Kitabı oku: «Christen begegnen Muslimen»
David W. Shenk
Christen begegnen Muslimen
Wege zu echter Freundschaft
Aus dem Englischen übersetzt von Heike Geist

Zu diesem Buch
Christen und Muslime stellen gemeinsam mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung dar. Täglich berichten Medien über gewaltsame Konflikte zwischen ihnen. Wie können Christen in dieser turbulenten Welt Botschafter von Jesus Christus und seinem Frieden sein? Wie können sie freundschaftliche Beziehungen mit Muslimen aufbauen?
David W. Shenk bezeugt, dass Christen ihrem eigenen Glauben zutiefst treu bleiben und zugleich echte Beziehungen zu Muslimen entwickeln können. Auf der Basis seiner lebenslangen Erfahrung und tiefen Kenntnis liefert dieses Buch eine Fülle von wertvollen Anregungen.
Spannend und unterhaltsam erzählt Shenk von positiven Überraschungen und spektakulären Erfolgen, aber auch von tragischen Fehlern und Missverständnissen. Fragen am Ende jedes Kapitels dienen dazu, die Inhalte in Kleingruppen oder selbstständig weiter zu vertiefen.
Stimmen zu diesem Buch
„Ich kann mir kaum ein Buch vorstellen, das besser in unsere Zeit passt. Als jemand, die häufig in den Krisenregionen des Nahen Ostens ist, um Menschen des Friedens aufzusuchen, finde ich dieses Buch extrem hilfreich und inspirierend.“
Lynne Hybels, Mitgründerin der Willow Creek Community Church
„David Shenk liefert ein kraftvolles Hilfsmittel, das zeigt, wie wir Brücken der Freundschaft mit unseren muslimischen Nachbarn bauen können. Ich ermutige Sie, die bewährten Wege, die in diesem herausfordernden Buch beschrieben werden, zu lesen, aufzunehmen und mutig einzuschlagen.“
Geoff Tunnicliffe, Generalsekretär der Weltweiten Evangelischen Allianz
„Shenk besteht darauf, dass wir unserem eigenen Glauben zutiefst treu bleiben und zugleich echte Beziehungen zu Menschen anstreben können, die an ihren Überzeugungen festhalten. Seine lebenslange Erfahrung mit Begegnungen zwischen Christen und Muslimen bietet beides: Klarheit über die Herausforderungen dieser Beziehungen und Hoffnung auf Frieden zwischen allen Kindern Abrahams.“
Laurie Mellinger, Dekanin am Evangelical Seminary
„In dieser entscheidenden Zeit müssen David Shenks prophetischem Ruf alle folgen, die sich nach Frieden in dieser Welt sehnen – seinem Ruf, das Kapitel des historischen Misstrauens und der Feindseligkeit abzuschließen und das Risiko des ernsthaften Gespräches mit unseren muslimischen Nachbarn hoffnungsvoll einzugehen.“
Andrew F. Bush, Professor für Mission an der Eastern University
„Inmitten von Konfliktstürmen zwischen Muslimen und Christen ist dieses Buch ein Donnerschlag der Gnade. Ohne Abstriche bei seinen eigenen Überzeugungen zu machen und aus einer tiefen persönlichen Erfahrung heraus, bringt David Shenk unserer geteilten Welt kraftvolle Weisheit und Empathie.“
Rachel Pieh Jones, Autorin und Bloggerin
„Aus einer tiefen Quelle von Erfahrung liefert Shenk lehrreiche und praktische Wege, wie Christen Muslimen Freunde werden können. Ich empfehle dieses Buch all jenen, die einer gebrochenen und belasteten Welt Gottes Botschaft der Versöhnung verkünden möchten.“
John Azumah, Dozent für World Christianity and Islam, Columbia Theological Seminary
Über den Autor

Dr. David W. Shenk wurde 1937 in Ostafrika als Kind von Missionaren geboren.
Der Theologe und Anthropologe promovierte an der Universität von New York und lebte mit seiner Familie jahrzehntelang in Tansania, Somalia und Kenia. David W. Shenk arbeitete als Gemeindepastor sowie in unterschiedlichen Funktionen für die nordamerikanische Missionsgesellschaft Eastern Mennonite Missions (EMM), die er auch eine Zeit lang leitete. Von 1998 bis 2002 war er Theologieprofessor und Dekan des Lithuania Christian College in Klaipeda, Litauen.
Im Rahmen seiner Lehrtätigkeit und seines Engagements im Dialog mit Muslimen war er bereits in über 100 Ländern. Er ist weltweit als Redner sowohl im christlichen wie auch im muslimischen Kontext gefragt. Heute ist David W. Shenk Global Consultant für EMM, wenn es um Beziehungen zwischen Christen und Muslimen geht, und besucht jährlich etwa 15 Länder. Als Referent und Dozent ist er auch am Theologischen Seminar Bienenberg, Liestal, sowie der Akademie für Weltmission, Korntal, tätig.
David W. Shenk verfasste (zum Teil als Co-Autor) 15 Bücher und zahlreiche Broschüren sowie Kursmaterial. Auf Deutsch erschien Woran ich glaube – Ein Muslim und ein Christ im Gespräch (Neufeld Verlag, Schwarzenfeld 2005) sowie (mit Ervin R. Stutzman) Neue Gemeinden – Gemeindegründung im Neuen Testament und heute (Verlag Wolfgang Simson, Lörrach 1992).
Er und seine Frau Grace haben vier erwachsene Kinder und sieben Enkel. Sie leben in Mountville, Pennsylvania, USA.
Impressum
Dieses Buch als E-Book: ISBN 978-3-86256-771-3
Dieses Buch in gedruckter Form:
ISBN 978-3-86256-069-1, Bestell-Nummer 590 069
Die englische Originalausgabe dieses Buches erschien unter dem Titel Christian. Muslim. Friend – Twelve Paths to Real Relationship. © 2014 Herald Press, Harrisonburg, Virginia 22802, USA. All rights reserved.
Die deutsche Übersetzung wurde in Zusammenarbeit mit Christen begegnen Muslimen, einem Arbeitszweig von MEOS – Interkulturelle Dienste, herausgegeben. Der Verlag dankt auch dem Theologischen Seminar Bienenberg sowie der Schweizerischen Mennonitischen Mission für ihre Unterstützung bei der Herausgabe dieses Buches.
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar
Bibelzitate, sofern nicht anders angegeben, sind der Übersetzung Hoffnung für alle entnommen. Copyright 1983, 1996, 2003 by International Bible Society. Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Verlages
Koranzitate und die Verszählung sind der deutschen Übersetzung von Rudi Paret entnommen (Der Koran – Kommentar und Konkordanz. Kohlhammer, Stuttgart 122014). Die Verszählung weicht in den unterschiedlichen Koran-Übersetzungen etwas voneinander ab.
Im Deutschen eingebürgerte arabische Namen und Begriffe (z. B. Kaaba) werden in der gebräuchlichen deutschen Schreibweise wiedergegeben, andere in vereinfachter deutscher Umschrift (z. B. Hidschra).
Lektorat: Małgorzata Stanek, Lukas Baumann Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson Umschlagbilder: William Perugini, Photographee.eu/Shutterstock.com Satz: Neufeld Media, Weißenburg in Bayern
© 2015 Neufeld Verlag Schwarzenfeld
Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages www.neufeld-verlag.de / www.neufeld-verlag.ch
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Inhaltsverzeichnis
Zu diesem Buch
Stimmen zu diesem Buch
Über den Autor
Impressum
Vorwort
Einführung: Meine Reise mit Muslimen
Wer seid ihr?
Warum seid ihr gekommen?
Die Herrschaft Gottes suchen
Friedenstiften und Gebet
Der Schmerz und die Freude des Dialoges
Umzug nach Kenia
Freundschaftliche Beziehungen mit Sufis kultivieren
Eine globale Sicht auf die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen
KAPITEL 1
Integer leben
Authentisches Zeugnis
Den Behörden gegenüber Rechenschaft ablegen
Verlassen Sie das Land, wenn Sie hoffen, dass meine Leute Christen werden
Fragt den Christen
Das Salz der Integrität
Unschuldig wie die Tauben
KAPITEL 2
Sich seiner Identität bewusst sein
Die politische Ordnung und das Reich Gottes
Einander ermutigen
Versteckspiele vermeiden
Identität in der Gemeinde von Philadelphia
Eine bewusste Identität kann Türen öffnen
Identität beim Besuch einer Moschee
Einwände gegen das Versteckspiel
Identität und gelebter Ausdruck
Symbole kommunizieren Identität
Identität entdecken in Mogadischu
Debatten um Kontextualisierung
Das Evangelium der Freiheit
KAPITEL 3
Respekt erweisen
Gegenseitigen Respekt fördern
Was denken Sie über Mohammed?
Keine Mauern bauen
Der Koran und die Bibel
Einwände gegen eine respektvolle Haltung
Die Hinweise auf das Evangelium erkennen
Menschen des Buches
KAPITEL 4
Vertrauen aufbauen
Grundlagen des Vertrauensaufbaus
Gezielte Schritte, um Vertrauen aufzubauen
Eine revolutionäre Präsenz
Wer bezahlt euch?
Islam im Lehrplan!
Geld für Gefälligkeiten?
Bibelstudien und Imame
Halima verbürgt sich für das Evangelium
Die Gute Nachricht innerhalb der muslimischen Weltsicht verkünden
Von Vertrauen zum Glauben
KAPITEL 5
Gespräch über die verschiedenen Glaubensgrundlagen
Die abrahamitischen Religionen
Das Haus des Islam: Umma
Die sechs Säulen der Pflicht
Kurzer Vergleich zwischen der Umma und der christlichen Gemeinde
Die große Stadt: die Gemeinde
Die zwölf Tore
Die zwölf Fundamentsteine
Das Lamm als Zentrum der Gemeinde
Die Gemeinde trifft die Umma
Von Frauen überrascht
Gemeinschaften, die Heilung für die Nationen bringen
Heilung für die Einzelnen
Ein Leben spendender Fluss
KAPITEL 6
Gastfreundschaft leben
Gastfreundliche Gemeinschaften
Unser Vater ist gastfreundlich!
Ein Becher kalten Wassers
Sprache: die Herausforderung der Gastfreundschaft
Gastfreundschaft leben und erleben
Ein gemeinsames Wort
Wie man sich bei gemeinsamen Mahlzeiten von Muslimen und Christen verhält
Muslimische Gäste willkommen heißen
Gastfreundschaft von Gemeinschaft zu Gemeinschaft
Bei Freundschaften vorsichtig sein
Beziehungen zu muslimischen Nachbarn aufbauen
Politische Auswirkungen von Gastfreundschaft
Diskussion über Kernwerte
Beispiele der Fürsorge
KAPITEL 7
Fragen beantworten
Fragen akzeptieren
Wurde die Bibel verändert?
Was bedeutet es, wenn ihr Christen vom Sohn Gottes sprecht?
Warum benennt ihr Gott als Dreieinigkeit?
Wie konnte der Messias gekreuzigt werden?
Unglaubliches Opfer
Überraschend gute Nachricht
Wie sehr liebt Gott?
KAPITEL 8
Zerrbilder korrigieren
Sagt die Wahrheit und seid freundlich
Die muslimischen Verzerrungen über den Heiligen Geist klarstellen
Die Verzerrungen der Christen über Allah ansprechen
Das muslimische Zerrbild der Bibel ansprechen
Das christliche Zerrbild des Korans ansprechen
Die Botschaft der Schriften erkunden
Guten Willen fördern
KAPITEL 9
Die Wahl bedenken: Die Hidschra. Das Kreuz.
