Kitabı oku: «Die Evolution der Seele und Natur»

Omsriaurobindomira
Alles
Leben
ist
Yoga
“All life is Yoga.” – Sri Aurobindo
Evolution der Seele und Natur
Sri Aurobindo | Die Mutter

SRI AUROBINDO
DIGITAL EDITION

Copyright 2020
AURO MEDIA
Verlag und Fachbuchhandel
Wilfried Schuh
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eBook Design

SRI AUROBINDO DIGITAL EDITION
Deutschland, Berchtesgaden
www.auromira.digital
ALLES LEBEN IST YOGA
Evolution der Seele und Natur Auszüge aus den Werken von Sri Aurobindo und der Mutter 1. Aufl. 2020 ISBN 978-3-96387-059-0

© Fotos und Textauszüge Sri Aurobindos und der Mutter:
Sri Aurobindo Ashram Trust
Puducherry, Indien

Blume auf dem Cover:
Strophanthus. Weiß und purpur. Die von der Mutter gegebene spirituelle Bedeutung: Ausstrahlung der Manifestation Die göttliche Manifestation verbreitet sich.
Anmerkung des Herausgebers
Einfache Auszüge aus den Werken Sri Aurobindos und der Mutter geben für die Sadhana des Integralen Yoga eine praktische Orientierung zu bestimmten Themen des alltäglichen Lebens.
Die Übersetzung der Textstellen von Sri Aurobindo erfolgte aus dem ursprünglichen Englisch, während die meisten Passagen der Mutter bereits Übersetzungen aus dem Französischen waren. Fast alle Texte der Mutter wurden ihren Gesprächen entnommen, die sie mit Kindern und Erwachsenen führte, einige ihren Schriften. Man muss berücksichtigen, dass die Auszüge ihrem ursprünglichen Zusammenhang entnommen wurden und dass jede Zusammenstellung ihrer Natur nach möglicherweise einen persönlichen und subjektiven Charakter hat. Es wurde jedoch der aufrichtige Versuch unternommen, der Vision Sri Aurobindos und der Mutter treu zu bleiben.
Die Textauszüge sind vom Verlag zum Teil mit Kapiteln und Überschriften versehen worden, um ihre Themen hervorzuheben. Sofern es möglich war, wurden sie in Anlehnung eines Satzes aus dem Text selbst gewählt.
Sri Aurobindo und die Mutter machen von der in der englischen Sprache gegebenen Möglichkeit, Wörter groß zu schreiben, um ihre Bedeutung hervorzuheben, häufig Gebrauch. Mit dieser Großschreibung bezeichnen sie meist Begriffe aus übergeordneten Daseinsbereichen, doch auch allgemeine wie Licht, Friede, Kraft usw., wenn sie ihnen einen vom üblichen Gebrauch abweichenden Sinn zuordnen. Diese Begriffe wurden in diesem Buch kursiv hervorgehoben, um dem Leser zu einer leichteren Einfühlung in diese subtilen Unterscheidungen zu verhelfen.
Eckige Klammern bezeichnen Einfügungen des Übersetzers, die um des besseren Verständnisses willen angebracht erschienen. Einige wenige Sanskritwörter wie Sadhana, Sadhaka, Yoga usw. wurden eingedeutscht, da sie durch ihren häufigen Gebrauch bereits als Bestandteil der deutschen Sprache angesehen werden können. Alle anderen Sanskritwörter sind kursiv hervorgehoben, wobei auf diakritische Transkriptionszeichen verzichtet wurde.
Die kursiv geschriebenen Textpassagen vor den Worten Sri Aurobindos und der Mutter sind Fragen bzw. Antworten von Schülern oder sonstige erläuternde Texte.
„Wahre Spiritualität bedeutet nicht, dem Leben zu entsagen, sondern das Leben mit einer Göttlichen Vollkommenheit zu vollenden.“ – Die Mutter
* * *
InhaltTitelseiteCopyrightAnmerkungen des HerausgebersI. WIEDERGEBURT UND EVOLUTION1. Wiedergeburt2. Die reinkarnierende Seele3. Wiedergeburt, Evolution, Vererbung4. Wiedergeburt und Seelen-Evolution5. Die Bedeutung der Wiedergeburt6. Die aufsteigende Einheit7. Involution und EvolutionII. DIE EVOLUTION DES SPIRITUELLEN MENSCHEN1. Die Philosophie der Wiedergeburt2. Die Ordnung der Welten3. Wiedergeburt und andere Welten – Karma, Seele und Unsterblichkeit4. Der Mensch und die Evolution5. Die Entwicklung des spirituellen MenschenIII. YOGA UND EVOLUTION1. Leben und Yoga2. Das evolutionäre Ziel im Yoga3. Evolution und Yoga – eine Bewegung und dieselbe Reise4. Was ist die Natur?IV. DIE SEELE – IHRE NATUR, AUFGABE UND EVOLUTION1. Das seelische Wesen2. Rolle, Aufgabe und Tätigkeit der Seele3. Die Wachstumsentwicklung der SeeleV. DIE EINHEIT VON GOTT, MENSCH UND NATUR1. Die involvierte und evolvierende Gottheit2. Die Evolution des Bewusstseins3. Der Fortschritt zum Wissen – Gott, Mensch und Natur4. Der Prozess der Evolution – Aufstieg und IntegrationANHANGQuellenangabenGuideCoverInhaltsverzeichnisStart
Teil I

Sri Aurobindo
Nicht ganz erfüllt ist der unsichtbare Erlass;
Ein Mental jenseits unseres Mentals verlangt unseren Horizont,
Ein Leben unvorstellbarer Harmonie
Erwartet, versteckt, die Fassungsgabe des ungeborenen Menschen.
Die rohen Anfänge der leblosen Erde,
Die mentallosen Regungen von Pflanze und Baum
Bereiteten unser Denken vor; das Denken an eine gottgleiche Geburt
Erweitert die Form unserer Sterblichkeit.
Eine Macht, die Wille oder Kraft des Menschen nicht erlangen kann,
Ein Wissen, thronend in der Ewigkeit,
Eine Seligkeit jenseits unseres Ringens und Schmerzes,
Das sind die Gipfelhöhen unseres Geschicks.
O du, der du stiegst zum Geist aus dem dumpfen Stein,
Wende dich den unerklommenen Wundern zu.
— Sri Aurobindo
* * *
Kapitel 1
Wiedergeburt
Worte Sri Aurobindos
Die Theorie der Wiedergeburt ist fast so alt wie das Denken selbst, und ihr Ursprung ist unbekannt. Wir können sie je nach Neigung als Frucht uralter psychologischer Erfahrung annehmen, die erneuerungsfähig und nachprüfbar und daher wahr ist, oder sie als philosophisches Dogma und geniale Spekulation abtun. Doch in beiden Fällen wird die Lehre, genauso wie sie allem Anschein nach fast so alt ist wie das menschliche Denken selbst, wahrscheinlich auch fortdauern, solange Menschen denken.
Früher war die Lehre in Europa unter der grotesken Bezeichnung „Seelenwanderung“ in Umlauf und bescherte dem westlichen Geist die komische Vorstellung, wonach die Seele des Pythagoras aus der göttlichen Menschengestalt wahllos wie ein Zugvogel in den Körper eines Meerschweinchens oder in den eines Esels wanderte. Die philosophische Würdigung der Theorie drückte sich in dem wunderbaren, doch ziemlich unpraktischen griechischen Wort Metempsychose aus, das „Beseelung eines neuen Körpers mit demselben seelischen Individuum“ bedeutet. Die griechische Sprache hatte immer eine glückliche Hand, Gedanke und Wort miteinander zu verbinden, und es konnte gar kein besserer Ausdruck gefunden werden. Doch in das Englische eingezwängt ist das Wort nur noch lang und pedantisch, ohne dass eine Erinnerung an seinen feinen griechischen Sinn anklingt, und man muss darauf verzichten. Wiederverkörperung ist der jetzt allgemein übliche Ausdruck, doch der Wortgedanke neigt zu vergröbernder oder äußerlicher Auffassung des Sachverhalts und geht von vielen falschen Voraussetzungen aus. Ich ziehe „Wiedergeburt“ vor, denn es gibt den Sinn des weiten, schmucklosen, aber hinreichenden Sanskrit-Ausdrucks punarjanma wieder, „von neuem geboren werden“, und verpflichtet uns lediglich auf den Grundgedanken, der der Kern der Lehre ist und ihr Leben gibt.
Wiedergeburt ist für das moderne Denken nicht viel mehr als lediglich Spekulation und Theorie. Sie ist durch die Methoden der modernen Naturwissenschaften nie bewiesen worden, auch nicht zur Befriedigung des neuen, von der Wissenschaftskultur geformten kritischen Denkens. Sie wurde auch nicht widerlegt, denn die modernen Naturwissenschaften wissen nichts von einem Leben vorher oder einem Leben nachher für die menschliche Seele. Sie wissen nicht einmal etwas von einer Seele überhaupt, können es auch nicht wissen; ihre Domäne ist der Körper, das Gehirn und die Nerven, der Embryo und seine Bildung und Entwicklung, weiter nichts. Auch hat der moderne Kritizismus keinen Apparat, mit dem er die Wahrheit oder Unwahrheit der Wiedergeburt nachweisen kann. Tatsächlich ist er, trotz seinem ganzen Anspruch auf gründliche wissenschaftliche Forschung und gewissenhafteste Bestimmtheit, bei der Wahrheitsfindung nicht so tüchtig. Außerhalb des unmittelbar Physischen ist er fast hilflos. Für die Entdeckung von Tatsachen ist er geeignet, wenn die Schlüssigkeit dieser Tatsachen jedoch nicht aus deren eigenem Äußeren hervorgeht, hat er keine Möglichkeit, sich auf die allgemeinen Aussagen zu verlassen, die er in der einen Generation so selbstsicher verkündet und in der nächsten widerrufen muss. Er hat keine Möglichkeit, die Wahrheit oder Unwahrheit einer fragwürdigen historischen Behauptung zweifelsfrei herauszufinden. Nach einer ein Jahrhundert dauernden Kontroverse ist er nicht einmal in der Lage, uns zu sagen, ob Jesus Christus gelebt hat oder nicht. Wie kann er sich also mit einer Materie wie der Wiedergeburt befassen, die Gegenstand der Psychologie ist und besser durch psychologisches als durch naturwissenschaftliches Beweismaterial geklärt wird?
Die Argumente, die gewöhnlich durch Befürworter und Gegner vorgebracht werden, sind oft nur schwach oder nicht sehr sinnvoll und selbst im besten Fall unzureichend, um irgendetwas auf der Welt zu beweisen oder zu widerlegen. Ein häufig triumphierend vorgebrachtes Argument lautet zum Beispiel: Wir haben keine Erinnerung an unsere vergangenen Leben, also gibt es keine vergangenen Leben! Man muss schmunzeln, wenn man sieht, dass eine solche Argumentation allen Ernstes von denen gebraucht wird, die sich einbilden, den intellektuellen Kinderschuhen entwachsen zu sein. Der Beweis wird mit psychologischer Begründung weitergeführt, und doch bleibt dabei gerade die Natur unseres normalen oder physischen Erinnerungsvermögens unberücksichtigt, das der Durchschnittsmensch als einziges benutzen kann. In welchem Umfang haben wir eine Erinnerung an unser gegenwärtiges Leben, das wir ja unbestreitbar im Augenblick führen? Unser Gedächtnis ist normalerweise gut für das Naheliegende, wird verschwommener oder weniger aufnahmebereit für entferntere Gegenstände, erfasst weiter weg nur noch einige ins Auge springende Punkte und fällt, was den Beginn unseres Lebens angeht, in ein reines Nichts. Können wir uns auch nur an die bloße Tatsache, an den simplen Zustand erinnern, als wir ein kleines Kind an der Mutterbrust waren? Und doch gehörte dieser frühe Kindheitszustand, und das ist nicht etwa eine buddhistische Theorie, zu demselben Leben und zu derselben Person – gerade zu der, die sich nicht daran erinnern kann, sowenig wie an ihre vergangenen Leben. Dennoch verlangen wir von diesem physischen Gedächtnis, von diesem Gedächtnis des rohen Menschengehirns, das sich nicht an unsere frühe Kindheit zu erinnern vermag und dem so viel von unseren späteren Jahren entfallen ist, sich doch die Zeit vor der Kindheit, vor der Geburt und bevor es selbst gebildet wurde, wieder in Erinnerung zu rufen. Und wenn es das nicht kann, sollen wir unsere Stimme erheben: „Widerlegt ist eure Theorie der Reinkarnation!“ Die neunmalkluge Weisheit unseres gewöhnlichen menschlichen Argumentierens musste in einer solchen Schlussfolgerung steckenbleiben. Wenn unsere vergangenen Leben erinnert werden sollen, entweder als Tatsache und Zustand oder in ihren Ereignissen und Bildern, kann es offenbar nur durch ein erwachendes psychisches Erinnerungsvermögen geschehen, das die Beschränkungen des Physischen überwindet und Eindrücke wiederaufleben lässt, die anders sind als die dem physischen Wesen von der physischen Gehirntätigkeit eingeprägten.
Auch wenn wir Beweise für die physische Erinnerung an vergangene Leben oder für ein solches psychisches Erwachen hätten, bezweifle ich, ob die Theorie als irgend besser bewiesen denn zuvor gelten würde. Man hört jetzt viel von solchen zuversichtlich vorgebrachten Beispielen, wenn auch ohne jenen Apparat von verifiziertem, verantwortlich geprüftem Beweismaterial, das den Ergebnissen psychischer Forschung Gewicht verleiht. Der Skeptiker kann sie stets als bloße Erfindung und Einbildung anzweifeln, wenn und bis sie nicht auf eine feste Beweisgrundlage gestellt sind. Auch wenn die angeführten Tatsachen bestätigt sind, kann er sich auf die Behauptung zurückziehen, dass es sich nicht um wirkliche Erinnerungen handelt, sondern dass sie der vorbringenden Person mittels normaler naturwissenschaftlicher Methoden bekannt geworden oder ihr von anderen eingegeben und in eine Erinnerung an Wiederverkörperung verwandelt worden seien, entweder durch bewusste Täuschung oder durch einen Vorgang der Selbsttäuschung und Selbsthalluzination. Und auch angenommen, das Beweismaterial wäre zu stichhaltig und einwandfrei, als dass man es mit diesen bekannten Tricks loswerden könnte, wäre es doch möglich, sie nicht als Beweis für die Wiedergeburt zu akzeptieren; das Mental kann für eine einzige Faktengruppe hundert theoretische Erklärungen beibringen. Spekulatives Denken und Forschung der Moderne haben diesen Zweifel eingeführt, so dass er drohend über jeder psychischen Theorie und allgemeinen Aussage schwebt.
Wir wissen zum Beispiel, dass etwa bei den Erscheinungen des automatischen Schreibens oder bei der Verbindung mit den Toten darüber debattiert wird, ob sie von außen kommen, von einem entkörperten mentalen Geist, oder von innen, vom unterschwelligen Bewusstsein, oder ob die Verbindung wirklich und unmittelbar von der abgelösten Persönlichkeit ausgeht oder aber, ob es ein an die Oberfläche gelangter telepathischer Eindruck ist, der dem Geist des damals Lebenden entsprang, jedoch in unserer unterschwelligen Mentalität untergetaucht blieb. Derartige Bedenken könnten auch den Materialien der Erinnerung an eine Reinkarnation entgegengebracht werden. Man könnte die Behauptung aufstellen, dass durch diese Materialien die Kraft einer gewissen geheimnisvollen Fähigkeit in uns bewiesen wird, ein Bewusstsein, das ein unerklärliches Wissen vergangener Geschehnisse in sich bergen kann, dass diese Geschehnisse aber zu anderen Persönlichkeiten als der unseren gehören und dass ihre Zuordnung zu unserer eigenen Persönlichkeit in vergangenen Leben eine Fantasievorstellung, eine Halluzination ist oder aber ein Beispiel der Selbstaneignung von wahrgenommenen Dingen und Erfahrungen, die jedoch nicht uns angehören – eine jener unbezweifelbaren Erscheinungen mentalen Irrtums. Durch eine solche Ansammlung von Beweismaterial würde vieles bewiesen, nicht jedoch die Wiedergeburt, zumindest nicht für den Skeptiker. Wäre das Material hinreichend ausführlich, genau und reichhaltig sowie persönlich genug, würde es sicher eine Atmosphäre schaffen, die letztlich dazu führen würde, dass die Theorie als eine moralische Gewissheit von der menschlichen Art allgemein angenommen wird. Beweisen ist jedoch etwas anderes.
Im Grunde ist das meiste, was wir als Wahrheit annehmen, eigentlich nichts anderes als moralische Gewissheit. Wir alle haben den tiefsten, unerschütterlichsten Glauben, dass die Erde sich um ihre eigene Achse dreht, doch wurde diese Tatsache nie bewiesen, wie ein großer französischer Mathematiker aufzeigte; es ist nur eine Theorie, die eine gute Begründung für einen zu beobachtenden Sachverhalt abgibt, weiter nichts. Wer weiß, ob sie nicht in diesem oder einem anderen Jahrhundert durch eine bessere – oder schlechtere – ersetzt wird. Alle beobachteten astronomischen Erscheinungen wurden durch Sphärentheorien und was sonst noch alles großartig erklärt, bevor Galilei mit seinem „Und sie bewegt sich doch!“ auftrat und die Unfehlbarkeit von Papst und Bibel, Wissenschaft und Gelehrtenlogik erschütterte. Man hat das sichere Gefühl, dass großartige Theorien erfunden werden könnten, um die Tatsache der Gravitation zu erklären, wäre unser Intellekt nicht von den früheren Beweisführungen Newtons1 voreingenommen. Dies ist die unserem Verstande eigene und ihn stets verwirrende Plage; denn wenn er anfängt, weiß er nichts und hat sich mit unendlich vielen Möglichkeiten zu befassen, und die möglichen Erklärungen für jede beliebige Faktenreihe, bis man wirklich weiß, was dahintersteckt, sind endlos. Letztlich wissen wir eigentlich nur das, was wir beobachten, und auch dies unterziehen wir einer quälenden Untersuchung, zum Beispiel, dass grün grün und weiß weiß ist, obgleich es so aussieht, als wäre die Farbe nicht Farbe, sondern etwas anderes, das das Erscheinen von Farbe hervorbringt. Jenseits der beobachtbaren Tatsachen müssen wir uns mit annehmbarer Erfüllung der Logik, mit sehr großer Wahrscheinlichkeit und mit moralischer Gewissheit zufriedengeben – wenigstens so lange, bis wir für die Beobachtung Sinn haben, dass es höhere Möglichkeiten in uns gibt als den sinnenabhängigen Verstand – und die Entwicklung abwarten, mit denen wir zu größerer Gewissheit gelangen können.
Zugunsten der Theorie der Wiedergeburt können wir in der Tat keine solche sehr große Wahrscheinlichkeit oder Gewissheit behaupten, wie wir es gegen den Skeptiker getan haben. Der noch verfügbare äußere Beweis ist letztlich nur ein Ansatz. Pythagoras war einer der größten Weisen, aber seine Behauptung, er habe vor Troja unter dem Namen des Antenoriden mitgekämpft und sei durch den jüngeren Atreussohn erschlagen worden, ist eben nur eine Behauptung, und seine Identifizierung des trojanischen Schildes wird niemanden überzeugen, der nicht schon überzeugt ist; die moderne Beweisführung ist bis jetzt um nichts überzeugender als der Beweis des Pythagoras. In Ermangelung eines äußeren Beweises, der für unseren sachbeherrschten, sinnenhaften Intellekt allein schlüssig ist, haben wir das Argument der Verfechter der Wiederverkörperung, dass ihre Theorie alle Fakten besser erklärt als jede andere schon vorgebrachte. Der Anspruch ist berechtigt, aber er schafft überhaupt keine Gewissheit. Die Theorie der Wiedergeburt verbunden mit der Karma-Theorie gibt uns eine einfache, symmetrische und schöne Erklärung der Dinge; doch eine ebenso einfache, symmetrische und schöne Erklärung der Himmelsbewegungen gab uns auch die Sphärentheorie. Doch wir haben jetzt eine ganz andere Erklärung, eine viel komplexere, in ihrer Symmetrie viel gröbere und schwankendere, eine unerklärliche Ordnung, die sich aus chaotischen Unendlichkeiten herausentwickelte und die wir als die Wahrheit der Sache akzeptieren oder zu akzeptieren pflegten, aber jetzt wird uns zu verstehen gegeben, dass diese Ordnung nur ein von unserem eigenen Geist geschaffenes oder von der Beschaffenheit unseres Gehirns bestimmtes Schema ist, eine Syntax und Logik von Worten und Gedanken, die wir einer Welt aufzwingen, die in Wahrheit nichts Derartiges enthält beziehungsweise enthalten kann. Und doch, wenn wir nur denken wollen, werden wir vielleicht erkennen, dass auch dies nicht die ganze Wahrheit ist. Es steckt viel mehr dahinter, was wir noch nicht entdeckt haben. Daher ist die Einfachheit, Symmetrie und Schönheit und das Befriedigende der Theorie der Reinkarnation keine Garantie für ihre Gewissheit.
Gehen wir in die Einzelheiten, wächst die Ungewissheit. Die Wiedergeburt erklärt zum Beispiel das Phänomen des Genies, angeborener Fähigkeiten und so manch andere psychologische Geheimnisse. Doch dann kommt die Wissenschaft mit ihrer Vererbung, die allem gerecht wird und alles erklärt – obschon, wie bei der Wiedergeburt, nur für die, die ohnehin bereits daran glauben. Zweifellos wurden die Ansprüche der Vererbungslehre unsinnig übertrieben. Es gelang ihr in vielem, nicht in allem, die Begründung unseres Körperbaus, unseres Temperaments und unserer vitalen Eigenheiten. Ihr Versuch, eine Begründung für Genie, für angeborene Fähigkeiten und andere psychologische Erscheinungen höherer Art zu liefern, ist dagegen in seiner Anmaßung ein Fehlschlag. Dies mag daran liegen, dass die Naturwissenschaften überhaupt nichts Grundlegendes über unsere Psychologie wissen – nicht viel mehr als die ersten Astronomen von der Zusammensetzung und den Gesetzen der Sterne, deren Bewegungen sie doch schon mit hinreichender Genauigkeit beobachteten. Ich glaube nicht, dass die Wissenschaft in der Lage sein wird, auch wenn sie mehr und besser weiß, diese psychologischen Dinge mittels Vererbung zu erklären; doch kann der Wissenschaftler sehr wohl so argumentieren, dass er erst am Anfang seiner Untersuchungen stehe, dass die Verallgemeinerung, die so vieles erklärt hat, sehr wohl alles erklären könne und dass seine Hypothese mit ihrem beweiskräftigen Material an Fakten auf jeden Fall eine bessere Ausgangsposition gehabt habe als die Theorie der Reinkarnation.
Dennoch ist das Argument des Theoretikers der Reinkarnation so weit ein gutes Argument und verdient Respekt, obwohl es nicht schlüssig ist. Doch gibt es ein anderes, lautstärker vorgetragenes, das mir der feindseligen Argumentation vom fehlenden Gedächtnis zu entsprechen scheint, wenigstens in der Form, in der es normalerweise vorgebracht wird, um unreife Gemüter anzuziehen. Es ist das sittliche Argument, mit dem man Gottes Umgangsweisen mit der Welt oder die Umgangsweise der Welt mit sich selbst zu rechtfertigen sucht. Es muss da eine moralische Weltregierung geben, so wird gedacht; oder mindestens ein Dekret in der Weltordnung zur Belohnung der Tugend und zur Bestrafung der Sünde. Doch auf unserer wirren und chaotischen Erde tritt keine solche Sanktion in Erscheinung. Wir sehen, wie der gute Mensch in die Presse der Misere und des Elends hinuntergestoßen wird und der schlechte wie ein grüner Lorbeerbaum gedeiht und an seinem Ende eben nicht jämmerlich dahingerafft wird. Nun, das ist unerträglich. Es ist eine grausame Anomalie, es wirft ein schlechtes Licht auf Gottes Weisheit und Gerechtigkeit und ist beinahe ein Beweis dafür, dass es Gott nicht gibt; wir müssen das in Ordnung bringen. Oder wenn es Gott nicht gibt, müssen wir irgendeine andere Sanktionierung der Rechtschaffenheit haben.
Wie tröstlich wäre es, wenn wir einen guten Menschen und sogar den Umfang seines Gutseins – denn sollte nicht der Höchste ein genauer und ehrbarer Buchhalter sein? – am Umfang des Ghee (geklärte Butter) erkennen könnten, das er in seinen Magen tun darf, an der Anzahl von Rupien, die er auf sein Bankkonto klingeln lassen kann, und an den verschiedenen Arten von Glück, die ihm zufallen. Ja, und wie tröstlich auch, wenn wir auf den Schlechten, der von keiner Verheimlichung mehr gedeckt wird, mit dem Finger zeigen und ihn anschreien könnten: „O du schlechter Mensch! Denn wenn du nicht böse wärst, wärst du in einer von Gott oder wenigstens vom Guten regierten Welt so zerlumpt, hungrig, unglücklich, von Kummer verfolgt, ehrlos unter den Menschen. Ja, es ist erwiesen, dass du schlecht bist, denn du gehst in Lumpen. Gottes Gerechtigkeit ist hergestellt.“ Da die Höchste Intelligenz zum Glück weiser und edler ist als das kindische Wesen des Menschen, ist das unmöglich. Doch trösten wir uns! Der Gute hat anscheinend deshalb nicht genug Glück, Ghee und Rupien, weil er wirklich ein Schuft ist und aufgrund seiner Verbrechen leidet – ein Schurke in seinem vergangenen Leben, der im Mutterleib plötzlich ein neues Blatt aufgeschlagen hat; und wenn jener schlechte Mensch prächtig gedeiht und die Welt großartig mit Füßen tritt, dann nur wegen seines Gutseins – in einem vergangenen Leben, da der damalige Heilige mittlerweile – war es durch seine Erfahrung, dass die Tugend auf Erden eitel ist? – zum Kult der Sünde übertrat. Alles wird geklärt, alles gerechtfertigt. Wir leiden für unsere Sünden in einem anderen Körper; wir werden in einem anderen Körper belohnt für unsere Tugenden in diesem; und so wird es ad infinitum weitergehen. Kein Wunder, dass die Philosophen dies für ein schlechtes Geschäft erklärten und als Heilmittel, um Sünde wie Tugend loszuwerden, vorschlugen, man solle aus einer so unbegreiflich regierten Welt irgendwie hinausklettern, und dies uns sogar als unser höchstes Gut empfahlen.
Offensichtlich ist dieses System nur eine Variante der alten, spirituell-materiellen Lockung und Drohung: Der Gute erhält die Lockung eines Himmels reichlicher Freuden und dem Schlechten wird mit einer Hölle ewigen Feuers oder bestialischer Qualen gedroht. Die Vorstellung vom Weltgesetz, das in erster Linie Belohnungen und Strafen austeilt, ist verwandt mit der Vorstellung, dass das Höchste Wesen ein Richter, „Vater“ und Schulmeister ist, der seine guten Jungen fortwährend mit Bonbons belohnt und seine nichtsnutzigen Bengel dauernd verhaut. Sie ist auch verwandt mit dem barbarischen und gedankenlosen System der manchmal grausamen und stets entwürdigenden Bestrafung für gesellschaftliche Verstöße, worauf die menschliche Gesellschaft immer noch beruht. Der Mensch besteht fortwährend darauf, Gott nach seinem eigenen Bilde zu erschaffen, anstatt danach zu trachten, sich immer mehr nach dem Bilde Gottes zu gestalten, und alle diese Vorstellungen sind ein Spiegel für das Kind, den Wilden und das Tier in uns, die wir immer noch nicht umgewandelt haben und über die wir immer noch nicht hinausgewachsen sind. Wir sollten eigentlich darüber erstaunt sein, wie diese Kinderfantasien ihren Weg in so tiefe philosophische Religionen wie den Buddhismus und den Hinduismus gefunden haben, wäre es nicht so offenkundig, dass die Menschen sich nicht den Luxus versagen werden, den Kehricht ihrer Vergangenheit mit den tieferen Gedanken ihrer Weisen zusammenzubringen.
