Kitabı oku: «Rubine im Zwielicht»
Jandt
Rubine im Zwielicht
Wuppertal-Krimi mit Rezepten

Dieter Jandt
Rubine im Zwielicht
Wuppertal-Krimi mit Rezepten

Haftungsausschluss: Die Rezepte dieses Buchs wurden von Verlag und Herausgeber sorgfältig erwogen und geprüft. Dennoch kann eine Garantie nicht übernommen werden. Die Haftung des Verlags bzw. des Herausgebers für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen.
© 2008 Oktober Verlag, Münster
Der Oktober Verlag ist eine Unternehmung des
Verlagshauses Monsenstein und Vannerdat OHG, Münster
www.oktoberverlag.de
Alle Rechte vorbehalten
Satz: Inga Driemeyer & Thorsten Hartmann
Umschlag: Tom van Endert & Thorsten Hartmann
unter Verwendung eines Fotos von ninino/photocase.de
Rezepte: Linna Grage, Dieter Jandt und Roland Tauber
Herstellung: Monsenstein und Vannerdat
ISBN: 978-3-938568-41-5
eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund
www.readbox.net
Kurzvita Dieter Jandt:
Jahrgang 1954, lebt und arbeitet in Wuppertal, seit zehn Jahren als Freier Autor und Journalist für den Hörfunk tätig, meist Stundenfeature zu aktuellen Themen, ›grauen‹ und schillernden Phänomenen, u. a.:
Münze im Mund – die Kultur des Bettelns – DLF
Alles 1 Euro – Szenen vom Schnäppchenmarkt – DLR
Liebe Lüge – ein Plädoyer fürs Geflunker – DLR, WDR, HR, SR, DW
C‘est la vie – Kriminalhörspiel, gemeinsam mit Ulrich Land – WDR, NDR
1.
Der Typ hastete zum Bahnsteig hinauf. Junger Mann, schlaksige Figur. Sah ein wenig abgehetzt aus. Aber das lag wohl an seinem schlechten Timing. Wagner saß bequem im vorderen Wagen der Schwebebahn, die allmählich über dem Sicherheitsgitter ausschaukelte. Durch die geöffnete Tür konnte Wagner die Treppe im schrägen Winkel teilweise einsehen. Er beobachtete, wie der Typ zwei Stufen auf einmal nahm. Immer sehen sie so gehetzt aus, wenn sie die Schwebebahn noch erreichen wollen, dachte Wagner gelangweilt, steckte die Hände in die Taschen seiner grauen Windjacke und räkelte sich im Schalensitz. Neben ihm am Fenster saß eine junge, dicke Mutter. Ihr Kind trampelte auf ihrem Schoß herum und befingerte alles, was in seiner Nähe war. Dazu gehörte offensichtlich auch Wagners Gesicht, der dann und wann gezwungen war, mit dem Kopf auszuweichen.
Der Typ hatte jetzt die Plattform erreicht. Er ruderte mit den Armen, hielt den Kopf nach unten und den Mund schräg aufgerissen, als könnte er sich so an etwas festbeißen. Dazu dieses alberne Blümchenhemd. Weit offen stehend. Hawaii ließ grüßen. Eine Silberkette mit einem blauen Anhänger baumelte über der nackten Brust. Zu allem Überfluss hielt er eine kleine, schwarze Herrentasche in der Hand. Kunstleder, das sah man aus hundert Metern Entfernung. Wagner wünschte sich, dass die Türen rechtzeitig vor dieser Visage zuklacken würden. Der Mann richtete den Blick starr auf den ersten Waggon, er fixierte ihn. Welch ein Unsinn, wo doch alle vier Minuten eine Bahn kam, dachte Wagner. Er wartete gespannt, ob der Mann das schaffen würde. Immerhin sah das sportlich aus, was der Typ da veranstaltete. Wagner konzentrierte sich auf dessen braun gebrannte, unbehaarte Brust, vermutlich rasiert.
Wagner wunderte sich, warum der Mann sich noch einmal umschaute, dann setzte er zum Sprung an. Die Türen klackten zu, der Typ hing fest. Das linke Bein stand im Inneren des Waggons, ebenso der erhobene linke Arm mitsamt der Herrentasche, die vom Handgelenk baumelte. Der Mann schaute mit großen Augen durch den Spalt ins Wageninnere, als sei er erstaunt über die vielen Fahrgäste. Einige Passagiere riefen laut nach vorn und beschimpften den Fahrer. Jemand lachte. Man sah, wie der Mann mit der rechten Hand die Tür aufzudrücken versuchte. Dann plötzlich riss er die Augen auf, und ein Blutschwall ergoss sich aus seinem Mund, schwappte gegen die Tür und zwischen den Spalt hindurch auf den Waggonboden. Dann noch ein kleinerer Schwall. Die Leute schrien auf. Das Kind krähte, zappelte und schlug auf die Brüste der Mutter ein. Der Typ glotzte auf den Wagenboden, als sei er erschrocken darüber, was er da unten angerichtet hatte. Einige Passagiere sprangen auf, andere schrien nach vorn. »Dieser Idiot! Der muss den doch im Spiegel gesehen haben!« »Das sieht denen ähnlich. Aber die Fahrpreise erhöhen!«
Das alles ging blitzschnell. Endlich reagierten die Kontaktsensoren. Die Türen sprangen auf. Der Typ fiel wie ein Sack in sich zusammen, sein Oberkörper bedeckte die Blutlache, die Beine lagen angewinkelt auf dem Bahnsteig. Auf dem Blümchenhemd breitete sich zwischen den Schulterblättern ein roter, runder Fleck aus. Das Kind hielt endlich still und steckte den Zeigefinger in den Mund.
2.
Schlechte Luft und schlechte Sicht: Zigarettenrauch hing schwer über den Tischen. Dunkelhaarige Männer saßen in kleinen Gruppen beisammen und spielten Tavla, die türkische Variante von Backgammon. Drüben am Fenster spielten einige Männer Okay, sie langten nach bunten Chips mit verschiedenen Zahlen und steckten sie auf Holzleisten, die jeder vor sich stehen hatte. Von den weiß getünchten Wänden hallte ständig das Klacken von Spielsteinen wider, die geworfen oder geschoben wurden. Ein riesiger Ventilator an der Decke schwappte die rauchige Luft zurück über die Tische.
Mustafa Sa
saß an einem kleinen Tisch in der Nähe des Durchgangs, der mit einem schweren, roten Stoff behangen war. Sa
presste die beiden Tavla-Würfel gegeneinander und schleuderte sie mit einer ruckartigen Bewegung des Handgelenkes über das Spielbrett. Pasch fünf. Er nahm sein Gegenüber verächtlich in den Blick, griff dann auf das Spielfeld und verschob zwei der hellen, runden Steine. Er nahm einen dunklen Stein heraus und legte ihn lässig auf dem Mittelsteg ab.
»Ich hab dir schon mal gesagt, dass ich das nicht leiden kann«, sagte der andere hinter seiner Sonnenbrille hervor. »Glaubst du, ich seh das nicht, wenn du dir die Zahlen in der Hand zurechtlegst. Du schiebst die Würfel ja nur übers Spielfeld anstatt sie zu werfen! So kann ich das auch!« Kemal Derintop griff nach den Würfeln und schleuderte sie lustlos zurück auf das Brett. Er stützte die behaarten Arme auf die Knie und beugte sich über das Spielgeschehen.
»Was willst du?« antwortete Sa
. »Du wirst es nicht glauben, aber ich bin in der Lage, einen Großteil meiner Zahlen anzusagen. Und zwar so, wie ich sie brauche.«
»Das ist es ja, was ich meine! Du schaust, was du brauchst, fummelst dir die Zahlen in der Hand zurecht und schiebst die Würfel blitzschnell übers Holz. Glaubst du, ich wäre blind?« Derintop setzte endlich einen seiner Steine vorwärts und rückte seine Sonnenbrille zurecht. Er war einer jener Typen, die zu allen möglichen Gelegenheiten eine Sonnenbrille trugen, mochte es noch so dunkel sein. Eine dicke Goldkette hing um seinen Hals. Türkisches Rotgold. Derintop war ein kräftiger Mann von Mitte dreißig, stiernackig. Er hatte einen starken Bartwuchs. Obwohl er sich jeden Morgen mit einem Messer rasierte, prangten schon nachmittags wieder dicke Stoppeln um sein Kinn. Das Gesicht war kantig, die Kiefer mahlten ständig, wie das Menschen tun, die was zu verarbeiten haben. »Spiel endlich anständig!«
»Spiele du endlich schnell«, lachte Sa
. »Man schläft ja ein. Bei Tavla muss das zack zack gehen, sonst geht die Spannung verloren. Warum weißt du das nicht?«
Der schwere Vorhang teilte sich. Ein kleines, dürres Männlein mit einer Schürze kam aus dem vorderen Raum. Es trug ein Tablett mit kleinen, schlanken Gläsern, die mit Çay, dem hellbraunen, türkischen Tee, gefüllt waren, und ging hinüber zu den Tischen am Fenster.
»Du bist ziemlich gereizt, seitdem dein Bruder tot ist«, sagte Sa
und wiederholte sein betont lässiges Wurfritual. »62. Hast du schon mal was von der Einwirkung des Geistes auf Materie gehört? Wenn ich gut drauf bin, weißt du, so ein bestimmtes, absolut sicheres Gefühl, dann werfe ich genau das, was ich brauche. Das ist einfach so. Billige Tricks habe ich dann nicht nötig.« Mustafa Sa
setzte zwei Steine und kratzte sich an der grauen Schläfe. An diesem Mann schien alles grau zu sein. Der Anzug, die Augen, die Haare, sogar die blutleeren Wangen. Sein Alter war schwer zu schätzen. Wahrscheinlich Mitte fünfzig. Wenn er sprach, hielt er den Kopf seitlich und so hoch, dass er sein Gegenüber von oben herab betrachteten konnte. Dazu seine zur Schau getragene Lässigkeit, und wenn er nicht gerade Spielsteine und Würfel bewegte, die ihm wie von selbst aus der Hand zu fallen schienen, fummelte er an einer Gebetskette, die er zwischen den Fingern aufwarf. Jetzt langte er in die Innentasche seines Jacketts, zog eine 50-Euro-Note hervor. Er schob sie neben das Brett und lächelte in die schwarzen Löcher von Derintops Sonnenbrille hinein.
