Kitabı oku: «Auf königlichem Pfad»

Yazı tipi:

Deborah Joyner Johnson

Auf königlichem Pfad


Titel der Originalausgabe:

The Chosen Path

© 2003 Deborah Joyner Johnson

Published by MorningStar Ministries and Publications,

P.O. Box 19409, Charlotte, NC 28219-9409 U.S.A.

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Email: verlag@schleife.ch, www.schleifeverlag.ch

E-Book ISBN: 978-3-905991-77-2

(Printausgabe, 1. Auflage Juli 2004: ISBN 3-907827-36-8)

Die Bibelzitate in diesem Buch sind, wenn nicht anders angegeben,

der Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift von 1980 entnommen.

Die Bibelzitate aus der Luther Bibel (Rev. Fassung von 1984)

sind mit Luth. gekennzeichnet.

Die Bibelzitate aus der Elberfelder Bibel (Revidierte Fassung von 1985)

sind mit Elb. gekennzeichnet.

Die Bibelzitate aus der Hoffnung für alle (Fassung von 1996)

sind mit Hfa. gekennzeichnet.

Übersetzung: Tina Pompe

Lektorat: Judith Petri und Michael Herwig

Umschlaggestaltung: Pia Maurer

Satz und E-Book Erstellung: Nils Großbach

Alle Rechte vorbehalten,

auch für auszugsweise Wiedergabe und Fotokopie.

Inhaltsverzeichnis

  Widmung

  Vorwort

  Einführung

Der Ruf

  Kapitel Eins

  Kapitel Zwei

  Kapitel Drei

Reisevorbereitungen

  Kapitel Vier

  Kapitel Fünf

  Kapitel Sechs

  Kapitel Sieben

Die Reise beginnt

  Kapitel Acht

  Kapitel Neun

  Kapitel Zehn

  Kapitel Elf

  Kapitel Zwölf

Die Reise

  Kapitel Dreizehn

  Kapitel Vierzehn

  Kapitel Fünfzehn

  Kapitel Sechzehn

  Kapitel Siebzehn

  Kapitel Achtzehn

  Kapitel Neunzehn

Der grosse Kampf

  Kapitel Zwanzig

  Kapitel Einundzwanzig

  Kapitel Zweiundzwanzig

  Kapitel Dreiundzwanzig

Die Reise geht weiter

  Kapitel Vierundzwanzig

  Kapitel Fünfundzwanzig

  Kapitel Sechsundzwanzig

  Kapitel Siebenundzwanzig

  Kapitel Achtundzwanzig

Das Ende der Reise

  Kapitel Neunundzwanzig

  Kapitel Dreissig

Widmung

Vorwort

Als ich dieses aussergewöhnliche Buch zum ersten Mal las, konnte ich es fast nicht mehr aus der Hand ­legen.

Die Geschichte von Zoe erinnert stark an Bunyans Pilgerreise. Kaum hat die junge Frau den Ruf vernommen, eine Dienerin des Königs zu werden, lässt sie alles Alte, Gewohnte, Vertraute und Liebgewordene hinter sich. Eine abenteuerliche Reise mit vielen Prüfungen, Herausforderungen, Entscheidungen, Kämpfen, mit Versagen und Überwinden beginnt.

Wer sich zusammen mit Zoe auf ihre Pilgerreise begibt, wird selber einen inneren Weg beschreiten und einen Reifungsprozess durchlaufen und dabei herausgefordert, mit dem ganzen Leben dem König aller Könige und seinem Reich zu dienen.

Ich glaube, dass diese prophetische Geschichte zur rechten Zeit erscheint, um gerade in dieser „Verfremdung“ einer jungen Generation, aber auch allen im Geiste jung Gebliebenen zu bezeugen: Die Liebe ist stärker als der Tod! Das Königreich Gottes ist angebrochen. Und es lohnt sich, für diesen König zu leben und zu sterben.

Lilo Keller

Das Buch Auf königlichem Pfad ist eine fesselnde Geschichte. Aber es ist noch viel mehr als eine Geschichte – es ist die Wahrheit. Es wurde in der Absicht geschrieben, in all denen neuen Mut und Entschlossenheit zu wecken, die treu an der höchsten Berufung festhalten.

Dieses Buch wurde ganz speziell für die nachfolgende Generation geschrieben. Bereits jetzt ist klar zu erkennen, dass diese Generation sich nicht mit der Art von christlichem Glauben zufrieden geben wird, wie er heute in überwiegenden Teilen der Gemeinden gelebt wird. Diese kommende Generation hungert nach Abenteuer und dem Übernatürlichen. Beides können wir in seiner ursprünglichen Form im Leben eines echten Christen finden. Der wahre christliche Glaube kommt aus seiner Verborgenheit hervor, und leidenschaftliche Seelen finden ihn. Das sind die Menschen, die sich von Büchern wie Auf königlichem Pfad stärken und ermutigen lassen. LEsen Sie dieses BUch nicht als Roman – Lesen Sie es als einen Ruf.

Debbie ist meine jüngere Schwester; und ich habe sie beobachtet, wie sie ihr ganzes Leben lang immer wieder durchgehalten und überwunden hat. Sie hat viele ihrer Kämpfe in Siege verwandelt – wie es auch die Heldin des vorliegenden Buches tut, die ihren Weg zu ihrer eigentlichen Bestimmung sucht und findet. Solche Erfahrungen sind immer die beste Quelle für die Wahrheit; deshalb liess der Herr seine ewige Wahrheit auch von Menschen aufschreiben und nicht von Engeln. Lebendige Wahrheit muss durch ein gelebtes Leben fliessen. Lebendige Wahrheit ist nicht nur Theorie, sondern sie ist eine Erfahrung. Die Kraft, die durch das Buch strömt, das Sie gerade in den Händen halten, ist eine solche lebendige Wahrheit. Aber die eigentliche Botschaft ist viel mehr als nur ein gutes Buch oder eine spannende Geschichte – es ist der Ruf, Ihre eigene grossartige Geschichte zu leben.

Als Jesus seine zwölf Jünger aussandte, um das Evangelium zu predigen, kehrten sie voller Freude zu ihm zurück, weil sogar die Dämonen seinem Namen gehorchen mussten. Er entgegnete ihnen, dass sie sich aber viel mehr darüber freuen sollten, dass ihre Namen im Buch des Lebens stünden (s. Lukas 10). Das ist Ihre Berufung, der Grund, weshalb Sie auf dieser Erde leben – Sie sind hier, um Ihre eigene Geschichte in das Buch des Lebens zu schreiben, die in alle Ewigkeit an die Liebe Gottes und an die Kraft dieser Liebe erinnern wird.

Die Symbolik und die Bilder in dieser Geschichte sind ganz unverhohlen christlich. Das wahre Leben eines Christen ist die Suche nach dem, was eigentlich von Wert ist; und es ist das grösste Abenteuer, das wir überhaupt auf dieser Erde erleben können. Gleichzeitig ist es aber auch das schwierigste Leben, das es gibt; genau aus diesem Grund sagt der Herr ganz klar und eindeutig, dass es in seinem Reich keine Feiglinge geben wird (vgl. Offenbarung 21,8).

Auf königlichem Pfad ist ein Aufruf, die eigene Bequemlichkeitszone hinter sich zu lassen und sich nach dem grössten Schatz auszustrecken, den es gibt – nach einem Leben, das seine eigentliche Bestimmung erfüllt, nach einem Leben, das letztendlich den Sieg erringt und den höchsten Lohn der gesamten Schöpfung empfängt, nämlich den König der Könige sagen zu hören: „Gut gemacht, du guter und treuer Diener!“ Das ist Ihre Aufgabe, und dieses Buch bietet Proviant für Ihre Reise.

Rick Joyner

Einführung

Es gibt viele Wege, für die wir uns in unserem Leben entscheiden können, und jeder wird uns zu einem anderen Ziel führen. Die Weisheit, den richtigen Weg zu wählen, gehört zu den kostbarsten Dingen, die wir besitzen können. Hier halten Sie die Geschichte eines Mädchens namens Zoe in den Händen, die den Weg beschreibt, für den sie sich entscheidet, mit allen Konsequenzen ihrer Entscheidung. Auf ihrem Weg hat sie noch viele Entscheidungen zu treffen, und jede davon hat die Macht, ihr Leben zu verändern. Ich hoffe, dass auch Sie an Weisheit dazugewinnen, wenn Sie nun Zoe auf ihrer lebensverändernden Reise begleiten.

Der König der Könige hat bereits einen Weg für Sie bestimmt, dem Sie folgen sollen, weil er Sie liebt. Seine Liebe ist es auch, die Sie mehr als alles andere dazu befähigt, die richtigen Entscheidungen zu treffen, die den weiteren Verlauf Ihres Lebens bestimmen werden. Dieser Weg führt immer zu ihm und in die Erfüllung der Bestimmung, für die Sie geschaffen wurden. Während Sie Zoes Geschichte lesen, ist es mein Gebet, dass der Herr Ihnen Ihre eigene einzigartige Bestimmung vor Augen malt, und dass seine Weisheit dabei stets das Licht auf Ihrem Weg ist.

Deborah Joyner Johnson

Du zeigst mir den Pfad zum Leben. Vor deinem Angesicht herrscht Freude in Fülle, zu deiner Rechten Wonne für alle Zeit.

(Psalm 16,11)


TEIL I

Der Ruf

Kapitel Eins

Ich habe dich von den Enden der Erde geholt, aus ihrem äussersten Winkel habe ich dich gerufen. Ich habe zu dir gesagt: „Du bist mein Knecht, ich habe dich erwählt und dich nicht verschmäht.“

(Jesaja 41,9)

Zoe spähte angestrengt in die Weite und wagte kaum zu atmen, weil sie fürchtete, es würde alles wieder verschwinden. Ein Mann stand bei ihr. „Was siehst du?“

Den Blick immer noch in die Ferne gerichtet, antwortete sie: „Einen Ort, der schöner ist als alles, was ich mir je hätte vorstellen können.“

Er lächelte, als er die Sehnsucht in ihren Augen sah. „Du kannst dorthin kommen …“ Ihre Augen rissen sich von dem Land los, als sie den Mann voller Hoffnung anblickte.

Er fügte schlicht hinzu: „Es gibt einen Weg.“

Das waren stets die letzten Worte ihres Traumes. Zoe liess ihn immer und immer wieder vor ihrem inneren Auge ablaufen, weil sie verzweifelt versuchte, sich daran zu erinnern, ob ihr der Mann nicht vielleicht doch noch gesagt hatte, wie sie dieses wunderbare Land finden könnte – aber es half alles nichts. Sie ging nach draussen und setzte sich an den Bach, um nachzudenken. Sie erinnerte sich wieder an die überraschende Unterhaltung, die sie erst gestern mit angehört hatte, als ein Mann mit einer Frau über ein Land weit jenseits des Kristallmeeres sprach. Sie hatten es Remira genannt und erwähnt, dass ein Freund dorthin gereist war. Es war ein so wunderschöner Ort, dass er beinahe wie eine Wunschvorstellung erschien – das ganze Land war erfüllt von Frieden und Freiheit. Ganz unwillkürlich dachte sie, dass sich dieser Ort ganz genau so anhörte wie das Land in ihrem Traum. Wenn er es nun wirklich war, sehnte sie sich mehr als alles andere danach, dorthin zu kommen. Sie warf kleine Kieselsteine ins Wasser und musste plötzlich feststellen, dass sie noch niemals in ihrem Leben etwas Abenteuerliches unternommen hatte. Noch ahnte sie nicht, dass sich all das bis zum Sonnenuntergang schlagartig verändern sollte.

Die Zeit verging. Zoe wurde langsam hungrig. Deshalb ging sie auf dem ausgetretenen Pfad zurück zu ihrem kleinen Steinhäuschen. Wenn ihre Gedanken mit anderen Dingen beschäftigt waren, kam es häufiger vor, dass sie das Essen einfach vergass, wie man an ihrer schmalen Gestalt erkennen konnte. Mit ihrer zierlichen Figur, den goldbraunen Augen und der strahlenden Gesichtsfarbe, die von den vielen Stunden stammte, die sie im Freien verbracht hatte, war sie wirklich eine seltene Schönheit – eine Tatsache, derer sich Zoe aber nicht im Geringsten bewusst war.

Als Zoe sich ihrem Häuschen näherte, hielt sie im Rosengarten an, um den Duft der vollen Blüten einzuatmen. Sie blickte sich um und musste innerlich zugeben, dass dies der erste Ort war, der ihr jemals wie ein Zuhause vorgekommen war. Es gefiel ihr hier, aber dennoch wusste sie tief in ihrem Inneren, dass es in diesem Leben noch mehr geben musste. Sie konnte dieses Gefühl einfach nicht abschütteln.

Drinnen liess ihr der Duft von frischem Haferbrei über dem Feuer das Wasser im Mund zusammenlaufen. Sie schöpfte sich schnell eine grosse Schüssel voll und setzte sich zum Essen, als es plötzlich an der Türe klopfte. Sie spähte durch das Fenster und entdeckte einen Fremden, der seltsam gekleidet war. Seine Kleider sahen ganz anders aus als die der Leute in ihrem Dorf Brenmoor. Als Zoe ihm ins Gesicht sah, setzte ihr Herzschlag für einen Augenblick aus. Es war der Mann aus ihrem Traum. Er hatte sogar den gleichen wilden, weissen Haarschopf und die Kleider aus Schaffell. Er klopfte erneut. Sie zögerte noch, die Tür zu öffnen, aber dann war ihre Neugier stärker als ihre Vorsicht – sie musste einfach wissen, wer er war und was er wollte.

Sie biss sich auf die Unterlippe und war entschlossen, ihre Furcht nicht zu zeigen, als sie die Tür einen Spalt breit öffnete. „Guten Tag“, sagte er mit einem Lächeln. „Ich bin Kieran, ein Bote des Königs. Seid Ihr Zoe Hirschfeld?“

Ihre Stirn legte sich in Falten, während sie nervös mit ihren langen braunen Locken spielte. „Ja, das bin ich.“

„Ich habe etwas für Euch vom König.“ Er hielt ihr ein säuberlich eingewickeltes braunes Bündel entgegen, an dem vorne ein Umschlag befestigt war.

Mit grossen, verwunderten Augen öffnete sie die Tür ein wenig weiter, um das Bündel entgegenzunehmen. „Vom König – für m… mich?“

„Ja, ich habe eine weite Reise auf mich genommen, um es Euch zu bringen.“ Er bemerkte ihre Unsicherheit und lächelte erneut.

Sie sah den Umschlag an, der an dem Bündel befestigt war, und strich mit den Fingern über das Berg-Wappen, mit dem er versiegelt war. Sie scharrte unruhig mit den Füssen und fragte: „Was ist das? Worum geht es?“

Er grinste breit: „Möchtet Ihr nach Remira kommen?“

Ihre Augen weiteten sich ungläubig: „Remira?“

Der Bote entgegnete geduldig: „Wo der König lebt.“

In ihren Augen leuchtete ein Hoffnungsschimmer auf. „Ich habe bisher nur Geschichten über Remira gehört, aber Ihr sagt, dass es dieses Land wirklich gibt?“

„Aber gewiss doch – alle dort leben in Frieden, weil unser König in Gerechtigkeit herrscht und allen Freiheit schenkt. Es gibt weder Krankheit noch Tod in Remira, weil die Liebe dort in ihrer höchsten und reinsten Form regiert, und die Liebe ist stärker als der Tod. Hier habt Ihr einen Feind, der versucht, alles Leben zu zerstören, indem er immer wieder neuen Streit und Zwietracht hervorbringt. Aber er ist aus Remira verbannt. Alle Lebewesen sind von Harmonie und Wohlgefallen erfüllt, vom Gras bis zu den Blumen, von den Tieren bis zu den Menschen.“

„Ist es wirklich möglich, dass es einen solchen Ort gibt, und dass wir von hier aus dorthin reisen können?“, fragte Zoe, die kaum fassen konnte, was der Bote gesagt hatte.

