Kitabı oku: «Copacabana»
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E-Book-Ausgabe 2020
© 2013 Verlag Klaus Wagenbach, Emser Straße 40/41, 10719 Berlin
Covergestaltung Julie August. Das Karnickel zeichnete Horst Rudolph.
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ISBN: 978 3 8031 4300 6
Auch in gedruckter Form erhältlich: 978 3 8031 2709 9
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Einleitung: Copacabana urbi et orbi
Vielleicht ist es der Klang. Copacabana, das ist Musik in Farbe. Copacabana, das klingt wie ein überdimensionierter Frucht-Eisbecher, wie Freizeit und Erfrischung, wie Trommeln im Tropenwind. Co-pa-ca-ba-na, das ist Rhythmus pur, die Aussprache ist fast zwangsläufig perkussiv. Copacabana ist eine Exotismus-Bezeichnung, wie sie kein Werbefachmann besser hätte erfinden können. Copacabana, das klingt wie die Kitsch-Version seiner selbst.
Überall auf der Erde ist Menschen dieser Klang vertraut. Wenn sie »Copacabana« hören, gehen ihnen Worte und Bilder auf, viele assoziieren Brasilien oder Rio de Janeiro oder beides, und viele einen Strand. Das hat sich auch nach mehreren Jahrzehnten nicht geändert. Copacabana ist ein imaginäres Einfallstor nach Brasilien und zur modernen Freizeitwelt. Dieses Stückchen Erde mit gerade mal viereinhalb Kilometern Strand und weniger als acht Quadratkilometern Fläche verdichtet sich zu einem wirksamen Bild, das ein in Deutschland erschienener Strandführer Brasilien so formuliert: »Über ganz Brasilien, so scheint es, klebt eine schwere Wolke aus Erotik, Hitze, Abenteuer und Musik.«
Doch als bloßes Klischee ist Copacabana missverstanden. Copacabana ist zwar ein Strand, ein Badeort und ein Teil Rios – und doch viel mehr als das. Die Copacabana gehört zum Kreis weltweit bekannter und nach allen Seiten anschlussfähiger Erhabenheiten. Sie ist eben nicht nur Touristenmagnet, sondern eine Ikone der brasilianischen Eigen- wie Fremddarstellung. In Copacabana haben sich Idealvorstellungen von schönen Körpern und einem guten Leben verdichtet, es ist, um es kurz zu machen: ein Sehnsuchtsort.
Die Entwicklung Copacabanas dient als Erzählung von einer Moderne, die ihrer Welt einmal voraus zu sein schien. Copacabana ist der narrative Quell, aus dem die cariocas (Einwohner von Rio) und die Brasilianer Sinnhaftes über sich selbst schöpfen, und zwar unabhängig davon, ob alle Fakten stimmen. Mehr noch: Die elegante Kurve der Bucht, die nicht nur Oscar Niemeyers Architektur inspirierte, hat schon früh ihren verheißungsvollen Schwung über die Landesgrenzen hinaus fortgesetzt.
In diesem Sinne ist Copacabana gleichzeitig ein lokaler, nationaler und universaler Mythos. Copacabana gibt der Stadt Bedeutung und dem Erdkreis eine Sehnsucht. Copacabana urbi et orbi.
Solche mythischen Orte haben ein Werden, Reifen und manchmal auch ein Vergehen. Sie haben eine Biographie. Und so versammeln sich hier Geschichte und Gegenwart eines Strandes und des gleichnamigen Viertels. Wie wurde aus einem fast unbeschriebenen Gestade ein Strand, eine Stadt und in der Verbindung dieser beiden ein weltweiter Sehnsuchtsort, der heranwuchs, blühte und verblühte, aber nie ganz verging?
Vor kaum mehr als hundert Jahren war Rio de Janeiro schon weltweit bewunderte Hauptstadt, Copacabana aber nur zu Fuß und unter Mühen zu erreichen; eine Wildnis hinterm Berg, ein Fischerdorf. Eine Felsenkette trennte Copacabana von der Stadt, die große Angst der Europäer vor dem Meer versagte den Menschen die Lust am Strand. Mit einem Tunnel als Geburtshelfer gebar der Fels den Mythos. Das Meer verlor seinen Schrecken und zog Copacabana in kurzer Kindheit zum Anziehungspunkt einer selbsternannten »Neuen Aristokratie« groß, begeistert beklatscht von den ausländischen Reisenden, die immer öfter auf Besuch kamen und ab 1923 im Copacabana Palace eine Bleibe fanden. Während die Stadtväter Rios das alte koloniale Zentrum niederrissen, entstanden die ersten Favelas, auch auf den Hügeln Copacabanas. Fast so häufig wie die mondänen Badegäste wechselte Copacabana nun seine Garderobe aus Stein, Marmor und immer mehr Beton. Ab 1950 wurde der Platz knapp zwischen Meer und Fels, Preise und Gebäude schnellten in die Höhe. In Kunst und Architektur entwickelte Brasilien eine »andere Moderne«, die sich von ihrer europäischen Herkunft und deren Einfluss immer mehr löste. Kein anderer Ort hat dies so konsequent umgesetzt wie Copacabana.
In den späten 1930er Jahren schienen bereits Bretter auf dem Sand auszuliegen: Der Strand wurde zum Laufsteg und zur Bühne, auf der die Elite Copacabanas den gebräunten Teint und den trainierten Körper zum gesellschaftlichen Wert und Distinktionskriterium erhob.
In seiner Reife brachte Copacabana eine neue Musik und eine neue Körperkultur hervor. Bikini und Bossa Nova sind in ihrem weltweiten Siegeszug aufs Engste mit Copacabana und dem Flair seines Viertels verknüpft.
Doch der Strand ist ein eminent politischer Raum, durchzogen von sichtbaren und weniger sichtbaren Beziehungen und Konflikten, ein wahrer sozialer Mikrokosmos. Zum Bild des Sehnsuchtsorts gehört, dass sich am Strand Demokratie und Gleichheit verwirklichen – in einem Land, dessen Einkommens- und Chancenverteilung zu den ungerechtesten der Welt gehören. Der begüterte Bankier liegt neben dem Straßenjungen im Sand, wirft sich in dieselbe Welle wie seine Hausangestellte, die hinter seiner Küche in einem fensterlosen Verschlag wohnt und, wenn überhaupt, 250 Euro Mindestlohn bezieht. Der Strand von Copacabana ist in jedem Fall nicht nur Arbeitsplatz für Hunderte.
Der Sehnsuchtsort ist gealtert, und sein makelloses Bild hat Falten bekommen. Wirklich jung sind vor allem die Prostituierten beider- oder dreierlei Geschlechts, die auf der Avenida Atlântica anschaffen. Die Dichte von Geschäften für orthopädischen Bedarf und Tiernahrung verrät viel über die Altersstruktur des Viertels, das heute – Ironie der Geschichte – zu den traditionellen Quartieren der Stadt gezählt wird.
Die Zukunft des Viertels liegt wohl in den Favelas, wo Zehntausende auf den Hügeln rings um die berühmte Konkave der Bucht wohnen. Der Drogenhandel ist dort durch die neuen »Befriedungseinheiten« der Polizei vorläufig vertrieben worden. Schon haben die ersten Jugendherbergen und Pensionen eröffnet. Und so mancher der Favela-Bewohner hat mehr Einkommen als die da unten in den winzigen Apartments von Copacabana – und mehr Platz. Und wird dennoch vermutlich bald den explodierenden Immobilienpreisen weichen müssen. Denn wer weiß, wie lange noch in Rio die Armen auf der Höhe wohnen, mit dem besten Ausblick?
1934 schrieb der Musiker André Filho für den bevorstehenden Karneval einen Marsch: Rio, Cidade Maravilhosa – Rio, Wunderbare Stadt. Der Marsch wurde ein Hit und zählt bis heute zu den meistgespielten Karnevalsliedern in der Stadt. Als 1960 die Hauptstadt von Rio de Janeiro ins nagelneue Brasília verlegt wurde, wurde Rio, Cidade Maravilhosa zur offiziellen Hymne der Stadt erklärt. »Wunderbare Stadt, tausendfach entzückst du uns, Wunderbare Stadt, Herz meines Brasiliens!«, lautet der Refrain. Zusammen mit der Christusstatue auf dem Corcovado und dem Postkartenmotiv Zuckerhut bildet Copacabana eine Art Dreigestirn des Wunderbaren. Sehnsüchte von Touristen aus aller Welt richten sich an ihm aus, und die Tourismusindustrie der Stadt an ihm auf.
Wo anders als am Strand von Copacabana hätten also Anfang Oktober 2009 zwei Tage lang die größten Jubelfeiern stattfinden können, nachdem Rio de Janeiro den Zuschlag für die Olympischen Spiele 2016 erhielt? Tausende verfolgten die Entscheidung auf einer Riesenleinwand. Wo gaben die Rolling Stones 2006 das größte kostenlose Open-Air-Konzert der Geschichte vor rund 1,5 Millionen Menschen? Copacabana feiert für das Land.
Copacabana ist Rio, und Rio ist Brasilien, diese Gleichung gilt bis heute. Copacabana war immer gleichzeitig Utopie und belebtes Nationaldenkmal in einem. Auch wenn es schon goldenere Zeiten gab: Brasilien, insofern es sich als moderne, lebendige, dem Meer und damit der Außenwelt zugewandte Nation versteht, kommt in Copacabana zu sich selbst. »Rio 2016, eine andere Zukunft hat begonnen«, versprachen Transparente bei den Feiern. In ihren besten Zeiten war Copacabana – die Copacabana – die Zukunft selbst.
Eine Heilige mit Migrationshintergrund Sacopenapan und die portugiesische Kolonie
Einmal im Jahr ist die Copacabana weiß, baumwoll- und lilienweiß. Am letzten Tag des Jahres verwandelt sich der Strand nicht nur in die größte Volksfestmeile der Welt mit etwa zwei Millionen Besuchern und einem gigantischen Feuerwerk, das seinen Platz in der Tagesschau und auf CNN sicher hat. Copacabana wird an diesem Tag auch zu einem überdimensionierten Wallfahrtsort für die Göttin Iemanjá.
Priesterinnen und Priester dieser Göttin des Meeres in der afrobrasilianischen Religion des candomblé halten Göttinnendienst am Strand. Am Ende der Zeremonien empfängt Iemanjá ihre Opfergaben. Noch Tage später ist der Strand von Blumenstängeln und Blütenblättern bedeckt, die die Menschen an Silvester den Wellen übergaben. An Silvester haben die Brasilianer einen Wunsch frei. Er kostet eine weiße Blume für Iemanjá. Manche legen etwas drauf.
Wer am Silvestertag über den Strand wandert, muss achtgeben, nicht in eines der vielen 40 – 60 Zentimeter tief in den Sand gegrabenen Löcher zu treten, damit er die kleinen Kerzen nicht löscht und die Opfergaben – eine Flasche Schnaps, ein wenig Obst und immer wieder Blumen, weiße Lilien vor allem – ihr Richtiges bewirken können.
Weiß ist die Farbe des Tages, und auch die meisten derer, die nur zur Silvesterfeier an die Copacabana kommen, kleiden sich weiß. Die Religiosität ist den Brasilianern nicht abhandengekommen, nur weil sie sich – nimmt man die ebenso prosperierenden wie lautstarken evangelikalen Kirchen aus – aus der Öffentlichkeit zurückzieht. Und ein guter Katholik hat in Brasilien allemal ein Eckchen in seiner Seele reserviert für eine Gottheit des Candomblé, umbanda oder einer anderen Spielart der afrobrasilianischen Religion. Iemanjá ist besonders beliebt. Und die Aufgeklärten holen das weiße Hemd aus dem Schrank getreu dem Motto: Ich glaube zwar nicht dran, aber wer weiß schon genau, was wird? Die gesamte diensthabende Redaktion der größten Tageszeitung Rios, O Globo, arbeitet am 31. Dezember in Weiß.
Prozession am Strand von Copacabana zu Ehren Iemanjás
Dass Iemanjá hier in diesem Umfang gehuldigt wird, ist naheliegend, oder besser: folgerichtig. Denn der Strand Copacabanas ist sozusagen als Wallfahrtsort geboren worden.
Überseefahrten und die Landnahme in der »Neuen Welt«
Man könnte sich den Beginn der Geschichte Copacabanas als Begegnung zweier Linien vorstellen, die sich in dem später so berühmten weißen Halbrund treffen. Die eine nimmt ihren Anfang 1492 beziehungsweise 1500 in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon; die andere ein paar Jahrzehnte später am bolivianischen Ufer des Titicaca-Sees.
Die geologische Formation von Fels, Vegetation, Lagunen, Sediment und Sand, auf der der Stadtteil »Copacabana« im Süden der Stadt Rio de Janeiro entstehen wird, ist jedenfalls sehr alt. Und natürlich war hier, als die Europäer landeten, schon lange jemand zu Hause.