Zweifellos müssen diese Vorstellungen, da sie so markant sind, ihren Nutzen für die Erziehung der Menschheit gehabt haben. Wahr ist vielleicht auch, dass der Höchste mit der Kinderseele kindgemäß umgeht und ihr erlaubt, ihre sinnenhaften Fantasien von Himmel und Hölle noch eine Zeitlang nach dem Tod des physischen Körpers weiterzuträumen. Vielleicht waren diese Vorstellungen vom Leben nach dem Tode und von der Wiedergeburt als Spielfeld für Strafe und Belohnung notwendig, weil sie zu unserer halbmentalisierten Tierhaftigkeit passten. Aber nach einer bestimmten Entwicklungsstufe hört das System auf, wirklich effektiv zu sein. Die Menschen glauben an Himmel und Hölle, aber sündigen fröhlich weiter und kommen schließlich doch davon infolge päpstlicher Nachsicht, der letzten priesterlichen Absolution oder der Reue auf dem Totenbett oder durch ein Bad im Ganges oder einen heiligen Tod in Benares – das sind die kindlichen Einfälle, mit denen wir uns von unserer Kindlichkeit freimachen! Und am Ende wird der Geist erwachsen und legt den ganzen Kinderstuben-Unsinn verächtlich beiseite. Ebenso unwirksam wird die Lohn-und-Strafe-Theorie der Wiedergeburt, obschon etwas gehobener oder zumindest weniger grob sinnlich. Und es ist gut, dass es so ist. Denn es ist unerträglich, dass der Mensch mit seiner göttlichen Fähigkeit um einer Belohnung willen tugendhaft bleiben und die Sünde aus Angst meiden soll. Besser ein starker Sünder als ein egoistischer Feigling oder eine kleinliche, mit Gott feilschende Krämerseele; in ihm ist mehr Göttlichkeit, mehr Fähigkeit zur Erhebung. Die Gita hat es wahrhaftig gut gesagt, krpanah phalahetavah2. Und es ist unvorstellbar, dass das System dieser weiten und majestätischen Welt auf diesen kleinlichen und armseligen Motiven beruhen soll. Vernunft sei in diesen Lehren? Dann nur die kindliche Vernunft der Kinderstube. Sittlichkeit? Dann nur Sittlichkeit des Schmutzes, schmutzig.
Die wahre Grundlage der Theorie der Wiedergeburt ist die Entwicklung der Seele oder vielmehr ihr Aufblühen aus dem Schleier der Materie und ihre allmähliche Selbstfindung. Der Buddhismus enthielt diese Wahrheit in seiner Lehre vom Karma und vom Auftauchen aus dem Karma, versäumte aber, sie bekanntzumachen; der Hinduismus kannte sie von alters her, verfehlte aber später das rechte Gleichgewicht des Ausdrucks. Heute sind wir wieder in der Lage, die alte Wahrheit in einer neuen Sprache zu formulieren, und dies wird bereits von einigen Geistesrichtungen getan, obschon die alten Inkrustationen die Neigung haben, sich an diese tiefere Weisheit anzuheften. Und wenn dieses allmähliche Aufblühen wahr ist, dann ist die Theorie der Wiedergeburt eine intellektuelle Notwendigkeit, eine logisch zwingende Folge. Doch was ist das Ziel der Evolution? Nicht konventionelle oder interessierte Tugend und das fehlerlose Aufzählen der kleinen Münze des Guten in der Hoffnung auf eine gerechte Zuteilung materieller Belohnung, sondern ein fortwährendes Wachsen zu göttlichem Wissen und göttlicher Kraft, Liebe und Reinheit. Diese Dinge allein sind wirkliche Tugend und diese Tugend trägt ihren Lohn in sich selbst. Der einzige wahre Lohn für die Werke der Liebe besteht darin, immer in der Fähigkeit und Freude der Liebe zu wachsen, empor zur Ekstase der allumfassenden Umarmung und Liebe des Geistes; der einzige Lohn für die Werke des rechten Wissens besteht im immerwährenden Wachstum in das unendliche Licht; der einzige Lohn für die Werke der rechten Macht besteht darin, immer mehr die Göttliche Kraft in uns Wohnung nehmen zu lassen, und für die Werke der Reinheit, immer mehr vom Egoismus befreit zu werden in diese makellose Weite hinein, in der alle Dinge umgewandelt und in der göttlichen Gelassenheit versöhnt sind. Einen anderen Lohn suchen heißt, sich selbst an eine Torheit und eine kindliche Unwissenheit zu binden; und auch diese Dinge als Belohnung anzusehen, zeugt ebenfalls von Unreife und Unvollkommenheit.
Und wie steht es mit Leiden und Glück, Unglück und Wohlstand? Dies sind Erfahrungen der Seele in ihrer Erziehung, Hilfe, Stützen, Mittel und Wege, Disziplinen, Tests, Zerreißproben – und Wohlstand ist oft eine schwerere Prüfung als Leiden. Tatsächlich können Not, Unglück, Leiden oft eher als Belohnung für Tugendhaftigkeit denn als Strafe für die Sünde angesehen werden, da es sich herausstellt, dass sie die größten Helfer und Reiniger der um ihre Entfaltung kämpfenden Seele sind. Sie lediglich als das harte Urteil eines Richters, als den Zorn eines gereizten Herrschers oder auch als die mechanische Rückwirkung der Folge des Bösen auf dessen Ursache zu betrachten, bedeutet, Gottes Umgang mit der Seele und das Gesetz der Welt Evolution so oberflächlich wie nur möglich zu beurteilen. Und wie steht es mit weltlichem Wohlstand, Reichtum, Nachkommenschaft, dem äußeren Genuss von Kunst, Schönheit und Macht? Gut, wenn sie ohne Verlust für die Seele erreicht werden und nur als Ausgang göttlicher Freude und Gnade auf unsere materielle Existenz genossen werden. Aber wir wollen sie zuerst für andere oder vielmehr für alle suchen und für uns selbst nur als einen Teil des universellen Zustandes oder als eines der Mittel, die uns der Vollkommenheit näher bringen.
Die Seele braucht keinen Beweis für ihre Wiedergeburt, genauso wenig wie sie einen Beweis für ihre Unsterblichkeit braucht. Denn es kommt eine Zeit, da sie bewusst unsterblich ist und sich selbst in ihrer ewigen und unwandelbaren Substanz kennt. Wenn diese Verwirklichung einmal erreicht ist, fällt alles intellektuelle Fragen für und wider die Unsterblichkeit der Seele ab wie der nichtige Lärm der Unwissenheit um die selbstevidente und ewig gegenwärtige Wahrheit. Tato na vicikitsate. Das ist der wahre Glaube an die Unsterblichkeit, wenn sie für uns kein intellektuelles Dogma wird, sondern eine so klare Tatsache wie die physische unseres Atmens und genauso wenig eines Beweises oder einer Erörterung bedürftig. So kommt auch eine Zeit, da die Seele sich selbst in ihrer ewigen und wandelbaren Bewegung erkennt; sie erkennt dann die Zeitalter hinter dem, was die gegenwärtige Organisation der Bewegung bildete, sie sieht, wie dies in einer ununterbrochenen Vergangenheit vorbereitet wurde, erinnert sich an vergangene Seelenzustände, Umgebungen, besondere Tätigkeitsformen, die ihre gegenwärtigen Bestandteile aufgebaut haben, und weiß, worauf sie sich durch Entwicklung in einer ununterbrochenen Zukunft zubewegt. Das ist der wahre dynamische Glaube an die Wiedergeburt und auch da hört das Spiel des fragenden Intellekts auf; die Vision der Seele und die Erinnerung der Seele sind alles. Gewiss bleibt die Frage nach dem Mechanismus der Entwicklung und nach den Gesetzen der Wiedergeburt, wo der Intellekt und seine Untersuchungen und Verallgemeinerungen immer noch etwas Spielraum haben können. Und je mehr man hier denkt und erfährt, von desto zweifelhafterem Wert scheint die gewöhnliche, einfache, verkürzte und trockene Darstellung der Reinkarnation zu sein. Hier begegnen wir mit Sicherheit einer größeren Komplexität, einem Gesetz, das sich mit schwierigerem Gang und komplizierterer Harmonie aus den Möglichkeiten des Unendlichen herausentwickelte. Doch dies ist eine Frage, die eine lange und ausführliche Betrachtung erfordert; denn „fein ist das Gesetz davon“. Anur hyesa dharmah.
* * *
1 Dies wurde vor dem Bekanntwerden der Theorie Einsteins geschrieben.
2 Arme und unglückliche Seelen sind es, die die Früchte ihrer Werke zum Gegenstand ihrer Gedanken und Aktivitäten machen. [Gita 2.49]
Kapitel 2
Die reinkarnierende Seele
Worte Sri Aurobindos
Menschliches Denken ist bei den meisten Menschen nicht mehr als eine ungefähre und undurchdachte Annahme ungeprüfter Gedanken. Unser mentaler Geist ist ein verschlafener Wachposten, der alles die Tore passieren lässt, was einigermaßen anständig daherkommt oder ein gewinnendes Äußeres hat oder etwas murmeln kann, das einer bekannten Losung gleicht. Dies ist besonders bei subtileren Dingen der Fall, die der konkreten Wirklichkeit unseres physischen Lebens und unserer physischen Umwelt fernliegen. Sogar Menschen, die normalerweise sorgfältig und scharf argumentieren und denen Wachsamkeit gegenüber Fehlern als eine intellektuelle oder fachliche Pflicht gilt, geben sich doch, wenn sie auf höheren und schwierigeren Grund geraten, mit dem unachtsamsten Straucheln zufrieden. Wo Exaktheit und feinsinniges Denken am meisten benötigt werden, sind sie höchst ungeduldig und der Mühe abhold, die von ihnen verlangt wird. Die Menschen bringen scharfsinnige Gedanken über greifbare Dinge zustande, aber subtil über das Subtile nachzudenken, ist eine zu große Anstrengung für die Derbheit unseres Intellekts. So begnügen wir uns mit einem Klecks auf der Wahrheit wie der Maler, der seinen Pinsel auf sein Bild warf, als ihm der gewünschte Effekt nicht gelang. Wir halten den so entstandenen Fleck irrtümlich für die vollkommene Form einer Wahrheit.
Es ist daher nicht überraschend, dass die Menschen sich mit unreifen Gedanken über eine Materie wie die Wiedergeburt zufriedengeben. Diejenigen, die sie akzeptieren, nehmen sie gewöhnlich fertig „von der Stange“, entweder als schablonenhafte Lehre oder als grobes Dogma. Die Seele wird in einem neuen Körper wiedergeboren – diese verschwommene und fast nichtssagende Behauptung genügt ihnen. Doch was ist die Seele und was kann möglicherweise mit der Wiedergeburt einer Seele gemeint sein? Nun, es bedeutet Wiederverkörperung; die Seele, was immer das sein mag, war aus dem Gehäuse eines Körpers herausgekommen und kommt nun in das Gehäuse eines anderen Körpers hinein. Es klingt einfach – sagen wir, es ist wie beim Djinn im arabischen Märchen, der seiner Flasche entstieg, sich ausbreitete und sich dann wieder in sie hineinpresste, oder wie etwa bei einem Kissen, das aus einem Kissenbezug herausgezogen und in einen anderen hineingestopft wird. Oder die Seele bildet sich einen Körper im Mutterleib und nimmt ihn dann in Besitz, oder aber, so können wir sagen, sie legt das Gewand eines Körpers ab und zieht ein anderes an. Doch was „verlässt“ so den einen Körper und „betritt“ einen anderen? Ist es ein anderer, ein seelischer Körper und eine subtile Form, die in die grobe Körperform eintritt – vielleicht der Purusha der alten Vorstellung, nicht größer als ein Menschendaumen –, oder ist es etwas in sich selbst Formloses und Ungreifbares, das sich insofern verkörpert, als es eine für die Sinne greifbare Gestalt von Fleisch und Knochen wird oder annimmt?
In der normalen volkstümlichen Vorstellung gibt es überhaupt keine Geburt einer Seele, sondern nur die Geburt eines neuen Körpers in die Welt, in Besitz genommen von einer alten Persönlichkeit, die sich nicht von der unterscheidet, die einmal eine jetzt abgelegte physische Gestalt verlassen hat. John Robinson verließ die Gestalt aus Fleisch, die er einmal innehatte, und derselbe John Robinson verkörpert sich morgen oder nach einigen Jahrhunderten in einer anderen Gestalt aus Fleisch wieder und nimmt den Gang seiner irdischen Erfahrungen unter anderem Namen und in einer anderen Umgebung wieder auf. Nehmen wir einmal an, Achilles wird als Alexander, Sohn Philipps von Mazedonien, wiedergeboren, er ist Sieger nicht über Rektor, sondern über Darius, mit einem größeren Horizont, mit höherer Bestimmung; aber es ist noch Achilles, es ist dieselbe Persönlichkeit, die wiedergeboren wird, nur die körperlichen Verhältnisse sind anders. Dieses Weiterleben der identischen Persönlichkeit zieht den europäischen Geist heute in seiner Theorie über die Reinkarnation an. Denn die Auslöschung oder Auflösung der Persönlichkeit, dieses Mental-Nerven-Körper-Kompositums, das ich „mein Ich“ nenne, ist für einen in das Leben Verliebten schwer zu ertragen, und das Versprechen, dass sie weiterlebt und physisch wieder erscheint, ist der große Köder. Der einzige Einwand, der seiner Annahme wirklich im Weg steht, ist das offensichtliche Nicht-Weiterleben der Erinnerung. Der Mensch ist Erinnerung, sagt der moderne Psychologe, und was nützt das Weiterleben meiner Persönlichkeit, wenn ich mich nicht an meine Vergangenheit erinnere, wenn ich auch nicht merke, dass ich immer und ewig dieselbe Person bin? Was ist der Nutzen? Wo liegt der Genuss?
Die alten indischen Denker – ich spreche nicht von dem volkstümlichen Glauben, der ziemlich roh war und überhaupt nicht über die Sache nachdachte –, die alten buddhistischen und vedischen Denker betrachteten den ganzen Bereich von einem völlig anderen Standpunkt aus. Sie hingen nicht am Weiterleben der Persönlichkeit; sie gaben diesem Weiterleben nicht den erhabenen Namen Unsterblichkeit. Sie sahen diese Persönlichkeit so, wie sie ist, eine sich ständig verändernde Mischung, das Weiterleben einer identischen Persönlichkeit war Unsinn, ein Widerspruch in sich selbst. Sie nahmen in der Tat wahr, dass es eine Kontinuität gibt, und sie suchten zu entdecken, wodurch diese Kontinuität bestimmt wird und ob das Gefühl der Identität in ihr eine Illusion ist oder eine Tatsache, eine wirkliche Wahrheit, und wenn dies der Fall ist, was für eine Wahrheit das sein mag. Der Buddhist leugnete eine wirkliche Identität. Es gibt, sagte er, kein Selbst, keine Person. Es gibt nur einen ununterbrochenen Energiestrom in Tätigkeit wie das unaufhörliche Fließen eines Flusses oder das unaufhörliche Brennen einer Flamme. Diese Kontinuität schafft im Mental das falsche Gefühl der Identität. Ich bin jetzt nicht dieselbe Person, die ich vor einem Jahr war, nicht einmal dieselbe Person, die ich einen Augenblick zuvor war, genauso wenig wie das Wasser, das an jener Wassertreppe vorbeifließt, dasselbe ist wie das vor einigen Sekunden vorbeigeflossene; durch das beharrliche Fließen im selben Flussbett erhält sich das falsche Erscheinungsbild der Identität. Offensichtlich gibt es dann auch keine reinkarnierende Seele, sondern nur das Karma, das beharrlich andauernd im scheinbar ununterbrochenen Flussbett hinabfließt. Das Karma ist es, das sich verkörpert; das Karma erschafft die Form einer sich ständig verändernden Mentalität und sich ständig wandelnde physische Körper, die, so können wir vermuten, das Ergebnis dieser sich verändernden Mischung von Vorstellungen und Empfindungen sind, die wir „Ich“ nennen. Das identische „Ich“ ist nicht, war nicht, wird nie sein. Solange der Irrtum der Persönlichkeit währt, besteht praktisch kein großer Unterschied, und ich kann in der Sprache der Unwissenheit sagen, dass ich in einem neuen Körper wiedergeboren bin; praktisch muss ich auf der Grundlage dieses Irrtums vorgehen. Aber es gibt diesen wichtigen Gewinnpunkt, dass alles ein Irrtum ist, und ein Irrtum, der aufhören kann; das Gemisch kann für immer ohne Neubildung aufgelöst werden, die Flamme kann ausgelöscht, das Flussbett, das sich Fluss nannte, zerstört werden. Und dann ist Nicht-Sein, Stillstand, die Befreiung des Irrtums von sich selbst.
Der vedische Seher kommt zu einem anderen Schluss. Er nimmt ein Identisches an, ein Selbst, eine fortwährende unwandelbare Wirklichkeit – die aber etwas anderes ist als meine Persönlichkeit, etwas anderes als diese Mischung, die ich „Ich“ nenne. In der Katha Upanishad wird die Frage in sehr instruktiver Form aufgeworfen, ganz dem Gegenstand angemessen, den wir vor uns haben. Nachiketas, von seinem Vater in die Welt des Todes gesandt, befragt Yama, den Herrn jener Welt, so: Von dem Menschen, der vorangegangen ist, der von uns gegangen ist, sagen einige, dass er ist, und andere, „das ist er nicht“; was ist nun richtig? Was ist die Wahrheit des großen Durchgangs? So die Form der Frage, und auf den ersten Blick scheint es, als ob das Problem der Unsterblichkeit im europäischen Sinn des Wortes aufgeworfen wird, das Weiterleben der identischen Persönlichkeit. Aber das will Nachiketas nicht wissen. Er hat als zweite der drei ihm von Yama angebotenen Wohltaten schon das Wissen der heiligen Flamme angenommen, mit dem der Mensch Hunger und Durst überschreitet, Sorge und Furcht weit hinter sich lässt und frohlockend und sicher im Himmel wohnt. Unsterblichkeit in diesem Sinne ist für ihn eine Selbstverständlichkeit, wie er es, da er bereits in dieser ferneren Welt steht, sicherlich auch tun muss. Das Wissen, nach dem er fragt, schließt das tiefere, heiklere Problem mit ein, von dem Yama behauptet, selbst die Götter stritten von alters her darüber und es sei nicht leicht zu erfahren, denn subtil sei sein Gesetz; etwas lebt weiter, das dieselbe Person zu sein scheint, das in die Hölle hinab- und in den Himmel emporsteigt und mit einem neuen Körper auf die Erde zurückkehrt, doch ist es wirklich dieselbe Person, die so weiterlebt? Können wir wirklich von dem Menschen sagen: „Er ist noch“, oder müssen wir nicht vielmehr sagen: „Dies ist er nicht mehr“? Auch Yama spricht in seiner Antwort überhaupt nicht vom Weiterleben nach dem Tode, und er teilt nur ein paar Verse für eine knappe Beschreibung dieser ständigen Wiedergeburt mit, die alle seriösen Denker als eine allgemein anerkannte Wahrheit akzeptierten. Sondern er spricht vom Selbst, vom eigentlichen Menschen, dem Herrn aller dieser wechselnden Erscheinungsformen; ohne das Wissen von diesem Selbst ist das Weiterleben der Persönlichkeit kein unsterbliches Leben, sondern ein ständiges Weitergehen von Tod zu Tod; nur wer über die Persönlichkeit hinausgeht zur wahren Person, wird der Unsterbliche. Bis dahin scheint der Mensch wirklich immer wieder geboren zu werden durch die Kraft seines Wissens und seiner Werke, ein Name folgt dem anderen, eine Form weicht der anderen, aber Unsterblichkeit gibt es nicht.
Dies ist also die eigentliche Frage, die der Buddhist und der vedische Seher so sehr voneinander abweichend stellen und beantworten. Es herrscht eine ständige Neuformung der Persönlichkeit in neuen Körpern, doch diese Persönlichkeit ist eine unbeständige Schöpfung der tätigen Kraft, vorwärtsströmend in der Zeit und keinen Augenblick gleich, und der Ego-Sinn, durch den wir am Leben des Körpers hängen und bereitwillig glauben, dass es dieselbe Vorstellung und Gestalt sei, dass John Robinson als Sidi Hussein wiedergeboren wird, ist eine Schöpfung unserer Mentalität. Achilles wurde nicht als Alexander wiedergeboren, sondern der Kraftstrom in seinen Werken, der den jeden Augenblick sich ändernden mentalen Geist und Körper des Achilles erschuf, floss weiter und erschuf den jeden Augenblick sich ändernden mentalen Geist und Körper Alexanders. Dennoch, so sagt der alte vedische Seher, gibt es doch etwas jenseits dieser tätigen Kraft, ihr Meister, einer, der sie neue Namen und Formen für ihn erschaffen lässt, und das ist das Selbst, der Purusha, der Mensch, die Wirkliche Person. Der Ego-Sinn ist nur ihr verzerrtes Bild im fließenden Strom der eingekörperten Mentalität.
Ist es also das Selbst, das sich verkörpert und wiederverkörpert? Doch das Selbst ist unvergänglich, unwandelbar, ungeboren, unsterblich. Das Selbst wird nicht geboren und existiert nicht im Körper; eher wird der Körper geboren und existiert im Selbst. Denn das Selbst ist eines überall – sagen wir, in allen Körpern, aber es ist eigentlich nicht eingeschlossen und abgeteilt in verschiedenen Körpern, es sei denn wie der allbildende Äther, der in verschiedenen Gegenständen geformt zu sein scheint und gewissermaßen in ihnen ist. Eher befinden sich alle diese Körper im Selbst; doch auch dies ist eine Erfindung der Raumvorstellung, und diese Körper sind viel eher nur Symbole und Gestalten von ihm selbst, erschaffen von ihm in seinem eigenen Bewusstsein. Auch das, was wir die individuelle Seele nennen, ist größer als ihr Körper und nicht weniger, subtiler als er und daher nicht beschränkt durch seine Grobstofflichkeit. Beim Tod verlässt sie ihre Form nicht, sondern wirft sie ab, so dass eine große scheidende Seele von diesem Tod den kraftvollen Satz sagen kann: „Ich habe den Körper ausgespuckt.“
Was also fühlen wir als den Bewohner der physischen Gestalt? Wodurch wird die Seele aus dem Körper gezogen, wenn sie dieses physische Teilgewand abwirft, das nicht sie einhüllte, sondern einige ihrer Glieder? Durch wessen Heraustreten wird dieser Trennungsschmerz verursacht, dieser rasche Kampf und Schmerz des Voneinandergehens, dieses heftige Gefühl der Scheidung? Die Antwort hilft uns nicht viel. Es ist die Fein- oder Seelengestalt, die an das Physische durch die in jede physische Faser hineingewobenen Herzbänder, die Stränge der Lebenskraft, der Nervenenergie angebunden ist. Diese zieht der Herr des Körpers heraus, und das heftige Zerspringen beziehungsweise das rasche oder langsame Lösen der Lebensstränge, der Abgang der verbindenden Kraft bildet den Todesschmerz und dessen Schwierigkeit.
Wir wollen deshalb die Form der Frage ändern und vielmehr fragen: Wovon wird die wandelbare Persönlichkeit reflektiert und akzeptiert, da das Selbst ja unwandelbar ist? Wir haben in der Tat ein unwandelbares Selbst, eine wahre Person, Herr dieser sich ewig wechselnden Persönlichkeit, der wiederum ewig wechselnde Körper annimmt, doch das wahre Selbst weiß sich immer über der Veränderung, beobachtet und genießt sie, ist aber nicht darin verstrickt. Wodurch genießt es die Veränderungen und fühlt, dass es seine eigenen sind, auch wenn es sich selbst nicht von ihnen betroffen weiß? Mental und Ego-Sinn sind nur niedere Instrumente; es muss eine wesentlichere Form des Selbstes geben, die der Wahre Mensch aus sich herausstellt, dem Selbst gleichsam gegenüberstellt, und die hinter den Veränderungen diese stützt und spiegelt, ohne selbst eigentlich von ihnen verändert zu werden. Diese wesentlichere Form ist im Menschen – oder scheint es zu sein – das mentale Wesen oder die mentale Person, von der die Upanishaden als vom mentalen Führer des Lebens und Körpers sprechen, manomayah prana-sarira-neta. Dieser hält den Ego-Sinn als eine Funktion im Mental aufrecht und befähigt uns zu der festen Vorstellung einer fortlaufenden Identität in der Zeit im Gegensatz zur zeitlosen Identität des Selbstes.
Die sich wandelnde Persönlichkeit ist nicht diese mentale Person; sie ist eine Mischung aus verschiedenartigem Soff der Natur, eine Gestaltung der Prakriti und keineswegs der Purusha. Und sie ist eine sehr komplexe Mischung mit vielen Schichten. Da ist eine Lage physischer Persönlichkeit, eine Lage nervlicher Persönlichkeit und eine Lage mentaler Persönlichkeit, sogar eine Endschicht supramentaler Persönlichkeit; und innerhalb dieser Lagen sind jeweils Schichten in jeder Schicht enthalten. Die Analyse aufeinanderfolgender Erdschichten ist einfach im Vergleich zur Analyse dieser wunderbaren Schöpfung, die wir Persönlichkeit nennen. Das mentale Wesen bildet bei der Aufnahme körperlichen Lebens eine neue Persönlichkeit für seine neue irdische Existenz; es nimmt Material vom allgemeinen Materie-Stoff, Lebens-Stoff und Mental-Stoff der physischen Welt, und während des Erdenlebens nimmt es ständig frisches Material in sich auf, wirft hinaus, was aufgebraucht ist und verändert sein körperliches, nervliches und mentales Gewebe. Doch dies ist alles vordergründige Arbeit; dahinter liegt das Fundament vergangener Erfahrung, die dem physischen Gedächtnis vorenthalten wird, so dass die bewusste Last der Vergangenheit das Oberflächen-Bewusstsein nicht stört und sich nicht einmischt, sondern dass dieses sich auf die unmittelbar in Gang befindliche Arbeit konzentrieren kann. Dennoch ist dieses Fundament vergangener Erfahrung das Grundgestein der Persönlichkeit, mehr noch: Es ist unser eigentlicher Fundus, auf den wir jederzeit zurückgreifen können, auch unabhängig von unserem gegenwärtigen Oberflächenverkehr mit unserer Umwelt. Dieser trägt zu unserem Gewinn bei und verändert das Fundament für eine spätere Existenz.
Zudem geschieht auch dies alles wiederum an der Oberfläche. Nur ein kleiner Teil von uns selbst lebt und handelt in den Energien unserer irdischen Existenz. Ebenso wie es hinter dem physischen Universum Welten gibt, von denen die unsere nur eine letzte Auswirkung ist, so gibt es auch in unserem Inneren Welten unserer Selbst-Existenz, die diese äußere Wesensform auswerfen. Das Unterbewusste und das Überbewusste sind Ozeane, von denen dieser Fluss ausgeht und in die er zurückfließt. Von uns als von einer sich reinkarnierenden Seele zu sprechen, bedeutet daher, das Wunder unserer Existenz in eine wirklich allzu einfache Erscheinungsform zu kleiden; es schließt den Zauber des höchsten Magiers in eine allzu bequeme und grobe Formel ein. Es gibt keine endgültig bestimmte seelische Wesenheit, die in ein neues Gehäuse aus Fleisch einzieht; es gibt eine Metempsychosis, eine „Wiedereinseelung“, die Wiedergeburt einer neuen seelischen Persönlichkeit ebenso wie die Geburt eines neuen Körpers. Und dahinter steht die Person, die unveränderliche Wesenheit, der Meister, der dieses komplexe Material handhabt, der Erfinder dieses wundersamen, kunstvollen Gebildes.
Dies ist der Ausgangspunkt, von dem aus wir vorzugehen haben, wenn wir das Problem der Wiedergeburt betrachten. Uns selbst als die und die Persönlichkeit zu sehen, indem wir in ein neues Gehäuse aus Fleisch eintreten, heißt in der Unwissenheit umhertappen, den Irrtum des materiellen Mentals und der Sinne bestätigen. Der Körper ist eine nützliche Einrichtung, die Persönlichkeit eine ständige Gestaltung, deren Entwicklungsinstrumente Handlung und Erfahrung sind; doch das Selbst, durch dessen Willen und für dessen tiefe Freude dies alles geschieht, ist etwas anderes als der Körper, etwas anderes als Handlung und Erfahrung, etwas anderes als die Persönlichkeit, die durch sie entwickelt wird. Dies nicht zu beachten heißt, das ganze Geheimnis unseres Wesens zu ignorieren.
* * *
Kapitel 3
Wiedergeburt, Evolution, Vererbung
Worte Sri Aurobindos
Zwei Wahrheiten, Entdeckungen mit einem gewaltigen Umkreis lichtvoller Auswirkung und erheblicher lebenswichtiger Bedeutung stehen heute im Vordergrund des Denkens: Evolution und Vererbung, und wir müssen sie wohl als ein stabiles, unauslöschliches Licht auf unser Wesen annehmen, als Lampen von beständigem Glanz, obwohl noch nicht so ganz vollkommen getrimmt, und als endgültig, sofern überhaupt etwas endgültig sein kann in dem sich ständig verändernden, filmähnlichen Entwicklungsprozess des intellektuellen Wissens des Menschen. Man kann sagen, sie machen fast die ganze Grundidee des Lebens aus; so sieht es ein Mental, das von der exakten, neugierigen, mannigfach untersuchenden, doch letztlich eigentümlich begrenzten Beobachtung und von dem seltsam engen Verstand unserer modernen Naturwissenschaften beherrscht, gebildet und in deren machtvolle Formen gepresst wird. Die Wissenschaft ist auf ihre Weise eine große Seherin und Zauberin; sie hat sowohl den mikroskopischen wie den makroskopischen, den aus der Nähe schauenden wie den teleskopischen Blick, eine analytisch untersuchende Auflösungskraft und eine sich in der synthetischen Durchführung offenbarende kreative Kraft. Sie hat viele geheime Zwischenprozesse der großen Schöpferin Natur aufgespürt, und mit der uns verliehenen Erfindungsgabe war sie sogar in der Lage, sie noch zu übertreffen. Der Mensch, dieser Winzling in der Unendlichkeit, sich frei bewegend, doch durch die Schwerkraft an einer kleinen Erdscholle festgenagelt, hat durch die Naturwissenschaften sicher erheblich Punkte gegen die Mutter des Universums gesammelt. Doch dies alles wurde in einiger Vollendung nur in den Grenzen ihres niedrigsten physischen Bereiches geleistet, der sich aufdrängte.
