Kitabı oku: «Das Honecker-Attentat und andere Storys»
DIETER BUB
Das Honecker-Attentat
und andere Storys
Als stern-Reporter in der DDR
Mit Fotografien von Harald Schmitt
mitteldeutscher verlag
Inhalt
Cover
Titel
Über das Buch
Das Angebot
Frühjahr 1979 – Hamburg – Berlin – Gutengermendorf
Die Akkreditierung
Die Bestimmungen
Die neue Adresse im Osten
Stadtflucht und Idylle
Alltag eines Korrespondenten in Ostberlin
Harald Schmitt – der Fotograf
Die Demonstration
Kindheit in der DDR
Besuch in Grünheide
Der 30. Geburtstag
Warten auf Brigitte B.
Erfüllung unter Kontrolle
Landidyll
Freundin und Komplizin
Landleben
Zwischen den Welten
Wiedersehen mit Halle
Umweltverschmutzung in der DDR
Die Enttarnung
Die „Betreuer“ Otto und Ernst
Die Reise nach Prerow
Der „antifaschistische Schutzwall“ und die Mauer
Die grenzenlose Liebe
Der Volkskammer-Abgeordnete
Proteste in Jena
Apollensdorf bei Wittenberg
Volksgesundheit
Prenzlauer Berg
Wilhelms konspirative Träume
Das Fanal aus Gdansk
Deutsches Gipfeltreffen
Havemanns Prophezeiung
Rainer Eppelmann
Wilhelm in der Burgwallstraße
Roberts Vermächtnis
Besuch in Klein-Venedig
„Die große Liaison“
Landausflug
Zeit der Unzufriedenheit und des Umbruchs
Die Voigts aus Rostock
Wilhelm und Müller in einem Boot
Die ČSSR und die Charta 77
Wegelagerer und Fernstraßen
Mit Max Lehmann im Spreewald
Berliner Impressionen
Die Reise nach Basedow
Halle, fünfziger Jahre
Unerwünschte Kunst – erwünschte Kunst
Moskau
Wilhelm, Helsinki und die Folgen
Die Hüter deutscher Geschichte
Altgarz – das Pfarrhaus am See
Dresden – alte und neue Meister
Edda und Wolfgang Herbst
Aktion Schwein
Das Ende der Geduld
Jugend ans Gewehr
Das „Attentat“
Erich Honecker – Biedermann und Apparatschik
Die Ausweisung
Müllers Traum – Wilhelms Rache
Der Abschied
Auf der anderen Seite
Nachrichten „von drüben“
Boulevard-Journalismus
Ankunft in Westberlin
Stasi-Paranoia: Suche nach Erkenntnis
Erosion und Ende
Glück, Zerwürfnis, Versöhnung
Die Agonie und das Ende der DDR
Heimkehr nach Halle
Das Verblassen und die Auferstehung
Wiedersehen mit Klaus
Spuren, Enttäuschung und Glück
Rückkehr und Glück
Nachwort
Dank
Impressum
Fotoserie
Dies ist die Geschichte des stern-Korrespondenten Dieter Bub, der von April 1979 bis Januar 1983 in der DDR akkreditiert war – und nach einem spektakulären Bericht über einen versuchten Anschlag gegen den Konvoi des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker innerhalb von 48 Stunden Ostberlin verlassen musste.
Dieses Ereignis hatte die Staatssicherheit in Bedrängnis gebracht und im Westen für Schlagzeilen gesorgt. Der Ausweisung war eine Reihe von Beiträgen vorausgegangen, die der Stasi bereits zuvor immer wieder missfallen hatten.
Der Korrespondent hatte nicht nur engen Kontakt zu den Systemkritikern Havemann und Eppelmann, sondern berichtete auch über andere Themen, die in der DDR als Tabu galten zum Beispiel über Umweltverschmutzung und Wehrkunde-Unterricht. Bei Reisen nach Osteuropa informierte er sich über die Frauen und Männer der Charta 77 in der ČSSR und die Solidarność-Bewegung in Polen.
Zu den wichtigsten Ereignissen der Zeit in der DDR gehörte für ihn die Begegnung mit einer Frau, die nicht nur zu seiner Freundin, sondern auch zu einer wichtigen Informantin wurde und viele Bekanntschaften ermöglichte. Mit dieser Frau lebt er heute noch zusammen. Beide hatten einen gemeinsamen Bezugspunkt – ihre Erinnerungen an Halle an der Saale. Denn das war und ist das Besondere: der stern-Korrespondent in der DDR hatte seine Kindheit und Jugend in Halle verbracht.
Seine Geschichte ist so auch eine Rückkehr in die Heimat und ein Stück deutscher Vergangenheit, die bis in die Gegenwart wirkt. Die Reportagen aus den Jahren 1977 bis 1981 zeigen eine DDR, Polen und die ČSSR auf dem Weg zum Ende ihrer Existenz unter der Herrschaft der Sowjetunion.
Das Manuskript ist Erzählung und Erinnerung, Realität, Reflexion und Fiktion. Es ist keine Reportage. Es ist eine Geschichte, in der das Erlebte weiterwirkt, eine Erzählung, die bewusst werden lässt, wie politische Ereignisse, denen wir ausgesetzt sind, so vieles bestimmen, wie scheinbare Zufälle Unerwartetes bringen, für Stunden oder für ein ganzes Leben. Die nicht vollständigen Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes – es fehlen Materialien aus Rostock, Stralsund, Jena und Halle – umfassen 1.600 Seiten. Zu den Reportagen, die im stern erschienen sind, gibt es im Archiv die Fotos von Harald Schmitt, der ab 1975 in der DDR akkreditiert war, Dokumente aus einem fernen und doch vertrauten Deutschland, Bilder, die einzigartige Erinnerungen sind.
Dieter Bub verwendet in seinem Buch den Namen Dieter Müller (um auch Fiction-Passagen einfügen zu können), unter dem er bis 1956 vor seiner Flucht aus der DDR in Halle gelebt hatte. Für die Behörden in der DDR war er, bevor seine Identität von der Staatssicherheit entdeckt wurde, nur unter dem Namen Bub bekannt.
Das Angebot
Der Anruf war überraschend gekommen. Ein Termin in der Chefredaktion des stern.
„Wollen Sie für uns nach drüben, nach Ostberlin?“, fragte Koch. „Sie kennen sich dort doch aus. Und wir suchen einen Nachfolger.“
Müller kannte Koch vom Studiogespräch am Morgen. Koch war ein angenehmer Interviewpartner gewesen, präzise klare Antworten. Er hatte sich mit Koch verabredet, war zu ihm in den „Affenfelsen“ an der Alster gefahren, einen stufenförmig ansteigenden Bürobau, nur tausend Meter vom Sender entfernt. Koch hatte sein Büro im fünften Stock und war zusammen mit Schmidt einer der beiden Chefredakteure – er der Mann für Politik, Schmidt für Unterhaltung und Kultur.
Henry Nannen, „der Alte“, der Erfinder der Illustrierten nach dem Krieg, residierte im siebten Stock, widmete sich immer weniger dem Heft. Er war des Berufs nach Jahrzehnten überdrüssig. Ein Blatt zu machen, jede Woche neu, die beste Illustrierte des Kontinents, in Konkurrenz zu Augstein vom „Spiegel“, dem aggressiven Herausforderer im Chilehaus, hatte seinen Reiz verloren. Henry, der kräftige Grauschopf mit dem Gespür für Geschichten, Stimmungen, Entwicklungen, Wünsche, hatte alles erreicht. Er war noch Herausgeber. Seine große Leidenschaft waren Bilder – Gemälde des Impressionismus und Expressionismus. Er sammelte, suchte fieberhaft und gab ein beträchtliches Vermögen dafür aus.
Koch und Schmidt, die beiden Neuen an der Spitze, sind ein interessantes Duo, der eine spielt den Feingeist, ist ein bemerkenswerter Kenner klassischer Musik und ihrer Interpreten und hat bereits eine Karriere als Blattmacher hinter sich – Chefredakteur der Hör zu und der Hamburger Morgenpost. Er kleidet sich elegant und teuer, liebt gute Weine, erkundigt sich vor Interviews nach den Vorlieben seiner Gesprächspartner, um sie so mit ihren Lieblingszigarren, bevorzugten Cognacs oder Whiskys zu überraschen. Die beiden mögen sich nicht besonders, gehen sich aus dem Weg, beschränken ihre Kontakte auf die notwendigen Absprachen bei den Konferenzen.
Koch, der zupackende Macher, nicht eloquent sondern direkt, mit Gespür für attraktive Geschichten. Koch verstellt sich nicht, entscheidet und fordert Entscheidungen. Der schlanke Vierziger, blond mit kurz geschnittenem Haar, Harris-Tweed-Jackett, blaues Hemd, Karokrawatte, Cordhose, empfängt Müller auf flapsige Art, nicht hamburgisch, bleibt hinter seinem Schreibtisch sitzen, lässig, sagt: „Das hat mir gefallen, das Gespräch bei Ihnen. Danach habe ich mich über Sie erkundigt. Sie waren häufiger drüben. Ein Kenner der Verhältnisse dort.“
„Drüben?“, fragt Müller. „Was meinen Sie?“ Er weiß, was Koch meint.
„In Ostberlin, bei unseren Brüdern und Schwestern, das ist drüben.“
„Immer wieder, wenn sich die Gelegenheit bot: Ostseewoche in Rostock, Leipziger Messe, das Festival des politischen Liedes, die Händelfestspiele in Halle. Ja!“
„Können Sie sich vorstellen, für uns dorthin zu gehen, nach drüben?“, fragt Koch. „Wollen Sie das machen?“
Er wollte, er wäre ohnehin dorthin gegangen, für das Radio als Hörfunk-Korrespondent. Die endgültige Entscheidung darüber sollte in wenigen Wochen getroffen werden.
„Was erwarten Sie?“, fragt er.
„Alles“, sagte Koch.
„Alles, was alles?“, fragt Müller.
„In den vergangenen beiden Jahren war im Heft fast nichts über die Zone zu lesen.“
„Die Zone?“, fragt Müller und weiß um die Verachtung Kochs für die DDR.
„Dieses Land DDR, das bei uns ziemlich in Vergessenheit geraten ist“, sagt er.
„Weil es niemanden interessiert?“, fragt Müller.
„Ich weiß nicht, ob es jemanden interessiert. Sie sollen dafür sorgen, dass es die Leute interessiert. Sie kennen sich doch aus!“
Müller: „Soweit das möglich ist, vieles ist nicht möglich. Es gibt strenge Bestimmungen, Einschränkungen, keine freie Berichterstattung.“
„Die gibt es weder in Moskau noch in Peking – und trotzdem berichten wir darüber“, sagt Koch. „Sie müssen die Geschichten finden, ohne Rücksicht.“
Müller: „Ohne Rücksicht auf was?“
Koch: „Ohne Rücksicht auf Vorschriften. Sie bekommen alles, was Sie benötigen. Wohnung in Ostberlin, Dienstwagen, ein Firmenkonto, steuerfreies Gehalt. Sie können über alles berichten – außer über langweilige Verlautbarungen. Und Sie können Reisen, wohin Sie wollen – nicht nur innerhalb der DDR, nach Warschau, Prag, Budapest, auch nach Moskau.“
Koch ist in den vergangenen Jahren als Mann in Bonn häufiger nach Washington und Moskau geflogen. Die DDR hat ihn nicht interessiert. Er stellt sich das Land als klein, muffig, langweilig vor. Müller sagt zu.
Nannen empfängt ihn, freundlich, distanziert, Zustimmung und Glückwunsch.
Müller wird den Leuten von Deutschland I vorgestellt worden. Deutschland I, der Bereich Politik, für den Heiner Bremer verantwortlich ist, ein guter Analytiker, Anhänger Willy Brandts und Egon Bahrs mit ihrer deutsch-deutschen Entspannungspolitik, dazu als Redakteur bei D1 Ulrich Rosenbaum.
Mit dem Anruf von Koch erfüllte sich ein lang gehegter Wunsch. Er könnte ein Ziel erreichen, dem er sich seit Jahren durch intensive Beschäftigung und Berichterstattung genähert hatte. Er wollte zurückkehren. Unter allen Möglichkeiten war es die reizvollste Aufgabe. Das scheinbar Fremde war ihm vertraut wie nur wenigen.
Er hatte sich der Minenfeld-Grenze und der Elbe dahinter immer weiter genähert: eine Rückkehr in Schritten. Er war auf dem geteilten Fluss unterwegs gewesen, war an Bord der Zollboote aus dem Westen den grauen Schiffen der NVA begegnet. Er hatte am „Tag der deutschen Einheit“, am 17. Juni, mit ehemaligen Bewohnern und Politikern von Gedenkveranstaltungen in Zicherie berichtet. Zeugnisse der Teilung: Hinter dem jenseitigen Ufer der Elbe die Anlagen – Betonmauern vor verfallenen Bauerngehöften, die Bewohner ins Innere des Staates umgesiedelt – Wachtürme, Minenfelder, Hundelaufanlagen, Metallgitterzäune mit Selbstschussanlagen. Er hatte Reportagen über die Dörfer und Kleinstädte entlang der Grenze zwischen Elbe und Harz aufgenommen, den „Eisernen Vorhang“, den „antifaschistischen Schutzwall“ beschrieben.
Frühjahr 1979 – Hamburg – Berlin – Gutengermendorf
Montag, morgens um halb acht auf dem Land in Brandenburg. Brigitte B. wartet mit ihrer Tochter Angelika an der Haltestelle. Die Siebenjährige ist müde, ist immer müde, ein Abend- und Nachtkind, ein Späteinschlafkind. Der Schulbus wird das Mädchen abholen und mittags wieder zurückbringen. Die Familie, er Film-Dramaturg in Potsdam, sie Restauratorin, lebt auf dem Dorf, in den Kleveschen Häusern bei Gutengermendorf, nördlich von Oranienburg, Richtung Gransee, sieben Gehöfte, in Ellipsenform angeordnet, fernab der Hauptstadt und fern der Parolen.
Klein-Venedig, Rahnsdorf, am Stadtrand von Berlin: Bernhard Wilhelm macht sich in seinem Wartburg auf den Weg ins Außenministerium, früh unterwegs nach einem angenehmen Wochenende, Bootstour mit der Familie über den Dämeritzsee nach Erkner, Grillabend am Wasser, Tatort, Westfernsehen.
Keine besonderen Vorkommnisse, alles nimmt seinen sozialistischen Gang. In den Sonntagszeitungen aus der BRD Frankfurt und Hamburg, FAZ und Springers Welt und Bild am Sonntag keine Hetze gegen die DDR, besser, die DDR findet nicht statt. Auch im Spiegel nichts über die Deutsche Demokratische Republik. Seit Wochen nichts. Aussicht auf einen ruhigen Wochenanfang. Routine – Auswertung der Berichte der Genossen zur Überwachung der Korrespondenten, keine Erkenntnisse. Sie waren mit Ausnahme von Marlies Menge von der Zeit alle zu Hause in Westberlin oder der BRD. Überblick über Veröffentlichungen vom Wochenende, Vormittagskonferenz. In der Kantine wird es Soljanka und Schweinebraten geben.
In der geräumigen Wohnküche im dritten Stock der Hansastraße in Hamburg-Eppendorf, fünf Minuten vom Funkhaus des Norddeutschen Rundfunks entfernt, blättert der Radiojournalist Dieter Müller in den wichtigsten Tageszeitungen – der Süddeutschen, der FAZ, der Rundschau, der Welt, dem Abendblatt und in Bild, registriert Aufmacher, Überschriften, überfliegt Artikel, liest Kommentare, hört die Nachrichten seines Senders und die letzten Berichte des Frühmagazins, das um neun Uhr endet. Müller ist so gut vorbereitet für seine Sendung, in fünf Stunden, den Kurier am Mittag.
Bernhard Wilhelm schätzt die ruhigen Wochenenden in der Politik mit ihrer Ereignislosigkeit. Sie versprechen gemächliche Arbeitstage, wenngleich die Beschaulichkeit vergangener Jahre mit den neuen internationalen Verbindungen des Landes, der Anerkennung der DDR, dem Einzug der Botschafter aus aller Welt mit ihrem Gefolge und über einhundert akkreditierten Journalisten zu Ende ist. Der Preis der Kontakte sind Aufmüpfigkeiten von Kritikern, Pfarrern, Schriftstellern, Malern, selbst Schauspielern, Jugendlichen, die Gesetze missachten, aufbegehren, sich unzulässig äußern, dabei gerade die Nähe von Diplomaten und Korrespondenten suchen. Der Staat reagiert, überwacht, lädt vor, schüchtert ein, sperrt ein, verweist Feinde des Sozialismus des Landes.
Die Restauratorin Brigitte B. sitzt im Garten ihres Bauernhauses, das die Familie kostenfrei von der LPG, dem volkseigenen Großbauernbetrieb, zur Verfügung gestellt bekommen hat. Ihr Mann ist mit dem knatternden Zweitakter nach Babelsberg unterwegs. Sie trinkt Kaffee – aufgebrüht – genießt die Ruhe, den Garten mit den blühenden Obstbäumen, den weiten Blick über die Wiesen, bevor sie sich einem barocken Taufengel zuwendet, der, auf dem Boden einer Dorfkirche entdeckt, von ihr sorgfältig gesäubert und gesichert wird. Sie wird erst später das Leben Müllers verändern und das Leben der anderen in Müllers Familie, das Leben seiner Frau, seiner Kinder, seiner Schwiegereltern, die noch meinen ihre Tochter sei in guten Händen.