Der Spezialist John Hemming schätzt die indigene Bevölkerung auf dem Gebiet des heutigen Brasilien um 1500 auf 2,4 Millionen Menschen: Jäger, Fischer und Sammler, deren Herkunft im Dunkeln liegt, da sie anders als die mittelamerikanischen indigenen Hochkulturen weder Schriften noch Bauten hinterließen. An der Küste Rio de Janeiros siedelten vor allem die der Tupí-Guaraní-Sprachfamilie zugehörigen Tamoio und Tupinambá. Als zu Jahresbeginn 1502 in der Bucht von Guanabara eine portugiesische Karavelle aufkreuzte, machten sie, um ein treffendes Wort Georg Christoph Lichtenbergs zu verwenden, eine »böse Entdeckung«. Die Annalen lassen im Unklaren, wer das Kommando hatte über die kleine Flotte von vermutlich sechs Schiffen, ob es André Gonçalves, Gaspar de Lemos oder D. Nuno Manuel war, der den ersten europäischen Blick auf Rio de Janeiro warf. Sehr wahrscheinlich war es der Matrose im Ausguck, während Gonçalves, Manuel und de Lemos in der Offiziersmesse zu Abend aßen. Für den Ausguck und die anderen Mannschaftsmitglieder interessieren sich die Annalen gewöhnlich nicht. Dies völlig zu Unrecht, denn die Pionierleistungen des Kolumbus, von Pedro Álvares Cabral oder Gonçalves wären ohne die Namenlosen nicht denkbar. Und nicht zuletzt zählen jene vom Schicksal Verschlagenen und Ausgespuckten – Abenteurer, Glücksspieler, Habenichtse sowie zahlreiche Verbannte und zum Tode Verurteilte – zu den Stammvätern des heutigen brasilianischen Volkes.
Zwei Jahre zuvor, am 22. April 1500, war der portugiesische Kommandant Pedro Álvares Cabral in der Bucht von Cabrália an Land gegangen, nördlich des heutigen bekannten Badeorts Porto Seguro im Bundesstaat Bahia. Brasilien war »entdeckt«. Zunächst im Glauben, eine Insel gefunden zu haben, nannte Cabral sie später Terra da Vera Cruz (Land des Wahren Kreuzes). Die Kontaktaufnahme mit den unbekleideten Indios gestaltete sich friedlich, und man tauschte Geschenke aus. Cabral blieb neun Tage, ließ einen Gottesdienst abhalten, den die Hausherren weidlich bestaunten, und stellte erste Erkundungen der Gegend und astronomische Berechnungen über deren Lage an. Nunmehr gewiss, doch eine Landmasse entdeckt zu haben, ergriff Cabral im Namen seines Königs und in souveräner Überzeugung, hierzu von höchster – sprich göttlicher – Stelle berechtigt zu sein, von dem Land formell Besitz. Wie Cabral wusste, war Kolumbus am 12. Oktober 1492 auf der kleinen Insel Guanahani von Bord gegangen, hatte das Banner seiner Könige in den ihm völlig unbekannten Strand gerammt und – auf Spanisch – eine Erklärung verlesen. Darin sprach er das Land der spanischen Krone zu und erklärte die anwesenden (und nicht anwesenden) Bewohner zu Untertanen der Krone. In einem Bericht merkte er an: »Y no me fue contradicho« – »Man widersprach mir nicht«.
Spät, aber heftig brach im Zuge der Feiern zur 500. Wiederkehr des 12. Oktober 1492 in der iberoamerikanischen Welt ein öffentlicher Streit aus. Es ging – und geht – um die Frage, ob die Landnahme der Europäer in Lateinamerika eher als Entdeckung oder Eroberung, als Begegnung der Kulturen oder als Massaker, als frühkapitalistische Ausbeuterunternehmung oder Erweckung moderner Nationen aus ihrer finsteren Vorgeschichte zu werten sei. Lange sind in der offiziellen Geschichtsschreibung beiderseits des Atlantiks die kalkulierten Grausamkeiten, die europäischen Taktiken und Praktiken von Macht und Herrschaft, die Menschen, Kultur und Natur vernichteten, verschwiegen oder kleingeschrieben worden. Eine Geschichte Lateinamerikas ist aber ohne sie nicht zu erzählen. Die Tupinambá machten am 1. Januar 1502 wirklich eine »böse Entdeckung«, denn sie wurden in Rio de Janeiro, wie auch weiter im Norden, in einem großangelegten Feldzug zwischen 1564 und 1574 nahezu vernichtet. Bereits 1570 war die indigene Bevölkerung Brasiliens um etwa zwei Drittel auf 80.000 gesunken. Eingangs des 17. Jahrhunderts waren in Rio de Janeiro vielleicht noch 1.000 Tupinambá am Leben.
Doch die (Kolonial-)Geschichte Lateinamerikas ist nicht nur eine Geschichte des Feuers, sondern auch eine Erzählung vom Wasser und von der Erde. Eine Erzählung von denen, die die Angst überwanden, die dem Fluch des Raumes, dem kulturellen Ballast eines jahrhundertelangen Schreckens vor dem Meer trotzten und sich den trügerischen Planken der Wellen verschrieben.
Die Fahrt hinaus auf das offene Meer, dessen Weite unabsehbar und dessen Tiefe nicht zu erahnen war, war schon bei aller Vernunft betrachtet ein Wagnis. Ihr ging jedoch ein Sieg voraus, den es zu erringen galt, bevor das erste Segel gehisst war: der Sieg über den Mythos, die eigene Tradition und Geschichte. Im Wagnis, hinaus auf den Atlantik zu fahren, auf der Suche nach einem Hinüber, vermischten sich die widersprüchlichsten Motive: großer Mut und Machthunger, Entdeckergeist und unermessliche Gier, kühne Spekulation und berechnende Planung, Sendungsbewusstsein und missionarischer Eifer.
Ohne die vor allem ökonomischen Rationalitäten der großen Seereisen kleinzureden, die als risikokalkulierte Großinvestitionen die Staatskassen füllen sollten, setzt wohl genau jene Mischung im menschlichen Kollektiv die großen Kräfte frei. Vor allem die Überwindung des Atlantiks war ungeheuer folgenreich. Für viele beginnt 1492 eine neue historische Epoche. Die Nautiker des 15. Jahrhunderts waren das »operative Agens der Globalisierung« (Peter Sloterdijk). Kolumbus’ Reise war ein wichtiger Schritt von der mittelalterlichen Pilgerfahrt zur modernen Reiseunternehmung: vom kreisförmig geschlossenen christlichen Bewusstsein, das jedem Menschen seinen Weg schon bei Geburt vorzeichnete, zum Aufbruch ins Unbekannte und Ungewisse; vom Nachlaufen der Pfade aller Vorfahren, von einer Reiseerfahrung, die sich in wundersamer Form mit dem Bekannten und Gewussten deckt (die deshalb in den Tropen überall das »Paradies« vorfindet und die neuen Territorien auf den Karten entsprechend bebildert), zur Ent-Deckung des Fremden und seiner Vereinnahmung für eigene, ganz irdische Zwecke; vom Finden zum Suchen.
Lange bevor die Europäer Brasilien entdeckten, war »Brasil« Teil der atlantischen Mythologie. Jahrhundertelang wurde nach einer »Brazil« genannten Insel gesucht. Hierbei handelt es sich wahrscheinlich um eine altirische Legende: Wer es schaffe, auf diese paradiesische Geisterinsel ein Stück Eisen zu werfen, könne sie betreten und dort, mitten unter strahlend schönen Jungfrauen, ein wunderbares Leben führen. Der irische Name lautet »Hy Breasail« (Land der Auserwählten). Sie wurde stets im atlantischen Raum westlich von Irland gesucht und war auf zahlreichen Atlantikkarten des Mittelalters verzeichnet.
Der Mythos, schreibt der Historiker Holger Afflerbach, »weitete sich auf überraschende Weise aus: In den romanischen Ländern wurde die Herkunft des Namens auf brasile = feuerfarbig zurückgeführt, und es wurde vermutet, dass es auf der Insel einen roten Farbstoff oder vielleicht ein rotfarbiges Holz, aus dem Färbemittel gewonnen werden könnten, gab.«
Womit der Mythos ganz richtig lag. Bezeichnungen wie brasile, brisilli oder Brasil tauchen bereits in italienischen Handelskarten des 12. und 13. Jahrhunderts auf. Sie bezeichneten ein rotfarbiges Holz, das aus dem Orient bekannt war, aber auch sesamähnliche Pflanzen aus dem Jemen. Und genau dieses Holz fanden die Portugiesen an der brasilianischen Küste reichlich vor. Nachdem sie ihre Enttäuschung über den Mangel an Edelmetall überwunden hatten, hielten sie sich daran, wertvolle Güter wie eben das Brasil-Holz nach Europa zu verschiffen.
Anders als die Spanier wollten die Portugiesen ihre amerikanische Eroberung zunächst nicht besiedeln, und noch weniger das Hinterland systematisch erkunden. Die feitorias, die Handelsstationen an der Küste, entstanden als lange Zeit einzig sichtbare Zeichen der portugiesischen Kolonisation. Mit dem Anbau von Zuckerrohr auf Plantagen, auf denen afrikanische Sklaven schufteten, begann aber nur wenige Jahrzehnte später der atlantische Dreieckshandel. Er sollte Portugal für zwei Jahrhunderte hohe Einnahmen einbringen.
Ob Gonçalves und seine Männer bei der Einfahrt in die Bucht von Guanabara so überwältigt waren von dem, was ganze Generationen nachfolgender Europäer als einzigartiges Naturschauspiel begreifen sollten, wissen wir nicht. Die Seefahrer hatten wohl andere Sorgen, und ihr Blick wird wohl vor allem den natürlichen Schutz geschätzt haben, der sich hinter den wie hingewürfelten Kegelfelsen und Übermauern bot: ein ganzes Konkav-Ensemble, Buchten in wählbarer Größe und Krümmung und Richtung. Hinzu kamen die großartigen Verteidigungsmöglichkeiten durch eine Hafenfestung, zu deren Bau kein Mensch eine Hand hatte rühren müssen. Die 140 Kilometer Durchmesser der Guanabara-Bucht weiten sich nach einer Einfahrt von lediglich 1.600 Metern Enge zwischen dem Zuckerhut und dem Santa-Cruz-Felsen.
Die Portugiesen zogen zunächst wieder ab, nicht ohne einen kleinen, aber folgenreichen Irrtum zu begehen. Im Glauben, die Guanabara-Bucht sei die Mündung eines großen Flusses, und mit Blick auf den Kalender – 1. Januar 1502 – nannten sie den Ort Rio de Janeiro (Januarfluss). 1565 gründete der Kommandant Estácio de Sá am Strand zwischen dem Zuckerhut und dem São-João-Hügel offiziell die »Cidade de São Sebastião do Rio de Janeiro« (Stadt des Heiligen Sebastian vom Januarfluss). Doch die Portugiesen erkannten, dass die Topographie zahlreiche Möglichkeiten einer Akropolis, also einer erhöht gelegenen Siedlung, bot, und siedelten sich auf dem Castelo-Hügel an. Heute befinden sich auf Rios Anhöhen ironischerweise vor allem die Elendsviertel. Der Castelo-Hügel wurde 1922 bei umfangreichen Stadtmodernisierungen komplett abgetragen.
Copacabana am Titicaca-See und die Schifffahrt einer Heiligen nach Rio de Janeiro
Copacabana lag zwar offiziell innerhalb des Stadtgebiets, aber noch weit außerhalb aller Wahrnehmung. Es hieß auch gar nicht Copacabana, sondern Sacopenapan. Das Wort ist, dem brasilianischen Gelehrten Teodoro Sampaio zufolge, eine Abwandlung von çooco-apê-nupan und bedeutet soviel wie »Der Weg der Socós«, einem Raubvogel aus der Familie der Reiher, der in den Sümpfen lebte.
Das Kirchlein der Nossa Senhora de Copacabana (1905)
Sümpfe, Sand, Dünen, Lagunen und Felsenketten – das war das Copacabana des 16. Jahrhunderts. Das Land gehörte der portugiesischen Krone und wurde nach und nach in zumeist riesigen Lehen vergeben – der Ursprung des Großgrundbesitzes, der der brasilianischen Gesellschaft bis heute viele Probleme bereitet. Einem Versuch, nahe der großen Lagune Zucker zu produzieren, war gegen Ende des 16. Jahrhunderts wenig Erfolg beschieden. Sacopenapan hatte ab 1606 mit Afonso Fernandes wohl einen Besitzer, aber kaum neue Nutzer, und diente vornehmlich einer Viehherde als Weide.
Viele denken, dass Copacabana eine Bezeichnung aus dem Tupí-Guaraní sei, genauso wie carioca. Diese Bezeichnung für die Einwohner der Stadt (von kara‘ïwa: »weißer Mann« und oka: »Haus«) setzte sich im 18. Jahrhundert durch. Es könnte sogar Portugiesisch sein, wenn jemand einfach copa (Pokal, Kelch, Baumwipfel, auch Anrichte) und cabana (Hütte) zusammengefügt hätte. Doch das ist linguistischer Zufall. Tatsächlich ist »Copacabana« ein Wort aus einer indigenen Sprache. Aus einer allerdings, die auf der anderen Seite des Kontinents gesprochen wurde, von Rio so weit entfernt wie Moskau von Sizilien.
Der Name Copacabana ist vom Titicaca-See im Anden-Hochland aus nach Brasilien gelangt. Auf der bolivianischen Seite des Sees liegt eine Halbinsel: Copacabana. Copacabana war und ist heiliges Gebiet sowohl der alten Aymaras als auch ihrer Besatzer, der Inkas. Als die christlichen Spanier das Inkareich eroberten, knüpften sie an die religiöse Tradition an und errichteten ihrerseits ein Heiligtum. Hausherrin war Nuestra Señora de Copacabana (Unsere Liebe Frau von Copacabana).
Die schönste Bucht des auf knapp 4.000 Metern Höhe gelegenen Titicaca-Sees liegt auf der Westseite der Halbinsel, überragt von zwei Hügeln aus Basaltgestein. Dort hatten schon die Aymaras ein Dorf gebaut, das die Inkas nach 1320 zu einem blühenden Zentrum ausbauten. Die Hügel waren wie natürliche Wachtürme des Sees, und daher der Name kjopac kahuaña im Aymara. Kjopac bedeutet »See« oder auch »blau«; kahuaña heißt »Aussichtspunkt«, »Ausguck«. Im Quechua, das die Inkas sprachen, wurde daraus qopa qhawana (qopa: »türkisblau«, »Edelstein«; qhawana: »Ausguck«, »Hügel«). Die Spanier schliffen und transkribierten: Copacabana. Es hieß also soviel wie »Wacht über den See«, »Aussicht ins Blaue« oder auch »Ausblick zur blauen Perle«.
