Kitabı oku: «Weihnachtlich glänzet der Wald»
KaroKrimiPreis 2017
Weihnachtlich glänzet der Wald
Wiener Weihnachtskrimis – Die besten Vierzehn
edition ♦ karo 2017
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
unter www.dnb.d-nb.de abrufbar.
KaroKrimiPreis 2017
WEIHNACHTLICH GLÄNZET DER WALD
Wiener Weihnachtskrimis – Die besten Vierzehn
karo ♦ weihnachtskrimis, band 7
1. Auflage 2017
© edition ♦ karo
Verlag Josefine Rosalski, Berlin
www.edition-karo.de
Alle Rechte vorbehalten
Nachdruck oder jede andere Nutzung des Werks, auch
auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.
Umschlagfotos und Grafik: © nataliazakharova, © Aleksandr
Ugorenkov, © Carola Schubbel, © NDTeam, alle: Fotolia.com
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017
ISBN 978-3-945961-64-3
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
1. Preis: Sandra Spreemann
PUNSCH AM DACH
2. Preis: Ruth Reuter
ADVENT, ADVENT, EIN LICHTERL BRENNT
3. Preis: Detlef Seydel
KRAWALL IM BÖSENDORFERSAAL
Monika Deutsch
BOANLKRAMERS NIKOLAUSABEND
Sabine Roidl
WEIHNACHTEN IM ZINSHAUS
Horst-Dieter Radke
WEISSAGUNG ZU WEIHNACHTEN
Brigitte Karin Becker
HIMMLISCHE BESCHERUNG
Doris Distelmaier-Haas
PUPPENKRIMI AUS WIEN
Parviz Amoghli
SCHWARZER SCHATTEN
Robert Anders
SCHNAUZ UND SEIN TOTENACKER
Heinrich Beindorf
DAS GESCHENK
Rita Klement
SÜSSER DIE GLOCKEN NIE FALLEN
Karin Koller
ZU WEIHNACHTEN, DAS ÜBLICHE
Katja Hoffmann
TANTENWIRTSCHAFT
Kurzbiografien der Autorinnen und Autoren
Karo Weihnachtskrimis
Vorwort
2017 haben wir zum vierten Mal den KaroKrimiPreis für Weihnachtskrimis ausgelobt. Die bekannten und weniger bekannten Tatorte liegen diesmal in der schönen Donaustadt Wien.
Die vierzehn besten Einsendungen einschließlich der drei Preisträger präsentieren wir in diesem Buch.
Eine wieder einmal hochkarätige Jury, besetzt mit Katharina Joanowitsch, Autorin, Angela Temming, Autorin, und Henry Kersting, freier Lektor, erhielt die zahlreich eingesandten Texte anonym und wählte die Preisträger und die Nominierten aus.
Mit festlichem Gepräge und frechem Wiener Schmäh erzählen die Kurzkrimis von familiären Katastrophen, falschen Freunden, mörderischen Rezepten und erschreckenden Geschenken im festlich geschmückten, wunderschönen Wien.
Der Verlag
1. PREIS
Sandra Spreemann
Punsch am Dach
Wenn es mir schlecht ging, sah ich
Mama immer durch die Luft segeln.
Schon das erste Weihnachten, an das ich mich erinnere, war eine Katastrophe, war es. Mit Hingabe sortierte ich meine Geschenke nach Größe, Form und Farbe. Aber auspacken? Mama machte es vor, und unversehens war ich von buntem Spielzeug, Winterkleidung und Bilderbüchern umzingelt. Meine Freude wich blanker Panik: Wie sollte ich all die fremden Gegenstände in mein Leben integrieren? Ich schrie. Mama schrie auch. Ich wollte die Sachen schnellstmöglich wieder in das Papier zurückstecken, wollte ich. Aber Mama hielt mich fest. Als ich kurz freikam, schlug ich der neuen Puppe in meiner Hand den Schädel ein. Tavi brachte mich in mein Zimmer, und Mama rief: »Schließ deine Tochter bis morgen da ein!« Aber das musste er gar nicht – ich verbrachte freiwillig die restlichen Weihnachtstage unter meinem Bett, bis ich mich langsam an den Gedanken gewöhnte, dass die sogenannten »Geschenke« nun Teil unserer Wohnung waren.
Anstatt die Schenkerei künftig zu unterlassen, machte Mama ein Weihnachten, »wie es sich in der Familie gehört«, zu ihrer persönlichen Mission. Hatte sie zuvor nur auf ein bisschen Weihnachtsschmuck gesetzt, ließ sie sich nun jedes Jahr etwas Neues einfallen. Aber auch, wenn sie die Geschenke mal in Jutesäcken, mal in übergroßen Strümpfen daherkommen ließ – am Ende spielte sich immer die gleiche Szene ab. Vor dem vierten Weihnachten, an das ich mich erinnere, nahm Tavi mich im November heimlich mit in die Rauhensteingasse. Wir betraten die Wiener Spielzeugschachtel, und er sagte: »Jetzt such dir mal selbst aus, womit du klarkommst, Lissie, und dann besuchen wir deine Geschenke noch ein paar Mal hier, bevor sie zu uns kommen, ja?« Er legte den Finger an den Mund. »Aber pssst!«
Die friedlichen Bescherungen in den Jahren danach verbuchte Mama als ihren Erfolg. Aber es war Tavi, der das Weihnachtsmahl allein mit mir in der Küche aß, wenn Oma und Opa und Onkel Franz an Heiligabend in der falschen Reihenfolge eingetroffen waren. Mama stritt sich deswegen mit ihm, doch ich beruhigte mich eben nur, wenn ich eine Auszeit von dem abgesägten Baum in der Wohnzimmerecke bekam. Außerdem konnte ich die Kaugeräusche der verdoppelten Esser nicht ertragen, konnte ich nicht.
Am sechsten Weihnachten, an das ich mich erinnere, bestand Mama auf meine Anwesenheit bei Tisch. »Wir wollen Fondue machen, und Lissie ist alt genug, sich mal zusammenzureißen!« Man drückte mir zwei seltsame Gabeln in die Hand. Was mir dazu erklärt wurde, bekam ich nicht mit, denn das Rauschen des Spiritusbrenners hypnotisierte mich und auch das große Durcheinander aus Platten, Schüsseln und Händen, die pausenlos dazwischen hin und her huschten. »Lissie sitz doch nicht so da«, hörte ich Mama, die mit einer Hand die Flamme regulierte. »Du kannst schon mal mein Fleisch aufspießen, wenn du selbst keinen Hunger hast.« Das tat ich. Aber ich erwischte ihre Pulsadern, und den Rest des Abends verbrachte Mama mit Tavi in der Notaufnahme.
»Was hast du dir nur dabei gedacht?«, fragte Oma, die nach dem Tumult zu mir gekrabbelt kam, um mich unter dem Tisch hervor zu zerren. »Deine Mutter hätte sterben können!« Diese Möglichkeit weckte mein Interesse, weckte sie. Schon jetzt war es viel angenehmer in der Wohnung, ohne Mama. Konnte sie wirklich verschwinden, nur weil man das mit den Rindfleischbrocken nicht kapiert hatte? Und was, wenn man dem unbemerkt etwas nachhülfe? Ein Leben nur mit Tavi wäre ruhig und friedlich. Er zwang mich nicht in die Nähe anderer Kinder, die mir mit ihren sich ständig in Bewegung befindlichen Gesichtern ein noch größeres Rätsel als die Erwachsenen waren. Er führte keinen Streit mit meinen Lehrern wegen der Sonderschule, und ließ meine »Anfälle« einfach an sich vorüberziehen. Mama dagegen schrie, gebot, weinte lautstark. Im Grunde wollte ich sie das ganze Jahr über verschwinden lassen. Aber an Weihnachten war es am schlimmsten.
Ich übte mich in kleineren Haushaltsunfällen, meine Fortschritte hielt ich in einer Liste fest. Es war einfach auszutüfteln, was man wie sabotieren konnte. Aber nur einmal musste Mama in die Klinik, und mit einem Gipsarm kam sie schnell zurück. Um sie für die Weihnachtszeit zuverlässig auszuschalten, brauchte ich einen richtigen Plan, brauchte ich.
Doch bevor mir etwas einfiel, kam Tavi auf die Idee mit dem Museum. Weil Mama blinkende Lichterketten aufhängte und draußen das Glockengeläut nicht mehr abriss, packte er mich ins Auto. »Das Kind muss aus dem Weihnachtsrummel raus!« Das war das achte Weihnachten, an das ich mich erinnere, und es gab noch keinen Christkindlmarkt auf dem Maria-Theresien-Platz. Dort standen wir unentschieden zwischen den beiden Museumspalästen – Kunst oder Natur? Plötzlich sah ich eine Gestalt auf dem Dach der Naturhistorik, und ich hatte eine Eingebung: Mit Geschick konnte man jemanden doch bestimmt diskret da runterschubsen? Vielleicht könnte anderntags mal Mama mit mir hierherkommen. Ich zeigte auf das Gebäude, und die Entscheidung war gefallen, war sie.
