Kitabı oku: «Original Mind - Anfängergeist und Bildung»

Yazı tipi:

Dee Joy Coulter

ORIGINAL

MIND

ANFÄNGERGEIST

UND BILDUNG

Was wir aus der Entwicklung

des kindlichen Gehirns lernen können


Wichtige Hinweise

Die im Buch veröffentlichten Empfehlungen wurden von Verfasserin und Verlag sorgfältig erarbeitet und geprüft. Eine Garantie kann dennoch nicht übernommen werden. Ebenso ist die Haftung des Verfassers bzw. des Verlages und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ausgeschlossen.

Der leichteren Lesbarkeit zuliebe wurde zumeist auf die Doppelung männlicher und weiblicher Formen nach dem Muster »der … oder die …«, »er/sie« usw. verzichtet. Selbstverständlich soll die übliche männliche Form den weiblichen Teil der Bevölkerung umfassen.

Aus dem Englischen von Nayoma de Haën

Titel der Originalausgabe:

Original Mind. Uncovering your Natural Brilliance

Copyright © 2014 by Dee Joy Coulter

Originally published in 2014 by Sounds True USA

Deutsche Ausgabe:

© 2014 KOHA-Verlag GmbH Burgrain

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Traudel Reiss

Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München | www.guter-punkt.de

Umschlagmotiv: saicle/shutterstock

Gesamtherstellung: Karin Schnellbach

ISBN 978-3-86728-740-1

ebook-Herstellung und Auslieferung

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Gewidmet der Entfachung der drei Feuer:

Der Liebe zum eigenen Geist,

tiefer Wertschätzung für den Geist anderer,

der Kreativität, die neue Möglichkeiten in die Welt bringt.

Das Große kommt nicht allein durch den Impuls zustande,

sondern besteht aus einer Aneinanderkettung kleiner Dinge,

die zu einem Ganzen vereint wurden.

Vincent Van Gogh

in einem Brief an seinen Bruder, ca. 1889

Inhalt

Vorwort: Willkommen zu den Wundern Ihres Geistes

1. Zurück zum Anfängergeist

2. Vom Sinneseindruck zur Wahrnehmung und zurück

3. Stufen der Charakterbildung

4. Ein selten gewordener Weg: Lehren aus oralen Kulturen

5. Das Aufkommen des Lesens und Schreibens

6. Neue Betrachtung des geschulten Geistes

7. Auf der Suche nach Weisheit: Von der Komplexität zur Leere

Epilog: Die Segnungen eines leeren Geistes

Danksagung

Über die Autorin

Quellen

Vorwort

WILLKOMMEN ZU DEN

WUNDERN IHRES GEISTES

»… die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben oder wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. … Es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.«

Rainer Maria Rilke

Briefe an einen jungen Dichter

Sie sind eingeladen, auf einem offenkundigen Pfad durch ein geheimnisvolles Land zu reisen. Der Titel dieses Buches verweist schon auf das Paradox: »Original Mind« ist unmöglich zu erklären. Deshalb ist der Kreis auf dem Cover leer. Die Reise beginnt und endet in dieser Leere, eine Reise von dem frischen, leeren Geist eines Neugeborenen bis zur Rückkehr zu dieser Leere am Ende der Reise. Doch der Untertitel (im amerikanischen Original: »Uncovering Your Natural Brilliance« – Das Entdecken Ihrer natürlichen Brillanz) weist Ihnen einen deutlichen Weg durch dieses Mysterium, auf dem Sie viele Geschichten über den brillanten Geist verschiedener Menschen lesen und eine Menge über die Funktionsweisen des menschlichen Geistes lernen werden.

Doch bevor Ihre Reise beginnt, sollten Sie sich entscheiden. Sie können dieses Buch einfach lesen, sich von der erstaunlichen Brillanz des Geistes vieler Menschen faszinieren lassen und viel Neues über das Gehirn erfahren. Oder Sie können einen langsameren, anspruchsvolleren Weg wählen, indem Sie dieses Buch erfahren und diese erstaunliche Brillanz damit in Ihrem eigenen Geist erwecken.

Um Ihre eigene natürliche Geisteskraft erstrahlen zu lassen, bedarf es vieler verschiedener Übungen zur Anregung der unterschiedlichen Facetten. Sie finden diese Übungen und Anregungen überall im Text. Ich empfehle Ihnen, sich für diesen mehr praxisorientierten Ansatz ein leeres Schreibheft zu besorgen und sich zu den einzelnen Übungen Notizen zu machen, die Sie in der Umsetzung unterstützen. Vielleicht entwickeln Sie dabei auch Ideen für eigene Übungen.

Dieser Erkundungsprozess reicht von der Aneignung neuer äußerer Fertigkeiten und Perspektiven bis zu inneren Fähigkeiten, die ihre Kraft langsamer und subtiler entfalten. Und wie bei jeder Weisheitslehre gibt es noch eine dritte, verborgenere Ebene der Lernerfahrung. Es heißt, Weisheitslehren bestünden aus äußeren, inneren und geheimen Aspekten. Diese »geheime« Ebene kann nicht erklärt werden, sondern zeigt sich in unerwarteten Erkenntnissen oder Transformationen. Wer sie erfährt, versteht, warum sie »geheim« genannt werden. Hätte man sie Ihnen vorher erklärt, hätten Sie sie nicht verstanden, und nach der Erfahrung bedürfen sie keiner Erklärung mehr. Vielleicht offenbart sich Ihnen in diesem Sinne am Ende des Buches auch das geheimnisvolle Wesen des »Original Mind«, des ursprünglichen Geistes.

Vieles von dem, worüber ich hier schreibe, beruht auf wissenschaftlichen und historischen Studien. Um den Lesefluss nicht ständig mit Fußnoten und Quellenverweisen zu unterbrechen, habe ich mich entschieden, diese Informationen sowie eine detaillierte Bibliografie auf der Website dieses Buches www.original-mindbrilliance.com unter http://www.originalmindbrilliance.com/resources/book-resources/ online verfügbar zu machen. Dort erwartet Sie eine Fülle von Quellen und Informationen, um alle in diesem Buch angeschnittenen Fragen und Themen zu vertiefen. Ich danke der Bibliothekarin Angela Palermo von Herzen, für die Quellenverweise der University of Colorado, für die sorgfältige Zusammenstellung dieser ausführlichen Bibliografie.

1. ZURÜCK ZUM ANFÄNGERGEIST

Ist euer Geist leer, so ist er für alles bereit,

ist für alles offen.

Der Anfängergeist hat viele Möglichkeiten,

der des Experten nur wenige.

Shunryu Suzuki

Zen-Geist, Anfänger-Geist

Unser Weg beginnt mit einer großen Herausforderung. Wir müssen alles, was wir wissen, beiseite stellen, um die Welt so unbefangen wie ein Neugeborenes zu erfahren. Wir neigen dazu zu sehen, was wir zu sehen erwarten. Wir machen eine Art Bestandsaufnahme, indem wir die Elemente in unserer Umgebung erkennen und im Stillen benennen. Unser Geist liebt Ordnung, und dieses Benennen schenkt uns eine gewisse Geborgenheit. Besonders kreative Denker sind jedoch fähig, auch das zu sehen, was sie nicht benennen können, mit einem frischen Blick, der auch Verwirrendes wahrnimmt und die Verblüffung genießt, die daraus entsteht. Diese Ungewissheit ist ein idealer Nährboden für neue Ideen. Solche Menschen haben den unbefangenen Blick eines Neugeborenen wieder gefunden.

Wir können das auch lernen. Genauer gesagt ist es ein Prozess des Verlernens, bei dem wir müssen zunächst das Benennen der Dinge weglassen, um sie ohne das innere Geplapper wahrzunehmen. Dann gilt es, auch die Assoziationen abzulegen, die von der Wahrnehmung ausgelöst werden, um den reinen Sinneseindruck zurückzugewinnen, der allem Wissen vorausgeht.

Diese reinen Sinneseindrücke können sich nur in Augenblicken zeigen, in denen wir der Welt ganz frisch und neu begegnen.

Wir beginnen dieses Kapitel mit einer Begegnung mit einem praktizierenden Mönch. Dann werden wir schauen, was wir von Säuglingen und von ehemals Blinden lernen können, die nach einer Operation zum ersten Mal sehen. Wir werden das Kapitel mit Ideen, Geschichten und Übungen beschließen, die Ihnen helfen, selbst auf diese unglaublich wertvolle Weise frisch und neu die Welt zu sehen.

ZHANGI ZHINGI

1993 lehrte ich bereits seit zehn Jahren an der Naropa Universität in Boulder, Colorado. Diese buddhistisch inspirierte Universität wurde von Chögyam Trungpa Rinpoche gegründet, einem tibetischen Mönch, der eine Hauptrolle dabei spielte, den Buddhismus in den Westen zu bringen. Es begann sich ein Interesse für die Zusammenhänge zwischen buddhistischem Gedankengut und neurologischen Erkenntnissen zu entwickeln. Die in diesem Jahr zum sechsten Mal stattfindenden Mind and Life-Dialoge zwischen Wissenschaftlern, Mönchen und seiner Heiligkeit des Dalai Lama hatten einen jungen tibetischen Mönch für einen kurzen Besuch nach Boulder geführt. Er wollte etwas über den menschlichen Geist wissen, und da ich zu dieser Zeit den besten neurologischen Hintergrund hatte, wurde ich zu einem Gespräch mit ihm gebeten.

Nach einer kurzen Begrüßung durch seinen Übersetzer wurde ich aufgefordert, mich neben ihn zu setzen, damit er mir seine Frage stellen konnte. Er sprach auf Tibetisch, wandte den Kopf ab und schaute dabei quer durch den leeren Raum auf ein imaginäres Objekt. »Ich schaue.« Er hielt kurz inne und fuhr dann fort: »Ich sehe eine Blume. Erstes Mal. Was passiert?« Ich begann zu erklären, wie die Information von den Augen zum visuellen Cortex übertragen wird, doch als der Übersetzer meine Worte weitergab, wurde schnell deutlich, dass es ihm in seiner Frage nicht darum ging.

Der Mönch unterbrach ihn, schüttelte den Kopf und versuchte es aufs Neue. »Ich schaue.« Pause. »Ich sehe eine Blume. Erstes Mal.« Er bewegte den Kopf wie zuvor, doch dieses Mal fuhr er fort, indem er den Kopf nochmal in derselben Weise bewegte und wiederholte: »Ich schaue« Pause. »Ich sehe eine Blume. Erstes Mal. Was passiert?« Ich war verblüfft! (Ich werde noch auf die verschiedenen Dinge eingehen, die mir in diesem Augenblick klar wurden, aber ich will zunächst die Geschichte fertig erzählen.)

Er erklärte mir, dass, wenn er auf eine Blume schaut, sie zuerst nicht sieht, und sie erst dann Form annimmt. Er schien sich dessen bewusst zu sein, dass sein Geist aus den Lichtwellen, die von der Blume ausgehen, ein Signal bildet. In der Wissenschaft nennen wir das feature binding. (= Die Integration von Einzelmerkmalen eines wahrgenommenen Objekts zu einer kohärenten Gestalt.) Jeder von uns tut es, aber es passiert so schnell, dass uns in der Regel dieser Prozess überhaupt nicht bewusst ist. Ich dachte, er würde vielleicht wissen wollen, wie dieser Strukturierungsprozess erfolgt, also erklärte ich, wie das Gehirn diese Signale aus der allgemeinen neurologischen Reizflut herausfiltert. Die Zellen plappern sozusagen ständig vor sich hin, doch wenn sich eine Gruppe von ihnen in Reaktion auf einen bestimmten Reiz zusammenschließt, entsteht ein Signal, welches diesen »Hintergrundlärm« übertönt. Dieses Signal besteht aus kohärenten Informationen, es bildet ein bestimmtes Wellenmuster, welches sich von dem Geplapper abhebt. Dieses neurologische »Geplapper« bildet eine Art chaotischen Hintergrund, vor dem selbst das zarteste kohärente Signal deutlich herausragt.

Diese Erklärung gefiel ihm offensichtlich. Er schaute mich aufmerksam an, während der Übersetzer ihm meine Worte vermittelte. Doch bei dem Wort chaotisch blieb der Übersetzer stecken. Es schien kein tibetisches Wort dafür zu geben. Dem Mönch war klar, dass dieses Wort von zentraler Bedeutung war. Nach einer Weile sagte er erfreut: »Ah, Zhangi Zhingi, Zhangi Zhingi.«

»Ja«, antwortete ich, in dem festen Glauben, dass Worte mit so vielen Z bestimmt irgendwie das Chaos beschreiben. Damit war das Interview zu Ende. Man dankte mir und verabschiedete mich.

Vier Jahre später saß ich bei einem Retreat der Naropa Fakultät neben Sarah Harding, einer hervorragenden Gelehrten und Kennerin der tibetischen Sprache, und erzählte ihr diese Geschichte. »Was bedeutet ›Zhangi, Zhingi‹?«, fragte ich sie.

»Es bedeutet ›verfilztes Haar‹«, erklärte sie.

Was für ein passendes Bild für Chaos! Und was für eine wunderbare Frage, die er gestellt hatte! An ihr wird deutlich, wie sehr sich sein durch jahrelange Meditation geschulter Geist von den Begrenzungen des westlichen Denkens unterscheidet, die ihm merkwürdig erschienen sein müssen. Der westlich konditionierte Geist lässt gewöhnlich nicht zu, dass sich Bilder auflösen. Er arbeitet hart daran, sich ein verständliches Weltbild aufzubauen, und hängt an dem Wissen und der Fachkenntnis, die er sich erworben hat. So werden die Bilder festgeschrieben, und eine Blume wird beim zweiten Blick automatisch als dieselbe Blume eingeordnet.

Diese Geschichte wirft zwei wichtige Fragen auf. Wenn der Mönch zuerst keine Blume sieht, was sieht er dann, bevor das Bild der Blume auftaucht? Und zum Zweiten: Wie kann er das Bild der Blume auslöschen, um die Blume beim zweiten Mal wieder »zum ersten Mal« zu sehen? Merken Sie sich diese zwei Fragen bitte, während Sie weiterlesen. Sie gehören zu dem Muster, welches ich erkannte, als ich die Frage des Mönches verstanden hatte.

Diese Geschichte beschreibt eine relative hohe geistige Kompetenz. Doch Sie können ganz einfach anfangen, diese Perspektive einzuüben. Unterbrechen Sie ein bis zwei Mal am Tag ihre gewohnten Aktivitäten und verändern Sie Ihren Fokus. Probieren Sie, einen Moment lang einfach das Licht, die Farben und die Bewegungen um sich herum wahrzunehmen, bevor die Stimme in Ihrem Kopf anfängt, das Gesehene zu benennen. Vielleicht denken Sie jetzt, Sie müssten dafür einen Spaziergang in der Natur machen, doch es geht genauso gut im Supermarkt, im Büro oder in Ihrer Wohnung. Diese isolierten Sinneseindrücke bieten sich überall an! Die folgenden Abschnitte werden Ihnen helfen, diese Fähigkeit zurückzugewinnen.

SEHEN WIE EIN SÄUGLING

Betrachte Dinge, wie es ein Säugling tut, ohne Vorwissen … lass diese Sicht in dich einsinken

und erfahre sie ganz und gar,

ohne zu verstehen.

Murshid Fazal Inayat-Khan

bedeutender Sufi-Lehrer, ehemaliger Leiter der internationalen Sufi-Bewegung

Säuglinge sehen die Dinge nicht, wie wir sie kennen, sondern die Bewegungsspuren, die sie hinterlassen. Vor allem biologische Bewegungsspuren sind faszinierend für sie. Woher wir das wissen? Ein paar clevere Forscher haben folgendes geniale Experiment durchgeführt: Sie haben eine Person ganz in Schwarz gekleidet, ihr auch Gesicht und Hände geschwärzt und an den wichtigsten Gelenken – Ellenbogen, Handgelenke, Schultern, Hüften und so weiter – kleine LED-Leuchten befestigt. Dann haben sie gefilmt, wie sich diese Person vor einem schwarzen Hintergrund durch einen abgedunkelten Raum bewegt. Den Film, auf dem nur die Bewegungsspuren der Gelenke zu sehen waren, führten sie Säuglingen vor. Die Babys liebten es offenbar, diesen Film zu sehen, denn sie schauten lange Zeit unverwandt hin. Dann veränderten die Forscher den Film ein wenig, indem sie die Bewegungsspur eines Ellenbogenlichts so veränderten, dass sie unzusammenhängend vor- und zurücksprang. Die Babys waren von diesem Anblick offenkundig verstört und wandten schnell den Blick ab. Der veränderte Film brach mit dem natürlichen Fluss menschlicher Bewegungsspuren. Die Säuglinge konnten das offenbar wahrnehmen, obwohl auf den Bildern kein Mensch zu sehen war. Aus dem Hinschauen oder Abwenden des Blicks ziehen die Forscher Rückschlüsse darüber, was Säuglingen angenehm oder unangenehm ist.