Der Kellner trat an ihren Tisch heran und stellte zwei Gläser mit Çay ab. Er schob zögernd die kleinen Löffel zurecht, die auf den Untertassen lagen. Dann murmelte er hastig: »Lochner ist tot!«
Der Kopf mit der Sonnenbrille ruckte hoch. Derintop schien aufspringen zu wollen. Das Männlein zuckte zusammen.
»Ich weiß sonst auch nichts. Ich hab‘s nur gerade gehört«, entschuldigte es sich und verdrückte sich eilig hinter den Vorhang.
Sa
schmunzelte. »Dann brauche ich ja nicht lange zu raten, was? So langsam bist du also doch nicht. Ich dachte zwar, ich hätte dich gewarnt, aber – gut. Wie lange hast du ihm aufgelauert? Drei Tage?«
Derintops schwarze Löcher waren auf den Boden gerichtet, er schien zu überlegen. Sa
deutete auf das Spielbrett »Du bist am Zug.«
»Da hast du Recht.« Derintop war aufgestanden. Seine Bewegungen waren flinker als es seine massige Figur vermuten ließ. Wortlos verließ er den Raum.
3.
Wagner schloss die Wohnungstür hinter sich und warf die Herrentasche auf den Küchentisch. Er setzte sich und verhielt sich mucksmäuschenstill, als sei er soeben in eine fremde Wohnung eingedrungen. Sein Atem ging schwer. Nicht durchtrainiert, stellte er fest. Wie auch, bei diesem Scheißjob den ganzen Tag zwischen Notebook und Computer.
Wagner horchte nach draußen, dann ruckte er den Reißverschluss der Tasche auf. Er schaute kurz hinein. Da war ein blauer Luftpostumschlag mit asiatischen Schriftzeichen und einer hiesigen Adresse. Wagner zog den Brief heraus und bestaunte die fremdartigen, fein geschwungenen Buchstaben, die sich in langen Reihen über die Zeilen zogen, ohne einen Abstand zwischen den Worten. Wagner zuckte mit den Schultern, schob den Brief in den Umschlag zurück und zog eine handgroße Cellophantüte heraus. Darin weitere kleinere Cellophantüten, etwas Buntes schillerte ihm entgegen. Ungeschickt drückte er an der Schweißnaht herum, bis sich die Tüte endlich öffnete. Er schüttete den Inhalt aus. Vier blaue Steine kollerten über den Tisch und blieben funkelnd liegen. Die nächste Tüte enthielt zwei gelbe Steine, wie die blauen erbsengroß. Wagner sah genau hin. Er hatte keinen blassen Schimmer von Edelsteinen. Waren die echt? Die gelben hatten dunkelbraune Flecken. Also doch eher nicht. Die anderen beiden Tüten warf er ungeöffnet auf den Tisch. Rötlich funkelte es darin.
Wagner stand auf und ging zum Wohnzimmer hinüber. Die rote Lampe des Anrufbeantworters blinkte. Wahrscheinlich die Redakteurin des Anzeigenblattes. War vermutlich mit seiner Reportage zum diesjährigen Schützenfest noch immer nicht zufrieden. Sollte sie sie doch selber schreiben! Drei Fassungen für den hohlen Zahn, wo kam man da hin? Als ob er nicht schreiben könnte! Er schaltete den Fernseher ein, der in der Ecke an der Wand hing, und trat zur Kommode, die schräg darunter stand, ein schweres, dunkles Möbel mit Löwenköpfen an den Türen. Er zog die obere Schublade auf und kramte darin herum. Die Sprecherin erzählte etwas von Anschlägen in Bagdad, dann fing sie von den Düsseldorfer Modemessen an. Wagner kramte weiter. Endlich zog er eine kleine Briefmarkenlupe hervor. Er ging wieder in die Küche und reinigte das Glas kurzerhand an einem Trockentuch, das achtlos über einer Stuhllehne abgelegt war. Die Einrichtung der Küche war eine wahllose Ansammlung von Einzelstücken. Ein kleiner Kühlschrank, ein Elektroherd, beide ehemals weiß und Secondhandware, an der rechten Wand ein antiquierter Nussbaum-Küchenschrank mit Brotkasten und Gewürzläden. Unter dem großen Fenster ein schwerer, runder Tisch und vier schlichte Stühle, alle für Wagner. Er hatte die meiste Zeit seines Lebens allein gewohnt. Mittlerweile war er Anfang vierzig, ein Mann mit vollem, welligem Haar, das bis über den Kragen reichte, seine Ohren bedeckte und seinem Gesicht einen gutmütigen Ausdruck verlieh. So, wie man Wagner ansah, dass er nicht viel aus sich und seinem Äußeren machte, ohne dabei ungepflegt zu wirken, so tolerant vermutete man ihn gegenüber seinen Mitmenschen. Von diesem Mann ging keine Gefahr aus.
Wagner drückte seinen Bierbauch gegen die Tischkante und beugte sich mit der Lupe vor dem rechten Auge über einen der blauen Steine. Geschliffen waren sie, das konnte man erkennen, und er wusste, dass es verschiedene Techniken gab, Steine zu schleifen, aber zu sagen, was das hier für ein Schliff war, damit war er überfordert. Doch aus der Tatsache, dass sie überhaupt geschliffen waren, schloss er auf ihre Echtheit. Er wendete den Stein zwischen zwei Fingern hin und her und beobachtete eine Weile das Funkeln des Steines, wenn sich das Licht darin brach, und die vielen verschiedenen Blautöne und Schattierungen, die mosaikartig zu den Rändern hin dunkel ausliefen. Er sah die aufgerauten weißen Ränder auf seinen Fingerkuppen – wie Negative von polizeilich abgenommenen Fingerabdrücken. Wagner nahm die Lupe herunter und legte den Stein auf den Tisch zurück.
Die Sprecherin nebenan redete von der Schwebebahn. Wagner stand auf und stellte sich in den Durchgang zum Wohnzimmer. Er sah den Bahnsteig, rot-weiße Absperrbänder und die mit einem weißen Tuch verhüllte Leiche. Die Schwebebahn war fort. »… kann mittlerweile davon ausgegangen werden, dass der 35-Jährige hinterrücks von der Treppe aus erschossen wurde, während er in der Tür des Schwebebahnwaggons eingeklemmt war. Es wird vermutet, dass der Täter einen Schalldämpfer benutzte, da von den Zeugen niemand einen Schuss gehört hat. Fahrgäste oder Passanten, die eine verdächtige Person während der Tatzeit rund um die Station Landgericht gesehen haben, melden sich bitte …« »Quatsch!« murmelte Wagner. »Hätte ich doch sehen müssen, jemanden auf der Treppe.« »Köln. Nach neuesten Erkenntnissen …« Wagner griff zur Fernbedienung und stellte auf einen Musiksender um, dann gleich auf den nächsten, sah Schnipsel von Rap tanzenden, jungen Gestalten in sackartigen Hosen, schnitt ihnen das Bild ab, zappte zurück zu den Nachrichten und ging wieder in die Küche.
Er griff in die Herrentasche und zog ein Papier hervor. Er faltete es auseinander, sah reichlich Stempel und begann zu lesen, bis er begriff, dass es sich um ein Zertifikat handelte. Es bestätigte die Echtheit eines Rubins mit Angaben über Größe, Gewicht und Reinheit. Also wirklich echt. Wagner bestaunte die rötlich funkelnden Steine in einer der Cellophantüten und stupste sie vorsichig mit dem Zeigefinger an. Also doch einen Riecher, lächelte Wagner. Im Wohnzimmer war die Sprecherin bei Polizeipferden angelangt, die vom Land Nordrhein-Westfalen wieder eingestellt werden sollten.
Warum er das getan hatte? Wusste er‘s? Warum sollte er verdammt noch mal nicht über eine journalistische Spürnase verfügen, die ihn instinktiv hatte zugreifen lassen? Oder war es dieser verdammte Alltag mit Reportagen über Kaninchenzüchtervereine und Taubenauflasszeiten, der ihn dazu trieb, alles Mögliche anzustellen, um endlich mal an was Vernünftiges zu geraten. Hatte einfach zugelangt, sich im Gedränge, das sich um den Toten gebildet hatte, herangeschoben, sich gebückt und diese Herrentasche mit den Fingerspitzen langsam über den Boden gezogen und dabei aufgepasst, dass ihm niemand auf die Füße trat. Unmöglich, dass das jemand gesehen hatte. Die Leute waren viel zu sehr mit sich und ihrer Sensationslust beschäftigt. Sie schoben sich gegenseitig hin und her. Jeder wollte einen Blick auf den Toten werfen. Dazu versuchte die dicke Mutter, die mit ihrem Kinderwagen in der Menge verkeilt war, hinaus zu gelangen. Das Kind stand zwischen Kissen und Decken, schrie und trampelte hektisch darauf herum. Von draußen versuchte sich der Fahrer ins Abteil zu drängen. Wagner angelte sich die Tasche, schaffte es, sich im Durcheinander wieder aufzurichten, und nutzte die Lücke, als die Mutter sich endlich mit dem Kinderwagen nach draußen gequetscht hatte.
Wagner spielte mit der Visitenkarte des Toten zwischen den Fingern: Dirk Lochner. Schmuck + Design. Spontan griff er zum Handy, um anzurufen. Einfach so. Um die Stimme des Anrufbeantworters zu hören, die Stimme eines Toten. Oder die einer Frau, die soeben erfahren hat, dass ihr Mann … Er legte das Handy auf den Tisch zurück und fragte sich, was er jetzt mit seinem Abenteuer anfangen sollte.
