Kitabı oku: «Mimikri»
Dennis Weiß
Mimikri
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Inhaltsverzeichnis
Titel
MIMIKRI
Vorwort
Die Unbekannte
Der Überfall
Die Flucht
Ein alter Freund
Der Kampf
Ein neuer Freund
Gemeinsame Flucht
Die Befreiung
Unterwelt
Eine Verbündete?
Impressum neobooks
MIMIKRI
Band 1
Idee: Dennis Weiß
Text: Dennis Weiß
© 2017- 2021 Dennis Weiß
Vorwort
Die Idee für dieses Buch gibt es schon länger und ich habe bereits 201 damit begonnen. Allerdings wurde erst die Reihe „Die Geisterbande“ fertiggestellt, ehe mit dieser Reihe fortgesetzt bzw. begonnen werden konnte. Die Geschichte soll geheimnisvoller und wieder etwas düsterer werden.
Ich hoffe, ihr habt Spaß beim Lesen.
Vielen Dank an meine Familie- Meike, Vinzent, Merle und Carlotta!
Die Unbekannte
Dyako war ein alter Mann. Er lebte in einem heruntergekommenen Haus auf dem Land. Seine Frau war schon vor Jahren an der schwarzen Seuche, so nannte er die dunklen Herrscher, gestorben und seine Kinder sprachen kein Wort mit ihm, weil sie ihm vorwarfen, ihnen ihre Mutter genommen zu haben.
Seine Tage glichen einer Routine. Jeden Morgen stand er auf, wusch sich, aß etwas und ging auf seinen kleinen bescheidenen Hof, wo er sich eine ältere Kuh, zwei Ziegen und einige Hühner und ein richtig altes Pferd hielt. Mehrere Katzen streunten ebenfalls herum, aber die gehörten ihm nicht. Dennoch fütterte er sie mit durch, wie auch die anderen Tiere. Die Hühner gaben ihm Eier dafür und die Kuh ihre Milch. Das Pferd allerdings musste fürchten, dass er es irgendwann schlachten musste, auch wenn er es nicht gewollt hatte. Pferdefleisch war zwar widerlich, aber wenn einem der Hunger fest im Griff hatte, war einem das auch gleich.
So verhielt es sich auch an diesen Morgen. Dyako stand auf, wusch sich und aß zum Frühstück zwei Eier und trank etwas von der Kuhmilch. Der Unterscheid zu sonst bestand darin, dass heute Markttag war. Es bedeutete, dass er sich auf den Weg in das nächstgelegene Dorf machte, um Dinge einzukaufen. Gleichzeitig verkaufte er etwas von seinen Hühnereiern, der Milch und seinen Figuren, die er selbst geschnitzt hatte, um so an einige Taler zu kommen.
Er fertigte sie aus herunter gefallen Ästen oder Stämmen, die meist nach einem heftigen Unwetter vorkamen. Die Figuren erfreuten sich äußerster Beliebtheit. Es waren zumeist Tiere, wie Wölfe, Füchse, Dachse oder auch mal Bären. Die Menschen kauften sie und hätten sicherlich noch mehr bezahlt, als Dyako von ihnen verlangt hatte, aber er nahm nur so viel, wie er brauchte, um leben zu können. Ihm ging es nicht um den Ruhm oder Reichtum, sondern darum, satt zu werden und um die Freude an der Arbeit. Dyako war ein Mann des Erschaffens, denn er erschuf gerne Dinge.
Sein Geschick mit seinen Händen kam nicht von ungefähr, denn Dyako war in seinem früheren Leben einmal Schneider und sogar im Dorf angestellt. Die Leute liebten seine Kleider und kauften sie, sodass er mit seiner Familie ein gutes Leben führen konnte. Doch dann kam der Krieg und seine Frau starb und Dyako veränderte sich, weil er zur Flasche griff und sich sein Leben weggesoffen hatte. Er konnte ja nicht einmal seine Frau retten. Wäre er doch nur Arzt gewesen, dann hätte er sie sicher retten können. Oder wäre er in der Kirche, dann hätte diese seine Frau gerettet. Aber Dyako war zu dumm und nicht gläubig und daher musste seine geliebte Frau im Jenseits verweilen.
Ehe er es bemerkt hatte, war er ganz allein, denn seine Kinder hielten es mit ihm nicht mehr aus. Er war so voller Wut, sodass er sie verschreckte, beleidigte und seine hässliche Seite zeigte. Sie gingen, weil sie gehen mussten und kamen nimmer wieder. Es fiel ihnen nicht leicht, diese Entscheidung zu treffen. Aber bei Dyako zu bleiben, der nur noch ein Schatten ihres Vaters gewesen war, bedeutete den sicheren und langen wie qualvollen Tod.
Zu seinem Übel gaben Sie ihm die Schuld daran, dass die Mutter verstorben war. Nicht, weil er sie ansteckte, nein, sondern weil er sich nicht kümmerte. Er war zur damaligen Zeit zu beschäftigt, ihnen ein gutes Leben zu ermöglichen, sodass er nicht sehen konnte oder wollte, dass es bereits zerstört worden war. Allein dafür hasste Dyako sich selbst und wollte sich das Leben nehmen. Aber selbst das konnte er nicht.
Jetzt war er trocken und trank keinen Alkohol mehr. Darüber hinaus konnte er sich auch keinen mehr leisten. Die ersten Monate litt er Qualen, da die Sucht ihn hat leiden lassen, aber konnte er einigermaßen damit umgehen und seine Sucht erschien nur noch mal wieder, wenn er einen Gedanken daran verschwendete. Schlussendlich konnte er diese nie vollständig loswerden. Er musste lernen, damit zu leben.
Diese Gedanken kamen ihm auch jetzt. Aber er blieb stark. Das Einzige, was von dem einzigen Schneider übriggeblieben war, dass er nun Beutel und einfache Kleidungen anfertigte, statt der üppigen Kleider aus der Vergangenheit, denn ihm fehlte der Stoff und er schneiderte nur noch selten, da es ihn daran erinnerte, was er verloren hatte und weil er für sich keine derartigen Sachen brauchte.
Für ein paar Taler kauften die Leute ihm die Dinge meist alle ab, die er herstellte und er konnte sich dadurch Brot, Käse und manchmal auch Fleisch leisten. Dies war für ein purer Luxus, den er sich selbst eigentlich gar nicht gönnen wollte und somit in einer Art Selbstgeißelung lebte. Dyako war der festen Überzeugung, es verdient zu haben. Dies sollte sein Leben sein, dass er fortan führen musste.
Er packte seine Sachen zusammen in einen Beutel und machte sich auf, um nach Ferruma, so war der Name des Dorfes, zu gehen. Dyako würde erst abends wieder daheim sein und so steckte er sich weitere zwei Eier ein, falls er im Laufe des Tages Hunger bekommen sollte. Er konnte sich nicht mehr mitnehmen, da er sonst zu wenig als Rest haben würde.
Dyako ging immer den üblichen Weg ins Dorf, denn Abseits davon war man nicht sicher. Seit den Zeiten des Krieges gab es Räuber und Diebe, die die Gegend unsicher machten und Leute überfielen ausraubten, angriffen und sogar töteten.
Das Land wurde nun beherrscht von den Nocta, die den Krieg gewonnen hatten. Davor war das Land ein florierender Ort, der von Wohlstand, Handel, Wissenschaft, Kunst und vor allem auch Technik geprägt war. Aber seit dem Ende des Krieges und durch die Gewalt der Nocta ist alles eingebrochen und teilweise lebten die meisten wie vor 500 Jahren. Einzig die Magie hatte überlebt, nur wurde sie gejagt, gefangen und getötet durch die Hand der Nocta, die einzig allein für die Technik lebten und alles verabscheuten, was auch nur im Geringsten mit Magie oder dergleichen zu tun hatte.
Sie duldeten keine Macht neben sich. Ganz gleich welchen Ursprung sie haben könnte. Die Nocta hatten alles an Technik und anderer Ideen an sich genommen oder nahmen es noch an sich. Da sie sich diese Macht genommen hatten, trauten sie niemandem und streuten sogar Spitzel unter das Volk, um auf diese Weise Feinde aufzuspüren. So wurde manch einer zu Tode geprügelt, hingerichtet oder vergiftet, der in Wahrheit gar kein Feind war, sondern nur zur falschen Zeit am falschen Ort oder er nervte einen der Spitzel, die für seine Beseitigung sorgten.