Der Titicaca-See ist der größte See Südamerikas und die nasse Naht zwischen Peru und Bolivien. Er gehört zu den wichtigen heiligen Orten Lateinamerikas. Die Bolivianer nennen ihn schlicht Lago Sagrado (Heiliger See). Copacabana ist ein religiöses Zentrum der ganzen Andenregion. Die Mythologie der Andenvölker vor der Herrschaft der Inkas nennt den See als einen der Orte der Schöpfung. Noch höhere Bedeutung verliehen der Gegend die Inkas, die dort ab dem 14. Jahrhundert herrschten. Ihnen galten die »Sonneninsel« und die benachbarte »Mondinsel« im See als Zentrum der Welt; der Tempel für den Sonnengott Wiraqocha auf der Sonneninsel war ihr heiligstes Heiligtum – ihr Jerusalem, ihr Mekka, ihr Rom.
Den Berichten zufolge, in denen Legenden und Fakten sich unauflöslich verweben, befand sich einige Jahrzehnte nach Eroberung des Inkareiches das heruntergekommene Örtchen Copacabana auf der Suche nach einem (katholischen) Schutzheiligen. Man konnte sich nicht zwischen dem Heiligen Sebastian und der Jungfrau von Candelária entscheiden. Da passte es, dass dem Indio Francisco Tito Yupanqui, vermutlich ein Nachfahr des letzten Inka-Gouverneurs von Copacabana, eine Vision zuteilwurde. Am See sitzend, blitzte vor ihm auf dem Wasser das Bild einer diademgeschmückten Frau auf. Die Jungfrau trug die Züge einer Einheimischen und das Jesuskind auf dem Arm. Yupanqui wollte das Bild künstlerisch festhalten, doch mangels Fähigkeit und Kenntnis scheiterte der erste Versuch. Er ging in die Silberminenstadt Villa Imperial (Potosí), brachte sich das Bildhauerhandwerk bei und schuf eine Holzstatue. Am 2. Februar 1582, dem Tag der Jungfrau von Candelária, wurde das Bildnis in der Kapelle von Copacabana aufgestellt.
Einige Wundergeschichten später hatte sich die »Jungfrau von Copacabana«, wie sie alsbald hieß, ersten Ruhm erworben. Insgesamt werden ihr 132 Wunder zugeschrieben. Der Synkretismus in Yupanquis Vision verfehlte seine integrierende Wirkung nicht. Die Pilger strömten nur so nach Copacabana, um der katholischen Heiligen mit sonnenkultischer Vergangenheit zu huldigen. Die meisten entstammten der indigenen Bevölkerung. Die Jungfrau leistete so einen wichtigen Beitrag zur kolonialen Mission. Schon 1614 musste eine größere Kapelle gebaut werden. Sie wich um 1670 einer Kirche, der noch heute bestehenden Basilika von Copacabana. Der 1650 gebaute Altar zeigt auf seinem Sockel Sonnenjungfrauen des Inka-Kults sowie eine Gestalt der Aymara-Mythologie, einen Menschenkopf mit leuchtend türkisblauen Augen, Schlangenhaaren und einem Raubkatzenschnurrbart: kjopac kahuaña, der »Blaue Seher«.
Nuestra Señora de Copacabana wird vor allem von Bolivianern und Peruanern verehrt, aber sie hat Gläubige in anderen Ländern Lateinamerikas sowie in Spanien, Portugal und Italien. Neben der vor allem in Mexiko und Mittelamerika verehrten Jungfrau von Guadalupe ist sie die bedeutendste Mariengestalt Amerikas.
Wann genau ein Bildnis der Jungfrau von Copacabana Rio erreichte, ist unklar. Es sollen peruanische Schmuggler gewesen sein, die sie von den Silberminen Potosís über Buenos Aires und übers Meer nach Rio mitbrachten und dort ließen, bevor sie ihre gegen das Silber eingetauschten Waren einschifften. Darunter waren auch die Sklaven, die dann ab Buenos Aires das Schmuggelgut nach Bolivien zu tragen hatten.
Ebenso wenig wissen wir, wann Fischer die kleine Kapelle ganz im Süden des Strandes auf einer abgeflachten Felsspitze errichteten, wo heute das Fort von Copacabana die zuweilen aufrührerischen Wellen bewacht. Doch der erste Aufenthaltsort der Heiligen mit Migrationshintergrund war eine Kirche in der Stadt. Dort erhielt eine Kopie der berühmten Statue vom Titicaca-See einen Altar in der Igreja da Santa Casa. 1637 musste die Jungfrau einer Nebenbuhlerin weichen. Nossa Senhora do Bonsucesso, nach der die Kirche auch bis heute benannt ist, nahm den Platz der Migrantin ein. Mitte des 17. Jahrhunderts wird die Jungfrau in der Landpfarrei Suruhy, unweit des anderen Endes der Bucht von Guanabara gelegen, aktenkundig. Dann verschwand sie im historischen Untergrund und tauchte erst 1732 wieder auf, in der ersten Nachricht von ebenjener Kapelle am Strand.
Auch hier wusste die Heilige für sich zu sorgen: Als das Kirchlein aus Lehm und Stroh über ihr zusammenzubrechen drohte, trug sie durch die Rettung eines anderen zu ihrer eigenen bei. Bischof Dom Antônio do Desterro war 1746 von Angola in die Erzdiözese Rio de Janeiro abgeordnet worden. Die Reise über den Atlantik verlief gut, und fast war der neue Bischof am Ziel, als er auf Höhe des Südendes von Sacopenapan in Seenot geriet. Gefährlich nahe ans Ufer abgetrieben, sah er auf der Felsspitze die Kapelle. In seiner Not gelobte Dom Antônio, sie zu restaurieren, sollte er den Wellen entkommen. Der Bischof überlebte und hielt sein Gelöbnis. Und die Heilige entfaltete ihren Charme weiter derart, dass alsbald ihr Name auf jenen Strand überging. Aus Sacopenapan wurde Copacabana.
Hauptstadt Portugals, Hauptstadt des Sklavenhandels: Rio im 19. Jahrhundert
1763 wurde Rio Hauptstadt des Vizekönigreiches Brasilien, einer der größten Kolonien der »Neuen Welt«. Um 1800 hatte diese Hauptstadt etwa 43.000 Einwohner. Die Gestalt der alten Kolonialstadt veränderte sich. Die wehrhafte Festung ohne Planung und mit wenig Siedlungsraum begann, dem Modell der offenen Barockstadt zu weichen. Es entstanden Gebäude und Plätze, die der Repräsentation dienten statt einem merkantilen oder militärischen Zweck, sowie Parkanlagen, Gärten, breite Straßen und Villen. Das Geld dazu kam vom Meer und aus den Bergen. Über den Atlantik kamen die Handels- und Sklavenschiffe. Der Hafen war der Umschlagplatz einer Wirtschaft, die auf dem Export beruhte: Holz und Zuckerrohr zunächst, dann Edelmetalle und Kaffee. Basis des wirtschaftlichen Fortschritts war aber ebenso der Import Hunderttausender von Menschen schwarzer Hautfarbe, die nicht freiwillig kamen und ihr Menschsein schon verloren hatten, als sie an der Westküste Afrikas in den Schiffsbauch gestoßen wurden. Die afrikanische Beute blieb nur zu einem kleinen Teil vor Ort – als Haussklaven, Hilfsarbeiter in Hafen und Gewerbe oder in den Zuckerrohrplantagen der Region. Die meisten wurden weiterverkauft in die nach 1720 entdeckten Goldlager in den Bergen des heutigen Minas Gerais, was nichts anderes bezeichnet als die »Allgemeinen Minen«. Politische Dynamik ging von dort aus, wie durch die erste – alsbald niedergeschlagene – Unabhängigkeitsbewegung, die sich unter dem »Zahnzieher« Tiradentes 1789 in Vila Rica, dem heutigen Ouro Preto, formierte. Am Goldhandel verdiente Rio aber kräftig mit.
Die 43.000 Cariocas nahmen es weitgehend überrascht zur Kenntnis, dass sich im Januar 1808 der portugiesische Hofstaat nach Brasilien verfügte. Wohl niemand hätte sich vorstellen können, dass er 13 Jahre bleiben würde. Im März traf Prinzregent João mit seiner Entourage in Rio ein – und mit was für einer: Die Bevölkerung wuchs schlagartig um ein Drittel! Allen Schönredereien zum Trotz waren João und die Seinen vor den Truppen Napoleons, der in jener Zeit im Zenit seiner Macht stand, geflohen. Rio de Janeiro wurde so übergangsweise Hauptstadt des portugiesischen Weltreiches – das es noch immer war, wenn auch eines im freien Fall. Doch erst 1815 wurde dies amtlich, als Brasilien zum gleichberechtigten Teil des Vereinigten Königreiches von Portugal, Brasilien und den Algarven erhoben wurde. 1818 ließ sich der Prinzregent in Rio als João VI. zum König dieses Reiches krönen. Ein Jahr vorher hatte Prinz Pedro die Habsburgerin Leopoldine geehelicht. Nach der Rückkehr des Hofes nach Portugal sagte sich Pedro 1822 von seinem Vater los, und Brasilien von Portugal. Als Statthalter in Rio verblieben, erklärte er die Unabhängigkeit und sich selbst zum ersten Kaiser von Brasilien.
Daran war João VI. sicher nicht unschuldig, und vielleicht schlug er bereits den ersten Nagel in den Sarg der alten Zustände, als er eine Druckerpresse nach Brasilien mitbrachte und – absurd spät – das Totalverbot für Druckerzeugnisse aufhob. Nun konnten auch in Brasilien Zeitungen erscheinen, und damit potenzierte sich nicht nur die Menge an verfügbarer Information, sondern auch die Umschlagzeit von Austausch und Diskussion unter Intellektuellen. Ebenfalls neu war, dass Brasilien nun eine zentralisierte Verwaltung erhielt. Es entstanden Vorläuferinstitutionen des nationalen kulturellen Gedächtnisses, wie die Königliche Bibliothek (später die Nationalbibliothek), ein Botanischer Garten, ein erstes Museum. Das ließ – wieder ungewollt – bei einheimischen Geschäftsleuten, Literaten, Angehörigen freier Berufe und hohen Beamten das Bewusstsein keimen, dass Brasilien tatsächlich eine Einheit, vielleicht sogar eine Nation sei. Der Anstoß zur Unabhängigkeit ging aber von Portugal aus: Auf Druck einer liberalen Bewegung in Portugal, die eine Verfassung für die Monarchie forderte, musste João VI. 1821 nach Lissabon zurückkehren. Als die dortige Ständeversammlung auch Kronprinz Pedro zurückbeorderte und zugleich den Freihandel, die neuen zentralen Institutionen in Brasilien abschaffen und die einzelnen Provinzen wieder direkt portugiesischer Autorität unterstellen wollte, wurden in Rio Rufe nach Unabhängigkeit laut. Letztlich auch, um Brasilien für die Bragança-Dynastie zu sichern, entschloss sich Pedro, in Brasilien zu bleiben und sich selbst als Oberhaupt eines formal unabhängigen Gebiets auf den Kaiserthron zu setzen.
Die wirtschaftlichen Erwägungen der Pflanzeraristokratie und einheimischer Geschäftsleute und das politische Kalkül eines Teils der brasilianischen königlichen Beamten hatten damit die brasilianische »Nation« aus der Taufe gehoben. Eine Nation, die gleichsam auf dem Verwaltungswege begründet wurde: Der neue Kaiser löste die verfassungsgebende Versammlung alsbald auf und verfügte eine Verfassung nach seinem Gusto, die bis 1889 gelten sollte. So blieb das junge Brasilien eine Nation der Wenigen. Wählen, wo es nichts zu wählen gab, durften nur Männer über 25 Jahren mit einem bestimmten Mindestjahreseinkommen. Das waren 1872 fünf Prozent der Bevölkerung.
Während die Frauen und die ärmeren Freien sich immerhin als Brasilianer fühlen durften, so traf das für die größte gesellschaftliche Gruppe nicht zu. Zu jener Zeit hatte Rio etwa 112.000 Einwohner. Fast die Hälfte davon waren Sklaven. Der Sklavenmarkt lag bis 1824 gleich am Hafen, mitten im Zentrum. Doch auch der Valongo, der neue Sklavenmarkt, war eine der belebteren Gegenden Rios und alsbald Pflichtstation für Stadtrundgänge ausländischer Touristen. In keiner anderen brasilianischen Stadt gab es im 19. Jahrhundert »mehr Afrika«. Sklaven, in bunten Gewändern oder halbnackt, aneinandergekettet oder mit einem Korb auf dem Kopf, Sklaven, die sich als Tagelöhner verdingten, Sklavinnen, die am Straßenrand Essen verkauften, und vor allem Sklaven, die Lasten trugen: »Durch diese nützliche Menschen-Klasse werden alle Kaufmannsgüter vom Hafen in die Stadt geschafft; sie tragen vereint zu zehn und zwölf, durch Gesang oder vielmehr Geheul sich im Tacte haltend, schwere Lasten an großen Stangen«, beobachtete 1815 der deutsche Ethnologe Prinz Maximilian zu Wied-Neuwied. Sklaven trugen Wasser für die Haushalte oder Exkremente aus den Haushalten, die zusammen mit dem Müll ins Meer gekippt wurden, oder schleppten ihre Herrinnen in Sänften. Es gab kein Haus, keinen Garten, kein städtisches Handwerk und keine Manufaktur, wo nicht Sklaven tätig waren – als Hilfs-, aber auch als Facharbeiter. Sklaven liefen ausschließlich barfuß, fertigten aber Schuhe nach Maß an. Sklaven schmiedeten jene dornenbewehrten Halsbänder, die zu ihrer Bestrafung dienten. Sklaven backten das französische Weißbrot, das in Mode gekommen war und das sie selbst nie aßen. Ohne Sklaven hätte es, wirtschaftlich gesprochen, kein Rio de Janeiro des 19. Jahrhunderts gegeben.
