Kitabı oku: «Suche Frosch mit Krone»

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Denise Remisberger

Suche Frosch mit Krone

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

1

„Dieser kleine rotblonde Drache geht mir langsam auf den Wecker!“, meinte Karla leicht grimmig. Dabei erschien vor ihrem inneren Auge eine blöde grinsende Visage mit hellgrünen Katzenaugen darin, die trotz der riesigen Nase gross wirkten. Umrahmt wurde diese Grosszügigkeit der Natur von karottenroten geraden Haarsträhnen, die viel versprechend weich schienen. Endena zuckte mit den Schultern und lächelte dabei. „Wo soll das noch hinführen“, seufzte sie, während sie die Spitzen ihres aschblonden Schopfes nach Spliss absuchte, wobei sie ein einziges beschädigtes Haar fand, was ihr beinahe die gute Laune verdarb. „Übrigens, wie kommst du auf ‚Drache‘, die spucken doch Feuer, tut er das?“ Karla, noch grimmiger: „Nein, eben nicht!“

Karla und Endena hockten in einer üblen Spelunke in einem üblen Viertel in einer miesen Stadt. Was sie noch hier behielt, wussten sie beide nicht. „Machen wir ein Café auf?“, sprudelte es aus Endena hervor, bereits zum dritten Mal in diesem Jahr. „Kein Geld!“, brummte Karla missmutig. „Wir könnten natürlich diese Bande hier rausschmeissen und das Teil besetzen!“ Jetzt sprudelte Karla und ihre braungrünen Augen mit dem komischen gelben Kranz, der sich um die Pupillen schmiegte, blitzten leicht. Wenn sie lachte, lachten ihre Augen immer zuerst. Endena zog die rechte Augenbraue in die Höhe und fragte sich wieder mal; dann aber kam auch ihr ein Gedanke: „Und wir stellen ein paar Eunuchen als Rausschmeisser an.“ Die beiden lachten laut und lange, und da sie nicht gerade leise gesprochen hatten, versenkten die Typen am Nebentisch ihre Blicke in ihren Biergläsern.

2

Endena bewohnte das Zimmer zwischen der Haustür und dem Wohnraum, Karla das andere – es gab nur noch dieses. „Klein, aber unser", prangte in grossen, schwungvoll gemalten Lettern über der abblätternden und eher kurzen Badewanne, vor allem dazu da, um nach angeschlagenem Ellenbogen gelesen zu werden. „Heute woll’n wir nicht traurig sein …“, tönte es aus dem eben erwähnten Behältnis, nicht ohne eine gewisse Ironie in der Stimme, denn Karla neigte zum Weltschmerz. Als sie fertig gebadet und fertig gesungen hatte, war es zehn Uhr, Zeit, den Tag zu beginnen, wenigstens versuchsweise.

„Endenaaaaa …“, krächzte die eben aus der Wanne Entstiegene – ihre Stimme hatte etwas unter dem Gesang gelitten, „heute ist ja der Neunundzwanzigste, da steigt ja unser ‚Bunter Abend‘ in unserem Wohnzimmer!“

Sie meinte einen hellen Raum mit Parkettfussboden, auf dem die vielfarbigen Kerzenwachsreste von einem Hang für mystische Atmosphäre zeugten. Das Sofa, welches sich an die linke Wand drückte, war ein unbequemes Stück aus der Jugendstilzeit, welches Karla, anlässlich des Umzuges ihrer Eltern in ein kleineres Haus, bekommen hatte. Dafür kam die Stehlampe mit dem grossen Schirm, die neben dem Sofa prangte, aus der IKEA. Es passte trotzdem.

„Ja, ja, so sei es“, war die nicht nur durch die Küchenwand verzerrte Antwort. Endena hatte bereits ein Vögelchen ins Ohr geflüstert, dass Roberto nicht kommen würde. Was war er auch immer so zurückhaltend. Oder eher sprechgestört? War sein überhebliches Schweigen nur eine kleine Verklemmung, die sie leicht beheben konnte, oder setzte er es berechnend ein, um geheimnisvoll zu wirken? Endena sonnte sich in dem Ruf, wahnsinnig intellektuell zu sein. Sie diskutierte selbst mit hoffnungslos sturen Fällen, wobei sie sich zwar sinnlos verausgabte, aber nichtsdestotrotz ein gewisses bösartiges Vergnügen darin fand. Schliesslich wurden manche Gegenüber wütend, womit sie ihr Ziel, ernst genommen zu werden, erreicht hatte.

„Meinst du, der kleine Drache kommt auch?“, unterbrach Karla ihre Gedanken über Roberto. Der Hoffnungsschimmer war nicht aus Karlas Stimme zu tilgen. „Ich dachte, er gehe dir auf den Wecker?“, gurgelte es hämisch – diesmal aus dem Korridor. Karla murrte kurz, dann lachte sie. Sie fand sich ja selber ganz schön paradox. Verliebte sie sich denn nie in jemanden, über den sie nichts zu fluchen hatte?

3

Der verhängnisvolle Abend stand vor der nicht mehr ganz so sicher scheinenden Tür, und schon riefen die ersten Klingeltöne zum Gefühleverstecken auf.

Karla setzte die coole Miene auf, welche hervorragend zu ihrem langen schwarzen Trägerkleid aus dicker Baumwolle passte und gab sich einen Ruck. Sie schaute noch mal schnell in den barocken Wandspiegel, kam sich vor wie eine Schlossbesitzerin ohne Bargeld und zerzauste ihr kastanienbraunes gerades Haar, das ihr fast bis zu den Schultern reichte. Sie war ungeschminkt, genau wie ihre Redeweise. Ausgenommen natürlich die eigenen Herzensangelegenheiten, über die sie nie sprach. Die lagen unter einer dicken Make-up-Paste verborgen und warteten geduldig auf ihr Coming-out.

Sie kamen alle aufs Mal – auch Zorro, der Drache. Die Horde, die im Treppenhaus, das dringend einer Renovation bedurfte, laut grölte, hatte sich zuerst in der üblen Stammknelle, die in einer Einbahnstrasse im ältesten Teil Zürichs vor sich hin roch, getroffen und trug jetzt den weltoffenen Duft von Philip Morris in die heimelige Küche, wo er gar nichts verloren hatte, denn Endena und Karla waren Nichtraucherinnen. Wo gab es das noch.

