder vor das Gedächtnis, die ich bei einer früheren Gelegenheit ebendaselbst erlebte, als ich diesen Batterien in einer feindlichen Barke vorbeikam, und zwar unter dem Feuer des Geschützes jeder Batterie. Es war ein schöner Anblick der Küste: die reichen und gedrängten Trachten, die blitzenden Waffen und die Rauchwolken. Die stolze Aufregung, das trotzige Benehmen, der beleidigende Spott, diese Eigentümlichkeiten eines Krieges, in welchem ein festes System, unausweichliche Manneszucht und unergründliche Ratschläge den Menschen noch nicht zur Maschine gemacht haben, verliehen damals dem Kampf alles Spiel der Leidenschaften und jedem einzelnen Charakter die Entwicklung, wodurch die Kriege des Altertums so poetisch wurden und wonach das Zeitalter, dessen Kriege mit der größten Wahrheit geschildert sind, das heroische heisst. Wie verändert war nun der Anblick dieser Batterien - kalt, bleich, augenlos, tonlos gaben sie kein Lebenszeichen, das man hätte beobachten müssen, kein Zeichen der Bosheit, das man hätte fürchten dürfen, keines von Hass, den sie hätten erregen können, keines von Gefahr, der man hätte trotzen sollen! Ein Windhauch streifte und schäumte den glatten Spiegel und unwillkürlich suchte mein Auge den Flaggenstock, um die jetzt triumphierende Standarte Griechenlands zu betrachten, die in den Lüften wallte an der stolzen Stätte, wo so lange Arabiens Sinnbild herrschte! Dort sieht jetzt der Grieche eine andere Flagge, seine Flagge, die Flagge des befreiten und selbständigen Griechenlands. Aber an der neuen Standarte deuten die abstechenden Farben der neun abwechselnden Streifen2 auf eine andere Harmonie als die der Musen. Man vergleiche diese blasse und gestreifte Standarte mit den prahlenden Farben des Osmanen, die so stark, reich und einfach sind: der Tagesstern des Glückes und der zunehmende Mond der Macht, beide strahlend auf purpurner Wolke. Die dichterischste aller Fahnen! Das herzerhebendste aller Nationalzeichen! Und wieviel des geisteregenden, nervenstählenden Enthusiasmus hängt vielleicht ab von der Poesie eines Sinnbildes? Kann ein Volk, kann selbst eine Partei ohne die Redekunst der Farben bestehen? Wie gross muss also nicht die Wirkung sein, wenn man die Personifizierung der Volkstümlichkeit mit Schönheit bekleidet, wenn man ihren kriegerischen Geist belebt, indem man ihrem Ruhm die erhabensten Werke der Schöpfung zugesellt? Das alles findet sich vereinigt in der Fahne der Osmanen, und in keiner wie in ihr. Das ist obendrein die historisch gewordene Standarte, die mit der Schnelligkeit einer Gewitterwolke über Asien, Europa und Afrika hinflog, von Delhis Palästen bis an den Fuss des Atlas; von den Einöden Abessiniens bis an die-Moorgründe des Don; die Standarte, die ihre Macht bewiesen in den Ebenen von Tours und bei Roncesvalles, vor den Wällen Wiens und am Indus und Oxus. Dreißig Jahre nach ihrem Entstehen hatte sie die beiden größten Reiche damaliger Zeit gedemütigt und in achtzig Jahren rühmte sie sich der Herrschaft in mehr Ländern als Rom in acht Jahrhunderten unterworfen hatte. Diese Flagge ist jetzt von den Kastellen verschwunden, wo ich sie noch vor kurzem erblickte, errötend vor Ärger und Scham; und wie die alten Skythen, bevor sie starben, die Geschichte ihres Lebens erzählten, so untersuchte ich jetzt die Züge und die Geschichte dieser Personifizierung muselmanischer Größe, die vor meinen Augen gesunken war, zugleich mich über die Mittel verwundernd, wodurch sie gestützt wurde.

Als ich zuerst an Griechenlands Küsten landete, mehr Anteil nehmend an der Beschaffenheit seiner Felsen als an dem dort verhandelten blutigen Streit, wurde ich bald mit Hass und Abscheu vor dem Namen der Türken erfüllt und, mit dem Enthusiasmus des Jugendgefühls, wurde ich Parteigänger. Der Osmane aber, der durch die Gewalttätigkeit im Siege diese Erbitterung erregt hatte, verscheuchte sie wieder, als er besiegt und gefangen erschien, ein Lebensbild stoischer Festigkeit und würdiger Entsagung. Das Mitgefühl, das man dem Missgeschicke zollt, übertrug ich nun auf den Besiegten; aber dieses Mitgefühl mischte sich mit Bewunderung eines Heldenmutes und Achtung vor einem Charakter, von dessen Kraft und Ausdauer ich nie einen Begriff gehabt hatte, vor dem Kampf, dem ich jene Eigenschaften jetzt ausgesetzt sah. So wie ich also früher die rote Flagge nur als das Symbol des Blutvergießens und der Verwüstung betrachtet hatte, so erinnerte ich mich jetzt mit Teilnahme und mit Furcht der Jahrbücher ihres Ruhmes, der Zeiten und Grenzen ihrer Siegesbahn.

Ich will keineswegs behaupten, dass die gegenwärtige muselmanische Flagge, der Silberstern und der Halbmond im roten Felde, dieselbe Flagge ist, die in Bagdad wehte oder nach Spanien getragen wurde; nicht einmal die zuerst in Konstantinopel aufgepflanzte, die dann ihren Siegeslauf nach der Ukraine, nach Wien und den Alpen fortsetzte. Die Farbe der Moslemen ist nicht rot, sondern grün, obgleich zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Ländern auch andere Farben angenommen wurden. Mohammeds Fahne war gelb; die Sarazenen kämpften zuerst unter einem schwarzen Adler; diesem folgten die Parteifarben: weiß und schwarz, die Farben der Familien, die sich einander das Kalifat streitig machten. Das heilige Grün3 war die erste Farbe, die die Osmanen in Europa entfalteten, aber an ihr hängen so mannigfache nationale und religiöse Gefühle, dass, so gut sie auch dienen mochte, um bei einem Angriffe oder einem Sturme Enthusiasmus zu erregen, man doch bedachte, der Verlust eines so hoch verehrten Zeichens würde den Mut eines Heeres niederschlagen. Im Jahre 1595 eroberte Sigismund, Fürst von Siebenbürgen4, die erste türkische Fahne und schickte sie an Papst Clemens VII. Da wurde die Farbe von grün in rot verändert; der Stern und der Halbmond waren byzantinische Zeichen, welche, gleich vielen anderen, die Türken von den Griechen erborgten. Dass die Türken auf diese Weise ihre Nationalfarben änderten, deutet auf große Empfänglichkeit für Nationalehre. Die Römer verschwiegen den eigentlichen Namen ihrer Stadt, damit kein fremdes Heer die Penaten aus den Mauern fortbeschwören solle. Venedig hat mit so gutem Erfolge die entführten Gebeine des heiligen Markus verhehlt, dass keine Spur von ihrem Dasein aufgefunden ist. Beide Nationen fürchteten, das Band ihres politischen Daseins möchte sich auflösen, wenn die Symbole der Verehrung und Nationalität in fremde Hände gerieten.

Ich sagte, ich hätte nach der griechischen Flagge gesehen, die statt des osmanischen Banners auf den Wehren flattern sollte, welche den Golf von Lepanto beschützen - aber es war keine da. Ich blickte nach einem Flaggenstock und ich sah deren drei dicht beieinander, gleich den drei Kreuzen auf einer katholischen Schädelstätte. Der eine trug ein weißes Tuch ohne Flecken, aber auch ohne Zeichen und Andeutung. Der zweite trug bunte Winkel von Rot, Weiss und Blau, mehr Geometrie in den Falten zeigend als eben Poesie, so begeisternd auch die zehn Jahrhunderte der Mannhaftigkeit dieser Flagge sind, oder die weitgedehnten Zonen, die von ihren Zügen Kunde geben. Der dritte zeigte Kreuzbalken von Blau im weissen Felde, gleich einem aufgerichteten Stundenglas und auf Eisberge und Schnee deutend. England, Frankreich und Rußland, Mächte, unter deren vereinter Herrschaft etwa 290 Millionen Menschen stehen, hatten sich verbündet, die türkische Flagge fortzuschaffen; sie besetzten als Freunde türkisches Gebiet, sie verbrannten deren Schiffe als Verbündete, sie versperrten deren Häfen als Neutrale; sie protokollierten Griechenland als Wohlwollende - sonderbare Rätsel für ein Zeitalter, das keinen Ödipus hat.