Auch die Reaktion eines Säuglings auf Schönheit hat vielleicht nicht mit dem zu tun, was wir auf einem Bild wahrnehmen. Forscher baten eine Gruppe von College-Studenten, aus je einhundert Fotos von Studentinnen und Studenten jeweils die zehn attraktivsten und die zehn unattraktivsten herauszusuchen. Dann zeigten sie diese Bilder nacheinander einer großen Anzahl von sechs Wochen alten Babys. Bei jenen, die von den Studenten als attraktiv eingestuft worden waren, schauten die Babys lange hin, und bei den unattraktiven wandten sie den Blick ab oder zeigten Anzeichen von Unbehagen. Porträtmaler sagen, der Unterschied zwischen einem als schön und einem als hässlich empfundenen Gesicht sei vor allem eine Frage der Proportionen. Wenn ein Aspekt nur ein wenig verändert wird, kann ein Gesicht plötzlich seine Schönheit verlieren, als ob es eine mathematische Formel oder eine Schablone für »schöne Gesichter« gäbe. Was sahen diese Kinder also? Babys lernen rasch, das Gesicht ihrer Mutter zu erkennen, doch sie brauchen Monate, um andere Gesichter so weit zu fokussieren, dass sie sie erkennen können. Die Kinder in dieser Studie waren dafür noch zu jung, sie haben also keine Gesichter in unserem Sinne gesehen. Ihre Reaktion scheint vielmehr von der Harmonie oder Disharmonie der Proportionen abzuhängen.

Mit unserem bewussten Verstand können wir diese Bewegungsspuren nur noch schwer wahrnehmen. Woran das liegt? Als kleine Kinder waren wir von den Bewegungsspuren um uns herum fasziniert und verbrachten unsere gesamte wache Zeit damit, verschiedenen Kombinationen von Sinneswahrnehmungen nachzuspüren. Allmählich lernten wir, die Dinge hinter diesen Bewegungsspuren zu erkennen. Wir lernten, wie sie klingen, wie sie sich anfühlen, wie sie aussehen, vielleicht auch wie sie schmecken und riechen. Unser Gehirn hat ein neuronales Programm entwickelt, um Bewegungsspuren und Wellen in Dinge zu übersetzen. Wenn wir im Alter von etwa sechs Jahren in die Schule kommen, übersetzt das Gehirn diese Wellen bereits so schnell in Dinge, dass wir diese Vorstufe nicht mehr bemerken. Das stellt uns vor ein Rätsel. Wie können wir wissen, was unsere Augen sehen würden, wenn unser Gehirn kein derartiges Übersetzungsprogramm entwickelt hätte?

Vielleicht können uns die Erfahrungen jener besonderen Menschen weiterhelfen, die erst als Jugendliche oder Erwachsene sehen lernten. Viele von ihnen haben davon berichtet, was ihre Augen wahrnahmen, als sie zum ersten Mal etwas sahen und versuchten, der Welt einen visuellen Sinn abzugewinnen. Sie beschreiben eine faszinierende Erfahrung.

Wenn ihnen der Verband abgenommen wurde, sahen sie zunächst kein Gesicht, das sie begrüßte. Wenn sie in Richtung der vertrauten Stimme schauten, zeigte sich etwas Verschwommenes. Wochenlang fesselte sie vor allem der Farbeindruck, denn darauf waren sie durch Berührung und Hören nicht vorbereitet. Manchmal waren sie von der Flut der visuellen Stimulation, dieser verwirrenden Mischung aus Licht, Farbe und Bewegung, schier überwältigt. Es ist offenbar ziemlich schwierig, das Ertastete in Sichtbares zu übersetzen. Das Erspüren der Form eines Elefantes ist offenbar keine ausreichende Vorbereitung auf den Anblick einer ganzen Elefantenstatue. Ihr Verstand hatte sich daran gewöhnt, die Dinge in zeitlich versetzten Teilabschnitten zu erfassen. Das Sehen ermöglichte es ihnen, alle Teile gleichzeitig räumlich wahrzunehmen. Doch wenn sie mühsam gelernt hatten, den Elefanten allein durch das Sehen zu erkennen und sich die Statue dann aus einem anderen Blickwinkel zeigte, war es wieder ein völlig neuer, unbekannter Eindruck. Ihr Gehirn hatten noch kein visuelles Programm entwickelt, die Drehung von Dingen spontan nachzuvollziehen.

Auch konnten sie räumliche Tiefe nur wahrnehmen, wenn sich etwas bewegte. Bis dahin hatten sie Entfernungen immer an der Größe eines Objektes gemessen. Treppenstufen erschienen ihnen zunächst als flache Oberfläche mit Streifen. Eine Person beschrieb, wie sie sich mit Hilfe innerlich gezogener Linien und Pfade zwischen den Zimmern und den wichtigsten Möbelstücken durch ihre Wohnung bewegte. Wenn sie diese Pfade verließ, verlor sie leicht die Orientierung. Die visuelle Welt dieser Menschen war zunächst völlig von Farben, Licht und Bewegungen dominiert. Nur mit viel Übung lernten sie, diese Eindrücke zu verbinden und somit Dinge zu erkennen. Die Übungen in diesen ersten zwei Kapiteln können Ihnen helfen, wieder auf diese ursprüngliche Weise Wellen und Bewegungen wahrzunehmen. Die erste Übung ist, aufmerksam sehr kleine Kinder zu beobachten. Bemerken Sie, wie oft sie sich mehr für Licht, Geräusche, Bewegungen und Luftzüge interessieren als für die Dinge um sich herum.

Solche Übungen sind in diesem ganzen Buch verteilt. Manche sind am Ende eines Abschnitts deutlich gekennzeichnet, andere sind im Text eingestreut. Bestimmte Kapitel, wie zum Beispiel das sechste, sind vollgepackt mit solchen Anregungen.

LERNEN, SICH ANZUGLEICHEN

Ein Kind ging hin, Tag um Tag,

und wurde zu dem ersten Ding, was es erblickte.

Und dieses Ding wurde Teil von ihm,

für jenen Tag oder einen Teil des Tages.

Oder für viele Jahre oder über ganze Zyklen von Jahren hinweg.

Walt Whitman

Leaves of Grass

Wenn Sie üben, die Welt mit frischem, unverstelltem Blick zu betrachten, bemerken Sie vielleicht, wie Sie mit dem Geschauten manchmal eins werden. Das ist herrlich! Wir bezeichnen es hier in unserem Zusammenhang als Matching ( = angleichen, zueinander passen, passend machen, übereinstimmen, zusammen führen). Wenn wir im weiteren Verlauf zu den Spiegelneuronen kommen, werden wir dieses Thema noch vertiefen.

Diese Fähigkeit zum Matching ist uns angeboren. In den ersten Lebensjahren gebrauchen wir sie intensiv, doch im Laufe der Zeit entwickeln wir andere kognitive Fähigkeiten und verlernen es ein Stück weit wieder. Manches davon bleibt uns jedoch erhalten. Wenn wir bei Sportereignissen oder Tanzaufführungen zuschauen, vollziehen wir die Sprünge, Drehungen, Würfe und Läufe innerlich nach. Manchmal spüren wir richtiggehend die Anstrengung dieser inneren körperlichen Angleichung. Die daraus erfolgende Befriedigung trägt dazu bei, uns zur nächsten Veranstaltung zu locken. Auch auf der emotionalen Ebene findet Matching statt. Wenn wir jemandem in seinem Leiden beistehen oder mit Freunden etwas feiern, können sich unsere Gefühle weitgehend denen der anderen anpassen. Dann können wir wirklich sagen: Ich fühle Schmerz beziehungsweise Freude mit dir.

Mit etwas Übung und Geschick können wir uns sogar dem Geist eines anderen anpassen. Ironischerweise ist selbst das nicht mit Hilfe des Intellekts möglich, sondern läuft ähnlich wie bei Gefühlen und Bewegungen über ein inneres Körperempfinden. Der Intellekt kann analysieren, kategorisieren und geistige Schwächen ausmachen, doch um wirklich in den Geist eines anderen Menschen einzutauchen, brauchen wir diese Fähigkeit der inneren Anpassung. Vielleicht helfen Ihnen die folgenden Geschichten von der Anwendung solcher Matching-Prozesse, ein klareres Bild davon zu gewinnen, damit Sie anfangen können, es für sich selbst zu entwickeln.

Das Konzept als solches ist nicht neu. Im Buddhismus wird es oft sich selbst mit anderen austauschen genannt. Der Heiler und mystische Philosoph Paracelsus schrieb bereits vor fünfhundert Jahren darüber:

Verstehen entsteht nicht durch den Verstand, sondern durch mitfühlendes Hineinversetzen. In unserer Suche nach Weisheit ist es unsere Pflicht, die Dinge ihrem eigenen Wesen gemäß zu erkennen und nicht nach ihren Erscheinungen.

Um etwas oder jemanden wirklich zu verstehen, meint Paracelsus, müssen wir uns so tief mit dem Menschen oder dem Objekt verbinden, dass sich uns sein wahres Wesen offenbart. In der östlichen Tradition wird in diesem Zusammenhang eher von »Meistern« und »Lehrlingen« als von »Lehrern« und »Schülern« gesprochen. Der Lehrling empfängt Übertragungen statt Lektionen. Um sie zu empfangen, muss er sich auf die Wellenlänge seines Lehrers einstimmen. Jane Faigao, eine großartige Tai Chi-Lehrerin an der Naropa-Universität, pflegte ihren mit den Bewegungen ringenden Schülern zu sagen: »Klaut sie euch einfach von meinem Körper«. Die Essenz des Tai Chi lässt sich nicht einfach durch das Nachahmen äußerer Bewegungen erfassen.

Ich habe einmal eine fast olympiareife junge Dressurreiterin interviewt, die ein hervorragendes Beispiel für diese einfühlsame Einstimmung war. Sie liebte die Dressurfiguren so sehr, dass sie sie in ihre Studienhefte kritzelte, von ihnen träumte, sie innerlich vorwärts und rückwärts durchlief und sie in Zeitlupe und natürlich zu Pferde übte. Sie begab sich sogar auf alle Viere und lief die Figuren ab, um herauszufinden, wie sich das Pferd dabei fühlen mochte.

Es gibt noch immer ein paar Berufe, in denen die Kunst des Matching eine große Rolle spielt. Als ich einmal einen ausgezeichneten Gärtner fragte, wie er die Pflanzenarrangements in seinen Landschaftsgärten entwickele, gestand er, die Zwiebeln oder Pflanzen so lange in der Hand zu halten, bis er spüren konnte, wo sie gepflanzt werden wollten.

Im Sport kann die Fähigkeit, sich einem Gegner anzugleichen, zu höheren Leistungen anspornen. In seinem Buch Zen und die Kultur Japans zitiert D. T. Suzuki einen japanischen Schwertkämpfer mit folgenden Worten:

Wenn die Identität erlangt wird, sehe ich als Schwertkämpfer mir gegenüber keinen Gegner, der mich angreifen und schlagen will. Ich scheine mich selbst in meinen Gegner zu verwandeln und jede seiner Bewegungen und jeder seiner Gedanken fühlen sich wie meine eigenen an, und ich weiß intuitiv … wann und wie ich ihn schlagen kann.

Diese Idee, sich in eine Person oder ein Objekt hineinzuversetzen, mag merkwürdig und nur begrenzt nützlich erscheinen, doch ihr Wert wird immer mehr erkannt. Beispielsweise hat es sich für die Forschung führender Wissenschaftler als eine höchst nützliche Sache erwiesen.

Der Nobelpreisträger Joshua Lederberg, dessen Entdeckungen entscheidend zur Genetik der Mikroorganismen beigetragen haben, beschrieb seinen Ansatz so:

Man muss sich in eine biologische Situation hineinversetzen können. Ich musste mir beispielsweise buchstäblich vorstellen können Wie wäre es, wenn ich eines der chemischen Bestandteile eines Bakterienchromosoms wäre?

Die populärwissenschaftlich als springende Gene bezeichnete Entdeckung der genetischen Transposition in Mais durch die Nobelpreisträgerin Barbara McClintock revolutionierte das gesamte Feld der Molekularbiologie. Sie hat ihre Herangehensweise ganz ähnlich erklärt:

Ich habe festgestellt, je mehr ich mit ihnen [den Chromosomen] arbeitete, desto mehr verschob sich der Maßstab, und als ich mich richtig auf sie einließ, war ich nicht mehr draußen, ich war drinnen. Ich war Teil des Systems. … Ich konnte sogar die Innenteile der Chromosomen sehen. … Zu meiner eigenen Überraschung fühlte es sich so an, als ob ich da mitten drin wäre, mitten unter meinen Freunden. … Wenn man sich diese Dinger so anschaut, werden sie Teil von einem. Und man vergisst sich selbst. Das Wichtigste ist, sich selbst zu vergessen.

Vielleicht verspüren Sie keinen Bedarf für derart verfeinerte Angleichungsfähigkeiten, doch möchte ich Sie ermutigen, es mit einfachen Elementen Ihres Alltags zu üben. Lassen Sie sich auf die Natur, geliebte Dinge oder geschätzte Qualitäten Ihrer Mitmenschen mit ganzer Aufmerksamkeit ein. Genießen Sie sie, und sei es nur für einen Augenblick, das wird Ihre Angleichungsfähigkeiten wachsen lassen.

Vor allem die Fähigkeit, sich in dieser Weise auf den Geist von anderen einzustimmen, ist äußerst wertvoll. Wenn Sie in den folgenden Geschichten von geistigen Fähigkeiten lesen, die Sie auch gerne hätten, scheuen Sie sich bitte nicht, Jane Faigaos Rat zu folgen und sie zu »klauen«. Probieren Sie es. Mit etwas Übung kann sich Ihre natürliche Brillanz dadurch enorm erweitern!

ANSICHTBAR UND UNSICHTBAR

Meine ersten Lehren über die »unsichtbare Welt der Kinder« empfing ich von meinem Sohn. Scottie war vier, als ich ihn mit dem Gärtnern bekannt machen wollte. Leider war ich eine ziemlich unbegabte Gärtnerin. Ich begann, über Findhorn nachzusinnen, jenes unglaublich erfolgreiche Gartenprojekt in Schottland, bei dem die Gärtner mit den Elementarwesen und den Pflanzengeistern zusammenarbeiten. Ich sehnte mich danach, auch solche Hilfe zu haben. Als Scottie und ich eines Tages im Garten den Boden bearbeiteten, fragte ich ihn daher, ob er irgendwelche Wesen sehen würde. »Nööh«, antwortete er, offenbar unsicher, was er von solch einer Frage halten sollte.

Aus reiner Verzweiflung blieb ich dran. »Siehst du nicht vielleicht irgendwelche Gestalten oder Tierchen oder so etwas?«

»Oh ja, ich sehe viele davon!« rief er voll Begeisterung darüber, mich endlich verstanden zu haben.

»Siehst du sie jetzt?«

»Ja klar«, sagte er und schaute sich leicht blinzelnd im Garten um. Er erzählte mir, ein paar würden auf dem Dach herumturnen, andere kauerten bei den Baumwurzeln dort unten, und wieder andere würden um die Blumen schweben. Ich gab zu, sie nicht richtig sehen zu können, und er schaute mich mit einem Blick an, als wundere er sich, wie ich so beschränkt sein könne. Danach versuchte er tagelang, sie mir zu zeigen. Sein Bestreben gipfelte schließlich darin, dass er mir eines Tages von der großen Fichte in unserem Vorgarten aus aufgeregt zurief: »Komm mal schnell her, Mami, ich habe endlich einen gefunden, den du ganz bestimmt sehen kannst!«

Ich schaute unter die schweren Zweige, ich blinzelte, stellte meinen Blick unscharf und versuchte alles, was mir einfiel, bis ich schließlich zugeben musste, dass ich da einfach nichts sehen konnte.

Scottie richtete sich auf, seufzte und erklärte: »So ist es dann wohl. Erwachsene sehen ansichtbare Dinge, und Kinder sehen ansichtbare und unsichtbare Dinge« (im Original: outvisible and invisible things.)

Wenn wir darauf achten, sind die Hinweise auf solche kindlichen Fähigkeiten überall zu finden. Wir neigen dazu, die Wahrnehmungen der Kinder nur ernst zu nehmen, wenn sie sich auf äußerlich sichtbare Dinge beziehen. Kürzlich hörte ich im Supermarkt, wie ein etwa fünf Jahre altes Kind zu seiner Mutter sagte: »Der Mann ist nicht nett!« Die Mutter bedeutete dem Kind, still zu sein, zog es beiseite und fragte, warum es das gesagt habe. »Ich mag die Bilder nicht, die ich in mir sehe, die dieser Mann in sich hat!« Ich frage mich, wie viele Kinder jeden Tag solche Bilder sehen.