Mohammed: Von Mekka nach Medina
Jesus: Von Galiläa nach Jerusalem
Konstantin: Der Marsch auf Rom
Welchen Weg wählen wir?
KAPITEL 10
Frieden suchen und leben
Den Weg Jesu wählen
Die Bedeutung des Kreuzes
Versöhnt und vergeben
Den Hass wählen
Indonesische Friedensstifter
Dem Dschihād begegnen
Heilung für die Nationen
KAPITEL 11
Mit Menschen des Friedens zusammenarbeiten
Definition von Terrorismus – und seine Wurzeln
Ein früherer Dschihadist spricht sich für Frieden aus
Samen des Friedens aussäen
Ein Botschafter des Friedefürsten
Beziehungen für den Frieden aufbauen
Friedenstiften in Tansania
Informelle Friedensbeziehungen
Lassen Sie sich von Fehlern nicht entmutigen
Ahmed, der einbeinige Friedensstifter
KAPITEL 12
Christus empfehlen
Ahmeds erwachendes Interesse am Evangelium
Was ist das Evangelium?
Der Zugang zur Bibel ist wichtig
Ein Muslim fragt nach Zeichen der Wahrheit im Islam
Das messianische Geheimnis
Wunder und Erscheinungen
Offene Türen: die Gemeinde von Philadelphia
Die offenen Türen durchschreiten
Die Überraschung der Gemeinde
Eine Botschaft aus Kairo
In Hoffnung leben
Anhang
A. Christian/Muslim Relations Team
Unsere Verpflichtung zum Zeugnisgeben
B. Namen und Eigenschaften Jesu im Koran
C. Bezüge des Korans auf die Bibel
Gott hat frühere Schriften offenbart
Die Menschen des Buches sollen ihre Schriften respektieren und schützen
Literatur
Mehr aus dem Neufeld Verlag:
Dem anderen als Mensch begegnen
Mit fremden Freunden leben
Eine Kultur des Friedens
Vom Konflikt zur Versöhnung
Von Liebe und Widerstand
Über den Verlag
Für Ahmed Ali Haile, einen Botschafter des Friedens
Vorwort
Wir machen äußerst unterschiedliche Erfahrungen, wenn wir Muslime treffen und kennenlernen. Ich habe viele Moscheen besucht und führte dort viele Gespräche mit Muslimen über den Glauben. Viele der Leserinnen und Leser1 leben jedoch in Regionen, in denen es einem Nicht-Muslim unmöglich wäre, eine Moschee zu betreten. Dennoch hoffe ich, dass die Grundprinzipien, auf denen dieses Buch basiert, all jenen Christen eine Hilfe sein werden, die mit Muslimen in Kontakt stehen, wie immer auch die Umstände sein mögen.
Ich bin Nordamerikaner und in Tansania aufgewachsen, wo meine Eltern mit einer mennonitischen Missionsgesellschaft als Pioniermissionare dienten. Diese Herkunft hat mich wesentlich geprägt. Ich schreibe daher ganz anders als ein nigerianischer Christ, der an Jesus, den Messias, glaubt und in einer muslimischen Familie aufwuchs, oder als ein Christ, der im überbevölkerten Stadtgebiet von Jakarta in Indonesien geboren wurde. Wenn wir über Wege zu echter Freundschaft zwischen Christen und Muslimen nachdenken, bin ich mir dessen bewusst, dass meine eigenen Erfahrungen sich von jenen der Christen im Nahen Osten unterscheiden, die die alten christlichen Kirchen in mehrheitlich muslimischen Gesellschaften repräsentieren. Jede christliche Gemeinde hat eine besondere Gabe, eine Antwort auf die Frage zu geben, wie Christen freundschaftliche Beziehungen mit Muslimen aufbauen können. In diesem Buch sollen die beschriebenen zwölf Wege zu echter Freundschaft ein bescheidener Beitrag zum Austausch über aktuelle Herausforderungen und Realitäten sein, mit denen man konfrontiert ist, wenn man als Christ Beziehungen zu Muslimen aufbaut. Dabei konzentriere ich mich insbesondere auf nordamerikanische und westliche Christen.
In diesem Buch beschreibe ich die Erfahrung westlicher Christen, die sich beauftragt fühlen, gute Nachbarn unter Muslimen zu sein. In gewisser Weise beinhaltet dieses Buch meine persönliche Geschichte. Es berichtet von den Entdeckungen, die ich als nordamerikanischer Christ, der an Jesus, den Messias, glaubt, in meinen langjährigen Freundschaften mit Muslimen gemacht habe. Ich schreibe für alle, die unter Muslimen leben und ihnen dienen wollen. Ich treffe vielfach Christen, die ihre Heimat im Westen verlassen, um unter Muslimen zu leben und ihnen zu dienen. Diese Menschen bitten mich oft um Rat, wie sie sich in die muslimische Gemeinschaft einbringen können. Ich hoffe, dieses Buch kann sowohl Ermutigung als auch hilfreicher Rat für diejenigen sein, die freundschaftliche Beziehungen zu Muslimen in jeder Region dieser Welt aufbauen und pflegen möchten.
Ich schreibe auch für westliche Christen, die sich von Gott aufgerufen fühlen, in ihrer direkten Umgebung Kontakte zu Muslimen aufzubauen. Für viele Christen im Westen sind Muslime längst zu ihren Nachbarn geworden. Dieses Buch will uns alle, Muslime wie Christen, dafür ausrüsten, einander gute Nachbarn zu sein.
Die Bücher, die wir bisher in der Reihe Christians Meeting Muslims herausgebracht haben, können denjenigen als Ressource dienen, die sich mit uns auf die Reise begeben möchten. Jedes der drei Bücher kann mit wenigen Worten zusammengefasst werden: Der Dialog steht im Fokus des Buches Woran ich glaube. Ein Muslim und ein Christ im Gespräch, das ich gemeinsam mit Badru D. Kateregga2 geschrieben habe. Journeys of the Muslims Nations and the Christian Church: Exploring the Mission of Two Communities handelt vom Zeugnis von Jesus Christus und von seiner Einladung an uns Menschen. Ahmed Ali Haile spricht in Teatime in Mogadishu: My Journey as a Peace Ambassador in the World of Islam vom Friedenstiften.
Jedes dieser Bücher enthält Fragen zum weiteren Selbststudium. Es umfasst dreizehn Abschnitte oder Kapitel und zielt darauf ab, Diskussionen in Kleingruppen anzuregen. Und es kann als Schulmaterial verwendet werden. Jedes Buch ist ein Gewinn für all jene, die unter dem Aspekt der christuszentrierten Nachfolge die muslimische Gemeinschaft besser verstehen wollen.
Warum habe ich mir dann die Mühe gemacht, ein viertes Buch zu schreiben? Ich konzentriere mich hier auf die Freuden und Herausforderungen in Freundschaften zwischen Christen und Muslimen. Dabei schreibe ich mit Dringlichkeit, denn wir leben in einer Zeit, in der unsere Hingabe, Freundschaften aufzubauen, nicht selten aufs Äußerste herausgefordert wird. Dieses Buch ergänzt die bereits vorliegenden drei Bücher der erwähnten Reihe.
Dieses Buch habe ich auch mit dem Ziel geschrieben, Kleingruppen zum regen Austausch zu bewegen, und für den Gebrauch im Unterricht als Lehrbuch zu christlichmuslimischen Beziehungen. Die Fragen am Ende jedes Kapitels dienen dazu, die damit verbundenen Herausforderungen und Gelegenheiten zu entdecken.
In meinem Unterwegssein mit Muslimen wurde ich enorm beschenkt. Ich hoffe, dass dieses Buch den einen oder anderen ebenfalls inspiriert, die Freuden und Herausforderungen zu entdecken, auf die man stößt, wenn Christen Muslime kennenlernen.
David W. Shenk
1Im Folgenden wird um der Lesbarkeit willen auf die Nennung der weiblichen Formen verzichtet, die männlichen Formen (Christ, Muslim usw.) beziehen sich selbstverständlich gleichermaßen auf weibliche und männliche Personen.
2Prof. Badru D. Kateregga ist Vize-Kanzler der Kampala University und Gastprofessor an der Makerere University in Kampala, Uganda. Von 1985 bis 1995 war er Botschafter der Republik Uganda in Saudi-Arabien, den Golfstaaten und Pakistan.
Einführung: Meine Reise mit Muslimen
Mein Eintauchen in die muslimische Gemeinschaft begann in Somalia auf dem Flughafen in Mogadischu. Zwei Tage nach unserer Ankunft nahm meine Freundschaft mit Muslimen in einer lauten Teestube im Stadtzentrum ihren Anfang. Im August 1963 stieg ich mit meiner Familie aus einer propellerbetriebenen DC-3-Maschine und wir fanden uns auf einer Landebahn in der Nähe der windigen Strände am Horn von Afrika wieder. Meine Frau Grace und ich waren mit unseren zwei Töchtern, der zweijährigen Karen und der zwei Monate alten Doris, in Somalia angekommen.
Während der Stunde, die wir brauchten, um uns durch das verwirrende Chaos von Einwanderungsbehörde, Zollkontrolle, Inspektion der Gesundheitsdokumente und der Deklaration unserer finanziellen Mittel zu kämpfen, während gleichzeitig Gepäckträger nach uns riefen und wir einer erbitterten Diskussion über die zu zahlenden Trinkgelder ausgesetzt waren, hörten wir den Ausruf Allah sicher Hunderte Male. Wir wussten damit, dass wir in einer Gesellschaft angekommen waren, in der man sich der umfassenden Gegenwart Gottes sehr bewusst ist.
Eigentlich hofften wir, unauffällig durch den Flughafen Mogadischus schlüpfen zu können. Wir wussten, dass Somalia eines der wenigen Länder in der Welt war, das fast hundertprozentig muslimisch war. Wir würden als Christen, die in Somalia lebten, nur einer winzigen, wenn überhaupt wahrnehmbaren, Minderheit angehören. Wir hatten daher gehofft, die Einreisekontrolle ohne Aufsehen durchlaufen zu können. Sollte das überhaupt möglich gewesen sein, so hatte auf jeden Fall die Feilscherei der Leute, die um unser Gepäck stritten, diesen Wunsch zunichte gemacht.
Wer seid ihr?
Mitten in all dem Chaos rief nämlich jemand in gebrochenem Englisch: „Seid ihr von der Somalischen Mennonitischen Mission?“
„Ja, wir sind bei der Mennonitischen Mission!“ Mit einem Schlag war es mit jeder Überlegung, ob wir unsere Identität maskieren könnten oder sollten, vorbei. „Dann bist du ein wahrer Wadad (heiliger Mann Gottes)!“, schlussfolgerte einer der größten Gepäckträger, und viele drehten sich nach uns um, weil sie wissen wollten, wer der genannte heilige Mann und seine Familie sei. So verlief also unsere stille Ankunft in Somalia. Ich nehme an, dass noch am gleichen Abend die ganze Stadt Mogadischu wusste, dass ein weiterer Amerikaner zur Somalia Mennonite Mission (SMM) dazugestoßen war.
Dieses Ereignis war wirklich beachtlich. Nur ein Jahr zuvor war der Direktor der Mission durch einen eifersüchtigen Imam (religiösen Leiter) getötet worden, weil ihn die Präsenz der „Mission“ beunruhigt hatte. Sein persönlicher Krieg begann, als er davon hörte, dass einige junge Somali ihre Loyalität zu Jesus, dem Messias, erklärt und ein Bekenntnis zum christlichen Glauben abgelegt hatten. Die Art und Weise, wie diese Erklärung einiger Studierender bekannt geworden war, hatte Unruhe gestiftet. Entsprechend wurde das Schulungsangebot der Mission für einige Monate eingestellt und es wurden neue Gesetze durch das Parlament erlassen, dass nur der Islam als wahre Religion in Somalia propagiert werden dürfe.
