Kitabı oku: «Star Trek - The Next Generation: Vorhandenes Licht»

Yazı tipi:

STAR TREK

THE NEXT GENERATION®

VORHANDENES LICHT

DAYTON WARD

Based on

Star Trek

and

Star Trek: The Next Generation

created by Gene Roddenberry

Ins Deutsche übertragen von

Aimée de Bruyn Ouboter



Die deutsche Ausgabe von STAR TREK – THE NEXT GENERATION: VORHANDENES LICHT

wird herausgegeben von Cross Cult, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg.

Herausgeber: Andreas Mergenthaler; Übersetzung: Aimée de Bruyn Ouboter;

verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde; Lektorat: Kerstin Feuersänger;

Korrektorat: André Piotrowski; Cover Artwork: Doug Drexler & Ali Ries, Satz: Rowan Rüster;

Print-Ausgabe gedruckt von CPI Moravia Books s.r.o., CZ-69123 Pohorelice. Printed in the EU.

Titel der Originalausgabe: STAR TREK – THE NEXT GENERATION: AVAILABLE LIGHT

German translation copyright © 2020 by Cross Cult.

Original English language edition copyright © 2019 by CBS Studios Inc. All rights reserved.

TM & © 2020 CBS Studios Inc. STAR TREK and related marks and logos are trademarks of CBS Studios Inc.

All Rights Reserved.

This book is published by arrangement with Pocket Books, a Division of Simon & Schuster, Inc.,

pursuant to an exclusive license from CBS Studios Inc.

Print ISBN 978-3-96658-073-1 (September 2020) · E-Book ISBN 978-3-96658-074-8 (September 2020)

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Für Michi, Addison and Erin – aus den bekannten Gründen

Inhalt

HISTORISCHE ANMERKUNGEN

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 29

KAPITEL 30

KAPITEL 31

KAPITEL 32

KAPITEL 33

KAPITEL 34

KAPITEL 35

KAPITEL 36

DANKSAGUNG

HISTORISCHE ANMERKUNGEN


Diese Geschichte spielt Ende 2386, sieben Jahre nach der Konfrontation der U.S.S. Enterprise-E mit dem romulanischen Praetor Shinzon (STAR TREK – NEMESIS) und einige Wochen nach der Begegnung der Besatzung der Enterprise mit dem Volk der Eizand (STAR TREK – THE NEXT GENERATION »Herz und Verstand«). Die Enthüllungsreportage der Trill-Journalistin Ozla Graniv ist wie eine Bombe eingeschlagen: Graniv berichtet über die Geheimorganisation Sektion 31 und deren zahlreiche Aktivitäten im Verborgenen, einschließlich des Komplotts gegen den Föderationspräsidenten Min Zife im Jahr 2379, das zu seiner Ermordung führte (STAR TREK »Sektion 31 – Kontrolle«). Ihre Reportage hat die Sternenflotte und die Föderation bis in die Grundfesten erschüttert.

KAPITEL 1


William Ross saß erstarrt auf der Terrasse seines Lieblingscafés im Künstlerviertel von New Glasgow, die Teetasse halb erhoben, den Blick auf den Fernsehschirm an der Mauer des Innenhofs geheftet, als ohne Vorwarnung seine dunkelsten Geheimnisse erbarmungslos ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt wurden.

»… enthält eine Flut bisher streng geheimer Informationen über eine Organisation, die ohne Aufsicht oder Rechenschaftspflicht operiert haben soll und offenbar Mitglieder innerhalb und außerhalb der Föderationsregierung hat.«

Die Kamera war auf eine Frau mit dunkler Hautfarbe gerichtet. Sie saß an einem Schreibtisch, auf dem das Emblem des Nachrichtendienstes der Föderation prangte. Ganz offenbar las sie nicht von einem sorgfältig vorbereiteten Skript ab, sondern konsultierte hastig zusammengestellte Notizen: Sie machte immer wieder Pausen, um rasch auf das Padd hinunterzuschauen, das sie vor sich auf dem Schreibtisch liegen hatte.

Ross spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte. Behutsam setzte er die Tasse auf ihrer Untertasse ab. Um ihn herum erstarben die Gespräche, als sich mehr und mehr Cafébesucher dem Fernsehschirm zuwandten und ihre Kuchenteller sowie ihre Begleiter vergaßen.

»Die Organisation ist unter dem Namen Sektion 31 bekannt. Ihre Geheimagenten stehen unter dem Befehl von zivilen Funktionären der Föderation sowie Sternenflottenoffizieren, offizielle Dienstwege werden unterlaufen. Offenbar wurde Sektion 31 vor über zweihundert Jahren gegründet, um die Erde vor internen sowie externen Bedrohungen zu schützen. Später weitete die Gruppierung ihre ›Mission‹ auf die gesamte Föderation aus. Der vorliegende Bericht macht deutlich, dass zu ihren Aktivitäten Aggressionen gegen souveräne Regierungen zählen – ob diese der Föderation nun feindlich gesinnt waren oder nicht. Zudem muss das Vorgehen der Geheimorganisation gegen Bürger der Föderation als zum größten Teil illegal betrachtet werden. Offenbar wurde in den letzten beiden Jahrhunderten jeder einzelne Föderationsbürger von einer hoch entwickelten künstlichen Intelligenz aktiv überwacht, um bestimmte Handlungsmuster und somit Hinweise auf ›Bedrohungen‹ aufzuspüren. Personen, die auf Grundlage dieser Informationen als Gefahr für die Interessen der Föderation oder der Sternenflotte eingestuft wurden, wurden von Geheimagenten der Organisation ermordet. Sektion 31 erkennt weder die Autorität der Föderationsregierung noch der Sternenflottenführung an.«

Unwillkürlich verengte Ross die Augen zu Schlitzen und biss die Zähne zusammen. Er zwang sich, ruhig sitzen zu bleiben. Die Nachrichtensprecherin stockte erneut: Ihr war anzusehen, dass sie die Informationen selbst noch verarbeitete. Wie jedem guten Journalisten in solch einer Lage schossen ihr vermutlich tausend Fragen durch den Kopf, sie musste jedoch für ihre Zuschauer Haltung bewahren.

Da hast du’s. Das ist der Anfang vom Ende.

Die leise innere Stimme verhöhnte ihn. Es stimmte: Er hätte wissen müssen, dass der Frieden, den er hier gefunden hatte, nur von kurzer Dauer sein konnte. Beinahe sein ganzes Leben hatte er in den Dienst von anderen gestellt. Nur seiner Familie wegen hatte er letztendlich entschieden, diesen Schritt zu gehen. Doch nun würde er mit Entscheidungen konfrontiert werden, die er in bester Absicht getroffen hatte, stets das Gemeinwohl im Blick, auch wenn ihre Folgen schwer auf seiner Seele gelastet hatten. Alte Schulden, dachte er bitter. Alte Schulden, die doch noch eingetrieben werden.

Dir war doch klar, dass es früher oder später so weit sein würde. Gib’s zu: Du hast bloß gehofft, dass du den Löffel abgibst, ehe die Rechnung fällig wird!

Eine Weile lang hatte es so ausgesehen, als würde diese Strategie aufgehen. Nachdem Präsidentin Nanietta Bacco erfahren hatte, dass Ross in die gewaltsame Amtsenthebung Min Zifes verwickelt gewesen war, hatte sie seinen Rücktritt gefordert. Zu seiner eigenen Überraschung hatte er seinen Ruhestand genossen: Die unerwartete Freiheit und das entspannte Leben mit seiner Frau Stefana hier auf Caldos II hatten ihm gefallen. Auch mit seinem Sohn Zachary hatte er mehr Zeit verbringen können. Zachary war Student an der Columbia University auf der Erde, kam jedoch über die Semesterferien und an Feiertagen zu Besuch. Dann verbrachten Vater und Sohn jeden Morgen zusammen auf dem Tennisplatz hinter dem Haus. Trotz des Altersunterschieds, der (daran erinnerte Zach ihn gern) beinahe vierzig Jahre betrug, konnte Ross sich immer noch gegen seinen Sohn behaupten.

Mit Caldos II hatten sie eine glückliche Wahl getroffen: Als die Borg vor fünf Jahren noch einmal in den Föderationsraum eingedrungen waren, waren Ross und seiner Familie die katastrophalen Auswirkungen weitgehend erspart geblieben. Die einzige Kriegsfolge, die sie hautnah miterlebt hatten, war die Umsiedlung von Überlebenden gewesen, die ihren Heimatplaneten verloren hatten. Viele Bewohner von Caldos II hatten befürchtet, der Flüchtlingsstrom könnte eine unzumutbare Belastung sein, aber die Sternenflotte und die Föderation hatten ganze Arbeit geleistet und durch ihre Unterstützung dafür gesorgt, dass keine Probleme entstanden. Überall auf dem Planeten waren neue Dörfer und Gemeinden erbaut worden, die seit Beginn der Post-Borg-Ära wuchsen und gediehen. Es hatte nicht lange gedauert, bis das Leben auf Caldos II zur Normalität zurückgekehrt war.

Und jetzt? Jetzt würde dieses beschauliche Dasein, das er nach so langer Zeit im Dienst der Sternenflotte endlich für sich entdeckt hatte, ein Ende haben. Konnte er irgendetwas dagegen unternehmen? Ross erwog verschiedene Möglichkeiten, verwarf aber eine nach der anderen. Er hatte gehofft, auf Caldos II in Vergessenheit zu geraten. Der Planet war eine Koloniewelt gewesen, ehe er als vollwertiges Mitglied in die Föderation aufgenommen worden war. Noch immer war er ein Rückzugsort für all jene, die den politischen Machenschaften des 24. Jahrhunderts entfliehen wollten. Er profitierte von regelmäßigen Sicherheitspatrouillen und ziviler Handelsschifffahrt, war aber gerade abgelegen genug, um der Sternenflotte keinen Grund zu geben, einen dauerhaften Stützpunkt zu errichten. Wenn es Ross hier nicht gelingen würde, im Halbdunkel der Geschichte zu verschwinden – was blieb ihm dann noch übrig?

Gar nichts.

Wenn die Berichterstattung auf Tatsachen beruhte – und dass sie auf Tatsachen beruhte, war ihm klar –, konnte er sich nirgendwo verstecken. Man würde ihn aufspüren, so wie alle anderen auch.

Die Nachrichtensprecherin schaute wieder auf ihr Padd hinunter und räusperte sich. Als sie den Blick hob, las Ross eine wilde Entschlossenheit in ihren Augen.

»Mir liegt eine Liste von Personen vor, die in der Vergangenheit mit Sektion 31 zusammengearbeitet haben oder sogar noch zusammenarbeiten. Diese Liste ist … Es ist verstörend, die Namen darauf zu lesen. Bekannte Namen … Namen von Personen, die wir als Helden ansehen, als Bewahrer unserer Ideale. Wenn auch nur ein Bruchteil von dem veröffentlichten Material der Wahrheit entspricht, reden wir hier von einer in ihrem Ausmaß erschütternden Verletzung grundlegender Bürgerrechte sowie der Privatsphäre … Und die Schuldigen sind ausgerechnet diejenigen, die wir damit beauftragt haben, die Werte unserer Gesellschaft zu schützen!«

Die Aufregung würde sich legen. Gerichtsprozesse würden geführt und entschieden werden; die Verurteilten – und das schloss ihn ein – würde man nach Auckland in Neuseeland oder in eine andere Strafkolonie schicken. Und wenn es so weit war, würde sich kaum noch jemand daran erinnern, was er und zahllose andere im Lauf der Zeit an Gutem bewirkt hatten. Ehe die Föderation gegründet worden war – ja, ehe auch nur die ersten Erdraumschiffe die Grenzen des eigenen Sonnensystems überwunden hatten –, hatten Ross’ Vorgänger im Geheimen ihr ganzes Streben darauf gerichtet, die Menschheit davor zu bewahren, Opfer ihres eigenen blinden Idealismus und ihrer Naivität zu werden.

Und manchmal mussten zu diesem Zweck eben moralisch zweifelhafte Maßnahmen ergriffen werden. Ross war nicht immer darüber in Kenntnis gesetzt worden, warum bestimmte Ereignisse in Gang gesetzt worden waren, und anfänglich hatten ihn heftige Zweifel geplagt. Konnte man eine Organisation straffrei operieren lassen, die ebenjene Grundwerte mit Füßen zu treten schien, zu deren Schutz sie abgestellt war? Trotz seiner militärischen Ausbildung, seines Geschicks als Stratege und seiner Tendenz, die meisten Situationen schwarz-weiß zu malen (so war es leichter, sie in den Griff zu bekommen), hatte er sich nicht sofort mit den Methoden von Sektion 31 anfreunden können.

Aber nachdem er jahrzehntelang für die Geheimorganisation gearbeitet hatte – auch und gerade während des Dominion-Krieges –, war ihm klar geworden, welchen ungeheuren Nutzen eine solche Institution haben konnte. War Sektion 31 der Korruption fähig? Natürlich. Jedes Individuum, das unbeaufsichtigt und ohne Rechenschaftspflicht agierte, lief Gefahr, irgendwann dunkleren Regungen nachzugeben. Im übertragenen Sinne galt dasselbe für Gruppierungen. Sektion 31 hatte unleugbar immer wieder gegen die Gesetze der Föderation verstoßen, dabei jedoch auch viel erreicht.

Dank der beharrlichen Bemühungen Ozla Granivs würde nun die Öffentlichkeit darüber urteilen. Ross hatte die Karriere der Journalistin verfolgt und wusste, dass sie schon lange darauf hingearbeitet hatte, Sektion 31 bloßzustellen. Ihretwegen würde sich das Wissen um die guten sowie um die abscheulichen Taten der Geheimorganisation im ganzen bekannten Universum verbreiten. Erfolge, die einst still und heimlich gefeiert worden waren, würden nun den Bürgern der Föderation bekannt gemacht werden. Vielleicht würden sie sogar dankbar sein, wenn sie erfuhren, wie oft sie nichts ahnend um Haaresbreite der Auslöschung entgangen waren …

Natürlich würden sie auch erfahren, welche Maßnahmen ergriffen worden waren, um ihre Lebensweise zu beschützen. Würden die Ergebnisse dann noch eine Rolle spielen? Ross glaubte nicht daran. Er verstand die Leute sogar: Für die meisten war die Verteidigung ihrer Freiheit und Sicherheit nur ein abstraktes Konzept. Dass reale Situationen sich selten so ordentlich und geregelt darstellten wie ein gedankliches Konstrukt und manchmal den Einsatz zweifelhafter Mittel erforderten, konnten sie nicht ertragen, daher blendeten sie es lieber aus und nahmen die Errungenschaften der Gesellschaft, in der sie lebten, einfach als gegeben hin.

Und deshalb würde gar nichts bleiben. Wenn die naive, undankbare Öffentlichkeit mit Sektion 31 und dem Kampf der Geheimorganisation für sie, für die Gesellschaft fertig war, würde sich niemand an die errungenen Erfolge erinnern. Das Vermächtnis von Sektion 31 würde in den Schmutz getreten werden.

»William Ross!«

Ross erschrak, ließ sich aber nichts anmerken und wandte nur den Kopf. Zwei Personen traten auf die Terrasse heraus, die die graue Uniform des Sicherheitsdienstes der Föderation trugen. Die Frau, die seinen Namen gerufen hatte, ließ ihn nicht aus den Augen. Sie schlängelte sich zwischen den besetzten Tischen hindurch, eine Hand auf dem Phaser, der in ihrem Hüftholster steckte. Ihr Partner, ein dunkelhäutiger Mann, kam ebenfalls auf ihn zu. Allerdings war er zur Seite ausgeschert, um sich zwischen Ross’ Tisch und dem Tor zu positionieren, das auf die angrenzende Straße hinausführte.

Ross warf einen raschen Blick über die linke Schulter. Er wusste, dass es ein zweites Tor gab: Von dort aus führte ein Spazierpfad zu einem nahen Park. Zwei weitere Agenten in grauer Uniform flankierten dieses Tor, ein Mensch und eine Vulkanierin.

So komme ich hier nicht raus.

Ihm blieb noch eine letzte Option. Ross schob eine Hand in seine Jacke und tippte den Kommunikator an, den er an sein Innenfutter gepinnt hatte. Es war kein Gerät der Sternenflotte und bot ein paar Funktionen mehr als der Kommunikator, den er einst an seiner eigenen Uniform getragen hatte. Er klopfte mit den Fingerspitzen zweimal dagegen, um das Notfallevakuierungsprogramm zu aktivieren. Es würde ihn zu einem Versteck transportieren: eine kleine Hütte in den Bergen, zweihundert Meilen nördlich von New Glasgow. Seine Flucht war im besten Fall ein Aufschub, aber so würde er wenigstens Zeit haben, seine nächsten Schritte zu planen. Vor allem musste er entscheiden, was er wegen Stefana und Zach unternehmen sollte …

Er hatte erwartet, in die überraschten Gesichter der Sicherheitsagenten zu blicken, während er sich vor ihren Augen auflöste, doch es geschah – nichts.

Was in drei Teufels Namen … Natürlich, eine Transporterabschirmung! Sie haben damit gerechnet, dass ich so etwas versuche. Verflucht!

Hilflos saß Ross auf der Terrasse seines Lieblingscafés und sah der Frau in der grauen Uniform entgegen, die ihren Phaser nun auf seine Brust gerichtet hielt.

»Nehmen Sie sofort die Hand aus der Jacke, Sir!«

Ross streckte der Agentin schweigend beide Hände entgegen, die Handflächen nach oben gekehrt, um ihr zu zeigen, dass sie leer waren.

Die Frau winkte mit dem Phaser. »Bitte stehen Sie auf.«

Ross erhob sich. Der männliche Sicherheitsoffizier trat hinzu und legte ihm Handschellen an. Ross wehrte sich nicht.

»Admiral William Ross«, sagte die Frau und ließ ihren Phaser sinken. »Wir verhaften Sie wegen Verbrechen gegen die Föderation – einschließlich Verrats, Mordes, Verabredung zum Mord, Volksverhetzung und Verabredung zur Durchführung eines Staatsstreichs gegen rechtmäßig gewählte Amtsinhaber der Regierung der Föderation.«

KAPITEL 2


Alynna Nechayev justierte ihren Phaser, ohne die Aufmerksamkeit von dem Computerterminal zu wenden, auf dem sie live verfolgte, wie dunkel gekleidete Agenten der Föderationssicherheit im Schutz der Nacht auf ihr Haus zuschlichen. Sie hatten ihr Anwesen umzingelt; mit jedem ihrer Schritte zog sich die Schlinge enger zusammen. Es würde nicht mehr lange dauern, dann würden sie ihre Veranda betreten. Nechayev warf einen raschen Blick auf den Phaser, um sich davon zu überzeugen, dass er auf Betäubung eingestellt war, öffnete die oberste Schublade ihres Schreibtisches und griff nach dem Kommunikatorabzeichen, das darin lag.

Entscheide dich, ermahnte sie sich selbst. Egal was du tust, es wird höchste Zeit, dass du in die Gänge kommst!

An der Stirnseite ihres Wohnzimmers hing ein Fernsehschirm, der Fotografien jener Föderationsbeamten und führenden Sternenflottenoffiziere zeigte, die Ozla Graniv in ihrer unglückseligen Enthüllungsreportage mit Sektion 31 in Verbindung gebracht hatte. Nechayev hatte bereits Bilder von Freunden und Kollegen gesehen: William Ross, Tsujiro Nakamura, sogar den verstorbenen Owen Paris. Einspielungen vom Filmmaterial eines Nachrichtenteams sowie von Privataufnahmen dokumentierten die Verhaftung eines Admirals, Edward Jellico, durch den Föderationssicherheitsdienst.

Im ganzen Föderationsraum wurden Mitglieder und Verbündete von Sektion 31 gejagt und festgenommen. Die Ereignisse überstürzten sich, und die Nachrichtensprecher kamen kaum hinterher. Offenbar waren sowohl die Föderation als auch die Sternenflotte eifrig bemüht, die Situation in den Griff zu bekommen und all diejenigen in Haft zu nehmen, die in den Skandal verwickelt waren, bevor sie sich aus dem Staub machen konnten. Zwar war Nechayev bei Weitem nicht so tief in die Machenschaften von Sektion 31 verstrickt wie einige ihrer Sternenflottenkollegen, aber ihr war klar, dass jeder, der mit der Geheimorganisation zusammengearbeitet hatte, Gegenstand der Ermittlungen sein würde. Ungeachtet ihrer Motive und Rechtfertigungen, würde selbst der wohlwollendste Richter ihre Mittäterschaft als Hochverrat ansehen – ob in einem Zivil- oder Militärprozess. Die Sicherheitsagenten, die ihr Haus umzingelt hatten, machten das mehr als deutlich.

Nechayev hatte nicht vor, sich auf ihrem eigenen Grund und Boden verhaften zu lassen.

Sie brauchte bloß die passiven Scanner auf ihrem Grundstück zu kontrollieren, um festzustellen, dass ihre unwillkommenen Besucher eine Transporterabschirmung aktiviert hatten: offenbar ein tragbares Modell, das die Sicherheitsagenten ungefähr zwanzig Meter von ihrem Haus entfernt aufgebaut hatten.

Niemand hätte von diesem Ort wissen dürfen. Nechayevs Haus stand verborgen in einem Wäldchen in den Adirondacks, einem Gebirge im nordöstlichen Teil des Bundestaates New York, und war einer von zwei geheimen Unterschlüpfen, die Nechayev sich vor Jahren zugelegt hatte. Kaum dass sie die ersten Minuten der Berichterstattung über die Enthüllungsreportage Granivs gesehen hatte, hatte sie sich hierher transportiert. In ihrem Apartment in San Francisco gab es in einem Wandschrank einen abgeschirmten Transporter, der keine Logdatei führte – niemand konnte von dort aus ihre Spur verfolgen. Dass es die Sicherheitskräfte der Föderation so wenig Zeit gekostet hatte, sie hier zu finden, sagte ihr, wie viel im Zuge der Enthüllungsreportage über sie herausgekommen war.

Aber was genau wissen sie noch?

Rasch gab sie über das Touch-Interface des Computerterminals eine Folge von Befehlen ein: Auf dem Gelände waren Emitter verteilt, die einen Dämpfungsimpuls erzeugen konnten. Das war kein tödlicher oder auch nur gefährlicher Angriff gegen die Eindringlinge, der Impuls legte lediglich kurzzeitig alle elektronischen Geräte im Radius eines halben Kilometers still, abgesehen natürlich von denen in ihrem Haus. Auf dem Bildschirm sah sie verschiedene Agenten innehalten: Sie untersuchten ihre Waffen, ihre Trikorder und ihre übrige Ausrüstung. Der Dämpfungsimpuls hatte ganze Arbeit geleistet, was auch die Anzeigen bestätigten: Die Transporterabschirmung war außer Betrieb. Sie würde nur wenige Augenblicke lang Zeit haben, bevor die Agenten entweder ein Ersatzgerät aktivierten oder alle Vorsicht über Bord warfen und das Haus stürmten.

Höchste Zeit, hier zu verschwinden.