Gegenüber seelischen und spirituellen Geheimnissen, ja sogar in der offenliegenden Elementarwelt des Mentals haben die Naturwissenschaften noch den undifferenzierten Blick und die tastenden Hände des Kleinkindes. So exakt, erhellend und zwingend sie im Physischen sind, so sehen sie doch in jenem Bereich nur die große durcheinanderschwirrende Verwirrung: So sieht, sagt uns James, mit einer möglicherweise ungenauen Lebendigkeit infolge der Alliteration, das Neugeborene die wahrnehmbare Welt, in die es über die geheimnisvolle Treppe der Geburt herabfiel. Die Wissenschaft, konfrontiert mit dem, was für sie immer noch wunderbare Zufallsakkorde und unerklärliche Wunder des Bewusstseins sind, schützt sich vor den Irrtümern der Einbildungskraft hinter der undurchlässigen Abschirmung eines vorsichtigen Skeptizismus, schlittert aber gerade dadurch gelegentlich in eine Fülle von Irrtümern einer unzulänglichen Schlussfolgerung hinein. Sie klammert sich mit der zupackenden Entschlossenheit des Ertrinkenden an die Planken der Sicherheit, die sie in einigen durchgetesteten sogenannten Analogien – die Verwendung dieses Wortes besagt nichts – zwischen mentaler Tätigkeit und den sie begleitenden beeinflussenden oder instrumentalen physikalischen Funktionsweisen glaubt erhalten zu haben. Sie ist fest entschlossen, möglichst jedes überphysische Phänomen mit einer physikalischen Tatsache zu erklären; psychologische Vorgänge des Mentals darf es nur als Auswirkung oder Wiedergabe physiologischer Körpervorgänge geben. Diese anscheinend rationale und auf feststellbare und sicher fassbare Wahrheit achtende, in ihrer paradoxen Verwegenheit jedoch wahrhaft heroische Entschiedenheit setzt der Chance rascher Entdeckung für die Wissenschaft wenigstens gegenwärtig ziemlich enge Grenzen. Diese Entschiedenheit färbt auch die Ausdehnung physikalischer Wahrheit in das psychologische Feld mit einem nachhaltigen Gefühl von Unangemessenheit, welche bei der erweiterten Anwendung in den Theorien zur Vererbung und Evolution ganz klar zutage tritt, wenn diese gezwungen werden, den sicheren Boden ihrer naturwissenschaftlichen Wahrheit zu verlassen, und die Wissenschaft sich abmüht, mit ihrer Hilfe die subtilen, komplexen und schwer fassbaren Erscheinungen unseres psychologischen Wesens aufzuklären.
Es gibt allerdings wohl hier und da noch heimliche oder offene Gegner der naturwissenschaftlichen Evolutionstheorie, die glauben, sie werde eines Tages in die Rumpelkammer toter Allgemeinwahrheiten kommen wie das Ptolemäische Weltsystem in der Astronomie oder die Säftelehre in der Medizin; doch ist dies ein seltener und übertriebener Skeptizismus. Es mag jedoch für unser Vorhaben nicht ohne Nutzen oder Tauglichkeit sein, dass entgegen weit verbreiteter Ansicht die wissenschaftliche Beschreibung dieser Allgemeinwahrheit, wie auch ziemlich vieler anderer allgemeiner Behauptungen, noch nicht schlüssig unter Beweis gestellt wurde, wenngleich sie jetzt als erwiesen angesehen wird. Im Ganzen gibt es aber doch eine überwältigende Menge an Fakten und Hinweisen zu ihren Gunsten, so dass wir uns nicht gegen die Schlussfolgerung sträuben können, dass das Ganze auf diese oder jene Weise geschehen ist, und es fällt uns schwer, uns eine überzeugendere Erklärung der zweifelsfreien aufsteigenden und sich verzweigenden Stufenleiter von Art und Gattung vorzustellen, die auch unserer gelegentlichen Überprüfung der Lebensexistenz entspricht. Eines zumindest scheint jetzt intellektuell festzustehen: Wir können nicht mehr glauben, dass diese Sonnen- und Sternsysteme voll entwickelt und von Ewigkeit her geordnet in den grenzenlosen Raum geschleudert wurden, und dass alle diese zahllosen Arten als Fertigprodukt und sorgfältig nach Maß gearbeitet in sieben oder einer beliebigen Anzahl von Tagen auch immer in plötzlich ausbrechender Laune, dionysischer Erregung oder arbeitsreicher Tätigkeit nach mechanistischer Vorstellung durch das „Es werde“ eines zeitlosen Schöpfers auf der Erde angesiedelt wurden. Die allmähliche Entwicklung, die die alten Hindu-Denker kurz und bündig vorschlugen – zuerst die niederen Formen, dann der Mensch als Krönung der Lebensentwicklung des Geistes auf Erden –, wurde durch die geduldige und in das einzelne gehende Untersuchung der Wissenschaft bestätigt – eine Entwicklung in Äonen, obwohl die weitergehende Hindu-Konzeption einer ständigen Wiederholung des Prinzips in Zyklen sich notwendigerweise der naturwissenschaftlichen Beweisführung entzieht.
Und noch etwas scheint jetzt ebenso festzustehen, dass nicht nur die Saat allen Lebens eine einzige war – und wieder ist die große Intuition der Upanishaden Vorläufer für die Schlussfolgerungen der naturwissenschaftlichen Forschung: die eine Saat, die die universale Selbstexistenz durch einen Prozess von Kräften auf vielerlei Weise verteilte, ekam bijam bahudha sakti-yogat, –, sondern dass auch das Entwicklungsprinzip ein einziges ist und der Grundbauplan ebenfalls, da die Entwicklung Schritt für Schritt vor sich geht, trotz aller Abweichungen nach dieser oder jener Seite im Wirken der schöpferischen Kraft oder der schöpferischen Idee. Die Natur scheint mit einer außerordentlich geringen ursprünglichen Variationsbreite an Vorstellungen zu beginnen und zu außerordentlichem Reichtum ihrer kleineren Folgeveränderungen überzugehen, was bedeutet, dass sie ständig feine Differenzierungen der Arten erfindet und im Individuum überraschend auf dem Ergebnis der Einmaligkeit besteht. Es sieht fast so aus, als sollte im Prozess ihrer physischen Harmonien ein formaler Effekt oder eine symbolische Reproduktion der Wahrheit liegen, dass alle Dinge ursprünglich Eines waren, aber Eines, das auf seiner unendlichen Mannigfaltigkeit besteht, und auch ein Hinweis, dass es in dieser ewigen Einheit einen ewigen Pluralismus gebe, das Unendliche Wesen, sich selbst wiederholend in einer unendlichen Vielfalt von Wesen, jedes einmalig und doch jedes das Eine. Einem mentalen Geist, der nach metaphysischen Spuren Ausschau hält, die man an den sichtbaren Tatsachen des Seins ablesen kann, dürfte das nicht völlig als Einbildung erscheinen.
Auf jeden Fall haben wir diese jetzt offenkundige Ordnung in der überreichen Vielfältigkeit der natürlichen Harmonie alles Lebendigen – eine Plasma-Saat, einen sich entwickelnden Grundplan, eine üppige Zahl von Verschiedenartigkeiten, deren logischer Prozess durch eine aufsteigende Ordnung vor sich ginge, die durch feine, aber doch noch sehr deutliche Abstufungen vom Rohen zum Komplizierten, vom geringer zum höher Organisierten, vom niederen zum höheren Typus übergeht. Die erste Frage, die dem mentalen Geist sofort einfallen dürfte, wenn er diesen Lebensbaum gesehen hat, ist die, ob diese logische Ordnung wirklich die eigentliche Ordnung in der Geschichte des Universums ist, und dann eine zweite, die sich aus diesem Problem ganz natürlich ergibt, ob, wenn dies der Fall ist, jede neue Form sich durch Veränderung aus ihrem natürlichen Vorgänger entwickelte oder ob sie durch einen unbekannten Prozess als frische, unabhängige und gewissermaßen plötzliche Schöpfung auftrat. Im ersten Fall haben wir die wissenschaftliche der physischen Evolution – im zweiten Fall weiß man nicht recht, woran man ist; vielleicht, dass ein unsichtbarer Demiurg das Ganze in der Frühzeit der Erdevolution entwickelte und mit der Angelegenheit jetzt ganz oder teilweise aufhörte, so dass wir keine neue physische Entwicklung dieser Art haben, sondern vielleicht nur eine Evolution der Leistungsfähigkeit schon erschaffener Typen. Die Wissenschaft tritt für eine ganz natürliche und mechanische, ganz ungebrochene Evolution ein, mit vielen auseinanderlaufenden Linien sich entwickelnder Variationen, doch an den Linien ohne Lücke oder Zwischenraum. Zwar gibt es nicht nur ein fehlendes Zwischenglied, sondern eine Unmenge, die auch durch die reichhaltigsten Überbleibsel aus der Vergangenheit nicht ersetzt werden können, und wir sind nicht in der Lage, mit absoluter Bestimmtheit zu leugnen, dass die Fortentwicklung sich möglicherweise sprunghaft, durch ein rasches Überspringen, vollzogen habe, vielleicht auch in einer gedrängten psychischen oder biopsychischen Vorbereitung, deren Ergebnis im Erscheinen eines neuen Typus hervortrat, der durch eine Kluft von den vorangegangenen Lebensformen getrennt war. Besonders im Hinblick auf den Menschen herrscht noch eine gewaltige Ungewissheit darüber, wie er, den anderen Kindern der Natur so ähnlich und doch so verschieden von ihnen, in das Leben trat. Doch können die Lücken wegerklärt werden; eine große Menge Fakten spricht für die physikalisch weniger anarchische Auffassung, die das Recht der größten Wahrscheinlichkeit auf ihrer Seite zu haben scheint, in einem materiellen Universum, wo das vollkommenste physikalische Verfahrensprinzip das gerechte Grundgesetz zu sein schiene.
Aber auch wenn wir die gewissenhafteste und strengste Kontinuität allmählicher Determinierung gelten lassen, erhebt sich die Frage, ob der Evolutionsprozess wirklich so ausschließlich physikalisch und biologisch war, wie es auf den ersten Blick aussieht. Wenn ja, müssen wir nicht nur ein strenges Prinzip der Vererbung nach Klassen, sondern auch ein Gesetz fortschreitender erblicher Variation und eine rein physikalische Ursache aller mentalen und spirituellen Erscheinungen anerkennen. Vererbung an sich bedeutet einfach die ständige Übertragung physischer Form und biologischer Merkmale aus einem vorhergehenden Leben auf die Nachkommenschaft. Ganz offensichtlich gibt es eine solche allgemeine Kraft der erblichen Übertragung innerhalb der Art oder Gattung selbst – wie der Baum, so der Same, wie der Same, so der Baum –, so dass ein Löwe einen Löwen zeugt und nicht eine Katze oder ein Nashorn, ein Mensch ein menschliches Wesen und nicht einen Orang-Utan – wenngleich man jetzt von einer seltsamen und überraschenden, die alte Theorie auf den Kopf stellenden Spekulation liest, wonach gewisse Affenarten möglicherweise nicht Vorfahren, sondern degenerierte Abkömmlinge des Menschen sind! Und weiter, wenn eine physische Evolution alles ist, muss eine Fähigkeit für die erbliche Übertragung der Variationen vorhanden sein, durch die neue Arten geschaffen werden oder wurden – nicht nur in einem Mischungs- oder Kreuzungsvorgang, sondern durch eine innere Entwicklung, die im Samen gespeichert und vererbt wird. Auch dies kann man sehr wohl gelten lassen, auch wenn man den eigentlichen Vorgang und das Grundprinzip noch nicht versteht, da die Übertragung von Familien- und individuellen Merkmalen eine gründlich beobachtete Erscheinung ist. Dann handelt es sich bei dem Übertragenen aber nicht nur um physikalische und biologische, sondern um psychologische oder mindestens biopsychische Merkmale, um Wiederholungen herkömmlicher nervlicher Erfahrung und mentaler Tendenz, um Mächte. Wir müssen annehmen, dass der physische Same diese Dinge überträgt. Wir sind genötigt anzuerkennen, dass zum Beispiel der menschliche Same, der kein entwickeltes menschliches Bewusstsein enthält, dennoch die Kräfte eines solchen mit sich führt, so dass sie sich automatisch im Denken und im organisierten mentalen Geist der Nachkommenschaft reproduzieren. Dies ist, auch wenn wir es akzeptieren müssen, ein unerklärbares Paradox, es sei denn, wir nehmen entweder an, dass etwas mehr dahinter steckt, eine psychische Kraft hinter dem Schleier des materiellen Prozesses, oder aber, dass das Mental nur ein Lebensprozess und das Leben nur ein Prozess der Materie ist. Daher müssen wir schließlich annehmen, dass die naturwissenschaftliche Theorie in der Lage ist, das Geheimnis des Auftauchens des Lebens in der Materie und das gleiche Geheimnis des Erscheinens des Mentals im Leben durch rein materielle Ursachen und einen materiellen Aufbau zu erklären. Hier beginnen sich die Schwierigkeiten zu häufen, die die Theorie wenigstens insoweit ihrer hoffnungslosen Unzulänglichkeit überführen, und die Natur dieser Unzulänglichkeit, ihr Haken, ihr Hindernis, lässt gerade für etwas dahinter Platz, für etwas Seelisches, einen verborgenen Seelenprozess und eine komplexere und weniger materialistische Darstellung der Wahrheit der Evolution.
Die materialistische Annahme – mehr als eine hypothetische Annahme ist es nicht, denn sie wurde nie bewiesen – ist die, dass die Entwicklung unbelebter Materie unter bestimmten unbekannten Bedingungen eine Erscheinung unbewussten Lebens zur Folge hat, das seiner eigentlichen Natur nach nur Aktion und Reaktion materieller Energie ist, und dass bei der Entwicklung dieser Erscheinung wiederum unter bestimmten unbekannten Bedingungen ein Phänomen bewussten Mentals herauskommt, das seiner eigentlichen Natur nach wiederum nur Aktion und Reaktion materieller Energie ist. Die Sache ist nicht bewiesen, aber dies, so wird argumentiert, mache nichts aus; es bedeutet nur, dass wir noch nicht genug wissen; doch eines Tages werden wir das Wissen haben – die notwendige physiologische Reaktion, von uns Intuition oder Argumentationskette genannt, mit der krönenden Entdeckung, die vermutlich in einem ordentlich gebildeten Nervenkörper und in um so reicheren Gehirnwindungen eines Galileo der Biologie stattgefunden hat –, und dann wird diese große und einfache Wahrheit bewiesen werden, wie viele andere, einst vom oberflächlichen gesunden Menschenverstand verspotteten Dinge. Doch liegt die Schwierigkeit darin, dass sie nicht beweisfähig erscheint. Auch bezüglich des Lebens, das die bei weitem geringere Schwierigkeit bietet, beweist die Entdeckung bestimmter chemischer oder anderer physikalischer und mechanischer Bedingungen, unter denen das Leben zum Erscheinen angeregt werden kann, nicht mehr, als dass dies die für die Manifestation des Lebens in Körpern günstigen oder notwendigen Voraussetzungen sind – solche Voraussetzungen muss es in der Natur geben –, es wird jedoch nicht bewiesen, dass das Leben eine neue und höhere Macht der Kraft des All-Wesens ist. Der Zusammenhang von Lebensreaktionen und physikalischen Bedingungen und Anreizen beweist ganz klar, dass Leben und Materie in Verbindung stehen und dass – wie sie es ja tun müssen, um zusammenleben zu können – die beiden Energiearten aufeinander einwirken – ein sehr altes Wissen; doch es wird die Tatsache nicht los, dass die physikalische Reaktion von einem Element begleitet wird, das seinem Wesen nach eine nervöse Erregung und ein beginnendes oder unterdrücktes Bewusstsein zu sein scheint und nicht dasselbe ist wie die physikalische Begleitreaktion.
Wenn wir zum Mental kommen, sehen wir – wie könnte es in einem eingekörperten Mental anders sein? – eine Reaktion, eine Wechselwirkung, eine Beziehung und Entsprechung, wenn man so will; doch mag die Summe der Entsprechungen noch so groß sein, sie kann nicht zeigen, wie eine physikalische Reaktion in eine bewusste Tätigkeit, eine Wahrnehmung, Gemütsbewegung oder Denkvorstellung umgewandelt wird oder darauf hinausläuft oder sie durch sich selbst bildet, noch kann sie beweisen, dass die Liebe ein chemisches Produkt ist, oder dass Platos Ideenlehre, Homers Ilias oder das kosmische Bewusstsein des Yogis nur eine Kombination physiologischer Reaktionen oder ein Komplex von Veränderungen der grauen Gehirnmasse oder ein Flammenwunder elektrischer Entladungen waren. Nicht nur, dass der gesunde Menschenverstand und die Fantasie vor diesen Theorien zurückschrecken – dieser Einwand kann ausgeklammert werden –, nicht nur, dass Wahrnehmung, Vernunft und Intuition zugunsten einer erzwungenen und zu weit gehenden Schlussfolgerung beiseitegeschoben werden, sondern es klafft hier ein Unterschied zwischen dem, was erklärt werden soll, und dem, wodurch es zu erklären gesucht wird, der nicht ausgefüllt werden kann, so sehr wir auch Nervenverbindungen und psychophysische Brücken gelten lassen mögen. Und wenn der Naturwissenschaftler auf eine Anzahl bezeichnender Fakten hinweist und hofft, eines Tages den Sieg über diese furchtbaren Schwierigkeiten erringen zu können, fängt auf der anderen Seite eine Unmenge psychischer Phänomene an zu entstehen, die seine Theorie höchstwahrscheinlich in unergründlichen Gewässern ertränkt. Die Unüberwindlichkeit dieser stets evidenten Einwände beginnt breitere Anerkennung zu finden, aber da die Vergangenheit immer noch erheblich das Zepter schwingt, ist es notwendig, nachdrücklich darauf hinzuweisen, so dass wir das uneingeschränkte Recht haben können, mit liberaleren Hypothesen fortzufahren, die das Problem unseres Seins und Wesens nicht voreilig auf eine simple Mechanik reduzieren.
Eine dieser Hypothesen ist die alte Ansicht, dass nicht nur das Auftreffen von Körper und Leben auf Mental und Seele, sondern auch das Auftreffen von Mental und Seele auf Körper und Leben berücksichtigt werden müsse. Hier finden wir ebenfalls die evolutionäre Idee, aber die physikalische und die Lebens-Evolution, auch das Wachstum des Mentals, werden nur für eine Begleiterscheinung zur Seelen-Evolution gehalten, für die die Zeit die Bahn und die Erde unter vielen anderen Welten der Schauplatz ist. In der alten indischen Version dieser Theorie sind Evolution, Vererbung und Wiedergeburt drei Parallelprozesse der universalen Entfaltung; die Evolution ist der Zweck des Vorgangs, die Wiedergeburt die Hauptmethode, die Vererbung eine der physischen Voraussetzungen. Dies ist eine Theorie, die zumindest den Rahmen für eine harmonische Erklärung all der vielfältigen Elemente des Problems liefert. Die naturwissenschaftliche Vorstellung geht vom physischen Wesen aus und macht das Psychische zur Folge- und Begleiterscheinung des Körpers; der andere Evolutionsgedanke geht von der Seele aus und sieht im physischen Wesen eine Instrumentierung für das Zu-sich-selbst-Erwachen eines in das Universum der Materie versunkenen Geistes.
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Kapitel 4
Wiedergeburt und Seelen-Evolution
Worte Sri Aurobindos
Die Vorstellungen, die sich die Menschen gegenwärtig vom Leben und seinen Umständen bilden, sind größtenteils pragmatische Konstruktionen. Es sind Formen einer Vernunft, die damit beschäftigt ist, sich von ihrer Umwelt nur insoweit sinnvoll Rechenschaft zu geben, als sie dadurch einen hinreichenden Schlüssel für das uns unmittelbar Angehende erhält: für unser Wachstum, unser Handeln und die Befriedigung der Persönlichkeit, für etwas Mögliches und Lebenswertes, das sich auf unsere Reise in der Zeit auswirkt, für etwas Lebensfähiges und Durchführbares. Ob dies irgendeiner wahren Wirklichkeit der Dinge entspricht oder in direkter Berührung mit ihr steht, scheint etwas ganz Zufälliges zu sein. Es genügt anscheinend, wenn wir unsere oberflächliche und willfährige Vernunft von dessen Wahrheit überzeugen können und feststellen, dass es in seinen Auswirkungen für Denken, Handeln und Lebenserfahrung sinnvoll und fruchtbar ist. Zwar gibt es noch eine andere unpragmatische Vernunft in uns, die sich abmüht, diese Forderung der intellektuellen und vitalen Persönlichkeit abzuschütteln; sie will die wirkliche Wahrheit der Dinge unverschleiert und unverstellt anschauen, um das eigentliche Bild der Wahrheit in den stillen Wassern eines leidenschaftslosen, klaren und reinen Mentals zu spiegeln. Aber die Tätigkeit dieser ruhigeren höheren Vernunft wird von zwei ungeheuren Schwierigkeiten behindert. Erstens scheint es nahezu unmöglich, die Vernunft ganz von unserer übrigen Natur zu befreien, von der normalen Verstandeskraft, von dem Willen zum Glauben, von jenem Instinkt der Intelligenz, der gewissermaßen durch ein subtiles Prinzip von Vorliebe und Auslese das Weiterleben der Denkweise unterstützt, die unserer persönlichen Neigung oder dem kultivierten Rahmen unserer Natur zusagt. Sodann: Welche Wahrheit wird von unserer Vernunft gespiegelt? Es ist im Grunde wohl ein indirektes Bild der Wahrheit, nicht eigentlich ihr Selbst und Körper von Angesicht zu Angesicht; es ist ein Bild, geformt aus Daten, Symbolen und Prozessen der Wirklichkeit – wenn es denn eine wahre Wirklichkeit gibt –, wie wir sie aus der sehr begrenzten Erfahrung des Selbsts und den dem menschlichen Mentals zugänglichen vorhandenen Dingen gewinnen können. So stehen selbst die höchste Macht und der weiteste Gang unserer Vernunft stets unter dem vertrackten Zugriff fortgesetzter Unzulänglichkeit und Ungewissheit, die alles Mühen der menschlichen Erkenntnis bedrängen, wenn es nicht eine Möglichkeit gibt, dass die Erkenntnis durch alle Schleier zur Erfahrung der Wirklichkeit selbst durchbrechen kann, oder wenn es nicht einen universalen Logos, ein göttliches Mental oder ein Supramental gibt, das sich selbst und alle Dinge kennt, und unser Bewusstsein dieses widerspiegeln oder damit in Berührung kommen kann.
Nirgends ist dieses Unvermögen unangenehmer als bei jenen Grundfragen zum Wesen der Welt und unseres eigenen Daseins, die doch die denkende Menschheit leidenschaftlich interessieren, denn dies ist letztlich von größter Bedeutung für uns, da ja alles, mit Ausnahme des grob unmittelbar Praktischen, von der Lösung dieser Probleme abhängt. Und bis diese große Frage entschieden ist, ist auch dies nur ein Vorwärtsstolpern auf einer Reise, deren Ziel oder Zweck, Bedeutung oder Notwendigkeit wir nicht kennen. Die Religionen treten für die Lösung dieser gewaltigen Probleme mit inspirierter oder offenbarter Gewissheit ein; aber ihre enormen Unterschiede zeigen, dass auch sie Ideen auswählen, dass es auch bei ihnen verschiedene Aspekte der Wahrheit gibt – der Skeptiker würde sagen, Schaustellungen von Imagination und Falschheit – und eine auf begrenzter spiritueller Erfahrung beruhende Form. Auch bei ihnen herrscht ein Element der Glaubensentscheidung und Glaubenswilligkeit und ein höherer pragmatischer Zweck und Nutzen, handle es sich nun darum, dass sich die Seele dem Leid oder der Unwirklichkeit des Daseins entzieht, oder um himmlische Seligkeit oder eine ethisch-religiöse Sanktionierung und Führung. Die philosophischen Systeme sind ganz offensichtlich nichts anderes als mögliche ausgewählte Reflexionsformen großer Ideen. Dies sind weit eher Möglichkeiten der Vernunft als gesicherte Gewissheiten oder, wenn auf spiritueller Erfahrung beruhend, doch Auswahlformen, eine Art groß angelegter Zugang zu einem Tor, das in das unwissbare Göttliche oder unausdrückbare Unendliche führt. Der moderne naturwissenschaftliche Geist trat für unsere Befreiung von allen nur intellektuellen Konstruktionen ein und wollte uns mit der Wahrheit und nur mit gesicherter Wahrheit konfrontieren; er nahm das Recht für sich in Anspruch, den Menschen von der wahnhaften Behinderung durch die Religion und von der nutzlosen Verschwommenheit der Metaphysik befreien zu können. Doch nun wandten sich Religion und Philosophie gegen die Naturwissenschaften und brachten ihnen auf Grund der von ihnen selbst behaupteten Tatsachen zum Bewusstsein, dass sie diesen beiden allgemeinen Schwierigkeiten der menschlichen Vernunft ebenso unterworfen seien. Das naturwissenschaftliche System scheint seinerseits nur eine andere mögliche fruchtbare Vernunftform zu sein, die sich für ihren eigenen Nutzen Rechenschaft über die physische Welt und deren Beziehungen zu uns ablegt, und weiter nichts. Und ihre Erkenntnis ist entscheidend eingeschränkt durch die Begrenzung ihrer Daten und ihrer Weltanschauung. Auch die Naturwissenschaften erzeugen nur ein von viel Ungewissheit geprägtes Teilbild der Wahrheit, das noch eindeutiger den verkehrten Stempel der Unzulänglichkeit trägt.
Wir müssen zugeben, dass die menschliche Vernunft, die von einem Ausgangspunkt der Unwissenheit ausgehend sich in einem großen Umkreis aus Unwissenheit bewegt, mittels Hypothese, Prämisse und Theorie vorgehen muss und der Nachprüfung in irgendeiner Form unterworfen ist, die unseren Verstand und unsere Erfahrung überzeugt. Es besteht jedoch dieser Unterschied, dass der religiöse Geist die Theorie oder Prämisse – die er überhaupt nicht so nennt, denn für ihn sind dies Gefühlsdinge – mit dem Glauben, mit einem Willen zum Glauben, mit gefühlsmäßiger Gewissheit akzeptiert und die Bestätigung in der zunehmenden spirituellen Intuition und Erfahrung findet. Der philosophische Geist akzeptiert sie ruhig und klug wegen ihrer deutlichen Übereinstimmung mit den Fakten und Notwendigkeiten des Seins; er verifiziert mittels einer alles durchziehenden und nie versagenden Harmonie mit allen Erfordernissen der Vernunft und der intellektualisierten Intuition. Doch das skeptische Mental – nicht der Geist des bloßen Zweifelns oder dogmatischer Verneinung, der normalerweise diese Bezeichnung für sich in Anspruch nimmt, sondern der offene und ausgewogene Geist sorgfältiger, unparteiischer und zurückhaltender Untersuchung – verleiht seinen Hypothesen einen gewissen provisorischen Charakter und erbringt den Nachweis durch die Berechtigung irgendeiner Ordnung oder Kategorie feststellbarer Tatsachen, die er als Beweisgrundlage nimmt und mit schlüssiger Glaubwürdigkeit beziehungsweise Faktizität ausstattet. Es gibt genug Platz für alle drei Methoden und es ist kein Grund vorhanden, warum unser vielschichtiger moderner Geist nicht mit allen dreien zugleich vorgehen sollte. Denn wenn die skeptische oder provisorische Haltung uns bereiter macht, unser Bild von der Wahrheit im Licht neuen Gedanken- und Erkenntnismaterials zu ändern, kann auch der religiöse Geist, vorausgesetzt, er behält ein gewisses festes und tiefes Offensein gegenüber neuer spiritueller Erfahrung bei, schneller zu einem immer größeren Licht fortschreiten, und in der Zwischenzeit können wir damit sicheren Schritts marschieren und ungefährdet unsere Hauptaufgabe in Angriff nehmen, unser Wesen wachsen zu lassen und zu vervollkommnen. Der Nutzen des philosophischen Geistes liegt darin, unserer Denkweise die nötige Weite und Offenheit zu geben – wenn er sich nicht ebenfalls selbst einengt durch einen geschlossenen Kreis metaphysischer Dogmen –, und außerdem stützt er die Harmonie unseres sonstigen Handelns durch die ruhige Zustimmung der höheren Vernunft.