Kieran lächelte und nickte so voller Gewissheit, dass Zoe spürte, wie auch sie anfing zu glauben. Dann fuhr er fort: „Es steht mir nicht frei, Euch alles zu offenbaren, was Eure Suche betrifft. Aber eines kann ich Euch sagen: Wenn Ihr Euch für diese Reise entscheidet, werdet Ihr Euch verändern. Wenn Ihr erfolgreich seid, wird Euer Leben nicht länger von Furcht geprägt sein, wie Ihr es so oft in Eurer Vergangenheit erlebt habt. Ihr werdet vielmehr ein Leben in Frieden führen; und Ihr werdet gebraucht werden, um Frieden an diesen Ort zurückzubringen.“

„Ich glaube nicht, dass mein Leben von Furcht geprägt ist, wie Ihr sagt. Ich lebe sehr friedlich hier allein.“

„Wenn das so ist, weshalb wagt Ihr Euch nie sehr weit von zu Hause fort?“

Zoe starrte den Mann nur kurz an. „Woher wisst Ihr das?“

„Ich bin ein Bote des Königs, und Er weiss alles. Er kennt Euch besser als jeder andere.“

„Aber wie kann das sein? Ich habe den König noch nie gesehen.“

„Ihr werdet es noch verstehen, wenn Ihr Euch entschliesst, diese Reise zu machen.“

Sie überdachte die Einladung gründlich. Kieran erwartete von ihr, sich im Glauben zu einem Ort aufzumachen, den sie bislang nur in einem Traum gesehen hatte, und von dem sie andere Leute hatte reden hören – wenn es denn der gleiche Ort war. Wie konnte sie sicher sein, dass es diesen Ort wirklich gab?

Als wüsste er, was gerade in ihrem Kopf vor sich ging, sagte er: „Ihr müsst Euer Herz prüfen. Ihr werdet die Antwort tief in Eurem Innersten finden.“

Zoe blickte auf den Bach vor ihrem Haus. Mit einem Mal erkannte sie, dass sie entweder ihr restliches Leben in Tagträumen verschwenden oder sich auf diese Suche begeben konnte. Aber auf der anderen Seite, weshalb sollte sie die Behaglichkeit ihres hübschen, kleinen Heims aufgeben, um sich auf diese Reise ins Unbekannte zu machen? Sie bewegte diese Gedanken hin und her. „Gewährt Ihr mir einen Tag Bedenkzeit?“

„Ja. Ich kehre morgen um diese Zeit zurück und erwarte Eure Antwort.“ Als er sich zum Gehen wandte, hielt er noch einmal inne und blickte ihr tief in die Augen. „Wenn Ihr Eure Entscheidung trefft, lasst Euch nicht von Furcht beherrschen. Wenn Ihr das zulasst, werdet Ihr in einem Leben des Bedauerns gefangen sein. Ich versichere Euch, sobald Ihr Euch bei dieser Suche auf den Weg macht, wird der König Euch zu Hilfe kommen.“

Der Bote sah sie noch durchdringender an und fragte: „Wisst Ihr, was Euer Name bedeutet, Zoe?“

„Nein. Ich habe noch nie darüber nachgedacht.“

„Euer Name bedeutet Leben. Der König hat ein Leben in Fülle für Euch, und gleichzeitig neues Leben. Ihr habt doch immer schon gespürt, dass es noch mehr in Eurem Leben geben muss, als nur zu existieren, oder nicht?“

„Nun ja, also, ich meine, ich wollte schon immer einmal an andere Orte reisen und Neues sehen. Ich lebe so zurückgezogen – manchmal wünsche ich mir so sehr, etwas anderes zu tun …“ Ihre Augen schweiften träumerisch umher. „Ich wusste einfach nie, was es war, bis ich diesen Traum hatte.“

„Es gibt noch so viel mehr für Euch, Zoe. Aber Ihr werdet Glauben nötig haben, um dieses neue Leben zu beginnen, und grossen Mut, um weiterzugehen.“ Kieran lächelte sie beruhigend an. „Ich würde gerne noch bleiben, um mich länger mit Euch zu unterhalten; aber ich muss Euch jetzt verlassen, da ich noch eine weite Reise vor mir habe. Morgen kehre ich zurück, um Eure Antwort zu erfahren.“ Mit diesen Worten wandte er sich schnell zum Gehen und liess Zoe voller Fragen zurück.

Sie ging still ins Haus zurück und setzte sich auf ihren alten blauen Lieblingssessel. Die Federn knarrten und quietschten bei jeder Bewegung. Aber die Vertrautheit gab ihr Trost. Sie zündete eine Kerze an und öffnete langsam den Umschlag. Vorsichtig liess sie den Brief herausgleiten.

Meine liebe Zoe,

Du bist in mein Reich Remira eingeladen. Ich habe eine Karte mit einem vorgezeichneten Weg für dich bereit gemacht, auf dem du gehen musst.

Du musst dich fest an diesen Weg halten, der dich zu mir führen wird. Deine Reise ist voller Gefahren, und viele meiner Feinde werden versuchen, dich aufzuhalten, deshalb musst du unterwegs wachsam sein. Die Gefahren sind gross, aber wenn du erfolgreich bist und die Reise vollendest, wird der Lohn ungleich grösser sein.

Auf dem Weg wirst du auf Freunde stossen, die dir helfen werden. Nimm sie an und lerne von ihnen.

Dein König

Der erste Schritt ist immer der schwerste, aber auch bei weitem der wichtigste.

Kapitel Zwei

Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid, welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt und wie überragend gross seine Macht sich an uns, den Gläubigen, erweist durch das Wirken seiner Kraft und Stärke.

(Epheser 1,18-19)

Zoe las den Brief mehrmals, um wirklich sicherzustellen, dass sie alles verstanden hatte, was darin stand. Die Einladung schien tatsächlich echt zu sein. Mit einem Mal war ihr Herz von Vorfreude erfüllt, und sie sprang aus ihrem Sessel auf, bereit, sich auf das Abenteuer einzulassen – doch ebenso unvermittelt hielt sie inne, weil sie plötzlich an die möglichen Gefahren dachte.

Ihre ängstlichen Gedanken wurden unterbrochen, als ihr bewusst wurde, dass sie bisher das Päckchen des Königs noch gar nicht geöffnet hatte. Sie riss das braune Papier ungeduldig auf und zog zwei lange Kleider aus einer kleinen Kiste – eine sehr unerwartete Überraschung. Aber ihre Freude wurde durch einen Anflug von Enttäuschung getrübt, als sie die Farbe der Kleider sah. Sie waren von dem eintönigsten Violett, das sie je gesehen hatte. Als sie die beiden näher betrachtete, bemerkte sie, dass beide den gleichen, einfachen Schnitt hatten; aber das eine war aus Wolle, während das andere aus Baumwolle war. Sie streifte das Baumwollkleid über, und es sass wie angegossen und hatte genau die richtige Länge, so dass es bis auf ihre Knöchel fiel, wie sie es mochte.

Als sie das Kleid wieder auszog, wurde es dabei von innen nach aussen gewendet. Sie sah genau hin und bemerkte eine Tasche an der Innenseite des Mieders. Was für eine seltsame Stelle für eine Tasche, dachte sie. Als Nächstes entdeckte sie ein in Leder gebundenes Buch. Ein Tagebuch, um all ihre Abenteuer aufzuschreiben, vermutete sie – noch niemals hatte sie etwas derart Schönes besessen. Sie wusste, es war etwas, das sie wie einen Schatz hüten würde.

In dem Tagebuch fand sie eine zusammengefaltete, vergilbte Karte, die ihr einen Weg zeigte, der sich durch bewaldetes Gebiet, über Klippen, durch eine riesige Wüste, das Meer, Höhlen, einen Fluss, Wasserfälle und Weideland bis hin zu dem Berg wand, wo der König lebte. Aber selbst mit dieser Karte, der sie folgen konnte, fragte sie sich, ob sie Remira jemals finden würde, weil sie grosses Geschick und Mut brauchen würde, all die angegebenen Stellen zu finden und ihnen zu folgen. Was war mit all den seltsamen und fremdartigen Geschöpfen, die angeblich in den Regionen jenseits von Brenmoor lebten? Aber trotz allem konnte sie ihre Sehnsucht nicht länger leugnen, nach Remira aufzubrechen. Etwas schien sie dorthin zu ziehen.

Sie sah noch einmal in der Kiste nach und entdeckte dabei eine Kristallflasche. Als sie die Flasche öffnete, stellte sie fest, dass sie mit Wasser gefüllt war. Da sie für ihre Reise auf jeden Fall Wasser benötigen würde, war sie selbst für diesen kleinen Behälter dankbar. Ganz unten in der Kiste kam ein fester brauner Lederbeutel zum Vorschein, damit sie alles Nötige tragen konnte. Sie packte alle Gegenstände sorgfältig in den Beutel und setzte sich auf ihren Stuhl. Dieser Tag erschien ihr wie einer ihrer vielen Tagträume.

Zoes Magen knurrte und durchbrach die Stille, was sie daran erinnerte, dass sie immer noch nichts zu sich genommen hatte. Aber im Moment stand ihr der Sinn nicht nach Essen. Ihre Augen schweiften in ihrem kleinen Zuhause umher und blieben endlich bei der verlöschenden Glut im Kamin hängen. Sie fragte sich, ob ihr Leben enden würde wie diese Kohlen, die nach und nach ihr Leben verloren, bis sie schliesslich ganz verlöschten und starben.

Sie quälte sich stundenlang mit den Zweifeln in ihren Gedanken. Sie war zu aufgewühlt, um zu essen, und da es immer später wurde, beschloss Zoe, zu Bett zu gehen. Als sie letzten Endes im Bett lag, dachte sie an all die Leute, von denen sie gehört hatte, die über die Grenzen von Brenmoor hinaus gereist waren, und die einfach verschwunden waren. War es möglich, dass auch sie auf dem Weg nach Remira waren? Sie erschauerte, als sie daran dachte, aber sie hatte schliesslich eine Einladung erhalten, und der Bote schien ebenfalls echt gewesen zu sein. Und was war mit ihrem Traum? Es war nur ein Traum – aber er schien so real gewesen zu sein. War Remira der Ort, an dem Träume wahr werden? Es war ein Abenteuer, nach dem sie sich zutiefst sehnte; aber hier in ihrem kleinen Häuschen war alles so sicher. Sie führte ein wunderbar geschütztes Leben, weshalb sollte sie all das aufs Spiel setzen? All ihre Unsicherheiten brachen auf einmal über sie herein. Es schien fast, als würden sie die Oberhand gewinnen, während sie sich noch stundenlang hin und her wälzte.

Sie wusste, dass sie vor der wichtigsten Entscheidung ihres Lebens stand. Wenn Remira wirklich das Land aus ihrem Traum war, würde sie dort Frieden, Leben und Sicherheit in Fülle finden. Aber der Weg dorthin war scheinbar eine einzige Folge von Gefahren und Unsicherheiten.

Endlich stellte Zoe zu ihrer grossen Freude fest, wie all ihre Sorgen und Gedanken sie verliessen. Es dauerte nicht lange, und sie träumte von einem friedlichen Land weit, weit weg. Als sie am folgenden Morgen erwachte, war sie sich ihrer Antwort sicher.

Zoe wartete bereits, als der Bote klopfte. Erneut überkamen sie Wellen von Furcht und Zweifel; aber die goldenen Funken in ihren grossen braunen Augen leuchteten voller Vorfreude, als sie ihm die Türe öffnete.

„Ich werden gehen.“ Sie wiederholte lachend: „Ich werde gehen.“

Kieran gefiel diese Antwort ganz offensichtlich. „Die Entscheidung für diese Reise war nicht leicht für Euch; aber Ihr werdet sie nicht bereuen, Zoe. Abenteuer, von denen Ihr bislang nur geträumt habt, warten auf Euch. Sie werden Euch Leben bringen, und Ihr werdet in einem Jahr mehr erleben als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben. Die Abenteuer werden Euch in den Menschen verwandeln, als der Ihr geschaffen wurdet, damit Ihr, wenn Ihr erst einmal in Remira angekommen seid, dort auch Euren vorherbestimmten Platz einnehmen könnt. Das ist Eure Berufung, aber – wie Ihr bereits gewarnt seid, ist die Reise voller Herausforderungen. Sie soll all diejenigen abhalten, die nicht über den nötigen Glauben und Mut verfügen, Remira zu erreichen und dort mit dem König zu herrschen.“

„Aber, mein Herr, ich bin doch nur eine arme, ganz gewöhnliche Frau. Wenn ich jemals wohlbehalten in Remira ankommen sollte, ist das bereits mehr, als ich erwarten könnte. Aber mit dem König zu herrschen – das geht wirklich über meinen Glauben hinaus.“

„Euer Glaube wird wachsen. Von dem Moment an, als Ihr die Entscheidung getroffen habt, diese Reise anzutreten, wart Ihr keine gewöhnliche Frau mehr. Aber noch seid Ihr nicht in den königlichen Stand eingetreten, zu dem Ihr berufen seid. Gerade deswegen müsst Ihr bereits jetzt beginnen, zu denken und zu handeln wie jemand, der berufen ist, mit dem König zu herrschen“, entgegnete er und verneigte sich tief vor ihr.

Zoe war das äusserst peinlich, und sie wusste, dass ihr Gesicht von einer tiefen Röte überzogen war. Dennoch wurde sie von einer Erregung erfüllt, die sie ihren Kopf höher halten liess. Der Bote fuhr fort, wobei seine Stimme von einem tiefen Res­pekt geprägt war, den sie zuvor nicht bemerkt hatte; und so

hörte sie umso aufmerksamer auf das, was er ihr noch zu sagen hatte.

„Der König hat viele Feinde. Sobald sie herausfinden, dass Ihr versucht, nach Remira zu gelangen, werden sie versuchen, Euch aufzuhalten. Sie wollen nicht, dass sich jemand dem König naht. Sie versuchen verzweifelt zu verhindern, dass Ihr Eure Bestimmung erfüllt. Aber fürchtet Euch nicht – geht immer voran und wendet Euch niemals zurück. Das ist das Wichtigste. Wenn Ihr Euch nämlich zurückwendet und umkehrt, wird der Feind mit einer tödlichen Falle auf Euch warten. Der König wird Euch zur Seite stehen, solange Ihr auf dem richtigen Weg bleibt. Morgen, Zoe, beginnt ein neues Leben für Euch. Macht Euch noch vor Sonnenaufgang auf den Weg. Erinnert Euch stets daran: Ihr werdet nicht versagen, solange Ihr nicht stehen bleibt. Wie Ihr Glauben für den Anfang benötigt habt, werdet Ihr jeden Tag neuen und grösseren Glauben brauchen, um weiter zu gehen. Haltet Euch immer vor Augen, dass Glaube für Euch sogar noch wichtiger als Nahrung ist.“

Der Glaube ist Licht und Leitung für jede Reise.

Kapitel Drei

Denn ich, ich kenne meine Pläne, die ich für euch habe – Spruch des Herrn –, Pläne des Heils und nicht des Unheils; denn ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben.

(Jeremia 29,11)

Auf der Karte konnte Zoe erkennen, dass der Schierlingswald ihr erstes Ziel war. Dieses Waldgebiet war aber nicht nur voll von furchterregenden Schierlingsgewächsen, Zoe sorgte sich auch, weil sie viele Geschichten über den Wald gehört hatte. Angeblich gab es dort unzählige wilde Wölfe und riesige Bären. Aber das war noch nicht das Schlimmste an diesem Wald – man sagte auch, er sei verzaubert! Die Leute erzählten sich von bösen Wesen, die immerfort ruhelos den Wald durchstreiften und niemals Ruhe oder Frieden finden konnten. Angeblich war der Wald von so tiefer Finsternis durchdrungen, dass man kaum den Weg vor Augen erkennen konnte – und das selbst am helllichten Tag. Je länger sie auf die Karte starrte, desto zögerlicher wurde sie, ob sie sich in den Wald hineinwagen wollte. Weshalb muss der Weg durch diesen schrecklichen Ort führen? Aber die Einladung besagte, dass sie dem Weg folgen musste, den der König für sie bestimmt hatte. Ihr blieb ganz offensichtlich gar keine Wahl, sondern sie musste durch den Wald wandern.