Sie warf sich eine Tasche über die Schulter, die sie für solche Notfälle gepackt hatte (sie enthielt ein paar Kleidungsstücke und verschiedene Gegenstände sowohl von persönlichem Wert als auch praktischem Nutzen), den Phaser noch in der Hand. Dann tippte sie ihren Kommunikator in einer vorher festgelegten Sequenz mehrmals an. Das Gerät gab einen beruhigenden Piepton von sich. Im nächsten Moment spürte Nechayev das vertraute Kribbeln auf der Haut, als der Transporterstrahl sie einhüllte.

In Sekundenschnelle lösten sich ihr gemütliches, warmes Wohnzimmer, der Wald und die Berge vor ihren Augen auf. Sie fand sich vor einer Wand aus durchsichtigem Aluminium wieder – ein Aussichtspunkt, von dem aus sie eine Veranda überblickte, einen blendend weißen Sandstrand und den wunderschönen tiefblauen Pazifischen Ozean. Die letzten Strahlen der Abendsonne tauchten die Häuser an der mexikanischen Küste San Juanicos in ein warmes Licht. Die Dämmerung war nah. Nur zu gern hätte Nechayev den Anblick genossen – an diesem Ort stieg immer ein Gefühl heiterer Gelassenheit in ihr auf –, aber sie hatte keine Zeit. Ihr abgeschirmtes Transportersystem half ihr nichts, wenn der Sicherheitsdienst der Föderation auch von diesem Versteck wusste. Sie würden in Kürze Agenten hierher entsenden – gesetzt den Fall, sie waren nicht bereits unterwegs.

Sie war noch nicht einmal in ihrem Arbeitszimmer angelangt, als ein Alarm in ihrer Eigentumswohnung erklang. Wie in ihrem Haus in den Adirondacks hatte sie hier ein Sensorsystem installieren lassen, das das Gebäude und den umgebenden Strand überwachte. Es verbarg außerdem ihre Lebenszeichen. Niemand konnte von draußen ermitteln, wo im Gebäude sie sich befand. Solange sie drinnen blieb, war sie für Trikorder und andere Scanner unsichtbar.

Nechayev beschleunigte ihre Schritte. Weder stellte sie ihre Tasche ab noch legte sie den Phaser aus der Hand, als sie ihren Schreibtisch erreichte. Auch hier stand ein Computerterminal bereit. Sie drehte es zu sich herum.

Scheiße!

Zwölf Agenten der Föderationssicherheit hatten das Gebäude umringt. Nur ein Fluchtweg blieb offen: über den Strand, auf das Meer zu. Natürlich brauchten sie dort niemanden zu stationieren: Selbst wenn sie es schaffen sollte, das Apartmenthaus unbemerkt zu verlassen, konnte sie nicht fünfzig Meter weit über den Strand zum Anlegesteg laufen, ohne dass die Agenten sie sahen.

Damit blieb auf ihrer sowieso schon beunruhigend kurzen Liste aller Optionen nur eine einzige übrig.

Ihre mexikanische Eigentumswohnung war mit ein paar Besonderheiten ausgestattet, die ihr jetzt zugutekommen würden. Sie berührte das Interface, um ein Menü aufzurufen, dann steuerte sie das Dämpfungssystem an, das elektromagnetische Emissionen unterdrückte und ihr bereits im Gebirge so gute Dienste geleistet hatte.

Im selben Augenblick ging das Computerterminal aus. Im gesamten Gebäude erloschen die Lichter.

Scheiße!

Sie hatten die Stromversorgung gekappt. Nechayev verschwendete keine Zeit damit, sich zu fragen, wie die Agenten das bewerkstelligt haben mochten. Sie ließ ihre Tasche auf den Schreibtisch fallen, öffnete sie und holte den zweiten Phaser heraus. Mit der Geläufigkeit einer geübten Schützin stellte sie auch diese Waffe auf Betäubung. Selbst jetzt, im Bewusstsein dessen, was ihr bevorstand, gab es noch Grenzen, die sie nicht überschreiten würde. Dazu gehörte ihre felsenfeste Entschlossenheit, unter keinen Umständen das Leben von Sicherheitskräften der Föderation zu gefährden, die nur ihre Pflicht erfüllten.

Ein wunderbarer Augenblick, um plötzlich ein Gewissen zu entwickeln.

Sie warf sich die Tasche wieder über die Schulter und ging vor dem Bücherregal hinter ihrem Schreibtisch in die Hocke. Das unterste Fach wurde von einer Tür verschlossen, hinter der sich ein gedrungener metallischer Behälter verbarg. In die Oberseite war ein kleines Tastenfeld eingelassen. Nechayev gab eine Kombination ein und drückte dann auf »Bestätigen«. Ein rotes Licht begann zu blinken, und eine digitale Anzeige erschien: Dreißig Sekunden. Neunundzwanzig. Achtundzwanzig.

Okay, jetzt wird’s wirklich Zeit!

Durch die offene Tür ihres Arbeitszimmers konnte Nechayev die durchsichtige Wand sehen. Ein Schatten fiel ihr ins Auge. Im nächsten Moment kam eine Gestalt in Sicht, die sich geduckt über die Veranda bewegte. Nechayev glaubte nicht, dass der Agent sie schon gesehen hatte – aber ohne Stromversorgung funktionierte die Tarntechnologie nicht. Scanner konnten sie wieder erfassen: Die Agenten wussten, dass sie in der Wohnung war. Wahrscheinlich bezogen die anderen just in diesem Moment Position vor den anderen Eingängen des Apartmentgebäudes. Ein Blick auf den Bildschirm ihres Computerterminals bestätigte diese Vermutung: Vor jeder der vier Türen standen nun zwei Sicherheitsleute. Die übrigen vier hatten straßenseitig in einiger Entfernung Posten bezogen, wohl um ihren Kollegen im Notfall Feuerschutz zu geben.

Sie musste hier raus. Was sie sich damit auch eingebrockt haben mochte, Nechayev konnte von ihrem überstürzten Plan nicht mehr abweichen.

Stumm zählte sie die Sekunden herunter, während sie den Phaser in ihrer rechten Hand auf eine höhere Stärke einstellte, auf die Wand zielte und abdrückte. Der Energiestrahl durchschlug das transparente Aluminium und schuf ein Loch mit einem Durchmesser von etwa einem Meter. Der Mann draußen trat rasch einen Schritt zurück, aber Nechayev war schneller: Der Betäubungsschuss aus ihrem zweiten Phaser traf den Agenten in die Brust und schleuderte ihn rückwärts über den niedrigen Holzzaun der Veranda. Er verlor das Bewusstsein, noch ehe er auf dem Boden aufschlug.

Irgendwo im Haus wurden Türen aufgebrochen, und Nechayev konnte Stimmen in angrenzenden Räumen und Fluren hören. Dann rief jemand eine Warnung, die in der Dunkelheit widerhallte.

»Im Haus befindet sich ein Sprengsatz! Rückzug!«

Nechayev kümmerte sich nicht weiter um den Aufruhr. Sie rannte durch ihr Arbeitszimmer und auf die Verandatür zu. Draußen bewegte sich etwas, und sie schoss, ohne richtig zu zielen. Offenbar hatte sie dennoch getroffen: Eine Frau in einer eng anliegenden schwarzen Uniform fiel auf die Liege, die auf der Veranda stand. Bei Tag (und wenn einen nicht gerade ein Phaserstrahl ausgeknockt hatte) konnte man von dort aus den Pfad überblicken, der zum Strand führte. Nechayev gab noch einen Warnschuss ab, um auf Nummer sicher zu gehen, dann lief sie auf die Veranda hinaus und stellte den anderen Phaser mit dem Daumen wieder auf Betäubung.

Sie hörte Rufe aus verschiedenen Richtungen – im Haus und davor –, versuchte aber nicht, den Agenten auszuweichen, sondern wählte eine Durchbruchstelle. Obwohl sie Trikorder dabeihatten, schienen die beiden Agenten auf der nördlichen Seite des Hauses, ein Mann und eine Frau, überrascht zu sein, dass ihre Beute plötzlich in die Offensive ging. Nechayev traf mit beiden Phasern, und die Agenten landeten im Gras. Es wurde jetzt rasch dunkler, aber Nechayev sah mehrere Gestalten, die sich hastig zurückzogen und zwischen ein paar Bäumen Schutz suchten. Der Weg zum Wasser war frei, und sie zog sich dorthin zurück, die Phaser im Anschlag. Sie konnte den Anlegesteg mit einem Sprint erreichen, auch wenn sie langsam ein bisschen alt für so etwas wurde. Wenn sie es zu dem Boot schaffte, das am Steg vertäut lag …

Dann kam der Countdown in ihrem Kopf bei null an.

Nechayev zuckte nicht mit der Wimper, als sie die gedämpfte Explosion aus ihrer Wohnung hörte. Die Sprengladung in ihrem Bücherregal war nicht dazu bestimmt, das ganze Gebäude in die Luft zu jagen, geschweige denn jemanden in der näheren Umgebung zu verletzen. Sie sollte lediglich ihr Büro zerstören. Die Wände ihres Arbeitszimmers waren stabil genug, um der Explosion und dem Feuer standzuhalten. Nicht einmal die Sicherheitskräfte, die sie bereits außer Gefecht gesetzt hatte, waren verletzt worden – aber alles, was möglicherweise für eine Strafverfolgung von Nutzen gewesen wäre, würde vernichtet werden.

Die Stimmen der Agenten in der Dunkelheit klangen nicht mehr so aufgeregt wie vor der Explosion. Sicher holte der Leiter des Teams erst einmal Rückmeldungen ein. Das Chaos würde Nechayev ein paar Sekunden Zeit geben: Sie musste sie nutzen.

Das Boot! Jetzt oder nie!

»Halt!«, rief jemand hinter ihr. »Bleiben Sie sofort stehen!«

Nechayev drehte sich in der Hüfte und feuerte. Dann rannte sie über den gepflasterten Pfad, der vom Haus zum Strand hinunterführte. Hier gab es keine Beleuchtung, aber natürlich konnten die Trikorder ihrer Verfolger sie weiterhin orten. Sie konnte sich nirgendwo mehr verstecken – ihre Flucht war nun auf einen simplen Wettlauf reduziert.

Es war ein Wettlauf, den sie nicht gewinnen konnte.

Das wurde ihr klar, als ein Phaserstrahl ihre linke Schulter traf. Sie verlor nicht das Bewusstsein, stolperte jedoch und brach in die Knie. Taubheit breitete sich in ihrem Arm aus und erreichte ihre Hand. Der Phaser entglitt ihren Fingern. Schwindel und Orientierungslosigkeit überkamen sie. Sie stützte sich schwer auf die rechte Faust, in der sie immer noch den zweiten Phaser hielt, und wandte sich mühsam zu ihren Verfolgern um. Drei Agenten der Föderationssicherheit kamen auf sie zugejoggt. Nechayev, noch immer auf den Knien, hielt schwankend das Gleichgewicht und hob den Phaser.

»Lassen Sie das!«, befahl der Agent, der das Trio anzuführen schien, ein Mann oder männlicher Humanoider in schwarzer Uniform. Er hielt seinen eigenen Phaser auf ihr Gesicht gerichtet.

»Admiral Alynna Nechayev«, sagte eine schlanke Andorianerin. »Bitte ergeben Sie sich. Sie sind verhaftet …«

Sie spulte eine Reihe von Anklagepunkten herunter, aber Nechayev hörte ihr gar nicht zu. In ihren Ohren rauschte es. Sie konnte sich gut vorstellen, was man ihr vorwarf.

»Lassen Sie die Waffe fallen und geben Sie Ihre Gegenwehr auf, oder wir sind gezwungen, härtere Maßnahmen zu ergreifen!«

Dummköpfe!

Glaubten diese Agenten wirklich, dass die Bekanntgabe von ein paar Informationen eine Geheimgesellschaft aufhalten konnte, die so allgegenwärtig, ungreifbar und autonom war wie Sektion 31? Die länger existierte als die Föderation selbst, der nie eine andere Organisation ebenbürtig gewesen war? Dachten sie, dass die Behörde keine Bedrohung mehr darstellte, nur weil sie jetzt der Öffentlichkeit bekannt war? Die Situation entwickelte sich noch, und Nechayev konnte nicht beurteilen, was auf höchster Befehlsebene entschieden werden würde, um die Fortführung der Mission von Sektion 31 zu garantieren und möglicherweise die wichtigsten Befehlshaber abzuschirmen.

Eine Sache war ihr jedoch vollkommen klar: Der Sicherheitsdienst der Föderation konnte sie inhaftieren, nicht aber beschützen. Der Einfluss von Sektion 31 war enorm und reichte tief ins innerste Gefüge der Sternenflotte und der Föderationsregierung hinein. Wenn man entschied, sie umzubringen, würde es keinen Ausweg für sie geben und niemanden, der ihr helfen konnte. Sie konnte nur eins tun: durch Schweigen ihre Loyalität beweisen. Das war ihre einzige Chance.

Sie hob ihre Waffe.

Drei gleißend helle Phaserstrahlen leuchteten gleichzeitig auf und spülten die Welt davon.

KAPITEL 3


Admiral Leonard James Akaar hatte Mühe, nicht die Selbstbeherrschung zu verlieren. Zorn, Unglauben und Enttäuschung tobten in ihm, und wie ein reißender Strom, der sich durch Risse in einer Talsperre drängte, drohten seine Gefühle aus ihm hervorzubrechen.

Reiß dich zusammen, Admiral!

Akaar saß in seinem Büro im Hauptquartier der Sternenflotte und studierte Jean-Luc Picards Gesicht, das auf dem Bildschirm seines Computers zu sehen war. Zu Beginn der letzten Mission der U.S.S. Enterprise war es zu Unstimmigkeiten zwischen dem Captain und ihm gekommen, aber Picards Selbstdisziplin, für die er in Sternenflottenkreisen bekannt war, hatte wieder die Oberhand gewonnen: Er schilderte die Geschehnisse auf Sralanya gewohnt sachlich und wartete schweigend auf Nachfragen. Seine Miene blieb unbewegt. Es kam Akaar so vor, als widerstrebte es Picard, wieder auf das Thema zurückzukommen, das beide Männer zuvor in Rage versetzt hatte.

Er hat keine Ahnung von der Bombe, die ich gleich platzen lassen werde.

Er lehnte sich dem Bildschirm entgegen. »Erzählen Sie mir von Min Zife, Captain«, sagte er.

Da veränderte sich Picards Gesichtsausdruck doch: Sein Schrecken war ihm deutlich anzusehen. Zwar hatte er sich bewundernswert schnell wieder unter Kontrolle, aber der Schaden war angerichtet: Er hatte sich verraten.

»Was soll ich Ihnen denn erzählen?«, fragte Picard vorsichtig.

Akaar faltete die Hände vor sich auf dem Schreibtisch. Er hatte Picards volle Aufmerksamkeit. Gut. »Oh, ich weiß nicht, Captain. Soll ich anfangen?«, fragte er. »Sein Rücktritt zum Wohle der Föderation, sein stiller Gang ins Exil – das ist lediglich die Geschichte, die man der Öffentlichkeit verkauft hat. Die Wahrheit ist, dass er gezwungen wurde, sein Amt niederzulegen, ohne dass ein Amtsenthebungsverfahren oder eine offizielle Untersuchung seiner Taten in die Wege geleitet wurde. Und ja, seine Taten waren abscheulich. Sie kosteten Millionen von Leben. Präsident Zife hätte angeklagt und vor Gericht gestellt gehört, um sich dafür zu verantworten. Aber das wurde ihm erspart, Captain, nicht wahr?«

Picard schwieg, aber sein gequälter Blick war nach innen gerichtet, als würden vor seinem geistigen Auge lange verdrängte Erinnerungen aufsteigen. Akaar musste einräumen, dass Picard wohl wenig anderes übrig geblieben war. In den Jahren nach Min Zifes erzwungener Amtsniederlegung hatten Picard und seine Besatzung viel durchzustehen gehabt. Er hatte sich keine Ablenkungen erlauben können.

Das Ausmaß der Enthüllungen Ozla Granivs war dermaßen gewaltig, dass Akaar noch damit beschäftigt war, die Informationen zu sichten. Natürlich hatte er schon früher von Sektion 31 gehört, aber die geisterhafte Ungreifbarkeit des Geheimbundes hatte ihn ratlos gemacht. Und damit war er nicht allein gewesen: Alle, die versucht hatten, die Verbrechen der Organisation aufzudecken, waren gescheitert. Graniv hatte sie alle ausgestochen. Um Sektion 31 zu demaskieren, hatten sie und zwei Agenten des Geheimdienstes der Sternenflotte, Julian Bashir und Sarina Douglas, sich in große Gefahr gebracht – Douglas hatte für dieses Ziel sogar ihr Leben gegeben.

Das Komplott gegen Präsident Min Zife zählte ohne Frage zu den abscheulicheren Taten der Organisation. Zwar verstand Akaar rückblickend die Gründe dafür, die Herangehensweise aber konnte er nicht billigen. Zife hatte während des Dominion-Krieges ein geheimes Abkommen mit der Regierung des Planeten Tezwa getroffen, einer unabhängigen Welt an der Grenze zum Klingonischen Reich. Tatsächlich verfolgte Zife mit seinem Plan, Verteidigungsgeschütze auf Tezwa zu stationieren, sogar gute Absichten: Tezwa wurde so zum Teil der Defensivstrategie für den Fall, dass die Schiffe der Sternenflotte gezwungen worden wären, vor den Angriffen des Dominion zurückzuweichen. Das Problem daran war, dass er damit gegen das Khitomer-Abkommen verstieß, den Friedensvertrag zwischen der Föderation und dem Klingonischen Reich. Wäre seine Entscheidung publik geworden, hätten die Klingonen der Föderation wahrscheinlich den Krieg erklärt.

Vielleicht wäre der ehemalige Föderationspräsident sogar mit seinem geheimen Plan davongekommen, wenn die Geschütze nicht schließlich gegen klingonische Schiffe eingesetzt worden wären. Zife hatte versucht zu vertuschen, was er getan hatte, aber dem langen Arm und eisernen Griff von Sektion 31 war er nicht entronnen.

»Nachdem Sie von Zifes Verbrechen erfahren hatten, war Ihnen klar, dass eine öffentliche Anklage die Klingonen provozieren würde, Vergeltungsmaßnahmen gegen die Föderation zu ergreifen«, fuhr Akaar fort. »Also haben Sie und ein paar andere Offiziere beschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.«

»Widerstrebend, aber … Ja.« Obwohl Picard sich sichtlich unwohl fühlte, senkte er keinen Moment lang den Blick. Das hatte Akaar auch nicht erwartet. Allerdings veränderte sich Picards Tonfall: Er wurde förmlicher, zurückhaltender. »Damals schien es so, als sei es das Beste für die Föderation, Präsident Zife zum Rücktritt zu zwingen und ihm zu gestatten, sein Leben im Exil zu beschließen.«

»Sie haben einen Staatsstreich inszeniert, Picard!«, fuhr Akaar ihn an. »Sie haben ihn mit vorgehaltenem Phaser aus dem Amt gedrängt.« Beinahe gegen seinen Willen brachen die Worte aus ihm hervor; seit die nicht enden wollende Flut furchtbarer Nachrichten ihm über den Kopf gestiegen war, kämpfte er mit seinen Gefühlen. »Ihre Ziele mögen zu rechtfertigen gewesen sein, aber Ihre Mittel? Ihre Mittel waren elend. Und trotz Ihrer Bemühungen ist die ganze Geschichte ans Licht gekommen. Alles ist öffentlich geworden, Picard, verstehen Sie mich? Einschließlich aller Namen. Wenn Sie das nächste Mal Gelegenheit haben, auf den Nachrichtendienst der Föderation zuzugreifen, können Sie nachlesen, wie Sektion 31 Sie zum Narren gehalten hat. Zife ist nicht im Exil, Captain, er ist tot. Er wurde ermordet, sobald er seine Abschiedsrede gehalten hatte.«

Picards Gesicht spiegelte Schock und Unglauben. »Wie bitte?«

Also berichtete Akaar ihm von dem Erdbeben, das Granivs Reportage ausgelöst hatte, von der ungeheuren Menge an Informationen aus den Berichten von Sektion 31, die sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hatte. Erst nach und nach begriff man in der Föderationsregierung und im Sternenflottenkommando, welche Konsequenzen Granivs Enthüllungen haben würden. Akaars unmittelbare Sorge galt dem erschreckend großen Personenkreis, auf den Sektion 31 direkt Einfluss genommen hatte: Individuen, die rekrutiert, korrumpiert oder sogar ermordet worden waren, damit die Geheimorganisation weiterhin ihr einziges Ziel verfolgen konnte, nämlich die Föderation um jeden Preis vor internen sowie externen Bedrohungen zu beschützen.

»Mitglieder meines eigenen Stabs sind in die Sache verwickelt. Respektierte Offiziere wie Edward Jellico, William Ross, Alynna Nechayev, Owen Paris und Sie.« Akaar schüttelte den Kopf, als ihn erneut Frustration überkam. »Ausgerechnet Sie.«

»Ich bin nicht stolz auf meine Rolle in dieser Angelegenheit, Admiral«, sagte Picard mit festerer Stimme, »und ich bin bereit, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Aber nie hätte ich Min Zifes Ermordung vorgeschlagen, gebilligt oder tatenlos dabei zugesehen. Davon wusste ich nichts, und es war nicht Teil der Abmachung.«

Wenigstens das entsprach der Wahrheit. Der Captain der Enterprise hatte weder geholfen, Zifes Hinrichtung zu planen, noch sie durchzuführen. Er war jedoch in die Intrige involviert gewesen, Zife aus dem Amt zu drängen. Unter normalen Umständen hätte das ausgereicht, um Picard vor Gericht zu bringen, ihn zu verurteilen und für eine lange Zeit ins Gefängnis zu schicken.

Aber die Umstände sind alles andere als normal.

»Jellico, Nechayev und die anderen sind ein größeres Problem«, sagte Akaar, »aber wenigstens Sie sind weit weg – aus den Augen, aus dem Sinn, hoffe ich. Vielleicht gelingt es mir, den Schaden zu begrenzen.«

Picard schüttelte den Kopf. »Weitere Vertuschungsversuche sind nicht notwendig, Sir. Ich stelle mich der Gerichtsbarkeit und akzeptiere jede Strafe, die sie für angemessen hält.«

Akaar glaubte, die Erleichterung des anderen Mannes zu spüren: Picard war froh, dass sein furchtbares Geheimnis aufgeflogen war. Nach so langer Zeit lastete die Entscheidung, eine kriminelle, wenn auch möglicherweise notwendige Tat zu unterstützen, noch schwer auf seiner Seele. Das sprach für ihn, dachte Akaar. Aber warum hatte Picard nicht von sich aus reinen Tisch gemacht? Es lag auf der Hand: Nicht zu Unrecht hatte er wahrscheinlich befürchtet, doch noch die Aufmerksamkeit der Klingonen (und vielleicht anderer Parteien) auf die Tezwa-Affäre zu lenken. Das hatten er und seine Mitverschwörer verhindern wollen.

Aber es gab noch mehr zu bedenken: Die Folgen des tödlichen Attentats auf Präsidentin Nanietta Bacco im letzten Jahr beschäftigten die Föderation weiterhin – ebenso wie die besorgniserregenden Vorfälle um die Ernennung und ordnungsgemäße Wahl ihrer Nachfolgerin. Kellessar zh’Tarash, die derzeitige Präsidentin, war nun schon beinahe ein Jahr lang im Amt und tat ihr Möglichstes, um die Föderation aus dem Chaos verschiedener politischer und militärischer Skandale zu führen. Sie hatte weder Zeit für einen weiteren Eklat noch für den Umgang mit den Kollateralschäden. Leider war es unmöglich, sie aus der Sache herauszuhalten.