1963, nur ein Jahr nach diesen Vorfällen, war unsere junge Familie in Somalia angekommen, um dabei zu helfen, die Bildungsarbeit der Mission weiterzuführen. Unsere Ankunft war ein Signal, dass die Mission auch trotz dieser Tragödie keine Absicht hatte, sich zurückzuziehen.
Warum seid ihr gekommen?
Die überraschende Hartnäckigkeit der Mission führte bei den Somali zu Fragen. Häufig wurde angenommen, dass wir Agenten einer Kolonialmacht, z. B. der Regierung der Vereinigten Staaten, sein müssten. Genau darum drehte sich auch der Inhalt der Unterhaltung in der Teestube ein paar Abende nach unserer Ankunft.
Drei oder vier Studierende unseres Erwachsenenbildungsprogramms zur englischen Literatur in Mogadischu luden mich in eine belebte Teestube ein, die nur ein paar Straßen vom Schulgelände entfernt lag. Mit viel Humor vertrauten sie mir an, dass es vor allem Männersache sei, in offenen Teestuben abendlich Tee zu trinken. Um uns herum ergingen sich auch viele Männer über einer Tasse Tee begeistert in Diskussionen über wichtige Themen. Trotzdem waren auch einige unverheiratete Lehrerinnen, die in unserer Mission mitarbeiteten, in unserer Gruppe dabei. Diese Frauen aus Nordamerika wollten ihre Präsenz in Somalia als Chance nutzen, manche Grenzen auszuweiten, die die männerdominierte Gesellschaft Somalias den Frauen aufgezwungen hatte.
Meine Gastgeber bestellten Gewürztee ohne Milch, gesüßt mit fünf gut gehäuften Teelöffeln Zucker. Die Studierenden forderten mich dann mit der Frage heraus, die ihnen zuvorderst auf der Zunge lag, während wir unseren Tee nippten. Sie fragten: „Warum seid ihr nach Somalia gekommen?“
„Gott hat uns gerufen“, erklärte ich ihnen ganz einfach. „Unsere Familie ist hier, weil es Gottes Auftrag ist. Jesus diente den Menschen in Not. Ich bete, dass wir ebenfalls denen dienen können, die in Not sind. Wir sind euch dankbar, dass ihr und eure Mitbürger uns willkommen geheißen habt. Es ist ein Privileg, die Somali kennen und schätzen zu lernen.“
Sie waren ziemlich überrascht zu hören, dass Gott uns beauftragt hatte. Sie erklärten, dass die Somali über Gott Bescheid wüssten und dass man sie nicht über ihn belehren müsse. Sollten wir aber beabsichtigen, Menschen von Gott zu erzählen, dann sollten wir besser zu den Menschen im Süden Somalias gehen, die den traditionellen afrikanischen Religionen anhingen. Dennoch betonten sie ihre Wertschätzung für die medizinischen und pädagogischen Programme, die durch die SMM in verschiedenen Regionen entwickelt worden waren.
So sah unser Eintauchen in die islamische Welt in der ersten halben Woche in Somalia aus. Ich komme später wieder auf die weitere Geschichte unserer Familie zu sprechen. An dieser Stelle möchte ich nur sagen, dass dieses Eintauchen und die Abenteuer während der nächsten 50 Jahre auf erstaunlich unterschiedlichen Wegen Fortsetzung fanden.
Die Herrschaft Gottes suchen
Dieses Buch erzählt zwar von Abenteuern, aber es geht um mehr. Ich möchte aus meinem Herzen heraus mitteilen, wie Beziehungen von Christen mit Muslimen aussehen können. Dieses Buch beschreibt zudem, was Muslime mich über die christliche Präsenz und unser Zeugnis unter ihnen gelehrt haben. Das sind nicht meine Memoiren. Dieses Buch ist vielmehr eine Geschichtensammlung aus meiner Reise, wie ich Muslime kennen und schätzen gelernt habe.
Ich schreibe dieses Buch mit der Überzeugung, dass jeder Muslim einen Christen zum Freund und jeder Christ einen Muslim zum Freund haben sollte. Im Verlauf des Buches beschreibe ich zwölf Zugänge, die zu einer freundschaftlichen Beziehung zwischen Christen und Muslimen führen. Die Weltbevölkerung besteht zur Hälfte entweder aus Muslimen oder aus Christen. Diese Glaubensgemeinschaften, wie auch die Juden, sind der festen Überzeugung, dass ihr Glaube in Gottes Berufung an Abraham gründet, die Nationen zu segnen. Das bedeutet, dass diese Glaubensgemeinschaften eine besondere Verantwortung dafür tragen, Frieden zu stiften. Der Auftrag, in unserer pluralistischen Welt hingebungsvolle Menschen des Friedens zu sein, zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch.
Die Frage, die ich damals, vor einem halben Jahrhundert in der Teestube in Mogadischu, erstmals mit Muslimen diskutierte, lautet noch immer: Was bedeutet es, dass das Reich Gottes auf Erden kommen soll? Sowohl gläubige Muslime als auch fromme Christen sehnen sich danach, dass jeder ihrer Lebensbereiche unter Gottes Herrschaft und unter seinem Willen steht. Das Streben nach der Herrschaft Gottes ist unser gemeinsamer Glaubensstrang und unsere gemeinsame Absicht, die uns in manchen Aspekten unserer Arbeit und unseres Handelns als Christen und Muslime zusammenbringen kann. Beispielsweise sind beide Gemeinschaften in ihren Schriften dazu beauftragt, sich um die Waisen zu kümmern.
Ich gehöre einer Täufergemeinde an. Innerhalb der täuferischen Gemeinschaft von Christen bin ich Mitglied einer Mennonitengemeinde. „Mennoniten“ ist ein Spitzname, abgeleitet von ihrem frühen Leiter Menno Simons. Die Mennonitische Weltkonferenz hat sieben Überzeugungen formuliert, die uns als mennonitische Gemeinden charakterisieren.3 Alle sieben Überzeugungen waren für mich bedeutsam, als ich dieses Buch schrieb, doch eine Aussage ist in meiner freundschaftlichen Beziehung zu Muslimen besonders wertvoll: Täuferische Christen wollen alle Aspekte ihres Lebens unter die Autorität Gottes stellen.4
Im sechzehnten Jahrhundert führte die Überzeugung der Täufer, all ihre Lebensbereiche unter die Autorität Jesu Christi zu stellen, sie in einen ernsthaften Konflikt mit den damaligen Autoritäten. Europa stand damals im Krieg mit dem muslimischen Osmanischen Reich. Michael Sattler, einer der führenden Täufer, bestand darauf, dass Jesus niemals einen Muslim töten würde, da Jesus Muslime liebt. Die Täufer stimmten in diesem Punkt grundsätzlich mit Sattler überein. Die Weigerung der Täufer, gegen die osmanischen Türken in den Krieg zu ziehen, wurde als Hochverrat gewertet. Daher starben viele Täufer als Märtyrer für ihre Entscheidung, Muslime zu lieben, anstatt gegen sie zu kämpfen.
Was bedeutet es also für mich, in dieser turbulenten Welt ein treuer Botschafter Christi und seines Friedens zu sein?5 Ich schreibe diese Zeilen im Juni 2014, der sich als Monat des Schreckens erweist. Die islamistische Terrorgruppe Boko Haram hat mehrere Hundert Schülerinnen in Nigeria entführt. Die Vereinigten Staaten bereiten sich darauf vor, noch mehr militärische Unterstützung für die „moderaten“ Muslime in Syrien zu liefern. Die terroristische Bewegung der Al Shabab aus dem Sudan hat in Kenia einen Markt bombardiert und Christen während ihres Gottesdienstes angegriffen. Christliche Bürgerwehren „säubern“ mit Gewalt den Süden des Tschads von Muslimen. Es gibt Berichte, dass durch eine Drohne muslimische Soldaten im Südjemen getötet wurden. Das Parlament der Europäischen Union rückt politisch immer mehr nach rechts, während viele Menschen sich aufgrund der wachsenden Gemeinschaft muslimischer Immigranten sorgen. Es gibt erneut Berichte über Morde an Hunderten von Dorfbewohnern durch Boko Haram im Borno-Staat in Nigeria. Sunnitische Muslime in Pakistan töteten schiitische Pilger, die auf der Heimreise vom Irak waren und in einen Hinterhalt gerieten. Der internationale Flughafen in Karachi, Pakistan, wurde von Kämpfern attackiert. Die Friedensverhandlungen zwischen Palästina und Israel sind gescheitert. Der Irak scheint durch den Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten auseinanderzubrechen. In einer Moschee im Zentrum von Mombasa, Kenia, wurde ein muslimischer Geistlicher, der sich stark für den Frieden zwischen verfeindeten Somali-Stämmen einsetzte, während des Gebetes getötet. Pakistan hat Luftschläge gegen Taliban-Aufständische initiiert. Der ägyptische Gerichtshof hat Mitglieder der Muslimbruderschaft in Ägypten zum Tode verurteilt.
Diese 30 Tage im Juni 2014 zeigen beispielhaft den Kontext auf, in dem freundschaftliche Beziehungen zwischen Muslimen und Christen gelebt werden müssen. Das Überraschende dabei ist, dass alle Teilnehmenden in den beschriebenen Konflikten denken, sie seien auf Gottes Seite! Sollten wir es noch nicht bemerkt haben: Friedenstiften ist dringend gefragt!
Friedenstiften und Gebet
Ist es nicht anmaßend, in solchen Zeiten über Freundschaft zu schreiben? Nein, das ist es nicht. Weil wir wissen, dass Gott sich dem Friedenstiften verpflichtet hat. Gott hat einen Plan, und dieser Plan schließt uns ein. Genauso, wie Gott Jesus als seinen Friedensbotschafter sandte, so sendet Jesus auch alle seine Jünger als Friedensstifter in die Welt. Gottes großartiger Plan besteht darin, dass die ganze Welt durch seine Friedensbotschafter wie durch Salz gewürzt wird.6
Ein anschauliches Beispiel dafür, wie man Frieden stiften kann, ereignete sich inmitten der oben aufgeführten Vorkommnisse im Juni 2014. Am Pfingstsonntag, den 8. Juni 2014, lud Papst Franziskus den palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas und den israelischen Präsidenten Schimon Peres zum Friedensgebet beim Sonnenuntergang in den Vatikanischen Gärten ein. Die Gebete konzentrierten sich auf drei Anliegen, die den Muslimen, Juden und Christen gemeinsam sind: Gott für seine Schöpfung zu danken, Vergebung von Gott zu empfangen und Gott um Frieden zu bitten.
Der Sprecher des Papstes sagte in einer Stellungnahme, dass das Gebet eine Möglichkeit sei, Herzen und daher auch die Geschichte zu verändern7 sowie scheinbar unüberwindliche Hindernisse zu überwinden, damit Frieden im Nahen Osten geschlossen werden kann. Alle drei genannten Führungspersönlichkeiten bekennen ihren Glauben an den Gott Abrahams, der Gläubige beauftragt hat, ein Segen für alle Nationen zu sein. Sie glauben also, dass Gott Frieden will.