Dieter Müller stellt die sieben Themen für seine Sendung zusammen, sieben Themen in einer halben Stunde, die Welt auf sieben Berichte zusammengeschrumpft, ausgewählt nach politischer Dringlichkeit, Berichte aus Washington und Moskau, eine Katastrophe, ein Kulturereignis – Paris, Wien, London, Salzburg, New York – ein Studiogespräch. Er entscheidet sich, den Chefredakteur des stern, Peter Koch, einzuladen, der in dieser Woche eine große Dokumentation über die Annäherung zwischen Ost und West im Heft publizieren wird.
Zehn Uhr: Müller passiert die Gänge und Treppen aus seinem Büro im ersten in den zweiten Stock, erläutert sein Programm in der Vormittagskonferenz, Zustimmung, ohne Widerspruch, danach die Vorbereitungen, Absprachen mit dem Producer – Geruch von Morgen-Cognac, der Sekretärinnen-Duft von Chanel. Das Band zu einem Beitrag aus dem Iran wird abgehört und freigegeben. Flirt mit der Cutterin. Nichts Besonderes. Routine mit Kaffee, Zigaretten, Telefongesprächen.
Bernhard Wilhelm wusste seine Möglichkeiten zu nutzen. Eigentlich nur passabel begabt, war er fleißig, schlau, pfiffig, heiter, anpassungsfähig, beredt. Mit diesen Eigenschaften, geschickt eingesetzt, ließ sich viel erreichen, bei Lehrern, in den Jugendorganisationen, an der Universität, in der Partei.
Wilhelm schätzte seine Chancen ab, entwickelte eine Strategie, verfolgte sein Ziel. Eine Karriere in der SED schied aus, weil sie ihm mit ihrem Schulungs- und Versammlungs-Ritualen zuwider gewesen wäre. Sie entsprach nicht seinem Naturell, seiner Neigung zu eher lockerer Konversation und seiner Fähigkeit zur Formulierung. Er entschied sich für den Journalismus, der selbst unter dem klaren Parteiauftrag vielerlei Möglichkeiten bot. Bereits mit vierzehn gestaltete er Wandzeitungen, wurde Chefredakteur der Schülerzeitung, schrieb erste kleine Beiträge für die Junge Welt. Seine Aufnahme ins „Rote Kloster“, den Studiengang für Schriftsteller und Journalisten in Leipzig, war der erste Schritt.

Brigitte B. mit ihrer Tochter auf dem Land
Dieter Müller und Bernhard Wilhelm hätten sich begegnen können – wenn Müller geblieben wäre, geblieben im Arbeiter- und Bauernstaat, wenn er nicht, aus bourgeoisen Haus, vom als erstrebenswert propagierten Sozialismus abgewichen wäre, wenn sich jemand seiner angenommen hätte. Einige Parallelen hatte es in beiden Biografien gegeben. Müller verfasste als Vierzehnjähriger Gedichte und zwei Artikel über den Besuch einer sowjetischen Jugendgruppe in einem Heim in der Nähe des Schrebergartens am Krokusweg, die er an die Redaktion der Freiheit in Halle schickte. Sie wurden veröffentlicht, der Autor erhielt neben einem Honorar die Aufforderung, als „werter Volkskorrespondent“ Neues einzusenden. Daraus wurde nichts, der 17. Juni veränderte die Ansichten des jungen Autors, der ohne diesen Volksaufstand vielleicht nach dem Abitur ebenfalls im „Roten Kloster“ eingezogen wäre.
Brigitte B. und ihr Mann entschieden sich für das Land als Ort der Möglichkeiten in der Enge; fort aus der Bevormundung, die ihnen ihre Freiheit ließ, die Halbemigration, das Arrangement, wie es viele gewählt haben.
Draußen, vor den Toren der Stadt, nördlich von Löwenberg, links und rechts der F7 bilden sie die Gemeinschaft der Aussteiger oder Halbaussteiger – der Grafiker, der Kinderbuchautor, der Jazzposaunist, der Dokumentarfilmer, der Theaterregisseur, der Maler, der Dramaturg, ein Schauspieler und sie, die Restauratorin. Sie sind unauffällig, genügsam und fügsam, keine Aufbegehrer, sondern nur die üblichen Systemmeckerer, die auf Genehmigungen für Auftritte, auf Papier, auf Filmmaterial, die immer auf etwas warten.
Die Akkreditierung
Als die Hamburger Chefredaktion ihn in Ostberlin als Korrespondenten anmeldet und das Gremium im Außenministerium über den Antrag berät, gibt es keine Bedenken. In den Unterlagen der Staatssicherheit finden sich die Abschriften von Berichten und Kommentaren für den NDR. Beiträge über die Weltjugendfestspiele vermitteln den Eindruck von einem Fest globaler Völkerfreundschaft, von der Solidarität mit Unterdrückten, vom Kampf gegen Ausbeutung und Diktaturen. Eindeutig Müllers Sympathien für die Verfolgten aus Chile, für die Demonstranten in Westberlin. Sein Dossier weist ihn als Linken aus, der aus Protest nach dem NATO-Doppelbeschluss aus der SPD ausgetreten ist, als Kritiker Amerikas und Gegner des Vietnamkrieges, als einen Spätachtundsechziger.
In den Unterlagen befinden sich Manuskripte über die Weltjugendfestspiele, von Besuchen der Ostseewochen in Rostock, Leipziger Messen, von Festivals des politischen Liedes – mit einem süffisant ironischen Ton. Sie werden erst viel später seine Identität als Republikflüchtling erkennen, der unbemerkt wenige Jahre vor der Akkreditierung die Gelegenheit zu einem heimlichen Klassentreffen genutzt hatte. Sie bescheinigen dem Neuen nach Durchsicht der Unterlagen durchaus Sympathien für die DDR und eine kritische Haltung gegenüber den Konservativen in der Bundesrepublik.
Ausführlich die Dokumentation einer Reportage auf der Insel Rügen und in Stralsund.
Zu MÜLLER wurde bekannt, dass er keiner Partei angehört. Nach seinen Angaben steht er der SPD nahe und befürwortet deren Programm. Er erkennt den Grundlagenvertrag zwischen der BRD und der DDR an und sieht deren positive Seiten für die Entwicklung zwischen beiden deutschen Staaten. Des Weiteren erkennt er die daraus sich ergebenden Arbeitsmöglichkeiten für Journalisten der BRD in der DDR an.
In Binz waren die Genossen der Staatssicherheit nach der Teilnahme an den Diskussionen der Hamburger Studenten mit einer ausgewählten FDJ-Delegation wieder in ihre Zentrale nach Stralsund zurückgekehrt. Sie hatten versäumt, die Stunden nach den Gesprächen und dem Abendessen zu überwachen. Die Westdeutschen trafen sich in der Kneipe gegenüber der Jugendherberge mit einheimischen Jugendlichen, seltener Westbesuch, Reden bis in die Morgenstunden über die Veränderungen in Westdeutschland durch die Bewegung der Achtundsechziger-Generation, die sich aufgemacht hatte verkrustete Strukturen aufzubrechen und die Gesellschaft zu verändern. War die DDR nicht auch, auf andere Weise, erstarrt? Diese Nächte, nach denen niemand, auch der Wirt nicht, anschließend ein Protokoll verfasste, diese Nächte einer unkontrollierten Begegnung waren die Ausnahme.
„Dass wir hier nicht raus können, das isses“, schimpft Jochen. „Wir wollen doch gar nicht abhauen, wir würden ja wiederkommen“, meint Peter.
„Stell’ dir vor, Dänemark ist ganz nah, selbst mit der Luftmatratze haben es ein paar geschafft.“
„Ein zwei Stunden mit der Fähre. Einen Tag und dann wieder zurück. Mehr nicht“, ergänzt Jochen.
„Was willst du da? Die warten gerade auf uns. Mit unserer Mark, die nichts wert ist“, mischt sich Angelika ein. „Selbst in Bulgarien sind wir doch nur Deutsche zweiter Klasse, wenn wir da überhaupt hindürfen.“
„Sie lassen euch nicht reisen, weil sie euch nicht trauen. Sie fürchten, ihr würdet abhauen.“ Hatte Müller damals erklärt.
„Stimmt wahrscheinlich.“
„Na klar.“
„Wir sind eben noch keine gefestigten sozialistischen Persönlichkeiten.“
So ging es nächtelang. Runde um Runde.
Danach bekam er Post. Gesine wünschte sich ein Autogramm von Roland Kaiser. Müller war kein Roland Kaiser-Fan und vergaß die Bitte. Gesine wartete, ahnte nicht, dass sie eines fernen Tages Roland Kaiser erleben sollte, live.
Wann immer es ging, war er zurückgekehrt, in dieses Land, das zu Deutschland gehörte und doch so weit entfernt war. Er hatte, nach dem Ende des Kalten Krieges und der Minderung der Gefahr gegenseitiger Vernichtung jede Gelegenheit zu Reisen in die DDR genutzt, war so zu einem Spezialisten für deutsch–deutsche Fragen geworden, hatte von Hamburg und Westberlin aus die Beziehungen zwischen beiden Staaten kommentiert.
Müller machte sich keine Illusionen über seine Arbeit. Er hatte im Sender als Experte für deutsche Fragen gegolten, weil er sich die erforderlichen Grundkenntnisse über die Geschichte und die Entwicklung der Beziehungen zwischen den beiden Staaten erworben hatte, weil er sich über Viermächteabkommen, Besucherregelungen, Transitvereinbarungen, Helsinki, Grundlagenvertrag und deren Akteure, soweit sie bekannt waren, informiert hatte, weil er einen Teil dieser Geschichte selbst erlebt und immer wieder beobachtet und kommentiert hatte. Im Gegensatz zum Großteil seiner Kollegen wusste er, wer zur Gruppe Ulbricht gehört hatte, kannte er die Geschichte der Zwangsvereinigung von KPD und SED, die Namen und Funktionen von Grotewohl, Sindermann, Hilde Benjamin, Honecker, Mittag, Herrmann, Hoffmann und Axen. Er konnte zuordnen, abwägen, kommentieren. Er verdankte viele Kenntnisse dem WDR-Publizisten Peter Bender.
Müller berichtete wie alle anderen über Ansätze zu einer vermeintlichen Liberalisierung, über Verbesserungen von Warenangebot und Gastronomie, kommentierte mit Wohlwollen Tendenzen, die der Öffentlichkeit nur vorgegaukelt wurden. Zur Strategie der Staats- und Parteiführung gehörte es, ihre Schändlichkeiten vergessen zu machen, den 17. Juni, den Bau von Mauer und Grenzanlagen die Bereitschaft zum Einmarsch nach Prag, die Verfolgung, Bestrafung und Einkerkerung Andersdenkender, die Tötung von Flüchtlingen mit Waffen und Minen. Erst jetzt, nachdem er wirklich hier angekommen ist, wird ihm das Ausmaß von Unrecht und Menschenverachtung bewusst.
Die Bestimmungen
Einweisung des Neuen durch die drei vom Außenministerium, der eine, der kleine Wilhelm von beinahe weltmännischer Freundlichkeit, der andere: Dr. Otto in Mausgrau, mit durchbrochenen braunen Schuhen, Abneigung im Gesicht, die dritte, Frau Ernst, kühl distanziert.
„Willkommen in der DDR!“
Sie erklären die Vorschriften, die von akkreditierten Journalisten zu beachten und strikt zu befolgen sind. Danach sind für alle Themen rechtzeitig Anträge auf Genehmigung einzureichen, die erst nach positivem Bescheid realisiert werden dürfen.
„Aber …“
Private Kontakte zu Bürgern der Deutschen Demokratischen Republik zum Zwecke der Recherche sind untersagt.
„Aber …“
Die Mitnahme von Anhaltern ist verboten.
„Aber …“
Das beabsichtigte Verlassen der Hauptstadt der DDR in das übrige Territorium der DDR ist, auch für private Fahrten, Besichtigungen, Ausflüge etc. mindestens 24 Stunden zuvor schriftlich anzumelden.
„Aber …“
Die Einfuhr und die Ausfuhr von Gütern unterliegen den allgemeinen Vorschriften. Der Umtausch von D-Mark in Mark der DDR erfolgt über ein Konto bei der Staatsbank.
Müller hört zu. Müller macht den Eindruck eines aufmerksamen Zuhörers. Müller schweigt, beredt. Was Wilhelm routiniert vorträgt, ist für Müller neu. Ihm ist, als werde ihm gerade eine Zwangsjacke angelegt.
Wo befindet er sich?
Im Außenministerium eines deutschen Staates, gegenüber dem Berliner Dom, einem Zeichen preußischen Revanchismus’, das wie das Schloss verschwinden sollte, aber nicht gesprengt werden konnte. Die Berliner nennen das hässlich plattengeschuppte Gebäude „Winzerstube“, nach dem Mann, der das Land auf dem begrenzten Parkett der Bruderstaaten vertreten darf. Hier sitzt Müller, in einer Hauptstadt, die Teilstadt ist, nicht Hauptstadt ist, mit ihm am Tisch das Trio seiner Staatsaufseher.
Sie werden keine Freude an ihm haben.
„Ihr habt sie nicht alle“, schaut er sie belanglos an. „Das ist euer Ernst? Ihr wollt mich kastrieren und ihr erwartet meine Zustimmung zu dieser Operation?“
Müller weiß, sie drohen mit Sanktionen und haben Erfolg.
Viele bleiben in der Stadt, nehmen offizielle Termine wahr, erfüllen ihre Funktion als politische Korrespondenten, fahren abends vom Arbeitsplatz DDR in den Westen zurück, Privilegierte. Dazu ist er nicht gekommen.
Das Trio am Tisch hat sich gut etabliert, Karriere im System, Parteihochschule mit klaren Richtlinien, Wohlverhalten, Auszeichnungen, Privilegien. Wilhelm mit Kenntnissen über den Westen – Begleiter bei den Verhandlungen zum Helsinki-Abkommen, Monate in der finnischen Hauptstadt, auf internationalem Parkett. Frau Ernst hat Moskau erlebt, zwei Semester Lomonossow. Und der Dritte, Dr. Otto, der Älteste, der Blasse in Grau, der Apparatschik, voller Galle: hier geblieben, Klassenkämpfer, Westhasser, Verbitterter.
Die neue Adresse im Osten
Die Grauen an der Grenze können ihn nicht leiden, so wenig wie alle anderen, die hier nur nach Vorlage ihrer Dokumente, ohne Kontrolle ihrer Autos, ungehindert passieren dürfen, so oft sie wollen, auch mehrmals am Tag oder in der Nacht. Es sind die Männer und Frauen mit blauen Nummernschildern an ihren Dienstwagen aus dem Westen, teure Schlitten, die sich die Grauen in ihren Uniformen niemals würden kaufen können. Sie ahnen ebenso wenig wie er, dass sie diese hässlichen Verkleidungen in zehn Jahren ausziehen und wegwerfen werden, dass sie sich dann ungehindert auf die andere Seite begeben können – ohne von ihren Kameraden erschossen zu werden; dass sie dann jeden Wagen dieser Welt erwerben werden, wenn es ihnen gelingt, einen ordentlichen Job zu bekommen.
Was die Grauen auch nicht wissen: Er kommt gerne. Manchmal redet er mit ihnen, ohne sie anzusprechen. Sie spüren seine Gedanken, erspüren sie an seiner Freundlichkeit, seinem Lächeln, mit dem er ihnen begegnet, während sie die angeordnete Miene aufsetzen und anschließend Auffälligkeiten melden müssen.
Der Unbekannte vor ihm. Zurückhaltung, ein Gefühl von Beklemmung. Mitleid mit dem Kontrolleur, eingezwängt in einer Holzschachtel, zwei Quadratmeter Lebensfläche, acht Stunden am Tag, 160 Stunden im Monat, 1.760 Stunden im Jahr – vier Wochen Ferien bereits abgerechnet. Tage und Nächte auf zwei Quadratmetern zwischen dünnen Pressspanwänden. Vor ihm Gesichter, vertraut, Gesichter aus aller Welt, Spiegel von Normalisierung und internationaler Anerkennung, wie ein paar hundert Meter entfernt, Übergang Friedrichstraße, den die Amerikaner Checkpoint Charly nennen. Dort passieren sie alle: Japaner, Franzosen, Südafrikaner, Argentinier, Chinesen – die ganze Welt. Hier, Übergang Heinrich-Heine-Straße, erscheinen die Westdeutschen.
Die Wohnung ein Gefängnis im Gefängnis, in das er sich freiwillig begeben hat. Während Hunderte ihr Leben, ihre Freiheit riskierten, um herauszukommen, wollte er herein. Er sitzt im Betonkäfig, elfter Stock, vor dem Haus ein Uniformierter, hier oben Wände und Telefon verwanzt.
