Kitabı oku: «Love is not a Choice»

Yazı tipi:

Delia Muñoz

Love is not a Choice

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Inhaltsverzeichnis

Titel

I

TW

Prolog – Outing

Kapitel 1 – Babysitting

Kapitel 2 – Filmabend

Kapitel 3 – Expartner

Kapitel 4 – Date Nacht

Kapitel 5 – Romanzen

Kapitel 6 – Home Party

Kapitel 7 – Mate-Eis

Kapitel 8 – Im Park

Kapitel 9 – Kinokasse

Kapitel 10 – Ball

Kapitel 11 – Dramatische Enden

Kapitel 12 – Beziehungen

Kapitel 13 – Die Wahrheit

Weiterführende Informationen

Danksagung

Impressum neobooks

I

Love is Love


TW

Triggerwarnung: Die zweite Hälfte des 11. Kapitels enthält Homophobie. Gegebenenfalls kann man den Teil überspringen.

Prolog – Outing

»Ich möchte mein Leben nicht versteckt verbringen!«

Aber ich kann das nicht. Ich bin noch nicht bereit dazu.

Meine Gedanken spielten verrückt. Einerseits war da Angelinas Stimme in meinem Kopf, die immer wieder denselben Satz sagte. Und dann waren da meine Bedenken, die ihr widersprachen.

Ich saß verzweifelt auf einer Bank an der Straße, den Kopf in den Händen vergraben, nicht wissend, ob ich den nächsten Schritt gehen sollte. Angelina war schon seit fast einem Jahr meine feste Freundin. Ich hatte mich in sie verliebt, wirklich. Ich hatte durch sie gemerkt, dass Liebe ganz anders sein konnte und hatte bestätigen können, dass ich mich nicht zu Männern hingezogen fühlte, sondern zu Frauen. Zu einem blonden Mädchen mit Kurzhaarschnitt. Aber sie machte es mir schwer. Ich konnte ihren Forderungen nicht entsprechen, ich konnte ihr nicht die Beziehung geben, die sie gerne hätte. Der dauernde Streit darüber, Streit über uns, aber auch über andere Dinge, machte mich fertig. Es zerriss mich innerlich, ständig von ihr daran erinnert zu werden, was ich nicht tun konnte und was mir immer im Weg stehen würde.

Ich schaute auf mein Handy, das zu vibrieren begann.

Angelina.

Na klar. Irgendwie zog sich bei dem Anblick mein Herz schmerzhaft zusammen, statt freudig zu hüpfen. Falls sie anrief, um mich zu fragen, wie es mit meinen Eltern verlaufen war, hatte ich keine guten Neuigkeiten. Durch Angelina ermuntert – oder eher gedrängt – hatte ich mir gestern vorgenommen, mit meinen Eltern zu reden. Ich hatte mich bei ihnen outen wollen, ihnen sagen, dass ich eine Frau liebte. Doch ich hatte es nicht getan, denn ich wusste, dass sie mich abstoßen würden. Es tat schon genügend weh, Angie vor ihnen geheim zu halten – doch noch weniger könnte ich es ertragen, wegen meiner Gefühle für eine Frau von meinen Eltern verabscheut zu werden. Die sowieso schon kühle Beziehung mit ihnen würde sich in eine Beziehung voller Hass und Schmerz wandeln.

Ich atmete tief ein. Wie ging es jetzt weiter?

Ich hatte mich bei meinen Eltern nicht outen können. Nicht, weil ich Angie nicht liebte, sondern weil ich nicht dafür bestraft werden wollte, dass ich sie liebte. Es war ja nicht so, dass ich meine Beziehung geheim hielt. Ich hatte vor meinen Freunden nie verschwiegen, dass ich mich in Angie verliebt hatte. Zu Treffen hatte ich sie stets mitgenommen und ging offen mit meiner Sexualität um. Der einzige Ort, an dem ich nicht ich selbst sein konnte, war bei meinen Eltern. Denn diese vertraten nicht bloß die »übliche« konservative Haltung von Eltern um die fünfzig. Sie hatten eine tiefe Abneigung allem gegenüber, was nicht exakt ihrer Norm entsprach – und eine unangenehme Art, einen das unmissverständlich spüren zu lassen.

Ich sollte studieren, Geld verdienen, einen Mann finden, der meiner Kultur entsprach, und ich musste Kinder bekommen. Hobbys waren allesamt unnötig, außer, man konnte damit reich werden. Und während es schon schwer genug war, meinen Freizeitaktivitäten nachzugehen, wusste ich, dass ich als lesbische Frau niemals akzeptiert werden würde. Aber Angelina … schien dies einfach nicht einzusehen.

Zehn Minuten später schrieb ich Angelina eine SMS. Ihren Anruf hatte ich ignoriert.

»Bin vor deinem Haus, kannst du rauskommen?«

Ich hatte mich etwas zusammengerissen und meine verstrubbelten Haare wieder in Ordnung gebracht. Doch Angie würde mir ansehen, dass es mir nicht gutging. Zwar brachte sie eher wenig Verständnis für die Situation mit meinen Eltern auf, aber sie hatte eine gute Menschenkenntnis.

In der Tat zog Angie die Augenbrauen zusammen, als sie mich sah. Nicht nur schien sie zu merken, dass ich deprimiert war, sondern auch, dass etwas anderes nicht stimmte.

»Hey, Babe«, grüßte sie, als sie auf mich zukam. Ihre blonden Haare hatte sie wie immer mit Gel gestylt und sie trug ein schwarz-weißes Hemd.

Ich überhörte ihren fragenden Unterton und grüßte zurück. Als sie vor mir stand, nahm ich sie stumm in den Arm. Sie küsste mich auf die Wange, dann kurz auf den Mund. »Alles gut?«, fragte ich, während wir uns setzten. Ich versuchte, mir meine Nervosität nicht anmerken zu lassen.

Sie nickte und legte einen Arm um mich. »Ja, mir geht’s gut. Und dir?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Es geht«, meinte ich zögerlich. Beim Gedanken an die bevorstehende Konversation zog sich mein Magen zusammen.

Angie schaute mich fragend an, in ihrem Blick lag Besorgnis. »Was ist, Schatz?«

Ich warf ihr einen Blick zu. Das konnte sie sich ja wohl denken, oder nicht? Schließlich war es ihr Vorschlag gewesen, dass ich mich gestern hätte outen sollen.

»Schau Angie, ich krieg es nicht hin, mich bei meinen Eltern zu outen«, fiel ich mit der Tür ins Haus und schluckte den Kloß im Hals herunter. Ich traute mich nicht, ihr in die Augen zu schauen, wollte nicht wissen, ob sie bestürzt, traurig oder gar wütend war. »Ich habe es versucht, ich würde es ja tun, aber … du kennst meine Eltern nicht. Sie würden mich verabscheuen, verstehst du?«

Angie zog mich etwas näher. »Aber schau, Babe … meine Eltern waren auch nicht von Anfang an erfreut. Doch sie haben sich daran gewöhnt, und jetzt unterstützen sie mich.«

Ich gab mir Mühe, nicht wütend zu werden. »Das ist nicht dasselbe. Deine Eltern sind ein anderes Level von kein Verständnis, Schatz.«

»Bist du dir da sicher?« Sie schien die Frage ernst zu meinen.

»Ja, ich bin mir zu hundert Prozent sicher!« Meine Stimme begann zu zittern. Das hatte ich nicht erwartet. Ich hatte gehofft, dass sie mich wenigstens ein bisschen trösten würde, und nicht meine Erklärung hinterfragte. Traute sie mir denn nicht? Traute sie mir nicht zu, dass ich meine Eltern kannte und ihr die Wahrheit über sie sagte? Dachte sie, ich fände es toll, eine Beziehung im Versteck zu führen? Es war bloß so, dass mir keine andere Wahl blieb! Vielleicht war ich wieder einmal zu emotional, aber ich konnte es nicht verhindern.

»Ich würde es ja wirklich tun, glaub mir, bitte …« Ich brach ab, schluckte erneut Tränen hinunter. Zwar hatte Angie immer noch den Arm um mich gelegt, doch ich spürte ihre Berührung kaum, so sehr fraß mich der Schmerz von innen auf und verdrängte jedes andere Gefühl.

Angie seufzte nun, beugte sich vor und fuhr sich mit einer Hand übers Gesicht. »Hm, Babe …«, murmelte sie.

Ich schaute sie von der Seite her an. Konnte sie mir nicht sagen, dass alles irgendwie gut werden würde? Dass sie mich auch liebte, wenn sie meine Eltern nie kennenlernen würde? Dass das alles keine Rolle spielte? Obwohl ich eine andere Reaktion von ihr erhofft hatte, hatte ich gewusst, dass es ungefähr so kommen würde. Es war nicht das erste Mal, dass wir über das Thema sprachen – und Angie änderte selten ihre Meinung. Aber dennoch verletzte mich ihr Verhalten.

»Schau Angie, ich kann dir nicht versprechen, dass ich mich in absehbarer Zeit outen kann«, sagte ich ihr, nun war meine Stimme fester. Ich hatte zuvor beschlossen, dass ich es ihr geradeheraus sagen würde. Ich konnte nicht stets behaupten, dass ich es »bald« tun würde. Ich konnte weder ihr noch mir vormachen, dass es möglich sein würde, mich in nächster Zeit bei meinen Eltern zu outen. Denn das wäre einfach gelogen. Und wenn ihr das nicht genug war … dann wusste ich auch nicht weiter. »Ich weiß, dass du nicht gerne versteckt lebst, dass du gerne auch zu mir nach Hause kommen würdest. Okay, ich verstehe das, du bist schon out und alles. Aber ich kann dir das so nicht geben. Und entweder verstehst du das … oder …« Meine Stimme versagte. Ich zitterte mittlerweile am ganzen Körper, bald würde ich nicht mehr verhindern können zu weinen.

Angie zog mich wieder etwas an sich und fuhr sich einige Male mit der Hand übers Gesicht. Der Blick, den sie mir zuwarf, wirkte gequält. »Babe, ich weiß wirklich nicht, ob ich das kann … Ich fühle mich eingeengt dadurch, als wäre ich selbst wieder im closet.«

Ich biss mir auf die Lippen und mir entfuhr ein Schluchzer. Im Gegensatz zu ihr wusste ich aber, dass ich das nicht konnte. Ich würde ihren Anforderungen nie entsprechen können. Tränen liefen mir wie Sturzbäche über die Wangen und meine nächsten Worte wurden beinahe von meinen Schluchzern erstickt.

Kapitel 1 – Babysitting

Ein Kind ließ einem wirklich keine Privatsphäre.

Ich war gerade mal zwei Minuten lang mit meinem Freund am Telefon gewesen, als mir meine kleine Schwester wieder am Arm zerrte. Ich unterbrach meinen Satz und schaute zu Mia hinunter. Sie stand wartend vor mir, ihre Augen voller Elan. Echt bewundernswert, welche Energie vierjährige Kinder aufbrachten. Ich fühlte mich mit meinen achtzehn Jahren schon alt neben ihr.

»Moment, Schatz«, sagte ich und meinte damit sowohl meinen Freund als auch meine Schwester. Ich legte einen Arm um Mia und sagte rasch in mein Handy: »Okay, Nate, tut mir leid, ich muss auflegen. Mia ruft. Meldest du dich heute Abend nochmals?«

»Okay, ich ruf dich später wieder an«, versprach Nate verständnisvoll. »Ich liebe dich. Bis dann.«

»Ich liebe dich auch«, erwiderte ich noch, dann legte ich auf und verstaute das Handy in der Hosentasche. »Okay Mia, was ist denn?« Nun widmete ich mich wieder voll und ganz meiner Schwester. Es war ja nicht so, dass ich sie vernachlässigte oder eine dieser Schwestern war, die ständig mit dem iPhone neben dem gelangweilten Kind herumlief. Aber Nate war soeben in die Ferien gereist und hatte mir mitteilen wollen, dass er gut angekommen war. Dennoch, Mia benötigte wieder meine vollständige Aufmerksamkeit.

Wir waren an einem Spielplatz im örtlichen Park angelangt, wo ich mit ihr den Nachmittag verbringen wollte. Wie jeden Montag um zwei Uhr nachmittags hatte ich Mia vom Tagesheim abgeholt. Doch im Unterschied zu gewöhnlichen Montagen hatte ich diese Woche die volle Verantwortung für meine kleine Halbschwester, da meine Eltern – beziehungsweise meine Mutter und ihr Mann – in den Flitterwochen waren. Also hatte ich mich bereit erklärt, auf meine Schwester aufzupassen. Doch ich liebte Mia über alles, solange sie nicht erwartete, dass ich dieselbe unerschöpfliche Energie besaß wie sie. Daher hatte ich meiner Mutter gerne angeboten, auf die Kleine aufzupassen. Ich fand, Flitterwochen gehörten zu jeder Hochzeit und die beiden sollten sich mal eine Auszeit gönnen. Diese Woche hatte ich Glück, da zurzeit Sommerferien waren. Einerseits hatte ich selbst genug Zeit und andererseits war der Spielplatz nicht so hoffnungslos überfüllt wie an anderen Tagen – viele Kinder waren wohl in den Urlaub gefahren.