Sie wurde zur einzigen Weihnachtstradition, die ich mochte. Ganze Adventswochenenden, auch Feiertage, streiften Tavi und ich durch die menschenleeren Korridore und Prunksäle. Krebse, Spinnentiere, Insekten, Wirbeltiere – Tausende von Taxidermie-Präparaten, jedes in seiner Glasvitrine. Hier veränderte sich kaum etwas, und keines der toten Augenpaare sendete je Signale, die ich nicht entziffern konnte. Nur aufs Dach durfte man als Besucher doch nicht, durfte man nicht. Trotzdem: Wenn es mir schlecht ging, sah ich Mama immer durch die Luft segeln.
Ich experimentierte damit, aber in dem Jahr, in dem Mama am Martinstag tatsächlich von der Leiter stürzte und drei geruhsame Wochen mit Tavi folgten, nahm ich widerwillig Abstand vom Ausbau meiner Pläne. Denn bevor Mama aus der Reha kam, stand Tavi eine Spur zu lange vor der Vitrine mit der Mexikanischen Zwergklapperschlange: »Weißt du was? Ich brauche deine Mutter.« Zuhause vernichtete ich die Liste.
An die drei darauffolgenden Weihnachten erinnere ich mich nicht, wahrscheinlich wegen der Medikamente, die sie mir eins nach dem anderen und ohne jeglichen Erfolg verabreichten. In der Schule ging es immer schlechter, dann ging gar nichts mehr, ging es nicht. Statt Mama verschwand ich aus unserer Wohnung. Da, wo ich hinkam, störte nichts meine einmal gefundenen Gewohnheiten, eine lange Weile nicht. Ich fühlte mich wohl, das Personal war so ruhig. Auch Tavi und Mama führten lange Gespräche mit den Ärzten. Am Ende entschuldigte sich Tavi bei mir. Mama sagte: »Na, dann ist das Kaninchen ja endlich aus dem Hut!« Ich sah mich suchend um, fand aber keins.
Danach durfte ich bald alleine leben, durfte ich. Am Anfang bekam ich Betreuer, die mich besuchten. Für die Schule gab es Fernangebote. Tavi besuchte mich auch, manchmal mit Mama: »Und wann wirst du mal etwas arbeiten können, Lissie?« Als ob das nicht für mich selbst das größte Rätsel gewesen wäre! Sie wohnten jetzt weiter weg, aber am Samstag vor Heiligabend kam Tavi immer allein und blieb über Nacht, damit wir bis spät im Museum wandeln konnten. Noch immer waren mir die Augenpaare der Exponate lieber als lebendige, und von mir aus hätte es ewig so weitergehen können, hätte es. Doch dann bekam Tavi einen Herzinfarkt und selbst tote Augen.
Das war vor dem sechszehnten Weihnachten, an das ich mich erinnere. Obwohl Mama am Telefon wieder schrie, gebot und weinte, ging ich nicht zur Beerdigung, deren Sinn sich mir nicht erschloss. Dafür erlaubte ich ihr, das traditionelle Weihnachtswochenende mit mir in Wien zu verbringen. Ich hätte mich nicht darauf einlassen sollen, hätte ich nicht. Aber mit wem sonst ins Museum gehen? Dies war nicht die Zeit, um meine Weihnachtsabläufe durcheinander zu bringen.
Mama erschien mit Koffer und einer Papiertüte vor meiner Tür, fast hätte ich die wieder zugeworfen. »Grüß Gott, Lissie!«, ächzte sie. »Ich musste dem Taxler ein unmoralisches Angebot machen, sonst wär ich zu spät.« Überquellende Geschenkbänder kräuselten sich in meine Augen. Gleichzeitig fiel mich ein Bild von Mama in Strapsen an, aber nein, sie hatte dem Fahrer wohl nur eine Menge Geld geboten.
»Wieso, du bist drei Minuten über Plan, über Plan«, sagte ich und deutete auf die Tüte. »Du bringst Geschenke mit?«
»Willst du mich nicht erst mal reinlassen?«, fragte sie. Ich überlegte. Sie tat einen Schritt auf mich zu.
»Ach Kind, nur eines, ausnahmsweise! Dies Jahr ist sonst alles so trostlos ohne deinen Vater. Geht’s dir nicht auch so?«
»Deswegen bist du ja hier. Wusste nicht, dass ich auch ein Geschenk nehmen muss. Lass es draußen stehen.«
»Na gut, aber du wirst es diesmal mögen. Wir packen aus, wenn wir in Stimmung sind!«
Ich schwieg. Es war nicht einfach, das Loch im Kopf meiner Puppe von damals aus dem Sinn zu bekommen.
Als ich das Kaffeetablett in mein Wohnzimmer trug, hatten 17 Gegenstände ihre Position im Raum verändert, und meine Sonnenbrille war ruiniert. Mama hielt mir die Reste entgegen: »Das Ding ist mir nur runtergefallen und geht gleich kaputt!«
Tavi hatte nie etwas angefasst, hatte er nicht. Vom Lebkuchen und den schlechten Aussichten wurde mir übel: Ohne dunkle Brille war ich der vorweihnachtlichen Lichtverschmutzung wie früher schutzlos ausgeliefert.
»Hör doch mal auf, mit den Händen vor deinem Gesicht zu wedeln!«, hörte ich Mama. Dann klingelte der nächste Taxler, wir gingen runter.
Vor Aufregung vergaß ich meine Kopfhörer. Das wurde bei unserer Ankunft am Burgring zum Problem. Mit zugekniffenen Augen und Fingern in den Ohren ließ ich mich schließlich von Mama am tingelnden Weihnachtsdorf vorbei und ins Foyer des Naturkundemuseums führen.
»Immer noch so ein Theater!«, sagte sie und zeigte auf die Tafeln mit den Eintrittspreisen. »Dafür könntest du jetzt mit mir diese Führung hier machen. Da steht, in der Adventszeit servieren sie am Ende Punsch am Dach.«
»Was?«, fragte ich. Taumelnd.
»Na hier, Über den Dächern von Wien! Klingt doch viel netter als die Naturaliensammlung. Die Gruppe da vorn geht gleich los!«
Ich konnte mich nicht bewegen, alles drehte sich. Mama ließ mich stehen.
»Wenn du nicht willst oder kannst oder was weiß ich, dann warte eben hier auf mich!«
Leute glitten an mir vorbei. Ich sah ihnen auf die Absätze. Absätze hatten Formen, die Formen waberten vor mir, ich wiegte mich hin und her.
»Ich brauche deine Mutter«, hörte ich Tavi wieder sagen, schaute auf und merkte, dass ich mich in Bewegung gesetzt hatte. Aber die Führung war Nebel. Erst am Ende, oben angekommen, hob sich der Schleier. Ich stellte fest: Genau an dieser Stelle auf der Dachterrasse hatte ich damals die Gestalt gesehen! Jetzt verschmolzen Lichter, Gebäude, Graupel, Straßen, Gesang, Plätze und weihnachtliche Gerüche zu einem großen Ganzen, ergaben ein Muster, in dem mir kein einziger Reiz mehr störend oder zu viel vorkam. Zwischen uns und dem grafisch wirkenden Panorama rund um den Rathausmann war nur diese steinerne Balustrade da, breit wie eine Bank und sehr flach. Ich atmete tief durch.
»Siehst du, es geht doch!« Mama ließ sich mit mir hinter den anderen zurückfallen. Mit ihrem Punschbecher prostete sie mir zu. »Dann kann ich ja jetzt auch beruhigt bis Silvester bleiben!« Das Muster fiel in sich zusammen. Einzelteile prasselten auf mich ein, lauter Einzelteile!
»Das geht nicht!«, stöhnte ich. »Das geht nicht.« Und: »Ich muss hier runter!« Aber Mama hielt mich am Handgelenk fest.
»Jetzt bleib mal hier, Fräulein! Du kannst nicht immer vor allem weglaufen. Immer nur ich, ich, ich! Hast du vielleicht mal an mich gedacht? Da wartet doch nichts auf mich, daheim!« Ich riss mich los.
»Tavi ist nie über Weihnachten geblieben!«
»Du und dein Tavi! Vati ist tot! Und jetzt hocke ich da auf dem Land, weil du ja in der teuren Stadt wohnen musstest mit deinen Therapeuten!«
Plötzlich sah ich nur noch Mamas Gesicht, Wasser darin, das floss auf ihre Wangen und auf mich ein, floss das. Ich würde darin ertrinken.
