Kitabı oku: «Seewölfe Paket 7», sayfa 18
6.
Der Teint des Mannes war dunkel und olivfarben grundiert, seine Augen ähnelten schwarzen Juwelen. Sie schienen sich mit ihrem Blick in Hasards eisblaue Augen bohren zu wollen.
„Woher kennst du mich?“ fragte er in tadellosem Spanisch. Hasard hatte sich dieser Sprache bedient, und es war folglich klar, daß der Dunkelhaarige jedes Wort verstanden haben mußte.
„Wir sehen uns zum erstenmal“, erwiderte der Seewolf, ohne dem Blick des Mannes auszuweichen. „Aber es gehört kein Scharfsinn dazu, sich auszurechnen, wer du bist. Der spanische Kommandant war so freundlich, mir mitzuteilen, daß er hinter dir her sei. Du bist an anderer Stelle der Insel gelandet, und erst vor kurzem, nicht wahr? Nur so konntest du ihnen entgehen.“
„Darauf antworte ich nicht.“
„Du brauchst es nicht. Ich kann mir auch so genügend zusammenreimen“, sagte Hasard völlig ungerührt. „Nur solltest du deinen Freunden, den Fischern, erklären, daß sie wieder die unumschränkten Herrscher über die Insel sind. Wir haben den spanischen Verband zusammengeschossen. Ihr werdet den Kanonendonner ja wohl gehört haben.“
„Ja. Und du nimmst den Mund reichlich voll“, sagte der „Tiger von Malakka“. „Wer bist du?“
„Man nennt mich den Seewolf.“
„Und wie lautet dein richtiger Name?“
„Den sage ich dir, wenn du mir deinen genannt hast.“
Der „Tiger“ hob den Krummsäbel, bis die scharfe Klinge beinahe die Brust des Seewolfs berührte. „Ich kann dich zwingen, es mir zu sagen.“
„Eine Meisterleistung einem unbewaffneten, wehrlosen Mann gegenüber“, sagte Hasard spöttisch. „Kannst du noch mehr solcher Kunststücke?“
Für einen Augenblick sah es so aus, als wolle der Tiger von Malakka wirklich Gebrauch von der Waffe machen. Hasards Männer rückten ein Stück zu ihrem Kapitän hin auf – unerschrocken trotz der Tatsache, daß sie waffenlos waren, und bereit, dem Seewolf zu helfen.
Carberry hielt den Schädel leicht gesenkt, um sich wie ein gereizter Stier auf den schwarzbärtigen Freibeuter zu stürzen. Sir John spürte, daß sich etwas Brandheißes anbahnte. Er zog es vor, sich in die Luft zu schwingen und über der Szene zu kreisen.
Die Züge des Tigers von Malakka glätteten sich wieder ein wenig.
„Es gelingt dir nicht, mich zu provozieren“, sagte er zu Hasard. „Der Tiger überwältigt einen Wehrlosen – das wäre Wasser auf eure Mühlen, wie?“
„Der leidet an geistiger Verirrung“, bemerkte Dan O’Flynn trocken, während er die große Gestalt des Seeräubers mit einem langen Blick abtastete. Hasards doppelläufige Reiterpistole steckte in dem Leibgurt des Tigers.
„Wir haben ihm und seinesgleichen geholfen“, sagte nun Ferris Tucker, wobei er sich ebenfalls der spanischen Sprache bediente. „Und jetzt bedroht er uns. Was soll der ganze Zauber eigentlich?“
„Ja“, meinte der Seewolf. „Das möchte ich auch gern wissen.“
Der Tiger von Malakka betrachtete die acht Männer, die ihm waffenlos ausgeliefert waren. Diesen Schwarzhaarigen mit den eisblauen Augen, dem kühnen Gesicht und der Narbe, die von der Stirn aus über die Wange verlief, dann den Narbengesichtigen mit dem wuchtigen Schädel und den riesigen Fäusten, den rothaarigen Riesen und den Hünen mit dem grauen Bartgestrüpp, den Bulligen mit dem braunen Haar, den Dunkelhaarigen an seiner Seite, den Schlanken in der abenteuerlichen Kostümierung, den noch sehr jungen Mann, der eben von geistiger Verirrung gesprochen hatte – tief in seinem Inneren konnte der Tiger nicht umhin, diese mutigen Kerle zu bewundern. Nichts schienen sie zu fürchten, weder Tod noch Teufel.