1Kleiner Hafen am Golf von Korinth an der Grenze der Phokis zu Akarnanien.

2Griechenlands Flagge sind neun waagrechte Streifen blau, und weiß, mit einem weißen Kreuze auf blauem Feld in der Ecke, zum Andenken des silbernen Kreuzes, das Konstantin während der Schlacht gegen Maxentius am Himmel erblickte, woher das Labarum der Griechen stammt.

3Tökóli entfaltete (1680) seine grüne Fahne des unabhängigen Ungarn vor dem türkischen Heer, um den Enthusiasmus der Muslime zu seinen Gunsten zu erregen. Die jetzige ungarische Fahne ist grün, weiß und rot. (Das zweite, christliche Wappen Ungarns, seit König Stephan dem Heiligen, tausend Jahre nach Christi Geburt, ist im roten Felde ein silbernes Patriarchenkreuz aus goldener Krone auf grünem Hügel; Anm. d. Übers.) Noch ganz neuerdings haben die Tscherkessen Grün zur Nationalflagge gewählt, nicht nur um sich durch ein Nationalzeichen von ihren Feinden zu unterscheiden, als vielmehr um ihren Glaubensbrüdern im Süden anzudeuten, das Behalten alles dessen, was ihnen teuer sei, hänge ab von der Erhaltung der auf dem Kaukasus entfalteten Fahne.

4Sigismund Báthory (1572-1613), Reichsfürst und Fürst von Siebenbürgen (Red.).

VIERTES KAPITEL
DAS WESTLICHE GRIECHENLAND - GRIECHISCHE MEINUNGEN VOM HERZOG VON WELLINGTON - MESSOLONGHI - DAS FÜLLHORN - SCHLACHT VON LEPANTO

Wir wurden in Lepanto vom Kommandanten, Obrist Pieri, empfangen, einem Korsioten, der Artillerie-Chef war und uns, wie nebenbei sich selbst, mit der Erzählung seiner verschiedenen Heldentaten unterhielt. Hier hatten wir die erste Unterredung mit einigen Sulioten über das Protokoll. Sie drückten ihren Schmerz und ihre Besorgnis kräftig aus, sagten aber, die Nation werde von jeder öffentlichen Äußerung ihrer Gefühle durch die Furcht abgehalten, als widersetzlich gegen den Willen der Höfe zu erscheinen und von diesen für unruhig und wankelmütig gehalten zu werden. Ohne das, sagten sie, würde Kapodistrias Regierung nicht einen Tag geduldet werden.

In Lepanto sind von tausend Familien noch fünfhundert griechische nachgeblieben; 6 000 Stremmata1 gehören den Griechen, 25 000 früher den Türken, die jetzt Nationaleigentum geworden sind. Die griechischen Ländereien sind aber so viel schlechter als die ehemals türkischen, daß, obgleich diese um zwei Dritteile höher besteuert sind, die Griechen doch ihre eigenen Felder verlassen, um die türkischen zu bebauen.

Am 20. Mai verließen wir Lepanto mit Tagesanbruch und kamen durch eine kleine fruchtbare Ebene, die sich in einem Halbkreise erstreckt, mit der Basis von Rizina, an deren Ende Lepanto liegt, bis zu den niederen Vorhügeln des Gebirges Korax, das sich bis zum Kastelle von Rumili hinzieht. Die Ebene ist dicht mit Ölbaumwurzeln bestreut; gegen die See hin ist sie sumpfig, aber das könnte leicht ausgetrocknet werden. Die niedrigen Hügel, über die wir jenseits des Kastells kamen, sind aus einer alaunartigen und erdigen Masse gebildet, die leicht vom Wasser weggeschwemmt wird. Demgemäß ist die Ebene in kleine vereinzelte Massen geschieden, mit abschüssigen Seiten, flachen Zwischenräumen und Gipfeln, zu jedem Anbau geeignet, während die steilen Seiten jede Baumart tragen und das Gemälde mit Reiz erfüllen können. Wir sahen nichts von den warmen Schwefelquellen in der Nähe von Kakaskala, die diesem Teile der Lokrier den Beinamen des stinkenden verschafften. Der Paß ist von Natur sehr befestigt, indem sich der Fußpfad über den Rücken des Berges windet, der fast lotrecht aus der See entsteigt. Nachdem wir über einen niedrigeren Höhenzug gekommen waren, erreichten wir das schöne kleine Tal Kavuro Linute, wohin Miletius das alte Molykria versetzt. Hier wurde im Schatten einer prächtigen Platane bald Feuer angemacht, wir hingen unsere Waffen an die Äste und ließen unsere Pferde grasen im gelben, weißen und roten Klee und im wilden Hafer und Korn. Unsere Teppiche wurden ausgebreitet und bald erschien die Kaffeekanne und die erquickliche Pfeife.

Dieses kleine, aber zauberische Tal gewährt eine Ansicht wie man sie in Morea selten antrifft. Es ist von unregelmäßigen, aber nicht bedeutenden Hügeln eines weichen Sandsteines umgeben, die in Gestalt und Wesen abwechselnd, mitunter nackt, mitunter bewaldet sind. Durch das Tal fließen zwei Bäche mit tiefen Betten, an denen Reihen schattiger und schöner morgenländischer Platanen wachsen. Wenn man eine Zeit lang die Ansicht von Bäumen entbehrt hat, freut man sich ordentlich über die Schönheit des Laubwerkes und der Gestalt, an der Kühle ihres Schattens und fühlt die Lieblichkeit oder lernt ihren Wert kennen. Nicht weniger Erholung gewährte mir die Aussicht auf die jetzt uns umgebenden Hügel, denn meine Augen waren ermüdet von der Eintönigkeit der Kalkgebirgsketten in Morea, denen es eben so sehr an malerischem, als an geologischem Interesse mangelt, und die um so ermüdender werden, als die Gebirgspfade abscheulich sind und es ihnen an Quellen und Schatten fehlt.

Es freute mich auch, daß ich mich wieder in West-Griechenland befand, einem Land, das mit ausgedehnten Trümmern des entferntesten Altertums angefüllt ist, die, obgleich jetzt darniederliegend und selbst zu den Zeiten des Glanzes von Griechenland schon danieder lagen, schon damals als Muster griechischer Kriegsbaukunst dienten.2 Das Land wurde von Leuten bewohnt, welche die Verfeinerung und Wissenschaft Griechenlands mitbrachten und die Tätigkeit ihres Stammes, und auf einem reicheren Boden eine Zuflucht suchten und fanden vor den Verfolgungen, und Ruhe vor den endlosen und blutbefleckten Zwistigkeiten, die den Peloponnes verheerten.

Diese Gegend ist ganz besonders der Schauplatz mythologischer und dichterischer Gebilde gewesen. Ihre militärische Bedeutsamkeit, die der Erhaltung des neuen Staates so wichtig ist, wurde durch die Ereignisse verherrlicht in den Kriegen Philipps, der Römer, der Goten, der Gallier und der letzten Revolution. War es der glücklichste und einzig friedliche Teil Griechenlands während der Tage seines alten Glanzes, so ist seit jener Zeit bis zur gegenwärtigen das Gegenteil das Schicksal des Landes gewesen, seit der Entvölkerung unter Augustus, die den Zweck hatte, Nikopolis zu bevölkern, bis zur Entvölkerung durch das letzte Protokoll, die gar keinen Zweck hatte.