Als ich an der Sonderschule unterrichtete, lag mein Klassenzimmer genau gegenüber dem Lehrerzimmer. Als ich eines Tages meine Türe öffnete, kam dort gerade eine neue Lehrerin heraus, die zuvor Nonne gewesen war. Sie trug die Hände vor sich gefaltet und bog scharf nach links ab, um zu ihrem Klassenzimmer zu gehen. Während ich zusah, wie sie um die nächste Ecke verschwand, meinte eine acht Jahre alte Schülerin neben mir, die nichts von dem Hintergrund dieser Frau wusste: »Warum will sie nicht heiraten?«

Bei der folgenden Geschichte können Sie mit mir Detektiv spielen. Eines Tages saß ich in einer Sonderschulklasse in der Lesestunde. Zu der Klasse gehörte ein sehr autistischer, acht Jahre alter Junge, der ein paar rudimentäre Sprachkenntnisse hatte, aber die meiste Zeit in seiner eigenen kleinen Welt verbrachte. An jenem Morgen schien er ziemlich unruhig zu sein. Zuerst ging er zu dem Aquarium, bewegte es ein paar Mal hin und her und betrachtete es dann mit offensichtlichem Vergnügen. Er wollte es gerade wiederholen, als die Lehrerin ihn bat, dort wegzugehen. Daraufhin lief er zu der glänzenden Metalltüre des Materialschranks und begann, sie heftig hin- und herzuschwingen. Dann wurde er gebeten, sich mit auf den Boden zu setzen, wo die Klasse über Kalender sprach. Hinter ihm stopfte ein Kind einen Therapieball passgenau in eine Spielzeugtonne. Der Junge regte sich furchtbar auf und beruhigte sich erst wieder, als der Ball aus der Tonne entfernt wurde. Daraufhin saß er ein paar Minuten lang still, doch sobald zur Pause geläutet wurde, lief er zu einem Platz direkt neben der Heizung.

Erkennen Sie das unsichtbare Muster? Wenn Sie von den Dingen absehen und mehr die Wellen betrachten, die sie erzeugen, merken Sie vielleicht, wie fokussiert der Junge eigentlich war. Bei dem Aquarium ging es ihm nicht um die Fische, sondern um die Wellenbewegungen auf dem Wasser, die er erzeugt hatte. Auch die Metalltüre vibrierte durch die heftige Bewegung und erzeugte Wind und Lichteffekte. Der Ball? Er setzte die Tonne unter Druck. Der Junge hörte wahrscheinlich den zischenden Luftzug, als der Ball in die Tonne gepresst wurde, und verspürte den Drang, die Tonne zu »befreien«. In der Pause genoss er dann die Wärmewellen, die von dem Heizkörper aufstiegen.

Die Welt ist voll von solchen Schwellen-Phänomenen – Ereignissen, die gleichermaßen unsichtbar und ansichtbar sind. Versuchen Sie, Gelegenheiten zu finden, wo Sie sich mit kleinen Kindern darüber austauschen können. Ein Regenbogen zum Beispiel mag wie ein wirkliches Ding erscheinen, doch tatsächlich besteht er nur aus prismatisch angeordneten Lichtwellen. Bäche und Wasserfälle sind sichtbar gewordene Fließwellen. Ein Echo ist nichts als eine Klangwelle, die unsere Stimme zurückspiegelt. Die meisten Kinder unter sechs Jahren leben in einer Welt der direkten Sinneserfahrung. Sie können sich ganz auf die jeweilige Erfahrung einlassen, ohne das ständige mentale Geplapper des erwachsenen Verstands. Sie empfinden diese Wellen und Bewegungspfade als natürliche Aspekte der sie umgebenden Bilder und Sinneseindrücke. Um diese Fähigkeiten vollständig zu entwickeln, bedürfen sie jedoch unserer Unterstützung, indem wir ihre Sinneseindrücke ihrer Umwelt würdigen und aufhören, immer den Reiseführer zu spielen, der weiß, was richtig und wichtig ist. Die große Biologin Rachel Carson riet in diesem Zusammenhang:

Um sich seine angeborene Fähigkeit des Staunens zu erhalten, braucht ein Kind darin die Begleitung von mindestens einem Erwachsenen, der mit ihm zusammen die Freude, die Aufregung und das Wundersame der uns umgebenden Welt entdeckt.

Die folgende Übung lädt Sie ein, ein kleines Kind auf diese Weise zu begleiten. Ich möchte Sie ermutigen, mit einem Kind zusammen einen sogenannten stillen Spaziergang zu unternehmen. Diese Übung hat im Laufe der Jahre Hunderte meiner Studenten und Teilnehmer überrascht, begeistert und angeregt, die Welt mit frischem Blick zu betrachten. Machen Sie sich in Ruhe mit der Anleitung vertraut, damit sie dafür bereit sind, wann immer sich die Gelegenheit dazu ergibt.

Die Anleitung

Nehmen Sie sich etwa 30 bis 45 Minuten Zeit, um mit einem Kind zwischen 2,5 und 5,5 Jahren spazieren zu gehen. Sie können einfach um den Block gehen, durch den Garten wandern oder einen nahe gelegenen Park besuchen. Wenn Sie mit dem Kind nicht gut bekannt sind, kann es sinnvoll sein, in der Nähe des ihm vertrauten Umfeldes zu bleiben. Lassen Sie das Kind die ganze Zeit das Tempo bestimmen. Lassen Sie alle Gesprächsimpulse vom Kind ausgehen. Das Ziel ist, so weit zur Ruhe zu kommen, dass das Kind Sie praktisch vergisst und auf natürliche Weise mit seiner Umgebung Kontakt aufnimmt. Um eine entspannte Atmosphäre zu schaffen, kann es jedoch hilfreich sein, wenn Sie sich zu Anfang ein wenig mit dem Kind unterhalten. Vollkommen wortlos loszugehen könnte dem Kind unangenehm sein. Versuchen Sie dabei, jede Führung des Gesprächs oder Erklärungen zu vermeiden – keine Belehrungen! Idealerweise wird das Gespräch nach ein paar Minuten verebben, und der Spaziergang wird weitgehend schweigend erfolgen. Lassen Sie unabhängig davon, ob das Kind gesprächig ist oder nicht, Ihre Aufmerksamkeit mit weichem Fokus auf dem Kind und seinen Interaktionen mit seiner Umwelt ruhen.

Wenn Sie mit einem Kind unterwegs sind, das die ganze Zeit redet, wird Ihre Herausforderung darin liegen, gut auf das Kind und seine Aktivitäten zu achten, ohne sich auf die Worte des Kindes zu konzentrieren. Vielleicht durchlebt das Kind gerade einen Sprachentwicklungsschub und genießt es, seine Welt mit all ihren Wundern zu benennen. Versuchen Sie, der Verlockung zu widerstehen, sich in ein Gespräch verwickeln zu lassen. Wenn Sie sich besonders zwischen seinen Mitteilungen mit aktiver Aufmerksamkeit an dem Kind erfreuen, wird selbst das gesprächigste Kind allmählich spüren, dass es so etwas wie nonverbale Zuwendung gibt.

Achten Sie auf diesem Spaziergang darauf, welcher Art von Dingen und Aktivitäten sich das Kind zuwendet, wie lange es jeweils dabei verweilt, und was es zu entdecken scheint. Bemerken Sie auch, was mit Ihrem Tempo und Denken geschieht, wenn Sie sich so auf die Welt des Kindes einlassen.

Viele ehemalige Studenten von mir haben solche Spaziergänge ausführlich beschrieben. Beachten Sie in den folgenden Auszügen daraus vor allem, wie die Kinder ihre Welt wahrnehmen.

Sie nimmt einen Stein auf und wirft ihn auf die Straße. Sie vertieft sich völlig in das Steine Werfen. (2 Jahre alt)

Die Reize, von denen ich annahm, dass sie ihn anregen würden, interessierten ihn nicht. Er beschäftigte sich eher mit der Dose, dem Zigarettenstummel, dem Klopfen. (5 Jahre alt)

Die Leute auf der Straße nahmen ihre Aufmerksamkeit weniger ein als ein Grashalm, ein hoher Baum oder eine Bewegung. (5 Jahre alt)

Wir hielten an, um die nasse Zeitung auf dem Rasen zu betrachten. Beim nächsten Haus rochen wir an den Blumen. (3,5 Jahre alt)

Kurz bevor die Kinder die Dinge auswählten, denen sie sich zuwandten, nahmen sie eine gewisse Bewegung wahr oder einen Schimmer, etwas, das eher einer ganzen Reihe von Sinneseindrücken entspricht als einer strukturierten Wahrnehmung. Wenn sich ihre Wahrnehmung dann einem Ding zugewandt hatte, entstand eine bedeutsame Veränderung. Die zuvor unabhängig voneinander erscheinenden Merkmale verbanden sich zu einer bewussten Wahrnehmung, die ihre konzentrierte Aufmerksamkeit forderte.

Als Erwachsene tun wir dasselbe, nur geschieht es so schnell, dass wir uns dieses feature-binding-Prozesses nicht mehr bewusst sind. Mit den bisherigen Übungen haben wir angefangen, diesen Prozess wieder zu verlangsamen, um ihn wieder in unser Bewusstsein zu holen. Im nächsten Kapitel werden wir uns dieses Feature-Binding näher betrachten und entdecken, wie jeder unserer Sinne Merkmale verbindet, um daraus Wahrnehmungen zu bilden, und vor allem, wie wir diese Bindungen wieder aufheben können.

2. VOM SINNESEINDRUCK ZUR WAHRNEHMUNG UND ZURÜCK

Wir spüren unendlich viel mehr Dinge, als wir wahrnehmen …

Wir baden in einem Pool an Sinneseindrücken, aus dem unsere

Wahrnehmung das entnimmt, was genau jetzt hilfreich ist.

Serge Carfantan

Philosophie und Spiritualität

Wir haben jetzt die wichtige Unterscheidung getroffen zwischen Sinneseindrücken, die vor einer genauen Fokussierung auftreten, und Wahrnehmungen, die sich bilden, wenn wir dem Reiz unsere Aufmerksamkeit zugewandt und ihn benannt haben. Das Überwechseln vom Sinneseindruck zu Wahrnehmung geschieht ganz natürlich und erfolgt umso schneller, je vertrauter wir mit unserer Umgebung sind. Vielleicht erinnern Sie sich daran, wie Sie einmal nach einer längeren Abwesenheit zu Hause erst mal durch die Wohnung wanderten, als wollten Sie sich vergewissern, dass noch alles da ist. Dabei feuerte Ihr Gehirn blitzschnell Wahrnehmungen, um all die bekannten Dinge wieder zu inventarisieren.

Wenn wir uns jedoch die Sinneseindrücke vor ihrer Verwandlung in Wahrnehmungen genauer betrachten, können wir etwas erforschen, was uns sonst nicht bewusst ist – den Akt der Rückverwandlung von der Wahrnehmung zum Sinneseindruck. Wir können lernen, eine nur selten genutzte Schwelle unseres Bewusstseins zu überschreiten!

Diese Fähigkeit, Schwellen zu überschreiten, ist die Grundlage jeglicher Intuition! Wenn Sie es üben, werden Sie vielleicht unter anderem bemerken, wie sich Ihre Intuition deutlich verbessert. Es ist einer der im Vorwort erwähnten verborgenen Schätze unserer gemeinsamen Reise, etwas, was nicht gelehrt werden kann, doch wenn es in Ihnen aufsteigt, kann es ein wertvoller Bestandteil Ihrer natürlichen geistigen Brillanz werden. Dieses Kapitel enthält eine Fülle von Übungsmöglichkeiten, um unsere erstaunlichen intuitiven Fähigkeiten zu erkunden und zu entfalten.

DAS TERRAIN ZWISCHEN ZWEI MYSTERIEN

Die Frage steht weiterhin im Raum, wie das Gehirn Informationen zu einer kohärenten Wahrnehmungserfahrung »verbindet«.

David Whitney

Center for Mind and Brain, University of California, Davis

In vielen Bereichen der Wissenschaft sind die polaren Extreme rätselhaft. In den Randbereichen scheinen manche Regeln plötzlich nicht mehr zuzutreffen. Newtons 1687 veröffentlichte Ideen dienten den Physikern fast drei Jahrhunderte lang wunderbar, bis sie sich mit den extrem kleinen subatomaren Teilchen und den extrem großen Wechselwirkungen zwischen Himmelskörpern befassten. Aus der Beschäftigung mit dem Mikro-Universum ging die Quantenmechanik hervor, und Einsteins Relativitätstheorie widmete sich den Phänomenen des Makro-Universums.

Auch beim Bevölkerungswachstum bergen die Extreme Rätsel. Wenn eine Bevölkerung vom Ausstreben bedroht ist, werden oft sehr viel mehr Kinder geboren. Wenn jedoch Überbevölkerung die Lebensgrundlagen bedroht, geht die Geburtenrate oft stark zurück und die Fruchtbarkeit lässt auf geheimnisvolle Weise nach.

Auch im Feature-Binding stoßen wir in den Extremen auf ähnliche Phänomene. Auf der zellulären Ebene ringen die Neurowissenschaftler immer noch mit der Frage, wie das Gehirn Informationen über Farben, Bewegungen, Formen und Klänge zu einer Wahrnehmung verknüpft. Im großen Maßstab hingegen debattieren die kognitiven Theoretiker darum, welche Rolle diese Fähigkeit zur Verbindung bei der Bewusstseinsbildung spielt und ob es überhaupt Bewusstsein geben kann, bevor solch eine Verknüpfung von unzusammenhängenden Eindrücken stattgefunden hat. Doch genau wie die Wissenschaft trotz dieser Rätsel das Gebiet zwischen den Extremen der Physik oder dem Bevölkerungswachstum erforscht, können wir auch die vielen faszinierenden Aspekte des Feature-Binding erkunden, die zwischen diese beiden Rätsel fallen.

Wir haben damit ja bereits begonnen. Die Bewegungspfade und die Wellenmuster, die Menschen beschäftigen, die gerade sehen gelernt haben, sind unverknüpfte Eindrücke. Sobald eine Wahrnehmung auftaucht, sei es eine Blume oder das Gesicht der Mutter, haben sich diese Eindrücke verbunden. Unser Geist stellt diese Verbindungen praktisch unmittelbar her, doch wir wollen hier versuchen, diese Eindrücke zu erfahren, bevor sie sich verknüpfen.

Machen wir ein Experiment. Lauschen Sie auf die Geräusche, die Sie jetzt gerade umgeben, und beachten Sie dabei zwei oder drei einfache Klänge. Zum Beispiel höre ich jetzt gerade ein Klappern … von Tellern, ein Brummen … des Kühlschranks, ein Ping … von meinem Computer, um den Eingang einer Email anzuzeigen. Was ich auch gerade höre, wird von meinem Geist möglichst sofort mit der Geräuschquelle verbunden. Das ist Feature-Binding in Aktion. Es wird meistens schon allein davon ausgelöst, dass wir uns unserer Umgebung aufmerksam zuwenden.

Ein Kaninchen hält bei allen überraschenden Geräuschen kurz inne und rennt dann instinktiv weg, ohne sich darum zu kümmern, was das Geräusch verursacht haben könnte. Was machen Sie, wenn Sie überraschend ein unbekanntes Geräusch erschreckt? In jenem Moment, kurz bevor Sie denken »Was war das?«, erleben Sie einen reinen Klang.

Doch nicht jedes einfache Geräusch ist flüchtig oder überraschend. In der Musik des Nahen Ostens gibt es ein Element namens »Bordun« oder »Drone«, welches reinem Klang recht nahe kommt. Es bildet einen anhaltenden summenden Hintergrund, um den die Melodie herum tanzt. Es erdet gewissermaßen das Musikstück, ohne selbst Informationen zu übermitteln. Die Formen der Melodie werden vom Ohr bemerkt und beim zweiten Hören vielleicht wiedererkannt, doch mit dem darunter liegenden Summton beschäftigt sich das Ohr nicht so.

Etliche moderne westliche Komponisten suchten nach solchen unverbundenen oder unvorhersehbaren Klängen. Der berühmte Pianist Keith Jarrett meditiert vor seinen Auftritten, um sich von allen musikalischen Mustern in seinem Geist zu lösen und frei von allen Erwartungen mit dem Ton anzufangen, der sich bildet, wenn er seine Hand auf die Tasten legt.

Dem Un-Komponisten John Cage ging es vor allem um das, was er Unbestimmtheit, nannte, die Vereinzelung von Tönen, Tongruppen und Stille-Intervallen. Oft verwendete er auch mechanische Klänge oder Umweltgeräusche. Er bat die Zuhörer häufig, sich vom fokussierten Zuhören zu lösen und ihre Ohren den reinen Klängen zu öffnen. Doch selbst sein erfahrenes Publikum war nicht auf das extreme Experiment vorbereitet, welches John Cage 1952 bei einem New Yorker Konzert durchführte. An jenem Abend stellte er ein neues Stück vor, welches er 4‘33“ nannte (4 Minuten, 33 Sekunden), das aus drei zeitlich genau definierten Bewegungen bestand. Der Pianist betrat die Bühne, setzte sich an das Klavier, stellte seine Stoppuhr und seine Noten auf und öffnete den Klavierdeckel für die erste Bewegung. Er begann, die Seiten umzublättern, aber er spielte nicht. Dann schloss er das Klavier wieder und öffnete es für die nächste Bewegung, blätterte ein paar weitere Seiten um, schloss es und öffnete es ein letztes Mal für die dritte Bewegung.

Leider ging diese Chance, ohne Fokus zu lauschen, an den meisten Zuhörern ungenutzt vorüber. John Cage erzählt von dieser Premiere: »Sie haben es nicht kapiert. … Was sie für Stille hielten, weil sie nicht zu lauschen wussten, war voll zufälliger Geräusche. Während der ersten Bewegung konnte man den Wind draußen rauschen hören. Während der zweiten Bewegung begannen Regentropfen auf das Dach zu trommeln. Und während der dritten Bewegung machten die Zuhörer alle möglichen interessanten Geräusche, als sie anfingen, miteinander zu reden, oder aufstanden und gingen.«

Sie können jederzeit üben, ohne Fokus zu lauschen. Der Trick besteht darin, die Geräusche zu sich kommen zu lassen, statt ihnen entgegenzugehen. Spazieren Sie durch die Natur und lassen Sie die zufälligen Geräusche an Ihr Ohr dringen. Sie können das natürlich genauso entspannt mit städtischen Geräuschen machen. Erfahrene Lehrer nutzen diese Fähigkeit in der Pausenaufsicht. Sie lassen die gewöhnlichen Geräusche zu einem Hintergrundbrummen verblassen. Wenn es irgendwo ein Problem gibt, wird es sich deutlich von diesem Hintergrundklang abheben und sie können sich dem schnell zuwenden.