Er schaute zu dem bunten Vogel auf, der über ihren Köpfen schwebte und dann auf einem Felsen landete. Der Tiger ließ den Blick wieder sinken und fixierte den Mann, der sich Seewolf nannte. Fast wurde er wankelmütig und empfand so etwas wie Sympathie für den kleinen Trupp, aber dann gab er sich einen inneren Ruck.
„Ich will dir sagen, was ich denke“, erklärte er. „Fein habt ihr euch das alles ausgedacht, aber ich falle nicht darauf herein. Ein Spion bist du, Seewolf, ein verdammter Spanier, der mich durch eine billige Schmierenkomödie hereinlegen will. Anders könnt ihr mir nicht mehr ans Zeug, und so habt ihr euch diesen Überfall zurechtgelegt. Ihr habt ein wenig gewütet und geschossen, wußtet dabei aber ganz genau, daß ihr mich so niemals packen konntet. So habt ihr einen ‚Überfall‘ inszeniert, in dem du als Held auftreten solltest.“
Hasards Miene war fassungslos. Ihm fehlten wirklich die Worte.
Der Tiger trat zu dem Stammesältesten und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Otonedju wird bestätigen, was ich sage.“ Er übersetzte seine Worte für den Häuptling des Dorfes, und Otonedju nickte dazu.
„Nur so kann es sein“, erwiderte er. „Die fremden Eindringlinge sind zu jeder Gemeinheit fähig. Sie wollten mich zum Sprechen zwingen und dann töten. Sie wollten unsere Frauen und Mädchen mißhandeln und den ganzen Stamm niedermetzeln.“
Aus einer der Höhlen war Otonedjus Tochter getreten. Sie hatte mit angehört, was die Männer soeben gesprochen hatten.
„Aber ich erkenne keinen der Weißen wieder“, sagte sie überrascht. „Die Soldaten von den Schiffen waren anders gekleidet als diese Männer hier. Sie hatten Panzer auf dem Leib.“
Der Tiger wandte ihr den Kopf zu und lächelte sie an. „Siehst du, fast gehst du ihnen auf den Leim. Natürlich kreuzten diese Kerle erst auf, als ihr euch in den Busch hattet retten können. Vor euren Augen hätten sie ja niemals einen fingierten Kampf mit ihren Landsleuten beginnen können, eine Schattenschlacht, mit deren Hilfe wir alle hinters Licht geführt werden sollen.“
„Ich habe einen Späher zum höchsten Inselberg hinaufgeschickt“, sagte Otonedju. „Er soll sehen, was aus den Schiffen von der Bucht geworden ist.“
Der Tiger lachte auf. „Der Kriegsschiffverband wird sich in irgendein Versteck verholt haben. Bald rundet er die Insel, um nach uns zu suchen. Wir müssen sehen, daß wir noch heute nacht von hier verschwinden.“
„Ich wäre dankbar, wenn du uns übersetzen könntest, was ihr redet“, sagte der Seewolf. „Wir haben ein Anrecht darauf, Mann.“
Der Freibeuter hob die Augenbrauen. „Ah! Du nimmst den Mund immer noch viel zu voll. Aber einverstanden, ich sage dir, wovon Otonedju und ich überzeugt sind.“
Als er mit seiner fast wortgetreuen Übersetzung am Ende war, trat Hasard wütend zwei Schritte auf ihn zu.
„Deine Darstellungen haben weder Hand noch Fuß“, sagte er. „Es ist geradezu lachhaft und an den Haaren herbeigezogen, was ihr euch da ausdenkt.“
„Ein Krampf!“ schrie nun auch Carberry.
„Wir brauchen uns das nicht gefallen zu lassen“, fügte Blacky aufgebracht hinzu.
Die malaiischen Piraten hoben wieder ihre Waffen und zielten auf die Seewölfe. Hasards Kameraden ließen sich dadurch aber ebensowenig einschüchtern wie der Seewolf selbst.
„Tiger von Malakka“, sagte Hasard. „Wirf nur einen Blick auf die Bucht unterhalb des Dorfes. Dort sind drei Schiffe untergegangen – der komplette Verband. Kann man so etwas vortäuschen?“
Der Späher kehrte zu Otonedju zurück. Er war einer der beiden jungen Krieger, die der Seewolf auf der Lichtung hatte überwältigen müssen. Aufgeregt redete er auf seinen Häuptling ein, und Otonedju schaute zu dem Anführer der Piraten.
Der Tiger setzte eine triumphierende Maske auf.