Sie seufzte, steckte die Karte wieder in ihren Beutel und blickte sich noch ein letztes Mal – wie sie meinte – in ihrem Zuhause um. Sie lächelte zufrieden, denn sie war sehr stolz auf ihr kleines Steinhäuschen. Ihre Augen wanderten zu ihrem Lieblingssessel, wo sie immer sass und nähte … zu der kleinen Feuerstelle aus Stein, wo sie ihre Mahlzeiten zubereitete … zu der Decke auf ihrem Bett, die sie in liebevoller Handarbeit selbst gefertigt hatte … wie sehr sie diesen Ort doch vermissen würde.

Alles war gepackt, und sie war bereit loszuziehen. Bin ich wirklich bereit? Sie konnte das Verlangen in ihrem Herzen nicht leugnen, endlich zu dieser Reise aufzubrechen; deshalb trat sie hinaus, ehe ihre Furcht sie dazu verleiten konnte, sich wieder anders zu entscheiden und in der Sicherheit ihres kleinen Hauses zu bleiben. Sie schloss die Tür hinter sich und betrat schnell den Pfad.

Unwillkürlich drehte sie sich noch einmal um, um einen letzten Blick zurückzuwerfen. Sie betrachtete ihren Gemüsegarten, der so viel Gemüse hervorbrachte, dass sie das meiste davon verschenken musste – den grössten Teil an die Frauen, für die sie nähte. Ach du meine Güte, was soll ich nur mit meinen Auftraggeberinnen tun? Zum Glück hatte sie alle anstehenden Arbeiten erledigt, aber was würden sie denken, wenn sie neue Näharbeiten brachten und sie nicht zu Hause antrafen? Sie beschloss, einen Zettel mit der Nachricht an der Tür zu hinterlassen, dass sie sich bei ihnen melden würde, sobald sie zurück wäre. Sie ging ein letztes Mal an den Bach hinunter, wo sie so viele Stunden damit verbracht hatte, auf das Wasser zu schauen und von fernen Abenteuern zu träumen – und endlich brach sie auf.

Während sie von ihrem Haus fortging, machte sie eine Wendung und fand den vorgezeichneten Weg, und sie begann ihre Reise. Sie kam an einigen kleinen Häuschen vorbei; aber ihre Aufmerksamkeit wurde von den Blumen am Wegrand in Anspruch genommen. Meile um Meile schienen sich die blühenden Tulpenfelder hinzuziehen. Sie sahen aus wie zahllose rote, gelbe und violette Juwelen, als sich die ersten Sonnenstrahlen in dem Tau auf ihren langen Blättern brachen. Sie genoss es in vollen Zügen!

Dann sah sie ihn schon von weitem – den Schierlingswald! Sie versuchte, tief durchzuatmen und ruhig zu bleiben, aber mit jedem Schritt wuchs ihre Beklemmung. Als sie schliesslich am äussersten Rand des Waldes ankam, war ihr bereits übel vor Angst. In ihrem Inneren tobte ein ungeheurer Kampf. Sie wusste, wenn sie jetzt umkehren würde, würde sie den Rest ihres Lebens von Neugier geplagt werden – und tiefe Reue empfinden. Sie wäre in Sicherheit, aber würde sie wirklich leben?

Sie entschied, dass ein Leben voller Bedauern und Reue weit schlimmer wäre als der Weg durch den Wald. Wenn sie jemals wirklich leben wollte, musste sie weitergehen. Trotz ihrer Angst nahm Zoe ihre ganze Kraft zusammen, holte tief Luft und marschierte in den düsteren Wald hinein.

Sie bemerkte sofort die kaffeebraunen Pilze, die überall den mit Moos bedeckten Boden durchbrachen. Unheimliche Ranken hingen von den Bäumen wie Netze, die nur darauf warteten, ihre Opfer einzufangen. Giftige, blühende Schierlingsgewächse wucherten überall. Sie würde sich auf jeden Fall von der trügerischen Schönheit dieser Pflanzen fern halten.

Die klamme Feuchtigkeit, die den ganzen Wald durchzog, liess sie allmählich bis auf die Knochen erschauern. Ihre Furcht wuchs plötzlich ins Unermessliche, als sie mit einem Mal von seltsamen Geräuschen umgeben war, die wie schwere Schritte klangen. Ihre Angst war so gross, dass sie es noch nicht einmal wagte, sich umzusehen. Sollte sie einfach wegrennen oder nur weitergehen? Zoe erinnerte sich an die Zusage des Boten des Königs, dass sie nicht scheitern würde, solange sie nicht stehen blieb. Sie beschloss, alles zu riskieren und auf die Wahrheit dieser Worte zu vertrauen.

Während sie immer weiter in den Wald vordrang, war sie erstaunt, dass sie nichts von hinten angriff. Das Geräusch der Schritte verklang in der tiefen Schwärze. Aber dann fiel die gefürchtete Finsternis, und die unheimliche Stille zerrte sogar noch mehr an Zoes Nerven als das Geräusch der Schritte. Plötzlich waren ihr Gesicht und ihre Haare von einem riesigen Spinnennetz bedeckt, und trotz ihrer schnellen Reaktion hatte sie sich sofort verfangen! Im selben Augenblick sprang eine gewaltige schwarze Spinne sie an. Sie schrie auf, als sie sie auf ihrem Rücken spürte, aber sie konnte sie nicht erreichen. In panischer Angst sprang sie auf und ab und versuchte, das riesige Tier irgendwie abzuschütteln, aber es nützte alles nichts! Endlich fand sie einen Stock, mit dem es ihr gelang, die Spinne fortzuschleudern. Tränen liefen über ihr Gesicht, während sie verzweifelt versuchte, die klebrige Masse abzuwischen. Das Herz schlug ihr noch bis zum Hals, als sie sich schliesslich auf einen umgestürzten Baumstamm fallen liess, um sich wieder zu beruhigen. Und das ist erst der Anfang!

Nachdem sie einige Male tief durchgeatmet hatte, erinnerte sie sich wieder an ihren Traum, richtete ihre ganze Willenskraft auf Remira aus und machte sich erneut auf den Weg. Die düstere Finsternis des Waldes umgab sie und schnürte ihr die Luft ab. Sie konnte Schatten vor sich erkennen, als sie weiterging – sie verfolgten sie bei jedem Schritt. Ohne jede Vorwarnung stiess ein weiterer riesiger, noch dunklerer Schatten vor ihr herab, dann hinter ihr. Eine nie gekannte Furcht bemächtigte sich ihrer, so dass sie kaum noch in der Lage war, einen Fuss vor den anderen zu setzen. Dann hörte sie Stimmen, ein Murmeln, das sie nicht verstand, das aber tief in ihre Seele einzudringen schien und sie mit Schrecken erfüllte. Ihre Furcht steigerte sich zu einer solchen Panik, dass sie wusste, sie musste diesen schrecklichen Wald sofort verlassen! Nichts war diese Tortur wert!

Sie wandte sich um und lief so schnell sie nur konnte dem Waldrand entgegen. Der einzige Laut war der Klang ihres eigenen Ringens nach Luft. Alles in ihr flehte darum, dass sich der Wald endlich lichtete. Da hörte sie mit einem Mal Geräusche hinter sich. Zuerst klangen sie noch entfernt, aber sie näherten sich schnell, bis sie ganz davon umgeben war. Die Dunkelheit griff erneut nach ihr, und der Wind heulte und pfiff um sie he­rum, als wollte er sie ganz einhüllen. Ohne jede Vorwarnung überquerten vor ihr zwei Eichhörnchen den Weg. Sie stolperte, und mit einem Mal wurde ihr bewusst, was sie eigentlich gerade tat.

So leicht wollte Zoe nicht aufgeben. Sie wusste, was sie zu tun hatte. Sie nahm all ihren Mut zusammen, wandte sich wieder um und stapfte entschlossen auf ihren Weg zurück. Während sie dem Weg immer tiefer in den Wald hinein folgte, vernahm sie plötzlich ein neues Geräusch, das beständig lauter wurde. Es war wie der Klang von fernen Trommeln, die immer näher kamen, und ihr Schlag wurde mit jedem nahenden Schritt lauter. Sie keuchte, als sie bemerkte, wie der Lärm näher und näher kam. Inzwischen klang es wie eine Herde Tiere, die direkt auf sie zu preschte. Sie blickte sich rasch um und glaubte mit einem Mal, den Schwanz eines Tieres erkennen zu können, das neben ihr her rannte. Ihre hellen braunen Augen verdunkelten sich vor Furcht, und ihr Herz schlug so laut, dass es in ihren Ohren rauschte! Sie spürte plötzlich etwas direkt hinter sich. Sie warf sich herum und stand ihnen mit einem Mal Auge in Auge gegenüber – ein Rudel Wölfe. Vor Angst verlor sie beinahe das Bewusstsein und erstarrte. Es gab kein Entkommen!

Die dunklen grauen Wölfe hielten in ihrem Lauf inne und starrten sie an. Sie drückten sich dicht an den Boden und kamen Stück für Stück näher herangekrochen. Dabei knurrten sie böse und entblössten ihre schrecklichen Fänge, während sie sie umringten. Ihre tiefblauen Augen schienen Schlitze des Bösen zu sein. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Wenn sie versuchte davonzulaufen, würden sie sie mit Sicherheit einholen! Wenn sie blieb, wo sie war, würden sie angreifen. Sie musste etwas unternehmen, aber was? Einer der Wölfe war ihr inzwischen so nahe gekommen, dass sie seinen übel riechenden Atem wahrnahm. In seinen Augen spiegelte sich eine derartige Gemeinheit und Grausamkeit, die sie noch nie zuvor bei einem Lebewesen gesehen hatte – sie wusste, dass sie jeden Augenblick seine Zähne zu spüren bekommen würde.

Sie hatte keine Tränen mehr. Schwindel überkam sie und sie schwankte vor und zurück. Ihre Arme und Beine wurden weich, und alle Kraft wich aus ihren Gliedern. Sie spürte, wie sie in die Knie einbrach, da sie sich nicht länger auf den Beinen halten konnte.

Die Wölfe zogen den Kreis immer enger um sie, bereit, ihre Beute jeden Augenblick anzuspringen. Aber plötzlich fuhr ein Pfeil in den Baum direkt neben ihr und verfehlte nur knapp die Schnauze eines der Wölfe. Verwirrt wandte sich Zoe um, um zu sehen, woher der Pfeil gekommen war. Sie erkannte eine Frau, die aus der Finsternis heraustrat. Sie schoss erneut und streifte den Lauf des grössten Wolfes. Als er vor Schmerz aufheulte, begannen die übrigen Wölfe, die Frau anzuknurren. Der Hass in ihren Augen war unübersehbar, als sie weiter auf Zoe eindrangen. Die Frau liess schnell noch einen Schuss von ihrem Bogen folgen und traf einen weiteren Wolf ins Bein. Er schrie auf, und Furcht machte sich auf den Gesichtern der anderen Wölfe breit. In einem Augenblick hatten sie sich abgewendet und waren ebenso schnell zwischen den Bäumen verschwunden, wie sie aufgetaucht waren.

Zoe lag zusammengesunken auf dem Boden, und die Fremde lief schnell zu ihr herüber. Sie hielt ihren Kopf hoch, und einige Minuten später kam Zoe zu sich. „Du hast mich ganz schön erschreckt, wirklich wahr – armes Mädel. Was meinst, wie fühlst dich nu?“

Zoe sah die Frau an, die vor ihr auf dem Boden kniete. Der Schleier verzog sich vor ihren Augen, und ihr Kopf wurde wieder klar, als sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf diese seltsame Frau vor sich richtete. Ihr einfaches Kleid wurde von einem Ledergürtel zusammengehalten. Das dunkelblonde Haar war zu einem Zopf zusammengebunden, so dass ihr glattes Gesicht zum Vorschein kam. Aber mehr als alles andere waren es ihre dunklen grünen Augen, die Zoes Aufmerksamkeit auf sich zogen, denn sie waren wie tiefe Teiche voller Stärke und Charakter. Sie war völlig furchtlos.

Zoe brachte einige Minuten lang kein Wort heraus, aber schliesslich fand sie ihre Stimme wieder. „Ich glaube, es geht mir besser.“ In einem Anflug von Panik blickte sie sich um. „Wo sind die Wölfe?“

„Sind schon längst weg, verschwunden – brauchst keine Angst haben.“

„Danke … für deine Hilfe.“

„Ach, schon gut – mach dir nix weiter draus.“ Die Frau lächelte Zoe an – es war ein Lächeln, das sich sogar in ihren Augen spiegelte und viel mehr aussagte, als es Worte je vermocht hätten. „Aufpassen musst in diesen Wäldern, Mädel. Wollt nur ein paar Pilze für meine Suppe holen, sonst hätt’ ich dich gar nicht gesehen.

Kamaron ist von Gemeinheit umgeben. Ist der Anführer der Wölfe, wirklich wahr. Wird’s nie leid, Böses zu tun. Stimmt schon, dieser Wald ist voll von Geschöpfen, die nur drauf aus sind, anderen zu schaden – wilde Eber, Bären, Panther und andere. Aber eins ist sicher – die sind nicht auf der Seite des Königs. Ihr Anführer ist Durgalt. Sie jagen und töten für ihn. Aber, verzeih meine schlechten Manieren … ich bin Feena … Feena O’Berry. Bleibst bei mir, bis du deine Ausbildung fertig hast. Und was bitte ist dein Name?“

Erstaunt hob sie eine Augenbraue. „Zoe Hirschfeld. Aber woher hast du gewusst, dass ich komme?“, fragte sie.

Die Frau hielt inne und sah Zoe nachdenklich an, aber sie gab keine Antwort auf ihre Frage. „Fangen bald mit deiner Ausbildung an. Jetzt bist ja noch ganz hilflos gegen diese Wesen. Sag mal, bist schon den Terronas begegnet?“

„Terronas?“

„Aber ja, ein Ausbund von Finsternis, ein Schatten von dem, was sie früher mal waren. Sind so vom Bösen gesteuert, dass sie nicht mal mehr so aussehen wie früher. Früher waren sie die herrlichsten Geschöpfe des Königs – Adler. Stimmt schon, sind den bösen Wegen Durgalts verfallen und haben sich in die widerlichen Kreaturen verwandelt, die sie nu sind. Dem König sei Dank, dass nicht alle Adler gefallen sind. Aber noch schlimmer ist, wie sie ihre Opfer quälen. Zuerst sind sie ganz klein, vielleicht glaubst das nicht, aber sie wachsen, je mehr du auf sie hörst – dringen in deine Gedanken ein und verdrehen alles, was du denkst.“

Zoe dachte einen Augenblick nach. „Ich habe zwei Schatten gesehen, die vor mir und hinter mir vorbeigeflogen sind. Sie haben mich in Panik versetzt.“

„Nu, hast sie also gesehen. Der Wald ist voll von Terronas. Sie brüten hier und verfolgen alle, die durch den Schierlingswald kommen. Durgalt hat ihnen befohlen, ihre Opfer anzufallen und ihnen Dinge einzuflüstern, um sie in Angst zu versetzen. Sie wissen, dass es vor allem Furcht ist, die die meisten davon abhält, auf dem für sie vorherbestimmten Weg weiterzugehen.“

„Diese Reise wird immer unheimlicher. Ich habe mich nach Abenteuern gesehnt; aber das ist mir einfach zu gefährlich. Sag mir, warum lebst du in diesem schrecklichen Wald?“

„Ist doch ganz klar, Mädel. Zweierlei: Ich leb hier, um Licht in die Dunkelheit des Waldes zu bringen. Das tu ich gerne. Und zweitens schickt mir der König immer wieder Leute, die ich ausbilden soll. Um deine Angst zu überwinden, gibt es keinen besseren Ort als den hier, meine Liebe!“

„Wie meinst du das – was für eine Art von Ausbildung?“

„Die Art von Ausbildung, mit der du deine Reise nach Remira fortsetzen kannst – wär’ doch zu schade, wenn du nicht wüsstest, wie du mit den Terronas fertig wirst oder wie du dich gegen Durgalts Gefolgsleute zur Wehr setzt, oder wenn du nicht mal mit Pfeil und Bogen umgehen könnt’st. Wehrlos bist, deshalb musst’ ich ja auch meinen Bogen gegen die Wölfe nehmen, um ihnen einen gehörigen Schrecken einzujagen.“

„Aber ich habe noch nie in meinem Leben einen Bogen in der Hand gehabt.“

„Bist noch so jung. Wirst keine Schwierigkeiten haben. Wenn die Tiere noch so schnell sind, du musst lernen, schneller zu sein. Aber wer weiss, Mädel. Wär’ es nicht wunderbar, wenn sie vielleicht doch auf die Seite des Königs wechseln würden, um Ihm zu dienen? Aber nu ist Essenszeit, also auf die Füsse mit dir. Wir gehen zu mir nach Haus. Dann gibt’s noch viel zu lernen.“

Er gibt uns die Kraft, alles zu tun, worum er uns bittet.

