Kitabı oku: «Das minoische Kreta»

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Der Autor


Diamantis Panagiotopoulos ist Professor für Klassische Archäologie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Er hat Archäologie, Ägyptologie, Alte Geschichte, Geschichte und Kunstgeschichte an den Universitäten von Athen und Heidelberg studiert. Er promovierte in Heidelberg (1996) und habilitierte in Salzburg (2003). Seine Forschungsinteressen umfassen die Kulturen der bronzezeitlichen Ägäis – insbesondere ihre sozialen Strukturen, Administration und Bildsprache –, die kulturelle Interaktion im östlichen Mittelmeer des 2. Jahrtausends v. Chr., die Landschaftsarchäologie und moderne Strategien zur Bewahrung und Erschließung des kulturellen Erbes. Er hat an zahlreichen Grabungen in Griechenland teilgenommen, mehrere interdisziplinäre Forschungsprojekte geleitet und an verschiedenen Ausstellungen in Griechenland und Deutschland mitgewirkt. Derzeit leitet er ein langfristig angelegtes Feldprojekt im minoischen Koumasa (Südkreta).

Diamantis Panagiotopoulos

Meinen Heidelberger Studentinnen und Studenten gewidmet für ihre Fragen und fragenden Blicke

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Titelbild: Digitale Rekonstruktion des Stiersprungfreskos aus dem Palast von Knossos; Foto: Manfred Bietak/Nannó Marinatos/Clairy Palivou: Taureador Scenes in Tell el-Dab‘a (Avaris) and Knossos (2007), Abb. 104.

1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

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ISBN 978-3-17-021269-5

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Inhalt

1  Vorwort

2  Einleitung

3  A. Grundzüge: Forscher, Raum und Zeit

4  1 ›Mythen‹ und archäologische Realität: Ein forschungsgeschichtlicher Überblick

5  Literatur

6  2 Das chronologische Gerüst

7  Literatur

8  3 Kreta als fordernde und fördernde Landschaft

9  Literatur

10  4 Etappen: Ein kurzer Abriss der minoischen Kulturentwicklung

11  Das dunkle Jahrtausend (FM I–MM I A)

12  Kreta als höfische Gesellschaft (MM I B–II B)

13  Die Zeit der knossischen Dominanz (MM III A–SM I A)

14  Die Krisenzeit (SM I B–II)

15  Kreta als Peripherie (SM III A:1–SM III B)

16  Niedergang (SM III B–SM III C)

17  Literatur

18  B. Ein anatomischer Blick auf die minoische Gesellschaft

19  5 Der Palast als Maß aller Dinge

20  Paläste oder Hofkomplexe: Eine anhaltende Debatte

21  Der Palast von Knossos

22  Jenseits von Knossos

23  Der Palast als höfische Institution

24  Literatur

25  6 Die ›Domestizierung‹ der Berge

26  Die Erschließung der bergigen Landschaft

27  Etappen

28  Literatur

29  7 Das Individuum

30  Das Körperbild

31  Geschlechterrollen

32  Erwachsenwerden

33  Sinne

34  Intimität

35  Individuum und Kollektiv

36  Literatur

37  8 Mensch und gebauter Lebensraum

38  Kühne Konzepte

39  Bautechnische Umsetzung

40  Gelebte Räume

41  Literatur

42  9 Mensch und Dinge

43  Die Faszination des Materials

44  Minoische Designkonzepte

45  Dinge und Bilder beleben sich gegenseitig

46  Das Leben der Dinge: Verwendung, Reparatur, Wiederverwendung, Deponierung, Zerstörung

47  Literatur

48  10 Medien der sozialen Interaktion

49  Bilder

50  Stil als Bedeutungsträger

51  Schrift

52  Literatur

53  11 Alltagswelten

54  Alltag im Bild

55  Das dörfliche und das ›städtische‹ Alltagsleben

56  Berufe und alltägliche Tätigkeiten

57  Ernährung

58  Literatur

59  12 Außeralltägliche Erfahrungen: Götter, heilige Orte und Feste

60  Götter und Dämonen: die großen Unbekannten

61  Sakrale (Tat-)Orte

62  Kult als Transzendenz

63  Heilige Dinge

64  Glanzvolle Feste

65  Literatur

66  13 Der Tod als prägende kollektive Erfahrung

67  Der Tod als Übergangszustand

68  Das Grab als ›Haus des Toten‹

69  Bestattungsritual

70  Wie lassen sich Veränderungen im Bestattungsritual erklären?

71  Literatur

72  14 Die Minoer und die Anderen

73  Die innerägäischen Kontakte

74  Die außerägäischen Kontakte

75  Die Zeugnisse

76  Literatur

77  Schlusswort und Ausblick

78  Handbücher zur minoischen Kultur

79  Abbildungsverzeichnis

80  Register

Vorwort

Dieses Buch verdankt seine Entstehung dem Kohlhammer Verlag, der seine Urban-Taschenbuchreihe mit einem aktuellen deutschsprachigen Überblick zur minoischen Kultur ergänzen wollte. Diese ehrende Einladung habe ich sehr gern angenommen und nach einer großen Verzögerung – die vom Verlagsteam stoisch geduldet wurde – (m)eine Geschichte der Minoer geschrieben, die hoffentlich gleichermaßen Archäologen und Laien ansprechen wird. Folgenden Personen, die entscheidende Hilfe beim Gelingen dieses Buchprojektes geleistet haben, bin ich zu großem Dank verpflichtet: meinen Kollegen und Freunden Fritz Blakolmer und Pietro Militello, die das Buch gelesen, mir wertvolle Hinweise gegeben und mich vor einigen Fehlern bewahrt haben, Julia Kretschmer, die die Endversion des Manuskripts Korrektur gelesen hat, Peter Kritzinger vom Kohlhammer Verlag, der für eine sehr harmonische Zusammenarbeit gesorgt und geduldig auf das Endergebnis gewartet hat, und last but not least Ann-Katrin Fett für die hervorragende Redaktionsarbeit.

Das Buch ist all denen gewidmet, die in den vergangenen Jahren meine Lehrveranstaltungen in Heidelberg besucht haben. Sie haben mir direkt oder indirekt immer wieder gezeigt, wie man die Geschichte der minoischen Kultur verständlich kommunizieren kann. Diese fruchtbare Interaktion hat Charakter, Schwerpunkte und Ziele dieses Taschenbuches entscheidend mitgeprägt.

Einleitung

»Kreta ist etwas anderes. Kreta ist eine Wiege, ein Instrument, ein vibrierendes Reagenzglas, in welchem ein vulkanisches Experiment durchgeführt wurde. Kreta vermag den Geist zum Schweigen zu bringen, den Aufruhr der Gedanken zu stillen.« (Henry Miller)1

Kreta, am Südostende Europas gelegen, war die Wiege einer antiken Hochkultur, die den unvoreingenommenen Betrachter mit Staunen erfüllt. Auf der gebirgigen Insel entwickelte sich eine bronzezeitliche Gesellschaft, die auf den ersten Blick ganz anders erscheint als ihre zeitgleichen Kulturen in Ägypten und dem Vorderen Orient. Dieses Volk hat man – nach dem Namen ihres legendären Königs Minos – als ›Minoer‹ bezeichnet, doch in Wahrheit wissen wir nicht, wie sie sich selbst nannten, da die spärlichen schriftlichen Zeugnisse eine Entzifferung ihrer Schrift bisher nicht ermöglichten. Wir kennen lediglich die ägyptische Bezeichnung für die Minoer, nämlich ›Keftiu‹, die eine auffällige lautliche Entsprechung zu ›Kaphtor‹, dem biblischen Namen für die Insel, zeigt. Es ist allerdings völlig ungewiss, ob dieses Ethnikon von der minoischen Eigenbezeichnung übernommen wurde. Die minoische Kultur bleibt daher anonym und in gewisser Weise geschichtslos: Wir kennen keine Königs- oder Beamtennamen, keine historischen Ereignisse, nicht einmal die Namen der Götter und die konkrete Bedeutung der großen religiösen Feste. Die Spuren dieser Gesellschaft allerdings, die wir archäologisch fassen und mit großer Anstrengung – und kreativer Fantasie – rekonstruieren können, reichen aus, um Staunen hervorzurufen. Wie ist es möglich, dass sich auf dieser Mittelmeerinsel eine Kultur mit einem kosmopolitischen Flair entwickelte, das den modernen Menschen viel mehr anspricht als die eindrucksvolle Dominanz von Göttern und Herrschern in Ägypten und Mesopotamien? Wie lässt sich der mondäne Charakter dieser Gesellschaft überhaupt begreifen? Wie gelang es ihr, die geografische Lage ihres Territoriums und dessen natürliche Ressourcen effektiver als jede andere Kultur in den nachfolgenden Perioden zu nutzen, große Baukomplexe auf erdbebengefährdetem Land zu errichten, ein anspruchsvolles administratives System aufzubauen und zeitlose Meisterwerke zu schaffen? Es sind Fragen über Fragen, die gleichermaßen Laien und Spezialisten bewegen. Auf der Suche nach Antworten stößt man auf mehrere Hindernisse, die vor allem aus einer lückenhaften Überlieferung resultieren. Ohne lesbare Texte wird jeder Versuch, eine vormoderne Kultur zu verstehen, zu einem sehr schwierigen Unterfangen. Der aufmerksame Besucher in Knossos stellt schnell fest, dass der Palast, den er voller Erwartungen betritt, in großen Teilen ein moderner Zementbau ist. Es fällt einem sehr schwer, die schlecht erhaltene originale Bausubstanz dieses Gebäudes unter den rigoros mit Zement ergänzten Räumen, Treppen und Säulen zu entdecken. Man muss erst die anderen Paläste besuchen, um echte minoische Ruinen sehen zu können. Im Heraklion-Museum ist unübersehbar, dass die meisten Wandmalereien sehr schlecht erhalten und größtenteils ergänzt sind. Die vollständig erhaltenen Meisterwerke der minoischen Kultur sind meistens Objekte in kleinem Format: Siegel, Siegelringe, Schmuck, Statuetten und Möbeleinlagen. Ein großer Teil der archäologischen Fakten bezieht sich eben auf solche Miniaturarbeiten. Trotz oder gerade wegen der vielen Interpretationsprobleme und offenen Fragen hat diese Inselkultur heute, über ein Jahrhundert nach ihrer Entdeckung, kaum an Attraktivität eingebüßt. Populärwissenschaftliche Bücher erzählen spannende Geschichten, die allerdings größtenteils auf späteren Mythen oder überholten Forschungsmeinungen beruhen. Die fachwissenschaftliche Literatur steht all diesen Mythen und Theorien heute sehr skeptisch gegenüber, kann allerdings an ihrer Stelle aufgrund der sehr fragmentarisch erhaltenen Quellen keine besseren Geschichten erzählen, die sich auf Fakten stützen.

Welchen Sinn kann dann ein neues Handbuch zur minoischen Kultur haben? Die Archäologie ist keine exakte Wissenschaft und kann daher keine definitiven Antworten liefern, geschweige denn etwas beweisen. Die Hauptaufgabe der Archäologen besteht eigentlich nicht darin, Antworten zu geben, sondern die richtigen Fragen an das Untersuchungsmaterial zu stellen und dadurch die wissenschaftliche Diskussion ständig voranzubringen; eine Diskussion, die zeigt, wie komplex und vielfältig die historische Realität war. Daher möchte ich den Lesern dieses Buches keine Antworten liefern, sondern all das, was wir über das minoische Kreta wissen oder zu wissen glauben, nicht als Wissensstand, sondern als Wissensprozess schildern. Im Fokus dieser Herangehensweise werden daher keine Rätsellösungen, sondern die großen Fragen und Probleme stehen, welche die Archäologen seit über einem Jahrhundert bewegen sowie ihre unermüdlichen Bemühungen, sie zu beleuchten.

Die Gliederung dieser Synthese der minoischen Kultur beginnt auf ganz traditionelle Weise mit einem forschungsgeschichtlichen Überblick, der nicht nur die Geschichte der archäologischen Forschung in ihren wesentlichen Zügen zusammenfasst, sondern auch die modernen ›Mythen‹ über die Minoer den archäologischen Fakten gegenüberstellt (Kap. 1). Die drei anschließenden Kapitel befassen sich mit den Hauptparametern der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der minoischen Kultur, nämlich dem Chronologie-System der kretischen Bronzezeit (Kap. 2), der Insel als Lebensraum (Kap. 3) und den wichtigsten Etappen der kulturellen Entwicklung (Kap. 4). Gerüstet mit diesen grundlegenden Informationen kann sich dann der Leser dem zweiten Teil des Buches widmen, der einen anatomischen Blick auf die minoische Kultur ermöglicht. Dieser Teil weicht vom üblichen Schema vieler Handbücher ab, deren Kapitel einzelnen Gattungen der materiellen Hinterlassenschaften oder Aspekten einer Kultur, wie Architektur, Keramik, Kleinkunst, Schmuck sowie soziale Struktur, Religion, Wirtschaft und Handel gewidmet sind. Stattdessen wird hier einer Gliederung gefolgt, welche dem spezifischen Charakter der minoischen Gesellschaft angepasst ist und darüber hinaus nicht den abstrakten Begriff ›Kultur‹, sondern die Menschen als Akteure in den Vordergrund stellt. Dieser Überblick beginnt mit dem ›Herz‹ der minoischen Gesellschaft, nämlich dem Palast als imposantem Gebäude und Kern des politischen, sozialen und wirtschaftlichen Geschehens (Kap. 5). Hieran schließt sich das an, was die minoische Kultur aus diachroner (d. h. ihrer gesamten historischen Entwicklung umfassenden) Sicht von allen anderen Kulturgruppen oder Mächten der Inselgeschichte unterscheidet, nämlich die Erschließung der Landschaft, welche als eine der größten Leistungen dieser bronzezeitlichen Gesellschaft betrachtet werden kann (Kap. 6). Die nächsten beiden Kapitel nehmen das Individuum in den Fokus der Auseinandersetzung mit den archäologischen Quellen und bemühen sich, die Menschen (Kap. 7), ihren gebauten Lebensraum (Kap. 8) sowie ihre Interaktion mit Dingen (Kap. 9) zu erfassen. Die letzten Kapitel sind den sozialen Praktiken gewidmet, die sich auf der Grundlage der archäologischen, ikonografischen und – spärlichen – schriftlichen Evidenz rekonstruieren lassen. Sie umfassen die Medien der symbolischen Kommunikation (Kap. 10), die Alltagswelten (Kap. 11), das Außeralltägliche (Zeremonien und Feste, Kap. 12), den Tod als prägende kollektive Erfahrung und zugleich archäologische ›Goldgrube‹ für die Rekonstruktion einer prähistorischen Gesellschaft (Kap. 13), und schließlich die Minoer in ihren vielfältigen Beziehungen zu anderen Kulturen (Kap. 14). In all diesen Fällen geht jede Betrachtung von den stummen archäologischen Zeugnissen (Architektur und Artefakte) aus. Dennoch strebt dieser Ansatz nicht danach, sich auf die Ebene der materiellen Zeugnisse zu beschränken, sondern sie als Quellen zu benutzen, um letztendlich die Individuen zu fassen und ihre Handlungsräume sowie Praktiken zu rekonstruieren.

Durch diese Gliederung, die von den Quellen selbst determiniert ist, verfolgt das vorliegende Handbuch ein doppeltes Ziel: Es soll zum einen eine Einführung in die minoische Kultur bieten, die sowohl interessierte Laien als auch Studierende und hoffentlich auch Archäologen mit Gewinn lesen können. Die Absicht, einen Text zu schreiben, der sowohl an die Fachgemeinschaft als auch an die breite Öffentlichkeit adressiert ist, stellt sicherlich ein schwieriges Unterfangen dar, doch erscheint sie mir unumgänglich. In einer Zeit, in der die Archäologie und andere Altertumswissenschaften ihren Existenzgrund und ihre Bedeutung für die moderne Gesellschaft legitimieren müssen, ist es notwendig, sich zu öffnen und den eigenen Untersuchungsgegenstand auf eine Weise zu präsentieren, die das Interesse eines weiteren Leserkreises über die engen Grenzen des eigenen Faches hinaus wecken kann. Denn die bloßen archäologischen Fakten und die umsichtigen Interpretationsversuche der Archäologen können viel spannender sein als die wilden Theorien der populärwissenschaftlichen Bücher, die in der Regel auf der Suche nach vermeintlichen Sensationen die Intelligenz ihrer Leser unterschätzen. Zum anderen soll dieses Buch den Leser dazu anspornen, Kreta zu besuchen und sich in die eindrucksvolle Naturkulisse der hier geschilderten archäologischen Geschichte zu begeben. Die Lektüre wird unvollständig bleiben, wenn man die minoischen Ruinen und Meisterwerke nicht mit eigenen Augen sieht und auf sich wirken lässt. Nicht in Knossos mit seiner durch die übermäßige touristische Entwicklung verunstalteten Umgebung, sondern in Phaistos, Ajia Triada, Palaikastro, Galatas, Monastiraki, Koumasa, Trypiti, Zominthos, Vathypetro, also dort, wo die minoischen Ruinen in eine atemberaubende und in manchen Fällen sogar noch unberührte Landschaft eingebettet sind, lohnt es sich, für eine Weile innezuhalten und den Ausblick zu genießen. Auch wenn man dadurch den Geheimnissen dieser Gesellschaft nicht näherkommen kann, ist es möglich, etwas von der ›Stimmung‹ einer Kultur zu spüren, die ein sehr harmonisches Verhältnis mit ihrer natürlichen Umwelt entwickelte und diesen Lebensraum auf eine eindrucksvolle Weise kulturell formte.

Abb. 1: Kretische Landschaft südwestlich von Juchtas.

1 Miller, Henry 2017: Der Koloß von Maroussi, 38. Aufl., Reinbeck, S. 119.

A. Grundzüge: Forscher, Raum und Zeit

1 ›Mythen‹ und archäologische Realität: Ein forschungsgeschichtlicher Überblick

»The first question which arose was what name should be given to this civilization and to the race who produced it. Many suggestions were made, but by tacit consent it was left to Dr. Arthur J. Evans as the doyen of Cretan excavators to settle the question …« (Richard Seager)2

Am unteren rechten Rand des monumentalen Gemäldes des Jüngsten Gerichts in der Sixtinischen Kapelle steht inmitten einer Gruppe von Dämonen ein grimmiger, von einer riesigen Schlange umwundener Minos. Inspiriert von Dantes Inferno verewigte Michelangelo in seinem apokalyptischen Bild den legendären kretischen König als gerechten Totenrichter. Ohne allerdings auch nur ein einziges Vorbild für seine Erscheinung gehabt zu haben, gab er ihm das Gesicht des von ihm verhassten Zeremonienmeisters Biagio da Cesena, der sich wiederholt beim Papst über die nackten Körper in Michelangelos Gemälde beschwert hatte. Und obwohl dies nichts anderes als ein Capriccio des genialen italienischen Malers war, hat die vom ihm erschaffene Gestalt auf ideale Weise die Ambivalenz des Minos in der griechischen Überlieferung bildlich festgehalten. Denn der kretische König wurde in verschiedenen Mythen nicht nur als gerechter Richter, sondern auch als blutrünstiger Herrscher dargestellt. In diesen widersprüchlichen Erzählungen verdichteten sich zweifellos diverse Fragmente der griechischen Erinnerung an dieses besondere Inselvolk und seinen Herrscher. Für mehrere Jahrhunderte boten sie die einzigen konkreten Bezugspunkte für Gelehrte, um die prä-historische Vergangenheit Kretas zu rekonstruieren, weil deren materielle Spuren von der kretischen Erde für mehr als drei Jahrtausende unsichtbar bewahrt wurden. Erst mit der Befreiung der Insel von der osmanischen Herrschaft im vorletzten Jahr des 19. Jahrhunderts begann die systematische archäologische Erforschung auf Kreta, die nach und nach diese einzigartige bronzezeitliche Gesellschaft ans Licht brachte.

Eine Auseinandersetzung mit der minoischen Kultur darf diese griechischen Mythen nicht ignorieren, sondern muss sich der brennenden Frage stellen, ob sie einen historischen Kern gehabt haben könnten. Generell galt Kreta in der antiken Überlieferung als Wiege von vielen kulturellen und technischen Errungenschaften, von der Gesetzgebung bis zur Viehzucht und Metallverarbeitung. Die Legenden, mit denen die griechischen Dichter, Chronisten und Philosophen die Insel umgaben, haben ihren größten Gott, Zeus, als Ausgangspunkt. Er soll auf Kreta geboren und gestorben sein. Zeus entführte in Gestalt eines weißen Stiers die schöne Königstochter Europa nach Kreta und zeugte dort mit ihr seine Söhne Minos, Rhadamanthys und Sarpedon. Die Informationen über diese und andere kretische Herrscher und ihre Geschlechter sind widersprüchlich. Die mythische Überlieferung kannte zwei Herrschergestalten mit dem Namen Minos: Der erste Herrscher war der Begründer der königlichen Dynastie auf der Insel, der zweite derjenige, der, wie wir in den homerischen Epen erfahren, die Insel unter seine Herrschaft brachte und sein Reich über Kreta hinaus ausdehnte. Sein Enkel Idomeneus hat als knossischer König am Trojanischen Krieg teilgenommen. Aus anderen Quellen, darunter Hesiod und später Diodor, erfahren wir, dass Minos als Abkömmling des göttlichen Zeus und »königlichster unter den sterblichen Königen«3 der erste Stifter einer geordneten Stadt (politeia) und frühester Gesetzgeber war. Minos stieg, wie ein zweiter Moses, auf den Berg Ida (Psiloritis), um sich mit seinem Gott und Vater zu treffen und von ihm belehrt zu werden. Der Ort dieser Begegnung, die alle acht oder neun Jahre stattfand, war die Idäische Zeus-Grotte, der Geburtsort des kretischen Zeus. Sogar der Begründer der Geschichtsforschung, Thukydides, erwähnt Minos in der Einleitung seiner Geschichte des Peloponnesischen Krieges als den ersten Herrscher, der die Piraten aus der Ägäis vertrieben und deren maritime Wege dominiert hat. Als gerechter Gesetzgeber wurde Minos zu einem der Totenrichter des Hades und in diesem würdevollen Amt hat man ihn oft in der griechischen Kunst dargestellt. Aber die griechische Überlieferung zeichnete zugleich ein ganz anderes Bild von ihm. Er soll ein Tyrann gewesen sein, der den Athenern einen unmenschlichen Tribut auferlegt hat. Alle neun Jahre mussten sie sieben Mädchen und sieben Knaben dem Minotaurus zum Fraß senden. Diese Bestie, halb Mensch, halb Stier, war der widernatürlichen Vereinigung der Königstochter Pasiphae mit einem weißen Stier entsprungen, der ursprünglich dem Poseidon geopfert werden sollte. Schauplatz dieses tragischen Menschenopfers war das Labyrinth, das in Minos’ Auftrag vom genialen Erfinder und Künstler Daidalos erbaut worden war. Erst dem athenischen Heroen Theseus gelang es, das Ungeheuer zu töten, während die in ihn verliebte Prinzessin Ariadne ihm einen Faden schenkte, durch den er den Weg aus dem Labyrinth fand.