Bevor wir die anderen Sinne erkunden, möchte ich Ihnen noch davon erzählen, wie Säuglinge Klänge wahrnehmen. Es gibt zwei Geräusche, auf die sie besonders mit Beruhigung und Aufmerksamkeit reagieren. Die Wissenschaftler haben dazu bei Neugeborenen den sogenannten vagalen Tonus gemessen, einen Parameter des Immunsystems. Je höher dieser Index ist, desto größer sind die Überlebenschancen des Kindes. Bei gefährdeten Neugeborenen auf der Intensiv-Station stieg dieser Vagustonus jedes Mal deutlich an, wenn das Kind die Stimme der Mutter hörte. Dieser Effekt konnte von keinem anderen Geräusch hervorgerufen werden.

Neben der Stimme der Mutter gibt es noch ein zweites Geräusch, welches im Mutterleib besonders deutlich ist – den Herzschlag der Mutter. Um die Kinder zu beruhigen läuft deshalb in vielen Säuglingsstationen Musik, der der Herzschlag eines entspannten Erwachsenen unterlegt ist. Und wenn die Mutter während der Schwangerschaft oft eine bestimmte Serie geschaut und sich dabei entspannt hat, beruhigten sich die Babys innerhalb von dreißig Sekunden, nachdem sie die entsprechende Titelmusik gehört hatten. Diese Ergebnisse legen die Vermutung nahe, dass die erste Aufgabe des Ohres darin besteht, die Verbindung zur Mutter zu stärken, indem es Geräusche verzeichnet, die mit der Mutter zusammenhängen. So beginnen die ersten Erfahrungen der Verbindung von Sinneseindrücken zu Wahrnehmungen.

SICHTWEISEN

Der das Denken steuernde Wille muss aufhören,

vom Subjekt zum Objekt zu fließen,

und anfangen, vom Objekt zum Subjekt zu fließen. …

Diese Läuterung der subjektiven Erfahrung erfolgt

durch die Praxis des Staunens, der Verehrung, der Einheit

und der vollständigen Hingabe.

John Gardner

Right Action, Right Thinking

Das Auge sieht über zwei grundlegende Mechanismen. Der erste ist das Fokussieren, welches in der Mitte des Auges erfolgt und dazu dient, Dinge genau in den Blick zu nehmen und jede Einzelheit zu erkennen. In der Natur sind es vor allem die Raubtiere, die sich dieser Art des Sehens bedienen, um ihre Beute zu erkennen, aufzuspüren, Entfernungen abzuschätzen und zuzuschlagen. Der zweite Mechanismus, die periphere Sicht, wird vor allem von Beutetieren verwendet, die damit Bewegungen ihres Umfeldes viel schneller erfassen können als mit dem fokussierten Sehen. Raubtiere haben deshalb nach vorne gerichtete Augen, die zusammen einzelne Dinge genau erkennen können, während Beutetiere wie Kaninchen und Pferde seitlich ausgerichtete Augen haben. Bei Kaninchen sitzen die Augen so weit auseinander, dass sie kein gemeinsames Blickfeld mehr haben, weshalb sie alles, was unmittelbar vor ihnen liegt, kaum sehen können. Pferde können Dinge fokussieren, zu denen sie einen gewissen Abstand haben, doch nichts, was näher als etwa einen Meter ist. Ausgebildete Springpferde vertrauen vollkommen darauf, dass ihnen der Reiter signalisiert, wann sie zum Sprung ansetzen müssen, weil sie das Hindernis aus der Nähe nicht mehr erkennen können.

Wir Menschen können beide Mechanismen nutzen. Unser peripheres Sehen nutzt die Randbereiche unserer Augen. Es reagiert viel schneller und bemerkt die kleinsten Bewegungen. Deshalb legen Vogelbeobachter den Kopf schief, patrouillieren Soldaten die feindlichen Linien seitlich und überwachen gute Lehrer die Klasse mit den »Augen am Hinterkopf«. Auch Mannschaftssportler verlassen sich vor allem beim Hochleistungssport auf diese Fähigkeit, um Veränderungen in den Bewegungsmustern der eigenen Mannschaft und des Gegners sofort aufzunehmen. Da solche Bewegungen rasch, unerwartet und ohne Einbettung in andere Eindrücke erfolgen, können wir sie als reine visuelle Informationen oder unverbundene Sinneseindrücke bezeichnen. So gut unser peripheres Sehen im Wahrnehmen der feinsten Bewegungsimpulse ist, so schwach ist es im Erkennen von Farben und Details. Dafür müssen wir uns der Bewegung zuwenden und zum fokussierten Sehen mit dem zentralen Augenbereich übergehen.

Unser hoch analytisches visuelles System macht es uns nicht leicht, reine visuelle Eindrücke zu gewinnen. Am besten geht es mit Licht und Farbe. Sowohl Menschen, die zum ersten Mal sehen, als auch Neugeborene scheinen vom Licht stark beeindruckt zu sein. Vielleicht sehnen wir uns nach dieser reinen, glanzvollen Erfahrung, wenn wir ein Feuerwerk bestaunen, nach Sternschnuppen suchen oder uns das Aufleuchten eines Weihnachtsbaums berührt. Solche Lichteffekte ermöglichen uns Erfahrungen reiner visueller Eindrücke. Um Ähnliches mit Farbe zu erleben, bedurfte es jedoch einiger herausragender Künstler.

Während im 20. Jahrhundert einige Komponisten nach der reinen Erfahrung des Klangs suchten, gab es auch bildende Künstler, die ihre Liebe zur Farbe als reine Erfahrung zu vermitteln strebten. Der französische Maler Yves Klein war besonders von einem bestimmten Blauton fasziniert. Er arbeitete sogar mit einem Chemiker zusammen, um ein Bindemittel zu entwickeln, welches dem Pigment all seine strahlende Brillanz ließ. Klein bemalte fast zweihundert Leinwände mit nichts als dieser Farbe, die er International Klein Blau nannte. Manche dieser Leinwände waren einfach von dem Blauton bedeckt und luden den Betrachter ein, das Bild weniger anzuschauen, als sich mehr dem reinen Eindruck der Farbe hinzugeben, der von dem Bild ausging.

Ähnlich wie es John Cage in der Musik anstrebte, suchte der amerikanische Autor, Kriegsgegner und Künstler Ad Reinhardt nach einem Weg, die bildende Kunst von allen Formen und Informationen zu befreien. In seiner Erregung über das oppositionelle Denken während des Vietnamkriegs versuchte er, diese Polarisierung mit seinen Texten und seiner Kunst aufzuheben. Es ging ihm darum, »ein unmanipuliertes, nicht manipulierbares, nutzloses, nicht vermarktbares, nicht reduzierbares, nicht fotografierbares, nicht vervielfältigbares, unerklärliches Bild« zu schaffen. Die letzten dreizehn Jahre seines Künstlerlebens malte er auf große Leinwände mit höchster Sorgfalt kaum erkennbare Schwarz-in-Schwarz-Quadrate. Auf einer Ausstellung über sein Lebenswerk war kürzlich als zentrales Exponat eines seiner großformatigen Werke zu sehen, welches seit über fünfzig Jahren sorgfältig erhalten wird. Es zieht die Betrachter immer noch machtvoll in seinen Bann. Sie standen lange bewegungslos davor, ließen die analytische Wahrnehmung los und nahmen einfach die Schwärze auf, die von dem Bild ausging.

Diese visuellen Ereignisse haben auch eine starke Beziehung zu dem reinen Eindruck von Wellen. Man könnte sicher das Licht selbst schon als Wellenerfahrung bezeichnen, doch das ist nur der Anfang. Mit etwas Übung können auch Sie mehr in den Genuss der Welt der Wellen kommen. Das Geheimnis besteht auch hier darin, die Eindrücke auf Sie zukommen zu lassen, statt nach ihnen zu suchen. Spüren Sie der aufbrandenden Empfindung nach, wenn Sie ein Pferd plötzlich losgaloppieren sehen. Spüren Sie den Strom des vorbeirauschenden Verkehrs, die mäandernden Bewegungen der Einkaufswagen im Supermarkt, das Herabströmen des Regens. Lassen Sie Ihren Blick weich werden und entdecken Sie die Bewegungspfade, die sich in der Welt um Sie herum abspielen.

NASEWEIS: DAS ERSTAUNLICHE RIECHSYSTEM

Unsere Nase steht mit einem speziellen neurologischen Organ in Verbindung, dem sogenannten olfaktorischen System, welches in unserem Großhirn sitzt. Es besteht aus einer sehr unabhängig agierenden kolbenförmigen Region mit etlichen Verzweigungen, die vom Rest des Gehirns nur wenig beeinflusst wird. Würde man Gehirn-Regionen einen Status zuordnen, säße dieser sogenannte Riechkolben mit seinen Verzweigungen in einer höchst elitären Gegend. Zu seinen Nachbarn gehören der Hippocampus, der Hauptsitz unseres Gedächtnisses; der frontale Cortex, in dem all unser höheres Denken stattfindet; und die Amygdala, unsere emotionale Wächterin, die traumatische Erinnerungen abspeichert und ständig nach Gefahren Ausschau hält.

Die volkstümliche Überlieferung weiß seit jeher um die Fähigkeit der Nase, die Wahrheit zu erkennen und sich einen unabhängigen, unbeeinflussten Eindruck zu verschaffen. Das amerikanische Wort sage für einen Weisen stammt von dem lateinischen Wort sagax, was eine Person bezeichnet, die einen besonders feinen Geruchssinn hat. Dieses Gespür der Nase für Wahrheit kommt auch zum Ausdruck, wenn wir von einem Journalisten sagen, »er hat eine gute Nase für Sensationen« oder in Redewendungen wie »das riecht nach einer Falle« oder »die können sich nicht riechen«.

Bei Verhören achten Kriminalbeamte darauf, ob der Verdächtige die Nase berührt. Beim Lügen gerät der Körper unter Stress, was die Blutgefäße in der Nase anschwellen lässt. Durch Reiben oder an der Nase Ziehen schwellen sie wieder ab. Die Nase spielt auch für die Wiedererkennung eines Gesichts eine große Rolle. Durch Nasenoperationen kann sich der Anblick eines Menschen bis zur Unkenntlichkeit verändern. Eine rote Kugel auf der Nase galt ursprünglich als beschämend, doch inzwischen wird ein Darsteller damit zum Clown.

Wenn wir durch die Nase einatmen, strömt die Luft zu einer Höhlung in der Nähe des Riechkolbens und kühlt dabei den frontalen Cortes. Auf ihrem Weg vom Herzen zum frontalen Cortex verläuft ein Zweig der Halsschlagader durch diese Höhlung. Wenn das Blut hier nur um zwei Zehntel Grad abgekühlt wird, können wir schon einen »kühlen Kopf« bewahren. Sonst werden wir leicht »hitzköpfig« und handeln, ohne vorher nachzudenken. Vielleicht erinnern Sie sich an Zeitungs-Fotos von Randalierern: Sie atmen häufig durch den Mund und haben das Gesicht zur Grimasse verzogen. Beides fördert die Hitzköpfigkeit.

Der Kühlungseffekt der Nasenhöhle beruht auf zwei Verhaltensweisen: der Einatmung kühler Luft durch die Nase, weshalb die Nasenatmung sehr wichtig ist, und dem Vorbeiströmen des kühleren Bluts auf dem Weg vom Kopf zum Herzen. Wenn das Gesicht eine Grimasse bildet, fließt das Blut direkt vom Gehirn zum Herzen, ohne den Umweg über die Nasenhöhle zu machen. Wenn ein Mensch hingegen lächelt, leiten die Gesichtsmuskeln das Blut durch ein Netzwerk von Adern zur Nasenhöhle hin. Der vietnamesische Mönch und Nobelpreis-Kandidat Thich Nhat Hanh rät deshalb allen: »Strebe nach Frieden. Lächele, atme und gehe langsam.« Das ist nicht nur ein weiser philosophischer Rat, sondern auch neurologisch sinnvoll. Sie können diesen Rat prüfen, indem sie ausprobieren, welche Wirkung es auf ihren Geisteszustand hat, ob Sie durch die Nase oder den Mund atmen und ob Sie lächeln oder eine Grimasse schneiden.

Die Nasenhöhle hinter dem Nasenrücken ist der einzige ungeschützte Zugang zum Gehirn. Dass dieser in einen so wichtigen Bereich des Gehirns führt, macht Medizinern gleichzeitig Sorgen und Hoffnung. Sie sorgen sich, weil auf diesem Weg Umweltgifte wie Abgase, Pestizide oder Schimmelgifte direkt ins Gehirn gelangen und dort ernsthaften neurologischen Schaden anrichten können. Alzheimer-Plaque bildet sich als Erstes in dem Bereich um den Riechkolben, und auch Parkinson entwickelt sich hier. Deshalb gehört der Verlust des Geruchssinns zu den ersten Anzeichen dieser Krankheiten. Bislang versuchten die Mediziner, diese Regionen des Gehirns über den Blutstrom mit Medikamenten zu erreichen, doch sie scheiterten an der Blut-Hirn-Schranke, die keine Fremdsubstanzen ins Gehirn dringen lässt. Jetzt forscht man an Inhalationsmitteln und hofft, diese Krankheiten über die Nase direkter behandeln zu können.

Und eine weitere spannende Entdeckung verweist auf die besondere Stellung des Geruchssinns. Gehirnzellen können sich zwar in einem gewissen Umfang regenerieren, doch sie erneuern sich und ihre Verbindungen zu anderen Zellen nur selten vollständig. Man hat diesen Prozess der Zellerneuerung, die sogenannte Neurogenese nur in zwei Bereichen des Gehirns nachweisen können: dem Hippocampus (dem Hauptsitz des Gedächtnisses) und dem olfaktorischen System.

Jüngere Untersuchungen zeigen, dass etwa zehn Prozent der Hippocampus-Zellen sich regelmäßig erneuern. Doch im olfaktorischen System werden alle sechs Monate hundert Prozent aller Zellen durch identische neue Zellen ersetzt. Die Wissenschaftler wissen nicht, warum das so ist, doch wenn dieser Prozess behindert wird, siecht der Riechkolben schnell dahin. Diese Fähigkeit zur Regeneration bildet die Grundlage einer Forschung an Ratten, bei der die Zellhülle der olfaktorischen Nervenzellen verwendet wird, um zertrennte Rückenmarksnerven wieder miteinander zu verbinden. Die ersten Ergebnisse zeigen, dass die Zellen sich reparieren und die Ratten danach wieder laufen können. Die Wissenschaftler hoffen, damit einen Weg zu finden, auch menschliche Rückenmarksverletzungen zu heilen. Während das olfaktorische System vor zwanzig Jahren noch als wissenschaftlich uninteressant galt, erscheint es heute als neurologische Goldgrube.

Im nächsten Abschnitt werden wir uns den Gerüchen selbst zuwenden, wie wir sie aufnehmen und wie wir unverbundene Geruchsempfindungen entdecken können.

VON DÜFTEN ZU PHEROMONEN

Die Neigung der Nase, Gerüche zu identifizieren und mit einem Namen oder einer Assoziation zu versehen, ist so stark, dass die Suche nach einem nicht derartig belegten bewussten Geruch aussichtslos erscheint. Da der Riechkolben unmittelbar neben dem Hauptsitz des Gedächtnisses sitzt, lösen Gerüche sehr leicht Erinnerungen aus. So kann Aromatherapie Menschen mit Alzheimer helfen, ihre schwindenden Erinnerungen wieder zu fassen. Ein einziger Geruch kann eine ganze Flut von Erinnerungen auslösen, wie bei dem Autor Marcel Proust, den ein einziger Duft aus der Kindheit zu seinen Memoiren Auf der Suche nach der verlorenen Zeit inspirierte.

Es scheint jedoch unterschiedliche Kategorien von Gerüchen zu geben. Das primäre olfaktorische System nimmt Umweltgerüche wie Parfüm, Blumendüfte, Abgase oder Essensgerüche auf und leitet sie an den Riechkolben weiter, um sie vom frontalen Cortex identifizieren und im Hippocampus Erinnerungen bilden zu lassen.

Manche Anthropologen halten jedoch zwei Gruppen von Gerüchen für noch ursprünglicher. Der Geruch von Rauch und der Geruch von verdorbener Nahrung spielen für das Überleben eine äußerst zentrale Rolle. Manche Wissenschaftler meinen sogar, die Nase sei ursprünglich genau dafür entwickelt worden. Durch die moderne technologische Entwicklung brauchen wir diese Fähigkeiten jedoch kaum noch. Wir haben Rauchmelder, die auf uns aufpassen, und die Supermärkte versorgen uns ständig mit frischen Lebensmitteln. Viele Menschen sind daher nur noch eingeschränkt fähig, Gerüche zu identifizieren.

