Kitabı oku: «Glückswelle»
Denise Brück
Glückswelle
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Glückswelle
Impressum
Backe, backe Kuchen
November Rain
Mit Geduld und Spucke
Frisch gewickelt
Nichts ist mehr so wie es war
Abgetaucht
Advent, Advent ein Lichtlein brennt
PR in eigener Sache
Der Stoff aus dem die Träume sind
Happy New Year – Gute Vorsätze
Ein Fiasko jagt das Nächste
Entscheidungen
Neuanfang
Mädelsausflug
Träume ich?
Schwein gehabt
Hochzeitsblues
Einmal Kind, immer Kind
Tatort Hotel
Glückswelle
Dreißig
Ablenkungsmanöver
Wiedersehen
Wies’n Gaudi
Wirbelsturm der Gefühle
Epilog
Rezept Apfelküchlein
Danke
Über mich
Impressum neobooks
Glückswelle
Denise Brück
Für meinen Traumprinzen Stefan und
meine kleine Prinzessin Mia Sophie

Impressum
Texte: © 2019 Copyright by Denise Brück
Umschlag: © 2019 Copyright by Katja Deutscher
Verlag: Denise Brück
Beckshöhe 21
64750 Lützelbach
Druck: epubli, ein Service der
neopubli GmbH, Berlin
2. Auflage 09/2019
Printed in Germany
Backe, backe Kuchen
Ich saß, eingekuschelt in einer Decke, mit Oma Emmis selbstgestrickten Wollsocken an den Füßen, auf meiner Couch und blätterte in einer Frauenzeitschrift. Ein Artikel über die ultimative Bucket-List zog unweigerlich meine Aufmerksamkeit auf sich. Die Bucket-List, hieß es hier, war eine Liste der Dinge, die man unbedingt einmal in seinem Leben getan haben sollte, bevor man wortwörtlich den Löffel abgibt. Beispielsweise Einmal Sex an einem ungewöhnlichen Ort haben, oder Nackt im Meer baden stand dort. Auch Eine Flaschenpost verschicken gefiel mir gut. Das sollte ich unbedingt mal ausprobieren. Ob man die auch in die Isar werfen kann?
Wann hatte ich eigentlich das letzte Mal Sex? So sehr ich auch darüber nachgrübelte, es wollte mir einfach nicht einfallen. Und wann habe ich das letzte Mal eine ganze Nacht durchtanzt?
Im Kasten neben dem Artikel entdeckte ich ein Zitat, das mir sehr gut gefiel: »Genieße den Tag, denn die Momente von heute sind die Erinnerungen von Morgen.«
Genau das würde ich jetzt tun. Den Tag genießen. Gemeinsam mit meiner besten Freundin Nina, die gleich zu Besuch kommen wollte. Neugierig las ich weiter.
»Was wäre dein perfekter Moment und welche Wünsche würdest du dir gerne erfüllen? Helfe deinem Glück auf die Sprünge und notiere dir in deiner persönlichen Liste, was dir wichtig ist. Erfülle dir deine Träume. JETZT – nicht später! Du wirst überwältigt und glücklich sein, wenn du die ersten Punkte deiner Liste abhaken kannst.«
Nachdenklich ließ ich das Heft sinken und überlegte wie meine persönliche Bucket-List wohl aussehen könnte, also was wünschte ich mir am sehnlichsten? Aufgekratzt von meinen eigenen Gedanken sprang ich auf. Autsch. Das war wieder typisch. Ungeschickt stieß ich mir den Fuß am Couchtisch an und lief humpelnd in die Küche. Dort kramte ich in meiner Küchenschublade nach einem Zettel und Stift. Wie immer herrschte darin das absolute Chaos und es dauerte einen Moment, bis ich fündig wurde. Ich setzte mich voller Tatendrang an den Tresen, der meine Küche vom Wohnzimmer trennte, und beschriftete den Zettel mit »Lenis persönliche Wunschliste«. Eigentlich musste ich gar nicht lange nachdenken. Die Wünsche sprudelten geradezu aus mir heraus und ehe ich mich versah prangten mir, wie von Geisterhand geschrieben, zehn Wünsche schwarz auf weiß entgegen.
1 Meinen Traumprinzen finden, der zu mir passt und mit mir alt werden will
2 Ein kleines Mädchen zur Welt bringen
3 Nach Australien, Kuba und Südafrika reisen
4 Mehr Zeit mit meiner Familie verbringen
5 Einen One-Night-Stand haben
6 Italienisch lernen
7 In einer einsamen Berghütte übernachten
8 Windsurfen lernen
9 Beim Gleitschirm fliegen eine Wolke küssen
10 Eine Flaschenpost verschicken
Mal überlegen. Eigentlich müsste ich die Liste noch um die Spalte »Wie erreiche ich das?« erweitern. Denn realistisch betrachtet hatte ich Punkt Eins nicht ganz in der Hand. Punkt Zwei hing hingegen von Punkt Eins ab. Ich wunderte mich selbst, woher dieser Wunsch so plötzlich kam. Einige der Dinge ließen sich sicher bald angehen. Für andere wiederum fehlte mir momentan die Zeit oder das nötige Kleingeld. Manch einer erforderte auch eine große Portion Mut und ich fragte mich, ob ich dafür denn tatsächlich bereit war.
Wenn Nina nicht geklingelt hätte, würde ich wahrscheinlich immer noch schreiben und meine geheimsten Wünsche aus meinem Inneren hervorkramen. Verträumt lächelnd legte ich den vollgekritzelten Zettel zur Seite und öffnete kurz danach schwungvoll die Tür.
Wie immer war Nina ein paar Minuten zu spät. Aber daran hatte ich mich im Laufe der Zeit schon längst gewöhnt. Ich muss sie später unbedingt fragen, ob sie auch schon mal etwas von einer Bucket-List gehört, oder sogar selbst eine hat.
»Hallo, Leni.« Nina umarmte mich herzlich, soweit ihr Babybauch das noch zuließ. Sie hatte vor zwei Wochen ihren Mutterschutz angetreten. Nur ein Jahr älter als ich, war sie bereits glücklich verheiratet und gerade im neunten Monat schwanger.
»Hallo Nina, schön dich zu sehen. Komm rein.« Ich nahm ihr die Jacke ab und sie folgte mir gut gelaunt ins Wohnzimmer.
»Tadaaa, schau mal, was ich dir mitgebracht habe.« Feierlich streckte sie mir ein kleines, liebevoll in rosafarbenes Seidenpapier eingewickeltes, Päckchen entgegen. »Du musst es unbedingt gleich aufpacken.« Ungeduldig wie ein kleines Kind, das an Weihnachten auf den Beginn der Bescherung wartet, schaute sie mich erwartungsvoll an und lies sich mit einem kräftigen Seufzer auf die Couch plumpsen.
Ich tat es ihr gleich und öffnete neugierig das Päckchen. Wie gut mich Nina doch kannte. Die Verpackung versprach den perfekten Mann zu zaubern, der nie widerspricht und sich am Ende auch noch vernaschen lässt. Klingt doch gut. Das Set bestand aus einem Rezeptheft, einem Zauberstab und einer kleinen Krone. Wie süß. Ich überflog kurz die Zutatenliste. Butter, Mehl, Eier, Puderzucker - das müsste ich eigentlich alles vorrätig haben. »Komm mit«, forderte ich Nina schmunzelnd auf »das probieren wir gleich mal aus.«
»Genau das war der Plan.« Nina folgte mir in die Küche, wo wir uns ausgelassen ans Werk machten und gekonnt die Zutaten des Mürbeteigs zusammen mischten.
Früher stand ich oft mit meiner Oma in der Küche, habe ihr beim Backen über die Schulter geschaut und dabei Vieles von ihr gelernt.
»Hey Leni, gib mir bitte mal das Mehl rüber.«
»Wie viel darf’s denn sein?«, meinte ich und pustete Nina etwas Mehlstaub ins Gesicht. »Steht dir gut, diese mehlblonde Haarfarbe.«
»Na, warte«, sagte Nina, hielt kurz die Luft an, um sich kurz darauf mit einer Portion Puderzucker zu revanchieren. Es machte Spaß mit Nina rumzualbern. Wer weiß, wann wir das nächste Mal so einen unbedarften Nachmittag miteinander verbringen konnten.
Neben der Backmischung, die für das Gelingen des Teiges notwendig war, würde ich die Must-Haves für meinen Traumprinzen so beschreiben:
Er ist leidenschaftlich
Er hat den gleichen Humor
Er ist spontan und verrückt
Er ist ehrlich und hört zu
Er hat eine tolle Ausstrahlung
Ich schrieb die Eigenschaften auf einen winzigen Notizzettel, faltete ihn ganz klein zusammen und steckte ihn in die Mitte der Teigkugel.
Nina stemmte ihre Arme in die Hüften und schaute mich fragend an. »Also, wie soll er nun ausschauen - dein Traummann? Mehr wie Daniel Craig oder eher wie George Clooney?«
Lange musste ich nicht nachdenken. »Hm, also ich würde sagen den Charme von Erol Sander, die Lässigkeit von Tom Beck, die Figur von Daniel Craig und Augen wie Mats Hummels. Ja, das wäre schon mal ein guter Anfang. Dunkle Augen soll er haben und ein knackiger Po wäre auch nicht schlecht.« Ich kam geradezu ins Schwärmen.
»Langsam, langsam«, unterbrach mich Nina lachend und strich mit dem Handrücken eine dunkle Strähne, die ihr immer wieder ins Gesicht fiel, hinters Ohr. Wir kneteten und formten, bis wir einen erstaunlich athletischen Traummann aus Teig hervorzauberten. Ok, der Po war vielleicht etwas überdimensioniert, aber wie sollte man sonst einen knackigen Po darstellen. Mit einer feinen Nadel umrandete ich die Konturen, malte ihm ein Gesicht und Haare, die ihm strubbelig ins Gesicht fielen. Am Ende war mir der Traumprinz aus Teig wirklich gut gelungen. Da kam mir meine kreative Ader doch sehr zu Gute.
»So, fertig. Ab in den Ofen mit dir Prachtkerl. Ich hoffe du läufst mir bald über den Weg.« Mit verschwörerischer Miene schob ich das Backblech vorsichtig in den Ofen und rieb mir die mehligen Hände an der Schürze ab.
