Kitabı oku: «Jannis schöne Hemden und Kostas Füße im Fass»
Der Autor
Dieter Freywald lebt vor den Toren Hamburgs, in Bönningstedt. Die Malerei, der Garten und Kunsttherapie sind die Eckpunkte des Alltags. Eine zweite Heimat ist hinzu gekommen: Kreta. Es gab zwar schon vorher Urlaube auf dem Pelepones und auf Antiparos, doch diese Insel ist etwas Besonderes. Aus vielen Besuchen, er nennt es nicht mehr Urlaube, sind so viele Erinnerungen, Erlebnisse und vor allem Begegnungen hängen geblieben, dass daraus die ganz persönlichen Reiseimpressionen aus Kretas Süden geworden sind.
Dieter Freywald
Jannis schöne Hemden und Kostas Füße im Fass.
Reiseimpressionen aus Kretas Süden, oder eine Liebeserklärung an Kamilari.
Bö-Vorortatelier, Dieter Freywald
Kieler Str. 132, 25474 Bönningstedt
vorortatelier@googlemail.com
© Dieter Freywald
1. Auflage 2013
Layout und Zeichnungen: Dieter Freywald
Druck: OnlineDruck.biz
Mein Dank geht an Bettina für umfangreiche Korrektur und wohlwollendes Gegenlesen. An Gisela für immer wieder gute Aufmunterungen und kritisches Nachfragen. Natürlich auch an die Menschen, die nicht wissen, dass sie beschrieben sind und dies aushalten müssen
Jannis schöne Hemden und Kostas Füße im
Fass
Reiseimpressionen aus Kretas Süden, oder eine Liebeserklärung an Kamilári
Müßiggang ist aller Laster Anfang. Faulheit ist der Anfang der Untugend; Mit Faulheit beginnt der Niedergang. So eine Erklärung zum Müßiggang.
Ach was, es ist diesmal für mich nur einfach ganz anders. Es sind nicht die sonst üblichen zwei, drei oder auch mal vier Wochen Kreta, sondern dem Neid ausgesetzten drei Monate der Zuhause Gebliebenen. So ist jedenfalls der Plan. Natürlich bin ich kein Krösus, habe auch nicht im Lotto gewonnen, sondern ich bin in der sogenannten „Freistellungsphase“ der Altersteilzeit , meine aktive Arbeitszeit ist also abgehakt und mir ist es bewusst, dass dies jetzt der pure Luxus ist. Wenn Gisela dann nach vier Wochen gemeinsamer Zeit den Heimflug antritt, schwebt mir vor, die Zeit des „ich finde zu mir“ beginnen zu lassen. Und das auf Kreta, in Kamilari, meinem schon fast zweiten Zuhause.
Mal sehen wie das gelingt, wie es sein wird, wenn keine oder kaum noch Touristen da sein werden und die meisten Tavernen vermutlich geschlossen haben werden. Ich bin zuversichtlich für eine gute Zeit.
Es kam dann aber doch alles etwas anders und letztlich waren es dann schöne zwei Monate. Mein Vorhaben, dann auch gleich diesen Bericht zu schreiben, hat nicht so ganz funktioniert und so habe ich mich entschlossen, auch aus all den anderen Jahren Begegnungen, Erfahrungen und Erlebnisse mit einzubeziehen. 2011 haben wir übrigens „10 Jahre Kamilari“ gefeiert und jetzt, ein Jahr später, taucht auch die griechische Krise in meinem Text auf. So ist also letztlich ein Wechsel der Zeiten, Jahre und Begebenheiten daraus geworden.
„Das glücklichste Los ist die Entbindung von Tun und Lassen“, Arthur Schopenhauer
Inhaltsverzeichnis
Jannis schöne Hemden und Kostas Füße im Fass
Reiseimpressionen aus Kretas Süden
Doch noch einmal von Vorne.
Kalimera Kamilári
Häuser, Hunde, Pick-ups
Ein Baum, nicht „umfassbar“.
Máleme und Dschingdarassabum.
Heute haben wir uns doch mal auf den Weg nach Chaniá gemacht. Es war ein ziemlich spontaner Entschluss, denn ursprünglich wollten wir lediglich Gonde und Vroni früh am Morgen zur Bushaltestelle nach Timbaki bringen. Kurz überlegt, was machen wir dann danach und uns zu einer für uns erstmalig längeren Tour mit dem Auto entschlossen. Die erste Idee „Chaniá wurde modifiziert, der Vorort Soúda mit dem internationalen Soldatenfriedhof (Suda Bay War Cemetery)war unser Ziel. Hier liegen Soldaten aus Neuseeland, Australien, England und Polen und aus anderen Commonwealth-Ländern begraben. Der Friedhof liegt in einer Bucht und ist hervorragend gepflegt. Ich habe die Gräber nicht gezählt, weiß auch nicht, wie viele Menschen hier begraben liegen, es sind auf jeden Fall zu viele.
Die Hemden von Jannis, Kostas Cousins und eine Pizzeria
Weckkonzert und Däumchen drehen
BHs und Souvlaki.
Hoppsassa.
Traktoren, Traktoren und Palaver.
Vom Kniffeln und Knaxen
So weit die Füße tragen
Plátanos, einmal rund um den Berg. Und fast auf den Kartalos.
Nicht hinunter, nur hinauf.
Roúvas
Ein einsamer Strand, ein Grill und 25 Menschen
Adam und Eva und ein Kloster
Vorsicht, Rutschgefahr! Oder eintauchen, abtauchen und Sonnencreme.
Kómo-Beach
Lohnt sich Mátala wirklich?
Öffentlich gebrannt und reichlich geflossen
Kókkinos Pirgos. Wo ist der rote Turm?
Akoúmia
Vathi und die Skulpturen von Sivi.
Mártsalos, drei Versuche, einer hat geklappt.
Strandclown
Paximáthi
Agia Galini
Augen zu und durch. Klosterbucht beim Kófinas
Zwei Wege führen nach ... Réthimnon
Philosophische Sprüche und ein Althippie
Kostas Füße im Fass
Oliven, Hühner und Granatapfel.