Karla sah allen in die glasigen Augen ausser einem – ihre Begrüssung für jenen nuschelte sie vor sich hin und starrte dabei auf sein stets um zwei Knöpfe geöffnetes Hemd. Als sie bemerkte, dass er ihr seine Hand hinhielt, ergriff sie diese und verlagerte ihren Blick auf seinen Mund. Die Berührung ihrer Hände war zwar nicht das, was sie erwartet hatte, doch sein spöttisches Lächeln auf dem erotischen Mund liess ihre gespielte Coolness beinahe abblättern. Sie besann sich deshalb in ihrer Not auf ihren stets griffbereiten Sarkasmus, der sich ihrem Zugriff immer dann besonders schmeichlerisch anbot, wenn sie eigentlich ihre Gefühle zeigen sollte: „Hast du das, was du ausspucken solltest, zuhause gelassen?“ Er wusste selbstverständlich nicht, was sie meinte, und sein Spott ging augenblicklich in Verärgerung über. Karla lächelte befriedigt. Sie hätte am liebsten in seinen roten Haaren herumgewütet und ihn in den Hals gebissen, doch sie behielt ihre vampirischen Neigungen für sich. Irgendwann einmal …

Dann gab sie sich genussvoll der Begrüssung der weniger aufwühlenden Figuren hin.

Am „Bunten Abend“ wurde Kreatives erzeugt. Endena, in einem dunkelvioletten Minikleid mit grünen Punkten darauf und mit dicken schwarzen Woll-Leggins darunter, war gerade dabei, sich auf die Farbe Gelb zu konzentrieren, als Gustav ihr etwas ins Ohr flüsterte. Er besass eine frappierende Ähnlichkeit mit Dalí in jungen Jahren und in seinem Blick schimmerte manchmal etwas Morbides. Sein Ziegenbärtchen kräuselte sich an den Enden und passte zu seinen schwarzen Überwasserhosen, die von grauen Hosenträgern gehalten wurden. An den Füssen trug er robuste Stiefel, die bei seiner dünnen Figur für die richtige Ausgewogenheit sorgten. Als er noch jünger war, nannten ihn seine Bekannten „die kleine Fledermaus". Kurz nach der Fledermauszeit, vor Jahren, waren er und Karla „das“ Paar. Sie stritten zwar täglich, doch alle anderen hielten ihre Beziehung für ideal.

Endena hörte ihn trotz seines exzentrischen Äusseren erst beim zweiten Anlauf. Ihr Gesicht verzog sich zu einem „Spinnst du?!", und er zog sich daraufhin hüstelnd zurück. Sie tat zwar so, wie wenn sie sich wieder auf die Farbe Gelb konzentrieren würde, doch dieses schüchterne, aber äusserst direkte „Du übst eine starke Anziehungskraft auf mich aus, weisst du“ liess sie nicht mehr los.

Der Erfinder dieser nicht sonderlich originellen Phrase betrieb das Spiel mit den Farben etwas professioneller – er besuchte die medizinisch-technische Abteilung der Kunstgewerbeschule. Dort durfte er Autopsien zeichnen und andere nette Sachen. Ihm gefielen Endenas Werke, von denen ein paar im Gang aufgehängt waren, so gut wie sie selber, auch wenn die Bilder eher von Feinheit und Sensibilität denn von Mord und Totschlag zeugten. Sie konnte mit den hellen Farben eine klingende Elfenwelt aufs Papier zaubern. Gustav fühlte sich äusserst geknickt. Doch im Grunde seines Herzens liebte er störrische Frauen. Er wusste allerdings nicht, dass der Hauptgrund für ihre distanzierte Haltung ihm gegenüber ihre Zuneigung zu Roberto war.

Karla hatte ihr Malpapier auf den Boden gelegt und kniete zwischen ihren ausgebreiteten Farben, ohne Rücksicht auf zukünftige Flecken. Sie sass in dem einen Winkel, von dem aus sie einerseits Zorro unbemerkt beobachten konnte, und wo sie sich andererseits in seinem Blickfeld befand – schliesslich wollte sie auch von ihm gesehen werden.

Zorro trug eine selbst gemachte Hose mit aufgenähten Blumenmuster-Pads und ein oranges langes Batikhemd – gekauft. Er lehnte sitzend an der Wand und schien sich zu langweilen. Er war nicht der Typ, der Kreativität in der Öffentlichkeit produzieren konnte. Die Angst, damit nicht anzukommen, war zu gross. Da tat er lieber nichts.

Karla spähte gerade zwischen ihren Haaren hindurch, als er sie anglotzte. Sie wurde sich ihrer Leidenschaftlichkeit auf einen Schlag wieder bewusst, blieb jedoch sitzen, wo sie war, knirschte unvernehmlich mit den Zähnen und warf die Farbe Rot auf ihr Bild.

Unser Zorro war nun nicht gerade unsensibel, auch wenn er sich immer grosse Mühe gab, wie der Coolste von allen zu wirken. Er bemerkte also Karlas innere Zerrissenheit, aber da er noch keinerlei Erfahrung mit dem Schönen Geschlecht hatte, interpretierte er natürlich alles falsch. „Sie findet mich völlig daneben“, sagte er sich. Sein sinnlicher Mund, der mit grosszügigem Schwung in sein Gesicht gezeichnet war, verzog sich zu einem grimmigen Strich, was seine erotische Ausstrahlung leicht beeinträchtigte. Dann nahm er einen tiefen Schluck „Feldschlösschen“ und einen noch tieferen Zug „Schwarzen“ und atmete tief durch. „Das nützt auch nichts!“, musste er sich nach anfänglicher Umnebelung zynisch eingestehen.

Inzwischen war Endena mit ihrem Bild, das an eine gleissende Sonne, aus der Unterwasserperspektive betrachtet, erinnerte, fertig geworden und wanderte im Raum umher – im materiellen, versteht sich, denn sie hielt weder was von „Schwarzem“ noch von „Grün Gestreiftem". Sie wollte die Werke der andern inspizieren. Sie fing dann auch gleich mit Remos Gemälde an.

Remo machte auf „verkannter Yuppie“. Er bemühte sich, mit seinen khakifarbenen Sakkos sportlich-elegant zu wirken, doch da er sich kein wirklich teures Material leisten konnte, wiesen seine Klamotten so viele Knitterfalten auf, dass er eher an jemanden erinnerte, der die abgetragenen Kleider seines grossen Bruders gnädigerweise vermacht bekommen hatte.