„Nur ein Schiff liegt in der Bucht vor Anker“, sagte er zu Hasard. „Offenbar das deine. Die drei anderen sind verschwunden. Spurlos.“
„Teufel, weil sie gesunken sind!“
„So rasch?“
„Otonedju hätte zuschauen können, wie wir die ‚Santissima Madre‘, die ‚Santa Barbara‘ und die ‚San Juan‘ auf Grund gesetzt haben. Zumindest das Feuer, das wir auf ihren Decks entfacht haben, hätte er sehen müssen.“
Der Freibeuter unterhielt sich noch einmal in der eigentümlichen, abgehackt und leicht guttural klingenden Sprache der Malaien mit dem Dorfältesten, dann schüttelte er den Kopf. „Nichts. Das ist dein Pech, Seewolf. Du hast uns eben unterschätzt.“
„Geh zur Bucht und schau dir die Toten an, die dort verstreut liegen“, sagte Hasard mühsam beherrscht. „Die werden dich davon überzeugen, wie sehr du mit deiner idiotischen Meinung danebenliegst.“
„Damit ich deinen Kumpanen in die Hände laufe?“ Der Tiger lachte wieder. „Darauf wartest du ja nur.“
„Fahr zur Hölle. Dir ist nicht zu helfen.“
„Gib acht, wie du mit dem Rebellen von Malakka sprichst“, stieß der Schwarzbärtige zornig hervor.
Hasard antwortete mit einer wegwerfenden Geste. „Mit solchen Drohungen imponierst du mir nicht. Dein Stolz und dein Starrsinn werden dich noch zu Fall bringen. Du weißt deine Feinde nicht von deinen Freunden zu unterscheiden – ein böser Fehler.“
Der Tiger trat dicht vor ihn hin. „Dein Heulen stößt bei mir auf taube Ohren, Seewolf. Du bist ein guter Redner, das gebe ich zu, aber allein durch Raffinesse kannst du mich nicht aus dem Gleichgewicht bringen.“
„Wie du meinst“, sagte Hasard kalt. „Was hast du vor? Willst du uns hinrichten? Hier?“
„Nein. Meine Prahos liegen am Ostufer der Insel. Dorthin bringen wir euch jetzt – zusammen mit den Bewohnern des Dorfes.“
„Eine richtige Evakuierung also?“
„So könnte man es nennen.“
Rund drei Dutzend Männer, die ihrem Äußeren nach alle von Malakka oder Sumatra zu stammen schienen, bildeten die Meute des Tigers von Malakka. Je zwei dieser Burschen kümmerten sich auf einen Wink des Anführers hin um die Seewölfe. Mit Tauenden banden sie Hasard, Ed, Ferris, Shane, Smoky, Blakky, Dan und Sam die Hände auf dem Rücken fest.
Hasard gelang es, die Gelenke ein wenig auseinanderzudrücken und die Finger zu spannen, während ein muskelbepackter Atjeh ihm die Fesseln zusammenzurrte. Das war aber auch alles, was er im Augenblick tun konnte. An Flucht war nicht zu denken – nicht unter diesen Bedingungen.
Bei aller Nahkampferfahrung und Taktik – der Tiger und seine Leute hätten sie mühelos niederschießen und abstechen können, sofern sie einen Versuch in dieser Richtung unternommen hätten.
Während die Frauen, Kinder und Greise des Inselstammes die Höhlen verließen und sich der lange Zug zwischen den Felsen formierte, blickte Hasard zu Otonedjus Tochter hinüber. Sie war ein ausgesprochen hübsches, zerbrechlich wirkendes Geschöpf mit langen schwarzen Haaren, die sie jetzt zu einem Knäuel auf ihrem Kopf hochgesteckt hatte.
Zweierlei glaubte Hasard bei ihr festgestellt zu haben. Immer wieder suchte ihr Blick die Gestalt des Tigers von Malakka. Der Mann schien ihr zu imponieren. Aber gleichzeitig mußte sie einige Zweifel daran haben, ob sein Urteil über die acht Gefangenen wirklich berechtigt war. Die Art, wie sie die Seewölfe musterte, war frei von Haß und Vergeltungssucht.
Die Piraten verteilten sich auf Kopf, Mitte und Ende des Zuges. Hasard und seine Männer mußten vorn marschieren, gleich hinter dem Tiger und sechs, sieben von dessen Kerlen.
Der Tiger von Malakka schritt als erster los. Langsam und fast lautlos setzte sich auch seine Gefolgschaft in Bewegung. Der Abstieg zum Ostufer hatte begonnen. Er führte wieder in tiefes, Feuchtigkeit atmendes Dikkicht, in das jedoch bereits ein Pfad getrieben worden war – von den Freibeutern, die bei ihrer Ankunft denselben Weg genommen hatten.