Frieden zu stiften beginnt mit ganz kleinen Schritten und ist vergleichbar mit dem kleinen Senfkorn, auf das Jesus in einem Gleichnis verweist.8 Einer meiner Kollegen hat an einem Wochenende für ein paar Muslime und Christen eine gemeinsame Bootsfahrt organisiert. Sie hatten eine wunderbare und gute Zeit zusammen! Mein Kollege hat dadurch ein Senfkorn gepflanzt. Genau solche „Senfkörner“, die weltweit gepflanzt werden, geben uns Hoffnung. Auf diese Weise entstehen freundschaftliche Beziehungen.
Es ist meine Grundüberzeugung, dass derartige freundschaftliche Beziehungen im Gebet gegründet sein müssen. Als ich gerade gestern durch die Einreisekontrolle in New York ging, sagte ein Beamter zu mir: „Mit einem dermaßen abgestempelten und abgenutzten Pass könnten Sie fast selber ein Flugzeug kaufen und sich das Geld sparen, das Sie für die Tickets ausgeben.“ Als er dann meinen Pass mit den vielen Visastempeln durchblätterte, fragte er mich, welchen Beruf ich ausübe, wenn ich so viel reisen müsse. Ich sagte ihm, ich sei als Botschafter Christi und seines Friedens weltweit unterwegs und vor allem im Bereich des Beziehungsaufbaus zwischen Christen und Muslimen tätig. Da es überall auf der Welt Christen und Muslime gebe, würde ich entsprechend viel reisen. „Gott segne Sie“, rief der Beamte aus, „unsere Welt braucht Friedensstifter, aber vergessen Sie nicht, dass die Welt auch viel Gebet braucht.“ Ich denke, der Grenzbeamte hatte recht!
Der Schmerz und die Freude des Dialoges
Vor einigen Jahren lud meine Glaubensgemeinschaft in den Vereinigten Staaten mich und einen muslimischen Imam zu einem Abend des Dialoges ein. Mein Weggenosse, der Imam, zeichnete zwei sich überlappende Kreise auf eine Tafel. Im Zentrum, das für ihn die muslimische Gemeinschaft darstellte, schrieb er „Koran“ hinein. Ins Zentrum, das die christliche Gemeinschaft darstellte, schrieb er „Christus“ hinein. Er erklärte, dass diese verschiedenen Zentren sich nie ganz überlappen könnten, da sie so unterschiedlich seien. Das ist der Schmerz des Dialoges. Muslime verkünden, dass der Koran die volle und endgültige Offenbarung des Willens Gottes sei. Christen bekennen, dass Jesus die volle und endgültige Offenbarung Gottes sei – er offenbare nicht nur seinen Willen, sondern auch das Wesen Gottes. Sie bekennen, dass mit dem Messias das Reich Gottes auf die Erde kam und es nur in ihm ewige Errettung gibt. Muslime sehen wiederum Mohammed als perfektes Beispiel an, dem alle Menschen nacheifern sollen.
Also was nun? Kommt es wirklich darauf an, ob Jesus oder Mohammed das Zentrum darstellen?
„Es kommt nicht darauf an“, betonte neulich meine deutsche Sitznachbarin auf unserem gemeinsamen Flug von Frankfurt ganz vehement. Sie verwarf die Beharrlichkeit, mit der Muslime und Christen glauben, dass es wesentlich sei, wer im Zentrum steht.
Mein Taxifahrer, den ich auf einer meiner Reisen nach Singapur traf, würde ihr widersprechen. Sobald wir ins Taxi gestiegen waren, fragte er mich: „Glauben Sie an Jesus Christus? Er ist der Retter. Er ist der Weg!“
Auch der Imam der Moschee in Harrisburg würde der Frau aus Deutschland nicht zustimmen. Am Ende eines abendlichen langen Gespräches umarmte mich der freundliche Imam und weinte, als er mich bat: „Du bist ein zu guter Mann, um Christ zu sein. Ich bitte dich flehentlich, Muslim zu werden.“
In Kapitel 5 werden wir die verschiedenen Glaubensgrundlagen ausführlicher erkunden, und welche Konsequenzen das hat, wenn wir respektvolle freundschaftliche Beziehungen zueinander aufbauen wollen. Zuvor komme ich in meinen Erzählungen auf meinen ersten Abend in der Teestube in Mogadischu und die darauffolgende Jahre zurück. Dieser Abend war nur die erste vieler solcher Erfahrungen. Die Gespräche in Somalia setzten sich während der darauffolgenden zehn Jahre fort. Überall, wo unsere Leute tätig waren, entwickelten sich Gemeinschaften von Messiasgläubigen.9 Im Johannesevangelium wird ebenfalls berichtet, wie Nikodemus nachts zu Jesus kam, um ihn nach dem Reich Gottes zu fragen.10 Es waren freudvolle Jahre!
Umzug nach Kenia
Das Land, das wir zu lieben gelernt hatten, wurde zu einem marxistischen Staat unter starker sowjetischer Kontrolle. Die Veränderung kam wie ein rollender Gewittersturm über Somalia, der immer mehr Fahrt aufnahm, als er über das mit Akazien übersäte Weideland Somalias hinwegzog. Am 21. Oktober 1969 schlug der Blitz in Form eines Militärschlages ein. Somalia wurde ein marxistisch-leninistischer Revolutionsstaat. Schnell streckte die marxistische Regierung ihre Fühler in alle Bereiche der somalischen Wirtschaft und Politik aus. Infolgedessen mussten alle westlichen Ausländer das Land verlassen. Es fiel uns schwer, diese Tatsache zu akzeptieren, aber wir vertrauten darauf, dass sich neue Türen und Gelegenheiten für einen Dienst unter Muslimen öffnen würden. Das geschah dann tatsächlich in Kenia.
Und so stiegen wir im Januar 1973, zehn Jahre nach unserer Ankunft in Mogadischu, in Nairobi, Kenia, aus dem Flugzeug. Kenia grenzt im Nordosten an Somalia. Wir waren nun eine sechsköpfige Familie und zogen nach Eastleigh, wo viele somalische Muslime lebten. Dort eröffneten wir einen Leseraum. In den darauffolgenden Jahren entstand daraus ein multifunktionales Gemeinschaftszentrum, wodurch heute fast eintausend Menschen pro Woche erreicht werden. Die Dienstleistungen des Zentrums umfassen eine beachtliche Bibliothek, verschiedene Unterrichtsangebote, besonders für Frauen, und ein Sportprogramm mit verschiedenen Fitnessgeräten. Das Basketballteam ist bekannt und heißt „Mennonitische Ritter“.11 Das Zentrum hat sich zu einem Begegnungsort für viele Menschen aus den weiten Regionen des Horns von Afrika entwickelt. Es hat sich auch eine Gemeinschaft von gläubigen Christen gebildet. Zudem nutzen verschiedene Gemeinden mit unterschiedlichen Traditionen das Zentrum als Begegnungsort. Mit einem vor Ort erarbeiteten Bibelleseprogramm werden jedes Jahr Hunderte von Studierenden erreicht.
Durch den Dienst in Eastleigh wurde ich überraschenderweise vom Kenyatta University College eingeladen, in der Abteilung für Religionsstudien über die Weltreligionen zu unterrichten. Dort bildeten wir Lehrer für die kenianischen Highschools im Bereich Religionsstudien aus. Im Rahmen dieser Tätigkeit machte ich die bedeutsame Bekanntschaft mit Professor Badru Kateregga, einem Muslim aus Uganda, der in der gleichen Abteilung unterrichtete. Wir wurden Freunde. Aus unserer Freundschaft heraus entstand das Buch Woran ich glaube – Ein Muslim und ein Christ im Gespräch. In diesem Buch bekennt mein ugandischer Freund seinen Glauben und ich antworte darauf, später schreibe ich über meinen Glauben und er antwortet darauf. Dieses einfache Buch mit 24 Kapiteln wurde in mehrere Sprachen übersetzt und hat gute Dienste geleistet, interreligiöses Verständnis zu fördern.
Freundschaftliche Beziehungen mit Sufis kultivieren
Das Eastleigh Fellowship Center liegt gegenüber einer Sufi-Moschee.12 Wir bauten zu den Sufis freundschaftliche Beziehungen auf und erhofften uns davon, dass sich eine Tür zur muslimischen Gemeinschaft öffnen würde. Eine solche Öffnung würde uns einen Blick auf ihre geistliche Sehnsucht ermöglichen.
Die Sufi-Bewegung ist eine spirituelle Strömung des Islam. Sufis streben danach, sich in Gott zu versenken. Sie sind allgemein als Gemeinschaften des Friedens bekannt. Es gibt vier geistliche Strömungen innerhalb der muslimischen Bewegung, die die Sufis hoffen lassen, sich tatsächlich in Gott verlieren zu können. Die erste ist der Glaube, dass Mohammed eines Nachts von Mekka über Jerusalem in einer mystischen Reise, genannt Mirādsch,13 in die Gegenwart Gottes geführt wurde. Daher wird Mohammed als derjenige angesehen, der den Weg fand und der nun seine Anhänger dazu anführt, sich in Gott zu versenken. Die zweite Strömung basiert auf der Aussage im Koran, dass Abraham ein Freund Gottes (Wali) war.14 Die dritte Strömung gründet in der Hoffnung, dass Gott fromme Heilige aus der Vergangenheit dazu bestimmt hat, als Fürbitter bei Gott einzutreten, damit Gläubige den Weg in die göttliche Versenkung finden.15 Die vierte Strömung ist die mystische Erfahrung, die durch die ständig wiederholte Anrufung des Namens Gottes geschieht.16 Die Sufigemeinschaften bieten dem Einzelnen einen Weg der Versenkung ins Göttliche an. Diese Gemeinschaften waren daher in Kenia als Inseln des übergemeindlichen Friedens inmitten der turbulenten Beziehungen innerhalb der Somali-Stämme bekannt.
Tragischerweise gewann die Drogenkultur in der Sufi-Bewegung in fast ganz Nordostafrika die Oberhand. Das traf leider auch auf Eastleigh zu. Die Gläubigen dachten, dass sie eine authentische Versenkung in Gott erlebten, wenn sie in ihren abendlichen Treffen die Namen Gottes sangen und dabei eine Euphorie hervorrufende Pflanze (Khat) kauten. Diese Praxis führte jedoch vor allem zur Apathie und gelegentlich auch zur Demenz. Ein dermaßen ungesunder Ausdruck von Spiritualität, der von so vielen Menschen in ganz Nordostafrika praktiziert wurde, hat schließlich negative Auswirkungen auf die Entwicklung von Wirtschaft und Bildung. Natürlich gab es auch Ulama (muslimische religiöse Lehrer), die den Khat-Konsum für den spirituellen Gebrauch anprangerten und dafür plädierten, den Islam in größerer Übereinstimmung mit dem Koran zu leben. Unsere Botschaft an die Sufis war, dass der Messias und das Wirken des Heiligen Geistes ihre Sehnsucht nach Gott erfüllt. Aber mit einem wesentlichen Unterschied! Die Suche der Sufis führt zur Auflösung des Selbst und der eigenen Persönlichkeit, da man ins Universum absorbiert wird. Durch den Messias wird die Person nicht ausgelöscht oder ins Göttliche absorbiert. Stattdessen lädt der Messias Gläubige dazu ein, eine freudige, lebendige und Leben spendende Beziehung mit Gott und untereinander einzugehen.
Häufig traf ich mich mit Sufis in ihren Gebetszentren und begleitete sie auf ihrer Pilgerreise zum Grab eines ihrer Heiligen. Die Treffen öffneten wirklich viele Türen zu wichtigen Gesprächen, die in Jesus und dem Heiligen Geist gegründet waren. Die Sufis wurden auch von Muslimen als Menschen des Friedens angesehen.