Es war ja nicht so, dass es keine Männer gab, die mir gefielen. Aber nun war ich schon zwei Jahre Single und die Beziehungen davor, dauerten nicht mal so lange wie eine Fußball-Saison. Da gab es zum Beispiel Chris, den ich auf einer After-Work-Party kennenlernte. Ein leidenschaftlicher Typ, der mir das Gefühl gab, jemand ganz Besonderes zu sein und mich nach allen Regeln der Kunst verwöhnte. Ich genoss es im Mittelpunkt zu stehen und fühlte mich unheimlich verrucht und sexy, als wir im Englischen Garten im Schatten einer Eiche Sex hatten. Als ich ihn jedoch eines Nachmittags knutschend mit einem Mädel in meinem Lieblingscafé erwischte, fand ich seine Leidenschaft nicht mehr ganz so prickelnd. Markus hingegen war mehr der freundschaftliche Typ. Mit ihm konnte ich im Sommer nachts ins Schwimmbad einbrechen, um dort unter einem atemberaubenden Sternenhimmel nackt zu baden, im Winter gackernd auf zugefrorenen Seen Schlittschuh laufen, nachts die Nachbarn aus dem Bett klingeln, weil wir sturzbetrunken vor der Wohnungstür standen und das Schlüsselloch nicht fanden oder die Wohnung streichen und in einer Prosecco-Laune farbige Po-Backen an die Wände drücken. Wir hatten immer jede Menge Spaß und viel zu Lachen. Nur die echte Leidenschaft füreinander fehlte und so beendeten wir unsere Beziehung freundschaftlich nach einem halben Jahr.
Der Richtige, also ein Mann, mit dem ich es mir vorstellen konnte, den Rest meines Lebens zu verbringen, vielleicht Familie zu gründen, der war eben noch nicht dabei. Es gibt ja Menschen, die glauben nicht an die eine große Liebe. Dazu gehörte ich nicht. Ich zählte eher zu den Romantikerinnen und glaubte fest daran, dass irgendwo da draußen mein Traumprinz auf mich wartet. Und so warte ich auf den einen Moment, in dem die Welt sich für einen kurzen Augenblick nicht mehr drehen wird, meine Knie weich werden und Schmetterlinge in meinem Bauch Loopings fliegen.
»Mach es dir doch schon mal auf der Couch gemütlich. Ich wische noch schnell die Arbeitsfläche ab und mach uns dann einen leckeren Latte Macchiato.«
Nina hing die Schürze zurück an den Haken und ging ins Wohnzimmer. Ich folgte ihr kurz darauf mit einem perfekt geschäumten Latte Macchiato und ließ mich erschöpft auf die Couch fallen. Verschmitzt lächelnd hielt Nina mir meine Liste entgegen und sah mich fragend an.
»So, so, einen One-Night-Stand möchtest du dir mal gönnen?« Ihr Grinsen wurde immer breiter. Oh, Mist. Ertappt. Ich hatte ganz vergessen die Liste wegzuräumen. Aber was soll’s, schließlich ist Nina meine beste Freundin.
»Gib her«, erwiderte ich energischer als gewollt und griff schnell nach dem Zettel, ohne weiter auf ihre Bemerkung einzugehen. Ich kramte die Zeitschrift hervor und zeigte ihr den Artikel.
»Hattest du denn schon einen?«, versuchte ich von mir abzulenken, während Nina den Text las. Nachdem sie mir die Antwort immer noch schuldig blieb, knuffte ich ihr in die Seite. Sie schien nachzudenken, rührte mit dem Löffel gedankenverloren in ihrem Latte Macchiato und meinte schließlich »Nein, aber ich habe auch nicht das Gefühl etwas verpasst zu haben.«
»Hast du denn keine geheimen Wünsche?« Gespannt betrachtete ich sie.
»Ehrlich gesagt, bin ich glücklich, so wie es ist.« Es gab nicht viele dieser Momente, aber gerade eben war ich ziemlich neidisch auf meine beste Freundin.
»Ich glaube du denkst zu kompliziert«, sagte sie nach einem kurzen Augenblick. Mir war nicht ganz klar auf was Nina hinaus wollte.
»Wie meinst du das?«
»Na ja, Glück ist nicht nur das große Ganze, das können kleine Momente sein, die dir den Alltag versüßen und dich glücklich machen. Für mich bedeutet Glück zum Beispiel auch, wenn mir nach fünf Versuchen meine neue Lieblingstorte endlich gelingt, kurzfristig noch Karten für ein längst ausverkauftes Konzert zu bekommen oder an der Isar zu sitzen und die Sonne untergehen zu sehen.«
Einen Moment lang dachte ich über ihre Worte nach.
»Ich wollte schon immer Mal ein Kinderbuch schreiben. Aber bisher fehlte mir entweder die Zeit oder der Mut«, fügte sie nach kurzer Zeit zögerlich hinzu und ihre Wangen färbten sich rot.
»Das ist ja toll«, entgegnete ich überrascht. »Das wusste ich ja noch gar nicht. Dafür ist es doch noch nicht zu spät. Du wirst in nächster Zeit sicher genug Inspiration dafür bekommen.«
Nina lachte. »Ja, aber sicher dann auch keine freie Minute mehr haben.« Sie strich sich verträumt über ihren Bauch.
»Wenn du willst helfe ich dir. Ich könnte mich um die passenden Grafiken kümmern.« Euphorisch versuchte ich ihr Mut zuzusprechen und war ganz mitgerissen von der Idee eines gemeinsamen Projektes.
»Meinst du wirklich?«
»Ja klar, das wird genial. Das muss unbedingt an Punkt eins deiner Bucket List.«
»Ich habe keine. Schon vergessen?«
»Dann wird es ja höchste Zeit.«
Einen Moment lang hing jede von uns ihren Gedanken nach. Ich nahm die Liste vom Tisch und pinnte sie an meinen Kühlschrank, um sie nicht aus den Augen zu verlieren.
»Was macht eigentlich euer Kinderzimmer, ist es fertig eingerichtet?«, wechselte ich das Thema.
»Ja«, meinte Nina und ihr Gesicht bekam wieder diesen seltsam verklärten, glücksselig lächelnden, Gesichtsausdruck »nur habe ich mich nun doch für eine neutrale Farbe entschieden und die Wände gelb gestrichen. Die Möbel werden im Laufe der nächsten Woche geliefert, dann kann ich noch in Ruhe alles einräumen.«
»Soll ich vielleicht nächsten Samstag vorbeikommen und dir ein wenig helfen?«, schlug ich vor, denn ich war im Moment froh für jede Minute, die ich mit Nina verbringen konnte. Der Nachmittag mit ihr hatte richtig gutgetan und irgendwie hatte ich große Angst davor, dass sich mit dem Baby auch unsere innige Freundschaft verändern würde. Werden wir uns dann noch genauso viel erzählen können, uns für die gleichen Dinge interessieren und über dieselben Sachen lachen können? Ich zweifelte daran, traute mich aber auch nicht Nina mit meinen Ängsten zu konfrontieren. Ehe ich weiter darüber nachgrübeln konnte, riss sie mich aus meinen Gedanken und meinte »Ja, und abends könnten wir noch zusammen essen. Vielleicht kann ich Tom überreden uns etwas Leckeres zu kochen.«
»Au ja, ich bin dabei. Nächsten Samstag um zwölf?«
»Ja, das passt gut. Ich freu mich und kann jede Hilfe gut gebrauchen.«
Irgendwie roch es etwas seltsam. Meine kleinen grauen Zellen brauchten einen Moment, um den Geruch zuzuordnen.
»Hier riecht es verbrannt«, rief Nina naserümpfend das aus, was ich gerade dachte.
»Mist, verdammter. Mein Traumprinz. Den haben wir total vergessen.«
Ich spurtete in die Küche, riss fluchend die Tür vom Backofen auf, aus der es mächtig qualmte und zog das heiße Blech vorsichtig auf den Herd. Nina öffnete inzwischen im Wohnzimmer die Fenster und ließ die kalte Herbstluft in den Raum. Was war denn das? An seinem Goldstück prangte ein großer dunkler Fleck. Hoffentlich kein schlechtes Omen. Leidenschaftlichen Sex wünschte ich mir schließlich auch mit meinem Prinzen. Vielleicht hätte ich meine Must-Haves um diesen Punkt ergänzen sollen. »Oh Mann, mir ist aber auch nichts gegönnt. Das war’s dann wohl. Traumprinz ade.«
Inzwischen stand Nina neben mir und wir blickten gemeinsam auf den etwas verkohlten Teigprinzen, dessen Po nun mehr nach einem verschrumpelten Apfel als nach einem Knackarsch aussah. Eins war klar, Daniel Craig konnte der hier keine Konkurrenz machen.
»Wieso? Vielleicht ist dein Traumprinz ja ein rassiger Südländer«, versuchte Nina mich noch aufzumuntern. Mit einem Blick auf die Uhr ergänzte sie »oh Mist, schon so spät? Ich muss los.«
»Jetzt schon?« Ich versuchte mir meine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen.
»Ja, ich gehe heute wieder zum Schwangerschaftsyoga. Ich frage mich zwar, wie lange das mit dieser Riesen-Kugel noch gut geht, aber die Bewegung tut mir gut. Mathilda wartet sicher schon auf mich. Wir sehen uns ja am Samstag.« Hastig griff Nina nach Schal, Mantel und der selbstgestrickten Mütze und verabschiedete sich.
Ich konnte nicht anders. Ich war eifersüchtig auf Mathilda. Nina hatte sie in diesem Kurs kennengelernt und neuerdings waren die beiden ein Herz und eine Seele. Aber ich schluckte den Kloß im Hals, der mir unweigerlich die Kehle zuschnürte, hinunter und freute mich einfach auf das bevorstehende Wochenende.
Und nun? Nachdem ich Nina an der Tür verabschiedete, ging ich zurück ins Wohnzimmer. Als ich das Geschirr in die Küche räumte, fiel mir meine Bucket-List wieder in die Augen. Es war noch nicht spät, erst kurz vor drei. Zeit genug also, um vielleicht heute noch zur Isar zu fahren und meine Flaschenpost auf den Weg zu schicken. Immer noch aufgewühlt, schnappte ich mir die leere Rotweinflasche von der Anrichte und schrieb einen Brief.