Es würde leichter sein, die anderen – Jellico, Nechayev, Ross, Nakamura – der Justiz zu überantworten. Sie waren weiter gegangen als Picard: Sie hatten an der geheimen Operation teilgenommen, die auf Zifes erzwungene Amtsniederlegung gefolgt war. Das Augenmerk würde sich insbesondere auf Ross, Nechayev und Nakamura konzentrieren, da sie Zife, seinen Stabschef Koll Azernal und den Direktor seines Militärgeheimdienstes, Nelino Quafina, an Sektion 31 ausgeliefert hatten. Nechayev und Nakamura hatten sich offenbar mitschuldig an der Ermordung Zifes und seiner Berater gemacht. Was William Ross anging, sah die Angelegenheit noch schlimmer aus: Er tauchte namentlich in verschiedenen Berichten auf und schien mit Sektion 31 eng verbunden zu sein. Owen Paris, der während der Borg-Invasion ums Leben gekommen war, konnte nicht mehr belangt werden.

Picard dagegen stellte ein Problem dar. Er war hoch angesehen in der interstellaren Gemeinschaft – mehr noch als die Admirals, mit denen er sich gegen Zife verschworen hatte. Seine Verstrickung in die Affäre (im Zusammenspiel damit, wie viele andere Offiziere Sektion 31 unterstützt hatten) würde vernichtend für das öffentliche Ansehen der Sternenflotte sein.

Dazu kam die Tatsache, dass Picard und die Enterprise viele Lichtjahre von der Erde entfernt unterwegs waren, um den Odysseeischen Pass zu erforschen; selbst bei maximalem Warp würde das Schiff Wochen für die Rückreise brauchen. Die Mission hatte bereits Erfolge zu verbuchen: Die Enterprise hatte mehrere Sonnensysteme mit Planeten entdeckt, die reich an Bodenschätzen waren. Erste Auswertungen der vorgenommenen Messungen deuteten auf mögliche Koloniewelten hin. Das war eine wunderbare Gelegenheit für die Sternenflotte, ihren Einflussbereich in einen weitgehend unerforschten Teil des Universums auszudehnen. Die Enterprise durch ein anderes Forschungsschiff zu ersetzen, wäre zeit- und personalaufwendig.

Zu guter Letzt war nicht vorhersehbar, welche Wirkung die schockierenden Enthüllungen auf die Öffentlichkeit haben würden. Besonders die Zwangsabsetzung Zifes würde ganz verschiedene Reaktionen auslösen, positive wie negative. Die Sache war die: Trotz der fragwürdigen Praktiken, derer sie sich bedient hatten, hatten Picard und seine Mitverschwörer der Föderation einen Gefallen getan, als sie den Präsidenten still und leise aus dem Amt gedrängt hatten. Und hätte er sein Leben im Exil beschlossen, hätte ihre Entscheidung vermutlich gerechtfertigt werden können – sowohl den Bürgern der Föderation als auch Verbündeten und sogar Gegnern gegenüber.

Verglichen mit den anderen Geheimnissen, die gerade ans Licht kamen, war der Putsch gegen einen skrupellosen Vertreter der Regierung kaum der Rede wert. Die lange Liste der Verbrechen von Sektion 31 und die erschütternde Erkenntnis, dass die Schattenorganisation das Leben der Bürger der Föderation seit Anbeginn beeinflusst hatte, würden für Ablenkung sorgen: Akaar würde Picard aus der Schusslinie nehmen können, zumindest fürs Erste. Vielleicht fiel Picards Rolle in der Zife-Affäre ja sogar unter den Tisch, wenn andere, auffälligere Mitglieder der Putschistentruppe zur Verantwortung gezogen wurden.

»Wir brauchen keinen weiteren öffentlichen Skandal«, sagte er und starrte Picard zornig an, »schon gar nicht einen, dessen Mittelpunkt ein strahlender Held der Sternenflotte ist. Sie, falls Sie nicht wissen, wen ich damit meine. Öffentlich können wir Sie nicht belangen, aber inoffiziell sage ich Ihnen dies: Sie können Ihre Ambitionen vergessen, jemals Admiral zu werden. Sie haben mal zu mir gesagt, Sie wollten keine Beförderung, sondern Captain der Enterprise bleiben. Herzlichen Glückwunsch, das haben Sie erreicht! Sie werden nie einen höheren Rang bekleiden.«

Akaar hatte eine schwere Zeit vor sich, darüber war er sich im Klaren. Doch vermutlich würde es mehr Schaden anrichten, Picard des Kommandos über die Enterprise zu entheben. Also würde Akaar ihn beschützen, so gut er konnte. In Anbetracht des Chaos, das in der kommenden Zeit herrschen würde, schien das machbar zu sein. Von überallher würde es Fragen regnen; die öffentliche Diskussion würde sich im Kreis drehen. Es würde nicht lange dauern, bis die Ermittler und Vertreter der Strafverfolgungsbehörden (und auch Präsidentin zh’Tarash selbst) Picard so gut wie vergessen hatten. Vielleicht konnten sogar noch ein paar andere gerettet werden, sollte es in ihren Fällen mildernde Umstände geben. Die Aufmerksamkeit würde sich auf den Kern der Sache richten: dass Sektion 31 so lange Zeit ungehindert hatte schalten und walten können und dass die Organisation derart schwindel- und furchterregende Erfolge zu verbuchen hatte.

Granivs Reportage hatte ein jahrhundertealtes Rätsel gelöst: Die künstliche Intelligenz Uräus, das Herz der Organisation, war älter als die Föderation selbst. Nicht jeder, der mit Sektion 31 in Verbindung stand, wusste von Uräus’ Existenz. Die Erkenntnis, dass ein Computerprogramm sogar Verbündete der Organisation fremdgesteuert hatte, würde die Föderationsbürger weiter verstören. Sie würden sich getäuscht, betrogen und entsetzlich hilflos fühlen. Niemand würde mehr irgendjemandem vertrauen.

Akaar ging es nicht anders. Auf der Liste der Agenten, Funktionäre, Kollaborateure und Gönner von Sektion 31 standen Personen, die er seit Jahren kannte, manche seit Jahrzehnten. Es würde Monate dauern, bis sich abschätzen ließ, welches Ausmaß die Zerstörung hatte, die Sektion 31 über die Föderation gebracht hatte; Jahre, bis sich die interstellare Allianz erholt hatte. Und erholen würde sie sich nur, wenn jemand die Zügel in die Hand nahm. Deshalb hatte Akaar keine Zeit: Er brauchte eine Strategie, die der Föderation half, das Desaster zu überstehen. Ihm war klar, dass er daran scheitern würde, wenn es niemanden gab, auf den er sich verlassen konnte.

»Mein größtes Problem ist, dass ich nicht mehr sicher bin, ob ich Ihnen vertrauen kann«, sagte er. »Kann ich Ihnen vertrauen?«

Picard antwortete sofort und voller Überzeugung. »Vollkommen.« Trotz der Tatsache, dass Akaar ihn heruntergeputzt hatte, war die Haltung des Captains tadellos. In seinen Augen las Akaar Entschlossenheit. So kannte er Picard. Auf diesen Mann hatte er gebaut wie sonst nur auf Angehörige seines inneren Kreises. Sein Instinkt verriet ihm, dass Picard die Wahrheit sagte: Er mochte sich freiwillig in einen Sumpf von Korruption begeben haben – aber nicht, weil er keinen Charakter besaß, sondern aus der Notwendigkeit heraus, dem Gemeinwohl zu dienen.

Damit kam Akaar zurecht. Deswegen war er jedoch noch lange nicht bereit, die Verfehlungen des Captains einfach zu vergessen.

»Davon werden Sie mich überzeugen müssen. Bis Ihnen das gelungen ist – immer vorausgesetzt, ich kann Sie davor bewahren, von der Presse in der Luft zerrissen zu werden –, können Sie davon ausgehen, dass ich Sie an einer sehr kurzen Leine führen werde.«

Noch einmal ermahnte er den Captain der Enterprise, seine Mission fortzusetzen (und dabei nicht zu vergessen, dass er nun vor allem Akaar Rechenschaft schuldig war), dann schloss er den Kommunikationskanal. Erst als Picards Gesicht vom Bildschirm verschwunden war, entspannte er sich. Er lehnte sich in seinem Sessel zurück, schloss die Augen und massierte sich die Nasenwurzel.

Ach, verdammte Scheiße!

Diese Geschichte würde Karrieren beenden, und zwar nicht nur von Personen, die sich im Netz von Sektion 31 verfangen hatten. Viele, die wichtige Posten innerhalb der Sternenflotte oder der Föderationsregierung innehatten, würden zurücktreten müssen. Manche würden sich außerdem Tatvorwürfen gegenübersehen. Akaar wollte damit so wenig wie möglich zu tun haben, aber als Oberbefehlshaber der Sternenflotte würde er sich diesen Luxus nicht erlauben können.

Wie aufs Stichwort summte sein Interkom. »Admiral Akaar«, ertönte die Stimme seines Sekretärs. »Die Generalanwältin hat sich über einen verschlüsselten Kanal gemeldet. Sie möchte augenblicklich mit Ihnen sprechen.«

Akaar seufzte und schlug die Augen auf.

Also ist es so weit … Der Sturm bricht los.

KAPITEL 4


Wie üblich füllte sich die Messe der Enterprise nach Ende der Alpha-Schicht rasch. Die Theke war voll besetzt, und an den Tischen waren nur noch vereinzelt Stühle frei. Offiziere standen in Grüppchen in der Nähe der Bar herum, zwischen den Tischen oder vor den großen, abgeschrägten Fenstern. Dort hatte man den besten Ausblick auf die Sterne: Das Warpfeld verzerrte sie, sodass sie wie Lichtstreifen wirkten. T’Ryssa Chen versuchte immer, einen Tisch am Fenster zu ergattern. Wenn sie nach draußen schaute, konnte sie besser denken. Der Ausblick hatte beinahe etwas Meditatives.

»Trys?«

Sie erschrak ein wenig und erinnerte sich, dass sie nicht allein am Tisch saß. Dann wurde ihr mit einiger Verspätung klar, dass ihre Freundin Dina Elfiki sie jetzt schon zum dritten Mal angesprochen hatte. Chen setzte sich aufrechter hin und räusperte sich.

»Entschuldige, Dina. Ich …« Sie runzelte die Stirn. Ihre Gedankenverlorenheit war ihr peinlich. »Ich glaub, ich war kurz abgelenkt.«

»Langweile ich dich? Wärst du lieber allein?« Elfiki war in Ägypten geboren worden und sprach mit leichtem Akzent. Der Blick ihrer großen dunklen Augen war ernsthaft besorgt.

Chen winkte ab. »Nein, natürlich nicht! Verzeih mir. Ich hab keine Ahnung, was mit mir los ist.«

Lügnerin, tadelte sie sich selbst. Du weißt ganz genau, welche Laus dir über die Leber gelaufen ist. Dir und allen anderen auf diesem Schiff.

Elfiki strich sich eine Strähne ihres schulterlangen schwarzen Haars aus dem Gesicht. »Wahrscheinlich bist du bloß müde. Wie ich …« Sie nahm einen Schluck aus ihrem Glas. »Ich hab die letzten sechsunddreißig Stunden damit verbracht, zusammen mit meinem Team und ein paar Ingenieuren noch mal den Computerkern und alle Backup-Systeme zu überprüfen – wir haben uns noch mal jedes Kiloquad Datenspeicher angesehen. Dasselbe haben wir mit den Computersystemen aller Shuttles, der Jacht des Captains und mit jedem einzelnen Ausrüstungsgegenstand gemacht, der einen eingebauten Computer oder Datenspeicher besitzt, bis hin zum letzten Trikorder und zum letzten isolinearen Chip.«

»Wirklich?«, fragte Chen. »Hattet ihr das nicht gerade erst gemacht?«

»Commander La Forge hat uns gebeten, uns alles noch mal vorzunehmen. Soweit ich sagen kann, haben wir von allen Computern an Bord jede einzelne Komponente des Uräus-Programms vollständig entfernt.«

Chen seufzte. »Du weißt, dass ich dir geholfen hätte, oder? Du hättest mich nur fragen müssen!«

»Natürlich weiß ich das. Du warst beschäftigt, Trys.«

»Damit, die Sensorphalanx nachzukalibrieren.« Chen verdrehte die Augen. »Wenn ich vor die Wahl gestellt würde, was ich lieber machen würde – das oder mich kopfüber in eine Plasmaleitung stürzen –, müsste ich ernsthaft darüber nachdenken.« Die Arbeiten an der Phalanx mussten akribisch durchgeführt werden, verlangten volle Konzentration, waren absolut notwendig – und so langweilig, dass Chen darüber hätte in Tränen ausbrechen können. Vielleicht war es noch schlimmer, Millionen und Abermillionen Zeilen Computercode durchzugehen, um Schadsoftware aufzuspüren, aber wenigstens konnte man dabei an einer Konsole sitzen und musste nicht von Zugangsklappe zu Zugangsklappe durch Jefferies-Röhren kriechen. »Das war ein ziemlich heimtückisches Programm. Ein zusätzliches Augenpaar wäre bestimmt nützlich gewesen.«

Chen hatte den offiziellen Bericht des Sternenflottenkommandos gelesen, der sich mit dem vollen Funktionsumfang des Uräus-Programms von seiner Initialisierung im 22. Jahrhundert an beschäftigte. Experten aus der Sternenflottenabteilung für Forschung und Entwicklung hatten umfängliches Material zusammengestellt, um die Betriebsparameter und die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz zu skizzieren. Dazu gehörte auch eine vollständige Darstellung des ihr zugrunde liegenden Computercodes. Natürlich hatte Chen an der Sternenflottenakademie den Umgang mit Computern erlernt. Sie hatte ihr Wissen an Bord der U.S.S. Rhea und später an Bord der Enterprise angewandt, hielt sich aber nicht für eine Computerexpertin. Wenn sie sich Mühe gab, konnte sie mit anderen, klügeren Offizieren, die vielleicht sogar eine Begabung auf diesem Gebiet hatten, gerade so mithalten. Mit Elfiki zum Beispiel. Seit sie auf der Enterprise diente, hatten das Talent, die Initiative und der vortreffliche Instinkt ihrer Freundin schon ein paarmal wesentlich dazu beigetragen, Raumschiff und Besatzung aus gefährlichen Situationen herauszuholen. Dabei hatte Elfiki wie nebenbei Leben gerettet.

»Wir haben uns jede einzelne Codezeile angeschaut«, sagte Elfiki. »Alle gespeicherten Dateien. Wir haben jeden Datentransfer zurückverfolgt, und ich meine jeden, einschließlich den der Datenbänke aus der Enterprise-D. Du weißt schon, die aus dem Annex-Archiv in Aldrin City auf Luna. Aber was Data, Lal und die anderen in den Hochsicherheitsarchiven Memory Alpha und Memory Prime getan haben, war sehr effektiv: Wir haben nirgendwo auch nur eine Spur von Uräus gefunden. Man sollte meinen, ich würde jetzt besser schlafen, aber von wegen! Ich werde wahrscheinlich wochenlang von endlosen Codezeilen träumen …«

Elfiki musste sich aussprechen, und Chen ließ ihre Freundin reden. Captain Picards Befehl, die Uräus-Software restlos vom Schiffscomputer zu entfernen, war eine große Herausforderung: Das Programm war so konzipiert, dass es wie wuchernder Efeu alles umschlang. Immerhin konnten Elfiki, Commander La Forge und ihre jeweiligen Teams sich auf die detaillierten Berichte Datas stützen, der die KI besiegt hatte. Er und seine Androidentochter Lal hatten mithilfe des ehemaligen Sternenflottenarztes Julian Bashir und Sarina Douglas’, die Sektion 31 abtrünnig geworden waren, ein Heilmittel gegen die Seuche Uräus gefunden.

»Wir sind allein hier draußen«, sagte Chen, »deshalb müssen wir ganz sichergehen, dass nicht in irgendeiner Computerdatei eine Falle versteckt ist. Wenn wir unserer Ausrüstung nicht vertrauen können … Immerhin hält sie uns am Leben.«

Elfiki starrte in ihr Glas und seufzte schwer. »Ja. Wir haben bloß das Schiff … Und einander.«

Aha, dachte Chen. Jetzt kommen wir zur Sache.

»Wir hatten noch keine Gelegenheit, darüber zu sprechen«, fuhr Elfiki nach einer kurzen Pause fort. »Weil wir so beschäftigt waren … Oder vielleicht haben wir uns auch bloß in unserer Arbeit vergraben.« Sie warf einen raschen Blick durch die Messe. »Guck dich mal um! Es ist, als wäre man auf einem Begräbnis.«

Ihre Freundin hatte es also auch gemerkt. Die Stimmung war gedrückt. Die Anwesenden taten ihr Bestes, um den Eindruck zu erwecken, alles sei beim Alten – mit mäßigem Erfolg. Wahrscheinlich gab es niemanden an Bord, der die Nachrichten nicht verfolgt hatte. Sektion 31, das Uräus-Programm und die geheimen Freveltaten, die seit zwei Jahrhunderten ungestraft durchgeführt wurden … Die Enthüllungsjournalistin Ozla Graniv hatte dafür gesorgt, dass jeder davon erfuhr. Allerdings gab ihre Reportage keine Antworten auf jene Fragen, die die Besatzung der Enterprise quälten.

»Man erfährt nicht jeden Tag, dass der eigene Captain dabei geholfen hat, einen Föderationspräsidenten seines Amtes zu entheben, der dann von einer Geheimorganisation ermordet wurde«, sagte Elfiki. »So was hinterlässt einen bleibenden Eindruck.«

»Wir wissen doch alle, dass er mit Zifes Ermordung nichts zu tun hatte«, sagte Chen.

Elfiki nickte. »Natürlich. Aber wir haben geglaubt, Zife sei freiwillig zurückgetreten, aus persönlichen Gründen. Du musst zugeben, es ist schon ein bisschen … verstörend zu erfahren, dass unser Captain in seinen Sturz involviert war. Klar, wenn man das große Ganze betrachtet, war es wohl die richtige Entscheidung. Aber ich hätte sie nicht treffen wollen. Und hätte mich jemand gebeten, bei der Sache zu helfen … Ich weiß nicht, ob ich das gekonnt hätte. Ich rede mir ein, ich würde in so einem Fall aus den richtigen Gründen das Richtige tun.« Sie zuckte hilflos mit den Schultern. »Entschuldige, Trys. Ich komme nicht besonders gut mit der Sache zurecht.«

»Das macht doch nichts.«

Die Neuigkeit, dass Captain Picard in die Min-Zife-Affäre verwickelt war, hatte sich mit Warpgeschwindigkeit verbreitet. Zuerst war die Besatzung schockiert gewesen und hatte es nicht glauben wollen. Dann hatten sich Ärger, Unsicherheit und das starke Gefühl, verraten worden zu sein, breitgemacht. Was sollte jetzt werden? Chen war unfreiwillig Zeugin mehrerer gedämpfter Gespräche geworden, in denen Crewmitglieder ihre Zweifel austauschten: War der Mann, zu dem sie aufsahen, von dem sie Führung erwarteten, ihres Vertrauens überhaupt würdig? Allerdings schienen die Offiziere, die ihrem Captain den Rücken stärkten, deutlich in der Überzahl zu sein. Sie erinnerten neuere Kameraden daran, was Picard alles getan und erreicht hatte, an die Jahrzehnte, die er nach bestem Wissen und Gewissen der Sternenflotte gedient hatte. Ob der Captain etwas von der Zerrissenheit ahnte, unter der seine Mannschaft litt, wusste Chen nicht. Wäre es ihm ein Trost zu wissen, dass es Leute gab, die versuchten, die ganze elende Geschichte in die richtige Perspektive zu rücken?

Man musste Picard zugutehalten, dass er mit jedem persönlich über die Angelegenheit gesprochen hatte, der den Wunsch danach geäußert hatte. Chen hatte sein Angebot wahrgenommen. Picard hatte müde ausgesehen. Wie sicher schon vielen anderen vor ihr hatte er ihr gestanden, dass er nicht stolz darauf war, was er getan hatte. Zifes Rücktritt zu erzwingen, hatte damals wie die beste verschiedener schlechter Alternativen gewirkt. Jede andere Marschroute hätte vermutlich die Spannungen zwischen der Föderation und dem Klingonischen Reich verstärkt, zu einer Zeit, als die Föderation sich das nicht leisten konnte. In Picards Augen gab es keine juristische Rechtfertigung dafür, einen gewählten Föderationspräsidenten ohne jedes Verfahren abzusetzen – und erst recht keine moralische Rechtfertigung für das, was hinterher geschehen war.

»Vielleicht hättest du auch mit ihm sprechen sollen, Dina«, sagte sie leise. »Dann wüsstest du, wie sehr er sich schämt. So habe ich ihn noch nie gesehen … So angreifbar. Er hat gesagt, er musste sich nach der Sache immer und immer wieder selbst davon überzeugen, dass der Schritt notwendig gewesen sei. Dass es zahllose Leben gerettet habe, Zife aus dem Amt zu drängen. Er hat gesagt, er habe jeden Tag aufs Neue versucht, irgendwie wiedergutzumachen, was er getan hat.«

»Glaubst du, er hat es jemandem erzählt?«, fragte Elfiki. »Er ist ein zurückhaltender Mensch, das ist keine Frage, aber auch er hat ja ein paar enge Freunde. Hat er Doktor Crusher ins Vertrauen gezogen? Oder Admiral Riker? Irgendjemanden?«

Chen schüttelte den Kopf. »Er sagt Nein. Und mal ehrlich, das ist nicht die Art von Geschichte, die man gerne erzählt.« Picard hatte gesagt, bevor Granivs Reportage erschienen sei, hätten nur diejenigen, die an der Sache beteiligt gewesen waren, Bescheid gewusst (und wie viel sie gewusst hatten, hätte von der Rolle abgehangen, die sie gespielt hatten). Natürlich war die Verschwörung um einiges größer gewesen, als Picard damals geglaubt hatte, so viel war Chen klar. Immerhin war Sektion 31 involviert gewesen.

»Seien wir ehrlich«, sagte sie, »so schrecklich es auch sein mag, was Zife zugestoßen ist …Wenn ich bloß darüber nachdenke, was Sektion 31 alles auf dem Kerbholz haben soll, fällt’s mir schwer, Picard nicht sofort in Schutz zu nehmen.«

»Das stimmt schon«, murmelte Elfiki. »Wir haben alle gedacht, wir würden nach unserem eigenen freien Willen leben … Aber stattdessen hat uns auf die eine oder andere Weise ein Computerprogramm kontrolliert.« Als Chen etwas erwidern wollte, hob sie rasch die Hände. »Ich weiß, ich weiß. Ist eine grobe Vereinfachung, aber denk mal drüber nach. Wie viel von dem, was wir gemacht haben – über Jahrhunderte hinweg –, haben wir bloß gemacht, weil uns dieses … dieses Ding wie Marionetten an Fäden herumgeschwenkt hat?«

»Daran glaube ich nicht.« Chen stürzte beinahe ihren ganzen Drink auf einmal hinunter. Oh, sie konnte nicht leugnen, dass Uräus die Föderationsbürger auf vielen verschiedenen Ebenen beeinflusst hatte! Trotzdem würde sie sich auf keinen Fall einreden, die KI sei allmächtig gewesen.