»Aber weißt du was? Ich kann das alles allein nicht länger bezahlen. Wir müssen sowieso bald wieder zusammenwohnen!«
»Niemals!« Vor meinen Augen bohrten sich Fonduegabeln in Mamas Adern. Warum war mir das nicht gleich eingefallen? Ich warf mich mit aller Kraft gegen ihren Körper – fast das gleiche Gefühl wie an jenem Heiligabend. Es stand auch der gleiche Ausdruck auf ihrem Gesicht, nur dass ich inzwischen die Bedeutung analysieren konnte: Sie war überrascht. Das Überraschungsmoment half mir – die Sache dauerte nicht lang. Halb mit ihr auf der Balustrade hängend, stieß ich noch einmal nach, dann fiel Mama. Bis zum Aufschlag sah ich ihr hinterher. Dann war die Ordnung wiederhergestellt. Wenn Tavi sie brauchte, sollte er sie haben, sollte er.
2. PLATZ
Ruth Reuter
Advent, Advent, ein Lichterl brennt
… ich stürze ins Wohnzimmer.
Wo ist er, der zache Hund!
Nachfolgend in der Geschichte beinhaltete Rezepte werden nicht zur Nachahmung empfohlen.
… erst eins …
Der selbst gebundene Adventkranz ist wirklich hübsch geworden. Außerdem ist es ein richtiger mit drei rosa Kerzen und einer violetten. Hoffentlich fällt niemanden auf, dass es Eibenzweige sind. Überhaupt ist heute Eibentag für mich. Der im Frühjahr angesetzte Maiwipferlsirup riecht süßlich. Bin gespannt, wie er wirkt.
Diese Lebkuchen werden mit Liebe gemacht, für meinen Liebsten. Das sind seine Lieblingskexerln. Denen wird er nicht widerstehen können. Einen Teil des Honigs ersetze ich diesmal mit dem Maiwipferlsirup. Wie immer ist der Teig zäh, pickig. Ich variiere ein wenig die Gewürze, schließlich muss der Geruch passen. Ja, auch der Geschmack sollte passen, kosten tu’ ich lieber nicht. Welche Formen soll ich nehmen? Stern, Mond, Baum, Engel. Die Küche ist vom würzigen Duft erfüllt. Gleich sind die ersten Lebkuchen fertig.
Ich denke ans Frühjahr. Es war ein ausgesucht schöner Tag, als ich mich im Wienerwald auf die Suche nach Maiwipferln machte. Immer wieder blickte ich mich um. Der Wienerwald ist Schutzgebiet, heißt, nichts darf gepflückt, ausgerissen, abgeschnitten oder dergleichen werden. Ein paar Eibenwipferl werden nicht abgehen. Rasch waren die Wipferl im Rucksack verstaut. Ganz unten, unter Wurst-Käse-Brot und Thermoskanne. Erschöpft, aufgedreht und erleichtert, dass mich niemand beim Sammeln gesehen hatte, genoss ich die Aussicht vom Leopoldsberg. Die Stadt lag mir zu Füßen. Trotz des Smogs sah man sehr weit. Gemächlich schlängelte sich die bräunliche Donau durch die Stadt, flankiert von dem einen oder anderen Hochhaus, überdacht von so mancher Brücke, durchpflügt von Kreuzfahrt- und Transportschiffen – und dazwischen gestaut von Kraftwerken. Ob sich der Fluss an seinen ursprünglichen Weg durch Wien erinnerte, als er noch an der Inneren Stadt vorbeifloss, machen konnte, was er wollte, bevor sein selbst gewähltes Bett zum Donaukanal verkümmerte? Heute ist der schmale Donaukanal umzingelt von Lokalen, Freizeitsportlern, Touristen. Und würde er nicht regelmäßig ausgeräumt werden, wäre er längst eine Mistgrube voll Fahrrädern, Autos, Kühlschränken, Waschmaschinen und mehr. Erst am Stadtrand, dort, wo kein Mensch mehr wohnt, in den geschützten Donauauen, darf der Fluss über die Ufer treten, wenn ihm danach ist.
Zu Hause setzte ich gleich den Sirup an. Noch wusste ich nicht, was genau ich damit anfangen wollte. Es wird sich schon etwas ergeben. Ein kleiner Vorrat schadet jedenfalls nicht.
Ach, wie das duftet! Soll ich ein paar der Kexerln verzieren? Nein, unnötige Arbeit. Wie die Backerei nervt. Mein Mann, soeben nach Hause gekommen, stibitzt ein Kexerl. Heute hatten sie Training. Seine Truppe will beim Internationalen Feuerwehrwettkampf mitmachen. Weitere Kexerl verschwinden in seinem Mund, doch nicht sehr viele. Bald schläft er vorm Fernseher, schnarcht. Ich lasse ihn nicht aus den Augen. Wann setzt die Wirkung ein? Wie wird der Verlauf sein? Nichts zu merken. Enttäuscht gehe ich zu Bett.
Sehr früh morgens schleppt sich mein Mann von der Wohnzimmerbank aufs Klo. Er übergibt sich.
Alles in Ordnung, Schatz?
Ach, ich hätt’ gestern nicht die drei Leberkässemmeln essen sollen. Wer weiß, wie lange die schon gelegen sind.
Mein armer Schatz.
Er schlüpft ins Bett, ganz verschwitzt. Ich mag das nicht, stehe auf. Er merkt das nicht. Interessiert beobachte ich ihn, wobei ich fürsorglich den Schweiß von seiner Stirn wische.
Nachmittags geht es ihm schon besser. Ja, so ein Feuerwehrmann hält was aus.
… dann zwei …
Ich starre in die Flammen der beiden Kerzen. Heute mache ich zwei Kexerlsorten. Der vierte Advent ist heuer auch der Weihnachtsabend. An dem Tag möchte ich nicht backen. Gedankenverloren leere ich das Papiersackerl. Die Stechapfelsamen hüpfen heraus und über die Arbeitsplatte. Kein Mensch hat sich darum gekümmert, als ich sie auf einer Brachfläche in der Donaustadt sammelte. Blöd angeredet werde ich nur, wenn ich Brennnesseln und Brennnesselsamen sammle.
Was machen S’ da?
Brennnesselsamen sammeln.
Wozu?
Zur Potenzoptimierung meines Mannes.
Aha. Da braucht ma so viel?
Immerhin soll die Optimierung über’n Winter anhalten.
Aja. Na dann, viel Spaß.
Werd’ ich haben.
Ein bisschen von den Samen in den Teig, ein wenig in den Zitronenguss. Ich mache Sterne, auf die ich den Guss kleckse. Aufwendige Verzierungen sind nicht meins. Außerdem muss ich die Rumkugeln machen. Ganz besondere, mit Attichmarmelade.
Der Attich, der ist mir sozusagen über den Weg gelaufen. Ende September war das, als ich an einem trüben Samstagvormittag zum Friedhof der Namenlosen radelte. Auf diesem alten Friedhof gibt es keine Bestattungen mehr. Er ist die letzte Ruhestätte für jene, die des Lebens überdrüssig waren und sich der Donau überließen, für jene, die die Donau wieder hergab und die nicht identifiziert werden konnten. Ein unheimlicher, romantischer Ort.
Eigentlich wollte ich lediglich stimmungsvolle Fotos machen, aber der Attich lachte mich mit seinen kleinen, glänzend schwarzen Beeren an. Wie er sie so in die Luft streckte, schrie er gerade zu danach, gebrockt zu werden. Spezialhollermarmelade schoss es mir sofort in den Kopf. Und als ich mit meinem Mann und einigen seiner Feuerwehrhaberern und deren Lebenspartnerinnen abends im Prater war, fiel mir die Verwendung dafür ein. Gleich nachdem mich mein Mann in der Geisterbahn extra erschreckt und mit einer Hochschaubahnfahrt beglückt hatte. Dazwischen gab es einen kleinen Kraftwettbewerb beim Watschenmann. Hätte er mir nur eine einzige kleine Rose geschossen, bevor er im Schweizerhaus die Stelze mit Bier ertränkte.
So, die Zitronensternderl trocknen friedlich vor sich hin. Die Masse für die Rumkugeln bekommt einen extra Schuss Inländerrum. Nervig, diese Backerei. Beim Drehen der Kugeln muss ich an den Prater denken. Vielleicht macht er doch noch eine Bootsfahrt bei Vollmond mit mir? Oder er spaziert einfach so mit mir durch den grünen Prater, ohne mir zu zeigen, wie weit man Kastanien werfen kann. Ach, er strotzt so vor Kraft.
Die letzte Rumkugel kugelt in den Schokostreuseln. Draußen ist es finster, als er endlich vom Dienst kommt. Drei Einsätze heute. Ein Kätzchen retten, eine Oma hat vergessen den Herd abzudrehen, einer warf sich vor die U-Bahn. Abgekämpft greift er abwechselnd nach den Rumkugeln und den Zitronensternderln. Bald ist er vorm Fernseher eingeschlafen.
Sicherlich hat er interessante Träume, während ich einem weihnachtlichen Blaskonzert in den Blumengärten Hirschstetten lausche. Ein Schnapserl auf den Steckerlfisch hilft bei der Verdauung. Hübsch sind die Dekorationen, so fantasievoll, so detailverliebt, so viele Leute. Da, das wäre ein Weihnachtsgeschenk für mich! Eine aus Weißblech gegossene Hexe auf einem Besen.