»Möchtest du auf die Rutsche?«, fragte ich die Kleine. Noch hatte ich Energie, es war erst Mittag.

Mia nickte mit wild hüpfenden Haaren. Sie hatte blonde Löckchen, die wahrscheinlich in den nächsten Jahren glatter werden würden. Auch ich hatte als Kind Locken gehabt – jetzt waren meine Haare eher glatt, zu meinem Stolz aber immer noch natürlich blond. »Jaaa, du musst mich aber auffangen!«, verlangte sie.

Ich willigte ein und wir rannten zu der Rutschbahn. Der Spielplatz war weitläufig und hatte alle möglichen Arten von Spieleinrichtungen, von den Klassikern wie Rutschbahn und Schaukel bis hin zu speziellen Klettervorrichtungen, deren Namen ich nicht kannte. Nun half ich meiner Schwester auf die Rutschbahn und wartete unten, bis sie ankam und sich in meine Arme warf. »Huch«, machte ich spaßeshalber. »Hast aber Glück, dass ich hier stehe, hm?«

Mia giggelte nur. Sie wusste genau, dass es kein Glück war. Wir wiederholten das Ganze mindestens zehn Mal, ohne dass es Mia langweilig wurde. Und ich hatte meinerseits Freude an ihrer Freude. Die Sonne schien angenehm warm, ein perfekter Tag, um draußen zu sein, fand ich. Ich liebte es, bei schönem Wetter in der Natur zu sein, selbst wenn es nur ein Park war. Neben uns war eine Großfamilie und weiter hinten sah ich eine modisch gekleidete Jugendliche mit einem kleinen Kind. Es war eher ungewöhnlich, hier junge Leute zu treffen, und mein Blick schweifte erneut zu der Frau. Ich fragte mich regelmäßig, wo all die Babysitter und Jugendmütter hingingen - bei dem Spielplatz hier hielten sie sich jedenfalls kaum auf. Außer ebendiese junge Frau weiter hinten.

Mia wollte im Nachhinein auf die Schaukel und wir wechselten dorthin. Doch auf halbem Weg blieb sie stehen und deutete mit dem Finger vor sich. »Oh, schau mal, ein Ball!«

Ich runzelte die Stirn und folgte ihrem Finger. Da war die modische Frau mit einem brünetten Kind etwa in Mias Alter, mit einem aufgeblasenen Ball spielend. »Ja, sie spielen Ball.«

»Kann ich auch?«, fragte Mia und schaute mich mit großen Augen an.

Ich lächelte. »Mia, der Ball gehört dem anderen Mädchen. Wir können ihn nicht einfach nehmen.«

Mia zog eine Schnute. »Wieso können wir nicht mitspielen?«

Ich schaute zu den beiden hinüber, sie sahen eigentlich ganz freundlich aus. »Möchtest du das Mädchen fragen gehen?«, fragte ich Mia in der Hoffnung, dass sie mir die Sache abnahm. Kinder hatten da weniger Hemmungen.

Mia hüpfte glücklich. »Jaa!«

Sie lief schon auf das kleine Mädchen zu und ich schaute ihr schulterzuckend hinterher, ebenfalls in die Richtung schlendernd. Wenn sie fragen wollte, war ja wohl nichts Falsches daran. Mia wurde langsamer, nun doch etwas unsicher, je näher sie bei dem Kind war. Sie schaute kurz zu mir und ich lächelte sie aufmunternd an. Die junge Frau, etwa in meinem Alter, warf ihrem Mädchen gerade den Ball zu. Die Kleine fing ihn nicht, sondern er rollte an ihren Füssen vorbei … genau auf Mia zu. Diese hob nun den Ball auf und brachte ihn in kleinen Schritten zu dem anderen Mädchen zurück. »Kann ich auch mitspielen?«, fragte sie dabei schüchtern.

Ich lächelte gerührt in mich hinein. Meine Mia.

Das kleine Mädchen schaute Mia erst ausdruckslos an, dann tauschte sie einen Blick mit ihrer Begleitung. Die junge Frau nickte ihr zu, um ihr mitzuteilen, dass sie Ja sagen sollte. Schließlich stimmte das Mädchen zu und machte einen ungeschickten Versuch, Mia den Ball zuzuwerfen. Die beiden Kinder begannen augenblicklich zu spielen.

»Ist das deine?«, fragte die junge Frau und lächelte mich an. »Sie ist ja süß.«

Ich schaute sie an. Ihre Stimme war tiefer, als ich es erwartet hatte, doch irgendwie gefiel es mir. »Sie ist meine Schwester, ja«, bestätigte ich, nicht sicher, ob sie mich für eine Teenagermutter gehalten hatte. »Bei dir?« Die junge Frau hatte feine, asiatische Gesichtszüge, während die Kleine eher europäisch wirkte. Daher tippte ich nicht auf Schwester – höchstens Halbschwester.

»Ich passe nur auf Jenny auf, sie wohnt hier in der Nähe«, erwiderte die Jugendliche lächelnd. Sie streckte mir die Hand hin, am Zeigefinger trug sie einen dünnen Ring. »Ich heiße Louisa. Und du?«

Ich nahm überrascht ihre Hand. Sie war angenehm warm. »Freut mich, ich bin Jessica.« Kurz schaute ich zu Mia und Jenny, doch die beiden spielten vergnügt mit dem Ball und schienen uns nicht weiter zu benötigen. »Ich passe ebenfalls auf Mia auf«, fügte ich lachend hinzu. Für einen Moment wusste ich nicht, was ich sagen sollte.

»Kann anstrengend sein, hm?«, meinte Louisa dann mit dem Blick auf die spielenden Kinder. Es schien, als ob sie Erfahrung damit hatte. Sowieso schien sie sich völlig wohl zu fühlen in der Konversation, als spräche sie jeden Tag mit Fremden auf dem Spielplatz. Es war ja nicht so, dass ich das nicht konnte, aber dennoch war ich immer etwas ungeschickt bei neuen Bekanntschaften.

Ich nickte. »Du sagst es«, meinte ich seufzend. Kurz dachte ich an Nate. Es war schwer, mit ihm zu telefonieren, währenddem die Kleine nebenan war ... Und das würde sich im Verlauf der Woche kaum ändern. »Ich hatte gerade mal zwei Minuten am Telefon heute.«

Louisa warf mir einen Blick zu. »Ein wichtiger Anruf?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Wie man’s nimmt. Mein Freund hat aus dem Urlaub angerufen.«

Etwas in ihren Augen regte sich. »Ach so, verstehe«, meinte sie. »Wenn du möchtest, kannst du ihn schnell anrufen? Ich behalte die beiden im Auge.«

Ich schaute das Mädchen verblüfft an. »Wirklich?«, fragte ich blöderweise nach.

Louisa lächelte. »Ja, klar.«

Ich lächelte, plötzlich ungemein erleichtert. Hastig warf ich Mia einen Blick zu, aber sie war voll und ganz auf das Ballspiel konzentriert. »Vielen Dank. Ich benötige auch nicht lange«, versicherte ich Louisa und entfernte mich ein paar Schritte. Währenddessen holte ich mein Handy hervor und wählte Nates Kontakt. Er war entsprechend überrascht, dass ich anrief, freute sich jedoch darüber. Wir unterhielten uns nochmals etwas ausführlicher über seine Reise und dann kurz über meinen Tag. Immer wieder warf ich Louisa und den beiden Kleinen einen Blick zu, doch sie schienen mich nicht zu brauchen. Ich bemerkte, dass Louisa mich ab und an anschaute. Nach etwa fünf Minuten verabschiedete ich mich wieder von Nate und wir versprachen einander, dass wir schreiben würden. Dann legte ich zufrieden auf. Es war nicht so, dass diese fünf Minuten die Welt ausmachten, aber dennoch war es ein anderes Gefühl, ein vollständiges Gespräch führen zu können und nicht mitten im Satz abbrechen zu müssen. Auf diese Weise hatten wir beide loswerden können, was uns wichtig war. Zufrieden ging ich zurück zu Louisa. »Da bin ich wieder.«

Louisa warf mir ein Lächeln zu. Sie wirkte wie jemand, der viel lächelte. Überhaupt wirkte sie wie eine offene Person und ich fühlte mich augenblicklich wohl in ihrer Anwesenheit. »Wie heißt er denn?«, wollte sie nun wissen.

»Nate«, erwiderte ich und fügte nach einer Pause ungefragt hinzu: »Ich kenne ihn sozusagen vom Kino.«

Louisa runzelte amüsiert die Stirn. »Blind Date, meinst du?«

»Nein, ich arbeite an der Kinokasse.« Ich lachte. »Daher war unser erstes Date schon vorprogrammiert.« Ich erinnerte mich noch gut daran, auch wenn es schon eine Weile her war.

Jetzt lachte Louisa auch. »Das ist ja praktisch. Seid ihr schon la-« Sie unterbrach ihren Satz, als ein Ball auf sie zuflog. Reflexartig packte sie das Wurfgeschoss, bevor es in ihrem Gesicht landen konnte. »Jenny!«, rief sie tadelnd. Das kleine Mädchen kam auf sie zu gerannt und als sie sah, was passiert war, brach sie in Gekicher aus. Ich verkniff mir das Lachen angesichts der Reaktion von Jenny. Louisa versuchte, ernst zu bleiben, aber ich konnte an den Grübchen sehen, dass sie ebenfalls lachte. Sie beugte sich zu dem Mädchen hinunter. »Ja ja, mach dich nur lustig über mich. Hier hast du den Ball wieder.«

Jenny nahm ihn giggelnd entgegen. »Danke Lou.« Dann warf sie ihn wieder in Mias Richtung, welche den Ball nicht fing und ihm stattdessen hinterhereilte.

Ich kicherte. »Sie scheint lustig zu sein.«

»Ja, das ist sie wirklich.« Louisa schmunzelte. »Ein wenig aufgedreht ebenfalls.«

»Na, dann passt sie ja perfekt zu Mia.«

Louisa warf mir einen amüsierten Blick zu, brauchte jedoch ein paar Sekunden, um zu antworten. »Wie würdest du Mia denn beschreiben?«, wollte sie wissen.

Mein Blick glitt wieder zu meiner kleinen Schwester. Allein wenn ich sie ansah, spürte ich, wie sehr ich sie liebte. »Sie ist sehr lieb«, beteuerte ich und lächelte. »Sie ist meistens großzügig, aber manchmal auch frech, wenn sie ganz dringend etwas braucht. Schokolade zum Beispiel.«

»Das gehört dazu.« Louisa musterte mich. Ich trug eine graue Bluse, die ich in einen schwarzen Jeansrock gesteckt hatte. Ich trug selten Farben. »Du hast doch sicher auch freche Seiten?«

Ich warf ihr ein Lächeln zu. »Ist es nicht schon unglaublich anmaßend, dass ich dir einfach Mia aufdränge?«

»Doch, eigentlich gehört sich das absolut gar nicht, Jessica«, erwiderte Louisa kopfschüttelnd. »Ich erwarte mindestens einen Kinoeintritt von dir.«

Ich lachte herzlich. »Ich geb´ dir Bescheid«, versicherte ich ihr zwinkernd und ich meinte es sogar ernst. Wenn wieder ein guter Romantikfilm lief, könnte ich tatsächlich mal einen Mädchenabend planen … Und Louisa wirkte wie eine tolle Frau. Sie schien die Art von Person zu sein, die jedem das Gefühl geben konnte, man selbst sein zu können. Kurz schaute ich sie genauer an und auf einmal spürte ich Nervosität in mir aufkommen. Sollte ich sie um ihre Nummer fragen? Als ich aufschaute, merkte ich, dass sie mich ebenfalls betrachtet hatte. Louisa selbst trug eine zerrissene Jeans, die jedoch stylisch aussah und bestimmt von guter Qualität war. Oben hatte sie ein gestreiftes Frauenhemd an, das ihr gut stand und gerade so weit offen war, dass man nicht zu viel und nicht zu wenig Dekolleté sah. Doch bevor der Moment seltsam werden konnte, unterbrachen wir den Blickkontakt und schauten wieder unseren »Kindern« zu.

»Mist«, sagte Louisa plötzlich. Ich schaute zu ihr. »Es ist schon nach vier Uhr. Jenny müsste längst bei ihrer Mutter sein.«

Ich hob die Augenbrauen. »Oh! Kriegst du Ärger?«

»Ich denke nicht, aber ich muss jetzt gehen.« Louisa warf mir einen gehetzten Blick zu. »Tut mir leid.«

»Musst dich nicht entschuldigen«, erwiderte ich schnell. Ich folgte ihr zu Jenny und Mia, um ihr zu helfen, die beiden zu trennen. Ich erklärte Mia, dass Jenny gehen musste und wir noch ein bisschen bleiben würden. Die beiden Mädchen schienen sich echt zu mögen und es war entsprechend schwer, ihnen die Situation klar zu machen.