In Zusammenarbeit mit anderen christlichen Gemeinschaften entstand in Garissa, im muslimischen Nordosten Kenias, ein ähnliches Zentrum wie das Eastleigh Fellowship Center. Dieses Zentrum gründete auf den Prinzipien der Sufis, Gemeinschaft zu pflegen. Die beiden Zentren, das eine in Garissa, das andere in Eastleigh, brachten den christlichen Glauben innerhalb der sie umgebenden Sufi-Gemeinschaften auf kontextuell angepasste Weise zum Ausdruck. In diesem Kontext schätzten die Muslime die christlichen Gemeinschaften von Eastleigh und Garissa als Gemeinschaften der Frömmigkeit, des Gebetes, Dienstes und Friedenstiftens.
Man kann den Gebetsdienst nicht genug würdigen, der aus dem Zentrum von Garissa heraus entstand. Eine kanadische Christin hatte die Vision für den Gebetsdienst für Somali, und ihr schloss sich ein kleines Team an. Auch inmitten von turbulenten und konfliktreichen Zeiten in ihrer Region hielten sie an ihrem Dienst des heilenden Gebets fest. Sie harrten aus, auch wenn ihr Leben bedroht war. Es gab Märtyrer; es geschahen Wunder. Manchmal berührte Jesus eine gebrochene Flüchtlingsfrau und offenbarte sich ihr als gnädiger Heiler. Dieses Gebetsteam hielt geduldig über zwei Jahrzehnte im Gebet aus.
Eine globale Sicht auf die Beziehungen zwischen Christen und Muslimen
Sechs Jahre nach unserer Ankunft in Kenia wurde uns klar, dass die Zeit gekommen war, wieder zu gehen, um den Afrikanern die Gelegenheit zu geben, unsere vielen verantwortungsvollen Aufgaben zu übernehmen. Daher zogen wir nach Lancaster County, Pennsylvania, unserer Heimat in den Vereinigten Staaten. In den darauffolgenden Jahren leitete ich die Eastern Mennonite Mission (EMM) sowohl in ihren lokalen als auch globalen Programmen. In diesen Aufgaben war es mir immer besonders wichtig, unter den Muslimen glaubwürdig zu leben und Jesus zu bezeugen.
Als ich 1988 meine administrative Verantwortung bei der EMM niederlegte, machten Grace und ich den Dienst unter Muslimen zu unserem Kernauftrag. Dabei ist das Friedenstiften und Zeugnis von Christus unsere Hauptaufgabe. Wir arbeiten in einem Team zusammen. Wir nennen uns Christian/Muslim Relations Team, Peacemakers Confessing Christ.17 Erste Priorität des Teams ist es, freundschaftliche Beziehungen zu muslimischen Leitern in unserer Umgebung zu fördern. Wir schreiben und veröffentlichen Artikel und Bücher. Meine Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Wir sind in Nordamerika tätig, aber auch international sehr engagiert. Vor kurzem war es unserem Team möglich, nach Osteuropa und Südostasien zu reisen und in mehr als einem Dutzend Seminaren zu unterrichten und Dialoge über das Friedenstiften zu führen. Über die Hälfte dieser Begegnungen wurden durch Muslime mitfinanziert. Wichtiges Anliegen unseres Teams ist es zudem, christliche Gemeinden darin anzuleiten, wie sie gemeinsam mit muslimischen Gemeinschaften Frieden stiften können.
Die ersten Gespräche damals in Mogadischu in der Teestube und viele darauf folgende Diskussionen waren für mich eine Art Schule, die mich lehrte, wie man Gespräche mit Muslimen in der ganzen Welt führen kann. Für mich ist das, was ich in Mogadischu gelernt habe, besonders wichtig für die vielen Gespräche mit Muslimen in meiner Heimat, auch für die Gespräche mit meinen Nachbarn in Lancaster, Pennsylvania.
Ich werde immer wieder auf Episoden dieses Lernprozesses zurückgreifen, wenn ich in diesem Buch von unserem Auftrag spreche, Frieden unter Muslimen zu stiften. Ich hoffe, diese Berichte sind ermutigend und fungieren für uns als „Augenöffner“ für neue Möglichkeiten, wie wir trotz aller Herausforderungen freundschaftliche Beziehungen zwischen Christen und Muslimen so gestalten können, wie Jesus es uns in seinen Beziehungen in der damaligen pluralistischen Welt vorgelebt hat.
Fragen zur weiteren Diskussion
1.Beschreiben Sie eine freundschaftliche Beziehung zu einer Person, die einen anderen Glauben hat als Sie. Welche Verhaltensweisen oder Aussagen überraschen Sie manchmal in dieser Beziehung?
2.Stellen Sie sich vor, dass Sie aus beruflichen Gründen in ein muslimisches Land ziehen müssten. Was wären für Sie die größten Herausforderungen bei diesem Unterfangen?
3.Gläubige Muslime wollen, ebenso wie Christen, alle Lebensbereiche unter Gottes Herrschaft stellen. In welchen Bereichen können Muslime und Christen bei diesem Anliegen zusammenarbeiten? In welchen Bereichen wäre es schwierig? Woran könnte eine Zusammenarbeit scheitern?
4.Was sind die verschiedenen Kernaussagen und Ausrichtungen sowohl von muslimischen als auch christlichen Gemeinschaften? Welchen Unterschied bewirken sie im Leben von Muslimen und von Christen?
3Siehe Gemeinsame Überzeugungen, http://www.mennoniten.de/glaubensueberzeugungen.html, besucht am 25.9.2015. Alle sieben Überzeugungen sind wichtig, doch für dieses Buch sind vor allem die Themen wesentlich, die den gelebten Ausdruck der Liebe Gottes und die Hingabe an das Reich Gottes behandeln – auch wenn dies nicht als populär erachtet wird. Siehe auch: Alfred Neufeld, Was wir gemeinsam glauben – Täuferischmennonitische Überzeugungen. Neufeld Verlag, Schwarzenfeld 2008.
4Gläubige Muslime sind dazu verpflichtet, jeden Lebensbereich unter die Autorität Gottes zu stellen. Muslime nennen diese Verpflichtung Tauhid und sie glauben, dass der Koran die Anleitung enthält, wie Tauhid zu leben ist. Daher haben Muslime und Täufer eines gemeinsam: den Glauben, dass alles im Leben unter der Herrschaft Gottes stehen soll. Der Unterschied zu den Täufern besteht darin, dass Jesus Christus das Zentrum ist; bei den Muslimen ist der Koran die Quelle, die das Wesen Gottes offenbart.
5Die Bibel, 2. Korinther 5,18–21.
6Die Bibel: Johannes 20,19–22.
7Das Zitat ist von Kardinal Pietro Parolin, Staatssekretär des Vatikans. Der ganze Artikel findet sich bei Josef Federman und Tia Goldenberg, Associated Press, 8. Juni 2014, http://www.nytimes.com/aponline/2014/06/08/world/europe/ap-eu-rel-vatican-mideast.html?_r=0, besucht am 20.1.2015.
8Die Bibel: Matthäus 13,31–32.
9Der Koran bezeichnet Jesus als „den Messias“. So lautet die semitische Entsprechung von „Christus“. Sowohl das semitische Wort „Messias“ als auch das griechische Wort „Christos“ bedeuten das Gleiche: der Gesalbte. Da Muslime bestens mit dem Begriff „Messias“ vertraut sind, wenn es um Jesus geht, benutze ich generell „Messias“, um von Jesus zu sprechen. Mir ist natürlich klar, dass die muslimische Theologie nicht die volle Bedeutung des Messiasseins Jesu versteht, so wie die Bibel sie offenbart, auch wenn Muslime von Jesus als dem Messias sprechen. Ich weiß auch, dass der Koran noch weitere Namen für Jesus gebraucht, wie z. B. „Zeichen“ (Sure 19:21), Gute Nachricht (Sure 3:45); das „Wort Gottes“ und „der Geist Gottes“ (Sure 4:171). Im Anhang gibt es eine ausgewählte Auflistung von Namen, mit denen Jesus im Koran bezeichnet wird. Ich empfehle zur weiteren Diskussion zudem mein Buch Journeys of the Muslim Nation and the Christian Church – Exploring the Mission of Two Communities, Kapitel 5 und 7. Oder auch: Tarif Khalidi (Hrsg.), The Muslim Jesus – Sayings and Stories in Islamic Literature.
10Die Bibel: Johannes 3,1–2.
11Anmerkung des Lektorats: Im Englischen ein Wortspiel mit dem Gleichklang Menno Knights/Mennonites.
12Vgl. dazu: David W. Shenk, The African Christian and Islamic Mysticism – Folk Islam, in: John Azumah/Lamin Sanneh (Hrsg.), The African Christian and Islam, Langham, Cumbria, UK 2013, 251–272.
13Der Koran: Sure 53:13–18.
14Der Koran: Sure 4:125.
15Der Koran: Sure 10:3–5.
16Der Koran: Sure 63:9.
17Auf Deutsch etwa: Team für freundschaftliche Beziehungen zwischen Christen und Muslimen; Friedensstifter, die Christus bekennen.
KAPITEL 1
Integer leben
„Der Imam in der Moschee wendet sich in seinen Predigten gegen dich. Sei vorsichtig!“, riet mir mein Freund Farah. Wir waren einige Monate zuvor in Somalia angekommen. Ich antwortete ihm: „Wenn er etwas gegen mich hat, dann muss ich ihn treffen. Sag mir seinen Namen und ich werde gleich zur Moschee gehen und ihn treffen. Ich habe nichts zu verbergen. Bitte arrangiere ein Treffen.“
Farah versprach mir, er werde mit dem Imam zu mir nach Hause kommen. Dieser kam dann auch mit einigen Schülern. Grace servierte gewürzten Tee und Dattelkekse. Der Imam begann: „Es gibt Gerüchte in der Stadt, dass du hoffst, du würdest in den Himmel kommen, wenn du stirbst. Wenn das wahr ist, will ich dir sagen, wie du in den Himmel kommen kannst.“
Ich war erstaunt! Das hatte ich von einem Imam nicht erwartet, von dem ich gehört hatte, dass er gegen mich predigte. Mit einem Gefühl von Erleichterung antwortete ich ihm begeistert: „Das ist absolut wahr! Danke, dass du gekommen bist, um mir zu sagen, wie der Weg zum Himmel aussieht.“
Der Imam vertraute mir Folgendes an: „Ich dachte, die Christen würden die Hölle dem Himmel vorziehen. Aber der Weg zum Himmel führt über die fünf Säulen, indem man sich den folgenden Pflichten des Islam unterwirft: zu bekennen, dass es keinen Gott außer Allah gibt und dass Mohammed sein Prophet ist; während dem Ramadan zu fasten; den Armen zu geben; fünf Mal am Tag zu beten und wenn möglich, die Pilgerreise nach Mekka zu machen.“
„Im Grunde genommen erfülle ich diese fünf Pflichten und ich kann mich sicherlich noch dort verbessern, wo ich schwach bin,“ antwortete ich ihm. „Ich würde gern nach Mekka gehen, sobald ich es mir einrichten kann.“
„Gelobt sei Gott!“, sagte er. „Du bist Muslim geworden. Sei ein versteckter Gläubiger, sag es nicht deiner Frau, damit die Mission dir nicht den Lohn streicht. Und der Himmel möge dein Schicksal werden.“ Ich bat ihn: „Ich muss über mein Schicksal mehr wissen. Bitte erkläre mir den wahren Weg zum Himmel.“ „Es gibt eine Waagschale“, antwortete er. „Die Pflichten gehen in die eine Schale, die die guten Taten wiegt. Das Böse, das wir tun, geht in die andere Schale. Niemand weiß, welche Seite die schwerere ist, die mit guten oder die mit schlechten Taten gefüllte. Auch ich weiß das nicht. Aber der Islam ist die beste Hoffnung, von der wir wissen.“ Die Integrität des Imam beeindruckte mich. Ich erschrak darüber, dass er bekannte, keine wirkliche Sicherheit über sein ewiges Schicksal zu haben. Ich fragte daher: „Darf ich dir sagen, was Jesus, der Messias, dazu sagt? Jesus sagt, ‚Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.‘ Er verspricht, dass er der Weg ist. Also, was sollte ich dann wählen? Jesus oder den anderen Weg?“ Der Imam war erstaunt. Er antwortete: „Wenn Jesus versprochen hat, dass er der Weg ist, dann bestehe ich darauf, dass du weiterhin Christ bleibst!“
Mein Freund Farah sagte mir, dass der Imam nach dem Gespräch für mich einstand, wenn jemand kritisch von mir sprach, und den Leuten jeweils erwiderte: „Ich habe in Davids Haus mit ihm und seiner Frau Tee getrunken. Wir haben über die tiefen Dinge gesprochen, die Gott betreffen. Und ich bin zuversichtlich, dass dieser Mann in den Himmel kommen wird.“
Unser Gespräch fand in einem Umfeld statt, in dem die Verbreitung des Christentums illegal war. Doch die Verpflichtung zur Integrität, wodurch diese Themen ohne jeglichen Hauch von Doppelzüngigkeit besprochen wurden, öffnete unerwartete Türen zu authentischen Freundschaften.