… dann drei …
Ich schlendere über die Mariahilfer Straße. Geht man so mitten auf der Straße, kommt die Weihnachtsbeleuchtung viel besser zur Geltung. Unzählige Menschen huschen im Weihnachtsstress links und rechts an mir vorbei. Was gab es nicht für Proteste, als die Mariahilfer Straße von den Autos befreit wurde. Die Geschäfte werden sterben, weil die Leute nicht mehr mit dem Auto zum Einkaufen vorfahren können. Davon ist nichts zu merken, es herrscht mehr Trubel als je zuvor. Dank der neuen Schanigarten-Verordnung schießen die Heizpilze nur so aus dem Boden. Wer will schon frieren beim Punsch trinken? Noch ein Punsch, ein Glühwein? Kein Problem, man ist mit den Öffis da, quasi mit Chauffeur.
Auf dem Adventmarkt zwischen Natur- und Kunsthistorischem Museum genieße ich eine Semmel mit Wildschweinleberkäse. Der leichte Schneefall verwandelt sich bald in Nieselregen. Schnee in Wien, zu Weihnachten, das wäre eigentlich schon ein Wunder. Meine Gedanken beschäftigen sich bald mit einem möglichen neuen Rezept für Vanillekipferln. Es ist die letzte Chance des Jahres die Angelegenheit mit Kexerln zu erledigen. Haut es wieder nicht hin, muss ich härtere Seiten aufziehen, mir etwas Anderes einfallen lassen. Ich hasse Gewalt.
Die Pfaffenhütchensamen gehen nicht mehr aus meinem Kopf. Ach, hat der durchtrainierte Kerl gejammert, als wir durch den Wienerwald marschierten.
Was willst mit den Pfaffenhütchen, sind doch giftig.
Aber nicht für die Vogerln.
Die suchen sich schon selbst was.
Im Winter haben sie’s so schwer.
Du verwöhnst sie.
Ich mag ihr Zwitschern.
Verwöhn’ lieber mich.
Wir könnten anschließend auf den Donauturm. Die haben dort einen fabelhaften Rostbraten und Tafelspitz.
Und dann ins Bermudadreieck auf ein Bier, oder zwei?
Meinetwegen.
Und vorher ins Kino?
Okay.
Tags darauf fiel ihm nicht auf, dass ich die Pfaffenhütchensamen sorgfältig trocknete. Ich werde sie fein reiben, gemeinsam mit Vanillepulver und Zucker beziehungsweise Nüssen. Die perfekte Gewürzmischung für Vanillekipferln nach Art des Hauses. Zum Dank, dass er mich vor der einfahrenden U-Bahn rettete, vor die ich fast gestürzt wäre, nachdem er mich im angeheiterten Zustand geschubst hatte.
Übrigens ist er heute trainieren, für den Internationalen Feuerwehrwettkampf – im grünen Prater, Querfeldeinlauf. Hält er mich für blöd? Das ist ja schon eine Chuzpe. Der Wettkampf war bereits im Juli. Jaja, nach dem Kampf ist vor dem Kampf. Und im Wettkampf sind wir immer alle. Irgendwie.
Magst nicht die Vanillekipferln kosten?
Du, ich bin so müd. Die haben uns heut ganz schön hergenommen. Ich bin mindestens zehnmal den Prater rauf und runter. Aber riechen tun s’ gut.
Eingeschlafen. Wieder einmal. Vorm Fernseher. Keine Weihnachtsstimmung weit und breit. Wird wohl am fehlenden Schnee liegen.
… dann vier. Dann steht der Quiqui vor der Tür.
24. 12. Es ist Weihnachten. Wie jedes Jahr. Ich fühle mich ein bisserl marod. So viel Mühe habe ich mir mit den Kexerln gegeben, ihre Wirkung lässt allerdings zu wünschen übrig. Wie Paracelsus sagte: Die Dosis macht das Gift. Und diese Dosis habe ich noch nicht gefunden. Naja. Hauptsache, mein Mann freut sich über die vielen Kexerln. In drei Tagen wird er sie nicht mehr ansehen. Egal, bleiben welche für die Nachbarn übrig.
Während ich die Kexerln hübsch auf Papierteller drapiere und mit Frischhaltefolie abdecke, stolpert mein Mann zur Tür herein. Er strahlt übers ganze Gesicht:
Sieh mal, was für ein Prachtexemplar an Tanne ich erstanden habe! Super günstig für eine Tanne.
Das ist eine Fichte.
Nein, hier, schau mal. Da steht eindeutig Rottanne.
Die Rottanne ist eine Fichte.
Wurscht. Wo ist der Weihnachtsschmuck?
Seufzend erhebe ich mich und krame den Kellerschlüssel raus. Als ich mit dem Schmuck zurückkomme, steht der Baum bereits an der üblichen Stelle.
Du, sollten wir ihn diesmal nicht dort rüberstellen?
Hier kommt er viel besser zur Geltung.
Mit dem Kabel von der Lichterkette ist das nicht so super. Da kann man sich leicht dastess’n.
Geh. Hat sich noch nie einer dastess’n. Hilfst aufputzen?
Ich muss die Kexerln für die Nachbarn einpacken.
Damit verschwinde ich in der Küche. Funktioniert das mit dem Vergiften nicht, sollte ich eventuell handgreiflich werden. Ihn mit der Lichterkette erwürgen? Da müsste ich ja dabei sein, wenn er stirbt. Leiden kann ich ihn nicht sehen.
Den Baum schmückt er ganz alleine, strahlt dabei wie ein kleines Kind. Hübsch. Nervig. Jetzt den Weihnachtsstern auf der Spitze anbringen. Er könnte runterstürzen, sich das Genick brechen. Zu unsicher. Was, wenn es nur ein Schädelbasisbruch wird? Die Lichterkette anstecken. Mir wären echte Kerzen lieber. Nein! Könnte ja der Baum brennen, explodieren gar. Nicht einmal einen Sternspucker darf ich anzünden. Brandgefahr! Geradezu ein Wunder, dass der Baum echt sein darf. Nervig so ein Feuerwehrmann im Hause.
Ja, schön, sieht gut aus mit den Kunstlichterln.
Und schau, das Kabel hab’ ich fixiert, ohne Stolperfalle. Da rührt sich nichts, da kann man si net dastess’n.
Draußen ist es bereits finster. Er dreht den Luster ab, damit seine Weihnachtstanne so richtig zur Geltung kommt.
Heut’ hab ich ein besonderes Geschenk für dich, säuselt er mir ins Ohr, steigt übers Kabel und verschwindet im Schlafzimmer. Die Überraschung kenne ich schon. Wie jedes Jahr wird er sich nackig ausziehen, sich eine Weihnachtsmütze aufsetzen und eine Christbaumkugel an seinen Penis befestigen, die er dann im Erregungszustand wieder nicht runterkriegt, weil er zu eng geschnürt hat. Der Herr Feuerwehrler kennt sich mit Knoten nicht so gut aus. Langsam geht die Schlafzimmertür auf. Diesmal hat er sich sogar Lametta umgehängt.
Liebste, dein Weihnachtsmann ist da!
Ich glaub’ ans Christkind.
Und erregt ist er auch schon. So erregt, dass er nicht auf das Kabel der Lichterkette achtet. Mit dem rechten Fuß bleibt er am Kabel hängen. Während er nach Halt sucht, macht er eine Vierteldrehung. Ihn entkommt ein überraschtes Oh. Schließlich kriegt er den Baum zu fassen, der ihm natürlich keinen Halt bietet. Mit einer weiteren Vierteldrehung und einem kleinen Schmerzens- und Schreckensschrei stürzt er zu Boden. Da liegt er nun auf dem Rücken, den Baum auf der Brust. Ein Strampeln und Fuchteln bis der Baum zur Seite rollt. Ein Griff an den Hals. Dort steckt der Weihnachtsstern. Erschrocken reißt er den Stern aus dem Hals. Blut sprudelt aus dem Loch im Hals. Was für ein Treffer! Genau in die Halsschlagader. Röchelnd versucht er die Wunde mit seinen Fingern zu verschließen.
Liebling … Schatz … Rettung …
Ich geh’ die Kexerln verteilen.
Rasch schlüpfe ich in meine Kuschelweste und in die Holzschlapfen, schnappe die Wohnungsschlüssel und drücke mir den Wäschekorb mit den Kexerltellern an die Hüfte. Schon fällt die Tür ins Schloss. Vom Gang her ist nichts zu hören. Ich mag ihn nicht leiden sehen.