Anderthalb Stunden3 vom Fluß Kavuro Limne erblickten wir den Evenus durch einen Gürtel von majestätischen Platanen und schlanken Weiden, die eine Art von Vorkulisse zu einem kleinen Waldtheater abgaben. Der Fluß glitt im reißenden aber klaren Strom durch sein breites und steiniges Bett und glänzte durch den Vorhang von tiefgrünem Laubwerke. An der anderen Seite erhob sich ein steiles und durchbrochenes, mit Gesträuchen bewachsenes Ufer. Es gehörte kein großer Aufwand von Phantasie dazu, in diese thespische Szene die fabelhaften Gruppen Meleagers mit dem Eber, Dejanirens und des Kentaurs zu versetzen.

Wir ließen den Fluß rechts und wandten uns rund um den Fuß des Berges Chalkis. Vergebens aber suchten wir nach Spuren, denen wir den Namen Makynia und Chalkis hätten geben können und an der anderen Seite des Flusses nach Tophialson und Kalydon. In der Regel besteht die Schwierigkeit darin, für die große Menge von Überresten Namen zu finden; wir aber waren in Verlegenheit mit einem Überfluß von Namen, ohne daß wir auch nur einen Säulenknauf oder Säulenschaft gefunden hätten, um die Namen anzubringen. Nachdem wir aber über den Fluß gegangen und rechts vom Weg eine kleine Anhöhe erstiegen, die unmittelbar auf Hypochorion hinblickte, befanden wir uns unerwarteterweise mitten unter sehr ausgedehnten hellenischen Ruinen, die wir mit dem Strabo in der Hand uns sehr wohlgefällig einbilden durften, für das alte Pleurona halten zu können. Es ist sehr zu bedauern, daß Strabo diese Gegenden nicht selbst besucht hat, und daß der einzige auf uns gekommene, zusammenhängende Bericht über Westgriechenland in der allgemeinen Beschreibung so dürftig ist und, sobald er ins einzelne geht, oft so verwirrt. Miletius ist hier schlechter als nichts, aber doch auf alle Fälle noch besser als Pouqueville4.

Polybios ist wirklich der einzige Führer in Akarnanien und Ätolien, und aus dem Thukydides muß man das einzige glimmende Lichtchen borgen, das sich über die streitigen Lagen verbreitet, die mit dem Amphilochischen Argos zusammenhängen.

Doch kehren wir nach Pleurona zurück. „Der Evenus“, sagt Strabo, „wendet, nachdem er bei Kalydon und Chalkis vorbeigekommen, seinen Lauf westwärts, nach der Ebene von Alt-Pleurona, und dann wendet er sich südlich zum Ausmünden.“ Gerade nun bei der beschriebenen Flußbiegung erhebt sich der mit diesen Trümmern besetzte Hügel, die in Hinsicht der Ausdehnung und des Stils zu den vorzüglichsten gehören. Einige der Steine waren neun Fuß lang; die Mauer ist gewöhnlich neun Fuß dick, an einer Stelle aber, die wie es schien, an die beiden Akropolis grenzte, war sie nur fünf Fuß mit Verstärkungen von fünfeinhalb Fuß im Geviert, welche die Binnenseite verdickten und auf welche wahrscheinlich Planken gelegt wurden, um die Bank (banquette, Brustwehr) zu bilden. Die Mauern umschlossen zwei Anhöhen, auf deren jeder eine Akropolis gestanden zu haben schien; die nordwärts gelegene war zum Teil zyklopisch. Das von der Mauer eingeschlossene Hochplateau mag etwa dreitausend Schritte im Umkreise halten, der niedrigere Teil ist wenigstens ebenso groß. Einige Ziegel und Mauersteine, härter als Feldsteine, waren die einzigen Überbleibsel, die ich sehen konnte. Eine griechische Faktion hat sich ein Denkmal gesetzt durch den völligen Umsturz solcher Mauern und solcher Stadt.

Während wir das „fruchtbare Gefilde“5 von Pleurona durchzogen, holten wir einige Leute mit Mauleseln ein, die mit allen ihren irdischen Habseligkeiten beladen waren. Sie erzählten uns, sie wären aus der Gegend von Jannena entflohen, mit der Absicht, sich in Griechenland niederzulassen, aber bei dem Kastell von Rumili angehalten, wo man ihnen zwölf Prozent vom Wert ihrer Maulesel und ihres Gepäcks abgefordert hätte. Nicht im Stande, das verlangte Geld zu zahlen und erbittert darüber, daß man sie der aufgeregten Rache wieder entgegenjage, kehrten sie dahin zurück, woher sie gekommen waren. „Tausende,“ sagten sie, „rüsten sich, aus Albanien zu flüchten; aber wir wollen ihnen schon sagen, was es mit der ‚Freiheit’6 auf sich hat.“

Ich weiß nicht, ob man diese Maßregel mehr als unpolitisch, oder als unmenschlich tadeln soll. Nach unserer Ankunft in Messolonghi erzählten wir diese Geschichte dem Distriktsgouverneur, welcher erklärte, die Forderung sei ganz ohne Wissen der Regierung gemacht, und er werde augenblicklich dem Ding ein Ende machen. Es ist aber überflüssig hinzuzusetzen, daß den Erpressungen, über die man sich beklagte, kein Ende gemacht wurde.

Drei Stunden nach Sonnenuntergang trafen wir vor dem Tor von Messolonghi ein. Wir klopften an und schickten um Erlaubnis zum Einlaß, das wurde aber abgeschlagen; wir forderten Lebensmittel und konnten keine erhalten - bemerkenswerte Anfänge zur Zivilisation! Und solche Einrichtungen hält man wirklich für glückliche Nachahmungen Europas. Unsere Diener und unsere Zelte waren vorausgegangen, während wir die Trümmer von Pleurona untersuchten, die wir erst nach völlig eingetretenem Dunkelwerden verließen. Die Diener hatten Befehl, wenn sie fänden, daß wir nach Sonnenuntergang nicht eingelassen würden, außerhalb der Mauern das Zelt aufzuschlagen. Wir sahen und hörten nichts von ihnen; eines unserer aber Pferde brach seinem Geruchssinn folgend los und als wir ihm nacheilten, stolperten wir über die Zeltstricke, wohin es uns geführt hatte.

In Messolonghi blieben wir drei Tage, fast immer den Verhandlungen zuhörend, oder auch sie veranlassend, die sich über das Protokoll und die Grenzen entspannen, über die Verhältnisse, Hilfsmittel und Aussichten von Akarnanien, über die von dem neuen Staat ausgeschlossenen Teile Ätoliens. Hier war eine große Zahl der griechischen Anführer und alter Armatolis versammelt: Vernachiotes, die Grivas und andere, die sich als halbe Taktikoi7 ansahen, das heißt, die auf der Liste der irregulären Regulären eingeschrieben waren, während andere ganz ungezähmt waren und sich selbst „Rebellen“8, nannten, zum Unterschied von den regulären Truppen.9

Die vom militärischen Gesichtspunkt aus genommene Unzulänglichkeit der neuen Grenzen war so offenbar, daß sich der Spott darüber mit Entrüstung vermischte. Ich muß gestehen, daß mich die Verschlagenheit einzelner Bemerkungen nicht weniger überraschte als verwirrte. „Der Herzog von Wellington,“ sagten sie, „ist der erste Kriegsmann in Europa; wir freuten uns deshalb, daß solch ein Mann über unsere Grenzfrage entscheiden sollte. Er hatte in Spanien kommandiert, wo die Art der Kriegführung der unsrigen ähnlich ist, und wo Berge, Wälder und Felsen Manneszucht und Kriegskunst herausfordern. Was sollen wir aber nun von diesem Protokoll denken, das den Frieden dadurch zu schließen vermeint, daß es uns eben die Positionen abnimmt, um die der Krieg geführt wurde und die einzigen Verteidigungsposten, durch welche der Frieden gegenwärtig erhalten wird?“ Ich bemerkte, der Herzog von Wellington sei durch fehlerhafte Landkarten getäuscht worden. „Dann,“ entgegneten sie, „hätte er auf die Ereignisse blicken sollen. Nicht dieser Krieg allein hat es bewiesen, daß Griechenland zwei Tore hat und daß ihr das eine nicht schließen mußtet, während ihr das andere offen laßt, und überdies mußten die Positionen unsere militärischen Grenzen werden, die wir im Stande waren zu halten und durch deren Festhalten wir ohne die Hilfe eines Protokolls den Frieden während der letzten zwölf Monate erhalten haben, und wäre es möglich gewesen, noch bessere zu finden, so hätte man die nehmen müssen.“