Die Frage nach dem eventuellen historischen Kern dieser Mythen, die ein recht widersprüchliches Bild des kretischen Herrschers zeichnen, ist mit zwei Problemen behaftet. Erstens klafft zwischen dem Ende der minoischen Kultur und der frühesten (schriftlichen) Fixierung der griechischen Mythen eine zeitliche Lücke von mehreren Jahrhunderten. Es gibt dabei keine Hinweise auf einen ununterbrochenen Erinnerungsstrom. Man muss hingegen mit erheblichen Brüchen, Rissen und Verzerrungen der Erinnerung rechnen. Zweitens sind diese Mythen, zumindest in der Form, in der sie uns überliefert sind, nicht auf Kreta selbst, sondern in den Zentren des griechischen Festlands entstanden und weitertradiert worden. Der Blick, den sie uns in die Geschichte der Minoer ermöglichen, wie Sokrates selbst im (pseudo-)platonischen Dialog Minos zugibt, ist daher ein Blick von außen, die Perspektive einer anderen Kultur. Ein solcher Blickwinkel könnte die sehr ambivalente Darstellung des Minos erklären. Man braucht nur an die zwiespältige Einstellung von modernen Völkern gegenüber Großmächten zu denken, welche zugleich bewundert und gehasst werden. Vielleicht besaßen die widersprüchlichen Mythen über Minos doch einen historischen Kern, indem sie die ferne Erinnerung der vermutlich von der minoischen Übermacht unterdrückten griechischen Bevölkerungsgruppen bewahrten. Nach über 100 Jahren intensiver archäologischer Forschung sind wir nun in der Lage, diese Frage sehr nüchtern anzugehen, indem wir die Fakten zur minoischen materiellen Kultur mit dem Stoff der mythischen Erzählungen vergleichen. Packen wir dieses Problem vom Kopf her an und beginnen wir mit einem kurzen Abriss der Forschungsgeschichte.

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der kretischen Vergangenheit in der Neuzeit wurde durch Expeditionen oder Reisen von Gesandten und Gelehrten eingeleitet. Gebildete Europäer entdeckten bei ihren Wanderungen auf der Insel reiche materielle Überreste vergangener Perioden, die an fast jeder Ecke der kretischen Landschaft an die Oberfläche ragten. Die meisten Reisenden konnten der Versuchung nicht widerstehen, die sichtbaren Ruinen mit einem der in der mythischen oder historischen Überlieferung erwähnten Orte in Beziehung zu setzen. Die Berichte der Italiener Cristoforo Buondelmonti, der Kreta 1414 und 1415 besuchte, und Onorio Belli (1583–1599), des Niederländers Olfert Dapper (1688), der wohlgemerkt die Insel nie betreten hat, der Franzosen Joseph Pitton de Tournefort (1700), Philippe de Bonneval und Mathieu Dumas (1783) und Victor Raulin (1845), des Österreichers Franz Wilhelm Sieber (1817), der Engländer Richard Pockocke (1739), Robert Pashley (1834) und Thomas A. B. Spratt (1851–1853) und vieler anderer sind sehr hilfreiche Bestandsaufnahmen der kretischen Geologie, Geografie, Fauna und Flora, Denkmäler, Bevölkerung und Sitten, die den Archäologen auch heute noch eine sehr wertvolle Informationsquelle bieten. Diese Berichte haben allerdings nichts zur Erhellung der bronzezeitlichen Vergangenheit der Insel beitragen können. Bereits im späten 18. Jahrhundert beklagte sich William Mitford in seiner Geschichte Griechenlands, dass uns die Materialien zu einer vollständigen Geschichte Kretas fehlen. Mit dieser Beobachtung leitete Karl Hoeck 1823 sein Buch über Kreta ein, in dem er den ersten systematischen Versuch unternahm, auf der Grundlage von Mythen und historischen Texten die Ära des Minos zu rekonstruieren.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts, also einige Jahrzehnte vor dem Beginn der ersten archäologischen Grabungen auf der Insel, erblickte die moderne Welt zum ersten Mal das Antlitz eines Minoers und zwar nicht auf Kreta, sondern in Ägypten. In den Privatgräbern von wichtigen Beamten der 18. Dynastie, die allmählich in den Nekropolen von Theben-West ans Licht kamen, waren Gesandte eines Fremdvolkes zu sehen, die, mit sehr eleganter Frisur und Kleidung versehen, die kostbare Gaben als diplomatische Geschenke zum ägyptischen König brachten. Ohne sichere Anhaltspunkte gehabt zu haben, da zu diesem Zeitpunkt noch keine materiellen Überreste der minoischen Kultur bekannt waren, identifizierte der Ägyptologe Heinrich Brugsch diese Gesandten bereits im Jahre 1858 – und zwar korrekt – mit der bronzezeitlichen Kultur Kretas: eine geniale Pionierleistung.

Auf Kreta selbst begann die archäologische Erforschung der minoischen Kultur bereits vor der Befreiung der Insel aus der osmanischen Herrschaft. Nach einer bemerkenswerten Fügung des Schicksals trug der erste Entdecker des minoischen Palastes von Knossos den Namen des mythischen Königs, der hier residiert haben soll: Es war der gebildete kretische Kaufmann Minos Kalokairinos, der 1878 oder 1879 die erste – und sehr kurze – Grabungskampagne auf dem Hügel Kephala durchführte. Dort legte er zwei Magazinräume des Palastes frei, die mit großen Vorratsgefäßen gefüllt waren. Nach einem Versuch von Heinrich Schliemann, eine Grabungskonzession für Knossos zu erlangen, die an den hohen finanziellen Forderungen der türkischen Behörden scheiterte, gelang es dem Archäologen Arthur Evans, das Gelände von Kephala zu erwerben. Evans, der in den vorangegangenen Jahren die Insel auf der Suche nach Zeugnissen uralter Schriften durchkämmt hatte, war – wie vor ihm auch Kalokairinos – überzeugt, dass an dieser Stelle der Sitz des legendären kretischen Königs Minos lag.

Die systematischen Grabungen in Knossos unter Evans’ Leitung begannen am 23. März 1900. Binnen sechs Jahren wurden der gesamte Palastkomplex und mehrere Bauten in dessen unmittelbarer Umgebung freigelegt. Die meisten Räume des Palastes enthielten keine kostbaren Gegenstände, weil sie offensichtlich vor der endgültigen Aufgabe des Gebäudes entfernt worden waren. Dennoch reichten die Architektur und luxuriöse Ausstattung dieser Megastruktur allein, um Archäologen und Laien gleichermaßen in Staunen zu versetzen. Vor den Augen der westlichen Welt entfaltete sich eine antike Kultur, die in ihrer Verfeinerung, Natur- und Lebensfreude fast wie eine utopische Welt wirkte, eine Welt, die in scharfem Kontrast zu der von Krisen erschütterten Welt des beginnenden 20. Jahrhunderts stand. In den darauffolgenden Jahren haben griechische, britische, italienische, französische und amerikanische Archäologen in verschiedenen Regionen der Insel weitere minoische Paläste sowie Villen, Siedlungen, Nekropolen und Heiligtümer entdeckt. Diese Pioniere kamen vor allem aus Großnationen mit einem starken Interesse an der Insel, die in einem geopolitischen Spannungsbereich lag. Zu diesem internationalen Kreis der ersten Archäologen, die auf der Insel tätig waren, gehörten neben Arthur Evans die Griechen Iosif Hatzidakis und Stephanos Xanthoudides, die Italiener Federico Halbherr, Roberto Paribeni, Enrico Stefani und Luigi Pernier, die Briten John Myres, David George Hogarth, Robert Carr Bosanquet und Richard MacGillivray Dawkins, der Amerikaner Richard Seager und, last but not least, die Amerikanerinnen Harriet Boyd-Hawes und Edith Hall, welche bedeutende Grabungsprojekte geleitet und publiziert haben und zwar in einer Zeit, in der Frauen eine derart verantwortungsvolle Rolle meist verwehrt blieb. Ein besonderer Glücksfall in der Erforschung der minoischen Kultur war ferner die Tatsache, dass die intensiven archäologischen Untersuchungen erst nach dem Ende der osmanischen Herrschaft begannen. Bereits vor der politischen Autonomie Kretas und der späteren Vereinigung mit Griechenland war die Heraklion Gesellschaft zur Förderung von Bildung gegründet worden (1878), deren primäres Ziel in dem Studium und der Erhaltung des kretischen kulturellen Erbes bestand. Dadurch blieben nahezu alle Funde der großen europäischen und amerikanischen Grabungen weiterhin auf der Insel. Im Gegensatz zum bitteren Schicksal des Parthenonfrieses, des Pergamonaltars oder der Nofretete-Büste musste keines der Meisterwerke der minoischen Kultur auf legalen – oder scheinbar legalen – Wegen seine Heimat verlassen. Dies ist größtenteils den heroischen Bemühungen der Mitglieder dieser Gesellschaft zu verdanken. Georges Clemenceau, der 1904, vor seiner Amtszeit als französischer Premierminister, Kreta besuchte, um die kretischen Altertümer und das kretische Volk zu studieren, bezeichnete ihren Vorsitzenden, Iosif Hatzidakis, sehr treffend als die »wütende Archäologie« (l’archéologie enragée)4. Durch diese kämpferische Haltung einer kleinen Gruppe von begeisterten Pionieren begannen allmählich die ersten spektakulären Funde, welche die kretische Erde freigab, die Magazine des neugegründeten Heraklion-Museums zu füllen, das sich sehr schnell als viel zu klein erwies, um den unaufhörlichen Strom an minoischen Kunstwerken zu beherbergen.

Wenige Jahre nach dem Ende der Grabungen im Palast von Knossos und während weitere Neufunde von anderen minoischen Fundorten von der westlichen Welt mit Begeisterung aufgenommen wurden, begann Evans mit seiner Rekonstruktionsarbeit, der er einen großen Teil seines Ruhmes verdankt. Diese Rekonstruktion war eine doppelte: eine bauliche und eine gedankliche. Evans entschied sich, die freigelegten baulichen Überreste des Palastes, der überwiegend nur in seinen Erd- und Untergeschossen erhalten war, mit Stahlbeton, dem neuen Wundermaterial seiner Zeit, zu rekonstruieren. Bei der Realisierung dieses Plans gingen er und seine Mitarbeiter zugegebenermaßen sehr rigoros vor. Sie ergänzten und restaurierten nicht nur, sondern bauten teilweise den Palast neu. Säulen, Fassaden, Treppen wurden anhand des Vorbilds von Architekturdarstellungen auf der minoischen Bausubstanz errichtet und haben sie stellenweise völlig überdeckt. Was wir heute sehen, ist eigentlich nicht nur Minos’, sondern auch Evans’ Palast, welcher in vielen Fällen keinen architektonischen Tatsachen, sondern den Vorstellungen dieser großen Forscherpersönlichkeit und ihrer Zeit entspricht. Die moderne Forschung, die generell Evans’ Rekonstruktionen verurteilt, übersieht, dass die Kritik an diesem Vorhaben bereits in der Zeit seiner Entstehung und Durchführung begann, da Evans nicht in einer britischen Kolonie, sondern in einem unabhängigen Staat mit einer strengen Gesetzgebung zum kulturellen Erbe agierte. Eine nähere Auseinandersetzung mit der Rolle der griechischen Archäologen und Behörden bei diesem spannenden Kapitel der minoischen Archäologie, die seitdem ausgeblieben ist, würde viele Facetten des knossischen Restaurationsprojektes, seiner Hintergründe und seiner unmittelbaren Rezeption beleuchten.

Die zweite Rekonstruktion, die Evans für die minoische Archäologie unsterblich machte, war die gedankliche. Nach zwanzigjähriger Arbeit vollendete er sein vierbändiges Monumentalwerk The Palace of Minos at Knossos. Auf über 2800 Seiten hat er nicht nur die Ergebnisse seiner Arbeiten in Knossos vorgelegt, sondern eine Enzyklopädie über das Werden und Wesen der minoischen Kultur geschrieben. Alle modernen ›Mythen‹ über die Minoer haben ihren Ursprung in dieser, in Umfang und Einfluss unübertroffenen Arbeit, die man bis in die 1980er-Jahre nicht ohne Grund als ›Bibel der minoischen Archäologie‹ bezeichnete. Sie stellt allerdings keine echte Publikation des Palastes dar, wie die kurz darauf erschienene, nüchterne Studie der italienischen Archäologen Luigi Pernier und Luisa Banti über Phaistos, sondern eine Gesamtvision der minoischen Kultur, in der sich archäologische Fakten mit kühnen Vermutungen, aber auch mit wilden und unhaltbaren Hypothesen vermischten. Diese umfassende Synthese der minoischen Kultur mit den unzähligen darin enthaltenen Deutungen, den Begriffen, die Evans eingeführt hat, und nicht zuletzt seinem Chronologie-System haben alle nachfolgenden Generationen von Archäologen vor eine riesige Herausforderung gestellt und prägen noch immer ganz entscheidend das Profil dieser archäologischen Teildisziplin. Es gibt vielleicht kein anderes altertumswissenschaftliches Fach, in dem die Gestalt und das Werk des Begründers in aktuellen Debatten noch immer so präsent sind, wie die minoische Archäologie. In The Palace of Minos erzählt Evans die Geschichte einer Inselgesellschaft, die, begünstigt durch ihre geografische Lage zwischen drei Kontinenten, den Reichtum und die Vielfalt ihrer natürlichen Ressourcen und nicht zuletzt durch die Kreativität ihrer Menschen im frühen zweiten Jahrtausend v. Chr., den Sprung zu einer Hochkultur schaffte: Auf einer vergleichsweise kleinen territorialen Basis hat man nach einem eigenständigen Modell Paläste monumentaler Dimensionen errichtet, mehrere Schriftsysteme entwickelt, einen komplexen Verwaltungsapparat aufgebaut und viele Zweige des Kunsthandwerks zu einer erstaunlichen Blüte gebracht. Im Palast von Knossos residierten Priesterkönige, die ihre politische Legitimation aus der sakralen Dimension ihrer Herrschaft schöpften. Die Minoer sollen mit ihrer Flotte den größten Teil der Ägäis beherrscht und Kontakte mit den Nachbarländern im östlichen Mittelmeer gepflegt haben, wo sie in Diplomatie und Handel als ebenbürtige Partner der großen orientalischen Reiche aufgetreten sind. An der Spitze ihres Pantheons stand eine große Göttin, die von einem jugendlichen Gott begleitet war, welcher aber bloß eine Nebenrolle spielte. Die Frauen genossen eine ganz besondere soziale Stellung und scheinen mindestens ebenso wichtig wie die Männer gewesen zu sein. Ein sehr markanter Aspekt dieser minoischen Erfolgsgeschichte war unter anderem das kosmopolitische Flair dieser Hochkultur, das sich in ihrer lichtdurchfluteten Architektur, den feinen Erzeugnissen des Kunsthandwerks und den friedvollen Themen ihrer Bilderwelt manifestierte.


Abb. 2: Siegelabdruck aus dem Palast von Knossos mit der Darstellung einer weiblichen Gottheit (Mother of the Mountain).

Dies waren die Hauptkomponenten von Evans’ Vorstellungen über das minoische Kreta. Auch wenn die rezente Forschung mit einer gewissen Vehemenz versucht, Evans als einen Gelehrten darzustellen, dessen Ideen viel zu stark seinem sozialen Hintergrund und konkreter dem viktorianischen England geschuldet waren, ist die Realität wesentlich komplexer, wenn man tatsächlich seine monumentale Publikation liest – was man über einige seiner Kritiker nicht mit Sicherheit behaupten kann. Denn hier tritt vor unsere Augen ein belesener Archäologe, welcher der fragmentarischen Überlieferung mithilfe von orientalischen Vorstellungen, ja sogar von Vorbildern der italienischen Renaissance, Sprache verleihen wollte. Seine Vermutung einer klaren Segregation der Geschlechter im Palast von Knossos, die Rekonstruktion eines piano nobile (Beletage) im Obergeschoss des Ostflügels desselben Gebäudes und viele andere Hypothesen haben nichts mit seinem britischen Hintergrund zu tun. Dieses aus diversen persönlichen Erfahrungen, Lektüren und Recherchen gespeiste Bild der Minoer, das Evans oft ohne wissenschaftliche Stringenz kompiliert hat, ist in den meisten älteren Fachpublikationen und aktuellen populärwissenschaftlichen Büchern reproduziert worden. Die brennende Frage ist allerdings, was von diesem modernen Mythos tatsächlich wahr ist – einem Mythos, der auf den Hypothesen eines Forschers, seiner Zeitgenossen und seiner unmittelbaren Nachfolger aufbaut. Haben die darauffolgenden Jahrzehnte intensivster archäologischer Forschung auf Kreta dieses gedankliche Konstrukt verändert oder nicht? War Evans so genial, dass er das meiste richtig erfassen und die großen Lücken in der Überlieferung mit plausiblen Vermutungen füllen konnte? Was darf man letztendlich von dieser traditionellen Rekonstruktion der minoischen Kultur heute noch glauben? Bevor man versucht, diese Frage zu beantworten, ist es sinnvoll, einen näheren Blick auf die Geschichte der minoischen Archäologie nach der Zeit der Pioniere zu werfen.

Die ersten Jahrzehnte der Erforschung des minoischen Kreta bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges sind, wie bereits betont, ganz eindeutig von Evans’ Gestalt und Wirken dominiert. Neben ihm und seinen bereits erwähnten Kollegen muss man die wichtigsten Persönlichkeiten der zweiten Forschergeneration zumindest namentlich erwähnen, weil sie mit ihrem Wirken vor und nach dem Zweiten Weltkrieg die Entwicklung dieser Disziplin im 20. Jahrhundert entscheidend geprägt haben: die Griechen Spyridon Marinatos und Nikolaos Platon, die Franzosen Fernand Chapoutier, Jean Charbonneaux und Pierre Demargne, die Italiener Doro Levi und Luisa Banti, der Belgier Henri van Effenterre und schließlich der Brite John Pendlebury, jener großartige Archäologe, Sportler und Abenteurer, der über mehrere Jahre die Insel zu Fuß durchstreifte, Grabungen auf Kreta und in Ägypten durchführte und den ersten systematischen Überblick über die minoische Kultur publizierte, bevor er 1941 mit 36 Jahren beim Kampf um Kreta von den Deutschen hingerichtet wurde. Deutsche Archäologen, wie Friedrich Matz, haben wesentliche Beiträge zum Verständnis der minoischen materiellen Kultur geleistet, ohne allerdings – wegen der politischen ›Großwetterlage‹ – je die Gelegenheit gehabt zu haben, selbst auf der Insel durch Grabungen aktiv zu sein. Nur während der deutschen Besatzung der Insel (1941–1944) haben sie kleinere Grabungen an verschiedenen Orten durchgeführt. Nach dem Zweiten Weltkrieg und während die Insel und ganz Griechenland versuchten, die tiefen Wunden zu heilen, welche die deutsche Besatzung und der anschließende Bürgerkrieg hinterlassen hatten, wurde allmählich die systematische archäologische Erforschung auf Kreta wieder aufgenommen. Neben den griechischen Archäologen arbeiteten weiterhin sehr intensiv britische, italienische und französische Kollegen, die nicht nur Grabungen, sondern auch Oberflächenbegehungen in verschiedenen Regionen der Insel durchführten.

In den ersten drei Jahrzehnten nach Evans’ Tod (1941) haben die neuen Funde und Forschungen sein Theoriegebäude nicht radikal verändern können. Die beiden entscheidenden Wendepunkte in der Entwicklung der minoischen Archäologie kamen erst später. Der erste war 1967 die Entdeckung und systematische Untersuchung der Siedlung von Akrotiri auf Thera (Santorin), die gegen Mitte des 16. Jahrhunderts v. Chr. von einer verheerenden Vulkaneruption verschüttet worden war. Diese Entdeckung verdanken wir einer der großen Gestalten der minoischen Archäologie, Spyridon Marinatos, der lange Zeit auf Kreta tätig war und bereits vor dem Zweiten Weltkrieg vermutete, dass die Vulkaneruption von Thera ein einschneidendes Ereignis in der Geschichte der minoischen Kultur gewesen sein musste. Die Debatte über den genauen Zeitpunkt der Vulkaneruption im Rahmen der minoischen absoluten Chronologie und vor allem über ihre Auswirkungen auf die minoische Palastkultur dauert bis heute an. Der zweite wichtige Wendepunkt war die Bewegung der ›New Archaeology‹ (seit den 1960er-Jahren), welche die archäologischen Disziplinen revolutionierte und auch die Methoden und Ziele der minoischen Archäologie radikal veränderte. Die wichtigste Prämisse dieses Forschungsansatzes war, dass man sich durch Anleihen aus anderen Disziplinen, wie z. B. der Soziologie, Ethnologie und Geschichte, das Ziel setzte, neue, möglichst objektive und wissenschaftliche Methoden für die Interpretation von archäolo-


Karte 1: Kreta

gischen Funden und Befunden zu entwickeln. Diese neuen Methoden sollten die einfachen, erfahrungsbezogenen Argumente vergangener Archäologengenerationen durch ein gemeinsames methodisches Instrumentarium ersetzen, das eine solide analytische Grundlage für das Fach formen konnte. Diese Bewegung löste eine sehr intensiv geführte Theoriediskussion aus, die auch die Schwächen des eigenen Ansatzes offenbarte und zu einer Weiterentwicklung, Erweiterung und Verbesserung ihrer ursprünglichen Prämissen führte. Nach einigen Jahrzehnten von Diskursen zur archäologischen Theorie und Methode kann man heute objektiv feststellen, dass das Profil der Archäologie während dieser Zeit eine entscheidende Umwandlung durchgemacht hat. Die Auswirkung dieses Veränderungsprozesses auf die einzelnen archäologischen Disziplinen ist allerdings unterschiedlich ausgefallen. Die Klassische Archäologie, Vorderasiatische Archäologie und Ägyptologie haben sich diesem radikalen Richtungswechsel eher zögernd angenähert. Offensichtlich lag der Grund dieser langsameren Reaktion in der Fülle von materiellen, bildlichen und epigrafischen Zeugnissen in diesen Kulturen, die noch immer nicht leicht zu bewältigen sind. Die minoische Archäologie und viele andere prähistorische Archäologien haben allerdings die Notwendigkeit einer intensiven Auseinandersetzung mit theoretischen Erklärungsmodellen rasch erkannt und sie für die Interpretation von Funden und Befunden auf vielfältige Weise angewendet. Der besondere Beitrag dieser Bewegung für die Erforschung des minoischen Kreta besteht vor allem darin, dass sie den auf der Insel tätigen Archäologen geholfen hat, sich von vielen traditionellen Ansichten oder modernen Konstrukten zu befreien und die dort ansässige Kultur mit anderen Augen zu sehen. Nicht Homer und das antike Griechenland, sondern andere vormoderne Kulturen wurden nun – zumindest für einen Teil der Fachgemeinschaft – die wichtigsten Referenzpunkte für die Auswertung und vor allem die Interpretation der archäologischen Daten. Zahlreiche neue Themen, Herangehensweisen und Erklärungsmodelle haben die Debatten über die großen Fragen zur minoischen Kultur wesentlich belebt. Die Bedeutung dieser neuen Methoden und Theorien wird ersichtlich, wenn man bedenkt, dass sie mittlerweile als Kern der akademischen Ausbildung von Studierenden an britischen und zum Teil auch an nordamerikanischen Universitäten betrachtet werden. Eine wesentliche Rolle bei der dynamischen Entwicklung der minoischen Archäologie in den letzten Jahrzehnten hat schließlich das Institute for Aegean Prehistory (INSTAP) gespielt, das von Malcolm Wiener gegründet wurde. INSTAP hat durch die jährliche großzügige Finanzierung von unzähligen Grabungen, Oberflächenbegehungen und Forschungsprojekten maßgeblich zur Vielfalt, Dynamik und internationalen Sichtbarkeit dieser archäologischen Disziplin beigetragen.