Es dauert ein bisserl bis Frau Schwartz öffnet. Nun ja, die gute Frau ist immerhin 87 und nicht mehr so gut zu Fuß. Schöne Weihnachten, Frau Schwartz. Ein paar Kexerl für Sie. Ich bitt’ Sie, ist doch eine Kleinigkeit. Die Lebkuchen müssen S’ gleich probieren. Extra mit Maiwipferlsirup gemacht. Das ist gut gegen Ihren Husten. Ach leider, Frau Schwartz, keine Zeit, ich muss ja noch mehr verteilen, und mein Mann wartet ja auf mich. Morgen komm’ ich gern auf ein Tratscherl vorbei. Natürlich.
Frau Donnerbauer öffnet schneller. Hinter ihr ducken sich die beiden Kinder. Erleichterung in den Gesichtern. Es ist nicht der Vater. Frohe Weihnachten, Frau Donnerbauer, Ihnen und Ihren Kindern. Und hier ein extra Packerl mit Rumkugeln für den Gatten. Ich weiß, ich weiß. Wäre gern etwas geblieben, aber der Branntweiner sperrt heut’ früher zu. Auf die Rumkugerln schlaft er sicher bald ein. Und für Sie extra eine Salbe, die hilft bei Blutergüssen. Nochmals schöne, ruhige Weihnachten.
Herr Wittich, Sie alter Grantscherben. Wie geht’s denn heut’? Heut’ tut alles weh? Oje. Na, trotzdem schöne Weihnachten. Lassen Sie sich die Vanillekipferln schmecken. Macht gar nichts, dass Sie mich nicht reinbitten, mein Mann wartet eh auf mich.
Doktor Lander, heuer gar nicht in Thailand? Ach, wegen den Unruhen. Da werden die Kinder im Waisenhaus traurig sein, wenn’s heuer keine Geschenke bringen. Ja, richtig, dafür gibt’s ja die Post. Und skypen tun S’ mit ihnen. Schön. Zum Trost wegen des fehlenden direkten Kontakts bring’ ich ein paar Zitronensternderl. Übrigens die Punkterln im Guss sind Brennnesselsamen. Die bringen so richtig Kraft in die Lenden. Nein, nein, Sie müssen sich nicht revanchieren. Würd’ mich schon freuen, wenn Ihnen die Kexerln schmecken. Selige Weihnacht’, Herr Doktor.
Alle Kexerln losgeworden – und eventuell auch mehr. Fühl’ mich gleich gar nicht mehr so marod. Jetzt muss ich zu meinem Schatz. Was ist denn das für ein Lärm? Sanitäter?
Wo wollen S’ denn hin?
Tür Nummer 15. Ein Unfall.
Aber, aber, das ist meine Wohnung!
Mit zitternden Fingern sperre ich auf, stürze ins Wohnzimmer. Wo ist er, der zache Hund! Schafft der es glatt zum Handy und ruft selbst die Rettung. Da liegt er.
Jessasmariaundjosef!
Jetzt ist auch das Schlafzimmer mit Blut vollgeschmiert. Meine Beine knicken ein. Ein Sanitäter stützt mich, führt mich in die Küche, setzt mich hin. Der andere Sanitäter beugt sich über meinen Mann, um den Puls zu fühlen. Während mich ein hysterischer Lach-Wein-Krampf überfällt, kommt der andere Sanitäter in die Küche, schüttelt fast unmerklich den Kopf.
Geschafft! Ich bin erleichtert.
Eine Stunde später sitze ich Chefinspektor Garner gegenüber. Routinesache, muss leider sein. Eindeutig ein Unfall, ein seltsamer. Dass ein Feuerwehrler so unvorsichtig ist. Sollte wohl eine besondere Bescherung werden. Tränen laufen über meine Wangen, meine Lungen schmerzen vom unterdrückten Lachkrampf. Meine Finger sind krampfhaft ineinander verschränkt. Der Chefinspektor reicht mir ein Taschentuch. Ich krieg’ den blöden Ehering nicht vom Finger.
Wolln S’ net lieba woanders übernachtn? Wegen da Sauerei. Ist ja net grad g’schmackig. Ganz im Gegenteil zu Ihrn Kexerln. Wirkli köstlich. Wenn er den Baum a Stückerl weiter links gstellt hätt’, des Kabel ordentlich am Boden fixiert hätt’. So woa des a Stolpafall par excellence. Jojo, waun des Hirn obee rutscht. Wolln S’ net vielleicht do bei einer Nochbarin? Versteh, versteh, denen wolln S’ net de Weihnacht’ vaderbn. So guate Kexerln oba a.
Endlich alleine. Ganz hinten in der Schublade müssten sie sein. Ganz bestimmt. Ah, da!
Chefinspektor Garner wirft einen letzten Blick zurück, bevor er im Zivilstreifenwagen zum nächsten Weihnachtsunglück braust. Leichtes Schneetreiben für die perfekten Weihnachten. Schnee am Weihnachtsabend in Wien. Ein Wunder. Sieht hübsch aus. So friedlich.
Schau, a Glitzern im Fenster do obn. Wia von an Sternspucka. De oarme Frau. Hoffentli draht S’ net durch. I glaub’, i schau murgn noch iha. So guate Kexerln oba a.
| Bermudadreieck: | Bereich in der Inneren Stadt mit zahlreichen Lokalen |
| Branntweiner: | kleines Lokal, in dem man Schnaps, Wein etc. kaufen kann |
| brocken: | pflücken |
| dastess’n: | stolpern, oft mit tödlichem Ausgang |
| Grantscherben: | Mensch, der ständig und grundlos schlecht gelaunt ist und alles negativ sieht |
| Haberer: | Freund, Kumpel |
| Holzschlapfen: | Holzpantoffeln |
| Luster: | Deckenleuchte |
| Maiwipferlsirup: | Sirup aus frischen, jungen Tannen- oder Fichtenspitzen, der im Mai angesetzt wird und gegen Husten hilft |
| marod: | niedergeschlagen, erschöpft, krank |
| Öffi: | öffentliche Verkehrsmittel |
| Quiqui: | der Tod |
| Schanigarten: | Gastgarten vor einem Lokal |
| Sternderl: | kleiner Stern |
| Sternspucka: | Sternspucker, Wunderkerze |
| Tratscherl: | Plauderei |
| zach: | zäh, widerstandsfähig |
3. PLATZ
Detlef Seydel
Krawall im Bösendorfersaal
… ihr später Hilfeschrei wurde als
erwartbarer Schlachtruf abgetan.
Es hatte geschneit in der Nacht. Dann waren die satten Winterwolken nach Westen abgezogen und Wien leuchtete an diesem Montagmorgen des 21. Dezember 1908 wie zwischen einem blauen und einem weißen Spiegel.
Arthur spazierte die Herrengasse hinunter, ließ seinen Stock nach Dandyart rotieren und schlug mit Schwung den Schneemännern, die am Gassenrand Spalier standen, die Karottennasen weg. Aus den Schornsteinen stiegen dünne Rauchsäulen. Der Geruch von Kaminbrand verfing sich in Arthurs Schnauzbart zwischen den Eisperlen. »Abends, 8 Uhr, wird das Rosé-Quartett im Bösendorfersaal ein Abonnentenkonzert geben«, hatte auf gelben Plakaten an den Litfaßsäulen gestanden. Von Schönberg sollte das neue Streichquartett mit Gesang zur Uraufführung kommen. Arthur war kein Abonnent; aber lächelte er dem Kassenmädchen zwischen die Grübchen, bekam er trotzdem einen Platz. Arthur war nicht einmal Musikliebhaber, schon gar kein Musikkenner. Arnold Schönberg war für ihn aus ganz anderem, als einem kunstgenießerischen Grund wichtig. Arthur spekulierte wieder auf einen Tumult. Auf einen, bei dem die adligen Damen von ihren Sitzen springen, sodass ihre Perlenketten am Dekolleté hüpfen. Und sich das Kreischen ununterscheidbar zwischen die skandalös schrägen Töne, dem Quietschen und Wimmern von Geigen, Bratsche und Cello mischt. Das Skandalkonzert im vorigen Februar hatte ihm, dank Schönbergs Erster Kammersymphonie, immerhin eine schwere Gold- und fünf Perlenketten sowie zwei Diademe eingebracht.
An der Vormittagskasse des Palais Liechtenstein saß hinter dem Glas eine Matrone ganz ohne Grübchen. Arthur log, als er über ihre Augäpfel sagte, sie würden wie Porzellan schimmern. Er bekam darauf einen Platz, sogar ziemlich vorn, unweit der roten Samtfauteuils, den Stammsitzen der Damen und Herren der kaiserlichen Familie.
Nachdem Arthur fröhlich pfeifend wieder in die Kälte hinausgetreten war, stellte die Matrone an der Hebelvorrichtung des Telephons eine Rufnummer ein, hob den Hörer von der Gabel, drückte den Rufknopf und drehte die Kurbel. Hinter vorgehaltener Hand flüsterte sie etwas wie »Ist dort Weihnachten?«, in die Muschel.
Diesmal brachte das Skandalkonzert – und es wurde noch turbulenter als das erste – Arthur nur Unglück.