TEIL II

Reisevorbereitungen

Kapitel Vier

Er lehrte meine Hände zu kämpfen, meine Arme, den ehernen Bogen zu spannen.

(Psalm 18,35)

Zoe war froh, für die Nacht ein Dach über dem Kopf gefunden zu haben – bereits der Gedanke, die Nacht allein im Schierlingswald verbringen zu müssen, war furchterregend und liess sie erschauern. Sie gingen in Feenas Garten, um sich das Gemüse für ihre Mittagsmahlzeit zu suchen, obwohl die Mittagszeit längst vorüber war. In Feenas kleiner Hütte stieg Zoe ein köstlicher Duft in die Nase. Ein kleines Feuer loderte im Ofen, auf dem ein Topf mit Suppe brodelte. Feena schnitt schnell das Gemüse klein und rührte es in die kochende Flüssigkeit.

„Kann ich dir helfen?“, bot Zoe an.

„Nein, nein. Ruh du nur dein hübsches Köpfchen aus. Das Essen ist bald fertig.“

Zoe beobachtete Feena beim Kochen. Sie schien noch jung zu sein, aber dennoch hatte Zoe das untrügliche Gefühl, dass sie älter war, als sie aussah, weil sie über so viel Weisheit verfügte. Sie war grobknochig, stark und voller Selbstvertrauen. In ihrem Haar war keine einzige graue Strähne zu sehen. Sie war eine seltsame, aber faszinierende Frau.

Schon bald setzte Feena die dampfenden Suppenschüsseln auf den Tisch. Während sie assen, entdeckte Zoe ein riesiges Bärenfell und fragte: „Wie hast du so gut schiessen gelernt?“

„Dieser Bär hätt’ mich um ein Haar gekriegt. Nu, ein Freund hat ihn erlegt und mir das Leben gerettet. Er war’s auch, der mir das Schiessen beigebracht hat. Jeden Tag hab ich stundenlang geübt, bis ich endlich ins Schwarze traf. Auch jetzt noch üb ich jeden Tag. Hier, Mädel, nimm noch von dem Brot.“

Beim Essen stellte Zoe eine Frage, die sie beschäftigte, seit sie sich begegnet waren. „Darf ich fragen, wie alt du bist, Feena?“

Feena lächelte: „Achtundfünfzig bin ich.“

Zoe bekam grosse Augen. „Was hast du für ein Geheimnis?“

„Nu“, antwortete sie langsam, „ich dien’ dem König. Glaub, dass er mich jung hält, damit ich alles tun kann, worum er mich bittet. Ausserdem, stimmt schon, hab auch ich die Reise nach Remira gemacht.“

„Wirklich?“

„Schon. Vor etwa sieben Jahren starb meine Mutter, und mein Leben schien so leer. Weisst, hab nie geheiratet und sie hat mir alles bedeutet. Kurz nach ihrem Weggang hab ich die Einladung des Königs bekommen, nach Remira zu gehen. Hab mich entschieden zu gehen, weil ich was mit meinem Leben anfangen wollte.“

Zoe hörte ihr gespannt zu. „Ich war ganz gut im Bogenschiessen, also konnt’ ich mich verteidigen, aber wirklich wahr, es war eine schwierige Reise. Durgalt war mir ständig auf den Fersen. Hab ein Jahr gebraucht, bis ich endlich in Remira war. In dem Jahr hab ich viel über mich selbst gelernt – hab entdeckt, dass ich gar nicht so stark war, wie ich immer gedacht hatte.“

„Moment mal, Feena. Du bist doch eine starke Frau!“

„Nein, ich mein’ gar nicht die körperliche Stärke. Dachte immer, ich hätt’ alles im Griff, aber das stimmt gar nicht. Durgalt und seine Leute griffen mich ständig an, wirklich wahr. Wär’ viel besser gewesen, wenn ich den König um Hilfe gebeten hätt’, statt immer nur allein zu kämpfen. Erst als ich das endlich gelernt hatte, konnte Er mir helfen. Da hab ich die Reise in Ruhe beendet, ohne weitere Kämpfe. War früher eine ganz schön stolze und arrogante Frau. Jetzt leb ich für den König und versuch, immer in Seiner Kraft zu leben.“

Feenas Augen schweiften in die Ferne. „Meine Mutter hat auch immer vom König erzählt – war eine freundliche Frau, wirklich wahr.“

„Darf ich dich noch was fragen?“

Feena nickte. „Wie ist es in Remira?“

„Der schönste, friedlichste Ort, den ich je gesehen hab. Absolut vollkommen. Aber was mir am besten gefallen hat, war der Besuch beim König dort.“

Zoes Blick ging ins Leere. „Irgendwie erscheint mir alles gerade wie ein Traum … und noch dazu wie einer, der sehr weit weg ist.“

„O, so darfst aber nicht denken! Es wird dir schon real werden, je näher du Remira kommst. Wirklich wahr, tust gut dran, den König recht bald um Hilfe zu bitten, Mädel.“ Feena ergriff Zoes Hände. „Als ich in Remira war, hat mir der König gesagt, welche Aufgabe Er für mich hier im Schierlingswald hat.“

„Du meinst, du hast mit Ihm gesprochen … so wie wir hier gerade sprechen?“

„Nu, aber ja doch, Mädel. Wie willst Ihn denn sonst kennen lernen?“

„Wahrscheinlich hast du Recht. Bis ich Seine Einladung nach Remira erhielt, habe ich immer gedacht, es wäre alles nur eine Geschichte, wie ein Märchen.“

„Nu, ist aber alles wahr. Wie geht’s, nachdem gegessen hast?“

Zoe lächelte. „Viel besser, danke schön.“

„Gut so, Mädel. Jetzt müssen wir nämlich mit deiner Ausbildung anfangen.“

Als sie vor die Tür traten, blickte sich Zoe ängstlich nach den Wölfen um. Feena fing ihren verzweifelten Blick auf. „Brauchst keine Angst haben, so bald kommen sie nicht zurück.“

Feena senkte ihre Stimme zu einem Flüstern: „Vielleicht glaubst es nicht, Mädel, aber das ist ein verzauberter Wald, wirklich wahr. Viele Tiere hier können sprechen.“

„Sie können wirklich sprechen?“

„Als ich das zum ersten Mal gehört hab“, lachte Feena, „hab ich gedacht, ich wär’ verrückt geworden. Sowohl die guten wie auch die bösen können sprechen.“

Zoe war so schockiert, dass es ihr beinahe eine Minute lang die Sprache verschlug. Schliesslich fragte sie: „Wie haben sie sprechen gelernt?“

„Nu, das war, als der König eines Tages in den Schierlingswald kam. Er verlieh allen anwesenden Tieren die Gabe, sprechen zu können – selbst den Wölfen, die du heute gesehen hast. Weisst, wir dienen einem ehrenhaften König. Obwohl sie ihre Gabe missbraucht haben, hat Er sie nie zurückgenommen. Er hofft immer noch, dass sie sich eines Tages von ihren bösen Wegen abkehren und Ihm folgen.“

„Das ist aber auch eine Sache! Ich kann es gar nicht erwarten, mit einigen deiner Freunde zu reden!“

„Kommt noch, Mädel! Nu lass uns aber mal zur Lichtung hinter dem Haus gehn. Hast noch viel zu lernen.“

Sie kamen zu einem weiten, offenen Gelände, das als Bogenübungsplatz diente. „Versuch mal, diesen Bogen zu halten. Wie fühlt sich das an?“

Zoe hob den Bogen auf. „Schwerer, als ich gedacht hatte!“

„Nu, wirst dich schon dran gewöhnen. Schau erst mal, wie ich den Bogen halte und wie ich stehe. Hier, meine Füsse sind an der Linie, die ich gezogen hab. Ich ziel nu auf den Kreis an diesem Baumstamm.“

Feena spannte den Bogen, zielte sorgfältig und liess die Sehne schnellen. „Ins Schwarze!“ Zoe sah verblüfft zu, wie Feena noch einige weitere Pfeile abschoss, die jedes Mal wieder im Schwarzen der Zielscheibe stecken blieben.

„Kannst am saubersten schiessen, wenn du seitlich zu deinem Ziel stehst. Die Füsse schulterbreit auseinander. Dreh den Kopf, damit du das Ziel siehst.“

Zoe bewegte sich steif und verkrampft. „Ganz locker, Zoe, wirst sonst nie das Ziel treffen.“

Sie entspannte sich etwas. „Sehr schön, Mädel. Nu klemm die ersten drei Finger hinter die Sehne, um ein Gefühl für den Bogen zu bekommen.“ Als Zoe das versuchte, verlor sie den Halt und der Bogen fiel zu Boden.

„Schon gut, versuchs noch mal. Leg deinen Pfeil auf die Sehne. Er muss auf einer Höhe mit deiner Schulter sein. Dreh den Ellbogen deines Schussarms weg von der Sehne. Perfekt! Nu spann die Sehne quer zur Schulter. Steh gerade.“

Zoe liess den Kopf frustriert sinken. „Feena, du sagst mir zu viele Dinge auf einmal!“

„Ruhig Blut, Mädel. Zurück an deine Schiessübung. An die Kerbe an deinem Kinn muss die Sehne kommen, der Zeigefinger unter dem Kinn. Schau dein Ziel an und ziel drauf. Ganz wichtig, deine Augen dürfen nie von ihrem Ziel weichen. Sobald du es aus den Augen lässt, hast dein Ziel verloren.“

Feena beobachtete Zoe, während sie sich aufstellte. „Zieh deinen Schussarm bis ans Ohr und lass den Pfeil los.“

Zu Zoes Enttäuschung beobachtete sie, wie der Pfeil durch die Luft flog und zwanzig Schritte vor der Zielscheibe auf dem Boden landete.

„Erreichst das Ziel schon noch, Mädel. Warst schon auf der richtigen Linie direkt zum Kreis. Versuchs noch mal.“

Sie übte eine Stunde lang. Obwohl sie noch zu kämpfen hatte, konnte sie den Pfeil jedes Mal ein Stückchen weiter schiessen.

„Zoe, lass gut sein für heute. Richtig stolz bin ich auf dich. Deine Arme werden morgen bestimmt weh tun von der ganzen Überei.“

Zoe sagte Feena nichts davon, aber ihr tat bereits jetzt alles weh. Ihre Oberarme waren so verspannt, dass sie sie vor Schmerzen kaum noch heben konnte. Sie war ziemlich entmutigt, aber auch das sollte Feena nicht wissen.

Auf dem Rückweg ins Häuschen bemerkte Feena, dass Zoe etwas niedergeschlagen aussah. „Mädel, glauben und vertrauen, auch wenn’s mal nicht so gut aussieht, ist wichtig. Wenn du nur glaubst, dass etwas möglich ist – dann ist es möglich. Weiter probieren musst. Wird eine wunderbare Überraschung für dich am Ende, wenn du die Ausbildung fertig hast, Mädel, dann wirst nämlich gewandt, schnell und treffsicher mit dem Bogen sein.“

Als sie endlich im Haus waren, schloss Feena Zoe in die Arme und drückte sie. „Leg dich noch etwas hin, während ich das Abendbrot mache. Musst ausruhen.“

Zoe widersprach nicht. Sie war völlig erschöpft von den Ereignissen des Tages. Sobald ihr Kopf das Kissen berührte, versank sie in einen tiefen Schlaf. Mehrere Stunden vergingen, ehe Feena endlich kam, um sie zu wecken. Schlaftrunken wankte sie an den Tisch, aber sie war hellwach, sobald sie den ersten Löffel Kartoffelsuppe im Mund hatte. „Das ist köstlich!“

„Meine Mutter hat das immer gemacht, als ich noch ein kleines Mädel war.“

„Das klingt, als hättest du eine glückliche Kindheit gehabt.“

„War ganz wunderbar, wirklich wahr.“

„Zoe, erzähl mir von dir“, ermutigte Feena sie.

Sie rutschte unruhig auf ihrem Stuhl herum. „Nun ja, ich bin mir nicht so sicher, ob du wirklich mehr von meinem Leben hören willst.“

„Aber natürlich will ich, Mädel.“

Zoe räusperte sich. „An meinen Vater kann ich mich nicht erinnern. Er hat nie bei meiner Mutter und mir gelebt. Meine Mutter war wunderschön, jedenfalls so weit ich mich erinnern kann. Sie hatte langes braunes Haar, grosse blaue Augen und ein wunderschönes Lächeln.“

Zoe sah aus, als wäre sie weit weg. Sie fuhr fort: „Ich erinnere mich, dass sie mir jeden Tag Geschichten erzählte und jeden Abend ein Gutenachtlied sang. Tagsüber war ich bei einer anderen Frau, während meine Mutter arbeitete. Aber wenn sie zu Hause war, haben wir manchmal zusammen Kuchen gebacken. Ich war sehr glücklich mit ihr. Das ist alles, woran ich mich bei meiner Mutter erinnere.“

Zoe unterbrach sich, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Es tut mir Leid, Feena, normalerweise rede ich nicht darüber.“

Feena legte Zoe tröstend die Hand auf die Schulter, bis sie sich soweit gefangen hatte, ihre Geschichte weiterzuerzählen. Sie wischte sich die Augen, räusperte sich und begann erneut.

„Das letzte Mal habe ich meine Mutter gesehen, als ich vier Jahre alt war, fast fünf. Ich weiss noch, wir waren auf Besuch bei ihrer Schwester, meiner Tante Agathe, und ich habe den ganzen Nachmittag mit meinen Vettern gespielt. Mutter blieb eine Weile, dann sagte sie, sie müsste gehen. Sie hielt mich lange in den Armen, ehe sie sich verabschiedete. Ich weiss noch, dass ich Tränen in ihren Augen sah. Sie verliess das Haus meiner Tante und kehrte nie mehr zurück. Es tat so weh, wie noch nie etwas in meinem Leben wehgetan hatte – auch heute noch, wenn ich da­rüber nachdenke. Ich konnte einfach nicht glauben, dass sie mich nicht mehr liebte. Sie hatte mir immer das Gefühl gegeben, mich sehr zu lieben. Ich fragte meine Tante, wo sie war, aber sie wollte es mir nicht sagen.“

Feena streckte die Hand aus, um ihr sanft über den Rücken zu streichen. „Muss schrecklich wehgetan haben, Mädel, aber ich muss einfach glauben, dass sogar daraus was Gutes werden wird.“

Zoe sah sie zweifelnd an. „Bisher auf jeden Fall nicht. Ich meine, niemand hat je wieder von ihr gehört, seit sie uns verliess.“

Zoe schien tief in Gedanken versunken zu sein, ehe sie erneut sprach: „Meine Tante und Vettern waren freundlich zu mir, aber ich war nie wirklich Teil ihrer Familie. Als ich fünfzehn war, fragte ich meine Tante, ob ich arbeiten und in der Stadt bei Ginevra leben dürfte, einer älteren Frau, mit der ich befreundet war. Sie war Näherin, und ich liebte sie sehr. Meine Tante liess mich gehen.“

Zoes Stirn zeigte mit einem Mal tiefe Furchen. „Ich zog zu Ginevra und arbeitete etwa zwei Jahre lang mit ihr zusammen. Sie brachte mir alles über das Nähen bei, was sie wusste. Manchmal war sie streng und unerbittlich in der Ausbildung. Sie liess mich alles so lange neu machen und wiederholen, bis es fehlerlos und vollkommen war. Ich hasste es, Dinge immer und immer wieder neu machen zu müssen; aber jetzt weiss ich, dass genau das mich zu der Näherin gemacht hat, die ich heute bin.“

„Und was für eine Näherin ist das?“

Zoe blickte zu Boden und tat so, als würde sie einen Krümel auf dem Boden aufheben. „Ich bin in Brenmoor als Näherin sehr gefragt. Ich mache sehr ausgefeilte Kleider und Gewänder für die Frauen in unserem Dorf.“

„So, so. Eine ausgezeichnete Näherin. Nu, hast es also.“

„Was hab ich?“

„Entschlossenheit. Bei der Näherei hast dein Bestes gegeben. Genau so wird’s mit dem Bogen auch sein.“

Zoe blickte sie unsicher an, und Feena lächelte. „Wirst schon sehn, Mädel.“

Feena trat ans Feuer, nahm den Kessel vom Haken und machte Tee, während Zoe mit ihrer Geschichte fortfuhr.