Wenn der Besitz der ausgeschlossenen Distrikte den Türken irgendeinen Vorteil bringen sollte, so könnte es nur dadurch geschehen, daß sie starke Kolonien anlegten, um alle Verbindung zwischen Albanien und Griechenland abzuschneiden. Das liegt aber natürlich ganz außer aller Frage. Sobald Griechenland unabhängig ist, kann die Pforte nicht länger wie bisher das System der griechischen Armatolis beibehalten. Keine türkische Bevölkerung könnte bewogen werden, sich zwischen den Albanesen und den Griechen anzusiedeln, sobald diese nicht länger von der Hilfe der Türken und ihrem Schutz gegen die Albanesen abhängig sind. Auf diese Weise ist dieser von Griechenland abgerissene Distrikt den Verheerungen der Arnauten preisgegeben und wird, statt der Türkei von Nutzen zu sein, nur dazu dienen, durch den Reiz des Plünderns den unruhigen Geist der Albanesen immer wach zu erhalten, unaufhörliche Zwistigkeiten zwischen der Pforte und Griechenland zu nähren und ein feindseliges Gefühl durch gegenseitige Anschuldigung und Gewalttaten zu verewigen. Hätten die Verbündeten in der öffentlich eingestandenen Absicht gehandelt, den Orient zu zerfleischen, so würden sie Preis und Bewunderung für ihre Einsicht und Erfindungsgabe geerntet haben. Das waren die Bemerkungen von Makris und Grivas.10

Auf die Engländer fällt alles Gehässige der Maßregel. Die Auslieferung der Griechen in Parga11 an ihren albanischen Feind hat den Namen Englands in Schmach gebracht, auf den man sonst mit Scheu und Ehrfurcht blickte. Später diente die Politik, welche aus den Ionischen Inseln die Familien derer vertrieb, die Ali Pascha12 „Klephti“ (Räuber) nannte (man vergleiche Hobhouse13), mit dazu, diese Provinz in Ali Paschas Hände zu bringen. Das Volk sieht jetzt in der gegenwärtigen Maßregel nur eine Fortsetzung derselben Politik. Es besteht Zweifel: Jene früheren Ereignisse würden nimmer so zum Volk gedrungen sein, ihr Eindruck würde nie so tief und so allgemein geworden sein ohne die Tätigkeit, womit die Regierungsbehörden selbst und ihre Agenten diese Nachrichten verbreiteten.

Wir waren ausnehmend zufrieden mit dem Benehmen, den Reden und dem äußeren Ansehen der meisten rumeliotischen Anführer. Es ist wahrlich ein trefflicher Schlag Menschen; ihre Fehler entspringen unmittelbar aus den schwierigen Verhältnissen, in denen sie leben, aber, woher kommt ihre Artigkeit, ihre Weltkenntnis, die Leichtigkeit im Ausdruck, die Schärfe ihrer Beobachtung, die glühende Wißbegierde und die Gabe, das Erlernte anzuwenden?

Messolonghi ist ein Platz, von dem man höchst schwer jemanden einen Begriff beibringen kann, der nicht türkische oder griechische Kriegführung gesehen hat. An beiden Seiten des Tores ist eine zwerghafte Nachahmung einer Bastion und einer Courtine, aber die Umgebung des Platzes ist nichts weiter als ein Weidengeflecht mit Erde darüber; rund herum fließt ein schmaler Graben mit drei Fuß tiefem Wasser. Diese Umzäunung erstreckt sich gegen Norden in einem Halbzirkel vom Ufer bis wieder zum Ufer. Indes findet sich noch eine Kraftanstrengung der Ingenieurkunst, die ich nicht vergessen darf: eine Lunette, in die man von der Höhe des Weidenzaunes hinabspringen kann, mit einer leisen Andeutung einer Contrescarpe und eines Glacis14. Außer an den Toren kann die ganze Höhe der Umwallung vom Boden des Grabens aufwärts nirgends über zwölf Fuß sein. Ich spreche nach dem Augenmaß und dem Gedächtnis, aber ich denke, ich habe eher zuviel angegeben als zuwenig.

Die Türken zogen drei Parallelen rund um die Stadt, die nächste etwa vier oder fünf Yards vom Graben, mit zahllosen Zickzacks. Diese, nebst den Breschebatterien und den entfernteren Linien zum Schutze der verschiedenen Lager, haben die ganze Ebene auf eine höchst merkwürdige Weise durchfurcht. Die Tatsache, daß Messolonghi endlich nur durch Hunger bezwungen wurde, ungeachtet der so regelrecht geführten Belagerung, die Unbedeutendheit der Verteidigungsmittel und die Menge der Angreifer rechtfertigt oder entschuldigt wenigstens die Eitelkeit der tapferen Verteidiger.

Das Erdreich ist zu lauter Höhlungen geworden und aufgeworfen durch das Zerspringen der Granaten und das Einschlagen der Kugeln. Der Boden ist ein Gemisch von Erde und Eisen, Splittern von Granaten und Kugeln, die gleich Steinen drinstecken, und innerhalb und außerhalb der Stadt liegen die bleichenden Gebeine und Schädel von Menschen und Pferden zerstreut.

Man hatte gerade die Schädel der Griechen gesammelt, die sich von denen der Türken durch die Stellung unterschieden, in der sie lagen. Besondere Verehrung wurde denen erzeigt, welche auf dem Weg lagen, den der Überrest der Besatzung bei dem letzten und verzweifelten Ausfall genommen hatte, wobei es nur wenigen gelang, sich durchzuschlagen. Ich nahm aus dem Haufen einen schön geformten Schädel, der die Spuren von vier Wunden an sich trug. Er war an der Stirn von einer Pistolenkugel gestreift, hinten rechts, waren zwei Säbelhiebe eingedrungen, aber nicht durchgedrungen; über dem linken Auge klaffte eine tiefe Spalte, Wunden die wohl bei dem versuchten Durchschlagen gefallen waren. Dieser Schädel war lange mein trauriger Gefährte.

Die Besatzung wohnte in Erdhöhlen dicht unter den Wällen, wurde aber durch das von allen Punkten kreuzende türkische Feuer arg mitgenommen. Jede Spur eines Gebäudes, von dem, was sonst die Stadt ausmachte, war verschwunden, bis auf die Trümmer einiger steinernen Häuser nahe der Bucht. Im Verhältnis zu der Ausdehnung des Umkreises fielen die meisten Granaten in den Mittelpunkt und wurden von den Türken so hoch geworfen, daß sie sehr tief in die Erde drangen und so, unter der Oberfläche zerspringend, wenig Schaden taten. Zweihundert Häuser waren jetzt schnell wieder aufgebaut oder hergestellt; ein kleiner Basar sah schon ganz hübsch aus und die Kaffeehäuser füllten sich mit Müßiggängern, die Billard spielten und Eis aßen. Wir waren bei dem Rasieren des Bräutigams und der Toilette der Braut, des ersten Brautpaares seit der Zerstörung und Widerherstellung der Stadt.

Wir plauderten lange mit dem Vater der Braut, der sie allein von einer zahlreichen Familie gerettet hatte. Ihre vergangenen Leiden schienen vergessen in der glücklichen Gegenwart. Ganz unmöglich kann ich das alle Stände durchdringende Jubelgefühl beschreiben; es war eine Wiederholung dessen, was ich ein Jahr vorher in Morea erlebt hatte: Kein Verschmachten mehr, keine Schrecken, keine eilige Flucht oder ängstliche Erwartung, keine abgezehrten Gestalten und gräßlichen Blicke, keine gebrochenen Herzen und zerrissene Kleider mehr, sondern statt dessen Kraft und Gesundheit, Friede, Hülle und Freude, festliche Kleider und lustige Töne. Freilich gehörten zu diesen fröhlichen Leuten nicht die Angehörigen der vom Protokoll betroffenen Ortschaften.