Am Abend, gegen 7 Uhr, gab er seiner jungen Frau einen Kuss auf die Stirn.
»Bleib nicht so lang’«, bat sie ihn.
»Ich sammle Eindrücke und komm’ heim«, versprach er.
»Ach geh, das Central lässt du doch nicht aus, wo’s grad vis à vis vom Bösendorfer ist«, erwiderte sie mit wehmütigem Lächeln. Sie musste, um sich zu beruhigen, die List der fürsorglichen Gattin anwenden. Sie bat ihn, keinen Schlüssel mitzunehmen. Sie sei gewiss noch wach, um ihm zu öffnen.
Dann sah er ins Zimmer seiner 6-jährigen Tochter, ob sie schliefe. Sie schlief nicht. Sie fieberte seit Tagen dem Weihnachtsfest entgegen, malte sich die brennenden Kerzen am geschmückten Baum aus und verschob gedanklich auf ihrem Wunschzettel Puppen und Stuben auf und ab. Auf dem Nachtschränkchen lag aufgeschlagen das Buch vom Prinzen Amgiad.
Es hatte heftig zu schneien begonnen, als Arthur aus der Wickenburggasse Nummer 26 trat und sich auf den Weg machte. Im Licht der Gaslaternen stoben lustige Wirbel.
Schon war es mehr ein Stapfen als ein Schreiten. Der Spazierstock stach tief in das weiße Fell, das sich über die Stadt legte. An der langen Nummer 18 bis 20, der Justizanstalt Josefstadt, beschleunigte Arthur seinen Schritt. Er hasste dieses Gebäude, an dem er fast täglich vorbeimusste. Vor allem die Bestimmung dieser Anstalt, die dem Haus etwas Graues gab, das selbst der Schnee nicht aufhellte. Er schwor sich, es nie wieder zu betreten. Im letzten März hatte man ihn dort stundenlang verhört, weil man ihn für das Verschwinden der Gold- und der fünf Perlenketten sowie der beiden Diademe verantwortlich gemacht hatte. Man hatte ihn mit Lampen geblendet, ihn angeschrien und den vergifteten Augen mehrerer Zeugen ausgesetzt. Aber man musste ihn doch gehen lassen.
In der Gasse war er der einzige Passant. Einmal kam ihm ein Zweispänner, aus der Florianigasse einbiegend, entgegen. Die Pferde dampften. Sie hatten ihre Mühe mit dem glatten Pflaster. Nein, einen Fiaker brauchte er nicht. Das Gehen nahm ihm das Lampenfieber, das er immer bei Vorfreude spürte. Bald hatte er die Josephstädter Straße erreicht. Am Rathaus vorbei. Der Volksgarten lag da, wie die gemalte Lautlosigkeit. Beinahe schämte er sich, das Bild durch seine Spuren zu zerstören. In der Schauflergasse ging es reger zu. »Ja, strömt nur alle zu dieser verrückten Musik«, dachte Arthur und dabei ließ er den Blechfuß seines Stocks schräg über die Lücken im Schnee aufs Pflaster sausen, dass es funkte und ein Geräusch machte, das er für atonale Musik hielt.
Im Saal vorn hatte sich Wiens beste Gesellschaft eingefunden, hohe und höchste Herrschaften – Silber, Gold, edle Steine und Perlen. Auf den Stehplätzen drängte sich ordinäre Jugend.
Das Rosé-Quartett stimmte seine Instrumente und die Sängerin, eine recht ansehnlich zu nennende Dame von Mitte dreißig, mit streng nach hinten frisierten Haaren, tippelte etwas nervös am Fleck.
Dann fegten die ersten Tonfetzen durch den Saal. Zunächst war dem Publikum nichts anzumerken. Es blieb still. Auch jemand, der sich die Stirn aufschlägt, brüllt nicht sofort los.
Dann lachte jemand. Andere stimmten ein. Die armen Musiker fiedelten, die Sängerin krähte bald gegen einen wahren Lachsturm an. Doch erst im letzten Satz traten für Arthur die nötigen Arbeitsbedingungen ein. Man sprang, unabhängig von Stand und Ansehen, von den Sitzen, schrie außer sich: »Aufhören! Schluss! Wir lassen uns nicht narren!«
Ein Tumult brach los, Handgemenge, die man mit den wenigen Befürwortern austrug, die das alles für Kunst hielten und den Ignoranten vorwarfen, nicht einmal die Beschaffenheit der Sonatenform zu kennen. Das konnte Frau Baronin nicht auf sich sitzen lassen. Taschen flogen auf Köpfe. Es schien, als bewahre Arthur allein die Ruhe. Kein Zittern in den Fingern, gleichmäßiger Atem, ein klarer Blick. Kam ihm ein Hals mit Kette nahe, die er für wertvoll erachtete, trennte er sie so geschickt von der Besitzerin, dass diese den Verlust erst spürte, wenn Arthur schon über drei Sitzreihen gestiegen war. Und ihr später Hilfeschrei wurde als erwartbarer Schlachtruf abgetan.
Es gab genügend hochgerissene Hälse. Die Ernte war reich. Arthur wusste schon kaum noch, wohin mit all den Schmuckstücken, die er den Empörten abgenommen hatte. »Nun ist genug«, dachte er – und hörte es zugleich von einer ihm fremden Stimme ganz nahe und ganz bestimmt sagen. Auch packten ihn kräftige Hände, sodass er ohnehin den nächsten Hals ungenutzt lassen musste. Ein Stück mit selten reichen Perlen.
Man schob ihn grob zum Saal hinaus. Erst an der Garderobe war es ihm möglich, sich nach dem umzusehen, der ihn so gemein überlistet hatte. Ein um einen Kopf größerer, stämmiger Mensch mit ernsthaft glühendem Blick. Draußen wartete ein Automobil, in das man ihn drängte. Aus dem Central vis à vis taumelte eine Gesellschaft Betrunkener. Die Gassen, durch die der Wagen mit Arthur rüttelte, waren, in umgekehrter Reihenfolge, dieselben die er Stunden zuvor noch in seliger Vorfreude gegangen war.
Im Scheinwerferlicht wirbelten, unbeeindruckt von seinem Schicksal, nach wie vor die Schneeflocken. Die Fahrt endete dort, wo Arthur sich geschworen hatte, nie wieder einzukehren. Nur wenige Eingänge von seinem Hauseingang entfernt. Er wurde in ein Verhörzimmer gebracht. Diesmal richtete man keine Lampe auf sein Gesicht, diesmal hatte man ihn ja frisch erwischt. Nicht einmal nach seinem Namen fragte man ihn. Auf dem Schreibtisch vor ihm las er auf dem Namensschild »Bezirksinspektor Rudolf Weihnachten«. Nun glaubte Arthur beinahe an einen Scherz. Eine Art Krippenspiel für Räuber und Gendarm. Doch dafür glühten die Augen des Inspektors zu ernsthaft.
Es sei ein Leichtes gewesen, ihn dingfest zu machen. Die Dame an der Konzertkasse sei angewiesen worden, ihm bei seinem Auftauchen einen attraktiven Platz zu geben. In Reihen der oberen Gesellschaft. Wo zudem die großzügigere Beinfreiheit zwischen den Sitzen ein Zupacken erleichtere.
Man nahm ihm alles ab und führte ihn in eine Arrestzelle. Seiner Familie werde er, der Bezirksinspektor persönlich, noch heute von seinem Verbleib Nachricht geben.
Arthurs Frau hatte sich bereits fürs Bett fertiggemacht. Sie stand im Nachthemd, als es an der Wohnungstür forsch klopfte. Obwohl ihr der Klang ganz unbekannt war, hoffte sie, es sei doch Arthur. Er war es aber nicht. Weihnachten stand vor der Tür.
Monika Deutsch
Boanlkramers Nikolausabend
Franz sieht seinen Kollegen mit
wässerigen Alkoholaugen an und kichert.
Es ist der sechste Dezember. Kalter Wind pfeift von Nord-Osten. Er zerrt die welken Blätter von den Bäumen und jagt sie über die Wege des Wiener Rathausplatzes. Nur kurz lässt er das zerzauste Laub an den windgeschützten Stellen der Stände des Christkindlmarktes rasten, um es im nächsten Moment mit wirbelnden Böen weiter vor sich herzujagen. Die in den Ästen aufgehängte Weihnachtsbeleuchtung schwankt bedrohlich hin und her. Unentwegt werfen die Lichter zuckende Blitzkaskaden gegen die feucht-schwarzen Baumstämme und in die weniger beleuchteten Ecken des Rathausparks. So auch in der, wo Joseph und ich stehen.