»Mia, wir werden uns ja wieder treffen«, versicherte ich meiner enttäuschten Schwester. Auch ich selbst würde gerne weiter mit Louisa reden und freute mich daher auf ein Wiedersehen. »Aber jetzt muss Jenny wieder zu ihrer Mama nach Hause, weißt du? Sonst macht sich die Mama Sorgen.«

Mia schaute mich aus großen Augen an und stimmte endlich zu. Sie umarmte Jenny umständlich und meinte zu ihr, dass sie zu ihrer Mutter müsse, da sich diese sonst sorgte. Louisa lächelte gerührt. »Sie ist so süß«, meinte sie leise zu mir und nahm Jenny in den Arm. Dann verabschiedeten wir uns und ich schaute Louisa noch nach, wie sie mit Jenny den Spielplatz verließ. Und erst, als sie außer Sichtweite waren, fiel mir auf, dass ich ihre Nummer nicht hatte. So ein Mist.

Es war beinahe Schicksal, dass wir uns am nächsten Tag wieder trafen.

Ich traute meinen Augen kaum, als ich mit Mia durch den Park lief und plötzlich eine junge, hübsche Asiatin mit einem kleinen, brünetten Kind sah. Ich konnte meine Aufregung nur schlecht verbergen. »Hey, Louisa!«, rief ich, als wir in Hörweite waren.

Louisa wandte augenblicklich den Kopf und als sie mich sah, breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Etwa zur selben Zeit entdeckten sich Jenny und Mia. Automatisch bewegten wir uns aufeinander zu. Mia begann, aufgeregt in Richtung Jenny zu hüpfen und ich beschleunigte entsprechend meinen Schritt, um mit meiner Schwester mithalten zu können.

»Jenny, Jenny!«, rief sie in regelmäßiger Wiederholung.

Louisa umarmte mich zur Begrüßung wie eine alte Freundin. Ohne große Besprechung stand fest, dass wir den Nachmittag zusammen verbringen würden.

Zwei Stunden später befanden wir uns auf einer abenteuerlichen Wanderung am schmalen Ufer eines Flusses entlang. Der Fluss war eigentlich eher ein breites Rinnsal mitten im Kinderpark und das Ufer ein Trampelweg, aber es war dennoch Wasser und daher hochinteressant für die beiden Kleinen. Wir schlenderten also dem Bächlein entlang und passten auf, dass keines der Mädchen ins Wasser fiel. Louisa und ich waren in eine Unterhaltung vertieft, die nur gelegentlich unterbrochen wurde, wenn unsere Kleinen stehen blieben. Jenny und Mia gingen ein paar Schritte vor uns und hielten alle paar Minuten an, um etwas vom Boden hochzuheben oder einem Fisch im Wasser hinterherzusehen.

Abrupt machte Louisa einen Sprung auf Jenny zu, die aus irgendeinem unerklärlichen Grund entschieden hatte, dass sie sich in den Bach setzen müsste, und zog das Mädchen wieder hoch. Dabei trat sie selbst aus Versehen ins Wasser und wurde durch das sich bewegende Mädchen aus dem Gleichgewicht gebracht. Ehe sie es sich versah, rutschte sie aus und landete im Rinnsal. Ich versuchte bestürzt, sie aufzufangen, doch es war zu spät. Sie saß mitten im Nass, das zu allem Übel auch noch voller Erde und sonstigem Dreck war.

»Oh Mist, Louisa!«, entfuhr es mir. »Alles okay?«

Ich beugte mich zu ihr herunter und fasste sie am Arm.

Louisa lachte halb, halb fluchte sie. »Mir geht’s gut, danke. Iiih, meine Hose. So ein Mist!« Sie ließ sich von mir aufhelfen und schaute dann angeekelt ihre Jeans an, sich immer noch an mir festhaltend. Die Hose war einst von einem hellen Blau gewesen, doch jetzt war sie von Schlamm überzogen und das linke Bein war komplett nass. Mit einer Hand versuchte sie, die Jeans zu säubern, bewirkte aber eher das gegenteilige Ergebnis; der Schlamm verbreitete sich noch mehr auf dem Hosenbein. Mia hatte zum Glück den Anstand, nicht zu lachen.

Ich kam nicht umhin zu bemerken, dass sie schöne lange Beine hatte. »Hast du irgendwas zum Wechseln dabei? Und bist du dir sicher, dass du dir nicht wehgetan hast?«

»Ja, ich bin wirklich unverletzt, danke Jessica«, beteuerte Louisa und warf mir ein fast schon gerührtes Lächeln zu. Dann schüttelte sie jedoch bekümmert den Kopf. »Aber ich hab´ nichts zum Wechseln da und muss nachher direkt in eine Vorlesung zur Uni …« Sie zog die Augenbrauen zusammen, in Gedanken nach einer Lösung suchend. »So ein Mist, ich kann unmöglich dazwischen nach Hause! Da brauche ich eine Stunde hin und zurück.« Jenny stand betreten neben Louisa und schien zwischen Schuldgefühlen und Belustigung zu schwanken.

»Hey, alles gut, wir finden eine Lösung«, sagte ich sofort beschwichtigend. Ihr verzweifelter Anblick löste einen Beschützerinstinkt in mir aus. Ich bemerkte, dass wir immer noch unsere Arme hielten, und ließ sie vorsichtig los. »Ich wohne nicht so weit weg von hier. Du kannst eine Hose von mir haben.« Ich betrachtete sie nochmals etwas genauer, um zu sehen, ob wir dieselbe Größe trugen. Wir waren beide schlank, aber Louisa hatte längere Beine als ich. Andererseits war ich etwas größer als sie, daher könnte sich das wieder ausgleichen.

Louisa schaute mich aus großen Augen an. »Oh, wirklich? Könntest du mir eine ausleihen?«, fragte sie hoffnungsvoll und auf einmal ein wenig scheu.

»Natürlich«, versicherte ich ihr. Das war wirklich kein Problem, und dabei könnte ich sie vielleicht nach ihrer Nummer fragen, um das nächste Treffen besser vereinbaren zu können … und mit ihr ins Kino zu gehen.

Also machten wir uns auf den Weg zu mir nach Hause, damit Louisa die schmutzige Hose loswerden konnte. Vor meinem Kleiderschrank merkte ich, dass wir einen einigermaßen ähnlichen Style hatten. Zwar trug Louisa mehr Farben und kombinierte die Dinge anders, aber wir trugen beide Jeans, Blusen und Hemden. Nur mochte Louisa im Gegensatz zu mir keine Röcke, wie ich bemerkte, als ich ihr einen anbieten wollte.

Vehement wehrte sie ab, als hätte ich ihr ein Dirndl und orange gepunktete Strümpfe hingehalten.

»Okay, dann finden wir eine Jeans«, meinte ich amüsiert und schaute meine Jeansauswahl an. Diejenige von Louisa war eine verwaschene Bluejeans gewesen und ich suchte eine heraus, die ebenfalls verwaschen war. Zwar war meine dunkler, aber es ging ja jetzt nicht um Umstyling, sondern um eine Ersatzhose.

»Vielen Dank, die ist perfekt«, bedankte sich Louisa, als ich ihr die Jeans hinhielt.

»Was anderes darfst du über meine Jeans auch nicht sagen«, erwiderte ich zwinkernd und schloss den Schrank wieder.

Louisa schaute mich kurz zögernd an, dann drehte sie mir den Rücken zu und zog ohne Scham ihre Hose aus. Wir waren in meinem Zimmer und die beiden Kleinen hatten wir ins Wohnzimmer zu Mias Spielsachen gesteckt, damit wir für ein paar Minuten unsere Ruhe hatten. Ich bemerkte, dass Louisa wohl Sport machte, da sie sowohl definierte Bein- als auch Armmuskeln hatte. Ihr Hautteint war milchschokoladenfarben, der sich mit dem hellen Hemd, das sie trug, schön hervorhob. Sie schlüpfte in meine Hose und drehte sich um, noch während sie den letzten Knopf zumachte. Ich betrachtete sie von oben bis unten. »Steht dir gut«, sagte ich und meinte es auch so. Wir hatten tatsächlich eine ähnliche Kleidergröße und die Jeans betonte ihre schlanke Figur.

»Danke.« Louisa schmunzelte und klang beinahe überrascht über mein Kompliment.

Eine Sekunde lang schauten wir uns stumm an. Dann hörte ich hüpfende Schritte vom Gang her und es war klar, dass der Moment vorüber war.

»Jessiiiee, wo bist du?«

Kapitel 2 – Filmabend

Ich dachte sofort an Louisa, als ich die Mail las. Ein neuer Romantikfilm kam ins Kino und ich hatte zudem Rabatt auf die Tickets! Die Information fand ich im Newsletter des Kinos, den ich aus Solidarität abonniert hatte. Gerade war ich auf dem Weg zum Tagesheim, um dort Mia abzuholen. Als ich die Filmbeschreibung las und dabei einen Blick auf die Spielzeiten warf, wusste ich, dass ich irgendetwas organisieren musste.

Der Film würde bereits heute Abend um neun Uhr laufen. Gerade wollte ich mir die Sache bedauernd aus dem Kopf streichen, aber da fiel mir ein, was mir meine Tante letztens gesagt hatte. Dass sie Mia gerne mal übernehmen würde, um einerseits mich zu entlasten und andererseits Zeit mit ihrer Nichte verbringen zu können. Ihre eigenen Kinder waren bereits ausgezogen und sie schien die junge Energie zu vermissen. Wäre das nicht der perfekte Moment dafür? Also rief ich noch auf dem Weg zu Mia meine Tante an. Sie verstand die Situation und freute sich, auf Mia aufpassen zu dürfen. Gleich nachdem ich aufgelegt hatte, nutzte ich die restlichen hundert Meter bis zum Tagesheim, um Louisa zu schreiben. Ich fragte sie erst einmal, was sie heute vorhatte, ohne gleich mit der Tür ins Haus zu fallen.

Ich merkte, dass ich nervös auf ihre Antwort wartete, und war froh, dass Mias unerschütterliche Energie mich ablenken konnte. Was, wenn sie schon etwas geplant hatte und meine Vorkehrungen mit meiner Tante umsonst waren? Sie wirkte wie eine vielbeschäftigte Person und wenn sie auch nur halb so tickte wie ich, hatte sie schon Aktivitäten vorgeplant für die nächsten paar Tage.

Mia rannte auf mich zu, sobald sie mich sah. In der Hand hatte sie ein Blatt, das sie mir aufgeregt zeigte und sie hatte bereits Schuhe und Jacke an. »Schau, Jessie, wir haben heute gezeichnet! Ich wollte dich und mich zeichnen, das da bist du.« Sie deutete auf einen roten Kreis mit drei Strichen daran. »Und du hältst meine Hand, siehst du?«

Gerührt nahm ich das Bild in die Hand. »Wow, du hast dir ja echt Mühe gegeben«, sagte ich staunend. In der Tat waren die Kreise nicht mal so schlecht. Dafür, dass es Kreise waren. »Ist das hier die Sonne?« Da war ein gelber Kreis.

»Jaa, du hast es erkannt!« Mia hüpfte aufgeregt neben mir und ich schaute kurz besorgt auf die Straße.

»Natürlich erkenne ich das!« Ich lächelte meine kleine Schwester an. Erst, als Mia und ich zu Hause waren, schaute ich wieder auf mein Handy und sah, dass Louisa mir schon eine Antwort geschickt hatte. Sie habe nichts geplant und fragte, ob ich Unterstützung brauchte mit Mia. Ich lächelte gerührt über ihre Hilfsbereitschaft, schrieb ihr daraufhin aber den Vorschlag mit dem Filmabend im Kino. Dann legte ich das Handy wieder weg, wohlwissend, dass meine Handyzeit für heute schon aufgebraucht war.

Ich war seltsam nervös, als ich mich von meiner Tante verabschiedete und wieder auf den Weg nach Hause machte. Louisa hatte sich sehr über meinen Vorschlag gefreut. Sie würde mich um halb acht Uhr zu Hause abholen, da das Kino näher an meinem Haus war als an ihrem – sie wohnte etwas außerhalb der Stadt. Der Film begann um neun, so hatten wir noch Zeit vor dem Kino. Ich schaute immer wieder auf die Uhr und wurde mit jedem Schritt unruhiger, obwohl es erst kurz vor sechs Uhr war. Neue Freundschaften waren immer eine aufregende Sache, fand ich. Ich wollte einen positiven Eindruck hinterlassen und obwohl ich wusste, dass Louisa und ich uns gut verstanden, hoffte ich, dass es auch heute unbeschwert verlaufen würde. Ich hatte das Gefühl, dass Louisa die Art von Person war, mit der jeder gerne zusammen war. Sie strahlte eine positive Energie aus, die auf ihr Umfeld abfärbte und jede Party auflockern würde. Bestimmt war sie immer das führende Mädchen in ihrer Klasse gewesen und hatte viele Freunde. Natürlich gönnte ich ihr das, aber dennoch führten diese Gedanken dazu, dass ich mich fragte, ob ich cool genug für sie war. Was, wenn sie kein Interesse an neuen Freunden hatte? Was, wenn ich einfach ein Zeitvertreib war, weil ihre Freunde in den Ferien waren?