Wir verließen Messolonghi mit Bedauern und wurden bis an das Tor von einem Teil der Familie des Marki geleitet, eines alten Anführers, der vor Jahren eine Art von Unabhängigkeit auf den Echinaden behauptete, als legitimer Nachfolger des Königs, der bei der Belagerung Trojas dreißig Schiffe befehligte. Er war einer der Hauptverteidiger von Messolon -ghi; seine Frau und Töchter hatten die Weiberhaufen angeführt, die so wacker während der Nächte an den Festungswerken arbeiteten; bei Tage zu arbeiten verbot ihnen die morgenländische Sitte. Als wir in die Ebene kamen, wurden wir unaufhörlich durch die mit Wasser und Schlamm angefüllten Gräben, Zickzacke und Einschnitte gehemmt. Nicht ohne Verlust und Schaden, und nach einer mehrstündigen Mühseligkeit erreichten wir den Fuß des Hügels, auf dem die Ruinen stehen, die man „Kyria Iríni“ nennt, zwischen zwei und drei Meilen von Messolonghi. Wir hielten diese Trümmer nach ihrem Stil, ihrer Ausdehnung und Lage für Neu-Pleurona; der Hügel, auf dem sie liegen, ein Teil von Zygos, ist eine Fortsetzung des Kallidromos. Von seinem Gipfel hatten wir eine schöne und weite Aussicht auf die unmittelbar unter uns liegende Ebene von Messolonghi und auf die Küste von dem herrlichen Berge Chalkis bis an die Echinaden, die Lagunen und die Vivaria (Fischteiche), die von der See abgeschnitten und durch lange gerade Linien voneinander getrennt waren. Rechts seitwärts liegt das venezianische Anatolikó, gleich einer Lotusblume auf seinem kleinen Golf schwimmend. Meerabwärts entrollt die Ebene ihre reiche Anschwemmung vom Achelous und Evenus, bietet jetzt aber wenig mehr dar, um Almatheas Wahl Ehre zu machen, obgleich jetzt ein fetterer Segen als das Zentaurenblut die kalydonischen Gefilde befruchtet und der Achelous mit seinen „fetten Wellen“ neue Inseln angesammelt hat. Schon Strabo erzählt uns, Römer in Patras hätten die Fischteiche gepachtet, aber sie müssen jetzt viel größer und reicher sein als früher, und sind so erstaunlich voll, daß sie ganz lebendig scheinen. Ich hörte einen Ausdruck auf sie anwenden, von dem ich mich erinnere, daß die Ungarn ihn gebrauchen, wenn sie von ihrer Theiß reden: „Sie riechen nach Fischen.“ So ist also die Fruchtbarkeit der Erde durch die Ergiebigkeit der See ersetzt; Neptun ist auf das Land gelockt, um Behälter für die Flossenträger zu bilden, statt wie sonst überall ausgeschlossen zu werden, um Ceres’ Ähren Platz zu machen, und Amaltheas Horn muß, will man den Reichtum ihrer Lieblingsebene andeuten, jetzt ihre goldenen Garben und purpurnen Früchte mit Tonnen gesalzener Fische und Fäßchen geräucherten Rogens vertauschen.

Der Schauplatz vor uns aber, der sich von den Curzolero-Felsen oder Echinaden bis an die gegenüberliegende Küste von Morea erstreckt, hat noch ein anderweitiges Interesse. Hier wurde nämlich eine der größten Seeschlachten gefochten, die von größerem und dauernderem Einfluß auf Europas Verhältnisse gewesen, als irgend ein anderes Seegefecht von der Schlacht bei Actium an bis zu der von Trafalgar. Am 7. Oktober 1571, dicht an der Küste, die nun schweigend zu unseren Füßen ruht und auf den Gewässern, die jetzt so ruhig sind wie ein Landsee und nur von einem Segel befahren werden, waren fünfhundert Galeeren im tödlichen Kampf begriffen; zehn Meilen weit war das Wasser mit einer Masse menschlicher Wesen dick bedeckt, die Wut atmeten und Tod verbreiteten, die wilde Furie des alten Kriegs und der alten Waffen mit den erhabenen Schrecken des neuen Geschützes verbindend. Als die Sonne niedersank über diesem grausen Gemetzel, lagen 250 Schiffswracke regungslos auf den Wellen, gerötet vom Herzblut von 35 000 Menschen. Das war das Bild, welches die denkwürdige Schlacht von Lepanto darbot, von der Cervantes im hohen Alter sagte, die Erinnerung daran sei ihm lieber als der rechte Arm, den er dabei verlor.15

Die Streitkräfte der Türken und der Verbündeten (des Papstes, Spaniens und Venedigs) waren beinah ganz gleich; beide Teile waren gleich kampfbegierig, gleich siegvertrauend; auf beiden Seiten flößten ausgezeichnete Heerführer Vertrauen ein, erregten Nacheiferung, sicherten die kriegser fahrene Führung und verhießen einen verzweifelten Kampf. Die Türken östlich von Messolonghi, die venezianische Flotte segelte die Küste von Akarnanien herab, und als sie zwischen den Curzolero-Inseln durchfuhr, kam sie unerwartet dem Feind zu Gesicht. Die erste Abteilung der Verbündeten unter Doria16 ging soweit seewärts, daß das Zentrum und das Hintertreffen aussegeln und eine gerade Schlachtlinie bilden konnten; diese erstreckte sich vier Meilen weit, zwischen je zwei Schiffen war immer eine Schiffslänge freigeblieben.

„Sobald man die Ungläubigen bemerkte“, sagt Contarinis lebhafte Erzählung17, „erscholl die frohe Nachricht von Schiff zu Schiff. Dann begannen die Christen in der Freude ihrer Herzen die Verdecke zu räumen, Waffen überall zu verteilen, wo es not tat und sich selbst zu rüsten, je nach ihrer Art und Weise, einige mit Hakenbüchsen und Hellebarden, andere mit eisernen Kolben, Piken, Schwertern und Dolchen. Kein Schiff hatte weniger als zweihundert Soldaten an Bord; auf den Flaggschiffen waren drei oder vierhundert. Mittlerweile luden die Büchsenmeister ihr Geschütz mit viereckigen, runden und Kettenkugeln und rüsteten ihr Ernstfeuerwerk18 mit den Töpfen, Granaten, Kugelnetzen und anderen zum Abfeuern nötigen Dingen. Jedes Schiff war wie zu einem Fest- und Freudentag mit Flaggen, Wimpeln, Fähnchen, Panieren und Fahnen geschmückt; die Trommeln, Trompeten, Pfeifen und Hörner ertönten; ein allgemeiner Freudenruf erscholl durch die Armada, und jeder einzelne betete für sich zur heiligen Dreieinigkeit und zur gebenedeiten Mutter Gottes, während die Priester und manche Hauptleute von einem Schiffsende zum anderen eilten, Kruzifixe in den Händen tragend und die Mannschaft ermahnend zu dem aufzuschauen, der sichtbar vom Himmel herniedergestiegen sei, um die Feinde seines Namens zu bekämpfen. Bewegt und entflammt vom heiligen Eifer erhob sich die große Gemeinschaft zu einem Leib, einem Geist und einem Willen, den Tod verachtend und keinen anderen Gedanken hegend, als den, für unseren Herrn und Heiland zu fechten. Wer dem anderen Unrecht getan oder von ihm gelitten hatte, umarmte ihn als Bruder, und Brust an Brust vergossen die Versöhnten Tränen der Rührung. O du gesegnete und gnadenreiche Allmacht Gottes, wie wunderbarlich sind deine Werke an denen, die da glauben!“ (Contarini, 48 b.)