Der Kühlschrank ist leer.
Gergeri, das Wasser und die Kapern.
Selber kochen, nein. Ab in die Taverne
Κουνέλι (Kaninchen) und nichts anderes
Es war einmal: das Kafénion, der Platz der Männer.
Tomatenernte ohne Mühe.
Regentropfen und Sturzbäche
„αν uπαρχει λογος θα χειρειςο“
Zwei Koffer fürs Wiederkommen.
Anmerkungen
Jannis schöne Hemden und Kostas Füße im Fass
Reiseimpressionen aus Kretas Süden
Warum nicht gleich mit einem Vorurteil beginnen? Den Norden Kretas gibt es einfach nur deshalb, damit der Süden der Insel von Flughafen und Fährhafen verschont wird. So lautet mein nicht ganz ernst gemeintes Klischee. In der nördlichen Küstenregion wimmelt es in den meisten Dörfern und Städten nur so von Hotelhochburgen, Tavernen mit griechischem Fastfood und Läden mit scheinbar notwendigem Touristenramsch. So ist zumindest mein Eindruck nach gelegentlichen Fahrten in den Norden. Ist das wirklich Griechenland, ist das Kreta? Ich stelle mir vor, wer hier mit verbundenen Augen „ausgesetzt“ wird, könnte nicht sagen, ob er auf Kreta, Mallorca oder einer der anderen vielbesuchten Mittelmeerinseln gelandet ist. Ich erinnere mich nur zu gerne daran, als ich vor ein paar Jahren, genüsslich einen Frappé trinkend, auf der Terrasse einer Taverne in Kalamaki am Strand saß, die Bemerkung eines Pärchens hörte: „hier ist ja nichts los, im Norden gibt’s mehr Discos und Bars.“ Richtig, dachte ich, genau darum bin ich hier im Süden. Nicht der Pauschaltourismus, keine Bratwurst und kein Schnitzel auf der Speisekarte, und permanente Animation mag ich ebenfalls nicht. Was ja aber nun nicht heißt, ein Besuch von Chaniá oder Réthimnon zum Beispiel würde sich nicht lohnen. Natürlich, den einen oder anderen Ausflug mache ich auch und bin dabei durchaus angetan vom venezianischen Hafen und der Altstadt Chaniás. Besonders beeindruckend ist auf jeden Fall hier die Markthalle, in der frischer Fisch, Gemüse und Obst angeboten werden. Aber auch feilschende Käufer und Händler sind anzutreffen, und ein Gemisch der unterschiedlichsten Gerüche und Geräusche verleiten zum Schauen, Probieren und Kaufen. Den übrigen Teil der Stadt erlebe ich eher als trist und grau.
Deshalb bleibt es dabei, dass für mich nach nur einer Stunde Fahrt von Heraklion nach Kamilari Urlaub auf Kreta erst so richtig beginnt. Und auch die Fahrt geht inzwischen sogar etwas leichter und schneller, seit es die neue Umgehungsstraße bis kurz vor Agia Varvára gibt. Mit fest eingeplanten EU-Fördermitteln geht dann, wenn sie komplett fertig gestellt ist, eine gut ausgebaute Asphaltstraße runter bis nach Moires. Vor ein paar Jahren, ich hatte kurz zuvor erst von dieser neuen Straße gehört, hätte ich die Auffahrt auf den ersten Teilabschnitt fast verpasst. Es war so miserabel ausgeschildert, dass ich sie nur im Vorbeifahren erahnen konnte und vorbei fuhr. Wir sind dann auf dem Hinweg nach Kamilari, unserem Zielort, wieder die alt bekannte Strecke durch die Dörfer gefahren. Auch wenn es jetzt, wie gesagt, einfacher ist, der Abzweig ist jetzt übergangslos und man kann durchfahren wie auf einer Autobahn gen Süden, vermisse ich doch etwas. Das Eintauchen in die Landschaft, ein sich langsam wieder Eingewöhnen, bleibt sozusagen auf der Strecke.
Doch noch einmal von Vorne.
Nicht das erste Mal frage ich mich, warum um Himmels Willen klatschen Menschen Beifall, wenn sie nach einem Flug irgendwo landen? Der Pilot macht doch nur seinen Job. Sei’s drum, nach gut drei Stunden Flugzeit von Hamburg aus, sind wir in Heraklion gelandet. Wenn ich jetzt im September aus dem Flugzeug steige, werde ich von einem Duft, gut, ich muss gestehen, es ist eher ein Geruch, der in der Luft liegt, empfangen, der seinesgleichen sucht. Ich meine, den Geschmack des salzigen Meeres zu spüren, ich rieche bereits erdig trockenen Boden. Fast ist es so, als hörte ich schon die Zikaden, das Brechen der Wellen. Es bleibt nicht viel Zeit, mich einzuriechen, es geht in die Ankunftshalle, die trotz einiger Veränderungen in den letzten Jahren die Anmutung einer Fabrikhalle hat, die kurz vor dem Abriss steht. Das Warten auf das Gepäck bedarf meist eines Höchstmaßes an Geduld, denn es bleibt ungeklärt, warum die Koffer vom Flieger bis zum Kofferband regelmäßig lange brauchen und es daher mit schweißtreibender Wartezeit verbunden ist, das Urlaubsgepäck in Empfang zu nehmen. Gott sei Dank ist das Gerangel um die Gepäckwagen Geschichte, inzwischen gibt es ausreichend davon. Wir haben nun auch einen dieser vierrädrigen Transporthilfen ergattert und endlich ist es soweit. Wir schnappen uns unsere Koffer und rauf damit! Nichts wie raus hier, wir schnappen unser Gepäck und begeben uns hinüber auf die andere Straßenseite zu den Parkplätzen der Autovermieter.