Sie mochte ein ausgeklügeltes System aus prädiktiven Algorithmen benutzt haben, die auf der Grundlage von Statistiken, Wahrscheinlichkeiten und Mustererkennung Vorhersagen treffen konnten. Sie mochte infolge dieser Vorhersagen Situationen und Umstände manipuliert haben, um bestimmte Ziele zu erreichen. Dennoch konnte Chen nicht glauben, dass jede vollbrachte Leistung, jeder verbuchte Erfolg in den letzten zweihundert Jahren das Resultat seelenloser Vorausplanung war. Uräus’ Einfluss negierte weder die Gedanken und Gefühle noch die moralischen Entscheidungen zahlloser Lebewesen aus Fleisch und Blut. Das war es, was die Bürger der Föderation ausmachte. Chen würde es ihnen nicht absprechen.

Sie beugte sich über den Tisch. »Wir treffen unsere Entscheidungen selbst«, sagte sie eindringlich. »Wir handeln so, wie wir es für richtig halten – und wir bestimmen mit Logik und Vernunft, was das Richtige ist, hören aber auch auf unsere Gefühle. Und ja, wir haben außerdem eine Art moralischen Kompass …« Chen klopfte leicht gegen ihr Brustbein. »Hier kommen unsere Entscheidungen her, Dina. Daran muss ich glauben können, denn sonst … Was täten wir sonst hier draußen?«

Elfiki nickte. »Ja. Und dazu kommt … Ich kann mir sogar vorstellen, dass diejenigen, die Uräus geschaffen haben – oder das, was später Uräus werden sollte –, das in bester Absicht getan haben. Wir wissen ja, was mit Technologien alles schiefgehen kann … Die KI ist gewachsen, hat selbstständig gelernt, und irgendwann konnten ihre Schöpfer nicht mehr mithalten und waren ihr unterlegen.«

»Und jetzt ist sie zerstört«, sagte Chen. »Aber was bedeutet das für uns? Es ist erst drei Wochen her, dass Graniv an die Öffentlichkeit gegangen ist. Es dauert bestimmt noch Monate, vielleicht sogar Jahre, bis wir wirklich Klarheit darüber haben, was Uräus bewirkt hat. Wo stehen wir dann?«

Elfiki spielte mit ihrem leeren Glas und drehte es zwischen den Händen. »Da, wo wir immer gestanden haben, schätze ich. Uräus hat ja keinen von uns gezwungen, der Sternenflotte beizutreten, Trys. Jetzt ist es an uns zu beweisen, dass wir selbst über unser Leben bestimmen, nicht irgendein Computer.«

Bevor Chen antworten konnte, pfiff das Interkom. Im nächsten Moment erklang die Stimme des Ersten Offiziers der Enterprise, Commander Worf.

»Führungsoffiziere auf ihre Stationen! Captain Picard, bitte melden Sie sich auf der Brücke.«

»Sie spielen mein Lied«, sagte Elfiki und gab ihrem Glas einen Schubs. Dann stand sie auf. »Danke, dass du mir zugehört hast, Trys.«

Chen lächelte. »Danke dir!« Sie machte eine Geste zur Decke hinauf. »Wenn du oben bist, lass mich wissen, ob was Spannendes los ist. Du weißt schon, irgendwas, wofür man die Hilfe der freundlichen Kontaktspezialistin von nebenan brauchen könnte …«

»Versprochen«, erwiderte Elfiki. Auf dem Weg zum Ausgang drehte sie sich noch einmal um und grinste Chen ironisch zu. »Aber komm schon. Wann passiert auf diesem Schiff schon mal was Spannendes?«

KAPITEL 5


Die Enterprise glitt auf das stille, dunkle Schiff zu. Solche Augenblicke waren es, die Jean-Luc Picard daran erinnerten, warum er Beförderungen immer ausgeschlagen und es tunlichst vermieden hatte, sich in den Ruhestand zu verabschieden. Der Gedanke, der erste Mensch zu sein, der eine bisher unbekannte Welt, ein vernunftbegabtes Lebewesen oder ein Relikt wie dieses erblickte, erfüllte ihn mit Vorfreude. Deshalb war er zur Sternenflotte gegangen: um in die Fußstapfen der großen Entdecker zu treten, die er bewunderte – Shackleton, Baré, Archer und Georgiou, um nur ein paar zu nennen –, und wie sie einen bleibenden Beitrag zur Geschichte zu leisten. Auch heute noch, nach Jahrzehnten, fühlte er die gleiche gespannte Erwartung. Sein Herz schlug rascher, und alle seine Sinne waren mit einem Mal hellwach. Sogar sein Atem schien sich ein wenig zu beschleunigen.

Selbstverständlich ließ er sich nichts anmerken: Immerhin musste die Disziplin aufrechterhalten werden.

»Wenn wir unsere derzeitige Geschwindigkeit beibehalten, erreichen wir das Schiff in drei Minuten«, meldete Lieutenant Joanna Faur, die leitende Pilotin der Enterprise. Sie wandte sich in ihrem Sessel zu Picard um. »Es hat seinen Kurs nicht geändert, Sir.«

»Danke, Lieutenant. Behalten Sie Abfangkurs und Geschwindigkeit bei.« Picard betrachtete das Bild auf dem Hauptschirm. Obwohl der Computer es mithilfe der Daten erstellte, die die Sensorphalanx der Enterprise sammelte, schien sich das andere Schiff in Schatten zu hüllen. Es war so gewaltig, dass es trotz niedrigerer Vergrößerungsstufe beinahe den gesamten Schirm ausfüllte. Seine Form war nicht leicht zu beschreiben: Die Achtersektion war abgerundet, darin eingelassen war eine Kugel. Drei Spitzen wuchsen nach vorn, je eine links und rechts der Kugel und die dritte darunter – dadurch erinnerte das Schiff ein wenig an eine Klaue. Überhaupt glich es eher einem Lebewesen als etwas künstlich Geschaffenem. Picard dachte unwillkürlich an Raumstationen, die nach cardassianischem Design erbaut worden waren: an die monumentalen gebogenen Streben, die als Andockrampen für Schiffe dienen konnten, die zu groß waren, um in einen der Häfen im Inneren der Station einzufliegen.

Neben den klauenartigen Auswüchsen des Schiffes wirkte die Enterprise winzig. Die dunkle Außenhülle schien größtenteils glatt zu sein, aber Picard konnte über die verschiedenen Schiffsteile verstreut Höcker erkennen.

»Warum ist das Bild so schlecht?«

»Das Material, aus dem die Hülle besteht, stört unsere Messungen, Sir«, berichtete Dina Elfiki von ihrem Platz an einer der Wissenschaftsstationen. »Die Sensoren werden nicht direkt blockiert, es ist eher so, als würden unsere Scans … ›absorbiert‹, in Ermangelung eines besseren Wortes. Aber je näher wir kommen, desto klarer werden die Messwerte. Wir sollten gleich eine vollständige Darstellung sehen.« Nach einem Augenblick fügte sie hinzu: »Allerdings gibt es auf kurze Entfernung mehr Probleme mit den Langstreckensensoren, Sir. Als sei das Ding von einem Streuungsfeld umgeben.«

Lieutenant Aneta Šmrhová bemannte die taktische Station. »Das stimmt, Sir«, sagte sie. »Die Langstreckensensoren sind betroffen. Wenn wir uns weiter auf das Schiff zubewegen, könnten sie ganz ausfallen.«

»Behalten Sie das im Auge«, sagte Picard. Seine Aufmerksamkeit war gebannt auf den Schirm gerichtet. »Wie groß ist es genau?«

»Der Hauptkörper misst an der breitesten Stelle über sechstausend Meter«, antwortete Elfiki. »Die Durchmesser der drei Fortsätze variieren zwischen einhundert und dreihundert Metern.«

Kurz gesagt: Das Schiff war gigantisch. Es hätte das riesige Raumdock in der Erdumlaufbahn, ja, sogar die Poklori gil dara, das gewaltige Waffenschiff der Raqilan, im Vergleich klein erscheinen lassen.

»Was sind das für Gebilde an der Außenhülle?«, fragte Commander Worf, der zu Picards Rechter saß. »Teile eines Waffensystems? Haben unsere Sensoren eine Bedrohung erkannt?«

»Bis jetzt noch nicht, Commander«, sagte Glinn Ravel Dygan. Der junge Einsatzoffizier war Teil eines Austauschprogramms der Sternenflotte mit der Cardassianischen Union.

»Und immer noch keine Lebenszeichen?«, fragte Picard. Als das Schiff entdeckt worden war und Elfiki ihren ersten Bericht abgegeben hatte, hatte es diesbezüglich noch keine Ergebnisse gegeben.

»Nein, Sir«, erwiderte der Cardassianer. »Die Sensoren werden noch immer gestört, aber die Scans, die wir durchführen konnten, zeigen weder Lebenszeichen noch Aktivitäten, die auf die Gegenwart von Lebewesen hindeuten.«

»Captain«, sagte die Sicherheitschefin, »soll ich Gelben Alarm geben? Bis wir sicher sein können, dass von dem Schiff keine Gefahr ausgeht …« Šmrhová war anzusehen, dass ihr die Auswirkungen des gewaltigen Schiffs auf die Sensoren der Enterprise gar nicht gefielen.

»Tun Sie das, Lieutenant, aber aktivieren Sie nur die Schilde. Es gibt keinen Anlass, aggressiv aufzutreten.«

Picard war bewusst, dass Šmrhová – und Worf erst recht – es vorgezogen hätten, die Waffensysteme der Enterprise einsatzbereit zu machen, doch ohne triftigen Grund war er nicht bereit dazu. Zu leicht konnte das als Provokation aufgefasst werden. Das riesige Schiff war schon vor Stunden von den Sensoren erfasst worden, und bisher hatte es keine Anzeichen dafür gegeben, dass es eine Bedrohung für die Enterprise oder ihre Besatzung darstellen könnte. Sämtliche Kommunikationsversuche waren gescheitert, Glinn Dygan konnte nicht einmal bestätigen, dass die Funksprüche empfangen worden waren. Das Schiff schien nicht viel mehr zu sein als ein verlassenes Wrack, das durchs All trieb.

»Was ist das Ergebnis der Energiemessungen?«, fragte Picard.

»Den Scans zufolge gibt es geringfügige Schwankungen, Sir«, berichtete Elfiki. »Es lässt sich nicht feststellen, was da drüben Energie erzeugt, der Output ist sehr niedrig. Ein Antriebssystem konnte ich immer noch nicht orten. Soweit ich sagen kann, treibt das Ding bloß durchs All.«

»Wie lange denn schon?«, fragte Worf.

»Das kann ich nicht beantworten, Sir«, erwiderte die Wissenschaftsoffizierin. »Zumindest noch nicht … Die Sensoren haben größere Schäden an der Front und den Seiten festgestellt. Möglicherweise ist das Schiff in einen Ionensturm geraten, es gibt allerdings auch Anzeichen für Zusammenstöße mit Meteoriten oder Asteroiden. Das muss Jahrzehnte her sein.«

»Sieht ganz so aus, als seien wir auf ein neues Mysterium gestoßen.« Picard warf Worf einen Seitenblick zu. Er konnte es sich nicht verkneifen hinzuzufügen: »Und wir wissen ja, wie problemlos die immer zu lüften sind.«

Der Klingone brummte nur leise.

Tatsächlich freute sich Picard über die Stimmung, die mit einem Mal auf der Brücke herrschte. In den letzten Wochen waren die Schichten reine Routine gewesen. Die Besatzung der Enterprise kartografierte noch immer den Odysseeischen Pass, und seit die Wahrheit über Sektion 31 ans Licht gekommen war – und über Picards eigene Rolle in der Zife-Affäre –, war kaum etwas geschehen, das die Aufmerksamkeit der Führungsoffiziere beansprucht hätte.

Dies hier, dachte er, war genau das, was er und seine Crew brauchten. Ein faszinierendes Rätsel, das es zu studieren und zu lösen galt. Welche Geheimnisse barg dieses Schiff? Wer hatte es entworfen und gebaut? War es verlassen worden oder nie bemannt gewesen? Wo waren diejenigen, die es geschaffen hatten, welches noch unentdeckte Sonnensystem war die Wiege ihrer Zivilisation? Wenn der Herkunftsort des fremden Schiffs bestimmt werden konnte, würde die Enterprise vielleicht erneut Gelegenheit bekommen, Kontakt zu einem Volk herzustellen, von dessen Existenz die Föderation bisher nichts gewusst hatte … Picards Puls beschleunigte sich beim bloßen Gedanken daran.

Wir sind wieder Entdecker!

»Wir erreichen das Schiff in nicht einmal einer Minute, Captain«, meldete Faur.

»Die Messergebnisse werden immer klarer, Sir«, sagte Elfiki. »Die Sensoren können jetzt an mehreren Punkten die Hülle durchdringen. Das Schiff ist eindeutig mit einem Überlichtantrieb ausgestattet. Wie die Hauptenergieversorgung ist der Antrieb jedoch abgeschaltet. Große Bereiche im Hauptteil des Schiffs – zumindest glaube ich, dass es der Hauptteil ist – sind abgeschirmt, und unsere Sensoren schaffen es nicht, die Schilde zu durchdringen.«

»Lässt sich mittlerweile sagen, wozu diese Erhebungen nütze sind?«, fragte Worf.

»Das sind Solarenergie-Kollektoren, Sir. Sie speisen die gesammelte Energie in ein Verteilernetz ein, das einen ausgeklügelten Eindruck macht … Ich kann die Leitungen durch das Schiff verfolgen.«

Picard erhob sich von seinem Kommandosessel und trat an der Steuer- und der Ops-Konsole vorbei. Vor Faur und Dygan blieb er stehen. Er verschränkte die Arme und betrachtete das Schiff auf dem Hauptschirm. Die neuen Daten, die die Sensoren der Enterprise fortwährend lieferten, ermöglichten eine vollständigere Darstellung des scheinbaren Wracks.

»Arbeiten die Kollektoren?«, fragte Picard.

»Die meisten ja, Sir. Ein paar sind ausgefallen, entweder weil sie beschädigt wurden oder aufgrund eines anderen Problems, das ich noch nicht identifizieren kann. Offenbar kommt da drüben nur über die Kollektoren Energie rein … Natürlich sammeln sie nicht viel, solange kein Sonnensystem in Reichweite ist. Jetzt sind wir nah genug, dass ich einen sehr niedrigen Energieverbrauch feststellen kann. Wahrscheinlich automatisierte Kontroll- und Wartungssysteme.«

Sie hielt inne, und Picard wandte sich zu ihr um. Sie schüttelte den Kopf, ehe sie fortfuhr:

»Sieht so aus, als würde eine Menge Aufwand für nichts und niemanden getrieben.«

»Sie orten also immer noch keine Lebenszeichen?«, fragte Worf.

»Nein, Commander«, antwortete Elfiki, »nichts dergleichen. Die gesammelte Energie wird in Energiespeicher oder auf direktem Weg zum Hauptcomputer des Schiffs geleitet – zumindest schätze ich, dass es sich um den Hauptcomputer handelt. Wie das Schiff selbst ist er gewaltig. Ich habe Raumstationen gesehen, die kleiner sind als der Prozessorkern! Selbst wenn wir die Sprache derjenigen verstünden, die den Computer gebaut haben – ich kann nicht darauf zugreifen. Das ganze Ding wird von einem Kraftfeld umschlossen.«

Picard konnte sich auf nichts davon einen Reim machen. »Warum sollte jemand einen riesenhaften Computerkern ins All schießen und dort unbewacht in einem Schiff ohne Crew herumtreiben lassen? Was ist der Zweck? Könnte dieses Schiff das Äquivalent zu unserem Memory Alpha sein?«

Die bloße Erwähnung der großen Bibliothek der Föderation erinnerte ihn wieder an den Skandal, dessen Mittelpunkt Memory Alpha und Memory Prime bildeten – und all die Geheimnisse, die dort geschlummert hatten und die von Ozla Graniv öffentlich gemacht worden waren.

»Vielleicht ist das Schiff bloß vom Kurs abgekommen«, spekulierte Glinn Dygan an der Ops-Konsole. »Irgendein unerwartetes Ereignis könnte eingetreten sein, mit dem die Konstrukteure des Schiffs nicht gerechnet haben.«

»Gut möglich.« Elfiki zuckte mit den Schultern. »Aber was ursprünglich auch der Zweck dieses Dings gewesen sein mag – es muss eine Fundgrube von unschätzbarem Wert sein.«

Picard hörte die Begeisterung in der Stimme seiner Wissenschaftsoffizierin. Zweifellos hoffte sie darauf, das Schiff näher zu untersuchen. Er konnte Geordi La Forge beinahe vor sich sehen: Sein Chefingenieur verfolgte sicher sehr genau die Sensormessungen, während er bereits seinen eigenen Bericht vorbereitete, der sich mit dem Aufbau des Schiffs, der Antriebsart, der Bewaffnung und allem möglichen anderen beschäftigen würde. La Forge würde diese neue Entdeckung genau in Augenschein nehmen und jeden Millimeter katalogisieren wollen, um Erkenntnisse über die fremdartige Technologie zu gewinnen.

»Es scheint ganz so, als müssten wir uns die Sache näher ansehen, nicht wahr, Nummer eins?« Picard sah den Ausdruck widerwilliger Zustimmung auf Worfs Gesicht und musste sich ein Lächeln verbeißen. »Schließlich könnte es ja sein, dass wir herausfinden, wem das Schiff gehört. Dann könnten wir es den Besitzern zurückgeben oder sie wenigstens wissen lassen, wo sie es abholen können.«

Wie erwartet, fing Worf sich sofort. »Da wir nicht wissen, was uns erwartet, schlage ich vor, dass zunächst ein kleines Außenteam hinüberbeamt, das wir schnell zurückholen können. Nur ich, Lieutenant Elfiki, Lieutenant Chen …« Eine Pause, kurz, aber wahrnehmbar. »Und Lieutenant Commander Taurik, Sir.«

Es war kein Wunder, dass Worf zögerte, wenn man bedachte, wie angespannt die Beziehung zwischen Picard und dem stellvertretenden Chefingenieur vor ein paar Wochen noch gewesen war. Im Großen und Ganzen war das Picards Schuld gewesen – Admiral Akaar hatte Taurik in eine schwierige Position gebracht, und Picard hatte wenig Nachsicht mit dem vulkanischen Offizier gezeigt. Die Enterprise hatte in Akaars Auftrag den Planeten Sralanya besucht, und im Zuge dessen hatte sich herausgestellt, dass die Vergangenheit der Menschheit auf unglückselige Weise mit der indigenen Bevölkerung Sralanyas, den Eizand, verwoben war. Vor mehr als dreihundert Jahren – in der Mitte des 21. Jahrhunderts, zur selben Zeit, als die Vulkanier Kontakt zu den Menschen aufgenommen hatten – waren sich auch die Menschen und die Eizand zum ersten Mal begegnet. Picard und seine Besatzung hatten eine Schlüsselrolle dabei gespielt, die schreckliche Wahrheit über dieses Zusammentreffen aus dem Halbdunkel der Geschichte herauszuschälen und ans Licht zu holen.

Akaar hatte Taurik auserkoren, ihn über die Bemühungen Picards und seiner Crew auf dem Laufenden zu halten. Der Vulkanier war auf dem Waffenschiff der Raqilan auf Informationen über zukünftige Ereignisse gestoßen – die Poklori gil dara war selbst in der falschen Zeit gewesen – und hatte mit seiner Diskretion Akaars Interesse geweckt. Es blieb abzuwarten, ob Akaar Taurik lediglich für die Mission auf Sralanya als »kommissarischen Mediator« eingesetzt hatte oder ob er davon ausging, dass die Enterprise hier draußen noch weitere zukunftsrelevante Entdeckungen machen würde. Die Art und Weise, auf die er Taurik in die Rolle eines Informanten gedrängt hatte, hatte Picard jedenfalls fuchsteufelswild gemacht – so sehr, dass er den vulkanischen Ingenieur schließlich seiner Pflichten enthoben und ihn unter Quartierarrest gestellt hatte. Im Nachhinein betrachtete er das als Fehler. Er hatte sich bei Taurik entschuldigt und ihm versichert, dass sie von nun an zusammenarbeiten würden, um durch die schwierigen Gewässer zu navigieren, die sie hier draußen vorfinden mochten – gleichgültig, ob die Probleme zukunftsrelevanter Natur sein würden oder nicht.

Aber die Tatsache, dass Tauriks Wissen für alles, was ihnen begegnete, Relevanz haben konnte, ließ sich nicht leugnen. Ihn mit ins Außenteam zu nehmen, war in jeder Hinsicht die richtige Entscheidung. Worf wusste das, ohne es zur Sprache bringen zu müssen.

»Stellen Sie Ihr Team zusammen«, befahl Picard. »Verfolgen Sie weiterhin die Messungen. In einer Stunde beamen Sie auf das Wrack hinüber.«

»Trotz der Schwierigkeiten mit unseren Sensoren sollte es keine Probleme mit den Transportern geben«, sagte Šmrhová. »Wahrscheinlich können wir ihre Reichweite nicht voll ausnutzen, das dürfte aber die einzige Beschränkung sein.«

»Wir müssen außerdem Raumanzüge tragen«, erklärte Elfiki. »Keine Lebenserhaltung da drüben.«

Worf sagte nichts, aber Picard hörte ihn knurren. Wieder zuckten seine Mundwinkel. Jeder an Bord wusste, wie sehr der Klingone es verabscheute, einen Raumanzug zu tragen. Die Sache wurde noch schlimmer, wenn er ohne Schwerkraft zurechtkommen musste.

»Tut mir leid, Nummer eins. Aber Sie müssen zugeben: Es war Ihre Idee.«

»Ich werde mich in Zukunft zurückhalten, Sir«, erwiderte Worf stoisch.

Amüsiert gab Picard noch ein paar Anweisungen, dann ging er auf die Tür seines Bereitschaftsraums zu. Erst auf dem Weg dorthin fiel ihm auf, dass Worf noch nicht im Turbolift verschwunden war, um sich seinen Vorbereitungen zu widmen. Stattdessen folgte er Picard.

»Gibt es noch etwas zu besprechen, Nummer eins?«

»Haben Sie einen Augenblick Zeit für mich, Sir?«, fragte Worf in gedämpftem Tonfall.

»Natürlich.« Picard betrat den Bereitschaftsraum und führte den Klingonen zu seinem Schreibtisch. Er setzte sich und deutete einladend auf die beiden Besuchersessel.