Erst 1888, als zweitletztes Land Amerikas, schaffte Brasilien die Sklaverei offiziell ab. Sie hat vier Fünftel der bisherigen Geschichte Brasiliens nach der Eroberung von 1500 geprägt. Und sie wirkt in allen gesellschaftlichen Beziehungen nach – auch am Strand von Copacabana, wie wir noch sehen werden. Konservativen Berechnungen zufolge wurden während der Kolonialzeit, also bis etwa zu Beginn des 19. Jahrhunderts, zwei Millionen Afrikaner zwangsweise nach Brasilien verfrachtet und verkauft. Andere Schätzungen liegen bei fünf Millionen, und dabei muss man sich klarmachen, dass viele weitere zwar die Schiffe lebend betraten, aber während der Reise an den unglaublichen Zuständen unter Deck zugrundegingen. Ein Grund für die hohen Zahlen lag in der wirtschaftlichen Logik des Sklavenhandels und -gebrauchs: Die Preise für einen jungen männlichen Afrikaner waren derart, dass sich die »Sklavenzucht« nicht lohnte. Wenn der Sklave nach durchschnittlich 15 Jahren Arbeit verbraucht war und starb, war es billiger und somit rationaler, einen neuen zu kaufen, als Sklaven Kinder haben zu lassen, die dann über Jahre zu versorgen waren, bis sie denselben Nutzen brachten, zumal die Frauen als Schwangere, Wöchnerinnen und Mütter nicht die volle Arbeitsleistung bringen konnten. Es gab Sklavenfamilien, aber viele Frauen erlitten Aborte oder Totgeburten, und für die Lebendgeborenen lag die Aussicht, das Erwachsenenalter zu erreichen, bei fünf Prozent. Viele Sklavenkinder wurden ihren Eltern weggenommen und in kirchliche Findelhäuser abgeschoben. Weniger als ein Drittel von ihnen überlebte.
Natürlich hat es persönliche Beziehungen zwischen Sklaven und ihren Herren oder Herrinnen gegeben. Das gilt insbesondere für die, die im Haus tätig waren. Aber ein Sklave war, rechtlich wie faktisch, ein Wegwerfartikel. Die Sklavin Isaura, die 1986/1987 in der gleichnamigen Telenovela das Thema auf deutsche TV-Bildschirme brachte, war daher denkbar untypisch: Sie war weiß, sie kam frei und sie wurde nicht nur geliebt, sondern sogar von einem Plantagenbesitzer geheiratet.
So fußte die Gesellschaft des Kaiserreichs weiter auf einem offenen Gewaltverhältnis. Nicht nur deshalb waren die Menschen in der Stadt Rio de Janeiro ständig in Sorge um ihre Sicherheit. So etwas wie einen vertraglich gesicherten Arbeitsplatz gab es bis weit ins 20. Jahrhundert kaum. Auch der Staat hatte einem freien, aber armen Untertanen keinen Schutz zu bieten. In den nur ausnahmsweise gepflasterten Straßen bedrohten schlingernde Karren, ausschlagende Pferde, faulender Unrat und Kot das Wohlbefinden von Knochen und Nase. Und nach Einbruch der Dunkelheit, in Rio also etwa nach 18 Uhr, konnte es tatsächlich gefährlich werden. Denn »diese Stadt ist des Nachts miserabel beleuchtet«, wie 1833 der Engländer Charles Bunbury feststellte. »Viele der kleinen Straßen liegen in vollständiger Dunkelheit, in den anderen die Laternen derart weit auseinander, dass sie ihren Zweck verfehlen.« Die Klage über fehlende Straßenbeleuchtung durchzieht die Akten der Stadtverwaltung Jahrzehnt um Jahrzehnt. Gute Bedingungen für die capoeira. Capoeira bezeichnete schon im 19. und frühen 20. Jahrhundert die ritualisierten und von Musik begleiteten Kampftechniken, die heute junge Menschen in jeder europäischen Großstadt praktizieren. In der Hauptsache bildeten schwarze capoeiristas aber organisierte Gruppen, die sich der Polizei widersetzten, Passanten angriffen und Diebstähle begingen.
Die öffentliche Hand blieb nicht nur unsichtbar, sondern auch untätig. Das änderte sich zur Jahrhundertmitte. 1838 verkehrte der erste Pferdebus, ab 1850 erhielten die Straßen im Kommerzviertel Candelária flächendeckend Pflaster, 1854 brachten die ersten Gaslaternen mehr Licht in das beklagte nächtliche Dunkel. Für die 1860er Jahre konstatierte der Schweizer Johann Jakob von Tschudi bereits eine »ausgezeichnete Gasbeleuchtung: Die Flammen leuchten vorzüglich rein und klar und sind bis in die entferntesten Stadttheile in fast verschwenderischer Menge angebracht«. 1862 begann der Bau einer Kanalisation. Aber mit Ausnahme einiger Prachtstraßen wie der Rua do Ouvidor, deren Läden importierte Luxuswaren feilboten, war um die Jahrhundertmitte das Zentrum Rios, des alten kolonialen Rios, ein intensiv genutzter, kleiner Raum; eng, stickig und stinkig. Den größten Platz, den Campo de Sant’Ana, sah Tschudi 1858 so: »Man glaubt sich daselbst weit eher in einer Wasenmeisterei [Abdeckerei, D.B.], als im Mittelpunkte einer Residenz zu befinden. Verwüstete Grasplätze, ekelhafte Unrathhaufen, Leinen mit Wäsche behangen, alte, kranke Pferde und Maulthiere, die die letzten Tage ihres mühevollen Daseins hier noch so lange kümmerlich fristen, bis sie endlich todt zusammenstürzen und dann oft tagelang unverscharrt liegen bleiben.«
Die Oberen haben niemals im Stadtzentrum Rios Wohnung bezogen. Wer konnte, wohnte eher außerhalb und erhöht und überließ die Stadtstraßen den Händlern, den Wasserträgern und anderen Haussklaven, dem Markttreiben, den Mücken, dem Müll und dem Gestank.
Prinzregent João und die portugiesischen Adeligen bezogen chácaras, wie die herrschaftlichen Landhäuser genannt wurden, im kühleren São Cristóvão; die Niederen der Entourage suchten sich im benachbarten Rio Comprido eine Unterkunft. Catete, damals südlicher Stadtrand, wuchs um 1820 zum ersten Diplomatenviertel heran. Die französischen Künstler bevorzugten Tijuca, die zahlreichen englischen Geschäftsleute hingegen die strandnahen Glória, Flamengo und Botafogo, dazu etwas landeinwärts Laranjeiras, wo edle Residenzen langsam die Wochenendhäuser ablösten und Straßen die Gemüsefelder einebneten.
Und dann war in Richtung Süden Schluss. Eine Abfolge von Felsmassiven, beginnend mit dem Morro Cara de Cão, auf dem das Sankt-Johann-Fort die Einfahrt in die Bucht überwachte, weiter über den Zuckerhut, Urca, den Telegraphenhügel Babilônia, São João, Cabritos … Wie eine Wand ragten sie auf. Dahinter lagen Leme, Copacabana, Ipanema, Leblon, die zwar bekannt, aber nur auf beschwerlichem Wege zu erreichen waren. Doch schon damals lohnten sie sich für eine Landpartie.
Die zweite Eroberung Brasiliens Naturforscher und Rio-Reisende im Dienste ihrer Zivilisation
Nichts von dem, was ich bisher gesehen habe, kann sich in seiner Schönheit mit dieser Bucht vergleichen. Neapel, die Firth of Forth [in Schottland], den Hafen von Bombay und Trincomalee [im heutigen Sri Lanka] hielt ich alle für perfekt, aber alle müssen hier zurückstehen; die Bucht übertrifft sie alle in je eigener Weise. Erhabene Berge, Felsen, die sich zu Säulen auftürmen, edle Hölzer, helle Blumeninseln, grüne Ufer, dazwischen weiße Häuser; jede kleine Erhebung krönt eine Kirche oder ein Fort; Schiffe vor Anker oder auf Kurs; und unzählige flinke Boote, dazu das angenehmste Klima – all dies zusammen macht Rio de Janeiro zur bezauberndsten Szenerie, die die Einbildungskraft nur hervorbringen kann.
Hätten wir daneben gestanden, wir hätten wohl die Feder vibrieren gesehen, mit der die Engländerin Maria Graham am 15. Dezember 1821 dies notierte. Dieser Augenblick hatte über drei Jahrhunderte den Charakter einer Grenzerfahrung: »Für jeden Menschen stellt die erste Einfahrt in die Bucht von Rio de Janeiro einen prägenden Einschnitt in sein Leben dar«, war sich Reverend Daniel Parish Kidder sicher, der ihn etwa 20 Jahre später erlebte. Der Anblick der Bucht habe die Kraft, einen Menschen zur Einsicht in die Göttlichkeit der Schöpfung zu bewegen. Die Inselkette an der Buchteinfahrt erinnerte den Geistlichen an die Säulen vor dem Tempel von Luxor, die Bergkette im Hintergrund rief in ihm Alpenbilder wach. Viele Autoren bemühten Analogien aus der Weltgeschichte; der Engländer William Scully sah die Stadt »hingestreckt, wie das alte Rom über das Amphitheater seiner sieben Hügel und der dazwischenliegenden Täler«. Der englische Tuchhändler John Luccock vermutete wenige Jahre nach der Ankunft des portugiesischen Hofstaats in diesem Stück Natur-Kultur gar politisch relevante Kräfte: »Der kalte und phlegmatische Politiker des Nordens hat selten die Wirkung einer schönen Gegend auf die menschliche Seele berechnet; sonst würde er wohl nicht erwartet haben, daß der portugiesische Hof seinen neuen Aufenthaltsort verlassen sollte. Dies ist ein stiller, aber mächtiger Sachwalter; seine Wirkung ist allgemein und immerwährend; sie wird bei jedem Aufgang der Sonne erneuert und von jedem Strahl des Mondes unterstützt.«
Und noch gut einhundert Jahre später empfanden viele die Landung in Rio wie Stefan Zweig als »einen der mächtigsten Eindrücke, den ich zeitlebens empfangen«, waren »fasziniert und gleichzeitig erschüttert«.
Zweifelsohne bot und bietet die Bucht von Guanabara ein besonderes Schauspiel: ein Ensemble von Wasser, Inseln, schroffem Bergfels, üppiger Flora und Barockarchitektur, im Panoramablick vom Oberdeck aus zu erfassen. Schönheit, Erhabenheit, Panorama – das sind Schlüsselkategorien des Pittoresken, das die europäische Ästhetik seit dem späten 18. Jahrhundert bestimmte. Zwischen Französischer Revolution und Zweitem Weltkrieg war Brasilien neben Mexiko für Europäer und US-Amerikaner das beliebteste Reiseland Iberoamerikas. Das galt nicht zuletzt für solche Reisende, die ihre Erfahrungen verschriftlichen wollten. Das wohl beste Verzeichnis Bibliografia do Rio de Janeiro de Viajantes e Autores Estrangeiros von Paulo Berger nennt rund 2000 gedruckte Ausgaben von Reiseberichten (Übersetzungen eingeschlossen) zwischen 1531 und 1900, die Betrachtungen zu Rio de Janeiro enthalten. Das 19. Jahrhundert lieferte die reichhaltigste Produktion. Nach 1800 hörte das Fernreisen auf, ein aristokratisches Privileg zu sein. Es war vielleicht das Jahrhundert der Entdeckungsreisen, in dem Menschen des Nordens die Länder des Südens naturwissenschaftlich vermaßen und kartographierten. Fast alle Brasilien-Reisenden, ob sie dem Amazonas, dem dürren Hinterland des Sertão, den deutschen Siedlungen im Süden oder dem noch weitgehend unbekannten brasilianischen Zentralplateau zustrebten, wählten Rio als Start- und Zielort ihrer Exkursionen und Feldforschungen, von den in Geschäften und im Dienst der Diplomatie Reisenden einmal ganz abgesehen. Rio de Janeiro diente ihnen als Schleuse, Übergangszone zwischen Vertrautem und Fremdem; als Ort der langsamen Gewöhnung ans Klima wie an die Kultur. Zentral für die Erkundung der Neuen Welt durch diese Reisenden aber war etwas, was sich in der Bucht von Guanabara in schönster Verklärung zeigte: die Natur.