Dyako stellte keine Gefahr dar, daher ließ man ihn größtenteils in Ruhe. Nur bei den Abgaben kamen die Soldaten der Nocta und forderten ihren Tribut. Dabei nahmen sie alles mit, was zu Geld gemacht werden könnte. Bei Aufsässigen töteten sie die Kinder, die Frau oder sogar die Tiere. Sollte es all das nicht mehr geben, schnitten sie ihm eine Hand oder einen Arm ab.
Dyako hatte niemals Probleme damit, da er brav seine Steuer zahlte oder etwas abgab. Er schaute die Soldaten nicht einmal an, wenn sie kamen, sondern senkte seinen Blick zu Boden und war stets in gebückter Haltung, damit sie ihm nichts antaten. Dadurch überlebte er. Durch sein Verhalten verlor über die Jahre mehrere Tiere wie Ziegen oder auch Schafe. Aber was gab man alles für sein Leben? Er selbst sicherlich nichts, denn er hätte es jeder Zeit provozieren können, getötet zu werden, aber dies hätte seine geliebte Frau nicht gewollt.
Es hätte Zeiten gegeben, in denen wäre er am liebsten gestorben, gerade weil die Nocta für den Tod seiner Frau verantwortlich waren, aber seit er seine Dämonen besiegt hat, hielt er am Leben fest, gerade weil es seine Frau nicht dulden würde. Sie hätte von ihm verlangt, zu kämpfen und nicht aufzugeben, so wie er es schon mehrfach gemacht hatte.
Ob er die Nocta tatsächlich am Tod seiner Frau beteiligt waren, wusste er nicht. Man erzählte sich, dass Widerständler oder die, die die Nocta dafür hielten, durch ein Gift umgekommen waren. Dieses Gift nannten sie „den schwarzen Tod.“ Aus diesem Grunde schien es für Dyako die naheliegende Erklärung zu sein, ohne dass er sich dadurch hätte freisprechen wollen.
Noch bevor Dyako den Hof verließ, ging er an das Grab seiner Frau vorbei. Er machte es immer so- stets auf dieselbe Weise. Er erzählte ihr auch jedes Mal seine Gedanken und stellte sich vor, was sie zu ihm sagen würde. Manchmal rollte eine Träne über seine Wange. Gerade dann, wenn er sie vermisste und dies war auch nach all den Jahren immer noch der Fall. Liebe überstand jede Zeit.
Heute allerdings war es nicht so, dass er eine Träne vergoss. Er grüßte seine Frau und schaute, ob am Grab, welches er sehr pflegte, auch alles soweit in Ordnung war. Dann teilte er ihr mit, dass er nach Ferruma wollte, um einzukaufen und dass er gegen Abend zurück sei. An solchen Tagen musste er sich sputen, da der Weg lang war und er nicht mehr der Jüngste. Abends würde er sicherlich Zeit haben, um einige Worte zu seiner Frau zu sagen. In seinen Gedanken verstand sie es. Sie hatte schon immer ein großes Herz.
Dyako hatte seinen Wanderstab dabei, denn die Strecke machte ihm schon Mühe, gerade ab der Hälfte. Sein Alter forderte eben auch seinen Tribut. Die ersten Schritte waren auch immer ein wenig anstrengend, denn die Knochen mussten sich erstmal daran gewöhnen. Die Arbeit auf dem kleinen Hof, die er jeden Tag vollbrachte, hielten ihn auf eine Art fit, aber sie war auch kräfteraubend. Meist war es nach einigen Schritten vorüber und er konnte wandern.
Der Tag begann sehr schön, denn die Sonne schien und nur ein paar Wolken verdeckten ab und zu den die Strahlen. Es sah aber insgesamt nicht danach aus, als würde es heute zu Regen kommen. Es stimmte Dyako ein wenig fröhlich und er ließ sich dadurch ein bisschen von der Natur anstecken, obwohl überall noch Zeichen des Krieges zu sehen waren.
Dyako ging an verlassenen Höfen, Ruinen und zerstörten Bauten vorbei, die mittlerweile von Gräsern und Pflanzen bedeckt waren und teilweise einige Tiere, wie Hasen, Füchse oder auch Mäuse in sich wohnen hatten. Die Natur hatte sich über die Jahre alles zurückgeholt. Die einstigen großen Krieger und magischen Wesen gab es nicht mehr oder die Anhänger verließen ihre Heimat und versteckten sich.
Das einzige Stück, welches zum einen schön war, aber auch gefährlich, war der Wald. Er blieb erhalten und breitete sich nach dem Krieg sogar noch aus. Die Natur war hier am schönsten, fand Dyako und er hatte das Gefühl, sie wurde jedes Mal ein wenig schöner. Andererseits befanden sich in diesem Wald auch Tiere, wie Wölfe und Bären, denen man besser nicht begegnen sollte.
Aber ebenso wenig sollte man sich vor den Räubern fürchten, die es ausnutzten, dass man im sich im Wald sehr gut verstecken konnte. Zumeist raubten sie ihre Opfer nicht nur aus, sondern verschleppten sie, wenn sie Frauen waren. Oder vergewaltigten sie. Die Räuber hatten kein Gewissen und nahmen sich, was sie wollten. Bei Männern kam es drauf an, ob sie als Sklaven herhalten konnten oder wie im Dyakos Fall einfach nur abgeschlachtet worden. Alte konnte man nicht gebrauchen, genauso wenig wie Zeugen.
Den Wald zu umgehen war zwar möglich, aber sinnlos, wenn man am Abend wieder daheim sein wollte, so wie Dyako. Es war nur ein kleiner Teil, den er zu durchschreiten hatte, ehe er dann den letzten Part in Richtung Ferruma absolvieren konnte. Die meisten hätten aber den Umweg in Kauf genommen oder wären mit mehreren durch das Waldstück gegangen, da die Wahrscheinlichkeit geringer war, überfallen zu werden.
Die Räuber waren zwar durchtrieben und gierig, aber nicht so dumm, sich mit zu vielen anzulegen, gerade wenn ihre Chancen sanken. Wer es sich also leisten konnte, war zumindest ihnen gegenüber geschützt. Die wilden Tiere interessierte es aber nicht und so kam mancher um, weil er sich zu sicher fühlte und wurde am Ende Bärenfutter. Den Rest der Leiche verspeiste praktisch der Wald durch andere Tiere wie Ameisen selbst.
In dem Wald kam sich Dyako immer vor, als sei er in einer anderen Welt. Allein das Licht der Sonne wurde beim Eintritt nahezu völlig verschlungen und es fühlte sich an, als sei schon Abend, obwohl es ein anderes Licht war. Der Wind war kühler und es war viel stiller, sodass man seine eigenen Schritte hören konnte- selbst Dyako in seinem Alter. Dadurch war man stets in einer Art Habachtstellung, denn es könnten Diebesbanden oder gefährliche Tiere lauern. Dyako ließ diesen Gedanken kaum Raum, sodass die Reise für seine Verhältnisse rasch voranging. Es machte keinen Sinn, sich ständig seiner Angst hinzugeben. Man konnte dadurch irre werden und Dyako war zwar ein alter verbitterter Mann, aber er war noch nicht durchgeknallt.
Nach einiger Zeit hatte Dyako es geschafft und den Wald hinter sich gebracht. Es geschah nichts. Tagsüber war die Möglichkeit einer Begegnung mit einem Tier gering, da diese meist abends oder am frühen Morgen jagten. Räuber war unkalkulierbar. Es verhielt sich in diesem Fall wie bei einer Lotterie.
So wie beim Eintritt, war es ebenso beim Austritt aus dem Wald. Die Wärme der Sonne, der Wind und vor allem die Geräuschkulisse durch Vogelgezwitscher, Summen von Bienen und anderen Insekten machten deutlich, dass Dyako wieder auf dem Pfad Richtung Ferruma war.
Der alte Mann sputete sich, denn er war langsamer als die letzten Male. Weshalb es sich so verhielt, konnte er beim besten Willen nicht sagen. Vielleicht dachte er zu viel nach und wurde so noch träger als er eh schon wegen seines fortgeschrittenen Alters war. Die Verspätung konnte aber maximal eine halbe Stunde betragen, so wie er es laut Sonnenstand abschätzen konnte.