Lieber Finder,
wenn du diese Flasche findest, sind vielleicht schon viele Jahre vergangen, ich bin eine 85-jährige Frau, sitze zufrieden in einem Schaukelstuhl im Garten, trinke mit meinem Liebsten Kaffee, während meine Tochter in der Hängematte relaxt und die Enkelkinder im Garten Fußball spielen. In diesem Fall ist alles gut gelaufen und meine Wünsche haben sich erfüllt.
Vielleicht findest du die Flasche aber auch schon eher und bist der Traumprinz, auf den ich die ganze Zeit schon warte.
Das Telefon klingelte, aber ich ließ mich durch nichts stören und schrieb eifrig weiter.
Mein Name ist Leni. Heute ist der 15.11.2017. Ich bin 29 Jahre alt, nicht zu groß und nicht zu klein, nicht dünn, aber auch sportlich genug, um in Kleidergröße 38 zu passen. Ich lache gerne – am liebsten mit meinen Freunden.
Ich bin spontan und gerne kreativ.
Meistens weiß ich genau, was ich will.
Ich möchte den einen Traumprinzen finden, der mich liebt und bei dem mein Herz tanzen wird vor Glück.
Ich freue mich auf deine Nachricht.
Leni
Mit zittrigen Fingern rollte ich das Blatt zusammen, band eine Schleife darum, steckte es in die Flasche und drückte den Korken fest darauf, bevor ich ihn mehrfach mit Klebeband umwickelte. Ich war ganz hippelig. Es war noch nicht dunkel, also beschloss ich gleich noch zu den Isarauen zu fahren und die Post loszuschicken. Dort angekommen inspizierte ich zuerst den Wasserfluss, um die Flasche an einer geeigneten Stelle auf ihre Reise zu schicken. Ich wartete noch einen Moment, bis sich die Teenager etwas weiter unten flussabwärts verzogen hatten und ging ungeduldig auf und ab. Schließlich wollte ich nicht, dass ein siebzehnjähriger die Flasche findet und sich am Ende einen Spaß daraus macht.
Dann war es endlich soweit. Was für ein bewegender Moment. Es kam mir vor, als würde ich etwas Verbotenes tun. Meine Hände waren ganz feucht und mein Herz pochte laut bis zum Hals. Ich kniete mich dicht ans Ufer und ließ die Flasche mit beiden Händen feierlich ins Wasser gleiten. Andächtig und ergriffen schaute ich ihr einen Moment hinterher. Ein unbeschreibliches Gefühl von Zufriedenheit, aber auch Aufregung, Neugier und Hoffnung machte sich in mir breit. Glücklich machte ich mich auf den Weg nach Hause, um dort den ersten Punkt meiner Liste abzuhaken.
November Rain
Am nächsten Morgen saß ich fröstelnd im Büro und schaute nachdenklich aus dem Fenster. Trister könnte ein Novembermorgen nicht sein. Draußen war es nasskalt. Das Laub machte die Straßen rutschig und der Nebel senkte sich über die Stadt. Es war windig und der Regen prasselte nun schon seit Stunden unaufhörlich an die Fenster. Ich würde Einiges dafür geben jetzt irgendwo am Strand zu sitzen und die Füße im warmen Sand zu vergraben. Aber sowohl mein Jahresurlaub als auch mein Urlaubsbudget waren restlos aufgebraucht und so würden Australien, Kuba und Südafrika noch etwas auf mich warten müssen.
Ich arbeitete als Teamassistentin in einer Werbeagentur. Ursprünglich hatte ich zwar damals nach dem Abi andere Pläne und dachte zunächst über ein Grafikdesign-Studium nach. Aber das Zeichnen blieb mein Hobby und so hatte ich mich zunächst für die Ausbildung zur Werbekauffrau entschieden. Bislang hatte ich diese Entscheidung nicht bereut. Und auch in München fühlte ich mich pudelwohl. Ich wollte unbedingt mal weg vom Land, um Großstadtflair zu schnuppern. Mir gefiel die Stadt ausgesprochen gut. Schon bei meinem ersten Aufenthalt war ich absolut schockverliebt. Und auch die Leute, die ich bisher hier kennengelernt hatte, waren offen und herzlich und dass, obwohl ich als gebürtige Hessin doch eine 'Zuagroasde' bin.
Meinen Eltern konnte ich es früher ohnehin nicht recht machen. Überhaupt missfiel ihnen, dass ihre Tochter mit dem Abi in der Tasche nicht etwas Anständiges studieren würde, Medizin zum Beispiel oder Jura. Aber ich war nun mal eher kreativ. Das war meine Welt.
So, was mache ich denn nun zuerst? Heute war mal wieder irre viel los. Alle wuselten hektisch herum und waren angespannt, weil unserem Großkunden die Entwürfe für seine aktuelle Kampagne nicht gefielen. Nun gab es eine neue Deadline bis Freitag. Eigentlich konnte man mir als Teamassistentin schon ein gutes Organisationstalent nachsagen. Aber heute ging es wirklich drunter und drüber. Die beiden Chefs, Thorsten und Michael, denen ich seit nun fast schon fünf Jahren zuarbeitete, hatten natürlich alle beide einen superwichtigen Auftrag, der keinen Aufschub duldete und außerdem musste ich für eine Inhouse Messe noch Einiges organisieren. Hotelzimmer und Räume waren zwar gebucht, aber das Catering musste noch ausgewählt und bestellt werden. Puuuh, das wird heute wohl ein langer Tag werden. Ich atmete tief durch und stürzte mich in die Arbeit. Meine Wangen glühten, aber ich mochte auch diesen Druck. Meistens kamen mir dann die besten Ideen. Ich studierte gerade die Menüvorschläge, notierte hier und da ein paar Änderungen, als mein Kollege Malte den Kopf zur Tür hereinstreckte.
»Hallo Leni, hast du mal eine Minute?«
»Eigentlich nicht.« Ich blickte ihn entschuldigend an. »Was gibt’s denn?«
»Ach, ich bräuchte deine unabhängige Meinung zu unserem neuen Internetauftritt.«
»Ich kann ihn mir nach der Messe nächste Woche gerne mal ansehen. Reicht dir das? Wann soll er denn live gehen?«
»Laut Planung am Montag.« Zerknirscht stand er in der Tür und schenkte mir einen bittenden Blick.
Ich mochte ihn und das war sicher auch der einzige Grund warum ich mich sagen hörte »Also gut, heute schaffe ich es sicher nicht, aber vielleicht morgen, ok?«
»Du bist ein Schatz Leni, danke dir.« Er warf mir eine Kusshand zu und war schon fast wieder aus dem Büro verschwunden.
»He, mal nicht so schnell. du kannst dich gerne revanchieren, zum Beispiel morgen Abend beim Italiener in der Lilienstraße«, sagte ich keck.
»Ähm, ja«, stotterte er verlegen »warum nicht?«
Damit hatte er nicht gerechnet.
Trotzdem, oder gerade weil es heute so stressig war, gönnte ich mir eine ausgedehnte Mittagspause. Wer weiß wie lange ich heute noch im Büro sein würde. Weil ich diese heute nicht allein verbringen wollte, griff ich zum Hörer und wählte Caros Nummer. Vielleicht hat sie ja Zeit und Lust auf eine Abwechslung. Caro und ich kannten uns aus dem Fitness-Studio, wo ich nach der ersten Euphorie eher sporadischer Besucher war, stilles Mitglied sozusagen. Sie war etwas jünger als ich und mit ihrer quirligen, unkomplizierten und manchmal auch chaotischen Art, das genaue Gegenteil von mir. Trotzdem verstanden wir uns super. Wir sahen uns nicht häufig, aber wenn die eine die andere brauchte, waren wir immer füreinander da. Es dauerte eine Weile, bis sie sich mit einem abgehetzten 'Morelli' am Telefon meldete.
»Hallo Caro, ich bin’s Leni. Wie schaut es aus, hast du Lust auf ein Mittagessen im Kultig?«
Sie überlegte einen Moment und meinte »Schöne Idee. Und ja, ich habe natürlich Lust. In einer Dreiviertelstunde könnte ich es schaffen.«
»Das passt perfekt. Dann sehen wir uns um eins. Bis dann, ich freu mich«.
»Ich mich auch. Ciao Bella«.
Das Bistro Kultig ist nur zwei Straßen von unserem Bürogebäude entfernt. Außerdem gibt es direkt um die Ecke ein kleines Eiscafé, in dem es im Sommer das beste Schokoladeneis der Stadt gab.
Thorsten betrat das Büro. »Mahlzeit, Leni. Hast du meinen Barcelona-Flug schon gebucht? Und denk bitte daran den Bachmayr-Termin zu vereinbaren. Vielleicht kannst du später Alex etwas bei der Erstellung der Präsentation für Freitag unterstützen?« Wie immer redete Thorsten ohne Punkt und Komma und ohne eine Antwort abzuwarten. Hastig notierte ich mir ein paar Stichpunkte. Thorsten war bereits wieder verschwunden, als ich mich fragte, wie ich das alles schaffen sollte. Prompt nagte das schlechte Gewissen an mir und ich überlegte, ob ich mir eine ausgedehnte Mittagspause wirklich erlauben konnte. Aber Caro wieder absagen wollte ich nun auch nicht mehr.
Oh. Schon kurz vor eins. Ich musste los. Zum Glück hatte der Regen etwas nachgelassen. Meinen Schirm hatte ich mal wieder zu Hause vergessen und hangelte mich deshalb nun unter den Dachvorsprüngen und Markisen der Obsthändler in Richtung Bistro Kultig. Es war fünf nach eins als ich ankam. Caro wartete an unserem Lieblingstisch am Fenster und winkte mir kurz zu. Von weitem sah ich bereits zwei Gläser Aperol Spritz, die dort schimmerten und mich an den Sonnenuntergang in Oia erinnern. Oia ist ein wundervoller Ort an der Nordküste der kleinen griechischen Insel Santorin. Ich erinnere mich noch gut an diesen Griechenland-Trip vor fünf Jahren. Von einem Kollegen hatte ich damals einen wohl schon etwas veralteten Reiseführer geliehen, der Oia als den Geheimtipp für malerische Sonnenuntergänge vorschlug. Dort angekommen warteten etwa fünfhundert weitere Touristen auf das allabendliche Spektakel. Romantik wollte dort nicht so recht aufkommen. Dennoch war es ein atemberaubender Moment, die Sonne dort im Meer versinken zu sehen. Bei dem Gedanken daran, musste ich unwillkürlich schmunzeln.