Ausblicke: vom Balkon nach drüben, in den Westen, zweihundert Meter entfernt die Mauer, der antifaschistische Schutzwall, hinter dem sich die imperialistischen Feinde des Springerkonzerns in ihrem Ullstein-Hochhaus Lügen über das sozialistische Vaterland ausdenken. Auf dem Dach das Emblem des Verlags als ständiges optisches Ärgernis. Nicht weit davon entfernt der Moritzplatz mit den Ateliers der neuen Wilden, die Kreuzberger Kneipen, eine Saufrepublik fröhlicher Zecher mit immer neuen Lebensformen, Experimenten, Diskussionen, Kreativität: Dichter, Maler, ein „König von Kreuzberg“, ein Gassenhauer: „Kreuzberger Nächte sind lang …“
Und hier, fünfhundert, tausend, zweitausend Meter entfernt, im Osten. Hier sitzt er fest. Die Abende sind trostlos. Fernsehen und Gin Tonic, zwei, drei, fünf. Bevor er ins Bett geht, um in diesem überheizten Zimmer, kopfschwer und unruhig, schlafen zu können, im Bewusstsein, sie sind bei dir, belauschen dich, kennen dich, erklärt er ihnen, sie müssten sich nicht weiter um ihn sorgen, er werde sich jetzt zur Ruhe begeben und wünsche ihnen eine angenehme, von Provokationen störungsfreie Nacht. Er gibt sich heiter, locker, aufgeräumt. Dabei fühlt er sich in Wahrheit miserabel. Er bedauert sich.
Eine auffällig stille Wohnung, in die trotz der dünnen Betonfertigteilwände selten Geräusche aus der Nachbarschaft dringen. Er hat andere Erfahrungen gemacht. Bei Leipziger Messen war er mehrmals in Neubausiedlungen einquartiert worden. Untergebracht im schmalen Zimmer der Kinder, die für diese Tage der Nebeneinkünfte bei Mutti und Vati schlafen mussten. Im Sanitärteil leere Waschmittel-Pappschachteln aus dem Westen aufgestellt, erreichten ihn von dort bereits früh um sechs die ersten akustischen Morgensignale der Körperhygiene, und nicht nur von dort, sondern aus vielen anderen Reinigungskabinen des Wohnblocks. Alles gleich nebenan. Erst danach kehrte Ruhe ein. Die Mieter verlassen ihre Dienstwohnungen, um den Abend drüben, auf der anderen Seite zu genießen, im Le Boubou, bei der Dicken Wirtin am Savignyplatz, bei Lutter und Wegener, in der Parisbar, im Florian oder bei irgendeinem Italiener, egal, jede Straße bietet mehr Abwechslung als hier die gesamte „Hauptstadt der DDR“.
Auf der anderen Seite der freie Blick auf den Gendarmenmarkt, noch immer Ruinen, trostlos, das Konzerthaus und der Französische Dom. Beginn erster Rekonstruktionen am Deutschen Dom, ein Vierteljahrhundert nach dem Krieg, vom endgültigen Abriss verschont. Allmähliche Besinnung auf Kultur und Tradition. Die sozialistischen Staatslenker im Arbeiter- und Bauernstaat erheben Anspruch auf deutsche Geschichte, erklären Martin Luther, gestern noch verhasst, zum progressiven Reformator und widmen ihm einen monumentalen Spielfilm. Erich Honecker gelüstet es nach alter Pracht. Ließ der Prolet und Stalinist Walter noch Kirchen sprengen, so ordnet sein Nachfolger den Wiederaufbau der Semperoper und des Konzerthauses an, schafft Luxusherbergen und einen „Palast der Republik“. Der gelernte Dachdecker aus Saarbrücken wünscht Glanz für seine Hauptstadt.
Allein im Betongeisterhaus, gemeinsam mit den Überwachungsleuten. Selbstgespräch. Trunkene Selbstbefragung: In der Isolation. Für monatlich 800 D-Mark Miete. Ausnahmesituation. Kein Leben draußen. Der Boulevard leer.
Stadtflucht und Idylle
Brigitte B. hatte eine gute Chance, in der Hierarchie der Privilegierten aufzusteigen. Zum Abschluss ihres Studiums der Malerei und der Restaurierung war sie Meisterschülerin des Staatskünstlers Walter Womacka geworden. Sie hatte die Gelegenheit nicht genutzt. Stattdessen mit einem Stipendium Rückzug ins Private. Kein Widerspruch, keine Opposition, nur eine angenehme Lebensmöglichkeit. Landflucht. Landluft. Sommerfrische. Das Bauernhaus, die Datsche.
Nach den Erfahrungen mit ihrer vierjährigen Tochter in den staatlichen Kinderkrippen, mit genauer Regulierung, gemeinsamem Topfzwang und Mittagsschlaf, und der drohenden Schule mit den Indoktrinierungen der Staatsführung, die sozialistische Persönlichkeiten forderte, nur heraus aus der Stadt aufs Land. Hunderte waren vor ihnen nach draußen gegangen. Die Suche. Die besten Adressen auf den Dörfern waren die Landwirtschaftlichen Genossenschaften, industrielle volkseigene Großbetriebe für Pflanzen- oder Tierproduktion. Diese LPGs waren, unabhängig vom Wetter, zur Planerfüllung und Übererfüllung verpflichtet, nutzten Herrenhäuser als Lager, errichteten für Melker und Traktoristen Plattenbauten und ließen alte Bauernhäuser verkommen.
Brigitte B. und ihr Mann zogen zu Erkundungen in Richtung Norden, trafen Künstler, die dort bereits ihr Domizil gefunden hatten, erhielten den Hinweis auf die Kleveschen Häuser und fanden ein leeres Bauernhaus aus den zwanziger Jahren. Dem LPG-Vorsitzenden waren die Städter willkommen, würden sie doch das Gebäude nutzen und vor dem Verfall bewahren. Sie erhielten kostenfreies Wohnrecht unter der Bedingung, das Haus zu erhalten und Reparaturen vorzunehmen.

Brigitte B. als Titel auf der „Neuen Berliner Illustrierten“
Die Entscheidung für die Kleveschen Häuser hatte sie getroffen – es war nicht das Neubauernhaus, das erst wieder benutzbar gemacht werden musste, es war der Garten. Während ihr Mann überlegte, was zu reparieren und zu renovieren war, noch abwägte, überschlägig Kosten errechnete, war es der Blick, ihr Blick über wucherndes Unkraut, Obstbäume, Wiese, Feld bis zum Wald, ein paar hundert Meter entfernt. Sie wusste, hier wollte sie leben, nein, hier würden sie leben, aber zuallererst würde sie hier leben, mit ihrer Tochter. Alles andere würde sich finden, war nebensächlich, Improvisation.
Wilhelms Doppelleben – der Genosse im Rang eines Offiziers des Staatssicherheitsdienstes im Außenministerium der DDR – und der Kleinbürger, der zweite Wilhelm, der einfache Wilhelm, die Verwandlung nach Feierabend wenn er nach Klein-Venedig kommt. Er zieht sich um, tauscht den grauen Dienstanzug gegen Trainingshose und Trainingsjacke, rot-braun, Erinnerung an die NVA. Selbstverständlich hat er seinen Dienst an der Waffe absolviert, an der Waffe ein paar Wochen nur, die übrige Zeit in der Presse- und Propaganda-Abteilung der Armee. Der nun aus der Datsche in den Garten tritt, ist ein anderer; nicht, dass er sich entpuppt hätte, von der Raupe zum Schmetterling geworden wäre, aber verwandelt, ein netter Privatmann, so wie alle hier zu liebenswerten Privatpersonen werden. Lässige Biertrinker und Würstchengriller. Ihre überwiegend molligen Frauen, die für die Woche hochtoupierten Haare nun aufgelöst, mit bunten Blusen über ihren fülligen Brüsten, die strammen Beine bis zu den Knien in eng anliegenden Hosen. Verkleidete Rubens-Figuren. Sie sind locker, die Genossen von Klein-Venedig, ohne ihre Abzeichen, nicht zu erkennen, stünden da nicht Wernesgrüner Pils und Becherovka auf den Tischen, lägen da nicht köstliche Steaks auf dem Grill, die sonst zum größten Teil ins kapitalistische Westberlin und in die BRD geliefert werden, unter dem Ladentisch, Bückware, Beziehungen, Tauchhandel, gegenseitige Vorteilsnahme: Kinderschuhe, erzgebirgisches Spielzeug, Rinderfilet, Auspuffrohre, immer gibt es irgendwo irgendetwas.
Alltag eines Korrespondenten in Ostberlin
Müller versorgt sich in der Kaufhalle – das Brot für 51 Pfennige, zwei Sorten Joghurt, drei Sorten Käse, Butter, Milch, alles einfach und schmackhaft, subventioniert. Auch wenn er sich unauffällig kleidet, die Verkäuferinnen erkennen in ihm einen von drüben, Misstrauen gegenüber diesem Mann, der sich Besseres leisten könnte und der, offenbar auch noch schwul, einen goldenen Ring im linken Ohr trägt.
„Ist was?“, fragt er die Neugierige hinter der Kasse, die aufdringlich das Schmuckstück betrachtet.
„Nö, nö“, sagt sie. „Is nischt.“
„Is wirklich nischt?“, fragt er.
„Nö, nö“, sagt sie.
„Sie meinen den Ring im Ohr. Trag’ ich, seit ich Baby bin. Immer dringeblieben.“
„Ach so“, sagt sie.
„Quatsch“, sagt er. „Gefällt mir nur. Bin aber nicht schwul. Ich liebe Frauen.“
„Ist schon in Ordnung“, sagt sie.
„Na ja, dann. Was macht das hier?“
„Drei zweiundachtzig“, sagt sie.
‚Ich sollte was über Schwule in der DDR schreiben‘, denkt er, ‚und über die Ostfrauen, die alle irgendwie Yvonne oder Marlene heißen. Sie haben irgendetwas.‘
„Du solltest dich vor ihnen hüten“, antwortet er sich.
„Warum sollte ich mich vor ihnen hüten?“
„Frauen, die sich für dich interessieren, wollen entweder mit dir in den Westen oder sie sind vom Staatssicherheitsdienst.“ „Ich weiß. Es sind die wahren Kämpferinnen des Sozialismus.“
Er hat sie erlebt, die Karl-Marx-Liebesdienerinnen mit dem MfS-Ausweis. In den Hotels und Bars der Messestadt Leipzig, die eleganten Westfrauen aus dem Osten, perfekt gekleidet, ihr Englisch im leicht warmem mitteldeutschen Klang, sächsisch oder thüringisch. Er wusste um die Sozialismus-Mätressen aus der Kaderschmiede der Partei, die nicht nur darin geschult waren, ihren Kurzzeit-Liebhabern nach dem Orgasmus zu schmeicheln und ihnen nebenbei weiter verwertbare betriebliche und familiäre Geheimnisse zu entlocken, sondern die vor ihren Einsätzen noch in einer Schönheitsklinik der Staatssicherheit bei Halle an der Saale körperlich aufgemotzt worden waren. Zwar ideologisch perfekt, galt es, kleine körperliche Mängel zu kaschieren: Beseitigung von Krähenfüßen, Brustvergrößerungen, Nasenoperationen. So waren die Ost-Mata-Haris auf dem Leipziger Messe-Parkett, verlockende Sehenswürdigkeiten und die Westmänner, wenn auch gewarnt, leichte Beute. Ihre Zielpersonen waren die Bosse aus Führungsetagen, mittelständische Unternehmer und Politiker, die sich alle umgarnen ließen, eingesponnen im Netz der Firma, die von Dienstreisen immer wieder zurückkehrten und, um Enthüllungen zu Hause zu entgehen, Informationen preisgaben, freiwillig oder erzwungen. Sie hatten sich eingelassen.
Er ernährt sich aus der Kaufhalle. Will kosten, auskosten. Er leistet es sich, für Pfennigbeträge. Hausmannskost als exotische Speise. Schmackhaft. Ein Experiment für einen, dem jederzeit, ein paar hundert Meter entfernt, alles serviert wird, chinesisch, kroatisch, türkisch, spanisch, japanisch und italienisch, an jeder Ecke. Die Stadt, die Weststadt als eine große Fressmeile von der Albertstraße bis zum Savignyplatz. Gleich neben dem Westberliner stern-Büro sein Italiener – das Il Sorriso: Pasta, Scampi vom Grill, Mozzarella, Vino Nobile aus Montepulciano, Vitello, Sabaglione, Tiramisu, Grappa, Vernacchia, Chianti Classico, Gran Sasso Primitivo Puglia aus Vendemmia.
Hier, im Osten, ein einziger Italiener mit sächsischem Koch und sächsischer Bedienung, Pizza mit Haufenbelag, Wein aus Rumänien – das Besondere für Devisen im Interhotel, in Leipzig am Ring. Müller weiß: er hat sich diesen Aufenthalt selbst verordnet. Er will dabei nicht nur, wie er sich immer wieder versichert, zurück in die Heimat, zu den Wurzeln. Er will fort aus seinem bisherigen Leben des Überflusses und des Überdrusses, der Sattheit, Gewohnheit mit allen Bequemlichkeiten.
Harald Schmitt – der Fotograf
Auf der anderen Seite wartet Harald Schmitt. Harald, der junge Fotograf, ein Dreißigjähriger, charmant, höflich, gute Manieren. Schmitt fühlt sich „in der Hauptstadt“, wie er Ostberlin nennt, heimisch. Seit zwei Jahren lebt er hier, zufrieden, wenig beschäftigt. Nick Barkow, der bisherige Korrespondent, Müllers Vorgänger, konnte nur wenige Geschichten platzieren, nachdem vor ihm Eva Windmöller und ihr Mann Thomas Höpker die DDR als kleinbürgerliche Idylle dargestellt hatten, ein biederes Land mit biederen Menschen – die Klorollen auf der Ablage ihrer Kleinwagen unter Häkeldeckchen verborgen, dickbäuchige Handwerker der Mangelwirtschaft, gemütliche Brigaden und Kleingärtner in ihren Wochenendhäusern, die sie, nach russischem Vorbild, Datschen nennen. Beschauliches Deutschland, nicht so ganz demokratisch, wissen wir, wollen wir, drüben, in der alten Bundesrepublik eigentlich auch gar nicht wissen. Es soll nur schlimm sein dort. Keine Freiheit.
Thomas Höpker hatte die DDR als das „langweiligste Land der Welt“ bezeichnet. Welch ein Irrtum. Die DDR ist spannend, aufregend, irritierend. Ein politisches Labor für den „real existierenden Sozialismus“, eine Diktatur, die Einparteienherrschaft der SED, ein Überwachungsstaat. Unverändert. Müller ist hier aufgewachsen. Ein Wiedersehen. Aufmärsche, Paraden, Kinder mit Pionierhalstüchern, die Hand zum Gruß an der Mütze, Jugendliche in blauen Hemden, massenhaft, bestellt, aufgestellt. Es wird marschiert, Tribünen mit dem Vorsitzenden der Genossen, dem Ministerrat. Militärkapelle. Parade mit den bewaffneten Streitkräften. Schmitt fotografiert das alles. Ohne Auftrag. Ein Chronist. Harald Schmitt kennt sich mittlerweile aus. Verhaltensregeln, Vorzüge, Vorschriften, Einschränkungen. Nach zwei Jahren beherrscht er den Alltag, weist den Neuen ein. Müller ist nicht fremd. Aber es sind alte Bilder, Erlebnisse, die 23 Jahre zurückliegen.
Schmitt ist ein Bildersammler, der Menschen mag, sich ihnen freundlich nähert, sie erkennt, für sich gewinnt, sie ermuntert, einen Augenblick in ihrem Leben. LPG-Bauern am Feldrain, unbekümmert fröhliche Jugendliche auf dem Weg nach Berlin, Maler in ihrem Atelier, Autobastler mit ihrem Trabant, Diplomaten staatsmännisch und den Staatsratsvorsitzenden in Afrika. Er denunziert nicht, er findet das Besondere. Dazu die Kuriositäten und Schäden dieses unbekannten Landes: Parolen, Schaufensterauslagen, Briketts auf Bürgersteigen, verdreckte Fabriken, verfallene Häuser. Schmitt und Müller – zwei Geschichtensucher auf dem Weg.
Die Demonstration
Der Ausnahmezustand. Ostberlin als Aufmarschplatz. Aus allen Teilen der DDR kommen die Demonstranten. In Sonderzügen, in Bussen, mit Mannschaftswagen. Am Vortag verschwinden die Datschenbesitzer in ihren Sommerhäusern am Stadtrand. Die Korrespondenten gönnen sich freie Tage. Am Vortag beginnen die Absperrungen von Straßen und Plätzen, bleiben die Geschäfte leer, gehört Ostberlin den Akteuren. Müller bleibt. Er will das Spektakel erleben, ein jährlich wiederkehrendes Großschauspiel, eine Massenveranstaltung von Tausenden, angeordnet, befohlen, militärischer Mummenschanz, offizielle Bedrohung.