Er näherte sich den Stadtmauern von Ferruma. Davor standen vier Wachen, allesamt mit allerhand Waffen ausgerüstet, die sowohl Hightech beinhalteten als auch nicht. Dyako hatte kaum Kenntnis über Waffenkunde, deshalb konnte er nicht genau erkennen, was sie alles mit sich führten. Was er aber sehen konnte war, dass diese Soldaten gefährlich waren.
Sie verfügten über Visiere, die jeden scannten, der sich ihnen näherte und zeitgleich trugen sie Schwerter, die mit verschiedensten Modifikationen ausgestattet waren. Welche dies waren, blieb solange geheim, bis sie sie benutzten. Es war auf jeden Fall eine schlechte Idee, sich mit ihnen anzulegen, wenn man sein Leben nicht verlieren wollte.
„Hey, alter Mann“, rief auf einmal eine der Wachen und Dyako wusste ganz genau, dass er gemeint war.
Er blieb sofort stehen und schaute nur etwas nach oben, um nicht unhöflich zu sein, aber nicht zu viel, damit er sein Leben nicht riskierte, denn Dyako wollte, dass die Wachen ihn auf keinen Fall als Bedrohung ansahen, denn dann machten sie kurzen Prozess mit ihm.
„Ja, Herr?“ fragte er mit schwacher Stimme, um seine Schwäche offen zu demonstrieren.
„Was liefern sie?“ stellte die Wache ihm und kam näher.
„Eier und etwas Milch“, antwortete Dyako so schnell er konnte.
„Gut, das brauchen wir nicht“, sagte die Wache und winkte ihn weiter, „Opa, du kannst passieren.“
„Danke, Herr“, hauchte Dyako und senkte seinen Kopf wieder nach unten- das hätte ihm gerade noch gefehlt, dass ihm die Wachen alles abnahmen, was er mitgebracht hatte und er mit leeren Händen nach Hause gehen musste.
Er wollte innerlich rasch weitergehen, wenn nicht gar laufen, aber sein Verstand sagte ihm, dies nicht zu tun und ruhig zu bleiben. Er würde sonst auffallen und dies bedeutete auf jedem Fall Ärger, Schmerzen oder gar den Tod. Eine andere, ganz leise Stimme wiederum meinte, dass es nicht verkehrt wäre, denn was für einen Sinn machte so ein trostloses Leben, wie er eines führte, überhaupt noch? Er musste sich zusammenreißen, um diesen Funken im Keim zu ersticken. Die Stimme seiner Frau hinderte ihn daran.
Ohne weiter einen Gedanken daran zu verschwenden, sich in selbstmörderischer Absicht mit den Wachen anzulegen, begab Dyako sich an eine freie Stelle des Marktes und bot seine Eier und die Milch an. Es dauerte etwas, ehe er alles loswurde und ein wenig Taler damit gemacht hatte. Durch das viele Feilschen, war es weniger als das letzte Mal, aber genug, um zu überleben und darum ging es immerhin. Die Leute hatte halt nicht mehr so viel Geld, wie noch vor Jahren, da sie immer weiter ausgebeutet worden. Seine Figuren hatte er vergessen und würde diese beim nächsten Besuch mitbringen. Dann würde es wieder etwas mehr sein.
Dyako kaufte davon Brot, Käse und Äpfel, den Rest behielt er. Dann machte er sich auf dem Heimweg. Irgendwie war heute der Wurm drin und er lief dem Tag hinterher. Heute war er später dran und er fürchtete, dass die Sonne untergegangen war, ehe er zu Hause ankam. Hauptsache war, dass er den Wald durchquert hatte, sonst würde er wohl bis zum Morgengrauen nicht hinausfinden.
„Hey, alter Mann, da bist du ja wieder“, fiel der Wache auf, als Dyako erneut das Tor passieren wollte.
Sofortig hielt er inne und blickte, wie zur Hinreise wieder nur zur Hälfte nach oben. Dass die Wache sich an ihn erinnerte, ließ bei Dyako ein ungutes Gefühl aufkommen. Es war nie ein gutes Zeichen, wenn Soldaten der Nocta sich das Gesicht gemerkt hatten. Zu oft hatte er mitbekommen, dass es für jene mit übelsten Verletzungen oder sogar tödlich endete. Aber was sollte Dyako unternehmen? Weglaufen konnte er nicht.
„Was hast du nun dabei?“ fragte ihn die Wache.
„Äpfel, Käse und Brot“, teilte Dyako wahrheitsgemäß mit, „und noch drei Taler, mein Herr.“
Dyako wollte ehrlich sein, denn er war der Überzeugung, dass sie ihn durchsuchen würden, hätte er gelogen oder auch nur den Anschein gemacht. Mit der Wahrheit riskierte er, alles zu verlieren, aber er behielt sein Leben und des war ihm wichtig geworden. Seine Frau hätte nicht gewollt, dass er sich auf eine dumme Art opferte.
„Das trifft sich gut, denn ich habe Hunger und noch nichts Vernünftiges in meinem Magen“, sagte die Wache, „magst du mir dein Essen geben?“
Dyako wusste, dass die keine wirkliche Bitte war, sondern vielmehr eine Fangfrage. Dyako war nicht dumm, aber auch er hatte Hunger und freute sich schon den gesamten Tag, nach Hause zu kommen, um das Brot, den Käse und die Äpfel zu verspeisen.
„Was?!“ fragte die Wache, nachdem Dyako gezögert hatte, „willst du nicht?“
„Doch, natürlich, mein Herr“, antwortete Dyako, um sich aus der Situation zu retten, aber es war zu spät, denn das leichte Zögern vernahm der Soldat und kam näher.
Die Wache holte aus und knallte dem alten Mann seine flache Hand mitten ins Gesicht, als ob Dyako ein kleines Kind wäre, dass nicht gehorchen kann.
„Nun rück‘ das Essen schon raus, bevor ich ungeduldig werde, du alter Bastard“, verlangte die Wache.
Dyako beugte sich nieder, ohne sich die schmerzende Wange zu halten. Er griff in seine Tasche und holte alle heraus, was sich darin befand und hielt es der Wache hin. Er drehte seinen Beutel einfach um. Das Essen lag allesamt auf den Erdboden.
„Bitte, der Herr“, hauchte er.
„Warum nicht gleich so?“ fragte die Wache und nahm alles an sich und drehte sich von Dyako weg.
Dyako konnte es nur sehen, weil er auf die Schuhe des Mannes starrte. Es machte sich ein wenig Erleichterung in ihm breit. Dies änderte sich schlagartig, als die Wache sich erneut umdrehte und einen Schritt auf Dyako zumachte.
„Bevor ich es vergesse“, meinte er, „die 3 Taler möchte ich ebenso…, weil du nicht gehorcht hast, Bastard.“
Dyako gab ihm das Geld, ohne auch nur einen Ton von sich zu geben. Er machte es sehr rasch, auch wenn er sich am liebsten die Wange halten wollte, denn der Soldat hatte erstaunlich gut getroffen. Er guckte dabei weiterhin zu Boden. Sein Hunger war in diesem Moment verflogen, da Angst sich in ihm breit machte. Was, wenn er nicht mehr lebend nach Hause kam? War er nun so weit, um zu seiner Frau zu gehen? Etwas in ihm wollte dies unbedingt, aber etwas anderes nicht.
Es war wie ein Traum als er die Stimme seiner Frau hörte, wie sie ihm sagte, dass alles gut werde und er nicht aufgeben sollte. Sie wolle nicht, dass er trauere, sondern dass er lebe. Ein verschmähtes Leben war gar kein Leben. Sie wolle nicht, dass er so ende.
„Bastard?“ fragte die Wache und unterbrach seine Gedanken.
„Ja, Herr?“ reagierte Dyako im letzten Augenblick, ehe die Wache auf andere Gedanken kam.
„Viktor?“ rief die andere Wache fragend in die Richtung der beiden.
„Was?“ rief der Angesprochene widerwillig, denn er wusste wohl, was kommen würde.
„Lass‘ ihn laufen“, sprach die andere Wache mit einem sehr energischen Ton.