Nun liegt die Ausgangshypothese zu diesem Thema „Seele und Wiedergeburt“ ganz offen vor uns; die Schranke ist gefallen. Denn so viel steht jetzt fest: Die Naturwissenschaften können uns den Schlüssel zu dem Vorgang liefern, aber keinen Einfluss auf die Wirklichkeit der Dinge ausüben. Das bedeutet, dass das Physische nicht das ganze Geheimnis von Welt und Dasein ist und dass auch in uns der Körper nicht das Ganze unseres Wesens ist. Wir gelangen also aller Wahrscheinlichkeit nach durch etwas Supraphysisches in der Natur und in uns selbst, das wir Seele nennen können, was auch immer die eigentliche Substanz der Seele sein mag, zu jener größeren Wahrheit und subtileren Erfahrung, die unseren von den Naturwissenschaften gezogenen engen und strengen Kreis vergrößern und uns der Wirklichkeit näher bringen wird. Auch der rationalste Geist kann jetzt durch nichts gehemmt werden – denn wahrer Rationalismus, wirkliches, freies Denken braucht nicht mehr mit einer Leugnung der Seele und dem Ausspähen von Wahrheiten spiritueller Philosophie und Religion gleichgesetzt zu werden, wie es eine Zeitlang allzu voreilig und intolerant der Fall war –, nichts kann uns davon abhalten, fest entschlossen auf den Gewissheiten spiritueller Erfahrung voranzuschreiten, welche es auch immer sein mögen, die für uns der Boden unseres inneren Wachstums oder die Säulen auf unserem Weg der Selbsterkenntnis geworden sind. Dies sind Seelen-Wirklichkeiten. Doch der eigentliche Rahmen, den wir diesem Wissen geben werden, wird am besten von weitreichender spiritueller Erfahrung gebildet, unterstützt von größeren Intuitionen, bestärkt durch die Hinweise einer weiten philosophischen Vernunft und fruchtbar nutzend, was immer wir an hilfreichen Fakten von Naturwissenschaft und Psychologie erhalten können. Dies sind Wahrheiten des Seelenvorgangs; ihr volles Licht muss durch Erfahrungswissen und Beobachtung der Welt um uns und in uns gewonnen werden.
Die Anerkennung eines Vorhandenseins der Seele kann nicht an sich schon, durch ihre eigene Notwendigkeit, durch irgendeinen unerlässlichen nächsten Schritt, dazu führen, dass die Wiedergeburt akzeptiert wird. Diese unerlässliche Konsequenz kann erst eingeführt werden, wenn es so etwas wie eine Seelen-Evolution gibt, die sich stets selbst Geltung verschafft und zur ständigen Ordnung des Daseins und zum Gesetz des Zeitprozesses gehört. Außerdem ist so etwas wie das Geltenlassen einer individuellen Seele eine erste Bedingung für die Wahrheit der Wiedergeburt. Denn es gibt eine plausible Theorie des Daseins, die eine All-Seele annimmt, ein universales Sein und Werden, dessen greifbares Ergebnis die materielle Welt ist, die jedoch nicht eine bleibende Wahrheit unserer spirituellen Individualität gelten lässt. Die All-Seele kann sich kontinuierlich entwickeln, kann ihr Werden langsam, doch mit Nachdruck herausbilden; aber jeder individuelle Mensch beziehungsweise jedes offenbare Einzelwesen ist für diese Denkweise nur ein Augenblick der All-Seele und ihrer Evolution; aus dieser erhebt sie sich durch die Bildung, die wir Geburt nennen, und sinkt in sie zurück durch die Auflösung, die wir Tod nennen. Aber diese begrenzende Vorstellung kann nur Bestand haben, wenn wir einer schöpferischen biologischen Evolution und ihrem Instrument physischer Vererbung mit der ganzen Ursächlichkeit unseres mentalen und spirituellen Wesens Glauben schenken; doch in diesem Fall haben wir weder eine wirkliche Seele noch ein wirkliches Mental, unsere Seelen-Persönlichkeit oder unser spirituelles Werden ist eine Frucht unseres Lebens und Körpers. Die Frage der Wiedergeburt dreht sich nun fast gänzlich um die eine Grundfrage nach der Vergangenheit des Einzelwesens und seiner Zukunft. Wenn die Schöpfung der ganzen Natur der physischen Geburt gutgeschrieben werden soll, dann sind Körper, Leben und Seele des Individuums nur eine Fortsetzung von Körper, Leben und Seele seiner Ahnen, und für eine Seelen-Wiedergeburt ist nirgends Platz. Der einzelne Mensch hat kein von ihnen unabhängiges vergangenes Sein und kann keine unabhängige Zukunft haben; er kann in seiner Nachkommenschaft weiterleben – das Kind kann sein zweites oder fortgesetztes Selbst sein, wie die Upanishaden es ausdrücken –, doch es gibt keine andere Wiedergeburt für ihn. Kein fortdauernder Strom der Individualität, geleitet von irgendeiner mentalen oder spirituellen Person, überlebt siegreich den Tod des Körpers. Wenn andererseits irgendein Element in uns ist, und gar noch das wichtigste von allen, das nicht nur so erklärt werden kann, sondern eine Vergangenheit oder eine künftige Evolution voraussetzt, die sich von der des Gattungsgeistes und der physischen Abstammung unterscheidet, dann wird eine irgendwie geartete Seelen-Geburt zur logischen Notwendigkeit.
Nun scheinen gerade hier die Ansprüche der physischen und vitalen Evolution und Vererbung als Grund und Ursache unseres ganzen mentalen und spirituellen Seins zu versagen. Gewiss hat es sich gezeigt, dass unser Körper und der größte Teil unserer Lebenstätigkeit weitgehend das Ergebnis von Vererbung sind, jedoch nicht so, dass sie eine unterstützende und möglicherweise wirklich vorherrschende psychische Ursache ausschlössen, die sich von einem Abstammungsbeitrag unterscheidet. Es wurde nachgewiesen, wenn man so will, dass unsere bewusste Vitalität und die davon abhängenden Teile des Mentals – etwas vom Temperament, etwas vom Charakter, bestimmte Impulse und Neigungen – weitgehend von der entwicklungsmäßigen Vererbung geformt – oder nur von ihr beeinflusst? – sind; jedoch nicht, dass sie gänzlich auf diese Kraft zurückzuführen wären, dass es keine Seele, keine spirituelle Wesenheit gäbe, die diese Instrumentierung akzeptiert und benutzt, ohne jedoch deren Erzeugnis oder ihr in ihrem Werden hilflos ausgeliefert zu sein. Noch mehr sind die höheren Teile unseres Mentals von spiritueller Unabhängigkeit geprägt. Es sind keine hilflosen Formationen entwicklungsmäßiger Vererbung. Dennoch stehen alle diese Dinge offensichtlich sehr stark unter dem Einfluss der Umwelt und deren Druck und Möglichkeiten. Und wenn wir wollen, können wir daraus einen einschränkenden Schluss ziehen; wir können sagen, dass sie eine Phase der Welt-Seele sind, ein Teil des Prozesses ihrer Entwicklung durch Auslese; die Gattung, nicht das Individuum, ist der kontinuierliche Faktor, und alle unsere nur scheinbar, nicht wirklich unabhängigen individuellen Anstrengungen und Errungenschaften hören mit dem Tod auf, mit Ausnahme des Anteils an unserem Gewinn, der von einem geheimen Willen oder einer bewussten Notwendigkeit im universalen Sein oder im fortdauernden Werden ausgewählt wurde, um in der Gattung weiterzubestehen.
Gelangen wir jedoch zu unseren höchsten spirituellen Elementen, finden wir, dass wir hier eine sehr klare und souveräne Unabhängigkeit erreichen. Wir können weit über jede Determinierung durch die Umwelt oder durch den Druck der Rassen-Seele hinaus unsere eigene Seelen-Evolution durch die beherrschende Kraft unserer spirituellen Natur weiterführen. Ganz abgesehen von irgendeinem Beweis eines Weiterlebens auf anderen Ebenen oder irgendeiner Erinnerung an vergangene Geburten ist dies Rechtfertigung genug dafür, dass wir jede Theorie des vergänglichen Einzelwesens und der alleinigen Wahrheit des evolutionären Universalen als unzureichend zurückweisen. Gewiss zeigt sich das Einzelwesen hierdurch nicht als von der All-Seele unabhängig; es mag vielleicht nur eine Form von ihr in der Zeit sein. Doch für unseren Zweck genügt es, dass es eine fortdauernde Seelen-Form ist, nicht begrenzt durch das Leben des Körpers und mit seinem Tod aufhörend, sondern unabhängig darüber hinaus fortdauernd. Denn wenn es so von der physischen Rassen-Kontinuität in der Zukunft unabhängig ist, wenn es sich so fähig zeigt, seine eigene künftige Seelen-Evolution in der Zeit zu bestimmen, muss es ein solches unabhängiges Dasein insgeheim durchgehend gehabt haben, und es muss in Wirklichkeit auch seine vergangene Seelen-Evolution in der Zeit bestimmt haben, obschon zweifellos ein anderer, indirekter Nachdruck darauf bestand. Möglicherweise kann es in der All-Seele nur während der universalen Kontinuität existieren, es mag aus ihr in jene aufgestiegen sein, es kann schließlich in sie übergehen. Oder es kann im Gegenteil in seiner eigenen Seelen-Evolution schon vor, oder besser gesagt, unabhängig von der universalen Kontinuität existieren und es gibt eine Art ewiges Individuum. Doch für die Theorie der Wiedergeburt genügt es, dass eine geheime Seelen-Kontinuität des Individuums vorhanden ist und nicht nur eine rohe Aufeinanderfolge von Körpern, die von der All-Seele mit einer ganz flüchtigen Illusion mentaler oder spiritueller Individualität erfüllt werden.
Es gibt Existenztheorien, die die individuelle Seele akzeptieren, jedoch nicht die Seelen-Evolution: zum Beispiel das eigentümliche Dogma einer Seele ohne Vergangenheit, aber mit einer Zukunft, durch die Geburt des Körpers erschaffen, doch unzerstörbar durch den Tod des Körpers. Doch dies ist eine gewaltsame und irrationale Annahme, eine unbewiesene Vorstellung ohne Wahrscheinlichkeit. Sie impliziert die Schwierigkeit eines Geschöpfes, das in der Zeit beginnt, aber in alle Ewigkeit fortdauert, ein unsterbliches Wesen, dessen Existenz auf einen physischen Zeugungsakt angewiesen ist, das selbst jedoch stets gänzlich unphysisch und unabhängig von dem aus der Zeugung hervorgegangenen Körper ist. Diese Einwände sind für den Verstand unüberwindlich. Doch erhebt sich hier auch die Schwierigkeit, dass diese Seele eine Vergangenheit erbt, für die sie in keiner Weise verantwortlich ist, oder dass sie belastet wird mit beherrschenden Neigungen, die ihr nicht durch ihr eigenes Tun auferlegt wurden, und dass sie doch für ihre Zukunft verantwortlich ist, die so behandelt wird, als wäre sie keineswegs durch jenes oft beklagte Erbe, damnosa hereditas, oder jene unfaire Erschaffung determiniert, sondern wäre ganz ihr eigenes Werk. Wir sind hoffnungslos das, was wir sind, und sind doch verantwortlich für das, was wir sind – oder zumindest für das, was wir in Zukunft sein werden, was unvermeidlich zum größten Teil durch das bestimmt wird, was wir von Anfang an waren. Und wir haben nur diese eine Chance. Plato und der Hottentotte, das vom Glück begünstigte Kind von Heiligen oder Rishis und der geborene geschulte Verbrecher, der von Anfang bis Ende in der niedrigsten stinkenden Korruption einer modernen Großstadt untergetaucht ist – sie alle haben gleichermaßen durch Handeln oder Glauben aus diesem einen ungleichen Leben ihre ganze ewige Zukunft zu erschaffen. Dies ist ein Paradox, das die Seele wie die Vernunft, das ethische Empfinden wie die spirituelle Intuition verletzt.
Es gibt auch die verwandte Idee, hinter der eine Wahrheit dunkel schimmert, dass die Seele des Menschen etwas Hohes, Reines und Großes ist, das in das materielle Dasein fiel und durch den Gebrauch seiner Natur und seines Tuns im Körper sich erlösen und zu seiner eigenen himmlischen Natur zurückkehren muss. Doch es ist klar, dass dieses eine irdische Leben nicht für alle genügt, um diese schwierige Rückkehr zu bewerkstelligen, sondern vielmehr wohl die meisten sie tatsächlich ganz verfehlen; und wir müssen dann entweder vermuten, dass eine unsterbliche Seele zugrundegehen oder zur ewigen Verdammnis verurteilt werden kann, oder aber, dass sie mehr Leben hat als dieses armselige, gefährliche eine, das ihr offenbar gegeben wurde, mehrere Leben oder Seinszustände, die zwischen ihrem Fall und der endgültigen Bewerkstelligung einer sicheren Erlösung liegen. Doch die erste Vermutung ist allen Schwierigkeiten jenes anderen Paradoxes ausgesetzt. Abgesehen von dem Problem, warum dieser Herabstieg erfolgt ist, ist schwer einzusehen, wie diese verschiedenen Seelen direkt vom himmlischen Sein unmittelbar in solche äußerst unterschiedlichen Abstufungen bei ihrem Fall geraten sein sollen, und zwar so, dass jede einzelne für die im Übrigen grausamen und ungleichen Bedingungen verantwortlich ist, unter denen sie so summarisch ihre ewige Zukunft zu bestimmen hat. Jede muss doch sicherlich eine Vergangenheit gehabt haben, durch die sie für ihre gegenwärtige Lage verantwortlich wurde, wenn sie so streng gehalten werden soll, dass sie über alle Auswirkungen und über den Gebrauch, den sie von ihrer oft allzu dürftigen, missgünstigen und zuweilen ganz hoffnungslosen Gelegenheit macht, Rechenschaft abzulegen hat. Die eigentliche Natur unseres Menschseins setzt für die Seele sowohl eine variierende, wesentliche Vergangenheit als auch eine sich daraus ergebende Zukunft voraus.
Annehmbarer ist daher eine neuere Theorie, die vorschlägt, dass ein Geist oder mentales Wesen von einer anderen, höheren Ebene herabgestiegen ist und die materielle Existenz auf sich genommen hat, als die physische und tierhafte Evolution weit genug vorangeschritten war, dass eine menschliche Einkörperung auf der Erde möglich wurde. Er schaut auf eine lange Reihe menschlicher Leben zurück, die an dem Punkt beginnt, der jeden von uns in seinen jetzigen Zustand gebracht hat, und nach vorn auf eine sich noch fortsetzende Reihe, die alle Leben durch ihre eigenen Stufen und nach ihrer eigenen Zeit zu irgendeiner Erfüllung, Verklärung, Rückkehr bringen wird, die die sich selbst verkörpernde menschliche Seele erwartet und die Krönung ihres langen Mühens ist. Doch auch hier stellt sich wieder die Frage: Wodurch kommt diese Verbindung eines spirituellen Wesens und einer höheren mentalen Natur mit einem physischen Wesen und einer niedrigeren Tiernatur zustande? Wodurch wird dies Aufgreifen eines niedrigeren Lebens durch den Geist erforderlich, der hier Mensch wird? Es könnte gewiss scheinen, dass hier eine Vorverbindung bestanden haben muss; das besitzende mentale oder spirituelle Wesen muss die ganze Zeit dieses niedrigere Leben, das es so in Besitz nimmt, für eine menschliche Manifestation vorbereitet haben. Die ganze Evolution wäre dann von Anfang an eine geordnete Kontinuität, und das Eingreifen von Mental und Geist wäre kein plötzliches, unerklärliches Wunder, sondern ein Zutagetreten dessen, was immer schon dahinter stand, ein offenes Aufgreifen des manifestierten Lebens durch eine Kraft, die insgeheim immer schon die Lebensevolution geleitet hat.
Diese Theorie der Wiedergeburt setzt eine Evolution des Seins in der materiellen Welt von der Materie zum eingekörperten Mental und einen universalen Geist voraus, der diese Evolution beseelt, während unser individueller Geist im Universalen existiert und seinen Lauf nach oben nimmt zu einer beabsichtigten Vollendung oder Befreiung oder zu beiden, die uns am Ende winken mögen. Viel mehr noch kann es bedeuten, doch zumindest dies; eine Seelen-Evolution das eigentliche Faktum, ein Annehmen immer höherer Formen die erste Erscheinung. Wir könnten der menschlichen Seele in der Tat eine Vergangenheit und eine Zukunft zuerkennen, diese aber unter und über diese irdische Ebene stellen und nur eine zufällige oder absichtliche Existenz auf Erden gelten lassen. Doch würde dies zwei Ordnungen progressiver Existenz bedeuten, die unverbunden sind und sich doch für einen kurzen Moment treffen. Es gäbe eine irrende menschliche Einzelseele, die in die geordnete irdische Evolution hereinkommt und beinahe sofort wieder hinausgeht ohne jede verbindende Ursache oder Notwendigkeit. Doch bleibt insbesondere das Phänomen des weitgehend irdischen Tierwesens und der Natur dieser spirituellen und überirdischen Wesenheit ohne befriedigende Erklärung, dieser Seele, ihr Befreiungskampf und die unendlich wechselnden Stufen, auf denen es ihr in verschiedenen Körpern gelang, die niedere Natur zu beherrschen. Eine vergangene irdische Seelen-Evolution, die für diese Veränderungen und Stufen unseres Mischwesens hinreichend verantwortlich ist, und eine künftige Seelen-Evolution, die uns fortschreitend hilft, die Gottheit des Geistes zu befreien, scheint die einzig richtige und annehmbare Erklärung für diese schwere Arbeit einer an die Materie gefesselten Seele zu sein, die eine wandelbare Stufe des Menschseins inmitten einer allgemeinen, fortschreitenden Erscheinung von Leben, Mental und Geist in einem materiellen Universum erreichte. Wiedergeburt ist der einzig mögliche Mechanismus für eine solche Seelen-Evolution.
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Kapitel 5
Die Bedeutung der Wiedergeburt
Worte Sri Aurobindos
Das Problem, das wir selbst sind – warum wir hier sind, was wir sind, was hinter und vor und um uns ist und was wir mit uns selbst, unseren inneren Bedeutungen und unserer äußeren Umgebung anfangen sollen – das ist die Frage, die mit allen ihren Verwicklungen die Summe der Philosophie ist und in die letztlich alles menschliche Forschen einmündet. In der Vorstellung der entwicklungsmäßigen Wiedergeburt, sofern wir sie als Wahrheit erkennen und ihren Prämissen und Folgerungen zustimmen können, finden wir einen hinreichenden Anhaltspunkt für eine Antwort auf alle diese untereinander verbundenen Seiten dieser einen immerwährenden Frage. Eine spirituelle Evolution, für die unser Universum den Schauplatz und die Erde die Bühne bildet, obwohl ihr Plan noch vor unserem doch begrenzten Wissen zurückgehalten wird – diese Art, das Leben zu sehen, ist ein lichtvoller Schlüssel, mit dem wir viele dunkle Türen aufschließen können. Aber wir müssen diese Evolution im richtigen Blickwinkel betrachten, um ihre wahren Proportionen zu erhalten, und besonders, um sie nicht so sehr in ihrem mechanischen Ablauf, sondern vielmehr in ihrer spirituellen Bedeutung zu sehen. Versäumen wir dies, dann werden wir in philosophische Spitzfindigkeiten verstrickt und auf dieser oder jener Seite zu übertriebenen Negationen gedrängt, und unsere Aussage, so vollkommen ihre Logik auch sein mag, bleibt doch für das Gesamtverständnis und die vielschichtige Seele der Menschheit unbefriedigend und ohne Überzeugungskraft.
Die bloße Vorstellung wiederholter Geburten als Prozess unserer Seelen-Existenz führt uns nicht viel weiter als die simple materielle Wirklichkeit dieses einzelnen Lebens im Körper, diese erste Tatsache unserer bewussten Empfindung und Erinnerung, die der Anlass aller unserer Betrachtungen ist. Zwar erinnert uns die Wiedergeburt, hinter unserem vorliegenden Ansatzpunkt und diesem einen Zipfel unserer Gattung in den Bereichen des Seins vorangehend, an eine Vergangenheit, an bedeutungsvolle frühere Lebensbahnen, an eine Seelen-Existenz in vielen voraufgegangenen Körpern, die unmittelbar das haben entstehen lassen, was wir jetzt sind. Doch zu welchem Nutzen oder Vorteil, wenn es in unserem früheren Dasein und in unserem weiteren Fortbestehen keinen progressiven Sinngehalt gibt? Die Wiedergeburt räumt das Hindernis der leeren Wand des nahen Todes vor uns weit weg aus unseren Augen; unsere Erdenreise wird nun weit weniger ein langer oder kurzer Weg, den man nicht zurückgehen kann und der jäh und bestürzend in einer Sackgasse endet; unserem physischen Tod ist das grausamste Gift seines Stachels genommen. Denn die Last des Todes ist für den Menschen, das denkende, wollende, fühlende Geschöpf, nicht der Verlust dieses dürftigen körperlichen Gehäuses oder Gefährts, sondern sie besteht in der blinden psychischen Endgültigkeit, an die der Tod gemahnt, das stupide materielle Ende unseres Wollens, Denkens, Strebens und Mühens, das brutale Abbrechen der guten und lieben Herzensbeziehungen und -neigungen, die sinnlose, verurteilende Unterbrechung dieses wunderbaren und allestragenden Seelen-Sinnes, der uns unsere strahlenden Einblicke in die Herrlichkeit und Wonne des Daseins gibt – dies ist der Missklang und die grausame Inkonsequenz, gegen die das denkende, lebendige Geschöpf revoltiert, weil sie unglaubhaft und unzulässig sind. In der feurigen Spannung, die unser Leben, unser Mental und unsere Psyche zur Unsterblichkeit treibt und die dem Aufhören nur dadurch zustimmen kann, dass sie ihrer eigenen Naturflamme feind wird, und in der Absage an sie, die von der dumpfen Ergebenheit des träge dem Tod wie dem Leben zustimmenden Körpers über uns gebracht wird, liegt der ganze schmerzvolle, unversöhnliche Widerspruch unserer Doppelnatur. Die Wiedergeburt nimmt die Schwierigkeit weg und löst sie im Sinne einer Seelen-Kontinuität mit einem Pulsieren physischer Wiederholung. Wie andere nicht-materialistische Lösungen gibt sie der Eingebung der Seele gegen den Hinweis des Körpers Recht und sanktioniert die Forderung nach dem Weiterleben, im Gegensatz zu einigen anderen Lösungen jedoch rechtfertigt sie das körperliche Leben wegen seiner Nützlichkeit für die stete Selbsterfahrung der Seele; unser allzu flüchtiger Auftritt im Körper ist dann kein vereinzelter Zufall und kein abgebrochenes Zwischenspiel mehr, sondern er wird durch eine erfüllte Zukunft wie auch eine schöpferische Vergangenheit für seine im anderen Fall zufälligen Handlungen und Beziehungen gerechtfertigt. Doch ist es mit bloßem Weiterbestehen und mechanischer Kontinuität nicht getan; das ist nicht alles, was unser seelisches Wesen bedeutet, nicht die ganze lichte Bedeutung des Weiterlebens und der Kontinuität; ohne Aufstieg, ohne Ausweitung, ohne ein Hinaufwachsen geradeswegs in das Licht mit der Kraft unseres Geistes plagen sich unsere höheren Teile hier unvollendet, ist unsere Geburt in der Materie durch keine angemessene Bedeutung gerechtfertigt. Wir sind nicht viel besser dran, als wenn der Tod unser Ende bliebe; denn unser Leben wird dann letztlich eine in das Endlose fortdauernde, erneuerte und zeitweise konsequente Sinnlosigkeit anstelle einer inkonsequenten, jäh endenden und bald dem Urteilsspruch verfallenen Vergeblichkeit.
Die Wiedergeburt bewirkt außerdem, dass die Welt um uns – unsere Umgebung, ihre Einflüsse, ihre günstigen Gelegenheiten – nicht mehr als eine Stätte vergänglichen physischen Blühens zurückgelassen wird oder als ein Leben, das sich sehr wenig um den Einzelnen kümmert und diesem auch sehr wenig bedeutet, obschon es vielleicht der Gattung Mensch während deren unbestimmter längerer Zeitdauer viel bieten kann. Die Welt wird für uns zu einem Feld der Seelen-Erfahrung, zu einem System der Seelen-Wiederkehr, einem Mittel der Selbstverwirklichung, vielleicht zu einer Kristallisation der wirksamen Selbst-Reflexionen des Wesens. Doch zu welchem Zweck, wenn unsere Wiederkehr nur eine Wiederholung oder ein unschlüssiges Fluktuieren innerhalb weniger fester Gruppentypen ist, deren Leistungszyklus sehr begrenzt und immer unvollendet bleibt? Denn darauf läuft es hinaus, wenn es kein Ventil nach oben, kein unendliches Fortschreiten, weder Entrinnen noch Ausweitung in die Unendlichkeiten der Seele gibt. Die Wiedergeburt sagt uns, dass das, was wir sind, eine Seele ist, die ständig das Wunder der Selbst-Verkörperung vollbringt; doch warum diese Verkörperung, was hat diese Seele hier mit sich zu tun und welchen Gebrauch soll sie von dieser Welt machen, die ihr als grandioser Schauplatz, als schwieriges, formbares Material und als Belagerungsgeschütz in Gestalt vielfältiger Reize und Anregungen gegeben ist – das ist schwerlich klarer als zuvor. Doch die Vorstellung der Wiedergeburt als Anlass und Möglichkeit für eine spirituelle Entwicklung füllt jede Lücke aus. Sie macht aus dem Leben einen bedeutungsvollen Aufstieg und nicht einen Wiedergeburtsmechanismus; sie eröffnet uns die göttlichen Ausblicke einer wachsenden Seele; sie bringt die Welten in einen Zusammenhang spiritueller Selbstausdehnung; und mit dem zuverlässigen Versprechen an alle, dass jetzt oder in Zukunft ein großer Fund getätigt wird, veranlasst sie uns, nach der Selbst-Erkenntnis unseres Geistes und der Selbst-Erfüllung einer weisen und göttlichen Absicht in unserer Existenz zu suchen.
Der bedrückende Sinn eines Kreisens in mechanischer Wiederholung und das leidenschaftliche Suchen nach einem Durchlass für das absolute Entrinnen belasteten die früheren Aussagen über die Wahrheit der Wiedergeburt und hinterließen trotz der Tiefe, die sie ausloteten, den Eindruck einer nicht zufriedenstellenden Unzulänglichkeit – nicht einer unlogischen, denn sie sind hinreichend logisch, wenn ihre Prämissen angenommen werden, sondern einer unbefriedigenden, weil durch sie unser Sein für uns nicht gerechtfertigt wird. Denn indem sie den göttlichen Nutzen des kosmischen Wirkens verfehlen, versagen sie darin, dass sie uns Gott, uns selbst und das Leben nicht mit hinreichend umfassender, geduldiger und fester Vollständigkeit erklären, sie verwerfen zuviel, gehen an dem positiven Sinn unserer Bemühung vorbei und lassen uns mit einem gewaltigen Nachklang spiritueller Vergeblichkeit und kosmischer Dissonanz zurück. Keine Aussage über den Sinn unseres Seins oder Nicht-Seins hat der Wiedergeburt größeres Gewicht beigelegt als die buddhistische; doch ihre nachdrückliche Bestätigung ist eine um so stärkere Leugnung. Sie fasst die Wiederkehr der Geburt als eine nicht enden wollende mechanische Kette auf; mit einem Gefühl des Leidens und des Ekels sieht sie im ewigen Sichdrehen eines gigantischen kosmischen Energie-Rades keinen göttlichen Sinn in dessen Umdrehungen, sie sieht dessen Beginn als eine Bestätigung unwissender Begierde, sein Ende als eine auslöschende Seligkeit des Entrinnens. Das sich nutzlos drehende Rad stört auf ewig den Frieden des Nicht-Seins und erzeugt Seelen, deren einzige schwere Chance und deren ganze Musteraufgabe darin besteht aufzuhören. Die Vorstellung des Seins ist nur eine Erweiterung unseres ersten materie-beherrschten Gefühls von der Welt, von unserer Erschaffung in ihr und unserem endgültigen Ende. Sie greift unser erstes klares Bild vom körperlichen Leben an jeder Stelle auf und formuliert alle seine Einzelheiten im Sinne einer seelischeren und spirituelleren Vorstellung unserer Existenz.