»Hallo Leni, du siehst ganz schön gestresst aus. Alles gut bei dir?« Caro winkte mich gut gelaunt zu sich.
»Hi Caro«, entgegnete ich abgehetzt. »Du bist der einzige Lichtblick meines heutigen Tages.«
»So schlimm?«, fragte sie mit erwartungsvollem Blick.
»Schlimmer, eine Werbekampagne für die Zielgruppe ab sechzig, die bis Freitag fertig sein muss«, beklagte ich mich.
»Du solltest deine beiden Chefs um eine Gehaltserhöhung bitten.«
»Eigentlich hast du Recht. Das sollte ich bei nächster Gelegenheit einmal ansprechen.« München war teuer und in den letzten Jahren ist mein Gehalt nahezu gleichgeblieben. Dann könnte ich mir vielleicht auch bald den einen oder anderen Reisewunsch meiner Bucket-List erfüllen.
»Lass uns über was anderes reden. Wie geht es dir und Maik oder ist der schon nicht mehr aktuell?«
Der Kellner, ein junger Typ, Anfang zwanzig, sicherlich ein Student unterbrach uns. »Hi, was darf ich euch bringen?«
Er hieß Hannes, das konnte ich auf seinem originellen Namensschild erkennen. Darauf stand 'Das ist mein 1. Tag, bitte sei nett zu mir:-)'. Witzige Idee.
»Für mich die Spinatlasagne«, entgegnete ich.
»Ich nehme den Feldsalat mit Granatapfel und gratiniertem Ziegenkäse«, meinte Caro.
»Geht klar!«
Neugierig wandte ich mich wieder an Caro. »Also, was ist mit Maik? Erzähl schon.«
»Du weißt doch, ich ticke da etwas anders als du. Warum sollte ich mir die Zeit, bis mein Traumprinz aufkreuzt, sollte es ihn wirklich geben, nicht mit dem einen oder anderen Leckerbissen versüßen. Maik war nur eine kurze Affäre. Mehr läuft da nicht.«
Das war einer der Punkte, in dem Caro und ich sehr unterschiedlich waren.
Wir ließen uns das Essen schmecken, saßen noch eine Weile zusammen, plauderten über dies und das und beobachten die Pärchen an den Nachbartischen, bevor ich zurück ins Büro musste. Auf dem Weg zurück in die Agentur schaute ich noch kurz bei Yusuf im Gemüseladen vorbei. Ich griff mir einen Kürbis, ein paar Äpfel und etwas Ingwer. Bei dem Mistwetter würde eine Kürbissuppe am Abend sicher guttun.
Gut gestärkt und gut gelaunt machte ich mich im Büro an die Arbeit und war nun doch ganz zuversichtlich meine offenen Vorgänge noch bis zum Abend abarbeiten zu können.
In den kommenden zwei Tagen waren alle Kollegen im Büro ziemlich angespannt, dennoch schafften wir es alle gemeinsam, die neuen Entwürfe bis Freitag fertig zu kriegen. Letztendlich machte dies auch die Agentur aus. Wir waren eine großartige Gemeinschaft, in der wir stets auf die Hilfe des anderen zählen konnten. Fast wie eine Familie. Einen besseren Job konnte ich mir gar nicht vorstellen.
Mit Geduld und Spucke
Samstagmittag, halb zwölf. Ich war gerade auf dem Weg zu meiner Wohnungstür, als das Telefon klingelte. Ein kurzer Blick auf das Display verriet mir, dass es Mama war. Wenn ich jetzt rangehe, würde ich es nicht rechtzeitig zu Nina schaffen. Andererseits dachte ich an Punkt Vier meiner Bucket-List. Ein Telefonat wäre ja zumindest mal ein Anfang. Ich zögerte kurz, zog dann aber die Tür zu und ließ es klingeln.
Draußen war ein herrlicher Wintertag. Die Luft war klar, der Himmel eisblau und die Sonne glitzerte im ersten Schnee, der heute Nacht die Gehwege kristallweiß gezuckert hatte. Ich musste unwillkürlich lächeln und fühlte mich gleich ein wenig besser. Dann zog ich mir meine Mütze tief ins Gesicht und machte mich auf den Weg.
Pünktlich um zwölf Uhr klingelte ich bei Nina. Nina und Tom wohnten sehr idyllisch, in einer erst vor einem Jahr neu entstandenen Wohnsiedlung, direkt am Hirschgarten. Die Häuser waren in mediterranem Stil gebaut. Die geradlinigen Formen, der terracottafarbene Wandputz und die schmideisernen Balkone mit ihren Verzierungen versetzten einen irgendwo nach Italien, zumindest im Sommer, denn dann zierten Zypressen, Palmen und verschiedenfarbige Oleander das Terrassen- und Gartenbild.
Der Türsummer brummte und Nina kam mir bereits entgegen. »Hallo Leni, schön dich zu sehen. Gut, dass du da bist«, begrüßte sie mich.
Ich drückte sie vorsichtig. »Dito, schau mal, ich habe uns Latte Macchiato, für dich natürlich koffeinfrei, und ein paar süße Leckereien mitgebracht.«
»Das ist ja schön. Vielen Dank. Tom wird sich über die Nervennahrung bestimmt freuen. Schon seit einer Stunde versucht er verzweifelt die Wickelkommode namens Blöjor zusammenzubauen, aber irgendetwas scheint zu fehlen. Komm rein.«
Ich streifte im Flur meine Stiefel ab, warf die Jacke über einen Stuhl und versuchte meine halblangen Haare zu bändigen, die durch die Mütze in alle Richtungen standen. »Hallo Tom.«
»Servus, Leni«, meinte der nur zerknirscht.
»Leni hat uns Latte Macchiato mitgebracht, magst du nicht mal eine Pause machen?«
»Nee, ich muss das jetzt erst mal fertigkriegen«, entgegnete Tom ziemlich gereizt und vom männlichen Ehrgeiz gepackt. Nina deutete mit einer Handbewegung in Richtung Esszimmer und ich folgte ihr aus der Gefahrenzone. Na ja, so hatten wir wenigstens ein wenig Zeit zum Quatschen. Wir setzten uns an den Esstisch und Nina verdrehte die Augen »Typisch Mann, er will sich aber auch nicht helfen lassen. So ein Sturkopf«, beschwerte sie sich. »Momentan ist er einfach schnell gereizt. Weißt du, das Tagungsgeschäft im Hotel läuft zurzeit richtig gut, eine Bankettveranstaltung jagt die andere und das Personal ist noch nicht optimal eingespielt. Tom fühlt sich verpflichtet überall mit anzupacken, schließlich hat er die Verantwortung. Er kommt oft erst nach Hause, wenn ich schon schlafe. Dabei hätte ich ihn so gerne in meiner Nähe. Ich hoffe das ändert sich ein wenig, wenn unser kleiner Krümel auf der Welt ist«, sagte Nina und streichelte sich zärtlich den Bauch.
»Mach dir keine Sorgen, Nina. Bestimmt wird er dann Einiges delegieren können und mehr Zeit für dich und das Baby haben«, versuchte ich sie zu beruhigen, obwohl ich mir nicht sicher war, denn Tom arbeitete erst seit kurzem als Geschäftsführer in einem Vier-Sterne-Hotel nahe dem Messegelände, was ein großer Karrieresprung für ihn war.
»Was macht die Suche nach deinem Traumprinzen? Zeigt unsere Backaktion schon erste Erfolge?«, fragte Nina dann mit einem Grinsen. »Ich habe übrigens neulich von einer Studie gelesen, die belegt, dass sich viele Paare bei der Arbeit oder im Supermarkt kennenlernen. Vielleicht solltest du da mal ansetzen.«
»Das frage ich mich manchmal auch. Wo steckt der Kerl nur?«, entgegnete ich mürrisch.
Nina lachte auf und blickte mich ermahnend an. »He, sei mal nicht so pessimistisch.«
»Na ja, also am Donnerstag zum Beispiel, hatte ich ein Date mit einem Arbeitskollegen. Das war der totale Flop. Soviel zu Deiner Studie.«
»Du darfst das einfach nicht so verbissen angehen. Er wird dir schon irgendwann über den Weg laufen. Wahrscheinlich dann, wenn du am wenigsten damit rechnest.«
»Du hast gut reden.«
Drüben aus dem Kinderzimmer hörte man vereinzelt Tom fluchen. Aber ganz ehrlich, von mir aus konnte das noch dauern. Ich genoss es mit Nina hier zu sitzen und rumzualbern.
»Erzähl schon und spann mich nicht so auf die Folter, was hatte das mit deinem Kollegen auf sich?«
»Mein Kollege Malte hat mich am Mittwoch gebeten unseren neuen Webauftritt zu sichten und ihm Feedback zu geben. Ich meinte 'Klar, wenn er mich dafür am Donnerstag zum Italiener einlädt, mache ich das gerne.' Er war etwas verdutzt, aber sein Wort hat er gehalten. Ich hatte mich natürlich mächtig aufgebrezelt. Hab mir mittags sogar noch ein neues Strickkleid gekauft, mir verführerische Smokey Eyes geschminkt und mein bestes Parfüm aufgelegt. Und dann nahm das Desaster seinen Lauf. Gleich beim Aperitif hat er mir offenbart, dass er eine Freundin hat. Oh Mann, wie peinlich und naiv von mir.«
»Und das hast du wirklich nicht gewusst? Also das mit den Dates musst du wohl noch ein wenig üben, hm? Wie ist der Abend dann noch verlaufen?«
»Na ja, wir haben trotzdem noch gegessen und uns auch ganz nett unterhalten. Aber wohlgefühlt habe ich mich mit der Situation nicht. Was er wohl seiner Freundin erzählt hat? Sicher haben sich die beiden insgeheim über meinen Flirtversuch kaputtgelacht.«
Nina brach in Gelächter aus und ich konnte es ihr noch nicht mal verübeln. Am Ende hielt auch ich mir den Bauch vor Lachen.
»Tja Nina, mein Glück scheint etwas zu taumeln. Kann ja nicht jeder so einen Volltreffer landen wie du mit Tom.« Mir kam das Lied '80 Millionen' von Max Giesinger in den Sinn, das die letzten Wochen und Monate im Radio rauf und runter lief.