»Mister Worf?«, fragte er schließlich, nachdem ein Augenblick verstrichen war und sein Erster Offizier Platz genommen, aber noch nichts gesagt hatte. »Bedrückt Sie etwas?« Dann, bevor der Commander antworten konnte, fügte er in leichterem Tonfall hinzu: »Es geht nicht um die Raumanzüge, oder?«

»Nein, Sir.« Trotz der schroffen Antwort war es offensichtlich, dass der Klingone sich des Effekts bewusst war, den seine Abneigung gegen Schutzanzüge auf seine Kameraden hatte. »Ich möchte ein anderes Thema mit Ihnen diskutieren. Bisher habe ich es nicht als angemessen erachtet, es zur Sprache zu bringen.«

Es war nicht schwer zu erraten, worauf Worf hinauswollte. »Es geht um meine Situation, nicht wahr? Um den erzwungenen Rücktritt Zifes und meine Beteiligung daran.« Er seufzte. »Ich wollte schon früher mit Ihnen darüber reden, habe mir aber, um ehrlich zu sein, Sorgen gemacht, welche Wendung ein solches Gespräch nehmen könnte. Wenn man bedenkt, was Zife getan hat, welche Auswirkungen seine Machenschaften auf das Klingonische Reich hatten … Ich wusste einfach nicht, was ich Ihnen hätte sagen können.«

Worfs Gesichtsausdruck war undeutbar. »Damals glaubten wir alle bereitwillig, er hätte sich aus ebenjenen Gründen dazu entschlossen, sein Amt niederzulegen. Da ich mir über seinen Charakter im Klaren war, hätte ich wissen müssen, dass mehr dahintersteckte. Bedauern Sie die Rolle, die Sie bei seinem Sturz gespielt haben?«

»Ich bedauere, dass es dazu gekommen ist«, sagte Picard. »Recht und Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen … Das ist keine Entscheidung, die ich auf die leichte Schulter nehme, Mister Worf. Aber es standen so viele Leben auf dem Spiel. Wäre zwischen den Klingonen und der Föderation erneut Krieg ausgebrochen, hätte das zu schweren Verlusten auf beiden Seiten geführt. Deshalb erschien mir der Coup gegen Zife wie das geringere Übel. Ich wünschte jedoch, ich hätte vorhergesehen, dass andere Kräfte die Gelegenheit nutzen würden, um ihr Verständnis von Gerechtigkeit durchzusetzen. Im Nachhinein kommt es mir so offensichtlich vor.«

Er senkte den Blick und fuhr mit einer Hand über die glatte, glänzende Oberfläche seines Schreibtischs. »Den Frieden zwischen unseren Völkern gefährdet zu sehen, nachdem wir so hart dafür gearbeitet haben … Bedroht durch ein paar korrupte Individuen! Sie fragen mich, ob ich Bedauern empfinde. Ich bedauere, dass ich mich auf das Niveau dieser Leute hinabgelassen, mich ihrer Taktiken bedient habe, um eine Lösung herbeizuführen, von der ich im Innersten wusste, dass sie nur vorübergehender Natur sein konnte. Und ich bedauere, dass durch diese Entscheidung nun ebenjener Friede erneut in Gefahr geraten ist. Mir schaudert beim Gedanken daran, was das für einen Eindruck auf Ihr Volk machen muss. Ich habe sogar schon daran gedacht, Martok zu kontaktieren, um mit ihm persönlich darüber zu sprechen.«

Obwohl frühere Begegnungen mit Martok zumeist turbulent verlaufen waren, respektierte Picard das Oberhaupt des Hohen Rates. Dass der klingonische Kanzler Worf als Mitglied seiner eigenen Familie betrachtete, steigerte seine Wertschätzung noch. Sich an Martok zu wenden, war der ehrenhafte Weg, Picard fürchtete aber, dass er mit einem solchen Vorgehen den Föderationsrat und das Sternenflottenkommando weiter gegen sich aufbringen würde – die beiden Instanzen, die seinen Kopf rollen sehen wollten.

Worf richtete sich zu seiner vollen Größe auf. »Wäre Präsident Zife ein klingonischer Kanzler gewesen und hätte mit seinen verwerflichen Taten das Klingonische Reich entehrt, wäre er öffentlich zur Verantwortung gezogen und in der Großen Halle hingerichtet worden.«

Beinahe hätte Picard gegrinst, aber es gelang ihm, sich zurückzuhalten. »Wollen Sie damit sagen …«

»Durch die Absetzung Präsident Zifes haben Sie in den Augen der Klingonen ein Unrecht wiedergutgemacht. Ich bin überzeugt davon, dass Kanzler Martok Ihr Vorgehen als gerechtfertigt betrachtet.«

»Nun denn«, sagte Picard. »Wenn nur der Föderationsrat und das Sternenflottenkommando seine Meinung teilen würden …«

»Er wird sicher tun, was er kann, um den Verantwortlichen seine Sicht der Dinge nahezubringen.«

Da lächelte Picard doch. »Ich wünschte, ich könnte Akaars Gesicht sehen, wenn es so weit ist.«

KAPITEL 6


Die letzten Sonnenstrahlen verschwanden hinter dem Horizont, und Dunkelheit senkte sich über die Stadt. Dennoch schien Paris erst jetzt zum Leben zu erwachen. Phillipa Louvois stand vor der geschwungenen Fensterwand in ihrem geräumigen Büro im dritten Stock des Palais de la Concorde und blickte auf die Straßen der Stadt hinab. Bunte Lichter strahlten die Gebäude an und zeichneten Muster auf die Fassaden. Sie folgte einigen der beleuchteten Wege mit den Augen, bis sie die Avenue des Champs-Élysées gefunden hatte. Ein kleineres Fenster stand einen Spaltbreit offen, und Louvois konnte irgendwo in der Nähe Musik spielen hören. Vielleicht im Jardin des Tuileries, im Schlosspark beim Louvre … Unzählige Leute wanderten durch die Straßen, über Spazierwege und Fußgängerbrücken, die die verschiedenen Stadtteile und Parks miteinander verbanden.

Irgendein Festival, fiel Louvois ein. Müsste es nicht heute Abend losgehen? So eine Kunst- und Musiksache. Ach, Scheiße, welcher Tag ist heute?

Ein schwerer Seufzer entrang sich ihrer Brust. Sie war eine glühende Verehrerin der schönen Künste und hatte viele Sonntage in den Galerien verbracht, die über ganz Paris verstreut waren. Normalerweise hätte sie genau gewusst, was sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu ihrem Büro abspielte. Aber jetzt schien das alles so weit entfernt zu sein … In den letzten Wochen hatte ihre Arbeit sie mit Haut und Haaren verschlungen.

Es kommt schließlich auch nicht jeden Tag vor, dass sich einem die Gelegenheit bietet, Dutzende von Leuten auf einmal wegen krimineller Verschwörung anzuklagen.

Dieser zynische Gedanke veranlasste Louvois, sich nach ihrem Schreibtisch umzusehen, der ein Witz auf ihre Kosten hätte sein können: Padds stapelten sich darauf, isolineare Chips lagen um ihr Computerterminal herum verstreut, sogar ein paar ausgedruckte Berichte trugen zu dem Chaos bei. Papier! Es war der Tatsache geschuldet, dass sie es müde geworden war, stundenlang auf beleuchtete Bildschirme zu starren, sei es ihr Terminal, ein Padd oder der große Fernsehschirm, der rechts neben ihrem Schreibtisch an der Wand hing. Er war eingeschaltet und in vier gleich große Segmente unterteilt, von denen jedes einen anderen Nachrichtenkanal zeigte. Sie hatte den Ton ausgestellt. Das Gerät war darauf programmiert, sie im Fall wichtiger Entwicklungen zu alarmieren – was bedeutete, dass es ihr alle vier bis fünf Sekunden Eilmeldungen ankündigte. Den Ton auf »stumm« zu schalten, war ihrer geistigen Gesundheit zuträglich.

Louvois tat einen tiefen Atemzug und stieß ihn langsam wieder aus. Sie schloss die Augen und versuchte, sich eine innere Energiequelle vorzustellen, die sie bisher nur noch nicht erschlossen hatte. Es gelang ihr nicht. Sie war erschöpft, so einfach war das: Der kurze, unruhige Schlaf, den sie sich nach ihren langen, aufreibenden Arbeitstagen erlaubte, war einfach nicht genug. Sie brauchte eine Auszeit: wenigstens eine Nacht erholsamen Schlafes. Urlaub wäre besser, aber davon konnte sie im Augenblick nur träumen.

Resigniert wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Fenster zu. Es war jetzt so dunkel draußen, dass sie ihr Spiegelbild im gehärteten Glas erkennen konnte. Die Schatten unter ihren Augen waren tief, die Fältchen in den Augenwinkeln ausgeprägter, als sie sie in Erinnerung hatte. Ihr rotes Haar war so lang geworden, dass sie es zu einem Knoten aufstecken musste. An den Schläfen konnte sie die ersten Anzeichen dafür entdecken, dass es grau wurde. Sie war zweiundsechzig und wurde langsam zu alt dafür, solche Marathon-Wochen zu absolvieren. Früher, als sie noch eine junge Offizierin gewesen war und als Anwältin für die Juristische Abteilung der Sternenflotte auf Sternenbasis 11 gearbeitet hatte, hatten ihr Überstunden nie etwas ausgemacht. Eine Weile lang hatte sie ziviles Recht praktiziert, war dann jedoch zur Sternenflotte und zum Militärrecht zurückgekehrt. Ihre Belastbarkeit hatte ihr stets genützt und ihre Karriere befeuert. Ihr hektisches Leben hatte sich erst verlangsamt, nachdem sie aus der Sternenflotte ausgeschieden war. Die vergleichsweise ruhige Existenz, die auf den aktiven Dienst gefolgt war, hatte sie aber auf lange Sicht nicht zufriedengestellt, und bald hatte sie sich zurückgesehnt. Also hatte sie vor zehn Jahren angefangen, für das Justizministerium zu arbeiten. Ihr erstes Büro war winzig gewesen, so klein, dass man darin klaustrophobisch werden konnte. Aber sie hatte unermüdlich weiter danach gestrebt, hervorragende Leistungen auf ihrem Gebiet zu erbringen, hatte einen Beitrag leisten wollen auf die einzige Art und Weise, die sie kannte: indem sie die Rechtsstaatlichkeit verteidigte.

Dies, das wusste sie, war der Höhepunkt ihrer beruflichen Laufbahn: Mehr gab es nicht zu erreichen. Aber sie war damit zufrieden.

Urlaub hätte ich trotzdem gern.

»Frau Generalanwältin?«

Die Stimme durchbrach die vollkommene Stille in Louvois’ Büro. Vor Schreck zuckte sie zusammen. Wenigstens den erschrockenen Laut, der in ihrer Kehle aufstieg, schluckte sie hinunter, um sich nicht noch mehr zu blamieren. Dann drehte sie sich um.

Jason Anderson, ihr persönlicher Gehilfe, stand im Türrahmen. Trotz der späten Stunde war der maßgeschneiderte graue Anzug des jungen Mannes vollkommen makellos. Anderson war groß und schlank. Sein kurz geschnittenes blondes Haar saß perfekt, und Louvois konnte nicht einmal den Schatten eines Bartes erkennen, obwohl Andersons Arbeitstag noch früher begonnen hatte als ihr eigener.

Er muss mit dem Teufel im Bunde sein. Wie schafft er das sonst?

»Jason, habe ich Ihnen nicht gesagt, Sie sollen nach Hause gehen?« Louvois ging zu ihrem Schreibtisch hinüber. »Ist sonst noch jemand im Haus?« Wochenlang hatten sie alle achtzehn Stunden am Tag geschuftet, aber heute hatte Louvois ihren gesamten Stab am Nachmittag aus dem Gebäude gejagt und jeden Einzelnen angewiesen, erst am Montag zurückzukehren.

Richtig! Es ist Freitag!

Anderson war so gefasst und höflich wie immer. »Alle anderen sind ins Wochenende gegangen.«

»Und warum sind Sie noch hier?«

»Ich gehe mit Ihnen zusammen, Frau Generalanwältin.«

Der junge Mann war unerschütterlich. Vor zwei Jahren hatte er sein Studium an der juristischen Fakultät der Universität Oxford abgeschlossen und eine Reihe von Angeboten renommierter Anwaltskanzleien auf der Erde sowie auf anderen Mitgliedswelten der Föderation ausgeschlagen. Stattdessen hatte er sich um eine Stelle im Justizministerium der Föderation beworben. Louvois hatte das Amt gerade übertragen bekommen. Eine Assistentin hatte sie auf Andersons Schreiben aufmerksam gemacht, und Louvois war beeindruckt gewesen. Persönlicher Gehilfe der Generalanwältin – für einen frischgebackenen Absolventen der juristischen Fakultät war dies eine einmalige Gelegenheit, vergleichbar mit einer Stelle am Obersten Gerichtshof der Föderation. Anderson war der zuverlässigste, loyalste Gehilfe, den Louvois je gehabt hatte. Wenn er weiter so gute Arbeit leistete, würde er, bis Louvois ihr Amt an ihren Nachfolger übergab, einiges an Lorbeeren gesammelt haben.

»Wenn Sie schon meine Befehle missachten, könnten Sie mich wenigstens mit meinem Namen ansprechen, solange wir allein im Büro sind.«

»Wie Sie wünschen, Frau Generalanwältin«, sagte Anderson, ohne mit der Wimper zu zucken.

Dieses Spiel spielten sie nicht zum ersten Mal; Louvois hatte sich nicht die Mühe gemacht mitzuzählen. Anderson war so professionell wie engagiert. Als ihr Gehilfe verbrachte er mehr Zeit mit ihr als die anderen Mitglieder ihres Stabs. Mit ihm diskutierte sie juristische Probleme und durchaus auch heikle Angelegenheiten wie die, mit der Louvois und ihre Mitarbeiter seit Wochen befasst waren. Er war ihr Vertrauter und meistens (vielleicht immer) ihre rechte Hand. Er würde selbst ein ausgezeichneter Jurist werden – in nicht allzu ferner Zukunft, wenn er aus dem Schatten ihres Amtes heraustreten würde.

Louvois hob beide Hände, als wolle sie sich ergeben. »Schön, Sie haben gewonnen. Ich gehe.« Sie sah rasch die Stapel auf ihrem Schreibtisch durch, um zu entscheiden, was sie mit nach Hause nehmen würde.

»Das wäre mir in der Tat am liebsten«, sagte Anderson, »aber ich fürchte, es geht noch nicht. Admiral Akaar möchte mit Ihnen sprechen. In persona.«

Erstaunt ließ Louvois von den Informationsbergen ab und dachte darüber nach, was ein solches Gesuch bedeuten mochte. Der Admiral war sich des Zeitunterschieds zwischen San Francisco und Paris mit Sicherheit bewusst. Er hielt sich sonst immer an die üblichen Dienstzeiten – es sei denn, sein Anliegen duldete keinen Aufschub. Wenn jemand verstehen konnte, unter welchem Druck sie stand, war es Leonard James Akaar, der sich gegenwärtig denselben Herausforderungen gegenübersah.

»In persona? Na gut. Genehmigen Sie seinen Transport und verschwinden Sie dann … Solange Sie noch können!«

Sie glaubte, Anderson leise lachen zu hören, als er das Büro verließ.

Einen Moment später – nachdem ihr Gehilfe den Autorisierungscode übermittelt hatte, mit dem sich der Admiral direkt ins Palais beamen konnte – erklang das vertraute Geräusch eines Transporterstrahls. Auf der kleinen, im Boden versenkten Transporterplattform, die in einer Nische ihres Büros untergebracht war, materialisierte sich eine Energiesäule. Louvois sah zu, wie Admiral Akaar Gestalt annahm. Obwohl er, wenn man die Zeitrechnung der Erde zugrunde legte, bereits über hundertzwanzig Jahre alt war, bot der Capellaner noch immer einen imposanten Anblick. Die eng anliegende Sternenflottenuniform spannte ein wenig über seiner breiten Brust, und sein dichtes graues Haar fiel ihm bis auf die Schultern. Auch in den Augen seiner eigenen Spezies würde Akaar bald ein Mann höheren Alters sein; Louvois war jedoch überzeugt davon, dass er noch immer Kontrahenten schlagen konnte, die Jahrzehnte jünger waren als er.

»Admiral«, sagte sie, als er leibhaftig vor ihr stand.

Akaar neigte den Kopf. »Generalanwältin. Ich danke Ihnen, dass Sie mich so kurzfristig empfangen.«

»Ich bin nicht mehr im Dienst.« Louvois trat hinter ihrem Schreibtisch hervor und reichte ihm die Hand. »Nennen Sie mich Phillipa.«

Akaars strenges Gesicht nahm einen warmen Ausdruck an, als er ihre Hand ergriff. »Nur, wenn Sie mich Leonard nennen!«

»Abgemacht.« Louvois deutete auf die Bar, die an der hinteren Wand ihres Büros stand, in unmittelbarer Nähe eines Sofas, eines Couchtisches und zweier üppig gepolsterter Sessel. »Wie wär’s mit einem Drink?«

»Bloß einem?«

»Schauen wir mal, was die Zukunft für uns bereithält.«

Sie entschieden sich für Brandy. Mit seinem Glas in der Hand steuerte Akaar die Sitzecke an, wartete dann aber höflich, bis sie sich einen der Sessel ausgesucht hatte, ehe er sich auf dem Sofa niederließ.

»In Ordnung«, sagte Louvois, nachdem sie einen Schluck von ihrem Brandy genommen hatte. »Welcher Notfall hat Sie an einem Freitagabend nach Paris getrieben?«

Akaar lächelte. »In meinem Büro ist noch Freitagmorgen.«

»Und Sie trinken jetzt schon Brandy?«

»Es sieht ganz so aus, als stünde mir ein anstrengender Tag bevor.«

Louvois prostete ihm zu und lächelte humorlos. »Ich habe einiges gehört. Sie haben bestimmt alle Hände voll zu tun.«

»Admiral Ross ist heute Morgen auf der Erde eingetroffen.« Akaar starrte das Brandyglas an, das er auf seinem Knie abgestellt hatte. »Er ist auf Caldos II festgenommen worden … Nicht der erste in Ungnade gefallene Sternenflottenoffizier, der versucht hat, dort unterzutauchen.«

»Nein?«, fragte Louvois.

»Ich könnte Ihnen Geschichten erzählen … Vielleicht ein anderes Mal.« Er nahm einen kräftigen Schluck Brandy. »Nach allem, was wir über die Methoden von Sektion 31 wissen, war ich ehrlich gesagt überrascht, dass Ross noch am Leben ist. So viel, wie er weiß … Ich kann es mir nur so erklären: Die verfluchte KI, die den Laden geschmissen hat, ist offenbar zu dem Schluss gekommen, er könnte Sektion 31 noch nützlich sein. Und er muss klug genug gewesen sein, absolutes Stillschweigen zu bewahren.«

Louvois trank aus, stand auf und ging zur Bar hinüber, um sich nachzuschenken. Die Flasche nahm sie mit zurück und stellte sie auf den Couchtisch.

»Ross kann uns genau sagen, wie das abgelaufen ist.« Sie ließ sich wieder in ihren Sessel sinken und passte auf, ihren Drink nicht zu verschütten. »Ich kann es kaum erwarten, dieses Gespräch mit ihm zu führen.«

»Er wird sich in Kürze einer Befragung durch die Juristische Abteilung der Sternenflotte stellen müssen«, sagte Akaar. »Ich bin hier, um Sie einzuladen, wie bei den Verhören Jellicos, Nakamuras und Nechayevs beizusitzen. Wir haben das ja schon besprochen. Ich weiß, dass Sie noch dabei sind, die Prozesse vorzubereiten, und ich möchte, dass unser Vorgehen in der Sache so transparent wie möglich ist.«

Louvois nickte. »Das weiß ich zu schätzen, Leonard.«

Der Föderationsrat hatte beschlossen, dass das Justizministerium der Föderation die Strafverfolgung der Mitglieder von Sektion 31 überwachen würde – einschließlich aller Sternenflottenoffiziere. Angesichts der Schwere der Anschuldigungen und der Auswirkungen, die die Verbrechensaufklärung auf die gesamte Föderation, ihre Verbündeten und sogar ihre Feinde haben konnte, waren Louvois und ihr Stab am besten geeignet, die Strafverfahren gegen alle Angeklagten – Zivilisten sowie Sternenflottenangehörige – durchzuführen. Jedem Verdächtigen würde öffentlich der Prozess gemacht werden, und Louvois würde dafür sorgen, dass alles streng nach Vorschrift lief. Nichts würde sie dem Zufall überlassen, und keine einzige Verhandlung würde an einer Formalität scheitern. Eine andere Vorgehensweise war nicht denkbar, nicht bei einer Sache dieser Größenordnung. Es galt, alles zu vermeiden, was nach Vertuschung oder Verdunklung aussah. Sie konnten sich keine Fehler erlauben.

Akaar war von Anfang an zuvorkommend und kooperativ gewesen. Wie Louvois strebte er eine gründliche öffentliche Untersuchung an und wollte verhindern, dass der Eindruck von Befangenheit entstand.

»Der Sicherheitsdienst der Föderation und andere Exekutivorgane verhaften noch immer überall im Alpha- und Beta-Quadranten Mitglieder der Geheimorganisation«, sagte sie, »aber wir könnten bereits jetzt einen recht beeindruckenden Personenkreis zu der Angelegenheit befragen.« Sie nippte an ihrem zweiten Brandy. »Es sind ein paar leibhaftige Helden dabei, vielleicht sogar eine oder zwei Legenden. Sie haben beispiellose Errungenschaften vorzuweisen, haben Mal um Mal mit Mut die Werte der Föderation und der Sternenflotte beschützt … Aber das wird ihnen jetzt nichts helfen.« Sie gab sich keine Mühe, die Verachtung zu verbergen, die sie empfand. »Was für eine gottverdammte Verschwendung.«

Akaar legte den linken Arm auf die Rückenlehne des Sofas. »Sie werden nicht alle im gleichen Maße mit Sektion 31 im Bunde gewesen sein«, sagte er, »aber Genaueres werden wir erst wissen, wenn die Untersuchungen abgeschlossen sind. Das bedeutet allerdings nicht, dass irgendjemand ungeschoren davonkommen wird.«

»Wir haben längst noch nicht alle gefunden.« Louvois schwenkte ihr Glas und sah zu, wie der Brandy darin einen Wirbel bildete. »Wie viele haben sich falsche Identitäten zugelegt oder andere Maßnahmen ergriffen, um uns zu entwischen? Alynna Nechayev hatte allein auf der Erde vier verschiedene Verstecke. Und es ist gut möglich, dass es Geheimagenten gibt, die auf keiner Liste erscheinen.« Sie presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. »Egal. Niemand wird seiner gerechten Strafe entkommen.« Sie hob den Blick und sah Akaar ins Gesicht. »Niemand.«

Er hatte anscheinend erwartet, dass sie das Gespräch in diese Richtung lenken würde. Seine Miene war düster. »Picard«, sagte er.