Der nach zwei Jahren Trennung immer noch in seine Ex-Freundin verliebte Arme hatte sich wieder mal herzzerreissend auf dem Papier ausgelassen. Das Bild war in rosa Tönen gefasst und stellte eine langstielige Rose dar – was sonst.

Endena fragte sich, wieso unglücklich Verliebte immer so fantasielos sein müssen.

Remo hockte also davor und sinnierte mit verzweifeltem Romeoblick, der zu seinen glatt nach hinten gegelten, schwarz gefärbten Haaren hervorragend passte. Sein angeborener Schleierblick, den euphemistischere Menschen als „verträumt“ bezeichnen würden, wurde durch seine Brille mit dem Metallgestell und den kleinen runden Gläsern auf die Ebene der klaren Wahrnehmung getäuscht. Ohne Brille, also in Wahrheit, sah er die Welt verschwommen und illusorisch.

Endena grinste bereits, als sie zu sprechen anfing. „Remo, du solltest dir eine neue Flamme zulegen.“ Er zuckte zusammen, doch sie fuhr unbeirrt fort: „Warst du nicht vor einer Woche mit dieser Arbeitskollegin von der Bank im Ausgang?“

Remo arbeitete nämlich widerwillig als Händler in einer dieser verrufenen Schweizer Grossbanken und trug schon seit mehreren Jahren das Problem des Nicht-loslassen-Könnens mit sich herum.

Nach Endenas Frage sprang er auf die Füsse, fuchtelte mit den Armen herum und rechtfertigte sich ungerechtfertigt: „Ich habe sie nicht abgeschleppt! Ich bin nicht so einer!“

„Eben“, war die knappe Antwort.

Endena liess ihn stehen, wo er war und ging auf die Toilette. Dort begegnete sie Karla, die gerade eine scheussliche Grimasse vor dem Spiegel zog. „Hast du ein Problem?“ „Rotschöpfchen nervt mich!“ „Schon wieder?“ „Immer noch!“

Karla stürmte in die Küche, um sich einen Kamillentee zur allgemeinen Beruhigung zu brauen und stiess dabei heftig mit Zorro zusammen, dem vor Schreck die Pommes-Chips-Tüte aus der Hand fiel und knisternd auf dem Boden ankam.

„Hi", grinste er schelmisch, wobei seine spitzen Schneidezähne entblösst wurden. Sein Selbstvertrauen hatte in der Zwischenzeit wieder etwas zugenommen.

Karla verzog zuerst den Mund zu purer Missbilligung, packte dann ein Büschel roter Haare und küsste ihre Nervensäge heftig auf den Mund, der sich ihrem ohne Widerrede öffnete. Dann riss sie sich los und torkelte völlig verwirrt über ihren Mangel an Selbstkontrolle zu ihrem Bild zurück.

Zorro war nicht weniger verwirrt – schliesslich hatte er sich vor Kurzem noch eingeredet, dass sie ihn nicht mögen würde. Sein Herz flatterte, seine Hände zitterten und er fühlte eine prickelnde Energie sich in seinem Körper ausbreiten. „Gibt es das wirklich?“, fragte er sich, hilflos seinen Sinnen ausgeliefert, die seiner sonstigen Kopflastigkeit so fremd waren.

4

Währenddessen hockte Roberto zuhause in seiner Zwei-Zimmer-Wohnung vom Sozialamt (als Beamter der Stadt kam er schneller als andere zu einer billigen Wohnung, trotz seines höheren Einkommens) vor der Glotze und liess ein langweiliges Programm über sich ergehen. Dabei träumte der inzwischen immerhin schon 25-Jährige von der Liebe, und zwar von der körperlichen, und das, ohne sich dabei wirklich zu berühren. Er konnte, was seine Unberührtheit betraf, Zorro durchaus das Wasser reichen. Letzte Woche liess er sich die dichten strohblonden Haare bis auf 5 cm abschneiden, wobei er eine Strähne irgendwo über dem rechten Ohr doppelt so lang beliess. Er war dem New-Wave-Zeitalter, das in seiner Pubertät aktuell gewesen war, noch nicht ganz entwachsen. Dafür steckten seine wohlgeformten Beine in einem Paar abgewetzter Blue Jeans, das eher an den Wilden Westen erinnerte. Vielleicht hatte er ja eines seiner vergangenen Leben dort verbracht und es noch nicht verarbeitet. Sein schlabberiges T-Shirt mit den halblangen Ärmeln entbehrte jeglicher Farbe.

Gerade raffte er sich zum vierten Male zur Küche auf, um seinem Bierharass eine volle Flasche mehr zu entwenden, und schon hatte ihn das konkrete Leben wieder eingeholt. „Wie war noch ihr Name? Endena, genau, so hiess sie. Sie wurde verlegen, als er sie ansprach und doch hing ein Grinsen an ihren vollen Lippen. Lachte sie ihn aus?“ Er fragte sich das mit ernster Miene und trank.

5

Später, um vier Uhr morgens, als unser Roberto schon ins schwarz bezogene Bett gefunden hatte, läutete es an der Tür. Schlaftrunken stolperte er in Richtung des schrillen Tons und fand dort, nach mehrmaligem Drehen des Schlüssels in beide Richtungen, Ronald vor. Ronald überragte Roberto um einen halben Kopf, obwohl jener seine 1.80 vorzuweisen hatte. Vielleicht war die Ursache des Grössenunterschiedes aber auch die ewig gebückte Haltung Robertos, die ihn kleiner erscheinen liess. Ronalds kurz geschnittenes dunkelbraunes Haar mit der grünen langen Strähne, an der ein silbernes Glöckchen baumelte, hing ihm tropfend in die Stirn, da er seinen Weg zu Robertos Heim zu Fuss bewältigt hatte, obwohl es in Strömen regnete. Auch die braune Lederjacke mit dem kaputten Reissverschluss tropfte. Das einzige Stück, das der Regen verschont hatte, war seine mit einem Lederdeckel versehene Uhr. Das Ganze sah aus wie ein riesiges braunes Armband. Er war sehr stolz darauf. Ronalds Wangen glühten in einem feuerroten Ton und er miefte nach Fahne. Er hielt noch den Becher Bier in der Hand, den er sich am „Bunten Abend“ von Karla geben liess. Diese war offensichtlich sehr erpicht darauf gewesen, ihn fortgehen zu sehen. Er trampte also in Robertos Wohnung und wartete, bis dieser ihm ein Lager im Wohnzimmer vorbereitet hatte. Dieser Raum vermittelte einen etwas kargen Eindruck, denn ausser dem Fernseher und einem bequemen Sessel davor, beherbergte er nur noch eine Matratze, die mit einem alten karierten Tischtuch bedeckt war.