Viktor sagte nichts, aber Dyako verspürte, dass es ihm nicht passte, wie die andere Wache mit ihm sprach. Dennoch hatte er wohl keine andere Wahl und ließ von Dyako ab. Er drehte sich um und ging schnurstracks zu seinem Wachkameraden. Dyako war wie erstarrt und traute sich nicht, aufzustehen oder fortzugehen. Vielleicht war es eine Falle?
„Du kannst gehen“, meinte die andere Wache, „los, alter Mann, bevor ich es mir anders überlege.“
Schnellstens machte sich Dyako auf. Er schnappte sich seinen Stab, seinen leeren Beutel und zog von dannen. Als er aus Sichtweite war, blieb er stehen und fing an zu weinen. Es begann mit einigen Tränen und endete in einen kurzen Heulkrampf. Er musste sich am Stab abstützen, um nicht zusammen zu brechen.
Zum einen war er erleichtert, aber zum anderen war ihm in diesem Moment bewusst, dass er nie wieder hier vorbeikommen könnte, wenn Viktor Dienst hatte. Er würde dort fortsetzen, wo er heute aufhören musste. Er würde sich für die Worte der anderen Wache an Dyako rächen. Die andere Wache würde nicht immer im Dienst sein, wenn Viktor dort war.
Dyako hatte keine Zeit zum Nachdenken- er musste nach Hause! Die Sonne war schon in der Nähe des Horizonts und drohte zu verschwinden. Also macht er sich der alte Mann auf- mit Tränen, die er sich wegwischte und einer schmerzenden Wange. Und dann war es so, wie es immer war, wenn es schnell gehen musste: Es ging nicht.
Dyako war vom Tag und von dem Vorfall sehr erschöpft und hastete aus nur einem einzigen Grund nach Hause- wegen der kommenden Dunkelheit. Die Sonne war schon zur Hälfte vom Horizont verschlungen worden und war bereit für ihren täglichen Untergang, als Dyako gerade erst den Wald betrat. In diesem Moment fühlte er, dass es bereits zu spät war. Wäre er jünger, könnte er rennen und hätte den Hauch einer Chance, aber so? Sicher nicht!
Im Wald war es bereits duster und Dyako hatte alle Mühe, noch etwas zu erkennen, aber es reichte, um die Umrisse zu sehen, damit er nicht vom Weg abkam. Sein Stab half ihm dabei, nicht an Wurzeln der Bäume oder an Steinen zu stolpern. Dennoch kam er auf diese Weise nur allmählich voran, was ihn störte.
Gerade, als er sich mitten im Wald befand und die Dunkelheit nun völlig eingekehrt war, hörte er ein Geräusch, welches er nicht zuordnen konnte. Zuerst dachte er, er habe sich verhört oder es sich gar eingebildet, aber dann ertönte es nochmal, denn auch seine Sinne waren nun geschärft. Es klang wie ein Tier oder war es doch ein Mensch? Es war schwach und so blieb der alte Mann stehen, um seine Konzentration komplett dem Geräusch zu geben. Die Zeit war für ihn nun aufholbar, das war ihm bereits bewusst.
Der Vorteil war, dass er es jetzt nicht mehr überhören würde, sobald es erneut ertönen sollte. Der Nachteil allerdings und dies wurde ihm nach und nach bewusst, war, dass er nun die Laute des gesamten Waldes vernahm, was ihm zunehmend ängstigte. Vielleicht war er bereits in einer Falle von einer Räuberbande.
Das Heulen der Eulen, den leichten Wind, das Zirpen der Grillen und vielleicht einen Fuchs, der gerade durch das Geäst schlich konnte Dyako wahrnehmen oder bildete es sich nur ein? Er war sich nicht sicher und blieb wie angewurzelt stehen. Eigentlich wusste er es besser, denn das Verharren seiner Person war ein optimaler Angriffspunkt für mögliche Diebe- aber aus einem irgendeinem ihm nicht erklärbarem Grund- blieb er stehen.
Für einige Momente verharrte er an Ort und Stelle als er dann beschloss, weiter zu gehen, da er den Gedanken hatte, er halluziniere das Ganze nur. Es war ein langer Tag und kein erfolgreicher. Er war erschöpft und seine Sinne fantasierten vor sich hin. Er sollte zusehen, dass er sich schleunigst vom Acker machte, dachte er sich, als der Laut abermals ertönte und wieder kurz innehielt.
Dieses Mal war Dyako sich sicher, dass es real war. Er drehte sich sofortig in die Richtung aus der er das Geräusch vermutete und schritt vorsichtig voran. Natürlich kam er vom Weg ab, aber das war ihm gleich, da die Neugier in ihm siegte. Er war sich gewiss, dass es sich um eine Stimme einer Frau handelte.
In ihm regte sich abermals der Gedanke, dass es sich auch um eine Falle handeln könne, denn schließlich hielten sich keine vernünftigen Menschen in diesen Wald auf und schon gar nicht zu dieser späten Stunde. Wer war denn so verrückt? Er selbst war es!
„Hallo?“ fragte er vorsichtig und mit leiser Stimme.
Und wieder erwischte er sich, wie dumm er doch war. Nun würden potenzielle Räuber erst recht wissen, wo er sich befand und ihnen würde es leichter fallen, ihn zu auszurauben. Andererseits, was hatte er denn zu bieten? Außer sein Leben?
War es Neugierde, die ihn weiter herausfinden lassen wollte, was es damit auf sich hatte? Oder war es die pure Dummheit? Dyako hatte keine Antwort auf diese Frage und forschte weiter.
Es kam keine Antwort, nur ein weiteres Stöhnen folgte, was seine Vermutung, dass es sich um ein menschliches Wesen beziehungsweise eine Frau handelte, extrem verstärkte. Er machte ein paar weitere Schritte und lugte durch das Gebüsch, um zu schauen, wo da jemand liegen könnte.
„Hallo?“ fragte er dabei abermals, denn wenn Räuber vorhatten, ihn zu überfallen, dann hätten sie es längst getan, denn er- der alte Mann- war doch für solche Diebe kein Gegner, den sie fürchten müssten. Oder sie wussten nicht, dass er ganz allein war.
Erneut gab es keine richtige Antwort. Vielmehr hatte Dyako den Eindruck, dass die Person verletzt sein müsste, so wie sie klang. Bedingt durch die Dunkelheit konnte er nicht richtig sehen, wer da auf er Erde lag, aber die Umrisse ließen erkennen, dass sich dort jemand befand.
„Hallo?“ fragte er nun ein drittes Mal und war lauter als de Male zuvor.
Etwas in ihm machte ihm bewusst, dass die Person Hilfe brauchte. Schnell war seine ursprüngliche Furcht wie verflogen. Zudem machte er sich keine Gedanken mehr darüber, was Gründe für ihre Verletzungen sein könnten. Dyako wollte helfen. Er tastete sich heran und bemerkte, dass die Person an der betroffenen Stelle nackt war.
Dyako wich ein wenig zurück, denn er wollte nicht den Eindruck erwecken, dass er ihr etwas antun wolle. Ganz im Gegenteil, er wollte wirklich helfen. Er versuchte nochmal, sie zu berühren, da es sein könnte, dass sie nur an dieser einen Stelle und er konnte nicht einmal sagen, wo er genau angefasst hatte, nackt war.
Aber er irrte sich. Sie war dort ebenso nackt. Schnell schreckte er zurück. Er zitterte, denn unsittliche Berührungen waren nicht seine Absicht. Allerdings hatte er auch noch das Gefühl, nun ihre Brust berührt zu haben, was seine Scham steigerte.
„Entschuldigung“, sagte er reflexartig und machte einen Satz nach hinten, um einen angemessenen Abstand zu ihr zu halten.
Dabei stieß er sich an einen Ast, der ihm am Hinterkopf traf. Zuerst dachte er, er würde angegriffen werden und drehte sich um, aber als dann nichts weiter folgte, außer ein weiterer Ast, der sich leicht in seinem Gesicht schlug, wandte er sich wieder der Frau zu. Die entstanden Schmerzen ignorierte er.
„Es tut mir leid“, sprach er, „ich wollte Sie nicht…“
Er stockte bei dem Gedanken, das auszusprechen, was er ebengerade gemacht hatte. Er war religiös erzogen worden und er respektierte Frauen. Dyako wusste, dass der Rest der Welt, gerade die Räuberbanden und ebenso die Schergen der Nocta, dies anders sahen und sich anders verhielten. Sie nahmen sich die Frauen und vergewaltigten sie.