Kleingeschrieben: Wirkungen europäischer Wissenschaft
»Der allgemeine Eindruck ist wahrhaft erhaben. Aber als der Segler sich der kahlen Küste nähert, sehen wir die besonderen hellblättrigen Bäume Brasiliens, hier und da einen purpurblühenden Quaresma-Baum, wir beobachten die schlangenartigen cacti, wir sehen, wie die reich wuchernden Parasitenpflanzen sogar von den steilen und schroffen Wänden des Zuckerhuts herunterhängen …«
Pfarrer Kidder war durchaus keiner der vielen Botaniker, die Brasilien auf der Suche nach Katalogisier- und Benennbarem durchkämmten, wie die Deutschen Prinz zu Wied-Neuwied, Johann Baptist von Spix und Carl Friedrich von Martius, der Schweizer Louis Agassiz oder der Brite George Gardner, um nur einige der bekannteren zu nennen. Dennoch war die tropische Flora und Fauna ihm besondere Aufmerksamkeit wert, denn in ihr spiegelte sich die Seele dieser Neuen Welt und zugleich ihre Unterlegenheit. Die Lehre des französischen Naturforschers Georges-Louis Leclerc de Buffon, wonach Amerika als feuchter Erdteil ein ungesunder, seine Fauna degenerierender Kontinent sei, war im Europa des 19. Jahrhunderts noch weithin akzeptiert. Für viele andere Autoren war die Bevölkerung des neuen Kontinents zivilisatorisch notwendig unterlegen. Wenige Seiten in Henry Thomas Buckles voluminöser History of Civilization in England über ein Land, das der Autor nie gesehen hatte, stürzten brasilianische Intellektuelle in Verzweiflung. Buckle, der in »Klima, Boden, Nahrung und dem allgemeinen Aspekt der Natur« die wichtigsten Einflussfaktoren auf die menschliche Rasse sah, zählte Brasiliens Natur in ihrer unvergleichlichen Fruchtbarkeit und Üppigkeit zu den Weltwundern. Doch das übermäßige Zusammentreffen von Hitze und Feuchtigkeit überfordere eine unfähige Bevölkerung, so der 1862 verstorbene Brite:
Blick auf die Bucht von Guanabara (um 1880)
»Wie alle Menschen in der Kindheit ihrer gesellschaftlichen Entwicklung stehen die Einheimischen der Unternehmung ablehnend gegenüber … Entlang der Küste Brasiliens hat europäischer Einfluss zu einem gewissen Grad von Zivilisation geführt, den die Einheimischen aus eigener Kraft nie erlangt hätten. Aber diese sehr unzulängliche Form von Zivilisation hat hintere Winkel des Landes nie erreicht … In ganz Brasilien lassen sich keine Monumente einer Zivilisation auffinden, nicht einmal einer niedrigen; es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass die Menschen sich jemals über den Stand erhoben hätten, in dem sie sich befanden, als man ihr Land entdeckte.«
Buckles vernichtendes Urteil ist in Brasilien mehrfach übersetzt und weithin gelesen worden. Das gilt auch für die Reisebeschreibung des bekannten Naturforschers Louis Agassiz. Anders als Buckle oder auch Buffon hatte sich Agassiz immerhin in Brasilien aufgehalten – und dort eine paradigmatische Bestätigung der Rassentheorien europäischer Wissenschaft vorgefunden:
»Ein jeder, der an der schädlichen Wirkung der Rassenmischung zweifelt, und aus falsch verstandener Philanthropie die Schranken zwischen den Rassen niederreißen will, sollte nach Brasilien kommen. Dann wird er die üblen Folgen nicht mehr leugnen, die aus der Verschmelzung der Rassen entstehen, einer Verschmelzung, die hier weiter reicht als in jedem anderen Land der Welt, und die die besten Qualitäten des weißen Mannes, des Negers und des Indio auslöscht, um sie durch einen undefinierbaren Bastard-Typuszu ersetzen, dem es an körperlicher wie seelischer Energie gebricht.«
Die Natur ringt mit der Kultur oder, wie man damals eher sagte, mit der Zivilisation. Europäer und US-Amerikaner sehen darin den Urkonflikt jener überseeischen Länder und Völker, und einen, den sie nur verlieren können. So erhaben sich die Natur darstellt, so unzulänglich zeigt sich den Reisenden das, was an Zivilisatorischem, wie beispielsweise in der nachlässigen Pflege der Kaffeeplantagen, erkennbar ist.
Beständig konstatieren Europäer in ihren Texten über Rio einen Mangel: Rio ist kaum herrschaftlich, als Kaiserresidenz nicht präsentabel, hat kaum Straßen, die den Namen verdienen, und die Abwasserentsorgung ist ein Gräuel.
Brasilien war nicht nur der zu erwartenden Fülle von Eindrücken wegen als Reise- und Forschungsland besonders beliebt. In den meisten der jungen hispanoamerikanischen Republiken herrschte politische Unrast. Im Ringen um die Macht war die Waffe schnell bei der Hand. Das Kaiserreich Brasilien wartete hingegen mit politischer Stabilität und mehr Sicherheit auf. Das große Territorium versprach vielfältige Erfahrungen in ganz unterschiedlichen Klimazonen, ohne die Unbill von Grenz- und Zollschranken fürchten zu müssen.
Das lange 19. Jahrhundert ist als das »Jahrhundert der Wissenschaften« gekennzeichnet worden, und diesem Trend hatte sich auch Brasiliens Kaiser Pedro II. verschrieben. »Die Wissenschaft bin ich«, soll er einmal gesagt haben, wohl mit Augenzwinkern in Richtung eines berühmteren Amtskollegen im Frankreich des 17. Jahrhunderts. Im Zuge der Aufklärung differenzierten sich Natur- und Gesellschaftswissenschaften im 19. Jahrhundert aus, Voraussagen anhand empirisch ermittelter Fakten wurden zum neuen Glauben der Zeit, und der Wissenschaftler zur gesellschaftlich relevanten Figur. Nach Brasilien gelangten die vielen neuen Ideen mit Verspätung und fanden nur selektive Aufnahme: Bei den Intellektuellen einer postkolonialen, »rassisch gemischten« Gesellschaft standen Positivismus, Sozialdarwinismus und rassistische Theorien hoch im Kurs. Unter Pedro II. entstanden die ersten rechtswissenschaftlichen und medizinischen Fakultäten, historisch-geographische Institute und naturwissenschaftliche Forschungs- und Bewahrungseinrichtungen. Mit Ausnahme des von Pedros Großvater João VI. gegründeten Nationalmuseums in Rio wurden Naturkundemuseen und Botanische Gärten allerdings erst im letzten Drittel des Jahrhunderts verwirklicht. Bis dahin war das Sammeln und Bezeichnen der brasilianischen Flora und Fauna ausschließlich Sache der ausländischen Experten, und Pedro II. unterstützte sie kräftig dabei.
In ihrem Hochzeitsgefolge brachte die Habsburgerin Leopoldine von Österreich im Juli 1817 zahlreiche deutschsprachige Künstler und Wissenschaftler mit nach Rio. Die bekanntesten waren wohl die Deutschen, darunter die bereits erwähnten von Spix und von Martius, die neben Gesteins- und Mineralienproben 85 Säugetiere, 350 Vogelarten, 130 Amphibien, 116 Fische, 2.700 Insekten und 6.500 Pflanzenarten sammelten. Ihre dreibändige Reise nach Brasilien in den Jahren 1817 – 1820 wurde auf Jahrzehnte hin zum Standardwerk für naturwissenschaftliche Forschung zu Brasilien. Die Sammlung wurde vollständig in den Botanischen Garten von München verfrachtet, und an Pflanzen hatten beide alsbald geadelten Forscher so viel Dubletten dabei, dass auch Herbarien in Berlin, Leipzig, Wien, Petersburg, Leiden, Genf und das British Museum in London bedacht werden konnten. In Brasilien verblieb nichts – oder doch: das von den Europäern freundlicherweise vermittelte Wissen, wie die vielen Arten, die schon immer da waren und auch schon einmal Namen gehabt hatten, denn nun hießen.
Die Botaniker und Zoologen beschränkten sich in ihren Texten keineswegs auf ihren Forschungsgegenstand im engeren Sinne. Wie die anderen Autoren traten sie auch an, die Geschichte und Gesellschaft, Ökonomie und Politik Brasiliens systematisch und vor allem so »wahrhafftig« zu beschreiben, wie es schon frühe Reisende des 16. Jahrhunderts betonten. Beispiele hierfür sind der hessische Landsknecht Hans Staden und seine Wahrhafftige Historia und beschreibung eyner Landtschafft der Wilden Nacketen, Grimmigen Menschfresser-Leuthen in der Newenwelt America gelegen von 1557 oder wenig später der Bayer Ulrich Schmidel, der die Wahrhafftige und liebliche Beschreibung etlicher fürnemen Indianischen Landtschaften und Insulen … vorlegte.
Die Autorinnen und Autoren des 19. Jahrhunderts hielten sich ausnahmslos für berufen und befähigt, Brasilien »als solches« mit Autorität und Wahrhaftigkeit zu beurteilen. Ihr unauflösliches Amalgam aus individuellen Erfahrungen, Gefühlen und vorgeprägten Vorstellungen verwandelte sich in kollektives Wissen mit Echtheitssiegel. Aus heutiger Sicht vereinigen die Reiseberichte jener Zeit oft verschiedene Textarten in sich: Forschungsbericht, Reportage, Roman, Geschichtsschreibung, Manifest und Drama.
»Der Reisende ist zwar aus seiner Heimat gefahren, aber nicht aus seiner Haut«, wie Friedrich Katz in seinen Begegnungen in Rio 1945 feststellt. Wenn sie über Fernes und Fremdes schreiben, berichten Reisende auch immer über sich selbst, und manchmal mehr als über ihren Gegenstand. Das Fremde in ihren Texten entsteht, indem sie den anderen Europäern daheim von dem erzählen, was ihnen bekannt vorkommt, und das Gesehene so bewerten, wie sie und die Leser es gewohnt sind. Das ist kaum anders möglich und bedeutet doch, dass die Neue Welt, wie sie in diesen Texten erscheint, auch eine Erfindung durch den spezifisch europäischen Blick ist. Dieser ist geprägt von der tiefen Überzeugung zivilisatorischer Überlegenheit, von Jahrhunderten selbstverständlicher kolonialer Praxis und dem unerschütterlichen Glauben an einen Determinismus, nach dem »Rasse«, »Natur« und »Klima« Faktoren sind, die die Tropen und ihre Bewohner im Wettstreit der Nationen unrettbar hintanstellen.
Man könnte auch sagen: Die Reiseliteratur trägt dazu bei, die globale Peripherie zu produzieren; das, was später »Dritte Welt« genannt werden sollte. Daher sind die europäischen und US-amerikanischen Reiseberichte wichtiger und fortwirkender Teil der lateinamerikanischen Wirklichkeit zwischen dem 18. und dem frühen 20. Jahrhundert. Sie setzen Wahrheiten, mit denen sich die also Beschriebenen auseinandersetzen müssen. Mit Blick auf die Reisenden, die Geschäftsleute, Maler und Zeichner, Naturwissenschaftler, Söldner und auch die vielen Einwanderer aus Europa hat der brasilianische Historiker Sérgio Buarque de Holanda von einer »zweiten Entdeckung Brasiliens« gesprochen. Die Schriften und ihre Folgen für die Entstehung einer brasilianischen Literatur und Wissenschaft, aber auch für die Auseinandersetzung um nationale Identität und die richtige Gesellschaftspolitik könnte man auch als eine zweite, semantische Eroberung bezeichnen. Der europäische Spiegel steht weiterhin im brasilianischen Schlafzimmer, und er wird uns noch mehrmals begegnen.

Das Bild von Johann Moritz Rugendas, »Praya Rodriguez: près de Rio de Janeiro« (1835), zeigt Copacabana als unberührtes, palmenbestandenes Areal mit einem einzigen sichtbaren Haus
Sandbank und Fels – Copacabana wird noch nicht entdeckt
Zurück in die Bucht von Guanabara: Es gibt eine große Gemeinsamkeit der Rio-Reisenden des 18. und 19. Jahrhunderts. Sie verschwenden bei ihrem Erstkontakt keinen eigenen Blick auf die Vielzahl der Strände, die die Fächer der Bucht zu bieten haben. Und auch im Zweitkontakt vermögen die Strände Rios wenig zu beeindrucken. Maria Graham, in Rio bald Zofe der späteren portugiesischen Königin Dona Maria, besuchte in der Umgebung von Rio nicht nur Kaffeeplantagen. Bei ihrem zweiten Rio-Aufenthalt zwei Jahre später stattete sie auch Copacabana einen Besuch ab:
»Ich schloß mich einem angenehmen Ausritt nach Copacabana an, einem kleinen Fort, das eine der kleinen Buchten hinter der Praia Vermelha verteidigt. Von dort hat man eine der schönsten Aussichten hier. Die Wälder der näheren Umgebung sind wunderschön und bringen eine exzellente Frucht in großen Mengen hervor, die Cambucá genannt wird; und zwischen den Hügeln finden sich Opossums und Gürteltiere in großer Zahl.«
Zehn Jahre später erlebte der Franzose Jean-Baptiste Debret Copacabana so:
»Mitten im Sand erblickt man die kleine Kirche, die sich auf einem kleinen Plateau erhebt. Rechts davon bildet eine Berggruppe eine zweite Ebene. Sie fällt zum Meer ab und verdeckt den Bogen dieser Sandbank. Dahinter taucht ihr äußerstes Ende auf mit seinen Feldern, geschätzt für ihre köstlichen Ananas-Früchte …«
Auf der Suche nach dem Pittoresken schweift der Blick auch über die »Sandbank« hinweg. Maria Graham erlebte den Strand von Gamboa sogar als »einen der angenehmsten Orte, die ich je betrachtet habe, mit einem wunderschönen Panorama, das alle Richtungen beherrscht«. Gamboa wurde im 20. Jahrhundert erst vom Hafen absorbiert, dann ganz eingedeicht und ist heute ein Stadtteil im Zentrum Rios.