Die Angestellten der SMM wurden von den Somali oft als Menschen voller Integrität beschrieben. Die Korinther sagten offenbar das Gleiche über Paulus. Er schrieb, dass die Kinder Gottes keinen Raum lassen für Doppelzüngigkeit. Vielmehr ist Christus immer ein „Ja“ in allen Versprechen Gottes! Im gleichen Geist war Paulus daran gelegen, seine Versprechen gegenüber den Korinthern zu halten.18
Erinnern wir uns an die Freunde in der Teestube, die mich ausfragten, während wir Schwarztee mit Kardamom tranken. Leere Antworten hätten hier nichts genützt. Der Koran warnt vor doppeltem Spiel und davor, dass die Freundschaft von Christen mit Muslimen nur Fassade sein könnte, bei der heimliche Motive unter der Oberfläche versteckt sein könnten.19 Die Fragen im Café wurden damals nicht aus Feindschaft heraus gestellt. Es waren ehrliche Fragen. Die Leute um mich herum wollten klarstellen, dass es nicht darum gehen dürfe, Somali zum christlichen Glauben zu bekehren. Daher antwortete ich: „Ich bin hier, weil Gott mich dazu beauftragt, mich gerufen hat.“ Diese Antwort fasziniert Muslime. Eine starke theologische Strömung im Islam glaubt daran, dass Gott alles lenkt, was geschieht. Es war für Somali daher verständlich, wenn auch überraschend, dass wir in Gottes Auftrag in Somalia waren.
Authentisches Zeugnis
Trotz allem waren meine Teestuben-Begleiter besorgt. Könnte ich Gottes Auftrag an mich dahingehend verstehen, dass ich für die Bekehrung der Somali zum christlichen Glauben arbeitete? Wenn das der Fall war, wie könnte sich dann unsere Bekanntschaft zu einer Freundschaft entwickeln? Die ganze Struktur des Dar al-Islam (Gebiet unter muslimischer Herrschaft) dreht sich in ihrem Wesen darum, die Integrität der Gemeinschaft zu schützen.20 Das beinhaltet auch, die Muslime davor zu bewahren, dass sie die muslimische Gemeinschaft verlassen.
Muslime glauben, dass sie die Pflicht haben, der ganzen Welt den Islam bekannt zu machen. Tatsächlich enthält der tägliche Gebetsruf von den Minaretten das Zeugnis und die Einladung der Muslime an die ganze Welt. Im Folgenden gebe ich verkürzt die Bedeutung des Gebetsrufes wieder: „Gott ist der Allmächtige, es gibt keinen Gott außer Gott und Mohammed ist sein Prophet, daher kommt und erfahrt das Gute, kommt und betet an.“ Ein muslimischer Freund sagte mir, der Gebetsruf sei ein dringender Aufruf und ein Zeugnis, das sich an alle Menschen richtet.
In meinen freundschaftlichen Beziehungen zu Muslimen habe ich festgestellt, dass es ihnen recht schwer fällt, anzuerkennen, dass auch wir Christen zum Zeugnis berufen sind. Ich hatte viele Gespräche mit Muslimen, oft auch in ihren Moscheen. Dass wir als Christen dazu berufen sind, Zeugnis abzulegen und die Menschen die Freiheit haben, die Einladung der Christen anzunehmen, sind die größten thematischen Herausforderungen, die mir in Gesprächen mit Muslimen immer wieder begegnen.
Die islamische Gemeinschaft glaubt, der Islam sei Gottes ewig gültige Anleitung darüber, was wir zu glauben und zu tun haben. Diese ewige Anleitung ist unveränderbar. Daraus folgt, dass der Islam die erste, mittlere und letzte Religion der Menschheit ist. Wie kann dann also jemand ernsthaft erwägen, diese entscheidende Religion zu verlassen? Es ist daher sehr schwierig für einen Muslim, innerhalb seines religiösen Weltbildes genügend Raum zu finden, um einen anderen Weg zu wählen.
Die Bekehrung weg vom Islam hatte auch der stellvertretende Polizeipräsident der Stadt, in die wir nach unserer Ankunft in Somalia zogen, sorgenvoll vor Augen. Mein Auftrag war es, ein blühendes Internat im sekundären Bildungsbereich aufzubauen. Die Verbreitung des Christentums galt jedoch als illegale Handlung. Wir konnten die Studierenden daher nicht zum Bibelstudium einladen. Wenn jemand die Bibel studieren wollte, so mussten wir ihn oder sie bitten, eine Erklärung zu unterschreiben, dass das Studium auf eigenen Wunsch durchgeführt wurde. Wir hatten vor, diese unterschriebenen Erklärungen der Polizei vorzulegen, sollten wir jemals über das Bibelstudium befragt werden.
Den Behörden gegenüber Rechenschaft ablegen
Ich war Mitte zwanzig. Mich begeisterten die Herausforderungen und Möglichkeiten, die vor uns lagen. Dann wurde ich auf den Boden der Tatsachen gebracht, als ein Befehl des stellvertretenden Polizeipräsidenten eintraf, ich hätte in seinem Büro zu erscheinen. Das große Büro war voller Menschen. In ihrem Beisein konfrontierte mich ein Beamter: „Es wurde mir berichtet, dass einige Studierende, für die Sie Verantwortung tragen, Christen geworden sind. Das ist gegen das Gesetz. Ich ordne daher eine vollumfängliche Ermittlung an. Ich versichere Ihnen: Das wird aufhören!“
Ich hatte Angst, dass ein möglicher Ausruf „Allahu akbar“ (Gott allein ist groß!) aller Anwesenden auf diese Worte folgen könnte. Ich betete still: „Heiliger Geist, Jesus versprach, du würdest uns sagen, was wir in so einer Situation antworten könnten. Bitte beeile dich! Es gibt keine Zeit zu verlieren!“
Ich bat darum, dass alle, bis auf einen Zeugen, das Büro verlassen mögen. Der Beamte stimmte dem zu, weil er das Anliegen verstand. Nur der Polizeichef blieb. Dann antwortete ich: „Ich will nicht darauf eingehen, ob Studierende zum Glauben an den Messias kamen. Nur Gott kennt die Herzen. Führen Sie Ihre Untersuchung durch und entscheiden Sie selbst darüber, was geschehen ist. Als Lehrer der Mennonitischen Mission dienen wir an der Schule als Gäste Ihres Landes. Wir sind dankbar für das Privileg, den Somali dienen und mit ihnen arbeiten zu können. Als Gäste wollen wir uns an das Gesetz Ihres Landes halten. Ich habe jedoch ein Problem und bitte Sie um Ihren Rat“, fuhr ich fort. „Als ich vor vielen Jahren zum Glauben an Jesus, den Messias, kam, erfüllte mich der Heilige Geist mit Freude und Liebe. Ich kann diese Gaben Gottes nicht ignorieren. Manchmal kommt ein Student zu mir und sagt: ‚Ich sehe in dir die Gabe von Freude und Liebe. Ich glaube, diese Gaben sind durch den christlichen Glauben in dir entstanden. Bitte erkläre mir diesen Glauben und führe mich zu diesem Glauben.‘ Was soll ich tun? Was ist die richtige Antwort, wenn Studierende zu mir kommen und die Bibel studieren wollen? Wenn jemand glauben will, wie könnte ich oder auch die Regierung das verhindern? Sind nicht auch Sie ein freier Mann? Wie sollte ich diesen Studierenden antworten?“
Der stellvertretende Polizeipräsident unterbrach mich: „Sie haben Recht. Ich bin ein freier Mann. Niemand kann bestimmen, was ich glaube. Was die Studierenden angeht: Machen Sie so weiter wie bisher. Sie machen es richtig. Es wird keine weiteren Ermittlungen geben.“
Das ganze Geschehen hatte Vertrauen bei den Behörden geweckt. Vertrauen entwickelt sich auf der Basis von Wahrhaftigkeit. Bei einer anderen Gelegenheit sprach ich mit einem hohen Regierungsbeamten – ich glaube, er war der Erziehungsminister. Zu dieser Zeit war ich Direktor der Mission. Ich sagte ihm, dass ich in allen Bereichen ganz der Offenheit und Integrität verpflichtet sei. Ich teilte ihm mit: „Wir als SMM wollen auf eine Art und Weise hier dienen, die die Gesetze des Landes respektiert. Angesichts des Gesetzes, das die Verbreitung des Christentums verbietet, ist das eine enorme Herausforderung. Daher möchte ich Ihnen gern beschreiben, wie wir darum bemüht sind, unsere Arbeit innerhalb des gesetzlichen Rahmens zu tun.“ Er antwortete mir: „Nein, sprechen Sie nicht von Ihrer Arbeitsweise. Wir wissen, wie Sie arbeiten. Setzen Sie Ihre Arbeit so fort. Wenn Sie Fehler machen, informieren wir Sie. Aber machen Sie keine Fehler.“
Verlassen Sie das Land, wenn Sie hoffen, dass meine Leute Christen werden
Ein wesentlicher Aspekt von Integrität in muslimischen Gesellschaften ist, sich mit dem Verdacht auseinanderzusetzen, christliche Mitarbeitende seien nur in das Land gekommen, um zu evangelisieren. Erinnern wir uns: Das war auch die erste Frage, die mir in der Teestube in Mogadischu in den ersten Tagen gestellt wurde. Die gleiche Sorge trieb den Beamten an, der Ermittlungen gegen unsere Schule einleiten wollte, weil Studierende Christen geworden waren. Hier steckt oft der Verdacht, der wahre Grund für die christliche Präsenz sei die Evangelisation und nicht der Dienst an den Menschen. Diesem Verdacht waren wir auch in Somalia ausgesetzt.
Auf den Philippinen begegnete ich dem gleichen Verdacht gegenüber dem christlichen Zeugnis. Kollegen und ich besuchten die Insel Mindanao im Süden der Philippinen, auf der es immer wieder zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen der Regierungsarmee und muslimischen Separatistengruppen kam. Eine der mennonitischen Missionen hatte einen kanadischen Friedensbotschafter in das Dorf gesandt, das wir besuchten. Wir wurden im Dorf vorgestellt und genossen im Anschluss ein ausgezeichnetes Abendessen im Haus des Sultans, als Zeichen der Anerkennung für unsere Friedensbemühungen.