Mein Frack ist nicht zugeknöpft. Der wärmende Umhang liegt hinter uns auf dem Schemel. Mein Freund und Konkurrent Joseph Lanner kann wenigstens seine Arme vor die Brust verschränken, während ich mein Notenheft festhalten muss. Wir sind weitgereiste Komponisten und Kapellmeister und traten mit großem Erfolg in vielen Städten Europas auf. Die Wiener nennen mich ehrerbietig Johann Strauss Vater. Andere verwechseln mich mit meinem Sohn. Abfälliges hören Lanner und ich auch: »Ach die zwei aus Bronze, da hinten im Park.«
Dabei ist es an sich unwichtig, wer wir sind. Wichtig sind die Taten der Menschen, die guten wie die schlechten. Sie verlängern oder verkürzen das Leben von einem Moment zum anderen.
Seit hundertzehn Jahre stehen wir hier und haben vieles gesehen. Aber so etwas wie in dieser Nacht ist uns noch nie passiert.
Große und kleine, junge und alte Besucher laufen an uns vorbei. Auf den Wegen glitzern Eiskristalle. Trotz der warmen Kleidung schauen die Nasen zwischen den tief in die Stirn gezogenen Mützen und den fest umschlungenen Schals rot vor Kälte hervor. Die Gäste zieht es von den grell-bunt beleuchteten Buden des Christkindlmarkts nach Hause ins Warme.
Von den Ständen auf dem Rathausplatz dringt unentwegt Musik zu uns herüber, Jingle Bells und White Christmas. Grauenvolles Geleiere, jedenfalls für unser hoch sensibles Gehör. Einzig die Bläser vom Rathausturm spenden uns täglich musikalischen Trost und etwas Wärme ums Herz. Unser Geruchssinn wird dagegen von Leckereien verwöhnt.
Ich deute in die Richtung, aus der die Düfte strömen. »Hast du Lust auf einen Punsch und ein Stück Lebkuchen?«
Lanner zuckt mit den Schultern. »In meinem Hosensack befinden sich nur ein paar Kreuzer. Ob die Verkäufer die annehmen?«
»Du könntest etwas vorspielen und den Hut rundgehen lassen.« Ich zeige auf die Violine in Josefs Hand.
Mein Freund lacht verschmitzt und singt im breitesten Wiener Dialekt: »Den Hut hoabn mea zwoa scho lang ogebm und die Stufn obe packt.«
Als er das Musikinstrument anhebt, um seine neu kreierte Melodie zu spielen, kreuzt ein Mann unser Sichtfeld. Er torkelt den Weg entlang und stolpert. Die Hände greifen ins Leere. Verzweifelt schnappt er nach Luft. Pfeifend entweicht der eingesaugte Atem. Gelblichweiß treten die Augäpfel hervor. Er schleppt sich zu uns hin und umklammert den Sockel auf dem wir stehen. Die andere Hand ist fest auf seinen Bauch gedrückt. Er ist nicht der Erste, den wir so erleben. Mein Urteil ist deshalb schnell gefällt. »Dem Mann ist schlecht. Er hat an den Ständen zu viel Glühwein getrunken.«
»Das glaube ich nicht.« Lanner schüttelt den Kopf. »Er trägt keinen Mantel. Die Anzugjacke aus gutem Tuch steht offen. Bestimmt ist er aus einem der Lokale in der Nähe gekommen.«
»Vielleicht aus dem Rathauskeller?«
»Oder aus dem Restaurant am Burgtheater. Aber die sind ein bisserl zu weit weg. Hier in der Nähe gibt es ein Kaffeehaus.«
»Es gibt sogar mehrere Cafés.« Mein Finger zeigt in Richtung Parlament und dem dahinterliegenden Justizpalast. »Die sollen sogar abends geöffnet haben.«
Joseph pfeift anerkennend durch die Zähne und weist auf den Torkelnden. »Arm ist er nicht, schau dir die Schuhe an. Sie sind aus feinstem Leder und für einen längeren Bummel im nasskalten Dezember ungeeignet.«
Während wir rätseln, welches Lokal noch in Frage kommen könnte, kippt der Oberkörper des Fremden direkt zwischen meine Füße und – Verzeihung, ich kann es nicht treffender ausdrücken – er kotzt mir wie ein Reiher die Hosenbeine voll. Im ersten Moment bin ich starr vor Schreck, dann vor Ärger. Schwerfällig versuche ich, mich zu ihm hinunter zu beugen. Meine steifen Knochen hindern mich daran. Lanner konnte sein Bein rechtzeitig nach hinten ziehen und schaut sich hilfesuchend um. Aber der Unbekannte zu unseren Füßen ist ohne Begleitung. Keine zweite Person nähert sich uns. Der Mann greift sich an den Hals, röchelt ein, zwei Mal und rutscht langsam am Sockel entlang auf den gefrorenen Boden.
»Junge!«, rufe ich in leichter Panik, »hier kannst du nicht liegenbleiben. Der Himmel ist sternenklar und die Nacht wird bitterkalt werden.«
Lanner zuckt mit den Schultern. »Wir können nichts für ihn tun und müssen warten, bis ein Weihnachtmarktbesucher vorbeikommt und ihm hilft. Oder der kriagt an koidn Oasch.«
Mahnend schaue ich meinen Freund an. Er hatte schon zu Lebzeiten ein loses und ungehöriges Mundwerk.
Aber außer einem, dem man besser aus dem Weg geht, beachtet keiner den Fremden. Heimlich muss sich Gevatter Tod herangeschlichen haben. Ich habe ihn nicht kommen hören. Doch er ist da. Ich weiß es, fühle es, spüre den Todeshauch hinter mir und rieche den Verwesungsgeruch, der ihn umgibt. Cholera, Pocken, Typhus und Tuberkulose sind seine Verbündeten. Habe ihm drei meiner Kinder kurz nach ihrer Geburt geben müssen. Zum Schluss mich selbst an Scharlach. Fünf Jahre vor mir raffte der Typhus den Joseph neben mir hin. Gut, dass wir zwei uns hier wiedergefunden haben.
Noch bevor ich meinen Freund warnen kann, springt der Tod, den wir Wiener respektlos den Boanlkramer nennen, aus dem Gebüsch hinter uns hervor, klapperdürr und mit Fetzen umhüllt. Bleich spannt sich die Haut wie dünnes Pergament über den haarlosen Schädel.
»Jessasmarantjosef!« Lanner rückt erschrocken näher an meine Seite, als suche er Schutz. Über den Sensenmann dumme Sprüche zu klopfen ist eine Sache, denke ich grimmig. Ihm ins Auge zu sehen, eine andere. Beschämt stelle ich fest, es freut mich insgeheim, dass der Joseph Angst bekommen hat. Dabei weiß ich: Die Furcht wird nicht lange anhalten. Uns Wienern wird, was den Knochenaufsammler angeht, ein zwiespältiger Humor nachgesagt, mal scherzhaft bis derb und schnodderig, aber auch liebevoll und wehmütig. Schließlich sollen mehr Gebeine unter unseren Füßen liegen als auf der Wiener Erde laufen.
Der Tod grinst uns mit seiner hohlwangigen Fratze an, und die Knochenhand tippt grüßend an die Stirn. Er nickt uns zu, als seien wir zwei alte Bekannte. Ich sehe ihn das Leichentuch hervorziehen. Umsichtig legt er es auf die Beine des liegenden Opfers. Der Boanlkramer ist ein geduldiger Gast. Er schläft nie und hat Warten gelernt.
Ein Vater mit seinem Sohn an der Hand kommen auf uns zu. In der anderen Faust hält der Junge das Band einer buntbedruckten Papiertasche, aus der Naschwerk herausschaut. Die Hand mit der Tüte schwenkt in unsere Richtung.
»Guck mal, Papa, da liegt einer!«
»Sei still, Junge. Schau nicht hin.« Eilig zerrt der Vater das neugierige Kind von uns fort.
Der Sensenmann, der sich in der Zwischenzeit geschickt hinter uns versteckte, tritt wieder lauernd hervor. Ich kenne ihn lange genug. Er lässt sich ungern bei seinem Geschäft beobachten.
Außer dem Jungen interessiert sich kein Weihnachtsmarktbesucher für uns. Ich habe aufgehört, die Vorbeigehenden zu zählen. Es sind zu viele. Die einen laufen achtlos vorbei, die anderen drehen angewidert und demonstrativ den Kopf zur Seite. Nur ein paar bleiben kurz stehen, recken ihre Hälse und eilen dann achselzuckend weiter.
Zwei Burschen schlendern mit Bierdosen in den Händen zu uns herüber. Auf ihren Köpfen sitzen spitz zulaufende rote Mützen mit weißen Rändern und blinkenden Lichtbommeln. Die jungen Männer stoßen sich gegenseitig die Ellenbogen in die Rippen und albern herum.
Gott sei Dank, denke ich, jetzt kommt Unterstützung. Die zwei werden bestimmt dem Ohnmächtigen helfen und einen Arzt rufen.
Der Kleinere von beiden tritt mit dem klobigen Stiefel kräftig gegen die Schulter des Daliegenden. Bewusstlos rollt der Mann zur Seite. Meine Hoffnung, dass die Jungen Hilfe holen, schwindet mit jeder Sekunde.