4.
Der Anrufbeantworter auf der Fensterbank blinkte rot und zeigte eine 5 an. Nok saß auf dem Küchenstuhl und hatte einen Mörser aus Ton zwischen die Oberschenkel geklemmt. Sie stampfte den Stößel in schnellem Rhyhtmus, um grüne und rote Chilischoten zu einem Brei zu hacken. Der CD-Player hinter ihr spielte Thai-Pop mit einer hohen männlichen Stimme aus Issan, dem Armenhaus Thailands.
Nok war einer dieser typischen thailändischen Spitznamen und bedeutete Vogel. Noks Alter war schwer zu bestimmen. Asiaten sahen meist wesentlich jünger aus als sie waren. Man mochte sie auf Mitte zwanzig schätzen. Sie hatte langes schwarzes Haar. Es war zu einem Zopf zusammengebunden, der zum Rhythmus des Stößels vor ihrer Brust baumelte. Sie trug ein rosafarbenes T-Shirt und verwaschene Jeans. Sie war klein und zierlich. Ihre nackten Fußspitzen berührten gerade einmal den PVC-Boden, während sie dasaß und die Chilischoten bearbeitete.
Auf der Anrichte der Einbauküche Ahorn Nachbildung lagen drei kleine Pakete mit Reisnudeln, eine Papaya, weitere Chilischoten und auf einem Kunststoffbrett eine angeschnittene Salami, daneben ein Messer. Nok erhob sich, schaute mit einem schnellen Blick aus dem Fenster, schüttelte den Kopf und verdrehte die Augen. Dann drückte sie die Abhörtaste des Anrufbeantworters. Der erste Anruf bestand aus dem schweren Atmen eines Übergewichtigen. Dann wurde aufgelegt. Das ging so weiter bis zur Zahl vier. Dann endlich hörte man den Bass eines älteren Mannes: »Nok. Melde dich doch. Ich weiß doch, dass du da bist. Ich will dich sehen. Hörst du?« Eine kleine Pause folgte. Man spürte, wie der Mann lauernd in die Stille hinein horchte. »Nok!« Dann legte er auf. Der fünfte Anruf bestand wieder nur aus schwerem Atmen. Nok zuckte mit den Schultern, setzte sich wieder hin und griff zum Mörser.
Sie lebte seit etwa einem Jahr allein. Sie hatte sich von ihrem Mann getrennt, einem Alkoholiker, den sie vor zehn Jahren in Udon Thani, einer Großstadt im Nordosten Thailands kennengelernt hatte. Aber das war Vergangenheit, zumindest für sie. Nok ging hinüber zur Anrichte und riss die Plastikverpackungen mit den Glasnudeln auf. Der CD-Player wechselte zum nächsten Track, es klingelte an der Wohnungstür. Nok blieb erschrocken mitten in der Bewegung stehen und drückte dann die Stopptaste des CD-Players. Sie schlich wieder zum Fenster, lugte vorsichtig unter der Gardine her und überlegte einen Moment. Dann ging sie zur Tür.
Wagner stand im Korridor, einen grünen Rucksack über der Schulter. Er machte ein scheiß-freundliches Gesicht, so wie es Frauenversteher immer machen, wenn sie versuchen, die geschlechts-spezifische Spannung zwischen Mann und Frau zu überspielen. »Ach, Sie sind sicher Chawiwan Messerschmitt?«
»Wenn Sie das sagen«, Nok lächelte, aber das hatte nichts zu bedeuten.
»Tja, wissen Sie, also ich komme im Auftrag, oder nein, besser gesagt …« Wagner wand sich. Er wirkte, als wollte er versuchen, die Größe Noks zu erreichen, die er um anderthalb Köpfe überragte. »Also, ich bin Journalist und arbeite an einer Reportage über asiatische Einwanderer. Und da dachte ich …, also ich bin einfach das Telefonbuch durchgegangen und …«
»Und da hat es bei Messerschmitt Klick gemacht oder wie das bei Ihnen auf Deutsch heißt?«
»Nein, bei Chawiwan.«
»Sie haben das Telefonbuch nach Vornamen durchsucht?«
»Nein, es war eher Zufall«, antwortete Wagner verlegen. Schlecht vorbereitet, wie er selber fand. Er hatte sich diese Ausrede mehr oder weniger spontan zurechtgelegt. Er konnte ja schlecht sagen, dass er ihre Adresse auf einem Briefumschlag entdeckt hatte, die in der Herrentasche eines Ermordeten steckte. Überzeugt, dass er ein ausgeprägtes, journalistisches Gespür hatte, beschloss er, diesem Gefühl weiter nachzugehen. Ein reines Gefühl, weiter nichts, ohne Anhaltspunkte. Also stand er nun hier und schaute auf diese Frau herab, die aus schmalen Augenschlitzen ständig zu lächeln schien.
»Und keine Kamera?«
»Ja, nein, Zeitung, nur Zeitung. Hier, sehen Sie, mein Presseausweis.« Wagner zog eine kleine Plastikkarte aus der Brusttasche seines Hemdes.
»Ja, dann wollen Sie bitte eintreten.« Ihre Sprachkenntnisse schienen sehr gut zu sein. Volkshochschul-Deutsch für ausländische Mitbürger, das immer etwas steif und förmlich ausfiel. Nok ließ Wagner an sich vorbei. »Ich nehme an, Sie wollen Ihre Schuhe hier schon ausziehen?« Sie wies auf eine Ecke im Flur. »Ich bin immer froh, wenn jemand an thailändischer Kultur interessiert ist.«
Wagner schob seine klobigen Schuhe in die Flurecke und folgte Nok in die Küche. Sie trat wieder an das Fenster, lugte hinaus und zog mit einem Ruck den lindgrünen Gaze-Vorhang zu. Sie lächelte Wagner beinahe höhnisch an, der in schmutzigweißen Socken vor ihr stand, aber Wagner wusste, dass Asiaten zig verschiedene Arten zu lächeln hatten. Vermutlich kannten sie deren tiefere Bedeutung selbst nicht. Wagner blieb mitten in der Küche stehen und sog beinahe theatralisch die Luft durch die Nase ein.
»Das ist Papaya-Salat, wir nennen ihn Som Tam. Wenn Sie wollen … die Nudeln sind schnell gekocht. Dann lernen Sie auch sogleich etwas.« Nok zeigte auf einen der Küchenstühle. »Also, schreiben Sie!«
»Ja, Moment, ich weiß doch noch gar nicht, was?« Wagner stellte den Rucksack neben dem Stuhl ab.
»Aber Sie machen doch eine Reportage, was wollen Sie wissen? Haben Sie keinen Kugelschreiber?« Nok begann die Salami mit dem Messer in kleine Würfel zu schneiden. »In welcher Zeitung soll das erscheinen?«
»Wupper-Kurier. Das geht auch heute nicht mehr mit Kugelschreiber«, erklärte Wagner generös und fischte die Herrentasche aus dem Rucksack. Er legte sie auf den Küchentisch, zog den Reißverschluss auf und holte ein kleines Diktiergerät heraus. Er bemerkte nicht, dass Nok zusammengezuckt war, als sie die Herrentasche sah, einen winzigen Moment nur, dann wandte sie sie sich wieder der Anrichte zu. Wagner war wahrscheinlich nicht einmal bewusst, dass er hier die Tasche des Toten benutzte. Er hatte sie einfach kurz entschlossen als praktisch für sein Diktiergerät empfunden.
»Wenn Sie wollen, unterhalten wir uns und ich nehme das auf. Und später zu Hause werte ich das in Ruhe aus, wissen Sie, ich bin kein rasender Reporter.«
»Dann verdienen Sie sicher auch nicht viel Geld.« Nok machte eine enttäuschte Miene und Wagner war unsicher, ob das gespielt war oder nicht.
»Und Sie, leben Sie allein?« Wagner erschrak über die Direktheit seiner Frage, und legte dennoch gleich nach. »Wie kommt man denn da so zurecht. Ich meine, heutzutage, wo es kaum noch Arbeit gibt?«
»Wollen Sie das schreiben? Ich dachte, Sie wollten etwas über mein Land wissen, und wie ich hierhergekommen bin?«
Wagner fragte sich, wie er auf Edelsteine zu sprechen kommen sollte. Nok gab die Reisnudeln in ein Sieb und ließ sie abtropfen. Und während Wagner umständlich und nicht einmal geheuchelt zu erkennen gab, dass auch er ein Interesse für asiatische Küche habe, trug Nok die Teller auf und erklärte, dass das hier nur als Zwischenmahlzeit zu betrachten sei, gewöhnlich äßen Thailänder ›variantenreicher‹, diesen Ausdruck hatte sie wohl in der Volkshochschule aufgeschnappt. Sie stellte Wagner ein Glas hin und füllte es mit Mineralwasser: »Das werden Sie brauchen.«
Wagner achtete nicht darauf, er schaute sich in der Küche um und suchte weiter nach einer gescheiten Frage.
»Lassen Sie es sich schmecken.« Nok setzte sich dazu und griff zu ihrer Gabel. Sie hatte sich eine kleine Portion Reisnudeln neben den Papaya-Salat gehäuft und begann zu essen. Wagner ahmte es ihr nach. Er kaute und glaubte wieder grinsen zu müssen. Er fühlte sich Nok gegenüber unsicher und aß schnell. Nok sog hörbar Luft zwischen die Zähne ein. Wagner hielt das für eine typisch thailändische Marotte. Er wollte gerade fragen, ob es in Thailand Edelsteinfundorte gebe, als er das Brennen im Mund spürte, das sich schnell steigerte und sich über die Schleimhäute bis tief in den Rachenraum fortsetzte.