Ich kam zu Hause an und beschloss, mich nochmals zu duschen. Es war ein warmer Tag gewesen und ich roch nicht mehr so frisch. Also ging ich ins Badezimmer und zog mich anschließend neu an. Kurz dachte ich an Louisas Kommentar über Röcke. Mit einem leichten Lächeln auf den Lippen zog ich einen schwarzen Jeansrock aus dem Kleiderschrank. Nur, weil sie keine Röcke trug, musste das nicht heißen, dass sie es an anderen Leuten nicht mochte. Schließlich mochte ich ihre helle Kleidung, auch wenn ich selbst gerne dunkel trug. Also kombinierte ich es mit einem dunkelblauen Top, das ich in den Rock steckte. Es war ein schönes Gefühl, ungezwungen meinen Kleiderstil so wählen zu können, wie ich ihn mochte.

Als Kind hatte ich gerne dunkle Farben angezogen und auch als ich in die Pubertät kam, war ich bei dem Stil geblieben. Doch ich erinnerte mich noch gut an einen Kommentar von einem Mädchen in meiner Klasse. Jungs mögen es nicht, wenn sich Frauen so dunkel anziehen. Das wirkt traurig. Zwar war es nicht mal an mich gerichtet gewesen, aber diese beiden Sätze hatten sich in mein Hirn eingebrannt, sodass ich mich seither nie wieder ganz in schwarz gekleidet hatte. Selbst jetzt, wenn ich mit Nate ausging, trug ich mindestens eine Farbe zu den schwarzen Basics. Doch da Nate nun nicht hier war, fühlte ich mich auf einmal frei, mich wieder in dunkelblau und schwarz zu kleiden. In meinen Gedanken jedoch beschloss ich, dass ich diese Worte endlich vergessen musste. Woher sollte das Mädchen das überhaupt wissen? Warum gab ich dem so viel Gewicht?

Kopfschüttelnd schob ich die Gedanken beiseite und machte mich daran, meine Haare zu föhnen. Zum Schluss trug ich einen dunkelroten Lippenstift auf, den ich vor Kurzem gekauft hatte. Ich liebte Lippenstifte über alles und besaß beinahe jede Rotschattierung, die es gab.

Bereits um zwanzig nach sieben saß ich in der Küche, die direkt neben der Tür war, und wartete. Ich googelte nochmals den Film und hoffte, dass Louisa ihn mochte. Was, wenn sie nicht so der Romantiktyp war, sondern lieber einen Horrorfilm schauen würde? Aber ändern konnte ich sowieso nichts mehr. Ich zuckte zusammen, als die Klingel ertönte. Hastig sprang ich auf und öffnete meiner neuen Freundschaft die Tür. Louisa stand unmittelbar vor mir, sodass ich für einen Moment bloß ihr Lächeln und ihre Augen sah, die lebenslustig funkelten.

»Hey, Jessica«, grüßte Louisa überschwänglich und nahm mich wie selbstverständlich in den Arm. Sie roch nach Äpfeln und einem zweiten Geruch, den ich nicht ganz zuordnen konnte. Ich erwiderte die Umarmung etwas überrumpelt und zwang mein Gehirn, einen Satz zu formulieren.

»Hey, schön dich zu sehen«, antwortete ich, lächelte zurück, und fühlte die Unbeschwertheit in mir aufkommen, die ich in ihrer Nähe immer fühlte. Wir lösten uns wieder und erst jetzt konnte ich sie betrachten. Sie trug wie erwartet eine Jeans, diesmal eine Skinny Jeans ohne Löcher. Weiter hatte sie ein lockeres T-Shirt an, das sie so zusammengebunden hatte, dass man ein Fingerbreit Haut zwischen Hosenbund und Oberteil sah. Ich musste zugeben, dass sie ein gutes Auge für Stil hatte. Beeindruckend. Und selbst das kleine Stückchen Bauch, das man bei ihr zu sehen bekam, sah trainiert aus. Ich musste sie bei Gelegenheit fragen, was für Sport sie machte. Gleichzeitig nahm ich mir vor, wieder mehr joggen zu gehen – das letzte Mal war schon zu lange her. Nun suchte Louisa etwas in ihrer Tasche und reichte mir eine zusammengefaltete Hose. Erst auf den zweiten Blick erkannte ich meine Jeans wieder.

»Hier, ich habe sie gewaschen«, meinte Louisa lächelnd.

»Oh, vielen Dank, das wäre nicht nötig gewesen«, erwiderte ich, nahm die Hose an und bat Louisa kurz in die Wohnung.

Louisa lachte. »Na ja, ich musste sowieso Wäsche machen …« Sie folgte mir in mein Zimmer, wo ich die Jeans wegräumte. Ich stand mit dem Rücken zu ihr, als sie sagte: »Ah, den Rock habe ich letztes Mal in deinem Schrank gesehen. Steht dir gut.«

Überrascht drehte ich mich um, mein Gehirn brauchte eine Weile, um zu begreifen, dass sie von dem Rock redete, den ich trug. »Wirklich? Danke!«

»Du wirkst so überrascht«, lachte Louisa. Unbeschwert fuhr sie fort: »Mag dein Freund den Rock denn nicht?« Ich sah ihrem Gesicht an, dass sie sofort bereute, was sie gesagt hatte. Das Lächeln verschwand und sie biss sich unsicher auf die Lippen.

Ich fand den Kommentar jedoch nicht schlimm – auch wenn sie damit ins Schwarze getroffen hatte. »Na ja, er achtet nicht so darauf, was ich trage«, wich ich aus. Das stimmte, er gab selten direkte Kommentare zu meiner Kleidung ab. Andererseits erwartete ich das auch nicht von ihm, zumal er mir andere Komplimente gab.

»Männer halt.« Louisa zuckte mit den Schultern, nun wieder so locker wie zuvor. Mir war schon häufiger aufgefallen, dass Louisa schnell ihre Laune wechseln konnte – ins Positive. Dennoch fragte ich mich, ob diese lockere, offene Art stets echt war oder ob sie damit auch andere Gefühle überspielte. Eigentlich wirkte sie ganz authentisch. Kurz schaute sie auf die Uhr. »Wann beginnt der Film eigentlich?«

»Erst um neun, wir haben noch Zeit.«

»Hm … hast du Hunger?«

Ich schaute auf. »Ich hab´ noch nichts gegessen.«

»Super«, meinte Louisa fröhlich und zog mich an der Hand aus dem Zimmer. »Dann können wir ja noch was essen gehen bis dann.«

»Gute Idee.« Gemeinsam verließen wir die Wohnung und spazierten Richtung Innenstadt. In meinem Kopf ging ich die Restaurants in der Nähe durch und fragte mich, ob Louisa bereits eine Idee hatte, wohin sie gehen wollte. Es gab eine breite Auswahl in der Stadt, von italienisch über arabisch bis zu japanischen Gerichten. »Magst du Sushi?« Mir fiel auf einmal ein, dass es in der Nähe ein gutes All you can eat Sushi Restaurant gab.

Louisa warf mir einen interessierten Blick zu und nickte dann. »Ja, solange sie vegetarisch sind…«, erwiderte sie.

Ich hob die Augenbrauen. »Ah, bist du Vegetarierin?«

Louisa nickte lächelnd. »Ja, ich mag Tiere lebendig.«

Ich musste lachen. »Versteh ich. Meinst du, es gibt genug vegetarisches Angebot in dem All you can eat hier?«

»Hm… ich habe einen Vorschlag. Kennst du Gimbap?«

Ich schaute sie fragend an.

Sie lachte nervös – eine Emotion, die ich bei ihr noch nie gesehen hatte. »Das ist koreanisch… Ähnlich wie Sushi, aber meistens ohne Fleisch oder Fisch.« Sie zögerte. »Also, man kann es schon auch mit Fisch bestellen, wenn man will.«

Ich hob interessiert eine Augenbraue. Ich kannte bisher nur koreanische Fernsehserien, aber dieses Gimbap hörte sich interessant an. »Ich brauche auch nicht täglich Fleisch«, beruhigte ich sie rasch. »Und das hört sich gut an! Kann man das in der Stadt essen?«

Louisa nickte erfreut und deutete nach rechts. »Ja, dort drüben gibt es ein koreanisches Restaurant.«

»Dann lass uns das ausprobieren!«, meinte ich aufgeregt. Ich liebte neue Kulturen und fragte mich nun, ob Louisa Koreanerin war.

Louisa schien überglücklich, was fast schon süß war. »Yeah, ich hatte das schon ewig nicht mehr.«

»Bist du denn aus Korea?«, fragte ich vorsichtig.

»Südkorea«, erwiderte sie nickend. »Aber ich bin hier geboren.«

»Cool«, kommentierte ich. Ich wünschte mir manchmal, dass ich aufregendere Wurzeln hätte als zwei deutsche Eltern, in Deutschland aufgewachsen, Deutsch als Muttersprache. Vielleicht war das der Grund, warum ich in der Schule Spanisch und Dänisch gewählt hatte und Geld verdiente, um mir später Reisen finanzieren zu können. Allgemein genoss ich es, via Bücher, Filme oder Musik mehr über fremde Kulturen und Sprachen zu lernen. »Dann kannst du Koreanisch sprechen?« Mittlerweile gingen wir in die Richtung, in die Louisa zuvor gedeutet hatte.

Louisa nickte wieder. »Ja, ich spreche mit meinen Eltern immer koreanisch.«

»Wow, ich verstehe Koreanisch nur mit Untertiteln«, lachte ich und rollte mit den Augen.

Louisa lachte und stieß mir spielerisch in die Hüfte. »Hey, das ist ja auch was.«

»Vielleicht lerne ich irgendwann ein paar Wörter«, erwiderte ich schulterzuckend. »Lange genug Serien schauen.«

Louisa schaute mich überrascht an. »Du schaust koreanische Serien?«

Ich nickte lächelnd. »Ja! Descendants of the sun, sag ich da nur.«

Louisa lächelte breit, sie sah aus, als würde sie mich dafür am liebsten küssen. Stattdessen legte sie mir kurz die Hand auf die Schulter. »Yeah, die gefällt mir auch sehr! Die Protagonistin, wow.« Sie machte eine wedelnde Geste mit der Hand, die wohl darstellen sollte, dass sie die Schauspielerin Song Hye-Kyo toll fand. Zugegebenermaßen sah sie ganz gut aus. »Wir müssen die mal zusammen schauen!«

»Definitiv!«, stimmte ich sofort zu und schaute lächelnd nach vorne. Ich sah, dass wir uns nun dem Restaurant näherten, da ich ein koreanisches Schild über dem Eingang entdeckte. Zwar konnte ich es nicht lesen, aber ich erkannte die Schrift. Louisa steuerte in der Tat darauf zu.

»Ich hoffe, du magst es«, meinte Louisa auf einmal, als wir davorstanden. Sie schien beunruhigt.

Ich legte ihr ermutigend eine Hand auf die Schulter. »Bestimmt, Louisa«, beteuerte ich. »Ich probiere gerne neue Sachen aus.« Ich zögerte und grinste. »Außerdem vertraue ich deiner Einschätzung.«

Louisa lachte und nahm das als Ermunterung, das Restaurant zu betreten. Es war nicht sehr groß, sowohl der Raum als auch die Möblierung waren klein gehalten. Aber irgendwie gefiel mir die gemütliche Atmosphäre. Die Möbel waren aus dunklem Holz und es lag ein dunkelgrüner Teppich auf dem Boden. Die Wände waren in Beige und durch das Fenster fielen ein paar letzte Sonnenstrahlen. Es roch nach Essen – wenn auch nicht so, dass es unangenehm war -, und ich konnte Geräusche aus der Küche hören. Neben Louisa und mir waren nicht viele Gäste hier, bloß drei Tische waren besetzt. Sobald wir den Raum betraten, kam uns eine koreanisch aussehende Bedienung entgegen und Louisa bat auf Koreanisch nach einem Tisch. Aus irgendeinem Grund machte es mich stolz, dass Louisa hier authentisch bestellen konnte, und ich hielt mich während ihrer Konversation dezent im Hintergrund. Denn an den leuchteten Augen der koreanischen Frau konnte ich sehen, dass sie sich freute, dass Louisa ihre Sprache konnte. Dies war einer der Gründe, warum es mir so gefiel, neue Sprachen und Kulturen kennenzulernen – man konnte sich viel vertrauter unterhalten, als wenn wir alle in gebrochenem Englisch reden würden. Schlussendlich führte die Bedienung uns an einen Tisch und reichte uns sogleich die Karte. Ich lächelte Louisa an, sobald die Frau weg war. »Ich muss jetzt wohl die Insiderin von uns beiden um Rat fragen, was ich bestellen sollte?«

Louisa lächelte mich keck an. »Wenn du mir genügend vertraust, bestelle ich etwas für dich.«

Kurz darauf saßen wir beide vor unseren Tellern Gimbap. Gimbaps waren größer als Sushi und mit mehr gefüllt, als ich es kannte. Louisa hatte für uns beide die vegetarische Variante bestellt. Gespannt packte ich die Stäbchen aus und war stolz, dass ich noch wusste, wie man damit aß. Dennoch war ich leicht nervös, denn Louisa wirkte so, als ob sie mit den Stäbchen auch Linsen essen könnte.