Ronald wohnte in einer anderen Stadt, da er dort eine Stelle als Grafiker in einem Atelier ergattern konnte, und der letzte Zug war schon lange weg.

„Wieso bist du nicht auch gekommen?“, lallte Ronald. „Ich musste zu meinen Eltern nachhause, sie haben mich eingeladen“, war die lahme Antwort. „Wie alt bist du?“, kam es prompt zurück. Nach dem hervorgepressten „Fuck off“ marschierte Roberto zurück ins nicht mehr ganz so warme Bett.

Kaum aber war er wieder eingeschlafen, schreckte er auf, da jemand nach ihm tastete. „Ronald, spinnst du jetzt vollends?! Verpiss dich!“ Der Eindringling, der sich bei sich zuhause wähnte, wurde unsanft zurück ins Wohnzimmer geschoben, wo er sich auf sein Lager legte, allerdings nur mit dem Kopf; der restliche Körper kuschelte sich auf dem Parkettboden in eine imaginäre Decke. Roberto stapfte kopfschüttelnd zurück in sein Schlafzimmer und schloss die Türe sicherheitshalber ab.

Am nächsten Morgen fand er Ronald auf dem hellblau gekachelten Badezimmerfussboden schnarchend, was seine allgemeine Empörung noch ins Besondere steigerte. Als er ihn beim Frühstück zur Rede stellen wollte, wusste der inzwischen Ausgenüchterte nichts mehr.

6

Als Karla am nächsten Morgen in ihrem Zimmer mit dem hohen Bogenfenster mit Blick auf den bewölkten Himmel erwachte, kam ihr als Erstes ihr Debüt mit Zorro in den Sinn. Sie seufzte und rollte sich aus ihrem riesigen, türkis bespannten Bett, das auf einem Rost am Boden den meisten Platz des Raumes einnahm. Den restlichen Abend hatten sie sich gemieden, da der einzelne Kuss für eine Weile völlig gereicht hatte. Sie legte sich ihr Fellgilet um und schlurfte in die kleine, weiss verputzte Küche. Sie schöpfte einen Riesenlöffel Honig in ihre grosse Haustasse und stellte sie auf den alten Holztisch mit den verschnörkelten Beinen, während die italienische Espresso-Maschine Geborgenheit verströmte, was Karla Grund genug war, sich keine automatische Klotzkonstruktion anzuschaffen. Endena war nicht da. Sosehr sich Karla auch bemühte, die roten Zorro-Haare erschienen ihr immer wieder, flatterten an ihrem inneren Auge vorbei und waren doch nicht zu halten. Sie hatte das enorme Bedürfnis, diese Bilder zu verdrängen und so fing sie wie vergiftet an, in ihrem neuen Astrologiebuch weiterzulesen.

Sie war im ersten Jahr an der Astroschule, berufsbegleitend, und da sie gerade arbeitslos war, hatte sie viel Zeit zum Lernen.

Sie schlug also die Seite mit dem selber bemalten Buchzeichen auf und begann, sich zu vertiefen. Aber bald schon kam sie zu einem Abschnitt, der „Venus in Löwe“ behandelte, und musste sofort wieder aufhören mit ihrer Lektüre, denn Zorros Venus stand genau dort. Und über seine erotische Ausstrahlung zu lesen, vermochte sie nun wirklich nicht, ohne Schreikrämpfe zu bekommen. Und diese wollte sie tunlichst vermeiden. Also klappte sie das verhängnisvolle Ding wieder zu, sauste auf ihrem violetten City-Bike ans andere Ende der Stadt und unternahm einen Spaziergang im Botanischen Garten, in dem sie die rötlichen Blumen auch nicht gerade von ihrer Besessenheit ablenkten.

7

Zorrolein wurde nicht minder verschont. Ihn verfolgte Karlas Berührung bis in den Traum hinein. Als er aufwachte, war sein Einmann-Bett nicht mehr ganz so trocken. Sein Blick fiel auf das alte Pink Floyd-Poster an der Wand, welches noch aus seiner sogenannten Rebellenzeit stammte, während der er freilich nur das tat, was auch seine Kollegen taten, nämlich, dem Gruppendruck nachgeben. Das gute Poster konnte ihn jedoch nicht erretten. Als er das Fiasko in seiner Schlafstätte besah, sagte er laut: „Blödsinn!", doch es liess sich nicht mehr ungeschehen machen und seine etwas verfehlte Bemerkung besänftigte ihn auch keineswegs, ganz im Gegenteil. Er nahm sich vor, Karla anzurufen.

Als niemand den Hörer abnahm – sie tummelte sich ja gerade im Park und Endena war immer noch nicht nachhause gekommen –, war er richtig deprimiert.

Er war so enttäuscht, dass er es erst wieder am Mittwoch versuchte, und siehe da, jemand meldete sich: „Endena?“ „Hallo, ist Karla zuhause?“, stiess er ausser Atem hervor, da sein Solarplexus gerade von Medusa bearbeitet wurde. „Bist du das, Zorro?“, klang es sehr bedeutsam. „Jaa …“, tönte es eher gequält, da Zorro nicht gerne zugeben wollte, dass er was von Karla haben musste. Er musste schliesslich sein Image des Unabhängigen wahren.

Endena übergab den Hörer mehr als schmunzelnd. Karla versuchte krampfhaft, ihre Nervosität abzumurksen, doch sie hatte sich vergebens bemüht. Ihre Stimme hörte sich auf bedenkliche Weise brüchig an. Das knapp fünfsekündige Telefonat hörte sich wie folgt an: „Kommst du auf eine Tasse Grüntee zu mir?“ „Ja!“ „O.K. Bis dann.“ Er hängte auf, noch bevor sie sich verabschieden konnte.

Auf Umwegen hatte er erfahren, dass sie auf Grüntee stand, was immer das war. So war er am Dienstag extra ins Reformhaus gewandert, vergass aber zu fragen, wie er mit diesem Zeugs umzugehen hatte.