Die Frau entgegnete nichts. Sie versuchte aufzustehen und Dyako eilte zur Hilfe. Sie stützte sich an ihm ab und spürte ihre Nacktheit an seinem Mantel. Es war ihm höchst unangenehm, dennoch blieb er an ihrer Seite, da sie sonst fallen und weitere verletzen würde. Er reichte ihr den Stab, den sie griff, um sich weiter auf den Beinen zu halten.
„Ich kann Ihnen meinen Mantel geben“, bot er an und er merkte, wie sich sein ganzer Körper erhitzte und besonders, wie sein Kopf hochrot wurde, „damit Sie nicht frieren müssen.“
Rasch ließ er sie los und sie hielt sich durch den Stab, aber zitterte kräftig. Die Frau kämpfte, um stehen zu können. Dann zog er seinen Mantel aus und legte ihn über ihre Schultern. Der Mantel war lang, sodass er bis zu ihren Waden reichte. Anschließend bot er seine Schulter erneut an, damit sie eine Absicherung hatte, um nicht zu Boden zu fallen.
Der Überfall
Der Wald war nun dunkel. Dabei handelte es sich nicht nur um die übliche Dunkelheit, sondern er war stockfinster. Dyako und die Frau konnten kaum die Umrisse erkennen. Selbst der Mond schaffte es nicht mit seinem Licht für eine klare Sicht zu sorgen, denn die Bäume verschlangen alles und ließen nur Finsternis übrig. Irgendwann hatte er entschieden mit der Frau in einer langsamen Geschwindigkeit voranzuschreiten. Er konnte ihr am besten helfen, wenn sie daheim bei ihm waren.
Es benötigte einige Zeit bis sie an das Ende des Waldes gelangten. Erstaunlicherweise fanden sie überhaupt dort hin. Dyako schrieb es dem puren Zufall zu. Blind und ohne Orientierung aus diesem tiefdüsteren Wald hinauszugelangen und bisher nicht einmal ein gefährliches Tier, geschwiege denn einen Räuber angetroffen zu haben, grenzte reines Glück. Dieser Umstand hatte nichts mit Logik zu tun.
Dyako wusste nicht einmal mehr wie lange sie unterwegs waren. Er hatte die Zeit völlig vergessen. Es musste Nacht sein, das war klar. Gefunden hatte er einen Ausweg, weil sich an einer Stelle der Mondschein zwischen dem dichten Geäst durchkämpfte.
Als sie den Wald verließen, konnten sie etwas mehr erblicken, da der wolkenfreie Himmel den Mond erstrahlen ließ. Dyako hatte nun Gewissheit, dass die Frau splitternackt im Wald gelegen hatte, denn das Kleidungsstück, welches er ihr gegeben hatte, zeigte einige Lichtblicke.
Sie sah jung aus und war zierlich. Dyako hatte die Vorstellung, dass sie Opfer einer Vergewaltigung gewesen sein musste. Und es widerte ihn an. Wie konnte Menschen, nein Männer Frauen so etwas antun? Wenn er es könnte, würde er für Gerechtigkeit sorgen.
Dyakos Gedanken wurden jäh unterbrochen, da die Fremde anhielt. Er blickte sie an und erkannte, dass sie nach vorne starrte. Schnell ging sein Blick in dieselbe Richtung. Dort standen drei Männer in finsterer Gestalt. In diesem Moment bekam Dyako einen dicken Kloß im Hals, denn er wusste, was das für Typen waren. Und dabei waren sie doch gerade der Finsternis des Waldes entkommen. Dyako hatte sich in Sicherheit gewogen und das war ein Fehler.
„Na, des Nachts noch so spät unterwegs?“ fragte der eine und man hörte, dass er mindestens angetrunken war, so wie er lallte.
„Hat der Opa sein kleines Luder gefunden?“ fragte ein zweiter und auch er wirkte betrunken.
Er machte ein paar Schritte auf Dyako und die Unbekannte zu und blieb dann stehen. Dann zückte er eine Waffe und richtete sie auf Dyako. Es schien eine Pistole zu sein. Er schwankte. Seine beiden Kumpanen gesellten sich zu ihm.
„Ich will, dass die kleine Schlampe zu mir kommt und mir einen bläst“, verlangte er, „Opa, du kannst einfach gehen. Ich habe heute meinen Gnädigen.“
„Wir tun dir nichts und verfolgen dich auch nicht“, ergänzte ein anderer und lachte dreckig.
Dabei war beiden klar, dass dies verlogene und brutale Räuber waren, die nichts Gutes im Schilde führten und Dyako niemals gehen lassen würden, wobei die Flucht auch keine Option für Dyako darstelle.
Die Frau schaute zu ihm. Dyako schüttelte den Kopf, um deutlich zu machen, dass er jetzt nicht verschwinden werde, um seine eigene Haut zu retten. Er würde es sein Leben lang mit sich herumtragen und daran gedanklich zu Grunde gehen. Zumal er nicht daran glaubte, dass er hier lebend herauskam.
Was sollte ein alter Mann und eine junge, nackte Frau ausrichten können? Zwar waren die Halunken angetrunken, aber verfügten immer noch über Pistolen, was sie sehr gefährlich machte. Alkohol machte zudem übermütig. Dyako wusste dies durch seine jahrelange Abhängigkeit.
„Ich werde bleiben“, sagte Dyako und zitterte am ganzen Körper.
Er wusste, dass auch sein Verbleib ein Fehler war, denn die Männer würden ihn töten, um an sie heranzukommen. Aber er wollte lieber als mutiger alter Mann sterben als ein lebender Feigling zu sein. Dann wäre Grund ein ehrenwerter gewesen und eben kein Freitod, der feige war. Auf diese Weise könnte er im Jenseits auf seine geliebte Frau treffen und ihr ins Gesicht schauen.
„Dann wirst du sterben“, verdeutlichte der Typ mit der Waffe in der Hand und bestätigte damit Dyakos Vermutung.
„Das ist mir bewusst“, meinte Dyako und zitterte mehr und mehr.
„Es ändert nichts daran, dass wir drei die kleine Schlampe gleich so richtig hart durchnehmen“, sagte ein weiterer, „du kannst uns nicht aufhalten.“
Dyako war all dies klar und dennoch ging er nicht von der Stelle. Er wollte sie retten, vielleicht als Ersatz dafür, dass er seine Frau nicht retten konnte. Vielleicht auch, weil sie alleine war und hilflos. Er würde sich opfern. Dann schaute er sie an und rief:
„Renn, so schnell du kannst. Ich werde mich um sie kümmern. Los!“
Die Fremde bewegte sich nur keinen Zentimeter von der Stelle. Dyako schaute abwechselnd zu ihr und zu den beiden Gegnern, die sich in seine Richtung begaben. Einer von ihnen verharrte in seiner Position. Dyako verfiel in Panik, da er merkte, dass seine Aktion nichts brachte, wenn sie nicht bereit war zu flüchten.
„Los, lauf, worauf wartest du? Willst du sterben?“ brüllte er und seine Verzweiflung war für jeden laut und deutlich zu hören- dabei schüttelte er sie leicht, um sie irgendwie wach zu rütteln.
Aber sie blieb, als ob sie angewurzelt war. Sie regte sich nicht einmal, als er sie anflehte. Dyako blieb keine andere Wahl, als deutlicher zu werden. Er packte sie am Arm und wiederholte seine Aufforderung, obwohl es schon zu spät war, denn die beiden Männer befanden sich hinter ihm.
Noch bevor Dyako reagieren konnte, verpasste einer der beiden ihm einen kräftigen Schlag auf den Hinterkopf und der alte Mann spürte, wie er um sein Bewusstsein kämpfen musste. Der Angreifer wollte keine Kugel verschwenden, wenn er Dyako auch mit bloßer Hand hätte töten können.
Dyako ging augenblicklich zu Boden und hielt sich am Hinterkopf, denn es schmerzte heftig. Der Attackierende hatte gut getroffen, obwohl er zum Schlag grob angesetzt hatte. Nach einem Fußtritt in den Bauch, krümmte der alte Mann sich reflexartig. In Dyako machte sich das Gefühl breit, dass er die heutige Nacht nicht überleben würde.