Zuerst nahten sich die Flotten langsam und majestätisch; die Sonne war schon über Mittag hinaus und schien daher blendend den Türken ins Gesicht, und da ein Westwind sich gerade erhob, bevor die Flotten aneinander kamen, so bekamen die Verbündeten auch den Vorteil des Windes, so daß, als das Kanonenfeuer begann, der Rauch den Türken gerade entgegengetrieben wurde. Ein Korsar, der zum Rekognoszieren vorausgeschickt war, hatte das Hintertreffen nicht gesehen, berichtete also falsch über die Anzahl der Christen und sagte überdies, die großen Galeassen im Vordertreffen hätten nur auf den Vorderteilen Kanonen. Die Türken segelten also furchtlos vorwärts, in der Voraussetzung, daß wenn sie der Vorderbucht vorbei wären, alle Gefahr vorüber sein würde. Groß war also ihre Bestürzung, als von jeder Schiffsseite ein dichtes, gut gezieltes und ununterbrochenes Feuer losdonnerte, wovon jeder Schuß traf, indem die Kanonen viel niedriger gestellt waren als die von den mächtigen türkischen Schiffen, Zerstörung überallhin verbreitend, wohin das Feuer reichte. Lange blieben die Moslemin diesen tödlichen Salven ausgesetzt, da ihnen der Wind in die Zähne blies, und so oft in Zwischenräumen der Rauch sich verzog, sahen sie eine gräuliche Verwirrung von zersplitterten Focken, Rahen, Masten und Segeln; hier spalteten Galeeren auseinander, dort standen andere in Flammen, einige versanken, andere trieben mit der Flut hinab, nicht mehr gelenkt, denn ihre Ruderbänke waren zerschossen, und überall war die Oberfläche der See bedeckt mit verwundeten, toten oder ertrinkenden Menschen. (Contarini, S. 51.)

Ali Pascha und Don Juan, jeder ausgezeichnet durch die Flagge des Oberbefehlshabers, segelten aus dem Gedränge. Dreimal wurde Alis Galeere geentert und seine Mannschaft bis an den Hauptmast gedrängt und dreimal wurden die Spanier zurückgeworfen, bis in einem verhängnisvollen Augenblick Don Juan, gedrängt von einer unverhältnismäßigen Übermacht, die dem Pascha zu Hilfe geeilt war, ohne die Möglichkeit eines Entsatzes rettungslos verloren schien. Dennoch kam noch zeitig Hilfe und Don Juan konnte den Kampf mit seinem ausgezeichneten Gegner erneuern, und als seine Enterer wieder Haken anschlugen an des Paschas Galeere und noch einmal aufs Verdeck sprangen, da fiel Ali von einem Flintenschuß, und seine Mannschaft streckte die Waffen. Des Paschas Haupt wurde vom Rumpf getrennt und auf einen Speer gesteckt, den Don Juan selbst auf der Spitze seines Mastes befestigte. Die bald erkannte grausige Trophäe verbreitete Schrecken auf der ganzen muselmanischen Flotte und entschied das bis dahin schwankende Los des Tages.

Das Siegesgeschrei der Verbündeten im Hauptkorps fand erfreulichen Widerhall am linken Flügel, doch am rechten ging das Gefecht noch fort mit weniger gesichertem Erfolge. Doria hatte sich in einem weiten und fernen Kreis geschwenkt, als wollte er den Feind überflügeln, und war deswegen nicht ins Gefecht gekommen. Das geübte Auge Uludschi Alis bemerkte plötzlich den großen Vorteil, den diese Lücke in der christlichen Linie ihm darbot; er stürzte sich auf fünfzehn so von ihren Genossen getrennte Schiffe, nahm eine maltesische und verbrannte eine venezianische Galeere.

Die überlegene Taktik des algerischen Befehlshabers hielt den Doria noch länger in Atem, bis jener durch die schon durchbrochene Linie der Christen mutig drang, auf die Curzolari lossteuerte und mit zwanzig oder dreißig Schiffen seines Geschwaders den Rückzug bewerkstelligte. Dieser kleine Überrest, nebst einer ebensogroßen Reserve war alles, was nach fünfstündiger Schlacht von der großen türkischen Armada übrig war. Furchtbar war es wirklich, sagt Contarini, die See anzusehen, die von Blut gefärbt und mit Leichen bedeckt war, und traurig, die zahllosen Verwundeten zu schauen, die von den Wellen fortgeschleudert wurden und sich an zerbrochene Schiffstrümmer klammerten! Da konnte man Türken und Christen durcheinander erblicken, die, während sie sanken oder schwammen, um Hilfe flehten, oder vielleicht auf demselben Brett um den Besitz rangen. Überall hörte man Schreien, Stöhnen oder Weherufen, und als der Abend niedersank und Finsternis die Flut bedeckte, wurde das Schauspiel nur noch um so grauenhafter.

Die Türken verloren in dieser Seeschlacht die kaum glaubliche Zahl von 40 000 Mann an Getöteten, Gefangenen oder Befreiten und über zweihundert Kriegsschiffe. Dennoch war binnen sechzehn Monden nach dieser mörderischen Niederlage das siegreiche Bündnis aufgelöst und ein Traktat unterzeichnet, der Venedig zum Tribut an die Pforte verpflichtete, „so daß es schien,“ sagt Voltaire, „als hätten nicht die Christen, sondern die Türken die Schlacht bei Lepanto gewonnen.“ Die Ursache ist aber einfach genug: In sechs Monaten hatten die Türken, eine Anstrengung machend, wie nur die Römer im Ersten Punischen Krieg, eine Flotte ausgerüstet gleich der verlorenen, und überlegen derjenigen, welche die Verbündeten besaßen, die der Schlacht ausweichend nicht die See halten konnten. Nichtsdestoweniger rettete der Sieg von Lepanto Venedig und hinderte die Türken daran, in Italien oder Spanien einzufallen. Sollte der Besitzer von Konstantinopel einmal wieder das Mittelmeer bedrohen, so ist zu fürchten, daß Venedig, Barcelona und Ancona keine Flotten wieder ausrüsten, um die Unabhängigkeit ihres gemeinschaftlichen Besitztums zu schützen. Die ehemalige Königin des adriatischen Meeres hat keinen Doria mehr, Spanien keinen Don Juan d’Austria, für deren Schläfe die Lorbeeren von Lepanto grünen könnten.

1Ein Stremma ist beinahe ein Dritteil eines Morgen Landes. (Ein Morgen Land (= acre) enthält 4,40 Quadrat-Yards: ein Yard 5 Fuß; Anm. d. Übers.)

2Griechisch: νῦν μὲν τεταπεινωμέναι, τò δὲ παλαιòν πϱóσχημα τῆς έλλάδος ἦν ταῦτα τὰ ϰτίσματα (Jetzt zwar liegen sie danieder, doch einst waren diese Bauwerke das Vorbild von Hellas = Strabo I. 9)

3Es ist kaum nötig zu bemerken, daß die Entfernungen nach Stunden gerechnet werden; eine Stunde im Osten, so gut wie in Deutschland, kann man eine französische Lieue (entspricht etwa 4 km) rechnen.

4François Pouqueville (1770-1838), französischer Reisender und Diplomat (Red.).

5Griechisch: εὔϰαϱπος ϰάμπος.

6Griechisch: ἐλευθεϱία.

7Griechischer Begriff für eine militärische Einheit (Red.).

8Griechisch: εμπέλλοι.

9Diese regulären Irregulären stehen auf der Stufe des Übergangs von den früheren Horden zu disziplinierten Truppen; sie sind nämlich dem regelmäßigen Aufrücken einander untergeordneter Grade unterworfen, aber keineswegs diszipliniert.

10Beides griechische Generäle, die sich bei der verzweifelten, letztlich aber doch gescheiterten Verteidigung Messolonghis gegen die Türken in den Jahren 1822 und 1825-1826 große Verdienste erwarben (Red.).

11Von Venedig gegründete Hafenstadt in Epiros (Red.).

12Ali Pascha von Jannena (1741-1822), dem es gelang, in Nordgriechenland von 1810 bis 1821 ein von der Hohen Pforte unabhängiges Gebiet einzurichten (Red.).

13John Hobhouse (1786-1869), der 1812 einen Reisebericht mit dem Titel „Journey into Albania and other Turkish Provinces“, erschienen in London, herausbrachte (Red.).

14Eine geschützte äußere Festungsmauer bzw. eine Erdaufschüttung, die verhindern soll, dass man Feinde von der Mauer wegen des toten Winkels nicht wahrnimmt (Red.).