In seiner Hast nun schüttete er die halbe Tüte in die Pfanne und die andere Hälfte neben besagte. Es wurde nichts daraus.

Er setzte sich resigniert auf den wackeligen Küchenhocker an den runden, marmorfarbenen Bistro-Tisch und drehte sich einen. Dann sog er seufzend daran und beruhigte sich etwas, wobei er die hellgrüne Farbe der Kästchentüren über dem Chromstahlspülbecken in sich aufnahm. „Den Anti-Autoritätsspruch, den ich vor einem Jahr an die Wand genagelt habe, sollte ich vielleicht durch etwas Reiferes ersetzen. Aber durch was?“, sinnierte er bekümmert.

Als Karla dann endlich kam, angetan mit einem wollenen dunkelgrünen Mini und einem schwarzen Oberteil, das vorne von einem langen Reissverschluss zusammengehalten wurde, sammelte sie den ausgeschütteten Tee ein und zeigte ihm das richtige Mass. Sie dachte bei sich, dass, wenn er mit seinen Gefühlen auch so grosszügig umgehe, sie die Flucht ergreifen werden müsse. Doch er verhielt sich eher schüchtern – anfangs.

Nach einem Weilchen des gegenseitigen Umzingelns und des Übersiedelns in den angrenzenden Wohn-Schlafraum, ging Karla als Erste zum Angriff über. Sie wickelte sich eine seiner Haarsträhnen um den Finger und küsste ihn, diesmal etwas sanfter. Seine Hände glitten langsam an ihr herunter und der Druck seiner langen Finger raubte ihr beinahe den Atem. Der Kuss wurde deutlich leidenschaftlich, und da sie nicht wusste, wohin mit der sich in ihr aufwirbelnden Energie, die seine Berührung auslöste, bohrte sie ihre vom Vollkornbrotgenuss sehr stabilen Nägel in seinen Nacken, was er dann erst am Tage darauf als rote Striemen manifestiert sah, doch sie hatte es ja schliesslich nicht mit der vollen Absicht getan. Und da es mit seiner Haarfarbe in völliger Harmonie stand, fand er es sogar ästhetisch.

Doch um wieder auf den berühmten Nachmittag zurückzukommen, folgte auf die Sache mit den Nägeln eine nicht minder Spuren hinterlassende Aktion von Seiten Zorros, und zwar mit seinen spitzen Zähnen an ihrem Hals – nicht mal seine Stockzähne waren die abgerundetsten. Doch sie stöhnte nichtsdestotrotz, sodass er sich sofort dazu berufen fühlte, dasselbe auf gegenüberliegender Seite auszuprobieren. Da diese Seite aber aus irgendeinem selbst ihr unbekannten Grunde um einiges empfindlicher war, rief sie „Nicht so stürmisch", anstatt wie eben noch so schön zu stöhnen.

Das verwirrte ihn – wir dürfen nicht vergessen, wie unerfahren er immer noch war. Sie sagte ihm, das sei jetzt halt so, und er solle doch an einem andern Ort weitermachen und ausserdem habe sie zu heiss, worauf sie sich auszog, denn sie glaubte nicht daran, dass er es mit ihren Reissverschlüssen hätte aufnehmen können.

Danach schlang sie die Arme um ihre Beine und grinste ihn spöttisch an, worauf er anfing, sein braungrün gestreiftes Hemd aufzuknöpfen. Da läutete es an der Tür.

Draussen lehnte Kring an der Wand und wartete, bis Zorro öffnete. „Störe ich? Du siehst nicht so erfreut aus.“ „Tatsächlich!“, kam es düster.

Krings leuchtend blaue Augen hatten schon manche Frau irritiert und seine langen geraden Haare in einem eher bräunlichen Dunkelblond luden zum Sich-darin-Vergraben ein. Er strahlte eine Lebensfreude und eine Kraft aus, die noch durch seine weite Jacke mit den grossflächigen rot-schwarzen Karos untermalt wurden. Trotz seines extrovertierten Charakters war er der unter seinen Kollegen, der die feinen Schwingungen seiner Mitmenschen zuerst wahrnahm. Er konnte sogar seinen Kolleginnen das Wasser reichen.

Karla hatte sich in aller Hast angezogen und erschien nun im Korridor. „Oh, Karla, du bist auch da? Und einen Jupe hast du an, einfach toll!“ Er küsste sie auf die Wange und grinste anzüglich, während Zorro böse vor sich hinfunkelte. Karla war gerade in den Sinn gekommen, dass sie noch aufs Arbeitsamt sollte, und sie verabschiedete sich mit einem lang anhaltenden Kuss von Zorro und einem Augenzwinkern von Kring.

Als sie im Tram Richtung Stempelkontrolle sass, musste sie so in sich hineinlachen, dass sie noch verwunderter als üblich von den Eingeborenen dieses, von welchem Unglück auch immer heimgesuchten, Landes mit ihren typisch nach unten gezogenen Mundwinkeln angeglotzt wurde. Lachende Menschen fielen hier eben auf.

An dem zermürbenden Ort angekommen, musste sie zuerst einmal draussen anstehen, wurde jedoch sogleich wieder von dem „Hallo“ Robertos aufgeheitert, der aus dem Gebäude nebenan herausgekommen war. „Hallo Roberto, wo hast du dich denn am Samstag rumgetrieben?“ Der arme Junge musste nun schon zum fünften Mal den Aufenthalt bei seinen Eltern erwähnen, was er bei Karla speziell ungern tat, denn sie zog ihn in solchen Fällen auch immer ganz speziell auf. Vor allem die Art, wie sie sich über ihn lustig machte, passte ihm gar nicht. Es war irgendwie verunsichernd.

Nach überstandenem einseitigem Amüsement kam er auf Endena zu sprechen, während er und Karla weiter in der Schlange aufschlossen. „Wie lange wohnt ihr denn jetzt schon zusammen, du und Endena?“ Die Betonung des Wortes „Endena“ war so seltsam, dass sie aufhorchte. „Zwei Monate. Warum?“ „Ach, nur so. Sie geht nicht so gerne in den Ausgang, nicht wahr, ich meine, im Gegensatz zu dir.“ „Sie muss halt oft ins Basketball-Training, weisst du. Doch am Samstag war sie zuhause“, endete Karla die Unterhaltung grinsend und zeigte der Frau am Schalter ihre Karte.