»Picard.« Sie leerte ihr Glas und stellte es zwischen sich und ihn auf den niedrigen Tisch. »Sie müssen ihn zur Erde zurückbeordern.«

»Er braucht acht Wochen für den Rückflug, Phillipa.«

»Dann sollte er sich wohl besser auf den Weg machen.«

Akaar runzelte die Stirn. »Auch ich glaube, dass Picard für seine Taten geradestehen muss«, sagte er dann. »Aber er war kein Agent von Sektion 31. Er wusste nichts davon, was die Organisation mit Zife und den anderen gemacht hat.«

»Wir werden sehen. Wenn alles vorbei ist, wissen wir es genau.«

Akaar stellte sein Glas neben ihres – er hatte seinen Brandy nicht ausgetrunken – und verlagerte seine Position, sodass er ihr nun direkt gegenübersaß. »Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass er mit diesen Leuten unter einer Decke gesteckt hat? Dass er hinter den Kulissen gewirkt, klammheimlich Föderations- und Sternenflottenpolitik beeinflusst und niemand anderem als diesen Kriminellen Rede und Antwort gestanden hat? Wir sprechen hier von Jean-Luc Picard. Sie wissen so gut wie ich, dass er sich nie dafür hergegeben hätte. Wie viel hat er für unsere Ideale geopfert, während andere Lippenbekenntnisse abgegeben oder sogar versucht haben, sie auszuhöhlen? Das ist der Mann, der dem Sternenflottenkommando die Stirn geboten und im Zuge der Ba’ku-Affäre seine Karriere aufs Spiel gesetzt hat. Und was er mit den Borg durchgemacht hat – davon will ich gar nicht anfangen.«

»All das ist mir bewusst«, sagte Louvois, »und ich weiß es zu schätzen.«

Allein die Vorstellung, dass Picard willentlich eine Gruppierung wie Sektion 31 unterstützen könnte, war lächerlich, davon war Louvois überzeugt. Sie konnte jedoch nicht zulassen, dass persönliche Gefühle sie in der Ausübung der ihr auferlegten Pflicht behinderten. Akaar würde sich das ebenfalls nicht erlauben, aber das bedeutete nicht, dass er – oder sie – gegen solche Gefühle gefeit waren.

»Sie waren doch sicher genauso erschüttert wie ich, seinen Namen auf der Liste zu sehen«, sagte sie. »Ich kenne den Mann seit über dreißig Jahren … Und noch bevor ich ihm das erste Mal begegnet bin, war seine Reputation bereits ausgezeichnet.«

Akaar stützte die Ellenbogen auf die Knie und lehnte sich ihr entgegen. »Dann wissen Sie, dass er ein ehrenwerter Mann ist.«

»Und dennoch haben Sie ihn abgekanzelt, als Sie von seiner Beteiligung an der Absetzung Zifes erfahren haben«, hielt Louvois dagegen.

»Natürlich habe ich das!« Akaar stieß die Worte zwischen den Zähnen hervor. »Er war in einen Staatsstreich involviert! Ein ordnungsgemäß gewählter Föderationspräsident, mit Waffengewalt aus dem Amt gedrängt … Das konnte ich nicht ignorieren. Und ja, es ist unsere Pflicht, ihn vor Gericht zu zerren und alles in unserer Macht Stehende zu tun, um die Wahrheit ans Licht zu bringen, sodass der Gerechtigkeit Genüge getan wird. Aber, Phillipa … Wenn ich wirklich glauben würde, dass Picard unseres Vertrauens nicht mehr würdig wäre, dass wir uns in der Stunde der Not nicht auf ihn verlassen könnten, hätte ich bereits seinem Ersten Offizier das Kommando über die Enterprise gegeben und ihn angewiesen, augenblicklich zur Erde zurückzukehren.«

Er sah sie beinahe vorwurfsvoll an. »Ich weiß von Ihrer komplizierten Beziehung zu Picard. Sie haben die Anklage wegen des Verlusts der Stargazer gegen ihn geführt, und dennoch sind Sie beide Freunde geworden. Sie respektieren und schätzen einander, selbst wenn Sie in einem Konflikt nicht auf derselben Seite stehen. Ich glaube, wenn Sie Zweifel an Picards Integrität hätten – echte Zweifel –, hätten Sie seine Rückkehr schon vor drei Wochen gefordert.«

Er hat recht. Das mag mir nicht schmecken, aber es stimmt.

»Wenn ein Mann wie Picard eine solche Entscheidung trifft«, fuhr Akaar fort, »wenn er gegen seine Überzeugungen verstößt, kann man sich sicher sein, dass er darunter leidet. Ich gehe davon aus, dass er immer noch damit ringt. Dass die Sache ihn verfolgt.« Er lehnte sich zurück. »Und die Wahrheit ist doch die: Wir können nicht gutheißen, welcher Methoden Picard und die anderen sich bedient haben, aber es ist glasklar, dass sie das Richtige getan haben. Um unser aller willen.«

»Es spielt aber keine Rolle, wie wir die Sache sehen, Leonard!«, fuhr Louvois ihn an. Sie sprang auf und begann, unruhig in ihrem Büro auf und ab zu gehen. »Es ist meine Aufgabe, die Gesetze der Föderation aufrechtzuerhalten, so wie es Ihre ist, gegen all jene vorzugehen, die sie brechen, die unsere Lebensweise bedrohen – ob nun von außen oder von innen heraus! Wir können nicht handeln, als hätten wir gar nichts aus dem Leyton-Skandal gelernt.«

James Leyton.

Der Name hallte bei jedem Schritt in ihrem Kopf wider. Leyton, ein ehemaliger Vice Admiral, war in den Monaten vor dem Dominion-Krieg Chef der Einsatzplanung der Sternenflotte gewesen. Es war eine Zeit großer Unsicherheit gewesen: Die Föderation und mit ihr der gesamte Alpha-Quadrant hatten die Gefahr unterschätzt, die das Dominion darstellte. Leyton hatte versucht, die Sternenflotte davon zu überzeugen, radikale Schutzmaßnahmen zu ergreifen und sich auf den Krieg vorzubereiten, den er vorhergesehen hatte. Er hatte Fürsprecher sowohl im Sternenflottenkommando als auch in der Föderationsregierung gefunden, aber es war ihm nicht gelungen, Präsident Jaresh-Inyo von seiner Sache zu überzeugen.

Leyton hatte geglaubt, für das Wohl der Föderation handeln zu müssen. Also hatte er einen Plan gesponnen, der auf Manipulation und Täuschung beruhte. Er hatte die Elitetruppe »Red Squad« – Kadetten der Sternenflottenakademie! – eingesetzt, um das Energienetz der Erde zu sabotieren. Sein Ziel war es gewesen, Angst vor dem Dominion zu schüren, besonders vor einer Gruppe Wechselbälger, die die Erde infiltriert und wichtige Schlüsselpositionen besetzt hatten. Dieser Schachzug hatte ihm endlich dazu verholfen, Jaresh-Inyo dazu zu bringen, weltweit das Kriegsrecht zu verhängen. Durch eine raffinierte List hatte er es außerdem so aussehen lassen, als würde das Dominion getarnte Schiffe aus dem Gamma-Quadranten durch das bajoranische Wurmloch schicken, um die Erde anzugreifen. Indem er das getan hatte, hatte er einen Putsch vorbereiten können, um Jaresh-Inyo zu entmachten und eine Militärdiktatur unter seiner eigenen Führung auszurufen, bis die Gefahr durch das Dominion gebannt war.

Und wo war Leyton jetzt? Louvois hatte keine Ahnung. Der ehemalige Admiral hatte eine Haftstrafe von fünf Jahren in der Strafkolonie der Föderation auf Neuseeland abgesessen, aber danach war er … verschwunden. Er hatte Interviewanfragen von Journalisten, Historikern und Möchtegern-Biografen abgelehnt. Louvois, die seine persönliche Geschichte so gut kannte, hatte es stutzig gemacht, dass sein Name in Bezug auf die Affäre um Sektion 31 nirgendwo auftauchte. Hatte er wirklich nie mit der Geheimorganisation zu tun gehabt? Sie würde einen ihrer Assistenten darauf ansetzen müssen, Leyton aufzuspüren.

»Leyton und seine Anhänger haben sich nicht in dem Dominion getäuscht«, sagte Akaar, »aber was Leyton getan hat, war abscheulich und selbstgerecht. Sie können ihn nicht mit Picard vergleichen.«

Louvois machte Anstalten zu protestieren, aber Akaar gab ihr keine Gelegenheit dazu. »Ich will nur sagen, dass sich nicht jeder, der an Zifes Amtsenthebung beteiligt war, im gleichen Maß schuldig gemacht hat. Trotz aller Dringlichkeit, Gerechtigkeit walten zu lassen … Wir müssen dafür sorgen, dass die Strafe dem Vergehen angemessen ist.«

Louvois nickte, unterbrach ihre rastlose Wanderung und starrte ins Nichts. »Ich stimme Ihnen voll und ganz zu, Leonard. Aber wir können diese Abstufungen nicht vornehmen, wenn wir nicht die nötige Vorarbeit leisten. Wir müssen unermüdlich nach der Wahrheit suchen. Wir müssen jedes juristische Mittel nutzen, das uns zur Verfügung steht, mit dem vorhandenen Licht jede dunkle Ecke ausleuchten, damit niemand sich darin verbergen kann. Bis hin zur letzten traurigen, bitteren Tatsache muss alles auf den Tisch kommen, weithin sichtbar für das ganze Universum … Oder wir werden für immer befürchten, dass sich so etwas wiederholen könnte.«

Sie wandte sich zu Akaar um. »Der Föderationsrat hat mir diese Aufgabe übertragen, aber ohne Ihre Hilfe werde ich daran scheitern. Kann ich auf Sie zählen, Leonard? Kann ich darauf vertrauen, dass Sie objektiv an die Sache herangehen? Es ist eine schwere Last, das weiß ich wohl, aber sie muss geschultert werden. Sind Sie willens, der Wahrheit zuliebe Ihre persönlichen Befindlichkeiten und Loyalitäten außen vor zu lassen, koste es, was es wolle?«

Der Admiral erhob sich und kam zu ihr herüber. Er streckte ihr seine Hand entgegen. »Sie können sich voll auf mich verlassen, Phillipa. Packen wir’s an.«

KAPITEL 7


T’Ryssa Chen lächelte bereits, während noch das flirrende Licht des Transporterstrahls um sie herum erlosch.

Die Umgebung, in der sie materialisierten, war in Dunkelheit getaucht, das einzige Licht schien von den Leuchten an den Raumanzügen auszugehen. Dann entdeckte Chen hier und da ein schwaches Glimmen, Gruppierungen kleiner bunter Punkte, die auf Arbeitsstationen und verschiedenartigen Geräten glühten. Sie drehte sich einmal im Kreis und ließ die Lichtstrahlen ihrer Anzugleuchten durch den Raum wandern. Sie strichen über die anderen Mitglieder des Außenteams und über Konsolen, die sich an den Wänden aufreihten. Wozu waren sie da? Welche Bordsysteme überwachten sie? Über die Decke zogen sich Leitungen, ja, offenbar sogar Lüftungskanäle. Eine große dunkle Kugel hing in der Mitte des Raumes über ihren Köpfen. Sie hatte mehr als ein Dutzend Löcher, in die vielleicht Lampen eingesetzt waren.

Du bist seit zehn Sekunden hier und schon total überreizt.

»Ich kann sehen, dass Sie wie ein Honigkuchenpferd grinsen, Lieutenant Chen«, sagte Dina Elfiki. Ihre Stimme drang gedämpft aus dem Lautsprecher in Chens Helm. »Ihre Zähne reflektieren die Helmbeleuchtung!«

»Kann ich was dafür, dass ich so begeisterungsfähig bin?« Sie konnte spüren, wie ihr Lächeln noch in die Breite wuchs, während sie sich weiter umsah. Zusammen mit Elfiki, Worf, Lieutenant Commander Taurik und Lieutenant Rennan Konya gehörte sie zum ersten Außenteam, das das fremde Schiffswrack besuchte!

Seit sie auf der Enterprise als Kontaktspezialistin diente, hatte sie an etlichen Außenmissionen teilgenommen und war bei vielen ersten Treffen mit Angehörigen neu entdeckter Zivilisationen dabei gewesen. Aber egal wie oft sie schon Mitglied eines Außenteams gewesen war – wenn es wieder losging, gab ihr das jedes Mal einen Kick. Immerhin war sie deswegen der Sternenflotte beigetreten! Da sie auf der Enterprise stationiert war, bekam sie häufig Gelegenheit, solche Einsätze mitzumachen. Als Kadettin an der Sternenflottenakademie hatte sie Sach- und frei zugängliche Logbücher verschlungen, in denen Missionen von Schiffen wie der Enterprise beschrieben wurden – Missionen, die die Erforschung des Weltraums vorangebracht hatten. Dass sie nun zur Besatzung eines solchen Raumschiffs gehörte, dass sie an jenem Wunder teilhaben durfte, für das sie nur die einfachsten Worte fand (»das Wunder, nachsehen zu können, was da draußen ist«), würde nie aufhören, sie in Entzücken zu versetzen.

»Außenteam an Enterprise«, sagte Worf. Er war ein paar Schritte vorausgegangen, sodass die Arbeitsleuchten seines Raumanzugs nun den Bereich vor ihnen erhellten. »Wir sind ohne Zwischenfälle angekommen.«

»Die Sensoren haben nach dem Transport weder eine Veränderung des Kurses noch des Verteidigungsstatus festgestellt«, sagte Captain Picard. Seine Stimme hörte sich leise und sehr weit entfernt an.

»Wie die Scans vermuten ließen, gibt es im Schiff keine künstliche Atmosphäre und keine Schwerkraft. Die Lichter sind nach wie vor deaktiviert. Unsere Ankunft scheint keine Reaktion hervorgerufen zu haben.«

Trotz ihrer gespannten Erwartung hatte Chen, wie alle anderen auch, während des Beamvorgangs den Atem angehalten und halb damit gerechnet, dass irgendein automatisiertes Abwehrsystem anspringen würde, noch bevor sie gänzlich Gestalt angenommen hatte. Glücklicherweise war nichts dergleichen geschehen. Zumindest bis jetzt noch nicht.

»Halten Sie uns auf dem Laufenden, Nummer eins«, sagte der Captain durch die Helmlautsprecher. »Picard Ende.«

Die Mitglieder des Außenteams richteten ihre ungeteilte Aufmerksamkeit wieder auf ihre Umgebung. Elfiki hatte bereits ihren Trikorder gezückt und bewegte sich damit durch den Raum. »Wie unsere Scans vermuten ließen, scheint dies eine Art zentralisierter Arbeitsbereich in Vordersektion Nummer eins zu sein, Commander«, berichtete sie.

Bevor das Außenteam aufgebrochen war, war das Schiff in Bereiche aufgeteilt worden, um es Worf und seinem Team leichter zu machen, sich darin zurechtzufinden. »Vordersektion Nummer eins« oder »VS-1« war die Bezeichnung für den untersten Fortsatz, die beiden anderen, die jeweils im Neunzig-Grad-Winkel zu VS-1 hervorragten (wenn man das Schiff aus der Perspektive eines direkten Gegenübers betrachtete), waren VS-2 und VS-3.

»In den Wänden, im Boden und in der Decke befinden sich Schnittstellen zur Energieverwaltung«, fügte Elfiki hinzu. »Es könnten auch Hardware- oder Maschinenschnittstellen sein.« Sie deutete vor sich in die Finsternis. »Da vorne gibt es einen Ausgang. Unseren Scans zufolge führt er auf einen zentralen Korridor, der VS-1 ganz durchläuft. Von dort aus sollten wir überall hinkommen können.«

»Fällt noch jemandem auf, wie sauber hier alles ist?«, fragte Chen. »Dafür, dass das Schiff seit Jahrzehnten, vielleicht sogar seit Jahrhunderten durchs All treibt, fehlt es entschieden an Staub. Auf keiner Oberfläche liegt welcher, und es schwebt nicht ein Körnchen im Vakuum. Aber wenn jemand an Bord war, wenn die Mannschaft das Schiff verlassen hat, ehe das Lebenserhaltungssystem versagt hat, müsste doch etwas zurückgeblieben sein. Staub, Schmutz, irgendwas …«

»Vielleicht funktionieren die Luftfilter noch«, sagte Elfiki.

Chen warf ihr einen zweifelnden Blick zu, und die Wissenschaftsoffizierin zuckte mit den Schultern. »Wir haben schon Merkwürdigeres gesehen.«

Das konnte Chen nicht leugnen.

Dann sagte Tauriks Stimme aus ihrem Helmlautsprecher: »Commander Worf, das sollten Sie sich vielleicht ansehen.«

Der stellvertretende Chefingenieur stand mit Lieutenant Konya zusammen vor einer der Konsolen an der Wand. Die vielen verschiedenen Anzeigen und, wie Chen glaubte, berührungsempfindlichen Bedienelemente waren ihr auf den ersten Blick natürlich fremd – aber es kam ihr so vor, als könne sie jetzt schon eine gewisse Logik im Aufbau erkennen. Konya hatte neben der Konsole Stellung bezogen und hielt sein Phasergewehr vor der Brust, den Lauf zur Decke gerichtet. Taurik hatte seinen Trikorder aus der Tasche an seinem linken Oberschenkel gezogen und scannte die Konsole.

»Dies ist die einzige Station im ganzen Raum, die noch in Betrieb ist«, sagte er. »Wenn meine Daten korrekt sind, überwacht sie die Umweltkontrolle des gesamten Abschnitts.« Er führte den Trikorder an der Unterkante der Arbeitsstation entlang, hielt inne, betrachtete einen Augenblick lang die Anzeige und fasste dann mit der freien Hand unter die Konsole. Chen beobachtete fasziniert, wie aus einem waagerechten Schlitz an der Wand eine Art Platte herausglitt.

»Ist das etwa ein Sitz?«, fragte sie.

»Das würde bedeuten, dass jemand – oder etwas – diese Konsole bedienen sollte«, stellte Konya fest.

»Zumindest zu einem bestimmten Zeitpunkt«, sagte Elfiki. »Vielleicht vor dem Start. Oder vielleicht hätte jemand hier Platz genommen, wenn das Schiff sein eigentliches Ziel erreicht hätte.«

»Eigentlich kann das Riesending bloß eine Art Weltraumhabitat sein«, sagte Chen. »Oder sogar ein Kolonieschiff … Aber wenn es ein Habitat ist, warum treibt es dann hier draußen mitten im Nirgendwo herum, ohne Verbindung zu seiner Heimatwelt oder irgendeine andere Form der Unterstützung? Und wenn es ein Kolonieschiff ist und eine große Gruppe zu irgendeinem Planeten bringen sollte – wo sind die Leute dann?«

»Um das herauszufinden, sind wir hier«, brummte Worf. »Commander Taurik, können Sie von dieser Station aus auf den Hauptcomputer des Schiffs zugreifen?«

»Möglicherweise«, antwortete der vulkanische Ingenieur. »Eine Verbindung zum Computer der Enterprise würde es erleichtern, eine Übersetzungsmatrix zu erstellen, aber unseren Scans zufolge ist das System stark verschlüsselt. Höchstwahrscheinlich gibt es Sicherheitsvorkehrungen, die unautorisierten Zugriff verhindern sollen, und bevor wir nicht mehr darüber wissen, kann ich nicht einschätzen, wie groß die Gefahr für unser Computersystem wäre.« Er tippte ein Bedienelement seines Trikorders an. »Vielleicht kann ich den hier zwischenschalten. Das würde das Risiko deutlich verringern. Allerdings wird es die gesamte Verarbeitungskapazität des Trikorders beanspruchen.«

»Nehmen Sie meinen«, sagte Worf und hielt dem Ingenieur seinen Trikorder hin. »Die Enterprise kann den Prozess aus der Ferne überwachen.«

Taurik zog einen kleinen Haftstreifen aus einer anderen Tasche und klebte ihn auf die Rückseite von Worfs Trikorder. Dann brachte er das Gerät an der Konsole an und stellte es so ein, dass es einen ununterbrochenen passiven Scan durchführte. Chen sah, wie fremdartige Schrift, die sie nicht entziffern konnte, über den Bildschirm zu laufen begann.

»Um die Erstellung einer Übersetzungsmatrix zu befördern«, erklärte Taurik, »habe ich dem Trikorder Zugriff auf den Bibliothekscomputer der Enterprise gegeben. Allerdings verbindet er den Bibliothekscomputer nicht mit diesem Computer. Wenn der Schiffscomputer von sich aus versucht, eine Verbindung zum Computer der Enterprise herzustellen, fährt sich der Trikorder herunter.«

»Gut«, sagte Worf. »Der ganze Prozess wird vermutlich eine Weile dauern … Wir sollten die Zeit nutzen und uns in dieser Sektion weiter umsehen.« Er hatte die Ergebnisse der Scans, die vor dem Aufbruch des Außenteams gemacht worden waren, sorgfältig studiert und erinnerte sich an eine Art Halle am Ende dieses Fortsatzes, die über einen großen externen Zugang verfügte. Das konnte eine Luftschleuse sein, vielleicht sogar ein Hangar. Offenbar gab es zwei weitere solche Bereiche im Schiff. Rettungskapseln schien es keine zu geben, aber die drei Hallen schienen je eine Ansammlung kleinerer Schiffe zu enthalten.

»Ich würde gern bleiben«, sagte Elfiki, »und mir die übrigen Geräte näher anschauen. Immerhin vermuten wir hier die Hauptkontrollzentrale für VS-1. Vielleicht kann ich Hinweise darauf finden, wohin die Crew verschwunden ist.«

Worf war einverstanden. Er wies Lieutenant Konya an, Elfiki nicht von der Seite zu weichen, und ging dann mit Taurik und Chen weiter. Wie der Raum, aus dem sie kamen, erwies sich der breite Korridor mit seinen geschwungenen Wänden und der hohen Decke als eine Mischung aus Funktionalität und Formästhetik. Hier und da kamen sie an Kreuzungen vorbei. Verschiedene Anzeigetafeln und Zugangsklappen waren in die Wände des Korridors eingelassen; alle waren inaktiv. Auch hier hingen Kugeln von der Decke. Soweit Chen beurteilen konnte, waren sie identisch mit der Kugel im Kontrollraum.

Sie zeigte zu einer hinauf. »Bitte sagen Sie mir, dass diese Dinger nicht zu irgendeinem Abwehrsystem gehören!«

»Der Trikorder erkennt Emitterphalangen, aber das Material, aus dem das Äußere der Kugel besteht, verhindert gründlichere Scans«, erwiderte Taurik.

»Das war nicht die Antwort, die ich hören wollte, Taurik!« Chen richtete ihren eigenen Trikorder auf die nächste Kugel. Sie runzelte die Stirn, als sie die unklaren Ergebnisse ihrer Scans sah. Mit einem leisen, gereizten Knurren drückte sie auf den Bedienelementen des Geräts herum.

»Gibt es ein Problem, Lieutenant?«, fragte Worf.

»Ich bin nicht sicher, Sir.« Sie hielt ihren Trikorder hoch. »In diesem Teil des Schiffs tritt eine neue Art der Interferenz auf. Als wir uns materialisiert haben, war sie noch nicht zu bemerken, aber sie scheint stärker zu werden, je weiter wir vordringen.«

Taurik beschäftigte sich einen Moment lang mit seinem eigenen Trikorder. »Ich habe die Scanfrequenz modifiziert. So kann ich die Störung zwar nicht herausfiltern, aber vermindern, und wir können unsere Trikorder weiterhin benutzen.«

»Informieren Sie mich über jede Veränderung«, befahl Worf. In seiner Stimme schwang Besorgnis mit. Chen wusste, dass der Erste Offizier Überraschungen nicht leiden konnte – noch weniger mochte er es, wenn sich irgendetwas nicht erklären ließ. Das war eine Charaktereigenschaft, die sie mit ihm teilte, obwohl sie dazu neigte, ungelöste Rätsel als Herausforderungen und nicht als potenzielle Bedrohungen zu sehen. Allerdings hatte sie in ihrer Zeit auf der Enterprise gelernt, wie nützlich es sein konnte, ein Problem aus verschiedenen Richtungen anzugehen. Manchmal konnte es einem den Hals retten.