Hasard tauschte einen Blick mit Carberry, der hinter ihm wanderte.
Carberry verstand. Er sollte Sir John veranlassen, zur „Isabella“ zurückzufliegen. Ben Brighton würde schon begreifen, wenn er den Aracanga allein auftauchen sah. Auf jeden Fall mußte er die Gefahr spüren, in der die acht Kameraden sich befanden.
Aber Sir John kapierte nicht, was der Profos von ihm verlangte. Immer wieder trachtete Ed, den kleinen Kerl von seiner Schulter zu scheuchen, mußte dabei aber achtgeben, nicht die Piraten auf sich aufmerksam zu machen.
Sir John war den Seewölfen in manchen Situationen schon eine Hilfe gewesen, aber man durfte seine Fähigkeiten nicht überschätzen. Hier war er zweifellos überfordert. Er verstand nicht, was Carberry ihm zuraunte.
Als ihm das Getue des Profos’ zu bunt wurde, flatterte er nur auf und schimpfte: „Rübenschweine! Himmelhunde! Hol’s der Henker!“
„Hau ab, du rasierter Zwerghahn“, zischte Ed.
Er hoffte noch, Sir John würde jetzt in der Nacht verschwinden, aber der Vogel bewies seine Anhänglichkeit, indem er über der langen Prozession hin und her flog.
Der Tiger von Malakka drehte sich um, sah das Tier und lächelte. Hasard sah ihm an, daß er begriffen hatte. Der Freibeuter wußte aber auch, daß die Seewölfe keine Chance hatten, die auf der „Isabella“ Zurückgebliebenen über ihr Mißgeschick zu unterrichten.
„Mehr als hundert Leute“, sagte der Profos leise. „Möchte wissen, wie die in ein paar Kähnen Platz finden sollen. Absaufen werden wir, alle zusammen, und das gönne ich diesen Satansbraten.“
Der Tiger blieb stehen, ließ seine Männer an sich vorbeidefilieren, bis er sich auf gleicher Höhe mit Hasard und dem Profos befand und nahm den Marsch dann wieder auf.
„Ich habe nicht alles verstanden“, sagte er. „Aber einige Brocken Englisch beherrsche ich doch.“ Wieder bediente er sich seines hervorragenden Spanisch’. „Der Wortsinn dessen, was du eben von dir gegeben hast, ist mir also einigermaßen klar“, sagte er zu Carberry gewandt. „Aber ich kann dich beruhigen. Zwölf Prahos warten auf uns – genug, um uns alle zu befördern.“
„Wer bist du?“ fragte Hasard.
„Das habe ich dir gesagt.“
„Woher stammst du? Was hast du wirklich vor?“
„Kannst du schweigen?“
„Ja.“
„Dann schweig“, sagte der Tiger barsch.
Hasard grinste ihn unverfroren an. „Spätestens in deinem tatsächlichen Versteck erfahre ich alles über dich.“
„Es fragt sich nur, ob du es noch verwerten kannst.“
„Ich will nichts verwerten“, erwiderte Hasard mit jähem Ernst. „Aber wenn du kein Feigling bist, stellst du dich dem Zweikampf mit mir.“
„Das ist das mindeste, was du von mir erwarten kannst“, sagte der malaiische Freibeuter.
Wahrscheinlich hätten sie ihre Unterhaltung noch weitergeführt, wenn sie in diesem Moment nicht auf außergewöhnliche, völlig unerwartete Weise unterbrochen worden wären.
Sie schritten auf einem leicht schlüpfrigen Pfad voran, umgeben von taubedecktem Blattwerk, Zweigen, Wurzeln und Schlingpflanzen, die tückisch als Fußfallen wirkten, wenn sie sehr tief hingen. Der modrige Hauch der Selva schien sich als das gespenstische Murmeln und Wimmern vieler hundert Stimmen zu offenbaren. Unkontrollierbares Leben erfüllte die Schatten der Nacht.
Plötzlich tauchten Schemen links und rechts aus den Büschen auf. Hände griffen nach dem Tiger von Malakka und den vorderen Piraten.
Die Schemen entpuppten sich als vier Gestalten, an die zumindest die eingeborenen Fischer eine deutliche Erinnerung hatten.
7.
Der Teniente Savero de Almenara verfügte ebensowenig über eine Schußwaffe wie seine drei Begleiter – der Feldscher der „Santa Barbara“, der Batak Siabu und der helmlose Soldat. Beim Sturz vom Boot ins Wasser hatte de Almenara seine Pistole eingebüßt, die Pistolen und Musketen der drei anderen waren in Ermangelung trockenen Pulvers und dem Verlust von Bleikugeln unbrauchbar geworden, so daß sie sie weggeworfen hatten.