Da viele Krankheiten von bestimmten Körpergerüchen gekennzeichnet sind, gehörte es früher auch zur westlichen medizinischen Ausbildung, den Geruchssinn zur Diagnose zu verwenden. Diabetes, Darmbeschwerden, Leberprobleme, Nierenversagen und Lungenkrebs bilden Duftmarker, die im Atem »riechbar« werden. In der östlichen Medizin ist die Lehre von Gerüchen als diagnostischem Instrument immer noch Teil der Ausbildung, doch im Westen ist es aus den Lehrplänen verschwunden, und immer weniger Studenten haben den feine Geruchssinn, der dafür notwendig ist. Die Diagnostik verlässt sich heute viel mehr auf visuelle Beobachtungen, Aussagen der Patienten und technische Messgeräte. Das neuerliche Interesse für den Geruchssinn hat dazu geführt, dass nun elektronische Riechgeräte und Hundenasen die Batterie der diagnostischen Mittel bereichern. Die frühesten elektronischen »Nasen« stammten aus der Parfüm-Industrie. Inzwischen sind die Geräte sehr viel einfacher, tragbarer und preiswerter geworden. Ein vielversprechender Ansatz identifiziert die Moleküle in der Atemluft mit Hilfe von Laserstrahlen. Therapiehunde wurden ausgebildet, um anzuzeigen, wann die Veränderungen im Atem ihrer menschlichen Gefährten auf einen bevorstehenden epileptischen Anfall oder auf niedrigen oder hohen Blutzucker schließen ließen. Manche Hunde haben sogar gelernt, im menschlichen Atem mit bemerkenswerter 99-prozentiger Sicherheit Krebs zu erkennen.

Die menschliche Nase ist zu solchen Dingen von Natur aus nicht fähig, denn sie kann jeden Geruch nur ein paar Minuten lang wahrnehmen. Weil sich die Nase nicht verschließen kann, schützt sie sich damit vor olfaktorischer Überwältigung. Um einen Geruch anhaltend wahrzunehmen, müssen wir alle paar Minuten bewusst schnuppern. Vielleicht kennen Sie das: Auf dem Weg zur Haustür weist Ihre Nase Sie darauf hin, dass der Müll hinausgetragen werden müsste. Wenn Sie sich dann entscheiden, zuvor noch einen Blick in die Post zu werfen, verblasst die Wahrnehmung des Geruchs und die Chance ist groß, dass Sie den Müll wieder komplett vergessen.

Hunde erleben Gerüche ganz anders. Sie haben eine spezielle Art zu atmen, um ihre Umgebung ständig auf Gerüche abzutasten. Beim Einatmen beben ihre Nasenflügel, um die Luft zu verwirbeln, und beim Ausatmen flattern die seitlichen Schlitze der Nasenlöcher, um eine leichte Luftströmung zu erzeugen, die den Geruch beim nächsten Atemzug frischer erscheinen lässt.

Die Nasen von Hunden und den meisten anderen Tieren verfügen über zwei Geruchssysteme. Das eine ähnelt unserem primären Geruchssinn: Es registriert alle starken Gerüche der Umgebung. Der zweite Mechanismus dient dem Umgang mit sehr schwachen Düften, den sogenannten Pheromonen. Dazu gehören alle Körpergerüche, vom Atem über Urin, Stuhl, vaginale Gerüche, Erbrochenes und Blut bis zu schwärendem Fleisch, aber auch Gerüche von emotionalen Zuständen wie Angst oder Aggression, und die bereits erwähnten vielen Gerüche der gesundheitlichen Problemen und Krankheiten. Starke Pheromone werden von dem primären Geruchssystem verarbeitet, den schwachen widmet sich jedoch ein einfacheres System namens vomeronasales Organ oder VNO. Dieses winzige Organ sitzt bei Säugetieren tief in der Nase und bei Reptilien im Gaumen. Es steht mit dem Riechkolben in Verbindung, verfügt jedoch über eigene neuronale Bahnen und dient einzig und allein dem Aufspüren von Pheromonen. Solche Pheromone kommen einem nicht eingebundenen Geruchseindruck vielleicht am nächsten. Und wie sieht es damit beim Menschen aus?

Weil das vomeronasale Organ so klein und gut versteckt ist, hat man es beim Menschen erst kürzlich entdeckt. In der Hoffnung, neue Stoffe für die Parfümindustrie zu finden, versuchen die Wissenschaftler daraufhin, einzelne Pheromone herauszufiltern, doch die Ergebnisse waren enttäuschend. Erwachsene scheinen Pheromone nicht deutlich wahrnehmen zu können. Säuglinge reagieren da viel intensiver, insbesondere auf den Geruch ihres eigenen Fruchtwassers und der Milch ihrer Mutter. Der Fruchtwassergeruch wirkt sofort beruhigend, während sie beim Geruch der Muttermilch frustriert anfangen zu schreien, wenn sie nicht gleich die Quelle finden können. Die Gerüche der Mutter scheinen für die frühkindliche Bindung von großer Bedeutung zu sein. Auch diese möchte ich als reine Sinneseindrücke bezeichnen.

Das ist alles, was die Wissenschaft über die menschliche Reaktion auf Pheromone weiß. Ich möchte Sie ermuntern, eigene Forschungen anzustellen. Können Menschen Angst riechen? Welche Rolle spielen solche »animalischen Kräfte« bei der Partnerwahl? Führen manche emotionale Ereignisse zu schlechtem Atem?

GESCHMACK, BERÜHRUNG UND BEWEGUNG

Wie Kirschen und Beeren behagen,

muss man Kinder und Sperlinge fragen.

Johann Wolfgang von Goethe

Unser Geschmack beruht zum großen Teil aufvergangenen Erfahrungen und den Assoziationen, die damit einhergingen. War die erste Begegnung angenehm, und war es ein gutes Beispiel für diesen Geschmack? Auch bei Geschmäckern scheint es also ziemlich schwierig zu sein, einen Sinneseindruck zu erleben, der nicht verknüpft ist. Vom Genuss vertrauter Speisen über das Ausprobieren neuer Gerichte bis zum Prüfen, ob etwas noch genießbar ist oder vielleicht den bitteren Geschmack von Giftigem hat – wir verbinden alles mit Geruch oder mit Erinnerungen an bereits Erlebtes. Über die Geschmackserfahrung eines Neugeborenen können wir jedoch ein wenig über reine, unverknüpfte Geschmäcker lernen. Selbst unmittelbar nach der Geburt reagieren Säuglinge auf drei verschiedene Geschmäcker, und manche Studien lassen vermuten, dass sie das vielleicht sogar schon im Mutterleib tun. Wenn ihnen ein sauer schmeckender Tupfer mit milder Essigsäure angeboten wird, spitzen sie die Lippen, rümpfen die Nase und blinzeln stark mit den Augen. Wenn ihnen ein Tupfer mit Zuckerwasser angeboten wird, lecken sie sich die Lippen, fangen an zu saugen und zeigen Anzeichen von Zufriedenheit. Und wenn es eine ziemlich bitter schmeckende milde Chininlösung ist, strecken sie die Zunge heraus, versuchen zu würgen und zu spucken und kneifen die Augen zusammen.

Manche Wissenschaftler vermuten, diese impulsive Ablehnung des Bitteren diene den Neugeborenen als Schutz vor Giften, da Gifte häufig bitter sind. Auch Kinder mögen in der Regel nichts Bitteres, erst als Erwachsene entwickeln wir uns darüber hinaus und genießen Dinge wie Kaffee, bittere Schokolade oder grüne Salate. Doch selbst kleine Dosen bitterer Nahrungsmittel können heranwachsenden Föten schaden, weshalb viele Schwangere eine natürliche Abneigung gegen alles Bittere entwickeln.

Wenn wir wissen, wie sich bestimmte Geschmäcker auf dem Gesicht eines Babys widerspiegeln, sagt das jedoch noch wenig über ihre tatsächliche Geschmackserfahrung aus. Ich habe vielleicht einen Hinweis auf eine Antwort entdeckt. Während der 1970er-Jahre nahm ich an einer Gruppentherapie teil, in der es unter anderem um sogenanntes »Reparenting« ging, einen Therapieprozess, der dazu dient, den Teilnehmern in einem kindlichen Zustand gesunde elterliche Botschaften zu übermitteln. Die Gruppe traf sich jede Woche, um zunächst eine Stunde lang unter der Obhut der beiden Therapeuten zu spielen und dann in der zweiten Stunde das Erlebte zu besprechen. Die Teilnehmer begaben sich während der ersten Stunde in eine Art halbhypnotischen Wachzustand, in dem sie sich wie Kinder fühlten und verhielten, mit Spielzeug spielten und den Therapeuten kindliche Fragen stellten. Zu Beginn der Spielstunde fragten die Therapeuten jeweils, wer denn vielleicht ein Fläschchen haben wolle, und bereiteten dann warme Milchflaschen vor. Und tatsächlich fing die entsprechende Person dann im Laufe der Stunde häufig an, zu weinen und wie ein Kind nach der Flasche zu verlangen. Ich war mir sicher, dass mir das nie passieren würde. Ich verabscheue den Geschmack warmer Milch und konnte mir nicht vorstellen, bei diesem Geschmack im regredierten Zustand eines kleinen Kindes bleiben zu können. Doch nach sechs Monate wagte ich einen Versuch, und es hatte großen Einfluss auf mein Verständnis von frühkindlicher Erfahrung.

Ich kam bewusst hungrig zu der Veranstaltung. Dann rollte ich mich in einer Ecke zusammen und ließ mich in eine ganz frühe Zeit zurücktreiben. Plötzlich spürte ich, wie mein ganzer Körper aus meinem Bauch heraus von einem Schmerz erfasst wurde. Als Nächstes drang ein durchdringendes Schreien an mein Ohr. Ein kurzer Blick aus der Erwachsenen-Perspektive zeigte mir, dass das tatsächlich meine Stimme war! Ich ließ mich wieder in den kindlichen Zustand zurückfallen. Jemand kam, hielt mich und gab mir die Flasche. Ein erneuter kurzer Blick aus der Erwachsenen-Perspektive ließ mich erkennen, dass ich keinen besonderen Geschmack im Mund wahrnahm, dann überließ ich mich wieder dem Genuss der Wärme, die sich in mir ausbreitete und sich besonders in meinen Händen und Füßen zu sammeln schien. Die Zehen- und Fingerbewegungen der Babys, die gestillt werden, scheinen offenbar Teil der noch im ganzen Körper und nicht nur im Mund verankerten Geschmacks-Erfahrung zu sein. Es lässt sich vielleicht am ehesten mit dem sich ausbreitenden Wärmegefühl vergleichen, welches sich nach einem langen Aufenthalt in der Kälte mit einer Tasse heißem Tee oder Kakao einstellt.

Der letzte unserer fünf Sinne, der Tastsinn, ist wieder leichter als reiner Sinneseindruck zu erfahren. Wenn wir über samtenen Stoff streichen, die Temperatur des Wassers aus dem Hahn prüfen, eine schwere Tasche probeweise hochheben oder einem kranken Kind die Hand auf die Stirn legen, verwenden wir unseren Tastsinn, um Informationen zu erlangen. Doch wenn wir unsere Suche auf Ganzkörper-Erfahrungen ausdehnen, können wir eine Fülle von unverknüpften Körpereindrücken entdecken. Die ganze Spielplatzgeräte- und Vergnügungspark-Industrie lebt von unserer Freude an solchen unverbundenen Empfindungen. Springen, Drehen, Fallen, Schaukeln und Wiegen sind alle für sich allein erfahrbar. Sie brauchen keinen Kontext, und selbst kleinste Kinder lieben diese Bewegungen.

Manchmal entstehen solche Bewegungen ganz unvermittelt. Wenn ein Vogelschwarm aufsteigt, ein Fischschwarm losschießt, oder ein Hornissenschwarm entsteht, geschieht dies aus einem sogenannten Aktionsimpuls heraus. Im menschlichen Verhalten zeigt sich dieser Aktionsimpuls vielleicht in randalierenden Menschenmengen, in Begeisterungsstürmen eines Publikums oder in heroischen Akten. Lebensretter, die ins Wasser gesprungen, in ein brennendes Haus gerannt oder mit übermenschlichen Kräften ein Auto von einem Verletzten hoben, können hinterher oft nicht erklären, warum sie sich so verhielten, und können sich nicht erinnern, darüber nachgedacht zu haben.

Eine weitere wichtige, wenn auch unangenehme Funktion des Tastsinns ist, Schmerz wahrzunehmen. Die meisten Schmerzempfindungen werden auf irgendeine Weise zugeordnet und analysiert und fallen damit in die Kategorie der verknüpften Sinneseindrücke. Doch wie ist es mit Wohlbefinden? Kann es vielleicht zu einer Art Hintergrundqualität werden, die mitschwingt, ohne dass wir es bemerken? Wenn wir nach einer schmerzhaften Krankheit wieder unsere Gesundheit schätzen, ist das eindeutig eine verknüpfte Erfahrung, die unser Gehirn bewusst und zufrieden abspeichert. Doch wenn wir unsere Gesundheit als selbstverständlich nehmen, rückt die Abwesenheit von Schmerz in den Hintergrund. Auch hier empfinden wir die reinen Sinneseindrücke eines Babys nach: Wenn es schmerzfrei ist, ruht es, schläft es und widmet sich den jeweils auftretenden Sinnesreizen. Auch kleine Kinder halten körperliches Wohlgefühl so lange für selbstverständlich, bis es unterbrochen wird.

WEITERE GENÜSSLICHE SINNESEINDRÜCKE

So beginnt ein kleines Kind damit, die Welt als reine Sinneseindrücke zu erfahren und sich allmählich ein Inventar an verknüpften Informationen zuzulegen, und wir haben hier damit begonnen zu versuchen, uns wieder dem reinen Sinneseindruck anzunähern. Vermutlich haben Sie dabei bemerkt, wie ein unverknüpfter Sinneseindruck durch Benennen zu einem verknüpften wurde. Im nächsten Kapitel werden wir anfangen, uns diesen verknüpften Informationen als Wahrnehmungen zuzuwenden, und erforschen, wie Sprache dazu dient, diese Wahrnehmungen zu festigen. Je stärker wir in die Welt der Sprache hineinwachsen, desto unzugänglicher werden die unmittelbaren Sinneseindrücke.

Doch jeder unserer Sinne erlebt besondere Momente, in denen wir wortlos werden und uns wieder dem reinen Sinneseindruck hingeben. Die folgenden Beispiele können Sie vielleicht zu solchen Erfahrungen inspirieren.

In Bezug auf Geschmack versuchen gute Köche immer wieder, Geschmackserlebnisse zu kreieren, die den Gästen vor Genuss die Sprache verschlägt. Es gibt wunderbare Filmszenen dieses Moments, zum Beispiel in Tom Jones oder in Babettes Fest.

Die Natur kann uns auch über den Geruchssinn in diesen erweiterten Zustand versetzen. Der Duft eines blühenden Lavendelfelds oder der frische Geruch des Waldes nach einem Regenschauer können uns so tief berühren, dass wir in Schweigen verfallen.

Ähnliches geschieht manchmal angesichts überwältigender Schönheit, sei es wenn uns ein Kunstwerk gefangen nimmt oder wenn sich das ganze Panorama eines farbenprächtigen Sonnenuntergangs vor uns entfaltet.

Auch Musik kann Zuhörer und Ausführende in diese sprachlose Welt versetzen, ja sie tut es so oft, dass wir es beinahe erwarten. Solche Art der Musikerfahrung gehört zu den zutiefst erfüllenden Erlebnissen des Lebens.

Zu guter Letzt können der Tastsinn und das Spüren sowohl Liebende in ekstatische Zustände versetzen als auch einen Zugang zu subtilen Energiefeldern vermitteln. Die Energie einer Gedenkstätte oder eines spirituellen Ortes kann so ergreifend sein, dass wir spontan in ehrfürchtiges Schweigen verfallen.

Wir haben uns bislang darum bemüht, die Fähigkeit zu reinen, unverknüpften Sinneseindrücken zurückzugewinnen. Jetzt wird es darum gehen, daraus bewusst Wahrnehmungen zu bilden. Dazu bedarf einer gewissen fokussierten Aufmerksamkeit und Analyse, und es gibt verschiedene Möglichkeiten, diese Qualitäten zu verstärken. Es geht darum, den frontalen Cortex zu aktivieren. Sie werden mit diesem Bereich des Gehirns im Laufe unserer Reise noch sehr vertraut werden und ihn gut zu nutzen wissen. In den ersten Übungen dazu möchte ich Sie anregen, Ihre Aufmerksamkeit und Ihren Fokus mit Hilfe von fünf wirksamen sensorischen Auslösern spielerisch zu stärken.

Wenn Ihre Ohren Mühe haben zu hören, können Sie die Augenbrauen heben. Damit heben sich auch die Ohren ein wenig, wodurch sich das Trommelfell anspannt und die Aufmerksamkeit wacher wird. Tiere, die die Ohren spitzen, tun etwas ganz Ähnliches.

Wenn Sie merken, wie ihre Augen abschweifen oder Ihr Blickfeld verschwimmt, kann Blinzeln helfen, den Fokus zu aktivieren. Achten Sie mal darauf, was Sie tun, wenn Sie bei schlechter Sicht Auto fahren oder einen Text zu Ende lesen wollen, obwohl Sie sehr müde und Ihre Augen erschöpft sind. Wahrscheinlich werden Sie merken, wie Sie blinzeln.