Sonja und Jannis, wir holen bei ihnen unser Fahrzeug für den Urlaub bereits seit vielen Jahren, warten schon auf uns. Auch das wie immer, das Auto ist startklar, der Vertrag muss nur noch unterschrieben werden. Das hat inzwischen viel Vertrautes für mich. Natürlich ist mir bewusst, es gehört zum Geschäft. Dennoch, man fühlt sich beinahe wie unter Freunden, wenn man bei der Ankunft gefragt wird, „wie war das letzte Jahr? Geht’s gut? Wo hast Du Deinen Strohhut?“ Im letzten Oktober, als ich Gisela zum Flughafen brachte und anschließend das Auto zurück gab, unterstreicht dieses beschriebene Gefühl ein Erlebnis noch deutlicher. Für Jannis war es vollkommen klar, dass er dafür Sorge tragen würde, dass ich die Busstation im Zentrum erreichen konnte. Seine Tochter wurde beauftragt, mich dort hin zu kutschieren. Was für mich umständlich und mit viel Zeitaufwand verbunden gewesen wäre, nun war es plötzlich ganz einfach. Diese Erinnerung bleibt, auch dann, wenn ich jetzt wieder vor Sonja stehe, ein wenig mit ihr plaudere, den Wagen in Empfang nehme und mich auf den Weg begeben will. So, jetzt aber noch das Gepäck verstauen und los geht’s.
Fast eine Stunde hat’s dann aber doch bis zur Abfahrt insgesamt gedauert. Aufbruch nach Kamilari. Nach dem Flughafen geht’s auf die Schnellstraße Richtung Chaniá, die sich zwischen weniger schönen Wohngebieten Heraklions hindurchschlängelt. Wir nehmen dann die Abfahrt mit Hinweis nach Moires (Mires ausgesprochen). Links und rechts nun teils hochmoderne, teils heruntergekommene Autohäuser, einige Supermärkte, die etwas abseits der Straße liegen. Genau genommen eine Art Industrie- und Gewerbegebiet, das wir nun durchfahren. Dann öffnet sich die Landschaft. Häuser, Geschäfte treten in den Hintergrund und die Straße wird breiter. Es geht ab hier jetzt quasi „ab durch die Mitte“, denn unser Ziel liegt eben genau dort. Im Süden Kretas und dort eben in der Mitte. Es ist, als würden wir inzwischen beinahe jede Kurve kennen. Zugegeben, das war nicht von Anfang an so leicht, schließlich ist es für mich mit meiner mal mehr und mal weniger ausgeprägten Höhenangst auf den kretischen Straßen manchmal ziemlich haarig. Rechts der Abgrund, unbefestigt, Kurven, die nicht enden wollen. Ab und an habe ich gedacht, nein, nicht weiter und musste, wollte dennoch. Es ist kaum zu glauben, unübersichtliche Straßen mit vielen Kurven, trotzdem werden wir überholt. Ich lasse mich nicht mehr so sehr beeindrucken und fahre in einem, inzwischen den ortsüblichen Gepflogenheiten angepassten Tempo weiter.
Wir erreichen Agia Varvára. Ein lang gestrecktes Dorf, geografischer Mittelpunkt der Insel. Wichtigste Querverbindung zwischen der Nord- und Südküste. Gleich nach Agia Varvára (Richtung Süden) hat man einen wunderbaren Rundblick auf die Messará-Ebene, die Straße schraubt sich dann langsam hinunter.
Im letzten Jahr war es noch so, dass hier die Schnellstraße, die von Heraklion hierüber in die Messará-Ebene führt, endete. Um ehrlich zu sein, ich bin immer nur durch diesen Ort gefahren, nie habe ich angehalten. Ein Straßen-Städtchen, so die Anmutung. Links und rechts der Durchfahrtsstrasse, welche sich ein wenig ansteigend hier hindurch windet, zahllose Tavernen und Geschäfte. Fast zu jeder Tages- und Nachtzeit scheinen die Einwohner hier auf der Straße, vor ihren Häusern, in den Geschäften, vor den Kafénia unterwegs zu sein. Den Mittelpunkt bildet die Kirche und an dieser muss man immer vorbei, will man nach Heraklion, oder eben hinunter in den Süden. Mit etwas „Pech“ erwischt man vielleicht einen Tag, an dem eine Hochzeit stattfindet, dann gibt es fast kein Durchkommen mehr. Wer jetzt sein Flugzeug erreichen will, hat nicht wirklich gute Karten. Nein, es reizt mich nicht zum Anhalten, auch nicht an dem relativ neuen griechischen Fast-Food-Imbiss, der linker Hand am Ortsausgang Richtung Moires entstanden ist.
Dann, nach nur wenigen Kilometern sind wir in Apo Molina. Na, nicht direkt, wir passieren den Abzweig zu diesem kleinen Bergdorf, auch an der LKW-Waage, die sich an der rechten Straßenseite befindet, erkennbar. Vor zwei oder drei Jahren waren wir mit Kostas hier. Plastikkisten voll mit Weintrauben für Wein und Raki mussten geholt werden. 600 Kilo rote Trauben. Meine Güte, war das eine Matscherei. Norbert und ich standen auf der Laderampe von dem uralten Pick-up von Manolis und haben die Trauben in Plastiksäcke und andere Behältnisse umgefüllt. Das Ganze war fast eine Art Familienausflug. Kostas, sein Onkel, ein Cousin, Kostas Mutter, Norbert aus Österreich sowie Gisela und ich. Schweißnass, verschmiert wie wir alle waren, sind wir nach beendeter Aufladeaktion mit dem Pick-up zur beschriebenen Waage gefahren und dann ging es hinunter nach Kato Molina (wörtlich: unteres Molina, und Apo Molina heißt dann eben oberes Molina). Hier wartete der Weinbauer bereits auf uns. Bezahlung ist hier dann mit mehr verbunden, als nur nach dem festgestellten Gewicht das entsprechende Geld auszuhändigen. Nein, man setzt sich zusammen, alle, die an der Aktion beteiligt waren, palavert und trinkt Kaffee, Wasser, oder etwas anderes. Zu guter letzt werden dann auch die Trauben bezahlt. Die LKW-Waage ist inzwischen Geschichte, eine andere findet man, wenn man zum Dorf abzweigt auf der rechten Straßenseite.