»Warum trinken Sie denn nicht?«
Wagner begann zu husten. Er setzte schnell das Glas an den Mund und trank es auf einen Zug leer. Schweiß perlte auf seiner Stirn. Seine Augen wurden feucht.
»Essen Sie Reisnudeln, das hilft.« Nok lächelte und sog wieder Luft zwischen die Zähne ein. »Sie müssen nicht glauben, dass es für uns Thailänder nicht auch scharf wäre, aber wir sind das gewohnt.«
Wagner hatte einen hochroten Kopf bekommen. Er stocherte mit der Gabel auf dem Teller herum und versuchte, die kleingehackten Chilischoten auszusortieren. Dann schob er sich mit zusammengekniffenen Augen die nächste Portion in den Mund. Nok goss Mineralwasser nach. Er nahm ihr das Glas aus der Hand und trank in gierigen Zügen.
»Wenn Sie wollen, drücken Sie ruhig die Aufnahmetaste. Wir Thailänder lieben die Konversation beim Essen. Ganz anders als bei Ihnen. Da heißt es doch: Mit vollem Munde spricht man nicht. Stimmt das?«
Wagner antwortete nicht. Er fühlte sich genötigt, ihrer Anregung zu folgen schob das Diktiergerät neben ihren Teller und drückte auf die Aufnahmetaste, ohne auf irgendwelche Einstellungen zu achten. Es galt, den Schein zu wahren, und so entwickelte sich ein beiläufiges Gespräch. Wagner stellte belanglose Fragen und überlegte während der ganzen Zeit, wie er nun doch den Dreh auf Edelsteine hinkriegen sollte. So weit er sehen konnte, trug Nok keinen Schmuck. Er könnte sie direkt danach fragen, aber dann überlegte er es sich anders, weil Nok das missverstehen könnte, wenn jemand einfach in ihre Wohnung kam und sogleich nach Schmuck fragte. Stattdessen griff er ihren Vorschlag auf und erkundigte sich, wie sie nach Deutschland gekommen war.
Nok erzählte von ihrer unseligen Beziehung mit einem groben Menschen, den sie zehn Jahre lang ertragen hatte. Die Hauptschuld gab sie sich im Nachhinein selbst, wie sie freimütig erzählte. Es liege eben an der asiatischen Mentalität, die von endloser Geduld und Leidensfähigkeit geprägt sei und es ermögliche, dass man sich selbst sehr stark zurücknehme und in der Lage sei, klaglos über lange Zeiträume unliebsame Schicksale hinzunehmen. Sprach‘s und aß mit flinken Handbewegungen. Irgendwie passte das, was sie erzählte, nicht zu dem Eindruck, den sie dabei machte. Sie wirkte unbekümmert, anders als Wagner, der immer noch gegen das Brennen im Mund anzugehen und es herunter zu schlucken versuchte. Er hörte nur mit halbem Ohr zu, das Diktiergerät hatte er völlig vergessen.
»Sie müssen entschuldigen«, sagte er zwischen gepressten Zähnen hervor und hielt sich nun an Reisnudeln pur. Den Papayasalat ließ er links liegen. Und dann, unvermittelt: »Aber was ich noch fragen wollte: Sie tragen überhaupt keinen Schmuck. Ist das nicht ungewöhnlich. Soweit ich weiß, legt man in Ihren Breitengraden sehr viel wert auf Gold und … nun ja.«
Nok verharrte einen Moment in ihrer Bewegung, indem sie die Gabel mit einigen Reisnudeln über dem Teller hielt und irritiert auf das Diktiergerät schaute. Dann sah sie Wagner direkt an: »Sie haben mich doch vorhin gefragt, wie ich zurechtkomme, als Alleinstehende.« Wagner nickte
»Glauben Sie, da könnte ich mir Schmuck leisten?« Wagner nickte.
»Was ist jetzt mit Ihren asiatischen Einwanderern? War das schon alles?«
»Nein, nein, es war ja nur … das sollte nur eine Art Probegespräch sein.«
»Ach so, Sie wollten mich testen, ob ich für Ihre Reportage tauge?« Wagner nickte.
»Und? Tauge ich?« Nok warf sich lächelnd in Positur, indem sie den Oberkörper vorstreckte und eine Faust in die Seite stemmte.
Wagner hielt es einfach nicht mehr aus: dieses entsetzliche Brennen, dazu das Gefühl, heute nicht in Form zu sein, sich nicht auf das Wesentliche konzentrieren zu können, und diese Frau, die ihn mit ihren zig Arten des Lächelns und ihrem Selbstbewusstsein verwirrte. Und vielleicht war er ja wirklich auf der falschen Spur, zumindest was die Edelsteine und seinen Fall anging.
»Wir können ja einen Termin vereinbaren«, sagte er, »und dann machen wir ein ausführliches Interview.« Er griff eilig zum Diktiergerät, drückte die Stopptaste und verstaute es in der Herrentasche. Er schaute Nok an und glaubte, lächeln zu müssen.
Nok schaute mit ausdrucksloser Miene zurück. »Was darf ich Ihnen dann zu essen anbieten?« fragte sie höflich. »Eine milde Hühnersuppe? Mit grünen Nudeln?«
Wagner steigerte sich zunehmend in ein Gefühl der Minderwertigkeit, von dem er gleichsam wusste, dass es grundlos war, aber nicht, wie er es im Moment loswerden sollte. Er war aufgestanden, nahm den Rucksack, ging in den Flur und zog die Schuhe an. Das Ganze bekam nun fast den Charakter einer Flucht. Als er die Stufen hinab ging, stand Nok lächelnd in der Wohnungstür.
»Ich rufe Sie an«, rief Wagner zurück, bevor die Tür hinter ihm zuschnappte. Er würde wiederkommen, auf jeden Fall. Das sagte ihm sein Gespür.
Er sah von draußen, wie Nok am Küchenfenster stand und hinausschaute. Er fühlte sich gedrängt, ihr freundlich zuzuwinken. Nok reagierte nicht. Sie beobachtete, wie Wagner steif auf seinen roten Opel Corsa zuging, die Tür aufschloss und einstieg. Als er losfuhr, setzte sich von der gegenüberliegenden Straßenseite ein weißer Mercedes in Bewegung und folgte dem Opel. Nok schüttelte mit dem Kopf und öffnete den Vorhang.
5.
Derintop war klar, dass er nicht der Einzige war, der das Geld bei Lochner suchte, das Geld seines Bruders Hakan. Also blieb Derintop nichts anderes übrig, als am hellichten Tag über Lochners Jägerzaun zu steigen. Er ging geduckt wie ein türkischer Ringer über den ungemähten Rasen. Er hatte Lochners Frau an der Vorderseite des Hauses auf dem Balkon sitzen sehen. Also war er über einen Seitenweg zur Hinterseite des Hauses geschlendert. Wie ein Spaziergänger. In solchen Situationen handelte Derintop immer mechanisch. Es gab einen Grund: das Geld, und es gab ein Ziel: das Haus. Also steuerte er darauf zu. So klar war das. Er schob die Sonnenbrille auf die Stirn. Er machte sich keine Gedanken darüber, ob ihn jemand aus den anderen Reihenhäusern sehen konnte, die – allesamt aus gelbem Klinker – entlang des Weges standen. Sobald er die Außentreppe zum Keller hinabgegangen war, war er aus dem Blickfeld. Er fasste an den Knauf der grauen Metalltür, doch der ließ sich nicht drehen. Derintop kramte in der Hosentasche nach einer Chipkarte.
Er würde einfach eindringen und sich umschauen, bis womöglich oben die Frau aufmerksam wurde. Was machte es schon, wenn er sie ein wenig unter Druck setzte. Vielleicht sollte er auch sofort nach oben gehen. Er fühlte keinerlei Skrupel, sondern sah sich eher als jemand, der in einer Art offiziellem Auftrag handelt. Er hatte das moralische Recht dazu, das war klar. Schließlich hatte Lochner seinen Bruder auf dem Gewissen und das Geld an sich genommen. Auch das war klar. Vermutlich hatte Lochner damals seinen Bruder Hakan vorsätzlich zum Tavla-Spiel ins Hotel gelockt, in der festen Absicht, ihm das Geld abzunehmen, mit allen Mitteln. Wenn es ihm nur um ein Spiel gegangen wäre, hätte man das auch im Hinterzimmer des Wettbüros erledigen können.
»Um so hohe Einsätze niemals woanders als auf neutralem Boden«, hatte Lochner in seiner arroganten Art gemeint, und Hakan war darauf eingegangen, obwohl Kemal ihn gewarnt hatte. Mit fairen Mitteln hätte Lochner es niemals geschafft, Hakan das Geld abzuluchsen, nicht gegen seinen Bruder, nicht beim Tavla. Und dann? Wo war Lochner, als Hakan von der Polizei aufgefunden wurde, mit einer Herzattacke vom Stuhl gerutscht? Wo war das Geld? Die Polizei wusste von einem zweiten Mann, der in der Nacht mit Hakan im Hotelzimmer war. Sie wusste aber nicht, wer das war. Man fand ein Tavla-Spiel, man vermutete, dass um Einsätze gespielt worden war, aber nicht, dass es hier um schlappe Hunderttausend ging.