Der Zweite beugt sich über den Unglücklichen. Seine Hand klopft in Brusthöhe auf die Anzugjacke des Ohnmächtigen. »Na Alter, wenn du nix verträgst, musst du früher aufhören mit dem Saufen.« Seine Hand schiebt sich in das Innere der Jacke, holt die Brieftasche hervor und betrachtet das Passbild auf dem Ausweis. »Du siehst wirklich besser aus, wenn in der Visage nicht so viel Kotze hängt.« Er zupft die Geldscheine aus dem Fach und wirft die Ledermappe achtlos hinter sich in das Gebüsch. Der Kleinere fingert ein Portemonnaie aus der Gesäßtasche des Mannes. »Scheiße, nur Kleingeld!« Trotzdem steckt er die Geldbörse ein und grapscht seinem Kumpel einen Schein aus der Hand. Der holt mit der flachen Hand aus und schlägt ihm ins Gesicht. Schwer fällt der Getroffene auf den Bewusstlosen. Die rote Mütze rutscht ihm vom Kopf und fällt unbeachtet auf die Erde. »Mach das nicht noch einmal! Sonst hau ich dir die Fresse klein, dass du nur mit ’nem Strohhalm saufen kannst.«
Sprachlos und empört verfolge ich das ungehörige Benehmen der jungen Kerle. Blicke kurz zu Lanner hinüber und weiß sofort, er denkt genau das Gleiche wie ich. Geistesgegenwärtig hat er seine Violine unter den verschränkten Armen versteckt. Wer Geld stiehlt, raubt auch alles andere.
Gevatter Tod hat sich mit dem Leichentuch im Schatten einer Hecke zurückgezogen. Wie ich ihn kenne, studiert er die Kandidaten mit unverhohlener Freude. Weitere Kundschaft, wird er denken und sich vergnügt die Hände reiben. Wenn nicht jetzt, dann in ein, zwei Jahren. Irgendwann schlagen sie sich im Suff oder Streit die Köpfe ein.
Mit den Geldscheinen in der Hand laufen die zwei Jugendlichen in Richtung Christkindlmarkt. Lautstark streiten sie sich über die Frage, wo es um diese Uhrzeit noch günstig Bier und Schnaps zu kaufen gibt.
Lanner stößt mir leicht den Ellenbogen in die Seite und zeigt auf die liegengebliebene Mütze mit dem blinkenden Bommel. »Heute ist der Abend des heiligen Nikolaus. Ich hatte es ganz vergessen.«
Nach und nach lehrt sich der Platz vor dem Rathaus und dem Park. Die Musik wird leiser, bis sie endlich verstummt. Es ist still geworden. Einzig der Wind kennt keine Pause. Das Klappern der Holzläden verrät uns, die letzten Budenbesitzer verschließen ihre Stände. Die bunten Lichterketten erlöschen. Es geht auf Mitternacht zu. Ohne eine Notiz von dem Hilflosen zu Josephs und meinen Füßen hasten die letzten Fußgänger an uns vorbei.
Ich vernehme ein kurzes Gurgeln und ein verzweifeltes Schnappen nach Luft. Erleichtert blicke ich hinunter und schicke ein Stoßgebet gen Himmel. Gottlob, unser armer Freund ist zu sich gekommen. Er lebt. Der Sensenmann wird sich ein anderes Opfer suchen müssen.
Vom Parlamentsgebäude her hören mein Freund Joseph und ich zwei Personen über die Fahrbahn gehen. Sie unterhalten sich laut und lachen. Nur vereinzelnd fahren ein paar der knatternden und stinkenden Automobile auf der Straße, die den Park umgibt. Trotz der Windgeräusche und der knarzenden Bäume vernehmen wir die Wortfetzen deutlich und klar. Die Männer schlagen den Weg zu uns ein. Alle paar Meter bleiben sie leicht schwankend stehen und schauen sich suchend um.
»Die können nicht vom Christkindlmarkt kommen. Der befindet sich auf der anderen Seite«, flüstert Joseph mir zu.
Ich nicke. »Aus dem Parlament um diese Zeit auch nicht.«
»Im Dezember feiern die Firmen und Geschäfte ihren Jahresabschluss und laden die Mitarbeiter zu einem Weihnachtsumtrunk ein. Vielleicht gehören sie zu denen?«
Ich betrachte den im Schatten des Sockels unglücklich Liegenden. »Er könnte einer von ihnen sein. Die zwei sind genau so gut gekleidet wie er, wenn auch mit wärmenden Mänteln. Sie haben das gleiche mittlere Alter.«
»Hierher! Euer Freund liegt hier!«, rufen Joseph und ich wie aus einem Mund.
Der hochgewachsene Mann in der Dreiviertel-Steppjacke dreht sich um die eigene Achse. Hat er uns gehört? Nein, anscheinend nicht. Er wendet sich wieder seinem Freund zu.
»Möchte gerne wissen, wo der Georg abgeblieben ist«, höre ich ihn sagen. Er nuschelt beim Sprechen, was dem reichlichen Genuss von Alkohol geschuldet sein mag. Sein Kollege, klein und dick von Statur, kämpft mit dem Schal. Nach etlichen glücklosen Versuchen schafft er es, den Kragen des Wollmantels hochzuschlagen und das Strickteil drumherum zu schlingen. Er schnauft von der Anstrengung. »Der wird irgendwo in der Ecke liegen und seinen Rausch ausschlafen.«
»Zwei weitere Kandidaten, die sich an uns festhalten und besudeln werden«, bemerke ich verärgert. Mein Freund neben mir betrachtet die Männer eher amüsiert und lacht. »Erinnere dich an unsere Zeit, als wir ledig jeder Verpflichtung waren und gemeinsam im Orchester spielten.«
Gereizt raunze ich Joseph zurück. »Du hast leicht reden, auf deine Hose und Schuhe hat auch keiner den Magen geleert!« Da ich nun einmal dabei bin, meine schlechte Laune an ihm auszulassen, poltere ich weiter, werde aber durch die besorgte Stimme des Steppjackenträgers abgelenkt.
»Wir müssen ihn finden, Franz. Er erfriert sonst.«
»Du hättest ihn nicht so abfüllen sollen. Außerdem ist er ein Mistkerl, jawohl ein Scheißkerl!« Wie zur Bestätigung der gelallten Worte reckt der Dicke die Faust in die Höhe.
»Warum?« Der Große schreit gegen den Sturm an. »Nur, weil er dieses Jahr mehr Verträge abschließen konnte als du, und er deshalb den höheren Bonus erhält? Aus dem Grund ist er noch lange kein Drecksack!« Ein lauter Rülpser beendet den Satz.
»Er ist und bleibt ein Dreckskerl. Hat in meinem Verkaufsbezirk gewildert – und in deinem auch.« Der Dicke, der von seinem Kompagnon Franz gerufen wird, schwankt direkt auf uns zu. Im Herankommen schlägt er seinen Mantel auf und fingert am Hosenreißverschluss herum.
»Nicht schon wieder! Herrgott, hilf!«, flehe ich in den Sternenhimmel. »Das heißt, hilf lieber ihm. Außerdem lass ihn seinen Freund auf dem Boden finden.«
Der Mann verharrt vor uns. Der Verschluss geht nicht auf, egal wie kräftig er flucht und daran zerrt. Mein erster Teil des Stoßgebets wurde anscheinend erhört, und ich richte ein stummes »Danke« nach oben.
»Was ist denn das?« Der Dicke starrt auf etwas zu seinen Füßen.
Begreift er nicht, dass hier sein Kollege liegt? Wütend will ich ihn anschreien. Da fängt er an zu kichern und bückt sich. In der Hand hält er die rote Mütze mit dem blinkenden Bommel. Ich hatte ganz vergessen, dass die unten am Sockel lag, trotz des kleinen flackernden Lichtes. Umständlich stülpt er sich die Mütze über den Kopf.
Gerade, als ich alle Hoffnung auf Rettung aufgeben will, weicht ein Krächzen aus seiner Kehle. »Ferdi, komm her, ich hab’ ihn gefunden!« Mit der Schuhspitze tritt er in das Gesäß des Liegenden. »He Georg, du alter Sauhund!«
Ich höre ein Röcheln und stoße einen Seufzer der Erleichterung aus. »Er hat ihn gefunden, Gott sei Dank! Und der Kranke auf der kalten Erde ist nicht an seinem Erbrochenen erstickt.«
Franz dreht sich um und fällt dem heranstolpernden Kollegen in die Arme. Er zeigt auf die Gestalt. »Da, da liegt er!«
Sein Freund beugt sich herab und rüttelt an der Schulter des Ohnmächtigen. »Georg, komm! Steh auf! Wir bringen dich nach Hause!« Er versucht, ihn hochzuziehen. Doch wie ein nasser Sack kippt der Bewusstlose zurück. »Hilf mir, Franz!«
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.