Im materiellen Universum sehen wir ein riesiges System periodischer mechanischer Wiederkünfte. Eine ungeheure mechanische Wiederkehr lenkt alles lang Andauernde und Weite; eine ähnliche, jedoch schwächere, alles Vergängliche und Kleine. Die Sonnen schießen hervor ins Sein, rollen flammend im Raum, verschwenden Kraft durch Bewegung, verblassen und sind erloschen; vielleicht, um wieder aufzuflammen ins Sein und ihren Lauf von neuem zu beginnen, oder aber es treten andere Sonnen an ihre Stelle und drehen ihre Runden. Die Jahreszeiten der Zeit wiederholen ihre wandellosen Zyklen ohne Ende. Immer lässt der Lebensbaum seine vielfältigen Blüten sprießen, wirft sie ab und lässt die gleichen wieder hervorbrechen, wenn ihre Zeit gekommen ist. Der menschliche Körper wird geboren und wächst, wird schwach und schwindet dahin, doch aus ihm werden andere Körper geboren, die denselben einen sinnlosen Zyklus aufrechterhalten. Dieser ganze bemühte und beharrlich fortdauernde Vorgang ist für das Verständnis deshalb ein Rätsel, weil darin offenbar nicht der geringste Sinn und keine Bedeutung liegt außer der bloßen Tatsache eines grund- und zwecklosen Daseins, dem das aufhebende oder ausgleichende Faktum des individuellen Aufhörens auf dem Fuße folgt beziehungsweise es erleichtert. Und dies deshalb, weil wir den Mechanismus wahrnehmen, jedoch die Macht, die diesen Mechanismus in Gebrauch nimmt, und die Absicht in diesem Gebrauch nicht sehen. In dem Augenblick aber, in dem wir erkennen, dass es einen bewussten, in sich selbst weisen und unendlichen Geist gibt, der über das Universum nachsinnt, und eine geheime, langsam sich selbst findende Seele in den Dingen, gelangen wir zur Notwendigkeit einer Idee in seinem Bewusstsein, zur Notwendigkeit von etwas, das durch diese großen, planvollen Tätigkeiten konzipiert, gewollt, in Bewegung gesetzt wird und mit Sicherheit geleistet und allmählich erfüllt werden soll.
Die buddhistische Darstellung lässt jedoch in ihrem streng mechanischen Lebenssystem weder ein Selbst noch einen Geist noch ein ewiges Wesen gelten. Sie erfasst nur das Phänomen eines ständigen Werdens und erhebt es von der physischen zur psychischen Ebene. So wie es für unser physisches Mental klar ist, dass es Energie, Tätigkeit und Bewegung gibt, die durch ihre materielle Kraft die Formen und Mächte des materiellen Universums erschaffen können, so gibt es für die buddhistische Sicht der Dinge Energie, Tätigkeit und Karma, die durch ihre psychische Ideen- und Assoziationskraft dieses eingekörperte Seelen-Leben mit seiner kontinuierlichen periodischen Wiederkehr schaffen. Wie der Körper eine dem Zerfall ausgesetzte Gestaltung, Zusammensetzung und Verbindung ist, so ist auch die Seele eine auflösbare Gestaltung und Verbindung; das seelische Leben erhält sich wie das physische Leben selbst durch ein ununterbrochenes Fließen und eine ständige Wiederholung derselben Tätigkeiten und Bewegungen. Wie diese ständige Erbfolge von Leben eine Verlängerung des einen universellen Lebensprinzips durch fortgesetzte Schaffung ähnlicher Körper, eine mechanische Wiederkehr ist, so ist auch das System der Seelen-Wiedergeburt eine ständige Verlängerung des Prinzips des Seelen-Lebens durch fortgesetzte Schaffung von ähnlichen eingekörperten Assoziationen und Erfahrungen mittels Karma, eine mechanische periodische Wiederkehr. Wie die Ursache dieser ganzen physischen Geburt und dieser fortlaufenden Vererbung ein dunkler Wille zum Leben in der Materie ist, so ist die Ursache der fortgesetzten Seelen-Geburt ein unwissender Wunsch oder Wille, in der universellen Karma-Energie zu sein. Wie das ständige Kreisen des Universums und die Bewegungen seiner Kräfte individuelle Existenzen erzeugen, die sich durch individuellen Tod vom Sein freimachen oder in ihm enden, so gibt es dieses ständige Rad des Werdens und der Karma-Bewegung, wovon individualisierte Seelen-Leben gebildet werden, die sich aus ihrer ununterbrochenen Aufeinanderfolge durch ein Hinschwinden und Aufhören befreien müssen. Das Erlöschen des eingekörperten Bewusstseins ist unser offenbares materielles Ende; auch für die Seele ist das Ende ein Erlöschen, die inhaltslose Befriedigung des Nichts oder irgendeine unbeschreibliche Seligkeit eines überbewussten Nicht-Seins. Der Kern dieser Auffassung ist die Behauptung des mechanischen Geschehens oder periodischen Wiederkehrens der Geburt; doch während Ende und Zerfall des körperlichen Lebens aufgezwungen sind, endet das Seelen-Leben durch eine gewollte Selbstauslöschung.
Die buddhistische Theorie fügt der ersten klaren Bedeutung des Lebens lediglich eine sich ins Endlose fortsetzende Verlängerung durch Wiedergeburt hinzu, die eine Last, nicht ein Gewinn ist, sowie die spirituelle Größe der Disziplin der Selbstauslöschung – letztere zweifellos von großem Wert. Die illusionistische Lösung tut etwas hinzu, unterscheidet sich aber in ihrem Motiv nicht sehr von der buddhistischen. Sie setzt gegen die sinnlose kosmische Wiederholung eine Ewigkeit unseres eigenen absoluten Wesens; aus der Unwissenheit, durch die der illusorische Mechanismus einer periodischen Wiederkehr der Wiedergeburt entsteht, entrinnt sie in das Selbstwissen unserer unbeschreibbaren Existenz. Dies scheint eine positive Spannung einzuführen und unserem Sein eine Wirklichkeit zu verleihen, die einen Anfang, eine tragende Mitte und ein daraus folgendes Ergebnis hat. Doch hier klafft eine Lücke durch das Fehlen aller wahren und gültigen Beziehung zwischen diesem unserem eigentlichen Wesen und unserem ganzen Werden und Geborenwerden. Das letzte Ergebnis und Ende unseres Geborenwerdens wird nicht als eine absolute Erfüllung dessen, was wir sind, dargestellt – das wäre eine große, reiche und herrlich positive Philosophie –, auch nicht als die endgültige Bestätigung einer fortschreitenden Selbstfindung – auch dies gäbe unserem Leben einen noblen Sinn –; es ist eine Abwendung von der Forderung des universalen Geistes, ein Zurückweisen aller dieser kosmischen Ideen, Imaginationen, Aspirationen, dieses Wirkens und Ins-Werk-Setzens. Der Weg, unser uns gegebenes Wesen zu finden, ist eine absolute Ablehnung unseres ganzen Werdens. Wir steigen zum Selbst auf durch eine befreiende Verneinung von uns selbst, und am Ende folgt die Idee im Universum ihrer ungeheuerlichen und ziellosen Bahn, doch das Individuum hört auf und hat seinen Segen. Das Motiv dieser Denkweise ist wie in der buddhistischen dasselbe bedrückende Gefühl eines unwissenden kosmischen Wiederkehr-Mechanismus und dieselbe hohe leidenschaftliche Ungeduld, sich freizumachen. Vorhanden ist die Anerkennung eines göttlichen Ursprungs des Lebens, jedoch eine Nicht-Anerkennung jedes göttlichen Sinns im Leben. Und was die Wiedergeburt anbelangt, so wird sie in ihrer Bedeutung zu einem ständigen Mechanismus der Selbsttäuschung, und der Wille, nicht zu leben, wird uns als letzte Errungenschaft, als das höchste Gut und das eine wünschenswerte Ergebnis des Lebens vorgewiesen. Die Befriedigung, die der Illusionismus gibt – denn eine Art hoher, nüchterner Befriedigung gibt er dem Intellekt und einer spirituellen Tendenz –, liegt einmal darin, dass die offenkundige Antinomie zwischen dem Universum, diesem großen, beschwerlichen und despotischen Mechanismus, und dem Geist, der fühlt, dass er von anderer, göttlicherer Natur ist, zu einem letzten Punkt hindrängt; sie liegt sodann in der großen Erleichterung für eine Seele, die sich leidenschaftlich nach Freiheit sehnt, jedoch gezwungen ist, als eine Triebfeder der schwerfälligen Maschine weiterzuarbeiten, und darauf brennt, die kosmische Last abwerfen zu können; und endlich liegt sie in der freien, nackten Absolutheit dieses spirituellen Abschlusses. Auf die Frage nach Gott, nach dem Menschen und nach dem Sinn des Lebens gibt der Illusionismus jedoch keine wahre, weil keine fruchtbare Antwort; durch ein geschicktes Ausweichen entfernt er sich lediglich davon und nimmt ihnen alle Bedeutung, so dass jede Frage nach Sinn und Willen in dieser ganzen furchtbaren Arbeit, in diesem Hämmern und Suchen sinnlos wird. Doch kann der Mensch der Herausforderung von Gottes Universum an die Erkenntnis und Stärke des menschlichen Geistes letztlich nicht mit Ablehnung und Ausweichen begegnen, auch wenn eine einzelne Seele vor diesem Anspruch in spiritueller Trance oder im Schlaf Zuflucht nehmen oder durch deren blinde Tore in das Absolute entrinnen kann, wie sich auch der Mensch vor der Last des Handelns und dem Kummer in die Nichtbewusstheit zurückziehen mag. Etwas wird vom Geist des Universums mit unserer Arbeit im Dasein beabsichtigt, es liegt ein Sinn in diesen grandiosen Rhythmen, und er hat sie nicht in einem ewig währenden Irrtum oder nur so zum Spaß erschaffen1. Dies zu wissen und es zu besitzen, bewusst die verborgenen Sinngehalte des Welten-Seins zu finden und zu erfüllen, ist dem menschlichen Geist aufgegeben.
Andere Darstellungen oder Färbungen der Idee der Wiedergeburt räumen dem Dasein einen positiveren Sinn ein und haben ein stärkeres Vertrauen in die Macht und Wonne des Seins, seinen geheimen Quellen; aber sie straucheln schließlich alle über die Grenzen der Menschheit und die Unfähigkeit, aus ihrer Knechtschaft einen Ausweg in der Weltordnung zu finden, weil sie glauben, diese sei etwas seit ewigen Zeiten Festgelegtes, sasvatibhyah samabhyah –, kein ewig sich entwickelnder und schöpferischer, sondern ein unveränderlicher Zyklus. Die Vaishnava-Vorstellung von Gottes Spiel trifft eigentlich das Geheimnis der verborgenen Wonne im Herzen der Dinge und ist ein leuchtend helles Licht mitten hinein in die Dunkelheit des Rätsels; isoliert kann sie es jedoch nicht lösen. Hier in der Welt ist mehr als ein Spiel geheimer Wonne; da ist Erkenntnis, da ist Macht, da ist Wille und eine gewaltige Arbeit. So betrachtet wird die Wiedergeburt allzu sehr zum Selbstzweck eines Spiels göttlicher Laune, und unsere Welt ist zu groß und zu mühevoll, als dass dies ihre Begründung sein könnte. Eine so buntscheckige Wonne, wie sie hier unserem Werden beigegeben wird, ist ein Verkleidungs- und Suchspiel ohne jedes Versprechen einer göttlichen Vollkommenheit, ihre Kreise scheinen letztlich nicht wert, ausgeschritten zu werden, und mit Freuden wendet sich die Seele ihrer Erlösung aus den frustrierenden Irrgärten des Spiels zu. Die tantrische Lösung zeigt uns eine höchste, überbewusste Energie, die sich hier selbst hinausschleudert in wimmelnde Welten und mannigfaltige Wesen, und in ihrer Ordnung steigt die Seele von Geburt zu Geburt und folgt ihren Millionen Formen, bis sie sich in einer letzten menschlichen Reihe dem Bewusstsein und den Mächten ihrer eigenen Göttlichkeit öffnet und durch sie in einer raschen Erleuchtung zum ewigen Überbewusstsein zurückkehrt. Wir finden endlich den Anfang zu einer befriedigenden Synthese, eine Rechtfertigung des Daseins, eine sinnvolle Konsequenz in der Wiedergeburt, einen Nutzen und eine hinreichende, wenngleich nur vorläufige Bedeutung für die große Bewegung des Kosmos. Auf Grund ganz ähnlicher Prinzipien ist der moderne Geist, sobald er bereit ist, die Wiedergeburt zu akzeptieren, geneigt, sie in Augenschein zu nehmen. Doch ist die Betonung des göttlichen Potenzials der Seele zu gering, diejenige des Entrinnens in das Überbewusstsein voreilig; die Vorbereitungszeit, die die höchste Energie für ein so kurzes und unzureichendes Blühen einrichtet, ist allzu lang und gewaltig. Hier klafft eine Lücke, hier fehlt noch ein Geheimnis.
Es gibt gewisse Grenzen unseres eigenen Denkens, über die alle diese Lösungen straucheln, und das Haupthindernis ist unser Sinn für die mechanische Natur des Universums und unsere Unfähigkeit, auf einen Menschheitstypus vorwärtszuschauen, der größer ist als unser gegenwärtiger. Wir sehen den überbewussten Geist in seinem Glanz und seiner Freiheit, und wir sehen das Universum in seiner nichtbewussten Knechtschaft unter dem periodischen Kreislauf seiner mechanischen Wiederkünfte, oder wir sehen das Dasein als eine abstrakte Wesenheit und die Natur als eine mechanische Kraft; die bewusste Seele steht als Bindeglied zwischen diesen Gegensätzen, aber sie ist selbst so unvollkommen, dass wir in diesem Glied das Geheimnis nicht zu finden vermögen und auch keine starke Autorität für den Ausgleich daraus machen können. Also sprechen wir die Geburt als einen Irrtum der Seele an und sehen unsere Befreiungschance darin, diese Fesseln unserer Geburt abzuschütteln und eine heftige Rückwendung zum überkosmischen Bewusstsein oder zur Freiheit des abstrakten Seins zu vollziehen. Wenn aber nun die Wiedergeburt in Wahrheit keine lange schleppende Kette, sondern vielmehr zuerst eine Leiter für den Aufstieg der Seele und schließlich eine Aufeinanderfolge mächtiger spiritueller Gelegenheiten wäre? Es wird so sein, wenn das unendliche Dasein nicht das ist, was es für den logischen Intellekt zu sein scheint, eine abstrakte Wesenheit, sondern was es für die Intuition und die tiefere Seelen-Erfahrung ist: eine bewusste spirituelle Wirklichkeit, die hier so wirklich ist wie in jedem weit entfernten absoluten Überbewusstsein. Denn dann wäre die universale Natur kein Mechanismus mehr, der nur das Geheimnis seiner eigenen nichtbewussten Mechanik hütete und nur den Zweck des bloßen wiederkehrenden Funktionierens hätte; sie wäre dann die bewusste Energie des universalen Geistes, verborgen in der Größe seiner Vorgänge, mahimanam asya. Und die Seele, die aufsteigt vom Schlaf der Materie durch das Pflanzen- und Tierleben zur menschlichen Stufe der Lebenskraft und hier mit der Unwissenheit und der Begrenzung darum kämpft, ihr unendliches Königreich in Besitz zu nehmen, wäre der Mittler, dazu berufen, in der Natur den Geist zu entfalten, der in deren Feinheiten und Weiten verborgen ist. Dies ist der Sinn des Lebens und die Welt, die die Idee der evolutionären Wiedergeburt uns erschließt; das Leben wird sogleich eine aufsteigende Entwicklungsreihe für die Entfaltung des Geistes. Es nimmt eine höchste Bedeutung an: Der Weg des Geistes in seiner Macht ist gerechtfertigt, kein närrischer, leerer Traum, kein ewiges Delirium, keine mechanische Riesenplackerei oder ausdruckslose Vergeblichkeit mehr, sondern die Summe der Werke eines großen spirituellen Willens und einer großen spirituellen Weisheit: Die menschliche Seele und der kosmische Geist schauen einander mit edlem, göttlichem Sinn in die Augen.
Die Fragen, die unser Dasein umstellen, werden sofort in einer gewissen befriedigenden Fülle aufgeklärt. Wir sind eine Seele des transzendenten Geistes und Selbstes, die sich im Kosmos in einer ständigen evolutionären Einkörperung entfaltet; deren physische Seite ist nur eine Formgrundlage, die in ihrer Evolution den aufsteigenden Stufen des Geistes entspricht, der wahre Sinn und das wahre Motiv ist jedoch das spirituelle Wachstum. Hinter uns liegen die vergangenen Perioden der spirituellen Evolution, die schon erklommenen, nach oben führenden Stufenfolgen des Geistes, auf denen wir uns durch ständige Wiedergeburt zu dem entwickelt haben, was wir sind, und wo wir uns in dieser gegenwärtigen mittleren Periode des Aufstiegs immer noch entwickeln. Rings um uns ist der ständige Prozess der Entfaltung in ihrem universalen Aspekt im Gange: Die vergangenen Perioden sind hierin enthalten, erfüllt, von uns überschritten, werden aber in allgemeiner und verschiedenartiger Form immer noch wiederholt als Rückhalt und Hintergrund; die gegenwärtigen Perioden sind keine überflüssige Wiederkehr, sondern in aktiver Fruchtbarkeit trächtig mit allem, was vom Geist noch entfaltet werden soll, sie sind keine periodische Wiederkehr in der n-ten Dezimalen, die ihre Gestalten auf ewig hoffnungslos wiederholt, sondern eine sich ausweitende Folge von Mächten des Unendlichen. Vor uns liegen die größeren Potenziale, die noch nicht erklommenen Stufen, die geplanten mächtigeren Manifestationen. Diese Möglichkeiten der nach oben führenden Selbstentfaltung des Geistes zu leben, ist der Grund unseres Daseins. Was wir mit uns und unseren Sinngehalten tun müssen, ist dies: zu wachsen und sie höheren Sinngehalten göttlichen Seins, göttlichen Bewusstseins, göttlicher Kraft, göttlicher Wonne und vielfältiger Einheit zu öffnen; und was wir mit unserer Umwelt tun müssen, ist dies: sie bewusst für die wachsenden spirituellen Vorhaben zu nutzen und sie immer mehr zu einer Gießform für die ideelle Entfaltung der vollkommenen Natur und Selbsterschaffung des Göttlichen im Kosmos zu machen. Dies ist sicherlich der Wille in den Dingen, der sich groß und planvoll ohne Hast noch Rast durch beliebige periodische Zyklen auf eine immer größere Beseelung seiner eigenen endlichen Ausdrucksformen mit seiner eigenen unendlichen Wirklichkeit zubewegt.
Dies alles ist für das Mental, das in den Formen der Gegenwart lebt, nicht viel mehr als eine Hypothese, und für den sorgfältigen, mit Überzeugung forschenden skeptischen Geist muss es so sein; denn wenn die Evolution eine anerkannte Vorstellung ist, ist die Wiedergeburt ihrerseits nur eine Mutmaßung. Nimmt man sie als das, ist sie doch eine bessere Hypothese als die naiven, kindlichen religiösen Lösungen, die aus der Welt eine willkürliche Laune und aus dem Menschen die atmende Lehmpuppe eines allmächtigen, mit menschlichem Mental ausgestatteten Schöpfers macht, und mindestens eine so gute Hypothese wie die Vorstellung einer materiellen, nichtbewussten Kraft, die irgendwie in ein unsicheres, kurzlebiges, aber stets weiterlaufendes Bewusstseinsphänomen hineinschlittert, oder eines schöpferischen Lebens, das nach der Bergsonschen Formel in Unterdrückung, jedoch beständig inmitten des allgemeinen Sterbens arbeitet; eine so gute Hypothese auch wie die Vorstellung eines mechanischen Wirkens von Prakriti, Maya und Shakti, in die ein wirkliches oder unwirkliches Einzelwesen hineintappt oder in denen es marschiert, dandramyamano andhena niyamano yathandhah,2 bis es sie mittels einer spirituellen Befreiung wieder verlassen kann. Ausführlich philosophisch hinterfragt, wird es nicht den Anschein haben, dass die Hypothese in Widerspruch zu den bekannten Existenzprinzipien stünde oder mit den Tatsachen und Notwendigkeiten des Seins oder den Erfordernissen von Vernunft und Intuition nicht übereinstimmte, auch wenn sie einen noch nicht verwirklichten Faktor, nämlich Zukünftiges, anerkennt; denn eben dies ist in der Vorstellung der Evolution mit enthalten. Sie kann jede religiöse Erfahrung oder Aspiration verändern, jedoch nicht grundsätzlich zu ihr in Widerspruch stehen – denn sie ist nicht unvereinbar mit einer Einung mit dem Überbewusstsein oder der Seligkeit in jenseitigen Himmeln oder mit jeder persönlichen oder unpersönlichen Beziehung zum Göttlichen, da diese sehr wohl Höhen der spirituellen Entfaltung sein können. Ihre Wahrheit wird von spiritueller Erfahrung und Verwirklichung abhängen; doch hauptsächlich von dieser bedeutsamen Frage, ob es etwas in den Seelenkräften des Menschen gibt, das einen höheren Ausdruck des Seins als seine gegenwärtige Mentalität verspricht, und ob dieser höhere Ausdruck für seine eingekörperte Existenz wirksam gemacht werden kann. Dies ist die Frage, die die psychologische Forschung noch zu prüfen hat, und dies ist das Problem, das im Laufe der spirituellen Evolution des Menschen gelöst werden muss.
Es gibt transzendentale Fragen nach der metaphysischen Notwendigkeit, Möglichkeit und letzten Wirklichkeit einer evolutionären Manifestation dieser Art, doch brauchen sie hier und jetzt nicht in das Spiel gebracht zu werden; vorerst sind wir nur mit deren Wirklichkeit für die Erfahrung und mit der ablaufbedingten Bedeutung der Wiedergeburt beschäftigt, mit der offenkundigen Tatsache, dass wir zu einer Art Manifestation gehören und uns unter dem Druck einer Art Evolution vorwärtsbewegen. Wir sehen eine Macht am Werk und wollen herausfinden, ob in dieser Macht ein bewusster Wille, eine geordnete Entwicklungsmöglichkeit steckt, und wir müssen zuerst entdecken, ob sie das blinde Ergebnis eines organisierten Zufalls oder eines nichtbewussten, selbstaufgezwungenen Gesetzes ist oder der Plan einer universalen Intelligenz oder Weisheit. Haben wir einmal die Entdeckung gemacht, dass es einen bewussten Geist gibt, dessen Ausdruck diese Bewegung ist, oder lassen wir dies als unsere Arbeitshypothese gelten, sind wir verpflichtet, weiterzugehen und zu fragen, ob diese sich entwickelnde Ordnung mit dem jetzigen Sein des Menschen aufhört oder ob sie mit etwas mehr beladen ist, zu dem sie und der Mensch aufwachsen müssen, ein unfertiger Ausdruck, eine größere, noch nicht gefundene Ausdrucksform, und in diesem Fall ist es klar, dass der Mensch zu diesem Größeren aufwachsen muss; es vorzubereiten und zu verwirklichen, muss die nächste Stufe seiner Bestimmung sein. Diesem neuen Schritt in der Evolution muss seine Geschichte als einer Rasse unterbewusst zustreben, und die Kräfte der höchsten Einzelwesen müssen halbbewusst darum ringen, dass dieses Größere geboren wird; und da die aufsteigende Ordnung der Wiedergeburt stets den Stufen der Evolution folgt, kann auch diese nicht dazu bestimmt sein, plötzlich stehenzubleiben oder jäh, ohne Rücksicht auf den beabsichtigten Schritt, in das Überbewusste wegzuschießen. Die Beziehung unserer Geburt zum Leben auf anderen Stufen des Bewusstseins und zu irgendeinem beliebigen transzendenten Überbewusstsein sind wichtige Probleme, doch muss ihre Lösung etwas sein, das in Einklang mit der Absicht des Geistes im Universum steht; alles muss zu einer Einheit gehören und nicht zu einem Durcheinander spiritueller Unvereinbarkeiten und Widersprüche. Nach diesem Grundsatz muss unser erster Brückenschlag vom Bekannten zum Unbekannten die Entdeckung sein, wie weit die noch unfertige Leiter der Evolution in der irdischen Entwicklungsreihe emporsteigen kann. Die ganze ablaufbedingte Bedeutung der Wiedergeburt kann in dieser einen, noch nicht in Angriff genommenen Entdeckung stecken.
* * *
1 Der wunderbare und prägnante Satz des Korans: „Denkst du, dass ich Himmel und Erde und alles, was zwischen ihnen ist, nur so zum Spaß erschaffen habe?“
2 Umhertappend wie der Blinde, geführt vom Blinden.
Kapitel 6
Die aufsteigende Einheit
Worte Sri Aurobindos
Das menschliche Mental liebt eine klare Einfachheit der Auffassung; je schärfer eine Aussage, desto heftiger wird es von ihr erfasst, und um so mehr neigt es dazu, sie zu akzeptieren. Dies ist nicht nur natürlich für unser erstes, unfertiges Denken und nicht nur um so attraktiver, als es uns die Dinge mit wunderbarer Leichtigkeit handhaben lässt und uns eine Unmenge Nachforschungsärger und mühevolles Nachdenken erspart, sondern es begleitet uns auch in abgeschwächter Form zu den höheren Ebenen einer aufmerksamen Denkweise. Die Lösung des schicksalhaften Knotens nach der Methode Alexanders ist unser natürlicher Lieblingsumgang mit dem verworrenen Netzwerk der Dinge, der einfache Schnitt, der Königsweg, die leichte Philosophie des „Dies und nicht dies“, „Das und nicht das“, ein kraftvolles Ja oder Nein, eine simple Teilung, ein robustes Gegensatzpaar, ein sauberer Einteilungsschnitt. Unser Verstand handelt durch Teilungen, auch unser gewöhnliches, unlogisches Denken ist eine stammelnde und stümperhafte Kurzanalyse und Zusammenfassung der Erfahrung, die sich uns mit so endloser Kompliziertheit darbietet. Aber die reinste und klarste Teilung ist die, die am beruhigendsten für uns ist, weil sie unsere noch kindliche Intelligenz mit einem Gefühl lichter, schlüssiger Einfachheit beeindruckt.
Doch ist von dieser Neigung zu einfachen Lösungen nicht allein das in ein direktes und schlichtes Denken verliebte Durchschnittsmental befallen – zu seinen Gunsten, um ein berühmtes Beispiel zu nennen, dachte jener große Doktor Johnson mit der allen starken Menschen teuren königlichen Kraft, als er Berkeleys ganze Philosophie über den Haufen warf, indem er einfach einen Stein wegkickte und sagte: „Damit beweise ich die Wirklichkeit der Materie“. Auch der Philosoph, obwohl er nebenbei zu komplizierter Beweisführung neigt, freut sich am meisten, wenn er durch sie zu einer herrlich überzeugenden Schlussfolgerung kommen kann, zu einer klar umrissenen Unterscheidung zwischen Brahman und Nicht-Brahman, Wirklichkeit und Unwirklichkeit oder zu irgendeinem der massenhaften mentalen Gegensätze, auf die so viele „Ismen“ gegründet worden sind. Diese Königswege der Philosophie haben den Vorteil, dass sie für die Schritte des metaphysischen Intellekts hoch und groß angelegt sind und zugleich durch die grandiose Gipfelhöhe ihrer souveränen, wie ein schneeweißes Matterhorn in den Himmel geschnittenen Formel, in der sie enden, das gewöhnliche Mental anziehen und übermannen. Was für einen herrlichen Kehraus hören wir zum Beispiel in jenem altbekannten Satz, brahma satyam jagan mithya, der Ewige allein ist wahr, die Welt ist eine Lüge, und wie siegreich scheinen diese vier Worte in ihrer kompromisslosen Antithese von Bejahung und Verneinung die ganze Angelegenheit von Gott, Mensch, Welt und Leben sofort und für immer zu regeln. Doch im Grunde, wenn wir die Sache etwas freier überdenken, können wir vielleicht erkennen, dass Natur und Existenz in diesem Punkt nicht vom selben Geist sind wie der Mensch, dass es hier eine große Vielfalt gibt, der wir geduldig nachgehen müssen, und dass diejenigen Denkweisen die größte Chance haben, fruchtbar und wahrheitsergiebig zu sein, die wie das inspirierte Denken der Upanishaden viele Seiten auf einmal in sich aufnehmen und viele gegensätzliche Schlussfolgerungen in Einklang bringen. Man kann aus den Upanishaden Material für hundert Philosophien heraushauen, als wäre es eines Titanen unermesslicher Steinbruch, und sie doch genauso wenig ausschöpfen wie den üppigen Busen unserer Mutter Erde oder die Reichtümer unseres Vaters Äther.