„Ginevra war wie eine Mutter für mich. Sie war es auch, die mir vom König erzählte – aber das schien damals auch alles zu sein – Geschichten. Jetzt frage ich mich, ob auch sie die Reise nach Remira gemacht hat. Als sie starb, versuchte sie, mir noch etwas über Remira zu sagen, aber sie kam nicht mehr dazu. Sie sagte nur, dass der König wunderbar war, sehr gütig, und dass er sie lieben gelehrt hatte. Ich verstand das nicht, da Er doch so weit weg wohnte. Es schien alles nur ein schönes Märchen zu sein. Ich bin dem König noch nicht begegnet; oft frage ich mich, ob ich jemals wirklich wissen werde, dass all das tatsächlich real ist. Es war für mich wie ein Zauberland, das einfach schön klang – bis ich diesen Traum hatte. Wenn das, was ich damals sah, wirklich Remira war, ist es der schönste Ort, den es gibt. Du bist die Erste, die ich treffe, die wirklich dort gewesen ist.“

Zoe nahm einen kleinen Schluck von ihrem Tee. „Auf jeden Fall lebte ich die nächsten zwei Jahre mit Ginevra zusammen. Neben der Erinnerung an meine Mutter war das die glücklichste Zeit meines Lebens. Sie half mir zu vergessen, wie sehr ich meine Mutter vermisste.“

Feena nahm Zoes Hände zwischen ihre eigenen. „Schwierig war’s, Zoe; aber ich weiss, dass nu ein ganz neues Leben auf dich wartet. Was ist dann passiert?“

„Ach ja. Leider starb Ginevra, als ich siebzehn war – das war vor einem Jahr. Sie hinterliess mir ihren ganzen Besitz, weil ich die nächste Angehörige war, die sie hatte. Ein paar Tage vor ihrem Tod hatte sie mir noch gesagt, dass es niemand sonst gab, dem sie ihren Besitz überlassen wollte. Ich weiss, dass sie mich wirklich wie die Tochter liebte, die sie nie gehabt hatte. Sie hinterliess mir auch ihr Geschäft und das Geld, das sie über die Jahre gespart hatte. Sie war fünfundsiebzig, als sie starb, und so hatte sich ein hübsches Vermögen angesammelt. Kurz nachdem ich das Geld ausbezahlt bekommen hatte, kaufte ich ein schönes Stück Land mit einem Bach. Ich bezahlte einige Männer im Dorf, mein kleines Steinhäuschen mit Blick auf den Bach zu bauen. Nach sechs Monaten verliess ich Ginevras gemietetes Geschäft und zog in mein eigenes kleines Zuhause. Seitdem habe ich dort gelebt. Ginevras gesamte Kundschaft ging an mich über.“

Zoe blickte wieder in die Ferne. „Ich vermisse sie immer noch.“

Feena lächelte. „Wirklich eine besondere Frau, Ginevra. Ich glaub, ich hätte sie gemocht.“

Zoe lächelte und strich sich das lange braune Haar hinter die Ohren. „Ich bin mir sicher, du hättest sie gemocht.“

Feena holte den Teekessel und füllte ihre Tassen neu. „Bist erst achtzehn, und hast schon viel im Leben erreicht. Überleg mal, bald ist es Zeit für dich, wieder in das grosse Abenteuer einzusteigen – eines, das du niemals vergessen wirst.“

„Ich freue mich darauf. Aber irgendwie kann ich meine Vergangenheit nicht vergessen … ich wünschte einfach, ich hätte all diese Jahre mit meiner Mutter verbringen können. Manchmal bin ich noch so wütend auf sie. Und dann vermisse ich sie wieder so sehr, dass ich mir wünschte, ich könnte ihr noch einmal begegnen.“

Feena nahm sie in die Arme. „Wer weiss, vielleicht wirst das ja eines Tages.“

„Ich glaube nicht. Sie hätte mich doch wohl schon längst aufsuchen sollen. Ich weiss nicht einmal, ob sie überhaupt noch am Leben ist.“

„Nu, wir werden schon sehen. Jetzt lass uns aber erst mal diesen Abwasch machen.“

Nachdem die Arbeit erledigt war, unterhielten sie sich weiter. Aber bald gähnte Zoe. Feena murmelte schläfrig: „Bettzeit. Der morgige Tag wird viel Arbeit bringen. Wir wollen uns für die Nacht verabschieden.“

„Klingt gut, Feena. Noch mal, vielen Dank für alles.“

„Lass gut sein. Bin froh, dass du hier bist“, entgegnete sie mit einem Lächeln.

Zoe schlief ein, während sie noch über Feena nachdachte. Sie bewunderte die Kraft und den Mut, die sie in ihr sah. Sie fragte sich, ob sie selbst jemals halb so mutig sein würde. Aber schliesslich hatte Feena gesagt: „Wenn du glaubst, sind alle Dinge möglich.“

Entschlossenheit, Ausdauer und Geduld führen zum sicheren Sieg.

Kapitel Fünf

Denn ich bin der Herr, dein Gott, der deine rechte Hand ergreift und der zu dir sagt: „Fürchte dich nicht, ich werde dir helfen.“

(Jesaja 41,13)

Das frühe Morgenlicht fiel sanft durch das kleine Fenster, während Zoe im Bett lag und ihre bisherige Reise noch einmal an sich vorüberziehen liess – den Wald, die Terronas, die Wölfe, den Umgang mit Pfeil und Bogen und Feena. Sie seufzte, als sie an die vielen Schwierigkeiten dachte, die sie überstanden hatte. Schon allein die Entfernung würde ihre Reise nach Remira schwierig machen; aber dazu kamen all die Gefahren, denen sie sich bereits ausgesetzt gesehen hatte, und diejenigen, die ihr mit Sicherheit unterwegs noch bevorstanden. Es schien praktisch aussichtslos zu sein.

Sie sah die verlöschenden Kohlen im Kamin an. Was war nötig, um weiterzugehen und in ihrem Herzen das Feuer für den König zu bewahren, damit sie alle Hindernisse überwinden und diese Reise beenden konnte?

Feena schlief noch, daher beschloss Zoe, die Zeit zu nutzen, um ihr Tagebuch zu führen. Sie schrieb über ihre Abenteuer; aber sie schrieb noch viel mehr über ihr tiefes Verlangen, ihre Bestimmung im Leben zu finden. Später legte sie ihr Tagebuch zur Seite, stand auf und wusch ihr Gesicht an dem Waschtisch in ihrem Zimmer. Feena war inzwischen aufgestanden und schon eifrig dabei, das Frühstück vorzubereiten. „Hmm … was riecht da so gut?“

„Ein kräftiges Frühstück, das ist es, was du brauchst. Was meinst zu Eiern mit Speck und ein paar Brötchen?“

„Klingt wunderbar.“ Zoe trat ans Feuer und bemerkte die riesige Menge, die Feena zubereitete. „Erwartest du noch Besuch?“

„Nein, ist nur für dich und mich. Werden all unsere Kraft heute brauchen, deshalb packen wir den Rest Speck und Brötchen für später ein. Wär’ nicht gut, wenn uns das Essen ausgeht.“

Zoe runzelte die Stirn. „Ich verstehe nicht. Heisst das, wir gehen irgendwohin?“ Zoe erschauerte bei dem Gedanken, erneut in den Wald mit seinen schrecklichen Wölfen hinaus zu müssen.

„Aber, aber, Zoe. Kannst doch nicht für immer hier bleiben. Wär’ doch schade, wenn deine schöne Karte ganz umsonst wär’. Ich bin nur hier, um dich für die restliche Reise vorzubereiten.“

„Selbst wenn ich meine Reise fortsetze, wie könnte ich es mit so vielen Wölfen aufnehmen, wo ich doch alleine bin?“

„Mädel, musst aufhören, dich zu sorgen. Wird sich alles finden.“ Zoe sah nicht so aus, als wäre sie überzeugt. „Glaub nur. Der König selbst hat dich auf diese Reise gerufen. Mit seiner Hilfe kannst du alles schaffen.“

„Wenn ich nur mehr Erfahrung mit dem König hätte, so wie du, vielleicht hätte ich dann mehr Glauben.“

Feena klopfte Zoe liebevoll auf die Schulter. „Erfahrung muss da anfangen, wo du gerade bist, Mädel.“

Als sie ihr Frühstück beendet und den Proviant für den Tag gepackt hatten, führte Feena Zoe einige Minuten durch den Wald, bis sie an eine weitere Lichtung kamen. Sie rief: „Antrum, alles in Ordnung, kannst rauskommen.“

Als sie sich umwandten, entdeckten sie einen grossen braunen Hirsch, der aus dem Dickicht kam. Sein Geweih war gewaltig. Ihm folgte seine Gefährtin, eine sanfte hellbraune Hirschkuh mit grossen, dunklen Augen. Sie näherten sich vorsichtig und beäugten Zoe sorgfältig.

„Meine lieben Freunde, das ist Zoe. Macht gerade ihre Ausbildung bei mir, und ich möcht’, dass ihr sie kennen lernt.“

Antrum trat auf Zoe zu. „Du bist hier willkommen. Jeder, der dem König dient, ist unser Freund.“ Er wandte sich zu seiner Gefährtin und sagte: „Das ist Marian.“

Sie näherte sich Zoe. „Sehr erfreut, dich kennen zu lernen“, sagte sie mit freundlicher und sanfter Stimme.

Zoe starrte sie mit offenem Mund an. „Es tut mir Leid. Ich wollte euch nicht anstarren, aber ich habe noch nie Tiere sprechen hören!“

Marian lächelte und Antrum beugte sich zu Zoe herunter. „Manchmal erscheint es auch uns unglaublich, dass wir eure Sprache sprechen. Weisst du, es ist eine Gabe des Königs.“

Zoe lächelte: „Und was für eine wunderbare Gabe es ist.“

Das schien Antrum zu gefallen. „So ist es. Jetzt ist es an der Zeit, dir von Kamaron zu erzählen, dem Anführer der Wölfe in diesem Wald. Er lebt nicht unter dem Schutz des Königs, aber wir, weil wir Anhänger des Königs sind. Du hast wirklich nichts zu fürchten. Wenn du es aber zulässt, dass Furcht dich kontrolliert, wird sie genau das tun. Das wird dich in Gefahr bringen.“

Zoes Stirn legte sich in Falten. „Langsam glaube ich, dass Furcht mehr Macht in meinem Leben hat, als ich jemals angenommen hatte. Ich verstehe, was du sagst – ich wünschte nur, ich könnte sicher sein, dass der König mich wirklich schützen kann.“

Antrum wandte sich um und warf einen Blick auf Feena. „Nun, ich würde sagen, dass er das bereits gezeigt hat.“

Zoe lächelte Feena an, und sie erwiderte es mit ihrem wunderschönen Lächeln. „Wirklich wahr, Antrum.“

Feena wechselte mit einem Mal das Thema. „Antrum, kannst du all unsere Freunde rufen, damit Zoe sie kennen lernen kann?“

„Aber gerne“, rief er und sprang zurück ins Dickicht. Im Handumdrehen war er zurück und brachte Dachse, Hasen, Waschbären, Eichhörnchen, Erdhörnchen, allerlei Vögel, zwei wunderschöne schwarze Panther und fünf riesige Braunbären mit. Zoe rang nach Luft, als sie eine weisse Hirschkuh aus dem Unterholz treten sah.

Die weisse Hirschkuh kam nah an Zoe heran. Ihre Augen waren so klar wie ein Gebirgsbach. „Mein Name ist Sabah. Es ist mir eine grosse Freude, dich kennen zu lernen. Es wäre mir jederzeit eine Ehre, dir zu helfen.“

Zoe konnte die Augen nicht von ihr abwenden, so schön war sie. „Dank dir, Sabah.“

Zoe war ein wenig eingeschüchtert, als sie von den ganzen Tieren umgeben wurde. Einer der schwarzen Panther ergriff das Wort: „Wir heissen dich willkommen im Namen des Königs!“ Die anderen Tiere jubelten, und Zoe konnte sich nicht erinnern, jemals etwas so Wunderbares und Schönes gesehen zu haben.

Die beiden geschmeidigen Panther tauchten neben Zoe auf. „Mein Name ist Bantry“, sagte einer von ihnen mit seiner tiefen, dröhnenden Stimme. „Und das ist meine Gefährtin Rose. Wenn du zu deiner Reise aufbrichst, rufe nach uns, und wir werden dir zu Hilfe kommen. Wir kennen viele Geheimnisse des Waldes.“

Feena legte ihre Hand auf Bantrys Schulter. „Mein Freund, gut, dich zu sehen! Schon viel zu lang, seit wir uns das letzte Mal begegnet sind. Du und Rose schauen gut aus.“

„Danke, Feena, das Gleiche gilt für dich.“

„Können wir kurz über Kamaron sprechen? Hast in letzter Zeit mit ihm gekämpft?“

In Bantrys Augen loderte ein Feuer auf. „Ja, erst vor zwei Tagen, aber es war ein grosser Sieg für uns. Er wollte unseren neuen Welpen angreifen. Wir haben ihn jetzt gut versteckt, wo es für Kamaron äusserst schwierig wäre, ihn zu finden. Wir können nicht lange bleiben, weil wir zu ihm zurück müssen, aber wir wollten dennoch Zoe willkommen heissen und mit dir sprechen.“

Feena beugte sich näher zu Antrum und flüsterte: „Müssen ab jetzt sehr vorsichtig sein. Er hat es auf Zoe abgesehen, und wir müssen sie schützen.“

Antrum nickte: „Du kannst auf uns zählen.“

Zoe unterhielt sich gerade mit Marian, als sich genau vor ihnen ein gewaltiger Adler niederliess. Sie war von seiner Grösse überwältigt, da sie noch nie eines dieser Tiere aus der Nähe gesehen hatte. Er hatte scharfe, durchdringende Augen. „Mein Name ist Edan – willkommen in unserem Wald.“ Er sprach mit einer bemerkenswert tiefen und klaren Stimme.

Aber noch ehe Zoe Edan antworten konnte, hörten sie plötzlich, wie sich etwas hinter ihnen in den Büschen bewegte. Feena brachte alle mit einer Handbewegung zum Schweigen. „Bantry, schau dich mal um!“ Dann wandte sie sich an ein Eichhörnchen. „Farno, sichere die Bäume. Edan, flieg hoch hinauf und berichte uns, was du siehst.“

Als wollte sie sich bei ihr verstecken, schob sich Zoe näher an Feena heran. „Glaubst du, es ist schon wieder Kamaron?“

„Weiss nicht, aber müssen uns vergewissern, dass er uns nicht folgt.“ Sie warteten schweigend, bis die drei Tiere zurückkehrten. Bantry und Farno hatten keine Anzeichen für Späher entdeckt, aber Edan hatte etwas anderes zu berichten. Er hatte einen einsamen Wolf beobachtet, der sich in eine Höhle verkroch, die nur etwa 100 Schritte von ihrem jetzigen Standpunkt entfernt war.