Beide steckten wir uns das erste Stück in den Mund und ich sah, dass Louisa mich aus den Augenwinkeln heraus anschaute, wie um sicherzugehen, dass ich es nicht wieder ausspuckte. Ihre Augenbrauen waren leicht besorgt zusammengezogen. Doch es war tatsächlich köstlich und ich machte eine entsprechende Miene, um sie zu beruhigen.

»Was hast du eigentlich mit Mia angestellt?«, wollte Louisa nun mit amüsiertem Unterton wissen.

Ich musste über ihre Formulierung lachen. »Meine Tante wollte sowieso mal einen Abend lang auf sie aufpassen«, erklärte ich. »Und da dachte ich, ich nutze die Gelegenheit.«

Louisa nickte verstehend. »Praktisch«, meinte sie. »Wann musst du sie wieder abholen?«

»Ich muss nach dem Film schauen, was meine Tante mir schreibt. Wenn Mia dann schläft, lasse ich sie lieber schlafen und hole sie morgen früh ab. Ansonsten würde ich nachher direkt vorbei gehen.«

»Macht Sinn«, gab Louisa zu. »Sonst weckst du die Kleine auf.«

Ich nickte zustimmend. »Weißt du, ich hab´ meiner Tante gesagt, dass ich gerne ins Kino gehen würde, da heute ein guter Film läuft und ich von der Arbeit her Rabatt bekomme«, begann ich. In der Hand drehte ich die Stäbchen hin und her.

Louisa schaute mich abwartend an. Kurz blieb mein Blick in ihren Augen hängen, die von einem sanften Braun waren und mich aufmerksam betrachteten.

»Dann sagte sie bei der Verabschiedung: ‚Und viel Spaß dir mit deinem Date‘«, fuhr ich lachend fort. »Sie hat automatisch angenommen, dass ich mit meinem Freund ausgehen würde.«

Auch Louisa musste lachen, doch sie senkte dabei den Blick, kurz huschte eine Emotion über ihr Gesicht, die ich nicht ganz zuordnen konnte. »Hast du hinterhergerufen: ‚Nein, es ist ein Mädchen!‘?«

»So in etwa.« Kurz schaute ich sie an. Ich würde gerne fragen, ob sie einen Freund hatte, doch irgendwie traute ich mich nicht. Es könnte wertend rüberkommen, nachdem ich selbst von Nate erzählt hatte. Und ich hatte das Gefühl, dass sie momentan single war, sonst hätte sie schon von selbst etwas gesagt, oder?

»Was denkst du?«, fragte Louisa nun, die mir offenbar den inneren Konflikt angesehen hatte.

Ich spürte, wie ich ertappt errötete. »Ich wollte nur fragen, ob du einen Freund hast oder mal hattest«, sagte ich, ehe ich mich davon abhalten konnte.

Louisa zögerte. »Ja, ich hatte mal eine Beziehung«, sagte sie, ihr Blick lag intensiv in meinem. »Aber momentan bin ich single.«

Etwas an ihrem Unterton sagte mir, dass ich nicht nachfragen sollte, warum es auseinandergegangen war, und sofort tat mir die Frage wieder leid. In mir drin regte sich etwas wie ein Beschützerinstinkt. Ich hoffte, dass nichts Schlimmes vorgefallen war – dass sie ihn beispielsweise nicht in flagranti erwischt hatte. Wer konnte eine Frau wie Louisa schon betrügen? Gleichzeitig war ich verwirrt über die Gefühle in mir. Warum wollte ich sie vor etwas beschützen, das schon längst Vergangenheit war? »Okay, das single-Leben sollte man auch genießen«, meinte ich stattdessen und versuchte, meine Grübeleien zu unterbrechen. Ich packte ein Stück Gimbap und tauchte es in eine grüne Sauce nebenan.

Louisa lächelte breit, ohne hinzuschauen, nahm sie ebenfalls ein Stück zwischen die Stäbchen. Die Stimmung war augenblicklich wieder lockerer geworden. Das mochte ich an Louisa, dass sie binnen Sekunden eine angenehme Atmosphäre schaffen konnte. Schon nur mit ihrem Lächeln hatte sie mir gezeigt, dass das Thema okay war, dass sie wieder ans Jetzt dachte und nicht an ihren Ex. »Na, da hast du Recht …«

Gleichzeitig steckten wir uns die Stückchen in den Mund. Wir waren nun beinahe fertig mit unseren Tellern und es war überraschend sättigend gewesen. Doch als ich nun das Stück in den Mund steckte, erstarrte ich plötzlich. Scheiße. Das war scharf. Sehr scharf. Meine Augen begannen zu tränen und die Schärfe stieg mir in den Kopf. Ich hasste scharf.

Ich hatte wohl ein Geräusch gemacht, denn Louisa sah mich erschrocken und leicht besorgt an. »Was ist?«

»Hm«, machte ich erstickt. Ich versuchte, das Gimbap hinunterzuwürgen und hustete. »Das ist … scharf.« Ich klang, als hätte ich eine heftige Erkältung. Die Schärfe zog sich hinauf bis in meine Nase und fast augenblicklich begann diese zu laufen. Ich spülte das Gimbap mit Wasser hinunter, doch das machte es nur noch schlimmer und ich begann wieder zu husten. Beschämt drehte ich mich etwas von Louisa weg.

»Mist«, sagte Louisa, stand auf und klopfte mir auf den Rücken. Mit der anderen Hand griff sie über den Tisch und hielt mir was hin. »Hier, iss das.«

Durch meine tränenden Augen sah ich nicht wirklich, was es war, aber ich folgte ihrer Anweisung. Erst, als ich es heruntergeschluckt hatte, merkte ich, dass es Mayonnaise war. Wo zum Teufel hatte sie Mayonnaise gefunden? Doch die Konsistenz linderte die Schärfe und langsam beruhigte ich mich wieder. »Wie peinlich«, schniefte ich. »Danke.«

Louisa hielt mir wortlos ein Päckchen Taschentücher entgegen und wartete geduldig, bis ich sie ihr wieder zurückgab. Anscheinend kannte sie sich mit der Sauce aus.

»Geht’s wieder?«, fragte sie sichtlich besorgt und setzte sich.

Ich nickte rasch, mein Kopf nun rot vor Scham. »Ja, danke«, wiederholte ich.

»Kein Problem. Hast du etwa die Wasabi-Sauce gegessen?«, fragte sie.

Ich schaute auf meinen Teller und deutete auf die grüne Sauce. »Das hier? Ja …« Tatsächlich hatte ich während des Redens nicht so darauf geachtet, in was ich mein Gimbap getaucht hatte und viel zu viel von der Paste genommen.

»Huch, in der Menge ist das sogar für mich scharf«, meinte Louisa überrascht. »Traue nie japanischen Saucen.«

Ich lachte. »Ist das nicht koreanisch?«

Louisa zuckte mit den Schultern. »Doch, aber die Sauce ist japanisch. Traditionell isst man Gimbap gar nicht mit Wasabi. Also kannst du eigentlich den Köchen hier die Schuld geben.«

Ich lachte wieder, das schien zur Gewohnheit zu werden um Louisa herum. »Na ja, ich sollte auch keine neuen Saucen in der Menge probieren, wenn ich scharf allgemein nicht so mag.«

»Ja, das wäre fürs nächste Mal auch eine Idee.«

Nach dem Essen schlenderten wir durch die Stadt in Richtung Kino, da wir noch genügend Zeit hatten. Louisa hatte das Nachtessen erst zahlen wollen, da »du ja schon das Kino ermöglichst« und als »Entschädigung« für meine Begegnung mit Wasabi, aber ich hatte darauf bestanden, meinen Teil selbst zu zahlen. Und zum Glück hatte die Bedienung auch Deutsch gesprochen, sodass ich mich durchsetzen konnte.

Louisa erzählte mir gerade, dass sie im ersten Studienjahr war und Business und Marketing studierte. Irgendwie fand ich, dass diese Fächer gut zu ihr passten, sie war sicher eine geschickte Promoterin. Außerdem hatte sie einen Blog, wie sie mir erzählte. Nach einigem Nachfragen rückte sie damit heraus, dass ihr Blog schon etwas Erfolg hatte und sie damit ein bisschen Geld ans Taschengeld verdiente. Ich nahm mir fest vor, diesen Blog später zu finden. Konnte doch nicht allzu schwer sein, oder? Louisa wohnte zwar noch zu Hause, doch ich erfuhr nicht viel über ihre Eltern und ließ das Thema dann bleiben.

Stattdessen wollte Louisa mehr über mich wissen. »Hast du außer Mia noch andere Geschwister?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, Mia ist meine einzige Schwester. Na ja, also eigentlich ist sie meine Halbschwester.«

Louisa warf mir einen Blick zu. »Oh… dann sind deine Eltern getrennt?«

Ich nickte. »Seit fünf Jahren.« Es war nicht so, dass ich nicht damit klarkam. Aber ich dachte auch nicht besonders gerne daran.

»Tut mir leid.«

»Schon okay«, sagte ich rasch und zuckte mit den Schultern. »Mias Vater ist nett, ich kann mich nicht beklagen.«

Louisa schaute mir in die Augen, ihre Stimme auf einmal überraschend sanft. »Du darfst dich dennoch beklagen.«

Ihre Worte fanden einen direkten Weg in mein Herz und augenblicklich wurde mir warm. »Na ja… ich hab´ ja immer noch Kontakt zu meinem Vater.« In mir drin regten sich jedoch Emotionen, von denen ich gar nicht wusste, dass sie noch existierten. Die Trennung zwischen meinen Eltern war verhältnismäßig ruhig verlaufen, aber dennoch war es mir am Anfang schwergefallen, die Umstellung zu akzeptieren. Ich überlegte mir, welcher Elternteil mir mehr ein Vorbild war, aber ich wusste es nicht. Ich hatte sowohl mit meiner Mutter als auch meinem Vater Gemeinsamkeiten und obwohl sich die Beziehung zu meinem Vater logischerweise geändert hatte, verstand ich mich immer noch gut mit ihm.

»Weißt du, Mias Eltern sind gerade in den Flitterwochen«, meinte ich und lachte, als ich hörte, wie ironisch sich das anhörte. »Also versteh mich nicht falsch, ich gönne es ihnen.«

Louisa lachte auf. »Wirklich?«

Ich nickte aufrichtig. »Ja, wirklich. Deshalb passe ich auf Mia auf.« In der Tat hatte ich mich damals gefreut, eine kleine Schwester zu bekommen, auch wenn sie einen anderen Vater hatte als ich.

»Ah, verstehe.« Sie machte eine Pause. »Das ist eine liebe Geste von dir.«

Ich war überrascht und wieder einmal füllte sich mein Körper mit Wärme. »Danke.« Nate hatte sich ebenfalls erstaunt gezeigt. Aber ich mochte Mia von Herzen und ich freute mich für meine Mutter, dass sie in einer liebevollen Beziehung war – selbst wenn es nicht mit meinem Vater war.

»Hm«, machte Louisa nachdenklich und ich schaute sie leicht fragend an. »Sie müssen Vertrauen in dich haben. Deine Eltern meine ich. Dass sie dir ein Mädchen in dem Alter überlassen.«

Einen Moment lang war ich verblüfft. Ja, ich war verantwortungsbewusst genug, dass ich auf Mia aufpassen konnte. Und in der Tat würde das wohl nicht auf jede achtzehnjährige Person zutreffen. Aber ich erkannte nicht sogleich, was Louisa damit sagen wollte. »Ich nehme das mal als Kompliment?«

Louisa machte große Augen. »Ja, bitte mach das!«

»Na dann, danke.« Ich musste erleichtert lachen. »Weißt du, meine Mutter ist glücklich mit Paul und das zählt für mich. Manchmal habe ich das Gefühl, sie sind verliebter als Nate und ich es sind.« Ich schaute nach vorne, sah, dass wir schon bald beim Kino waren, und verlangsamte automatisch die Schritte. Kurz runzelte ich die Stirn über meine eigenen Worte. Was erzählte ich ihr da alles? Irgendwie hatte sie einen Punkt in mir getroffen, der mich plötzlich offen reden ließ und ich merkte, dass ich mich wohl dabei fühlte, ihr meine Gefühle anzuvertrauen. Und das geschah bei mir meist nicht so schnell.