Die Chipkarte taugte nicht. Derintop schaute über den Rasen und über den Kies, der sich in einem schmalen Streifen um das Haus herumzog. Er suchte nach einem Haken, einer flachen Metallschiene, irgend etwas, womit er sich behelfen konnte. Warum schellte er nicht einfach? Er ging die Kellertreppe wieder hoch und die Außenwand entlang. Vielleicht gab es an der anderen Seite des Hauses, an der Blautannen einen Sichtschutz zum nachbarlichen Grundstück bildeten, einen Seiteneingang. Nichts, nur ein schmaler Streifen mit grauen Gehwegplatten und zwei Mülltonnen, keine Fenster im Erdgeschoss. Er ging zurück und kam an der Terrassentür vorbei. Sie stand auf Kippe. Er drückte sein Gesicht gegen das Glas und schaute hinein. Es war niemand im Wohnzimmer. Wahrscheinlich war Frau Lochner immer noch oben auf dem Balkon an der Vorderseite. Derintop langte durch den offenen Spalt zum Fenster, das von der Tür bis zur Außenecke reichte. Er bekam den Griff mit den Fingerspitzen zu fassen. Er musste sich dazu ganz an die Glastür pressen, um überhaupt heranzukommen. Er stellte sich auf die Zehenspitzen und streckte sich, als es vorn an der Haustür schellte. Er erschrak, weil er im ersten Moment glaubte, er hätte das Läuten ausgelöst. Erst jetzt erinnerte er sich, dass soeben irgendein Auto vorgefahren und der Motor abgestellt worden war. Derintop hörte, wie innen Frau Lochner die Holztreppe herunterkam. Er ging geduckt zurück zur Hausecke.
»Tag, Frau Lochner. Tut mir leid, ich muss Sie noch einmal stören. Wir sind da leider nicht viel weiter gekommen.« Derintop hörte, wie der Mann weiter redete, während er ins Haus ging und die Tür hinter ihm zufiel. Derintop zuckte mit den Schultern, vergewisserte sich, dass die beiden nicht im Wohnzimmer Platz nahmen und er nicht durch die Terrassentür gesehen werden konnte, dann ging er gemächlich zurück über den Rasen und stieg über den Jägerzaun. Sein BMW stand direkt vor dem Wagen, der soeben gekommen war: ein dunkelgrüner Audi mit einer Polizeiplakette auf der Heckscheibe.
»Sie wissen also nicht, wohin Ihr Mann unterwegs war? Warum hat er nicht seinen Wagen genommen?« Kommissar Bärhalter war ein Mann von Mitte fünfzig, ergraute Schläfen, rotwangig von allmorgendlichen Rasuren. Er stand breit da in einem rotkarierten Baumwollhemd und einer beigen Cordhose, durchweg bieder, und verkörperte so Recht und Gesetz. Er verkörperte den Durchschnitt, der sich normal verhielt und niemals aneckte; der der unumstößlichen Meinung war, wenn man sich nichts zuschulden kommen ließ, könne einem auch niemand etwas anhaben. Ansonsten trete er auf den Plan. Nun starrte er unter buschigen Augenbrauen hervor auf die Frau, die unter ihm am Schreibtisch saß. Anna Lochner mochte vor zehn Jahren, als sie geheiratet hatte, eine schöne Frau gewesen sein. Sie hatte blondes, splissiges Haar, das in Wellen auf ihre Schultern fiel. Irgendwie erinnerte sie an Marlene Dietrich in einer tragischen Rolle. Sie war blass, eine spitze Nase, schmale Lippen, die meist in einer Art Selbststrenge aufeinander gepresst waren.
»Ich habe ihnen doch schon gesagt, dass er mir nur selten von seinen Geschäftsgängen erzählte. Nur, wenn es mal Probleme gab oder …«
»Und dann offensichtlich auch nicht. Frau Lochner, Ihr Mann ist die Treppe der Schwebebahn hinaufgejagt worden. Vermutlich hatte der Täter die Waffe schon vorher gezogen. Sonst hätte er nicht so schnell reagieren und ihren Mann erschießen können, gerade als der in den Waggon springen wollte. Und das alles mit Schalldämpfer und vor laufendem Publikum.«
»Ich dachte, niemand hat ihn gesehen?«
»Das kommt hinzu: Die Aufmerksamkeit der Leute war offensichtlich allein auf ihren Mann gerichtet. Und der Täter hat sich wahrscheinlich so geschickt in den Winkel der Treppe gestellt, dass er kaum gesehen werden konnte. Frau Lochner, das war kein Dilettant!«
Die Wände des Arbeitszimmers hingen voll von Fetischen aus allen möglichen Ländern der dritten Welt: Ebenholzmasken, Amulette, Glücksbringer aus Jade. Das kleine Fenster zur Straße ließ in Streifen Licht durch die Rolläden. Draußen fuhr gerade ein Wagen an. Laute türkische Musik schwappte ins Zimmer und entfernte sich schnell.
Anna Lochner stützte sich mit dem Ellbogen auf die Schreibtischplatte. Sie hatte rot geränderte Augen, und Bärhalter war nicht klar, ob sie um ihren Mann trauerte oder weil sie nun nicht wusste, wie es mit dem Schmuckgeschäft weiter gehen sollte.
»Frau Lochner, gab es denn da irgendwelche schärferen Konkurrenzen als gewöhnlich, oder gar Feindschaften? Ich meine, Ihr Mann handelte schließlich mit Edelsteinen und nicht mit Milch oder Butter. Ich kann mir denken, dass es da auch manchmal um sehr viel Geld ging.«
»Das ist das Bild, das man gemeinhin von der Edelsteinbranche hat. Ich kann Ihnen nur sagen, dass wir, zumindest was das Finanzielle angeht, nicht viel anders gelebt haben wie ein Milchhändler.«
«Schulden. Hatten Sie Schulden?«
»Hatten! Was heißt hatten? Was glauben Sie, was mir seit Tagen durch den Kopf geht? Wie ich all diese Schulden bezahlen soll! Ob ich das Haus verkaufen soll! Mein Mann war, was Finanzen anging, ein …« Anna Lochner winkte mit einer verächtlichen Handbewegung in Richtung der schwarzen Masken ab.
»Ein? Ihre Ehe war wohl nicht besonders glücklich?«
»Ich glaube, das führt uns nicht weiter, Herr Bärhalter. Wessen Ehe ist denn besonders glücklich? Ihre vielleicht?«
»Nun ja, zumindest ist es eine – wie soll ich sagen – beständige, auf festem Grund befindliche.«
Anna Lochner brach in ein lautes Lachen aus, das irgendwie hässlich klang. Ihr Gesicht war mit einem Mal verzerrt. Sie sah aus, als streite sie sich gerade und als sei Bärhalter ihr Mann.
Bärhalter stieß nach: »Sagen Sie, es gab vor wenigen Tagen einen Todesfall im Mercuria-Hotel. Junger Mann, Mitte Dreißig, türkischer Abstammung. Er wurde in einem der Zimmer tot aufgefunden. Er ist an einer Überdosis Kokain gestorben. So, wie es aussah, mitten beim Backgammon-Spiel. Mein Kollege Winterberger führt in diesem Fall die Ermittlungen. Er meint, da müsse noch jemand gewesen sein, den wir nicht kennen. Denn wer spielt schon allein? Es hat dazu einen anonymen Hinweis gegeben, einen Hinweis, dass es sich bei dem Unbekannten um Ihren Mann gehandelt habe. Frau Lochner, stand er in Kontakt mit Drogen?«
Anna Lochner war in ihrem Stuhl zurückgesackt. Sie hielt die Hände vor das Gesicht, ihre langen, dünnen Finger bedeckten die Augen, Bärhalter hört sie schluchzen. Gefühlsausbrüche waren ihm unangenehm. Er hatte außerdem im Laufe seiner Karriere gelernt, dass man an ihnen nie viel festmachen konnte. Emotionen konnten ebenso gut gespielt sein. Fakten nicht. Er dachte daran, Lochners Kontenbewegungen unter die Lupe zu nehmen und an einem anderen Tag wiederzukommen. Hier war im Moment nichts zu erfahren. Bärhalter stand auf und ging zur Tür. Die Klinke in der Hand drehte er sich noch einmal um: »Wagner, haben Sie den Namen schon einmal gehört? Jens Wagner.« Anna Lochner schluchzte weiter, während sie mit dem Kopf schüttelte.
6.
Wagner war nun schon zum zweiten Mal an diesem weißen Mercedes vorbeigelaufen, den er sich als Wendemarke ausgesucht hatte. Er bog von den Parkplätzen wieder nach rechts ab auf den Bismarckturm zu, der mit seinem verwitterten Quadergestein aus Muschelkalk das Panorama mit den südlichen Anhöhen gegenüber in zwei Hälften teilte. Obwohl das Gelände der Hardtanlagen hier oben über der Stadt ziemlich eben war, schnappte Wagner schwer nach Luft. 1,5 Kilometer, die er bis jetzt schon geschafft hatte, waren für ihn eine echte Herausforderung. Noch ein, zwei Runden, und er wollte es für heute gut sein lassen.
Seine Schritte knirschten auf dem roten Schotterweg. Wagner versuchte an nichts zu denken, weil ihm die ständige Zählerei, wieviel er noch an Wegstrecke zu absolvieren hatte, das Laufen erschwerte. Der Weizenbierbauch wackelte im Rhythmus, der runde Schweißfleck unterhalb des Brustbeins wurde immer größer. Wagner atmete nun mit offenem Mund, was er eigentlich nicht gerne tat. Er hatte Angst, dass ihm irgendwelche Insekten in den Mund fliegen könnten, wie sie das vor allem abends häufig taten. Um ihn herum waren aber-und-aber-viele Kubikmeter Raum und Luft, und diese Viecher hatten nicht Besseres zu tun, als ihm in den Rachen zu fliegen. Aber vielleicht war das auch eine Frage der Luftströmungen und -temperaturen, und wenn er hier mit 37° Grad heißem Atem daherkam, war das für einige Insekten offensichtlich eine willkommene Einladung.