»Du wirst deinen Traumprinzen schon auch noch finden, Leni. «
»Da bin ich mir nicht so sicher. Bisher sind da draußen nur Frösche unterwegs.« Die Frustration in meiner Stimme war nicht zu überhören. »Aber das Essen war echt lecker. Dort sollten wir unbedingt mal hingehen«, fügte ich nach einem Moment hinzu, um über meinen peinlichen Auftritt hinweg zu lenken und die Sehnsucht, die sich in mir breit machte wegzuschieben.
»Hey Mädels, ich hab’s«, rief Tom euphorisch aus dem Kinderzimmer. Nur wenige Sekunden später stand er grinsend im Türrahmen. »Der Kaffee ist bestimmt schon kalt, aber hattest du nicht was von was Süßem gesagt, Leni? Das wäre jetzt genau richtig.«
»Klaro, schau mal da vorne in die Tüte.«
Den Mittag verbrachten Nina und ich damit die Möbel im Kinderzimmer auszuwischen und die Klamotten, die Nina schon nach Größen und Farben vorsortiert hat, einzuräumen. Süß, wie winzig die Hosen und Shirts waren. Den Wickeltisch bestückten wir mit allen wichtigen Utensilien und an der Decke über dem Kinderbett platzierten wir ein buntes Mobile. »Jetzt fehlt mir nur noch ein schöner Sessel oder vielleicht auch ein Sitzsack, wo ich den Kleinen später gemütlich stillen kann«, meinte Nina und schaute sich zufrieden um.
»Ja, das Zimmer ist wirklich gemütlich geworden. Wenn du willst kann ich noch ein paar schöne Grafiken anfertigen, die wir auf kleine Leinwände bedrucken und aufhängen können«, schlug ich vor.
»Au ja, schöne Idee. Vielleicht irgendwas mit Tieren.« Zufrieden, dass wir so ein tolles Kinderparadies geschaffen hatten, gingen wir in die Küche, wo Tom uns bereits erwartete. Er hatte selbstgemachte Pasta vorbereitet, dazu gab es frisches Grillgemüse und das beste Pesto der Stadt. Hm, lecker. Wir tranken Chianti und Nina Traubensaft, bevor ich mich gegen Mitternacht, nach einem ausgelassenen Abend, müde, aber auch glücklich auf den Heimweg machte. Wahrscheinlich waren die Gedanken, die ich mir in Bezug auf unsere Freundschaft machte, völlig unnötig.
Frisch gewickelt
Es war so weit, nur ein paar Tage nach unserer Kinderzimmer-Aktion hat der kleine Krümel sein Ein-Zimmer-Appartement in Ninas Bauch verlassen, um das Licht der Welt zu erblicken. Tom hatte mächtig stolz per E-Mail erste Fotos und die wichtigsten Eckdaten verschickt. Max hieß er und hatte ganz dunkle, kurze Haare, wie Tom, und ein wirklich süßes Lächeln.
In der Agentur herrschte die letzten Tage allerdings wieder Hochbetrieb. Unzählige Überstunden standen auf der Tagesordnung, weshalb ich Nina auch im Krankenhaus nicht besuchen konnte.
Trotzdem hatte ich meine alte Nähmaschine rausgekramt, die Oma Emmi mir zum Auszug geschenkt hatte und in liebevoller Nachtarbeit einen süßen hellblauen Knisterelefanten und eine dazu passende Buchstabenkette genäht. Ich gebe zu, ich war etwas aus der Übung und habe so sehr geflucht, dass ich am Sonntag eigentlich zur Beichte müsste. Aber am Ende konnte sich das Ergebnis durchaus sehen lassen. Nina gefiel so was bestimmt. Ich war stolz und freute mich schon auf ihre Reaktion, wenn sie das Päckchen auspackte. Und die Grafiken hatte ich auch fertig. Sie sind wirklich schön geworden.
Heute würde ich es endlich schaffen und bei Nina und Tom vorbeischauen. Gleich nach Feierabend machte ich mich auf den Weg zu ihnen. Ich war schon mächtig gespannt auf den Kleinen. Wem er wohl mehr ähnlich sah und ob er mich mochte? Voller Neugier stand ich nun also vor Ninas Haustür und klingelte. Nichts. Also nochmal. Das Klingeln wurde offenbar durch Max lautes Gebrüll übertönt. Ich griff nach meinem Handy und wählte Ninas Nummer. Kurz darauf öffnete Tom die Tür.
»Ja, doch. Jetzt hast du ihn aufgeweckt und das Ganze Prozedere geht nun wieder von vorne los«, sagte er barsch und der Vorwurf in seiner Stimme war deutlich zu hören.
»Tschuldigung«, murmelte ich kleinlaut, weil mir gerade nichts Besseres einfiel, verstand aber die Aufregung nicht. Tom eilte schon wieder nach oben, denn Max schrie nach wie vor aus Leibeskräften.
Auf dem Weg ins Wohnzimmer blieb mein Blick in der Küche hängen. Ich erschrak. Dort sah es aus, als wäre eine zwei Zentner schwere Weltkriegsbombe explodiert. So ein Chaos war ich von Nina gar nicht gewohnt. Da die beiden nach wie vor damit beschäftigt schienen, Max zu beruhigen stand ich zunächst unschlüssig im Wohnzimmer und wartete. Für einen kurzen Moment überlegte ich, ob ich in der Küche schnell den Abwasch machen sollte, verwarf den Gedanken aber gleich wieder. Also zog ich meinen Mantel aus und wärmte mich am Kamin.
Nach einer gefühlten Ewigkeit kam Tom und meinte »Nina braucht noch eine Weile. Max ist heute besonders quengelig. Möchtest du etwas trinken?« Es klang mehr nach einer Höflichkeitsfloskel, als nach einer ernst gemeinten Frage. Tom sah gestresst und erschöpft aus.
»Jetzt lass dich erst mal drücken, du frischgebackener Papa. Ich wünsche euch von Herzen alles Gute. Hier habe ich eine Kleinigkeit für Max. Ich hoffe es gefällt euch.« Erwartungsvoll streckte ich Tom das Päckchen entgegen.
»Oh, prima, vielen Dank«, sagte Tom und stellte das Päckchen achtlos zu den anderen Geschenken, die sich bereits im Wohnzimmer stapelten. Er wirkte etwas unbeholfen und ziemlich genervt. Hm, so hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ein richtiges Gespräch kam irgendwie auch nicht zustande. Nach einer Weile wurde es still und Nina kam völlig erschöpft aus dem Kinderzimmer.
»Hallo Leni« und zu Tom »Endlich schläft er«! Ich gratulierte auch Nina und drückte sie herzlich.
»Tut mir leid, dass ich jetzt erst komme. Geht es dir gut?«, wollte ich wissen.
»Hm, mal abgesehen davon, dass ich schon drei Tage kaum ein Auge zugedrückt habe und außerdem aussehe wie ein zerknautschter Boxer, geht es mir gut. Leni, sei mir nicht böse, aber ich bin total müde. Lass uns einfach für die nächsten Tage nochmal was ausmachen, ok? Am besten du rufst vorher an.«
Etwas zerknirscht stimmte ich zu. Ich hätte ja auch vorher anrufen können, ob es den beiden überhaupt passt. Daran hatte ich irgendwie gar nicht gedacht, sondern hatte es als selbstverständlich empfunden, dass Nina sich über meinen Besuch freuen würde. Ihre genervte Reaktion stimmte mich nachdenklich. Schnell verabschiedete ich mich und ging traurig in Richtung U-Bahn. Der eisige Wind pfiff mir um die Ohren und die Kühle zog mir die Glieder hinauf. Ich zog den Reißverschluss meiner Jacke bis oben hin und vergrub mein Gesicht in meinem flauschigen Schal. Eine Träne lief mir übers Gesicht. Ich wischte sie energisch weg und damit auch alle schwermütigen Gedanken.
Nichts ist mehr so wie es war
Als ich am nächsten Morgen immer noch schlecht gelaunt ins Büro kam, rief mir unser Praktikant Jan bereits entgegen »Guten Morgen, Leni, Thorsten und Michael möchten dich dringend sprechen«.
»Alles klar«, entgegnete ich, stellte meine Tasche hastig ab und machte mich schnellen Schrittes auf den Weg zu meinen Chefs. Zuerst dachte ich die beiden wären von sich aus auf die Idee gekommen mir eine Gehaltserhöhung anzubieten. Wie falsch ich damit lag, sollte sich in den nächsten Minuten herausstellen.
Arglos öffnete ich die Tür zum Chefbüro. Thorsten und Michael standen beide am Fenster. Sie wirkten angespannt. Das war ihnen an der Körperhaltung deutlich anzusehen. Als ich eintrat, drehten sie sich langsam um und blickten mich mit versteinerter Miene an.
»Guten Morgen, Leni. Setz dich doch erst mal. Möchtest du einen Kaffee?«
»Nur keine Umstände.« Verwundert ging ich einen Schritt auf die beiden zu. Irgendetwas hinderte mich aber daran mich zu setzen. »Kaffee habt ihr mir doch noch nie zu unserer Morgenbesprechung angeboten.« Unsicher trat ich von einem Fuß auf den anderen und sah sie fragend an. »Was ist hier los?«, erkundigte ich mich, denn die Stille machte mich geradezu wahnsinnig.
»Leni, ich weiß gar nicht wie ich es dir sagen soll«, ergriff nun Michael das Wort, »wir haben die Genious Kampagne verloren und nicht nur das, der Südwinkel-Konzern hat all seine Aufträge entzogen und ist zu Hitmacher gewechselt. Das war einer unserer besten Auftraggeber. Allein mit seinen Werbekampagnen war die Hälfte unseres Teams beschäftigt. Nun müssen wir ganz schön hart kämpfen und du weißt ja, es ist nicht einfach am Markt.« Das klang gar nicht gut. Überhaupt nicht gut. Irgendetwas an Michaels Stimme beunruhigte mich und ließ mich innerlich aufhorchen. »Hm«, brummte ich abwartend.