Wo stehen wir heute nach über 120 Jahren intensiver Forschungen auf und über Kreta? Die systematische archäologische Arbeit auf der Insel und auch außerhalb Kretas hat eine große Fülle an Zeugnissen der materiellen Kultur der Minoer geliefert: Neue imposante Gebäude, darunter auch neue Paläste, kamen ans Licht. Das Datierungssystem wurde seit Evans’ Zeit wesentlich verfeinert. Minoisch aussehende Fresken wurden außerhalb Kretas, ja sogar außerhalb der Ägäis (Ägypten) entdeckt. Man kann heute von einer weitaus günstigeren Überlieferungslage als zu Evans’ Zeit ausgehen. Und dennoch kann man immer noch die großen offenen Fragen zur minoischen Kultur nicht leicht beantworten. Die moderne archäologische Forschung kann zwar Zweifel an den alten Thesen äußern, diese jedoch nur selten durch plausiblere Modelle ersetzen. Auch in der Zukunft wird es den Archäologen nur schwer gelingen, die Minoer wirklich zu verstehen. Solange wir keine umfangreichen, lesbaren schriftlichen Quellen haben, ist es unmöglich, in die Mentalität und die intellektuellen Leistungen dieser Kultur einzudringen. Auch wenn die minoischen Schriften (›Kretische Hieroglyphen‹ und Linear A) irgendwann entziffert werden, ist es wahrscheinlicher, dass uns die spärlichen erhaltenen Texte weniger Antworten, als vielmehr neue schwierige Fragen mit auf den Weg geben werden.

Die oben erwähnte intellektuelle Bewegung der ›New Archaeology‹ und konkreter die neue Fülle an Interpretationsmodellen sowie die Bereitschaft für interdisziplinäre Zusammenarbeit haben Themen, Methoden und Ziele der minoischen Archäologie neu definiert. Diese archäologische Disziplin begreift sich nun stärker nicht als Kunst-, sondern als Kulturgeschichte der Antike. Wir interessieren uns nicht mehr nur für die typologischen, stilistischen und chronologischen Aspekte von Bauresten, Bildern und Artefakten, sondern auch für die Menschen, die sie geschaffen, wahrgenommen und benutzt haben. Wir betrachten die materiellen Spuren dieser Kultur nicht als Selbstzweck – in anderen Worten: um ihrer selbst willen –, sondern als Mittel zum Zweck. Und dieser Zweck kann kein anderer sein, als kulturelle Praktiken zu rekonstruieren. Wir bemühen uns, eine konkretere Vorstellung von den Wahrnehmungs- und Verwendungskontexten zu gewinnen, in denen gebaute Räume, Bilder und Artefakte ihren konkreten sozialen Sinn erfüllten. Wir streben nach einer Rekonstruktion minoischer Realitäten, die nicht nur die Bereiche der traditionellen Forschung, sondern auch neue Themenfelder erfassen. Es geht nicht nur um soziale und politische Strukturen, Architektur, Kunst, Handwerk, Religion, Administration, Außenbeziehungen etc., sondern auch um Alltag, wirtschaftliche und symbolische Strategien, kulturelle Identität von Individuen und Kollektiven, Konsum, Wahrnehmung von Natur- und Tierwelt, Architektur, Menschen und Dinge, Materialität der Bilder und Artefakte, soziale Ordnungen von Räumen und Dingen, Feste, Geschlechter sowie ihre sozialen Konstruktionen und Rollen, Körper und Sinne. Bei all diesen Bemühungen soll unser Hauptaugenmerk stets nicht auf Prozessen und abstrakten Konzepten, sondern auf den Akteuren selbst liegen, den minoischen Menschen, denen alle materiellen Spuren dieser Kultur ihren Existenzgrund verdanken. Die neuen Konzepte, Methoden und Themen dürfen die traditionellen Fragestellungen nicht verdrängen, sondern nur erweitern und dadurch ein möglichst differenziertes und umfassendes Bild von minoischen Realitäten bieten. Denn die großen Fragen, welche die Forscher von Beginn an beschäftigten, sind noch unbeantwortet und stellen uns weiterhin vor große wissenschaftliche Herausforderungen: Wie und wann entstanden und endeten die minoischen Paläste? Was war ihre eigentliche Funktion? Wie wirkte sich der Vulkanausbruch von Thera auf die kulturelle Entwicklung Kretas aus? Was für eine Sprache oder Sprachen stecken hinter den minoischen Schriftsystemen? Wie lassen sich politische und soziale Strukturen rekonstruieren?

Durch neue spektakuläre Entdeckungen und durch die geduldige Arbeit von Archäologen auf dem Feld, in den Museumsmagazinen und am Schreibtisch entstehen immer mehr neue Fragen. Das Bild, das wir von der minoischen Kultur haben, wird dabei eigentlich nicht klarer, sondern immer komplexer. Evans’ evolutionistisches Denken und konkreter die Vorstellung von einem Prozess der ständigen Entwicklung bis zum Ende einer Kultur bildet sicherlich eine allzu vereinfachte Darstellung der historischen Realität, in der Stabilität und Fortschritt mit Brüchen und Rezessionen alternieren. In den vergangenen Jahrzehnten ist die Geschichte der minoischen Kultur mit einem viel zu starken Fokus auf Knossos behandelt worden. Obwohl dieses Zentrum tatsächlich den Kern dessen bildet, was wir als minoische Kultur fassen und verstehen, dürfen wir keinesfalls vergessen, dass wir uns nicht mit der Geschichte eines einzelnen Ortes, sondern der gesamten Insel auseinandersetzen müssen. Jeder Blick auf das minoische Kreta macht notwendig, dass man nicht nur eine, sondern mehrere lokale Geschichten erzählt, die je nach Periode konvergieren oder divergieren können und als Ganzes die ›minoische Kultur‹ ausmachen. Die Grabungen der letzten Jahrzehnte haben mehrere Gebäude in Archanes, Petras, Galatas und vielleicht auch Pretoria/Damantri freigelegt, die man als Paläste bezeichnen könnte. Ein weiterer Palast wird in Chania vermutet. Die Vielzahl an Palastbauten und das Fehlen von eindeutigen Herrscherdarstellungen gaben Anlass zu einer neuen Deutung dieser monumentalen Strukturen, die von der traditionellen Vorstellung von Königen und königlichen Residenzen deutlich Abstand genommen hat. Trotz der beiden nicht leicht zu vereinbarenden Positionen trägt die Debatte, die dadurch entfacht wurde, wesentlich zu einer Schärfung unseres analytischen Blickes und letztendlich zu einem besseren Verständnis der sozialen Strukturen dieser Kultur bei.

Diese und andere Fragen werden uns in den nächsten Jahrzehnten sicherlich weiterhin begleiten. Die minoische Archäologie ist bestens gewappnet, um solchen großen Herausforderungen zu begegnen. Das traditionelle archäologische ›Handwerk‹ wurde in den letzten Jahrzehnten durch neue Dokumentationstechniken und Methoden erweitert und bietet uns heute ein sehr vielfältiges Instrumentarium. Neben den zahlreichen kulturtheoretischen Konzepten, die die minoische Archäologie aus anderen geisteswissenschaftlichen Disziplinen übernahm, hat sie sehr intensiv mit den Naturwissenschaften zusammengearbeitet. Die verschiedenen Methoden zur absoluten Chronologie (Radiokarbonmethode, Dendrochronologie, Eiskernanalyse), die petrografischen, spektroskopischen und chemischen Analysen zur Bestimmung der Zusammensetzung und Herkunft von verschiedenen Materialien, die Anwendung von elektronischen Mikroskopen, diverse Methoden für die Untersuchung von menschlichen und tierischen Knochen sowie pflanzlichen Überresten und schließlich geologische und geografische Methoden haben der minoischen Archäologie, wie auch vielen anderen archäologischen Disziplinen, ein ganz neues Profil und neue Möglichkeiten gegeben. Hinzu kamen in den letzten Jahren die digitalen Dokumentations- und Visualisierungstechniken (GIS-Systeme, 3D-Laserscanner, Totalstationen etc.), welche die archäologische Arbeit revolutioniert haben. Dadurch ist es noch deutlicher geworden, dass der Archäologe kein Schatzsucher, sondern ein ›Forensiker der Antike‹ ist. Sein Ziel ist es nicht, Objekte zu finden und zu bergen, sondern antike ›Tatorte‹ mit einem eindrucksvollen Aufgebot an archäologischen, digitalen und naturwissenschaftlichen Methoden zu sichern und genauestens zu dokumentieren, damit er Handlungen, Lebensweisen und Prozesse rekonstruieren kann. Vor uns steht eine sehr spannende Zeit. Die kretische Erde, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts den suchenden Archäologen mit spektakulären Entdeckungen belohnte, hat immer noch sehr viel zu bieten. Das zeigen die überraschenden Funde der letzten Jahre, die weiterhin Staunen hervorrufen. Dabei versprechen die neuen Methoden und Herangehensweisen, die ständig weiterentwickelt werden, die historische Aussagekraft von alten und neuen Funden voll auszuschöpfen. Das Wissensabenteuer geht weiter!

Literatur

Brown, Ann 1983: Arthur Evans and the Palace of Minos, Oxford

Evans, Joan 1943: Time and Chance. The Story of Arthur Evans and his Forebears, London/New York, S. 309–396

Hatzidakis, Iosif 1931: Ιστορία του Κρητικού Μουσείου και των αρχαιολογικών ερευνών εν Κρήτη, Athen

Horwitz, Sylvia 1981: The Find of a Lifetime: Sir Arthur Evans and the Discovery of Knossos, New York

Huxley, Davina (Hg.) 2000: Cretan Quests. British Explorers, Excavators and Historians, London

Huxley, George 1968: Minoans in Greek Sources. A Lecture, Belfast

Karadimas, Nektarios 2015: The Unknown Past of Minoan Archaeology. From the Renaissance until the Arrival of Sir Arthur Evans in Crete, in: Cappel, Sarah u. a. (Hgg.): Minoan Archaeology: Perspectives for the 21st Century, Louvain-la-Neuve, S. 3–15

Karo, Georg 1959: Greifen am Thron. Erinnerungen an Knossos, Baden-Baden

McDonald, William/Thomas, Carol 1990: Progress into the Past. The Discovery of Mycenaean Civilization, 2. Auflage, Bloomington – Indianapolis

Marinatos, Nanno 2015: Sir Arthur Evans and Minoan Crete. Creating the Vision of Knossos, London/New York

Muhly, James/Sikla, Evangelia (Hgg.) 2000: One Hundred Years of American Archaeological Work on Crete, Athens

Niemeier, Wolf-Dietrich 1995: Die Utopie eines verlorenen Paradieses: Die Minoische Kultur als neuzeitliche Mythenschöpfung, in: Stupperich, Reinhard (Hg.) 1995: Lebendige Antike. Rezeptionen der Antike in Politik, Kunst und Wissenschaft der Neuzeit, Mannheim, S. 195–206

Scuola Archeologica Italiana di Atene (hg. Institution) 1984: Creta Antica. Cento anni di archeologia italiana (1884–1984), Rom

2 Seager, Richard B. 1912: Explorations in the Island of Mochlos, Boston – New York, S. 3.

3 Platon, Minos, 320d.

4 Hatzidakis, Iosif 1931: Ιστορία του Κρητικού Μουσείου και των αρχαιολογικών ερευνών εν Κρήτη, Athen, S. 9, Anm. 1.

2 Das chronologische Gerüst

»Study problems, not periods.« (Lord Acton)5

Der wichtigste Ausgangspunkt der archäologischen Arbeit besteht in der Aufgabe, die vergangene Zeit in Perioden zu gliedern, welchen man dann die materiellen Zeugnisse einer antiken Kultur systematisch zuweisen und sie dadurch datieren kann. Je präziser dieses System der aufeinanderfolgenden Phasen (relative Chronologie) ist, desto genauer wird die Rekonstruktion des Entwicklungsablaufs einer Kultur. Die relative Chronologie des minoischen Kreta geht auf Sir Arthur Evans zurück, der Anfang des 20. Jahrhunderts ein dreigeteiltes Chronologie-System für die Entwicklung dieser Kultur einführte. Die drei Hauptperioden (Früh-, Mittel- und Spätminoikum) entsprechen mehr oder weniger den drei wichtigsten historischen Perioden der ägyptischen Kultur (Altes, Mittleres und Neues Reich). Sie sind in jeweils drei Phasen unterteilt, die mit den römischen Zahlen I, II und III bezeichnet werden. Die Grundlage für die Definition der Perioden und Phasen bot, wie es bei den meisten Chronologie-Systemen prähistorischer Kulturen der Fall ist, die Keramik. Sie ist die einzige archäologische Gattung, anhand der man den Lauf der Zeit aufgrund ihrer Fülle und des ständigen Wechsels in Tonart, Form und Dekor in feinere Zeitabschnitte gliedern kann. Das Evans’sche System wurde später für die relative Datierung der Kulturentwicklung in den beiden anderen ägäischen Regionen übernommen (griechisches Festland und Kykladen). Trotz seines sehr schablonenhaften Charakters, den bereits Evans selbst erkannt hatte, ist es bis heute gültig geblieben, obwohl man schnell festgestellt hat, dass die Etappen der minoischen Kulturentwicklung, die sicherlich nicht symmetrisch zueinander verliefen, nicht so einfach an die starre, zweifache Dreiteilung dieser Chronologie angepasst werden konnten. Die nachfolgenden Archäologengenerationen haben lediglich versucht, ›kosmetische‹ Korrekturen an Evans’ Chronologie-Gebäude vorzunehmen, indem sie die neun Phasen seines Systems je nach Bedarf in zwei oder drei Subphasen unterteilten (z. B. Mittelminoisch II A und B oder Spätminoisch III A, III B, III C). In einigen Fällen wurden nach intensiven Untersuchungen der relevanten Keramikgruppen auch diese Subphasen in kleineren Zeitabschnitten gespalten (z. B. Spätminoisch III A:1 und III A:2). Dadurch hat man ein etwas präziseres chronologisches Instrument mit Subphasen erhalten, deren Dauer in einigen Fällen nur ein paar Jahrzehnte umfasst.

Auch wenn mit diesen Eingriffen eine strukturelle Schwäche der Evans’schen Chronologie teilweise behoben wurde, müssen wir immer noch mit einem weiteren und noch schwierigeren Problem kämpfen. Dieses besteht darin, dass die Zäsuren der einzelnen Zeitabschnitte in vielen Fällen mit keinen archäologisch greifbaren Ereignissen (z. B. Zerstörungshorizonten) zusammenfallen und daher beliebig nach oben oder nach unten verschoben werden können. Zwischen der letzten Phase des Neolithikums und dem Beginn der Bronzezeit geschieht, abgesehen von langsamen sozialen Prozessen, nichts, was man als konkretes Ereignis archäologisch fassen kann. Dasselbe gilt für die fiktiven Zäsuren zwischen den Perioden FM und MM sowie zwischen MM und SM und auch zwischen vielen Subphasen. Diese Perioden, die sich eigentlich nur durch besondere Keramikwaren identifizieren lassen, gehen in vielen Fällen ohne erkennbare Brüche oder Veränderungen ineinander über. Will man nun die chronologische Entwicklung tabellarisch darstellen, wäre es eigentlich sinnvoller, die einzelnen Perioden nicht durch Linien zu trennen, die Zäsuren angeben, sondern durch Farbe, die sich in der Mitte verdichtet und an ihren jeweiligen Rändern (Beginn bzw. Ende) verblasst (s. Abb. 3). Ein weiteres Problem dieses Datierungssystems stellt die Tatsache dar, dass es im Prinzip auf der Grundlage von knossischen Befunden erarbeitet wurde und nicht ohne Weiteres als ein zuverlässiges Kriterium für die chronologische Gliederung von Perioden in allen anderen Inselregionen betrachtet werden kann.

Ein alternatives Datierungssystem, das vom griechischen Archäologen Nikolaos Platon in den 1950er-Jahren vorgeschlagen wurde, bietet zwar eine sehr überlegenswerte Möglichkeit der parallelen Datierung, ist allerdings mit einer großen Schwäche behaftet. Platons zeitliche Gliederung orientiert sich nicht an der Keramik, sondern an der Baugeschichte der Paläste. Dadurch wird die Entwicklung der minoischen Kultur in vier große Perioden unterteilt: Vor-, Alt-, Neu- und Spätpalastzeit. Diese großen Perioden haben ganz klare Zäsuren, die teilweise auch archäologisch fassbar sind. Dies betrifft jedoch weniger die dunklen Anfänge der Paläste, als vielmehr die einander abwechselnden Episoden von Zerstörung und Wiederaufbau, die sehr konkrete Spuren hinterlassen haben. Diese Zäsuren bieten zugleich wichtige Wendepunkte in der minoischen Kulturabfolge. Die Hauptschwäche des alternativen Datierungssystems ist allerdings offensichtlich: Platons vier Perioden bestehen aus zu langen und zu unpräzisen Zeitabschnitten, um die minoische Kulturentwicklung zu strukturieren und Prozesse, Bauten oder Artefakte zu datieren. Für eine feinere Unterteilung dieser Perioden ist die Forschung immer noch auf Evans’ schablonenhaftes Gliederungsschema angewiesen:

Tab. 1: Perioden der minoischen Kulturgeschichte


Auch die Geschichte der Paläste bietet also keine sichere Grundlage für die Gliederung der historischen Zeit in Perioden mit klaren zeitlichen Grenzen, da man immer noch über die endgültige Zerstörung des Palastes von Knossos (in der frühen SM III A:2- oder am Ende der SM III B-Periode) debattiert. Darüber hinaus ist der Begriff ›Nachpalastzeit‹ für die Periode nach SM I B nicht ganz korrekt, da mindestens ein Palast (Knossos) für mindestens ein paar Generationen oder sogar Jahrhunderte weiter existierte. Der sich langsam etablierende Begriff ›Spätpalastzeit‹ als Definition dieses Zeitabschnitts entspricht daher besser den archäologischen Tatsachen. Rezente Funde aus der Altstadt von Chania, darunter auch Linear-B-Täfelchen, machen sogar die Existenz eines zweiten kretischen Palastes bzw. eines administrativen Zentrums in dieser spätpalastzeitlichen Periode sehr wahrscheinlich, das erst am Ende der SH III B-Periode zerstört wurde. Dadurch wird der Begriff ›Nachpalastzeit‹ eigentlich obsolet, denn er bezeichnet eine Periode, in der mindestens ein Palastzentrum noch existierte.

Die beiden obengenannten Systeme werden nun seit einiger Zeit parallel nebeneinander verwendet: Das präzisere Evans’sche System als chronologisches Instrument für Datierungen, Platons System als chronologisches Gerüst für die Differenzierung der wichtigsten Entwicklungsetappen der minoischen Kultur. In der Zukunft könnte man sich eventuell auf eine konsequentere Kombination beider Systeme einigen. Es erscheint sehr sinnvoll, dass man Platons architektonische Periodenbezeichnungen mit sehr klaren Zäsuren als Grundlage nimmt und sie für eine feinere Datierung in Phasen der Keramikchronologie unterteilt, wie z. B. Altpalastzeit I, II, III. Diese Unterteilung sollte nicht nach einem symmetrischen Prinzip, wie in Evans’ System, erfolgen, das heißt durch eine erste Dreiteilung in Phasen und eine zweite in Subphasen, sondern sich nur an tatsächlich erkennbaren, unterschiedlichen Phasen der Keramikentwicklung orientieren. Die Vorpalastzeit könnte z. B. fünf, die Altpalastzeit drei und die Neupalastzeit vier Phasen haben. Sehr hilfreich wäre dabei die Methode der vergleichenden Stratigrafie, deren Ziel darin besteht, die stratigrafischen Abfolgen (d. h. die übereinander liegenden Schichten verschiedener Besiedlungsphasen) wichtiger minoischer Fundorte miteinander zu synchronisieren. Erst wenn wir eine umfassende Vorstellung gewinnen, wie sich lokale Keramikabfolgen zueinander verhalten, können wir Phasen einer gesamtkretischen – d. h. minoischen – Chronologie festlegen. Erste Versuche einer vergleichenden Stratigrafie sind bereits von mehreren Seiten unternommen worden. Was noch fehlt, ist eine Bündelung dieser Untersuchungen in einem neuen Chronologie-Modell. Es versteht sich von selbst, dass dieses Unternehmen nicht die Leistung einer einzelnen Person, sondern eher eine kollektive Anstrengung sein muss, die bis heute leider noch aussteht.


Abb. 3: Systematische Chronologie

Die minoische absolute Chronologie ist mit ihren eigenen Problemen behaftet. Sie wurde für lange Zeit ausschließlich durch die traditionelle historisch-archäologische Methode ermittelt, deren Grundlage die Synchronismen der ägäischen Kulturen mit den besser zu datierenden Kulturen Ägyptens und des Vorderen Orients bildeten (traditionelle oder niedrige Chronologie). Erst seit den 1970er-Jahren werden systematisch naturwissenschaftliche Datierungsmethoden (in erster Linie die Radiokarbonmethode und die Dendrochronologie) eingesetzt, die für eine wesentlich höhere absolute Datierung einzelner Phasen der ägäischen Kulturen, insbesondere vor der Mitte des zweiten Jahrtausends v. Chr., sprechen (neue oder hohe Chronologie). Die zeitliche Diskrepanz zwischen den beiden Systemen ist in einzelnen Phasen beträchtlich und kann über ein Jahrhundert betragen. Dreh- und Angelpunkt der hohen absoluten Chronologie stellt der Vulkanausbruch auf Thera (Santorin) dar. Eine Serie von 14C-Daten (Radiokarbonmethode) und insbesondere die Datierung des Astes eines in der Bimssteinschicht entdeckten Olivenbaumes etwa sieben Kilometer von Akrotiri entfernt um 1613 v. Chr. (± 13 Jahre) schien zunächst eindeutig für die hohe Chronologie zu sprechen. Mehrere Forscher haben allerdings die Zuverlässigkeit dieser Datierung, die einige methodische Schwachpunkte aufweist, angezweifelt. Das größte Problem der hohen absoluten Chronologie ist ihre Unvereinbarkeit mit archäologischen Synchronismen und insbesondere ihre deutliche Diskrepanz zum System der aufgrund von naturwissenschaftlichen und archäologischen Zeugnissen solideren ägyptischen Chronologie. Der Begriff ›archäologischer Synchronismus‹ bezieht sich auf die Feststellung von zeitlich übereinstimmenden Schichten zweier unterschiedlicher Fundorte oder Perioden in zwei unterschiedlichen Kulturregionen, die durch Importe bzw. Exporte hergestellt werden kann. Jeder ägäische Archäologe, der die Fülle der ägyptischen schriftlichen Quellen und die Präzision altägyptischer Kalenderdaten bestaunt, fühlt sich geneigt, eher für die niedrige (traditionelle) Chronologie zu plädieren. Dies scheinen nun neue Kalibrierungskurven zu bestätigen, die für eine Chronologie der Vulkaneruption von Thera im 16. Jahrhundert v. Chr. sprechen. Wegen dieser Unsicherheiten und vor allem wegen der Schwierigkeit einer präzisen Datierung wird in diesem Buch generell vermieden, absolute chronologische Daten zu nennen. Dies wird nur gelegentlich als Orientierung für den Leser gemacht. In all diesen Fällen wird hier aufgrund des jetzigen Forschungsstandes eine Chronologie übernommen, die – rein konventionell – von einer Datierung des Vulkanausbruchs von Thera um die Mitte des 16. Jahrhunderts v. Chr. ausgeht.