Weitere Fußtritte, wie auch Schläge prasselten auf ihn ein und Dyako konnte sich nicht mehr halten, denn ganz gleich, wie er sich auch zur Wehr setzte- es gelang ihm nicht, die vielen Hiebe und Tritte auszuweichen oder zu blockieren. Daher verlor er das Bewusstsein. Sein letzter Gedanke galt der Fremden, für die er hoffte, dass sie entkommen konnte. Vielleicht hatte sie die Gunst der Stunde genutzt und war weggelaufen? Sein allerletzter Gedanke aber galt seiner Frau. Nun war es wohl an der Zeit, zu ihr zu kommen.
Als Dyako seine wieder Augen öffnete, blendete ihn ein einzelner Sonnenstrahl und er musste seine Lider gleich wieder schließen. Rasch kamen die Gedanken an dem Überfall der drei Männer in ihm hoch, auch wenn er es nicht gewollt hatte. Die Sonne gab ihm das kurze Gefühl, im Himmelreich zu sein und jeden Augenblick seine geliebte Frau zu begegnen und in seine Arme zu schließen. Aber war es wirklich so oder spielten ihm seine Sinne einen Streich?
Der nächste Blick enttäuschte diesen Traum. Er spürte, dass er noch immer am Leben war, denn seine Wunde am Hinterkopf, sowie seine Prellungen machten sich auf schmerzhafte Weise bemerkbar und holten ihn in die Realität zurück.
Es brannte, stach und die Wunden quälten ihm am gesamten Körper, denn es gab kaum eine Stelle, die die Halunken ausgelassen hatten. Wenn man wissen will, ob man lebt, war der Schmerz wohl das einzige Zeichen, einen Beweis dafür zu erhalten- so dachte sich Dyako.
Sofort fiel ihm die junge Frau ein und er hoffte, dass auch sie die Nacht überlebt hatte. Die Räuber hatten ihn wohl zum Sterben zurückgelassen. Es gebe keinen anderen Grund, weshalb man Zeugen am Leben lassen sollte. Aber die Fremde? Dyako fürchtete, dass die Männer sie nach der angedrohten Vergewaltigung ermordet hatten.
Dyako versuchte, seinen Kopf anzuheben und spürte mit jedem Millimeter einen stechenden Schmerz, aber er wollte unbedingt wissen, ob sie anwesend war. Möglicherweise hatten die Männer sie auch verschleppt, um sie als Sklavin zu halten. Der kurze Moment aber reichte aus, um zu sehen, dass die Fremde etwa dort auf dem Boden lag, wo sie gestern gestanden hatte. Zudem fiel dem alten Mann auf, dass die drei Männer um sie herum lagen- voller Blut. Als wäre ein Massaker geschehen.
Was aber war wirklich passiert? Dyako war verwirrt und der Schmerz zwang ihn wieder zu Boden, denn er hatte noch viel zu wenig Kraft, um sich aufzustemmen. Es würde Tage, nein Wochen dauern, ehe er wieder einigermaßen normal durch das Leben gehen konnte, wenn überhaupt. Er war halt nicht mehr der Jüngste. Früher hätte er solche Qualen einstecken können.
Nun konzentrierte er sich gedanklich erneut mit der vorgefundenen Situation. War ein Streit der Grund dafür, dass sie sich gegenseitig abgeschlachtet hatten? Waren die Männer sich nicht einig darüber, wer als erster ran durfte? Dyako hatte die leise Hoffnung, dass die Frau überlebt haben könnte.
Obwohl sein Körper ihm riet, liegenzubleiben, entschloss er sich aufzustehen. Er musste wissen, wie es der Frau ging und ob sie überlebt hatte. Dies trieb ihn an. Die Schmerzen waren stark, aber Dyako wusste mit diesen umzugehen. Menschen, die keinen Schmerz gewohnt waren, raffte es vielleicht dahin, aber nicht Dyako. Allein der Gedanke, dass die Frau es tatsächlich geschafft haben könnte, war eine große Motivation für ihn.
Nachdem er beim zweiten Hinsehen sogar gesehen hatte, dass sie sich etwas bewegt hatte, war er sich nun sehr sicher und ihm gelang es, sich aufrecht hinzustellen, sodass ihm das Blutbad um die Frau herum noch einmal deutlicher wurde. Dyako stand wie ein hochbetagter Mann, der fast am Ende seines Lebens war und wie in Häufchen Elend dort. Er zitterte am ganzen Körper.
Für ihn sah es jetzt nicht mehr so aus, als hätten die drei sich getötet, sondern vielmehr erweckte sich bei ihm der Eindruck, dass die Frau es getan haben musste, denn die Männer lagen von ihr weg in gestreckter Haltung. Würden die Männer sich gegenseitig getötet haben, dann lägen sie anders.
„So ein Quatsch“, sprach er mit sich selbst und musste schon fast lachen, wenngleich ihm der Schmerz ereilte und ihm das Lachen im Halse steckenblieb. Es war nicht nur der Grund, dass er ein Schwerverletzter war, nein es war der Moment als die Fremde erwachte, sich kurz umschaute und dann einfach aufstand, als sei nichts gewesen.
Dyako war ziemlich erstaunt, denn jetzt fiel ihm auf, dass die Frau nicht einen einzigen Kratzer davongetragen hatte. Sie hatte noch immer seinen Mantel übergestreift und er konnte daher nicht alles erblicken, aber es war der Gesamteindruck, der Dyako überzeugte.
Im nächsten Augenblick ging alles sehr schnell von statten. Einer der Männer erwachte, holte Luft und die Frau sprang zu ihm, schnappte sich einen langen Ast und rammte diesen in den Hals des Mannes. Dyako war fassungslos. Er erkannte nichts mehr von dieser zierlichen Frau, die er gestern aufgefunden hatte. Dies hier war jemand anderes, etwas anderes.
Die Frau zog ihre Waffe wieder heraus und der Mann schnappte vergebens nach Luft, doch Blut füllte seinen Hals und seine Lungen. Schließlich starb er qualvoll. Die Fremde schaute zu, als wolle sie sicher gehen, dass er auch tatsächlich sterben würde. Dann richtete sie ihren Blick auf Dyako, der sofort zusammenschrak.
Ihr Blick jedoch änderte sich von einen auf den anderen Moment, wieder zu der Frau, die er fand. Während sie zu dem Mann in einer boshaften, grausamen Art dreinschaute, hatte sie für Dyako eine Unschuld im Blick. Dyako machte es jedoch Angst, als dass es ihn beruhigte und er ging instinktiv einige Schritte zurück. Seine Sinne forderten ihn auf, achtsam zu sein. Die Frau aber blieb stehen und versuchte ihre Hände zu heben, als wolle sie sich ergeben.
„Wer bist du?“ fragte Dyako voller Furcht in seiner Stimme, „was bist du?“
Die Frau starrte ihn einfach nur an und gab keine Antwort auf seine Frage. Dyako konnte nicht herausfinden, ob sie ihm gut oder schlecht gesinnt war. Seine Angst spielte einen Streich mit hm und er fürchtete sich. Es hätten beide Möglichkeiten wahrscheinlich sein können oder es gab eine Dritte.
„Lässt du mich gehen?“ wollte er wissen und musste weinen, auch wenn es ihn als Mann peinlich war, vor einer Frau derartig fertig und ängstlich rüberzukommen.
Dyako hielt die Anspannung nicht mehr aus, daher liefen die Tränen. Deshalb und weil er unter seinen Schmerzen litt, was ihn abermals zu Boden sinken ließ. Sie nickte nur und brach erneut zusammen, so wie sie zuvor einfach aufgestanden war. Dyako erschrak wiederholt. Er verstand nicht, was geschehen war. Er erhob sich abermals unter heftigen Schmerzen, die sich in diesem Augenblick zurückmeldeten und begab sich zu ihr. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, ehe er in ihrer Nähe war.
Einerseits hatte er Furcht, dass sie ihn einfach töten würde. Andererseits hätte sie es schon längst tun können und benötigte nicht einen so dummen Trick, um ihn ins Gras beißen zu lassen. Dyako schwankte, aber seine Aktion verriet, dass er momentan eher dazu tendierte, seine Neugierde siegen zu lassen. Zudem wollte er der Fremden helfen. Etwas in ihm sagte, dass sie es dringend nötig hatte.