Soweit die Erinnerung. Wir sind also an Apo Molina vorbei, was auch für mich heißt, ab jetzt geht es nur noch hinunter, und das Gefühl macht sich breit, es bald geschafft zu haben, endlich wieder „da“ zu sein. Unser Ziel Kamilari rückt näher.
Pfützen, Rinnsale, es muss endlich mal wieder geregnet haben. Für die Kreter ein ernstes Thema. Regen bzw. Wasser sind oft über viele Monate ein kostbares Gut. Wenn wir beispielsweise im September kommen, haben wir häufig zu hören bekommen, „seit März hat es nicht mehr geregnet. Von den Bächen und Flüssen, in denen das Wasser versiegt ist, ganz zu schweigen. Wir fahren durch Agii Déka. Im „Müller“, für mich einer der besten Reiseführer, ist nachzulesen: „Agii Déka heißt, die zehn Heiligen. Der Name kommt von den zehn christlichen Märtyrern, die hier um ihres Glaubens Willen enthauptet wurden. Ihre angeblichen Gräber sind zu besichtigen. 1,5 Kilometer westlich vom Ort, riesige Ausgrabungsstätte des Antiken Gortis mit dem ältesten schriftlichen Gesetzestext Europas. Auch Gortyna genannt. Die Straße nach Moires führt mitten hindurch.“
Kurz danach also Moires. Auch hier sei der „Müller“ bemüht, der es als lebendiges Städtchen mit vielen Läden und Werkstätten beschreibt. Es ist Zentrum der Messará-Ebene und Knotenpunkt der Busse, Schulstadt. Jeden Samstag der große Markt. Kleidung, Schuhe, Stoffe, Dessous, Haushaltsartikel werden in üppiger Vielfalt und mit noch mehr Geschrei angeboten. Trauben, Tomaten, Orangen, Paprika, Kartoffeln, Fische, Kräuter, Honig und vieles mehr sind das reichhaltige Angebot der Händler und der freundlichen und manchmal scheinbar brummigen Bauern mit ihren kleinen Ständen. „Ein Kilo Orangen, ach was, hier noch ein paar dazu.“
Kurzer Halt in Moires. Im Supermarkt an der Durchgangsstraße haben wir uns mit so notwendigen Dingen wie Butter, Toilettenpapier, Wasser und Soda (nur für mich, ein bisschen sprudeln soll’s schon) fürs Wochenende versorgt. Wein und Raki holen wir uns später, Alekos bietet ihn „lose“ an. Das verstaubte, im wahrsten Sinne des Wortes, Städtchen, vollgestopft mit parkenden, hupenden und sich aneinander vorbeizwängenden Autos, durchfahren wir an einer nur schlecht beschilderten Gabelung links abbiegend.
Ach ja, hier ist die Abzweigung. Nach wenigen Metern an der Apotheke nochmals links und wir befinden uns auf der Straße, die nach Pómbia führt. Achtung, links die Tankstelle, und nur kurz danach müssen wir rechts abbiegen. Nur ein paar Minuten, die Straße ist seit letztem Jahr zum Teil neu asphaltiert, und wir erreichen das Dörfchen Petrokefali. Es ist eine enge Ortsdurchfahrt und wie immer holpern wir über eine Blechplatte. Eine vertraute Links-Rechts-Kurve mitten im Dorf zum „Hauptplatz“. Runter schalten und aufpassen, dass man hier nicht mit einem vollgeladenen Pick-up, einem unvernünftig schnell fahrenden Roller, oder einem langsam von die eine auf die andere Straßenseite gehenden alten Mann ins Gehege kommt. Vor zwei Jahren hatte man nun begonnen, den Dorfplatz aufzureißen, was zur Folge hatte, durch verwinkelte Gässchen durch das Dorf dann wieder auf die Hauptstraße kurven zu müssen. Für griechische Verhältnisse ist man inzwischen schnell damit fertig geworden. Lohnenswert ist es, sich hier den Abzweig nach Kousés zu merken, kurz nach der kleinen Gasse, die zur Schule führt. Nicht, weil das am Hang gelegene Dörfchen so bemerkenswert ist, sondern ein Muss für einen Abstecher, weil dort vor ein paar Jahren ein wirklich phantastischer Kräuterladen eröffnet wurde. Von, wie könnte es auch anders sein, Jannis. Tees, Kräuter aus der Region, alles zum Probieren und Schnuppern. Liebevoll eingerichtet, unzählige Gläser gefüllt mit Kräutern und Gewürzen. Unbedingt probieren sollte man das Zitronensalz. Inzwischen ist es so, dass wir, ausgestattet mit einer Einkaufsliste von Tochter und Freunden, in jedem Jahr diesen Laden mit gut gefüllten Tüten verlassen.
Wir biegen jetzt aber nicht ab, sondern setzen die Fahrt weiter fort, lassen auch rechter Hand den Abzweig nach Festós hinter uns.
Nein, hier noch nicht. Ach ja, kurz danach ist die Shell-Tankstelle. Jetzt nach wenigen hundert Metern dann auch nicht links nach Sivas oder geradeaus weiter nach Pitsidia fahren, sondern rechts abbiegen, hochfahren, ein paar Kurven noch und wir erreichen Kamilari
Kalimera Kamilári
Mit Bedauern habe ich festgestellt, es gibt schon wieder ein paar fertige und einige unfertige Neubauten. Würde ich es genauso bedauern, wenn auch ich hier ein Häuschen erworben oder gebaut hätte? Sei’s drum, nach dem Ortseingangsschild fahren wir am „neuen“ Kafénion vorbei und am Friedhof, welcher auf der gegenüberliegenden Straßenseite liegt. Nein, diesmal nehmen wir nicht den sonst üblichen Weg gleich links hinunter, ausgewiesen mit den üblichen zehn Prozent Gefälle (einen anders lautenden Hinweis habe ich noch nirgendwo auf Kreta gefunden) zu unserem Apartment, sondern fahren geradeaus ins Dorf. Der Platz am Kafénion Marco, vor der Kirche, an der „Briefkastensäule“, alles zugeparkt mit Autos. Überall reges Treiben, auch bei Vangelis ist die Terrasse voll. Die schmale Gasse am Laden von Lydia vorbei (hat seit 2011 geschlossen, seit 2012 ist ein Immobilienbüro darin), noch einmal links abgebogen und dann die Einfahrt zu Kostas.