Der Teniente rückte mit seinem Säbel auf den Tiger von Malakka zu. Der Batak führte noch einen Parang, mit dem er wild um sich hieb. Der Feldscher und der Soldat hatten Entermesser in den Fäusten, in ihren Gurten steckten Messer.
So trachteten sie, einige Piraten samt ihrem Anführer als Geiseln zu nehmen, um sich den ganzen Zug zu unterwerfen. De Almenara und der Batak waren sich einig, daß es möglich war, denn der Tiger von Malakka war ein Mann, auf dessen Kommando alles hörte und den niemand im Interesse einer Befreiung zu opfern wagen würde.
An der kleinen Lichtung unterhalb des Felsenhanges hatten die drei Spanier und der Batak gelauert, nachdem sie Hasards Fackel gefolgt waren. Unbemerkt von beiden Parteien hatten sie gelauscht und einen Plan geschmiedet – dann, beim Aufbruch des Trupps, hatten sie gerade noch Zeit gefunden, allen vorauszueilen und sich in einen Hinterhalt zu legen.
Der Teniente wußte, daß der Feldscher nicht mit dem Vorhaben einverstanden war. Der Feldscher hätte es vorgezogen, die Malaien und die Engländer davonziehen zu lassen, um später dann ungestört der Insel den Rücken kehren zu können.
Doch der Teniente war besessen von seiner Idee. Nie wieder würde sich eine solche Möglichkeit bieten, zwei Feinde mit einem Schlag zu packen: den Tiger von Malakka und den Seewolf! De Almenara hatte genügend Ehrgeiz und Karrierebewußtsein, um sich diese Chance nicht entgehen zu lassen. Trotz seiner Unterlegenheit wollte er es riskieren, und er hatte den Batak und den helmlosen Soldaten mit dem Plan angesteckt.
Der Feldscher hatte sich der Mehrheit beugen müssen.
Unter dem Ansturm der Gegner wirbelte der Tiger von Malakka herum. Er riß seinen Krummsäbel aus dem Leibtuch und stieß einen Kampfschrei aus.
Hasard sah nur eine Möglichkeit, den blitzenden Waffen zu entkommen. Er ließ sich fallen. Mit ihm sanken Carberry und die anderen Seewölfe zu Boden.
Hasard hatte seine Handfesseln bereits zu einem Teil lockern können, ohne daß die Piraten es bemerkt hatten. Jetzt sprengte er sie vollends. Wieder halfen ihm die Kenntnisse weiter, die Sun Lo ihm vermittelt hatte. Wunder konnte man mit dieser Methode nicht vollbringen, es handelte sich im Grunde nur um eine geschicktere Ausnutzung der Körperkräfte, verbunden mit einem ungewöhnlichen Maß an Konzentration und Überwindung der Schmerzempfindlichkeit.
Nur einen Bruchteil seines Gesamtwissens hatte der Abt des Konfuzianer-Klosters auf Formosa an den Seewolf und dessen Männer weitergeben können, aber er wäre sicherlich hocherfreut gewesen, wenn er gesehen hätte, wie erfolgreich sie das Ergebnis des Lehrgangs anzuwenden wußten.
Carberry und die anderen wälzten sich hinter dem Seewolf auf dem feuchten schwarzen Untergrund und stellten ähnliche Bestrebungen an, wobei es allerdings nur dem Profos, Dan und Blacky gelang, sich der Fesseln zu entledigen.
Hasard schwang hoch. Er federte auf den helmlosen Soldaten zu, der im selben Augenblick versuchte, sein Entermesser in die Schulter des Seewolfs zu hauen. Knapp entging Hasard dem mit voller Wucht geführten Schlag, dann packte er den Gegner mit beiden Händen, riß ihn um und balgte sich am Boden mit ihm.
Der Batak Siabu hetzte geduckt an den Kämpfenden vorbei. Er hatte Otonedju entdeckt. Mit einem heiseren Laut warf er sich dem Stammesältesten entgegen. Mit dem Parang wollte er ihm jetzt zurückzahlen, was der ihm zugefügt hatte. Zwar war Siabu an der Schulter verletzt, aber mit der gesunden Hand wußte er das Kurzschwert immer noch ausgezeichnet zu führen.
Er trachtete, Otonedju den Schädel zu spalten. Vielleicht wäre es ihm tatsächlich gelungen. Otonedju stand erschüttert da und war für einen Moment unfähig, Gegenwehr zu leisten, so wenig hatte er mit einem Angriff gerechnet.