„Hey, alles in Ordnung?“ fragte er und rüttelte vorsichtig an ihr, denn er wollte nicht riskieren, selbst ein Opfer dieser Fremden zu werden.
Einen kurzen Augenblick lang hatte er die Idee, einfach wegzulaufen und die Frau sich ihrem Schicksal zu überlassen, aber er entschied sich dagegen. So einer war er nicht. Weder einer, der weglief, noch einer, der Frauen auf diese Weise zurückließ. Und mögen sie keine Frauen sein, sondern vielleicht Hexen. Anderseits konnte er weder laufen, noch sich wegbewegen.
Dieser Gedanke, dass sie eine Hexe sein könnte, entstand blitzartig in seinem Kopf. Wie sonst hätte sie die drei Männer töten können? Es würde eine Erklärung dafür geben, weshalb sie nackt in einem gefährlichen Wald gelegen hatte. Möglicherweise wollte man oder besser gesagt die Nocta sie beseitigen. Da Hexen zu den magischen Wesen gehörten, waren sie ein Dorn im Auge der Nocta. Daher begingen sie Jagd auf sie und andere Wesen dieser Art zu machen.
Dyako versicherte sich noch einmal, ob sie zumindest lebte. Eine Weile lag er neben ihr. Es dauerte vielleicht Stunden, ehe er aufstehen konnte. Zwar hatte er weiterhin Schmerzen, aber er konnte sitzen. Wieder vergingen Stunden, ehe die Nacht einbrach. Er schlief ein und wachte am nächsten Tag wieder auf.
Sein Zustand hatte sich entgegen seinen Erwartungen deutlich verbessert. Er richtete sich auf, um Nahrung zu suchen. Er fand Beeren und Nüsse. Er pflückte entsprechend viele, sodass er sie mit der Fremden teilen konnte.
Als er sich wieder zu ihr begeben hatte und sie weiterhin dort lag und schlief, kam ihm der Gedanke, sie mit zu sich zu nehmen, denn dort hätte er Kräuter, ein Dach über den Kopf und würde sich einfach besser fühlen, da er zu Hause war. Er vermisste seine Frau- das Grab seiner Frau.
Es ging ein Ruck durch seinen Körper, als wolle er seinen Gedanken in die Ta umsetzen. Dyako raffte sich auf und packte sie dann, um sie auf dem Rücken nach Hause zu tragen. Zumindest war es der Plan. Er spürte seine Schmerzen und die Belastung, die er nur einige Meter ertragen konnte. Sie war zierlich und deshalb nicht schwer an Gewicht, aber ein alter Mann, wie er einer war, konnte sie nur einen kurzen Weg mit sich schleppen. Dann benötigte er eine Pause.
Er rastete nicht lange, um nicht noch einmal von der Dunkelheit der Nacht überrascht zu werden. Nach einiger Zeit konnte er die körperlichen Leiden aushalten, was daran lag, dass er sie retten musste und sein Körper voll mit Adrenalin füllte. Hauptsächlich gab es ihm das Gefühl, etwas Richtiges zu tun. Die restliche Kraft kam in ihm hoch, als er sein Haus sehen konnte. Nun waren sie nicht mehr weit entfernt von dem Grab seiner Frau.
Dort angekommen, legte er die Fremde ab und packte sich selbst neben ihr auf den Erdboden. Er schaute zum Grab seiner Frau und lächelte ein wenig. Es war eine Mischung aus Erleichterung und Verlegenheit. Er war heilfroh, wieder an dieser Stelle zu sein und er hätte sich niemals, auch nicht in seinen kühnsten Träumen vorstellen können, eine andere Frau mit nach Hause zu nehmen, auch wenn es natürlich andere Umstände sind.
„Sie braucht Hilfe“, sagte er zu seiner Frau.
Die Gutmütigkeit seiner geliebten Frau hätte ihm mitgeteilt, dass es selbstverständlich wäre, Menschen zu helfen, ganz gleich, wo sie herkommen oder wer sie waren. Dyako blickte zu der Fremden rüber und dachte nach. Sie war seltsam, aber dennoch hatte sie es nicht verdient, dass man sie im Stich ließ. Immerhin hatten die drei Männer sie vergewaltigen wollen und bei so einer Sache hätte selbst er diese Widerlinge umgebracht.
Und auch, wenn sie höchstwahrscheinlich alle drei Halunken umgebracht hatte- er musste ihr helfen. Andererseits warn es Räuber, Diebe und Übeltäter, die er wohl verdient hatten, sonst hätten sie die Fremde und ihn getötet.
Dyako raffte sich erneut auf und schleppte die Frau in sein Haus, um sie in seinem Zimmer auf das Bett zu legen. Er deckte sie zu und begab sich ins Wohnzimmer, welches ebenfalls die Küche war, um den Kamin anzufeuern. Es war kalt.
Erst beim Hinsetzen merkte er seine Verletzungen, sowohl diese, die hm die Wache in Ferruma an der Wange zugefügt hatte, als auch die in seiner Magengegend und am Kopf, die in den drei Räubern ihr Ursache fanden. Er hielt sich die Stelle am Bauch. Langsam spürte er die Müdigkeit und ließ sich mehr und mehr von ihr einfangen, bis er schlussendlich eingeschlafen im Sitzen war. Instinktiv legte er seine Hand als Kissenersatz auf den Tisch und ratzte ein.
Am nächsten Morgen weckten ihn wiederholt die Sonnenstrahlen und er merkte, dass es schon Mittag sein musste, denn die Sonne war an ihrem Zenit angekommen. Wie angeknipst schreckte er hoch, denn er wollte wissen, wie es um die Fremde stand. Er stand auf und noch immer spürte er die Wunden des gestrigen Tages. Die Bewegungsabläufe verliefen insgesamt viel langsamer als vorher.
Als er nach einer Weile in seinem Zimmer angekommen war, entdeckte er ein leeres Bett. Sofort schaute er sich um, wenngleich er Zeit dafür brauchte. Zuerst im Raum selbst und dann im Wohnzimmer, denn er könnte sie vor lauter Sorge übersehen haben. Aber dort war sie ebenfalls nicht. Nun begab er sich nach draußen und warf einen raschen Blick auf seinen kleinen beschaulichen Hof, aber auch dort konnte er sie nicht entdecken.
Vielleicht war sie gegangen? Aber wohin? Diese Frau warf immer mehr Rätsel auf und es lief ihm ein Schauer über den Rücken. Er fand es seltsam, dass sie in einem Moment zusammenklappte wie ein Kartenhaus, dass einen leichten Windhauch verspürte und im nächsten Augenblick stand die junge Frau wie durch Magie wieder auf, als wäre nichts geschehen.
Sie musste eine Hexe sein!
Das Problem war nur, dass Hexen ausgerottet sein mussten Die Nocta hatten sie alle gejagt und getötet oder töten lassen. Damalig waren hohe Kopfgelder auf die Zauberfrauen ausgesetzt und durch die gierigen Menschen, die ihnen zahlenmäßig überlegen waren, hatten sie keine Chance. Zudem wurden sie von engsten Freunden verpfiffen, die sich durch die Belohnung ein besseres Leben erhofften und meist selbst getötet wurden, da sie ja im Bunde mit den Hexen gestanden hatten.
In diesem Moment erkannte Dyako ein weiteres Problem- wenn sie eine Hexe war, würden die Nocta nicht aufgeben, sie weiterhin zu jagen und zu töten! Es könnte die minimale Möglichkeit bestehen, dass die Männer von vorgestern gar keine Räuber waren, sondern Söldner der Nocta.
Vielleicht war es besser, wenn sie geflüchtet war, dachte sich Dyako, je öfter er darüber nachdachte. Besser für ihn, aber definitiv nicht besser für die Fremde, denn wenn sie in dem Zustand war, dass sie regungslos auf dem Boden lag, hatte sie keine Chance gegen die Schergen der Nocta und war ihnen ausgeliefert.
Noch in Gedanken sah er eine Person auf seinen Hof zukommen. Zuerst konnte er nicht erkennen, wer sie war- nicht mal, ob männlich oder weiblich. Sofort ging bei ihm die Alarmglocken an, denn er dachte daran, dass es Jäger der Nocta sein könnten, die nun die Spur der Fremden bis hierher verfolgt hatte.