Es ist zwar spät in der Nacht, doch der Hof ist rammelvoll. Die Österreicher in Mannschaftsstärke, einige Deutsche und natürlich „unsere“ Familie. Ein großes feuchtfröhliches Hallo. Eigentlich war es nicht so eingeplant, so spät noch zu essen, doch uns wird noch gebratenes Fleisch und Kartoffelauflauf vorgesetzt. Egal, ich lasse es mir mit ein paar Raki und Wein gut schmecken. Gastfreundschaft, nicht nur was das Essen anbelangt, hier ist es noch so gemeint und wird auch praktiziert. Man, was geht’s mir gut. Wir sind da.
Häuser, Hunde, Pick-ups
Hier sei aus der „In Festos“, einer kleinen Zeitschrift, die gratis verteilt wurde, zitiert. „Kamilári. Dieses typisch kretische Dörfchen hat seinen traditionellen Charakter erhalten und bleibt bis heute vom großen Tourismus verschont. Kamilari ist wunderschön auf einem Hügel platziert. Man hat von dort einen Panoramablick vom Berg Ida über die blühende Messará-Ebene, bis hin zum Meer. Der Ortsteil Metochi liegt nördlich unterhalb in der Ebene, hier soll einst der Seher Epimenides gelebt haben. Haupteinnahmequelle ist der Tourismus. Der Name des Ortes leitet sich von dem byzantinischen Wort Kamiláris (Kamelreiter, Kameltreiber) ab.“
Für mich aber ist es auf den ersten Blick ein Dorf am Hang. Nein, es sind mehrere Hügel, die Häuser nicht in einem einheitlich touristisch vermuteten „griechisch Weiß/Blau“. Grau oder eher schmutzig braun sind sie. Mal alt und zerfallen, mal funktional gepflegt, mal modern aufgepeppt. Inzwischen gibt es auch ein paar wunderschöne Naturstein-Häuser. Aber, das kann ja gar nicht anders ein, auch hier die ein oder andere skelettartige Bauruine. Da ist das Geld knapp geworden, der Eigentümer ist verstorben, oder es wird doch erst mal lieber ein nagelneuer überdimensionierter Pick-up gekauft. Die Mehrzahl der Kreter scheint diese Art von Fahrzeug zu bevorzugen, was ja auch dann durchaus Sinn macht, wenn Oliven, Wein, oder andere landwirtschaftliche Produkte transportiert werden müssen. Ich werde den Eindruck allerdings nicht los, es wird auch als Statussymbol missbraucht. Für seinen Stolz braucht der Kreter ein Ventil. Viel steht ihm nicht, nicht mehr, zur Verfügung. Er ist kein geachteter Jäger mehr, das Partisanentum ist längst Geschichte, die kretische Geschichte ist voll von Verlusten. Was bleibt? Tavli spielen, vor dem Kafénion über Politik palavern, das Geld, das man nicht hat mit vollen Händen für die Hochzeit der Tochter ausgeben und, eben der Pick-up. Zurück nach Kamilari. Es gibt den Popen, der hervorragend Deutsch spricht, gelernt in den Sechzigern von den ersten Touristen, sozusagen als Mietentgelt für ein einfaches Zimmer ohne Wasser und Strom. Er vermietet immer noch, und seit letztem Jahr geht er durchs Dorf und verkündet voller Freude auch er habe jetzt Strom und Wasser in seinen Zimmern. Der Dorfplatz mit der kleinen Kirche, über all die Jahre geblieben ist das Kafénion Marco, das nicht immer so hieß, und erst nachdem der Sohn das Lokal übernahm, so seinen Namen bekam. Dann ist da noch Vangelis mit seinem Internet-Cafe. Das hatte auch einmal einen anderen Namen und andere Besitzer. Eine Zeitlang von Österreicherinnen betrieben, die nun wirklich nicht landesüblichen Apfelstrudel mit Sahne anboten. Trotzdem, fern der Heimat war das mal eine gern gewählte Abwechslung. Die winzige Autovermietung hat schon lange zu gemacht. Braucht man jedoch ein Auto, das ist auf Kreta sehr zu empfehlen, hat man nicht schon ab Flughafen eins gebucht: im rund drei Kilometer entfernten Kalamaki am Meer wird man schnell fündig. Den abseits gelegenen Schmuck-Laden mit Werkstatt gibt es immer noch. Man findet ihn, wenn man, auf dem Platz vor Akropolis stehend, links in die kleine Gasse und dann ein paar Schritte geht. Was haben wir sonst noch in Kamilari zu bieten, was ist so besonders bei uns? Ja, bei uns, denn wenn man seit so vielen Jahren, und das manchmal im Mai und im September, eine gute Zeit hier verbringt, fühlt man sich schon fast dazu gehörig. Eben heimatlich.