Der Mensch begann mit diesem bekannten Verfahren einfacher Schnitte durch Betonung seines Selbstgefühls als Mensch; er machte aus sich selbst ein getrenntes, einmaliges und eigentümliches Wesen in dieser Welt, für das oder um das herum alles andere erschaffen worden sein sollte – und alles Übrige, das Existierende unterhalb des Menschen, Tier, Pflanze, unbelebtes Objekt, alles bis zum Uratom, erschien ihm als eine von ihm verschiedene Schöpfung, abgetrennt, von anderer Natur; er erklärte alle für seelenlos, er allein war ein seelenbegabtes Wesen. Er sah das Leben, definierte es durch bestimmte Merkmale, die seinem Mental auffielen, und trennte alles andere Dasein als nichtlebend, unbelebt, davon ab. Er schaute seine Erde an, machte sie zum Nabel des Weltalls, weil sie der einzige von eingekörperten Seelen oder Lebewesen bewohnte Ort wäre; doch die unzähligen anderen Himmelskörper waren nur Lichter, um den Erdentag zu erleuchten oder die Nacht zu erleichtern. Die Erkenntnis der Unzulänglichkeit dieses einen irdischen Lebens war für ihn nur der Grund, um eine andere, entgegengesetzte Definition eines vollkommenen himmlischen Lebens zu schaffen, das er in den Himmel versetzte, den er über sich sah. Er nahm sein „Ich“ oder Selbst wahr und stellte es sich als ein abgetrenntes, eingekörpertes Ego vor, als das Zentrum seines ganzen irdischen und himmlischen Interesses, und schnitt alles andere Sein als das Nicht-Ich weg; dieses war für ihn da, damit diese seine kleine absorbierende Wesenheit den bestmöglichen Gebrauch davon mache. Blickte er über diese natürlichen, sinnenbeherrschten Aufteilungen hinaus, verfolgte er dieselbe logische Politik. Als er sich den Geist vorstellte, trennte er ihn scharf ab als eine Sache für sich, als den Gegensatz von allem, was nicht Geist war; die Antinomie zwischen Geist und Materie wurde die Grundlage seiner Selbst-Konzeption oder, weiter gefasst, zwischen Geist auf der einen und Mental, Leben und Körper auf der anderen Seite. Dann wurde die Vorstellung des Selbstes als Wesenheit, wobei alles andere Nicht-Selbst war, als von ganz anderer Art abgetrennt. Nebenbei sah er es mit den Augen seines unverbesserlichen trennenden Mentals als sein eigenes abgetrenntes Selbst, und wie er zuvor die Befriedigung des Egos zu seiner Hauptaufgabe auf Erden gemacht hatte, so machte er nun die individuelle Eigenrettung der Seele zu der einen, ganz wichtigen spirituellen Himmelsunternehmung. Oder er sah das Allgemeine und bestritt die Wirklichkeit des Individuellen, indem er ihnen jede lebendige Einheit oder gleichzeitig vorhandene Wirklichkeit absprach, oder er sah ein transzendentes Absolutes getrennt von Individuum und Universum, so dass diese eine reine Einbildung des Unwirklichen, Asat, wurden. Für sein säuberlich trennendes, scharfes und selbstsicheres Mental sind Sein und Werden zwei gegensätzliche Kategorien, von denen entweder die eine oder die andere geleugnet oder zu einer vorläufigen Konstruktion oder Summe gemacht werden oder von der Blässe der Illusion angekränkelt sein muss, und das Werden darf nicht als eine ewige Entfaltung des Seins akzeptiert werden. Diese Vorstellungen der von den Sinnen geleiteten oder intellektuellen Vernunft gehen uns immer noch nach, aber ein nachdenkendes Wissen kommt immer mehr zu der Erkenntnis, dass sie doch Konstruktionen sind, wie wir heute sagen, mögen sie noch so schlüssig und befriedigend scheinen und für das Wirken des Lebens, das Wirken des Mentals und das Wirken des Geistes noch so hilfreich sein. Es steckt eine Wahrheit dahinter, aber eine Wahrheit, die diese Isolierungen nicht wirklich zulässt. Unsere Klassifizierungen errichten allzu starre Wände; alle Grenzen sind ja nur Grenzen und keine unpassierbaren Abgründe. Der eine unendlich wechselnde Geist in den Dingen überträgt all das Seine in jede Form seiner Allgegenwart; das Selbst, das Sein ist zugleich einmalig in einem jeden, gemeinsam in unseren Gemeinschaften und ein einziges in allen Wesen. Gott bewegt sich gleichzeitig auf vielerlei Weise in seiner eigenen unteilbaren Einheit.
Die Konzeption des Menschen als eines abgetrennten und ganz eigentümlichen Wesens im Weltall wurde durch eine geduldige und unparteiische Untersuchung des Naturprozesses unsanft erschüttert. Er ist ohnegleichen oder unvergleichlich und nimmt eine privilegierte Stellung auf Erden ein, ist jedoch nicht einzig in seinem Wesen; die ganze Evolution dient zur Erklärung dieses Suchers spiritueller Größe, der in einem zerbrechlichen Körper, in einem engen Leben und in einem beschränkten Mental eingekörpert ist, und durch sein Sein und Suchen erhält die Evolution ihrerseits eine Erklärung über sich selbst. Der Mensch wird durch das Tier vorbereitet und unvollkommen vorgebildet, das Tier wird in der Pflanze vorbereitet, wie auch diese dunkel vorausgesehen wird von allem, was ihr in der irdischen Entfaltung vorangeht. Der Mensch selbst nimmt das wunderbare Spiel des Elektrons und Atoms auf, zieht das chemische Leben des Subvitalen durch die Gesamtentwicklung des Protoplasmas zu sich empor, vollendet das ursprüngliche Nervensystem der Pflanze in der Physiologie des vervollkommneten Tierwesens, wiederholt als wachsender Embryo rasch die vergangene Evolution der Tiergestalt bis hin zur menschlichen Vollendung und richtet sich, ist er geboren, von der erd- und abwärts geneigten tierhaften Körperhaltung zur gerade gewachsenen Gestalt des Geistes auf, der für seine weitere Entwicklung schon himmelwärts schaut. Die ganze irdische Vergangenheit der Welt ist hier im Menschen zusammengefasst, und die Natur hat ihm nicht nur gleichsam das physische Signum gegeben, dass sie in ihm ein kleines Gegenstück zu ihren universalen Kräften gebildet hat, sondern er ist auch psychologisch, in seinem unterbewussten Sein, eins mit ihrem dunkleren subanimalischen Leben, in seinem Mental und in seiner Natur ist das Tier enthalten, und aus diesem ganzen Unterbau erhebt er sich zu seinem bewussten Menschentum.
Welche Seele auch immer im Menschen wohnt, sie ist kein abgetrenntes spirituelles Wesen, das keine Verbindung mit der übrigen irdischen Familie hat, sondern sie scheint daraus hervorgewachsen zu sein, indem sie dies alles in sich aufnahm und dessen Sinn überschritt mit einer neuen Kraft und einem neuen Sinn des Geistes. Dies ist die universale Natur der Menschengattung auf Erden, und man kann mit gutem Grund annehmen, dass, wie auch immer die vergangene Geschichte der individuellen Seele verlaufen sein mag, sie dem Gang der universalen Natur und Evolution gefolgt sein muss. Der Trennungsstolz, der die Einheit der Natur zerbrechen möchte, um aus uns sowohl eine andere als auch eine größere Schöpfung zu machen, hat keine physische Berechtigung, sondern wurde im Gegenteil von der ganzen Beweiskraft der Augenscheinlichkeit widerlegt; und es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass er spirituell irgendwie gerechtfertigt wäre. Die physische Geschichte der Menschheit ist das Hinauswachsen aus dem Subvitalen und dem Tierleben in die höhere Kraft des Menschentums; unsere innere Geschichte, wie sie durch unsere gegenwärtige Natur angedeutet wird, die animalisch und zusätzlich etwas ist, das über das Tier hinausgeht, muss ein gleichzeitiges Parallelwachstum auf demselben Bogen in die Seele der Menschheit hinein gewesen sein. Die alte indische Vorstellung, die es ablehnte, die Natur des Menschen von der universalen Natur oder das Selbst des Menschen von dem einen allgemeinen Selbst zu trennen, akzeptierte diese Konsequenz ihrer Sicht. So setzt das tantrische System die Summe von achtzig Millionen Pflanzen- und Tierleben zur Vorbereitung für eine Menschengeburt an, und ohne uns auf diese Zahl festzulegen, können wir seine Vorstellungskraft würdigen, mit der es sich die schwierige Seelen-Evolution vergegenwärtigt, durch die die Menschheit entstand beziehungsweise vielleicht ständig entsteht. Von dieser Notwendigkeit einer animalischen Vergangenheit können wir uns nur dann lösen, wenn wir der subhumanen Natur alles Seelische absprechen.
Diese Aberkennung ist aber nur eine dieser blinden, voreiligen und überheblichen Isolierungen des menschlichen Mentals, das in sein eigenes Gefängnis abgetrennter Selbst-Wahrnehmung eingeschlossen ist und es ablehnt, seine Verwandtschaft mit der übrigen Natur zu sehen. Weil die Seele oder der Geist im Tier auf einer niedrigeren Stufe wirkt, sind wir nicht berechtigt zu glauben, dass keine Seele in ihm sei, genauso wenig wie ein göttliches oder übermenschliches Wesen berechtigt wäre, uns wegen der abwärts gewandten Niedrigkeit unserer halbtierischen Natur für seelenlose Körper oder Köpfe zu halten. Wenn wir manchmal von unsereinem sagen, er habe keine Seele, so verwenden wir nur einen bildlichen Ausdruck; er bedeutet lediglich, dass der tierhafte Seelentypus in ihm das Übergewicht über den entwickelten Seelentypus hat, den wir in der feineren spirituellen Gestalt der Menschheit erwarten. Aber dieses Tierelement ist in jedem von uns vorhanden. Es ist unser Vermächtnis, unser Erbe von der gemeinsamen Mutter Erde her: Und wie kämen wir spirituell zu diesem Element unseres Wesens oder wie könnten wir die Last dieses Erbes auf uns nehmen, wenn wir nicht die Kraft von einer früheren formativen Erfahrung als Ertrag unserer eigenen Vergangenheit behielten? Das spirituelle Karmagesetz lautet, dass die Natur jedes Wesens nur das Ergebnis seiner vergangenen Energien sein kann; eine Seele vorauszusetzen, die ein vergangenes, nicht ihr gehörendes Karma annimmt und fortsetzt, bedeutet, eine Trennungslinie durch dieses Gesetz zu ziehen und einen unbekannten und unbestätigten Faktor einzuführen. Doch wenn wir dies gelten lassen, müssen wir diesen Faktor begründen, wir müssen erklären oder ausfindig machen, welches Gesetz, welche Verbindung, welche Notwendigkeit, welcher seltsame Entscheidungsimpuls einen von aller Tiernatur reinen Geist veranlasst, einen Körper und ein Wesen der Tierhaftigkeit anzunehmen, die von einer niedrigen Seinsordnung für ihn vorbereitet wurden. Wenn es keine Verwandtschaft und keine Auswirkung von einer vergangenen Identität oder Verbindung her gibt, wird diese Annahme unnatürlich und unmöglich. Daher lautet die Schlussfolgerung, die am vernunftgemäßesten und stimmigsten ist: Der Mensch besitzt die Tiernatur, weil das sich entwickelnde Selbst in ihm wie der entwickelte Körper eine vergangene subhumane Evolution hatte, und tatsächlich finden wir, wenn wir seine Psychologie eingehend betrachten, dass er vielerlei Tierseelen oder vielmehr ein Amalgam von Tiernaturen beherbergt. Diese Schlussfolgerung bewahrt die Einheit der Natur und ihre sich entwickelnde Ordnung; und sie stimmt mit der ständigen Evidenz von Wechselwirkung und Parallelismus überein, die wir zwischen dem inneren und dem äußeren, dem physischen und dem mentalen Erscheinungsbild wahrnehmen – eine Entsprechung und ein Miteinander, das manche damit zu erklären pflegen, dass sie das Mental zum Ergebnis und Niederschlag der Nerven- und Körpertätigkeit machen, das jedoch jetzt besser damit begründet werden kann, dass man in der vitalen und physischen Erscheinungsform eine Folge und einen untergeordneten Niederschlag einer Seelen-Tätigkeit sieht, die von der Erscheinung angedeutet und gleichzeitig vor unserer sinnenverhafteten Denkweise verborgen wird. Schließlich ist in dieser Schlussfolgerung die Seele beziehungsweise der Geist nicht mehr ein wunderbarer Zufall oder ein wunderbares Eingreifen in einem materiellen Universum, sondern eine ständige Gegenwart in diesem Universum und das Geheimnis seiner Ordnung und seines Bestehens.
Das Zugeständnis eines Tier-Seelen-Daseins und der vergangenen subhumanen Geburten der Seele, die langsam und vorsichtig die Geburt in das Menschsein vorbereitet, kann nicht plötzlich an dieser Linie in der natürlichen Stufenfolge haltmachen. Denn der Mensch wiederholt mit seinem Wesen in gedrängter Zusammenfassung nicht nur das Tier-Dasein unter ihm, sondern auch das dunklere subanimalische Sein. Aber wenn es schon schwer für uns ist, in unserer Verachtung für die animalische Gestalt und das animalische Mental dem Tier eine Seele zuzugestehen, ist es noch schwieriger, sie dem rohen Unterbewusstsein der subanimalischen Natur einzuräumen. Der alte Glaube machte dieses Zugeständnis mit der glücklichsten Leichtigkeit, er sah überall, im Belebten und Unbelebten, eine Seele, eine lebendige Gottheit, und für seine Auffassung war alles mit spirituellem Leben erfüllt. Der abstrakte logische Intellekt mit seiner Leidenschaft für saubere Ausschnitte fegte in der Zwischenzeit diesen weiten Glauben als einen fantasievollen Aberglauben beziehungsweise einen primitiven Animismus beiseite, und führte, beherrscht von seinen begrenzenden und aufteilenden Definitionen, eine scharfe Spaltung zwischen Mensch und Tier, Tier und Pflanze, belebtem und unbelebtem Sein herbei. Doch jetzt ist dieses System unduldsamer Spaltungen für das Auge unserer sich weitenden Vernunft in raschem Schwinden begriffen. Das menschliche Mental ist eine Entwicklung aus dem, was in der animalischen Mentalität nur ansatzweise vorhanden ist; auch in diesem niedrigeren Typus ist eine Art unterdrückter Vernunft, denn diese Bezeichnung kann wohl einer Kraft instinktiven und gewohnheitsmäßigen Schlussfolgerns gegeben werden, die aus Erfahrung, Assoziation, Gedächtnis und Nervenreaktion herrührt, und der Mensch selbst fängt mit diesen Dingen an, obschon er aus dieser Tiererbschaft heraus eine freie, sich selbst befreiende menschliche Kraft von reflektierendem Willen und Intelligenz entwickelt. Und es ist jetzt klar, dass das nervliche Leben, das die Grundlage dieser physischen Mentalität in Mensch und Tier ist, auch in der Pflanze grundsätzlich identisch vorhanden ist; und nicht nur dies, sondern es ist mit uns verwandt durch eine Art Nervenpsychologie, die das Vorhandensein eines unterdrückten Mentals bedeutet. Wir können jetzt mit gutem Grund darauf hinweisen, dass ein unterbewusstes Mental in der Pflanze – doch ist es nicht auf den Gipfeln der Pflanzenerfahrung nur noch halb unterbewusst? – im Tierkörper bewusst wird. Wenn wir tiefer hinabsteigen, finden wir Hinweise, dass in den rohesten subvitalen Materieformen die Ansätze genau derselben Lebensenergie und ihrer Reaktionen stecken.
Und dann erhebt sich die Frage, ob es nicht einen ununterbrochenen roten Faden in der Natur gibt, keine Spaltungen und Schnitte, keine unüberbrückbaren Abgründe oder unpassierbare Grenzen, sondern eine vollständige Einheit, einen Materieinstinkt mit unterdrücktem Leben, einen Lebensinstinkt mit unterdrücktem Mental, einen Mentalinstinkt mit der unterdrückten Energie einer göttlicheren Intelligenz, wobei sich aus jeder neuen Entstehungsform oder -art eine Stufe in der Abfolge niedergehaltener Kräfte herausentwickelt, und auch hier wäre die Evolution nicht am Ende, sondern diese umfassende, prall gefüllte Intelligenz wäre das Mittel, um eine größere und jetzt unterdrückte Selbst-Macht des Geistes zu befreien. So begegnet unserem Auge in der Welt eine spirituelle Evolution, die eine innere Kraft über eine Stufenleiter von Entstehungsformen durch die Entfaltung ihrer eigenen verborgenen Mächte zur Größe ihrer vollen und höchsten Wirklichkeit emporhebt. Das Wort des alten Veda gilt immer noch – aus dem All-Ozean der Nichtbewusstheit, apraketam salilam sarvam idam, wird dieses eine spirituelle Existierende durch die Größe seiner eigenen Energie geboren, tapasas tan mahina ajayata ekam. Wo erscheint das, was wir Seele nennen, in dieser Evolution zum ersten Mal? War es nicht da, so muss man fragen, muss es nicht dagewesen sein von Anfang an, wenn auch sozusagen schlummernd oder schlafwandelnd in der Materie? Wenn der Mensch nur ein höheres Tier mit einem größeren Radius an physischem Mental wäre, wäre es denkbar, dass wir sagen, es gab weder Seele noch Geist, sondern nur drei aufeinanderfolgende Mächte der Energie in einer Reihe von Materieformen. Doch im Zenit dieser menschlichen Intelligenz erscheint eine größere Macht des Geistes; wir erheben uns zu einem Bewusstsein, das nicht durch seine physischen Mittel und Formeln begrenzt ist. Dieses Höchste ist nicht, wie es zunächst scheinen könnte, eine substanzlose Sublimierung des Mentals und das Mental eine subtile Sublimierung lebendiger Materie. Es erweist sich, dass diese Größe eben die aus sich selbst existierende Substanz und Kraft unseres Seins ist; alles andere erscheint im Vergleich dazu nur ihre unbedeutendere Form, die sie für eine fortschreitende Enthüllung benutzt; der Geist erweist sich am Ende als das Erste und nicht nur als das Letzte, sowohl als Alpha wie als Omega und als das ganze Geheimnis des Daseins von Anfang an. Wir kommen zu einer unauslotbaren Vorstellung aller dieser Dinge, sarvam idam, worin wir sehen, dass es ein dunkles allgegenwärtiges Leben in der Materie gibt, ein durch dieses Leben in Tätigkeit versetztes geheimes, schlummerndes Mental, im Schutze dieses schlummernden Mentals einen darin enthaltenen allwissenden, alles erzeugenden Geist. Dann aber darf man sich die Seele nicht als etwas Wachsendes oder Entstehendes vorstellen, von dem wir das Ankunftsdatum oder eine Entwicklungsstufe festlegen können, die zu einer ersten Gestaltungsfähigkeit führt, vielmehr ist hier alles ein Gestalt-Annehmen durch eine geheime Seele, die im Sich-selbst-Suchen des Lebens für die wachsende Selbstgewissheit immer offenbarer wird. Alles Gestalt-Annehmen ist ein beständiges und doch fortschreitendes Entstehen oder Werden der Seele, sambhava, sambhuti –, das ist auch das dumpfe, blinde und rohe Dasein und nicht nur das verfeinerte und mental bewusste menschliche oder animalische Dasein. Dieses ganze unendliche Werden ist eine Geburt des Geistes in die Form. Das ist die Wahrheit, für den Verstand zunächst dunkel oder verschwommen, doch sehr licht für ein inneres Erleben, von dem der alte indische Gedanke der Wiedergeburt ausging.
Auf den ersten Blick scheint jedoch die wiederholte Geburt desselben Individuums in dieser überwältigenden universalen Einheit nicht unbedingt notwendig zu sein. Für den logischen Intellekt könnte es wie ein Widerspruch erscheinen, da alles hier das eine Selbst, der Geist, die in die Natur hineingeborene Existenz ist, die eine Fülle von Formen annimmt und über viele Abstufungen ihrer Phasen der Selbstenthüllung emporsteigt. Dieses summarische Entzweischneiden der Existenz in das Ich und das Nicht-Ich, das unseren egoistischen Begriff von den Dingen und Verhältnissen so bequem machte und eine für das Handeln so machtvolle Denkweise war, könnte ein bloßer praktischer oder mechanischer Einfall des einen Geistes sein, um die Sondererscheinung seiner Geburt und die bewusste Abweichung vom gemeinsamen Vorgehen abzustützen, ein Zaubertrick der universalen Intelligenz; es ist nur eine offenbare Tatsache des Seins; nicht dessen Wahrheit – es gibt keine Abtrennung, nur eine allumfassende Einheit, einen einzigen Geist. Aber ist das nicht möglicherweise wieder ein Ausschlagen in das andere Extrem? Wie das Ego eine übermäßige Spaltung in der Einheit des Seins war, so kann diese Vorstellung eines Ozeans der Einheit, in dem unser Leben nur eine unbeständige augenblickliche Welle wäre, etwas für die Welten-Ordnung Unentbehrliches gewaltsam herausschneiden. Individualität ist für die Art und Weise des Geistes der Existenz etwas so Wichtiges wie Universalität. Das Individuum ist jenes mächtige Geheimnis von dessen Sein, auf welches das Universale Gewicht legt und sich stützt und aus dem es den Knoten der Macht für sein ganzes Wirken bildet: Wie das Individuum an Bewusstsein, Weitsicht, Wissen und an der ganzen göttlichen Macht und Qualität wächst, so nimmt es auch immer mehr das Universale in sich selbst, aber auch sich selbst im Universalen wahr, gewahrt seine eigene Vergangenheit, die in dem vergänglichen Körper weder begann noch endete, sondern sich künftigen Zielen öffnet. Wenn es der Zweck des Universalen in unserer Geburt ist, sich seiner selbst bewusst zu werden und sein Sein zu besitzen und zu genießen, wird dies doch durch das Blühen und Sichvollenden des Individuums geleistet; wenn der Endzweck die Flucht aus seinem eigenen Tun wäre, wäre es doch das Individuum, das entkäme, während das Universale sich damit zufriedengäbe, seine mannigfaltigen Geburten in alle Ewigkeit fortsetzen zu können. Daher würde das Individuum als wahre Macht des Geistes erscheinen und nicht als bloße Illusion oder ein bloßer Einfall, außer insofern, als das Universale ebenfalls, wie manche sagen würden, eine ungeheure Illusion oder ein großartiger, aufgezwungener Einfall sein könnte. Auf dieser Linie kommen wir zu der Vorstellung einer großen spirituellen Existenz, in der das Universale und das Individuelle Zwillingskräfte sind, zwei Pole ihrer Manifestation, unbegrenzte Peripherie und vielfaches Zentrum der in Tätigkeit versetzten Wirklichkeiten ihres Seins.
Dies ist eine Art, die Dinge zu sehen, in ihrer Kompliziertheit ist sie zumindest harmonisch, sie ist geschmeidig und lässt sich zu einem gewissen allumfassenden Horizont erweitern, und sie kann uns als Grundlage für unsere Gedanken zur Wiedergeburt dienen – eine aufsteigende Einheit, ein im materiellen Dasein eingeschlossener Geist, der durch das Leben hindurch zum organisierten Mental viele Stufenfolgen herrlich erklimmt und über das Mental hinausgeht zur Evolution seiner eigenen vollen Selbstgewissheit, wobei das Individuum diesem Stufengang und der Kraft zu seiner Selbstkrönung folgt. Wenn das menschliche Mental das letzte Wort seiner Möglichkeit auf Erden ist, dann muss die Wiedergeburt im Menschen enden und jäh aufhörend entweder zu einem Dasein auf anderen Ebenen übergehen oder sich zur Auflösung ihres spirituellen Kreislaufs anschicken. Wenn es aber höhere Mächte des Geistes gibt, die durch Geburt erreichbar sind, dann ist der Aufstieg nicht beendet, ein höheres Annehmen von Körpern kann vor der Seele liegen, die jetzt zur Vollendung der hohen Menschheitsstufe gelangte und emporgehoben wird. Es ist sogar möglich, dass diese aufsteigende Wiedergeburt nicht der lange Raketenschuss eines bewussten Wesens aus der Materie heraus nach oben ist oder ihr wirbelndes Kreisen im Mental, dazu bestimmt, in der hohen Luft eines ruhigen Nichts oder einer schweigenden, zeitlosen Unendlichkeit nachzulassen und sich aufzulösen, sondern ein Fortschritt zu großer Tat und hoher Entfaltung des Göttlichen Wesens, das seiner unbeirrbaren Absicht in einer ewigen Schöpfung eine weise, glorreiche Bedeutung gibt. Oder dies kann zumindest eine Macht des unendlichen Wirkungsvermögens des Ewigen sein.
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Kapitel 7
Involution und Evolution
Worte Sri Aurobindos
Der westliche Evolutionsgedanke ist die Aussage über einen Gestaltungsprozess, keine Erklärung unseres Seins. Auf die physikalischen und biologischen Daten der Natur beschränkt, macht er nicht, beziehungsweise nur summarisch oder oberflächlich den Versuch, seinen eigenen Sinn zu entdecken, sondern er begnügt sich damit, sich als das allgemeine Gesetz einer ganz geheimnisvollen und unerklärlichen Energie darzustellen. Die Evolution wird zu einem in Bewegung befindlichen Problem, das sich damit zufrieden gibt, mit automatischer Regelmäßigkeit sein eigenes Puzzle zu bearbeiten, es jedoch nicht zu lösen, denn da die Evolution nur ein Prozess ist, versteht sie sich selbst nicht, und da sie ein blinder, immerwährender Automatismus mechanischer Energie ist, hat sie weder Ursprung noch Ergebnis. Sie hat vielleicht einmal begonnen oder sie beginnt immer; vielleicht wird sie mit der Zeit anhalten beziehungsweise sie macht immer irgendwo Halt und kehrt zu ihrem Anfang zurück, aber es gibt kein Wozu, nur großes Getöse und viel Wirbel um das Wie ihres Anfangens und Aufhörens; denn ihre Tätigkeiten entspringen keiner spirituellen Absicht, sondern nur der Kraft rastloser materieller Notwendigkeit. Der alte Evolutionsgedanke war die Frucht philosophischer Intuition, der moderne ist ein Produkt wissenschaftlicher Beobachtung. Beiden fehlt etwas, wie wir gesehen haben, doch der alte erfasste den Geist der Entwicklung, wo der moderne sich mit der Form und dem äußerlichsten Mechanismus begnügt. Der Sankhya-Denker gab uns die psychologischen Elemente des gesamten Evolutionsprozesses an die Hand, analysierte Mental und Sinne und die subtile Grundlage der Materie und erriet einige Geheimnisse der ausführenden Energie, hatte aber kein Auge für die Einzelheiten der physischen Arbeit der Natur. Auch sah er in ihr nicht nur die einhüllende augenfällige aktive Kraft, sondern die tragende, verborgene spirituelle Wesenheit, obwohl er infolge seines übermäßig analytischen Intellekts und besessen von dessen Liebe zu scharfen Spaltungen und symmetrischen Gegensätzen das Zusammensein von Seele und Kraft durch einen ursprünglichen und ewigen Abgrund beziehungsweise eine Trennungslinie voneinander schied. Der moderne Wissenschaftler strebt danach, aus der naturwissenschaftlichen Methode, deren sorgfältiges Funktionieren er ermittelt hat, ein vollständiges System und eine komplette Institution zu machen, er ist jedoch blind für das Wunder, das in jedem Schritt steckt, oder er nimmt es hin, dass das Gefühl dafür in der befriedigten Beobachtung eines weitgeordneten Phänomens verlorengeht. Doch immer bleibt das Wunder der Dinge, das mit dem unerklärlichen Wunder alles Daseins eins ist – wie es auch in den alten Schriften heißt:
ascaryavat pasyati kascid enam,
ascaryavad vadati tathaiva canyah;
ascaryavac cainam anyah srnoti,
srutvapyenam veda na caiva kascit.
„Man schaut es an und sieht ein Wunder,
ein anderer erzählt, es sei ein Wunder,
ein anderer hört, es sei ein Wunder,
doch was es ist, bei all dem Hören, niemand weiß es.“
Wir wissen, dass es eine Evolution gibt, aber was Evolution ist, wissen wir nicht; dies bleibt immer noch eines der Urgeheimnisse der Natur.
Denn die Evolution wirft mehr Fragen auf als sie beantwortet, wie es bei den Darstellungen und Lösungen üblich ist, die die menschliche Vernunft von der tiefen und unauslotbaren Weise des Geistes in den Dingen bietet; das Problem der Schöpfung wird nicht beseitigt, auch wenn sie den Anschein einer soliden, ordentlichen Tatsache erweckt, genauso wenig, wie die religiöse Behauptung eines sich außerhalb befindlichen allmächtigen Schöpfers dazu imstande war oder die mystische Maya des Illusionisten, aghatana-ghatana-patiyasi, (sehr geschickt, das Unmögliche zustande zu bringen), eine seltsame, existierend nichtexistente Macht mit einer Idee in Dem, das jenseits und ohne Ideen ist, selbst-ermächtigt, eine existierend nicht-existente Welt zu erschaffen, existierend, weil sie ganz offenkundig besteht, nicht-existent, weil sie von zusammengestoppelter Beschaffenheit einer traumhaft-unwirklichen Vergänglichkeit ist. Das Problem hat nur eine Ausdehnung erfahren, es wurde weiter zurückverlagert und nahm eine subtilere, geordnetere, durch ihre Weitschichtigkeit nur um so schwierigere äußere Gestalt an. Aber auch wenn sich unsere Befragung lediglich auf das einzige Ergebnis der Evolution beschränkt, erhebt sich doch die Schwierigkeit, welche Bedeutung den beobachteten nackten äußeren Tatsachen eigentlich zukommt, was mit Evolution gemeint ist, was sich „evolviert“, und woraus und mit welcher Kraft der Notwendigkeit. Der Wissenschaftler begnügt sich mit der Behauptung einer Ur-Materie oder Ur-Substanz atomarer, elektrischer oder ätherischer Art oder wie auch immer sie sich schließlich zeigen mag; diese produziert gerade durch die Natur ihrer eigenen, ihr innewohnenden Energie oder einer in ihr wirkenden und auf sie einwirkenden Energie – diese beiden Energien sind nicht dasselbe, und die Unterscheidung, obschon sie am Anfang des Prozesses belanglos zu sein scheint, hat letztlich eine erhebliche Auswirkung –, sie produziert also dank einem unerklärbaren Gesetz, einem ständigen System von Ergebnissen oder einem anderen unveränderlichen Prinzip eine Anzahl verschiedener Grundformen und Kräfte der Materie oder verschiedene spürbare und wirksame Strömungen der Energie: Diese entstehen, so scheint es, wenn die winzigen Urpartikel der Materie in mannigfaltig angeordneten Quantitäten, Verhältnissen und Kombinationen zusammentreffen und alles Übrige eine wechselnde, sich entwickelnde Aufstiegsbewegung organisierter Energie und ihrer evolutionären Auswirkungen, parinama, ist, die auf diese rohe, konstituierende Grundlage angewiesen sind. Dies alles ist oder wäre eine korrekte Aussage über Erscheinungstatsachen – doch dürfen wir nicht vergessen, dass die grundlegende Wissenschaftstheorie neuerdings durch eine umstürzende, rasche Neuordnung erheblich erschüttert wurde –, aber sie bringt uns keinen Schritt weiter voran zu der allerwichtigsten Hauptsache, die wir wissen wollen. Die Art, wie der Mensch die Welt sieht und erfährt, zwingt seiner Vernunft die Notwendigkeit einer einzigen ewigen Ursubstanz auf, deren Formen alle Dinge sind, und einer einzigen ewigen Urenergie, deren Variation der ganze Strom vom Handeln und seinen Folgen ist. Aber im ganzen ist die Frage die, was die Wirklichkeit dieser Substanz und die Wesensnatur dieser Energie ist.