Gefeiert werden nicht der 1. Mai, der Tag der Arbeit und der Arbeiter, nicht der Gründungstag der Deutschen Demokratischen Republik. Es sind die Tage der Macht, die Tage der Selbstdarstellung. Die Stadt ist erfüllt vom Widerhall der Marschschritte entlang der S-Bahn-Bögen, erfüllt von Kommandos, erfüllt von Gehorsam, Disziplin, Drill, sorgsam eingeübt, alles wie am Schnürchen. Es gibt sorgsam entwickelte Pläne, Erfahrungen, immer weiter verfeinert, Strukturen. Jeder an seinem Platz. Die Tribünen werden errichtet, die Tribünen für die Staats- und Parteiführung und für die Ehrengäste. Das Fuß-Volk der Fahnenschwenker und Mitläufer ist zu festgelegten Plätzen zitiert. Spätabends rollen Panzer mit Geschützen, Lafetten mit Raketen über die Karl-Marx-Allee, die einstige Stalin-Allee. Das Gerassel der Kettenfahrzeuge. Die Straße von Menschen leer.
Müller spürt Beklemmung, hat das Gefühl, als läge über Ostberlin eine bedrohliche Spannung, als herrsche Ausnahmezustand. Es sei eine Frage der Gewöhnung, erklärt Schmitt. Alles nur großes Brimborium.
Müller schläft mit den Geräuschen des Vor-Krieges ein, erwacht früh. Wieder Befehle, Schritte von Einheiten, Kompanien? Müller, ungedient, kennt sich nicht aus, ein militärisches Greenhorn. Am Morgen das Ritual, das große Theater. Die hohen Herren nehmen mit den Repräsentanten der Brudervölker auf den Tribünen Platz, genießen das Schauspiel winken jovial von oben herab – unter ihnen das Volk, das Teilvolk, mit Fahnen, Spruchbändern, Hochrufen. Kapellen ziehen vorüber, gedrillte Kampfgruppen, Soldaten der Nationalen Volksarmee mit ihrem Kriegsgerät.
Er erinnert sich an seine Zeit, als auch er 1950 nach der Gründung der DDR mit seinen Klassenkameraden zur Demonstration beordert wurde. Lehrer Sachse hatte ihn zusammen mit ein paar anderen dazu ausgewählt, dem Präsidenten das „Immer bereit!“ der Jungen Pioniere zu entbieten. In kurzen Hosen, mit weißem Hemd und dem Halstuch, das ihm die Großmutter sorgfältig zum Knoten gebunden hatte. Anständig hatte er aussehen sollen. Auf die Tribüne waren er und die anderen von Wilhelm Pieck, dem gemütlichen alten Mann mit der Entgegnung „Seid bereit!“ und Handschlag begrüßt worden. Dazu die Ermahnung, immer fleißig zu sein.
Der junge Dieter Müller, bürgerlicher Herkunft, war wie alle in die Kinderorganisation eingetreten, auf Empfehlung des Kriegsheimkehrers, Lehrer Sachse, und seiner Großeltern. Großvater und Großmutter wussten aus Erfahrung um die Notwendigkeit der Anpassung im totalitären System. Der Mann, der ihn in seine Obhut und seine Erziehung übernommen hatte, war wohlüberlegt in die Partei eingetreten, am Revers des grauen Anzugs das Abzeichen der NSDAP, zum Gruß das „Heil Hitler!“, um ohne Schwierigkeiten in seinem Laden weiter Zigaretten und Zigarren verkaufen zu können.
Nichts hat sich geändert. Der Großvater weiß, Diktaturen erfordern Strategien. Nach seiner Zeit bei den Pionieren tritt der Enkel in die FDJ ein, ein falsches Blauhemd-Bekenntnis zum Staat, das dem Kind aus eher suspektem bürgerlichem Milieu den Zutritt zur Oberschule erleichtern soll. Der kleine Müller erzählt der Großmutter zu Hause, es sei sehr schön gewesen. Der Präsident habe ihm über den Kopf gestreichelt. Damals war er noch ein dummer Junge. Und ging es ihnen jetzt nicht schon viel besser – nach dem Krieg? Und der Frieden war damals noch nicht wieder bewaffnet …
Kindheit in der DDR
Dieter Müller: Der Junge im Familienalbum, aufgenommen mit der Box-Kamera, unbeholfen schüchtern im großen Garten An der frohen Zukunft in Halle mit Oma und Dackel Lumpi. Spielkameraden gab es hier nicht, nicht an den Wochenenden mit Hefekuchen und Kaffee aus der Thermoskanne. Lumpi, Freund mit fliehenden Schlappohren im Rucksack auf dem Fahrrad. Später: Der Junge bei der Klassenreise in Wernigerode, zusammen mit anderen. Dazu Fotografien, die er selbst aufgenommen hat – Landschaften, Waldstimmungen. Regentage, Regennächte. Das Zelt durchlässig. Im Dunkel der Kopf in einer Wasserlache. Ärger mit dem Pfarrerssohn, Dombrowski, arrogant, eifersüchtig auf Müller, der, im Gegensatz zu Dombrowski, dem einsamen Orgelspieler, mit seinen Darbietungen am Flügel in der Schule Erfolg hat und selbst bei den Lehrern beliebt ist, deren Fächer er vernachlässigt.
Später: Der Junge nach dem Besuch der Steherrennen im Kurt-Wabbel-Stadion auf dem Fahrrad bei einem Radrennen, von der Schule veranstaltet. Müller hat als zweiter das Ziel erreicht, vor Klaus Kohl, dem Jungen mit dem Mecki-Haarschnitt, auf dem dritten Platz, ein Triumph des schlechten Geräteturners.
Alles gegenwärtig. Ich sehe den Kreiselplatz vor dem Haus, die Gärten, das Kind unterwegs mit dem Leiterwagen, hoch beladen mit Obst und Gemüse, die große Ernte im Herbst. Kilometer von der Frohen Zukunft und vom Krokusweg (zwei Gärten im Sozialismus!) in die Schleiermacherstraße. Ächzende Räder unter der Last. Der Junge an der Deichsel, die Früchte des Sommers zum Überwintern: Birnen und Kohl, Bohnen, Kartoffeln, Gurken, Tomaten. Der Geruch des Herbstes, von den Obststiegen im Keller, Regale voller Gläser, Marmelade und Gemüse, in einem großen grauen Topf auf dem Kohleherd eingeweckt, verschlossen mit Gummiringen.

Dieter Müller als Kind im Garten in Halle-Mötzlich
Besuch in Grünheide
Müller will nach Grünheide, zu Robert Havemann, ohne Genehmigung. Schmitt hält das für falsch. Keiner der Journalisten fährt zu Havemann. Der Regimekritiker stand bis vor kurzem unter Hausarrest, durfte sein Grundstück nicht verlassen, Kontakte zu Personen aus dem Westen waren ausdrücklich untersagt. „Wir sollten nicht fahren“, meint Schmitt. „Wir werden Schwierigkeiten bekommen.“
„Kann sein“, entgegnet Müller, „aber sie können uns nichts anhaben. Sie können uns nur ausweisen.“
„Das willst du riskieren?“, fragt der Jüngere den Älteren. „Nach so kurzer Zeit?“
„Sie werden uns verwarnen“, sagt er. „Mehr wird nicht passieren.“
„Wir müssten uns im Ministerium abmelden“, meint der Fotograf. „Das ist Vorschrift.“
„Warum sollen wir uns abmelden, wenn wir ohnehin keine Genehmigung erhalten? Was auch immer wir unternehmen, es ist illegal.“
Als sie die Stadtgrenze bei Köpenick passieren, wird ihre Nummer von der Volkspolizei notiert. Hinter Erkner biegen sie, gegenüber der Autobahnauffahrt, nach links Richtung Grünheide, sie erreichen verbotenes Terrain. An einem Waldstück parkt der zweite Streifenwagen, der dritte ist hinter der Einfahrt zur schmalen Burgwallstraße postiert. Meldungen an die Zentrale, Information an die Staatssicherheit vor Ort.
Hier draußen, am Rande der Stadt, in Hessenwinkel, Grünheide, Müggelheim, Wendenschloss sind Staatsschauspieler, Wissenschaftler, Maler, Schriftsteller, Komponisten und Unterhaltungsmusiker zu Hause, die das Wohlwollen der Partei genießen, die zum Kulturminister, anderen Regierungsmitgliedern und zur SED-Führung gute Kontakte haben, für Wohlverhalten ausgezeichnet mit Verdienstorden, materiellen Privilegien und mit Reisegenehmigungen ins kapitalistische Ausland. Sie haben sich eingerichtet, wissen gut zu leben, so wie vor ihnen andere.
Die Gebiete wurden mit der Industrialisierung und dem Aufschwung Berlins zur deutschen Hauptstadt besiedelt. Industrielle und Kaufleute zogen aufs Land, bauten ihre Landhäuser und Sommer-Domizile, prachtvolle Villen, Schwarzwaldhäuser, kleine Schlösser und Burgen. Sommerfrische für die Industriegewinnler, die Arbeiter in den Tbc-Hinterhöfen von Wedding, Neukölln, Prenzlauer Berg. Die Künstler kamen. Den Autor des sozialen Elends, Gerhard Hauptmann, zog es nach Erkner, Fontane nach Neuglobsow, den Maler Findus nach Woltersdorf, den Stummfilmstar Henny Porten nach Hessenwinkel.
In der sozialistischen Gegenwart hat der einstige Häftling Erich Honecker im Gefängnis von Brandenburg den Kommunisten und einstigen Mithäftling Robert Havemann hier draußen festgesetzt, weil Annäherung und Verständigung unmöglich sind, aber Festnahme, Verurteilung und Zuchthaus zu internationalen Protesten führen und dem Image des Staates großen Schaden zufügen würden.
Dabei hat Havemann seine Isolation selbst verschuldet. Einst privilegierter anerkannter Wissenschaftler, SED-Mitglied und Stalinist, der Mitglieder der jungen Gemeinde bekämpfte, Besitzer eines traumhaften Seegrundstückes, hatte er sich nicht an die Regularien erforderlicher Machtpolitik gehalten und war anderen Sinnes geworden – ein Kritiker des Regimes, der ohne Rücksprache und Rücksicht Veränderungen forderte. Das Ärgerliche: Havemann ist noch immer, trotz allem, trotz Stalin, trotz Ulbricht, trotz der Entziehung seines Lehrauftrags, trotz Verleumdungen, trotz seiner Ächtung ein Verfechter kommunistischer Ideale geblieben, ein Radikaler.
Auf der Burgwallstraße stehen auffällig zwei Männer. Die beiden Fremden parken den Wagen vor dem Grundstück. Unter Beobachtung klingelt Müller an der Gartentür. Eine Frau Mitte zwanzig, schulterlanges dunkles Haar, öffnet: Katja Havemann. Sie ist nicht überrascht, nach Grünheide sind viele zu Besuch gekommen, aus dem Osten und aus dem Westen: Schriftsteller, Liedermacher, Wissenschaftler, und früher, vor dem Hausarrest, auch Journalisten. Nur die meisten Politiker aus der alten Bundesrepublik wagen nicht, sich mit dem Dissidenten zu treffen. Sie fürchten Verstimmungen im deutsch-deutschen Dialog, sprechen nicht über die Opposition in der DDR. Feigheit. Und: Havemann ist ihnen mit seinem klaren Bekenntnis zu einer kommunistischen Gesellschaft suspekt. Zu den wenigen Besuchern gehören Petra Kelly und Gert Bastian von den Grünen.
Havemann begrüßt Müller und Schmitt im Wohnraum, groß, mit schütterem Haar, gebeugt, begegnet den Besuchern freundlich, hat sie nicht erwartet. Es ist einsam geworden um ihn, hier draußen, mit dem Hausarrest, Mit der Belagerung der kleinen Straße, mit den Schikanen hat der Staatssicherheitsdienst Abschreckung bewirkt. Furcht, Angst vor Repressalien, Bedenken.
Sie sitzen im Wohnzimmer. Katja bietet Tee an. Robert Havemann stellt das Radio laut. Sie stecken die Köpfe zusammen, unterhalten sich, Gespräche nah in das Ohr des anderen. Richtmikrofone ohne Wirkung. Sie gehen in den Garten, auf dem weiträumigen Grundstück, das nach unten zum See führt.
„Wo sitzen die Freunde?“, fragt Müller.
„Gleich nebenan, im Flachbau, haben sie sich eingerichtet und ihre Mikrofone und Fotoapparate installiert. Auf der Straße die beiden habt ihr gesehen, und schräg gegenüber“, antwortet Havemann.
„Hin und wieder stehen auch mal zwei auf den Bootsstegen der Nachbarhäuser. Wir grüßen sie, keine Reaktion. Im vergangenen Jahr hatten wir vorübergehend Flutlicht. Drüben auf dem Dach war ein Scheinwerfer installiert. Dazu das stärkste Lichtaggregat von Seeseite. Nach ein paar Wochen war der Spuk vorüber.“ Hausarrest in der Idylle. Eingesperrt im eigenen Land, im eigenen Haus, eingemauert und umzingelt.
Hier lässt es sich leben: Flachdachbungalow – ein gemütliches Heim, hinter Jägerzaun und Vorgarten das Haus. Vor der Terrasse das Grundstück abschüssig, eine Wiese, große alte Bäume, zwischen denen Stufen an den See führen. Hier unten füttern sie Enten und Blässhühner. An einem Steg ein Ruderboot. Früher ist der Alte manchmal mit seiner jungen Frau auf den See gerudert. Verliebt, ein brillanter Erzähler, angenehmer Mann, immer bewundert, überzeugend, gewinnend. Alles könnte gut sein, fügte er sich, widerspräche er nicht, schriebe er Abhandlungen über gelebten, erlebten Sozialismus in der Deutschen Demokratischen Republik, über Chancen zur Überwindung des kapitalistischen Systems. Keine Verbiegung, nur Anpassung. Wandlungsfähigkeit statt Starrsinn.
Zufriedenes Leben. In der Dämmerung kommen die Waschbären auf die Terrasse, um sich am trockenen Abendbrot satt zu futtern. Vorhaustiere.
Rückkehr in die Burgwallstraße. Müller will nicht nur die Geschichte für das Magazin. Müller will Roberts Geschichte. Er will wissen. Er, der Junge, damals in Halle an der Saale am 17. Juni, und der Alte aus Grünheide, damals noch Stalinist, oder?
„Es waren die Tage der Entscheidung, für mich und nicht nur für mich allein.“ Versuch einer Erklärung.
„Du warst Stalinist“, sagt Müller.
„Was heißt das? Ein Klischee, mein Lieber. Wir waren Stalinisten, weil Stalins Rote Armee uns befreit hatte, weil er dieses Deutschland befreit hatte, zusammen mit den Amerikanern, den Engländern, den Franzosen. Aber in Berlin hat die Rote Armee dem nationalsozialistischem Terror ein Ende bereitet.“
„Und neuen Terror gebracht.“ Sagt Müller.
„Das wissen wir heute. Damals war ich in Brandenburg inhaftiert, Kommunist wie Honecker. Wir haben, beide ‚Politische‘, unabhängig voneinander überlebt. Überlebt! Dann kamen die Russen, und wir waren frei!“, sagt Robert.
„Und nun hat dein Mitgefangener Erich dich unter Hausarrest gestellt!“
„Ein Verblendeter, Apparatschik, in Macht erstarrt, er glaubt, richtig zu handeln, hält sich für fortschrittlich – und ist es auch im Vergleich mit Ulbricht, nur dass er mit anderen Mitteln praktiziert“, sagt Robert.
„Warum bist du nicht in den Westen gegangen wie Herbert Wehner, Carola Stern, Ralf Giordano?“
„Vielleicht, weil ich nicht in Moskau war und nicht Stalins Säuberungsaktionen erleben musste. Weil ich an das neue Deutschland glaubte, an die einmalige historische Chance.“
Havemann als Verächter der Flüchtenden, aller, die in den Westen gehen, ihr Land verlassen, der Abhauenden, der Verräter, der Feiglinge. Havemann, der kein Verständnis für den Sohn hatte, dem Wolf Biermann, der Gerechte, Selbstgerechte, ein Schmählied schrieb, das ein Leben zerstörte.
„Und wann hast du deinen Irrtum begriffen?“, fragt Müller.
„Eine Vision ist kein Irrtum. Die Vision von einer sozialistischen Gesellschaft ist kein Irrtum. Es war die Erkenntnis, dass Diktatur nicht zum Ziel führt. Jeder Versuch, eine Vision mit den Mitteln der Diktatur zu verwirklichen, muss scheitern.“
Und hier treffen sich die Erlebnisse des Fünfzehnjährigen aus Halle mit der Analyse des Wissenschaftlers aus Berlin. Das trennt die beiden: Der eine floh und kehrt nun doch zurück, der andere blieb, weil er bleiben musste.
Im Außenministerium der DDR beobachtet man seit einiger Zeit ein wachsendes Interesse der Westmedien. Die Berichterstattung beschränkt sich nicht auf die Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten. Es erscheinen immer häufiger Beiträge über renitente Künstler wie Biermann und „Bürger mit antisozialistischer Gesinnung“.