Literatur

Evans, Arthur 1906: Essai de classification des époques de la civilisation minoenne, London

Höflmayer, Felix 2012: Die Synchronisierung der minoischen Alt- und Neupalastzeit mit der ägyptischen Chronologie, Wien

Manning, Sturt W. 1995: The Absolute Chronology of the Aegean Early Bronze Age, Sheffield

Manning, Sturt W. 1999: A Test of Time. The Volcano of Thera and the Chronology and History of the Aegean and East Mediterranean in the Mid Second Millennium BC, Oxford

Momigliano, Nicoletta (Hg.) 2007: Knossos Pottery Handbook. Neolithic and Bronze Age (Minoan), London

Niemeier, Wolf-Dietrich 1985: Die Palaststilkeramik von Knossos. Stil, Chronologie und historischer Kontext, Berlin

Pearson, Charlotte L. u. a. 2018: Annual Radiocarbon Record Indicates 16th Century BCE Date for the Thera Eruption, Science Advances, Vol. 4, Nr. 8, DOI: 10.1126/sciadv.aar8241

Platon, Nikolaos 1961: Chronologie de la Crète et des Cyclades à l’Âge du Bronze, in: Bersu, Gerhard (Hg.): Bericht über den V. Internationalen Kongress für Vor- und Frühgeschichte, Hamburg 1958, Berlin, S. 671–674

Warburton, David (Hg.) 2009: Time’s Up! Dating the Minoan Eruption of Santorini: Acts of the Minoan Eruption Chronology Workshop, Sandbjerg, November 2007, initiated by Jan Heinemeier and Walter L. Friedrich, Athens

Warren, Peter/Hankey, Vrowney 1989: Aegean Bronze Age Chronology, Bristol

5 Acton, John Emerich Edward Dalberg 1906: Inaugural Lecture on the Study of History. Delivered at Cambridge, June 1895, in: Figgis, John Neville/Vere Laurence, Reginald (Hgg.): John Emerich Edward Dalberg, Lord Acton, Lectures on Modern History, London, S. 1–31.

3 Kreta als fordernde und fördernde Landschaft

»The precipitous character of the country split the island up in separate hermetic worlds so that thunderous events taking place two mountain ranges away were reduced by distance to faint murmurs.« (Patrick Leigh Fermor)6

Jeden Frühling, wenn der Schnee in den kretischen Bergen noch nicht geschmolzen ist, kann man Zeuge eines eindrucksvollen Naturschauspiels werden: Anhaltende Südwinde befördern Sahara-Staub über das Libysche Meer, der wie ein dicker Schleier die gesamte Insel umhüllt. Wenn die Atmosphäre aufklart, sind die schneebedeckten Abhänge des Psiloritis braungefärbt. Dieser höchste kretische Berg, wo sich im periodischen Zeitrhythmus Wüstenstaub auf Schnee ablagert, kann als Sinnbild für die besondere geografische Lage Kretas zwischen Orient und Okzident betrachtet werden, eine Lage, die in der Geschichte der Insel von der Frühzeit bis in die Gegenwart zugleich Segen und Fluch gewesen ist. Am südlichen Rand der Ägäis gelegen, an einem Punkt, an dem sich maritime Wege kreuzen, die drei Kontinente miteinander verbunden haben, war Kreta dafür prädestiniert, als Brücke zwischen verschiedenen Regionen und Kulturen zu dienen. Das Meer war nicht nur Verbindungsweg, sondern auch Barriere, welche die Insel vor äußeren Feinden schützte und der lokalen Bevölkerung in bestimmten Perioden die Möglichkeit eines Lebens in ›wunderbarer Isolation‹ bot. In anderen Perioden allerdings fiel die Insel wegen ihrer hervorragenden strategischen Lage dem Expansionsdrang fremder Mächte zum Opfer und wurde kontrolliert oder unterworfen. Die Ambivalenz ihrer Lage hat die Geschichte Kretas von der Bronzezeit bis in die Gegenwart geprägt.

Ohne in einen geografischen Determinismus verfallen zu wollen, kann es keinen Zweifel daran geben, dass Geografie und Klima einen entscheidenden Einfluss auf die kulturelle Entwicklung vormoderner Gesellschaften ausübten. Diese beiden, sich sehr langsam oder überhaupt nicht verändernden, Naturelemente und insbesondere die Geografie haben stets ein gewisses Feld an Möglichkeiten abgesteckt, innerhalb dessen jede Kultur einen beliebigen Entwicklungslauf nehmen konnte, ohne jedoch die Grenzen dieses Feldes überschreiten zu können. In anderen Worten: Zwar können Geografie und Klima nicht den genauen Verlauf einer kulturellen Entwicklung bestimmen, wohl aber ihre Möglichkeiten und Grenzen. Und diese Möglichkeiten waren im Fall der an natürlichen Ressourcen unerschöpflichen kretischen Landschaft gewaltig.

Bevor man allerdings beginnt, die geografischen Voraussetzungen zur dynamischen Entwicklung der minoischen Kultur etwas genauer zu erläutern, muss man die entscheidende Frage beantworten, wie gut wir die kretische Landschaft und das kretische Klima in der Bronzezeit kennen. Dürfen wir davon ausgehen, dass das moderne Erscheinungsbild und Klima der Insel jenen des minoischen Kreta ungefähr entsprechen? Oder haben sie sich durch die Jahrtausende stark verändert? Die Insel und ihre dynamische Landschaft sind das Ergebnis von enormen geologischen Kräften, die fast überall ihre Spuren hinterlassen haben und immer noch am Werke sind. Im Holozän, dem jüngsten Zeitabschnitt der Erdgeschichte, der weitgehend parallel zum Neolithikum und zur Bronzezeit verläuft, ist es vor allem die ununterbrochene seismische Aktivität, die die kretische Erde in periodischen Abständen erschüttert, ohne sie allerdings wesentlich zu verändern. Nur der Verlauf der Küstenlinie hat sich in mehreren kretischen Regionen durch Erhebung oder Senkung des Wasserspiegels bzw. Hebung der Landmasse aufgrund tektonischer Aktivität dramatisch verändert. Nach dem verheerenden Erbeben von 365 n. Chr., das im gesamten ostmediterranen Raum zahlreiche Städte und Siedlungen zerstörte, wurde der kretische Hafen von Phalassarna trockengelegt und Teile der südwestlichen Küstenlinie der Insel in eine Höhe von bis zu neun Metern angehoben. Im Ost- und Südteil der Insel hingegen lässt sich in mehreren Regionen eine deutliche Senkung von Küstenabschnitten (2–4 Meter) als Ergebnis mehrerer tektonischer Ereignisse beobachten, sodass minoische Hafenanlagen heute zum Teil unter Wasser liegen. Am deutlichsten sind diese Veränderungen im Fall der kleinen Insel Mochlos zu beobachten, die in minoischer Zeit durch eine schmale Landzunge mit dem kretischen Festland verbunden war und eine Halbinsel bildete. Die Insel Kreta bewegt sich immer noch und dies tut sie – wie die dort arbeitenden Vermessungsingenieure besonders gut wissen – nicht nur während der zahlreichen Erdbeben. Trotz dieser langsamen Bewegung oder der periodischen Erschütterungen blieb das geomorphologische Erscheinungsbild der Landschaft größtenteils – wenn auch nicht zur Gänze – unverändert. Eine Region, die in den frühen Etappen der minoischen Kultur anders ausgesehen hat, ist die westliche Mesara-Ebene. Das flache Land, das sich heute von Phaistos bis zur Küste erstreckt, ist das Produkt alluvialer Verlandungsprozesse, die erst im Laufe des dritten Jahrtausends v. Chr. das Erscheinungsbild dieser Region stark veränderten. Im frühen dritten Jahrtausend v. Chr. lag das Meer wesentlich näher an Phaistos und Ajia Triada. Es ist ferner sehr wahrscheinlich, dass auch in späteren Perioden der minoischen Kultur ein See bzw. ein sumpfiges Gelände direkt südöstlich von Phaistos existierten.

Was die Vegetation und das Klima betrifft, sind unsere Kenntnisse sehr lückenhaft. Archäologische Funde bestätigen, dass die Insel in minoischer Zeit – genauso wie heute – von der mediterranen Trias dominiert war, nämlich dem Anbau von Getreide, Oliven und Wein. Man kann davon ausgehen, dass ein großer Teil der kretischen Landschaft von der mediterranen Macchia überdeckt war, während im Tiefland Blumen, Zwergsträucher, Zypressen und Eichen und in den höheren Lagen Aleppokiefern und Platanen wuchsen. Die Berghänge müssen mit Kräutern aller Art übersät gewesen sein, die von der Antike bis heute für ihre therapeutischen Kräfte und ihren unnachahmlichen Geschmack inner- und außerhalb der Insel begehrt waren. Dennoch bleibt eine große Frage noch offen: War Kreta, dessen Berge sich uns heute größtenteils karg präsentieren, dicht bewaldet? Antike Quellen, die über historische Perioden nach dem Ende der minoischen Kultur berichten, geben uns widersprüchliche Informationen. Es darf als sicher gelten, dass in der Antike die Teile der Insel, die von Wäldern bedeckt waren, größer waren als heute. Es ist ferner sehr wahrscheinlich, dass die systematische Abholzung der kretischen Landschaft bereits in der Bronzezeit begann, als die Entwicklung der Metallurgie und der Schifffahrt enorme Mengen an Holz verschlungen hat, um es als Brennstoff bzw. Baumaterial zu nutzen.

Die Forschung zum kretischen Paläoklima geht nur von leichten Veränderungen zwischen der Bronzezeit und der Gegenwart aus. Neben klimatischen Daten sind es hier auch archäologische Indizien, die für ein etwas milderes Klima in der Bronzezeit – oder zumindest in einem Teil dieser Periode – sprechen. Die Existenz von zahlreichen alt- und neupalastzeitlichen Siedlungen bis zu einer Höhe von ca. 1200 Metern über dem Meeresspiegel, das heißt deutlich höher als die überwiegende Mehrheit der kretischen Dörfer der Neuzeit und der Gegenwart, sprechen eindeutig für mildere Winter, zumindest wenn man davon ausgeht, dass diese Siedlungen permanent genutzt wurden. Alles in allem lässt sich festhalten, dass uns das heutige Erscheinungsbild der Insel in seinen von modernen Eingriffen unberührten Regionen einen sehr guten Einblick in die einst extrem wechselhafte Lebenswelt der Minoer bietet.

Wie kann man den Einfluss dieses Lebensraumes auf die dynamische kulturelle Entwicklung der Insel in der Bronzezeit etwas konkreter fassen? Was sind die Möglichkeiten und die Grenzen, die die kretische Landschaft den Minoern gesetzt hat? Und wie hat diese Gesellschaft in verschiedenen Etappen ihrer Geschichte auf die Herausforderungen reagiert, die aus ihrer natürlichen Umwelt hervorgegangen sind? Lassen wir zunächst die Zahlen sprechen: Mit einer Gesamtfläche von ca. 8300 km2 ist Kreta die größte griechische und die fünftgrößte mediterrane Insel. Sie erstreckt sich in Ost-West-Richtung über ca. 254 Kilometer und erreicht in ihrem zentralen Teil eine maximale Breite von ca. 56 Kilometern. An ihrer schmalsten Stelle, dem Isthmus von Ierapetra, ist die Nord- von der Südküste nur zwölf Kilometer entfernt. Kretas markantes Charakteristikum sind die Berge, die die Insel in ihrer gesamten Länge durchziehen und das Landschaftsbild mit ihrer erhabenen Präsenz dominieren. Vom höchsten Gipfel Kretas, dem Timios Stavros im Psiloritis-Massiv (dem antiken Berg Ida), kann man in einer Höhe von 2456 Metern an Tagen mit optimalen Sichtverhältnissen nicht nur die Ägäis und das Libysche Meer sehen, sondern auch einen großen Teil der Insel, die sich wie ein riesiges Segelschiff auf dem Meer zu bewegen scheint. Kreta ist größer, als man denkt. Die modernen Karten, die alles in geometrischen Abständen erfassen, vermitteln einen verzerrten Eindruck von der Größe und Komplexität der Landschaft, die durch die dominanten bergigen Regionen nach oben wächst und dem Besucher fast doppelt so groß wie auf der Karte erscheint. Der britische Archäologe John Pendlebury, der fast die gesamte Insel zu Fuß durchkämmte, hat es treffend erfasst: »Distances are useless. Times alone matter.«7

Diese Insellandschaft ist ein Lebensraum voller dramatischer Kontraste: Bergketten, Hochebenen, steile und sanfte Abhänge, Hügel, kleine und große fruchtbare Täler, hunderte Schluchten, die bleibenden Spuren der Wasseraktivität, welche die Insel in Nord-Süd-Richtung durchziehen und an kleinen Buchten enden, und schließlich eine über 1000 Kilometer lange Küstenlinie, die wegen des nahen Herantretens der Berge an längeren Abschnitten steil ist und nur verhältnismäßig wenige natürliche Häfen bietet. Kreta ist dadurch in unzählige Mikroregionen zersplittert, die den Lebensraum von einer oder mehreren Siedlungen bilden. In ihnen zeigt sich die Landschaft in einer unglaublichen Vielfalt, die man an den stets wechselnden naturräumlichen Elementen, an den zahlreichen Bezugspunkten des Blickes und schließlich an den bewegten und immer ungeraden Linien der Hügel und Berge erkennt. Durch die Kleinteiligkeit der kretischen Regionen ist der menschliche Lebensraum klein, in sich geschlossen und überschaubar. Seine Grenzen können schnell, höchstens im Fußmarsch eines Tages erreicht werden. Der Mensch lebt im Zentrum einer kleinen geografischen Einheit, die er immer mit seinem Blick erfassen bzw. mit wenig Mühe begehen kann und fühlt sich daher als Maß aller Dinge, was in ihm das Gefühl eines sehr harmonischen Verhältnisses zur Natur hervorruft. Dieses immer neu aufgefaltete Land mit seinen abrupten oder fließenden Übergängen formt in entscheidendem Maße das Leben einer Gesellschaft und zwar auf vielen Ebenen: Es fördert den Regionalismus, bietet eine Vielzahl von natürlichen Ressourcen und besitzt eine Fülle von Orten, die von einer großen spirituellen Kraft durchdrungen sind und über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende hinweg als mythische (Tat-)Orte und Fixpunkte religiöser Erfahrungen fungierten.

Kretas Reichtum an natürlichen Ressourcen wurde bereits in der Antike gepriesen. Ausgedehnte fruchtbare Täler und Hochebenen, welche ideale Weideflächen sind, bieten optimale Voraussetzungen für Ackerbau und Viehzucht, die dieser Inselgesellschaft in jeder Periode ihrer Geschichte das kostbare Geschenk einer wirtschaftlichen Autarkie und damit die unabdingbare Voraussetzung für jede kulturelle Entwicklung sicherten. Kreta konnte dadurch seinen Bewohnern vieles, was auf den anderen ägäischen Inseln fehlte, im Überfluss bieten. Als sarazenische Piraten um 824 n. Chr. (nach anderen Quellen um 827/828 n. Chr.) mit 40 Galeeren Kreta überfielen, machte ihr Anführer Abu Hafs aus dem Raubzug eine Eroberung und gab den Befehl, die eigenen Schiffe in Brand zu setzen. Als er von seinen Männern des Wahnsinns oder Verrates beschuldigt wurde, antwortete er ihnen:

»Worüber klagt ihr? Ich habe euch in ein Land gebracht, wo Milch und Honig fließen.«8

Diese biblische Redewendung für ein Land, wo alles im Überfluss vorhanden war, ist bezeichnend für die idealen naturräumlichen Bedingungen, die auf der Insel herrschten. Sie wurden von der lokalen Bevölkerung seit der neolithischen Zeit intensiv genutzt und bildeten eine sehr solide Grundlage für kulturelle Hochleistungen. Die Insel war in minoischer Zeit sicherlich nicht so stark von den modernen Monokulturen von Oliven und Wein dominiert. Dies war auch keineswegs nötig, um die Bedürfnisse der minoischen urbanen und ländlichen Bevölkerung zu decken. Der Ertrag von einem oder zwei alten Olivenbäumen reichte durchaus für den jährlichen Bedarf einer kleinen Familie. Getreide und Wein wurden zweifellos überall auf größeren oder kleineren Flächen sowohl für eine zentral gesteuerte als auch für eine private Produktion angebaut. Hinzu kamen die Vorteile der üppigen Vegetation, die offensichtlich bereits in minoischer Zeit Öl- und Mandelbäume, Gemüse, Dattelpalmen, Johannisbrotbäume, Ahorn und Esskastanien umfasste. Das einzige und zwar diachrone Problem dieser gesegneten Landschaft war das Wasser. Die großen Talregionen waren nicht gut bewässert und in vormoderner Zeit aufgrund von Sumpfbereichen ungesund. Die Minoer haben daher ihre Siedlungen vor allem an Berghängen und zwar in der unmittelbaren Nähe von Wasserquellen gegründet. Neben dem vegetativen Reichtum verfügte die Insel über verschiedene Rohstoffe, die eine nicht minder wichtige Grundlage für eine dynamische kulturelle Entwicklung darstellten: Zahlreiche Stein- und Holzarten, die von den Minoern extensiv genutzt wurden, waren in verschiedenen Regionen der Insel verfügbar. Eine große, noch offene Frage betrifft hingegen die Metallvorkommen. Oft wird impliziert, offensichtlich unter dem Einfluss des unvermeidlichen Vergleichs mit Zypern, des größten Kupferlieferanten des bronzezeitlichen östlichen Mittelmeers, dass auf Kreta Metalle fehlten oder in wesentlich geringeren Mengen als in anderen mediterranen Regionen verfügbar waren. Wie akut das Problem der Knappheit an lokalen Kupferlagerstätten für die minoische Kultur war, lässt sich immer noch nicht eindeutig sagen. Der französische Archäologe Paul Faure hat in seinen ausgedehnten Oberflächenbegehungen ca. 20 Kupferlagerstätten lokalisiert, die auch in minoischer Zeit hätten genutzt werden können, auch wenn ein definitiver Beweis dafür wegen der heute unbefriedigenden Forschungslage noch fehlt. Ein Hinweis, dass dies tatsächlich der Fall gewesen ist, bieten die reichen Kupfervorkommen der Asterousia-Region, welche, neben anderen Faktoren, die aus diachroner Sicht unerklärlich hohe Bevölkerungsdichte dieser bergigen und kargen Landschaft in der Vorpalastzeit erklären könnten.

Kreta ist eigentlich nur dann eine Insel, wenn man sie von außen betrachtet. Für die kretische Bevölkerung in den verschiedenen Perioden ihrer Geschichte, die in fruchtbaren, von Bergen und Hügeln umgebenen Tälern und Hochebenen lebte, wurde die Insel eher als ein Festland wahrgenommen. Auch für die Reisenden, die sich Kreta über das offene Meer näherten, bot sich der Anblick einer ausgedehnten Küste mit massiven Bergketten im Binnenland, der sich von dem des griechischen oder kleinasiatischen Festlands kaum unterschied. Die kretische Wirtschaftsweise verstärkt den Eindruck einer geografischen Introvertiertheit, die für eine Inselbevölkerung untypisch ist. Kreta war eigentlich zu keinem Zeitpunkt seiner Geschichte eine typische Inselgesellschaft, wie die Kykladen. Das Meer war hier nur eine der vielen wirtschaftlichen Optionen und keine alternativlose Möglichkeit für den Lebensunterhalt der lokalen Bevölkerung, die größtenteils ohnehin nicht vom Meer, sondern von den großen fruchtbaren Landstrichen und den ausgedehnten Weideflächen in den kretischen Bergen lebte. Dieser introvertierte, autarke Charakter der kretischen Bevölkerung, der stärkere Bezug zum Land als zum Meer, ist ein diachrones Merkmal der Inselgeschichte. An nautischen Leistungen standen die Kreter immer den Einwohnern der kleinen ägäischen Inseln (Kykladen und der Dodekanes) nach. In ihrer Volkskunst spielen maritime Themen eigentlich nur selten eine bedeutende Rolle bzw. sie sind kaum existent. Eine auffällige Ausnahme für die meisten der hier erwähnten Aspekte stellt, wie wir unten sehen werden, die Periode des absoluten Höhepunktes der minoischen Kultur in der kretischen Neupalastzeit dar.

Das unverkennbare Merkmal der Insel sind ihre Berge: Fast die Hälfte der Inselfläche besteht aus bergigen Regionen, die über 600 Meter über dem Meeresspiegel liegen. Ihre Bedeutung als prägendes Element des kretischen Lebensraumes war und ist vielfältig. Diese Bedeutung war zunächst aus wirtschaftlicher Sicht für eine vormoderne Gesellschaft weitaus höher als in unserer Zeit. Die imposanten kretischen Berge boten nahezu alles. Viele verfügten über ausgedehnte Hochplateaus, die nicht nur als ideale Weideflächen, sondern auch für den Ackerbau genutzt werden konnten und ferner ideale Bedingungen für die Bienenzucht schufen. Dies galt vor allem für die Region des Psiloritis. Dieser Gebirgsblock gliedert sich in mehrere ›Stockwerke‹, gebildet aus kleinen und großen Hochebenen, die fast etagenartig angeordnet sind. Die Berge waren ferner unerschöpfliche Holzlieferanten und boten auch bis in den Sommer Eis in großen Mengen, ein kostbares Gut in einer Gesellschaft, die keine andere Kühlungsmöglichkeit kannte. Dieses große wirtschaftliche Potenzial der Bergregionen scheinen die Minoer sehr intensiv genutzt zu haben, was eigentlich kaum überraschend ist. Erstaunlich ist jedoch, dass diese bronzezeitliche Bevölkerung bergige Regionen viel besser erschlossen zu haben scheint als jede andere Gesellschaft in der jahrtausendewährenden Geschichte der Insel – die Moderne inbegriffen. Die Errichtung von minoischen Landvillen (wie z. B. in Zominthos und Gaidourofas) in einer Höhe von 1100 bis 1200 Metern, welche, wie bereits erwähnt, die moderne Besiedlungsgrenze der Insel deutlich übersteigt, stellt ein beredtes Zeugnis für diese eindrucksvolle kulturelle Zähmung der Berge dar, in der vielleicht eines der vielen Geheimnisse des ›minoischen Wunders‹ liegt.