15Hier irrt Urquhart, denn Cervantes verlor im Verlauf der Schlacht die linke Hand durch drei Pistolenschüsse. Ansonsten bliebe der Ausdruck auch unverständlich (Red.).

16Giovanni Andrea Doria, gest. 1606, war der Befehlshaber Flotte der sog. Heiligen Liga von 1571, der sogar während der Schlacht ein Beispiel für die bei solchen Gelegenheiten immer wieder anzutreffende Hinterlist der Venezianer bot (Red.).

17Giovanni Pietro Contarini, Historia de bello nuper Venetis a Selimo II. Turcarum Imperatore illato. Basel 1573. Zum Teil gleichzeitig erschienen bereits Übersetzungen des Textes in die gebräuchlichen europäischen Sprachen (Red.).

18Alter Ausdruck, dessen Gegensatz das zur Erheiterung dienende Feuerwerk ist (Red.).

FÜNFTES KAPITEL
ANATOLIKÓ - TRIGARDON - MOOR VON LEZINI - SCHWIMMEN NACH EINEM KLOSTER - SENKUNG DER KÜSTE VON AKARNANIEN UND EPIRUS

In Anatolikó schliefen wir im Haus des Erzbischofs, wo wir wieder den ganzen Abend und den folgenden Morgen mit der Grenzlinie gepeinigt wurden, dem einzigen Gegenstand, über den zu sprechen das Volk Lust hat. Einigermaßen bekam die Angelegenheit immer eine neue Gestalt, und die Darstellung und Ansicht des kriegerischen Prälaten Porphyrios gewährte uns Unterhaltung. Er war früher Erzbischof von Arta gewesen, aber während der Revolution hatte er sich gegürtet, trug Pistolen im Gürtel und hatte bei mancher Gelegenheit einen Reiterzug angeführt, das Kreuz in der einen Hand, das Schwert in der anderen. Wir besahen in der Kirche die Stelle, wo glücklicherweise eine Granate einen Brunnen öffnete, während der Pascha von Skodra die Stadt belagerte und nahe daran war, sie zu erobern, weil es ihr an Wasser fehlte.

Gegen regelmäßige militärische Operationen muß Anatolikó viel leichter zu verteidigen sein als Messolonghi, das in der Tat durchaus nicht leicht zu verteidigen ist, obgleich es, wie der Erfolg bewiesen hat, für eine griechische Verteidigung und einen türkischen Angriff viel besser paßt. Die Griechen fürchten sich nämlich wenig vor Breschen und Sturmlaufen, aber sie haben Angst vor dem gewaltigen und unaufhörlichen Granatenregen, den die große Ausdehnung und der weiche Boden von Messolonghi weniger zerstörend machte als er es in dem beengten Raum und auf dem Felsenboden von Anatolikó gewesen sein würde.

Von Anatolikó nach Niochóri ist eine Stunde; von da nach Katóchi, wo man über den Aspropotamos kommt, wieder eine Stunde. Wir wandten uns nach links, gingen den Fluß hinab und kamen in einer halben Stunde zu den Ruinen von Trigardon, die in einem weiten Kreis von zyklopischen und hellenischen Mauern drei Hügel einschließen, die in früheren Zeiten eine der Inseln von der Gruppe der Echinaden gewesen sein müssen. Fast die Hälfte des Umkreises stößt an das große Moor von Lezini. An der Nordseite im Moor scheinen Überbleibsel eines Hafens zu liegen. Ein tiefer Kanal führt durch das Moor von der See bis zu diesem Punkt, und auf seinem Lauf sieht man nichts von dem Schilf, womit der übrige Teil des Moors, vom nördlichen Hügel zehn oder zwölf Meilen weit, gleich einer Ebene mit grünen Gesträuchen bedeckt ist.

Wir waren sehr erstaunt über die Ausdehnung und Pracht der Trümmer von Alt-Pleurona im Vergleich mit dem beschränkten Umfang der Gegend. Neu-Pleurona setzte uns noch mehr in Erstaunen. Aber Trigardon und die Menge der hellenischen Überreste, die wir jetzt nach allen Seiten hin erblickten, erfüllten uns mit Bewunderung. In dem Raum einer Tagesreise waren in diesem fast unbekannten Winkel Denkmäler des Reichtums und der Macht zusammengedrängt, die alles übertrafen, was von der Glorie des Peloponnes übrig geblieben ist. Wir müssen aber nicht vergessen, daß dies die Gefilde waren, denen des Augias Ställe den Dünger lieferten, wo Herakles’ Arm die Mistgabel führte, wo die in dieser mythologischen Sprache aufbewahrte Kunst des Ackerbaus und der Gewerbefleiß mit der Güte der Erde und dem Tribut der See gesegnet wurden. Kein Wunder daher, daß es hier gewesen sein soll, wo „der Überfluß mit seinem Füllhorn in das lachende Leben sprang.“ Deshalb waren solche Bauwerke errichtet, um die Güter zu schützen, welche die Götter verliehen, und nach dreieinhalbtausend Jahren Zeugnis zu geben von der Verfeinerung, die mit solcher Tatkraft verbunden war, von der Wissenschaft, die sich mit solchem Wohlstand vereinte.

Ein hübscher junger Mensch, den wir in Katóchi um den Weg nach Trigardon fragten, erbot sich, uns zu begleiten. Er bestieg sein Pferd und zeigte uns die interessantesten Punkte, die allein aufzufinden uns vielleicht Tage weggenommen hätten. Wir bedauerten, daß wir unser Zelt vorausgeschickt hatten und so also nur wenige Stunden zum Umherwandern hatten. Die Dichtheit des Unterholzes und besonders des Schwarzdorns, der überall unser Erzfeind gewesen war, machte den Besuch jedes einzelnen Teiles schwierig und verhinderte uns geradezu, die Stelle zu untersuchen, wo der alte Hafen gelegen haben mußte. Ein großer Turm hellenischer Bauart, noch jetzt fast fünfzig Fuß hoch, verteidigt den Hafen, wie er früher war, gegen die Stadt, und vieleckige Mauern, die sich von der Stadt her strecken und den Hafen umkreisen, sind mit den Stadtmauern durch Erdaufwürfe verbunden, die sich ersichtlich aus anderer Zeit herschreiben. Unter diesen Ruinen herrschte die vieleckige Bauart vor, entbehrte aber gänzlich des charakteristischen Altertums, das man in den zyklopischen Überresten von Tiryns oder selbst von Mykenai findet. Die Steine sind fast von gleichen Größen, schön verbunden und an den Ecken ziseliert. Während wir über die den Hafen umgebende Mauer kletterten, kamen wir zu unserem größten Erstaunen zu einem Torweg in der vieleckigen Mauer mit einem Bogen darüber. Der Bogen war sehr flach, fast halbzirkelförmig; die ihn bildenden Steine bewahrten den Charakter des Vielecks.

Obgleich dieser Bogen in einer Mauer sich befindet, von dem Baustil, der dem entferntesten Altertum angehört, so möchte ich ihn nicht gleichstellen mit den Ruinen von Pleurona und Chalkis, nicht einmal mit denen aus dem Zeitalter des Perikles. Doch möchte ich ihn in eine Zeit vor der Ankunft der Römer in Griechenland setzen, und wäre das richtig, so würde es beweisen, daß, obgleich die Bögen gewöhnlich nicht angewendet wurden, sie doch wenigstens in Griechenland bekannt waren vor der römischen Eroberung. Die Ruinen von „Kyria Iríni“ bestätigen diese Vermutung. Die Ausfalltore in den Mauern sind gewölbt, wenn auch der Bogen zuweilen nur aus zwei Steinen besteht, die von jeder Mauerseite zusammenstoßen und in einen Halbzirkel ausgehöhlt sind; zuweilen ist der Bogen aber auch aus drei Steinen gebildet, wovon der mittlere dann einen regelmäßigen Schlußstein abgibt. In demselben Ort befindet sich eine geräumige Zisterne im Felsen, die von drei Mauern durchschnitten wird und in jedem derselben sind verschiedene Bogen; aber obgleich ihre Form gotisch ist, sind sie doch nach indischem Grundsatz gebaut. Das Gewölbe im Gebäude zu Mykenai, das man gewöhnlich Agamemnons Grab nennt, ist aus einer Reihenfolge von Kreisen gebildet, die je höher je enger werden, so daß jeder Kreis ein waagerechter Bogen ist.