Wilhelm hat geahnt, dass der stern nach den ruhigen Zeiten mit Nick Barkow sich intensiver mit der DDR beschäftigen würde. Er hatte freilich nicht geahnt, welche Schwierigkeiten der Neue bereiten würde. Müller wird zur Belastung. Ihn zu betreuen, ist eine undankbare Aufgabe. Alle Informationen, alle Berichte, alle Aussagen über Müller erreichen Wilhelm, sie beanspruchen ihn. Müller bedeutet Arbeit, Überraschungen, aber auch Überraschendes. Der Genosse im Außenministerium erhält Material, aus dem sich ein Psychogramm entwerfen lässt: Ess-, Trink-, Schlaf-Gewohnheiten, Bewegungen, Müllers Verhalten beim Geschlechtsakt, seine Sorglosigkeit im Umgang mit Schriftstücken und Notizen, wobei es auch möglich wäre, dass der Beobachtete seine Beobachter auf falsche Fährten lockt. Oder sollten drei, vier Briefe von einer Bekannten aus Westberlin unbeabsichtigt im Abfall gelandet sein?
Müller ahnt nicht, wie genau Wilhelm sich mit ihm beschäftigt, ihn kennt, immer näher kennenlernt, hört nicht die feine Ironie in der Stimme seines Wächters, spürt nicht das Erstaunen über seine unerwarteten Reaktionen – zwei Schachspieler, bei denen jedes Spiel im Remis enden muss. Wilhelm versucht aus dem Verhalten Müllers Erkenntnisse zu gewinnen, um so dessen Schritte bewerten, voraussehen zu können.
Meyer erwartet regelmäßig Berichte über die Korrespondenten aus der BRD, die mit wenigen Ausnahmen Ruhe bewahren, sich an die Vorschriften halten, über die politischen Ereignisse berichten, über die Vorbereitungen zu einem Treffen des Staatsratsvorsitzenden mit dem Bundeskanzler, Artikel zu Messen, offizielle Erklärungen. Probleme bereiten vor allem die Korrespondenten des Spiegel, dessen Büro bereits zweimal geschlossen werden musste, und die Fernsehkorrespondenten, die sich intensiv mit den subversiven Kräften beschäftigen und ihren so zu unangemessener Aufmerksamkeit verhelfen.
Müller verstärkt die Gruppe der Schwierigen. „Der Mann ist unberechenbar“, erklärt Wilhelm, nachdem das Dossier über den ersten Besuch in Grünheide vorlag. Seit der renitente Philosoph unter Hausarrest stand, hat ihn keiner der Journalisten besucht, haben alle auf einen Kontakt verzichtet.
„Wir müssen ihn aufhalten, zurückweisen“, fordert der graue Doktor Otto.
„Wir können ihn nicht zurückweisen“, wendet Genosse Meyer ein. „Die Korrespondenten genießen einen diplomatischen Status.“
„Außerdem“, so Wilhelm, „auch das wäre für ihn sofort wieder eine Geschichte.“
1945, das Ende des Krieges, die Befreiung für die Überlebenden in den Ruinen, in den Konzentrationslagern, in den Gefängnissen. Für die Emigranten war Hoffnung, auch für Robert Havemann und Erich Honecker, war die Chance zu einem Neubeginn; und viele sahen die bessere Zukunft im Osten, die Möglichkeit zur Neugestaltung eines Landes, unabhängig von Industrie und Kapital, scheinbar frei von alten Nationalsozialisten, von denen es doch auch viele gab, die auch für den Aufbau des Sozialismus genutzt wurden. Aber: sie waren nicht Teil der Machtelite wie in der Bundesrepublik, in der Hitlers Getreue neue Führungspositionen in Politik, Wirtschaft und Geheimdiensten schamlos übernommen hatten.
Hier in der DDR dagegen schien ein neuer Geist Großes zu schaffen: Arbeiterenthusiasmus, Fortschrittsglauben, Aufbau, Hymnen, denen da drüben beweisen, was möglich ist: Auferstanden aus Ruinen … Die Versprechungen erfüllten sich nicht. Schuften für die Industrie („Max braucht Wasser!“) ohne gerechten Lohn bei Mangel an Lebensmitteln und Konsumgütern. Dazu die fortschreitende Etablierung der Diktatur – die „Gruppe Ulbricht“ erfüllte den Moskauer Auftrag nach sowjetischem Vorbild, unter der Kontrolle der Besatzungsmacht: Zwangsvereinigung von KPD und SED, Verfolgung, Verurteilung, Hinrichtung vermeintlicher Kollaborateure und Staatsfeinde, Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, Terrorjustiz, Ausschaltung Andersdenkender, Unterdrückung aller Reformansätze, Denunziation und Isolation von Journalisten, Schriftstellern, Künstlern, tausende politische Gefangene. Die Diktatur mit dem Beginn ihrer Selbstzerstörung, der Anfang eines jahrzehntelangen Siechtums.
Grünheide: Frühjahr. Bäume und Büsche im frischen Grün. Ein milder Abend. Ein ungerufener Bekannter erscheint, mit einem übertrieben herzlichen „Hallo, wie geht’s, mein Lieber!“ Robert zu Schmitt und Müller nebenbei mit einer Handbewegung über den Mund. Schweigen. Freddy aus Ostberlin, modisch gekleidet, flott mit einem Mallorca-Gürtel, packt eine Flasche Sekt und Stuyvesant-Zigaretten aus.
„Donnerstag“, sagt er, „Zeit für eine Schachpartie, lieber Robert.“
„Das ist Freddy“, stellt Robert den Besucher vor „Und das sind Dieter und Harald!“ Mehr nicht. Bevor Freddy es vergisst: „Ich könnte dir helfen und dich vor den neugierigen Blicken der Bewacher schützen!“
„So! Interessant! Und wie?“, fragt Robert höflich den ungebetenen Gast, der einmal in der Woche erscheint. Donnerstags. „Ich habe gute Verbindungen nach Ungarn. Die liefern mir auf Wunsch einen drei Meter hohen Zaun aus Reet. Wir können ihn rund um euer Grundstück aufstellen. Als Sichtschutz.“
„Besser nicht, was meinst du, Robert?“, fragt Katja, die zugehört und belegte Brötchen auf den Tisch gestellt hat.
„Damit versperren wir uns ja jeden Spaß und jede Abwechslung, und unseren Betreuern auch!“
So würde die Staatssicherheit Robert Havemann zum Schutz vor der Staatssicherheit einen Reetzaun liefern. Der Einschmeichler. Und so leben Robert und Katja mit der Firma im eigenen Haus. Robert gewinnt die Partie.
Der 30. Geburtstag
Harald Schmitt fragt Müller, ob er am Wochenende mitkommen wolle aufs Land, im Norden, anderthalb Stunden außerhalb der Stadt, ein Dorf nördlich von Oranienburg und Löwenberg, Namen, die ihm unbekannt sind. Brigitte B. feiert ihren 30. Geburtstag. Sie hätte sicher nichts einzuwenden, wenn er sie begleiten würde.
Er sitzt in dem kleinen roten japanischen Wagen, einem sportlichen Toyota, dem einzigen in der DDR, schnittig. Vorn Harald, neben ihm die Restauratorin Annette, eine Kollegin von Brigitte B. Müller, auf der schmalen Rückbank, gut und warm verpackt in neuer Garderobe, die er erst gestern gekauft hat, eine weinrote gefütterte Hose, braune Lederstiefel und einen hellblauen Anorak, darunter ein dunkelblauer Pullover. Er hasst es, zu frieren. Der Winter hat unerwartet früh eingesetzt. Es schneit bereits seit Stunden. So kommen nur langsam voran. Die Flocken blenden, der Wagen findet mit Sommerreifen nur schwer Halt auf dem rutschigen Untergrund im Brandenburger Winterweiß. Räumfahrzeuge sind nicht in Sicht, vermutlich gibt es nur wenige, die eingesetzt werden können. Vielleicht bleiben sie auch in den Garagen, und die Einsatzleiter warten erst einmal bis morgen früh ab. Auch dann wäre noch genügend Zeit. Nur wenige Autos unterwegs. Fremde Welt, ferne Welt, verlassene Gegend. Auf sechzig Kilometern zählt Müller fünfzehn Autos. Sie fahren auf der Fernstraße, der F 97, über Oranienburg und Löwenberg, biegen nach fünf Kilometern rechts auf eine schmale Straße ab, deren Fahrbahn unter einer dicken Schneedecke kaum zu erkennen ist. Märchenland? Oder: Der Hund verfroren? Eine Brücke über die Eisenbahnstrecke an die Küste, frischer Schnee spurenlos. Es schneit weiter.
Auf der Suche. Ein Dorf wird passiert. Dann ein Weiler, eine Ansiedlung von zehn, zwölf Häusern. Vor einem unscheinbaren Gebäude am Ende drei Autos mit dicker Schneehaube. Durch frischen Schnee, mit Schneeschuhen und Flockengesichtern in das kleine Haus.
Die erste Begegnung. Brigitte B, vergnügt, geschäftig, die den Unbekannten, Unerwarteten freundlich begrüßt, seine Geschenke, Blumen und Cognac, dankend entgegennimmt, ihn, wie sie ihm später erzählen wird, beobachtet wie einen merkwürdig exotischen Fremdling und sich insgeheim über die Farbkombination seiner Winterausrüstung amüsiert; ihren Mann vorstellt, einen großen bärtigen Naturburschen, der sie ins angrenzende Wohnzimmer führt. Im kleinen Bauernhaus neben der Küche die Runde der Gäste um einen großen Tisch platziert: der Jazzposaunist Gregor mit seiner Frau, ein Maler und ein evangelisches Pfarrerehepaar. Sie trinken in wohliger Wärme Bier und Schnaps. Die Neuen setzen sich dazu, unschlüssig, worüber sie sprechen sollen, zwei Fremde aus der anderen Welt, Exoten. Sie werden betrachtet, neugierig, willkommene Eindringlinge, die in ihr Gelage Abwechslung bringen. Sie rücken zusammen, holen Stühle an den Tisch.
„Was wollt ihr trinken? Ist alles da.“ Annäherung, Neugier. Reden über das Wetter, über Straßenverhältnisse, Streudienst, später über die Arbeit der Korrespondenten in diesem Deutschland und die Reisen in den Osten Europas.
„Wir sind ein Winterwunderland“, sagt der Pfarrer.
„Du weißt nie, ob du ankommst oder ob du wieder wegkommst.“
„Bei uns fühlen sich alle so wohl, dass sie bleiben wollen“, sagt der Hausherr lachend.
„Wir sind hier zu Hause, glücklich für immer. Forever GDR.“ „Wir leben in einer Planwirtschaft, auch der Winterdienst funktioniert nach Plan. Und heute ist kein Winterdienst. Aber das versteht ihr da drüben sowieso nicht“, sagt Gregor. Bier steht auf dem Tisch, und Wein und Schnaps.
Es geschieht. Müller sieht sie, betrachtet sie, verwirrt sich. Sekunden. Später wird er erzählen, es seien Sekunden gewesen, die alles entschieden hätten. Sein Leben gerät aus den Fugen. Was ereignet sich? Was passiert ihm? Verwirrung. Verirrung. Müller beobachtet die Frau in der kleinen Küche, unmittelbar neben dem Wohnraum, ohne Tür, einsehbar. Keine Hausfrau, keine von der Art, wie er sie von drüben kennt, verheiratete Hannover-, Hildesheim-, Stuttgart-, Regensburg-Hausfrauen. Er benutzt einen Vorwand.
„Wo kann man hier mal?“, fragt Müller.
„Haben wir den größten Komfort zu bieten“, sagt ihr Mann fröhlich, weist auf die Tür in den Garten.
„Draußen über den Hof, Plumpsklo oder für kleinere Geschäfte die Natur, ein paar Schritte Richtung Wiese.“
„Nur nicht direkt vor die Tür“, fügt sie hinzu, lacht ihn an, unbefangen.
Frisches Weiß über Bäumen und Garten. Es hat aufgehört zu schneien. Die Luft sanft. Der Fremde im Winterland Brandenburg, russisches Märchen mit der Tochter der Babuschka am Kamin. Er entscheidet sich gegen das unbekannte Plumpsklo, schräg über den Hof in einem Schuppenanbau. Ein paar Schritte zur Seite, der Schnee jungfräulich, unbefleckt?
Er erinnert sich an das Gemeinschaftspinkeln im alten Land, nordwestlich von Hamburg im komfortablen Bauernhaus des Manfred Bissinger, zusammen mit dem Dirigenten Christoph von Dohnányi, dem Bruder des adligen sozialdemokratischen Politikers der Freien und Hansestadt. Nach einem halben Dutzend Flaschen Bordeaux beschlossen sie im Wettbewerb möglichst viele Buchstaben ihrer Namen in den Schnee zu urinieren. Dohnányi hatte gewonnen. Eine lange Nacht in einem der Landhäuser der Hamburger, die sich entweder in Elbnähe oder bei Lüchow-Dannenberg ihre Wochenenddomizile ausgewählt und sie mit Geld und mehr oder weniger Geschmack ausstaffiert hatten: Sommer-, Wintergäste.
Nun zeichnet Müller in einem Garten der Kleveschen Häuser bei Gutengermendorf gemächlich mit Spaß gelbe Schwünge in den Schnee, schließt den Reißverschluss seiner Hose, atmet die angenehme Frische. Nach der Rückkehr ins Haus sucht er ihre Nähe, bleibt bei ihr stehen, sieht sie mit einer altmodischen Kaffeemühle hantieren, zwischen den Knien, die Kurbel energisch gedreht, das vertraute Geräusch, das er von zu Hause von seiner Großmutter kennt, die für Bohnenkaffee, süchtig, Schmuck und Uhren versetzt hat, nach dem Krieg, als die Amis für ein paar Tage in Halle waren, bevor sie weiterzogen, Richtung Westen, gefolgt von den Russen.
„Ein komisches Ding, das“, sagt Müller umständlich. „Kenne ich noch von zu Hause“, stolpert sein Satz dann unbeholfen weiter: „Ich habe gerne Kaffee gemahlen, wenn irgendwo welcher aufzutreiben war, später mit den ersten runden elektrischen Mühlen.“
„Die alte geht noch immer, sie ist gut in Ordnung, reicht völlig für hier draußen“, sagt sie und lacht. Sie beobachtet ihn und weiß, was er will: sie. In ihm der Wunsch nach ihrer Nähe. Sie ist unerreichbar. Er fühlt sich tapsig, kompliziert. Ein schwieriges Unternehmen. Verheiratete Frau mit Kind, eine Autostunde von der Stadt entfernt, ohne eigenen Wagen, geliebt von ihrem Mann, verehrt, begehrt von anderen. Es gibt Leichteres.
Der Kaffee für die Gäste aus der Stadt, nach langer Fahrt. Essen wird aufgetischt. Neben ihr auf der Ofenbank. Die grünen Kacheln kräftig aufgeheizt, der Rücken wohlig warm. „Gemütlich hier“, sagt er. „Wir haben noch eine geschnitzte Ofenbank zu Hause, von meinem Großvater in Halle.“
„Du kommst aus Halle? Ich denke, du kommst von drüben.“
Das „Du“ hat Schmitt mit der Vorstellung organisiert. „Das ist der Dieter, und das ist auch der Wolf, und das ist die Brigitte!“ Hier sagen alle Du zueinander.
Er erklärt sein Ost-West-Leben, Kindheit und Jugend in der Stadt an der Saale, Flucht in den Westen, berufliche Karriere, Arbeit in Westberlin, Rückkehr als Korrespondent in der DDR. Sie sagt: „Wir haben auch in Halle gelebt, in Dölau.“ Ihr Vater war Oberarzt in einer Lungenheilstätte. Danach sind sie nach Wittenberg gezogen. Als sie nach Halle zurückkam, ins Internat der Franckeschen Stiftungen, hatte er die Stadt schon verlassen, über Berlin, in den Westen.
„Abgehauen?“, fragt sie.
„Abgehauen, wie so viele aus der Klasse.“
„Und jetzt bist du wieder hier? Ist das nicht merkwürdig?“
„Eigenartig, ja.“
„Warum bist du zurückgekommen?“
„Um dich zu treffen“, sagt er und ahnt noch nicht, dass es stimmt. Sie lacht.
„Wo hast du gewohnt?“, fragt er.
„In Dölau“, sagt sie, „beim Krankenhaus.“
„Ich kenne dich. Du bist das kleine Mädchen auf dem Weg zum Waldsee. Immer wenn ich mit dem Fahrrad zum Waldsee unterwegs war, ist mir ein kleines lachendes Mädchen mit braunen Haaren begegnet“, sagt er.
„Du hast ja Phantasie.“
„Doch, doch“, sagt er. „Und nun sitze ich neben dir. Das soll so sein.“
Warten auf Brigitte B.
Empfang in der Botschaft, die nicht Botschaft heißt, denn das wäre die Anerkennung von zwei Staaten in Deutschland – und auch wenn es zwei Staaten sind, durch Grenzen voneinander getrennt, mit eigenen Parlamenten, eigenen Gesetzen, eigenen Armeen, eigener Währung, eigenen Staatsbürgerschaften. Erforderliche Wortklaubereien. Diplomatie. Staatsrecht. Während der Staatsmaler und Oberregulierer der bildenden Kunst, Willi Sitte, Ralf Winkler, der unter dem Namen A. R. Penck im Westen mit seinen Bildern bereits anerkannt und gefragt ist, den Dresdner Maler einen Schmierfinken nennt, „den wir hier nicht brauchen“, hat der „Nicht-Botschafter“ sondern „Ständige Vertreter“ Klaus Bölling den Mann mit dem Hut eingeladen, der verkündet, jeder Mensch sei ein Künstler, der, selbst im Westen, mit Fettecken, Schlittenrudeln, Krankenbetten irritiert, niemals offiziell ins Land des sozialistischen Realismus gebeten worden wäre. Beuys ist ein Exot, nicht eine einzige Installation hätten sie ihm in der DDR gestattet, ihn stattdessen einen Pfuscher, Revanchisten, Spinner gescholten.