Die Berge hatten allerdings neben der wirtschaftlichen auch eine soziale, symbolische und religiöse Dimension. Auch wenn wir über keine expliziten Quellen verfügen, kann es keinen Zweifel daran geben, dass ein großer Teil der minoischen Bevölkerung in ihrer Wirtschafts- und Lebensweise und allen voran in ihrer Mentalität ›Highlander‹ waren, die sich von der Bevölkerung in der Ebene unvermeidlich und bewusst abgrenzten. Das kretische Bergland war darüber hinaus eine sakrale Landschaft mit unzähligen Orten, welche durch ihre besondere Aura zu Kristallisationspunkten religiöser Erfahrungen wurden.

Neben den Bergen, deren Bewältigung und Erschließung den Minoern viel abverlangte, wurde das Leben dieser Inselgesellschaft durch die regelmäßige seismische Aktivität entscheidend geprägt. In der bisherigen Forschung wurden Erdbeben fast ausschließlich als Naturkatastrophen betrachtet, die je nach Intensität lediglich die Rolle einer dramatischen Zäsur für die minoische Kulturentwicklung hatten. Diese vorherrschende Meinung ist allerdings das Ergebnis eines sehr einseitigen und verzerrenden Blickes auf die Vergangenheit. Für eine Gesellschaft, die sie als ein periodisch auftretendes Phänomen wahrnehmen musste, bedeuteten Erdbeben zunächst keine Naturkatastrophen im heutigen Sinn, sondern unabwendbare Naturphänomene, die eine Herausforderung darstellten. Diese Herausforderung gab Anlass für eine Reihe von architektonischen, sozialen, symbolischen und religiösen Maßnahmen, die ihre negativen Auswirkungen vermindern sollten. Aus dieser Perspektive betrachtet dienten Erdbeben – als potenzielle Gefahr, die abgewendet werden musste – auch zur Stärkung und nicht nur zur Schwächung einer Gesellschaft. Man kann es sogar noch provokanter ausdrücken: Wenn man davon ausgeht, dass die Minoer durch die Gefahr regelmäßiger Erdbeben veranlasst wurden, Strategien zu entwickeln, um ihre negativen Auswirkungen zu minimieren, hat die seismische Aktivität aus diachroner Perspektive zur Beständigkeit und nicht zum Zusammenbruch der minoischen Kultur beigetragen.

Alles in allem lässt sich festhalten, dass die Landschaft Kretas die minoische Kulturentwicklung durch das offene Meer, die unzähligen Berge und die regelmäßig auftretenden Erdbeben extrem herausgefordert hat; eine Tatsache, die man als Ausgangspunkt der eindrucksvollen kulturellen Leistungen dieser Gesellschaft betrachten kann. Auf der anderen Seite hat sie die minoische Bevölkerung durch das Geschenk einer weitgehenden Autarkie stark gefördert. Alle lebenswichtigen Naturprodukte und zahlreiche Rohstoffe waren im Überfluss vorhanden. Aus diesem geografischen ›Feld des Möglichen‹, das in der modernen Forschung auch als Affordanz (›Angebotscharakter‹) bezeichnet wird, scheinen die Minoer das Beste gemacht zu haben. Die kretische Landschaft fungierte in ihren unterschiedlichen Rollen als wirtschaftliche Basis, Lebensraum, Kulisse für Feste und Zeremonien und schließlich auch als Inspiration für die Künstler, welche praktische und schöne Dinge aus lokalen Materialien formten. Jede historische Rekonstruktion der minoischen Kultur muss daher als roten Faden die Interaktion zwischen Mensch und Natur haben. Ohne die Umwelt als wichtigsten Bezugspunkt der Kulturentwicklung kann sie weder verständlich noch überzeugend sein.

Literatur

Allbaugh, Leland G. 1953: Crete. A Case Study of an Underdeveloped Area, Princeton, NJ

Amato, Vincenzo u. a. 2014: Geoarchaeological and Palaeoenvironmental Researches in the Area of Ancient Phaistos (Crete, Greece): Preliminary Results, in: Touchais, Gilles u. a. (Hgg.): PHYSIS: l’environnement naturel et la relation homme-milieu dans le monde égéen protohistorique, Leuven – Liège, S. 129–140

Fassoulas, Charalambos G. 2001: Field Guide to the Geology of Crete, Heraklion

Kull, Ulrich 2012: Kreta, Stuttgart

Pendlebury, John D. S. 1939: The Archaeology of Crete. An Introduction, London, S. 1-34.

Rackham, Oliver/Moody, Jennifer 1996: The Making of the Cretan Landscape, Manchester

Siart, Christoph 2010: Geomorphologisch-geoarchäologische Untersuchungen im Umfeld der minoischen Villa von Zominthos. Ein Beitrag zur Erforschung der holozänen Landschaftsgeschichte Zentralkretas, Heidelberg

Watrous, Livingston Vance u. a. 2004: The Plain of Phaistos. Cycles of Social Complexity in the Mesara Region of Crete, Los Angeles

6 Leigh Fermor, Patrick 1998: Introduction, in: Psychoundakis, Georgios, The Cretan Runner. His Story of the German Occupation, London, S. 20.

7 Pendlebury, John D. S. 1939: The Archaeology of Crete. An Introduction, London, S. 7.

8 Genesios, Basileiai 2, 10, 20, in: Kaldellis, Anthony 1998: Genesios, On the Reigns of the Emperors: Introduction, Translation, and Commentary, Canberra, S. 39–40.

4 Etappen: Ein kurzer Abriss der minoischen Kulturentwicklung

»Facts like words are by themselves useless. They must be combined as a means to an end. Their duty is at the lowest to provide the basis of a reasonable theory and at the highest to be the skeleton supporting the living flesh of history.« (John Pendlebury)9

Alle Anfänge sind dunkel und lassen sich als Prozesse oder gar Ereignisse archäologisch sehr schwer fassen. Wann die minoische Kultur beginnt, wissen wir nicht, weil das, was wir als minoische Kultur bezeichnen, ein modernes Konstrukt ist. In den meisten Handbüchern wird ein ›Beginn‹ der minoischen Kultur mehr oder minder mit dem Beginn der Bronzezeit und der Einführung bzw. Verbreitung der Metallurgie gleichgesetzt. Versuchen wir nun, diese kulturelle Entwicklung in ihren wesentlichen Zügen zu skizzieren, indem wir einen kursorischen Blick auf deren wichtigste Etappen wagen.

Das dunkle Jahrtausend (FM I–MM I A)

Das erste Jahrtausend der minoischen Kultur (hauptsächlich das dritte Jahrtausend v. Chr.) ist eine Epoche des langsamen Keimens kultureller Prozesse, die erst um die Jahrtausendwende oder etwas später einen archäologisch fassbaren, monumentalen Ausdruck durch die Errichtung von Megagebäuden mit Palastcharakter finden. Diese lange Periode, die immerhin die Hälfte der gesamten zeitlichen Spanne der minoischen Kultur ausmacht, wird durch eine kontinuierliche, allerdings keineswegs rasante Entwicklung gekennzeichnet. Ihre Anfänge lassen sich –konventionell – spätestens gegen 3100 v. Chr. ansetzen. Warum diese Anfänge kein Ereignis, sondern ein archäologisches Konstrukt und somit eine Konvention sind, zeigt die Tatsache, dass zwischen dem Ende der neolithischen Periode und dem Beginn der Bronzezeit auf Kreta keine Zäsur, sondern eine langsame Entwicklung festzustellen ist. Es gibt keine dramatischen Ereignisse oder Brüche, welche die beiden Perioden voneinander trennen. Es geht hier eher um Kontinuität und eine allmähliche Verdichtung von kulturellen Entwicklungen, die nun mit größerer Deutlichkeit archäologisch sichtbar sind. Die minoische Kultur hat daher keinen eindeutig greifbaren bronzezeitlichen Beginn. Ihre Ursprünge verlieren sich in der neolithischen Periode.

Auf der Suche nach einem Ereignis oder einem Prozess, der den Beginn einer neuen Ära markiert, wurde oft eine Migration aus einer oder mehreren Regionen außerhalb Kretas angenommen. Die Keramik der ersten frühbronzezeitlichen Phase auf Kreta (FM I) zeigt tatsächlich Affinitäten mit der Keramikproduktion der Kykladen, des griechischen und kleinasiatischen Festlandes, ja sogar der Levante. Um diese Entsprechungen zu erklären, muss man allerdings nicht unbedingt die physische Präsenz von Migranten auf der Insel voraussetzen. Eine Intensivierung der maritimen Verbindungen zwischen Kreta und seinen Nachbarregionen könnte auch eine Reihe von kulturellen Innovationen erklären, die nun in der materiellen Kultur der Insel fassbar werden. Es ist daher viel wahrscheinlicher, dass die minoische Kultur grundsätzlich das Ergebnis einer indigenen Entwicklung war.

Die FM I-Keramik bietet den besten Beweis, dass die sich neu formierende Inselgesellschaft fortschrittlicher als die neolithische war. Die Tongefäße sind besser hergestellt und gebrannt, der Ton wird härter, die Formen und der Dekor werden variantenreicher und anspruchsvoller. Diese Entwicklung in der kretischen Keramikproduktion war gewiss nicht der Auslöser eines komplexeren technischen und sozialen Fortschritts, sondern lediglich Teil eines generellen Prozesses, der allem Anschein nach durch die ersten regelmäßigen Kontakte mit anderen ägäischen Regionen in Gang gesetzt wurde und auch andere Neuerungen umfasste, wie die Einführung der Metallurgie. Hand in Hand mit dieser Innovation ging auch eine Reihe von sozialen Entwicklungen, die wir archäologisch sehr schwer oder kaum fassen können. Ob sich die Technologie des Brandes bei hohen Temperaturen zuerst in der Keramik- oder in der Metallproduktion entwickelte, lässt sich leider nicht sagen. Es ist wahrscheinlich, dass es eine ständige Interaktion zwischen verschiedenen Neuerungen gab, die letztendlich in einer Förderung und Intensivierung jeder einzelnen von ihnen und der gesamten kulturellen Entwicklung auf der Insel resultierte.

Der Beginn der Bronzezeit als neues technologisches Zeitalter lässt sich ebenfalls nicht eindeutig dokumentieren. Metallfunde sind in der ersten Phase der Bronzezeit (FM I) sehr rar und vermehren sich erst in der nächsten Periode (FM II). Trotz dieser zaghaften Anfänge kann man davon ausgehen, dass die Kenntnis und der allgemeine Gebrauch der Metallurgie sowie die damit verbundene bessere Nutzung der natürlichen Ressourcen einen langsamen, aber kontinuierlichen Fortschritt in Gang setzte, der alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens umfasste und gegen 1950 v. Chr. in der Errichtung von drei Palästen gipfelte. Die Etappen dieser Entwicklung sind leider in einer schriftlosen, vorgeschichtlichen Gesellschaft nur mittelbar und ansatzweise greifbar. Die ›stummen‹ archäologischen Spuren, die uns zur Verfügung stehen, erlauben zwangsweise eine nur grobe Rekonstruktion der vorpalastzeitlichen Gesellschaft Kretas. Das große Problem bleibt, dass diese Periode uns größtenteils nur durch Grabfunde bekannt ist. Diese einseitige Quellengruppe bietet eine zweifelhafte Informationsgrundlage, denn Grabhäuser, Grabbeigaben und Bestattungsriten stellen oft eine Verzerrung sozialer Realitäten dar. Es ist daher unvermeidlich, dass der Archäologe bei seinem Versuch der Rekonstruktion der vorpalastzeitlichen kulturellen Entwicklung mehr zu beschreiben und weniger zu erklären vermag. Daher ist das dritte vorchristliche Jahrtausend auf Kreta eine faszinierende, allerdings weitgehend unbekannte Periode.

Die FM I-Periode (ca. 3100–2650 v. Chr.) lässt sich von der vorangegangenen subneolithischen Phase weniger durch die Existenz von Metallfunden unterscheiden, die, wie bereits erwähnt, nur sporadisch vorkommen, sondern vielmehr durch die Erweiterung des Keramikrepertoires, das eine erste Kulmination in der nächsten Phase erfahren wird. Diese Entwicklung im Bereich der Keramikproduktion geht mit einem deutlichen Zuwachs der Siedlungsdichte und dem Auftauchen von neuen ›Bestattungskulturen‹ einher, deren markanteste Merkmale oberirdische Grabgebäude waren. Wenn man von der Keramik absieht, ist der Bestand an Artefakten sehr gering. Darunter gibt es kaum figürliche oder mit figürlichem Dekor ausgestattete Objekte.

Die zweite vorpalastzeitliche Periode (FM II, ca. 2650–2200 v. Chr.) ist eine Zeit kultureller Weiterentwicklung in allen gesellschaftlichen Bereichen: Der Bevölkerungszuwachs hält an, die Anzahl der Siedlungen steigt, der Gebrauch von Metallen wird häufiger. An diese Entwicklung knüpft sich eine Reihe von neuen kulturellen Errungenschaften, wie der Beginn der Steingefäßproduktion, die Entstehung eines dichten Austauschnetzes zwischen den verschiedenen Inselregionen und die ersten Kontakte auch mit den ostmediterranen Kulturen. Anders lässt sich nämlich der Fund von Gold und vereinzelten Gegenständen orientalischer Herkunft nicht erklären. Dieser Prozess einer allmählichen sozialen Differenzierung, welche die Voraussetzung für hohe kulturelle Leistungen darstellt, findet vor allem in der Grabarchitektur und den Grabbeigaben Ausdruck. Wie diese soziale Ungleichheit entsteht, lässt sich natürlich nicht so einfach sagen. Es ist allerdings sehr wahrscheinlich, dass bestimmte Regionen, Zentren und vor allem Haushalte durch eine effiziente Nutzung der reichen natürlichen Ressourcen der kretischen Landschaft, durch menschliches Geschick und vielleicht auch durch Gewalt zu den Gewinnern des unaufhörlichen gesellschaftlichen Kampfes um politische und wirtschaftliche Macht gehören. Letztere scheint sich allmählich an zwei Orten zu verdichten, deren Erfolgsgeschichte bereits im Spätneolithikum begonnen hat, nämlich Knossos und Phaistos. Neben diesen beiden Zentren blühen vor allem die Küstenregionen im Ostteil der Insel, die Mesara-Ebene und das Gebiet der Asterousia-Berge. Man kann sicherlich nicht von einer homogenen Kultur sprechen, die sich auch nicht als solche begriffen hat, sondern von einzelnen Zentren oder Regionen, die sich in einem regen Kontakt oder sogar in Konkurrenz miteinander befanden. In keiner anderen Periode der Inselgeschichte waren die kretischen Regionen, was ihre materielle Kultur und Bräuche betrifft, so unterschiedlich.

Am Ende der FM II-Periode lässt sich ein gewisser kultureller Einschnitt verzeichnen. Die Besiedlung an einigen Orten wird abgebrochen. Nach einer gängigen Meinung setzt in der nächsten Phase (FM III, ca. 2200–2050 v. Chr.) ein deutlicher Rückgang der Bevölkerungszahl ein. Hier ist allerdings Vorsicht geboten. Es ist nämlich zweifelhaft, ob dieses von den Archäologen skizzierte Bild die tatsächlichen historischen Umstände jener Periode widerspiegelt. Möglicherweise ist es nur das Ergebnis einer äußerst lückenhaften Fundsituation bzw. unserer konventionellen Definition der FM III-Keramikphase, die freilich von der nachfolgenden MM I A-Keramik nicht immer klar unterscheidbar ist. Wie dem auch sein mag, stellt die nachfolgende MM I A-Periode (ca. 2050–1950 v. Chr.) in jeder Hinsicht eine Epoche des Aufschwungs bzw. der Kulmination aller kulturellen Errungenschaften der Vorpalastzeit dar. Ein beträchtliches Bevölkerungswachstum, die ersten Anzeichen eines Urbanisierungsprozesses, die regen Handelskontakte mit Zentren in anderen ägäischen Regionen sowie schließlich das mit all diesen Prozessen eng verknüpfte Heranwachsen einer gesellschaftlichen Elite sind Phänomene, die das historische Bild Kretas an der Schwelle zu einer Palastkultur prägten.

Betrachtet man die vorpalastzeitliche Entwicklung Kretas aus einer breiteren ägäischen Perspektive, ist die Sonderstellung der Insel im Vergleich zu den Kykladen oder dem Festland unverkennbar. Die florierenden Kulturen des Frühkykladikums und Frühhelladikums fanden nämlich ein abruptes Ende am Übergang von der zweiten zur dritten Phase der Frühbronzezeit. Dies bedeutete sowohl das Ende der genialen kykladischen Bildhauer, die ihre Produktion von Marmoridolen und Steingefäßen einstellten, wie auch das Verschwinden einer höherentwickelten Sozialstruktur auf dem Festland, die sich vor allem in den sogenannten Korridorhäusern und ihrer Siegeladministration manifestiert hatte. Die Gründe für diesen kulturellen Niedergang waren Umwälzungen, die vermutlich mit Naturkatastrophen, inneren Unruhen oder/und der Zuwanderung nordkleinasiatischer Bevölkerungsgruppen in die Ägäis zusammenhingen. Das Leben ging in beiden Regionen zwar weiter, erlangte jedoch die alte Vitalität und Komplexität für lange Zeit nicht wieder. Nur der minoische Kulturprozess wurde von diesen Unruhen nicht betroffen bzw. nicht behindert. Dieser südlichste ägäische Kulturbereich war der einzige, der in der nachfolgenden Periode (MM I A) eine rasante Entwicklung erlebte, welche am Ende dieser Phase zur Entstehung der ersten Paläste führte. Berechtigt war daher die Frage, die Gerald Cadogan in den 1980er-Jahren als Titel eines Aufsatzes formulierte: »Why was Crete different?«10 Ihre Sonderstellung innerhalb der ägäischen Kulturabfolge verdankte die Insel zweifellos dem Zusammenspiel mehrerer Faktoren, die wir nicht in vollem Umfang nachvollziehen können. Eine primäre und für uns leicht fassbare Bedeutung scheinen die geografischen Gegebenheiten gehabt zu haben. Es war einerseits das große und an natürlichen Ressourcen reiche kretische Binnenland, das die ökonomischen Grundlagen für diese Entwicklung bereitstellte. Andererseits zählte auch die geografische Lage der Insel am südlichen Rand der Ägäis: weit genug von der Zone der Unruhen entfernt, doch nahe genug an den fortschrittlichen Zentren des östlichen Mittelmeerraumes, von denen Kreta stets fruchtbare kulturelle Impulse erhielt.

Die archäologischen Befunde erlauben uns keinen näheren Einblick in die verschiedenen Etappen der Prozesse, die am Ende der Vorpalastzeit (um 1950 v. Chr.) zur Gründung der Paläste führten. Will man die verschiedenen Bereiche der sozialen Interaktion etwas detaillierter untersuchen, muss man diese lange Periode eher als ein historisches Kontinuum betrachten. Der Blick, den uns die Fundumstände auf die gesellschaftlichen Strukturen ermöglichen, ist leider nicht nur begrenzt, sondern auch verzerrt. Im Gegensatz zu vielen anderen historischen Perioden oder Kulturen sind wir besser über die Lebensumstände der einfachen Bevölkerung als über die ihrer Oberschicht unterrichtet. Von den vermeintlich wichtigsten Zentren jener Zeit, Knossos, Phaistos und Malia, sind uns wegen der nachfolgenden, jahrhundertelangen Bautätigkeit nur wenige architektonische Spuren erhalten. Die vorpalastzeitliche Besiedlung fiel hier den extensiven Planierungen und Neubauten zum Opfer. Wir können zwar mit Hilfe von Grabungsschnitten in ältere Schichten vordringen und die beträchtliche Größe dieser Zentren erkennen, ihre Struktur bleibt uns allerdings verborgen. Als sicher darf es jedoch gelten, dass in Knossos und Phaistos die Bereiche der späteren Paläste bereits seit der späten Phase des Endneolithikums als Versammlungsorte genutzt wurden. Die Existenz von großen, zentralen Gebäudekomplexen mit offenen Höfen lässt sich an beiden Orten sowie auch in Malia ab der FM II-Phase nachweisen. Sie fungierten offensichtlich als das politische und administrative Zentrum der Siedlung oder zumindest als Mittelpunkt sozialer Interaktion. Es wird immer deutlicher, dass die Paläste Kretas nicht plötzlich und ohne Vorgänger in der MM I B-Periode auftauchten. Diese Gebäude besaßen sicherlich mehrere Vorgänger an derselben Stelle, deren architektonischer Plan wahrscheinlich für immer verloren ist. Folglich muss man zugeben, dass die ›ersten Paläste‹ sicherlich nicht die allerersten Residenzen in Knossos, Phaistos und Malia gewesen waren, sondern lediglich die ersten, die für die Archäologen durch ihren monumentalen Charakter greifbar wurden.

Viel deutlicher haben sich die Spuren des Lebens in den kleinen dörflichen Siedlungen des FM II erhalten. Unsere wichtigsten Informationsquellen stellen hierbei Myrtos/Phournou Koryphi und Trypiti dar, zwei Siedlungen an der kretischen Südküste, die systematisch ausgegraben wurden. Dies waren kleine Gemeinden aus vermutlich nur fünf bis sechs Haushalten (25–30 Personen), deren Mitglieder in eng aneinandergereihten Häusern mit niedrigen zellenartigen Räumen wohnten. Ihre flachen Dächer waren für verschiedene Aktivitäten genutzt worden. Jede dieser unabhängigen dörflichen Siedlungen war überwiegend auf Subsistenzwirtschaft ausgerichtet. Die materielle Lebensgrundlage stellte die gemischte Landwirtschaft dar, nämlich die Kultivierung von Gerste und Weizen, der Anbau von Oliven und Trauben und die Zucht von Schafen, Ziegen, Rindern und Schweinen. Die Ernährung der Dorfbewohner wurde durch Feigen, Erbsen, Schnecken, Vögel sowie Fische und Muscheln bereichert. Die florierende Heimindustrie konzentrierte sich vornehmlich auf die Produktion von Keramik, Wolle, Öl und Wein. Die zahlreichen schweren Mahlsteine zum Mahlen von Getreidekörnern, die jeder Besucher heute noch neben den Ruinen der kleinen Siedlung von Trypiti sehen kann, sind beredte Zeugnisse der Alltagsroutine der einfachen Leute, die wie in jeder vormodernen Kultur mit einfachen Mitteln und viel Mühe Tag für Tag versucht haben, ihren elementaren Bedürfnissen nachzugehen. Diese ursprüngliche Lebensweise, die sehr stark mit dem Naturraum verbunden ist, hat sich in mehreren abgelegenen kretischen Dörfern bis in unsere Zeit nur wenig verändert.

Erwartungsgemäß kann man auf dieser unteren Ebene der Siedlungshierarchie, die offensichtlich die Lebensumstände der Mehrheit widerspiegelt, keine Anzeichen einer sozialen Differenzierung erkennen. Es gibt hingegen viele Indizien, die für eine unruhige Zeit sprechen. Einige dieser vorpalastzeitlichen Siedlungen zeigen einen wehrhaften Charakter. Phournou Koryphi und Trypiti waren nicht in der Ebene, sondern auf nur mühsam zugänglichen Hügelkuppeln errichtet. Bei Phournou Koryphi bildeten die Außenmauern der Häuser auf den zwei sanft abfallenden Seiten des Hügels (südlich und westlich) eine geschlossene Befestigungsfassade mit nur zwei schmalen Eingängen. Siedlungen, die entweder befestigt oder in Schutzlage errichten wurden, waren in der Vorpalastzeit keine Ausnahme, sondern eher die Regel, wie Geländebegehungen und Ausgrabungen in verschiedenen kretischen Regionen, mit einer auffälligen Konzentration in Ostkreta, nachweisen konnten. Dieses Siedlungsmuster hat seine Ursprünge bereits im Endneolithikum, als zahlreiche Siedlungen auf Gipfeln, steilen Bergrücken oder Spornlagen errichtet wurden. Zweifellos wollte sich die kretische Bevölkerung vor einer Gefahr schützen, die von Feinden innerhalb oder außerhalb Kretas ausging. Mit der späteren Errichtung der Paläste und der Konsolidierung eines neuen zentralistischen politischen Systems wurde die Befestigung von Siedlungen als überflüssig erachtet.