Doch nicht einmal John Luccock, wiewohl als Brite aus dem Land der Seebadpioniere, war beim Anblick eines wahrhaftigen Badeparadieses der Gedanke an ein Eintauchen zu entlocken: Mit seinen Begleitern gelangte er zu einer »Bai, die unserer Beachtung wert schien. Sie wird auf der einen Seite vom festen Lande begrenzt, auf der anderen durch eine Restinga oder Sandbank, welche die See als Grenze sich gebildet hat. Diese Bank besteht aus weißem Sand, erhebt sich 20 Fuß über die Oberfläche der See und ist im Durchschnitt 400 Ruten breit und 20 englische Meilen lang. Größtenteils, besonders in der Mitte, ist sie ganz kahl, an andern Seiten ist sie mit verschiedenen Flechtenarten bedeckt, welche den Boden zusammenhalten, auf dem Gipfel wachsen ein wenig Unterholz und am nördlichen Ende etwas Mangle [Mangrovenbäume, D.B.]. Nach der See zu ist sie steil und die Brandung heftig; nach der Bai zu ist sie eben und sanft abhängig.«
Der Blick geht immer weg vom Strand. Der Sand hat keinen Wert, so weiß er auch ist. Weder Wellen noch ruhiges (und sicher angenehm warmes) Wasser wecken Lust auf ein Bad. Copacabana besticht durch das Panorama, interessiert aber vor allem unter militärischen Gesichtspunkten:
»Wer die Mühe nicht scheut und eine mannigfache Aussicht liebt, wird sich reichlich belohnt finden, wenn er den Telegraphen besteigt. [Dort] steht auf einem vorspringenden Felsen ein kleines Fort, welches sehr fest durch seine Lage ist, aber in jämmerlich zerfallenem Zustande sich befindet, und ohne eine einzige brauchbare Kanone, obgleich es eine Korporalwache hat. Diese Vernachlässigung ist indeß verzeihlich, indem es zu weit abliegt, um die Küste zu bestreichen, wo überdies auch die heftige Brandung die sicherste Vertheidigung ist, an den beiden äußersten Punkten der Bai ausgenommen. Der südlichste wird durch die runde, fast verfallene Kapelle Copo Cabano [sic!] verschönert. Diesen Ort sollen Schleichhändler sehr oft benutzen, indem die Wege ins Innere schmal und schwer zu passiren sind.«
Berufsspezifisch ist der Blick, den der Franzose Francis de Laporte de Castelnau um 1850 über Copacabana schweifen lässt. Auch er kommt über den Telegraphenhügel, den heutigen Babilônia, und findet sich nach steilem Abstieg »inmitten einer weißen Sandzunge, und das registriert man mit Interesse in diesen großen Ebenen: man findet keinen höheren Baum, nur hier und da einige Büsche, die wie Oasen aus dem Sand wachsen und sich aus sehr unterschiedlichen Pflanzen zusammensetzen, offenbar vor allem den Familien der Myrtazeen, der Guttiferen und der Leguminosen zugehörig …«
Es folgen lange Ausführungen über Beschaffen- und Besonderheiten von Früchten, Kakteen und anderen diesen Familien zugehörigen Pflanzen, über welchen der Botaniker gänzlich vergisst, dass er sich an einem sanft geschwungenen weißen Sandstrand befindet, der ihn auch anders entzücken könnte.
Auch das Buch des Deutschen Carl Schlichthorst über Rio de Janeiro, wie es ist legt vor allem Zeugnis ab über Schlichthorst und wie es ihm geht: schlecht natürlich, ist er doch ein arbeitsloser Soldat, der in Brasilien auf Reichtum und eine steile Karriere in der Kaiserlichen Armee hoffte und sich nun stattdessen, vor Heimweh krank, als Fremdenlegionär niedrigeren Patents und als Dolmetscher durchschlagen muss. Das Selbstbewusstsein, mit dem er seine mehr visionären als beobachtenden Beschreibungen dem Leser präsentiert, verhält sich proportional zum Mangel an Portugiesischkenntnissen. Das verschafft uns Einsichten von unfreiwilliger Komik. So sei die außerordentliche Fruchtbarkeit der Brasilianerinnen, die angeblich nicht selten zwölf bis 16 Kinder gebären, dem Zusammentreffen dreier Umstände zu verdanken: Die Frauen sitzen mit untergeschlagenen Beinen, sie schnüren sich nicht die Brüste ab, wie in Europa üblich, und sie baden sehr häufig. Die örtliche Geographie erfährt bei Schlichthorst eine einzigartige Benennung, und so wird aus Copacabana »Punto da Cabana«. Aus seinen Träumen von einer baldigen Heimreise weckt ihn sanft ein »liebliches Negermädchen«, das eine in Brasilien ansonsten unbekannte »Marimba« spielt und dieses schwere Standinstrument aus Holz und Kalebassen überraschend zwischen den Fingern hält; ein Mädchen »in der Blüthe ihrer Jahre, von herrlichstem Gliederbau, Augen wie Sterne, einem Mund, frisch wie eine eben aufgebrochene Rosenknospe, und Zähnen, welche Perlen an Glanz und Weiße übertreffen«. Sie übergibt das Instrument einer zweiten Frau, »dem Gewichte nach auch eine wahre afrikanische Schönheit«, und beginnt einen »Faddo« zu tanzen, womit der Fado gemeint sein dürfte, der im 18. Jahrhundert immerhin in einer brasilianischen tanzbaren Variante bekannt war. Das Ganze schaut sich Schlichthorst nach eigener Auskunft »mit aller Behaglichkeit eines westindischen Pflanzers« an, gemütlich auf einer Bank vor der Kirche ausgestreckt und eine Zigarre rauchend. Das »schöne Mohrenkind« singt zum Tanze dem Deutschen zufolge dieses Lied: »Auf Erden giebt’s kein Paradies! / Doch wär’ am Cariocanerstrand / Mein heißgeliebtes Vaterland, / Ich träumt’, ich wär’ im Paradies!«
Es ist hier nicht die Absicht, sich über den Autor lustig zu machen, sondern zu belegen, wie die Reisenden des 19. Jahrhunderts auch reisten: auf dem Eisbrecher ihrer Vorstellungen, der noch jedes Gestade erreicht hat. Indem sich in und an Copacabana seine erotischen Phantasien entzünden, macht Carl Schlichthorst allerdings eine für den Ort zukunftsweisende Vorläufererfahrung.
Der König geht baden Die späte Lust am Strand in Rio de Janeiro
Der Sand dieses Strandes ist weiß, wie die Schaumkronen der Wellen, die sich auf ihm brechen. Wer es liebt, vom tiefen, starken Grollen der Wellen unterhalten zu werden, die vom grünen Atlantik heraufrollen, wird kaum einen besseren Ort dafür finden. Und wer einmal die erhabene Herrschaft der Wellen genossen hat, die sich hier beeilen, ihm zu Füßen zu liegen, wird sich danach sehnen, diese Szene wieder und wieder zu erleben.
Reverend Kidder, der Methodist aus Darien, New York, hat unter den Reisenden seiner Zeit wohl den zärtlichsten und zukunftsträchtigsten Blick auf Copacabana. Man ahnt, welch pure, intime und trotzdem verdrängte Lust am Strand in diesen Worten mitschwingt. Doch die niedergeschriebene Geschichte des Meerbades in Brasilien beginnt nicht mit dem Seufzer des Ästheten angesichts der ihn umgebenden Erhabenheiten. Ihr Anfang ist weitaus nüchterner, man möchte fast sagen: klinisch. Zepter und Äskulapstab gingen eine prägende Verbindung ein, als den Herrscher des portugiesischen Weltreiches João VI. um 1817 – der Berichterstatter Calmon gibt kein genaues Datum an – im brasilianischen Exil eine Zecke biss.
Der Biss entzündete sich, den König warf ein hohes Fieber darnieder, der Hof fürchtete um sein Leben. Die Ärzte verordneten ein Salzwasserbad, was – wie wir noch sehen werden – keineswegs ein altbewährtes Heilverfahren war. König João VI. hatte das Meer vor der Tür, also ließ er eine große Holzkiste – vermutlich eher eine Art Holzkäfig – fertigen und sich darin am Strand von Caju von einigen starken Seeleuten ins Wasser tragen, sodass er sich gesichert und etwa hüfthoch dem therapeutischen Fluidum aussetzen konnte.
Der König stieg also nicht freiwillig ins Wasser. Und in der Tat kam selbst in der positiv wahrgenommenen Landschaft Rios im 19. Jahrhundert der Badestrand praktisch nicht vor.
Der Strand, den wir mit »Copacabana« assoziieren, ist ganz jung. Die »Traumstrände« waren zwar schon immer da, nur träumte niemand von ihnen.
Kaum einer der großen Seefahrer aus Portugal wäre wohl auf die Idee gekommen, freiwillig im Meer zu baden. Cabral, Gonçalves und Co. konnten nicht verstehen, dass die brasilianischen Indios so oft und offenbar mit Vergnügen in die Flüsse sprangen und sich ausgiebig reinigten, aber auch gerne in der Brandung ihres Ozeans plantschten.
Die Angst des Europäers vor dem Meer
Über Jahrhunderte hinweg ging den Europäern ein Bad im Meer wider alle Vernunft, aber auch wider allen Mythos. Denn das Meer war offen, noch nicht von Menschen durch- und vermessen und geprägt von einem unberechenbaren Chaos, das in der Vorstellungswelt der Zeitgenossen unter seiner Oberfläche tobte. Die mythologische Meeresfauna kennt gewaltige Schlangen, Wale oder den Leviathan, den biblischen Drachen. Überhaupt prägt die Bibel das Bild vom Meer als Hort von Unordnung und Instrument göttlicher Strafe, so zum Beispiel durch die Sintflut.
»Sein Brausen, sein Brüllen, die tosenden Ausbrüche seines Zorns können immer aufs neue als Erinnerung an die Sündhaftigkeit der ersten Menschen verstanden werden, die in den Fluten untergehen mußten«, wie es der Kulturhistoriker Alain Corbin in Meereslust. Das Abendland und die Entdeckung der Küste 1750 – 1840 (im französischen Original: Le territoire du vide) beschreibt.
Man darf nicht vergessen, dass die Mythologie höchst realen Verlusterfahrungen entsprach. Seefahrt war ein äußerst riskantes Unternehmen. Piraten, vor allem aber Stürme lauerten auf die Mutigen. Im Zeitalter der Entdeckungsreisen hatte sich die Schiffstechnik verbessert, doch zugleich nahmen Entfernungen und Wagnis zu. Die Flotte unter dem Kommando Pedro Álvares Cabrals, die im April 1500 Brasilien »entdeckte« und dann nach Indien weitersegelte, startete in Lissabon am 9. März 1500 mit 13 Schiffen. Am 23. Juni 1501 hatten es sechs, möglicherweise gar nur vier Schiffe geschafft, nach Lissabon zurückzukehren.
Noch bis etwa 1840 standen die Meereskatastrophen im Zentrum der Naturgeschichte der Erde und dann der Geologie. Im Angesicht des Meeres bleibt die Naturbetrachtung nicht bei der Naturwissenschaft stehen; Meer ist im Wortsinn Metaphysik. Erst die Expeditionen der Frühen Neuzeit, die ein ganzes Weltbild umstoßen, weil ihr Entdeckergeist das grenzenlose Meer einhegt, und die Ordnungsleistungen der Kartographie (wie die Erfindung der Längengrade im 18. Jahrhundert) machen den Ozean für das aufgeklärte Individuum beherrschbar.
»Küste«, »Ufer« und »Strand« hingegen scheinen fest umrissene und abgrenzbare Fix- und Orientierungspunkte zu sein. Doch auch die Küste ist ein Raum mit unscharfen Rändern, an denen sich die Elemente in unterschiedlicher Weise durchdringen.
Die Definition des Strandes im Duden trägt dieser Unsicherheit Rechnung: »Das flache und sanft ansteigende Ufer des Meeres, seltener eines Flusses oder Sees, das beim höchsten Wasserstand gewöhnlich noch überflutet wird; im allgemeinen besteht es aus Sand und kann von unterschiedlicher Länge und Breite sein; wird häufig mit dem Wort ›Küste‹ gleichgesetzt, bezeichnet aber nicht so sehr das rein sachlich Festgestellte und Gegebene, sondern beschreibt das dem Sprecher in irgendeiner Weise freundlich oder belebt erscheinende Ufer.«
Der Strand ist also weniger ein Faktum oder eine topographische Gegebenheit, sondern eher das Ergebnis einer Haltung. Der Strand ist ein kulturelles Produkt mit einer eigenen veränderlichen Materialität, jenseits von Sand, Salzluft, Sonnenschein und Brandung – und in Europa galt die Küstenlinie, das Grenzgebiet des monströsen Meeres, eben lange als ein Panoptikum der Katastrophen, an dem Wrackteile und Leichen einzusammeln waren. Und noch im 17. und 18. Jahrhundert glaubten Mediziner fest daran, dass das Meer Fäulnis errege.

Badekarren in Brighthelmstone um 1790 – Stich von Samuel Alken
Es wäre allerdings falsch zu sagen, dass die späte Sympathie für den Strand eine originäre Erfindung der Neuzeit wäre. Selbst wenn wir uns auf die europäische Kultur beschränken und bekennen, dass wir nicht wissen, ob die Tupinambá-Jugend, der Polynesier »als solcher« und die Hawaiianerinnen nicht seit jeher die Freuden des Strandes genossen haben: Schon die alten Römer hatten eine Art, sich zur Küste zu verhalten, die uns sehr bekannt vorkommt. Dieses Konzept nannte sich otium und meinte einen der römischen Oberschicht vorbehaltenen Zeitvertreib von Niveau, wie zum Beispiel Lektüre, philosophisches Gespräch, Spaziergänge und andere körperliche Ertüchtigungen. Diese Form der Selbstfindung brauchte besondere Orte. Gegen Ende der Republik kamen bei Cicero, Cäsar, Mark Anton und vielen anderen Villen in der Umgebung des kampanischen Küstenortes Pozzuoli in Mode. Dort standen Lustfahrten über das Meer, Wassersport, Bankette im Freien und Musik an.