Trigardon (ein verdorbenes slawisches Wort, das so viel bedeutet wie „Dreistadt“) muß das alte Oiniadai sein. Jeder Zweifel daran müßte schwinden, wenn man meine Beschreibung des Hafens mit der folgenden Stelle im Polybius vergleicht, aus den Kriegen Philipps des Zweiten mit den Ätoliern. Nach dem siegreichen Einfall in Ätolien und der Bestürmung von Thermus ging Philipp zurück nach Oiniadai, wohin er seine Flotte geschickt hatte, um die Rückkehr des Heeres nach der Küste zu erwarten. Die Ätolier rüsteten sich, diesen stark befestigten Platz zu verteidigen, aber Philipps Nahen erfüllte sie mit panischem Schrecken und sie räumten die Stadt. Philipp nahm sie in Besitz, verheerte von dort aus das kalydonische Gebiet und brachte die gesammelte Beute in die Stadtmauern. Der Geschichtsschreiber sagt: „Er bemerkte die bewundernswerte Lage der Stadt, die an den Grenzen Akarnaniens und Ätoliens liegt, an der Mündung des Achelous, an dem Eingang des korinthischen Meerbusens, nur hundert Stadien von der peloponnesischen Küste, und da die Stadt durch ihre Festungswerke und das sie umgebende Moor stark ist, so beschloß er, sie noch mehr zu befestigen. Er umgab daher den Hafen und die Schiffsstation mit einer Mauer und verband sie mit der Zitadelle.1

Unser Führer erzählte uns, daß an einigen Stellen sich unterirdische Klüfte oder Altäre2 befinden, zu denen man ihn als Kind mitgenommen habe; die Seiten seien mit Gemälden3 bedeckt, aber das seien keine Heiligenbilder. Er konnte sich aber auf den Platz nicht wieder besinnen. In den Felsen ist ein Theater eingehauen, dessen rechtes und nördliches Ende durch einen Aufwurf gestützt wird, und mit vieleckigem Mauerwerk versehen ist, so wie das südliche Ende mit hellenischem und einer Treppenflucht neben den Sitzen. Die Area hält etwa fünf und dreißig Schritte; zwanzig Reihen Sitze, dreieinhalb Fuß tief, laufen rund umher, und vielleicht doppelt so viele erheben sich hinter diesen. Die Stadt ist eben so vollständig untergegangen wie ihre Zeitgenossen, aber sie ist so mit Wald angefüllt und so weitläufig, daß sie nur mit Schwierigkeiten untersucht werden kann, und noch manche unerforschte archäologische Schätze enthalten mag.

Die Sonne war nicht mehr weit vom Horizont, als wir mit Widerstreben die Trümmer verließen. Wir mußten nach Katuna zurückkehren; von da waren es noch zwei Stunden nach dem Kloster Lezini und eben so weit nach Guria, dem Dorf, wohin wir unser Zelt zum Aufschlagen geschickt hatten. Wir beschlossen, den Weg nach dem Kloster einzuschlagen. Gleich jedem Fußweg in Griechenland war der Weg nach Lezini kaum von den Schafwegen zu unterscheiden; überdies führte er über einen dichtbewachsenen Hügel, und nicht ohne uns von Herzen Glück zu wünschen (obgleich uns niemand erwartete), befanden wir uns eine halbe Stunde nach Dunkelwerden am Rande des Moors, aber - das Kloster lag mitten drinnen! Wir waren nun wirklich in Verlegenheit; eine halbe Stunde riefen und schrieen wir, aber nur Schakale antworteten uns. Was sollten wir tun? Wir waren über die Maßen müde, ebenso hungrig und besonders unlustig, eine der Alternativen zu wählen, umzukehren oder ohne Abendbrot uns niederzulegen auf die kalten Felsen zwischen dem Gequake von Myriaden Fröschen, deren unzählbare Stimmen aus dem zwanzig bis dreißig Quadratmeilen weiten Moor erschollen, und zwar so taktmäßig, daß man sie mit Pulsschlägen der Erde hätte vergleichen können. Ich entkleidete mich also, band mein Hemd rund um meinen breitrandigen Strohhut und vertraute mich den Najaden des Moors. Ich hatte mich aber in meiner Schätzung der Entfernung arg verrechnet. Die Nacht war rabenschwarz; durch das Moor führte ein Kanal nach dem Kloster; die Seiten schienen fest, aber wenn ich versuchte, mich daran zu hängen, oder hinauf zu klettern, so versank ich in dem Schlamm oder verstrickte und ritzte mich in die Dornen und das gebrochene Schilf. So wurde ich gezwungen, mich im offenen Kanal zu halten, und das Wasser, das mein Hemd und Hut erreicht hatte, drückte mir nun den Kopf nieder und drang mir in die Ohren. In dieser wahrhaftig nicht beneidenswerten Lage schwamm ich langsam fort, als ich plötzlich sah, denn hören konnte ich gar nichts, daß ein Boot dicht bei mir im Begriff war, mich zu überfahren. Ich schrie auf mit all dem Ausdruck, den ein plötzlicher Schrecken und ein Mundvoll Wasser verleihen. Der Schiffer war nicht um ein Haar weniger erschreckt von dem unmenschlichen Schrei aus dem Wasser und dem Anblick einer weißen, schwimmenden Substanz, gleich einer ungeheuren Wasserlilie, unter welcher Gestalt sich die Leute den Nix oder Moorgeist denken. Er schrie und brüllte, fuhr mit aller Macht davon, stieß gegen das Ufer, taumelte Hals über Kopf und verlor seine Stange. Dann plätscherte er zurück zum Kloster mit der Bank aus dem Boot. Ich konnte nichts tun als ihm nachschwimmen, als ich glücklicherweise auf ein Schilfbündel stieß, mich daran hing, um auszuruhen und so einen Augenblick lang mein Haupt mit der nassen Last aus dem Wasser heben konnte. Da traf mein Ohr der nicht weit entfernte Ruf: „Wer da? Zurück! Sprich, oder ich schieße!“ und erst nach viertelstundenlangen Versicherungen und Erklärungen wurde es mir gestattet, dem Ufer mich zu nähern, wobei ich die oft wiederholte tröstliche Versicherung bekam, daß zwanzig Musketen und ein Neunpfünder voll Kartätschen auf mich gerichtet wären, wovon als Beweis die brennende Lunte diente, die mir gezeigt und geschwungen wurde. So zähneklappernd und zerfetzt ich auch war, konnte ich mich doch nicht enthalten, über diese kriegerische Zurüstung mich lustig zu machen. Endlich hatte ich die Leute überzeugt, daß ich kein Moorgeist wäre, denn sonst hätte ich nicht um ihre Erlaubnis gebeten; daß ich kein Räuber wäre, weil ich sonst nicht so laut geschrieen hätte; und daß ich nur ein nacktes Menschenkind wäre. Da erlaubten sie mir ans Land zu kommen, und nun wurde ich so herzlich aufgenommen, wie niemals sonst in meinem ganzen Leben. Der eine zog seine Schuhe von den Füßen ab und mir an; der zweite seinen Schurz, um mich damit zu gürten; der dritte hüllte mich in seine warme Jacke, und meine Toilette wurde zum unendlichen Vergnügen der ganzen Gesellschaft von den Domherren des ehrwürdigen Abtes besorgt. In diesem Zustand kam ich oder wurde vielmehr getragen nach dem nahen Kloster, während ein Boot abgeschickt wurde, meinen Reisegefährten zu holen. Er und ich haben uns nie über die Entfernung einigen können; er machte nur eine halbe Meile daraus, ich wenigstens anderthalb, und nach meiner Schwimmpartie sollte ich es doch am besten wissen. Die Griechen waren über diese Heldentat sehr erstaunt, die erst einmal vorgekommen war, obgleich Hunderte bei dem Versuch, auf diese Weise den Türken zu entfliehen, umgekommen waren.

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