Dass das Leben in den Ebenen fortschrittlicher war, zeigen Siedlungsplätze wie Vasiliki am Isthmus von Ierapetra (Ostkreta), dessen Häuser aus größeren rechteckigen Räumen bestanden und gelegentlich über ein oberes Stockwerk verfügten. Einige dieser Räume waren mit rotem Kalkputz angestrichen, ein erstes Anzeichen für die Gestaltung von Innenräumen, die über rein praktische Bedürfnisse hinausging. Die Holzbalken, die in einigen Wänden der Vasiliki-Häuser eingebaut waren, zeugen eventuell von ersten antiseismischen Maßnahmen im Hausbau. Ähnlich fortschrittliche Züge können wir auch für die frühen vorpalastzeitlichen Phasen der späteren Zentren vermuten, die uns allerdings, wie bereits erwähnt, nur sehr punktuell und fragmentarisch erhalten geblieben sind.

Wegen dieser misslichen Überlieferungslage kann man den geschichtlichen Abriss der vorpalastzeitlichen Kultur Kretas nur mit Verweis auf die Grabfunde fortsetzen. In dieser Periode haben die Minoer ihre Toten nicht unter der Erde begraben, sondern in oberirdisch errichteten Grabbauten bestattet. Die zwei vorherrschenden Grabtypen waren das Kuppelgrab (oder Tholosgrab) und das rechteckige Grabhaus ( Kap. 13). Beide dienten als gemeinschaftliche Grabstätten einer sozialen Gruppe, sei es der ganzen Gemeinde, einer Dorfsippe oder einer mitgliederreichen Familie. Die Kuppelgräber tauchen ohne erkennbare Vorstufen in FM I auf und zeigen eine deutliche Konzentration im Südteil der Insel und konkreter in der Mesara-Ebene sowie dem südlich angrenzenden Asterousia-Bergmassiv. Sie waren Rundbauten aus Stein mit einem inneren Durchmesser von etwa drei bis neun Metern (in wenigen Ausnahmefällen bis ca. 13 Metern) und einer Wandstärke von ca. 0,5–1 Meter. Einige dieser Grabbauten könnten eventuell mit einer durchgehenden Steinwölbung überdeckt worden sein. Eine alternative Möglichkeit für ihre Überdachung wäre ein flaches hölzernes Dach. An die runde Grabkammer waren oft zellenartige Annexe angebaut, die meist Sekundärbestattungen oder Grabbeigaben beherbergten. Die rechteckigen Grabhäuser kommen im Gegensatz zu den Kuppelgräbern überwiegend im Nord- und Ostteil der Insel vor. Sie waren ebenfalls aus Stein gebaut und bestanden aus einem, zwei oder mehreren aneinandergereihten Räumen rechteckiger Form. Die Nekropole von Phourni bei Archanes, unmittelbar südlich von Knossos, war der Ort, wo diese zwei unterschiedlichen Grabbautraditionen zusammentrafen.

Die Toten wurden in diesen gemeinschaftlichen Grabstätten mitsamt ihren Beigaben bestattet. Während in der frühen Vorpalastzeit der Leichnam offensichtlich direkt auf den Grabboden gelegt wurde, benutzte man seit der FM III/MM I A-Phase vermehrt Pithoi (Vorratsgefäße) oder Larnakes aus Ton als funeräre Behältnisse. Die den Toten beigegebenen Gegenstände bestanden hauptsächlich aus Nahrungsmitteln in Tongefäßen oder anderen Behältnissen aus vergänglichem Material, aus Objekten des persönlichen Besitzes des Toten wie Schmuckstücke, Amulette, Siegel oder Kleingeräte und schließlich aus Gegenständen rituellen Charakters wie menschen- oder tiergestaltige Statuetten und Rhyta (Spendegefäße). Nach der Verwesung des Leichnams hat man die Skelettreste meistens beiseite geräumt bzw. aus dem Grab entfernt. Die Erinnerung an die Person des Verstorbenen blieb nur mit der Sekundärbestattung von Schädel und Langknochen erhalten, die vermutlich eine Funktion als partes pro toto innehatten. Diese wurden meist an eine andere Stelle innerhalb oder außerhalb des Grabes umgebettet.

Unter den zahlreichen Funden aus den vorpalastzeitlichen Gräberfeldern gibt es viele Gegenstände, deren Form auf eine rituelle bzw. symbolische Bedeutung hinweist. Gemeint sind hier in erster Linie Statuetten, Rhyta oder Askoi (schlauchförmige Spendegefäße) in Menschen- oder Tiergestalt, die sogenannten Schafsglockenidole und schließlich Gefäße mit figürlichen Applikationen, die allesamt eine gewisse Rolle in den Bestattungsritualen gespielt haben müssen. Es ist wahrscheinlich, dass die Zeremonien im Nekropolenareal keine ausschließlich sepulkrale Funktion erfüllten, sondern darüber hinaus das wichtigste Vehikel der vorpalastzeitlichen Kultaktivität boten, zumal die Anzeichen eines nicht sepulkralen Götterkultes für den größten Teil der Vorpalastzeit spärlich sind. Diese Vermutung beruht zunächst auf dem fast universellen Phänomen des engen Verhältnisses zwischen Toten-, Ahnen- und Götterkult. In unserem Fall lässt sich dies vielleicht sogar archäologisch nachweisen. ln den Nekropolen von Platanos, Koumasa und Odijitria kamen gepflasterte Bereiche in der unmittelbaren Nähe der Gräber ans Licht. Sie werden als Schauplatz von religiösen Zeremonien gedeutet, die wahrscheinlich über den engen Rahmen eines Bestattungsrituals hinausgingen. Es ist durchaus vorstellbar, dass die Nekropole das kultische Zentrum des Dorfes darstellte, einen Ort der Interaktion zwischen Lebenden und Toten, an dem sich die Gemeinde zu regelmäßigen Anlässen, wie Feiern oder religiösen Zeremonien, versammelte. Bei den größeren Zentren dieser Periode, die uns, wie bereits erwähnt, nur sehr lückenhaft erhalten geblieben sind, gab es sicherlich auch öffentliche Räume, an denen das Kollektiv sich bei feierlichen oder anderen Anlässen versammelte. Dies lässt sich vor allem in Phaistos eindeutig belegen, und zwar im Bereich westlich des späteren Palastes, wo man große Mengen von Tierknochen und Keramik entdeckte. Phaistos war offensichtlich seit der Vorpalastzeit das zeremonielle Zentrum der Mesara-Region, der Ort, an dem die Bevölkerung der umliegenden Dörfer durch Feste oder Zeremonien eine gemeinsame Identität aufbaute und festigte.

Erst in der letzten Phase der Vorpalastzeit gibt es eindeutige Belege für einen Kult außerhalb der Nekropolen. Mit der Entstehung der ersten Höhenheiligtümer auf der Insel scheint sich das Zentrum der religiösen Aktivität von der Nekropole auf den Berg zu verlagern. Die Höhenheiligtümer lagen auf einem hohen Berg- oder Hügelplateau in Reichweite und mit Blickkontakt zur dazugehörigen Siedlung und dienten als Orte eines Kultes, der meist unter freiem Himmel stattfand. Der oder den Gottheit(en) wurden massenweise tönerne Votive in Form von Menschen, Tieren oder Körperteilen dargebracht. Diese Gaben deuten offenbar auf den heilenden bzw. schützenden Charakter des Kultes hin, der auch in der nachfolgenden Altpalastzeit auf der Insel dominierte.

Wie so oft in der archäologischen Überlieferung stellen Tongefäße die frühesten datierbaren Erzeugnisse des minoischen (Kunst-)Handwerks dar. Die Keramik der FM I- und FM II-Perioden zeigt eine eindrucksvolle Vielfalt. Im Vergleich zum Neolithikum vermehrten sich nun, wie bereits erwähnt, Gefäßformen und Verzierungsarten beträchtlich. Der monochrome Charakter der neolithischen Keramik wurde allmählich von neuen Keramikstilen verdrängt. Die Gefäße wurden entweder handgemacht oder auf einer sich langsam auf dem Boden drehenden Töpferscheibe produziert. Die drei wichtigsten unter ihnen sind als ›Dunkel-auf-Hell‹-Stil, ›Geflammter‹ und ›Hell-auf-Dunkel‹-Stil bekannt. Der zweite Stil verdient unsere besondere Aufmerksamkeit. Mit dieser ›Geflammten‹ oder auch – nach ihrem ostkretischen Hauptfundort – ›Vasiliki‹ genannten Ware erreichte nämlich die kretische Töpferei einen ersten Höhepunkt. Der eigenartige, rot- bzw. schwarzfleckige Dekor entstand offensichtlich durch den gewollt ungleichmäßigen Brand der polierten Gefäßoberfläche oder durch die Berührung mit glühender Holzkohle. Das effektvolle Ergebnis dieser bizarren Fleckung, die vermutlich die Äderung der Oberfläche von Steingefäßen imitierte, wurde durch die manchmal expressive Formgebung von Hals oder Ausguss intensiviert. Zweifellos waren die Gefäße des Vasiliki-Stils kein einfaches Haushaltsgeschirr, sondern Luxusware. Es ist durchaus möglich, dass bestimmte Keramikstile als Identitätsträger von verschiedenen sozialen Gruppen fungierten, die sich bewusst voneinander durch die Entwicklung von einer individuellen Machart oder einem individuellen Dekor abgrenzen wollten. Auch aus diesem Grund macht es die Vielfalt der Keramikproduktion schwer, von einer streng einheitlichen minoischen Kultur zu sprechen. Alles spricht für einen starken Regionalismus und Diversität und nicht für eine Inselbevölkerung mit einer gemeinsamen kulturellen Identität.


Abb. 4: Tongefäße des ›geflammten Stils‹ (›Vasiliki-Stil‹).

Während die Keramik von der neolithischen Monochromie über mehrere Etappen zur Stufe der Polychromie fortschritt, machten die anderen Handwerkszweige eine aus kunsthistorischer Sicht ebenso wichtige Entwicklung durch. Langsam wurde hier der Übergang vom Abstrakt-Geometrischen zum Figürlichen vollzogen. Dies gelang der vorpalastzeitlichen Kultur zunächst auf dreidimensionaler Ebene und betraf daher lediglich die Kleinplastik, nicht aber die Dekoration der Flächenkunst. Statuetten, Askoi und Rhyta in menschlicher oder tierischer Form tauchten erstmals in dieser Epoche vermehrt auf. Begleitet wurden diese Werke seit der FM II A-Phase von den ersten figürlichen Siegel- und Amulettformen, die uns inmitten der zahlenmäßig dominanten geometrischen Typen begegnen. Ihre Vorbilder lagen in der Pflanzen- und Tierwelt und umfassten unter anderem Hunde, Frösche, Vögel, Blütenknospen, Füße oder Hufe. Sogar Affen und Löwen werden dargestellt, die auf Kreta nicht heimisch waren und offensichtlich durch die Kontakte mit ostmediterranen Regionen Eingang in die minoische Ikonografie gefunden haben.


Abb. 5: Vorpalastzeitliches Siegel in Form eines Affen aus der Trapesa-Höhle.

Zweifellos stellte in dieser – wie auch in den nächsten Perioden der minoischen Kultur – das Land die wirtschaftliche Grundlage der minoischen Kulturentwicklung dar, doch war das Meer der Faktor, der das Tempo dieses Prozesses diktierte. Am Übergang vom Neolithikum zur Bronzezeit wird das Meer allmählich von einer Barriere zu einer Brücke, sodass sich Kreta der Außenwelt gegenüber öffnete. Die engsten Kontakte wurden erwartungsgemäß mit den unmittelbar nördlich gelegenen Kykladeninseln geknüpft. Bei dieser Begegnung stellten die Kykladen zweifellos den tonangebenden Partner dar. Der ungleich gewichtete Austausch zeichnet ein eindeutiges Bild ihrer kulturellen Überlegenheit. Dreh- und Angelpunkt der kykladisch-kretischen Beziehungen in dieser Periode war Nordzentralkreta. Von dieser Region verbreiteten sich offensichtlich kykladische Güter und Ideen auch auf den Rest der Insel. Während das kykladische Interesse an minoischen Artefakten eher gering war, waren umgekehrt kykladische Objekte auf Kreta sehr begehrt und regten die entsprechenden Zweige des einheimischen Kunsthandwerks an. An erster Stelle sind hier die Kykladenidole in ihren verschiedenen Variationen zu nennen, von denen Dutzende an kretischen Fundorten ans Licht kamen. Die Nachfrage auf Kreta muss groß gewesen sein, sodass eine lokale, flache Variante der kykladischen Vorbilder entstand, der sogenannte Koumasa-Typus, der jedoch in stilistischer Hinsicht mit seinen Vorbildern nicht wetteifern konnte. Eine ähnliche Vorliebe brachten die Minoer kykladischen Schmuckarbeiten, Steingefäßen (Pyxiden und Marmorschalen) oder sogar Tongefäßen entgegen, die ebenfalls einen Einfluss auf das lokale Kunsthandwerk ausgeübt haben. Die Kykladen waren zugleich der wichtigste Rohstofflieferant Kretas. Sie exportierten vornehmlich Metalle – Kupfer, Blei, Silber – und Obsidian, den vulkanischen schwarzen Stein, der auf Kreta große Beliebtheit genoss und zu Klingen und anderem Schneidewerkzeug verarbeitet wurde. Die Kontrolle über die wichtigsten See- und Landwege Nordkretas blieb offensichtlich – zumindest ab der FM II-Phase – in den Händen der Einheimischen. Es ist bezeichnend, dass in einem der wichtigsten Handelszentren Nordkretas der FM II-Phase, der Siedlung von Mochlos, das kykladische Element bis auf die unvermeidliche Existenz von großen Mengen an Obsidian sehr schwach ist.

Überraschend früh sind die ersten Anzeichen der kretischen Kontakte mit den Kulturen des östlichen Mittelmeers zu verzeichnen. In sicher datierten FM II A-Kontexten in Knossos und Archanes kamen Gegenstände aus Gold und Flusspferd-Elfenbein sowie zwei ägyptische Steingefäßfragmente ans Licht. Sie stammen entweder aus einer direkten Verbindung zu Ägypten oder aus Umschlagsorten des ostmediterranen Seehandels an der syro-palästinensischen Küste. Die Existenz von orientalischen Importen liefert eindeutige Hinweise dafür, dass Kreta bereits seit der Mitte des dritten Jahrtausends v. Chr. mit diesen fernen Kulturen in Berührung kam. In der MM I A-Phase lassen sich diese Beziehungen noch besser dokumentieren. Die Artefakte aus Flusspferd-Elfenbein und Gold nehmen zu, was für eine gewisse Regelmäßigkeit des Imports dieser Materialien spricht. Interessanterweise wurden alle Elfenbeinobjekte aus vorpalastzeitlichen Fundorten aus Nilpferdhauern und nicht aus Elefantenstoßzähnen geschnitten. Offensichtlich hatten die Minoer keinen Zugang zu jenen Märkten, an denen auch Letztere angeboten wurden. In dieser Periode wurden auch die ersten ägyptischen Skarabäen importiert und von kretischen Handwerkern imitiert. Vorderasiatische Einflüsse sind ferner in derselben Zeit erkennbar, vor allem im Metallhandwerk, etwa bei der Produktion von Dolchen oder Schmuck.

Die Kontakte der minoischen Bevölkerung mit anderen ägäischen und ostmediterranen Regionen haben sicherlich eine entscheidende Rolle in der Herausbildung der Palastgesellschaft auf Kreta gespielt. Diese enge Berührung mit fremden Kulturen, die in einiger Hinsicht fortschrittlicher als die eigene waren, förderten und beschleunigten die gesellschaftlichen Prozesse, die gegen 1950 v. Chr. in der Entstehung der ersten – von den Archäologen eindeutig fassbaren – Paläste gipfelten. Daher wird es deutlich, dass dieses Ereignis keinen plötzlichen kulturellen Sprung darstellte, sondern am Ende einer jahrhundertewährenden gesellschaftlichen Entwicklung stand. Die Spuren dieses historischen Prozesses sind allerdings, wie bereits erwähnt, dürftig und indirekt, was eine rationale Erklärung dieses Phänomens wesentlich erschwert. Eine unabdingbare Voraussetzung für die Entstehung einer Palastgesellschaft ist zweifellos die Bildung einer Elite, das heißt einer die Herrschaftsgewalt ausübenden Oberschicht, welche die anderen für sich arbeiten ließ. Die ersten deutlichen Anzeichen einer derartigen gesellschaftlichen Hierarchie auf Kreta lassen sich bei den Nekropolen beobachten. Zunächst macht das Vorherrschen kommunaler Grabtypen das Nachzeichnen von Prozessen sozialer Stratifizierung zu einem schwierigen Unterfangen. Klassenspezifische Unterschiede sind dennoch nachweisbar und werden durch eine exklusive Beigabenausstattung zum Ausdruck gebracht, welche Siegel, Dolche, Schmuckarbeiten und Steingefäße umfassen konnte. Wegen ihres seltenen Auftretens im Verhältnis zur Anzahl der bestatteten Individuen verweisen diese Objekte auf eine besondere gesellschaftliche Stellung ihres Besitzers und sind daher als elitär zu bezeichnen. Eine besondere Aufmerksamkeit verdienen hier die Siegel in ihrer polyvalenten Signifikanz als Amulette, Prestigeobjekte und Stempelinstrumente. Die beiden letztgenannten Funktionen sind für das Beleuchten des Prozesses der fortschreitenden sozialen Differenzierung entscheidend. Dies gilt insbesondere für die Gruppe der sogenannten Elfenbeinzylinder, die in der reifen bzw. ausgehenden Vorpalastzeit datiert und vor allem im südlichen Zentralkreta verbreitet war. Diese mit zwei Siegelflächen ausgestatteten Stücke waren auf doppelte Weise exotisch: durch ihr kostbares Material (Flusspferd-Elfenbein) und durch ihre Siegelmuster, die in der Regel Löwenreihen in kreisförmiger Anordnung (›Löwenparade‹) darstellten. Die Vermutung liegt nahe, dass sie Ausdruck der kollektiven Ideologie der ersten elitären Gruppen Südzentralkretas waren, welche durch die Demonstration exotischer – und dadurch exklusiver – Elemente artikuliert wurde. Weniger hilfreich ist in unserem Zusammenhang allerdings ihre Funktion als Stempelgeräte, weil sie keineswegs eindeutig mit der Herausbildung eines administrativen Systems und somit eines Zentralisierungsprozesses in Beziehung gesetzt werden kann. In der Vorpalastzeit wurden die Siegel weniger für das Sichern als vielmehr für das Markieren verwendet. Damit siegelte man also nicht nur Tonplomben, das heißt Gegenstände, deren Funktion nur darin bestand, einen Siegelabdruck zu tragen, womit man eine Öffnung bzw. einen Zugang sicherte, sondern auch Dinge des Haushalts wie Gefäße, Webgewichte und Spinnwirtel. Bei letzterer Funktion, die die meisten Spuren hinterlassen hat, scheint der eigentliche Sinn des Versiegelns kein verwaltungstechnischer Akt gewesen zu sein, sondern das Versehen von brauchbaren Gegenständen mit einem Zeichen, das auch im privaten Kontext als Dekor, individuelle Markierung oder magisches und apotropäisches Symbol gedeutet werden könnte. Im Gegensatz zu zahlreichen festländischen Orten der FH II-Phase (zeitgleich mit FM II), die umfangreiche Indizien für die extensive Verwendung von Siegeln im Kontext ›zentraler Gebäude‹ geliefert haben, sind die Spuren für die Verwendung der vorpalastzeitlichen Siegel im Bereich der späteren Palastzentren, wie in Knossos und Malia, nur spärlich.

Abb. 6: Vorpalastzeitliche Steinvasen aus Mochlos.

Kreta als höfische Gesellschaft (MM I B–II B)

Die Zentralgebäude in drei der wichtigsten Siedlungen der Vorpalastzeit (Knossos, Phaistos und Malia) erfuhren am Beginn des zweiten Jahrtausends v. Chr. eine eindrucksvolle monumentale Gestaltung. Es sind die Gebäude, die in der bisherigen Forschung als die ›Alten‹ oder die ›Ersten Paläste‹ bezeichnet werden. Die ausgedehnten Baukomplexe mit einem großen Zentralhof, um den sich Wohn-, Kult- und Wirtschaftsräume gruppierten, bildeten den Kern einer sehr dynamischen Entwicklung, in deren Zuge Kreta als erste mediterrane Insel das hohe kulturelle Niveau der vorderasiatischen Königtümer erreichte. Die Altpalastzeit war eine Epoche rasanten Fortschritts und eindrucksvoller Innovationen, die sicherlich mit dem Prozess der Herauskristallisierung einer höfischen Gesellschaft zusammenhingen. Die Einführung von Schriftlichkeit und die erste intensive Verwendung von Siegeln für die Kontrolle administrativer Vorgänge sind zwei Phänomene, die ohne die Palastinstitution undenkbar wären. Die minoische Bildsprache erlebte einen ersten Boom von zweidimensionalen figürlichen Motiven, die uns, genauso wie in der vorhergehenden Periode, fast ausschließlich im Miniaturformat, nämlich als Siegeldekor, begegnen. Die Töpfer benutzten zum ersten Mal die schnell rotierende Töpferscheibe, eine Erfindung, die offensichtlich Impulsen von außen zu verdanken war. Die neue Herstellungstechnik wurde allerdings am Anfang nur zaghaft übernommen, da viele Werkstätten ihre Gefäße auf die traditionelle, handgedrehte Weise herstellten. Erst ab der MM II A-Phase lässt sich ein hoher Anteil an scheibengedrehten Gefäßen verzeichnen. Eine kleine Revolution erfolgte auch im Bereich der Siegelkunst. Die Einführung der schnell rotierenden Drehscheibe eröffnete bis dahin ungeahnte Möglichkeiten bei der Bearbeitung von Siegeln. Die Siegelschneider begannen, auch harte Halbedelsteine mit feinen, schnell rotierenden Metallgeräten zu bearbeiten und zu gravieren. Eine bekannte Gattung von altpalastzeitlichen Siegelmotiven, die die konventionelle Bezeichnung ›(archi-)tektonische Motive‹ trägt, besteht aus geometrischen Ornamenten, welche mit eindrucksvoller Präzision auf der Siegelfläche eingraviert wurden. Diese Ornamentik verdankt ihre Existenz keinem ›geometrischen‹ Empfinden, sondern lediglich der Verwendung von neuen Werkzeugen. Hier erkennt man den Drang der altpalastzeitlichen Kunsthandwerker, die neuen Möglichkeiten ihres Metiers zu demonstrieren. Einen wesentlichen Teil dieses dynamischen Fortschritts stellte auch die Intensivierung der Handelskontakte mit anderen Regionen in der Ägäis und im östlichen Mittelmeer dar. Die Strahlkraft der minoischen Zentren außerhalb Kretas wird durch die Verbreitung minoischer Tongefäße, aber auch die Produktion lokaler Nachahmungen nicht nur auf verschiedenen südägäischen Inseln, sondern auch auf Zypern, in der Levante und in Ägypten fassbar. Am anderen Ende dieses Austausches zeigten die altpalastzeitlichen Eliten eine besondere Vorliebe für ägyptische Artefakte bzw. Motive, die bereits seit der Vorpalastzeit die Insel regelmäßig erreichten. Siegelpraxis und Schrift wurden zum ersten Mal im Dienste der Palastadministration extensiv verwendet, um diverse verwaltungstechnische Vorgänge effizient zu überwachen (Siegelpraxis) oder zu registrieren (Schrift). Auf Siegeln, Gefäßen, Steinblöcken, Tonstangen und -tafeln treten nun bilderschriftartige Zeichen und echte minoische Hieroglyphen auf. Neben der hieroglyphischen Schrift entwickelte sich in der reifen Phase der Altpalastzeit ein zweites Schriftsystem, dessen Zeichen einer linearen Abstraktion unterworfen sind (Linear A). Beide Schriftsysteme konnten noch nicht entziffert werden.