»Leni, was ich dir nun sagen muss fällt mir nicht leicht.«
Ein ungutes Gefühl beschlich mich und mein Magen krampfte sich zusammen. »Du bist eine unserer fähigsten Mitarbeiterinnen, sprühst gerade so vor Ideen, bist ehrgeizig und stets voll bei der Sache, dennoch sind wir gezwungen unser Team zu verkleinern.«
Hörte ich richtig? Was geht hier vor? Das gefiel mir gar nicht. Noch während ich überlegte, hörte ich Michael etwas von betriebsbedingter Kündigung faseln. »Ich stelle dich natürlich frei. So hast du die Chance die nächsten Wochen zu nutzen, um etwas Neues zu finden. Ich bin mir sicher, dass dir die Firmen da draußen zu Füßen liegen werden.« Er unterstrich seine Aussage mit einer ausladenden Handbewegung.
»Aber wie soll das denn hier ohne Assistentin funktionieren?«, startete ich einen hilflosen Versuch meinen Job zu retten. Ich fühlte mich plötzlich unendlich nutzlos. Das konnte doch nicht alles gewesen sein. Von wegen Familie. Nun räusperte sich Thorsten, der bisher das Gespräch still verfolgt hat.
»Also es ist so, die Projektleiter werden einige Aufgaben selbst übernehmen müssen, wie beispielsweise ihre Reiseplanung und den Rest werden wir mit einer Teilzeitstelle abdecken.«
Hoffnung keimte in mir auf. Es war also doch noch nicht alles verloren.
»Ich reduziere auch meine Stunden. Das ist immer noch besser als ganz auf der Straße zu stehen. Mensch, ihr habt mir ja einen ganz schönen Schrecken eingejagt.«
Nun setzte ich mich doch an den kleinen runden Besprechungstisch. Meine Beine waren ganz wackelig. Doch bevor ich mich entspannen konnte, ergriff Thorsten erneut das Wort.
»Nein, also es ist so, dass meine Frau aus der Elternzeit zurückkehrt und uns hier stundenweise unterstützen wird. Tut mir wirklich leid, Leni.« Er schaute betreten zu Boden und ich war sprachlos. So lief das also.
»Das ist nicht euer Ernst, oder?«
»Es tut uns wirklich leid.«
Wie in Trance stand ich auf, nahm den Umschlag mit der Kündigung entgegen und ging in mein Büro zurück. Gekündigt. Abserviert. Einfach so. Ich konnte es noch gar nicht fassen. Dürfen die das denn einfach so? Ich wusste nicht ob ich heulen, oder vor Wut platzen sollte. Jan war nicht im Büro, als ich zurückkam. Das war auch gut so. Ich brauchte nun erst einmal Zeit für mich. Noch fünf Wochen Gnadenfrist. Ob das reichte, um mir etwas Neues zu suchen? Nachdem ich meine Sachen gepackt hatte, verließ ich schnell und ohne mich zu verabschieden die Agentur und ging nach Hause.
Erst als ich die Wohnungstür aufschloss und mich im Flurspiegel betrachtete, brach ich in Tränen aus. Den ganzen Weg nach Hause war ich stark, sagte mir immer wieder 'Leni, du bist gut. du wirst in nullkommanix was Neues finden.' Aber nun beschlich mich die pure Angst. Was sollte ich tun, wenn es nicht so einfach war? Dann musste ich meine schöne Wohnung, in der ich mich so wohlfühlte, aufgeben. Alles würde sich verändern. Panik machte sich in mir breit.
Ich rief Nina an. Sie schaffte es bestimmt mich aufzumuntern. Mist, es klingelt durch. Wieso ist sie nie da, wenn ich sie brauche? Ich probierte es bei Caro, aber auch hier Fehlanzeige. Es meldete sich nur der Anrufbeantworter, also legte ich auf. Da half nur Giuseppe. Giuseppe war ein guter Freund, Helfer in allen Lebenslagen, Fels in der Brandung und Seelentröster. Mein Giuseppe, ein guter Schluck davon löste meine Probleme zwar nicht, aber er ließ sie mich für einen Abend lang vergessen.
Abgetaucht
Uaaah. Was ist denn das für ein Krach hier? Langsam richtete ich mich im Bett auf. Mein Kopf brummte wie ein ganzer Bienenstock. Und der Wecker auch. Ich hatte vergessen ihn auszuschalten. Zur Arbeit musste ich ja heute nicht. Ich drehte mich also um, kuschelte mich wieder in meine Kissen und versuchte weiterzuschlafen. Und während ich mich in den Decken hin und her wälzte, war mit einem Mal alles wieder da. Wie ein Film lief das gestrige Gespräch mit Michael und Thorsten in meinen Gedanken ab. Mir wurde wieder klar, was gestern geschehen war und dabei wurde mir speiübel. Also schlurfte ich ins Bad. Ein Blick in den Spiegel verriet mir, dass ich es mit meinem Lieblingsprosecco Giuseppe wohl etwas übertrieben hatte. Ein blasses Wesen, mit tiefen Ringen unter den Augen, blickte mir entgegen. Ich war traurig und wütend zugleich. Bis gestern dachte ich noch ein unersetzbarer Teil der Agentur zu sein und heute sah ich mich schon heruntergekommen in der Agentur für Arbeit nach einem Job betteln. Aus den Lautsprechern tönte die Stimme meiner Eltern 'Siehst du, das haben wir doch gleich gesagt, dass dieses Werbezeugs nichts zum Geldverdienen ist.' Ich schüttelte den Gedanken ab und ließ kaltes Wasser, erst über meine Handgelenke laufen, dann über mein Gesicht. Das tat gut. Meine Gedanken kreisten aber weiter. Ich konnte einfach nicht fassen, dass es ausgerechnet mich getroffen hatte. Ich hatte immer das Gefühl, wertgeschätzt zu sein. Die Agentur war wie eine Familie für mich. Über einen Plan B hatte ich mir nie Gedanken gemacht. Wieso auch?
Die nächsten Tage igelte ich mich komplett ein und hing fast den ganzen Tag vor der Glotze. Von Wintersportwettbewerben, zur Küchenschlacht, den Nachmittags-Telenovelas, die einem heile Welt vorspielten und dann weiter zum Vorabendprogramm. Das Telefon ließ ich klingeln. Ich konnte nicht über das Geschehene sprechen. Noch nicht. Nach dem ersten Schock musste ich erst einmal selbst meine Gedanken sortieren. Nina und Caro hatten mich ein paar Mal versucht zu erreichen und auch Mama hatte auf den Anrufbeantworter gesprochen, um nachzuhören wann ich an Weihnachten nach Hause komme. Aber mir war nicht nach Reden, ich suhlte mich lieber in meinem Selbstmitleid.
So konnte es nicht weiter gehen. Soviel war klar. Fast eine Woche war nun schon vergangen. Es fiel mir unglaublich schwer, wieder etwas Struktur in meinen Tag zu bringen. Von allein würde sich sicher keine Joboption auftun. Ich musste endlich diese Trägheit abschütteln und mich aufraffen.
Also ging ich am heutigen Morgen zuerst ins Bad, um mein Ego ein wenig zu pushen. Ich gönnte meinem Gesicht ein Peeling, was die Wangen gleich etwas rosiger aussehen ließ, rasierte mir die Beine, cremte mich ein und legte zum Schluss ein leichtes Make-Up auf. Die Haare band ich zu einem praktischen Zopf und setzte mein Lieblings-Cap auf. Das sah doch gleich schon etwas besser aus. Damit hatte ich zwar den halben Vormittag vertrödelt, aber es fühlte sich nun nicht mehr ganz so nach Hartz Vier an. Mir fiel hier allmählich einfach die Decke auf den Kopf.
Nach meinem kleinen Verwöhnprogramm ging ich ins Arbeitszimmer und schaltete den Laptop ein. In den gängigen Suchportalen waren sicher einige Jobs, auf die ich mich bewerben könnte. Und es wäre an der Zeit meine Bewerbungsunterlagen zusammenstellen. Ich war etwas aus der Übung, aber im Internet ließen sich sicher einige Tipps ergoogeln. Das Ergebnis war erschütternd. Stepstone, Monster & Co. warfen für München gerade mal drei offene Stellen aus. Da waren meine Chancen doch gleich null. Zu wenig Erfahrung und im potenziellen Alter, Nachwuchs zur Welt zu bringen, waren nur zwei Gründe erfahrenen Karrierefrauen oder nach Erfolg strebenden Männern den Vorzug zu geben.
Kurzentschlossen entschied ich mich zu Nina zu fahren. Ich brauchte jemanden mit dem ich reden und den ich um Rat fragen konnte. Danach würde es mir vielleicht besser gehen und dann blieb mir noch genug Zeit, mich um die Bewerbungsunterlagen zu kümmern. Die leisen Zweifel, dass ich damit die Jobsuche nur weiter auf die lange Bank schieben würde, erstickte ich schnell im Keim.
Es war kurz nach zwei, als ich bei Nina eintraf. Sie öffnete mir die Tür, zwar überrascht mich um diese Uhrzeit zu sehen, aber sie wirkte auch etwas gestresst. »Hallo Leni, was machst du denn hier? Das ist ja eine Überraschung. Hast du Urlaub? Ich hatte Anfang der Woche schon versucht dich zu erreichen, doch nur deine Mailbox erwischt.«
»So ähnlich, schön dich zu sehen. Passt es gerade? Tut mir leid, dass ich mich vorher nicht angemeldet habe.«
»Schon gut. Max schläft noch, das heißt, wenn wir Glück haben, bleibt uns Zeit für einen Kaffee.«
Oh, wie gnädig dachte ich, schob den Gedanken aber schnell beiseite, schließlich war ich ja diejenige die die letzten Tage das Telefon nicht abnahm und jedes Gespräch umging. Ich ging hinter Nina in die Küche und machte es mir auf der Sitzbank gemütlich, während Nina Milch für Latte Macchiato aufschäumte. »Also, was machst du hier, unter der Woche, im Sport-Look? Hast du dir einen Tag frei genommen und genießt den schönen Wintertag?«
»Hm, erzähl ich dir gleich. Kann ich dir noch etwas helfen?«
»Nee, bin fertig«, entgegnete Nina und kam zu mir an den Tisch, auf dem Tablett zwei Latte Macchiato und natürlich das Babyphon, das sich auch just in diesem Moment durch ein Knacken bemerkbar machte. »Warte mal Leni, ich schaue nur kurz nach Max und bin gleich wieder da.« Ich hing gerade meinen Gedanken nach, als sich Nina mir gegenüber hinsetzte und mich fragend ansah.