Feena meinte: „Müssen auf der Hut sein. Wahrscheinlich ein feindlicher Späher, also müssen wir leise sprechen. Am besten alle auf ihre Posten, während wir Schiessen üben. Und das ist das Signal, das ihr euch merken müsst, also kommt schnell, wenn ich rufe.“ Feena stiess einen gellenden Ruf aus. Sie klang wie ein verzweifeltes Tier in höchster Not.

„Zoe muss noch viel üben. Müssen anfangen. Schon wahr, Freunde, wir brauchen eure Hilfe.“

Bantry flüsterte ihr zu: „Feena, wir werden nicht weit weg sein, damit wir dein Signal hören können. Mach dir keine Sorgen, wir sind im Handumdrehen bei dir.“

Alle verabschiedeten sich, und dann machten sich die Tiere schnell auf den Weg zurück in den Wald.

„Zoe, müssen noch auf diesen Hügel, das Lager aufschlagen und mit unseren Zielübungen anfangen. Dort übernachten wir, so viel steht fest. Wirklich wahr, deine Angst, die ist ein Problem. Gerade wo sie am stärksten ist, musst du dich ihr ­stellen.“

„Ich hatte gehofft, wir würden üben und dann nach Hause zurückgehen.“

„Nicht heute Abend, Liebes.“

Zoe schien der Weisheit von Feenas Plan nicht ganz zu trauen, aber sie sagte nichts weiter dazu. Endlich erreichten sie die Hügelkuppe. „Schau dich um, Mädel. Siehst das Dickicht da ­unten?“ Zoe nickte. Dahinter kannst mein Häuschen sehn. Auf der anderen Seite des Hügels führt ein Weg zwischen diesen ­beiden Felsen durch. Siehst ihn?“

„Ja, ich sehe ihn.“

„Das ist der Weg, der zum Haus des Königs führt. Hier schlagen wir unser Lager auf.“

Feena hängte die Zielscheibe an einem Baum auf, der etwa 20 Schritte von Zoe entfernt war. Sie kam zu Zoe zurück und fragte: „Weisst noch, wie du den Bogen hältst?“

Zoe hob ihn auf, aber sie spürte noch den Muskelkater vom Vortag. Trotz der Schmerzen richtete sie ihre ganze Konzentration auf das Ziel, nahm die richtige Haltung ein, zielte und zog ihren Arm so weit zurück, wie sie nur konnte. Dann liess sie den Pfeil von der Sehne schnellen.

„Nur noch einen Schritt von der Zielscheibe weg!“ Zoe lächelte ermutigt und versuchte es gleich noch einmal. Mit jedem Schuss kam der Pfeil seinem Ziel näher. Und endlich, nachdem sie einige Stunden geübt hatte, traf sie die Zielscheibe. Zoe lief schnell zu dem Baum hinüber, um nachzusehen, wie nahe sie dem Schwarzen gekommen war – nur noch drei Fingerbreit daneben.

„Feena, komm, schau dir das an!“

„Wirklich wahr, ganz grossartig! Wusste ja immer schon, dass du es schaffst.“

Zoe grinste verlegen und meinte: „Vielen Dank für deine Hilfe!“

„Gibt noch verborgene Talente in dir. Grab sie aus und nutze sie, Mädel! Komm jetzt, da wartet ein leckerer Gemüseeintopf auf dem Feuer. Wollen essen und ausruhen, ehe wir uns wieder an die Arbeit machen.“

„Klingt gut, Feena. Ich sterbe bald vor Hunger!“ Sie setzten sich an das Lagerfeuer und genossen diese ruhige Mahlzeit. Zoe blickte zu Feena hinüber. Sie war freundlich und voller Weisheit. Sie liebte den König mehr als irgendjemand, den sie kannte, und sie lebte wirklich das, was sie glaubte. Zoe hatte das Gefühl, von dieser weisen Frau noch viel lernen zu können. Sie hoffte, noch lange bei ihr zu bleiben.

Sie lag auf ihrer Matte und schlief tiefer und friedlicher, als es seit langem der Fall gewesen war. Aber plötzlich spürte sie, wie Feena heftig an ihrem Arm rüttelte. „Schnell, Zoe! Kamaron ist mit seiner Horde im Gebüsch.“

Zoe sprang hastig auf. Feena hatte bereits ihren Bogen ergriffen, deshalb tat Zoe es ihr nach. „Wo sind sie? Ich kann sie nicht sehen.“

Zoe fuhr herum, als sie das Knurren hinter sich hörte. Kamaron grollte mit seiner tiefen, heiseren Stimme: „Nun, Feena, was für ein Vergnügen, dich hier zu sehen.“ Mit einem verächtlichen Schnauben fuhr er fort: „Aber wir sind ja nicht gekommen, um dich zu besuchen. Wir wollen das Mädchen.“

Feena baute sich unmittelbar vor ihm auf. „Nu, kannst du vergessen. Die kriegst du nicht. Geh zurück in den Wald, Kamaron, wo du hingehörst.“

„Es passiert keinem was, wenn du mir das Mädchen gibst. Jetzt geh endlich zur Seite, Feena!“ Er zog die Lefzen von seinen Zähnen und schob sich immer näher heran. Zoe zitterte und ihr war schwindelig.

Feena gab nicht nach. „Noch einen Schritt, Kamaron, und ich schiesse!“

Er grinste böse. „Ihr seid aber nur zu zweit.“ Dann rief er nach seinem Rudel. „Wir sind zwanzig – eindeutig in der Überzahl!“

„Lässt mir keine Wahl.“ Feena gab das vereinbarte Signal, und sehr bald traten fünfzig ihrer Freunde aus dem Unterholz.

Bantry trat auf Kamaron zu und knurrte: „Verschwinde jetzt. Das ist nicht dein Gebiet!“

Kamaron liess seinen Blick über all die Tiere schweifen, die kampfbereit vor ihm standen, und erkannte, dass sie keine Chance hatten, gegen eine solche Übermacht zu siegen. „Na gut“, gab er widerwillig zu, „diesmal habt ihr vielleicht gewonnen; aber glaubt bloss nicht, dass heute das letzte Mal war, dass wir uns begegnet sind. Ich habe den Befehl, das Mädchen zu bringen – und das werde ich tun!“

Kamaron und sein Rudel flohen in den Schutz des Waldes zurück. Zoe setzte sich auf einen Fels in der Nähe und stützte den Kopf in die Hände. Sie dachte über die ausweglose Situation nach, in der sie sich befand. Ich bringe das Leben von zu vielen in Gefahr, nur damit ich nach Remira komme.

Bantry trat neben sie. „Zoe, mach dir keine Gedanken über ihn. Es war schliesslich nicht besonders schlau von ihm, uns seinen Plan zu erzählen. Aber wir haben so etwas ohnehin schon vermutet. Wir sorgen schon für deine Sicherheit, solange du im Wald bist. Ich glaube sowieso nicht, dass er sich so schnell noch einmal blicken lässt.“

Zoe hob den Kopf und sah ihre neuen Freunde an. „Ich weiss, dass ihr mir alle gerne helfen möchtet, und ich weiss das wirklich zu schätzen. Aber ich bringe euer Leben in Gefahr. Vielleicht wäre es das Beste, wenn ich einfach nach Hause zurückgehe.“

Feena setzte sich neben sie. „Mädel, schau, wir helfen dir, weil wir das gerne möchten – weil es das ist, wozu wir berufen sind. Nach Remira sollst gehen, so will es der König. Weisst noch, was ich dir gesagt hab – musst über deinen Gefühlen stehen und den König um Kraft bitten.“

Antrum erkannte die Bedenken in Zoes Augen. „Mach dir um uns keine Sorgen. Wir stehen unter dem Schutz des Königs, genau wie du. Daran musst du dich immer erinnern. Hör endlich auf zu zweifeln und fang an zu glauben, dass du es nach Remira schaffen kannst. Versprochen?“

„Ich werde es versuchen – ich meine, ich werde es tun.“

Antrum war zufrieden. „Gut.“

Zoe sah alle an. „Ich weiss eure Hilfe wirklich zu schätzen. Ich habe noch nie so gute Freunde gehabt.“ Sie lächelten alle und meinten, dass sie das gerne täten und es eine Ehre für sie sei, ihr behilflich zu sein.

Feena bat um Aufmerksamkeit. „Bantry, unser Plan sieht so aus. Lass das Lager Tag und Nacht bewachen. Morgen bleiben wir noch hier und kehren dann zu mir nach Hause zurück, so machen wir’s.“

„Mach dir keine Sorgen – Zoe wird nichts zustossen. Wir sorgen schon dafür“, erwiderte Bantry.

„Seid wirklich echte Freunde. Diesmal ist es Kamaron ernst, und sie muss dafür gut ausgebildet sein. Machen uns besser wieder an die Arbeit.“

„Ruf uns einfach, wenn du uns brauchst, Feena. Wir sehen uns bald wieder.“ Sie verabschiedeten sich, und ihre Freunde verliessen die Lichtung.

„Mädel, Zeit für ein paar Schiessübungen. Dann wollen wir uns im Wald was zu essen suchen.“

Nachdem Zoe geübt hatte, bis ihre Arme es nicht länger ertragen konnten, zeigte Feena ihr, welche Pilze, Beeren und Nüsse essbar waren, und welche nicht. Sie zeigte ihr sogar eine Grasart, die man essen konnte.

Sie kehrten zu ihrem Lager zurück, machten ein kleines Feuer und wärmten die restliche Suppe auf. Während des Essens liess Zoe immer wieder ein wachsames Auge über ihre Umgebung gleiten.

Zoe blickte zu Boden. „Ich bin todmüde, aber wie soll ich jetzt schlafen, wo ich weiss, dass Kamaron mit seiner Horde da draussen lauert? Und weisst du noch, die Terronas – sie mögen die Dunkelheit.“

„Musst die in der Finsternis nicht fürchten – ihre Angst vor dem Licht, das in dir wächst, ist noch viel grösser. Solange du im Frieden bist und der Angst keinen Raum gibst, greifen sie dich nicht an. Bantry und seine Freunde stehen ringsum auf ihrem Posten. Edan wacht über uns und fliegt seine Runden über der ganzen Gegend. Er hat die schärfsten Augen, die ich kenne. Kannst heute ruhig schlafen.“

Zoe stand der Zweifel ins Gesicht geschrieben. Aber Feena schlief sehr schnell ein, während Zoe noch den Sternenhimmel anstarrte. Plötzlich sah sie einen Schatten über sich. Sie setzte sich erschrocken auf und sah einen zweiten Schatten vorbeifliegen. Oh nein, Terronas! Sie kroch auf Feena zu, um ihr davon zu berichten, aber tat es dann doch nicht. Sie wollte nicht schon wieder der Angst nachgeben, die ihr die Terronas einjagen wollten. Ein weiterer flog direkt neben ihr vorbei. Sie schauderte und schloss die Augen. Sie war Feena inzwischen so nahe, dass sie ihren Atem hören konnte. Dann sah sie, wie Edan über ihr dahinstrich.

Er rief ihr zu: „Sie werden dich nicht länger plagen. Ich passe auf. Aber, Zoe, denk dran, sie werden nur stärker, wenn du ihren Lügen glaubst. Wenn du gar nicht auf sie achtest, werden sie verschwinden. Jetzt schlaf in Frieden.“

Zoe rief voller Dankbarkeit zurück: „Vielen Dank, Edan!“

Feena wälzte sich im Schlaf herum. „Mädel, hast was gesagt?“

„Nur mit einem Freund geredet.“

Feena drehte sich wieder um und fiel erneut in einen tiefen Schlaf.

Ach, wenn ich nur in solchem Frieden leben könnte, dachte Zoe, während sie Feena beim Schlafen zusah. Sie wälzte sich noch eine ganze Weile hin und her; aber schliesslich schlief sie doch ein, als sie ihre Augen nicht länger offen halten konnte. Ihr letzter Gedanke beim Einschlafen war, dass sie die Ängste überwinden musste, die sie quälten. Zoe konnte nicht wissen, dass sie sich am folgenden Tag einer der grössten ihrer Ängste würde stellen müssen.

Angst bewirkt Furcht – Ihm zu vertrauen bewirkt Frieden.

Kapitel Sechs

Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus bewahren.

(Philipper 4,7)

„Zoe, ich habe eine wichtige Nachricht von Bantry für dich.“ Der kleine braune Hase blickte sich ängstlich um. „Er hat gestern Nacht eine Beratung von Kamaron mit den anderen Wölfen belauscht. Sie wollen irgendwann heute angreifen. Aber Bantry lässt dir auch ausrichten, dass du dir keine Sorgen machen musst, weil er dich beschützen wird.“

„Wie will Kamaron wissen, dass wir überhaupt noch hier sind?“

„Er wird euch folgen. Er hat geplant, euch anzugreifen, wo auch immer ihr im Wald hingeht.“

„Ich werde sofort Feena Bescheid sagen. Übrigens, wie heisst du eigentlich?“

„Millie.“

„Danke, Millie.“

Sie richtete sich auf ihren Hinterläufen auf und beugte sich etwas näher zu Zoe. „Sie beobachten dich aus der Entfernung; also sei sehr vorsichtig.“

„Das werde ich tun.“ Nachdem Millie verschwunden war, überkam Zoe ein unheimliches Gefühl. Sie lief zu Feena, um ihr die Neuigkeiten mitzuteilen.

„Nu, wollen mal schnell anfangen zu üben.“

„Was? Ich dachte, wir würden sofort zu deiner Hütte zurückkehren, wenn du diese Neuigkeiten hörst.“

„O nein, Zoe. Weisst noch, was ich dir gesagt hab – es gibt kein Davonlaufen.“

„Aber warum muss ich mich so einer Angst aussetzen, wenn wir doch in deinem Häuschen in Sicherheit wären?“

Feena seufzte. „Ich leb schon lange im Wald, aber ich leb nicht in Angst. Musst früher oder später Kamaron entgegentreten.“

„Feena, ich will aber nicht!“

„Du folgst dem König. Er wird dir die Kraft dazu geben, Mädel. Genug geredet. Muss jetzt Frühstück machen.“

Das Frühstück erschien Zoe völlig fad. Lustlos stocherte sie in ihrem Essen herum und kaute schweigend. Sie räumten bald wieder zusammen und begannen einen weiteren langen Übungstag. Zoe war nicht in der Lage, sich richtig zu konzentrieren, weil sie sich ständig nach Kamaron umsah. Aber trotz der Schwere, die sie umgab, fühlte Zoe sich im Laufe des Tages etwas besser.

„Guter Schuss, Zoe. Wieder ins Schwarze! Wirst bald öfter ins Schwarze treffen als daneben, Mädel. Wird so natürlich sein wie Atmen.“

Noch während sie sich unterhielten, bezog sich der Himmel mit schwarzen, bedrohlichen Wolken. Zoe hatte ihren Blick auf den Himmel gerichtet, als sie plötzlich ein Blätterrascheln hinter sich vernahm. Sie fuhr herum und ihre Augen suchten das Gebüsch ab, da sie Kamaron erwartete. Zu ihrer grossen Erleichterung war es aber Bantry, der aus dem Schatten auftauchte.

„O ich bin ja so froh, dass du es bist, Bantry!“

„Ich wollte dich nicht erschrecken, aber ich muss mit dir und Feena über Kamaron reden. Es gibt Neuigkeiten. Edan hat ihn ganz in der Nähe entdeckt. Also, ehrlich gesagt bin ich ziemlich überrascht, dass er bisher noch nicht angegriffen hat, weil er sich schon den ganzen Tag in der Gegend herumtreibt.“

Feena trat auf Bantry zu. „Sein Plan ist sicherlich, uns zu verunsichern. Aber wir sind bereit für ihn, wirklich wahr. Wartet auf mein Signal, ehe wir angreifen. Vielleicht können wir den Kampf ja doch noch vermeiden.“

Ein Blitz zuckte vom Himmel und schlug in einen Baum in ihrer Nähe ein. Feena wandte sich an Zoe: „Halt dich an mich, dann musst dir keine Sorgen machen. Denk dran, vertrau dem König!“

Zoe konnte Feena nur anstarren. Wie soll ich dem König denn vertrauen, wenn ich Ihn noch nicht einmal gesehen oder mit Ihm gesprochen habe?