Die Suchenden würden ihn ausquetschen, um herauszufinden, wo die Frau versteckt war. Sie würden ihn foltern, damit er sprach- aber er konnte ihren Aufenthaltsort nicht preisgeben, da er ja tatsächlich nicht kannte. Er wusste schlichtweg einfach nicht, wo sie sich aufhielt. Aber er würde es ihnen auch nicht verraten, selbst wenn er den Ort kennen würde.
Aber es kam anders und Dyako erkannte, dass es die Fremde war, die sich auf dem Weg zu ihm befand, als wäre nichts gewesen. Sie hielt dabei etwas in der Hand, was nach einem Tier aussah. Dyako stand an Ort und Stelle, da er verwundert war. Für ihn war es alles andere als normal, dass Menschen sich so rasch genesen konnten.
Die Fremde kam näher und näher und stand schließlich vor ihm. Sie hielt zwei tote Hasen in der Hand und warf sie ihm vor die Füße und lächelte verkniffen, als wüsste sie nicht wirklich, wie man lächelt. Dyako verstand diese Geste dennoch als Dankbarkeit. Schließlich hatte sie ihnen Frühstück besorgt und was für eines!
Wann hatte der alte Mann zum letzten Mal was anders als Eier, Brot oder Gemüse? Wann hatte er das letzte Mal überhaupt etwas gegessen? Hasen standen schon eine Ewigkeit nicht mehr auf dem Speiseplan. Zuletzt hatte es sie gegeben, als seine Frau noch lebte und seine Kinder auf dem Hof wohnten. Sein Magen knurrte und er nahm die Hasen.
„Komm‘ mit, ich bereite sie für uns zu“, sprach er und ging Richtung Feuerstelle.
Dann häutete Dyako die Tiere, indem er ihnen das Fell über die Ohren zog. Die Fremde setzte sich auf einen Baumstumpf und sah zu. Dyako konnte sehen, dass sie sich Kleidung von ihm genommen hatte, die für sie etwas zu groß geraten war, aber es war in Ordnung für ihn, denn auf die Weise saß sie nicht nackt dort. Es wäre ihm, wie immer, sehr peinlich gewesen.
Bei genauerer Betrachtung erkannte Dyako, dass sie vom Alter her seine Tochter hätte sein können. Sie hat so viel Jugendliches an sich. Sie musste entweder aus einem gut situierten Haus kommen oder tatsächlich eine Hexe sein, denn diese verfügten über Magie, die sie jünger machten, als sie in Wirklichkeit waren.
Nachdem er die Hasen vom Fell befreit hatte, wusch er sie, indem er Wasser aus seinem Brunnen in einen Eimer pumpte und jeden einzelnen Hasen darunter hielt und mit der Hand grob drüber streifte. Würzen konnte er die Tiere nicht, da er keine Gewürze besaß als alter, armer Mann. Dyako zündete hiernach mittels Feuerstein und Holzstäbchen, Zunder und etwas trockenem Gras ein kleines Feuer. Er spießte die Hasen längs auf und hängte sie ein.
„Wir müssen die Hasen ab und zu drehen, damit sie von allen Seiten knusprig werden“, erzählte er, um eine Konversation mit der jungen Dame zu beginnen, denn er wusste nicht, was er sagen sollte und er war nicht gut darin, ein Pläuschen zu halten. Schon gar nicht mit Fremden und überhaupt gar nicht mit jungen Frauen.
Die Frau schaute Dyako die ganze Zeit aufmerksam zu, als wolle sie lernen, wie man Hasen zubereitet. Als Dyako die Worte zu ihr gesagt hatte, blickte sie als hätte niemand mit ihr gesprochen und erwiderte nichts dazu. Dieses Verhalten verunsicherte Dyako ein wenig (mehr).
„Wie ist dein Name?“ fragte der alte Mann auf einmal und beendete damit die Plauderei, denn darauf hatte er ja sowieso keine Lust.
Die Fremde veränderte ihren Blick von neutral zu besorgt und mit etwas Furcht darin. Dyako wusste nichts damit anzufangen, außer dass er sie natürlich nicht verletzen wollte; nicht einmal verbal. Daher ruderte er sofort zurück:
„Ist schon gut, du musst es mir ja nicht sofort verraten. Alles hat seine Zeit.“
Er wandte sich von ihr ab und den Hasen wieder zu, die er nun einmal drehte. Er fragte sich, was mit dieser Frau wohl geschehen sei, dass sie nicht redete. Erst in diesem Moment bemerkte er, das sie tatsächlich noch nicht ein Wort gesprochen hatte. Was war der Grund für ihre Verstummung? Das Erlebte? Ein Fluch? Oder war sie tatsächlich stumm? Dyako wusste es nicht und er konnte es in diesem Moment auch nicht herausfinden.
Es dauerte einige Zeit, ehe die Hasen fertig waren. Dyako kontrollierte dies, indem er sein Messer einmal in den Hasen stach und prüfte, ob es heiß war. Dann nahm er die Tiere ab und zog den Spieß heraus. Danach packte er die Hasen auf eine riesige Holplatte. Er wartete ein paar Minuten, damit sie ein wenig abkühlen konnten und somit eine essbare Temperatur erreicht hatten. In diesem Augenblick wollte der Frau die Speise anbieten.
Sie aber schaute weg, als wäre sie verlegen. Dyako war verdutzt. Sprach sie eventuell eine andere Sprache und konnte ihn deshalb nicht verstehen? Er wusste es nicht. Was er aber wusste war, dass er selbst einen großen Hunger verspürte und sich deshalb bei einen der Hasen ein Stück abriss, um es genüsslich zu verspeisen. Und es schmeckte ihm so gut, sodass er zufrieden ein „Mmh“ von sich gab.
Die Fremde wandte sich ihm in diesem Moment wieder zu. Sie kannte die Reaktion wohl nicht, wenn Menschen zufrieden mit ihrem Essen und der Zubereitung von Speisen waren und derartige Laute von sich gaben. Sie warf ihre Zögerlichkeit ab und nahm sich ebenfalls ein Stück des Hasen und biss vorsichtig hinein. Nach einigen Kauen konnte Dyako sehen, dass es ihr schmeckte, sodass sie dann kräftig zuschlug und sogar noch mehr verschlang als der alte Mann.
Dyako zeigte sich beeindruckt:
„Meine Güte, du frisst ja, als hättest du über Jahre nichts gehabt.“
Er hätte fast lachen können, wenn der Gedanke nicht so traurig gewesen wäre, denn er wusste nicht, was mit ihr über die Jahre geschehen war und er wollte keinen Fehler machen und sie abschrecken oder ihr Angst machen oder sogar dafür sorgen, dass sie wütend würde. Alles würde kein gutes Ende nehmen.
Dyako räumte alles auf, damit des Nachts nicht wilde Tiere von dem Geruch des Fleisches angelockt werden würden. Dann ging er ins Haus. Sie aber saß dort auf dem Baumstumpf und hatte sich in all der Zeit nicht bewegt. Vielleicht kannte sie Haus- und Hofarbeit nicht. Dyako störte nicht, dass sie nicht mit anpackte, sondern er wollte zu gerne wissen, welche Gedanken gerade in ihr kreisten.
„Kommst du rein?“ fragte er rufend, denn die Nacht brach ein und er war von der Fresserei müde geworden und wollte sich hinlegen.
Die Fremde schaute zu ihm, stand auf und ging ins Haus. Dyako konnte nicht sagen, wie es ihr erging, seit er sie gefunden hatte. Insgesamt hatte er jedoch eher das Gefühl, dass es nicht schlecht um sie stand.
Die Tage waren anstrengend und seine Wunden heilten altersbedingt nur langsam. Daher brauchte er dringend Schlaf. Die Frau reagierte und schaute in Richtung Haus. Sie stand auf und machte einige Schritte auf Dyakos Heim zu, ehe sie erneut zusammenbrach.
„Oh, nein, nicht schon wieder“, rief Dyako und eilte zu ihr.
Er hievte sie mit letzter Kraft hoch und schleppte sie zum Haus direkt in sein Zimmer und auf sein Bett. Er legte eine Decke über sie und ging ins Wohnzimmer, wo er selbst erschöpft in einen tiefen Schlaf fiel, denn diese Aufregung, die Anstrengung am Ende eines Tages nach solch aufwühlenden Ereignissen und nach so einem Mahl, waren zu viel für einen alten Mann.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.