Die Sonne war rot hinter den Hochhäusern der Außenbezirke untergegangen. Es war jetzt angenehm kühl, eigentlich. Schweiß lief Wagner in die Augen. Noch anderthalb Runden. Er passierte den Botanischen Garten, in dem er sich vorhin noch gezwungen gesehen hatte, dieser Führung zu einem Streifzug durch die Welt von Sumatra beizuwohnen. So nannte man die neue Ausstellung im großen Gewächshaus. Witzleben, seine Chefredakteurin hatte ihn hierher geschickt, und Wagner hatte beschlossen, das Berufliche mit dem Privaten zu verbinden, und seine Laufschuhe auf den Rücksitz seines Wagens geworfen. Wagner fragte sich, wieviel man eigentlich ausschwitzen konnte, ohne zu kollabieren. Allein die tropischen Temperaturen im Gewächshaus und die endlosen Ausführungen des Biologie-Professors der Universität, der seinen Vortrag sichtlich genoss und stundenlang über den Werdegang einer Würgefeige referierte. Wagners Bleistift raschelte flink über den Notizblock. Das Diktiergerät hatte er nicht für notwendig erachtet, was sich nun als Fehler herausstellte. Das Leben einer Würgefeige stellte sich doch als einigermaßen interessant dar. Gleichzeitig sprudelte es nur so aus dem kleinen, bebrillten Professor heraus, der bei diesen Temperaturen zu einem lindgrünen Seidenhemd tatsächlich einen Schlips trug, einen exotisch anmutenden mit prallen Farben. Wagner war genötigt, sich zwischen die Kollegen der Konkurrenz zu schieben und nahe an den Professor heranzurücken, weil gleich neben der Würgefeige das Dschungelgebirgsbachimitat in einiger Lautstärke sprudelte.
Soweit Wagner es nun verstanden hatte, war aller Anfang einer Würgefeige ein Vogel, der die Frucht besagter Feige aß und seinen Kot irgendwann irgendwoanders niederließ, egal ob auf einem beliebigen Tropenbaumblatt oder auf dem Urwaldboden. Daraus entspross nun im Laufe der Zeit eine kleine Feige, die sich am Wirtsbaum gütlich tat, indem sie als Luftwurzel dem Boden entgegenwuchs, dann wieder aus dem Boden herauswuchs und mit der Zeit immer größer, länger und stärker wurde und bald anfing, den Wirtsbaum zu umschlingen, an ihm emporzuwachsen, dem Licht entgegen. Alle im Gewächshaus schwitzten und schrieben in ihre Notizblöcke. Jene mit Diktiergeräten ärgerten sich über die laute Klimaanlage und dieses blöde Gebirgsbachimitat. Der Professor stand mit schlohweißen Haaren direkt unter der Würgefeige, und Wagner stellte sich vor, wie diese Feige sich allmählich von oben an diesen Schlaumeier heranmachen würde. Dann wieder notierte er, dass irgendwann im Laufe der Jahre die Würgefeige, die nun ständig am Wirtsbaum auf und ab wuchs, ein eigenes Gehäuse gebildet hatte, das jenen einschloss und ihm Luft und Licht nahm. Endlich würde nach Jahrzehnten der alte Wirtsbaum in sich zusammenfallen und die Würgefeige sich vollends dessen Energiequellen bedienen. »Meine Damen und Herren, womit wir, wenn wir das alles im Zeitraffer bestaunten, ein wunderbares Zeugnis natürlichen Kommens und Gehens vor Augen hätten, wie man es so rein und unabänderlich und gleichzeitg so brutal nirgendwo wie hier im Urwald erlebte.« Der Professor ließ den linken Arm wie zu einem fallenden Vorhang sinken, und Wagner sah sich endlich nicht mehr gezwungen, ständig auf den wachsenden Schweißfleck zu starren, der sich auf dessen Hemdstoff unter der Achselhöhle gebildet hatte. »So weit, so gut«, der Professor rückte energisch den Schlips am Knoten zurecht. Er kam sichtlich in Form und marschierte über die Gehwegplatten voraus auf eine Gruppe verschiedener Farne zu. »Wenn wir aber nicht auch die Welt der Farne beleuchtet haben, werden wir das ganze System im tropischen Regenwald nicht verstehen.« Wagner hatte genug. Schweißüberströmt suchte er den Ausgang und hatte ihn endlich gefunden, indem er einfach entgegen der Richtung der roten Pfeile lief. Er atmete tief die frische Luft ein, als er draußen vor der gläsernen Tür stand. Erste Schlagzeilen taten sich auf: Langes Sterben in der grünen Hölle. Oder Wenn Pflanzen zu Kannibalen werden.
Wagner machte an den Rhododendronbüschen kehrt und hielt nun wieder auf den weißen Mercedes zu, der oberhalb der Parkanlagen an einer Steinmauer stand. Es wurde bereits dunkel. Wagner ärgerte sich über seine Chefredakteurin, dieses bullige Wesen, an dem niemand vorbeikam und das die Sätze mit ihren dicken Fingern in die Tastatur hieb, und immer an den Manuskripten anderer herumnörgelte, sie wegbellte. So wie Wagners Reportage zum diesjährigen Schützenfest, die sie ihn x-mal hatte umschreiben lassen, weil ihr der Text nicht bissig genug war. Schließlich gebe es gerade dieses Jahr ja auch Kritisches zu vermerken, erklärte sie, stand breitbeinig im Türrahmen und nestelte mit einer Hand an ihrer neuen Pagenfrisur, die sie noch dominanter aussehen ließ als ohnehin. Was sei denn mit diesen Gerüchten um mangelnde Sicherheit bei der Achterbahn und den Unregelmäßigkeiten bei den Losbuden, die merkwürdig wenig Gewinne auswarfen? Aber gut, wenn Wagner es eben nicht besser könne, werde sie diese letzte Fassung als Grundlage nehmen, aber mehr auch nicht.
Wagner schnaufte die leichte Steigung hinauf, an der großen Buche vorbei, die den Weg vor ihm verdunkelte. Er war nun allein im Park, im Tal blinzelten erste Straßenlaternenlichter. Noch etwas mehr als eine Runde. Mücken begannen aufzusteigen.
Was ihn aber eigentlich an dieser Bulldogge von einer Redakteurin aufregte, war, dass sie nicht auf seinen Vorschlag eingegangen war, als er versucht hatte, die Reportage zum Mord in der Schwebebahn an Land zu ziehen. Immerhin sei er ja selber Zeuge gewesen, hatte er sich gebrüstet. Er spüre, dass verdammt viel dahinter stecke, er würde da gern recherchieren, und hatte einen listigen Gesichtsausdruck versucht. »Verdammt viel dahinter?« hatte sie geblafft. »So wie hinter Ihrer Reportage über das Schützenfest, ja?« Wagner hätte beinahe damit geprahlt, dass es ihm immerhin schon gelungen sei, eine Herrentasche und Edelsteine an sich zu bringen, hielt sich aber im letzten Moment noch zurück. Stattdessen hatte die Chefredakteurin ihn hierher in den Botanischen Garten zu diesen lächerlichen Würgefeigen geschickt. »Da, lieber Freund, können Sie sich beweisen. Vielleicht findet sich ja im Dschungeldickicht was Interessantes über die Verstrickungen der Universität mit dem Förderverein, bei dem man sich fragt, wie die es schaffen, immer wieder öffentliche Gelder für den Botanischen Garten loszueisen. Gehen Sie mal hin, und das mit der Schwebebahn, das kann Buchholz machen, der kennt sich mit so was aus.«
Wagner bog schnaufend zur letzten Runde ein. Der nasse Fleck auf dem T-Shirt war inzwischen größer geworden. Wagner fragte sich, ob es in Thailand auch Würgefeigen gab, das war ja gewissermaßen gleich bei Sumatra um die Ecke. Zumindest was Flora und Fauna anging. Er würde Nok fragen und stellte sich vor, was daraus würde, wenn er die Würgefeige Noks wäre. Es waren die typischen Phantasien eines Erschöpften.
Wagner war zwanzig Meter vor dem Mercedes, als er sah, wie jemand dem Wagen entstieg. Eigentlich sah er das nur aus den Augenwinkeln, er war mittlerweile zu ausgelaugt, als sich auf etwas anderes konzentrieren zu wollen als auf das Laufen. Er hörte nur ein paar Schritte auf dem Schotter, die auf ihn zukamen. Als er dann doch den Kopf hob, sah er einen breitschultrigen Mann direkt auf sich zukommen. Schütteres Haar und das rote Gesicht eines Menschen mit zu hohem Blutdruck. Graue Brusthaare quollen aus dem offenen Hemd hervor. Der Mann stank schon aus der Entferung von fünf Metern nach billigem Parfüm. Er stelzte merkwürdig steif mit herunterhängenden Armen auf Wagner zu, der langsam begriff, dass der Mann etwas von ihm wollte. Er überragte Wagner um einen Kopf und schaute hasserfüllt auf ihn herab.
Wagner versuchte, den Mann zu ignorieren und ihm mit einem Ausfallschritt auszuweichen. Doch einer der behaarten Arme zog ihn einfach am T-Shirt zu sich heran. Wagner roch Schnaps. Der Mann holte aus und schlug ihm mit der rechten Faust ins Gesicht. »Pass auf, du Armleuchter!« Wieder schlug er zu, die Lippe platzte auf. Wagner schmeckte sogleich das Blut, das ihm übers Kinn lief. »Hör genau zu! Wenn du deine Drecksfinger nicht von meiner Frau lässt, mache ich dir die Hölle heiß. Dagegen ist das hier nur‘n Vorspiel.« Der Mann nahm Wagner jetzt in den Schwitzkasten und schleuderte ihn wütend herum. »Hast du mich verstanden, du Sau? Keine Besuche mehr, nicht einen!«
»Ja, aber wo denn?« Wagner bekam kaum Luft. Er hätte sich am liebsten fallen lassen.
»Komm mir nicht so blöd. Meinst du, ich kenn Leute wie dich nicht? Geiles Pack! Euch läuft doch schon der Seiber im Mund zusammen, wenn ihr nur ne Thailänderin seht. Also, letzte Warnung!« Der Kerl hielt Wagner weiter in der Mangel, holte zu einem Uppercut aus und traf ihn genau auf das linke Auge. Dann ließ er ihn fallen. Wagner hörte, wie sich der Mann auf dem Schotter entfernte, er hörte die Tür des Mercedes zufallen und den Motor anspringen. Dann setzte der Wagen zurück, spendierte Wagner eine Portion Auspuffgas und rollte davon.