Mit dem Untergang des Römischen Reiches aber schwand die Lust am Strand in Europa, und das Interesse an der Küste als »Landschaft« wich der mittelalterlichen Angst und Abscheu vor Ufer und Meer.
Dass Einzelne immer Vergnügen darin gefunden haben, sich am Strand aufzuhalten, dürfen wir annehmen. Doch von einer Konvention des Strandbesuchs oder einer ästhetisch verarbeiteten Naturanschauung der Küste kann erst im 18. Jahrhundert die Rede sein. Dafür brauchte es, so Corbin, das Ineinander von drei Entwicklungen, um Abscheu in Bewunderung zu verwandeln. Eine neue theologische Naturauffassung rechnete Meer und Küste nun dem Gesamtwerk der göttlichen Schöpfung zu, und die Grand Tourists entdeckten in Italien auf der Suche nach der Antike die Schönheiten der Strände. Doch vor allem war eines ausschlaggebend: Ärzte schickten ihre Patienten ans Meer, als sie die Heilkraft seines Wassers wie seiner Luft für Lungenkranke und Nervenleidende erkannten.
Die Europäer bedurften also der strengen Aufforderung jener Autorität, der sich auch João VI. unterwarf: der Medizin. Mitte des 18. Jahrhunderts folgten Lords und Earls dem Anraten britischer Hofärzte und ließen vorsichtig die See an ihre Haut heran. Der Landarzt Richard Russell hatte im Fischerdorf Brighthelmstone die spätere Thalassotherapie entwickelt, die Drüsenkranken Meerwasser verordnet. Der Gedanke war wirklich revolutionär: Das todbringende Meer konzentrierte nun in sich die Lebenskraft, die Meerluft ließ den Körper gesunden. Brighthelmstone wurde zu Brighton, dem bis heute wohl berühmtesten Seebad.
In vielen Seebädern entstanden auch Krankenhäuser, die die Badetherapie medizinisch flankierten, der Reichtum an Salzen, dazu Plankton, Algen und anderes aquatisches Kleingetier machten Meerwasser zum Multivitamin-Powerdrink des 18. Jahrhunderts.
Für die Entwicklung in Deutschland machte Georg Christoph Lichtenberg mit dem Besuch der englischen Seebäder eine »gute Entdeckung«, die er 1793 im Göttinger Taschen-Calender kundtat. Lichtenberg spielte die bereits etablierten Kur- gegen die neuen Seebäder aus, indem er erstere lobte, jedoch auf die noch heilsamere Wirkung des Meerblicks hinwies. Der Umweg über das Spa erleichterte mit Rücksicht auf kulturelle Gewohnheiten den Weg zum Strand erheblich. Nach einem positiv verlaufenen Probebad des Herzogs von Mecklenburg-Schwerin in der Ostsee entstand 1794 in Heiligendamm das erste deutsche Seebad.
Doch von Sinnlichkeit war der Strandaufenthalt auch nach Entdeckung der Seebäder noch weit entfernt. In Europa kamen zunächst die sogenannten bathing machines zum Einsatz, die teils noch Anfang des 20. Jahrhunderts in Gebrauch waren. Das waren mobile Bretterverschläge mit angeschlossenem Zelt, die vier bis sechs Personen aufnahmen. Ein Fuhrmann leitete das einspännige Gefährt ins Wasser, und die Badegäste, die sich unterwegs entkleidet hatten, stiegen, vor den Blicken der Umwelt geschützt, über eine am Gefährt befestigte Treppe hinab in die heilenden Fluten. Das Wasser musste übrigens kalt sein. John Floyer, Autor des Standardwerks History of Cold Bathing, empfahl 1702 eine Badetemperatur von unter zehn Grad Celsius!
Der Strand selbst hatte als Kulisse der Seebäder lediglich funktionalen Charakter, da er den Übergang ins flache Therapeutikum ermöglichte. Die Lust am Strand stellte sich mit den Seebädern keineswegs sofort und zwingend ein, begegnete man dort einer aufkeimenden »Vergnügungssucht« doch mit rigiden Baderegeln und beschränkte so den Strandbesuch auf das medizinisch notwendige Minimum. Da die Mediziner auch für die Seebäder von Anbeginn das Nacktbaden forderten, wird man leicht einsehen, dass jede Kulturgeschichte des Strandes zugleich auch seine Sittengeschichte ist. Seitdem die Lust am Meer erwacht war, hatten Behörden mit der Regelung der Geschlechter- und Textilienfrage zu tun. Historikern zufolge war Nacktbaden an englischen Küsten im 18. Jahrhundert die Norm, bei Männern noch weit ins 19. Jahrhundert verbreitet. In deutschen Seebädern war der ärztliche Rat nur mit Hilfe der Badekarren, also individuell und bei vollem Sichtschutz, umzusetzen. Am Strand trennten sich die Geschlechter und verhüllten sich in Ganzkörperwolle, die die Zeitläufte dann von Knöcheln und Handgelenken aufwärts Zentimeter für Zentimeter auflöste – bis zum Tanga und dem fio dental (»Zahnseide«), jenem textilen Nichts aus drei kleinen Nylondreiecken und etwas dünner Schnur, das die Brasilianerinnen in den 1970er Jahren zu tragen begannen. Wir kommen darauf zurück.
Lange waren die Bäder der (englischen) Aristokratie vorbehalten und damit tatsächlich so »exklusiv«, wie es in Zeiten des Massentourismus in der unnachahmlichen Paradoxie der Werbesprache heißt. Doch dann folgten die nouveaux riches nach, und damit war, in den Augen der Aristokraten, Snobismus und Vulgarität die Tür geöffnet. Um 1850 befand sich die britische Oberklasse in freiem Rückzug aus den heimischen Bädern und überließ die englische Küste der Mittelklasse und, später, von der Eisenbahn herbeigekarrt, den tuberkulösen Industriearbeitern aus den ungelüfteten Proletarierquartieren Manchesters oder Londons. So gewann die Meeresluft gesamtgesellschaftlich sanatorischen Wert. Den hatte sie auch für João VI.
»Das Bad tat ihm gut«, vermerkt der Berichterstatter knapp, und noch knapper: »Das Salzwasserbad machte Mode.« Der erleichterte Monarch ließ am Ort ein Badehaus errichten, das noch heute steht und das Museum der Stadtreinigung beherbergt.
Das Baden beginnt
Dass das königliche Bad schnell Nachahmer fand, ist leicht vorstellbar. Denn dank Telegraph und den immer dichter aufeinanderfolgenden Reisenden aus Europa kam die Kunde von der so erfolgreichen Thalassotherapie über den Atlantik. Und es war leicht zu erkennen, dass in Rio ideale Bedingungen für das Meerbad bestanden.
Hinzu kommt eine grundsätzlich andere Einstellung zum Bad. Kulturhistorisch neutralisierten sich in einem Durchschnittsbrasilianer gewissermaßen die indianische Badeleidenschaft auf der einen, das Erbe der wasserscheuen europäischen Vorfahren sowie das aus dem Mittelalter herübergerettete katholische Misstrauen gegenüber (gemeinsamen) Vollbädern auf der anderen Seite. Ganz praktisch wird unter der Tropenhitze die Abkühlung und Reinigung zum dringlichen Bedürfnis. Der junge deutsche Fremdenlegionär Schlichthorst will bereits in den 1820ern wissen, dass »jedes Frauenzimmer in der Regel vor dem Schlafengehen ein warmes Bad nimmt und in den Sommermonaten häufig vor Sonnenaufgang in der See badet«. Er findet selbst großen Gefallen am Seebad, denn er leidet an der ortsüblichen Hitze und Fauna. Ein Ausflug hat ihn zur Festung an der Praia Vermelha am Urca-Hügel geführt, von dem heute die Seilbahn zum Zuckerhut abfährt. Der Ort lag zu Schlichthorsts Zeiten zwei Wegstunden außerhalb der Stadt. Von der Festung schlängelt sich ein steiler Pfad den Telegraphen-Hügel hinauf. Schlichthorst befindet sich an der Nordspitze Copacabanas, auf dem Leme-Hügel.
Im Süden überblickt der Betrachter die Bucht von Copacabana und kann das Auge auf das weite Meer hinausschweifen lassen, wenn es nicht am Leuchtturm der kleinen, der Bucht vorgelagerten Insel hängen bleibt. Schlichthorst zieht es nach unten, denn »das Meer lockt mit süßen Schmeicheltönen zu sich herab … Blühende Myrthenwälder bekränzen das schneeweiße Gestade. Schnell sind die Kleider abgeworfen, der balsamische Hauch der See weht der brennenden Haut eine wohlthätige Kühlung entgegen.«
Sofern Schlichthorst hier um 1825 berichtet und nicht fabuliert hat, war er sicher einer der ersten Europäer, die in Copacabana – genauer: in Leme – den Sprung ins Meer wagten. Für Schlichthorst allerdings weniger Wagnis als Wohltat und Anlass für eine Theorie über die Textillosigkeit der Indios:
»Diese belebende Frische, womit das Wasser den Körper durchdringt, dieser sanfte Gegenreiz, der die verbrannte Haut erneuert und gegen den Stich von Millionen Insecten undurchdringlich macht – man muß beides erfahren haben: die Genüsse und die Beschwerden der tropischen Natur, um begreifen zu können, wie wohlthätig ein Bad unter diesem Himmelsstriche wirkt. Wie wäre es sonst auch möglich gewesen, daß dieser Theil der Erde von Menschen bewohnt wurde, die nackend gingen, wie die Natur sie schuf, hier, wo Alles zur Plage der Menschen lebt … Aber das Meer, die Flüsse, jeder Bach schützen gegen diese rastlosen Verfolgungen und so sehen wir die Urvölker, welche unter den Wendezirkeln wohnen, mehr im Wasser lebend als auf der Erde, und Kleider gänzlich verschmähend, weil sie wohl wissen, daß diese keine Sicherheit gewähren.«

Strandgäste in Copacabana (1918)
Medizinische Erfordernis und freiwillig-lustvolles Erleben begegnen sich in der Folgezeit jeden Morgen am Strand, und der Zwang hebt sich im Vergnügen auf. 1838 werben Schulen für höhere Töchter in Glória und Botafogo mit der »frischen und reinen Luft« und dem therapeutischen Meeresbad für die Mädchen. »Herrliche Bademöglichkeiten bot Botafogo«, erinnert sich der britische Diplomat William Gore Ouseley an seinen Rio-Aufenthalt in den 1830er Jahren:
»Auch bei schlechtestem Wetter keine zu hohen Wellen, der Strand sanft abfallend, das Wasser seicht. Bestens geeignet vor allem für die Damen. Daher reihte sich im Sommer Badezelt an Badezelt, für die Familien, die sich in diesen sicheren und vor allem fischreichen und für die Kleinschiffahrt geeigneten Wassern tummelten, da sie vor Strömungen geschützt waren.«
König João und seine Familie haben später, ohne Käfig, in den ruhigeren Wassern von Botafogo gebadet. Sein Sohn Pedro zog Flamengo vor und nahm die Gastfreundschaft des englischen Botschafters in Anspruch, um sich in dessen Villa umzuziehen. Kidder und sein Mitreisender James Cooley Fletcher beschreiben zwei Jahrzehnte später den nahegelegenen Strand von Flamengo als »beliebteste Badeanstalt« Rios. Sie legen ihren Fokus auf die Organisation des Bades, die im europäischen Seebad im Vordergrund steht. Den Badestrand als Sehnsuchtsort hätten sie fast übersehen, wenn nicht Kinder und Sklaven sie mit Geschrei darauf gestoßen hätten. Das nach ärztlicher Vorschrift durchgeplante Bad kennt weiterhin Regeln, aber kaum noch Scheu. »Bevor die Sonne über die Bergrücken lugt, strömen Männer, Frauen und Kinder zum Strand, um ein Bad im klaren Salzwasser zu genießen.« Sklaven schlagen Zelte in den Sand, in denen die Damen ihre Badekleidung aus schwarzem Tuch anlegen. »Die Damen sind gut bekleidet«, urteilen die Pfarrer, »jedoch ohne die Koketterie, die wir aus französischen Bädern kennen, wo die Damen sich der passenden Garderobe ebenso hingebungsvoll widmen wie der für den Ballsaal. Für die Herren gelten polizeiliche Bekleidungsvorschriften, doch einige hindert dies nicht, sich im Badeanzug in die Wellen zu werfen.« Kinder rennen durch die Brandung und kreischen vor Vergnügen, wenn eine Welle sie auf den Sand wirft. Zuweilen ruft ein Spaßvogel »Da! Ein Hai!« und lacht über die Frauen, die auf den Strand zurückhasten.