Wenn Sie sich geistig erschöpft fühlen und Ihnen die Welt schal erscheint, probieren Sie mal, tief und schnüffelnd durch die Nase zu atmen. Das erfrischt nicht nur Ihren Geruchssinn, sondern auch Ihr Denkvermögen. Wenn Studenten, Manager oder alte Menschen Gehirnaerobic-Atemübungen machen, um ihren Geist auf Trab zu halten, bedienen Sie sich genau dieses Mechanismus.

Wenn Sie einen wachen Geist brauchen, können Sie auch mit der Zunge gegen den Gaumen schnalzen. Tierforscher haben festgestellt, dass viele Säugetiere solche Schnalzlaute verwenden, um die Aufmerksamkeit ihrer Jungen zu erregen.

Und wenn Sie mal um die richtigen Worte ringen, können Sie die Fingern Ihrer rechten Hand beklopfen oder mit Daumen und Mittelfinger der rechten Hand schnalzen. Der Bereich des Gehirns, der diese Finger bewegt, liegt im linken frontalen Cortex direkt neben dem wichtigsten Sprachzentrum und kann dieses anregen, die passenden Worte zu finden.

Im nächsten Abschnitt der Reise werden wir entdecken, dass viele Kinder und Naturvölker genau dazu fähig sind. Sie können die Welt der Formen wahrnehmen und dann ihren Fokus so verändern, dass sie nur die energetischen Aspekte hinter den Formen sehen. Sie können sich frei über die Schwelle zwischen Sinneseindruck und Wahrnehmung hin- und herbewegen. Auch der zu Anfang erwähnte Mönch schien das zu tun, als er die Blume jedes Mal neu sah, wenn er sich ihr zuwandte. Wenn Sie die beschriebenen Übungen praktizieren, können auch Sie Wege finden, diese Schwelle leichter zu überschreiten.

3. STUFEN DER CHARAKTERBILDUNG

… wenn du einen Schritt vorwärts zu machen versuchst

in der Erkenntnis geheimer Wahrheiten,

so mache zugleich drei vorwärts in der Vervollkommnung

deines Charakters zum Guten.

Rudolf Steiner

Die Stufen der höheren Erkenntnis

Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Welt leben werden, in der sie nicht nach der Farbe ihrer Haut, sondern nach ihrem Charakter bewertet werden.

Martin Luthur King Jr.

Wie entsteht Charakter, wie wird er geformt, wie viel davon ist ererbt und wie viel erworben? Können wir unsere Kinder darin unterstützen, einen starken Charakter zu entwickeln? Und können wir auch noch später im Leben unseren Charakter stärken? Wir erkennen einen starken Charakter, wenn wir ihm begegnen. Aus ihm gehen jene edlen Taten hervor, die uns zu Tränen rühren können. Besonders berührt es uns, wenn Kinder sich so verhalten. Kindliche Akte des Mitgefühls sind für Eltern, Erzieher und Lehrer häufig eine kostbare Inspiration, selbst mehr danach zu streben, den eigenen Charakter zu stärken.

Dieses Kapitel beginnt mit neuen Erkenntnissen darüber, dass die Bildung unseres Charakters bereits vor unserer Geburt beginnt. Im zweiten Abschnitt über die Suche nach einer Neurologie des Friedens stelle ich ein Grundmuster für die kindliche Entwicklung von Charakter, Willenskraft und sozialem Engagement vor. Wir erkunden die vier Entwicklungsschritte, die wir in den ersten fünf Lebensjahren bewältigen müssen, und Sie können prüfen, welche Rolle diese Aspekte bei Ihrer eigenen Charakterbildung gespielt haben und wie sie Ihren Umgang mit anderen Menschen prägen. Zum Glück können die Strategien, die bei der kindlichen Entwicklung helfen, auch auf Erwachsene angepasst werden, um unseren eigenen Charakter und Beziehungsfähigkeit zu stärken.

ERSTE SCHRITTE DER CHARAKTERBILDUNG

Man hat erst kürzlich entdeckt, dass die frühesten Impulse zur Formung des Charakters bereits im Mutterleib stattfinden. Es sind sogenannte epigenetische Einflüsse in Form von chemischen Botenstoffen.

Die Wissenschaft der Epigenetik (= jenseits der Genetik) befasst sich damit, wie unsere Gene darauf programmiert werden, ihre Funktionen zu erfüllen. Es ist zwar schon seit einer Weile bekannt, dass veränderte Gene zu emotionalen und körperlichen Störungen führen können, doch das ganze Ausmaß der Bedeutung dieser genetischen Programm-Änderungen zeigt sich erst allmählich. Bestimmte chemische Verbindungen bestimmen, wie sich die Gene während der fötalen Entwicklung ausbilden, wie sie verpackt sind, welche Rollen die Zellen übernehmen und wann diese Rollen aktiviert werden.

Wenn sich die Zelle nicht an diese Rolle erinnert, kann es zu Krebs und anderen Krankheiten kommen. Gene, die schlecht verpackt sind oder Fehlinformationen enthalten, geben entsprechend schlecht ihre Anweisungen weiter, was zu ernsthaften Problemen führen kann. Und was kann die genetischen Bindungs- und Verpackungs-Prozesse des Fötus stören? Der Forschung zufolge stammt die Anweisung zur abweichenden Genbildung von den Eltern! Das Folgende ist nur ein Beispiel von vielen Studien, die zu dieser Erkenntnis geführt haben:

2010 führten Wissenschaftler der Züricher Universität ein Experiment durch, bei dem sie eine Gruppe männlicher Mäuse in den ersten zwei Wochen ihres Lebens erhöhtem Stress aussetzten, indem sie die Jungen häufig und plötzlich von ihren Müttern trennten. Danach wurden sie normal versorgt und aufgezogen, doch auch als ausgewachsene Tiere zeigten sie mit vermehrtem Rückzug und großer Sprunghaftigkeit Anzeichen von Traumatisierung. Diese Mäuseriche wurden dann mit ganz normal ruhigen Mäusen gepaart und hatten mit der weiteren Aufzucht der daraus entstehenden Jungen nichts mehr zu tun. Nichtsdestotrotz wiesen diese Jungen ein ähnliches Verhalten auf wie ihre Väter, und ihre Gehirne wiesen dieselben genetischen Programmierungsabweichungen auf. Es zeigte sich, dass dieses Programmierungsmuster über das Sperma des Vaters übertragen und so über die Empfängnis an die nächste Generation weitergegeben wurde.

Mütter übermitteln ihre Alarmbotschaften auf anderem Wege. Der menschliche Fötus schützt sich mit Hilfe bestimmter Enzyme vor dem gewöhnlichen Auf und Ab der Stresshormone der Mutter. Doch wenn die Mutter extremem Stress ausgesetzt ist oder unter einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) leidet, reicht dieser Puffer nicht mehr aus und der Fötus leidet unter sogenanntem fötalem Stress. Wenn dieser lange anhält, wird die Sauerstoffversorgung des Fötus gemindert, was alle möglichen Folgen haben kann, von Wachstumsstörungen über Frühgeburten bis zu einer Schwächung des Immunsystems, durch die das Neugeborene anfälliger für Infektionen, Asthma und Verdauungsprobleme wird. Darüber hinaus erhöht sich die Empfindlichkeit des Kindes für PTBS.

Dieses Muster zeigte sich unter anderem in einer Studie über Mütter, die 1992 während des Wirbelsturms Andrew schwanger waren. Die fötalen Stressmuster der Neugeborenen wurden danach unterteilt, ob sich die Schwangerschaft zu dem Zeitpunkt im ersten, zweiten oder letzten Drittel befand, und mit den Stressmustern von Kindern verglichen, die zur gleichen Zeit in einem Gebiet geboren wurden, in dem es keine Naturkatastrophe gab. Bei den Kindern, wo der Wirbelsturm im ersten Drittel der Schwangerschaft stattgefunden hatte, zeigten sich keine Auffälligkeiten. Während des zweiten Drittels erhöhte sich die Anfälligkeit für fötalen Stress jedoch um 20 Prozent, im letzten Drittel um 26 Prozent. Bei Kindern afrikanisch-amerikanischer Mütter, die im letzten Schwangerschaftsdrittel waren, erhöhte sich dieser Wert sogar auf 45 Prozent, wahrscheinlich weil diese Bevölkerungsgruppe besonders betroffen war. Sie hatten geringere Chancen, evakuiert zu werden, litten häufiger unter Verletzungen, waren schlechter versichert und endeten mit größerer Wahrscheinlichkeit obdachlos.

Diese Geschichte wiederholt sich überall dort, wo Eltern mit Naturkatastrophen, großer Armut, Gewalt oder Krieg konfrontiert sind und diese Schrecken unwissentlich an ihre Kinder weitergeben. Wir können dieser Dynamik entgegenwirken, indem wir schwangere Mütter besser vor Trauma schützen und indem Väter ihre eigenen Traumata verarbeiten, um mit dem täglich neu produzierten Sperma bessere Botschaften weiterzugeben. Die Epigenetiker forschen auch danach, wie sich solche Botschaften in Kindern und Erwachsenen umprogrammieren lassen. Die Ergebnisse brauchen ihre Zeit, doch es werden mit Spannung neue Durchbrüche erwartet.

Im Augenblick müssen wir erst mal lernen, mit den Botschaften umzugehen und die Schatten zu lichten, die sie auf unseren Charakter werfen. Zum Glück fallen sie bei der Charakterbildung nur untergeordnet ins Gewicht. Unser Charakter beruht zum größten Teil auf den Qualitäten unserer Willenskraft. Dabei umfasst Willenskraft nicht nur die Fähigkeit, Versuchungen zu widerstehen, sondern auch Eigenschaften wie Initiative, Ausdauer, Kompromiss- und Verzichtsbereitschaft und mutiges Handeln. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Vielleicht möchten Sie sie auch mit bestimmten Eigenschaften ergänzen, die Ihnen besonders wichtig sind.

In dem Rest dieses Kapitel erkunden wir nun, wie sich diese Willensqualitäten in den ersten fünf Lebensjahren entwickeln und dabei wesentlich unseren Charakter formen. Im Gegensatz zu epigenetischen Einflüssen lassen sich die Auswirkungen dieser Erfahrungen jedoch später korrigieren. Falls Sie mit den charakterlichen Auswirkungen dieser Phase Ihres Lebens nicht zufrieden sind, finden Sie auf den folgenden Seiten viele Übungen, mit denen Sie diese Qualitäten verbessern können.

DIE SUCHE NACH EINER NEUROLOGIE DES FRIEDENS

Ich plante meine öffentlichen Reden über viele Jahre hinweg nach einem wunderbar funktionierenden Muster. Mit meiner unstillbaren Neugier entdeckte ich ständig neue Forschungsergebnisse, die ich dann auf den Bereich von Bildung und Erziehung übertrug und bei der nächsten Gelegenheit einem Publikum vorstellte. Dieser Prozess vollzog sich für mich mit großer Leichtigkeit. Die Einladungen zu großen Konferenzen erfolgten allerdings oft ein bis zwei Jahre im Voraus. Ich versuchte dann jeweils abzuschätzen, welche Themen ich bis dahin erkundet haben würde und bot einen entsprechenden Vortrag an. So vermied ich, über etwas sprechen zu müssen, was mich nicht mehr inspirierte. Vor ein paar Jahren brachte mich dieses Vorgehen in eine Zwickmühle. Mit achtzehn Monaten Vorlauf wurde ich eingeladen, vor knapp zweitausend Montessori-Lehrern zu sprechen. Zu jener Zeit dachte ich gerade darüber nach, wie die neurologischen Grundlagen für Frieden aussehen mochten. Da sich die Montessori-Erziehung ganz wesentlich als Friedens-Erziehung begreift, freuten sie sich sehr, als ich anbot, über die neue Neurologie des Friedens zu sprechen.

Ich hatte verschiedene Ideen, wo ich suchen wollte. Zuerst durchforstete ich erneut die Studien zum Riechkolben, in der Hoffnung, dass sich dieser in seiner Verbindung zum Frontallappen in neuen Studien als eine Art Wahrheitsdetektor erwiesen habe. Daraus könnte sich die Fähigkeit zu klügeren Entscheidungen und damit friedvollerem Verhalten ableiten. Doch nichts dergleichen. Dann studierte ich, ob es Forschungen zur moralischen Entwicklung gab, die sich mit neurologischen Prozessen verbinden ließen. Die Wissenschaftler waren sich zwar ziemlich sicher, dass die Frontallappen dabei eine zentrale Rolle spielten und zitierten viel aus den Arbeiten von Alexander Luria, doch ich war mit Lurias Werk gut genug vertraut, um zu wissen, dass ich dort auch nicht ausreichend fündig werden würde.

Inzwischen waren es nur noch neun Monate bis zu dem Vortrag und ich wurde unruhig. Ich bin keine Schnellleserin, sondern eine eher gemächliche Wissenschaftlerin. Ich beschloss, meine Suche auf die Werke drei wichtiger Forscher zu begrenzen und zu hoffen, daraus die Schlüsse ziehen zu können, die ich brauchte. Ich entschied mich als Erstes für D. Bruce Perry von der Baylor Universität in Texas, der über die Auswirkungen von Gewalt und Trauma auf das Verhalten und Denkvermögen kleiner Kinder forschte. Als Nächstes wählte ich Dr. Allan Schore, einen Kinderpsychiater, der sich auf die affektive kindliche Entwicklung spezialisiert und enorme Mengen an Daten über die neurologische Entwicklung bei Kindern verarbeitet hatte. Und zuletzt nahm ich Dr. Stephen Porges hinzu, der kurz zuvor die Ergebnisse von zwanzig Jahren Forschung am Vagus-Nervensystem veröffentlicht hatte.

Als ich nach Monaten des Lesens und Studierens begann, meine Notizen auszuwerten, zeigte sich ein überraschend einfaches Muster. Die Entwicklung zur Selbstregulation und zu mitfühlendem Verhalten schien in vier einfachen Schritten zu erfolgen. Kinder werden gewissermaßen ohne »Bremsen« geboren, sehr zum Leidwesen aller Mütter, die versuchen, ihre Neugeborenen zu beruhigen. Sie müssen erst lernen, mit der Fülle an Sinneseindrücken umzugehen, die auf sie zukommen. Und sie lernen erst allmählich, ihre Bewegungsimpulse zu steuern. Ich werde das in den nächsten Abschnitten noch genauer erläutern. Im Moment lässt sich das Muster, grob gesagt, als eine Reihe von An- und Ausschaltern beschreiben, die es zu entwickeln gilt.

Als Erstes lernen Kinder, mit der Welt der Sinneseindrücke umzugehen. Um zur Ruhe zu kommen, lernen sie, diese Eindrücke abzuschalten, wenn sie zu viel werden. Wir können das den Sinne-Abschalter nennen. Dann lernen sie, mit immer mehr Eindrücken aus der Umwelt umzugehen, ohne davon überwältigt zu werden. Das können wir den Sinne-Anschalter nennen. All dies findet im ersten Lebensjahr statt. Dann beginnen sie zu krabbeln und die Umwelt zu erkunden, und die motorischen Prozess rücken in den Vordergrund. Zuerst folgen sie ihren Bewegungsimpulsen, dem Motorik-Anschalter. In der zweiten Hälfte dieser Phase lernen sie sprechen, um ihre sozialen Beziehungen zu vertiefen. Damit sind dann auch die Voraussetzungen gegeben, den Motorik-Ausschalter zu bilden, und Erzieher und Eltern können aufatmen. Das sind die vier grundlegenden Schritte.

Da ich nur noch acht Wochen Vorbereitungszeit hatte und das Muster sich gerade erst zu zeigen begann, bat ich eine Kollegin von der Naropa-Universität um ein kurzes Gespräch. Jane Carpenter war zu jener Zeit Leiterin der psychologischen Fakultät und darüber hinaus eine langjährige praktizierende Buddhistin und Kennerin buddhistischer Psychologie. Ich war mir sicher, dass sie meine Entdeckungen interessieren würden. »Weißt du, ich glaube, die kindliche Entwicklung verläuft von Sinne ab- zu Sinne anschalten, und von Motorik an- zu Motorik abschalten«, erklärte ich ihr und erwartete, das noch sehr viel ausführlicher erklären zu müssen.

Doch sie antwortete sofort: »Oh, du meinst befrieden, bereichern, anziehen und zerstören!?« Ich fragte nach, was sie mit zerstören meine, und sie erklärte: »Du weißt schon, das Überwinden von Verlangen.« Da war mir klar, dass es passte. Befrieden oder Beruhigen ist gleichbedeutend mit Sinne abschalten. Bereichern entspricht dem Genießen von Eindrücken oder Sinne anschalten. Anziehen passt zu der Hinbewegung auf die Welt, dem Anschalten der Motorik, und Zerstören zur Entwicklung der Impulskontrolle oder dem Abschalten der Motorik.

»Und was sind das?«, fragte ich sie.

Ihre Antwort begeistert mich bis heute. »Das sind die vier Karmas erleuchteten Handelns.«

Diese vier Zustände der frühkindlichen Entwicklung werden in der buddhistischen Philosophie als Karmas oder Übungsfelder betrachtet, mit denen wir unser Leben lang zu tun haben. Dieses Muster wird in den nächsten Kapiteln klarer werden, und wir beginnen mit der Untersuchung von uns selbst.