Louisas Augen weiteten sich bei meinen Worten kurz, mit einer Hand strich sie sich die schwarzen Haare aus dem Gesicht. Sie sah mich auf einmal wieder intensiv an und beinahe spürte ich beim Gehen ihre Schulter an meiner. »Oh, soll das heißen, du bist in deiner Beziehung nicht glücklich?«

Ich öffnete den Mund, aber wusste nicht, was ich erwidern sollte. Doch, klar war ich glücklich. Nur nicht mehr mit rosaroter Brille und Glitzer. Louisa brachte mich dazu, jedes meiner Gefühle zu hinterfragen. Erst mit meinem Vater, dann mit meinem Freund. Ich liebte Nate, das war keine Frage. Warum also konnte ich ihr keine klare Antwort geben? »Ähm…«, sagte ich äußerst geistreich. »Doch, klar.«

Louisa winkte schnell ab. »Tut mir leid, ich stelle zu persönliche Fragen.«

Ich lachte, war aber erleichtert, dass sie die Spannung aufgelöst hatte. »Schon okay.« Ich deutete nach vorne auf das Kino. »Hier rein.«

In der Tat kannten wir uns erst seit zweieinhalb Tagen, aber es fühlte sich an wie Monate. Ich hatte das Gefühl, Louisa schon ewig zu kennen und ihr alles anvertrauen zu können. Und das, obwohl ich sonst nicht leicht vertraute. Lag das an ihrer offenen Art, die jeden einzuladen schien? An ihrem Charme, ihrer fröhlichen Ausstrahlung? Oder ihrer Begabung, in mich hineinzusehen und meine Gefühle zu lesen? Es war beinahe schon beängstigend, aber ich fühlte nichts anderes als Geborgenheit.

Ich kümmerte mich um die Tickets und stellte sicher, dass wir den Rabatt bekamen. Dann kauften wir uns eine Packung Nachos zum Teilen und begaben uns in den Kinosaal. Wir suchten uns einen Platz in der Mitte des Saales und Louisa schob die Lehne zwischen uns hoch, damit wir die Nachos dort platzieren konnten. Sie hatte sich anscheinend gar nicht informiert, worum sich der Film drehte, denn jetzt stellte sie mir Fragen zum Inhalt.

Ich musste lachen. »Warst du so begeistert über den Rabatt, dass du den Trailer gar nicht angeschaut hast?«

»Nein!«, widersprach sie empört. Dann sprach sie etwas leiser. »Ich war bloß so begeistert über Kino mit dir, dass ich mir den Trailer gar nicht angeschaut habe.«

Mein Herz klopfte wie verrückt. Kino mit mir. Was an mir fand Louisa so interessant, dass sie mir ein derartiges Kompliment machte nach bloß zwei Tagen Bekanntschaft? Ich war vielleicht nicht langweilig, aber ich war auch nicht die, auf die sich alle stürzten. Doch Louisa schien das anders zu empfinden. Ich spürte einen Schauer und merkte erst dann, dass Louisas Hand in der Nachopackung leicht zu zittern schien. Bevor die Spannung zu groß wurde, ging der Beamer an.

Unsere Köpfe drehten sich nach vorne und wir warteten gespannt darauf, dass der Film begann. Während noch die Werbung lief, beugte ich mich etwas zu Louisa herüber und berührte ihre Hand, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. »Es ist eine Mischung aus Komödie und Liebesdrama.«

Louisa drehte ihren Kopf zu mir, ihre Augen schauten mich intensiv an. Ich hatte fast das Gefühl, dass sie unter meiner Berührung zusammengezuckt war. »Das ist perfekt«, meinte sie, doch ihr Blick bewegte sich unruhig auf und ab. Ihre braunen Augen erinnerten mich an flüssiges Karamell.

»Gut.« Ich nahm erleichtert meine Hand zurück und drehte mich wieder zur Leinwand um. Aber ich spürte, dass Louisa mich immer noch betrachtete, und ich fragte mich, was sie dabei dachte. Etwas nervös zupfte ich an meinem Top herum und widerstand der Versuchung, zu Louisa zu schauen. Stattdessen machte ich es mir in dem Sitz bequem und bald begann auch schon der Spielfilm.

Ich war erleichtert, als ich merkte, dass Louisa der Film gefiel. Schließlich hatte ich ihn ausgesucht und fühlte mich daher irgendwie verantwortlich. Doch wir lachten an denselben Stellen und schauten uns in denselben Momenten vielsagend an, wenn klar war, dass es romantisch werden würde. In den ersten paar Minuten flüsterte Louisa mir zu: »Der geht fremd. Der geht hundertprozentig fremd.« Und in der Mitte des Filmes bekam sie zu meiner Überraschung tatsächlich recht. Anerkennend schaute ich zu Louisa. »Wie hast du das gemerkt?«, wollte ich wissen.

Louisa zuckte mit den Schultern und ein Grinsen verzog ihre Lippen. »Ich sah es an seiner Haltung, als sie einander gegenübersaßen. Er war nicht seiner Frau zugewandt, sondern schaute an ihr vorbei.«

Ich hob die Augenbrauen. »Beeindruckend.«

Louisa schenkte mir ein Lächeln und schaute kurz an mir herunter. »Du glaubst nicht, wie viel man anhand der Körpersprache lesen kann.« Ihr Lächeln vertiefte sich und sie steckte sich gelassen einen weiteren Nacho in den Mund, als hätte sie nicht gerade etwas Zweideutiges gesagt. Ich schaute schnell zu den Nachos, da ich sie sonst weiter angestarrt hätte. Diese Frau. Sie war wirklich erstaunlich. Ich schnappte mir einen Nacho, darauf bedacht, Louisa dabei nicht zu berühren. Wir saßen so nah nebeneinander, dass die fünf Zentimeter Breite der Nachopackung das Einzige war, das uns voneinander trennte. Andererseits gab es auch Freundinnen, die direkt aufeinandersaßen, also war das wohl nichts Besonderes. Kurz dachte ich an meine beste Freundin Nora. Wenn wir bei ihr einen Filmabend machten, schliefen wir am Schluss meistens nebeneinander auf dem Sofa ein. Doch sie war wie jeden Sommer bei ihrer Familie in Italien und daher sah ich sie erst wieder in einer Woche in der Schule.

Als der Abspann begann, lehnte ich mich zufrieden zurück. Die anderen Kinogäste erhoben sich, als sei der Teufel hinter ihnen her und strömten auf den Ausgang zu. Ich sah meistens den Nutzen nicht, sofort aufzuspringen. Stattdessen schaute ich Louisa an.

»Und?«, sagte ich nur und lächelte. Mit einer Hand schob ich mir eine Haarsträhne hinter das Ohr. Meine blonden Haare waren ein starker Kontrast zu Louisas schwarzen, fiel mir amüsiert auf.

Louisa erwiderte das Lächeln. »Du hast einen guten Film ausgesucht.«

»Danke, ich hab´ als professionelle Ticketverkäuferin halt ein Auge dafür«, grinste ich.

»Das dachte ich mir schon«, meinte Louisa zwinkernd. »Gehört bestimmt zur Ausbildung.«

Ich musste lachen und griff nach Louisas Hand, um ihr zu bedeuten, dass wir uns nun langsam auch zum Ausgang bewegen konnten. »Natürlich, ich muss zwangsläufig immer wieder Filme schauen«, witzelte ich auf dem Weg nach draußen weiter.

»Oh je, das ist wirklich ein harter Job«, zeigte Louisa Mitleid.

Ich quittierte ihren Kommentar mit einem Lachen und spazierte glücklich grinsend neben Louisa aus dem Saal. Als ich im grellen Licht des Kinoeingangs stand, wurde mir bewusst, dass die Zeit mit Louisa für heute bald vorüber war. Ich musste wahrscheinlich Mia abholen gehen und wir würden uns verabschieden müssen.

»Alles okay?«, fragte Louisa, die gemerkt hatte, dass mein Lächeln etwas erloschen war.

Ich nickte schnell und kramte mein Smartphone aus meiner Tasche.

»Ja, ich muss nur schauen, ob meine Tante was geschrieben hat.« Als ich auf den Bildschirm schaute, sah ich, dass ich zwei SMS und einen verpassten Anruf hatte. Der Anruf sowie eine der beiden SMS waren von Nate und augenblicklich bekam ich Schuldgefühle. Ich hatte den ganzen Abend hindurch kaum an ihn gedacht. An der SMS sah ich, dass dies bei ihm nicht der Fall gewesen war. Er schrieb, dass er bald kein Netz mehr habe und sich daher erst am nächsten Tag wieder melden könne. Dazu hatte er mehrere Herzen geschickt. Doch ich verblieb nicht allzu lange auf seiner SMS, sondern wechselte danach zum Chat mit meiner Tante. Sie schrieb, dass Mia schon schlief, und schlug vor, dass ich sie am nächsten Morgen vor acht Uhr abholte, da sie arbeiten gehen müsse. Ich schrieb ihr rasch zurück, dass das okay war, und dankte nochmals für ihre Hilfe. Es war nun schon nach elf Uhr und es hätte mich gewundert, wenn Mia bis jetzt noch nicht geschlafen hätte.

»Und …?«, fragte Louisa vorsichtig. Sie hatte respektvoll weggeschaut, um nicht den Eindruck zu erwecken, dass sie auf meinen Bildschirm schaute. Doch sie wippte etwas nervös auf den Beinen hin und her.

»Mia schläft und Nate hat noch versucht, anzurufen«, erwiderte ich und wieder erkannte ich eine Regung in ihrer Miene. Etwas an meinen Worten schien sie zu beschäftigen, denn sie wirkte auf einmal nicht mehr so unbeschwert wie noch vor noch fünf Minuten. Es schien, als sei ein Schatten über ihr Gesicht gehuscht. »Musst du irgendwann zu Hause sein?«, fragte ich sicherheitshalber nach.

Louisa schaute nervös auf die Uhr. »Nein, aber die Bahn fährt mittwochs nicht bis spät. Ich muss mich wohl bald auf den Weg machen.«

»Oh«, meinte ich bedauernd. »Wann fährt die letzte Verbindung denn?«

»Heute um halb eins.«

»Und wie lange brauchst du bis nach Hause?«

»Etwa eine halbe Stunde.«

»Und wie lange fährt die Bahn noch in die Stadt?«, fragte ich weiter.

»Die fährt noch bis halb zwei Uhr in die Stadt und dann weiter ins Depot.«

»Okay, ich komme mit«, beschloss ich und lächelte.

Louisa sah mich erstaunt an. »Was?«

»Ich begleite dich bis nach Hause«, wiederholte ich. Dann hatten wir noch eine halbe Stunde zusammen und sie konnte auf ihre letzte Verbindung gehen.

»Oh… das ist lieb. Bist du dir sicher, dass du nachher noch eine halbe Stunde zurückfahren willst?«

Ich nickte. Ich war mir sicher. »Ich hab´ Zeit schon schlimmer verbracht«, kommentierte ich trocken.

Louisa musste lachen und stimmte endlich mit ein, nun schien der Schatten über ihrer Miene wieder verschwunden zu sein. Nebeneinander verließen wir das Kino und Louisa führte mich zu der Straßenbahn, die sie benötigte. Wir unterhielten uns noch etwas über den Film und waren uns beide einig, dass die rebellische Frau der beste Charakter gewesen war. Selbstständig und stark, das gefiel mir. Zwar hatte sie am Schluss den Mann dennoch zurückgewollt, aber nicht, weil sie ihn gebraucht hatte. Ich genoss es, mich mit Louisa zu unterhalten und erst vor ihrer Haustür verstummten wir. Ich hatte mir den Weg zu ihr gut gemerkt, damit ich einerseits zurückfand, aber andererseits auch wieder herfand. Kurz schauten wir uns unschlüssig an, Louisa mit ihrem intensiven Blick, der bis in mein Innerstes ging. Erneut dachte ich daran, dass sie eine wunderschöne Frau war, und ich fragte mich, wie lange sie schon single war. Sie wurde doch bestimmt die ganze Zeit von jungen Männern angesprochen. Wies sie diese jeweils ab?

»Hm.« Louisa machte ein undeutliches Geräusch, wirkte fast schon nervös. »Also, es war ein schöner Abend, danke für den Vorschlag«, meinte sie und legte mir zur Betonung ihrer Worte die Hand auf den Unterarm, die angenehm warm war.

»Fand ich auch«, meinte ich und lächelte. »Und gerne.« Ich zögerte kurz, dann nahm ich sie zum Abschied in den Arm. »Gute Nacht, Louisa.«

»Schlaf gut«, erwiderte sie und als ich mich umdrehte und mich auf den Rückweg machte, spürte ich Louisas Blick, der mir folgte.