Zu Zoes grösstem Entsetzen tauchte gerade in diesem Augenblick Kamaron mit etwa fünfzig weiteren furchterregenden Tieren auf. Sie nahm ihren Anblick mit geweiteten Augen in sich auf. Da waren drei riesige Braunbären, fünf Pumas, etwa zwanzig Wölfe, und die Übrigen waren kleinere Tiere – Dachse, Eichhörnchen und Stinktiere.

„Ich bin hier, um das Mädchen zu holen. Wir tun ihr nichts, wenn ihr sie uns jetzt übergebt. Ich bringe sie nur zu ihrem Haus zurück.“

„Nein, Kamaron. Sie wird niemals mit dir zurückgehen“, erklärte Feena fest, während sie ihren Freunden das Signal zur Aufstellung gab.

Kamaron beobachtete, wie sich Feenas Freunde versammelten, aber er schien sich weiter keine Sorgen darüber zu machen, da er seine besten Kämpfer um sich geschart hatte. „Wir können sie leicht überwältigen. Das ist eure letzte Chance, Feena. Liefere sie mir aus!“

„Niemals! Sie bleibt hier!“ Feena hob ihren Bogen und befahl Zoe, das Gleiche zu tun. Beide zielten auf Kamaron.

„Du wirst diesen Bogen niemals wirklich gebrauchen“, spottete Kamaron. „Du verletzt andere nicht gerne.“

Feena schleuderte ihm entgegen: „Stimmt. Andere verletzen tu ich nicht gerne, aber gebrauchen werd’ ich ihn! Weisst selbst, was für ein Schütze ich bin.“

Er schob sich näher an Zoe heran. „Zurück!“, brüllte Feena.

Ihre Augen wichen keinen Moment von Kamaron, als Feena sich zur Seite beugte und Zoe zuflüsterte: „Mach dich bereit zu schiessen.“

Er wich zurück und funkelte Zoe böse an. „Was glaubst du eigentlich, wird hier gespielt?“

Zitternd wagte Zoe ein Schritt nach vorne. „Ich … ich werde nicht mit dir gehen. Weder jetzt noch sonst irgendwann!“

Kamaron machte wieder einen Schritt auf Zoe zu und befahl dem Rest seiner Truppe, ihm zu folgen. Gleichzeitig bewegten sich Bantry und seine Kämpfer auf Kamaron zu. Bantry hielt seinen Blick unverwandt auf Kamaron gerichtet, aber er wartete immer noch auf Feenas Signal zum Angriff.

Zoe zielte auf Kamaron. Feena vertraut dem König … ich muss Ihm auch vertrauen! Kamaron und seine Gefolgsleute kamen immer näher. Plötzlich, als Zoe kurz davor war, ihren Pfeil von der Sehne schnellen zu lassen, zuckte ein gewaltiger Blitz vom Himmel und schlug in einen Baum unmittelbar hinter Kamaron ein. Er sah den Baum umstürzen, aber es gelang ihm nicht mehr, sich in Sicherheit zu bringen. Sein eines Bein war unter dem Baum eingeklemmt, der mit solchem Getöse zu Boden stürzte, dass es beinahe den Donner noch übertönte. Seine übrige Truppe stob in Panik auseinander. Kamaron jaulte vor Schmerzen, aber er nahm seine ganze Kraft zusammen und zog seinen zerquetschten Lauf unter dem Baum hervor. Er humpelte davon und knurrte noch: „Ich werde niemals aufgeben. Ich komme wieder …“

Sie sahen ihm nach, als er davonschlich und seinen verletzten Lauf nachzog. Feena sah Zoe mit wissenden Augen an und meinte: „Siehst jetzt, was ich dir sagen will?“

Zoe nickte. „Als Kamaron näher kam, wusste ich, dass ich dem König vertrauen muss. In dem Moment strömte ein erstaunlicher Friede durch meinen ganzen Körper. Der Baum ist genau in dem Augenblick umgestürzt, als Kamaron angreifen wollte. Der König hat mich wirklich beschützt.“

Feena lächelte mit ihrem lieblichen Lächeln. „Wirklich wahr! Das hat Er.“

Zoe blickte noch einmal zu dem umgestürzten Baum hinüber, als sie etwas glitzern sah. Sie ging hin und entdeckte, dass es sich dabei um einen Schlüssel handelte. Sie hob ihn auf, um ihn genauer anzusehen. Na so was, er ist aus echtem Gold und so schwer, dachte sie noch. „Sieh mal, Feena, da steht was drauf. Friede. Ich frage mich, wo er herkommt.“

Zoe bemerkte, dass der Schlüssel genau an der Stelle gelegen hatte, wo der Blitz eingeschlagen hatte. Feena setzte sich neben Zoe auf den Baumstamm und drückte sie. „Stolz bin ich auf dich, Zoe. Der König hat dir den Schlüssel zum Frieden geschenkt. Ist jetzt ein Teil von dir. Der Schlüssel bedeutet, dass du den ersten Schritt gegangen bist, Ihm zu vertrauen. Hast gelernt, auch in einer schwierigen Situation von Ihm Frieden zu empfangen. Hüte diesen Schlüssel und behalte ihn in deinem Herzen. Ist ein ganz besonderes Geschenk des Königs, Mädel.“

Während Zoe noch den Schlüssel in der Hand hielt, ging ihr mit einem Mal die Bedeutung der Tasche an der Innenseite ihres Kleides auf. Sie steckte den Schlüssel hinein und spürte sofort, wie sich ein tiefer Friede in ihrem Herzen ausbreitete. Sie genoss diesen Moment der Erfüllung, und ein Lächeln glitt über ihr Gesicht – sie hatte das Gefühl, dass soeben ein Schatz tief in ihrem Herzen eingepflanzt worden war.

Feena lächelte. „Wirst noch viel mehr lernen auf dieser Reise. Ist nur der Anfang!“

Die Tiere versammelten sich still um Zoe und Feena. Bantry fragte: „Sollen wir euch jetzt zu eurer Hütte begleiten?“

Zoe antwortete: „Ja, wenn Feena das gut findet, würde ich gerne zurückgehen.“ Feena nickte zustimmend. „Vielen Dank für alles.“

Bantry verbeugte sich: „Es war uns ein Vergnügen.“

In diesem Moment setzte ein Platzregen ein, so dass sie ihr Lager eilig zusammenpackten und sich auf den Rückweg machten. Sobald sie Feenas Häuschen erreicht hatten, verabschiedeten sich die Tiere und verschwanden schweigend im Wald. Zoe und Feena traten voller Dankbarkeit in die heimelige Hütte und zündeten ein loderndes Feuer an. Sie setzten sich, um ihre durchgefrorenen Füsse zu wärmen.

Zoe starrte in die Flammen und dachte über alles nach, was an diesem Tag geschehen war. Es musste der König selbst gewesen sein, der den Blitz in den Baum hatte einschlagen lassen. Er schützte sie wirklich. Sie wollte den Rest ihres Lebens in dem Frieden leben, den sie gerade verspürte. Sie nahm den Schlüssel aus ihrer Brusttasche und wog ihn in der Hand. Dabei erkannte sie, dass die Angst sie nicht länger im Griff hatte – Terronas oder Kamaron waren nicht länger wichtig. Sie wusste von ganzem Herzen, dass der König wirklich lebte und dass sie nie wieder an Ihm zweifeln würde.

Zoe nahm sich ihr Tagebuch vor und wischte sich schnell eine Träne aus dem Gesicht, damit sie nicht auf die Seiten fallen und sie verschmieren würde. Sie schrieb über den neuen Frieden, den sie empfangen hatte. Als sie fertig war, fühlte sie sich warm, ruhig, friedvoll und voller Dankbarkeit dem König gegenüber. Die Last der Angst, die sie so lange getragen hatte, war verschwunden. Sie hatte sie dem König übergeben, der sie ihr gerne abgenommen und ihr stattdessen Seinen Frieden gegeben hatte.

In allen Dingen auf Ihn zu vertrauen und in Ihm zu ruhen ist der Schlüssel zum Frieden.

Kapitel Sieben

Nur fürchtet den Herrn und dient ihm treu und von ganzem Herzen! Denn ihr seht, welch grosse Dinge er an euch getan hat.

(1. Samuel 12,24)

In den folgenden Wochen war Zoe dankbar für die Gnadenfrist, während der sie von Kamaron verschont blieb. Sie nutzte diese Zeit gut, indem sie weiter an ihren Bogenkünsten feilte und mit Feena viel über den König sprach. Zoe würde den Tag niemals vergessen, an dem sie Ihn in ihr Leben einlud.

„Feena, ich glaube, dass der König wirklich lebt – es ist nicht mehr nur irgendeine Wunschvorstellung. Ich möchte Ihn so kennen lernen, wie du Ihn kennst.“

„Kennen kannst den König nur, Mädel, wenn du Zeit mit Ihm verbringst. Deswegen kenn ich Ihn so gut.“

„Wie meinst du das? Kommt er hierher, um mit dir zu reden?“

„Nu, nein – nicht so oft, aber ich red mit Ihm, grad so, wie ich mit dir rede. Wirklich wahr, Er zeigt mir oft ganz wunderbar, dass Er mich hört, auf Seine Art. Wird nie wieder eine bessere Zeit geben, Ihm zu sagen, dass du glaubst, dass Er lebt und dass Er für immer der König deines Lebens sein soll.“

„Danke, Feena. Ich glaube, genau das werde ich jetzt tun.“ Zoe schüttete ihr Herz vor dem König aus, dass sie an Ihn glaubte und dass sie Ihm für immer folgen wollte. Er antwortete ihr mit einer Welle der Reinigung, die sie wie eine Flut überkam – keine äusserliche Reinigung, sondern eine innere. Danach durchströmte sie dieser Friede, den ihr der König erst vor kurzem geschenkt hatte, noch tiefer als zuvor. Ihr Herz gehörte nun für alle Zeiten Ihm.

Sie suchte nach Feena, und sie sprachen darüber, wie sie dem König noch mehr vertrauen und ihre Ängste loslassen könnte. In Zoe fanden grosse Veränderungen statt, aber sie würde erst dann wissen, wie sehr sie sich wirklich verändert hatte, wenn sie sich erneut dieser Angst stellen würde.

„Feena, ich gehe nach draussen, um noch etwas zu üben.“

„Gute Idee. Komme gleich nach.“ Als Zoe das Haus verliess, sah Feena ihr nach, und mit einem Mal überkam sie ein Gefühl der Sorge. Vielleicht wäre es besser, gleich mit ihr mitzugehen. Aber als sie im Gebet den König um Rat fragte, erklärte Er ihr, dass dies eine Prüfung war, die Zoe alleine bestehen musste. Das Einzige, was sie für Zoe tun konnte, war, für sie zu beten. Und genau das tat sie.

Zoe richtete die Zielscheibe an dem Baum gerade aus und ging etwa 40 Schritte zurück. Sie übte eine Zeit lang, ehe sie sich für ein paar Minuten ausruhen wollte. Gerade als sie sich setzte, sah sie in der Nähe des Baumes mit der Zielscheibe eine Bewegung. Sie spähte einige Minuten lang angestrengt zwischen den Bäumen hindurch, aber als sie nichts weiter sah, stand sie auf, um weiter zu üben.

Feena beobachtete Zoe vom Fenster aus, und sie konnte genau erkennen, was sich dort im Gebüsch bewegte – Kamaron. So weit sie sehen konnte, war niemand sonst bei ihm. Sie wartete ab, um zu sehen, ob er zuschlagen würde. Dann begann sie, den König um Kraft für Zoe zu bitten.

Gerade als Zoe einen weiteren Pfeil abgeschossen hatte, trat Kamaron aus dem Unterholz und rief: „Guter Schuss!“

Zoe schnappte nach Luft. In seiner üblichen lauten und heiseren Stimme fuhr er fort: „Na, würdest du nicht gerne allen deinen Freunden zu Hause zeigen, wie gut du inzwischen schiessen kannst?“

Zoe fragte sich, weshalb er mit einem Mal so freundlich war. Sie fand keine Worte, um ihm zu entgegnen.

„Na komm schon. Du kannst wenigstens mit mir reden. Ich will dir nichts Böses. Ich kann dich sicher nach Hause bringen, und du musst dich nie wieder fürchten. Du hast doch Heimweh, oder nicht?“

Zoe hatte noch immer kein Wort herausgebracht – alles, was sie tun konnte, war, ihn anzustarren. Obwohl sein Lauf immer noch an den Folgen der Verletzung litt und er offensichtlich Schmerzen hatte, zog Kamaron ihn starrsinnig nach und hinkte näher heran.

„Du wirst nicht für immer hier bleiben können, Zoe. Feena wird diese Gegend bald verlassen. Um diese Jahreszeit geht sie immer fort, um ihr Lager hoch in den Bergen aufzuschlagen. Was willst du dann tun? Du wirst hier ganz auf dich allein gestellt sein.“

Feena belauschte die gesamte Unterhaltung. Kamaron log! Sie verliess ihr Haus nur, um nach ihren Freunden im Wald zu sehen, und auch dann nicht für besonders lange. Feena war sich sicher, dass Kamaron nicht die geringste Absicht hatte, Zoe nach Hause zurückzubringen – er wollte sie töten.

„Sie wird sich wahrscheinlich in den nächsten Tagen auf den Weg machen. Ich habe gehört, wie Antrum davon sprach. Was willst du nun tun? Willst du lieber allein hier bleiben, oder soll ich dich nach Hause in Sicherheit bringen?“

Zoe konnte nicht verstehen, weshalb Feena nichts davon gesagt hatte, dass sie die Gegend verlassen wollte. Alles, was Zoe tun konnte, war, im Gebet den König um Seine Führung zu bitten. Schliesslich war sie in der Lage, einige Worte hervorzustossen. „Ich … ich kann nicht mit dir gehen.“

Kamaron rückte noch ein Stück näher. „Warum? Ich habe dir doch gesagt, ich tue dir nichts.“

Zoe stand fest. „Ich gehe nicht mit dir!“

Kamaron verlor allmählich die Geduld. „Also willst du lieber hier allein bleiben, ohne Feenas Schutz.“

Feena lauschte immer noch hinter ihrem Fenster und wartete ab. Sie erkannte, dass Kamaron nicht mehr lange versuchen würde, Zoe davon zu überzeugen, mit ihm zu gehen – diese Art von Geduld hatte er einfach nicht. Sie griff bedächtig nach Pfeil und Bogen, nur für den Fall, dass Zoe sie plötzlich brauchen sollte. Aber nein, sie hatte genaue Anweisung vom König erhalten, dass Zoe mit dieser Situation alleine fertig werden musste. Ihr blieb nur das Gebet.

„Ich gehöre zu den Gefolgsleuten des Königs … Er wird mich schützen.“

Das machte Kamaron wütend. Ein tiefes Grollen entrang sich seiner Kehle, er bleckte seine Zähne und lief ruhelos auf und ab. Er war weniger als 20 Schritte von Zoe entfernt, als er plötzlich auf sie zu rannte. Sie wusste, dass er sie angreifen würde; also nahm sie ihren letzten Pfeil, legte ihn auf die Sehne, zielte und schoss.

Es war ein perfekter Schuss. Sie hatte auf seine Schulter gezielt und einen Volltreffer gelandet. Der Pfeil drang tief in seinen Muskel ein, und Kamaron blieb bewegungslos liegen. Zoe näherte sich nur zögerlich, um seinen Zustand zu erkunden. Zu ihrer grossen Erleichterung atmete er noch, aber unter seiner Schulter breitete sich eine dunkle Lache aus. Er schien bewusstlos zu sein.