Zu Beuys wollen sie alle – die in Vorschriften und Genehmigungen eingezwängten Maler, Bildhauer, Schriftsteller und selbst ihre Verweigerer, die Partei-Kulturfunktionäre kommen, diskret, haben nichts zu sagen, sagen nichts, könnten sich in diesem Fall aber durchaus einverstanden erklären – Beuys zeigt Zeichnungen aus den Anfängen seiner künstlerischen Arbeit. Müller wartet nicht auf Beuys, Müller kennt ihn, den Radikaldemokraten, der sich für die neue Politik der grünen Bewegung engagiert. Müller wartet auf die Frau vom Lande. Er wartet vergebens. Sie und ihr Mann kommen nicht.
Die STäV, die Ständige Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in der DDR. Ein Neubau in der Hannoverschen Straße, schräg gegenüber dem Eckhaus, in dem Wolf Biermann seine aufmüpfigen Texte gegen die vergreisten Genossen schrieb, ein paar hundert Meter vom Brechthaus und vom Dorotheenstädtischen Friedhof entfernt. Die STäV hat alles, was zu einer diplomatischen Vertretung gehört, wie Wirtschafts- und Kulturabteilung und Pressestelle. Der Kontakt zu den Korrespondenten ist besonders wichtig, weil die Beziehungen zwischen West und Ost sensibel sind, weil Äußerungen der DDR-Führung seismografisch registriert und analysiert werden. Es sind Hinweise für die Journalisten, die daraus in ihren Berichten unterschiedliche Schlüsse ziehen. Sie werden in die „Laube“ gebeten, einen abhörsicheren Metallraum, aus dem nichts herausdringen soll. Hier werden Tendenzen innerdeutscher Beziehungen „unter Drei“, nicht zur Veröffentlichung bestimmt, bekannt gegeben. Alles gilt als irgendwie brisant, die Teilnehmer als verschworene Gemeinschaft, wichtige Geheimnisträger. Günther Gaus, der erste Mann aus Bonn in der DDR, zelebriert die Treffen gekonnt lässig. Er, Ex-Chefredakteur und TV-Gastgeber, beherrscht Unterhaltung in jeder Form. Ein Moderator, der die Laubenstunde zum angenehmen Ereignis macht, selbst wenn es nur wenig Neues gibt. Gaus macht die STäV zum offenen Haus, nicht nur für West-Journalisten, sondern auch für Künstlervolk aus dem Osten. Abende, die beim Wein in heiterer Runde bis weit nach Mitternacht andauern. Sein Nachfolger ist um Fortsetzung bemüht, freilich mit zeitlich begrenzter Sperrstunde der Geselligkeit. Die Unterschiede erklären sich mit dem Wechsel in Bonn – Gaus ist der Mann Willy Brandts, Klaus Bölling der Abgesandte Helmut Schmidts.
Brigitte B. in den Kleveschen Häusern. Sie arbeitet an der Holzskulptur aus dem 16. Jahrhundert, ein halbes Jahrtausend überdauert, festigt, retuschiert. Zufrieden. In Ruhe. Ungestört auf der Insel ihres Gartens. Gelegentlich Besuch von künstlerischem Landvolk, Verehrern, Sommergästen aus der Stadt am Wochenende. In diese Welt bringt der Fremde aus dem Westen Unruhe, seine Hartnäckigkeit, Grüße, kurze Mitteilungen. Unmissverständliche Werbung bedeutet Störung, Ungewissheit. Trotzdem beschäftigt er sie. Neugier. Sie spricht mit ihrer Freundin, so wie sie alles mit Jutta bespricht. Jutta, Model für Exquisit, das besondere Luxuslabel der DDR. Mit der „Modekiste“ unterwegs. Vorführungen in allen Teilen der Republik zwischen Rügen und Erzgebirge, mit Damenkleidung, die es nicht zu kaufen gibt.
Zu besonderen Anlässen wird das Modelteam zu den Obergenossen nach Wandlitz beordert, zur Vorführung von Ober- und Unterbekleidung, Negligés für die Honecker-Führungsriege, Lustvolles für die Graumänner, die meinen, alle Frauen in der Republik, in ihrer DDR, könnten sich leisten, was sie anschauen.
Frauen unter sich. „Sie interessieren sich für uns, die Westmänner. Wir sind die exotischen Frauen aus dem Osten. Sie sagen, wir hätten etwas Besonderes.“
„Vielleicht, weil wir so hilfsbedürftig sind?“
„Oder so selbstbewusst! Das vermutet Lothar.“ Lothar Loewe, der ARD-Korrespondent in der DDR, verehrt Jutta.
„Was ist mir dir?“
„Ich weiß nicht. Aber – es könnte Komplikationen geben …“ „Tu, was du möchtest.“
„Was will ich?“
„Interessiert er dich?“
„Kann sein, irgendwie aufregend.“
Zur Akkreditierung des stern-Korrespondenten in Ostberlin veranstaltet der Verlag ein Fest in einem der wenigen feinen Restaurants an der Spree: Mit exquisiten Speisen und Getränken, Champagner und Weinen aus dem Kaufhaus des Westens, der Lieferadresse des Staatsratsvorsitzenden und seiner Genossen in Wandlitz. Zweihundert Gäste, Deutsche aus zwei deutschen Staaten, die einen haben die Mauer- und Stacheldrahtgrenzen mühelos passiert, die anderen sind hier, in der „Hauptstadt der DDR“ zu Hause. Ein Dialog, Ost-West-Gespräche zwischen Funktionären, Partei-Journalisten, Künstlern und Klaus Bölling, dem neuen Diplomaten aus Bonn.
Bölling, erfolgreicher Journalist, der zum Politiker wurde, einst auch Chefredakteur von Müller, erscheint mit seiner jungen burschikosen Frau, die ohne Rücksicht auf Etikette mit Henry Nannen plaudert und flirtet. Nannen ist entzückt. Seine Chefsekretärin, Uschi, Organisatorin und Kassenwart, erklärt das Fest zum gelungenen Ereignis, derweilen der Restaurantleiter und seine von der Staatssicherheit trainierten Kellner und Kellnerinnen das Treiben mit Argwohn und Ablehnung verfolgen. Im Gedränge können sie nur wenig zu Kontakten und Gesprächen ermitteln.
Dabei gibt es keine konspirativen Gespräche, nur einen kuriosen Austausch von Berichten. Die Westdeutschen erzählen auch hier, wie überall, von ihren Erlebnissen auf Transitwegen und bei Grenzkontrollen.
„Es ist alles um vieles besser geworden, im Vergleich zu früher.“
„Die Abfertigung zügig, die Grenzsoldaten je nach politischer Wetterlage mehr oder weniger freundlich.“
„Einmal haben sie unseren Wagen regelrecht auf den Kopf gestellt, also nicht wirklich, aber wir mussten die Sitze hochheben, Koffer öffnen, Handschuhfach, alles.“
„Sie haben eine alte Wanduhr unserer Großmutter konfisziert.“ „Besser reisen Sie mit Exponaten und einer Quittung aus dem offiziellen Antiquitätenhandel der DDR“, sagt einer.
„Es war ein Familienerbstück.“
„Auch die werden von uns verkauft. Alles regulär.“
Das sind ihre Erfahrungen, die sie in Erinnerung haben, mehr nicht, als Beweis für die Untauglichkeit dieses Staates, als Entschuldigung. Sie waren in ihrem Leben weder in Weimar oder Eisenach, in Halle, Leipzig oder Dresden. Die Städtenamen Görlitz, Plauen, Zwickau, Mühlhausen sagen ihnen nichts.
Für einige, auch für Henry Nannen, ist es der erste Besuch in Ostberlin. Hierher hat er sich noch einmal aufgemacht, in diese Stadt in der Stadt, die mehr sein muss, Hauptstadt neben der Teilstadt, von der er dann doch nicht mehr sehen wird, nicht mehr sehen will nach diesem Provinzauftrieb von blassen, ängstlichen Funktionären in schlecht sitzenden Anzügen, von Genossen aus der zweiten Reihe, von Kollegen mit verklebten Augen, verschlossenen Ohren, verbissenen Mündern. Wären da nicht die Unbeherrschten! Die interessanten, angenehmen Gäste sind Schriftsteller, bildende Künstler, Schauspieler. Unter ihnen Renate Krößner, Star aus Solo Sunny, dem DDR-Road-Movie einer Sängerin, die durch die Tristesse ostdeutscher Provinz reist. Müller hatte einen Antrag für ein Interview mit Renate Krößner gestellt. Er war mit der Begründung abgelehnt worden, sie, die Krößner, habe dieses Angebot abgelehnt. Im Gespräch mit Schmitt erfährt sie zum ersten Mal von dieser Anfrage des stern. Das kleinmiefige Trio im Außenministerium hatte für sie entschieden. Die Spitzel erleben, wie die Westdeutschen und die Künstler aus der DDR, denen sie ständig nachschenken müssen, immer ausgelassener werden, sorglos, fröhlich. Der Skandal: nicht genehmigt spielen zwei Jazzer auf, ein deutsches Duo aus Hamburg und Ostberlin. Müller begrüßt, trifft gute Bekannte, knüpft neue Kontakte, verabredet sich. Unter den Besuchern auch sie, die mit ihrem Mann gekommen ist, die wichtigste Besucherin an diesem Abend, Brigitte B. In einem günstigen Augenblick lädt er sie ins Theater ein. Sie wird kommen, ihn begleiten. Glück, Hoffnung. Ein gelungenes Fest.
Erfüllung unter Kontrolle
Als sie endlich in die Stadt kommt, weiß sie, sie wird ihn nicht warten lassen, nicht länger. Die Bereitschaft, sich mit ihm einzulassen, Neugier, Interesse, ohne ahnen zu können, wohin das alles führen soll in dieser komplizierten Verbindung.
Das Ritual: Essen im Grand Hotel – asiatisch mit der Darbietung zur Benutzung von Stäbchen durch geschulte Ostberliner Kellner. Anschließend eine Vorstellung im Deutschen Schauspielhaus. Danach: Sie fahren zu ihm in den Plattenbau, passieren den Grauen vor der Tür, der gleich Meldung machen wird, benutzen den Fahrstuhl, er zeigt ihr die drei Zimmer seiner Wohnung, die er zuvor nach Männerart in Ordnung gebracht, so weit als möglich aufgeräumt hat. Als er sie in den Arm nimmt, küsst, sie auszieht, ihr sagt, wie er sich diesen Augenblick gewünscht hat, dass er sich diese Stunde mit ihr vorgestellt hat, in den Nächten der vergangenen Wochen, dass er verrückt geworden ist vor Sehnsucht nach ihr, als er ohne Hemmung ihr dies alles sagt, vergisst er die Zuhörer, die ihre Mikrofone in allen Teilen der Wohnung installiert haben.
Erst später, sie liegen nebeneinander, er streichelt sie, erinnert er sich an die Genossen und erklärt ihr, sie müsse keine Furcht haben. Zu den Unbekannten gewandt, in Richtung Zimmerdecke und zu ihr sagt er: „Sollten sie dich behelligen, die Genossen Voyeure, werden wir unsere Geschichte erzählen. Dann werde ich über uns schreiben und über euch Herrschaften und eure verantwortungsvolle Arbeit dort oben oder unten, im 13. oder im zweiten Stock. Ich werde über euch und über uns schreiben und unsere besondere Beziehung, Genossen. Drushba!“
Er spielt die Szene, spielt sich in Szene, will ihr zeigen, wie sehr er Herr der komplizierten Lage ist, wie er umgehen kann mit denen von der Staatssicherheit, die sich aber längst in sein Leben eingemischt haben, es kontrollieren und mit beherrschen. Sie hört seinen Monolog, fühlt sich beklommen amüsiert, bleibt, vergisst die Zuhörer, schläft neben dem Deutschen aus Westdeutschland.
Er weiß um ihre ständige Anwesenheit, ihr Dasein; Tag und Nacht, eingeteilt in Schichten, kommen sie zum Dienst. Sie haben gefrühstückt, die Kinder versorgt, in den Hort oder in die Schule gebracht, haben mit ihren Partnern über das Wochenende gesprochen, über Verwandtenbesuche, Familienfeste, die Zensuren der Kleinen, den Einkauf von Lebensmitteln in der Kaufhalle und im Sonderverkauf für Mitarbeiter der Organisation. Der Innendienst erfordert besondere Aufmerksamkeit, weil es gilt, aus scheinbar harmlosen Telefongesprächen mögliche Verabredungen und geheime Informationen herauszuhören und zur Überprüfung weiterzuleiten. Gründlich geschult, können sie zwischen normaler Konversation und konspirativen Unterhaltungen unterscheiden. Er hat sich bereits häufiger an sie gewandt, sie mit Bruckner in voller Lautstärke erschreckt, ihnen einen guten Morgen gewünscht, ihnen zugeprostet, auch für sie ein Glas eingeschenkt. Eines Tages haben sie sich revanchiert und auf einem Hut im Flur eine grüne Wanze hinterlassen.
Landidyll
Das Dorf bestand ursprünglich aus sieben Häusern, gegründet von sieben Familien aus Kleve, die Kleveschen Häuser zwischen Löwenberg und Gransee. Es heißt, sie seien im 18. Jahrhundert gekommen, als der alte Fritz die Streusandbüchse Brandenburg fruchtbar machen wollte und die Holländer nach Preußen rief, in den wilden Osten. So ein Nest hätte Müller nicht gesucht und nie gefunden.
Wären rundherum nicht die großen Schläge der Großgenossenschaft, führen nicht jeden Morgen in der Dämmerung die Großtraktoren zum Pflügen, Säen, Ernten auf die Felder, der Mensch lebte vor fünfzig Jahren, es gäbe keinen Arbeiter- und Bauernstaat, keine LPG, dafür die alten Großgrundbesitzer und die Nachfahren der Holländer mit kleinen Höfen.

In den Kleveschen Häusern: Brigitte B. mit ihrer Tochter, Freunden und dem „Mann aus dem Westen“
Hier, eine Autostunde von der Hauptstadt entfernt, zwischen Löwenberg und Gransee, so wie auch im Oderbruch oder an der Müritz, siedeln nun die Kulturflüchtlinge, die kleine Freiheit von Regisseuren, Malern, Musikern, Schriftstellern. Keine Dissidenten, nur Unzufriedene, Nörgler, weil sie ihre Filme nicht drehen, ihre Bücher nicht drucken, ihre Lieder nicht aufnehmen können. Gescheitert an Kapazitäten, an Papierknappheit, an Zensoren, an sozialistischen Bürokraten, saufen sie sich ihren Frust aus dem Herzen, schimpfen sich durch die Nächte. Sind unglücklich, glücklich, unfrei und frei, haben sich eingerichtet, abgefunden, miteinander, ohne finanzielle Sorgen (achthundert Mark im Monat genügen ihnen selbst mit Kraftfahrzeug), heiraten, bekommen Kinder, trennen sich, verreisen in ihren Grenzen und mit Glück bis nach Ungarn, sogar Georgien.
Wann immer es ihm möglich ist, fährt er nun zu ihr, abends, nach Einbruch der Dunkelheit, als könnte er sich so den Kontrollen entziehen, unbemerkt bleiben. Die Strecke wird ihm vertraut und behagt ihm, die Alleen, der notdürftig geflickte Asphalt, das Kopfsteinpflaster in Löwenberg, die Bahnschranke, vor der er, wenige Kilometer vor dem Ziel, aufgehalten wird. Die Dunkelheit in den Dörfern. Er parkt den Wagen hinter einer Scheune, als bliebe er dort vor den Augen der Bauern unbemerkt. Macht er sich morgens, oft früh um sieben oder acht, auf den Rückweg in die Stadt, sind die Männer mit ihren Traktoren, Landmaschinen, Mähdreschern längst unterwegs, blicken sie zu ihm, winkt er ihnen zu, ein paar erwidern seinen Gruß, heben kurz die Hand. Jutta wird zu seiner Verbündeten. Sie ermuntert Müller: „Wenn es so ist, dann ist es so! Wenn du sie liebst, dann liebst du sie!“
„Wir sind uns unsicher, wir wissen nicht, was werden soll.“
„Liebt euch! Alles andere spielt erst einmal keine Rolle.“ Juttas Lebensbejahung. Kein Zögern.
Sie sind auf den Sandwegen unterwegs, morgens, nach den langen Nächten in der Küche, nach Wein, Bier und Schnaps, bei denen die Männer kein Ende finden und Brigitte B. selbst in der Morgendämmerung auf Bitten der Kerle noch eine Flasche Whisky, in den Tiefen der Schränke versteckt, auf den Tisch stellt, die Suffköppe, die nicht müde werden, sich ihre Geschichten zu erzählen, von sturen Kulturfunktionären, die nach Belieben genehmigen oder verbieten, von den Schlichen, sie zu übertölpeln, von immer neuen Möglichkeiten, Verbotenes zu sagen, zu spielen, zu schreiben.