Kapitel 3 – Expartner

Ich war mit meiner Schwester auf dem Spielplatz und Mia rannte mit so viel Energie wie immer auf die Rutschbahn zu. Ich versuchte, nicht daran zu denken, ob Louisa und Jenny hier waren. Stattdessen konzentrierte ich mich voll und ganz auf Mia und darauf, dass sie nicht von der Rutsche fiel.

»Ich fange dich unten wieder auf, okay?«, rief ich ihr zu, als sie hinten die kleine Leiter hochkletterte, um auf die Rutsche zu kommen. Zwar konnte Mia auch problemlos die Rutschbahn hinunterrutschen, ohne dass ich sie auffing, aber es war lustiger so.

»Jaa, du musst unten warten«, verlangte Mia und setzte sich oben hin. »Uuund los …!«

Sie rutschte auf mich zu und ich fing sie mit beiden Händen auf. Kurz kitzelte ich sie, dann ließ ich sie los und sie rannte wieder zur Leiter. Das ging eine Weile so hin und her und ich fragte sie währenddem darüber aus, was sie im Tagesheim so gemacht hatte. Wir wechselten zu anderen Spielvorrichtungen und ich ertappte mich, wie ich wieder nach Jenny und Louisa Ausschau hielt. Seit gestern Abend hatten wir nicht geschrieben und ich widerstand der Versuchung, auf ihren Chat zu gehen. Es beunruhigte mich, dass ich nicht wusste, wann wir uns wieder sehen würden. Warum hatten wir kein weiteres Treffen abgemacht? So musste ich es dem Zufall überlassen, wann wir uns wieder sahen, oder halt auf ihre Nachricht warten. Aber Geduld war nicht meine Stärke. Was, wenn wir uns nicht wieder trafen und nichts weiter waren als eine Spielplatzbekanntschaft? Ich konzentrierte mich wieder auf Mia, um mich einerseits abzulenken und andererseits sicherzugehen, dass ihr nichts passierte. Ich stand nie weiter als fünf Schritte von ihr weg, um reagieren zu können, falls sie fiel. Ja, ich gab zu, ich war ängstlich, wenn es um meine Schwester ging. Solange sie in meiner Obhut war, hatte ich schließlich die Verantwortung. Nach einer Weile wechselten wir wieder zur Rutsche zurück, da Mia nie genug davon bekommen konnte. Während Mia wieder die Leiter hochkletterte, spürte ich durch eine Vibration, dass mir jemand eine Nachricht geschrieben hatte. In den Augenwinkeln immer noch auf Mia schielend, schaute ich rasch aufs Handy. Vielleicht hatte Nate gerade Internet? Ich hatte schon seit ein paar Stunden nichts mehr von ihm gehört. Doch es war Louisa, die geschrieben hatte.

»Bist du gestern noch gut nach Hause gekommen?«, fragte sie mit einem pinken Herz dahinter.

Mein Puls ging in die Höhe und rasch ging ich sicher, dass Mia immer noch unversehrt auf der Rutsche war, bevor ich die Nachricht öffnete. Ich fand es süß, dass sie das fragte, obwohl es jetzt auch zu spät wäre, falls ich verneinen würde. »Ja, es war eine ruhige Fahrt im Dunkeln«, tippte ich ins Handy. »Bin gerade ...« Ich hörte auf zu tippen, als ich eine abrupte Bewegung vor mir sah. Mia hatte sich seitlings auf die Rutschbahn gesetzt und schlitterte runter, hinter ihr ein weiteres Kind, das gefährlich wenig Abstand hielt.

»Mia, pass auf!«, rief ich und ließ das Handy fallen, während ich auf meine Schwester zueilte. Doch ich reagierte zu spät – ein Meter vor dem Ende der Bahn kippte Mia seitlich über und fiel in den Kies. Fluchend rannte ich zu ihr und ließ mich neben ihr auf die Knie fallen. Mia begann zu weinen und ich setzte sie schnell auf. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie eine weitere Mutter herbeirannte, die sich um das andere Kind kümmerte. Doch ich hatte nur Augen für Mia. Meine Gedanken rasten, aber ich gab mir Mühe, ruhig zu bleiben. Mia liefen Tränen übers Gesicht und ihre Wange blutete, ebenso wie ihre linke Hand. »Mia, Schatz, wo tut es dir weh?«

Mia hob ihre Hand und streckte sie mir entgegen, über ihre Lippen kamen bloß Schluchzer. Doch ich hatte das Gefühl, dass sie auch etwas unter Schock stand und deswegen weinte. Dennoch schaute ich mir die Hand genauer an. Das Blut kam aus Schürfwunden vom Kies, doch mehr konnte ich nicht erkennen. »Beweg mal deine Hand«, bat ich sie und versuchte, ihr die Tränen wegzuwischen.

Mia bewegte langsam ihre linke Hand und weinte sogleich heftiger.

»Tut das weh?«, fragte ich und versuchte, ruhig zu bleiben. Mit einer Hand angelte ich nach meiner Tasche und meinem Handy, das ich in der Hektik fallen gelassen hatte. Am liebsten würde ich jetzt selbst zu weinen beginnen, doch das konnte ich mir nicht leisten.

Mia nickte wimmernd und ich fluchte innerlich. Was, wenn sie sich ernsthaft verletzt hatte? Ausgerechnet jetzt? Hastig holte ich Taschentücher aus der Tasche und wischte ihr erstmal das Blut von der Hand und der Wange. Die Schürfwunden würden wieder heilen. »Okay Schatz, wir gehen jetzt nach Hause und kühlen deine Hand, ist gut?« Ich packte schnell meine Sachen zusammen, hob das kleine Mädchen hoch und ignorierte dabei alle Blicke auf mir. Mia ließ mich machen und schmiegte sich an meine Schulter. Bestimmt waren meine Kleider nun voller Blut.

»Das andere Mädchen wollte auch rutschen«, jammerte Mia, als wir aus der Straßenbahn stiegen. Sie weinte nun beinahe nicht mehr und ich hatte Hoffnung, dass nichts Schlimmes passiert war.

»Wie meinst du? Hat sie dich gestoßen?«

»Sie wollte sich vordrängen«, erwiderte Mia schniefend. »Aber ich war ja vor ihr dran!«

Ich seufzte. Ich hätte keine SMS schreiben dürfen! Was bin ich bloß für eine verantwortungslose, schlechte Schwester?! »Mia, du darfst nur rutschen, wenn du alleine bist auf der Bahn, okay?«

Mia nickte mit großen Augen.

»Aber du hast recht, das andere Mädchen hätte warten müssen«, fügte ich hinzu. Ich trug sie immer noch im Arm und langsam wurde sie schwer. Es waren nur noch ein paar Schritte bis zu unserer Haustür. Wieder spürte ich, wie ich Nachrichten bekam, aber dieses Mal ignorierte ich sie. Wenn Mia etwas Ernstes zugestoßen wäre, könnte ich mir das nie verzeihen.

In der Küche wusch ich ihr nochmals das Blut weg, versorgte ihre Schürfwunden und holte dann ein Kühlpad für ihre Hand. Zum Glück waren die Schürfungen nicht sehr tief und würden schon bald kaum mehr sichtbar sein. Auch ihre Hand sah nicht so schlimm aus, wie ich es befürchtet hatte. Sie konnte sie bewegen, wenn auch unter Schmerzen, daher vermutete ich, dass es nicht gebrochen war. Sonst würde sie schreien. Eine Weile lang saßen wir stumm da, ich in Gedanken versunken und den Arm um meine kleine Schwester gelegt. Mein Blick lag auf ihrer Hand, die sie sich auf den Schoss gelegt hatte. »Jessie, jemand ruft dich an«, informierte mich Mia mit großen Augen. Sie nickte zu meinem Handy, das neben uns auf dem Tisch lag und verzweifelt vibrierte.

»Das kann warten«, meinte ich, ohne hinzuschauen. War das Nate? »Erst muss es deiner Hand besser gehen.«

Mia zuckte mit den Schultern. »Das Handy ändert doch nichts«, erwiderte sie neunmalklug und lehnte sich einigermaßen zufrieden gegen mich. Ich war unendlich erleichtert, dass sie mir anscheinend nichts übel nahm und außerdem sehr gut mit der Situation umging. Doch das Handy hatte nun schon wieder aufgehört zu klingeln und ich ließ es liegen.

»Weißt du noch, als ich mal von der Schaukel gefallen bin?«, fragte Mia jetzt.

Ich erinnerte mich noch gut. Damals waren ihre Eltern jedoch auch dabei gewesen und das Ganze hatte ein eher lustiges Ende gehabt. Ich musste lächeln. »Da hat dich Papa aufgefangen«, meinte ich und freute mich, sie lächeln zu sehen. »Das hätte ich jetzt auch machen müssen …«

Mia schüttelte den Kopf. »Aber du bist ja nicht so stark wie Papa«, sinnierte sie und ich korrigierte ausnahmsweise nicht, dass Frauen auch stark sein konnten. Denn sie hatte Recht – mein Stiefvater Paul war um einiges größer und muskulöser als ich.

»Das stimmt, Kleine«, musste ich also zugeben. Ich zuckte zusammen, als mein Handy wieder zu klingeln begann. Die Person war wirklich insistierend.

»Jetzt geh ran«, forderte mich Mia auf, die sah, wie ich zum Handy schielte. Ich zögerte, tat dann aber, wie meine kleine Schwester es mir befahl. Auch damit hatte sie Recht – es änderte nichts mehr, ob ich jetzt kurz ans Handy ging oder nicht. Es war schon passiert.

Anders als erwartet war es nicht Nate, sondern Louisa. »Hallo Louisa«, grüßte ich mit etwas zittriger Stimme.

»Jessica?«, fragte Louisa sogleich. Sie klang außer Atem. »Alles okay bei dir?«

Ich zögerte. Woher wusste sie, dass etwas nicht stimmte?

»Du hast mir eine seltsame Nachricht geschrieben …«, fuhr Louisa fort, als ich keine Antwort gab. »Daher wollte ich fragen, ob …« Sie ließ das Ende des Satzes in der Luft hängen, als ob sie nicht wusste, was sie fragen wollte.

»Wenn du schon fragst …«, meinte ich jetzt zerknirscht und holte tief Luft. »Während ich getippt habe, ist Mia von der Rutsche gefallen.«

Kurz herrschte Stille. »Was?!« Louisa klang bestürzt. »Ist alles okay mit ihr? Brauchst du Hilfe?«

Wieder zögerte ich. »Na ja, sie hat Schürfwunden und ihre Hand tut ihr weh.« Es war seltsam, über Mia zu reden, während sie bei mir auf dem Schoss saß. »Ich weiß nicht, wie ernst es ist.«

»Mist! Soll ich zu dir kommen?«, bot sie erneut an und mir fiel auf, dass ich darauf noch keine Antwort gegeben hatte.

Ich war gerührt über ihre Fürsorge, und dass sie anbot, direkt hier aufzukreuzen. Kurz fragte ich mich, ob das Nate auch tun würde, drängte den Gedanken dann aber beiseite. Das konnte man nicht vergleichen. »Bist du denn zu Hause?« Zwar schrie alles in mir, dass ich mir nichts sehnlicher wünschte, als Louisa zur Unterstützung bei mir zu haben. Aber ich fühlte mich auch etwas schlecht, wenn sie deswegen von zu Hause bis hier herkommen musste.

»Ja, aber wenn ich das Auto nehme, bin ich in fünfzehn Minuten da«, erwiderte Louisa. »Lass das meine Sorge sein.«

Ich nickte seufzend, obwohl sie das nicht sehen konnte. »Okay, würde mich freuen«, meinte ich dann.

»Gut, bis bald«, sagte Louisa und legte schon auf, als ich »bis dann« erwiderte. Ich schaute hinunter zu Mia, um ihr zu sagen, dass Louisa kommen würde. Doch als ich sie ansprechen wollte, sah ich, dass sie auf mir eingeschlafen war. Gerührt beugte ich mich zu ihr hinunter und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie schlief friedlich und atmete regelmäßig. So weit, so gut. Höchstwahrscheinlich war es wirklich nicht viel mehr als ein Schock gewesen, denn wenn ihre Hand verstaucht oder gebrochen wäre, würde sie kaum so ruhig schlafen können. Behutsam nahm ich sie in den Arm und trug sie zum Sofa. Dort legte ich sie hin, deckte sie zu und setzte mich anschließend daneben. Obwohl ich beinahe sicher war, dass es ihr bald wieder gut gehen würde, wich der Druck nicht von meiner Brust. Ich schaute sie stumm an, bis Louisa fünfzehn Minuten später an der Tür klingelte.

»Ich hätte dich nicht ablenken sollen.« Louisas karamellfarbene Augen waren voller Reue. Sie saß neben mir auf dem Sofa, Mia schlief immer noch. Das Kühlpad war mittlerweile warm geworden und ich hatte ihr vorsichtig ein neues gemacht.