Wieder draussen, fragte Roberto, ob Karla ihm die Karten legen würde. „Klar! Heute?“ „Ja, aber bitte bei mir zuhause. Nicht, dass noch jemand zuhört.“ Er kratzte sich verlegen an der Stelle, wo das längere Haarbüschel hervorstand.

8

Während Karla eine Beziehung zwischen Roberto und Endena prophezeite, machte Kurt seine Hausaufgaben in der WG-Stube, die er sich mit drei Mitbewohnerinnen teilte. Im Moment jedoch hielt sich niemand von den anderen drei zuhause auf. Kurt war ein schlaksiger Junge mit strohblondem anliegendem Haar und einem verbitterten Zug um den kleinen Mund. Er hatte die Angewohnheit, im Stehen sein Gewicht in schnellstem Tempo von einem Fuss auf den anderen und wieder zurück zu verlagern, wobei er seine Schultern nach vorne hängen liess, was nicht gerade bodenständig aussah. In krassem Gegensatz zu seinem Zynikermund standen seine grossen kornblumenblauen Augen und dann gab es Momente, in denen er mit seinem schrägen Humor durchaus positiv überraschen konnte. Gerade hatte er sich zu einem neuerlichen Lernanlauf überwunden. Viel lieber als dieses Zeugs über verschiedene Baustoffe zu lernen, um die er bei seinem Architekturstudium leider nicht herumkam, würde er jetzt irgendeinem hübschen unbekannten Mädchen seine Probleme mit dem Krieg in Ex-Jugoslawien schildern. Er hatte zwar eher ein paar Konflikte mit seiner eigenen Person, aber das ferne Ex-Jugoslawien schien ja so viel weniger verzwickt. Er hatte sogar schon einige Patentlösungen ausgetüftelt, denen es allerdings schwer an konkreter Durchführbarkeit mangelte. Er liess sich von seinen Tagträumen jedoch, wie gesagt, nicht lange beirren, denn am folgenden Tag war eine Prüfung angesagt, bei der er unbedingt gut sein musste.

9

Am selben Abend rief Remo bei Karla an. Er hatte alle seine khakifarbenen Sakkos in einer Truhe im Estrich verstaut und sass nun genügsam mit einem dicken Wollpullover, den ihm seine liebe Tante gestrickt hatte, in seinem schlauchartigen engen Wohnzimmer in einem unbequemen Sessel aus schwarzem abgewetztem Kunstleder, den er sich aus dem Brockenhaus geholt hatte, als es dort noch solche gab. „Ich habe bei der Bank gekündigt!“ „Was?!“, war die überraschte Antwort. „Das ist ja geil! Endlich! Bist du endlich vernünftig geworden!“ „Puh. Ja“, kam es kleinlaut. „Gehn wir nächstens zusammen stempeln?“ „Wahrscheinlich.“

10

Um das freudige Ereignis gebührend zu feiern, fuhren Karla und Endena am nächsten Abend bei Remo ein.

Er wohnte an einer Schnellstrasse mit Blick aufs Haus gegenüber, das schwarz war vor lauter Abgasen. Bei trübem Wetter wirkte die Fassade beängstigend und der Lärm von unten liess eine sich nahende Apokalypse erahnen.

Im schmalen Wohnzimmer mit der enormen Wohnwand vom Vorgänger wartete bereits Roberto und fing an zu zittern, als er Endena in der Tür stehen sah. Diese fasste sich ein Herz und setzte sich zu ihm aufs Sofa mit dem knallroten Stoffüberzug. Der Stoffüberzug war neu.

Karla, die sich ebenfalls aufs Sofa neben Endena gehockt hatte, schnappte sich eine Holzschüssel mit zwei dazupassenden Löffeln und fing an, damit Musik zu machen. Sie hämmerte wild drauflos, und schon bald setzten auch die anderen mit ein.

Remo, der am Boden sass, schob sich den leeren Papierkorb auf den Kopf und klebte sich im Takt zu Karlas Gehämmer Etikett-Kleber auf die Hosen.

Endena, eine rote Plastik-Schubkarre auf dem Kopf, wühlte in getrockneten Blättern herum, und erzeugte damit eine Art Hintergrundton.

Der etwas verklemmtere Roberto begnügte sich damit, mittels eines Quietsch-Krokodils aus Remos alten Kindertagen seinen Senf dazuzugeben.

Endena und Roberto lächelten sich zwischendurch verlegen an, bis Roberto sie mit tausend Hintergedanken fragte, ob sie ihm nicht Grundunterricht in Basketball geben würde. „Ja, warum nicht“, säuselte sie und verdrehte ihre dunklen Augen gen Himmel beziehungsweise in Richtung abbröckelnde Zimmerdecke.

Als Remo zwei Stunden später, schon halb taub, anmeldete, er müsse jetzt schlafen gehen, gingen die drei gemeinsam weg, sodass Endena Roberto ungehindert fragen konnte, ob sie ihn mit dem Auto nachhause fahren solle. Er schaute sie mit grossen ernsten Unschuldsaugen an und versuchte ein ganz neutrales „Ja, gerne“ von sich zu geben. Er fragte sich darauf, was Karla denn jetzt wieder so lustig fand.

Als sie schon ein Stück gefahren waren, und Roberto bereits seine Adresse preisgegeben hatte, kam es Karla so vor, als würden sie in die falsche Richtung brausen. Sie wollte Endena jedoch nicht blossstellen und sagte nichts. Roberto, der ebenfalls von diesem Abweg Kenntnis nahm, meldete sich behutsam: „Endena, willst du uns dein Auto vorführen?“ Sie, die das sichere Gefühl hatte, auf der richtigen Strasse zu sein, hatte nicht den leisesten Schimmer, was er ihr damit sagen wollte. „Auto vorführen? Wofür hältst du mich?!“ „Ich dachte nur, weil ich eigentlich auf der andern Seite der Stadt wohne.“ „Ich glaube, du hast zu viel mit deinem Gummikrokodil gespielt, ich fahre schon richtig!“, meinte sie spitz. Er seufzte und lehnte sich zurück. Karla drehte den Kopf fest nach rechts, sodass niemand ihr breites Smile sehen konnte.

Irgendwann im Verlaufe der Stadtbesichtigungstour wendete Endena und kam schliesslich wider Erwarten der andern beiden vor Robertos Haustür an. „Hättest du morgen Zeit zum Basketball-Spielen, so um drei?“, fragte er schüchtern. „O.K.“, tönte es sehr gereizt – verständlich, nach dieser Irrfahrt.