Leider gibt es in Kamilári inzwischen auch einige Immobilienbüros. Hier werden Grundstücke und Häuser aus der näheren Umgebung angeboten. Ich kann ja verstehen, dass jeder am großen Touristikkuchen teilhaben will, jeder seinen Grund und Boden versilbern möchte, doch ich habe großen Zweifel daran, dass dies dem Dorf wirklich gut tut. Ursprünglichkeit und Beschaulichkeit gehen verloren. Ohne Zweifel wird man Dörfer finden, die „attraktiver“ sind, was immer man darunter verstehen mag. Mehr Geschäfte, wozu? Alekos mit seinem neuen großen Supermarkt bietet alles, was man so für den täglichen Bedarf benötigt, und wir haben ja auch noch den kleinen beim „Akropolis“. Als Einraum-Super-Markt gab es den von Alekos bis 2008, und neben dem Kafénion Marcos hatte er einige Jahre auch seinen kleinen Metzgerladen. Mit Kittel und Handschuhen „bewaffnet“ bediente er die Kunden, hatte jeden Tag geöffnet, nur, auf die Öffnungszeiten konnte man sich nicht so wirklich verlassen, etwas Gelassenheit war schon von Nöten. Das winzige Geschäft von Christina hat leider seit 2005 geschlossen. Ich stelle mir vor, sie hat gesagt, „es reicht, ich habe genug in meinem Leben gearbeitet“. In einem kleinen Raum konnte man bei ihr alles, na ja, fast alles kaufen. Schwarz gekleidet, wie eben nun mal die griechischen Witwen, große schwarz umrandete Brille, zurückhaltend, doch immer sehr freundlich. Bei unserer ersten Begegnung stellten wir zu unserer Überraschung fest, dass sie deutsch spricht. Gelernt hat es Christina, wie so manch anderer auch, von den Touristen.
Da ist noch etwas, was ich mir für meinen Wohnort in Deutschland, einem kleinen Straßendorf vor den Toren Hamburgs, nicht vorstellen kann, hier ist es so. Man kennt sich, mehr oder weniger gut und unterstützt sich gegenseitig.
Mehr Tavernen? Ach was, da gibt’s nun wirklich genug Auswahl, vor allem seit letztes Jahr am Ortsausgang Richtung Timbaki Manolis seine Ouzerie eröffnet hat. Bei vielen kleinen Köstlichkeiten, gutem Wein, gezapftem Bier, einer Terrasse mit schattigen Plätzen und einem Bullerofen im Innenraum für kalte Winterabende lässt es sich hier gut aushalten. Ich komme immer wieder in dieses Dorf, weil ich mich einfach wohl fühle. Vor den Lokalen werde ich nicht von gierigen Kellnern angebaggert, ich solle doch die kretische Küche probieren. Was mich dann erwarten würde, kann ich mir nur zu gut ausmalen und kenne es aus touristischen Orten. Gedeckte Tische und eine Speisekarte mit den üblichen Verdächtigen wie Gyros, Bifteki, Souvlaki. Nein, da ist es mir wahrlich lieber, in die Küche zu gehen und zu schauen, was Köchin oder Koch denn heute frisch zubreitet haben. Ich will nicht überheblich sein, so wie ich mir daheim in Deutschland ab und an eine Curry-Wurst mit Pommes reinschiebe, ist es hier auch schon mal ein Souvlaki. Aber dennoch, Kreta und Taverne ist für mich Kochtopf-gucken und nicht Speisekarte. Man hält mich auch aus, wenn ich alleine über Stunden mit einem halben Liter Wein nebst Wasser und Buch meine Zeit in aller Ruhe genieße. „Bei uns“ sagt aber auch besonders was über die Menschen hier aus. Natürlich ist manch eine Freundlichkeit, der ein oder andere ausgegebene Schnaps auch der Gästebindung gezollt, aber ich meine mehr. Nie hatte ich den Eindruck, nicht willkommen zu sein. Gefühlt wurde ich vom Touristen zum Gast und dann zum Bekannten aus Deutschland, der wieder zurück ist. Als Lohn auch für meine Zugewandtheit empfinde ich es, von einer alten Frau, die ich grüße, ein „χερετε“ (also das sehr respektvolle „seid gegrüßt“) als Erwiderung zu bekommen.
Wir haben, wie immer, Apartment 5. Hier haben wir alles, was wir brauchen. Vor dem Apartment ein kleiner blauer Tisch mit Stühlen, drinnen, gleich nach dem Eingang, links der Sanitärbereich mit Dusche und WC, rechts die einfache, aber ausreichende Küchenzeile. Inzwischen hat Kostas hier wieder investiert, 2011 wurden neue Holzunter- und Oberschränke gebaut und ein großer Kühlschrank angeschafft. Danach dann der Wohnraum mit einer freien Holztreppe zum großen Schlafraum im Obergeschoß. Dort Zugang zum Balkon, ebenfalls mit Tisch, Stühlen und Liegen. Vom Wohnraum tritt man auf die Terrasse beide Seiten von Büschen gesäumt. In dieser Nacht, nein es war drei Uhr in der Frühe, denn wir waren ja erst spät angekommen, dann nur schnell das Schlafzeug ausgepackt und ab ins Bett. Am nächsten Morgen verteilen sich unsere Habseligkeiten fast von selbst, denn jedes Regal, jeder Winkel ist vertraut und wird mit bekannten Handgriffen bestückt. Auch müssen wir schon lange nicht mehr daran denken, dass das Toilettenpapier nicht in das WC, sondern in den kleinen Behälter daneben gehört. Die Abwasserrohre sind in ihren Ausmaßen nun mal nicht darauf ausgelegt, Papier per Spülung verschwinden zu lassen. Überall auf Kreta, ich glaube sogar überall in Griechenland, ist dies so. Der Behälter für das Papier ist manchmal nur ein einfacher Plastikkorb, sogar eine Tüte habe ich schon vorgefunden. Soweit ich es verstanden habe, wird dies auch zumindest in Kamilari so bleiben, denn die Kanalisation umzustellen würde bedeuten das ganze Dorf auszubaggern. Von den Kosten ganz zu schweigen.
Ein Baum, nicht „umfassbar“.