Während des Essens stellten einige Söhne des Sultans nervös hüstelnd die Frage: „Was ist der wahre Grund für Ihre Ankunft in unserer Stadt?“ Der freundliche Vater, der Sultan, griff das Thema auf: „Ich bin der Nachkomme vieler Generationen von Sultanen, die die Verantwortung dafür trugen, dass diese Stadt muslimisch blieb und dass niemand die muslimische Gemeinschaft verließ, um Christ zu werden. Wir schätzen die Arbeit des Abgesandten, aber wenn Sie darauf hoffen sollten, dass Menschen aus unserer Stadt zu Christen werden, dann ist das religiöser Imperialismus, den ich niemals tolerieren werde. In diesem Fall sollten Sie nach Hause zurückkehren.“
Natürlich verstand der Sultan unter Christentum mehr als nur den Glauben an Jesus. Er verstand das Christentum wie den Islam, nämlich als ein umfassendes geopolitisches System. Auf Mindanao standen diese unterschiedlichen Systeme seit Jahrzehnten im Konflikt miteinander. Daher war in ihren Augen jeder, der Christ wurde, auch jemand, der sich dem imperialen System des Feindes anschloss. Daher vermeide ich es in der Regel, in Gesprächen mit Muslimen davon zu reden, dass ich Christ sei. Ich bekenne mich lieber als jemand, der an Jesus, den Messias, glaubt.
Wir waren angesichts dieser Attacke des frommen und sanften Sultans ziemlich erschüttert. Es war offensichtlich, dass er fürchtete, wir würden unseren Dienst als Vorwand und Mittel zum Missionieren nutzen. Manche meiner christlichen Kollegen würden auf den Vorwurf vielleicht so antworten: „Oh nein, bestimmt nicht. Wir würden nie erwarten, dass sich ein Muslim aus eurer Stadt bekehren würde. Wir sind hier nur als Menschen, die mit ihren Gaben dienen wollen. Wir würden Muslimen sogar davon abraten, Christen zu werden.“ Was passiert aber, wenn sich doch ein Muslim entscheiden will, Christ zu werden? Es könnte das Vertrauen in der ganzen Region ruinieren. Die Integrität der christlichen Mitarbeitenden würde in Frage gestellt.
Da ich am Tisch des Sultans der Mann mit dem weißen Bart war, schauten mich alle an und waren gespannt, wie ich dem Sultan antworten würde. Ich betete still: „Herr, leite du dieses Gespräch.“
Ich begann: „Danke, dass Sie Ihre Bedenken beschreiben. Ich möchte vier Anmerkungen machen. Erstens, wir sind uns darin einig, dass weder Christen noch Muslime missionieren sollten. Darunter verstehe ich, dass Geld oder andere Lockmittel benutzt werden, um Menschen von der eigenen Religion zu überzeugen. Wir verwerfen und verurteilen solche Praktiken überall in der Welt. Wir stimmen mit der Aussage des Koran überein, wo es heißt: ‚Es soll keinen Zwang in der Religion geben.‘ 21 Auch die Bibel benennt die Freiheit des Menschen, ohne Zwang zu wählen: ‚Wer durstig ist, der soll kommen. Jedem, der es haben möchte, wird Gott das Wasser des Lebens schenken‘. 22
Zweitens: Muslime haben mich ganz frei dazu eingeladen, Muslim zu werden. Sie tun das aus Wertschätzung heraus und sie denken, der Islam würde für mich ein großer Segen sein. Genauso sehnen sich Christen danach, dass andere Menschen an das Evangelium glauben.
Drittens wissen wir alle darum, dass niemand jemand anderen bekehren kann. Bekehrung ist eine Sache zwischen Gott und einer Person.
Viertens: Wir sind hier als Gäste, von Ihnen eingeladen. Und wenn Sie möchten, dass wir gehen, dann werden wir in Frieden gehen.
Unser Abgesandter kam als Diener von Jesus, dem Messias, der uns lehrte, zu lieben, sogar unsere Feinde. Tatsächlich hat Jesus sogar die Füße von Judas gewaschen, der ein Verräter war. Wir glauben, dass sowohl eine einzelne Person als auch eine ganze Gemeinschaft durch die Liebe des Messias Heilung erleben kann. Wir sind hier, um von dieser heilenden Liebe Christi Zeugnis abzulegen.
Angenommen, jemand aus Ihrer Stadt würde sich dafür entscheiden, uns in der Hingabe an Jesus, den Messias, zu folgen und sich zusammen mit uns im Liebesdienst für seine Feinde einsetzen. Was wäre, wenn wir dieser Person die Nachfolge verweigern würden und ihm oder ihr sagen würden, nur wir, als Gäste unter Ihnen, können an Jesus glauben und ihm nachfolgen, aber das sei keinem anderen erlaubt? Wäre es nicht religiöser Imperialismus, zu sagen: ‚Jesus, der Messias, ist nur für uns und nicht für alle anderen‘?“
Die Antwort kam prompt und emotional: „Oh, nein! Sie können unmöglich sagen, nur Sie könnten an Jesus, den Messias, glauben! Das wäre tatsächlich religiöser Imperialismus! Sie haben recht. Jesus ist für jeden Menschen da.“
Fragt den Christen
Einige Jahre später bereiteten sich die jungen Männer im Dorf des Sultans für den Kampf gegen die Regierung vor. Sie rüsteten ihre Waffen, doch bevor sie in den Kampf zogen, trafen sich die Leiter der Gruppe mit dem Sultan, um ihn um Rat und seinen Segen zu bitten. Der Sultan erwiderte den Kämpfern jedoch, sie sollten ihre christlichen Gäste um deren Rat fragen.
Der ausländische Gast war überrascht, als ihn die Kämpfer, die sich auf den Kampf vorbereiteten, um Rat fragten. Er riet ihnen, nach Hause zu gehen, zu beten und zu hören, was Gott zu ihnen über den geplanten Angriff sage. Später kamen sie zu ihm zurück und sagten, sie würden nichts von Gott hören. Daher riet er ihnen, weiter zu beten. Nach einigen Tagen und immer wieder neuen Aufrufen zum Gebet berichteten sie dem Christen: „Gott hat gesprochen und gesagt, wir sollen nicht in den Krieg ziehen.“ Daher verkauften sie ihre Waffen und nutzten den Erlös für einen Schulbau!
Diese Veränderung war erstaunlich. Der Sultan, der zuvor gesagt hatte, unser Abgesandter solle nach Hause zurückkehren, falls wir uns erhofften, das Dorf würde sich zum Christentum bekehren, ermutigte nun die jungen Männer, den Rat dieses Christen zu suchen, ob sie in den Krieg ziehen oder davon absehen sollten. Ich nehme an, dass Jesus genau das damit meinte, als er sagte, seine Nachfolger seien das Salz der Erde. Obgleich dort noch keine christliche Gemeinde entstanden war, hatte das Salz des Reiches Gottes bereits die muslimische Gemeinde durch die christuszentrierte Gegenwart und das Zeugnis eines Friedensbotschafters des Messias verändert.
Das Salz der Integrität
Eine integre Person zu sein bedeutet in den meisten Gesellschaften, gegen den Wind zu segeln. Wir erleben Gegenwind, wenn wir sowohl subtil als auch mutig vorgehen. Ein Beispiel dafür ist ein Erlebnis aus einer unserer Schulen in Somalia: Studierende führten dort oft witzige Theaterstücke auf. In einem dieser Theaterstücke kommt ein Nomade, der nicht lesen und schreiben kann, für einen Tag in die Stadt und lässt sein Geld in der Moschee beim Wadad (ein ungelernter volksreligiöser Leiter) zurück. Am Abend kommt der Nomade zu ihm und verlangt sein Geld zurück. Der Wadad gibt jedoch vor, verrückt zu sein und nicht zu verstehen, was der Nomade will. So kehrt der ungebildete Nomade als Bestohlener nach Hause zurück. Das Stück erntete viel Gelächter. Am nächsten Tag analysierten die Studierenden das Theaterstück. Der überwiegende Teil der Gruppe war der Meinung, dass der Wadad das Richtige getan habe, weil er den Nomaden austrickste. Ich war enttäuscht, denn ich hatte gehofft, dass wir, die an die Bergpredigt glaubten, mit unserer Gegenwart als das nötige „Salz“ und „Licht“ wirkten und Integrität vorlebten, die in der somalischen Gesellschaft nicht vorausgesetzt werden konnte.
Die Lehrkräfte und Theologen der muslimischen Fakultät waren ebenfalls wie wir von der Reaktion der Studierenden betroffen. Integrität ist eine Tugend, die sie durch ihre Lehre des Islam zu verbreiten suchten. Diese Theologen wussten um die ernste Warnung in der islamischen Lehre: Wenn jemand einen anderen fälschlich anklagt, so soll der Ankläger mit der Strafe bestraft werden, zu der der fälschlich Angeklagte verurteilt worden wäre. Innerhalb der muslimischen Gesellschaft, in der wir arbeiteten, war die Ablehnung gegen falsche Zeugenaussagen tief verwurzelt.
In unserer Schule unterstützten sich daher die muslimische und christliche Spiritualität gegenseitig, wenn es darum ging, die Studierenden Integrität zu lehren und die Werte des Wadad im Theaterstück zu kritisieren. Die Gegenwart der Christen schien die Muslime, unter denen wir dienten, zu neuer Verpflichtung und Förderung der Integrität herauszufordern. Deshalb versicherten uns somalische Muslime oft: „Wir vertrauen euch!“
Jesus bezeichnet seine Nachfolger als „Salz“ und „Licht“.23 Die Gegenwart der Christen soll überall, auch in muslimischen Gesellschaften, in Integrität gegründet sein. Ich konnte dieses Salz der Integrität auch bei meinem Besuch eines Christen in Zentralasien beobachten, der bemüht war, in seiner Region eine Hühnerzucht aufzubauen. Er organisierte mit einem Team von anderen Christen eine Verkaufsstelle für Hühnerfutter, um die wachsende Hühnerzucht in der Region zu stärken. Bauern brachten das selbst angebaute Korn zur Verkaufsstelle, wo es nach dem Wägen mit dem anderem Futter gemischt und weiterverarbeitet wurde. Die Gemeinschaft nannte die Waagschalen, mit denen das Futter gewogen wurde, „die Waagschalen der Wahrheit“. Die Verkaufsstelle erarbeitete sich in der ganzen Gegend einen guten Ruf, da sie ihr Geschäft auf ehrliche Weise betrieb.
Das Salz und Licht gelebter Integrität muss alle Lebensbereiche durchdringen. Manche Länder stellen beispielsweise Visa für Geschäftsleute oder Visa für Menschen mit einem gesuchten Beruf, wie z. B. Englischlehrer aus. Diese Visa werden für ein bestimmtes Gewerbe erteilt. Es kommt jedoch auch vor, dass ein Empfänger in Wirklichkeit gar kein Geschäft eröffnet. Die eingetragene Firma ist nur eine Fassade mit einer Visitenkarte und Registriernummer, jedoch ohne eine tatsächliche Handelstätigkeit. Oder ein Englischlehrer unterrichtet nur wenige Stunden pro Woche Englisch, was jedoch nicht ausreicht, um ein entsprechendes Visum zu rechtfertigen. Werden Visa für einen bestimmten Beruf erteilt, so ist es unerlässlich, dass die Person, die ein Visum erhalten hat, sich in dem Beruf über das Mindeste hinaus einbringt. Erfahren Behörden von dem fragwürdigen Gebrauch des Visums und weisen den Mitarbeitenden aus, dürfen wir sie nicht anklagen, dass sie gegen Christen seien, wenn sie eigentlich von dem christlichen Mitarbeitenden nur erwarten, dass er mit Integrität seinem Dienst nachgeht.