»Nina, ich brauch mal jemanden zum Reden«, meinte ich zerknirscht. Irgendwie wusste ich gar nicht wie ich anfangen sollte.
»Habe ich mir schon gedacht, dass du irgendwas auf dem Herzen hast.« Abwartend sah sie mich an.
»Ich habe keinen Job mehr«, platzte ich heraus. So, jetzt war es gesagt.
»Wie denn das, du hast dich doch dort so wohl gefühlt und deine Chefs waren doch immer begeistert von deiner Arbeit?« Ehrlich betroffen, kam Nina zu mir auf die Sitzbank und umarmte mich, was unheimlich guttat. Tränen kullerten mir über die Wangen. »Erzähl mal, wie ist es denn dazu gekommen?« Noch immer aufgewühlt berichtete ich Nina in allen Einzelheiten von dem Kündigungsgespräch und auch davon, dass ich momentan gar nicht weiter wusste, während sie mir tröstend den Rücken streichelte. Es tat gut sich alles von der Seele zu reden. Doch irgendwie hatte ich das Gefühl, dass Nina doch nur mit halbem Ohr hinhörte. Alle paar Minuten stand sie auf und schaute nach Max, obwohl der friedlich schlief. Ich musste jedes Mal wieder von vorne ansetzen. Das machte mich wahnsinnig.
»Leni, das schaffst du schon. Hast du dich schon bei Xing angemeldet? Du wirst bestimmt bald was Neues finden. Es braucht vielleicht einfach nur ein paar Tage Zeit.« Nina versuchte mich aufzumuntern, aber ich hatte das Gefühl, sie konnte meine Ängste nicht wirklich nachvollziehen. Ninas Sorgen drehten sich wohl eher um die richtige Babykost und darum wie man den Schwangerschaftsspeck in kürzester Zeit wieder los wird. Ich prallte an ihr ab mit meinen Existenzängsten. Na, das fing ja gut an. Frustriert ging ich an diesem Tag nach Hause und fragte mich abermals wie die neue Situation wohl unsere Freundschaft verändern würde.
Advent, Advent ein Lichtlein brennt
Die Tage vergingen wie im Flug. Draußen wurde es allmählich kälter und die Menschen begannen bereits ihre Häuser mit Lichterketten und allerlei Weihnachtsschmuck zu dekorieren. Weihnachten rückte näher. Man bemerkte dies ganz schnell, nicht nur am Lichterglanz und dem Plätzchenduft, der plötzlich in unserem Hausflur lag, sondern auch an der vorweihnachtlichen Hektik, die von Tag zu Tag zunahm. Heute war der 16. Dezember. Bald schon stand der dritte Advent vor der Tür. Wie ich ausgerechnet am Adventssamstag auf die Idee kam in die Innenstadt zu fahren, um ein paar Besorgungen zu machen, wo ich doch nun alle Zeit der Welt hatte, fragte ich mich spätestens, als ich mich mit den vielen Menschen in Richtung U-Bahn drängelte. Die U-Bahn war proppenvoll und ich war schon genervt, als ich am Stachus ankam. Es zog mich zunächst zum Oberpollinger, weil ich für Oma Emmi noch ein Mitbringsel besorgen wollte. Ich hatte hier neulich ganz schöne Handwärmer gesehen, die würden ihr sicher gefallen. Als ich meinen ersten Fuß in die Tür setzte, bereute ich allerdings sie beim letzten Mal nicht gleich mitgenommen zu haben. Dass ich mich auch nie gleich entscheiden konnte. Am Eingang begrüßte mich der Weihnachtshit Nummer eins 'Last Christmas' schon aus den Lautsprechern. Im Innern herrschte hektisches Getümmel. Schnell ging ich vorbei an den Luxus-Läden wie Louis Vuitton, Burberry oder Prada und nahm die Rolltreppe in die vierte Etage. Dort war es mindestens genauso voll. »Schau mal, Meike, was hältst du von der hier?«, rief eine Frau und hielt ihrer jüngeren Begleiterin, vermutlich ihrer Tochter, begeistert eine rosa geblümte Bettwäsche mit Rüschen hin. Die junge Frau verdrehte die Augen und meinte »Mama, das ist nun wirklich nicht unser Stil. Du weißt doch, dass wir es gerne modern und schlicht mögen.«
»Hm, ich dachte ja nur. Euch kann man aber auch keine Freude machen.«
»Mama, jetzt sei doch nicht gleich beleidigt«, hörte ich die junge Frau noch sagen und ging weiter in Richtung Strickwarenabteilung.
'Last Christmas' wurde inzwischen von 'Santa Claus is coming to town' abgelöst. Apropos 'Last Christmas’. Ja, letztes Jahr war noch alles in Ordnung. Ich hatte einen guten Job, der mir Spaß machte und mit dem ich jeden Monat ein ordentliches Gehalt in der Tasche hatte. Mit Nina hatte ich auch viel unternommen, was im Moment leider etwas auf der Strecke blieb, nur ein Mann, der fehlte mir auch im letzten Jahr.
Seit ich Single war, hasste ich Weihnachten. Vielleicht auch, weil mir jedes Mal vor Augen geführt wurde, wie schön es doch war Familie zu haben.
In diesem Jahr musste ich nicht nur gestehen, dass ich immer noch keinen Freund hatte, nein ich würde meinen Eltern auch beichten müssen, dass ich momentan arbeitslos war. Dann durfte ich mir wieder Dinge anhören wie 'Hättest du mal lieber auf uns gehört und etwas gescheites studiert' und 'Die Tochter von Luise und Elmar hat Medizin studiert und ist jetzt Oberärztin in der Frankfurter Uni-Klinik. So etwas hättest du machen sollen, aber du musstest ja immer deinen eigenen Weg gehen.' Ja, das musste ich und ich war auch mächtig stolz auf mich – eigentlich!
So, das wäre geschafft. Ich hab’s – das Weihnachtsgeschenk für Oma. Meinen Eltern würde ich ein Paket mit dem leckeren Wein schenken, den ich bei meinem letzten Kurztrip mit Caro an den Gardasee mitgenommen hatte. Bestimmt konnte ich ihnen damit eine Freude machen. In der Schreibwarenabteilung besorgte ich noch einen Satz Bewerbungsmappen und machte mich dann wieder auf den Heimweg.
PR in eigener Sache
Was für ein toller Traum. Ich stand an einer Supermarktkasse. Erol Sander blickte mir verführerisch entgegen und meinte 'Die türkischen Oliven sind wirklich sehr lecker – eine gute Wahl'. Ich schmunzelte verlegen. Als ich das Kleingeld aus meinem Portemonnaie kramte, krikselte er etwas auf den Kassenbon. Beim Rausgehen las ich die Nachricht und konnte es gar nicht glauben. Dort stand seine Adresse und darunter 'Oliven und Weißwein – Heute Abend 20 Uhr?' Ich drehte mich noch einmal um und Erol zwinkerte mir mit einem unmissverständlichen Blick zu, woraufhin ich verstohlen zurückzwinkerte. Ach, konnte das Leben schön sein. Das Lied 'Supergirl', das leise aus den Lautsprechern im Supermarkt klang wurde immer lauter, bis ich bemerkte, dass ich mich nicht im Supermarkt mit Erol Sander, sondern in meinem Bett in Ober-Giesing befand und der Radiowecker immer lauter dudelte.
Heute früh hatte ich mir den Wecker gestellt, was ich gerade sehr bereute, denn ich hätte gerne noch ein bisschen weiter geträumt. Wie der Abend wohl verlaufen wäre? Und wer weiß, vielleicht war das ja ein Zeichen, dass mir heute beim Einkaufen noch mein Traumprinz begegnen würde.
Es war Mittwochmorgen und ich wollte gleich noch ein paar Lebensmittel besorgen. Außer Butter, Eiern und ein paar getrockneten Tomaten gab mein Kühlschrank nichts mehr her. Danach wollte ich mich endlich meinen Bewerbungsunterlagen widmen.
Dass ein Supermarktbesuch so frustrierend enden konnte, hätte ich nicht gedacht. Ich stand gerade an der Kasse, da schrie ein kleines Mädchen am anderen Ende der Schlange »Schau mal, Mami!« Sie deutete mit ihrem kleinen Finger in meine Richtung »die Frau dort drüben hat aber eine grottenhässliche Frisur!« Sie konnte doch nicht mich meinen, oder etwa doch? Ich blickte mich vorsichtig um. Außer mir war weit und breit niemand zu sehen. Ich schaffte es gerade noch nicht in Tränen auszubrechen und einigermaßen würdevoll das Weite zu suchen. Man sagte ja nicht zu Unrecht, das Kinder und Betrunkene manchmal schrecklich ehrlich sind. Mein Selbstwertgefühl war auf einer Skala von eins bis zehn deutlich im negativen Bereich.
Draußen vor der Tür griff ich zitternd zum Handy, schaute mich mit Hilfe der Handykamera an und musste feststellen, dass meine Haare wirklich schon mal bessere Zeiten erlebt haben. Hilflos wählte ich Caros Nummer. »Hallo Leni, was gibt’s?«, flötete sie fröhlich.
»Hi Caro, wie findest du meine Frisur?«
»Magst du eine ehrliche oder eine geschönte Antwort?«
»Ehrlich, bitte.«
»Na ja, ehrlich gesagt, ein wenig Pep könntest du schon vertragen.«
Mit einer ähnlichen Antwort hatte ich bereits gerechnet und reagierte daher gefasst.
»Danke Caro. Kannst du mir einen Tipp geben? Du warst doch neulich bei diesem neuen hippen Modefriseur in der Innenstadt, wie hieß der nochmal?«
»Aber jetzt sag mal, ist was passiert? Hast du George Clooney getroffen und willst dich mit ihm auf einen Kaffee treffen oder gehst du etwa mit Erol Sander in Istanbul frühstücken?«
»Schön wär’s, ich erkläre dir das ein anderes Mal.« Beim Gedanken an Erol Sander musste ich an meinen Traum denken und unwillkürlich kehrte das Lächeln in mein Gesicht zurück. Caro gab mir die Telefon-Nummer und ich rief gleich dort an, um einen Termin zu vereinbaren. Glücklicherweise war jemand abgesprungen und ich konnte für den nächsten Tag einen Termin ergattern, was so kurz vor Weihnachten fast an ein Wunder grenzte. Perfekt! Man muss ja auch mal Glück haben. Und Pech hatte ich die letzten Wochen schon genug.