7.
Wagners Bauch drückte gegen den Rand des Waschbeckens. Vor dem Spiegel darüber betastete Wagner die dicke Lippe. Die rechte Mundhälfte war ziemlich stark geschwollen. Er fasste vorsichtig die Schneidezähne dahinter und prüfte, ob sie wackelten. Zum Glück nicht. Das linke Auge machte ihm Sorgen. Er nahm den Waschlappen vom Wandhaken, befeuchtete ihn mit kaltem Wasser und betupfte die Schwellung. Probehalber schloss er das andere Auge und stellte fest, dass er mit dem verletzten Auge momentan nicht viel erkennen konnte. Verschwommen nahm er im Spiegel sein lädiertes Gesicht wahr. Erneut drückte er den Waschlappen auf das Auge, ungeduldig und etwas fester, als würde das etwas nutzen. Da klingelte es an der Wohnungstür.
Wagner, noch immer in seinem vom Joggen verschwitzten T-Shirt, war froh, dass ihn jemand besuchen kam. Er hatte allerdings keine Vorstellung, wer das sein könnte. Gleichwie, in solchen Stunden ist man nicht gern allein, dachte er, ging zur Wohnungstür und öffnete.
Draußen standen zwei Männer. Der ältere der beiden stand direkt vor ihm, und die Art, wie er auf Wagner herab genau auf dessen geschwollenes Auge schaute, erinnerte ihn fatal an den Blick des Raufboldes im Park. Wagner glaubte im ersten Moment, nun wäre die nächste Portion Prügel fällig.
»Bärhalter. Mordkommission«, schrie der Mann durchs Treppenhaus und fingerte eine entsprechende Marke aus der Tasche seiner beigen Cordhose. Der Mann hinter ihm, ein hagerer Jüngling mit Hakennase, nickte amüsiert. »Und das ist mein Kollege Winterberger.« Bärhalter stierte immer noch wie ein Adler auf Wagners Auge. Der Schmerz wurde wieder stärker. Wagner wich wortlos von der Tür und gab den beiden den Weg in die Wohnung frei.
Er wies in die Küche, Bärhalter ließ sich breit auf einen der Stühle fallen. Winterberger klackte mit hochhackigen, schwarzen Stiefeln über das Schiffsparkett und schaute sich das Poster über dem Kühlschrank an, das eigentlich ein Schallplattencover war. Eine Schwarz-Weiss-Fotografie aus den Fünziger Jahren, die zeigte, wie zwei Putzfrauen Jesus mitsamt Kreuz auf die Stufen eines Domes gelegt hatten und ihn mit einem Wasserschlauch abspritzten. Winterbergers Nase stieß beinahe an die Domstufen. Dann wechselte er abrupt nach rechts hinüber zum Wandkalender der Städtischen Müllabfuhr, und die Nase schien die einzelnen Tage des Monats durchgehen zu wollen.
»Sie wundern sich sicher, dass wir Sie so unvermittelt aufsuchen. Oder nicht?« Bärhalters buschige Augenbrauen hoben sich.
»Eh, sicher.«
»Sicher was, ja oder nein?«
Winterberger löste sich vom Kalender. Das Klacken seiner Stiefel entfernte sich hinüber zum Wohnzimmer.
Wagner lehnte sich gegen das Küchenfenster und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. Er versuchte sich zu erinnern, wo er die Herrentasche versteckt hatte, und ob überhaupt.
»Hören Sie mir überhaupt zu? Ich habe Sie etwas gefragt!«
Immer noch im Rucksack, also im Auto, und die Edelsteine im Handschuhfach, dachte Wagner erleichtert. »Sie werden es mir sicher erklären, nicht?« Etwas Forschheit war wohl nicht das Verkehrteste. »Es wird Sie interessieren, dass ich Journalist bin, Wupper-Kurier, Fachgebiet organisierte Kriminalität.«
»Na, hervorragend!« Warum schrie dieser Mann nur so? »Dann können wir ja zusammenarbeiten. Was halten Sie davon?«
Wagner glaubte im Wohnzimmer das Öffnen einer Schublade zu hören. »Was macht Ihr Kollege da?«
»Er recherchiert. Genau wie Sie. Sie scheinen ja auch ein recht eifriger Mensch zu sein. Immer gleich am Tatort, nicht wahr? Möglichst, bevor geschossen wird. Wie machen Sie so etwas?«
»Woher wissen Sie …«, Wagner wäre jetzt gern zu seinem Wagen gegangen, um die Herrentasche und die Steine in einen Gulli zu schmeissen. Immerhin war er froh, dass er die Tasche, als er von Nok gekommen war, nicht mit in die Wohnung genommen, sondern das Diktiergerät herausgenommen und sie achtlos auf dem Beifahrersitz liegengelassen hatte.
»Wir haben einen Tipp bekommen. Reicht das?« Bärhalter sprang auf und steuerte auf Wagner zu »Und jetzt hören wir auf mit den Spielchen! Wo genau haben Sie gesessen, als das passierte?«
Wagner fühlte sich zwischen Bärhalter und dem Fensterbrett eingezwängt. Der Mann hatte einfach Dominanz, vor allem, wenn er so dicht vor einem stand. Man hörte Winterberger ins Schlafzimmer wechseln. Unpassenderweise fing er dort an, irgendein fröhliches Lied zu pfeifen. Wagner musste aus der Defensive heraus: »Ist es neuerdings verboten, Zeuge eines Mordes zu sein?«
»Nein, aber dann bleibt man am Tatort oder meldet sich wenigstens, um auszusagen, was man gesehen hat. Also: Wo in der Schwebebahn haben Sie gesessen?«
»Ganz hinten. Ich habe von dem ganzen Trubel überhaupt nichts mitbekommen. Ich hatte auch überhaupt keine Zeit, weil ich sowieso gerade mit einer anderen Geschichte beschäftigt war.«
»Ach ja? Organisierte Kriminalität, was? Scheint ja ganz schön was los zu sein im Tal.«
Bärhalter wandte sich von Wagner ab und schaute sich in der Küche um. »Wie kommt es eigentlich, dass ich noch nie von Ihnen gehört habe. Wir haben sonst immer mit Herrn Buchholz zu tun, wenn der Kurier etwas wissen will. Sind Sie neu?«
»Nö.«
»Sie wirken so.«
Bärhalter war offensichtlich darauf aus, ihn zu verunsichern. Das hieß bei einem Kommissar in den meisten Fällen, dass er nicht viel in der Hand hatte. In Fernsehkrimis war das jedenfalls so. Wagner schöpfte wieder Mut.
»Also ich finde das unverschämt, dass Ihr Kollege hier einfach durch meine Wohnung spaziert und in den Schränken herumschnüffelt, ohne dass etwas gegen mich vorliegt! Pfeifen Sie ihn zurück!« Man hörte Winterberger drüben unbekümmert weiter pfeifen.
»Oder hatten Sie einen Grund, so schnell abzuhauen? War Ihnen plötzlich schlecht geworden? Oder hatten Sie etwas an sich genommen?«
Jetzt irgendwas sagen, irgend etwas, dachte Wagner hektisch. »Ziehen Sie wenigstens Ihre Stiefel aus, verdammt nochmal!« schrie er hinüber. »Meinen Sie, ich habe Lust auf Fußpilz?« Wagner hörte, wie Winterberger die Tür des Schlafzimmerschrankes zuschlug und über das Schiffsparkett zurückkam.
»Es steht eine konkrete Frage im Raum.« Bärhalter baute sich wieder vor Wagner auf. Der Mann roch nach Pfeifentabak. »Man hat Sie gesehen, wie Sie etwas vom Tatort mitgenommen haben.«
Wagner war froh, dass sein Gesicht ohnehin deformiert war. Da fiel Verlegenheit und eine zusätzliche Rötung nicht so leicht auf. »Und was sollte das gewesen sein?«
»Warum nicht Edelsteine? Der Mann hat damit gehandelt. Aber das wussten Sie ja vermutlich schon vor uns und bevor er tot war. Habe ich Recht?« Wagner tippte auf irgendeinen billigen schottischen Verschnitt, das Aroma weckte Assoziationen an Schafe, verrauchte Pubs und schalen Whiskey. Er war froh, dass wenigstens seine Nase noch in Ordnung war.
»Und wie passt das da hinein?« Bärhalter stach mit dem Zeigefinger auf Wagners lädiertes Auge zu. »Sind wir vielleicht irgendwem in die Quere gekommen, hm? Möchte der Herr etwa eine Anzeige erstatten?«
»Ach was. Irgendein wild gewordener Hundebesitzer, weil ich beim Joggen seinen Pudel angeschrien habe, als der mich attackiert hat.« Wagner musste aus dieser Situation heraus, irgendwie. Er schlängelte sich an Bärhalter vorbei und wies mit langem Arm ins Wohnzimmer. »Ich lasse mir das nicht länger gefallen. Ich schlage vor, ich hole jetzt mein Diktiergerät, und dann können Sie fortfahren mit Ihren Unverschämtheiten.«
»Es liegt drüben auf der Schlafzimmerkommode.« Winterberger wies mit dem Daumen lässig über die Schulter. Er war zurückgekommen und begann nun, sich für den Besenschrank zu interessieren. Er öffnete ihn und musterte den Inhalt.
»Also gut.« Bärhalter stieß sich von der Anrichte ab. »Ich gebe zu, für einen Durchsuchungsbefehl reicht es nicht. Aber sollten wir noch einen kleinen Anhaltspunkt finden, dass Sie irgendwie in diesen Fall verstrickt sind, ich schwöre Ihnen, dann krempelt mein Kollege Ihnen tatsächlich die Wohnung um. Dafür zieht er sogar die Stiefel aus.«
Winterberger warf breit lächelnd den Kopf zurück wie ein wieherndes Pferd und schob hinter Bärhalter ab zur Wohnungstür. »Und vergessen Sie nicht«, schrie Bärhalter durchs Treppenhaus. »Wir behalten Sie im Auge.«
8
Derintop stand am Jägerzaun und sah die offene Terrassentür. Er lächelte. Da er nicht wusste, ob sich Anna Lochner womöglich im Wohnzimmer aufhielt, ging er diesmal nicht schnurgerade auf das Haus zu, sondern entlang des Zauns an einer Reihe von Rhododendren vorbei.