Die größten Sorgen haben die Filmemacher, mehr als die anderen auf Zustimmung und Material angewiesen. Brigittes Mann, Dramaturg bei der DEFA, benötigt mehrere Jahre zur Herstellung eines Dokumentarfilms über C. D. Friedrich, den Maler der Romantik, der nicht in die Kulturpolitik der DDR passt. Trotzdem: Bei aller Kontrolle entstehen Filme, Kabarettsketche, Inszenierungen, Bilder, mit denen Kritik geäußert, Veränderung gefordert wird, oft nur angedeutet, von allen verstanden. Filme wie Die Legende von Paul und Paula, Solo Sunny, Dokumentationen von Jürgen Böttcher und Volker Köpp, Programme der Distel, der Pfeffermühle und der Herkuleskeule.
Nach durchzechten Nächten, kurzem Schlaf laufen sie sich dämmerig-frisch, fühlen sich gut – unter ihnen, als wäre nichts, ereignete sich nichts, sei nichts geschehen, Brigitte und ihr Mann, Müller und Jutta, Juttas Mann. Sie haben Zeit, weil hier die Zeit keine Rolle spielt, weil sie kein vorbildliches sozialistisches Kollektiv sind, weil sie keine Pläne erfüllen.
Es ist das Dorf, es sind die Wege entlang der Wälder, zum See, märkischer Sand, nicht asphaltiert und begradigt wie im Westen mit dem Grünen Plan. Die Mangelwirtschaft als glücklicher Umstand. Hier scheint alles in Ordnung. Eine trügerische Enklave, wie die Fachwerkdörfer in Thüringen, deren Umgebung sich für Großflächen nicht eignet, während weiter im Norden und im Osten im unteren Odertal alles nutzbar gemacht wurde, ohne Rücksicht auf Natur, ohne Rücksicht auf die verheerenden ökologischen Folgen.
Berichteten die alten Mitglieder der LPG, in Krackow am See oder hier in den Kleveschen Häusern, wie sie in die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften gezwungen, wie aus Landwirten Landarbeiter wurden, welche Folgen die Massentierhaltung von zehntausenden Schweinen hatte, erzählten sie von Seuchen und Massensterben, wie sich Seen in Güllekloaken verwandelten, berichtete der spätere alternative Nobelpreisträger Professor Succow, wie die Idylle des Oderbruchs entwässert und nur noch nutzbare Riesen-Produktionsfläche war – keiner wäre ohne Strafe davongekommen. Die Zeitzeugen bleiben stumm. Müller bleiben nur die Romane Strittmatters, Gotsches, der anderen Staatsschreiber, die das freie Leben der Genossenschaftsbauern rühmen.
Katja hätte erzählen können, Katja, Robert Havemanns junge Frau, deren Vater an der zweiten Bodenreform zerbrochen ist, das eigene Land enteignet – nach dem Vorbild sowjetischer Kolchosen, zusammengelegt mit dem Besitz anderer Bauern, zur Massenfläche, mit dem Ziel den größtmöglichen Nutzen ohne Rücksicht auf die Natur, das Auspressen des Bodens. Der freie Bauer auf seiner Scholle – antiquiertes Denken. Die neue Zeitrechnung.
Und doch scheint dieser Ort nicht zeitgemäß. Die Kleveschen Häuser. Seit Jahrzehnten unverändert, unangetastet. Ein Telefon im Dorf – ein einziges Telefon. Das Telefon befindet sich im Büro des LPG-Vorsitzenden. Wer telefonieren möchte, muss zu ihm, einem freundlichen Mann, vierzig und ein paar Jahre dazu. Auslandsgespräche werden über eine Vermittlung angemeldet. Die BRD ist Ausland. Selbstverständlich wird alles registriert und abgehört. Später wird Müller Abschriften finden – Abschriften seiner Gespräche mit der „Beziehung“, aus denen Rückschlüsse über ihr „Verhältnis“ zu ziehen waren.
„Hallo, mein Schatz. Ich bin zurück.“ Zum Beispiel aus Gdansk oder Hamburg, wenn er nicht direkt von der Autobahn abfährt, der Weg über Neuruppin. In den Abhörprotokollen ihre Frage: „Hast du den passenden Kühlschrank gefunden?“ Er wird sich zu erinnern versuchen, ob er nach einem Kühlschrank gesucht und ihn gekauft hatte oder ob zwischen ihnen ein Codewort vereinbart worden war.
Müller weiß um seine Selbsttäuschung, begreift, wie sehr die Idylle täuscht, hinwegtäuscht über den so genannten „real existierenden Sozialismus“, der mit seiner propagandistischen Krake in die letzten Winkel vorgedrungen ist, der das Land ausbeutet, die Natur zerstört. Die Kleveschen Häuser sind kein unangetastetes Refugium. Ringsherum gibt es die großen Schläge der LPG, Seen, mit Gülle vergiftet, zerrüttete Straßen, verfallene Herrenhäuser und Schlösser. Der erste „Ständige Vertreter“ aus Bonn, Günter Gaus, hatte das fatale Wort von der „Nischengesellschaft“ erfunden und damit gemeint, die Bevölkerung der DDR schaffe sich ihre Freiräume durch den Rückzug ins Private. Das betulich kleinbürgerliche Leben in den Datschen oder in den kleinen Gemeinschaften von Kirchenleuten, die es nett miteinander fanden, unter ihnen der Gast aus dem Westen. Die Wortschöpfung suggerierte für die Westdeutschen, irgendwie ließe es sich doch angenehm leben, drüben, in der DDR, ärmlich, aber doch nicht ganz so schlimm.
„Du könntest hier leben!“
„Es wäre unmöglich.“
„Du bleibst.“
„Wie könnte ich bleiben?“
„Du kehrst zurück und beantragst die Staatsbürgerschaft der Deutschen Demokratischen Republik.“
„Eine absurde Idee.“
„Eine Möglichkeit immerhin.“
Freundin und Komplizin
Unbemerkt, zunächst auch von ihm selbst, verwirrt von ihr, Gefühlschaos, wird sie zur Komplizin, nicht mehr nur Geliebte, mehr, Vertraute. Sie wird Informantin, Helferin. Er begleitet sie im Trabant zu Familie P. in Löwenberg, ein Ehepaar mit zwei Kindern, er bei der LPG, sie in der Konsum-Verkaufsstelle – eine nicht beantragte und nicht genehmigte Begegnung. Die Frauen kennen sich aus dem Konsum. Der Mann hat am Neubauernhaus Ausbesserungsarbeiten durchgeführt. Erzählungen über die Versorgungslage, die Probleme in der Landwirtschaft.
Die Staatssicherheit, hier auf dem Lande nachlässig, nimmt den Kontakt zunächst nicht wahr, erfährt nichts von Müllers Besuch am ersten Mai auf dem Sportplatz mit Musik, Bockwurst, Berliner Bier. Die Geliebte nimmt ihn mit, in ihr Leben, zu ihren Freunden und Bekannten. Sie zeigt sich mit ihm, verschweigt ihn nicht. Keine Heimlichtuerei.
Müller fragt, was ihm passiert, spürt die Fesselung, wie sich die Bindung verstärkt, von Tag zu Tag, von Woche zu Woche. Kein Entrinnen. Will er entrinnen? Bindet er sich – selbst, gegen seinen Willen, mit seinem Willen?
Er spricht über sie. Ihre Affäre ist öffentlich.
| Hauptabteilung II/13 | Berlin 13. Nov. 1982 |
Die DDR-Bürgerin Brigitte B.
Restauratorin, freischaffend tätig
Familienstand:
verheiratet mit
WDB
Tätigkeit: freischaffender Regisseur
1 Kind (7 Jahre)
Partei: ohne
Massenorganisation: FDGB
wurde als intime Verbindung des in der OKP „Wabe“ bearbeiteten in der DDR akkreditierten ständigen BRD-Korrespondenten
Müller
bekannt. Diese Verbindung besteht seit Anfang 1981 (Falsch! Genosse Major Menge! – seit Mitte 1980). Während der Realisierung eines genehmigten journalistischen Vorhabens lernte Müller die Familie B. kennen. (Auch falsch! Es war der private Ausflug zum 30. Geburtstag der Brigitte B.! Genosse Major Menge! Schlechte Recherche).
Dieser familiäre Kontakt entwickelte sich dann zu der bestehenden Intimverbindung, die durch den Ehemann der Brigitte B. toleriert wird.
Müller integriert die Brigitte B. in seine subversive Kontakttätigkeit in der DDR. Er machte sie mit verschiedenen DDR-Verbindungen bekannt. (Richtig Genosse!), nutzte sie zu Kurierdiensten und zur Aufbewahrung von nicht bekannt gewordenen Materialien. Er bezog die Brigitte B., inoffiziellen Hinweisen zufolge, wiederholt in genehmigte journalistische Vorhaben ein. (Richtig! Aber Genosse Major, was ist mit den nicht genehmigten Vorhaben?)
Diese Erkenntnisse sind nicht gesichert.
Menge
Major
Landleben
Stadtflucht. Das Dorf als Ort der Geborgenheit, fern von Indoktrination. Hier haben sie ihre Ruhe. Die Emigration. „Angelika sollte nicht in Berlin bleiben“, sagt sie. Angelika, die siebenjährige Tochter, dunkelhaarig, hübsch wie die Mutter, schüchtern, verträumt.
„Warum der Ausweg hierher?“, fragt er.
„Sie soll in die Dorfschule gehen. Hier draußen ist sie fern von der sozialistischen Erziehung in der Stadt.“
Er erinnert sich an die Prinzipien sozialistischer Erziehung, das neue Menschenbild, die Getreuen einer neuen Gesellschaft, die alten Lehren Ostrowskis (Wie der Stahl gehärtet wurde), die Heroen der Zukunft. 23 Jahre nach seinem Abschied aus diesem Land erkennt er die Strukturen und die Regeln des totalitären Staates: die tägliche Indoktrination, die Verordnung von Parolen, die Verweigerung der Diskussion, die Verfolgung Andersdenkender, das Verbot falscher Fragen. „Ich weiß, es hat sich nichts geändert seit meiner und deiner Zeit, vor 25 oder fünfzehn Jahren“, sagt Müller.
„Nein, es hat sich nichts geändert. Du siehst es. Die Lobgesänge auf die Partei, die Losungen zu Planerfüllung und Völkerfreundschaft, die Aufmärsche. Das meine ich.“
„Was meinst du?“
„Das alles gibt es hier nicht, in der Dorfschule.“
„Angelika, das Landkind?“
„Ja, es ist besser für sie.“
„In ein paar Jahren muss sie zurück, in die Stadt. Das wirst du ihr nicht ersparen.“
„Dann wird es leichter sein, für sie und für uns. Dann war sie Jahre frei, dann hat sie etwas gelernt für später. Jetzt ist es erst einmal besser. Vielleicht muss sie auch zum Ernteeinsatz. So wie früher. Subbotniks. Heute machen wir unsere eigenen Subbotniks, wir dürfen nach der Ernte mit Genehmigung der LPG auf die Felder, nachernten, Kartoffeln und Spargel. Den gibt’s sonst hier nicht zu kaufen.“
Zwischen den Welten
Ist er aus Sehnsucht nach Heimat in dieses Land zurückgekehrt, hat er deshalb sich abgewendet von den Bequemlichkeiten Hamburgs, dort alles zurücklassen? Wie gemächlich kommod war es dort gewesen, an Alster und Elbe, in dieser Meeresstadt am großen Strom. Joggen rund um die Außenalster, Spaziergänge in Övelgönne, am großen Fluss, mit Paolino am Wasser, mit dem Chinesen im Kiez von St. Pauli, Hafenrundfahrten, mit der besseren Gesellschaft der Opernbesucher, Zadeks Othello und Hamlet, Peymanns Faust im Schauspielhaus, Boy Gobert am Thalia-Theater, mit Antonio in seinem „Erdbeerparadies“, mit dem Markt unter der U-Bahn, mit dem Fünf-Minuten-Fußweg von der Hansastraße zum Rothenbaum ins Studio, Sendungen morgens, mittags, abends, nachts, geregelt mit Dienstplänen, Begegnungen mit den Honoratioren der Freien und Hansestadt. Partys, Wochenenden im alten Land, bei den Malern und Dichtern in Lüchow-Dannenberg. Hamburg, eine sichere, angenehme, abwechslungsreiche Stadt mit Flair, mit dem Hafen, dem Geruch von Fluss und Meer, für Müller eine der schönsten Hafenstädte der Welt.
Müller erzählt der neuen Frau aus dem Osten aus seinem fernen Leben, von seiner Zeit im Westen, den 23 Jahren zwischen Abkehr und Rückkehr, von der gemütlichen fränkischen Kleinstadt Schwabach und seinen ersten Reportagen für die Zeitung, von seinem Wechsel in die Bischofsstadt Limburg an der Lahn, nach Hannover, Hamburg, Berlin, von seinen gescheiterten Ehen, von der Bindungsunfähigkeit, die er bei sich vermutet, von den Fluchten.
„Und dann kommst du ausgerechnet zu mir?“, fragt ihn Brigitte B.
„Es sollte wohl so sein“, antwortet er.
„Du wirst nicht bleiben. Du kannst nicht bleiben“, sagt sie.
Er weiß, sie würde ihn gehen lassen.
Müller erzählt, von anderen nach seiner Biografie gefragt, Geschichten, die den Bewohnern in diesem Land zwar aus dem Fernsehen bekannt sind, die ihnen dennoch unglaublich erscheinen, die sie nun aber von einem hören, der dabei gewesen ist: bei den Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, gegen den Schah-Besuch, gegen die Berichterstattung der Springer-Presse, gegen die Haftbedingungen der Mitglieder der Baader-Meinhof-Gruppe, von einem, der die Straßenschlachten in Westberlin, die Proteste gegen die Atommülldeponie in Gorleben im Wendland und gegen den Bau von Brockdorf miterlebt hat.
Manches Mal ertappt er sich zu spät dabei, dass er seine Zuhörer verletzt, ein Angeber, erzählt er von Taucherlebnissen auf den Malediven oder im mexikanischen Cozumel, von den Straßenküchen und den schwimmenden Märkten in Bangkok, von den Fremdenführern in Kairo, Reisen nach Bali, Hongkong, Peru. Ihnen ist alles verwehrt, selbst die nahe gelegenen Ziele: Dänemark, Schweden, Italien, die Schweiz, Österreich.
Ein Ehepaar und ein Eindringling. Der Zerstörer einer Beziehung. Aber: Der Mann von Brigitte B. lässt sie gehen, gibt sie frei. Hier gehören sie einander weniger als drüben, weniger aneinandergebunden, verbunden. Vielleicht wird alles anders. Nur eine Laune. Eine Affäre, die von den Umständen beendet wird. Oder eine Chance. Er hat sich entschieden. Für eine andere – eine, die ihm gefällt. Das Abenteuer in der Krise. Im Land der Trennungen. Land der selbstbewussten Frauen. Unabhängig, von allem, nur nicht von Gefühlen. Das schmerzhafte Ende. Der Versuch des Neuen. Der andere Wolf B., ihr Mann, der verlassene Mann kennt Marlies, eine Begegnung in Ahrenshoop, ein Wiedersehen in Berlin.
Er begehrt Marlies, er verlässt Brigitte B.
Wiedersehen mit Halle
In den Berichten, die Wilhelm in der Runde vorgelegt bekommt, wird gemeldet, Müller fahre auffällig häufig nach Halle. Fotos zeigten ihn an unterschiedlichsten Orten in der Stadt.
„Gibt es irgendeine Erklärung?“, fragt Meyer.
„Wir haben noch nichts herausgefunden.“
„Sein Verhalten ist merkwürdig. Vergleichen wir seine Aufenthalte in Halle mit seinen Reisen nach Jena, Dresden oder Rostock, so hat das keinen Sinn“, wendet Dr. Otto ein.
„Keine Adresse, kein Kontakt zu Oppositionellen, nichts.“
„Wo hält er sich auf?“
„Überall, in den Straßen rund um den Marktplatz, an der Saale, auf der Peißnitzinsel, im Zoo, in Reichardts Garten …“
„Reichardts Garten?“
„Ein Park, der nach einem Komponisten der Goethezeit benannt ist.“
„Und nirgendwo eine Begegnung, ein Gespräch?“
„Nein, er ist allein unterwegs, auch abends. Er geht immer wieder in die Oper, trinkt im Ratskeller Bier.“
„Er sucht irgendetwas.“
„Es muss eine Erklärung geben.“
Rückkehr: Halle stinkt, die Luft giftig wie damals, verdreckte Kindheit vor fünfunddreißig Jahren, grau gefärbt von Abgasen. Das Plattenbauhotel zwischen Bahnhof und Bezirksleitung der SED, ein überheiztes Zimmer mit Ausblick auf die Straße nach Merseburg, auf der Rückseite die Hochstraße in die Massensiedlung von Neustadt.