Doch Blacky stellte dem Batak ein Bein. Siabu stolperte und taumelte Dan O’Flynn entgegen. Der fackelte nicht lange und riß den rechten Fuß so weit hoch, daß die Spitze des Stiefels Siabu gegen den Hals stieß. Siabu fiel. Dan warf sich ohne zu zögern auf ihn, packte sein Handgelenk und rang mit ihm um den Parang.
Carberry fing den Feldscher ab, bevor dieser auf den Seewolf eindringen konnte, der ihm beim erbitterten Kampf mit dem Soldaten gerade den Rücken zugekehrt hielt.
Zwei Hiebe landete der Profos. Einer traf den Waffenarm des Feldschers, der andere krachte dem Mann gegen die Brust, so daß er in einem fast vollkommenen Rückwärtssalto ins Gebüsch zurückflog.
Hasard lag inzwischen unter dem helmlosen Soldaten und wehrte dessen Entermesser verzweifelt ab. Mit verzerrtem Gesicht versuchte der Spanier, es ihm ins Herz zu treiben. Hasard drückte seinen Arm jedoch unter Aufbietung aller Kräfte zur Seite. Der Soldat rutschte ab, rollte von ihm weg, verkantete dabei das Entermesser – und die scharfe Kante der Klinge traf seinen ungeschützten Halsansatz. Hasards Versuch, ihn vor dem Tod zu bewahren – zu spät.
Betroffen sah der Seewolf, wie die Gestalt des Spaniers reglos wurde. Er hatte ihn bewußtlos schlagen wollen, mehr nicht.
Dan und der Batak wälzten sich unterdessen wie zwei Raubkatzen ineinander verkeilt. Dan brachte es fertig, dem nahezu tobsüchtigen Eingeborenen den Parang zu entwinden. Sofort zuckte Siabu zurück. Er riß einen Kris aus dem Gurt, hob ihn, warf sich auf Dan – und dem blieb keine Wahl. Er mußte den Parang hochreißen, wenn er nicht sterben wollte.
Der Batak sprang in die Klinge des Parangs.
Carberry, Blacky und die anderen Seewölfe waren ins Dickicht getreten, um Dan beizustehen und um sich wieder den Feldscher der „Santa Barbara“ vorzuknöpfen.
Der Feldscher hatte sein Entermesser verloren und sah ein, daß es keinen Sinn hatte, danach zu suchen. Daß es den Batak und den Soldaten erwischt hatte, hatte er verfolgen können. Jetzt sah er, wie der Tiger von Malakka den Teniente Savero de Almenara im Zweikampf zurücktrieb. Mit einer leichten Brustverletzung strauchelte der Teniente. Er kippte rückwärts ins Mangrovengesträuch.
Der Feldscher ergriff die Flucht.
De Almenara bemerkte es. Er fing sich, fuhr herum, stürmte dem Feldscher mit eigenartig hüpfenden Bewegungen nach und stellte ihn zwischen widerspenstigen Schmarotzerpflanzen. Der Feldscher hatte sich verfangen und verlor kostbare Zeit.
„Feigling“, zischte der Teniente. „Elender Deserteur!“
Der Feldscher gab sich keinen Illusionen hin. Er wußte, daß er von de Almenara weder Verständnis noch Nachsicht zu erhoffen hatte. So griff er zum Messer, zog es aus der Lederscheide und griff an, um dem Teniente zu geben, was ihm seiner Ansicht nach gebührte.
Der Teniente war schneller.
Fluchend hieb er mit dem Säbel zu.
Hasard war neben Dan und ließ sich von ihm den Parang aushändigen. Er schlüpfte weiter durch das Dickicht und erreichte den Teniente. Gerade beobachtete er noch, wie der Feldscher blutüberströmt zusammenbrach.
„Aufhören“, sagte der Seewolf auf spanisch. „Sie Narr, ergeben Sie sich. Weg mit der Waffe!“
„El Lobo del Mar“, hauchte der Teniente im Herumschwingen fast ergriffen. Er hob wieder den Säbel. „Mir steht die Belohnung zu, die der König von Spanien und Portugal auf deinen verfluchten Kopf ausgesetzt hat.“
Zum erstenmal hörte Hasard davon, daß die Kopfprämie für seine Ergreifung tatsächlich existierte. Seine Gefühle schwankten zwischen Überraschung und Wut. Was dachten sich die Dons noch aus, um ihn zur Strecke zu bringen?