»Nein, das konntest du ja nicht wissen«, widersprach ich. Louisa hatte mich sofort in den Arm genommen und mich erzählen lassen, was genau passiert war. »Ist meine Schuld, dass ich aufs Handy geschaut habe.«

»Ich verstehe, dass du das denkst, aber du hättest es auch sonst nicht verhindern können«, meinte Louisa nun und schüttelte den Kopf. Sie hatte wohl meinen bitteren Unterton gehört. »Das andere Kind hat sie anscheinend gedrängt und du kannst daran von unten nicht viel ändern.«

»Ich hätte schneller reagiert …«, erwiderte ich mit dem Blick auf den Boden.

Louisa legte wieder eine Hand auf meine Schulter. Sie war angenehm warm und wirkte in der Tat beruhigend auf mich. »Jessica, deine Reaktion braucht dennoch ein, zwei Sekunden«, sagte sie mit sanfter Stimme. »Mach dir keine Vorwürfe. Wahrscheinlich geht es ihr wieder besser, wenn sie aufwacht.«

Ich schaute zu Mia rüber. Ihr Gesicht war entspannt und sie schlief tief und fest. Ich fragte mich, ob sie bei unserer Tante zu spät ins Bett gegangen war. »Du hast Recht«, murmelte ich und seufzte.

Kurz herrschte Stille, in der wir einfach Mia betrachteten. Doch es war eine harmonische Stille, in der ich nicht das Gefühl hatte, dass ich etwas sagen musste. Wenn ich so neben Louisa saß, hatte ich das Gefühl, als ob wir schon eine Ewigkeit miteinander verbracht hätten. In den vergangenen drei Tagen hatte ich eine unglaubliche Vertrautheit mit ihr konstruiert, für die ich normalerweise drei Monate brauchte. Ich fühlte mich wohl dabei, sie an meinem Leben teilhaben zu lassen. Und jetzt verdrängte ich auch jeden Zweifel daran, ob es ihr damit gleich erging. Bestimmt lag auch ihr etwas an mir, sonst wäre sie jetzt nicht hier aufgetaucht. Sie hätte mich nicht zweimal angerufen, nur weil sie eine unvollständige SMS von mir bekommen hatte. Als ich nun daran dachte, dass Nate erst seit drei Tagen in den Ferien war, konnte ich es beinahe nicht glauben. Obwohl Nate und ich regelmäßig in Kontakt standen und auch immer wieder telefonierten, kam mir die vergangene Zeit länger vor. Kurz dachte ich daran, wie Louisa mal einen Exfreund angedeutet hatte. Wie er wohl gewesen war?

»Wollen wir sie in Ruhe schlafen lassen?«, fragte Louisa nun in die Stille hinein und ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass sie von Mia sprach.

Rasch nickte ich. »Okay«, stimmte ich zu. »Lass uns zum Küchentisch gehen, dann sehen wir sie noch.« Unsere Küche war schön eingerichtet, häufig aßen wir gleich dort das Abendessen statt im Wohnzimmer. Ich hatte mir in den vergangenen Tagen Mühe gegeben, dass der Raum aufgeräumt war und somit gästetauglich. Also setzten Louisa und ich uns an den Tisch und ich machte uns beiden einen Kaffee. Ich spürte, dass Louisa meinen Bewegungen zuschaute, aber es war mir nicht unangenehm.

»Ist das dein Freund?«, fragte Louisa unvermittelt. Sie hatte den Blick nun auf den Kühlschrank gerichtet, wo ein Foto von Nate und mir hing, inmitten von weiteren Fotos und Postkarten.

Ich warf einen Blick darauf. Das Foto war in der Anfangsphase unserer Beziehung entstanden und ich sah sehr verliebt aus. An dem Tag hatte mich Nate mit einem spontanen Ausflug überrascht. Er war mit mir in die Natur gefahren, um auf einer Blumenwiese zu picknicken. In der Tat war es ein romantisches Date gewesen. Nicht, dass ich jetzt unglücklich war, aber ich hatte manchmal das Gefühl, dass wir uns auseinanderlebten: Er wollte nach der Schule direkt mit dem Medizinstudium beginnen, ich hingegen mochte lieber zuerst reisen gehen. »Ja, das war bei einem Ausflug auf das Land«, meinte ich und setzte mich neben Louisa an den Tisch. Ich gab ihr eine Tasse und stellte ihr Zucker hin. »Das war einer unserer ersten Ausflüge.« Tagesausflüge war etwas, was Nate und ich bis heute gerne miteinander unternahmen. Uns beiden gefiel die Natur und wenn schönes Wetter war, machten wir Wanderungen oder grillten mit Freunden im Wald.

Louisa hatte mir bis vor Kurzem noch in die Augen geschaut, nun senkte sie den Blick auf die Kaffeetasse. Beinahe meinte ich, Schmerz in ihrem Blick zu erkennen, und mein Herz zog sich zusammen. Hing sie noch an ihrem Ex und hatte ich sie damit an die Trennung erinnert?

»Wie …« Ich brach ab, mein Mund war auf einmal trocken. Wie konnte ich sie danach fragen, ohne ihr zu nahe zu treten? Andererseits stellte sie auch einfach Fragen, oder? Ich fuhr mir mit der Zunge über die Lippen. »Ähm, was war denn der Grund, warum du … und dein Exfreund euch getrennt habt?«

Louisa schaute auf, der Schmerz in ihren Augen schien verschwunden, aber sie tippte nervös mit dem Finger auf ihrer Tasse herum. »Ach, das …« Sie räusperte sich und trank einen Schluck Kaffee. »Also weißt du, Angie … Angelina hatte andere Vorstellungen davon, wie unsere Beziehung laufen sollte …«

Ich stutzte. Moment mal. Angelina? Das war ein Frauenname.

Und dann ergab auf einmal alles Sinn, ich fühlte mich plötzlich so nervös, wie Louisa aussah. Louisa stand auf Frauen, nicht auf Männer! Als ich genauer darüber nachdachte, merkte ich, dass sie auch nie von einem Exfreund geredet hatte, sondern nur von einem »vergangenen Partner« oder einer »Beziehung«. Und irgendwie überraschte es mich auch nicht sonderlich, obwohl ich nicht benennen konnte, warum. Ich blickte zu Louisa und unsere Blicke trafen sich. Ihre sanften braunen Augen schauten mich leicht ängstlich an, ich sah die Verletzlichkeit darin, und dass sie atemlos auf eine Reaktion wartete. Ich legte ihr eine Hand auf den Arm und schenkte ihr ein Lächeln. »Möchtest du … davon erzählen?«, fragte ich, ohne darauf einzugehen, dass sie ein Mädchen als Exfreundin hatte.

Louisa atmete aus, ich sah regelrecht, wie erleichtert sie war. »Angie war bereits als lesbisch geoutet, als wir zusammenkamen. Ihre Eltern waren auch super unterstützend«, begann sie dann zu erzählen und betrachtete wieder ihre Tasse. In ihrer Stimme schwang Bitterkeit mit. »Aber ich nicht, und sie war für mich auch die Erste. Doch sie hat mich fortan gedrängt, dass ich es meinen Eltern sagen sollte. Das und auch andere Dinge führten zu Streit und irgendwann ging es dann zu Bruch.« Louisa schaute auf und zuckte mit den Schultern. »Sie hatte nicht verstanden, dass es nicht für alle so einfach ist, wie für sie.«

»Puh«, sagte ich, selbst schockiert über die Ignoranz von … Angelina. »Das ist wirklich nicht sehr mitfühlend von ihr. Wie lange wart ihr denn zusammen?«

»Fast ein Jahr lang.«

»Wow. Hast du noch Kontakt mit ihr?«

Louisa schüttelte den Kopf, wobei ihre Haare in ihr Gesicht flogen und ihre Mundwinkel zuckten belustigt. »Nein, ich hab´ sie komplett aus meinem Leben bugsiert.« Es hörte sich so an, als ob sie es nicht bereute.

»Okay, versteh´ ich.« Ich betrachtete sie einen Moment lang stumm und bemerkte wieder einmal, wie hübsch sie war. Eine schwarze Haarsträhne hing ihr ins Gesicht und als sie sie wegschob, fiel sie wieder zurück. Sie hatte schöne Gesichtszüge und einen Teint, den ich mir nur wünschen konnte. Ich holte tief Luft, fragte mich, ob ich sie mehr zu ihrer Freundin fragen konnte. Denn als ich nun darüber nachdachte, fielen mir hundert Fragen ein, die ich ihr stellen wollte. Wie hatte sie gemerkt, dass sie lesbisch war? Wie alt war sie gewesen?

»Frag einfach«, sagte Louisa nun unvermittelt und lachte kurz.

Ich zuckte ertappt zusammen. »Du merkst wirklich alles«, lachte ich verlegen und spürte, dass ich rot wurde. Woher kam diese plötzliche Nervosität, die meine Hände zittern ließ?

»Ist nicht allzu schwer zu erraten, Süße.«

Mein Herz begann, noch schneller zu schlagen. Ich schob mir eine Haarsträhne hinter die Ohren und setzte zum Sprechen an. Mit einer Hand umklammerte ich die Kaffeetasse, als könnte sie davonspringen. »Wenn du sagst, sie war deine Erste – meinst du damit die erste Frau oder generell die erste Person, mit der du eine Beziehung hattest?«

Louisa lächelte leicht. »Sie war generell die erste Person, mit der ich eine richtige Beziehung geführt habe«, meinte sie. Im Gegensatz zu mir wirkte sie nun nicht mehr nervös, sondern gelassen und zufrieden. »Ich hatte zuvor zwei Jungs gedatet, aber ich habe nie wirklich Interesse an ihnen entwickelt – im Gegenteil.«

Ich musste lachen. »Wie meinst du das?«

»Je näher ich ihnen kam, desto weiter wollte ich weg von ihnen«, erklärte Louisa lachend. »Der eine ist jetzt ein guter Freund von mir.«

Ich lachte noch immer. »Na, dann hast du wohl auf die Art gemerkt, dass dich Frauen mehr interessieren.«

Louisa warf mir einen intensiven Blick zu. »Genau«, bestätigte sie. »Das hab´ ich eigentlich schon lange gewusst, es aber erst wirklich wahrgenommen, als ich mich richtig in ein Mädchen verliebt habe. Weil meine …« Sie unterbrach sich mitten im Satz und holte Luft, plötzlich schien ihre Nervosität zurückgekehrt zu sein. Die Worte schienen ihr nicht über die Lippen zu kommen.

»Schon okay, du musst nicht darüber sprechen, wenn du nicht willst«, beruhigte ich sie sanft und legte ihr erneut eine Hand auf den Arm. Sie begegnete meinem Blick und ich sah dermaßen viel aufgewühlte Gefühle in ihren Augen, dass ich für einen Moment lang wie gefesselt davon war.

Nun bemühte sich Louisa um ein gezwungenes Lächeln. »Danke«, erwiderte sie aufrichtig. »Aber das spielt jetzt auch keine Rolle mehr.«

Ich lachte kurz. »Na dann«, sagte ich nur leise und drückte leicht ihren Arm, um ihr zu verstehen zu geben, dass sie mir vertrauen konnte.

»Also ich habe eigentlich vor, mich bald meinen, ähm, Eltern zu outen«, setzte Louisa nun neu an und befeuchtete nervös ihre Lippen. »Aber ich weiß einfach nicht, wie. Sie sind nicht gerade das, was man als offen bezeichnen würde …«

Ich biss mir betroffen auf die Lippen und widerstand der Versuchung, Louisa in den Arm zu nehmen. »Mist, sind sie streng gegen Homosexualität?«

Louisa nickte langsam. »Sie denken, das ist eine Krankheit, ein Fluch des Teufels oder Aufmerksamkeitshascherei …« Ihre Stimme klang belegt.

»Oh, Louisa«, murmelte ich und konnte nicht mehr widerstehen. Ich rückte näher zu ihr und nahm sie in den Arm. Sie ließ bereitwillig zu, dass ich sie einmal an mich drückte und dann den Arm nur langsam von ihr löste. »Aber dir ist bewusst, dass sie nicht Recht haben und du lieben darfst, wen du willst?« Zwar sollte man selten den Eltern anderer widersprechen, aber hier erlaubte ich es mir.

Louisa nickte und lächelte gerührt. »Danke Jessica, ja.« Sie fuhr sich einmal mit der Hand übers Gesicht und nahm dann einen Schluck Kaffee.

Ich widmete mich ebenfalls meinem Getränk und ehe ich nach den nächsten Worten suchen konnte, schreckte mich ein Geräusch aus den Gedanken. Sogleich reckte ich mich, um ins Wohnzimmer schauen zu können. Mia bewegte sich auf dem Sofa und schien aufgewacht zu sein.

»Lass uns nach ihr schauen«, meinte Louisa und erhob sich schon, nun wieder gefasst.

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