11

Am nächsten Abend trafen sich Karla, Remo und Knelch in ihrer Stammbeiz, in der sie sich anschreien mussten, um den Krach aus den Lautsprechern zu übertönen.

Knelch war derjenige der Clique, der jegliche News immer erst dann erfuhr, wenn schon wieder alles anders war. Und dann sah er Dinge, die ausnahmslos seinem Wunschdenken entsprachen, wie damals, an einem „Bunten Abend“ bei Karla und Endena zuhause, als er meinte, Endena knutsche mit Gustav in einer Ecke des Badezimmers herum, dabei war da gar niemand. Die beiden hatten lediglich eine kleine Meinungsverschiedenheit über Farbkombinationen und da standen sie im Wohnzimmer.

Knelchs Kopf krönte ein Bürstenschnitt in Blond, der von seinen Aktivitäten im Schweizer Militär zeugte. Warum er dort ehrgeizig war, würde nur sein Therapeut herausfinden, doch diesen mied er tunlichst. Er war einmal auf Betreiben seiner ersten Freundin hingegangen, doch es blieb bei dem einen Mal. Sein liebenswert argloser Gesichtsausdruck machte das von ihm romantisierte Militär zwar nicht wirklich besser, doch er machte ihn so sympathisch, dass ihm einfach verziehen werden musste.

Und dann war da noch seine Computermanie. Knelch hatte den ganzen Tag wieder mal nichts anderes getan, als auf diversen Tastaturen herumzuhacken.

Er schwärmte, zu Karlas Unverständnis, gerade von einem Fehler, den er nach dreiwöchiger Suche nun endlich gefunden zu haben schien, als klein Zorro, in dunkelvioletten Jeans und braunem Zopfmusterpulli mit V-Ausschnitt, den Laden betrat. Seine roten Haare wurden bereits am Eingang vom Barlicht in ein leuchtendes Flammenmeer verwandelt.

„Na, wie war es denn mit Kring, habt ihr euch gut amüsiert?“, fragte ihn Karla grinsend. Er verzog nur seinen Mund und holte sich ein grosses Bier.

Nach ein paar Schlucken hatte er sich jedoch wieder so weit erholt, dass er mit Karla eines ihrer beliebtesten Streitgespräche beginnen konnte, nämlich dasjenige über das Thema Astrologie. Sie fand die Horoskopanalyse etwas Unerlässliches, er laberte die ganze Zeit von seinem Instinkt, der ihm alle seine psychischen Probleme von selbst aufzeigen würde, was Karla sichtlich erstaunte, wenn sie an seine Ratio-Überbetonung dachte. Sie versuchte auf alle Fälle, nicht zu kichern.

Als die beiden einige Stunden später zu Karla unterwegs waren, nachdem sie so unschuldig wie möglich dreingeschaut hatten, als sie sich von Remo und Knelch verabschiedeten, sprachen sie über die Liebe. Sie taten so, als seien sie ganz offen zueinander, behielten aber mindestens drei Viertel für sich – schliesslich hatten beide ein Problem mit dem Aspekt zwischen Mond und Merkur, also zwischen dem, was sie fühlten, und dem, was sie dann schliesslich aussprachen. Das zwischenmenschliche Vertrauen war beiderseits etwas angeknackst.

In ihrem Schlafzimmer angelangt, fühlte sich Karla plötzlich sehr gehemmt. In ihrem Kopf spukten tausend Gedanken umher, sodass sie sich überhaupt nicht ihren Gefühlen hingeben konnte. Ausserdem war sie von Natur aus misstrauisch, vor allem in Bezug auf Männer.

Als Zorro sie in die Arme nahm, entspannte sie sich etwas. Sie küssten sich innig, ein Kleidungsstück nach dem andern flog durch die Luft, sie sog den Duft ein, der seinen weichen Haaren entströmte, doch irgendetwas stimmte immer noch nicht. Sie liebten sich, doch Karla war zum Heulen. Sie wusste nicht, warum. Vielleicht war sie einfach zu fest verliebt, und Liebe verband sie immer mit Schmerz. Irgendein unsanfter Kobold legte ihr dann ein paar anscheinend beleidigende Worte für Zorro in den Mund, sodass er aufhörte, mit ihr zu schlafen, sich anzog und nachhause ging.

12

Zwei Tage später kam er nochmals vorbei, erklärte Karla, dass er nichts mehr mit ihr zu tun haben wolle und ging wieder.

Sie bekam einen solchen Schock, dass sie Remo ins Geschäft anrief und ins Telefon heulte. Er versuchte, sie zu beruhigen und fand auch etwas Positives dabei: nämlich, dass Karla endlich ihre Gefühle zeige.

13

Eine Woche später trafen Endena und Karla Kurt beim Biertrinken an der Bar ihrer miefigen Lieblingsbeiz an. Er hatte seinen üblichen Zynismus ausnahmsweise zuhause gelassen und konnte so etwas wie Freude verbreiten. Sein dunkelblaues Kapuzenoberteil traf nicht ganz den Ton der Kornblume, doch dafür hob es die strohblonden Haare durch den Helldunkel-Kontrast besser hervor. Kurt erzählte ihnen von seiner neuen Freundin und davon, dass er jetzt endgültig mit diesen ewigen One-Night-Stands aufhören würde. Karla, in ihren alten Ledermantel gehüllt, konnte ihm nur beipflichten. Endena, die bei einer Verbandszeitung einen 200%-Job als Redaktorin durchhielt, war viel zu erschöpft, um ihren Senf dazuzugeben.

Sie hatten ihre heilige Ruhe, bis Rotschöpfchen, mit seiner Kamera unter dem Arm (er versuchte sich als freischaffender Fotograf), hereinschneite und in aller Hast sein Bier hinunterspülte, zitternd und der Hysterie nahe. Er fragte Karla scheinheilig, wie es ihr gehe, doch sie schüttelte nur den Kopf. Nach zehn Minuten war er wieder weg.