Wenn jemand in einem Land als Missionar dienen möchte, ist es meiner Ansicht nach besser, wenn er sich, sofern das möglich ist, bei einer Missionsgesellschaft registriert. So verfuhren wir in Somalia, und auch andere mit der Kirche verbundene Organisationen registrierten sich als „Mission“ oder manchmal auch als „Christlicher Dienst“. In unserer SMM erhielten 40 Mitarbeitende ein Visum für den Dienst in einem Land, das zu 100 Prozent muslimisch war. Jedes Visum war mit einem bestimmten Dienst verbunden, den die Regierung anerkannt hatte. Ich diente als Direktor der SMM-Schulen. Meine Frau erhielt ein Visum als Hausfrau. Alle Unterrichtenden der Bildungsabteilung der SMM bemühten sich, hervorragende Leistung zu erbringen. Entsprechend hatten unsere Schulen den Ruf, die besten des Landes zu sein. Wir bauten in Ergänzung zur Grundschule und zur Middle School24 eine erstklassige Highschool und ein starkes Bildungsprogramm für Erwachsene auf. Man kannte uns als die Mission, die Ausbildung anbietet.
Wir verstanden unsere Verpflichtung zur Erstklassigkeit als ein Zeichen des Reiches Gottes. Unsere Schulen waren so etwas wie ein Erkennungszeichen, und die ganze Nation war von unserer Hingabe an Erstklassigkeit beeindruckt. Unsere Schulen waren keine Fassade. Sie waren keine Tarnung zur Evangelisation. Wir beantworteten Fragen zum christlichen Glauben. Es entstanden kleine christliche Gemeinschaften. Das war kein Geheimnis. Aber die sich entwickelnde Kirche war eher unauffällig. Unsere Präsenz war gezeichnet vom konsequenten Lebensstil einer integren Hingabe. Wir waren nicht die einzige christliche Organisation, die in Somalia diente. Erstklassigkeit jedoch war das Erkennungszeichen jeder dieser vielen christlichen Organisationen, die sich für die Entwicklung des Landes einsetzten. Tatsächlich glaube ich, dass man rund um die Welt die christlichen Organisationen an ihrer Exzellenz und Leidenschaft erkennt und sie dafür schätzt.
Unschuldig wie die Tauben
Natürlich waren wir vorsichtig, wenn wir erklärten, wer wir waren. Manchmal trage ich den Hut des Pastors. In Somalia war ich meist der Lehrer. Zu anderen Zeiten war ich Universitätsprofessor oder Gelehrter. Reise ich in ein Land als Tourist ein, dann bin ich auch Tourist und verhalte mich entsprechend. Manche reisen geschäftlich in ein Land ein und sind dann dort auch als Geschäftsleute tätig. Wir wollen in allem unserem Handeln weise sein. Es ist selten klug, „Flagge zu zeigen“. Unauffälliger Dienst im Namen Christi ist weise, aber wir vermeiden Doppelzüngigkeit. Diese Einstellung führt uns zum nächsten Kapitel: uns unserer Identität bewusst zu sein. Jesus riet: „Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben“.25 Wie immer ist dieser Rat Jesu ein guter.
Fragen zur weiteren Diskussion
1.Vergleichen Sie die Einschränkungen, die christliche Lehrkräfte in öffentlichen Schulen in westlichen Ländern (beispielsweise Kanada, USA, Frankreich, Deutschland oder der Schweiz) erfahren, mit jenen, die Christen in manchen muslimischen Gesellschaften erleben. Wie sollten sich christliche Lehrkräfte in solch restriktiven Systemen am besten verhalten?
2.Religionsfreiheit ist im Umgang von Christen mit Muslimen ein Schlüsselthema. Welche Vorgehensweise schlagen Sie bei diesem heiklen Thema vor?
3.Wie antworten Sie auf die These in diesem Kapitel, dass Dienst und Zeugnis zusammengehören? Was halten Sie von der Verpflichtung zum integren Dienst und Zeugnis, wie es in diesem Kapitel beschrieben wurde?
18Die Bibel: 2. Korinther 1,17–21.
19Der Koran: Sure 58:14–19.
20Dar al-Islam bedeutet „Haus des Islam“. Umma bedeutet wörtlich übersetzt „Mutter“. Die muslimische Gemeinschaft wird als Umma bezeichnet. Vier Jahrhunderte nach der Formierung der Umma kam der Ausdruck Dar al-Islam in Gebrauch, um die Idee von dem Geltungsbereich des Islam und von politischer Herrschaft auszudrücken. Auch wenn man von Dar al-Islam erst vier Jahrhunderte nach der Hidschra (der Umsiedlung von Mohammed und seinen Nachfolgern nach Medina 622 n. Chr.) sprach, so ist das Konzept des Dar al-Islam doch sehr wichtig, auch schon für den Beginn der muslimischen Bewegung. In diesem Text nutze ich beide Ausdrücke: sowohl Dar al-Islam als auch Umma, um mich auf die Entwicklung der islamischen Gemeinschaft zu beziehen. Dabei betont Dar al-Islam die politische und territoriale Dimension der Bewegung.
21Der Koran: Sure 2:256.
22Die Bibel: Offenbarung 22,17b.
23Der Koran: Sure 2:256.
24Anmerkung der Übersetzerin: Weiterführende Schule des sekundären Bildungsbereichs nach der Elementary School (Grundschule) und vor der Highschool.
25Die Bibel: Matthäus 10,16.
KAPITEL 2
Sich seiner Identität bewusst sein
Während der Okkupation des Iraks durch die Vereinigten Staaten nahm ich an einem Treffen von 80 muslimischen und christlichen Leitern in Zentraljava, Indonesien, teil. Ich sprach über den Frieden des Messias. Dann stellte jemand ganz hinten im Raum eine Frage. „Sie beschreiben den Messias als den einen, der seinen Feinden vergibt und den Kreislauf der Rache durchbricht“, sagte die Person. „Aber Ihr Präsident, George Bush, sagt von sich, er sei Christ und hat doch Ihr Land in eine Reihe von Kriegen geführt. Wir sind verwirrt.“
Die politische Ordnung und das Reich Gottes
Wie hätten Sie geantwortet? Der indonesische Moderator der Veranstaltung wies die Frage zurück, indem er sagte: „Es ist sehr unhöflich, einen Gast auf diese Weise mit einer Frage herauszufordern.“ Aber ich versicherte ihm, dass ich mich nicht verletzt fühlte, denn das sei eine wichtige Frage, die eine klare Antwort verdiene. Ich antwortete also: „Ich bin hier als Botschafter Jesu, des Messias, nicht als ein Repräsentant der Regierung der Vereinigten Staaten. Ich bin hier durch Gottes Gnade und versuche, das Reich Jesu, des Messias, zu repräsentieren. Sein Reich ist ewig und gründet in der leidenden, versöhnenden und vergebenden Liebe, die in Jesus offenbart wurde. Jesus schrie am Kreuz auf, weil er die Vergebung für die Sünden der Welt erwirkte.
Nationen kommen und gehen. Reiche kommen und gehen. Nationen und Reiche ziehen in den Krieg. Diese Kriege offenbaren unsere Sündhaftigkeit. Das Reich Gottes aber ist ewig und ein Reich, das in der Leben spendenden Liebe Gottes gegründet ist. Die Gemeinschaft der Kirchen, der ich angehöre, hat vor Kriegsbeginn im Irak einen Brief an Präsident Bush gesandt und ihn eindringlich gebeten, nicht in den Krieg zu ziehen. Dem Brief waren 7 000 Unterschriften beigefügt. Wir versuchten, die Vereinigten Staaten davon abzuhalten, Krieg zu führen, aber wir wurden nicht gehört. Möge uns Gott vergeben, weil wir nicht mehr getan haben!“
Später erfuhr ich, dass diese Rede im nationalen Fernsehen übertragen wurde. Das Reich Gottes entspricht nicht der politischen Ordnung von Nationen oder Staaten, darin muss das christliche Zeugnis klar sein. Daher hatte die Rede Gewicht. Die Nachfolger Jesu gründen ihre Identität auf Jesus, den Messias, und auf sein Königreich. Die Kirche bezeugt dieses Reich.
Wir Christen sind auch Bürger von Nationen, und das beschert uns eine Herausforderung. Wie leben wir als treue Nachfolger des Messias und seines Reiches, während wir gleichzeitig Bürger einer Nation sind? Ich gebe zu, diese Realität bringt spezielle Schwierigkeiten für Christen mit sich. Gehört doch unsere letzte Loyalität dem Reich Gottes, nicht den Reichen dieser Welt.
Unsere besondere Aufgabe liegt darin, uns unserer Identität bewusst zu sein, wo auch immer wir auf der Welt dienen. In diesem Kapitel beschäftigen wir uns besonders mit den Fragen zur Identität von Christen, mit denen wir konfrontiert sind, wenn wir in muslimischen Gesellschaften leben und dienen. Das Gespräch aus Indonesien beschreibt nur ein Beispiel, wie diese Herausforderung aussehen kann.
Wie wir mit der Identität umgehen, hängt eng mit der Frage nach unserer Integrität zusammen. Identität und Integrität sind die zwei Seiten einer Münze. Schon seit Beginn der muslimischen Bewegung vor 1400 Jahren bewegt die Frage der Identität die christlich-muslimischen Beziehungen.
In der Seele der muslimischen Gemeinschaft existiert das Gefühl des „Andersseins“. Für sie gibt es einerseits die Welt der muslimischen Umma und andererseits die Welt der Nicht-Umma. Diese Realität wird offensichtlich, wenn sich die muslimische Gemeinschaft fünfmal am Tag zum Gebet versammelt. Muslime haben es mir so erklärt: „Alle Anbetenden, die sich zum Gebet einfinden und in Reihen, Fuß an Fuß aufstellen, bilden eine Mauer, die die nicht-islamische Welt ausschließt, während wir uns auf die Kaaba26 ausrichten. Wir tun das zeitgleich mit allen anderen Muslimen weltweit.“ Symbolisch drückt die Gebetszeit aus, dass es prinzipiell zwei Gemeinschaften gibt: die Gemeinschaft des Islam und die Gemeinschaft des Nicht-Islam. Die Umma wird durch die Reihe der Anbetenden, die Seite an Seite, Fuß an Fuß zusammenstehen, vor Bedrohungen von außen geschützt.
Auch Christen glauben, dass sie berufen sind, die Sündhaftigkeit der Welt zurückzuweisen und abzuwehren. Jesus sagte, seine Jünger seien nicht von dieser Welt.27 Die Kirche drückt dieses Anderssein von der Welt symbolisch durch ihren wöchentlichen Gottesdienst aus. Die Andersartigkeit der Gemeinde von der übrigen Gesellschaft zeigt sich auf vielfältige Weise, drückt sich aber besonders in der Taufe und der Konfirmation/Firmung aus. Solche Anlässe machen deutlich, dass die Kirche eine unverwechselbare Gemeinschaft inmitten vieler Gemeinschaften darstellt.
Sowohl Muslime als auch Christen haben dieses Verständnis von Andersartigkeit, daher werden der Aufbau und die Pflege von vertrauensvollen Beziehungen zu einer besonderen Herausforderung. Oftmals verbergen Christen ihre christliche Identität, um in der muslimischen Gemeinschaft akzeptiert zu werden, besonders, wenn sie als Minderheit in einer muslimischen Gesellschaft oder Nation arbeiten.
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