Eine einzelne Träne rollte über Zoes Gesicht, nicht nur weil sie sich plötzlich schuldig fühlte, auf ihn geschossen zu haben, sondern auch weil sie noch nie zuvor in ihrem Leben ein Tier verletzt hatte. Feena kam aus dem Haus gelaufen, sobald sie Kamaron am Boden liegen sah. Sie schloss Zoe in die Arme und tröstete sie. „Hast recht gehandelt, Zoe. Nach Haus bringen, niemals hätt’ er das getan.“

Zoe starrte Feena an. „Du hast die Unterhaltung belauscht und hast mir nicht geholfen?“

„Konnt’ nicht, Mädel. Diesen Kampf musstest allein bestehen. War Zeit zu sehen, ob du bestehen oder versagen würdest, bei allem, was dich der König in letzter Zeit gelehrt hat. Weisst auch, was du da getan hast?“

Zoe blickte verwirrt auf. „Ich habe auf Kamaron geschossen.“

„Stimmt schon, Mädel. Aber noch viel wichtiger, hast dich deiner Angst gestellt und sie überwunden! Hast dich nicht von Angst lenken lassen. Hast sie im Griff gehabt.“

Zoe erkannte die Wahrheit dieser Beobachtung. „Ich wusste einfach, dass der König mit mir war.“

„Stimmt schon, wenn du Frieden in deinem Leben hast, kannst jede Situation ruhig angeh’n, ganz ohne Angst.“

Zoe und Feena drehten sich um, als sie erneutes Rascheln in den Blättern vernahmen. Mehrere Wölfe befanden sich in den Schatten der Büsche. Feena schrie zu ihnen hinüber: „Kommt und holt Kamaron. Dann verschwindet allesamt!“

Die Wölfe packten ihn mit ihren spitzen Zähnen am Genick und schleiften ihn so davon. Ob er das wohl überlebt?, fragte sich Zoe.

Feena unterbrach ihre Gedanken und meinte: „Mädel, ich weiss, wolltest nicht auf ihn schiessen, aber er hat es so gewollt. Ist nicht leicht, ein anderes Geschöpf zu verletzen; aber bisweilen müssen wir’s. Lass uns hineingeh’n. Dein Tag war hart, aber hast dich tapfer gehalten. Richtig stolz bin ich auf dich!“

Obwohl es beinahe Zeit für das Abendessen war, schlief Zoe sofort ein und erwachte erst am folgenden Morgen. Kein Alptraum unterbrach ihre Ruhe, wie es sonst oft der Fall gewesen war. Sie war ganz erfüllt vom Frieden des Königs.

In Seinem Frieden zu leben verzehrt und überwindet alle Furcht vor dem Feind – jedes Mal.

TEIL III

Die Reise beginnt

Kapitel Acht

Ja, in Treue will ich mich mit dir verloben, und du wirst den Herrn erkennen.

(Hosea 2,22; Luth.)

Zoe verbesserte ihre Schiesskünste Tag für Tag. Inzwischen verfehlte sie das Ziel so selten, dass Feena zuversichtlich war, dass sie die nötigen Fähigkeiten entwickelt hatte, um zu überleben. Zoe hatte gelernt, ihre Ängste immer mehr zu überwinden, und sie gewann täglich an Selbstvertrauen dazu. Seit ihrer letzten Begegnung mit Kamaron hatte Zoe eine noch tiefere Vertrauensbeziehung zum Herrn entwickelt. So sehr sie sie auch vermissen würde, wusste Feena trotzdem, dass die Zeit für Zoes Abschied gekommen war.

Sie waren beide draussen auf dem Übungsplatz, als Feena zu Zoe trat. „Mädel, was hältst von deinen Schiesskünsten?“

Zoe überlegte einen Moment. „Am Anfang war es eine grosse Herausforderung, aber ich bin mir jetzt eigentlich meiner Sache ziemlich sicher. Und all das habe ich deiner hervorragenden Ausbildung zu verdanken. Danke, Feena.“

Feena ergriff Zoe an den Schultern und sah ihr direkt in die Augen. „Du selbst hast das Talent gehabt – ich hab dir nur geholfen, es zu finden. Stolz bin ich auf dich!“

Feena räusperte sich. „Zoe, weiss schon, dass es hart für dich ist, aber ich glaub, es ist an der Zeit, deine Reise fortzusetzen.“

Zoe sah sie verwundert an. „Ich glaube nicht, dass ich schon so weit bin, dass ich weiterreisen kann. Ich meine, da gibt es noch so viel, das ich von dir lernen muss.“

„Hast schon alles gelernt, was ich dir beibringen sollte. Veränderung ist immer schwer, Zoe, aber jetzt ist Zeit für den nächsten Teil deines Abenteuers.“

Zoe spürte, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten. „Es wird schwer sein, dich zu verlassen, Feena – du wirst mir so fehlen!“ Sie fiel Feena leidenschaftlich um den Hals und drückte sie an sich.

„Zoe, mir geht’s genauso. Wirst mir auch fehlen, aber wir werden uns wiedersehen, ich glaub sogar schon recht bald. Willst schliesslich nach Remira, oder nicht, Mädel?“

„Ja, schon, aber komm doch mit mir, Feena! Dann könnten wir zusammen sein, und du könntest mir noch viel mehr beibringen. Ich bewundere deine Weisheit und möchte so sein wie du.“

„Lieb von dir, dass du das sagst, und ich dank dir auch schön dafür, aber Weisheit kommt mit der Erfahrung. Wenn du aus deinen Fehlern lernst und sie nicht wiederholst, das ist wahre Weisheit. Stimmt schon, war ein grossartiges Abenteuer, die Reise nach Remira, aber ich muss bleiben, um andere auszubilden, Mädel. Aber sollst die Reise nicht allein machen.“ Sie wies auf den überdachten Eingang. „Ein Geschenk hab ich für dich.“

Zoe wandte sich um und erblickte einen jungen Wolf mit strahlend blauen Augen. Erschrocken fragte sie: „Das ist dein Geschenk für mich?“

„Nicht alle Wölfe sind wie Kamaron und seine Kumpane. Viele Wölfe sind auf der Seite des Königs. Die Mutter von diesem Welpen heisst Rhisa; weiss nicht, wer der Vater ist. Rhisa kann sprechen, aber dieser Kleine hier hat noch nicht gesprochen. Ist sechs Monate alt und muss noch ein bisschen wachsen, aber er wird dir ein treuer Freund und Beschützer auf der Reise sein.“

Zoe rief den Wolf, und er kam. Sie beugte sich zu ihm herunter, blickte in seine freundlichen Augen und kraulte ihn hinter den Ohren. „Danke, Feena, ich glaube, das wird er sein.“

Feena stand dabei und beobachtete, wie Zoe einige Minuten mit dem Welpen spielte. „Wie willst ihn nennen?“

„Ich weiss noch nicht. Ich denke, ich muss ihn erst noch etwas näher kennen lernen, dann werde ich schon sehen, welcher Name am besten zu ihm passt.“

„Grossartige Idee! Komm, lass uns ein paar Minuten auf den Stufen sitzen und noch einige Dinge besprechen.“ Feena warf dem Welpen einen Stock zu, den er geschickt in der Luft auffing. Zoe lächelte, aber sie wandte Feena ihre volle Aufmerksamkeit zu, als diese ihre Hände ergriff.

„Wird alles gut gehen auf deiner Reise nach Remira. Vertrau dem König, ganz egal, was kommt. Er wird dich immer beschützen, Liebes.“

Zoe dachte über Feena nach. „Du hast mir so viel beigebracht – wie ich mit Pfeil und Bogen umgehe, meine Ängste bekämpfe und dem König vertraue. Die Freundlichkeit, mit der du allen Tieren begegnest, ist so gross, dass du sogar zu Kamaron freundlich bist!“

„Der ist doch wirklich einer! Schon seltsam, aber manchmal tut er mir sogar richtig Leid. Wirklich wahr, hab die Einsamkeit in seinen Augen gesehen. Vielleicht schwer zu glauben, weil er so anders tut, aber auch er braucht einen Freund. Frag mich … ach egal.“

„Nein, was fragst du dich?“

„Nu … könnt sein, wenn jemand einmal freundlich zu ihm ist, würd’ er sich vielleicht ändern. Hab ich mir schon manchmal gedacht. Vielleicht könnt er sogar auf unsere Seite überlaufen, wenn jemand nur ein bisschen Freundlichkeit für ihn übrig hätte?“

Zoe war überwältigt von diesem Gedanken. „Das wäre wirklich ein Wunder! Es fällt mir schwer zu glauben, dass jemand, der so gemein ist, sich jemals ändern könnte.“

„Damit so etwas geschehen kann, brauchen wir Glauben. Aber jetzt ist wirklich Schlafenszeit. Musst ausgeruht sein, wenn du morgen zu deinem grossen Abenteuer aufbrechen willst.“ Sie betraten das Haus und tranken noch ein Glas warmer Milch, ehe sie sich für die Nacht niederliessen.

Zoe schlüpfte in ihr Bett, und der Wolf folgte ihr. Er schien bereits zu wissen, dass er und Zoe von nun an zusammengehören würden. „Weisst du was, Kerlchen? Ich werde dich Brogan nennen. Gefällt dir das?“ Er wedelte mit dem Schwanz. Zoe kuschelte sich unter der dicken Wolldecke zusammen, und mit einem Mal wurde ihr klar, dass dies die letze Nacht war, die sie in diesem warmen Bett verbringen würde. Brogan sprang auf das Fussende des Bettes, trottete einige Male im Kreis, ehe er eine bequeme Stellung gefunden hatte. Beide fielen sofort in einen tiefen und friedlichen Schlaf.

S S S

Das frühe Morgenlicht sickerte bereits durch die Fensterläden, als sie erwachten. Feena war schon dabei, das Frühstück für sie zu richten. „Setz dich, Zoe. Das Frühstück ist fast fertig. Gut geschlafen?“

Noch recht verschlafen antwortete Zoe: „Ganz friedlich – und wie ging es dir?“

„Ach, ganz gut“, erwiderte Feena zögerlich. „Mein Kopf war gestern Nacht voller Gedanken – hauptsächlich wegen dir.“

Eine Träne rollte über Zoes Wange. „Du wirst mir fehlen, Feena.“

Feena versuchte, ihre eigenen Tränen zurückzuhalten, aber schon bald waren auch ihre Augen feucht. „Musst diese Reise machen, Zoe. Kannst sicher sein, dass ich für dich bete.“

Sie verzehrten ein sehr stilles Frühstück, während sie Zoes Karte genau studierten. Feena erzählte Zoe alles, was sie über die Gegenden wusste, die vor ihr lagen. Sie schärfte ihr ein, sich genau an den Weg zu halten, den der König ihr vorgegeben hatte, denn viele Gegenden waren fest in der Hand von Gefolgsleuten des Feindes.

„Der Karte nach ist dein nächstes Ziel an den Fenner Klippen. Dahinter liegt ein weiterer Wald – der Rundenwald. Liegt genau hier auf der Karte. Mädel, musst hier wirklich auf dem Weg bleiben, in dem Wald lauern viele üble Wesen und Gestalten. War mal das Gebiet des Königs – bis Durgalt sich vor langer Zeit dem Bösen zuwandte und es seitdem besetzt hält.“ Mit einem Zwinkern in den Augen fuhr sie fort: „Da ist aber ein Teil vom Rundenwald, der noch einigen Freunden von mir gehört, den Elben. Wirklich wahr, eines Tages gewinnen wir den ganzen Wald für den König zurück!“

Zoe Augen wurden weit vor Staunen. „Elben? Du meinst, es gibt wirklich Elben, die in diesem Wald leben?“

Feena grinste: „Natürlich, Mädel. Wirst sie auch noch treffen – bin ich mir ganz sicher. Arden ist ihr Anführer, während sein Vater weg ist. Ist ein grossartiger junger Mann. Gerecht, ehrlich, geniesst grossen Respekt bei allen, die ihn kennen.“

Zoe schien mit ihren Gedanken weit weg zu sein. „Ich kann es gar nicht erwarten, auf Elben zu treffen. Bisher hatte ich immer gedacht, sie wären nur irgendwelche Märchenfiguren.“

„O, Märchenfiguren würd’ ich sie nicht nennen, und manche von ihnen haben sogar menschliches Blut. Sie haben lediglich besondere Gaben, die sie anders erscheinen lassen.“

„Wirklich? Was sind das für Gaben?“

„Unser König hat ihnen eine besondere Gabe der Prophetie gegeben.“

„Du meinst, sie sagen die Zukunft voraus?“

„Ja, damit haben sie dem König seit Generationen gedient. Wunderbare, treue Gefolgsleute sind sie. Dafür hat Er ihnen auch die Gabe der Prophetie verliehen. Er wusste, sie würden weise damit umgehen und sie für die Sache des Königs einsetzen. Sehen und hören auch mehr als andere. Kaum einem wird es jemals gelingen, sie zu überraschen, weil sie besser hören und sehen als die meisten Tiere. Sind auch hervorragende Bogenschützen.“

„Das sind du und ich aber auch.“

„Aber nicht mit ihrer Reichweite und Treffsicherheit. König Ronan, Anführer der Elben im Rundenwald, hat auch noch eine besondere Heilungsgabe.“

Zoe war höchst verwundert, und die Elben reizten ihre Neugier immer mehr. „Jetzt will ich sie wirklich unbedingt alle kennen lernen!“

„Ehe ich’s vergess’, ich geb’ Edan Bescheid, damit er Arden informiert, den Sohn von König Ronan, dass du durch den Rundenwald kommst. Werden dir eine grosse Hilfe sein. Aber die Fenner Klippen sind dein erstes Ziel, und musst sehr vorsichtig sein, Zoe.“

„Das schaffe ich schon, glaube ich. Als ich noch ein kleines Mädchen war, gab es hinter dem Haus meiner Tante auch Klippen, und ich bin fast jeden Tag dort hinaufgeklettert. Aber ich bin dir sehr dankbar, dass du mir Brogan mitgegeben hast – ich werde mich sicherer fühlen, wenn er dabei ist.“

„Schöner Name, Brogan – passt gut zu ihm, wirklich wahr.“

Sie unterhielten sich noch eine Weile, aber dann war es Zeit für Zoe aufzubrechen. Feena packte ausreichend Verpflegung für eine Woche ein sowie Decken, Kerzen, einen warmen Umhang, Stoff zum Verbinden für Wunden und ein neues Paar Stiefel.

Dankbar schloss Zoe sie in die Arme. „Vielen Dank … für alles. Ich werde … dich nie vergessen!“

In Feenas Augen glänzten die Tränen. „Schaffst das schon, Mädel. Bist auf dem besten Weg zum grössten Abenteuer deines Lebens, Zoe!“

Zoe verliess die Hütte und wandte noch einmal den Kopf, um den letzten Anblick von Feena aufzunehmen. Sie winkte zum Abschied und schritt dann entschlossen auf den ihr vorherbestimmten Weg zu, Brogan an ihrer Seite.

S S S

Sie marschierten stundenlang schweigend dahin, während Zoes Gedanken noch bei Feena waren. Sie würde sie vermissen und die Zeit niemals vergessen, die sie mit ihr verbracht hatte. Sie war wirklich eine bemerkenswerte Frau und einer der nettesten Menschen, die sie jemals kennen gelernt hatte. Sie verspürte immer noch eine leise Traurigkeit, als sie bemerkte, dass sich die Beschaffenheit des Weges langsam von einem glatten, sandigen Pfad zu einem steinigen, unebenen Weg wandelte. Anfangs waren die Steine noch klein, aber je weiter sie gingen, desto grösser und scharfkantiger wurden sie.

„Ich weiss gar nicht, wo all diese Steine herkommen, Brogan“, sagte sie, als sie sich mühsam einen Weg suchten. Plötzlich fing Brogan an zu bellen. Zoe blickte zu Boden und sah eine grosse kupferfarbene Schlange direkt vor ihren Füssen!

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