Besonders, wenn man grundsätzlich ein bisschen zu wagemutig ist und durch ein mysteriöses fremdes Raumschiff irrt.

Der Korridor endete vor einer großen runden Tür, die bündig in die Wand eingelassen war. Chen richtete die Arbeitslampen in ihrem Anzug auf die polierte Oberfläche und konnte nicht umhin zu bemerken, dass auch sie glänzte und funkelte, als sei sie brandneu. Sie legte ihre behandschuhte Hand auf das Metall und fuhr mit den Fingerspitzen über die kaum wahrnehmbaren Fugen zwischen Tür und Wand. Durch die Tür selbst zogen sich ebenfalls Linien, sie bildeten ein X. Wenn die Tür sich öffnete, teilte sie sich vermutlich in vier identische Dreiecke, die in der Wand versanken …

»Ein bisschen groß für einen normalen Durchgang«, sagte sie. »Könnte für Nutzfahrzeuge gedacht sein. Oder für Maschinen zum Be- und Entladen?«

»Eine logische Schlussfolgerung«, sagte Taurik. Er richtete seinen Trikorder auf die Tür. »Keine Kraftfeldemitter – die Tür scheint magnetisch verriegelt zu sein. Vermutlich muss eine Druckentlastung vorgenommen werden, ehe sie geöffnet werden kann.«

Worf betrachtete ihn. »Kriegen Sie sie auf?«

»Ich glaube schon, Commander.«

Taurik griff in die große Tasche am linken Oberschenkel seines Raumanzuges und fischte einen rechteckigen Gegenstand etwa in der Größe seiner Hand daraus hervor, den Chen als einen P-38 erkannte. Das Gerät gehörte in den Werkzeugkasten eines jeden guten Ingenieurs: Es diente dazu, magnetisch versiegelte Türen und Abdeckungen zu manipulieren und zu öffnen. Mit sparsamen, geübten Handgriffen brachte Taurik den P-38 an der Metalltür an, direkt über der Stelle, an der die Fugen zum Mittelpunkt des X zusammenliefen. Dann betätigte er eine Taste. Im Vakuum gab es natürlich kein Geräusch, aber Chen bildete sich ein, ein leises metallisches Klicken zu spüren, als die magnetische Versiegelung nachgab. Die Fugen zwischen den Türsegmenten verbreiterten sich.

»Da haben wir’s doch!«, sagte sie. »Gute Arbeit.«

Taurik löste den P-38 von der Tür und steckte ihn wieder ein. »Das Gerät hat erwartungsgemäß funktioniert«, sagte er.

Chen lachte leise. »Immer so bescheiden!«

Gemeinsam gelang es Worf und Taurik, den Abstand zwischen den vier Segmenten so weit zu vergrößern, dass sie eine Kante in den Griff bekamen. Dann stemmten sie die Tür mit roher Gewalt auf. Sie drückten das untere Segment in den Boden; gleichzeitig hob sich das obere. Es dauerte nicht lange, eine Öffnung zu schaffen, die groß genug war, um hindurchzusteigen. Worf ging als Erster und richtete das Licht der Leuchte an seinem Handgelenk nach vorne aus.

»Eindeutig ein Hangar«, sagte er.

Er machte ein paar Schritte in den Raum hinein. Taurik folgte ihm, und Chen bildete das Schlusslicht. Der Hangar war riesig. Chens Blick wanderte an den schier endlosen Wänden empor und tastete über die gewölbte Decke. In der Höhe sah sie Stege und Beobachtungsstationen hinter transparenten Barrieren. Auf der gegenüberliegenden Seite des Hangars gab es eine große Öffnung, durch die man ungehindert ins All schauen konnte.

»Damit wäre geklärt, warum die Tür verriegelt war«, sagte Chen.

Der größte Teil des Hangardecks wurde von Dutzenden kleiner Transportschiffe eingenommen, die ordentliche Reihen bildeten und – wie alles andere – aussahen, als seien sie gerade gewaschen und poliert worden. Sie waren etwa halb so lang wie ein Standardshuttle der Sternenflotte. Zwiebelförmige Nasen wuchsen aus klotzigen, utilitaristischen Rümpfen hervor. Die kleinen Schiffe wirkten, als würden sie auf ihren dreiteiligen Fahrgestellen kauern. Am hinteren Ende hatten sie jeweils zwei große Triebwerke, kleinere waren an verschiedenen Stellen entlang der Rümpfe angebracht. Die Hüllen bestanden aus einem dunklen, gefleckten Metall und waren mit verschiedenen Kennzeichnungen und Symbolen versehen, die Chen an die fremdartige Schrift erinnerten, die im Kontrollraum über Worfs Trikorderbildschirm gelaufen war. Zwei ovale Fenster, die von außen undurchsichtig zu sein schienen, dominierten die Front, und mittschiffs gab es sowohl auf der Steuerbord- als auch auf der Backbordseite Einstiegsluken.

Chen scannte das Shuttle, das ihr am nächsten war. »Magnetische Halterungen in den Fahrgestellen fixieren sie auf dem Deck«, berichtete sie. »Die Schiffe sind offenbar nicht mit Überlichtantrieben ausgestattet, aber im hinteren Teil, direkt vor den Haupttriebwerken, gibt es eine große Energiequelle. Die Dinger sind eindeutig für Kurzstreckenflüge gedacht.«

»Das Mutterschiff ist vermutlich zu groß, um auf einem Planeten zu landen«, sagte Taurik, »und bis jetzt haben wir keinen Hinweis darauf gefunden, dass die Erbauer über Transportertechnologie verfügten. Es ist daher wahrscheinlich, dass es sich bei den kleinen Schiffen um Fähren handelt, die Passagiere vom Mutterschiff auf eine Planetenoberfläche hinabbringen können.«

»Okay, helfen Sie mir mal«, sagte Chen. Sie versuchte verzweifelt, Teile eines Puzzles zusammenzufügen, die nicht zusammenpassen wollten. »Jemand baut ein Raumschiff, groß genug, um Tausende aufzunehmen. Entweder kommen die Leute nie an Bord, oder sie waren an Bord, haben aber aus irgendeinem Grund entschieden, das Schiff zu verlassen. Wenn die zweite Annahme stimmt, verstehe ich ja, dass sie die Hintertür haben offen stehen lassen … Sie waren vielleicht in Eile. Aber sonst? Einen ganzen Hangar voller Schiffe ungeschützt dem Weltraum auszusetzen, ist eine merkwürdige Entscheidung, finde ich. Schiffe, die bloß gut für kleine Ausflüge sind … Das ergibt doch alles keinen Sinn!«

Ohne auf Anweisungen zu warten, näherte Taurik sich dem offenen Hangartor und den Sternen dahinter. Er streckte den Trikorder aus. »An der Außenhülle des Schiffs befindet sich ein beschädigtes Bedienfeld, ganz in der Nähe des Tors. Über das Feld ließ sich der Verriegelungsmechanismus für das Tor manuell steuern. Offenbar wurde es manipuliert, um das Tor von außen zu öffnen.«

»So wie wir die innere Tür geöffnet haben?«, fragte Chen.

»Nein«, antwortete Taurik. »Die Methode war deutlich kruder, jedoch effektiv.« Er betrachtete die Messwerte auf seinem Trikorder. »Es sieht außerdem so aus, als sei der Mechanismus erst vor Kurzem beschädigt worden.«

Worf starrte den Ingenieur an. Trotz seines Helms erkannte Chen deutlich den alarmierten Ausdruck auf seinem Gesicht. »Vor Kurzem? Was bedeutet das genau?«

»Innerhalb der letzten sechs Stunden, Commander«, sagte Taurik.

»Jemand hat die Tür aufgebrochen, kurz bevor wir hergekommen sind?« Die Vorstellung machte Chen nervös. »Hier draußen, mitten im Nirgendwo? Wer?« Ihr war klar, dass Taurik auf diese Frage unmöglich eine Antwort haben konnte, aber es war ihr lieber, sie laut auszusprechen, als still darüber zu grübeln.

»Von der Tür zum Hangar abgesehen«, sagte Worf grollend, »kann man diesen Sektor noch auf anderen Wegen betreten?«

»Unsere Scans zeigen zwei weitere große und drei kleinere Türen«, sagte Taurik.

»Worf an Elfiki und Konya. Hören Sie zu?« Worf klang angespannt. Noch während er sprach, drehte er sich einmal im Kreis und sah sich aufmerksam zwischen den kleinen Schiffen um. Natürlich war das der Grund, aus dem er Raumanzüge verabscheute: Er hatte die scharfen Sinne eines Kriegers, aber der Anzug behinderte ihn. Chen konnte an seiner Miene ablesen, dass seine Frustration von Augenblick zu Augenblick zunahm.

»Elfiki hier, Sir«, erklang die Stimme der Wissenschaftsoffizierin. »Wir haben die ganze Zeit über zugehört.«

»Gut.« Worf ließ seinen Blick weiter durch den Hangar wandern. »Bleiben Sie wachsam. Es könnte noch jemand an Bord sein.«

»Ich habe noch einen schiffsweiten Scan durchgeführt, Commander«, berichtete Rennan Konya über den offenen Kommunikationskanal. »Soweit ich feststellen konnte, gibt es von fremden Lebenszeichen immer noch keine Spur. Ich habe jedoch sicherheitshalber eine Verteidigungsposition nahe der Tür des Kontrollzentrums eingenommen.«

»Verstanden«, erwiderte Worf.

»Commander.« Taurik hatte dem offenen Hangartor den Rücken zugewandt und leuchtete mit seiner Lampe vor sich.

Chen folgte dem Lichtstrahl und runzelte die Stirn, als sie das kleine Schiff entdeckte, das zwischen den anderen stand. Im Gegensatz zu ihnen wirkte es, als sei es in die Jahre gekommen. Es handelte sich im Wesentlichen um einen gedrungenen Zylinder, dessen Oberfläche mit glanzlosen, verbeulten und verkratzten Hüllenpanzerplatten aus verschiedenen Materialien bedeckt war. Chen konnte deutlich Schweißnähte erkennen. Das Schiff hatte kein Fahrwerk, es schien einfach mit der Unterseite aufgesetzt zu haben. Achtern war ein einziges Triebwerk angebracht, und durch die große Heckscheibe konnte man in ein Cockpit spähen, in dem nur eine Person Platz hatte.

»Eines dieser Dinge ist nicht wie die anderen«, sagte sie.

»In der Tat.« Taurik stand bereits vor dem Schiff, um es besser scannen zu können. »Ebenfalls kein Überlichtantrieb … Aber es hat einen kompakten Fusionsgenerator an Bord, der es mit Energie versorgt. Ich messe Restenergiewerte, die darauf hinweisen, dass das Schiff innerhalb der letzten sechs Stunden in Betrieb war.«

Chens Magen schlug Purzelbäume. »Das ist derselbe Zeitrahmen, in dem auch das Tor aufgebrochen worden ist!« Unwillkürlich griff sie nach ihrem Phaser. »Wir sind nicht allein.«

»Unsere Scans bestätigen das nicht«, wandte Konya über die Kommunikationsverbindung ein.

»Mein Gefühl und dieses Schiff hier sagen was anderes!« Chen lief ein eisiger Schauer über den Rücken, als sie begriff, wie angreifbar sie waren. Der Hangar war groß und dunkel, und sie konnten kaum zehn Meter weit sehen! Selbst die kleine Fähre, die ihr am nächsten war, verschwand halb in der Finsternis, die plötzlich etwas Bedrückendes hatte.

Taurik justierte seinen Trikorder; was genau er tat, konnte Chen nicht sehen.

»Wenn ich nach Lebenszeichen suche, stoße ich auf dieselbe Interferenz, die wir auf dem Korridor das erste Mal bemerkt haben«, sagte er. »Sie ist sehr stark und scheint ihren Ursprung im Hangar zu haben.«

»Ein zielgerichteter Störsender«, knurrte Worf. Er hob den Phaser und ging ein wenig in die Knie, als nähme er Kampfstellung ein. Dann drehte er sich erneut um die eigene Achse und ließ den Strahl seiner Arbeitsleuchte über die Schiffe und durch den Hangar streichen.

Heilige Scheiße! Irgendwer blockiert unsere Scans!

Die Erkenntnis traf Chen, zwei Herzschläge bevor sie Bewegungen in der Dunkelheit zwischen zweien der kleinen Fähren wahrnahm. Zuerst glaubte sie, das flackernde Licht ihrer Lampe hätte ihren Augen einen Streich gespielt – aber als sie den Lichtstrahl in die Gasse zwischen den Schiffen richtete, sah sie eine dunkle Gestalt, die sich rasch zurückzog.

»Commander Worf!«

Dann blitzte es grell auf, und Chen sah gar nichts mehr.

KAPITEL 8


Chen fand gerade noch die Geistesgegenwart, sich zu ducken, als der gelbgrüne Energiestrahl aus der Dunkelheit auf sie zugeschossen kam. Sie ließ sich auf ein Knie fallen und zog instinktiv ihren Phaser, während der Strahl über ihren Kopf hinwegging. Dann feuerte sie in die Richtung, aus der der Strahl gekommen war – weitere Aktivität zwischen den Schiffen ließ jedoch darauf schließen, dass sie nicht getroffen hatte. Die Anzugleuchten waren zu schwach für eine so große Halle, sie ließen ihren Gegnern zu viele Möglichkeiten, sich in den Schatten zu verbergen.

Sie sah am äußersten Rand des Lichtstrahls ihrer Lampe eine Bewegung und schoss auf etwas, das sie für eine massige Gestalt hielt, die sich ungeschickt zwischen zwei Fähren hindurchschob. Wie zur Antwort zuckte ein zweiter gelblicher Energiestrahl durch den Hangar, ging aber weit an ihr vorbei. Erst da begriff Chen, dass sie nicht das Ziel war.

»Taurik!«

Der Vulkanier war bereits im Begriff, hinter einem der kleinen Schiffe in Deckung zu gehen. Chen lief auf ihn zu, so schnell ihre magnetischen Stiefel es erlaubten, packte ihn am Arm und zog ihn mit sich in die Hocke – gerade noch rechtzeitig. Eine weitere Salve züngelte durch den Hangar. Ein Energiestrahl fuhr so dicht über ihren Helm hinweg, dass die Reflexion in ihrem Visier sie blendete. Sie schwankte und ließ Taurik los, um sich an dem geparkten Frachter abstützen zu können.

»Das ist doch Scheiße!«, fauchte sie. Sie hörte ihren eigenen Atem zischend in ihrem Helm widerhallen. »Hier drinnen kann man weder was sehen noch was hören … Commander Worf, geht es Ihnen gut?«

Warum flüsterst du? Ihr befindet euch im Vakuum, schon vergessen?

»Ich bin unverletzt«, antwortete der Erste Offizier schroff. »Soweit ich sehen konnte, sind sie zu dritt.«

»Ich habe auch noch mal mindestens zwei gezählt«, sagte Chen. »Wie viele passen wohl in deren Schiff?« Das Schiff mit den zusammengestückelten Hüllenpanzerplatten war kleiner als ein Sternenflottenshuttle. Chen schätzte, dass es acht bis zehn humanoide Lebensformen transportieren konnte – weniger, wenn sie voluminöse Raumanzüge trugen. Was sie wahrscheinlich taten: Chen erinnerte sich an die klobige Gestalt, die sie zwischen den Fähren erspäht hatte.

Die absolute Stille im offenen Hangar war wirklich ein Problem, aber Chen, die mit der linken Schulter an der kleinen Fähre lehnte, hinter der Taurik und sie sich verschanzt hatten, spürte eine leichte Vibration. Jemand war über ihr! Sie stieß sich von dem Schiff ab und richtete sowohl ihre Leuchte als auch ihren Phaser nach oben. Der Lichtstrahl traf eine humanoide Gestalt, zu groß für einen Menschen, die über das Dach der Fähre auf sie zugesprungen kam. Der Angreifer trug einen gepolsterten dunklen Raumanzug und einen kugelförmigen Helm mit getöntem Visier. In der linken Hand hielt er einen großen Gegenstand: eine Waffe! Chen feuerte ihren Phaser ab. Ihr Angreifer erstarrte, als sei er von ihrer plötzlichen Reaktion überrascht. Das machte ihn zu einem perfekten Ziel. Chens Phaserstrahl traf ihn in die Brust und ließ ihn zurücktaumeln. Seine Stiefel – ob sie nun Schwerkraft simulierten oder magnetisch waren – verhinderten, dass er zu Boden stürzte, aber er sackte in sich zusammen.

Und dann flammten Lichter auf. Überall.

»Hey!«, rief Chen und riss den linken Arm in die Höhe, um ihre Augen zu schützen. Leuchtpaneele, die in die Decke und ins obere Drittel der Wände eingelassen waren, fluteten den Hangar mit strahlendem Licht. Grell, viel zu grell … Chen fragte sich unwillkürlich, ob die Erbauer des Schiffes aufgrund ihrer Physiologie eine derart intensive Beleuchtung brauchten. Glücklicherweise reagierten die Sensoren ihres Helmes innerhalb der ersten Sekunden und verdunkelten automatisch ihr Visier.

Trotz der plötzlichen Helligkeit sah Chen einen Phaserstrahl aufblitzen. Worf! Sie fuhr herum und erblickte den Ersten Offizier, der zwischen zwei Fähren zielte – auf wen oder was konnte sie nicht erkennen.

»T’Ryssa!«, sagte Taurik. Im nächsten Moment lag seine Hand auf ihrer Schulter, und er drückte sie zu Boden. Sie sank auf die Knie; Taurik zielte über ihren Kopf hinweg und schoss. Sie sah, wie sein Phaserstrahl direkt unter dem Helm eines Angreifers einschlug und dessen Gesicht unter dem Visier schlaff wurde. Das Wesen hatte blasse, lavendelfarbene Haut, einen langen, schmalen Schädel, eine breite Stirn und schwarzes Haar. Seine Augen schlossen sich: Offensichtlich war es ohnmächtig.

Wie lange würde es dauern, bis es wieder zu sich kam?

»Über Ihnen!«

Sie hatte keine Ahnung, wo Worf war, aber als sie seinen Warnruf hörte, schaute sie zur Decke auf. Dort verstreut hingen mehr von den Kugeln, die die Mitglieder des Außenteams bereits im Korridor und im Kontrollraum gesehen hatten. Allein in ihrem Sichtfeld mussten es ein halbes Dutzend sein. Und sie hatten sich aktiviert: Sie rotierten, und ihre Emitter leuchteten in verschiedenen Farben. Sie beobachtete, dass die Kugeln – in unregelmäßigen Abständen und nicht synchron – immer wieder die Richtung wechselten.

»Taurik?«

Mehr bekam sie nicht heraus: Die erste Kugel hörte auf, sich zu drehen, und spie einen bläulich weißen Energiestrahl aus, der irgendwo im Hangar einschlug. Es blitzte auf, dann verschwand der Strahl.

Chen nahm aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr, drehte sich in die Richtung, wobei sie mühsam auf die Beine kam, und riss ihren Phaser in die Höhe. Zwischen zwei Fähren war eine weitere Gestalt aufgetaucht, die Waffe auf sie gerichtet, und sie hatte nicht genug Zeit, irgendetwas zu tun, ehe der Fremde auf sie schoss.

Obwohl sie versuchte, sich zur Seite zu werfen, spürte Chen das Äquivalent eines Hiebs gegen die rechte Schulter, dessen Wucht einen ihrer Stiefel vom Boden löste. Ihr ganzer Körper kribbelte und summte, als sei er unter Strom gesetzt worden, aber sie war weder bewusstlos noch tot.

So hatte sie das Vergnügen, bei klarem Verstand den Alarm zu hören, der ihren keuchenden Atem übertönte.

»Warnung«, klang die Computerstimme aus dem Lautsprecher. »Leck im Raumanzug.« Dieselben Worte erschienen auf dem Head-up-Display in ihrem Helm. Sie blinkten rot – offenbar eine Maßnahme, um sicherzustellen, dass sie die Sache ernst nahm.

Als hätte sie nicht schon genug Schwierigkeiten, entdeckte Chen im nächsten Moment einen haarfeinen Riss in ihrem Visier, gerade unterhalb ihrer rechten Wange. Er begann an der Kante, an der das durchsichtige Material mit dem Helm verschmolz, breitete sich aber bereits in einem Spinnennetzmuster aus.

Chen presste instinktiv die Hand gegen ihre Schulter, als könne sie so den Schaden beheben.

Du musst das Ding flicken, schrie ihr Verstand sie an. Jetzt sofort!

Dann schlang Taurik seinen Arm um ihre Hüfte und führte sie auf eine der Fähren zu. Der Schütze, der sie angegriffen hatte, schien urplötzlich das Interesse an ihnen zu verlieren: Anstatt sie zu verfolgen, zog er sich hastig zurück. Dabei wirkte er, als suche er verzweifelt nach einem Versteck.

Eine der Kugeln an der Decke hatte ihre leuchtenden Emitter dem Schützen zugewandt. Durch das sich ständig vergrößernde Spinnennetz in ihrem Visier sah Chen, wie aus der Kugel ein Energiestrahl zuckte.

Es war kein Betäubungsschuss. Der Fremde sank nicht einfach in sich zusammen und hing reglos im Vakuum. Stattdessen umschloss ihn der blendend helle Strahl einen Augenblick lang, und dann war der Fremde plötzlich spurlos verschwunden.

Hei… Heilige Schei…

»T’Ryssa.« Ruhig und eindringlich. Taurik. Er duckte sich und kroch mit ihr unter den Bug der Fähre. Den Phaser hatte er schon in sein Holster geschoben. Sobald sie saß, ließ er sie los und holte etwas aus einer seiner Taschen: einen Notfallflicken. Sie beobachtete benommen, wie er ihn an ihrer rechten Schulter anbrachte. Als die Reparaturmasse mit ihrem Anzug in Kontakt kam, begann sie sofort, das verkohlte Loch darin zu verschließen.

»Warnung«, wiederholte das Überwachungssystem. »Leck im Raumanzug.«

»Taurik«, sagte Chen heiser.

Der vulkanische Ingenieur beachtete sie gar nicht. Er holte eine Rolle transparenter Folie aus einer anderen Tasche, die er eilig auf ihr Helmvisier klebte. Die flexible Substanz passte sich den Konturen des Visiers an, schob die Bruchstellen zusammen und versiegelte jeden noch so kleinen Spalt. Innerhalb von Sekunden verblasste die rot blinkende Schrift.

»Leck abgedichtet. Evakuierung empfohlen, Reparatur notwendig.«

Und damit verstummte die Stimme, und Chen hörte wieder nichts weiter als ihren eigenen Atem. Sie brauchte einen Moment, um sich zu sammeln. Tauriks Reparaturarbeiten waren keine dauerhafte Lösung für ihr Problem, aber vorerst war sie außer Gefahr. So würde sie in der Lage sein, mit den anderen zur Enterprise zurückzukehren.

Erst dann fiel ihr auf, dass die Aktivitäten im Hangar offenbar zum Erliegen gekommen waren.

»Geht es dir gut?«, fragte Taurik. Er betrachtete sie mit offener Sorge und hatte sogar vergessen, sie zu siezen.

»Ja. Danke für die Hilfe!« Sie tätschelte ein wenig ungeschickt seinen Arm. Dann lehnte sie sich zur Seite und spähte unter dem Bug der Fähre hervor. Sie konnte eine der Kugeln sehen. Das mysteriöse Gerät hatte seine rotierenden Bewegungen eingestellt. Seine Emitter waren wieder dunkel geworden.