Von den ›alten‹ Palästen kennen wir nur einzelne Räume oder Befunde, die sich unterhalb des Begehungsniveaus der ›neuen‹ Paläste erhalten haben. Nur in Phaistos, wo man die Fassade des neuen Gebäudes einige Meter nach Osten versetzte, blieb ein großer Teil der Magazinräume im Westflügel des alten Palastes unterhalb des neupalastzeitlichen Westhofs erhalten, da sie vor den Umbauarbeiten nicht abgerissen, sondern mit einer dicken Schicht von mörtelartigem Agglomerat versiegelt wurden. Ihre Mauern sind in einer Höhe von einem Meter bis zu ca. sieben Metern (!) erhalten. Hier hat man die Gelegenheit, nicht nur Zerstörungsschichten, sondern ganze Räume aus der Altpalastzeit zu sehen oder gar zu betreten, die zuweilen große Vorratsgefäße enthalten. Die Lage und Anordnung der Magazine entspricht der der neuen Paläste, sodass man davon ausgehen kann, dass sie sich in ihrem Gesamtplan nicht sehr stark voneinander unterschieden haben dürften. In Knossos und Malia müssen wir uns auf vereinzelte Befunde beschränken, die in verschiedenen Bereichen des Palastareals verteilt sind und uns keine konkrete Vorstellung vom architektonischen Grundriss geben können. In Knossos ist die Unterscheidung zwischen dem alten und dem neuen Palast eher problematisch, weil man es hier nicht mit zwei Gebäudekomplexen zu tun hat, die nacheinander bzw. übereinander gebaut wurden, sondern lediglich mit Bereichen, die erneuert bzw. erweitert wurden. Hier ist es deutlich, dass der alte Palast, auch wenn er am Beginn der MM III A-Phase von einem Erdbeben betroffen wurde, nie, wie in Phaistos, in Ruinen lag.

Die systematischen Grabungen der letzten Jahre in Petras (Nordostkreta) und in Monastiraki (Südzentralkreta) haben zwei weitere Palastbauten ans Licht gebracht, die ebenfalls in die Altpalastzeit datieren. Es ist ferner wahrscheinlich, dass auch an weiteren kretischen Orten große Gebäudekomplexe mit einer ähnlichen Funktion errichtet wurden. Gemeinsam betrachtet sind sie Zeugnisse für eine dynamische Entwicklung der minoischen Gesellschaft, die um 1950 v. Chr. einen monumentalen architektonischen Ausdruck fand. Die besondere kulturhistorische Bedeutung der dezidiert monumentalen Dimension der kretischen Paläste wird erst aus einer diachronen Perspektive sehr deutlich. Im ägäischen Raum hat es in den nachfolgenden Jahrtausenden (!) keine vergleichbar großen oder größeren Gebäude gegeben.

Alles spricht dafür, dass die Palastzentren und vielleicht weitere größere Siedlungen ohne Paläste politisch unabhängig voneinander waren. Es gab offensichtlich nicht nur ein dominantes politisches Zentrum, sondern mindestens drei souveräne Paläste mit ihren eigenen Territorien. Da es unwahrscheinlich ist, dass diese Machtzentren die gesamte Insel unter sich aufgeteilt hatten und flächendeckend kontrollierten, hat es offensichtlich mehrere Regionen gegeben – vor allem in den Bergen, aber auch in einem gewissen Abstand vom direkten Einzugsgebiet dieser Paläste – die nicht unter ihrer direkten Kontrolle lagen. Wie die Beziehungen zwischen diesen souveränen Zentren aussahen, lässt sich ohne schriftliche Quellen nicht klar sagen. Natürlich muss man mit einer starken Konkurrenz rechnen, die vor allem im unvermeidlichen Streben nach territorialer Ausdehnung und Erweiterung des politischen Einflusses, der intensiven Nutzung von natürlichen Ressourcen und der direkten Kontrolle von Verbindungswegen Ausdruck fand. In der archäologischen Überlieferung gibt es allerdings keine eindeutigen Indizien dafür, dass diese Periode durch eine Kette von kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen konkurrierenden Zentren wie im Kreta der historischen Zeit gekennzeichnet war. In den urbanen Zentren gab es keine Befestigungen. Es ist allerdings interessant zu beobachten, dass Schwerter und Dolche eine gewisse Rolle in der sozialen Konstruktion der männlichen Identität spielten, wie nicht nur aus ikonografischen Zeugnissen, sondern auch aus Waffenweihungen im Original oder als Miniatur an minoischen Kultorten hervorgeht. Tonstatuetten aus verschiedenen Höhenheiligtümern reduzieren das männliche Ideal auf das Essentielle: einen athletischen Körper und einen Dolch, der am kurzen Schurz gegürtet ist. Der Dolch blieb auch in späteren Perioden, ja sogar bis heute noch, das wichtigste Attribut kretischer Männer. Die Frage allerdings, ob wir ihn als Ausdruck eines militärischen Ethos betrachten dürfen, muss unklar bleiben, weil der Dolch als Allzweckgerät genutzt werden konnte. Man muss daher davon ausgehen, dass diese Periode größtenteils friedlich verlaufen ist, ohne natürlich die Möglichkeit von gelegentlichen gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Zentren ausschließen zu können.

Die Tatsache, dass in den verschiedenen Regionen der Insel ähnliche monumentale Gebäude entstanden, dass die materielle Kultur dieser Zentren ein weitgehend einheitliches Bild zeichnet und schließlich dass der Handelsverkehr zwischen einzelnen Regionen sehr intensiv war, sprechen dafür, dass all diese Zentren keineswegs isoliert und introvertiert waren, sondern einen sehr intensiven Austausch miteinander pflegten. Der Austausch oder gar die Existenz eines oder mehrerer überregionaler Netzwerke auf Kreta, in deren Bahnen Güter, Menschen und Ideen zirkulierten, waren die Voraussetzung für die rasante Entwicklung der Insel sowie für den mehr oder weniger homogenen Charakter der materiellen Kultur in dieser Periode. Eine entscheidende Rolle für diesen dynamischen Prozess sowie für die engere Vernetzung mehrerer Regionen miteinander hat bereits seit dem frühen dritten Jahrtausend v. Chr. der Weg zwischen Knossos und Phaistos gespielt, der die zwei wichtigsten Zentren der minoischen Kultur und die von ihr kontrollierten Territorien miteinander verbunden hat. Für diese Strecke brauchte ein Fußgänger bei gewöhnlichem Schritttempo etwa zwölf Stunden. Menschen und Eselkarawanen, die sicherlich mehrere Pausen entlang dieses Weges einlegen mussten, brauchten vielleicht mehr als einen Tag, um ihr Ziel zu erreichen. Die kulturhistorische Bedeutung dieses Verbindungskanals mit seinen zahlreichen Zwischenstationen, in dem täglich Menschen mit ihren Waren und Ideen verkehrten, kann man nur mit der Bedeutung der großen Flüsse in den ›hydraulischen Zivilisationen‹ Ägyptens und Mesopotamiens vergleichen, welche die unabdingbare Voraussetzung für die intensiven Kontakte und Interaktionen auf überregionaler Ebene boten. Dieser ›geistige Fluss‹, der die Mitte der Insel durchquerte, hat die dynamische kulturelle Entwicklung der Insel entscheidend vorangetrieben.

Trotz der offensichtlichen Gemeinsamkeiten, die uns erlauben, von einer und nicht von mehreren Kulturen auf der Insel zu sprechen, gibt es einige unverkennbare Unterschiede in der materiellen Kultur der kretischen Regionen. Durch systematische Untersuchungen und Auswertungen des Fundmaterials nimmt unser Bild einer in mehrere politische Territorien gegliederten Insel immer schärfere Konturen an. Der regio-

Abb. 7: Der Palast von Phaistos.

nale Charakter und die Verbreitung von bestimmten Objekten, wie Keramik, Steingefäßen und Siegeln, zeigt, dass einige Typen nur innerhalb eines Inselteils produziert wurden und dort zirkulierten. Durch die Kartierung der Fundorte dieser Objekte hat man ferner den Versuch unternommen, die territoriale Ausdehnung der großen Palastzentren zu definieren. Diese Methode, die zurzeit die einzige Möglichkeit bietet, um die politische Geografie der Insel in der Altpalastzeit etwas präziser zu fassen, bleibt natürlich sehr riskant. Die zahlreichen Ähnlichkeiten zwischen der Keramik aus dem südkretischen Myrtos/Pyrgos und dem Palast von Malia sowie auch anderen Siedlungszentren (Vasiliki, Gournia) bietet nicht ohne Weiteres ein Indiz für politische Abhängigkeit und somit für die Existenz eines politischen Territoriums, das von diesem Palast kontrolliert wurde. Verbreitungsmuster von Tongefäßen und anderen Artefakten könnten nicht nur politisch-administrative, sondern auch kommerzielle Netzwerke widerspiegeln oder kollektive Identitäten auf überregionaler Ebene zum Ausdruck bringen. Was allerdings als sicher gelten kann, ist, dass die drei großen Paläste (Knossos, Phaistos und Malia) souveräne Zentren waren, wie die überraschende Tatsache zeigt, dass sie sich unterschiedlicher Schriftsysteme bedienten. Dies gilt zweifellos für die Paläste von Malia und Phaistos, da Knossos uns immer noch vor ein großes Problem stellt. In Malia hat man in der Altpalastzeit ausschließlich die ›hieroglyphische‹ Schrift benutzt, in Phaistos hingegen die Linear-A-Schrift. Welches Schriftsystem in Knossos verwendet wurde, lässt sich immer noch nicht mit Sicherheit sagen, da die Datierung eines sehr wichtigen Fundensembles (des sogenannten ›Hieroglyphic Deposit‹) nicht sicher ist. Wenn die Siegelabdrücke dieser Fundgruppe, wie es scheint, nicht in die Alt-, sondern erst in die beginnende Neupalastzeit gehören, dann scheint Knossos, wie Phaistos die Linear-A-Schrift für Verwaltungsangelegenheiten des Palastes benutzt zu haben. Interessant ist ferner, dass sämtliche hieroglyphischen Inschriften aus Knossos nicht durch Siegel, sondern durch ihre Abdrücke auf Tonplomben nachgewiesen sind, was eventuell auf ihre nicht-knossische Herkunft als Authentifizierung von eingegangenen Waren hindeuten würde.

Bei unserem Versuch, eine Geschichte dieser Palastzentren in der Altpalastzeit zu schreiben, stoßen wir wegen der nicht entzifferten schriftlichen Quellen auf unüberwindbare Hindernisse. Wir sind auch in diesem Fall auf die ›stummen Zeugnisse‹ angewiesen: die Architektur, die Objekte und vor allem die Bilderwelt, die nun eine erste große Entfaltung durch eine eindrucksvolle Erweiterung des Motivrepertoires erlebt und zum ersten Mal auch zahlreiche Szenen mit handelnden Personen enthält. Diese Bilder, die nur schlaglichtartig in einem großen Dunkel auftauchen, sind spärliche und schwer verständliche Fragmente einer Vergangenheit, zu der man noch keine schlüssige Geschichte entwerfen kann. Durch indirekte Zeugnisse, Vergleiche und das Aufhellen von Zusammenhängen gewinnen wir einen Einblick in die unterschiedlichen Biografien der einzelnen Zentren. Der Palast von Phaistos thronte auf einem niedrigen Hügel, von dem die residierende Elite einen großen Teil der Mesara-Ebene überblickte und offensichtlich kontrollierte. Die gehobene Lage, die hervorragende Sicht über die weite Ebene und zum Psiloritis-Massiv, die monumentale Architektur und die lange Vorgeschichte dieses Ortes, die bis in das Neolithikum zurückreicht, machen Phaistos zum Inbegriff eines mächtigen minoischen Palastzen-

Abb. 8: Siegel mit hieroglyphischen Zeichen.

trums, das sich inmitten seines Territoriums majestätisch erhob. Der Wohlstand der Palastelite ist unverkennbar. Die Tausenden von Tonplomben mit Siegelabdrücken sind ein beredtes Zeugnis für die rege Zirkulation von Gütern und die Existenz eines effizienten zentralistischen Kontrollmechanismus für deren Verwaltung und Lagerung. Durch die Vielfalt der abgedrückten Siegelbilder, die Menschen, Tiere, Mischwesen, Landschaftsszenen, Pflanzen, Objekte und vielleicht auch Götter zeigen, breitet sich vor unseren Augen eine kleine Bildenzyklopädie der realen und imaginierten Lebenswelt dieser lokalen Gesellschaft aus. Wir können sie bestaunen, aber nicht einmal ansatzweise verstehen. In den Palastwerkstätten entstand ein neuer Keramikstil, der technische Perfektion mit einem bunten feinen Dekor kombinierte und nach seinem ersten Hauptfundort (einer Kulthöhle in der Nähe von Phaistos) konventionell als Kamares-Keramik bezeichnet wird. Der hohe Anspruch der konsumierenden Elite und die offensichtlich harte Konkurrenz zwischen den Werkstätten förderten die Innovationskraft der Töpfer und die ständige Erweiterung des Dekorrepertoires. Das Streben, die Grenzen, die das bescheidene Herstellungsmaterial stellte, zu sprengen, ist hier offenkundig. Die Töpfer konnten dünnwandige Gefäße herstellen und brennen, die bisweilen eine Wandstärke von nur zwei Millimetern (!) hatten und durch ihre Form und Schwarzpolitur wie Metallgefäße aussahen. Ihre Oberfläche wurde mit bunten pflanzlichen und geometrischen Ornamenten verziert, die ein nahezu mathematisches Verständnis der Aufteilung der Fläche offenbaren und wie bunte Textilien über ihre Oberfläche ausgebreitet waren. Es könnte sein, dass diese Schöpfungen sogar in höherem Maße begehrt waren als ihre vermeintlichen metallenen Vorbilder.


Abb. 9: Altpalastzeitlicher Siegelabdruck aus dem Palast von Phaistos mit der Darstellung einer Wildziege.

Der Palast von Malia wurde an einer flachen Stelle in der unmittelbaren Nähe der kretischen Nordküste errichtet und verdankte sicherlich einen Großteil seiner wirtschaftlichen Potenz nicht nur der agrarischen Produktion, sondern auch dem maritimen Handel. Mehrere Objekte zeigen eindeutige ägyptische Einflüsse und legen einen direkten oder indirekten Kontakt des Palastes mit dieser Region nahe. Auch wenn der Begriff ›Ägyptomanie‹, den man für den Palast von Malia anlässlich dieser Funde verwendete, etwas übertrieben ist, lässt sich doch deutlich ein Interesse lokaler Handwerker erkennen, sich fremde Ideen anzueignen und ihre Produktpalette zu bereichern. Die systematischen Grabungen französischer Archäologen haben hier um den Palast herum Teile eines altpalastzeitlichen Viertels ans Licht gebracht, das uns reiche Zeugnisse des pulsierenden Alltags in einer großen Küstensiedlung liefert. Im ›Quartier Mu‹ lagen luxuriöse Privathäuser und Handwerkerviertel nebeneinander oder bildeten sogar Teile ein und desselben Gebäudekomplexes. Hier tauchen bereits in der Altpalastzeit bauliche Elemente auf, wie das ›Lustralbecken‹ und die ›minoische Halle‹ ( Kap. 8), die zu den prägnantesten Formen der neupalastzeitlichen elitären Architektur zählen. In diesem Viertel arbeiteten Töpfer, Bronzeschmiede, Siegel- und Steinvasenkünstler nebeneinander und konnten sich praktisch jeden Tag gegenseitig über die Schulter schauen. Wie sich das Verhältnis zwischen Palast und Stadt gestaltete und wie der soziale Status der Bewohner dieser Häuser und der Handwerker war, lässt sich natürlich anhand der stummen archäologischen Zeugnisse nicht sagen. Sie könnten entweder unabhängig gewesen oder vom Palast kontrolliert worden sein. Funde und Befunde wie diese können auf ganz unterschiedliche Weise interpretiert werden und lassen hinsichtlich der politischen und sozialen Strukturen nicht nur eine einzige Antwort zu.

Knossos bleibt das größte Rätsel der Altpalastzeit, weil uns Palast und Stadt im Vergleich zu Phaistos und Malia die wenigsten Spuren hinterlassen haben. Es war sicherlich auch in dieser Periode eines der wichtigsten kretischen Zentren. Ob es mächtiger als Phaistos war, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, es ist – um eine Vermutung zu wagen – aber eher unwahrscheinlich. Wenn die unübertroffene Qualität der in Phaistos hergestellten Kamares-Keramik als Gradmesser für die politische und wirtschaftliche Potenz dieses Zentrums betrachtet werden darf, dann könnte das altpalastzeitliche Phaistos seinen Rivalen Knossos überschattet haben. Der ›Alte Palast‹ in Knossos hat leider nur sehr wenige Spuren hinterlassen, da der ›Neue Palast‹, wie bereits erwähnt wurde, kein echter Neubau, sondern das Ergebnis von Renovierungsarbeiten des Ersteren war. Nur in wenigen Räumen kamen unter dem Laufniveau des ›Neuen Palastes‹ deponierte oder verschüttete Reste der Ausstattung des alten Gebäudes zutage, während der Bereich an seiner Südseite vielleicht nicht bebaut war. Trotz dieser problematischen Überlieferungslage sind die Züge eines einsetzenden Urbanisierungsprozesses in Knossos während der Altpalastzeit unverkennbar. Auf dem Kephala-Hügel, dessen größter Teil vom späteren (Neuen) Palast eingenommen wurde, fanden extensive Terrassierungsarbeiten statt. Die Anlage eines Kanalisations- und Straßennetzsystems zeugt von den ersten Versuchen, die elementaren Bedürfnisse der wachsenden ›städtischen‹ Bevölkerung zu decken. Darauf weist ferner der Bau von zweigeschossigen Häusern hin, wenn man ihre Erweiterung durch ein Obergeschoß als eine Reaktion auf die Knappheit von Baufläche deuten will.

Auch wenn die archäologische Überlieferung den Fokus unserer Betrachtung auf die Palastzentren lenkt, wäre es falsch, die kretische Altpalastzeit nur auf deren Geschichte zu reduzieren. Zahlreiche Siedlungen, Nekropolen und Heiligtümer, welche neuralgische Punkte der kretischen Landschaft besetzten, sind für das Verständnis dieser Entwicklungsetappe der minoischen Kultur nicht minder bedeutend. Die systematisch ausgegrabenen altpalastzeitlichen Siedlungen kann man an den Fingern einer Hand abzählen. Der Grund ist offensichtlich, dass es zwischen der Alt- und der Neupalastzeit keine nennenswerte Zäsur im Besiedlungsmuster gab, sodass die meisten Siedlungen der ersten Periode unterhalb der Häuser der letzten liegen und daher archäologisch nur sehr bruchstückhaft zu fassen sind. Auf der anderen Seite weisen die Nekropolen eindeutig auf eine Kontinuität zwischen der Vor- und der Altpalastzeit hin. Die oberirdischen Kuppelgräber oder rechteckigen Grabhäuser stellten, wie in der Vorpalastzeit, die wichtigsten Grabformen dar. In vielen Fällen wurden die Toten in vorpalastzeitlichen Gräbern bestattet, die bereits seit Jahrhunderten existierten. Auch in den Bestattungsriten gibt es keine Anzeichen für eine radikale Veränderung, stattdessen lebten uralte Traditionen und Jenseitsvorstellungen fort. Erst in der zweiten Hälfte dieser Periode gibt es Indizien für einen Veränderungsprozess im sepulkralen Bereich, der offensichtlich mit der Konsolidierung der Palastinstitution verbunden war und in der darauffolgenden Neupalastzeit zu einem dramatischen Bruch mit einer jahrhundertewährenden Tradition führte.

Eines der markantesten Phänomene der kretischen Altpalastzeit betrifft die Schauplätze des religiösen Handelns. In allen Inselregionen entstehen in hohen Lagen zwischen ca. 215 Metern und 1150 Metern über dem Meeresspiegel, die von weitem sichtbar waren und umgekehrt eine hervorragende Aussicht in die umliegende Landschaft boten, heilige Orte, an denen die Minoer ihren Göttern begegneten. Diese Orte (Petsophas, Traostalos, Piskokephalo, Kophinas, Juchtas, Vrysinas, Atsipades Korakias, um nur die wichtigsten von ihnen zu nennen) werden konventionell als Höhen- oder Gipfelheiligtümer bezeichnet ( Kap. 12), auch wenn sie nur in den wenigsten Fällen auf dem höchsten Gipfel eines Berges oder Hügels errichtet waren. Entscheidend für die Wahl der Lage waren die Nähe und der direkte Blickkontakt zu einer oder mehreren Siedlungen. Der Fußmarsch hinauf war sicherlich anstrengend, allerdings nie zu lang für die Siedlungsbewohner, die problemlos innerhalb weniger Stunden – und in einigen Fällen sogar wesentlich schneller – bis zum Heiligtum hin- und zurückgehen konnten. Nicht nur kleine Dörfer und größere Siedlungen, sondern auch Paläste verfügten über ein Höhenheiligtum. Die bergige Insel war von solchen Kultorten, die sehr oft auch miteinander in einem direkten Blickkontakt standen, übersät. Die kretischen Höhenheiligtümer bildeten somit ein Sichtbeziehungsnetz, das nahezu die gesamte Insel umfasste. Dieses Netz bot ideale Bedingungen für ein Kommunikationssystem mittels Licht- und Rauchzeichen, eine Möglichkeit, die den Minoern sicherlich nicht entgangen war. Wenn man daher die vielfältige Bedeutung dieser ›hohen Orte‹ berücksichtigt, fällt es schwer, eine Erklärung für das Ende der meisten Höhenheiligtümer in der beginnenden Neupalastzeit zu finden. Denn nur wenige von ihnen, und zwar diejenigen, die in der Nähe von Palästen lagen, überlebten den dramatischen Hiatus an der Schwelle von der Alt- zur Neupalastzeit und dienten weiterhin als heilige Orte der umliegenden Siedlungen.