Savero de Almenara glaubte den Seewolf zögern zu sehen. Diesen günstigen Augenblick wollte er unbedingt ausnutzen. Keuchend ging er mit dem Säbel auf den verhaßten Feind los.
Hasard konterte mit dem Parang. In einer glänzenden Parade drängte er den viel längeren Säbel zurück. Der Teniente gab jedoch nicht auf. Er stürmte mit einem Aufschrei vor, um die Klinge höchst unfair in Hasards Unterleib zu stoßen.
Der Seewolf wich aus, aber de Almenara hatte zuviel Schwung. Er lief geradewegs in den Parang, den Hasard nicht mehr rechtzeitig genug wegziehen konnte.
Mit einer Verwünschung auf den Lippen zog Hasard den Parang zurück. De Almenara sank nieder, ließ den Säbel aus den Fingern gleiten und legte sich auf den Rücken, als wolle er ausruhen. Hasard beugte sich über ihn, konnte aber nichts mehr für ihn tun. Der Blick des Tenientes wurde starr, sein Herzschlag setzte aus. Seine brechenden Augen waren gen Himmel gerichtet.
„Elender Narr“, murmelte Hasard. „Warum mußte das sein?“
„Ein blindwütiger Fanatiker“, sagte Ferris Tucker hinter Hasard. „Einer wie der hätte immer wieder so gehandelt, so und nicht anders.“
Hasard nickte gedankenverloren. Dann besann er sich, richtete sich auf und kümmerte sich um seine vier Männer, denen immer noch die Hände auf dem Rücken gefesselt waren. Mit dem Parang trennte er ihnen die Stricke auf.
„Rasch“, raunte er dann. „Verschwinden wir. Der Tiger und seine Leute können jeden Moment hier sein.“
„Verdammt“, stieß Carberry dumpf aus. „Ich wundere mich überhaupt, wo die Kerle bleiben.“
„Ich habe da so einen Verdacht“, meinte Dan O’Flynn.
Und Sam Roskill wisperte: „Denkt ihr das gleiche wie ich – oder wie ist das?“
Nichts konnte sie jetzt daran hindern, zu dem schmalen Pfad zurückzukehren, den die Hiebwaffen der malaiischen Piraten in den Dschungel getrieben hatten.
Der Erdboden schien die Freibeuter und die eingeborenen Fischer verschluckt zu haben. Fort waren sie – als hätte es sie nie gegeben.
„Diese Bastarde“, sagte der Profos. „Hauen einfach ab! Sehr heldenhaft haben sich diese Kerle nicht verhalten.“
Hasard rieb sich das Kinn. „Mißtrauisch, wie der Tiger von Malakka ist, hat er wieder einen Trick, eine Falle gewittert. Wäre ich derart argwöhnisch, hätte ich es wohl auch vorgezogen, das Feld zu räumen. Wahrscheinlich hat er damit gerechnet, daß hier jeden Moment eine spanische Streitmacht auftaucht.“
„Darf ich ganz offen was sagen?“ fragte der Profos. Man sah ihm an, wie geladen er war.
„Nur zu, Ed“, forderte Hasard ihn auf.
„Dieser malaiische Hundesohn hat nicht alle Tassen im Schapp.“
„Wer hat das nicht?“ sagte Dan O’Flynn. Er konnte schon wieder grinsen.
„Also, einen Schlag hat der Kerl bestimmt weg“, unterstützte Blacky nun Carberrys Aussage.
„Trotzdem. Ich bin sicher, daß er weiß, was er will“, erwiderte Hasard. „Los, stehen wir nicht länger herum – kehren wir zur ‚Isabella‘ zurück, ehe die Freibeuter es sich anders überlegen.“
Zwölf Prahos – Hasard dachte die ganze Zeit über daran. Er rechnete damit, daß der Verband des Tigers die „Isabella VIII.“ überfallen würde. Als Hasard und seine sieben Männer jedoch auf den Platz gelangten, auf dem die letzten schwelenden Aschereste von der einstigen Existenz des Hüttendorfes zeugten, konnten sie zur Bucht hinunterblicken – und sie atmeten auf.
Friedlich und ungestört lag die große Galeone vor Anker. Von den drei spanischen Galeonen ragten nicht einmal mehr die Toppen aus den Fluten auf.