Und der Vortrag? Es war knapp, aber letztlich fügten sich die Erkenntnisse gut zusammen, und es wurde eine sehr zufriedenstellende Präsentation. Ein wunderbares Beispiel für dieses Phänomen ist auch die Formwerdung von Ideen und die situative Entstehung von Kohärenz auf die wir später noch tiefer eingehen werden.

UNSER PERSÖNLICHES GLEICHGEWICHT

Wir wollen erkunden, wie Kinder in den ersten Lebensjahren diese vier Schalter und damit ihre Willensqualitäten und ihre Fähigkeit zur Selbstregulation entwickeln. Sie brauchen die Fähigkeiten, sich zu beruhigen, sich auf die Sinneseindrücke der Welt einzulassen, ohne überwältigt zu werden, die Umwelt durch Bewegungen zu erforschen und ihre Motorik zu steuern, um Aufgaben zu bewältigen, Versuchungen zu widerstehen und ihre Impulse zu kontrollieren.

Doch bevor wir die kindliche Entwicklung verfolgen, halte ich es für hilfreich, unsere gegenwärtige Beziehung zu diesen vier Schaltern zu klären. Im Laufe des Lebens kann der eine oder andere dieser Schalter aus dem Gleichgewicht geraten oder der besonderen Zuwendung bedürfen.

In der folgenden Übung lesen Sie jeweils, wie eine ausgeglichene erwachsene Version dieser Schalter aussieht. Bitte seien Sie sich dabei bewusst, dass die Buddhisten diese Qualitäten als Übungsfelder oder Karmas betrachten, als ideale Zustände, denen wir uns ein Leben lang annähern.

Wenn einer Ihrer Schalter gerade besonderer Aufmerksamkeit bedarf und Sie keine eigenen Ideen haben, ihn zu stärken, können Sie die jeweils nachfolgenden Übungen ausprobieren. Gehen Sie dabei sanft und freundlich mit sich um. Wenn Sie sich mehreren Schaltern zuwenden wollen, empfehle ich, dies einen nach dem anderen zu tun und einfache Übungen zu wählen, um ein Erfolgserlebnis zu haben.

Sinne-Abschalter: Beruhigung

Hier geht es um die Fähigkeit, sich friedlich zu fühlen, Frieden auszustrahlen und Probleme zu bewältigen. Bei einem ausgeglichenen Sinne-Abschalter erleben Sie nur selten Sorge, Angst und Frustration. Wenn Menschen mit ihren Sorgen zu Ihnen kommen, men, können Sie ihnen helfen, sich zu beruhigen und dadurch leichter mit ihrer Situation fertig zu werden.

Wie gut trifft diese Beschreibung zur Zeit auf Sie zu?


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Folgendes können Sie tun, um diese Qualität zu stärken:

 Entspannungsübungen: Dehnübungen, Yoga, ein bis zwei Minuten tiefes Atmen oder Meditation.

 Beobachten Sie fließende Bewegungen in der Natur: den Zug der Wolken, den Fluss von Bächen oder Flüssen, Vogelzüge oder Fische im Aquarium.

 Nehmen Sie sich einminütige Pausen: Lassen Sie den Fokus weich werden, entspannen Sie das Gesicht, die Zunge, die Kehle und die Schultern.

 Selbstmassage: Massieren Sie sanft Ihr Gesicht, reiben Sie leicht die geschlossenen Augen, massieren Sie Ihre Hände.

 Gönnen Sie sich jede Nacht eine halbe Stunde mehr Schlaf.

Sinne-Anschalter: Genuss, Bereicherung

Hier geht es um die Fähigkeit, das Gute in anderen zu sehen, sich an der Schönheit der Natur zu erfreuen und die Freude anderer zu genießen. Wenn dieser Bereich im Gleichgewicht ist, nehmen Sie sich Zeit, Kunst und schöne Dinge zu bewundern, sich an herausragenden Sportlern oder Darstellern oder an den einfacheren Talenten Ihrer Freunde und Ihrer Familie zu erfreuen. Sie verfügen über einen guten Humor und genießen die kleinen Freuden des Alltags.

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Folgendes können Sie tun, um diese Qualitäten zu stärken:

 Pflegen Sie eine dankbare Haltung. Bemerken Sie jeden Tag etwas Schönes und Liebevolles.

 Achten Sie darauf, gut ausgeruht zu sein. (Wenn das Bedürfnis nach Ruhe zu kurz kommt, fällt es schwerer zu genießen.)

 Streicheln Sie kleine, weiche Tiere. Gönnen Sie sich eine Massage. Cremen Sie sich gut ein.

 Legen Sie sich ein Hobby zu – Malen, Schreinern, Kochen, alles ist möglich.

 Singen Sie jeden Tag mindestens fünf Minuten lang, und zwar laut (z. B. unter der Dusche oder im Auto).

Motorik-Anschalter: Engagement/Anziehungskraft

Hier geht es um die Fähigkeit, Menschen anzuziehen und in Gruppen eine zentrale Rolle zu spielen. Diese Qualität steht für Neugier, Abenteuerlust und das Interesse für neue Orte und Aktivitäten. Es fällt Ihnen leicht, in Aktion zu treten, Sie stellen sich gerne den Herausforderungen neuer Projekte und genießen es, zu arbeiten, zu spielen und sich neue Fertigkeiten anzueignen.

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Folgendes können Sie tun, um diese Qualitäten zu stärken:

 Durchbrechen Sie Ihre Gewohnheiten und tun Sie öfter etwas auf andere Weise. Probieren Sie etwas Neues aus, besuchen Sie einen unbekannten Ort.

 Umarmen Sie andere öfter und lassen Sie sich öfter umarmen.

 Verschenken Sie kleine Aufmerksamkeiten, von denen Sie wissen, dass sich der Empfänger darüber freuen wird.

 Stellen Sie eine Liste der Dinge auf, die Sie erledigen möchten, entscheiden Sie sich für eines und fangen Sie damit an.

 Bieten Sie ehrenamtliche Hilfe für ein gemeinnütziges Projekt an.

 Organisieren Sie eine kleine Unternehmung – eine Feier, einen Ausflug oder Ähnliches – für Ihre Freunde oder Ihre Familie.

Motorik-Abschalter: Selbstregulation / Zerstörung von Verlangen

Dies ist die Fähigkeit, unangenehme Aufgaben durchzuführen, Impulse zu kontrollieren und Versuchungen zu widerstehen. Diese Qualität bewirkt Geduld und die Bereitschaft, etwas zu tun, was sich vielleicht erst später auszahlt. Wenn diese Qualität gut ausgebildet ist, verzehren Sie sich nicht nach Dingen, die Sie nicht haben. Sie verfügen über eine starke Willenskraft und ein gutes Durchhaltevermögen. Sie sind ausgeglichen und vertrauenswürdig.

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Folgendes können Sie tun, um diese Qualitäten zu stärken:

 Sparen Sie für eine größere Anschaffung, statt auf Kredit zu kaufen.

 Widerstehen Sie dem Drang, sich einer Aufgabe zu entziehen, die Ausdauer verlangt, indem Sie noch ein paar Minuten länger dabei bleiben.

 Wenn Ärger aufsteigt, entspannen Sie Hände und Schultern und atmen Sie drei Mal tief durch die Nase ein und aus.

 Üben Sie Kompromissbereitschaft – »Ich will eigentlich dieses, aber ich bin bereit, mich mit jenem zufrieden zu geben.«

 Ärgern Sie sich im Stau oder beim Schlange Stehen nicht über den Zeitverlust – nutzen Sie vielmehr die Zeit, um Ihre Muskeln zu entspannen und tiefer zu atmen.

Jetzt können wir uns der kindlichen Entwicklung dieser vier »Schalter« zuwenden. Wir beginnen mit den ersten beiden, der Fähigkeit, die Sinneswahrnehmungen ab- und wieder anzuschalten.

SICH BERUHIGEN UND GENIESSEN LERNEN

Kinder müssen erst lernen, ihr Verhalten zu regulieren und andere einzubeziehen. In den ersten Lebenstagen geht es vor allem darum, ihre Körpertemperatur zu steuern. Wenn ihnen das nicht gelingt, ist ihre Überlebenschance gering. Die Bezugspersonen unterstützen das Kind, indem Sie es zudecken oder für Abkühlung sorgen, doch letztlich muss das Kind diese Abstimmung selbst regeln können. Und wundersamerweise lernt es das auch sehr schnell. Dann ist es bereit, sich der schwierigen Aufgabe der Selbstberuhigung zuzuwenden. Auch dafür braucht es Hilfe.

Wenn das Kind während der ersten sechs Wochen zuverlässig versorgt wurde, beginnt es, sich zu entspannen, wenn die Mutter erscheint. Es hat gelernt, dass ihre Anwesenheit mit angenehmen Erfahrungen einhergeht – es wird gefüttert, die Windel wird gewechselt, es wird gestreichelt und gehalten. Es kann sich zwar noch nicht eigenständig beruhigen, aber es lernt, wie sich dieser Zustand anfühlt.

Wenn das Kind weiterhin Ruhe und Fürsorge erfährt, lernt es allmählich auch, sich selbst zu beruhigen. Es verbringt seine Wachzeit zunehmend damit, gurrende Laute von sich zu geben oder zufrieden in die Welt zu schauen. Es kann nach dem Stillen leichter einschlafen, ohne langes Schaukeln, Vorsummen oder Umherfahren zu brauchen. Dieser Schritt stellt auch für die Eltern eine große Erleichterung dar.

Dann kann der Spaß losgehen. Das Kind kann immer mehr Reize aufnehmen und wird daher spielfreudiger. Es freut sich über neue Anblicke und neue Bewegungen und genießt zunehmend die Welt, auch wenn der Sehsinn immer noch stärker ausgebildet ist als der Hörsinn, und der Tastsinn in den ersten Monaten eindeutig überwiegt. Es braucht jedoch Schutz vor Überreizung, denn seine einzigen Möglichkeiten, sich vor Überforderung zu schützen, sind zu weinen oder einzuschlafen

Vielleicht ist Ihnen jetzt bereits das Grundmuster aufgefallen: der anregende Schalter entwickelt sich vor dem kontrollierenden. Die Fähigkeit, sich zu beruhigen (der Sinneseindrücke-Abschalter) kann erst mehrere Wochen nach der Geburt genutzt werden, während der Sinneseindrücke-Anschalter bereits vor der Geburt getätigt wurde. Deshalb ist der Schutz durch die Bezugspersonen so wichtig. Wenn zu viele Reize einströmen, wird es für das Kind zu anstrengend und unangenehm, und es wird entweder »gereizt« oder es zieht sich zurück. Und wenn das Kind mit einem unausgeglichenen Nervensystem auf die Welt kommt, kann dies selbst bei der besten Fürsorge geschehen. Man hat festgestellt, dass Kinder neurologisch »übererregt« oder »ausgeglichen« geboren werden. Ein übererregtes Neugeborenes braucht noch viel mehr Unterstützung darin zu lernen, wie es sich anfühlt, ruhig zu sein, und wie es sich selbst beruhigen kann.

Wir haben uns jetzt mit der Erfahrungswelt von Kindern befasst, die gesund in eine friedvolle Situation geboren und in jeder Hinsicht gut versorgt werden. Und wir sind davon ausgegangen, dass Kinder mit einem unausgeglichenen Nervensystem besonders geduldige Zuwendung erfahren, durch die sie die Kunst der Selbstberuhigung lernen können. Solche Babys haben gute Chancen, zu ausgeglichenen, lebensfrohen Kindern heranzuwachsen. Wenn sie zehn bis zwölf Monate alt sind, hat sich ihre Sinneswahrnehmung gut entwickelt, und sie können sich mehr der Motorik zuwenden.

Doch immer mehr Kinder beginnen ihr Leben unter ganz anderen Umständen, in Kriegsgebieten, unter dem Eindruck von Gewalt oder Naturkatastrophen, vernachlässigt, unterernährt und inmitten von Erwachsenen, die durch den ständigen hohen Stress gereizt und unausgeglichen sind. Da Säuglinge nicht kämpfen oder fliehen können, bleiben ihnen nur zwei Möglichkeiten: Sie können ihrer chaotischem Umwelt gegenüber offen bleiben, oder sie verschließen sich und ziehen sich in sich selbst zurück. Wenn sie offen bleiben, geraten sie in einen überreizten Stresszustand, in dem jede Stimulation als negativ empfunden wird. Sie werden schreckhaft und weinen leicht. Manche versuchen, sich zu beruhigen, indem sie sich stundenlang hin- und herwiegen oder den Kopf gegen etwas schlagen. Das geht oft so weit, dass allein am Leben zu sein als Belastung empfunden wird. Doch das Verschließen kostet einen noch höheren Preis. Um nichts mehr aufnehmen zu müssen, erstarren sie innerlich und werden gefühllos. Sie können so depressiv werden, dass sich auch der Körper verschließt. Das Immunsystem kollabiert, die Verdauung ist gestört, die Widerstandskraft gegen Krankheiten wird schwach und kann zu lebensbedrohlichen Zuständen führen. Einzig bei Nahrungsmangel ist dieser radikale Rückzug sinnvoll: Der Körper verbraucht nur noch ein Minimum an Kalorien und kann daher länger überleben.

Wenn sich solche negative Erfahrungen häufen, prägen sie die zukünftige Fähigkeit des Kindes, mit Stress umzugehen. »Der Zustand wird dann zum Charaktermerkmal«, sagt Dr. Bruce Perry, er wird zu einem grundlegenden Bestandteil der persönlichen Neurologie. Auf diese Weise kann in den ersten Jahren großer Schaden angerichtet werden, doch dieser braucht nicht von Dauer zu sein. Wir reden hier nur von der ersten Gelegenheit des Kindes, diese Schalter in Gang zu setzen. Wir werden sehen, dass eine gute Begleitung dem Kind auch im Kindergarten- und Vorschulalter noch helfen kann, diese Qualitäten zu entwickeln.

MIT DER WELT UMGEHEN LERNEN

Der nächste Schritt, den wir den Motorik-Anschalter und die Buddhisten Anziehung nennen, umfasst zwei große Entwicklungsschritte: Im Alter von etwa neun Monaten bis drei Jahren lernen die Kinder gehen und reden. Das Sprechen entwickelt sich zwar in der Regel erst, nachdem das Gehen begonnen hat, doch auch Neugeborene verfügen schon über gewisse Kommunikationsfähigkeiten.

Bereits in den ersten sechs Lebenswochen ist das erste absichtsvolle Kommunikationsbestreben erkennbar – ein strahlendes Lächeln, welches jeden, der es sieht, mit Freude erfüllt. Diese Freude wird durch Oxytocin-Ausschüttungen ausgelöst, welches sowohl in dem lächelnden Baby als auch in der Person, die ange-lächelt wird, Wohlbefinden erzeugt. Diese chemische Belohnung erklärt, warum eine bis dahin vielseitig aktive Mutter plötzlich bereit ist, stundenlang ihr hilfloses Baby zu stillen, zu streicheln und zu umsorgen und das auch noch genießt.

Das Oxytocin schenkt der Mutter nicht nur wohlige Gefühle, sondern unterstützt auch ihre Verdauung, wärmt ihren Oberkörper, damit sie das Baby leichter wärmen kann, senkt ihr Stressempfinden, hilft ihr, sich zu entspannen und stärkt den Milchfluss. Gleichzeitig aktivieren diese Aktivitäten auch die Oxytocin-Ausschüttung des Kindes und helfen ihm damit, sich ruhig und zufrieden zu fühlen. Da die Beruhigung mit mehr Oxytocin einhergeht, ist das Kind motiviert, eigene Wege zu finden, ruhiger zu werden. So entdeckt es alle möglichen beruhigenden Aktivitäten, vom Gurren, Nuckeln, Stofftiere Knuddeln, weiche Tiere Streicheln und sich langsam bewegenden Objekten Zuschauen bis zu wiegenden Bewegungen.

Nach diesem erstaunlichen Anfang dauert es dann noch ein bis zwei Jahre, bis gegen Ende der motorischen Phase die neuronalen Voraussetzungen für sprachliche Verständigung gegeben sind. Bis dahin ist das Kind mit Kriechen, Krabbeln und schließlich Gehen lernen beschäftigt.

So wie die Fähigkeit, sich selbst zu beruhigen, zu dem Geschenk der Ruhe führt und Genuss das Geschenk der Sinneswahrnehmungen ist, so kann Strahlen als das Geschenk des Lächeln-Lernens bezeichnet werden. Wenn das Kleinkind dann anfängt, seine Umgebung zu erkunden, kommen zwei weitere wundervolle Fähigkeiten hinzu: Das Staunen und die Neugier erfüllen das Kind im Laufe der Zeit so stark, dass es unglaubliche Mühen auf sich nimmt, um dem Objekt seiner Aufmerksamkeit näher zu kommen.