Karla spürte, dass sie ihn trotzdem immer noch liebte und ärgerte sich darüber. Sie bestellte ebenfalls ein Bier, obwohl sie dem Alkohol schon lange abgeschworen hatte. Es beruhigte sie etwas. Sie konnte sich beim besten Willen nicht erklären, wieso Zorro so verletzt reagierte, nur, weil sie ihn im Bett gefragt hatte, ob er seine Ejakulation verzögern könne. Schliesslich hatte sie das schon andere gefragt, und diese hatten nur gelacht und gesagt: „Aber sicher doch.“ Hätte sie ihm vielleicht sagen sollen: „Oh, du bist mein einziger Herrgott"? Doch dazu war sie nun wirklich zu ehrlich und ausserdem setzte sie selbst bei Männern eine gewisse Portion an Selbstironie voraus. War das ein Fehler?

14

Silvester stand vor der Tür und vierzehn Waghalsige versammelten sich am Hauptbahnhof Zürich, um ins Wallis zu starten. Dort würde sie eine verlassene Alphütte ohne Strom und Wasser erwarten, fernab jeglicher Zivilisation.

Zorro glänzte durch Abwesenheit. Sein bester Freund Philip flüsterte Karla zu, dass Zorro nicht erscheine, weil sie da war, obwohl es ihm verboten wurde, dieses Geständnis weiterzuerzählen. Aber Philip war ein ehrlicher Mensch und besass zudem eine grössere Ader gutmütigen schwarzen Humors. Er war zu neugierig auf Karlas Reaktion, als dass er es ihr hätte verschweigen mögen. Sein Sinn für das Absurde trug also den Sieg davon und er stand neben Karla, drehte an seinem Ring aus Altsilber und lächelte verzückt, denn sie schoss grüne Funken aus ihren zusammengekniffenen Augen auf einen imaginären Zorro ab.

Perla, der die Alphütte gehörte, war die grösste unter den anwesenden Frauen, was natürlich auch an ihrem dunklen spitzen Hut aus dem eigenen Secondhand-Laden lag, der ihr langes gewelltes dunkelblondes Haar zierte. Sie war bereits am Morgen quicklebendig und nahm vieles, was andere verärgern würde, nicht so tragisch. Doch das Benehmen Zorros fand selbst sie völlig daneben.

Endena, in grauer Snowboardmütze und schwarzer Skijacke mit Reissverschluss, fluchte die ganze Zeit über ihn. Karla hatte jedoch nichts Besseres zu tun, als ihn zu verteidigen. Der schwarze Bommel ihrer langen Zipfelmütze schwang dabei aufgeregt hin und her. Endena hielt ihr eine Moralpredigt nach der anderen. Sie betonte vor allem, dass sich Karla nicht mehr mit solchen Kindsköpfen einlassen solle, die sie zu wenig respektierten, denn nach Endenas Meinung hätte Zorro Karlas Angst, zu einem Schnellfick missbraucht zu werden, begreifen sollen. Karla fragte sich, welche Männer denn keine Kindsköpfe waren.

Im Zug bemühte sie sich, eine gute Laune zu präsentieren und fand „das“ Hilfsmittel dazu, an dem sie ihre aufgestaute Wut auslassen konnte, ohne schreien zu müssen: Gusos Trommel, die er von seinem letzten Afrika-Trip heimgeschleppt hatte und jetzt überallhin mitnahm.

Guso, der Doppelskorpion, der immer von sich behauptete, er sei die Ausgewogenheit in Person. Seltsam, seltsam … Was da wohl alles unter diesem stillen Wasser lauerte? Indes für alle sichtbar, trug er nur italienische Schuhe und kämmte sich immer mal wieder seine kurzen dunklen Löckchen mit einer selbstzufriedenen Miene. Besonderen Wert legte er auch auf seine Gürtelschnallen, die wirkten, ohne wirklich aufzufallen. Schliesslich war er Werkzeugmacher.

Nach nicht mehr enden wollendem Ein- und Aussteigen und dem zwangsweise damit verbundenen Kennen Lernen der verschiedensten Schweizer Züge und einer äusserst wackeligen Gondelbahn und noch einem anschliessenden halsbrecherischen Abstieg, bei dem die mit den Stadtschuhen mindestens zweimal pro Person ganzflächigen Kontakt mit dem harten vereisten Boden aufnahmen, erreichten sie endlich, mit steifgefrorenen Fingern und klappernden Zähnen, ihr Ziel. Natürlich war es bereits stockfinster, und es verging geraume Zeit, bis die Kerzen, Petrollampen und vor allem das Feuer im Kamin in der Küche brannten. Die Hütte bestand aus zwei Stockwerken mit je einem Eingang für sich, einem auf der Ost- und einem auf der Westseite des Hauses. Im Parterre befand sich das Schlaflager und im ersten Stock die Küche und der Wohnraum. Um von der Schlafstätte in die Küche zu gelangen, mussten die matschnassen Schuhe also jedes Mal wieder angezogen werden und dann befand sich auch noch das Klo draussen, ein gutes Stück entfernt von den beiden Eingängen.

Da Karla sich nicht zur geborenen Hausfrau berufen fühlte, trommelte sie zusammen mit Philip, der ebenfalls sein Instrument mitgebracht hatte und sich allem Anschein nach auch nicht besonders gerne am Wohnlich Machen der Alphütte beteiligen wollte. Er hatte seinen langen dunklen Lockenschopf mit einem knallroten Gummiband im Nacken zusammengebunden, damit sich seine Mähne nicht in den trommelnden Händen verfangen konnte. Seine hellrote Jeansjacke war um zwei Knöpfe geöffnet und liess einen dunkelgrünen dicken Rollkragenpulli hervorlugen. Auch seine Hose war grün, allerdings etwas heller.

Nach dem Essen wurde die ganze Nacht getrommelt, die anfängliche Phase der Fingerschmerzen tapfer durchlaufen, bis die Hände nicht mehr spürbar waren.

Endlich im Polarschlafsack, sprach Karla noch lange mit den Geistern des Hauses und fühlte sich wohl behütet in ihrem neuen hohen Bett mit dem hölzernen Rand.

Die Tage vergingen und auch Karlas gute Laune. Sie nahm die depressiven Schwingungen von Zorro aus Zürich auf, die sich an Silvester beinahe ins Unermessliche steigerten, ärgerte sich über sein Benehmen und konnte es kaum erwarten, wieder abzureisen. Ausserdem war es tagsüber ohne Schlafsack saukalt.

Auf der Heimreise bekam sie auch noch Fieber, was dem Ganzen genau noch gefehlt hatte, um es ihr vollends ausfahren zu lassen.

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