»Um sieben Uhr steht die Sonne schon hoch am Himmel, und das ganze weiße Getümmel ist fort. Doch hier und da sieht man einen lockigen Kopf zwischen den Wellen auftauchen, dessen wollige Bedeckung der Angst vor einem Sonnenstich trotzt. Die Negerinnen, die ihre Herrinnen begleiten, baden zur selben Zeit wie diese. In mondhellen Nächten ist die See schwarzgefleckt: Das sind die Köpfe der Sklaven aus der Nachbarschaft. Sie plantschen und kreischen und vergnügen sich nach Herzenslust. Sie alle können bemerkenswert gut schwimmen, und es erfreut, ihre juchzenden Stimmen zu vernehmen, so fröhlich, als kennten sie weder Sorge noch Leid.«
Kidders und Fletchers Beschreibung ist die vielleicht erste, die in Richtung der heutigen offiziellen brasilianischen Selbstwahrnehmung geht: der Strand als Ort der offenbar verwirklichten sozialen wie rassischen Demokratie. Der Strand ist sogar den Sklaven zugänglich, wenn auch vor allem nachts und vielleicht nicht völlig legal. Doch die schwarzen Dienerinnen dürfen offenbar morgens kurz ins Wasser, zeitgleich mit ihren Herrinnen. Die räumliche Segregation des Strandes ist strikt: Es gibt Abschnitte für die Dienerschaft, so wie es einen für die Lasttiere gibt. Unklar bleibt, ob der Gesellschaftsabschnitt nach Geschlechtern getrennt war, doch ist dies wahrscheinlich. »Gut gekleidet« waren die Damen, wenn das Badekostüm aus dunkelblauem Serge oder Wollflanell mit weißem Band (oder, gewagter, einem roten Saum) die Beine mindestens bis über das Knie, die Schultern und den Hals bedeckte und sie so vor Sonne, Wind und Skandalen schützte. Schuhe aus Segeltuch waren im Wasser üblich wie Hauben oder Hüte.
Und noch eines können wir schließen: Für einige, ja für viele war das Bad im Meer vermutlich schon lange ein Vergnügen. Zwar begegneten auch im brasilianischen Volk viele dem Meer mit Zurückhaltung oder Abscheu. Volkskundler wie Luís da Câmara Cascudo haben zusammengetragen, dass Fischer im Meer eine Persönlichkeit sahen, und zwar eine wankelmütige, außerdem sei das Meer »nicht getauft und daher heidnisch«. Andere wiederum betrachteten das Meer als Heiligtum, das nicht durch badende Frauen verunreinigt werden dürfe. Vor solchem Strand fange man keine Fische mehr. Im Umgangsbrasilianisch ist der Strand negativ konnotiert; »am Strand gestorben« ist ein wenig aussichtsreiches Geschäftsvorhaben, und wer sich verziehen soll, geht »am Strand singen«.
Dennoch dürfen wir vermuten, dass Sklaven und Arme zwar allen möglichen Zwängen unterworfen waren, aber nicht jenen gesellschaftlichen, die das Meeresbad lange zur reglementierten Veranstaltung unter ärztlichem Blick verengten. Einige können schwimmen, weil sie es schon als Kinder gelernt haben, und sie erfreuen sich an der Besonderheit des Meeres, der Bewegung der Wellen und den Kräften der Brandung. Für sie war der Strand schon geboren, als sein Embryo im Abendland noch im Schlick der mythischen Angst schlummerte. Für Küstenbewohner warmer Breiten dürften Meer und Strand immer schon alles gleichzeitig gewesen sein: Arbeitsplatz, an dem tödliche Unfälle nicht selten waren, und Quelle der Freude. Immerhin sind Strände, auch die schönen, in Brasilien immer (mehr oder weniger) öffentlich zugänglich gewesen. Vielleicht waren sie nicht im Wasser, aber ein paar Stunden am Strand konnten für die Armen schon des 18. und 19. Jahrhunderts zu den wenigen erreichbaren, da kostenlosen Vergnügungen gehören – wenn sie denn den Strand als Ort des Vergnügens erkannten.
Dass sich für bürgerliche Brasilianer der Kontakt mit den Wellen zur Lust ausbildete, erschwerten – aber verhinderten keineswegs – der Überfluss beziehungsweise der Mangel zweier anderer Natureinflüsse: Sonne und Süßwasser. Die Frauen pflegten die Blässe, sich zu schminken widersprach dem damaligen Ehrbegriff einer Dame. Da die Sonne der Blässe entgegenwirkte, begegneten sie den Wellen im Ganzkörperschutz. Und ein Meeresbad verlangt eigentlich nach einer Dusche, da sonst das angetrocknete Salz auf der Haut, zumal mit frischem Schweiß vermischt, zu Juck- und anderen Hautreizungen führt. In der Stadt Rio de Janeiro fehlte es aber im Verlauf seiner Geschichte fast immer an Süßwasser. Seine Flüsse waren schnell verseucht und verödet, der Transport von Wasser aus den Bergen mühsam und prekär. Noch bis ins 20. Jahrhundert gehörten zum Straßenbild fahrbare Wassertanks, die ihr Gut nach Litern verkauften.
Rio kennt also um die Jahrhundertmitte bereits mehrere eingerichtete Badeorte. Eine Amtsmitteilung von 1850 empfahl der Bevölkerung dringend wiederholte Meeresbäder zum Schutz vor Epidemien. Einige Jahre lang ankerte im Hafenbecken nahe des von Ausländern bevorzugten Hotel Pharoux eine schwimmende Badeanstalt; in zwei Reihen standen darauf je 16 Individualkabinen, getrennt nach Damen und Herren. »Alle Kabinen haben eine eigene Tür, die rechteckigen Badewannen sind zwei Meter auf 1,20 Meter groß und sehr sauber«, schrieb der Diplomat José Maria da Silva Paranhos 1851 an einen Freund im Ausland.
»Jede Kabine bietet alles, was man zum An- und Entkleiden sowie zum Verschnaufen braucht: Strohstuhl, Fußmatte und Bügel. Das Wasser läuft beständig durch die Gitter an den Längsseiten; Licht und Luft kommen ausreichend hinein durch das Fenster, das auf das Meer hinaus geht. Jede Kabinenreihe verfügt über eine Toilette, die der Damen zusätzlich über ein Kosmetikkabinett.«
Man konnte natürlich auch einfach Badekleidung anlegen und von der Plattform ins Meer springen, auf der sich »Bankreihen befinden, die 300 Personen bequem Platz bieten, auf daß sie die gute Luft atmen, den Blick auf den Hafen genießen und die angenehmen Klänge eines Klaviers vernehmen können«. Solche Einrichtungen wie die Individualkabinen dienten allerdings weniger dazu, die Bequemlichkeit, als vielmehr die guten Sitten zu befördern. »Das Badeschiff steht Personen aller sozialen Schichten offen, solange sie die Regeln von Moral und Anstand beachten«, informierte das Hotel Pharoux seine Gäste.
Und deshalb ist es »Herren verboten, eine Kabine mit einer Dame zu betreten, solange ihre eheliche Verbindung nicht nachgewiesen ist. Das Betreten der Kabine einer Dame ist den Herren generell verboten, ebenso ein längerer Aufenthalt ohne besonderen Grund im Bereich der Kabinen für Damen.«
Damen ohne Herrenbegleitung durften eine Dienerin mitführen, dieser war das Baden aber nicht gestattet. Kidder und Fletcher zufolge bedurfte es allerdings wahren Muts, diese Badeanstalt zu nutzen, zumindest vor der Verbesserung des Abwassersystems der Stadt. Nach und nach entstanden entlang der Strände vom Stadtzentrum bis Botafogo Hotels, die auf Badegäste setzten; Antonio Francioni war 1828 wohl der Erste, der für sein neues Hotel mit dem belebenden Effekt des Meerwassers warb, und wo konnte sein Etablissement anders gelegen sein als am Strand von Caju, den der königliche Kranke für solche Unternehmungen geadelt hatte. Einige Jahrzehnte später hat das Meerbad eine andere Referenz. »Ihr Meeresbad in Luxus und nach heutigem Kenntnisstand ist der Hauptzweck dieses wichtigen Hotels; unser System entspricht dabei dem der Seehotels in den USA, England, Frankreich und der Schweiz«, wirbt das Große Seehotel von Botafogo 1883. Die Parameter der großen Seebäder Europas – medizinische Wissenschaft und Regelhaftigkeit einerseits, soziale Exklusivität, Luxus und Komfort andererseits – sind bindend geworden für das organisierte Salzwasserbad in den Tropen. In dieser Zeit wirbt auch schon ein kleines Hotel in Copacabana mit medizinischen Meeresbädern.
Viele kleinere Strände des 19. Jahrhunderts liegen heute unter Hafenbeton, Geschäftsvierteln oder dem Asphalt der Avenida Beira-Mar, wie der Strand von São Cristóvão oder der Strand von Santa Luzia. Die gleichnamige Kirche stand damals direkt am Strand, vom Portal führte eine Treppe bis ans Wasser, und ausweislich eines Photos sprangen junge Kühne noch 1917 von hohen Holzgerüsten hinein. Santa Luzia war ein Strand für die einfachen Leute und nicht zuletzt deswegen so populär, weil dort, gegen ein paar Groschen, Holzkabinen zur Verfügung standen: anderthalb auf zwei Meter, eine Bank, ein Spiegelchen, aneinandergebaut in langen Reihen. Santa Luzia und Boqueirão – der etwas weiter westlich verlief, wo sich heute der Passeio Público befindet – hatten eingangs des 20. Jahrhunderts zusammen sieben solcher Badehäuser. Sie gehörten Franzosen und Italienern. Madame Dordeau, die 1870 mit 50 Kabinen in Santa Luzia anfing, hatte 1904 mit 400 Kabinen die größte casa de banho. »Die schmalen Korridore so dunkel, daß es Gaslaternen brauchte; überall hing nasse Badekleidung, und es roch beständig und gesund nach Algen, nach Meer«, so der Chronist und Flaneur Paulo Barreto alias João do Rio 1911.
Vor dem großen Ansturm: Copacabana und der Zuckerhut (um 1910), in der Bildmitte der erst in den 1950ern gänzlich abgetragene Inhangá-Felsen
»Es gab einen Moment, da nahm ganz Rio ein Bad im Meer«, beschreibt Barreto die Entwicklung zum Ende des Kaiserreichs. Und zwar vor allem am Boqueirão, einem Strand, der geographisch wie sozial mitten im Leben liegt. Einige Jahrzehnte lang führte dieser Strand die Cariocas zusammen, zu einer gemeinsamen, wenn auch subtil differenzierten und segmentierten Veranstaltung:
»Am Boqueirão, in jenem Winkel der Bucht, machten sich nun die gesellschaftlichen Schichten sichtbar. Die Ärmsten badeten noch im Dunkel, vor vier Uhr, gratis, denn sie zogen sich direkt im Sand um. Ab fünf wurde es voll: bleiche Damen im Mantel, den Korb mit der Kleidung in der Hand, ganze Familien vom Stöpsel bis zur kleinen schwarzen Amme, Herren, die noch nicht im Bette waren, Damen zweifelhafter Lebensführung, die Rheumatiker, die Ausgezehrten. Mit Sonnenaufgang trafen im Gefolge der Invasion der Handelsangestellten die Wohlhabenderen ein: Beamte, Familien mit großem Namen, Titelträger. Einige kamen aus Botafogo mit dem Wagen … Von acht bis neun Uhr die Apotheose, im Meer wie in den Kabinen und im Café. In den Umkleidebereichen herrschte ein geschäftiges Kommen und Gehen, noch Nasse liefen an schon Bekleideten vorbei, Grüße und Gelächter flogen hin und her, Hände wurden geschüttelt, die Herzlichkeit menschlicher Gruppenbildung, die durchaus zu dauerhafter Bindung, zu Liebe und zu emotionaler Verwirrung führen kann. Im Meer konnte man die Gruppen der verschiedenen Umkleidehäuser erkennen; die Gruppen begegneten sich nicht, außer am Sonntag.«
Dieses getrennte Miteinander mitten in der Stadt war ausgangs des Jahrhunderts schon wieder Geschichte. Die Damen der Gesellschaft und die Titelträger mieden den Boqueirão; sie waren an die standesgemäßeren Strände von Flamengo und Copacabana weitergezogen. Übrig blieben die Armen, die etwas zu Lauten und die jungen Ruderer mit ihren starken Muskeln, die sie den Mädchen vorführten, auch den leichten.
So näherte sich die Elite im Verlauf des 19. Jahrhunderts langsam dem Strand an, während das Volk schon längst vergnügt plantschte. Noch vor der großen urbanen Aufräumaktion eines Francisco Pereira Passos, dessen Reformen die Stadt buchstäblich umkrempelten, entwickelte sich der Strand Rio de Janeiros zu einem Praxisraum städtischer Hygiene, die medizinisch wie sozialpsychologisch aufgefasst wurde und daher das »Genau-Fünf-Minuten-Bad« vor Tagesanbruch auf nüchternen Magen, wie es der Arzt verschrieb, ebenso meinte wie das Sichtreibenlassen auf morgensonnenglitzernder Welle. Bürgermeister Pereira Passos erließ 1906 die erste städtische Verordnung für die Bäder der Stadt. Danach musste jedes einen großen und gut belüfteten Raum vorweisen können, für die Ertrunkenen oder fast Ertrunkenen. Ebenso mussten sie über eine gut ausgestattete Apotheke verfügen, einschließlich Mundöffner und Mundsperren, Pinzetten, Spritzen, Verbänden und Klinikhandschuhen. Die Baderegeln des Doktor Debay von 1907 empfahlen dringend, nicht mehr als ein Bad täglich zu nehmen, nach einer Mahlzeit drei bis vier Stunden zu warten, beim Bad ganz einzutauchen, sich dabei zu bewegen und beim ersten Frieren das Wasser zu verlassen. Einen Skandal verursachte die französische Starschauspielerin Sarah Bernhardt 1886 nicht nur, weil sie sich bei ihrem ersten Rio-Aufenthalt zum Meerbad an den entlegenen, wilden und nur beschwerlich zu erreichenden Strand von Copacabana begab. Wie der Tourismushistoriker Marcelo Machado berichtet, verweilte sie außerdem noch Stunden im Badeanzug und schaute einfach hinaus bis zum Horizont. Und sie ging nach sieben Uhr morgens ins Wasser – schlichtweg undenkbar in jener Zeit.
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