Nachmittags angekommen, allein. Müller fährt mit dem klapprigen Fahrstuhl ins Foyer, erwartet von einem Mann in Plastejacke hinter einer Zeitung, die er eilig zusammenfaltet, aufsteht, ihm folgt, bemerkt, dass die Zielperson nicht mit dem Wagen fahren wird, sondern sich zu Fuß zum Roten Turm und durch die Leipziger Straße zur Straßenbahnhaltestelle neben dem Händeldenkmal auf dem Marktplatz bewegt; eine attraktive Rothaarige zu Hilfe ruft, die nun, gemeinsam mit dem Hotelaufpasser, nur wenige Meter entfernt, die Zielperson beobachtet. Die Straßenbahn Richtung Giebichenstein. Sie steigen zu dritt ein. Müller vorn, beide Beobachter hinten. Müller springt im letzten Augenblick heraus. Die Türen schließen sich vor seinen Verfolgern, die nun ohne ihn davonfahren.
Er winkt ihnen zu, eilt zur nächsten Haltestelle, nimmt die nächste Bahn. Unbewacht, ungestört verbringt er ein paar Stunden an der Saale, dem Fluss seiner Kindheit und Jugend. Glücklich wehmütig unterwegs in seinen Erinnerungen die Ausflüge zur Pionierrepublik auf der Peißnitzinsel, an die Küsse, das Mädchen, die erste große Liebe, Doris.
Er riecht und sieht. Die Saale als stinkende Kloake, eine chemische Brühe, die grauschmutzige Schaumkronen trägt. Nein, sauber hat er den Fluss auch aus seiner Kindheit nicht in Erinnerung, aber roch er damals nicht noch nach Wasser, nicht dass er sauber gewesen, zum Baden eingeladen hätte aber war nicht etwas von seiner Ursprünglichkeit geblieben? Als er das Wehr erreicht, die gewaltige Wasserlandschaft seiner Träume, stauen sich die schmutzigen Flocken.
Ohne Bewachung kehrt er in die Stadt zurück, findet er in der Nähe des Hallmarkts eine Imbissbude. Er bestellt Bockwurst mit Senf und Brötchen, dazu Kaffee, aufmerksam von fünf Arbeitern an einem Stehtisch beobachtet. Fremde sind hier die Ausnahme.
„Hamse sich verlaufen?“, fragt einer.
„Nee, ich hatte Hunger“, antwortet Müller. „Is doch jut hier.“
„Der Kaffee, der ist Bohne hier“, sagt ein anderer.
Sie haben den Fremden sofort als einen „von drüben“ erkannt, so als wäre ihm seine Herkunft auf die Stirn geschrieben.
„Zu Besuch, was?“
„Die Händelfestspiele“, erklärt Müller, erzählt ihnen dann doch, er sei eigentlich nach Hause zurückgekommen.
Die Männer sind eine Gerüstbauerbrigade, die zur Mittagspause immer hierher kommen. „Und wie gefällt es Ihnen?“ fragen sie. „Haben Sie Halle wiedererkannt?“
„Es hat sich wenig verändert“, antwortet Müller.
„Klar, immer noch der alte Dreck.“
„Hier passiert doch nischt, rein jar nischt.“
„Ja, is vieles noch wie damals, in meiner Jugend.“
„Mir versuchen, das Schlimmste zu verhindern, dass die Häuser nich zusammenkrachen.“
„Weil alles nach Berlin geht“, sagt ein anderer.
„Mir ham noch nich ma anständige Gerüste. Die könn’ jeden Tach einstürzen. Unn wir mit ihnen.“
„Weil der Arweeter nischt wert is, rein jar nischt.“
Sie reden sich in Rage.
„Das isses doch, es bleibt nischt. Nach Ulbricht hammer jedacht, es wird’s besser. Jetzt is der Schlamassel nur noch größer jeworden. In Berlin wird’s Jeld verprasst unn für hier bleibt nischt übrig. Weeßte.“
„Bei uns draußen im Dorf – die Straße besteht nur noch aus Schlaglöchern, keene Straßenbeleuchtung, da musste ’n Mond noch mit der Stange wegschieb’n. So isses.“
„Mach’s jut. Grüß deine Leute.“
Sie haben nur ein paar Schritte zu einem der grau verwohnten Häuser, gleich hinter dem Markt, in unmittelbarer Nähe neuer Plattenbauten, an Stelle verfallener Straßenzüge, die, unsanierbar, abgerissen werden mussten.
Abends im Weinrestaurant, nur hundert Meter vom Händeldenkmal entfernt. An einem Nachbartisch ein alter Mann mit zusammengefallener Frau, eine herbe schnippische Tochter, Gollmitz, der Sportschinder in der Schule, der damals „Feuer unter ihre Ärsche“ machen wollte, ein arroganter Militär der deutschen Wehrmacht, unerkannt, erkannt überdauert, noch immer diesen eingefressenen Zug der Überheblichkeit. Nun am Ende, bemerkt er den mitleidigen Blick des Fremden, der ihn beobachtet. Nein, er erkennt Müller nicht, vermutet aber in ihm einen seiner ehemaligen Schüler, der ihm zu gehorchen hatte.
Müller könnte zu ihm gehen. Nein, wozu? Der Alte spürt seine Verachtung. In der Bar des Hotels hockt wieder ein müder Mann mit Zeitung im Dienst, der aber erst nach Hause gehen darf, wenn das Zielobjekt mit Sicherheit sein Zimmer betreten haben wird. Schon um seinen Beobachter zu beschäftigen, verschafft er sich Bettschwere an der Bar Schnaps aus Nordhausen und Bier aus Radeberg, das nur in solchen Interhotel-Häusern mit weißer Papiermanschette ausgegeben wird. So, angenehm angetrunken, lassen sich das überheizte Zimmer und der Straßenlärm ertragen.
Am nächsten Vormittag verschwindet Müller über den Keller des Hotels durch den Personalausgang, in einem Café verabredet – mit weit entfernten Verwandten aus Merseburg, die sich für den Westbesuch freigenommen haben und in die Stadt gekommen sind. Er arbeitet bei Leuna, sie beim Rat der Stadt Merseburg.
Einander fremd, erzählen sie von ihrem Opa, dem Schwager seiner Großmutter, den er früher, als Jugendlicher, Anfang der fünfziger Jahre mit dem Fahrrad besucht hat, das Reihenhaus in der dreckigen Straße, in der dreckigen Luft, in der verdreckten Landschaft, zwanzig Kilometer von Halle entfernt. Sie erzählen, der Großvater habe bis weit über die Neunzig gelebt, in der Werkstatt gebastelt, sich nach dem Tod der Großmutter um die Kaninchen und den Garten gekümmert, und sie hätten danach in dem kleinen Häuschen bleiben können. Christel, mit Käthe-Kruse-Puppengesicht, rotfleckigen Wangen, rundlichem Körper, mollig, mit der Neigung zu ausufernder Fülle. Ihr Mann Karl-Heinz lang, dürr ausgemergelt, ein hageres Gesicht, scharfe Furchen, kräftige Nase, müde, resigniert.
„Karl-Heinz wird bald aufhören“, sagt sie.
Karl-Heinz sagt: „Aus gesundheitlichen Gründen. Leuna macht alle kaputt.“
Karl-Heinz hat’s mit der Lunge.
Müller sagt: „Das sind die Abgase.“
Sie steigen in den Wagen, nun entdeckt, erwartet, verfolgt, eine Rundfahrt durch die Stadt, hinter ihnen ein Wartburg, kurz darauf hinter dem Reileck beim Museum für Vorgeschichte Verstärkung, zwei Trabis, damit sie ihnen nicht entkommen und sie die Möglichkeit haben, die Personalien der Ostdeutschen mit Westkontakt aufzunehmen und sie auf dem Revier verhören können. Nachdem er die Giebichenstein-Brücke überquert hat, zum „Krug zum grünen Kranze“ abgebogen ist, wendet, zurückfährt, vorbei an der Müntzer-Schule, die er ihnen zeigen wollte, am Bergzoo, zur Schleiermacherstraße und dem Spielplatz seiner Kindheit, nimmt er die Herausforderung an und nutzt seine Ortskenntnisse. Er gibt Gas, fährt mit überhöhter Geschwindigkeit, ohne Rücksicht auf die Federn der schwarzen BMW-Limousine, über das Kopfsteinpflaster, hinter sich den olivgrünen Wartburg, rast durch Schiller-, Lessing-, und Ossietzky-Straße, begegnet den Trabis an Kreuzungen, deren Fahrer sich an ihm orientieren müssen, umrundet mehrfach die Pauluskirche, hängt seine Verfolger ab, jagt Richtung Bahnhof, über den Ernst-Thälmann-Platz, nimmt den Weg nach Ammendorf, überholt eine Straßenbahn, parkt an einer Haltestelle, Christel und Karl-Heinz springen aus dem BMW, steigen in die Tram – und fahren davon. Ihre Verfolger sind außer Sicht.
Die Siedlung am Rand von Merseburg, schmucklose Reihenhäuser wie im Ruhrgebiet aus den zwanziger Jahren. Schlaglöcherstraßen. Hier leben sie. Nur ein paar Kilometer entfernt die größte Giftküche der DDR. Karl-Heinz fährt mit dem Rad zur Arbeit, die ihn ernährt und krank macht. Die Hymne des Arbeiter-und-Bauernstaates: „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt …“ Die Fassaden der Reihenhäuser schmutzig, die Wäsche auf der Leine und das Gemüse im Garten mit Dreck überzogen, der Himmel schweflig gelb. Leben unter der Dunstglocke.
Müller bringt seine üblichen Geschenke aus dem Diplomatenladen mit – Zigaretten, Whisky, Schokolade, Kaffee, Tee, stern, Spiegel, Für Sie, Bunte, Freundin, Kicker – begehrte, verbotene Druckerzeugnisse.
Christel, Karl-Heinz und ihr Sohn Gregor leben noch immer in den Zwanziger-Jahre-Möbeln. Er erinnert sich an die Welt des Alten unten im Keller, mit Werkzeug aller Art, Hobelbank und Ersatzteilkisten. Hier sägte und zimmerte er, reparierte Zäune und Fahrräder, während Tante Frieda im Garten pflanzte, jätete, wässerte, erntete. Er entdeckt auf der Kredenz im Wohnzimmer eine Uhr, die ihn, als er ein paar Mal übernachtete, mit ihrem Ticken und den Glockenschlägen alle Viertelstunde um den Schlaf gebracht hatte.
Müller erzählt ihnen von diesen schlaflosen Nächten. „Du kannst die Uhr haben“, sagt Karl-Heinz.
Umweltverschmutzung in der DDR
Müller schreibt. Schmitt fotografiert – den Silbersee bei Bitterfeld, die Mulde, die Saale, die Elbe. Sie sind mit Ausflugsdampfern auf der Drecksbrühe unterwegs, lassen sich die Fische mit den Krebsgeschwüren zeigen, die vor dem Verzehr noch Wochen in einem Becken mit klarem Wasser vom Chemiegestank befreit werden. Der Giftmüll wird von den Flüssen nach Hamburg transportiert, herausgebaggert und deponiert. Verbotenes Treffen mit einem Arzt aus der Poliklinik Halle. Er erzählt von den Bronchialerkrankungen der Kinder, von der statistisch um fünf Jahre geringeren Lebenserwartung der Menschen zwischen Bitterfeld und Halle.
Müller recherchiert im Westberliner Büro, findet ehemalige Mediziner und Ingenieure aus Bitterfeld, Schkopau und Ammendorf, denen die Flucht oder die Ausreise in den Westen gelungen war, erkundigt sich in Hamburg über den „Dreck von drüben“, den die Elbe aus dem Osten in den Westen schleppt: das Ergebnis ist die erste große Reportage über die Umweltzerstörung in der DDR. Sechs Doppelseiten mit Fotos als Beleg für die Verwüstung einer Region und eines Landes, in der die Regierung ohne Rücksicht auf Mensch und Natur ihre Planziele verfolgt und als Billig-Industrieland mit dem Export Devisen heranzuschaffen versucht.
Schon einmal ist Müller zurückgekehrt, in seine Stadt, in seine Straße, zu seinem Haus. Anfang der siebziger Jahre, akkreditiert für die Händelfestspiele, Konzertbesucher, hatten sie sich getroffen: Redmer, Peter, Almer, Antje, Hedda, Roswitha, heimlich ohne Klaus, dem Chef einer Kampfgruppeneinheit, und Werner, von dem es hieß, er arbeite für die Staatssicherheit, hatten sich in einem katholischen Gemeindehaus getroffen: Wiedersehen nach fünfzehn Jahren, auseinandergezwungen, auseinandergelebt, hatten sich ihre Geschichten erzählt, von hier und von drüben, aus Halle und Berlin, Leipzig, Hannover und Erfurt. Die einen waren geblieben, die anderen gegangen, damals als es noch keinen Schießbefehl, weder Mauer, noch Grenzanlagen mit Minenfeldern, Metallgitterzäunen, spanischen Reitern und Kolonnenwegen gegeben hatte.
Am Nachmittag war er mit der Straßenbahn bis zum Steintor gefahren, war von dort losgelaufen, durch die Schiller- und die Lessingstraße, hatte das alte Schreibwarengeschäft Vester gefunden, das es noch immer gab, war hineingegangen, ein paar Postkarten als Erinnerung. Nach dem Krieg hatte der russische Offizier, in ihrer Wohnung einquartiert, ihm Geld geschenkt, und der kleine siebenjährige Junge war zu Vesters gelaufen, hatte für zehn Mark Postkarten gekauft, unter seinem Bett versteckt und nach der Entdeckung die ersten und einzigen Prügel des Großvaters bezogen.
Er war zu seinem Haus gekommen, zum Haus seiner Kindheit, hatte davorgestanden, vor dem Geschäft des Großvaters, das jetzt bis auf eine kleine Tür zugemauert war, erinnerte sich an den Vorgarten, dem Theaterspielplatz seiner Kindheit. Er war in das Haus gegangen, in sein Haus, noch immer die grünen Kacheln an den Wänden im Treppenaufgang des Flures, die fünf Stufen nach oben, die er früher in einem Schwung gesprungen war, hatte vor der Wohnungstür gestanden, der Klingelknopf noch immer in diesem dunklen Braun, wollte klingeln und traute sich nicht. Wie hätte er sich vorstellen, was hätte er sagen sollen?

Das Zuhause in Halle, Anfang der siebziger Jahre: Schleiermacherstraße 19 im Paulusviertel
„Entschuldigung. Ich komme von drüben. Ich habe hier gewohnt, bin hier groß geworden. Das ist lange her. Darf ich alles noch einmal sehen. Es ist die Neugier. Oder, wenn sie so wollen, die Sehnsucht. Verstehen Sie, die Sentimentalität eines Mannes.“ Ob sie ihn verstanden hätten, sich hätten vorstellen können, einer aus dem Westen will dieses heruntergekommene Haus besuchen? Und hätten sie den merkwürdigen Besucher nicht sofort gemeldet?
Er hatte es nicht gewagt. Er war über die Hintertreppe nach unten in den schattigen Hof gegangen, der Blick auf sein Kinderzimmer über der Waschstube, auf die Küche, auf die mit Flaschenscherben gespickten, scheinbar unüberwindbaren Mauern zu den anderen Höfen, die doch kein Hindernis gewesen waren für die Exkursionen in die Nachbargärten. Er hatte auf der anderen Straßenseite gestanden und das alte Schild gefunden: „Geschwister Steinweg, Lehrerinnen für das höhere Klavierspiel“. Acht Jahre lang war er zu ihnen gegangen, einmal in der Woche hatte an den großen Blüthner-Flügeln gesessen, vorgetragen, was er mittlerweile konnte – oder noch nicht beherrschte.
Die große Trauer um den Verlust von Heimat, Kindheit, Jugend. Erinnerungen holen ihn ein. Ihm ist schwer ums Herz – Sentimentalität. Er erwehrt sich nicht. Er weint um das Unwiederbringliche. Müller fragt sich, wie er sich diesem Land nähert, das ihm Heimat und Fremde ist, das er kennt und von dem ihm ein Vierteljahrhundert trennt. Er hat es verlassen, sieht es wieder, erkennt es, Menschen, Haltungen, Gesten, die derbe Sprache, die Straßen, Häuser, Fassaden, noch immer die Einschüsse der Granatsplitter darin.
Wie soll er Lesern drüben dieses Land beschreiben, das in seiner Wirklichkeit zu beschreiben ihm verwehrt wird? Wie soll er Menschen erreichen, die mehr über England, Italien, Holland, Österreich, die Schweiz, die USA wissen, über die Probleme in Königs- und Fürstenhäusern, über Bonanza, Dallas, James Bond, Steffi Graf, Udo Jürgens, die Stones, die Kelly Family; Menschen, die Worte von den Brüdern und Schwestern auf den Lippen, mit Verwandtschaft in der DDR, sich in Wahrheit nicht um dieses Teildeutschland scheren, die Mitleid haben und sich ihrer Verpflichtung durch Pakete entledigen, die nicht mehr wissen, dass es Chemnitz und Zittau, Merseburg, Plauen und Mühlhausen, Greifswald und den Darß gibt, von denen nur wenige nach Dresden, Halle, Erfurt, Weimar, Eisenach reisen – aus Bequemlichkeit, Furcht, Angst „vor den SED-Kommunisten.“
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