Irgendwie scheint es zu meinem Unterfangen, zur Ruhe zu kommen, zu mir zu finden, zu passen, denn als ich eines Mittags eine Wanderung ums Dorf machen wollte, traf ich Gaby. Es war Ende Oktober 2009. Zunächst das Übliche, wie geht’s, was machst Du, doch als sie von meinem beabsichtigten Fußmarsch hörte, fragte sie, ob ich schon mal beim 500 Jahre alten Olivenbaum gewesen sei. Nein, war ich nicht und nach einer ziemlich guten Wegbeschreibung, inklusive Skizze auf einer Serviette, marschierte ich los. Die Straße Richtung Timbaki und nach der kleinen Kapelle rechts am Straßenrand, gleich wieder rechts in die Straße einbiegen, die zur Pizzeria führt. Links und rechts Felder und Bewässerungsleitungen, ab und an ein Feldweg. Ich gehe an der Abzweigung zur Ausgrabungsstätte Kamilári vorbei, auf die ein altes und verrostetes Schild hinweist. Will man dort hin, wandert man ebenfalls über einen Feldweg. Links und rechts Okraschoten, Tomaten, Orangen, Olivenbäume, brach liegende Felder und unendlich viele Steine, die hier von klein bis riesengroß einfach so herum liegen. Nach vielleicht zwanzig Minuten muss man sich nach links halten und leicht ansteigend zwischen Olivenbäumen einen Hügel hinauf. Nein, es ist kein richtiger Weg und das Hinweisschild verdient nicht seinen Namen. Rostig und kaum mehr lesbar. Ist man den Hügel hinauf gekommen, sieht man als erstes nur ein großes eingezäuntes Viereck, ein kleines Gatter gewährt den Einlass. Dann sieht man sie, die Ausgrabung und man hat den Eindruck, als sei das Kellergewölbe eines alten Hauses frei gelegt worden. Viel mehr nicht, keine Erklärungstafel, der Besucher ist mit sich und seiner Phantasie alleine. Als kleine Wanderung dennoch lohnenswert.
Doch zurück zum Olivenbaum. Direkt an der Pizzeria biege ich links in einen breiten Schotterweg ein, auch hier Felder mit Gemüse, Olivenbäume. Es ist ziemlich heiß und bereits ab hier läuft mir der Schweiß die Stirne hinunter, das T-Shirt ist nass. Es heißt aufpassen, denn an der Wegkreuzung muss ich nach rechts und kurze Zeit später an einer Gabelung wieder rechts. Ein Mann hat seinen „landesüblichen“ Pick-up geparkt und wir grüßen uns freundlich. Ich nutze die Gelegenheit und frage ihn nach dem Baum. „Μισό λεπτό“ (miso lepto, halbe Minute, Moment mal) ist seine Antwort. So ist es auch, kurz darauf kann ich links unterhalb des Weges den mächtigen Baum sehen. Man hat am Straßenrand die Böschung hinunter ein paar Steine eingesetzt und so kann man über Stufen mühelos hinabsteigen. Zwei Jahre später gab es dann die Steine schon nicht mehr. Der uralte Baum steht inmitten anderer Olivenbäume, ist aber eindrucksvoll der mächtigste und lässt die anderen quasi im Schatten stehen. Sein Umfang ist derart groß, dass wohl mehrere Menschen erforderlich sein dürften, um ihn zu umfassen. Nach dem langen Marsch bei Hitze ist es unter seiner Krone fast angenehm kühl. Ich umrunde ihn mehrfach, betaste die Rinde, stecke meine Finger in Ritzen und Einkerbungen, befühle die Oberfläche. Die Vertiefungen haben etwas von Narben und Spuren, die vom Kampf ums Älter werden erzählen. Mir kommen Gedanken wie, was muss dieser Baum alles schon gesehen haben, wer hat hier schon zu welchem Anlass gesessen. Ja, sitzen kann man hier auch, denn rund um den Olivenbaum sind gewaltige Steinblöcke hingebracht worden. So groß, dass man sich setzen, aber auch darauf legen kann. Symbole und Ornamente sind in die Steine eingeritzt. Esoterischer Firlefanz, oder sind es alte Zeichen, die auf die Mythen der Kreter und Griechen zurückgreifen? Mir ist es egal, denn wer immer dies getan hat, hat sich Gedanken um den Baum und seine Geschichte gemacht. Ich habe mal bei Eberhard Rondholz nachgelesen, dessen Buch, „Griechenland, ein Länderporträt“ (2011) eine wahre Fundgrube an detaillierten Informationen ist. Zum Olivenöl schreibt er Folgendes: „Mittlerweile sind auch die Griechen darauf gekommen, das eigene Öl in der Heimat auf Flaschen zu ziehen, mit ansprechenden Etiketten zu versehen und selbst zu vermarkten. Sie lassen sich auch die Ursprungsbezeichnung „Protected Designation of Origin“ (PDO) zertifizieren, so auf Kreta, wo seit einiger Zeit das Kloster Toploú Abfüllung und Vertreib hochwertiger Öle aus der Spitzensorte Koronéiki übernommen hat, die Qualitätsbezeichnung Natives Olivenöl extra, erste Güteklasse tragen dürfen.“1 Man hat mir gesagt, dass auch ein betagter Ölbaum selbst nach mehreren 100 Jahren noch Früchte trägt. So ein uralter Baum ist wohl über viele Generationen im Familienbesitz.