Sodann fragt es sich, auch wenn wir annehmen, dass der am wenigsten erklärbare Teil des Wirkens eine evolutionäre Entwicklung des Immateriellen aus der Materie ist, ob diese Entwicklung dennoch eine Schöpfung oder eine Befreiung, eine Geburt von etwas zuvor nicht Existierendem oder ein langsames Ans-Licht-Bringen von etwas schon als unterdrückte Tatsache oder als ewige Möglichkeitsform Existierendem ist? Und das Interesse an der Frage wird akut, ihre Wichtigkeit nicht abzuschätzen, wenn wir zu dem noch unerklärten Phänomen von Leben und Mental kommen. Ist das Leben eine Schöpfung aus unbelebter Substanz oder die Erscheinung einer neuen, einer plötzlich oder langsam aus der rohen materiellen Energie heraus entstehenden Kraft, und ist das bewusste Mental eine Schöpfung aus dem nichtbewussten oder unterbewussten Leben oder erscheinen diese Kräfte und Gottheiten, weil sie immer da waren, obschon in einem verschleierten und von uns unerkennbaren Zustand ihrer verborgenen oder unterdrückten Idee und Tätigkeit, ihres Namens und Numens? Und wie steht es mit der Seele und mit dem Menschen? Ist die Seele ein neues Ergebnis oder eine neue Schöpfung unseres mentalisierten Lebens – auch so betrachten sie viele, denn als eine sich ihrer selbst bewusste, helle, unterscheidbare Kraft erscheint sie erst deutlich, wenn das denkende Leben einen hohen Intensitätsgrad erreicht hat – oder ist sie nicht eine dauernde Wesenheit, das ursprüngliche Mysterium, das jetzt seine verborgene Form enthüllt, die ewige Begleiterin der Energie, die wir Natur nennen, ihre geheime Bewohnerin oder ihr eigentlicher Geist und ihre wahre Wirklichkeit? Und ist der Mensch eine biologische Schöpfung einer rohen Energie, der es irgendwie, ganz unerwartet und unerklärlich, gelang, mit dem Fühlen und Denken anzufangen, oder ist er in seinem wahren Selbst jenes innere Wesen und jene innere Macht, die der ganze Sinn der Evolution und die Herrin der Natur ist? Ist die Natur nur die Kraft des Selbstausdrucks, der Selbst-Formation, der Selbst-Erschaffung eines geheimen Geistes, und der Mensch, so eingeengt er in seiner gegenwärtigen Fähigkeit auch immer sein mag, das erste Lebewesen in der Natur, in dem diese Kraft anfängt, bewusst selbsterschaffend ganz vorn in der Tätigkeit zu stehen, in dieser äußeren Kammer des physischen Wesens, um dort ans Werk zu gehen und durch eine immer mehr ihrer selbst bewusste Evolution deren ganzen menschlichen Sinngehalt beziehungsweise deren göttliche Möglichkeit, soweit er es vermag, ans Licht zu bringen? Das ist die klare Schlussfolgerung, zu der wir letztlich kommen müssen, wenn wir erst einmal eine spirituelle Evolution als den Schlüssel zu der ganzen Entwicklungsbewegung, als die Wirklichkeit dieser ganzen aufsteigenden Schöpfung gelten lassen.
In dem Wort Evolution im eigentlichen Sinn steckt als ursprünglicher Grundgedanke die Notwendigkeit einer vorausgegangenen Involution. Wenn ein verborgenes spirituelles Sein das Geheimnis aller Tätigkeiten der Natur ist, müssen wir diesen latenten Wert des Gedankens voll zur Wirkung kommen lassen. Wir müssen daher zwangsläufig annehmen, dass alles, was sich herausentwickelt, schon „eingewickelt“ vorhanden war, passiv oder anders aktiv, in jedem Fall jedoch vor uns verborgen in der Schale der materiellen Natur. Der Geist, der sich hier in einem Körper manifestiert, muss von Anfang an im Ganzen der Materie und in jedem Knoten, jeder Bildung und in jedem Partikel der Materie involviert sein; Leben, Mental und was immer über dem Mental ist, das müssen latente, inaktive oder verhüllt aktive Kräfte in allen materiellen Energieprozessen sein. Die einzige Alternative wäre, die beiden Seiten unseres Wesens durch die scharfe Sankhya-Spaltung auseinanderzutreiben; dies wäre jedoch eine zu starke Trennung von Geist und Natur. Die Natur wäre träge und mechanisch, aber sie würde sich an ihr Werk machen, in Tätigkeit versetzt durch einen auf sie ausgeübten Druck des Geistes. Geist wäre Sein, bewusst und in seiner eigenen Essenz frei von der Naturtätigkeit, würde aber in der Erscheinungsform sein Bewusstsein tatsächlich oder scheinbar verändern als Antwort auf eine Reaktion der Natur. Das eine würde die Bewegungen der aktiven Macht reflektieren, das andere würde ihre Tätigkeiten mit dem Bewusstsein des seines selbst bewussten unsterblichen Seins erleuchten. In diesem Fall hätte die evolutionäre wissenschaftliche Auffassung eine Berechtigung, nach der die Natur ein weitläufiger Energiemechanismus ist und Leben, Mental und natürliche Seelentätigkeit ihre Stufenleiter von Entwicklungsprozessen. Unser Bewusstsein wäre dann nur eine lichtvolle Übersetzung der selbstgetriebenen, rastlosen mechanischen Tätigkeit in für die Erfahrung zugängliche Zeichen des zustimmenden spirituellen Zeugen. Aber die lähmende Schwierigkeit bei dieser Vorstellung ist der ganz entgegengesetzte Charakter unserer eigenen höchsten Erkenntnis; denn schließlich, und da die Energie der universalen Kraft die Steigungen ihrer eigenen Möglichkeiten überwindet, wird die Natur immer offenkundiger eine Macht des Geistes und ihr ganzer Mechanismus nur zu Formen seiner erfinderischen Meisterschaft. Die Kraft der Flamme kann von der Flamme nicht getrennt werden; wo die Flamme ist, ist die Kraft, und wo die Kraft ist, ist das feurige Prinzip. Wir müssen zur Vorstellung eines Geistes zurückkehren, der im Universum gegenwärtig ist, und wenn der Prozess seiner Werke der Macht und seiner Erscheinungsformen in Evolutionsstufen verläuft, drängt sich die Notwendigkeit einer vorangegangenen Involution auf.
Dieser Geist in allem ist nicht von Anfang an sichtbar, sondern verrät sich im zunehmenden Licht der Manifestation. Wir sehen, wie die komprimierten Mächte der Natur, befreit von ihrer ursprünglichen Involution, in leidenschaftlichem Schaffen allmählich die Geheimnisse ihrer unendlichen Fähigkeit offenbaren und anfangen, einen Druck auf sich selbst und auf das tragende untere Prinzip auszuüben, um dessen niedrigere Strömung, von der sie gezwungenermaßen abhängen, einem höheren, ihrer Eigenart gemäßen Wirken zu unterwerfen und in der Größe ihrer sich selbst offenbarenden Ausarbeitungen ihre eigene Größe zu fühlen. Das Leben bemächtigt sich der Materie und haucht ihr die zahllosen Formen seiner überreichen Schöpferkraft ein: seine subtilen, wechselnden Muster, seine Geburts-, Todes- und Wachstumsbegeisterung, sein Ergriffensein von der Handlung und ihrem Echo, seinen Willen zu einer immer komplexeren Ordnung des Erlebens, seine bebende, heraustastende Suche nach der Bewusstwerdung seiner Freude, seines Schmerzes, seines verstehenden Tatensturms; das Mental ergreift das Leben, um es zu einem Instrument für die Wunder des Willens und der Intelligenz zu machen, die Seele besitzt das Mental und hebt es durch die Anziehungskraft des Schönen und Guten, der Weisheit und Größe in die Freude eines noch nicht ganz hervorgetretenen idealen höchsten Daseins; und in dieser ganzen wunderbaren Bewegung und diesen emporklimmenden Größen setzt jeder Schritt seinen Fuß auf eine höhere Sprosse und eröffnet einen klareren, weiteren und volleren Horizont und Ausblick auf den stets geheimen und stets sich selbst manifestierenden Geist in allem. Das auf die physische Evolution gerichtete Auge hat nur den Anblick einer mechanischen Größe und Subtilität der Schöpfung; die Evolution des sich dem Mental öffnenden Lebens, die Evolution des Mentals, das sich der Seele seines eigenen Lichtes und Wirkens öffnet, die Evolution der Seele aus den begrenzten Mächten des Mentals heraus in den strahlenden Glanz der Unendlichkeiten des spirituellen Seins, das sind die bedeutsameren Dinge, sie erschließen uns größere und subtilere Bereiche des sich selbst enthüllenden Geheimnisses. Die physische Evolution ist nur ein äußeres Zeichen, sie ist die immer komplexer und subtiler werdende Entwicklung einer tragenden Struktur, die wachsende äußere metrische Gestalt, dazu ersonnen, die aufsteigenden Intonationen der spirituellen Harmonie zu stützen. Die spirituelle Bedeutung trifft uns in dem Maße, wie die Töne anschwellen; doch erst, wenn wir ganz oben auf der Leiter angelangt sind, sind wir dem vollen Sinn dessen gewachsen, wozu alle diese ersten formalen Metren als äußere Konturen, als Grundriss oder Rohentwurf gemacht wurden. Das Leben selbst ist nur ein buntes Medium, die physische Geburt eine praktische Einrichtung für die immer größer werdenden Geburten des Geistes.
Der spirituelle Evolutionsprozess ist also in gewissem Sinne eine Schöpfung, aber eine Selbst-Erschaffung, nicht ein Erschaffen von etwas, das noch nie da war, sondern ein Ans-Licht-Bringen von etwas, das im Sein enthalten war. Das Sanskrit-Wort für Schöpfung bedeutet ein Herauslösen, Herauslassen in das Wirken der Natur. Die Upanishad verwendet in einer eindrucksvollen Metapher das Bild der Spinne, die ihr Netz aus sich selbst hervorbringt und das Gebilde erschafft, in dem sie ihren Posten bezieht. Dieses Bild wird in der alten Schrift nicht auf die Evolution der Dinge aus der Materie angewendet, sondern auf das uranfängliche Ans-Licht-Bringen des zeitlichen Werdens aus der ewigen Unendlichkeit; die Materie selbst und das materielle Universum sind letztlich ein solches Netz oder gar nur ein Teil davon, aus dem spirituellen Sein des Unendlichen ans Licht gebracht. Dieselbe Wahrheit, dasselbe Gesetz gilt für alles, was wir vom Auftauchen der Dinge aus der Involution in der materiellen Energie sehen. Wir könnten hier beinahe von einer doppelten Evolution sprechen. Eine dem Unendlichen innewohnende Kraft fördert aus ihm ewig ihre Struktur des Wirkens in einem Universum zutage, dessen unterste Stufe auf einer Involution aller Mächte des Geistes ruht, die ihrerseits nichtbewusst in die selbstvergessene Leidenschaft des Formens und Bauens jener Kraft absorbiert sind. Daraus folgt der Aufstieg und die fortschreitende Befreiung von einer Kraft nach der anderen, bis der selbstenthüllte und durch Wissen und Meisterschaft seiner Werke befreite Geist wieder die ewige Fülle seines Seins in Besitz nimmt, worin er dann die vielfältigen Herrlichkeiten seiner Natur vereint, umfasst und hält. Auf jeden Fall erscheint der spirituelle Prozess, von dem unsere menschliche Geburt ein Schritt und unser Leben ein Teil ist, als das Ans-Licht-Bringen einer Größe,asya mahimanam, die geheim, innewohnend und in sich selbst gefangen, versunken in Form und Wirken der Dinge ist. Unser universales Handeln bildet eine Evolution ab, das Entrollen einer mannigfaltigen Macht, die in der rohen Kompliziertheit der Materie versammelt und eingerollt liegt. Der nach oben führende Fortschritt aufeinanderfolgender Geburten ist ein Aufstieg ins Erwachen und ein immer größer werdendes Licht eines Bewusstseins, das in die erste hermetische Schlafkammer der ewigen Energie eingeschlossen ist.
Eine Parallele dazu haben wir in der yogischen Erfahrung der Kundalini, der ewigen Kraft, die zusammengerollt am Grund des Körpers ganz zuunterst liegt, im Gefäß oder der Kammer, muladhara, Sockel, Erdzentrum des physischen Nervensystems. Dort schlummert sie, eingerollt wie eine Python, vollgefüllt mit allem, was sie in ihrem Wesen angehäuft hält, doch wenn sie vom frei dahineilenden Atem, vom Strom des Lebens getroffen wird, der nach ihr auf die Suche geht, erwacht sie und steigt flammend die Sprossen des Rückgrats empor und sprengt ein Zentrum nach dem anderen der involvierten dynamischen Geheimnisse des Bewusstseins, bis sie zuoberst den Geist findet, sich ihm anschließt und eins mit ihm wird. So geht sie von einer Involution in Nichtbewusstheit durch eine Reihe aufgehender Herrlichkeiten ihrer Kräfte in das größte ewige Überbewusstsein des Geistes ein. Einer ebensolchen Bahn folgt diese geheimnisvolle, sich entwickelnde Natur in der Welt um uns. Nichtbewusstes Sein ist nicht so sehr ein Mutterboden als eine Kammer materialisierter Energie, in welcher alle Kräfte des Geistes konzentriert sind; sie sind da, aber sie arbeiten unter den Bedingungen der materiellen Energie, involviert, wie wir sagen, und daher augenscheinlich nicht als sie selbst, denn sie sind in eine Wirkensweise übergegangen, die unterhalb ihrer eigenen normalen Stufe liegt, wo die charakteristischen Merkmale, an denen wir sie erkennen und zu kennen glauben, von einer geringeren, unentdeckten Wirkenskraft unterdrückt werden. In dem Maße, wie die Natur die Stufenleiter emporsteigt, befreit sie sie in ihre erkennbaren Energiestufen und erschließt die Funktionen, durch die sie sich und ihre Größe fühlen können. An der höchsten Spitze erhebt die Natur sich in das Selbstwissen des Geistes, der ihre Tätigkeit beseelte, dessen wahre Größe aber wegen seiner Involution oder Verhüllung in den Formen ihres Wirkens nicht erkannt werden konnte. Geist und Natur werden in der Entdeckung des Geheimnisses der Naturenergien am oberen Ende der spirituellen Evolution eins durch eine Seele in der Natur, die in der Befreiung der Wahrheit zur Bedeutung ihres eigenen Wesens erwacht: Die Seele erkennt, dass ihre Geburten die Geburten, das Form-Annehmen eines ewigen Geistes waren, um sich als sich selbst zu erkennen und nicht als ein Geschöpf der Natur, und sie erhebt sich zum Besitz der enthüllten, vollen und höchsten Kraft ihrer eigenen wirklichen und spirituellen Natur. Diese Befreiung kommt zu uns als Krönung einer spirituellen Evolution, weil Befreiung Sich-Selbst-Besitzen ist.
Wir müssen die ganze dichte Bedeutung dieser Involution berücksichtigen. Der in die materielle Energie involvierte Geist ist mit allen seinen Kräften da; Leben, Mental und eine größere supramentale Macht sind in der Materie involviert. Doch was meinen wir, wenn wir sagen, dass sie involviert sind? Meinen wir, dass alle diese Dinge ganz verschieden sind, voneinander abgeschnitten durch essentielle Abtrennung, doch durch Wechselwirkung zusammen aufgewickelt, oder meinen wir, dass es nur ein einziges Sein gibt mit seiner einen Energie, mit wechselnden Schatten des Lichts seiner Kraft, differenziert im Spektrum der Natur? Wenn wir sagen, Leben sei in die Materie oder in materieller Kraft involviert – denn die Materie scheint im Grunde nur eine wechselnde, selbstersonnene Gestaltung dieser Kraft zu sein-, meinen wir denn damit nicht, dass dieses ganze universale Wirken, auch in dem, was uns als seine nichtbewusste, unbeseelte Tätigkeit erscheint, eine Lebensmacht des mit Gestaltung befassten Geistes ist und wir ihn nicht erkennen, weil er auf einer niedrigeren Stufe ist, wo die charakteristischen Merkmale, an denen wir das Leben erkennen, nicht klar zutage liegen oder in der Dumpfheit der materiellen Hülle nur gering entwickelt sind? Die materielle Energie wäre dann Leben, das in die Dichte der Materie hineingepackt wäre und in ihr sich heraustastete um seiner eigenen stärker erkennbaren Kraft willen, die es in sich selbst innerhalb der materiellen Verhüllung findet und zur Tätigkeit befreit. Das Leben seinerseits wäre eine Energie eines geheimen Mentals, eines Mentals, das in seinen eigenen Formen gefangen ist und in den nervösen Suchbewegungen des Lebens nach seiner stärker erkennbaren Macht des Bewusstseins bebt, die es in der vitalen und materiellen Unterdrückung entdeckt und zur Sensibilität befreit. Zweifellos wirken diese Kräfte praktisch als verschiedene Energien, doch ihrem Wesen nach wären sie eine einzige Energie, und ihre Wechselwirkung stellte die Macht des Geistes dar, der durch seine höheren auf seine niedrigeren Kräfte einwirkt, zunächst von ihnen abhängend, dann jedoch in einer Wendung auf der Stufenleiter seines Aufstiegs sie überragend und beherrschend. Auch das Mental könnte möglicherweise nur eine niedrigere Stufe und Formulierung sein, die von einem viel größeren oder supramentalen Bewusstsein abgeleitet ist, und dieses Bewusstsein mit seinem größeren Licht und Willen wäre ebenfalls eine charakteristische Ursprungsmacht des spirituellen Seins, die Macht, die in allem, im Mental, im Leben, in der Materie, in Pflanze, Metall und Atom durch ihr unumgängliches Wirken insgeheim ständig die Idee und Harmonie des Universums verbürgt. Und was ist der Geist selbst anderes als unendliches Dasein, ewiges, unsterbliches, doch immer bewusstes, sich selbst wahrnehmendes Sein – und darin liegt der Unterschied zwischen dem mechanischen Monismus des Materialisten und der spirituellen Theorie des Universums –, das sich hier in einer für unsere Begriffe endlichen Welt ausdrückt, von dem jedoch jede Bewegung Zeugnis für das Unendliche ablegt? Und diese Welt ist, weil der Geist die Wonne seines eigenen unendlichen Daseins und die Wonne seiner eigenen unendlichen Selbst-Variation hat; Geburt ist, weil alles Bewusstsein Macht von seinem eigenen Sein mitführt und alle Seinsmacht selbsterschaffend ist und die Freude ihrer Selbst-Erschaffung haben muss. Denn Erschaffung, Schöpfung bedeutet nichts anderes als Selbstausdruck; und die Geburt der Seele im Körper ist lediglich eine Art und Weise ihres eigenen Selbstausdrucks. Daher sind alle Dinge hier Ausdruck, Form, Energie, Tätigkeit des Geistes; die Materie ihrerseits ist nur Form des Geistes, das Leben nur Seinsmacht des Geistes, das Mental nur die Ausarbeitung von Bewusstsein des Geistes. Die ganze Natur ist eine Entfaltung und ein Spiel Gottes, Macht, Tätigkeit und Selbst-Erschaffung des einen spirituellen Seins. Die Natur bietet dem Geist zugleich die Kraft, das Instrument, das Medium, das Hindernis und das Ergebnis seiner Kräfte, und dies alles, die Hindernisse wie das Instrument, sind die notwendigen Elemente für eine allmählich fortschreitende und sich entwickelnde Schöpfung.
Doch wenn der Geist seine ewige Größe in das materielle Universum involviert hat und dort seine Kräfte mittels eines geheimen Selbstwissens „herausentwickelt“, sie in einer grandiosen Aufeinanderfolge unter den selbstauferlegten Schwierigkeiten einer materiellen Seinsform offenbart, sie von einer ersten verhüllenden, in sich versunkenen Nichtbewusstheit der Natur entbindet, fällt es nicht schwer, zu glauben oder zu erkennen, dass diese in die Menschheit hineingebildete Seele ein Sein von diesem Sein ist, dass auch dieses aus der materiellen Involution heraus durch wachsenden Selbstausdruck in einer Reihe von Geburten aufgestiegen ist, von welchen jede Stufe eine neue Kammlinie darstellt, die die Aussicht auf höhere Kräfte des Geistes eröffnet, und dass dieses Sein noch weiter hinaufsteigt und durch die gegenwärtigen Wände seiner Geburt nicht für immer beschränkt ist, sondern in eine göttliche Menschheit hineingeboren wird, wenn wir es wollen. Unser Menschsein ist der bewusste Treffpunkt des Endlichen und des Unendlichen, und es ist unser Privileg, auch in dieser physischen Geburt immer mehr diesem Unendlichen entgegenzuwachsen. Dieses Unendliche, dieser Geist, der in uns wohnt, aber nicht durch Mental oder Körper gebunden oder eingeschlossen wird, ist unser eigenes Selbst, und unser Selbst zu finden und zu sein, war, wie die alten Weisen wussten, stets das Ziel unseres menschlichen Strebens, denn es ist das Ziel der ganzen unendlichen Tätigkeit der Natur. Doch die Natur dehnt sich durch stufenweise Selbstfindung zu ihrer spirituellen Wirklichkeit aus. Der Mensch selbst ist ein doppelt involviertes Wesen; das meiste von ihm im Mental und darunter ist in ein unterschwelliges Bewusstsein oder Unterbewusstsein involviert; das meiste von ihm über dem Mental ist in ein spirituelles Überbewusstsein involviert. Wenn er im Überbewusstsein bewusst wird, werden die Höhen und Tiefen seines Wesens durch ein Wissenslicht beleuchtet, das anders ist, als es die flackernde Lampe der Vernunft jetzt in einige Ecken werfen kann; denn dann wird der Sieger dieses ganze wunderbare Feld seines Seins erleuchten, wie die Sonne das ganze Planetensystem beleuchtet, das sie aus ihren eigenen Herrlichkeiten hervorgebracht hat. Dann erst kann der Mensch die Wirklichkeit seines eigenen Mentals, Lebens und Körpers erkennen. Das Mental wird in ein größeres Bewusstsein verwandelt werden, das Leben wird eine direkte Macht und ein direktes Handeln der Gottheit sein, und gerade auch der Körper wird nicht mehr dieser erste grobe atmende Lehmklumpen sein, sondern regelrecht ein Bild und Körper spirituellen Seins. Zu dieser Verklärung auf dem Gipfel des Berges, zur göttlichen Geburt, divya janma, sind alle diese Geburten eine lange Reihe mühseliger Schritte. Eine Involution des Geistes in der Materie ist der Beginn, aber das spirituelle Annehmen einer göttlichen Geburt ist die Fülle der Evolution.
Ost und West haben entgegengesetzte Lebensanschauungen, die zwei Seiten einer Wirklichkeit sind. Auf der einen Seite die pragmatische Wahrheit, die das vitale Denken des modernen Europa so stark und ausschließlich betont, weil es in die Lebenskraft, in den ganzen Tanz Gottes in der Natur verliebt ist; auf der anderen Seite die ewige, unwandelbare Wahrheit, der sich der in Ruhe und Ausgeglichenheit verliebte indische Geist mit der gleichen unbedingten Sucherleidenschaft gerne zuwendet: Zwischen beiden ist die Trennung nicht so scharf, der Streit nicht so heftig wie der jetzt vom parteiischen Mental, von der aufspaltenden Vernunft und der verzehrenden Leidenschaft eines ausschließlichen Verwirklichungswillen ausgerufene. Die eine ewige, unwandelbare Wahrheit ist der Geist, und ohne Geist hätte die pragmatische Wahrheit eines sich selbst erschaffenden Universums weder Ursprung noch Grundlage; sie wäre bedeutungsarm, ohne innere Führung, letztlich verloren, die Schaustellung eines ins Leere verpuffenden Feuerwerks. Doch die pragmatische Wahrheit ist auch nicht ein Traum des Nicht-Existierenden, eine Illusion oder ein langes Dahingleiten in ein sinnloses Delirium schöpferischer Fantasie; das hieße, aus dem ewigen Geist einen Trinker oder Träumer, einen Narren seiner eigenen gigantischen Wahnvorstellungen zu machen. Die Wahrheiten des universalen Daseins sind von zweifacher Art: Wahrheiten des Geistes, die ihrerseits ewig und unwandelbar sind, und das sind die Größen, die sich selbst hinaus ins Werden werfen und dort ständig ihre Kräfte und Bedeutungen verwirklichen, und das Spiel des Bewusstseins mit ihnen, die Dissonanzen, die melodischen Variationen, der Wohlklang des Möglichen, progressive Noten, Umkehrungen, Verkehrungen, die Umwandlungen, aufsteigend in eine größere Harmoniegestalt; und aus alledem erschafft und erschuf der Geist immer sein Universum. Doch sich selbst erschafft er darin, er ist Schöpfer und Schöpfungsenergie, Ursache, Methode und Ergebnis der Tätigkeit, er ist der Maschinist und die Maschine, die Musik und der Musiker, der Dichter und das Gedicht, Supramental, Mental, Leben und Materie, Seele und Natur.
Bei unseren Problemlösungen werden wir von einem Ur-Irrtum verfolgt. Wir lassen uns durch das Auftreten eines Widerspruchs verwirren; wir setzen die Seele gegen die Natur, den Geist gegen seine schöpferische Energie. Aber Seele und Natur, Purusha und Prakriti sind zwei ewig Liebende, die ihre immerwährende Einheit besitzen und ihre ständige Verschiedenheit genießen, und in der Einheit sind sie voll Leidenschaft für das vielfältige Spiel ihrer Verschiedenheit, und bei jedem Schritt der Verschiedenheit sind sie voll des geheimen Sinns oder des offenen Bewusstseins der Einheit. Die Natur nimmt die Seele in sich hinein, so dass diese in einer Trance der Vereinigung mit deren verzehrender Schöpfungsleidenschaft einschläft, und auch die Natur scheint dann im Wirbel ihrer eigenen schöpferischen Energie zu schlafen; und das ist die Involution in der Materie. Oben kann es sein, dass die Seele die Natur in sich hineinnimmt, so dass diese in einer Trance des Einsseins mit dem in sich versunkenen, sich selbst besitzenden Geist einschlummert, und auch die Seele scheint in der Tiefe ihres eigenen selbstverschlossenen, unbeweglichen Seins zu schlummern. Und doch ist dieses ganze rhythmische Pochen und Pulsieren oben und unten, ringsumher und im Inneren die Ewigkeit des Geistes, der sich so in Seele und Natur selbst gestaltete und mit vollkommener Bewusstheit alles genießt, was er durch diese Involution und Evolution in sich selbst erschafft. Die Seele erfüllt sich in der Natur, wenn sie in ihr das Bewusstsein jener Ewigkeit und deren Macht und Freude besitzt und das natürliche Werden mit der Fülle des spirituellen Seins umwandelt. Die ständige Selbsterschaffung, die wir Geburt nennen, findet da die vollkommene Evolution von allem, was sie in ihrer eigenen Natur fasst, und enthüllt ihren eigenen höchsten Sinn. Die vollständige Seele besitzt ihr ganzes Selbst und die ganze Natur.