Die Zeit der knossischen Dominanz (MM III A–SM I A)

Die Funde und Forschungen der letzten Jahrzehnte zeigen, dass in der kretischen Neupalastzeit mehrere Paläste oder Palastbauten auf Kreta existierten, deren Geschichte und vor allem dramatisches Ende allerdings keineswegs ähnlich zueinander waren. Die der traditionellen Forschung inhärente Vorstellung, dass alle mehr oder minder zum selben Zeitpunkt entstanden bzw. zerstört wurden, erweist sich dabei als falsch. Nach dieser Vermutung endete die Altpalastzeit abrupt, als gegen 1750 v. Chr. (Ende von MM II B) ein oder mehrere Erdbeben die Insel heimgesucht haben und die großen Paläste zerstörten. Dieses Szenario, das den Archäologen eine willkommene Zäsur bietet, um zwei Perioden der minoischen Kulturentwicklung zu definieren und scharf voneinander zu trennen, ist allerdings problematisch. In den Palastzentren von Phaistos und Malia kann man zweifellos von einer Naturkatastrophe und Zäsur sprechen, weil sich nach diesem Zeitpunkt an beiden Orten Einiges veränderte. Der alte Palast von Phaistos lag in Trümmern. Nach den Räumungsarbeiten wurden die noch stehenden Gebäudereste eingeebnet und mit einer Schicht von betonartigem Agglomerat aus Kalk, Erde, Tonscherben und Steinen versiegelt, das in einigen Fällen eine Stärke von bis zu einem Meter aufweist. Darauf begann man, den neuen Palast zu bauen. Dieser erste Versuch des Neubaus endete mit einer erneuten Erdbebenkatastrophe in MM III A. Der Palast blieb für ca. 150 Jahre verlassen und wurde erst in SM IB wiedererrichtet, um nur ca. 50 Jahre vor seiner endgültigen Zerstörung zu bestehen. Auch in Malia wurden der Palast und ein großer Teil der Stadt zerstört. Der neue Palast wurde hier erst in MM III B oder SM IA wiedererrichtet, während das Quartier Mu in Ruinen blieb. Nur die Hypostyle-Krypta, ein halbunterirdischer, langgestreckter Raumkomplex, der mit Pfeilern und Bänken versehen war und offensichtlich als Ort für Versammlungen (Rituale?) diente, und die Agora wurden offenbar weiterhin benutzt, allerdings ohne neue Bauaktivität. In Knossos und den meisten kretischen Regionen lässt sich hingegen keine dramatische Zäsur erkennen. In Knossos sind die Folgen einer Naturkatastrophe nicht am Ende der MM II B-, sondern eher am Anfang der MM III A-Periode fassbar. Mehrere Häuser der Stadt wurden zerstört. Südlich von Knossos, an den Füßen des heiligen Berges Juchtas, fanden im Inneren eines Kultgebäudes an der Lokalität Anemospilia vier Personen einen schrecklichen Tod, als das Gebäude während eines Erdbebens (?) einstürzte und sie unter sich begrub. Eines dieser Skelette stammt von einem jungen Mann, der nach der Meinung des Ausgräbers Jannis Sakellarakis bereits tot war, als die Erde bebte. Sakellarakis vermutete, dass er während eines Vorbebens geopfert wurde, um die Götter zu besänftigen. Die drei anderen Personen, die an diesem Ritual teilgenommen haben, konnten das Gebäude nicht rechtzeitig verlassen und fanden dort ebenfalls den Tod. Auch wenn diese Vermutung nicht mit Sicherheit bestätigt oder widerlegt werden kann, bietet der archäologische Befund doch einen klaren Hinweis darauf, dass sich hier etwas Schreckliches ereignete. Denn sonst lässt sich kaum erklären, warum die lokale Bevölkerung vier Tote unbestattet ließ und zwar im Inneren eines Kultgebäudes, das an einer stark frequentierten Straße lag, welche den Palast von Knossos mit dem Höhenheiligtum auf dem Juchtas verbunden hat. Man muss auf der Grundlage dieses exzeptionellen archäologischen Befundes annehmen, dass dieser Ort als Relikt eines dramatischen Ereignisses tabuisiert wurde.

Nach diesem MM III A-zeitlichen Erdbeben entstand in Knossos nach einem einheitlichen architektonischen Plan das Gebäude, das wir als ›Neuen Palast‹ bezeichnen. Dieser Bau blieb allerdings in der Neupalastzeit nicht unverändert: Am Ende von MM III B wurde er erneut stark beschädigt. Erst im Zuge von Reparaturen in der nächsten Phase wurde er mit zahlreichen Fresken ausgestattet. In derselben Periode der intensiven Bautätigkeit am Herrschersitz wurde das Zentrum von Knossos immer mächtiger und dehnte seinen Einfluss auf einen sehr großen Teil der Insel aus, während Phaistos und Malia stark, wenn nicht dramatisch, an Bedeutung einbüßten. Die spärlichen Spuren administrativer Aktivität in beiden Palästen implizieren, dass sie ihre Machtstellung als regionale Zentren verloren hatten. Hier ist zwar Vorsicht geboten, da beide Gebäude aus unterschiedlichen Gründen fast ohne Funde entdeckt worden sind: Der Palast von Phaistos war, wie bereits erwähnt, für den größten Teil der Neupalastzeit eine Baustelle, während man den Palast von Malia geplündert oder (wahrscheinlicher) geräumt hat. Wenn man allerdings die Geschichte der den Palast umgebenden Siedlung und den historischen Gesamtkontext betrachtet, scheint uns die archäologische Überlieferung in beiden Fällen kein übermäßig verzerrtes Bild der historischen Realität zu bieten. Phaistos, der vielleicht mächtigste Palast der Altpalastzeit, war in der Neupalastzeit kein funktionierendes Verwaltungszentrum mehr. In seiner unmittelbaren Nähe erblühte plötzlich ein anderer Ort, Ajia Triada, der die einstige Rolle von Phaistos als politisches und administratives Zentrum Südzentralkretas übernommen zu haben scheint. Wie kann man diesen plötzlichen Machtwechsel erklären? Die ›Ausschaltung‹ des Konkurrenten von Knossos und die Entfaltung eines neuen Zentrums in seiner unmittelbaren Nähe könnten als das Ergebnis einer dynamischen knossischen Expansionsbewegung interpretiert werden, die vielleicht nicht nur Phaistos und die Mesara-Ebene, sondern auch die Region von Malia erfasste. Die Veränderungen, welche die minoische Gesellschaft in der Neupalastzeit durchlebte, sind durch die Forschungen der letzten Jahre immer offenkundiger geworden. Im Gegensatz zur traditionellen Meinung einer regionsübergreifenden kontinuierlichen Entwicklung, die durch die Folgen der Erdbebenkatastrophe nur für kurze Zeit verlangsamt wurde, stellen wir eine Reihe von einschneidenden Veränderungen fest, hinter welchen vermutlich eine Neuordnung der Machtverhältnisse steht. Knossos scheint nun keinen ernsthaften Konkurrenten mehr auf der Insel zu haben. Dies muss nicht unbedingt bedeuten, dass dieser Palast ganz Kreta beherrschte. Eine flächendeckende Kontrolle sämtlicher kretischer Regionen von einer einzigen politischen Instanz wurde bis in unsere Zeit nur selten oder kaum realisiert. Die Dominanz von Knossos muss man eher als Expansion eines Zentrums verstehen, das es von der Mitte der Insel aus schaffte, neuralgische Regionen und Verbindungswege direkt zu kontrollieren und dadurch zu Kretas wichtigster politischer und wirtschaftlicher Instanz aufzusteigen.

Neben Knossos, Phaistos und Malia entstanden in der Neupalastzeit zwei weitere kleinere Paläste in Galatas und Kato Zakros. Unter der heutigen Altstadt von Chania liegen die Ruinen eines weiteren Palastes, der leider nicht ganzflächig freigelegt werden kann. Ein Palast wird auch in der blühenden Küstensiedlung von Palaikastro vermutet. Weitere Palastbauten wurden in Archanes, Petras und Pretoria/Damantri teilweise oder ganz ausgegraben. Als Palastgebäude wird auch der große Gebäudekomplex der Siedlung von Gournia betrachtet. Der Grund, warum die letzten vier Bauten nicht eindeutig das Prädikat ›Palast‹ verdienen, liegt im Fehlen eines Zentralhofs, der als Inbegriff für diesen architektonischen Typus gilt. Es ist allerdings theoretisch möglich, dass ein solcher Zentralhof zumindest in den nur teilweise ausgegrabenen Gebäuden von Archanes und Pretoria/Damantri vorhanden war und nur noch nicht freigelegt wurde. Ein weiteres Gebäude, das hier Erwähnung verdient, ist das zentrale Gebäude der Siedlung von Sissi. Zwar verfügt es über einen eindrucksvollen zentralen Hof, der allerdings in keinem ausgewogenen Verhältnis zum eher schmalen Streifen der ihn umgebenden Räume steht ( Kap. 5). Auf Kreta existierten also in der Neupalastzeit mehrere imposante palastartige Gebäudekomplexe, deren genaue Funktion unklar ist. Waren sie Sitze von unabhängigen Herrschern oder Subzentren eines einzigen oder zwei bzw. drei größerer Paläste? Allein auf der Grundlage der archäologischen Zeugnisse scheint es unmöglich, eine sichere Antwort auf diese Frage zu geben. Die Architektur, die Keramik, andere Objektgattungen und die Ikonografie sprechen leider keine eindeutige Sprache, wenn es darum geht, zu entscheiden, ob auf der Insel nur eines oder mehrere souveräne Zentren existierten. Dennoch gibt es, wie zuvor erwähnt wurde, viele Indizien für eine Zeit der knossischen Dominanz. Im Palast von Knossos gewinnen in dieser Zeit symbolische Bilder eine besondere Bedeutung: Handlungsszenen, Götter, Tiere, symbolträchtige Gegenstände oder Motive werden an den Wänden des Palastes und auf vielen Prestigeobjekten dargestellt. Die Entwicklung dieses Bildrepertoires, das sicherlich einige wichtige soziale Werte und Ideale der Elite von Knossos artikulierte, zeugt von den hohen politischen und gesellschaftlichen Ansprüchen dieses Zentrums. Die Verbreitung der symbolischen Bilder auf der ganzen Insel ist ein erstes starkes Indiz für die besondere Machtstellung oder – um es etwas neutraler zu formulieren – die Strahlkraft von Knossos. Die kleinen Paläste von Kato Zakros und Galatas scheinen aufgrund ihrer Funde ein enges Verhältnis zum Palast von Knossos gehabt zu haben, was möglicherweise – allerdings keineswegs sicher – als Hinweis für eine knossische Kontrolle zu deuten ist. Für eine Zeit der Dominanz von Knossos spricht schließlich die Verbreitung von Tonplomben mit Siegelabdrücken von Goldringen an mehreren Zentren der Insel. Die knossische Herkunft dieser – nicht mehr erhaltenen – Ringe, die für längere Zeit Gegenstand einer wissenschaftlichen Debatte war, wurde erst durch naturwissenschaftliche Untersuchungen des Tones der Tonplomben gestützt.

Die einschneidenden Veränderungen in der minoischen Gesellschaft sind auch im Bereich der Religion und der Bestattungspraktiken greifbar. Die meisten Höhenheiligtümer, die wichtigsten Plätze der Kultausübung in der Altpalastzeit, wurden allmählich verlassen. Nur diejenigen bestanden fort, die in der Nähe von Palastzentren lagen und wahrscheinlich durch ihre Unterstützung aufrechterhalten wurden. Die Nekropolen der Neupalastzeit stellen immer noch eine der größten interpretatorischen Herausforderungen für die Untersuchung dieser Periode der minoischen Kultur dar, weil ihre Zahl besorgniserregend gering ist. In verschiedenen Regionen der Insel werden nun Nekropolen, die seit der Vorpalastzeit in Benutzung waren, verlassen. Die große Frage für die archäologische Forschung ist, wo die Minoer in der Neupalastzeit ihre Toten bestattet haben, da die neupalastzeitlichen Gräber bis auf wenige Ausnahmen unsichtbar bleiben. Die wenigen Gräber dieser Periode aus der Region von Knossos sind unterirdische Kammergräber, die in verschiedenen Nekropolen um dieses Zentrum herum verstreut liegen (Ailias, Mavrospilio, Poros). Die dramatische Veränderung der Bestattungssitten ist auch in Ostkreta greifbar, wo die Toten, nach einer jahrhundertewährenden Tradition von oberirdischen Grabhäusern, nun unter der Erde in umgestülpten Pithoi (Vorratsgefäßen) bestattet werden. Der Bestattungsplatz wird zum ersten Mal in der Geschichte der minoischen Kultur weitgehend unsichtbar. Das allgemeine Fehlen von neupalastzeitlichen Gräbern kann keineswegs nur durch eine mangelhafte Überlieferungslage bedingt sein. Auch wenn man sich nicht der provokativen Vermutung anschließen will, dass die Minoer in der Neupalastzeit Seebestattungen praktizierten, die natürlich keine archäologischen Spuren hinterlassen hätten, steht es außer Zweifel, dass sich in dieser Periode der Umgang der Minoer mit ihren Toten radikal veränderte. Es ist sehr wahrscheinlich, dass dieser Wandel der Ideologie bzw. der Bestattungssitten mit der knossischen Expansion zusammenhing. Im Zuge dieses Prozesses scheinen die Nekropolen ihre Bedeutung als Arena sepulkraler Selbstdarstellung und sozialer Interaktion verloren zu haben und folglich nicht mehr exponierte Orte in der unmittelbaren Nähe der Siedlungszentren zu besetzen.

Der Palast von Knossos wird in dieser Periode zum wichtigsten Kristallisationspunkt der minoischen Gesellschaft. Der starke Fokus der Archäologen auf dieses eindrucksvolle Gebäude entspricht seiner historischen Bedeutung zumindest in der Neupalastzeit. Knossos war nicht nur ein mächtiges politisches Zentrum, sondern gab auch in den meisten Bereichen der sozialen Interaktion den Ton an. Knossischen Moden in der Architektur, Bilderwelt und offensichtlich auch im Habitus wurde in anderen kretischen Regionen gern nachgeeifert. Abgesehen von dieser Tatsache bleibt es allerdings, wie bereits erwähnt, offen, ob all diese Regionen tatsächlich vom Palast von Knossos aus politisch kontrolliert wurden. Die anspruchsvolle Architektur des Palastes und der elitären Häuser in Knossos, die erzählerischen Darstellungen, welche glanzvolle Feste und Zeremonien in Gebäuden oder öffentlichen Räumen schildern und schließlich die Eleganz des knossischen Designs, die in Ton- und Steingefäßen, Siegeln, Fresken und Statuetten greifbar wird, zeugen von einer kosmopolitischen Lebensweise der Elite, die sich mit jenen der zeitgleichen orientalischen königlichen Dynastien vergleichen lässt. Prozessionen mit kostbaren Gaben, große Feste, bei denen die Palastelite zusammen mit der einfachen Bevölkerung feierte und schließlich der in den elitären Medien allgegenwärtige Stiersprung stellten die wichtigsten Pole des Selbstverständnisses der oberen Klasse dar. Der Habitus der unteren sozialen Schichten ist in dieser wie auch in den anderen Perioden der minoischen Kultur archäologisch kaum fassbar, da uns ein genauerer Einblick in die sozialen Strukturen der knossischen Gesellschaft aufgrund des Fehlens von entzifferten Texten bislang leider verwehrt bleibt. Auf die heftige Debatte über den Charakter des politischen Systems in der Neupalastzeit, die vor wenigen Jahren entfachte und noch andauert, wird unten eingegangen ( Kap. 5). Hier genügt es festzuhalten, dass insbesondere Knossos und vielleicht auch andere kretische Regionen in dieser Periode den Höhepunkt ihrer Entwicklung erreicht haben, wenn wir den in der materiellen Kultur sichtbaren Wohlstand als Kriterium nehmen wollen. Die eindrucksvollen Feste und Zeremonien, die sehr oft in den Medien dieser Zeit Niederschlag fanden, besaßen zweifellos eine sehr stabile wirtschaftliche Grundlage, die die Voraussetzungen für die Entfaltung der schönen Künste und für die Demonstration des Luxus innerhalb des Palastes bot. Diese Grundlage war der landwirtschaftliche Überschuss. Der Palast besaß ferner Schafherden, deren tierische Produkte einen der wichtigsten Bereiche des Palast-Wirtschaftssystems ausmachten. Dies lässt sich explizit in der letzten Phase des Palastes von Knossos (Spätpalastzeit) durch die hier entdeckten Linear-B-Texte belegen. Mit Wolle, Textilien und den in Palastwerkstätten hergestellten Artefakten wurde im großen Stil gehandelt. Der Palast war daher nicht nur die wichtigste politische Instanz, sondern auch der größte Unternehmer auf der Insel. Hinter dieser knossischen Erfolgsgeschichte stand ein effizientes Administrationssystem, das sich der Linear-A-Schrift und den Siegeln für die Kontrolle verwaltungstechnischer Vorgänge bediente. Die Schrift erfüllte allerdings in dieser Periode ihre Funktion nicht nur innerhalb der Palastadministration. Zahlreiche Schriftzeugnisse auf verschiedenen anderen Trägern (Tongefäßen, Altären, Schmuck, Goldringen u. a.) weisen darauf hin, dass sie als ein echtes Kommunikationsmedium außerhalb der administrativen Sphäre eingesetzt wurde, was in krassem Gegensatz zur späteren, einseitigen Verwendung der Linear-B-Schrift sowohl auf Kreta als auch auf dem griechischen Festland steht.

Auch abseits des Zentrums von Knossos erlebten nun die meisten kretischen Regionen blühende Zeiten. Die minoische Gesellschaft scheint in dieser Zeit ihren Lebensraum wesentlich besser als jede andere Gesellschaft in der jahrtausendewährenden Geschichte Kretas erschlossen zu haben. Küstensiedlungen oder echte Hafenstädte wie Pseira, Mochlos, Gournia, Palaikastro und Kommos weisen Züge einer urbanistischen Entwicklung mit eindrucksvollen Stadtvillen, Straßen und Kanalisationssystemen auf. Aber auch Siedlungen im kretischen Binnenland, wie Tylissos, sind Zeugen eines bemerkenswerten Wohlstands, den die kretischen Regionen erlebten. Nicht nur die Küstenebenen und die fruchtbaren Landstriche im Inselinneren, sondern auch kleine abgelegene Buchten und bergige Gebiete waren von Gruppen bevölkert, die die unerschöpflichen Ressourcen dieser gesegneten Landschaft intensiv nutzten. Neben den anderen Palastzentren und größeren Siedlungen wurden nun zahlreiche ›Landvillen‹ errichtet, welche die lokale Produktion kontrollierten und die Verbindungswege sicherten. Sie waren unterschiedlich groß und hatten einen individuell entworfenen architektonischen Plan, der allerdings in vielen Fällen ähnliche Baumodule aufwies. Neben Residenzräumen beherbergten sie Magazine, Werkstätten und manchmal kleine Schreine. Die Größe dieser Gebäude, ihr komplexer architektonischer Plan, die eindrucksvollen Dimensionen der verwendeten Steinblöcke, die unterschiedlichen Aktivitäten, die sie unter ihrem Dach vereinigten, und nicht zuletzt ihre strategische Position legen nahe, dass sie mit Unterstützung oder unter Anleitung des Palastes entstanden. Trotz der gemeinsamen Idee, die hinter ihrer Entstehung steht, sind diese Villen in ihrem Erscheinungsbild nicht minder vielfältig als die kretische Landschaft. Die Landvilla von Vathypetro mit ihrer Weinpresse thront auf einem Hügel inmitten einer lieblichen Landschaft, wie ein toskanisches Weingut; das Gebäude in Zominthos mit seinen enormen Dimensionen ruht majestätisch in einer alpinen Region ca. 1200 Meter über dem Meeresspiegel; die Villa von Makrygialos erstreckt sich auf einer niedrigen Anhöhe direkt neben einem großen Sandstrand an der südkretischen Küste, der einen optimalen Anlegeplatz für Schiffe bot. Nahezu all diese Gebäude, die auch die entlegensten Regionen der kretischen Landschaft belebten, verschwanden mit der Zerstörung der minoischen Paläste am Ende der Neupalastzeit.

Die Neupalastzeit ist eine Periode der großen Blüte aller Kunsthandwerkszweige. Die feinsten Erzeugnisse der Töpferkunst, der Elfenbeinschnitzerei, des Juwelierhandwerks, der Bronzetoreutik und der Siegelschneidekunst kombinieren hohes technisches Niveau mit einer unnachahmlichen Kreativität und Experimentierfreudigkeit. Zugleich verraten sie die Existenz einer Elite, die als Abnehmer dieser Produkte hohe ästhetische Ansprüche hatte. Die minoische kosmopolitische Lebensweise und das minoische Design wurden auch außerhalb der Insel bewundert und begehrt. In mehreren Regionen der Südägäis, darunter die Kykladeninseln (Thera, Keos) und die Dodekanes (Rhodos, Kos), die Süd- und Nordostpeloponnes (mit der Insel Kythera) und die westkleinasiatische Küste, wurden minoische ›Moden‹ bzw. eine minoische Lebensweise übernommen. Minoische Waren füllten die ägäischen Märkte oder wurden an lokale Potentaten als Geschenke verschickt und nährten die Bewunderung für Kretas feinen Lebensstil kontinuierlich. Die Verbreitung von minoischen Objekten, die nicht unbedingt als Handelsware interpretiert werden können, darunter grobe Keramik, Gewichte und Linear-A-Täfelchen, macht die physische Präsenz von Minoern oder minoischen emporia (Handelsstationen) in diesen ägäischen Regionen sehr wahrscheinlich. Ihr politischer Status und konkreter ihr politisches Verhältnis zum minoischen Kreta lassen sich schwer nachvollziehen.

Die Strahlkraft der minoischen Kultur erstreckte sich weit über die Ägäis hinaus und erreichte die Häfen und Machtzentren des östlichen Mittelmeers (insbesondere in Ägypten und der Levante), mit denen die Insel bereits seit der Vorpalastzeit rege Kontakte unterhielt. Der eindrucksvollste Beweis für die hohe Anerkennung des minoischen Designs im Ausland ist die Ausstattung von zwei ›Palästen‹ im ägyptischen Avaris im Nildelta mit Fresken, die offensichtlich knossische Vorbilder hatten. Der minoische Herrscher unterhielt diplomatische Kontakte mit dem Pharao, und vielleicht auch anderen orientalischen Königen, und tauschte mit ihnen regelmäßig kostbare Geschenke aus. Trotz seiner Randlage etablierte sich das minoische Kreta und insbesondere der Palast von Knossos als ebenbürtiger Partner in den Austauschnetzen und der internationalen politischen Szene des östlichen Mittelmeers. Es ist schließlich durchaus möglich, dass auch andere minoische Paläste oder Siedlungszentren eine aktive Rolle in diesen ostmediterranen Austauschnetzwerken entweder als Handelsunternehmen oder Umschlagplätze gespielt haben.

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Litres'teki yayın tarihi:
03 eylül 2025
Hacim:
417 s. 30 illüstrasyon
ISBN:
9783170250130
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