Nach einigen Fotos und einer Ruhepause, war es vielleicht auch ein Augenblick des in mich hinein Hörens, mache ich mich wieder auf den Rückweg. Ich treffe wieder nur den Mann bei seinen Oliven, wir nicken uns zu und ich setze meinen Weg fort. An der Pizzeria diesmal geradeaus und den Hügel zum Dorf hoch, an der Taverne Milonas vorbei, über den Dorfplatz und dann wieder hinüber zum Apartment. Müde, durchgeschwitzt und immer noch beeindruckt. Zu gerne würde ich den Erzählungen lauschen, die der uralte Baum sicherlich zu bieten hat. Nicht nur der Baum hat mir viel von sich erzählt, es waren alte Autos, die schon mehrfach erwähnten Pick-ups, Türen und natürlich auch Menschen. Bei denen war es allerdings weniger ein tatsächliches „erzählen“, sondern vielmehr das, was in ihren Gesichtern, in ihren Gesten und Haltungen zu lesen war. Türen können davon berichten, wer denn alles durch sie hindurchgegangen sein mag, die in vielen Schichten abblätternde Farbe ist dann ein untrügerisches Indiz dafür, dass man sich bemüht hat, sie in ihrem ursprünglichen Glanz zu erhalten. Die Pick-ups wissen sicherlich unzählige Geschichten darüber, was alles mit ihnen transportiert wurde. Oliven, Wein, Fässer, Männer und Frauen, die zur Arbeit müssen. Ja, und die Menschen. Denke ich nur an den alten Mann, der fast täglich unterhalb unseres Apartments seinen kleinen Garten bearbeitet. Gebückt, nein, tief gebeugt bearbeitet er den kargen und harten Boden mit einer einfachen Hacke. Eine Hacke, die hier bei uns sicherlich ihren Platz in einem Werkzeugmuseum finden würde. Manchmal ruht er sich auf einem alten Stuhl aus, manchmal steht er, aufgestützt auf seine Hacke, und beobachtet das Geschehen und Treiben auf der Straße. Mühevoll ja, aber Unzufriedenheit konnte ich bei Ihm jedoch noch nie ablesen. Was ist wohl aus ihm geworden, ich habe ihn schon länger nicht mehr gesehen.
Es gibt inzwischen einen bedrückenden Schilderwald und ich muss das Problem mit den Immobilienbüros noch einmal aufgreifen. Rund um Kamilári, auf dem Weg nach Kalamáki und in vielen anderen Dörfern stehen sie, die Tafeln mit dem Hinweis, „Grundstück zu verkaufen“. Oft auch verbunden mit Namen und Adresse einer Firma, die den Hausbau übernehmen will. Also „verscherbeln um Teufel komm raus“, dabei wird aber wohl übersehen, dass der Kuchen, den es zu verteilen gibt - nämlich die Touristen, die die Zimmer und Apartments mieten - dadurch nicht größer, sondern eher kleiner wird. Bauverordnungen oder ähnliche Bestimmungen scheinen kaum eine Rolle zu spielen, denn manche der neu gebauten Häuser passen weder ins Dorfbild, noch in die Landschaft. Ich gebe zu, nur zu gerne hätte ich hier auch ein Haus, doch das gibt der Geldbeutel nicht her und zudem wäre es unrealistisch zu glauben, man könnte sich einfach mal so kulturell verpflanzen. Mal abgesehen von sprachlichen Hindernissen und den Problemen der medizinischen Versorgung und ähnlichen Errungenschaften unserer deutschen sozialen Absicherung. Die inzwischen auch anzutreffenden leer stehenden „Fremden-Häuser“ könnten sicherlich die eine oder andere Geschichte des Scheiterns erzählen. Warum erzähle ich das? Weil ich mir wünsche, hier leben zu können und mir aber (leider) durchaus bewusst bin, dass dies nicht zu realisieren ist. Schade, vor ein paar Jahrzehnten? Ach was, das ist nur ein unnötiges „was wäre wenn“.
Máleme und Dschingdarassabum.
Heute haben wir uns doch mal auf den Weg nach Chaniá gemacht. Es war ein ziemlich spontaner Entschluss, denn ursprünglich wollten wir lediglich Gonde und Vroni früh am Morgen zur
Bushaltestelle nach Timbaki bringen. Kurz überlegt, was machen wir dann danach und uns zu einer für uns erstmalig längeren Tour mit dem Auto entschlossen. Die erste Idee „Chaniá wurde modifiziert, der Vorort Soúda mit dem internationalen Soldatenfriedhof (Suda Bay War Cemetery)war unser Ziel. Hier liegen Soldaten aus Neuseeland, Australien, England und Polen und aus anderen Commonwealth-Ländern begraben. Der Friedhof liegt in einer Bucht und ist hervorragend gepflegt. Ich habe die Gräber nicht gezählt, weiß auch nicht, wie viele Menschen hier begraben liegen, es sind auf jeden Fall zu viele.
Danach sind wir nach Máleme, dem deutschen Soldatenfriedhof auf Kreta aufgebrochen. Über die Schnellstraße, die an Chaniá vorbeiführt, erreicht man dann diesen Ort nach ungefähr einer weiteren halben Stunde Fahrzeit. Nichts ahnend geraten wir in Gedenkfeier und Jahrestag zum 21.05.1941, dem Tag der deutschen Invasion auf diese griechische Insel. Es war ein Militärspektakel mit Kranzniederlegungen, Reden, Andacht in mehreren Sprachen der verschiedenen Religionen und mit Nationalhymnen. Beeindruckend auch wegen der „Ewiggestrigen“, die augenscheinlich in glorreichen Erinnerungen schwelgen, hoch dekorierte Veteranen in Rollstühlen und Offiziere zum Presse-Foto.
Auf dem Rückweg dann noch ein kurzer Halt in Georgioúpolis. Vor vielen Jahren war Gisela mit einer Freundin für ein paar Tage mal hier. Es war noch die Zeit, als sie mit dem Rucksack Griechenland bereist und viel Insel-hopping betrieben hat. Touristisch überflutet, wenig attraktiv, so lautet mein schnelles Urteil zu Georgioúpolis. Eins ist jedoch fast einmalig auf Kreta, ein nicht allzu langer, das ganze Jahr über Wasser führender Fluss, der hier ins Meer mündet. Ein paar Fischerboote liegen an der Mole. Es wird repariert, gestrichen und Netze werden geflickt. Nein, nicht mal auf einen Kaffee sind wir geblieben, wir wollten heim.
312 Kilometer und 10 Stunden sind wir unterwegs gewesen. So viele Kilometer haben wir noch nie herunter gerissen, zumindest nicht selbst als Fahrer. In Chaniá waren wir vor fünf Jahren mit den Österreichern. In Réthimnion waren wir vor zwei Jahren alleine, davon an anderer Stelle.
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