»Was war das?«, fragte sie.

»Ich schätze, wir können nun davon ausgehen, dass es sich bei den Kugeln um ein Abwehrsystem handelt.«

»Na, wunderbar!«

Chen entschied, dass es wohl sicher genug war, sich aus Tauriks und ihrem Versteck zu wagen. Sie krabbelte unter dem Bug hervor und behielt dabei die Kugeln im Auge, die ihr am nächsten waren. Dann schaute sie sich rasch im Hangar um. Auch die anderen Geräte waren dunkel und hingen still. Taurik trat neben sie. Noch einmal studierte er die Anzeigen seines Trikorders.

»Sie scheinen den Betrieb wieder eingestellt zu haben.«

Chen runzelte die Stirn. »Das hast du vorhin auch gesagt.« Sie versuchte, die noch sichtbaren Risse in ihrem Helmvisier nicht weiter zu beachten. Auch wenn sie nicht mehr in unmittelbarer Lebensgefahr schwebte … Verschiedene äußerst unangenehme Szenarien gingen ihr durch den Sinn. Oh ja – sie war bereit, sich zur Enterprise zurückbeamen zu lassen.

Taurik fuhr herum, den Phaser schon wieder in der Hand, und Chen folgte seinem Beispiel. Beide Offiziere nahmen allerdings schnell ihre Waffen herunter, als sie Worf erkannten, der zwischen zwei Fähren auf sie zukam. Er hielt die Mündung seines Phasers auf den Boden gerichtet.

»Sind Sie beide unverletzt?«, fragte er und musterte eingehend Chens geflickten Anzug.

»Ja, Sir«, sagte Chen. »Dank Taurik.«

»Da bin ich froh!«, sagte Dina Elfiki über das Komm-System, nur Augenblicke bevor sie und Rennan Konya in Sicht kamen. Elfiki hielt direkt auf sie zu, während Konya ihr langsam folgte und sich überall zwischen den Fähren umsah. Chen warf er mehr als nur einen besorgten Seitenblick zu. Sie sah die Erleichterung in seinem Gesicht und hob einen Daumen, um ihn wissen zu lassen, dass mit ihr wirklich alles in Ordnung war. Er lächelte.

»Was machen Sie denn hier?«, fragte Chen an Elfiki gewandt.

Die Wissenschaftsoffizierin grinste. »Der Komm-Kanal ist immer noch offen. Wir haben alles gehört und sind so schnell wie möglich hergekommen!«

Worf, der endlich zufrieden mit seiner Begutachtung von Chens Anzug und Helm zu sein schien, wandte sich Taurik zu. »Commander, wie beurteilen Sie, was gerade passiert ist?«

»Es scheint offensichtlich, dass an Bord dieses Schiffes noch eine Einbruchsicherung funktionsfähig ist«, erwiderte der vulkanische Ingenieur. »Allerdings kann ich mir nicht erklären, wie sie arbeitet oder warum sie sich nicht vorher aktiviert hat.«

»Mehr noch«, sagte Chen, »die Dinger haben erst losgelegt, als diese Typen über uns hergefallen sind. Da waren wir schon fast eine Stunde lang hier gewesen. Das System hatte so viel Zeit, auf unsere Anwesenheit zu reagieren, rührt sich aber erst, als ein Feuergefecht ausbricht? Und diese Leute … Warum haben wir die nicht früher bemerkt? Sie waren wie unsichtbar für unsere Scanner. Wie haben die das gemacht? Mit einer Tarnvorrichtung? Störsignalen? Zauberei?«

»Vielleicht ein Dämpfungsfeld«, spekulierte Elfiki. »Gut möglich, dass es in ihre Anzüge integriert war. Ich hatte keine Gelegenheit, sie zu scannen, bevor sie … neutralisiert wurden.«

»Aber warum sind wir nicht neutralisiert worden?«, fragte Konya. Seine Aufmerksamkeit war noch immer auf die Umgebung gerichtet. »Ich will mich nicht beschweren, aber seltsam ist das schon.«

»Wir werden noch viel Zeit haben, die ganze Sache zu analysieren«, sagte Worf. Dann deutete er auf das geflickte Loch in Chens Schulter. »Im Augenblick haben wir dringendere Sorgen.«

Obwohl das stimmte, quälten Chen die vielen offenen Fragen. Wie Konya ließ auch sie ihren Blick noch einmal durch den Hangar und über die sonderbaren Kugeln an der Decke schweifen. Reglos und still hingen sie dort, wie stumme Wächter.

Verdammt noch mal, was hat das alles zu bedeuten?

KAPITEL 9


»Daher bitte ich darum, das Außenteam unverzüglich zurück auf die Enterprise zu holen.«

Bevor Picard Gelegenheit hatte, auf Worfs Bericht über den merkwürdigen Zwischenfall bei der Erkundung des Wracks zu reagieren, bei dem T’Ryssa Chens Leben in Gefahr geraten war, schrillte ein Alarm über die Brücke. Rote Lichter leuchteten in den Wänden auf.

»Annäherungsalarm!«, rief Lieutenant Šmrhová, die an der taktischen Station stand. »Die Schilde haben sich aufgebaut.«

»Einen Augenblick, Nummer eins«, sagte der Captain.

Lieutenant Joanna Faur, die stellvertretende Erste Offizierin, saß in Worfs Sessel. »Womit haben wir es zu tun?«, fragte sie.

»Unsere Sensoren haben vorher nichts geortet!«, sagte Šmrhová. Picard hörte die Sicherheitschefin leise fluchen, ehe sie hinzufügte: »Die Hülle des Wracks stört unsere Scans immer noch … Aber die Neuankömmlinge haben ihre Waffen aktiviert.«

Picard wandte sich dem Hauptschirm zu. Er zeigte nun eine verkleinerte Ansicht des riesenhaften Schiffswracks – und ein Flugobjekt, das sich hinter dem Wrack hervorschob. Während die Sensoren sich auf das kleine, viel wendigere Schiff konzentrierten und es in den Fokus rückten, stand Picard wie angewurzelt mitten auf der Brücke.

»Vergrößern Sie das Bild«, sagte er. »Schauen wir uns die Sache näher an.«

Im nächsten Moment nahm das kleine Schiff den Hauptschirm ein. Es war schlank und schnittig, und zum zweiten Mal an diesem Tag ertappte Picard sich dabei, ein Raumschiff mit einem Lebewesen zu vergleichen. Aus der grünlich grauen Hülle wuchsen flügelartige Gebilde, die sich nach hinten neigten und dem Schiff das Aussehen eines Raubvogels verliehen. Der Bug verstärkte den Eindruck noch: Er erinnerte Picard an einen weit aufgerissenen Schnabel.

Ein Schlund mit Geschütztürmen darin.

»Wo ist das Schiff hergekommen?«, fragte er.

Šmrhová schüttelte den Kopf. »Unbekannt, Sir. Ich kann Spuren einer Warpsignatur erkennen, aber die Messwerte sind ungenau.«

»Halten Sie Phaser und Quantentorpedos parat«, befahl Faur und erhob sich. »Steuermann, bereiten Sie verschiedene Ausweichmanöver vor!«

»Das Schiff ist nicht auf Abfangkurs«, berichtete Glinn Dygan von der Ops-Station. »Die interessieren sich für das Wrack, nicht für uns.«

»Sind Sie sicher?«, fragte Picard.

»Bestätigt, Captain«, meldete Šmrhová. »Sie feuern auf das Wrack!« Sie blickte von ihrer Konsole auf. »Sir, die Sensoren registrieren die Aktivierung von Waffensystemen, die überall am Wrack ausgefahren werden. Allerdings ist die Energie, mit der die Waffen versorgt werden können … Nun ja, es ist ziemlich wenig, Sir.«

»Also hat das Schiff nicht genug Energie, um sich zu verteidigen«, sagte Picard.

»Zumindest nicht über einen nennenswerten Zeitraum hinweg, Captain.« Die Sicherheitschefin drückte verschiedene Bedienelemente auf ihrer Konsole. »Soweit ich sagen kann, sind die Waffen des Riesenschiffs dafür ausgelegt, gegen größere und langsamere Ziele eingesetzt zu werden. Das kleine Schiff ist so schnell, dass es wahrscheinlich den meisten Angriffen leicht ausweichen kann … Gesetzt den Fall, es hat einen guten Piloten.«

»Befinden sich die Mitglieder des Außenteams in unmittelbarer Gefahr?«, fragte Faur.

»Die Hülle des Schiffs bietet einen recht guten Schutz. Trotzdem wäre es wahrscheinlich das Beste, wenn sie sich tiefer ins Innere zurückziehen würden.«

»Nummer eins«, sagte Picard, ohne seinen Blick vom Hauptschirm zu wenden, »das Wrack wird von Unbekannten angegriffen. Verlassen Sie den Hangar und suchen Sie Unterschlupf, bis die Lage geklärt ist. Wir beamen Sie an Bord, sobald wir können.« Er verbot sich, an Chen zu denken: Mithilfe der anderen Mitglieder des Außenteams würde sie ein paar Minuten länger in ihrem beschädigten Raumanzug aushalten.

»Verstanden«, erwiderte Worf und trennte die Verbindung.

Das raubvogelhafte Schiff flog ein Manöver über den Rumpf des Schiffswracks. Gelbgrüne Energiestrahlen schnitten durch die Schwärze des Alls und schlugen in die Hülle ein. Picard konnte aus der Entfernung nicht sagen, ob die Treffer Schaden anrichteten. Dann jedoch zerfetzte eine Salve einen der Energiekollektoren.

»Die Hülle ist dick und stabil genug, um das Schiff selbst abzuschirmen«, erklärte Šmrhová, »aber die Kollektoren und Waffen sind ungeschützt.«

Picard hatte genug gesehen.

»Rufen Sie sie, Lieutenant. Steuer, Abfangkurs.« Er wartete, bis Šmrhová ihm zu verstehen gab, dass sie eine Grußfrequenz geöffnet hatte. Dann fuhr er mit lauterer Stimme fort: »Achtung, angreifendes Schiff, hier spricht Captain Jean-Luc Picard von der U.S.S. Enterprise. Ich vertrete die Vereinigte Föderation der Planeten. Sie begehen ohne Provokation kriegerische Handlungen. Brechen Sie den Angriff ab, oder wir sind gezwungen einzugreifen.« Er warf Šmrhová einen Blick über die Schulter zu. »Irgendeine Reaktion?«

»Zumindest empfangen sie unsere Übertragung«, erwiderte die Sicherheitschefin.

»Wie ist es um die Kampffähigkeit des Schiffs bestellt?«, fragte Faur.

»Ihr Schiff ist etwas kleiner und wendiger als die Enterprise. Laut Sensoren besteht die Besatzung aus beinahe sechshundert Personen. Schilde und Bewaffnung können sich mit unserer messen, Sir. Wir müssen eine Konfrontation nicht direkt scheuen, aber sie birgt Risiken.« Eine Reihe von Pieptönen erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie studierte ihre Konsole. »Wir haben eine Antwort erhalten, Sir«, sagte sie. »Ich lasse sie durch den Universalübersetzer laufen.« Nach einem Augenblick fügte sie hinzu: »Sie legen Ihnen nahe, eine anatomisch unmögliche sexuelle Handlung auszuführen, Sir.«

Trotz seiner Anspannung hätte Picard beinahe aufgelacht. »Ist nicht das erste Mal, dass mir das jemand vorschlägt.«

»Sie brechen ihre Attacke ab«, meldete Šmrhová. »Jetzt werden wir gerufen. Visuelle Übertragung. Das Übersetzungsprotokoll ist aktiviert, Sir.«

»Dann hören wir uns mal an, was sie zu sagen haben.«

Das Bild auf dem Hauptschirm wechselte: Es zeigte nun einen Humanoiden, den Picard für männlich hielt. Dunkles Haar umrahmte ein schmales Gesicht mit ausgeprägter Stirn. Sie erhob sich beinahe wie der Schädelkamm eines Klingonen, unter der lavendelfarbenen Haut zeichneten sich allerdings keine Verknöcherungen ab. Der Humanoide hatte blassgelbe Augen, eine lange, dünne Nase und einen breiten Mund voller scharfer, glänzender Zähne. Er war schlank und trug abgetragene Kleider, die aussahen, als hätte er sie nach dem Zufallsprinzip zusammengestellt. Seine langen Arme endeten in auffällig großen Händen mit je drei kürzeren Fingern, die von längeren, mehrgliedrigen flankiert wurden. Der Hintergrund lag im Halbdunkel, trotzdem konnte Picard noch zwei weitere Individuen erkennen, die genauso nachlässig gekleidet waren wie ihr Repräsentant.

»Ich bin Senthilmal, Herr des zivilen torrekmatischen Handelsschiffes Zetoq.« Er sprach mit einer tiefen Stimme, die nicht recht zu seiner schmächtigen Gestalt zu passen schien. »Weder Ihr Schiff noch Ihr Volk kommt mir bekannt vor. Sie mischen sich in Angelegenheiten ein, die Sie nichts angehen. Ich weiß, dass Sie ein Enterkommando auf das Wrack geschickt haben … Meine Leute waren bereits dort. Nun kann ich sie nicht mehr erreichen.«

»Ihre Leute haben meine Crewmitglieder angegriffen«, sagte Picard gemessen. »Wir wissen nicht, was aus ihnen geworden ist.« Natürlich stimmte das nicht direkt, aber Picard fürchtete, die Wahrheit könnte Senthilmal so sehr verärgern, dass er sich für ein hartes militärisches Vorgehen entscheiden würde.

»Ich warne Sie ein einziges Mal: Holen Sie Ihre Leute aus dem Schiffswrack und ziehen Sie sich zurück, oder ich muss Sie als Bedrohung einstufen. Dann zwingen Sie mich, entsprechende Schritte einzuleiten.«

Picard ignorierte Senthilmals geplustertes Gefieder. »Sie sagten, ›torrekmatisches Handelsschiff‹?«, fragte er. »Torrekmaten … Ist das der Name Ihres Volkes?«

»Meines Volkes, meines Planeten … Wie wir uns nennen, geht Sie nichts an.«

»Warum schießen Sie auf das Wrack?«

»Es treibt verlassen durch den Weltraum. Wir erheben Anspruch auf die Bergungsrechte.«

»Das Schiff gehört also keinem Ihrer Feinde?«

Senthilmal zuckte mit den Schultern. »Ich habe nicht die geringste Ahnung, wem das Schiff mal gehört hat. Wir sind eine unabhängige Bergungsgesellschaft. Schrottsammler, wenn Sie so wollen. Wir spüren Wracks auf und verkaufen an interessierte Kunden, was wir können. Unsere Scans zeigen, dass sich niemand mehr an Bord des Schiffs befindet. Wir haben es zuerst gesehen, und damit gehört es von Rechts wegen uns. Allein das Metall der Hülle wird uns so reich machen, dass wir ausgesorgt haben!«

Faur trat neben Picard. »Warum haben Sie auf das Schiff geschossen?«, wiederholte sie Picards Frage. »Wie Sie schon sagten … Es ist niemand mehr an Bord.«

»Seine Verteidigungssysteme stellen eine Gefahr für mein Schiff dar. Das Risiko ist die Sache allerdings wert.«

Er hielt inne, und Picard beobachtete, wie sein Blick sich auf etwas richtete, das auf dem Hauptschirm nicht zu sehen war. Dann hellte sich die Miene des Torrekmaten sichtlich auf. Er grinste. »Ihr Schiff ist aber auch sehr schön. Viele meiner Kunden würden einen hohen Preis dafür bezahlen.«

Picard ließ sich keine Reaktion anmerken. »Ganz im Gegensatz zu Ihrem anderen Beutestück ist mein Schiff nicht verlassen«, sagte er.

Noch einmal zuckte Senthilmal mit den Schultern. »Das ist bloß eine kleine Unannehmlichkeit.« Seine Gesichtszüge verhärteten sich. »Außerdem haben Sie meine Warnung in den Wind geschlagen, Captain, und ich sage nie etwas ein zweites Mal.« Damit brach die Verbindung ab, und das Gesicht des Torrekmaten verschwand vom Hauptschirm. An seiner Stelle war wieder sein Schiff zu sehen.

»Sie haben einen Abfangkurs eingeschlagen, Sir«, meldete Šmrhová. »Und sie leiten zusätzliche Energie in ihre Waffensysteme.«

Picard runzelte die Stirn. »Eine unabhängige Bergungsgesellschaft!« Er unternahm nicht einmal den Versuch, seine Verachtung zu unterdrücken. »Diese Leute sind kaum besser als Plünderer oder Piraten.« Senthilmals unverhohlene Drohung gegen die Enterprise und ihre Besatzung war mehr als genug, um Picard von den unehrenhaften Absichten des torrekmatischen Captains zu überzeugen. »Zeigen wir ihnen, dass wir keine leichte Beute sind. Richten Sie die Phaser aus und warten Sie auf mein Kommando.«

»Sie reagieren nicht, Sir«, sagte Šmrhová.

Also wollen sie’s nicht anders.

»Verpassen Sie ihnen einen Schuss vor den Bug, Lieutenant. Dicht genug davor, dass sie verstehen, wie ernst es uns ist.«

»Aye, Sir!«

Zwei orangefarbene Energiestrahlen zuckten durchs All, eine Kostprobe der Macht der Enterprise. Das Sperrfeuer ging direkt am Bug der Zetoq vorbei, aber beinahe sofort war klar, dass Senthilmal nicht abdrehen würde.

Picard legte Lieutenant Gary Weinrib die Hand auf die Schulter. Der Pilot der Gamma-Schicht hatte Faur an der Steuerkonsole abgelöst. »Fliegen Sie Ausweichmanöver, Lieutenant. Lieutenant Šmrhová, feuern Sie, um ihre Schilde zu strapazieren. Ich will, dass Senthilmal diese blödsinnige Aktion noch einmal überdenkt.«

Die Sicherheitschefin belegte die Zetoq mit Phaserfeuer. Energiestrahlen trafen auf die Schilde des torrekmatischen Schiffes, die unter dem Beschuss deutlich zu sehen waren. Das Schiff neigte sich nach steuerbord.

Faur saß wieder im Sessel des Ersten Offiziers und konsultierte die Konsole davor. »Sie wollen uns von unten her angreifen.«

»Sie schießen!«, meldete Glinn Dygan.

Kaum hatte der Cardassianer die Warnung über die Lippen gebracht, erbebte das Schiff. Picard hatte erwartet, dass die Schilde der Enterprise den Waffen der Zetoq besser standhalten würden. Eine zweite Salve traf nur wenige Herzschläge später, und dieses Mal leuchteten überall auf der Brücke Warnlichter auf.

»Sie haben Energie aus ihrem Hauptantrieb und aus verschiedenen Sekundärsystemen abgezweigt, um die Waffen zu verstärken«, sagte Šmrhová.

»Sie setzen alles auf eine Karte«, sagte Faur. »Wollen uns mit ein paar schnellen Schlägen außer Gefecht setzen, bevor wir auch nur reagieren können.«

Über Weinribs Schulter hinweg beobachtete Picard, wie der Pilot die Enterprise von dem angreifenden Schiff wegsteuerte. Šmrhová erwiderte das Feuer, um das Ausweichmanöver zu decken.

»Sie versuchen, die zur Verfügung stehende Energie abwechselnd in die Waffen und in die Schilde zu leiten«, berichtete die Sicherheitschefin. »Das ist offensichtlich eine Taktik, die sie schon öfter angewandt haben. Ich glaube aber, dass wir damit zurechtkommen.«

Auf dem Schirm konnte Picard verfolgen, wie ihr taktisches Geschick sich auszahlte: Erneut gab sie eine Salve ab, und jeder Schuss saß. Die Zetoq drehte jedoch nicht ab, sondern flog stattdessen einen frontalen Angriff. Ihre vorderen Geschütze glühten grün auf.

»Ausweichen!«, bellte Picard. Weinribs Hände flogen über die Konsole, und seine Finger bewegten sich so rasch, dass Picard ihnen kaum folgen konnte. An den Anzeigen auf Weinribs Konsole konnte er jedoch ablesen, dass der Lieutenant die Enterprise gekonnt manövrierte und dabei Šmrhová Gelegenheit gab, das Feuer zu erwidern.

Doch selbst das war nicht genug.

»Sie zielen auf die untere Hülle!«, warnte Šmrhová.

»Ich arbeite dran!«, knurrte Weinrib, aber es war zu spät.

Das Schiff erschauderte heftig. Konsolen und Bildschirme überall auf der Brücke hatten Fehlfunktionen, und etliche erloschen sogar. Die Brückenbeleuchtung flackerte. Picard glaubte zu spüren, wie sein Magen einen Satz tat, als die künstliche Schwerkraft schwankte; er hielt sich an der Lehne von Weinribs Sessel fest. Die zweite Salve, die die Enterprise traf, war schlimmer, und die dritte hätte Picard von den Füßen gerissen, wäre Faur nicht aufgesprungen und hätte ihn am Arm gepackt.

»Schilde der Antriebssektion ausgefallen«, meldete Glinn Dygan. »Hüllenbruch auf den Decks zweiundzwanzig bis vierundzwanzig. Zahlreiche Warnungen, die den Maschinenraum betreffen.«

»Erwidern Sie das Feuer!«, schrie Faur. Es hätte der Aufforderung nicht bedurft: Šmrhová war dabei. Phaserstrahlen hämmerten auf die Schilde der Zetoq ein, die nun doch zurückwich. Picard sah, dass die Hülle des Piratenschiffs diesmal etwas abbekommen hatte.

»Ihre Schilde halten nicht mehr lange«, meldete Šmrhová.

»Quantentorpedo«, befahl Picard. »Zielen Sie auf die Antriebssektion. Kein Warnschuss. Ziehen Sie das Ding aus dem Verkehr!«

Der einzelne Torpedo, den Šmrhová virtuos steuerte, fand sein Ziel; gleichzeitig feuerte auch die Zetoq ein letztes Mal. Weinrib hatte die Enterprise allerdings so gedreht, dass die unteren Schilde dem Angriff nicht ausgesetzt waren. Noch einmal erzitterte der Boden unter Picards Füßen.

»Sie ziehen sich zurück«, sagte Šmrhová. »Sie haben Schaden am Warpantrieb genommen … Oder wie sie ihren Antrieb eben nennen. Ich empfange Fluktuationen in ihrer Hauptenergiequelle. Ihre Schilde sind kollabiert, die Achterbewaffnung nicht mehr funktionsfähig.«

»Ist dort drüben jemand verletzt?«, fragte Faur.

Die Sicherheitschefin schüttelte den Kopf. »Unmöglich zu sagen. Wir sind dem Wrack zu nah, ich kann keine detaillierten Messungen vornehmen.«

Faur ließ sich in Worfs Sessel fallen und beugte sich über die Konsole des Ersten Offiziers. »Schadensberichte treffen ein, Captain«, rief sie. »Aber … der Maschinenraum hat sich noch nicht gemeldet.«

»Brücke an Maschinenraum«, sagte Picard, die Stimme erhoben, damit das schiffsinterne Kommunikationssystem sie besser auffangen konnte. »Commander La Forge, Bericht!«

Im selben Augenblick gingen die Lichter aus, und die Brücke war mit einem Schlag in Dunkelheit getaucht.

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