Daher ist diese ganze Evolution ein Wachsen des Selbstes in der materiellen Natur zu dem bewussten Besitz seines eigenen spirituellen Seins. Sie beginnt mit der Form – offenbar einer Form der Kraft –, in der ein Geist verborgen wohnt; sie endet in einem Geist, der bewusst seine eigene Kraft lenkt und seine eigenen Formen erschafft oder annimmt aus freier Freude über sein Sein in der Natur. Die Natur beginnt die Evolution, indem sie ihr eigenes Selbst und ihren eigenen Geist involviert und unterdrückt in sich hält, als einen gefangenen Herrn des Daseins, ihrer Weise von Geburt und Wirken untertan – und doch ist diese Weise die seine und dieser Geist die Bedingung für ihr Sein und für das Gesetz ihres Wirkens: Der Geist krönt die Evolution, indem er die bewusste Natur in sich fasst, die vollständig ist durch seine Vollständigkeit, befreit durch seine Befreiung, vollendet in seiner Vollkommenheit. All unsere Geburten sind die Geburten dieses Geistes und Selbstes, die eine Seele in der Natur geworden sind oder diese hervorgetrieben haben. Zu sein ist der Zweck unseres Daseins – es gibt keinen anderen Zweck, kein anderes Ziel, denn Bewusstsein und Seligkeit des Seins ist Anfang, Mitte und Ende, da jene ohne Beginn und Ende sind. Das aber bedeutet, in Evolutionsstufen gesehen, immer weiter zu wachsen, bis wir in unsere eigene Fülle des Selbstes hineinwachsen; alle Geburt ist eine progressive Selbstfindung, ein Mittel zur Selbstverwirklichung. Zu wachsen an Wissen, an Macht, an Wonne, Liebe und Einssein hin zum unendlichen Licht, zur Fähigkeit und Seligkeit der spirituellen Existenz, uns zu universalisieren, bis wir eins sind mit allem Sein, und ständig unser gegenwärtiges, begrenztes Selbst zu überschreiten, bis es sich voll der Transzendenz öffnet, in der das Universale lebt, und darauf unser ganzes Werden zu gründen – das ist die volle Evolution dessen, was jetzt in der Natur dunkel eingehüllt liegt oder halbentwickelt in ihr arbeitet.
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Teil II

Die Mutter
Spirituelle Wiedergeburt bedeutet das ständige Abstreifen unserer früheren Verbindungen und Umstände und so weiterleben, als ob wir in jedem jungfräulichen Augenblick unser Leben neu beginnen würden.
— Die Mutter
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Kapitel 1
Die Philosophie der Wiedergeburt
Worte Sri Aurobindos
Geburt ist das erste spirituelle Geheimnis des physischen Universums, Tod das zweite. Der Tod gibt dem Geheimnis der Geburt seine zweifache Rätselhaftigkeit. Denn das Leben, das sonst eine selbstverständliche Tatsache des Daseins wäre, wird nun selbst zu einem Geheimnis dank dieser beiden, die sein Anfang und sein Ende zu sein scheinen, sich aber auf tausend Arten als keines von beiden, vielmehr als Mittel-Stufen in einem geheimnisvollen Prozess des Lebens erweisen. Auf den ersten Blick möchte es scheinen, als sei die Geburt ein ständiges Hervorbrechen von Leben in einem allgemeinen Tod, ein beharrlich fortdauernder Umstand in der universalen Leblosigkeit von Materie. Bei näherer Untersuchung wird es jedoch wahrscheinlicher, dass Leben etwas in die Materie Involviertes oder sogar eine der Energie, die Materie erschafft, innewohnende Macht ist. Sie kann aber nur dann in Erscheinung treten, wenn sie die notwendigen Voraussetzungen dazu bekommt, die für sie charakteristischen Phänomene sicher durchzusetzen und eine für sie geeignete Organisation zu erschaffen. Doch gibt es bei der Geburt des Lebens noch etwas mehr, das an seinem Hervortreten mitwirkt, ein Element, das nicht mehr materiell ist, das starke Hervorbrechen der Flamme einer Seele, eine erste sichtbare Schwingung des Geistes.
Alle bekannten Umstände und Resultate der Geburt lassen uns ein Unbekanntes ahnen, das vor ihr ist, und ebenso legt sich uns eine Universalität nahe, ein Wille zum dauernden Beharren des Lebens, ein Fehlen von Schlüssigkeit beim Tod, das auf etwas Unbekanntes danach hinzuweisen scheint. Was waren wir vor der Geburt, was sind wir nach dem Tod? Das sind die Fragen, deren Beantwortungen voneinander abhängen. Von Anfang an hat der Intellekt des Menschen sich diese Fragen gestellt, ohne dass er bis jetzt bei einer endgültigen Lösung zur Ruhe kommen kann. Tatsächlich kann der Intellekt kaum die endgültige Antwort geben. Denn diese muss ihrer Natur nach jenseits der Gegebenheiten des physischen Bewusstseins und Gedächtnisses sowohl der menschlichen Rasse wie des Individuums liegen. Und das sind doch die einzigen Gegebenheiten, die der Intellekt mit so etwas wie Vertrauen zu konsultieren gewöhnt ist. Bei diesem Mangel an Materialien und bei dieser Ungewissheit schweift er immer weiter von einer Hypothese zur anderen; jede nennt er der Reihe nach einen gültigen Schluss. Überdies hängt die Lösung von Natur, Ursprung und Ziel der kosmischen Bewegung ab. Je nachdem wir diese bestimmen, müssen wir auch unsere Schlüsse in Bezug auf Geburt, Leben und Tod, auf das Vorher und das Nachher ziehen.
Die erste Frage ist, ob das Vorher und das Nachher etwas rein Physisches und Vitales oder in gewisser Beziehung, gar überwiegend, etwas Mentales und Spirituelles ist. Kein weiteres Fragen wäre möglich, wenn Materie das Prinzip des Universums wäre, wie der Materialist behauptet, wenn sich die Wahrheit der Dinge in jener ersten Formel finden ließe, zu der Bhrigu, der Sohn des Varuna, kam, als er über das ewige Brahman meditierte: „Die Materie ist der Ewige, denn aus der Materie werden alle Wesen geboren, durch die Materie existieren alle Wesen, und zur Materie scheiden alle Wesen hin und kehren sie zurück.“ Das Vorher unserer Körper würde dann im Einsammeln dessen bestehen, was sie aufbaut, aus den verschiedenen physischen Elementen durch Vermittlung des Samens und der Nahrung, vielleicht auch unter dem Einfluss verborgener, aber immer materieller Energien. Und das Vorher unseres bewussten Wesens wäre eine Vorbereitung durch Vererbung oder einen anderen physisch-vitalen oder physisch-mentalen Vorgang in der universalen Materie, die ihre Aktivität auf diesen Einzelnen ausrichtet und ihn durch die Körper seiner Eltern, durch Samen, Gen und Chromosom aufbaut. Das Nachher des Körpers wäre dann seine Auflösung in die materiellen Elemente und das Nachher des bewussten Wesens ein Zurücksinken in die Materie, wobei vielleicht die Auswirkungen seiner Aktivität im allgemeinen Mental und Leben der Menschheit überleben würden. Dieses letztere ziemlich illusorische Überleben würde unsere einzige Chance für die Unsterblichkeit sein. Da man aber nicht mehr die Universalität der Materie für eine ausreichende Erklärung der Existenz des Mentals halten kann und da tatsächlich auch Materie selbst nicht länger allein durch Materie erklärt werden kann, weil sie nicht selbst-existent zu sein scheint, werden wir von dieser leichten und naheliegenden Lösung auf andere Hypothesen zurückgeworfen.
Eine von diesen ist der alte religiöse Mythos und das dogmatische Mysterium von einem Gott, der ständig unsterbliche Seelen aus seinem Wesen, durch seinen „Atem“ oder durch die Lebens-Macht erschafft. Sie gehen, wie man annimmt, in die materielle Natur oder vielmehr in die Körper ein, die er in ihr erschafft und die er in ihrem Inneren durch sein spirituelles Prinzip verlebendigt. Man kann dies als Mysterium des Glaubens hochhalten und braucht es nicht weiter zu untersuchen. Ist es doch Absicht der Glaubens-Mysterien, jenseits von Frage und Erforschung zu stehen. Für die Vernunft und die Philosophie fehlt dem aber die Überzeugungskraft. Es passt nicht in die bekannte Ordnung der Dinge. Denn es enthält zwei Paradoxa, die einer gründlicheren Rechtfertigung bedürfen, bevor man ihnen überhaupt Beachtung schenken kann. Das erste ist die stündliche Erschaffung von Wesen, die zwar einen Anfang, aber kein Ende in der Zeit haben und die überdies durch die Geburt aus dem Körper geboren werden, aber nicht durch den Tod des Körpers enden. Das zweite Paradoxon ist die Annahme einer fertigbereiteten Masse kombinierter Eigenschaften, von Tugenden und Lastern, Fähigkeiten und Mängeln, Vorzügen und Behinderungen durch Temperament und andere Umstände, die ganz und gar nicht von ihnen selbst durch ein Wachsen zustande gebracht, sondern für sie durch willkürliche Anordnung, wenn nicht durch ein Gesetz der Vererbung, gemacht wurden, für die und für deren vollkommenen Gebrauch sie dennoch von ihrem Schöpfer verantwortlich gemacht werden.
Wir können, wenigstens vorläufig, gewisse Dinge für legitime Mutmaßungen der philosophischen Vernunft halten und fairerweise die Beweislast hinsichtlich ihres Gegenteils denen auferlegen, die sie bestreiten. Zu diesen Postulaten gehört das Prinzip, dass das, was kein Ende hat, notwendigerweise auch ohne Anfang sein muss. Alles, was anfängt oder erschaffen ist, findet sein Ende: durch das Aufhören des Prozesses, der es erschuf oder im Dasein erhält, durch die Auflösung der Materialien, aus denen es zusammengesetzt ist, oder durch das Ende der Funktion, um derentwillen es ins Dasein kam. Wenn es für dieses Gesetz eine Ausnahme gibt, muss das durch das Herabkommen des Geistes in die Materie geschehen, der die Materie mit Göttlichkeit beseelt oder ihr seine eigene Unsterblichkeit verleiht. Aber der Geist, der so herniederkommt, ist unsterblich, nicht gemacht oder erschaffen. Wenn die Seele dazu geschaffen wurde, den Körper zu beseelen, wenn sie für ihren Eintritt ins Dasein vom Körper abhing, kann sie keinen Grund und keine Grundlage mehr für ihre Existenz haben, nachdem der Körper verschwunden ist. Es ist eine natürliche Annahme, dass der „Atem“ oder die Macht, die dem Körper zu seiner Beseelung verliehen wurde, nach dessen endgültiger Auflösung wieder zu ihrem Schöpfer zurückkehrt. Wenn sie stattdessen als ein unsterbliches verkörpertes Wesen weiterbesteht, muss es einen subtilen oder seelischen Körper geben, in dem sie weiterexistiert. Dann ist ziemlich sicher, dass dieser seelische Körper und sein Bewohner vor dem materiellen Körper existent gewesen sein muss. Es ist irrational, anzunehmen, sie seien ursprünglich nur dazu geschaffen worden, diese kurzlebige, vergängliche Gestalt zu bewohnen. Ein unsterbliches Wesen kann nicht das Ergebnis eines so kurzlebigen Vorfalls in der Schöpfung sein. Wenn die Seele aber in einem körperlosen Zustand übrig bleibt, kann sie wegen ihres Daseins nicht ursprünglich von einem Körper abhängig gewesen sein. Sie muss vor der Geburt ebenso als ein nicht verkörperter Geist existiert haben, wie sie in ihrer körperlosen spirituellen Wesenheit nach dem Tod fortdauert.
Weiterhin können wir annehmen, dass dort, wo wir in der Zeit eine gewisse Entwicklungsstufe wahrnehmen, eine Vergangenheit dieser Entwicklung vorausgegangen sein muss. Wenn darum eine Seele in dieses Leben mit einer gewissen Entwicklung von Personalität eintritt, muss diese in anderen vorausgegangenen Leben hier oder anderswo vorbereitet worden sein. Wenn sie aber nur ein voraus gefertigtes Leben und eine Persönlichkeit annimmt, die nicht von ihr vorbereitet worden ist, die vielleicht durch eine körperliche, vitale oder mentale Vererbung vorbereitet wurde, muss sie selbst etwas von diesem Leben und dieser Persönlichkeit völlig Unabhängiges sein, etwas, das nur durch einen Zufall mit dem Mental und dem Körper verbunden ist. Sie kann darum nicht wirklich von dem beeinflusst werden, was in diesem mentalen und körperlichen Lebensablauf getan oder entwickelt wurde. Ist die Seele etwas Wirkliches, ist sie unsterblich, kein konstruiertes Wesen oder nur eine Erscheinung des Seienden, dann muss sie ebenso ewig, anfangslos in der Vergangenheit wie endlos in der Zukunft sein. Wenn sie aber ewig ist, muss sie entweder ein unwandelbares Selbst sein, das vom Leben und seinen Gesetzmäßigkeiten nicht beeinträchtigt wird, oder ein zeitloser Purusha, eine ewige spirituelle Person, die in der Zeit einen Strom sich wandelnder Personalität offenbart oder hervorruft. Ist sie eine solche Person, kann sie diesen Strom von Personalität nur in einer Welt von Geburt und Tod dadurch manifestieren, dass sie aufeinanderfolgende Körper annimmt, – mit einem Wort: durch ständige Wiedergeburt in die Gestaltungen der Natur.
Aber die Unsterblichkeit oder Ewigkeit der Seele drängt sich uns auch dann nicht ohne weiteres als notwendig auf, wenn wir die Deutung ablehnen, alle Dinge seien aus einer ewigen Materie entstanden. Denn wir haben da noch die Hypothese von der Erschaffung einer zeitweiligen Seele, die durch die Macht jener ursprünglichen Einheit in Erscheinung trat, aus der alle Dinge ihren Anfang nahmen, durch die sie leben und in die sie sich wieder auflösen. Einerseits können wir auf der Grundlage gewisser moderner Ideen oder Entdeckungen die Theorie von einem kosmischen Nichtbewussten aufstellen, das eine vergängliche Seele erschafft, ein Bewusstsein, das nach einem kurzen Spiel ausgelöscht wird und wieder in das Nichtbewusste zurückkehrt. Oder es könnte ein ewiges Werden geben, das sich in einer kosmischen Lebens-Kraft offenbart, wobei die Materie als das eine, objektive Ende ihrer Operationen, das Mental als das andere, subjektive Ende in Erscheinung tritt. Die Einwirkung dieser beiden Phänomene der Lebens-Kraft aufeinander erschafft unser menschliches Dasein. Andererseits haben wir die Theorie von einem allein existierenden Überbewussten, einem ewigen unveränderlichen Wesen, das durch Maya die Illusion eines individuellen Seelen-Lebens in dieser Welt von phänomenalem Mental und Materie zulässt oder erschafft. Diese beiden seien letztlich unwirklich – selbst wenn sie eine kurzfristige und phänomenale Wirklichkeit besitzen oder annehmen –, da das eine unwandelbare und ewige Selbst oder der Geist die einzige Wesenheit sei. Oder wir haben die buddhistische Theorie von einem Nihil oder Nirvana und, diesem irgendwie aufgezwungen, ein ewiges Handeln oder eine Energie aufeinanderfolgenden Werdens, Karma, das die Illusion von einem fortdauernden Selbst oder einer Seele durch die Kontinuität von Verknüpfungen, Ideen, Erinnerungen, Empfindungen und Bildern erschafft. In ihrer Auswirkung auf das Lebens-Problem sind diese drei Erklärungen praktisch eine einzige. Denn auch das Überbewusste ist für die Zwecke des universalen Wirkens ein Äquivalent des Nichtbewussten. Es kann nur seines eigenen unwandelbaren Selbst-Seins inne werden. Die Erschaffung einer Welt von individuellen Wesen durch Maya ist etwas diesem Selbst-Sein Aufgezwungenes. Das findet statt vielleicht in einer Art Schlaf des Bewusstseins, das in das Selbst versunken ist, susupti.1 Aus diesem treten dennoch alles aktive Bewusstsein und die Abwandlung des phänomenalen Werdens genauso hervor, wie in der modernen Theorie unser Bewusstsein eine vorübergehende Entfaltung aus dem Nichtbewussten ist. In allen drei Theorien ist die in Erscheinung tretende Seele oder spirituelle Individualität des Geschöpfes nicht unsterblich im Sinne von Ewigkeit. Vielmehr hat sie einen Anfang und ein Ende in der Zeit, ist eine Schöpfung von Maya oder von einer Natur-Kraft oder eine kosmische Aktion aus dem Nichtbewussten oder Überbewussten. Darum ist sie in ihrem Dasein ohne Bestand. In allen drei Theorien ist Wiedergeburt entweder unnötig oder auch etwas Illusorisches. Sie ist entweder die Verlängerung einer Illusion durch deren Wiederholung. Oder sie ist ein zusätzliches, sich immer weiter drehendes Rad unter den vielen Rädern der komplexen Maschinerie des Werdens. Oder sie ist deshalb ausgeschlossen, weil eine einzige Geburt alles ist, was ein bewusstes Wesen erlangen kann, das durch Zufall als Teil einer nichtbewussten Schöpfung entstanden ist.
Ob wir nun bei diesen Ansichten annehmen, das eine Ewige Sein sei ein vitales Werden oder ein unveränderliches und unmodifizierbares spirituelles Wesen oder ein namenloses und formloses Nicht-Seiendes, hier kann das, was wir die Seele nennen, nur eine sich wandelnde Masse oder ein Strom von Bewusstseins-Phänomenen sein, der im Ozean eines wirklich illusorischen Werdens ins Dasein trat und hier auch zu existieren aufhören wird. Oder die Seele ist vielleicht ein vergängliches Substrat, ein bewusster Reflex des Überbewussten Ewigen, das durch seine Gegenwart die Masse der Phänomene unterstützt. Sie ist nicht ewig. Ihre Unsterblichkeit besteht nur daraus, dass sie längere oder kürzere Dauer im Werden besitzt. Sie ist keine wirkliche und immer seiende Person, die den Strom oder die Masse der Phänomene in Gang hält und ihre Erfahrung damit macht. Was diese in Gang hält, was wirklich und immer existiert, ist entweder das eine ewige Werden oder das eine ewige und apersonale Wesen oder der ständige Strom von Energie in seinen Wirkensweisen. Für eine Theorie dieser Art ist es entbehrlich, dass eine seelische Wesenheit, und zwar immer dieselbe, fortdauert und Körper um Körper, Gestalt um Gestalt annimmt, bis sie zuletzt durch irgendeinen Prozess aufgelöst wird, der zugleich auch den ursprünglichen Anstoß annulliert, der diesen Zyklus in Gang gebracht hat. Es ist sehr wohl möglich, dass sich so, wie jede Gestaltung entwickelt worden ist, auch ein der Form entsprechendes Bewusstsein entwickelt. Wenn sich dann die Form auflöst, vergeht auch das entsprechende Bewusstsein mit ihr. Nur der Eine, der alles gestaltet, dauert für immer fort. Oder wie der Körper aus den allgemeinen Elementen der Materie zusammengewachsen ist und sein Leben mit der Geburt beginnt und mit dem Tod beendet, kann sich auch das Bewusstsein aus den allgemeinen Elementen des Mentals entwickelt haben. Es mag ebenso mit der Geburt anfangen und mit dem Tod enden. Auch hier ist der Eine, der durch Maya oder auf andere Weise die Kraft liefert, die die Elemente erschafft, die einzige Wirklichkeit, die fortdauert. Bei keiner dieser Theorien des Seins ist die Wiedergeburt eine absolute Notwendigkeit oder ein unvermeidliches Ergebnis der Theorie2.
Tatsächlich erkennen wir jedoch einen großen Unterschied. Denn die alten Theorien bejahen die Wiedergeburt als einen Teil des universalen Prozesses, während die modernen sie verwerfen. Modernes Denken geht vom physischen Körper als der Basis unseres Daseins aus. Es erkennt nicht die Wirklichkeit einer anderen als der Welt dieses materiellen Universums an. Was es hier sieht, ist ein mentales Bewusstsein, das mit dem Leben des Körpers eng verbunden ist, das bei seiner Geburt kein Anzeichen eines vorhergehenden individuellen Daseins an sich trägt und das, wenn es den Körper mit seinem Ende verlässt, nichts andeutet von einem darauffolgenden individuellen Dasein. Was vor der Geburt war, sei die materielle Energie mit ihrem Lebens-Samen, bestenfalls die Energie einer Lebens-Kraft, die in dem Samen fortdauert und von den Eltern übertragen wird. Er präge durch seine geheimnisvolle Beimischung vergangener Entwicklungen diesem winzigen Träger, dem auf diese Weise wunderbar erschaffenen neuen individuellen Mental und Körper, einen eigenen mentalen und physischen Stempel auf. Was nach dem Tod übrig bleibt, sei dieselbe materielle Energie und Lebenskraft, die in dem Samen weiterbesteht. Er wird an die Kinder weitergegeben und sorgt für die weitere Entwicklung des in ihm enthaltenen mentalen und physischen Lebens. Von uns bleibt nichts übrig als das, was wir auf diese Weise an andere weitergeben. Oder das wirkt fort, was die Energie, die das Individuum durch ihr präexistentes Schaffen und die Umwelteinflüsse, durch Geburt und Umgebung, gestaltet hat, nun als das Ergebnis des individuellen Lebens annehmen mag, um es in ihr darauffolgendes Wirken hineinzuarbeiten. Allein das könne ein Überleben haben, was durch Zufall oder durch ein physisches Gesetz dazu helfe, die mentalen und vitalen Bauelemente und die Umgebung anderer Individuen zu bilden. Hinter beiden, den mentalen und den physischen Phänomenen, gebe es vielleicht ein universales Leben, dessen Individualisierungen evolutionäre und phänomenale Werdeformen sind. Dieses universale Leben erschaffe zwar eine wirkliche Welt und wirkliche Wesen, aber die bewusste Personalität in diesen Wesen sei nicht – oder brauche es zumindest nicht zu sein – das Zeichen oder die Form von Bewusstsein einer ewigen, ja nicht einmal einer fortdauernden Seele oder einer supraphysischen Person. In dieser Formel vom Sein findet sich nichts, was uns zwingt, an eine seelische Wesenheit zu glauben, die den Tod des Körpers überdauert. Es gibt hier keinen Grund und auch nur wenig Raum für die Anerkennung der Wiedergeburt als eines Teils des Grundschemas der Dinge.
Wie aber, wenn wir mit der Erweiterung unserer Erkenntnis finden würden – wie gewisse Forschungen und Entdeckungen vorauszusagen scheinen –, dass die Abhängigkeit des mentalen Wesens oder der seelischen Entität in uns vom Körper nicht so vollständig ist, wie wir das natürlicherweise zuerst aus dem Studium allein der Gegebenheiten des physischen Daseins und des physischen Universums schließen? Wie, wenn man erkennen würde, dass die menschliche Personalität den Tod des Körpers überlebt und dann zwischen anderen Ebenen und diesem materiellen Universum hin- und hergeht? Dann müsste die vorherrschende moderne Vorstellung von einem nur zeitweiligen bewussten Dasein sich ausweiten und ein Leben anerkennen, das einen weiteren Bereich als das physische Universum umfasst. Sie müsste auch eine personale Individualität zulassen, die nicht vom materiellen Körper abhängig ist. Sie könnte praktisch die antike Vorstellung von einer subtilen Gestalt oder von einem Körper wieder annehmen müssen, der von einer seelischen Entität bewohnt wird. Eine psychische oder seelische Wesenheit, die das mentale Bewusstsein in sich trägt, oder – falls es keine solche ursprüngliche Seele gibt - die entwickelte und fortdauernde mentale Einzelperson würde nach dem Tod weiterexistieren in dieser subtilen, fortdauernden Gestalt, die für sie entweder vor ihrer Geburt oder durch die Geburt selbst oder während des Lebens erschaffen worden sein muss. Denn entweder ist die seelische Entität in anderen Welten in subtiler Form präexistent und kommt mit dieser von dort hierher zu einem kurzen Aufenthalt auf der Erde, oder die Seele entwickelt sich hier in der materiellen Welt selbst, und mit ihr wird im weiteren Verlauf der Natur ein seelischer Körper entwickelt, der nach dem Tod in anderen Welten fortbesteht oder hier durch Wiedergeburt weiter existiert. Das wären die beiden möglichen Alternativen.
Ein universales Leben könnte in seiner Evolution auf der Erde die wachsende Personalität entfaltet haben, die jetzt zu unserem Ego geworden ist, bevor sie überhaupt in einen menschlichen Körper einging. Die Seele, die jetzt in uns ist, könnte sich in niederen Lebens-Gestaltungen entwickelt haben, bevor der Mensch erschaffen wurde. In diesem Fall hätte unsere Personalität früher Tier-Formen bewohnt. Der subtile Körper wäre ein plastisches Gebilde, das von Geburt zu Geburt übertragen wurde, sich aber jeder physischen Gestaltung anpasste, die die Seele bewohnte. Oder das sich entwickelnde Leben könnte fähig sein, eine zum Überleben geeignete Persönlichkeit aufzubauen, dies jedoch nur in der menschlichen Gestalt, sobald diese erschaffen war. Das würde durch die Kraft des plötzlichen Wachstums eines mentalen Bewusstseins geschehen, und gleichzeitig könnte sich eine Hülle von subtiler Mental-Substanz entwickeln und helfen, dieses mentale Bewusstsein zu individualisieren. Sie würde ebenso als innerer Körper funktionieren, wie die grob-physische Gestalt durch ihre Organisation Tier-Mental und Tier-Leben zugleich individualisiert und beherbergt. Aufgrund der früheren Annahme müssten wir zugeben, dass auch das Tier die Auflösung des physischen Körpers überlebt und eine Art Seelen-Formation besitzt, die nach dem Tod andere Tierformen auf der Erde und schließlich einen menschlichen Körper in Besitz nimmt. Denn es besteht nur geringe Wahrscheinlichkeit, dass die Tier-Seele über die Erde hinauskommt und auf andere als die physischen Lebens-Ebenen übergeht, um ständig hierher zurückzukehren, bis sie für die menschliche Inkarnation bereit ist. Die bewusste Individualisierung des Tieres scheint nicht weit genug zu gehen, um einen solchen Übergang tragen zu können oder um sich an ein Dasein in anderen Welten anzupassen. Bei der zweiten Annahme würde die Macht, auf diese Weise den Tod des physischen Körpers in anderen Seins-Zuständen zu überleben, erst auf der menschlichen Stufe der Evolution auftreten. Wäre die Seele tatsächlich nicht eine so konstruierte Personalität, die vom Leben entwickelt wird, sondern eine fortdauernde, sich nicht entwickelnde Wirklichkeit mit einem irdischen Leben und Körper als ihrem notwendigen Feld, dann würde man der Theorie von der Wiedergeburt im Sinne der Seelenwanderung des Pythagoras zustimmen müssen. Ist sie aber eine fortdauernde, sich entwickelnde Wesenheit und fähig, über die irdische Stufe hinauszukommen, dann wäre die indische Vorstellung von einem Weitergehen in andere Welten und einer Rückkehr zur Geburt auf der Erde möglich und höchst wahrscheinlich. Sie wäre aber noch nicht unausweichlich. Denn man könnte vermuten, dass die menschliche Personalität, wenn sie einmal so hoch entwickelt ist, dass sie andere Ebenen erreichen kann, von diesen nicht mehr zurückzukehren brauchte. Es wäre nur natürlich, wenn sie, falls kein stärkerer zwingender Grund vorliegt, ihr Dasein auf der höheren Ebene, zu der sie emporgekommen ist, fortsetzen würde. Sie hätte dann ihre Lebens-Entwicklung auf der Erde zu Ende gebracht. Eine umfassendere Voraussetzung wäre nur dann zwingend und eine wiederholte Wiedergeburt in menschlichen Gestaltungen unvermeidlich, wenn eine Konfrontation mit einem wirklich zwingenden Beweis für die Notwendigkeit einer Rückkehr auf die Erde besteht.
Aber selbst dann brauchte die vitalistische Entwicklungs-Theorie sich nicht zu spiritualisieren. Sie müsste nicht das wirkliche Dasein einer Seele, deren Unsterblichkeit oder Ewigkeit zugeben. Sie könnte die Personalität immer noch betrachten als eine phänomenale Schöpfung des universalen Lebens durch die Interaktion von Lebens-Bewusstsein und physischer Form und Kraft, beide aber mit einer ausgedehnteren, variableren und subtileren gegenseitigen Einwirkung und mit einer anderen Geschichte, als man sie bisher für möglich hielt. Sie mag dann zu einer Art von vitalistischem Buddhismus kommen, der das Karma anerkennt, es aber nur als das Wirken einer universalen Lebens-Kraft zulässt. Als eines der Ergebnisse würde sie die Kontinuität des Stroms der Personalität in der Wiedergeburt durch eine mentale Verknüpfung zugeben, aber jedes wirkliche Selbst des Individuums oder irgendein ewiges Wesen bestreiten, das etwas anderes wäre als dieses immer aktive vitale Werden. Andererseits könnte sie, einer Gedankenrichtung folgend, die jetzt etwas an Kraft gewinnt, ein universales Selbst oder einen kosmischen Geist als die uranfängliche Wirklichkeit und das Leben als seine Macht oder seinen Agenten annehmen. Sie könnte so zu einer Form von spiritualisiertem vitalen Monismus kommen. Auch in dieser Theorie wäre ein Gesetz von Wiedergeburt möglich, wenn auch nicht zwingend. Sie könnte eine phänomenale Tatsache sein, ein aktuelles Gesetz des Lebens. Sie wäre aber kein logisches Ergebnis der Theorie vom Seienden, nicht deren unvermeidliche Konsequenz.
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