„Wie sagtest du doch vorhin so richtig?“ wandte sich der Seewolf an Big Old Shane. „Sieht aus, als ob überhaupt nichts geschehen sei.“
„Stimmt“, sagte der Riese lachend. „Ein Bild, in das man sich verlieben kann, wie?“
„Und wir können auch von Glück sagen, daß durch das Geböller der Kanonen keine anderen Dons angelockt worden sind“, fügte Smoky hinzu. „Alles in allem scheint die Geschichte ja doch einen glimpflichen Ausgang zu finden.“
Hasard entgegnete darauf nichts. Fackeln hatten sie nicht mehr, die hatten sie zusammen mit ihren Waffen am Hang vor den Höhlen abgelegt – und jetzt befanden sie sich im Besitz des Tigers von Malakka. Durch Feuer konnten sie Ben Brighton also nicht über ihre Rückkehr unterrichten.
„Steigen wir zum Strand hinunter“, sagte Hasard. „Von dort aus rufen wir zur ‚Isabella‘ hinüber. Anders können wir uns ja doch nicht bemerkbar machen.“
Als sie den Felsenhang an seinem Fuß verließen, wären sie um ein Haar mit Bob Grey zusammengeprallt.
„Heiliger Strohsack“, stieß Bob aus. „Hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte euch eine Ladung gehacktes Blei entgegengeschickt.“ Er klopfte mit der Hand an den Schaft der Muskete, die er geschultert hatte. „Vorsicht ist besser als falsche Tapferkeit. Ben hat Wachen an Land aufgestellt. Dort drüben steht Batuti.“ Er wies nach Süden. „Bill, unser Moses, krebst am Nordufer der Bucht herum.“
Er sah, daß sein Kapitän mit dem Blick nach etwas suchte, und sagte rasch: „Die toten Spanier aus den Booten haben wir begraben. Aber jetzt eine Frage. Wo seid ihr eigentlich so lange gewesen?“
„Das erzählen wir, wenn wir an Bord sind“, erwiderte der Seewolf. „Sonst müssen wir alles zweimal berichten.“
Kurz darauf pullten sie mit einem Boot der „Isabella“ zur Galeone. Hasard hatte Bob, Batuti und Bill als Wachen abgezogen und nahm sie jetzt mit, um im Gefahrenfall sofort ankerauf gehen und aus der Bucht segeln zu können.
Ben Brighton und der Rest der Crew fielen aus allen Wolken, als sie vernahmen, was sich im Inneren der Insel zugetragen hatte. Da kein einziger Schuß gefallen war, hatten sie keinen Verdacht geschöpft, es könne Verdruß gegeben haben.
„Mann“, sagte Ben Brighton. „Fast wärt ihr draufgegangen, und wir hätten hier gemütlich ’rumgesessen und Daumen gedreht.“
„Schwamm drüber“, antwortete Hasard. „Gewesen ist gewesen. Passen wir jetzt auf, daß die Piraten uns nicht von See her überrumpeln. Sie haben zwölf Schiffe – und in der Bucht sitzen wir praktisch in der Falle.“
Bis zum Morgengrauen verweilten sie an ihrem Ankerplatz, ohne daß etwas geschah. Hasards düstere Ahnungen erwiesen sich als Irrtum.
Im blaßroten Erwachen des Morgens traten Ben Brighton und Ferris Tucker auf dem Achterdeck zu ihrem Kapitän. Hasard stand ziemlich gedankenverloren an der Five-Rail.
„Der Tiger von Malakka scheint es vorzuziehen, sich nicht mit uns anzulegen“, sagte Ben Brighton.
„Wir können also getrost weitersegeln“, fügte Ferris hinzu.
Hasard wiegte den Kopf. „Ganz so sehe ich das nicht. Sicher, wir könnten die Straße von Malakka durchsegeln, ohne uns weiter um den Tiger zu kümmern. Aber da ist noch etwas, das ich nicht gern auf mir sitzenlasse.“
Ben nickte. „Ich weiß schon. Der Mann denkt, wir seien Spanier.“
„Schlimmer“, sagte der rothaarige Schiffszimmermann. „Spione und Handlanger der Spanier.“
„Nicht, daß ich übertrieben stolz bin“, erklärte der Seewolf. „Ihr kennt mich ja. Aber ich will diesem eigensinnigen Malaien gern beweisen, daß ich im Grunde sein Verbündeter bin. Ich habe irgendwie das Gefühl, wir sind es uns gegenseitig schuldig, klare Positionen zu beziehen.“
„Es reizt dich, hinter sein Geheimnis zu gelangen“, entgegnete Ben.
„Ja, da ist irgend etwas. Ich glaube einfach nicht, daß er ein Schnapphahn und Schlagetot der üblichen Sorte ist. Dazu ist er zu intelligent. Man müßte nur die Mauer des Mißtrauens durchbrechen, die ihn und seine Mitstreiter umgibt.“