Kaum zu Hause zersprengte ich mein Sparschwein, denn eigentlich waren derartige Sonderausgaben momentan gar nicht drin. Aber sie dienten ja auch meinem beruflichen Vorankommen. Vielleicht konnte ich sie nächstes Jahr von der Steuer absetzen.
Am nächsten Morgen war ich etwas aufgeregt, als ich den stylischen Friseursalon am Kosttor betrat. Der Salon war hell und sehr puristisch gestaltet. Die Farben Weiß und Schwarz dominierten das Gesamtbild. Mit den hohen Decken wirkten die Räume sehr edel und elegant. Ich fühlte mich ein kleines bisschen wie Aschenputtel.
»Hallo, mein Name ist Leni Kullmann. Ich habe um zehn Uhr einen Termin«, brachte ich ehrfürchtig hervor.
»Guten Morgen«, begrüßte mich die Rezeptionistin fröhlich. Sie sah umwerfend aus, als wäre sie einem Werbeprospekt entsprungen und doch so natürlich. »Es dauert noch einen Moment. Nils wird gleich für Sie da sein. Sie können gerne hier vorne Platz nehmen. Darf ich Ihnen einen Cappuccino, einen Prosecco oder einen frisch gepressten Orangensaft anbieten?«
Na, das war ja mal Luxus. »Gerne, ein Cappuccino wäre prima.« Ich machte es mir auf der weißen Sitzgruppe im Empfangsbereich gemütlich und blätterte in einigen der Hochglanzmagazine, als ein gutaussehender Typ, etwa Mitte dreißig und top gestylt auf mich zukam. »Hallo, ich bin Nils und betreue Sie heute bei ihrem Styling. Bitte folgen Sie mir.«
Ich reichte ihm die Hand »Leni, hallo«. Mehr brachte ich nicht hervor. Aber gerne doch, folgte ich diesem Sahneschnittchen.
»Also, was darf’s heute sein?« Er ließ meine Haare langsam durch seine Finger gleiten und schaute mich erwartungsvoll an.
»Ich wünsche mir einen peppigen, pfiffigen Schnitt, gerne auch etwas kürzer und eventuell könnten wir die Farbe etwas verändern. Es ist Zeit für einen Neuanfang. Vielleicht haben Sie ein paar Ideen?« fragte ich vorsichtig. Das gefiel Nils offensichtlich, denn schon war er in seinem Element, präsentierte Farben, Frisuren und war ganz euphorisch. Er wirkte unheimlich professionell, also vertraute ich ihm und ließ ihm freie Hand.
Während ich auf dem Stuhl saß, die Farbe wirken ließ und inzwischen an meinem Prosecco nippte, kam mir die Idee Daniel zu fragen, ob er eventuell Bewerbungsfotos von mir machen könnte. Daniel arbeitete als freier Fotograf für die Werbeagentur und seine Shots, die er bisher ablieferte, waren wirklich gut. Ich griff zu meinem Handy und wählte spontan seine Nummer.
»Hallo Daniel, schön, dass ich dich erreiche. Wie läuft’s denn so?«
»Gut, und bei dir Leni? Lange nichts mehr von dir gehört.«
»Na ja, bei mir könnte es besser sein. Sicher hast du schon gehört, dass ich nicht mehr bei Lifestyle, sondern momentan auf Jobsuche bin. Sag mal, könntest du dir vorstellen mir zu helfen und ein paar Bewerbungsfotos von mir zu machen?« Daniel sagte gleich zu. Wenn ich wollte, könnte ich heute Nachmittag noch bei ihm vorbeischauen.
»Prima, dann bin ich gegen fünf bei dir. Danke schon mal.«
»Nicht dafür. Das mache ich doch gerne.«
So, das war er also der neue Look von Leni Kullmann. Es war richtig Nils zu vertrauen. Ich erkannte mich selbst kaum wieder. Meine Haare glänzten in einem kakaofarbenen braun, kombiniert mit einigen helleren Strähnchen, die im Licht der Sonne schimmerten. Dazu hatte er mir einen peppigen Kurzhaarschnitt verpasst. Das hätte ich mich selbst nie getraut. Aber der neue Look ließ mich frech, selbstbewusst und auch etwas sinnlich aussehen. Kurz entschlossen ließ ich mir noch ein leichtes Business Make-Up auftragen. So war ich bestens gerüstet für das Fotoshooting am Nachmittag.
Als ich aus dem Laden auf die Straße trat, erntete ich gleich bewundernde Blicke. Ein Gefühl, das ich so nicht kannte. Einige Männer pfiffen mir hinterher. Ach, war ich glücklich. Auf dem Rückweg beschloss ich noch einen kleinen Umweg zu machen und in der Innenstadt nach einem passenden Outfit für meinen neuen Look zu suchen. Ich wurde auch gleich fündig und kaufte mir eine schwarze Leggins, dazu graue Stulpen und einen megakurzen Jeansrock. Dazu noch eine graue Voilé-Bluse und mein neues Ich war perfekt. Fröhlich ging ich nach Hause. Nun hatte ich noch knapp zwei Stunden Zeit, bevor ich mit Daniel verabredet war. Zeit genug, um noch einen Latte Macchiato zu trinken und mich später in Ruhe umzuziehen.
Pünktlich um fünf Uhr war ich in Daniels Atelier angekommen. Er saß gerade noch am Computer und bearbeitete Bilder, als ich durch die Tür kam. Kurz aufblickend meinte er »Was kann ich für Sie tun? Ich habe gleich einen Termin für ein Shooting.«
»Ha, ha, sehr witzig.«
Jetzt sprang er auf und kam einige Schritte auf mich zu.
»Hey, Leni, wow! Du schaust ja klasse aus. Ich hätte dich beinahe nicht erkannt. Lass dich mal anschauen.« Er nahm mich an die Hand und ich drehte mich einmal um die eigene Achse, sodass er mich besser betrachten konnte.
»Danke fürs Kompliment.«
»Das gibt sensationelle Fotos. Bist du sicher, dass es nur Bewerbungsfotos sein sollen? Ich meine, du hättest sicher Chancen als Model zu jobben«, meinte er begeistert.
»Na, nun mach mal halblang, dass du immer gleich so übertreiben musst«. Lachend zog ich meine Jacke aus und freute mich insgeheim, über Daniels nette Worte.
Das Shooting machte jede Menge Spaß. Ich konnte die Bilder gleich danach am PC ansehen und Daniel hat es sich nicht nehmen lassen neben den Bewerbungsfotos noch ein paar weitere freche Bilder zu schießen, die wirklich gut waren.
»Wie wär’s Leni, bleibst du noch auf einen Wein?«
»Das kann ich schlecht ausschlagen. Gerne.« Wir saßen noch eine Weile zusammen, redeten über vergangene Kampagnen, die wir gemeinsam begleitet hatten und tranken leckeren Rotwein. Daniel machte mir immer wieder Komplimente. Wenn er auf Frauen stehen würde, hätte ich mir ihn direkt als potenziellen Prinzen vorstellen können. Schade, dass er Männern den Vorzug gab.
Am nächsten Morgen war ich immer noch bei bester Laune und voller Tatendrang. Meine Haare standen strubbelig in alle Richtungen. Also duschte ich erst mal und stylte meine neue Frisur, mit der ich wirklich sehr gut zurechtkam. Die Investition hatte sich definitiv gelohnt. Beim Blick in den Spiegel war ich mehr als zufrieden. Nach einem ausgiebigen Frühstück ging ich sofort ins Arbeitszimmer. Ich klappte den Laptop auf und legte los. In den Suchportalen war ich immerhin auf zwei weitere Stellenanzeigen gestoßen. Eine als Assistentin im Marketing bei einem Unternehmen, das Kosmetik herstellte. Einige deren Produkte fanden sich auch bei meinen Schminkutensilien, insofern konnte ich mich damit sehr gut identifizieren. Und eine bei einer Eventagentur, die jemanden für die Angebotserstellung und zur organisatorischen Unterstützung der Eventmanager suchten. Dazu hatte ich mir gestern schon im Branchenverzeichnis die größten Werbeagenturen Münchens ausgewählt. Einigen davon würde ich eine Initiativbewerbung schicken.
Im Internet holte ich mir in verschiedenen Foren einige Tipps zu Bewerbungen und setzte zunächst ein ausdrucksstarkes Bewerbungsschreiben auf. Ich wunderte mich, denn erst einmal angefangen, klappte das eigentlich ganz gut. Fast schon ärgerte es mich ein bisschen, dass ich mich nicht schon früher dahintergeklemmt hatte.
So, das Anschreiben war fertig. Ich denke damit würde ich es schaffen, die potenziellen Arbeitgeber neugierig auf mich zu machen. Neben dem Lebenslauf und meinen Zeugnissen fertigte ich noch eine Präsentation an, die ein wenig mehr über mich verriet und gleichzeitig von meinem Können überzeugen sollte. Damit war ich den Mitbewerberinnen sicher eine Idee voraus. Die Stunden vergingen wie im Flug. Ich hatte ganz rote Wangen vor lauter Aufregung. Doch nun war es geschafft. Die Bewerbungsmappen lagen vor mir. Jetzt fehlte nur noch ein Foto. Daniel hatte mir versprochen morgen die Abzüge vorbeizubringen.
Es gab mir ein gutes Gefühl, meine Zukunft endlich in die Hand genommen zu haben. Ich fühlte mich, wie nach einem einundzwanzig Kilometer langen Halbmarathon, von dem man vorher nie gedacht hätte, ihn zu schaffen. Einfach zufrieden und glücklich.
Ich schaffte es noch vor Weihnachten die Bewerbungen abzuschicken. Mir war zwar bewusst, dass nun Urlaubszeit war und ich wahrscheinlich auf die Rückantworten würde warten müssen, aber so konnte ich mich wenigstens ein bisschen auf die bevorstehenden Feiertage freuen und hoffte auf positives Feedback im neuen Jahr. Wer weiß, vielleicht war das Glück ja dann endlich mal auf meiner Seite?
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