Dieser frühe Forschungsdrang entsteht zum großen Teil, bevor das Kind seine Triebe zügeln kann. Bis es im Alter von etwa vier Jahren seinen Motorik-Abschalter entwickelt, müssen die Eltern oder Erzieher daher als Bremser und Steuerer dienen. Zu Anfang besteht das Abenteuer des Kindes aus nicht viel mehr, als zur anderen Seite des Zimmers zu krabbeln, bevor es schnell wieder die sichere Nähe der Bezugsperson sucht. Niemand erwartet von diesen kleinen Kindern viel Selbstbeherrschung. Doch wenn das Kind sprechen gelernt hat, ist die Versuchung sehr viel größer, eine gewisse Selbstkontrolle zu erwarten und das Kind zu beschämen, wenn diese nicht erfolgt. Wir werden später noch näher auf die komplexe Kunst der Begleitung von Kindern, die gerade sprechen lernen, eingehen. Deshalb will ich hier nur kurz erwähnen, welche Wirkung Beschämung hat. Wenn wir auf ein Kind, welches in diesem Alter etwas »anstellt«, mit Schuldzuweisung reagieren und es beschämen, kann dies das Kind sehr verletzen und sich tief in seine Persönlichkeit eingraben. Es ist eine Sache, das Verhalten zu verurteilen (»Es ist nicht schön, dem Kätzchen weh zu tun«) und eine ganz andere, das Kind zu beschämen (»Schäm dich, dass du dem Kätzchen so weh tust, du bist nicht lieb«). Die Verurteilung sollte sich nicht darauf richten, dass das Kind böse oder nicht liebenswert ist. Wenn solche Urteile dann noch mit der Verweigerung von Trost und Beistand einhergehen (»Geh in dein Zimmer, geh mir aus den Augen«), kann dies sogar noch verletzender sein und im späteren Leben dazu führen, dass dieser Mensch nur schwer mit Kritik umgehen kann. Wenn wir uns im weiteren Verlauf mit der Kunst der sprachlichen Begleitung beschäftigen, werden wir viele konstruktive Alternativen besprechen.

Kehren wir zu den kleinen Gehern zurück, die durch eine Reihe motorischer Triumphe auf die Beine gekommen sind. Viele dieser Meilensteine ihrer Entwicklung wurden durch Reflexe angeregt, die dann eingeübt und gemeistert wurden. Ähnlich wie ein Theater-Souffleur sagen diese Reflexe dem Kind eine Zeit lang vor, welche körperlichen Bewegungen empfehlenswert sind, um dann wieder zu verschwinden und die knospenden Mini-Athleten mit neuen Fertigkeiten zurückzulassen. Der Geh-Reflex ist dafür ein gutes Beispiel. Wenn man ein drei Monate altes Kind aufrecht hält, machen die Beine Geh-Bewegungen, als wolle ihm die Natur zuflüstern: »Schau mal, das hat sich als sehr hilfreiches Bewegungsmuster erwiesen«. Wenn man dasselbe Kind mit sechs Monaten aufrecht hält, ist dieses reflexhafte Gehmuster kaum noch erkennbar. Dies ist jedoch kein Anlass zur Sorge: Es erlaubt dem Kleinkind vielmehr, diese Fähigkeit willentlich abzurufen. Wenn der Reflex weiterhin aktiv wäre, würde er die Bemühungen des Kindes nach Selbststeuerung untergraben.

Kinder neigen natürlicherweise dazu, diese Reflexmuster zu üben. Sie brauchen dafür in der Regel keine Ermutigung, sondern finden eigene Wege, sie zu trainieren. Viele alte Kinderspiele übten solche Bewegungsmuster ein. Das Balancieren auf Mauern, Kantsteinen und Baumstämmen stärkt das Gleichgewicht und ein Gefühl für innere Symmetrie. Ballspiele und Papier falten fördern die Auge-Hand-Koordination, die später für das Schreiben wichtig ist. Rollenspiele und das Nachahmen von Tieren erweitern das Bewegungsspektrum. Aus der Sicht eines Beschäftigungstherapeuten dienen fast alle traditionellen Kinderspiele der sensorischen Integration. Da diese Kultur der Kindheit verschwindet, werden diese Aktivitäten auch nicht mehr von den älteren Kindern an die jüngeren weiter gegeben. Etliche Erzieher und Grundschullehrer entdecken diese Spiele jedoch gerade wieder und bringen sie den Kindern wieder bei.

Die meisten Kleinkinder lernen zwar ohne Unterstützung, Reflexmustern zu folgen, doch sie brauchen Hilfe, um zu lernen, mit dem Motorik-Anschalter umzugehen. Wie können Eltern und Erzieher nun mit diesen noch weitgehend nonverbalen, aber hoch aktiven Zweijährigen umgehen? Was diese Kinder brauchen, lässt sich in vier Worten zusammenfassen: Vorbilder, Wiederholung, Erlaubnis und Schutz. Wenn Sie diese Qualitäten in vollem Umfang erhalten haben, können Sie wahrscheinlich recht erfolgreich mit Ihrem Motorik-Anschalter umgehen.

Kleine Kinder lieben es, uns nachzumachen. Nehmen Sie sich also Zeit, die Dinge langsam, einfach und harmonisch anzugehen, damit Ihr Kind Sie leicht nachahmen kann. Tragen Sie Dinge mit zwei Händen, wenn Ihr Kind Ihnen zuschaut. Zeigen Sie ihm rhythmische Bewegungen wie Einschenken, Löffeln, Fegen und Tische Abwischen. Kinder lieben es, Bewegungen auf diese Weise zu üben. Durch viele Wiederholungen strukturiert sich ihr Verhalten und verbessern sich ihre Fertigkeiten. So entwickelt sich im Laufe der Zeit eine vertraute Aktivität, die ihnen später helfen kann, sich zu beruhigen. Bleiben Sie gelassen, wenn etwas umkippt oder kaputt geht, und lassen Sie das Kind beim Wegräumen oder Aufwischen helfen, um es darin zu unterstützen, sich später eher auf Problemlösungen zu fokussieren als auf die Scham über das Geschehene.

Weil diese jungen Geher alles erkunden wollen, müssen die jeweiligen Bezugspersonen sie anleiten, angemessene Entscheidungen zu treffen, und sie bremsen, wenn es nötig ist. Mit einer gelungenen Balance aus Erlaubnis und Schutz wird sich das Baby zu einem aufrechten Kleinkind entwickeln, welches seine Umwelt mit ungebrochener Neugier und Staunen erkundet.

Wenn es an der Erlaubnis mangelt, können Neugier und Staunen schon früh im Leben Schaden nehmen. Vielleicht ist die Bezugsperson besonders ängstlich und lässt das Kind immer im Bettchen oder im Laufstall. Vielleicht herrscht im Umfeld Krieg oder Gewalt und es wäre für das Kind zu gefährlich, seine Umgebung zu erforschen. In ganz schweren Fällen ist das Kind vielleicht ein Waise und muss jeden Tag stundenlang ohne jede Anregung in seinem Bett liegen. Ohne zuverlässige Fürsorge verfallen Kinder oft in Apathie, Widerstand oder Ängstlichkeit.

Manche Kinder erleben auch das Gegenteil. Sie haben vielleicht Bezugspersonen, die zu viel Erlaubnis geben, aber keinen Schutz. Solche Kinder kommen bei ihren Abenteuern nicht nur öfter zu Schaden, sie lernen auch nicht, sich selbst zu schützen. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sie willensstarke, wagemutige, unfallanfällige und wenig kompromissbereite Erwachsene werden, die nur wenige Möglichkeiten zur sozialen Kontaktaufnahme haben. Sie haben Mühe, den Motorik-Abschalter zu meistern.

Unsere Auseinandersetzung mit den vier Schaltern beruht auf den Arbeiten von drei wichtigen Forschern. Bruce Perrys Studien kommen ins Spiel, wenn wir uns dem letzten Schritt bei dem Motorik-Ausschalter zuwenden. Allan Schores Arbeit befasst sich insbesondere mit dem, was wir die vier Schalter nennen und vermittelt ein tiefes Verständnis dafür, wie sich das Verhalten der Bezugspersonen auf die frühkindliche Entwicklung auswirkt. Der dritte ist Stephen Porges. Seine Studien zur Entwicklung des Gehens und Sprechens sind so interessant, dass wir ihnen den folgenden Abschnitt widmen.

DIE ENTDECKUNGEN VON STEPHEN PORGES

Manche Umstände bewirken Dinge wie antisoziales Verhalten

und eine instabile Gesundheit, während andere Umstände

Dinge wie positives soziales Verhalten,

Gesundheit und Entwicklung fördern.

Stephen Porges

Unsere Fähigkeit, uns einerseits aktiv in Bewegung zu setzen und uns andererseits ausruhen zu können, wird von zwei Nervensystemen reguliert. Das mobilisierende sympathische Nervensystem wird durch Adrenalin angetrieben und kann die Herzfunktionen bis zum vierfachen des Ruhezustandes beschleunigen, um möglichst wirksam kämpfen oder fliehen zu können. Dafür beendet dieses System jedoch alle in diesem Moment unnötigen Funktionen wie zum Beispiel Verdauung, um alle verfügbare Energie in die Gliedmaßen zu schicken.

Bei Säugetieren funktioniert das ganz gut, weil sie diesen Mechanismus geschickt an- und ausschalten können. Doch Menschen neigen dazu, auch zwischen aufregenden Ereignissen Adrenalin auszuschütten, woraus sich chronischer Stress entwickelt. Dieser belastet das Verdauungssystem und kann zu Magengeschwüren und Schleimhautentzündungen führen. Der chronische Stress stört auch die Impulskontrolle, denn wir neigen unter Adrenalin eher zum impulsiven Handeln als zum Nachdenken. Der Zustand solcher übermäßigen Anspannung und Überwachheit schädigt auch das Immunsystem.

Das beruhigende parasympathische Nervensystem besteht vor allem aus dem mächtigen Vagusnerv. Als längster Nerv des Körpers bildet er viele Verästelungen. Seine Funktionen stellten die Forscher lange Zeit vor Rätsel: Einerseits scheint er mit Ruhe und der ruhigen Anspannung des Lernens und des sozialen Kontakts verbunden zu sein, andererseits jedoch auch mit der extremen Stille, die entsteht, wenn wir in Gefahrensituationen keinen anderen Ausweg mehr sehen, als vor Angst oder Schreck zu erstarren. Wie kann dasselbe System derart unterschiedliche Reaktionen hervorbringen?

Der für seine Forschungsarbeiten über Sozialverhalten bekannte Neurologe Stephen Porges forschte 20 Jahre lang über die komplexen Dynamiken des Vagusnervs und fand eine Antwort. Er entdeckte, dass es zwei Vagus-Nervenbahnen gibt und nicht nur eine, wie die Forscher bis dahin vermutet hatten. Wegen ihrer körperlichen Anbindung sprechen wir von dem unteren oder dorsalen Vagus und dem oberen oder ventralen Vagus.

Der untere Vagus entspringt im Hirnstamm und zieht sich von dort aus nach unten, wo er sich mit der Speiseröhre verbindet, in der er den Schluckreflex umkehren und Erbrechen verursachen kann. Im weiteren Verlauf verbindet er den Magen, den Darm, die Bauchspeicheldrüse, die Gallenblase und die Leber. Normalerweise sorgt er für eine geregelte Verdauung. Unter Stress kann er Verdauung und Ausscheidung jedoch auch unterbinden und sogar jegliche Magen- oder Darmgeräusche unterdrücken. Seine Verknüpfungen mit dem Herzen und der Lunge erlauben ihm, in deren natürlichen Rhythmus einzugreifen und ihn zu verlangsamen, um das Überleben zu sichern. Bei Reptilien sorgt er beispielsweise dafür, dass sie lange unter Wasser bleiben können, ohne atmen zu müssen, oder dass sie lange bewegungslos verharren können, wenn ihre Tarnfarbe sie schützen soll. Bei Säugetieren kann dieses Reaktionsmuster jedoch auch gefährlich werden. Wenn wir eine hungrige Katze in einen Raum mit hundert Mäusen setzen würden, würden alle Mäuse vor Schreck erstarren und sich scheintot stellen. Würden wir die Katze dann wieder entfernen, würden wahrscheinlich nur etwa achtzig Mäuse wieder zum Leben erwachen, dem Rest wäre vor Schreck das Herz stehen geblieben. Auch frühgeborene Menschenkinder reagieren sehr empfindlich auf Schreck, weshalb sie besonders behutsame Pflege brauchen.

Diese für Reptilien so nützliche Schreckstarre ist also für Säugetiere und Menschen nur eine allerletzte Notlösung. Trotz aller Nachteile ist es für sie vorteilhafter, auf das sympathische Nervensystem umzuschalten. Es gibt jedoch eine noch bessere Strategie, die ohne Adrenalin, ohne Belastung der Verdauung und ohne Behinderung des Denkens auskommt, und diese hat mit dem oberen Vagus zu tun.

Der obere Vagus kommt nur bei Säugetieren vor. Er entspringt ebenfalls dem Hirnstamm, verläuft jedoch von dort aus nach oben zu den Frontallappen des Gehirns und den Gesichts- und Augenmuskeln und bestimmt daher den Gesichtsausdruck und die Augenbewegungen. Er versorgt auch die Zunge, den Rachen, das Mittelohr und den Kehlkopf und beeinflusst damit das Saugen und Schlucken sowie das Hören und Sprechen. Er sorgt im weiteren Verlauf für eine rhythmische Verbindung zwischen Herz und Lunge und verzweigt sich mit einem zweiten Ausläufer zu den viele Organe umgebenden Bindegeweben und registriert damit die sogenannten viszeralen Bewegungen dieser Organe. Diese Informationen werden dann an die Frontallappen weitergeleitet und ermöglichen damit die bewusste Wahrnehmung von Körperempfindungen. Durch dieses bemerkenswerte Netzwerk können wir uns auf andere einstellen und herausragende kognitive Fähigkeiten wie Intuition entwickeln, worauf wir in späteren Kapiteln noch weiter eingehen werden.

Dieses System bietet noch einen weiteren wesentlichen Vorteil. Es erlaubt dem Individuum intensive Erfahrungen, ohne Adrenalin auszuschütten. So können Sportler oder Tänzer Hochleistungen vollbringen, ohne sich übermäßig aufzuregen, so können Kinder wild herumspringen, ohne überreizt zu werden, und so können wir neue Dinge, Menschen und Orte erkunden, ohne uns zu fürchten. Dieser Spannungswiderstand wird zum ersten Mal im Alter von sechzehn bis achtzehn Monaten aktiviert, um das Sprechen einzuleiten. Das Universum zu benennen ist genauso aufregend, wie es in jener unglaublichen Szene von »Licht im Dunkel« für Helen Keller war zu entdecken, dass es ein Zeichen für Wasser gibt. Ohne diesen Mechanismus würde das Kind von der Vielfalt der neuen Worte leicht überwältigt und könnte kein reichhaltiges Vokabular entwickeln. Bei Erwachsenen erleben wir manchmal Überreste davon, wenn jemand vor Wut nicht mehr zusammenhängend sprechen und nur toben oder zusammenbrechen kann.

Dabei bleiben jedoch bislang zwei Fragen unbeantwortet. Zum Einen: Was hat Porges Theorie mit der Neurologie des Friedens zu tun? Unterstützt sie irgendwie die Entwicklung von Empathie, Mitgefühl und Verbindung? Und zweitens: Wie kann das obere Vagus-System für unsere Sicherheit sorgen, ohne dass wir auf die Kampf- oder Flucht-Reaktion des sympathischen Nervensystems oder gar die Schreckstarre des unteren Vagus zurückgreifen müssen?

Die Antwort liegt in den Hals- und Gesichtsmuskeln, die der obere Vagus versorgt. Unsere Gesichtsbewegungen sind für unsere sozialen Beziehungen so wichtig, dass Porges sie unser »soziales Verbindungs-System« nennt. Sie spielen höchst elegant zusammen. Wenn sich die Augenlider des Säuglings heben, um die Mutter anzusehen, ziehen sie an bestimmten Muskeln des Mittelohrs, um das Trommelfell zu spannen. So wie ein strafferes Fell den Ton einer Trommel erhöht, nimmt auch das Ohr eher die höheren Frequenzen der menschlichen Stimme und weniger die tieferen Geräusche des Hintergrunds wahr, wenn sich das Trommelfell anspannt. So kann sich das Kind leichter auf die Stimme der Mutter einstellen. Seine Gesichtsmuskulatur, sein Kehlkopf und Rachenraum helfen dem Baby, seine Gefühle zu zeigen und seine Stimme beherrschen zu lernen. Das Drehen des Kopfes und das Folgen mit den Augen sind erste Anfänge einer Kommunikation. All diese subtilen Fertigkeiten spielen zusammen, um den liebevollen Austausch mit der Mutter und anderen Bezugspersonen zu fördern.

Wir verwenden diese sozialen Hilfsmittel auch in unserem weiteren Leben. Wenn wir jemandem in einem sicheren Umfeld begegnen, gehen wir meistens als Erstes in Augenkontakt, lächeln und versuchen, durch Beziehung Sicherheit zu schaffen. Nur wenn das misslingt, greifen wir zu den primitiveren Optionen. Wenn sich Kinder in einer Stressreaktion festgefahren haben, versuchen wir dementsprechend auch als Erstes, eine Atmosphäre der Sicherheit und Wärme zu erzeugen, damit sie sich entspannen können, somit Vertrauen entsteht und sie wieder anfangen, zu denken und in Beziehung zu treten.

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Yaş sınırı:
0+
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352 s. 4 illüstrasyon
ISBN:
9783867287401
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