Er trug Jeans und ein blütenweißes Rüschenhemd, das sich eher dazu eignete, bei der Hausbank Eindruck zu machen. Derintop drückte sich gegen die Rückwand, schob seine Sonnenbrille auf die Stirn und lugte durch das große Fenster in das Wohnzimmer. Niemand da. Vermutlich war Anna Lochner oben.
Derintop zögerte nicht und glitt durch die Terrassentür ins Wohnzimmer. Er zog die Schuhe aus und stellte sie sorgfältig unter der Heizung auf dem Laminatboden ab. Es waren schwarze Halbschuhe mit einer runden Verzierung auf dem Rist und angedeuteten Schnürsenkeln. Er schlich auf weißen Socken zur Tür gegenüber und lauschte. Er glaubte, oben Schritte zu hören und überlegte einen Moment, wie er verfahren sollte: erst im Wohnzimmer suchen oder gleich nach oben.
Er schaute sich um. Das war kein gewöhnliches Wohnzimmer, fand er. Er vermisste den obligatorischen Schrank, der eine ganze Wand einnahm. Stattdessen Regale mit Büchern und allerlei Schnickschnack aus fremden Ländern. Vor dem großen Fenster eine Sitzgruppe, ein niedriger Tisch, eine offene Vitrine, jedoch nichts, wo man ein Versteck vermuten würde. Alles irgendwie offen. Derintop drückte die Klinke. Er sah vor sich den Treppenaufbau, drüben die Haustür und zog sich geduckt am Geländer die Stufen hoch. Noch vor dem oberen Treppenabsatz sah er am Ende des Flurs eine offene Tür und hörte, wie ein Ordner in ein Regal zurückgestellt wurde.
Derintop grinste wieder. Er richtete sich auf und spazierte ohne Umstände in das Zimmer: »Merhaba! Frau Lochner. Ich nehme an, Sie erinnern sich nicht mehr.« Anna Lochner war am Schreibtisch zusammengezuckt. Sie trug ein biederes, rosafarbenes Hemd und einen langen, grauen Rock und saß in einem rollbaren Bürostuhl. Sie hatte den Rücken gekrümmt, hielt beide Hände vor den Mund, als müsse sie ihren Schrei auffangen, und sah Derintop aus roten Augen entsetzt an. Der war sofort bei ihr, rollte den Stuhl mit Wucht gegen die Zimmerwand und stützte sich schwer auf die Armlehnen. Er roch nach Rosenwasser.
»Mein Gott, was wollen Sie? Wer sind Sie?«
»Wir haben uns schon mal gesehen. Jedenfalls ich Sie, Frau Lochner. Ich sage nur: Wettbüro. Viele viele Türken.« Derintop beschrieb mit dem rechten Arm einen Bogen. »Und dazwischen Ihr Mann. Beim Glücksspiel.« Derintop setzte den Zeigefinger unter sein rechtes Auge und zog die Haut etwas herab.
Anna Lochner schaute zwischen die Beine Derintops auf den Laminatboden. Sie hatte keine Chance aus der Ecke herauszukommen.
»Jaha, Glücksspiel. Und Frau Lochner war verdammt unglücklich darüber.«
»Bitte, tun Sie mir nichts, ich …«
»… und hat ihm eine Szene gemacht und ihn mitgenommen wie einen Schuljungen. Leider aber …«, Derintop griff mit der linken Hand in das splissige Haar und ruckte ihren Kopf hoch. »Leider hat der gute Mann aber später weitergespielt. Konnte es einfach nicht lassen. Tage später. Im Hotel. Wissen Sie das?« Derintop schrie sie plötzlich an und stieß ihren Kopf gegen die Wand. Anna Lochner weinte. Tränen liefen ihr über das Gesicht. Derintop atmete dicht über ihr. »Sie wissen das, ja? Und Sie wissen auch, dass er meinen Bruder auf dem Gewissen hat.« Er schlug mit der flachen Hand zu. »Und dass er das Geld genommen hat.« Wieder ein Schlag. »Und Sie wissen auch, wo er es versteckt hat!« Noch ein Schlag.
Anna Lochner hielt die Hände schützend vor das Gesicht.
»Na los, wo ist es? Sagen Sie es, und ich lasse Sie in Ruhe.«
»Ich weiß es doch nicht. Wirklich nicht!«
Derintop packte Anna Lochner mit beiden Händen am Hemdkragen, ruckte sie hoch, sah ihre roten Augen, das Haar, das ihr in Strähnen ins Gesicht fiel, und ließ sie zu Boden fallen. Ihre Unschuld wirkt ehrlich, stellte er sachlich fest.
»Aber Sie wissen, wo ich hier Schnüre finde, was? Paketschnüre!« Er sah das schwarze Telefonkabel über den Boden schlängeln, riss es aus der Steckdose und kniete sich über Anna Lochner. Die starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. »Sie waren das. Sie haben meinen Mann erschossen!«
»Vielleicht. Vielleicht ist mir auch jemand zuvorgekommen. Aber es macht keinen Unterschied.« Derintop arbeitete ruckartig, drehte ihre Arme auf den Rücken und zog die Schnur um ihr Handgelenk fest. »Ich suche jetzt nicht nach Klebeband. Wir können uns das ersparen, wenn Sie den Mund halten. Ich schaue mich ein wenig um, und dann sehen wir weiter. Okay? Te
ekkür ederim. Danke schön.«
Anna Lochner blieb regungslos liegen. Derintop erhob sich und ging aus dem Zimmer die Treppe hinunter.
Derintop suchte. Er suchte im Wohnzimmer, im Arbeitszimmer, in der Küche, zog Schubladen auf und wurde immer wütender. Auf dem Schreibtisch funkelten ein paar Edelsteine. Derintop fegte sie mit einer Handbewegung herunter. Derintop ging in den Keller. Man hörte lautes Rumpeln. Einmachgläser zersplitterten am Boden, ein Metallregal wurde umgestoßen. Zurück im Erdgeschoss griff er zum Schlüsselbund, der neben der Haustür an einem kleinen Holzbrett hing und trat an die metallene Seitentür. Er probierte einige Schlüssel, dann öffnete er und betrat die Garage. Er blieb etwa zehn Minuten fort, dann kam er wieder nach oben.
Anna Lochner hörte, wie er nebenan im Schlafzimmer das Bett, den Schrank, die Kommode durchwühlte.
Als er zurück ins Büro kam, zeigte sein Gesicht eine Mischung aus Wut und Enttäuschung. Er sah auf Anna Lochner herab, die auf der Seite lag und gegen die Wand starrte. Er sah, wie ihr Rock verrutscht war, er sah die weißen Seidenstrümpfe unter dem Rock. Er trat an sie heran und setzte einen Fuß auf ihren Oberschenkel. Unter seinem Socken spürte er ihr warmes Fleisch.
»Nein, bitte nicht. Bitte nicht das.«
»Doch.« Derintops Fuß rutschte höher.
»Ich kann doch gar nicht wissen, wo dieses Geld ist. Hören Sie, mein Mann und ich haben doch in der letzten Zeit eigentlich gar nicht mehr zusammen gelebt. Er war doch kaum hier.«
»Das ist aber schade. Da hat Ihnen sicher was gefehlt.« Derintops Fuß rutschte noch höher. Er sah nun ihren Slip.
Anna Lochner drehte sich auf den Rücken und versuchte, sich auf dem Laminatboden ein wenig zur Wand zu schieben, um so den Rock wieder etwas herunterzuziehen. Derintops Fuß folgte.
»Mein Mann hatte eine Geliebte. Schon seit längerem. Eine Asiatin. Er hat sich in der letzten Zeit meistens bei ihr aufgehalten. Glauben Sie mir bitte.«
»Und das soll mich davon abhalten, dass wir beide jetzt rüber ins Schlafzimmer gehen?« Derintop zog sie brutal an den Achseln hoch. »Wo finde ich diese Asiatin, heh?«
»Grünsiegelpassagen. Gleich neben dem China-Restaurant. Sie hat dort ein kleines Büro. Import Export.«
Derintop ließ sie fallen: »Import Export, das haben wir auch immer, so etwas. Passen Sie auf: Ich glaube Ihnen das. So, wie Sie hier herumwimmern, haben Sie wirklich von nichts eine Ahnung. Es kann natürlich auch sein, dass Ihr Mann das Geld doch hier irgendwo gebunkert hat, und Sie wissen das gar nicht. Wenn ich bei dieser Asiatin nicht weiterkomme, tauche ich wieder auf. Dann grabe ich Ihnen den Garten um, wenn es sein muss. Vielleicht mache ich dann auch noch was anderes.« Er stand breitbeinig über ihr und ruckte den Zeigefinger ein paar Mal gegen sie. Dann drehte er sich um, lief die Stufen hinab, öffnete die Haustür und wäre beinahe auf Socken auf die Straße getreten. Er ging zurück ins Wohnzimmer, zog die Schuhe an und verließ das Haus. Er schien sich überhaupt keine Gedanken darüber zu machen, dass er von Nachbarn gesehen werden könnte. Er trat zu seinem BMW, den er direkt vor dem Haus geparkt hatte, zündete sich eine Zigarette an, nahm einen tiefen Zug und zog die Sonnenbrille wieder von der Stirn herab. Er schaute noch einmal auf das Haus, den Vorgarten mit einigen flauschigen Büschen und auf die obere Etage, er betrachtete das alles wie ein Kaufobjekt. Dann setzte er sich in den Wagen, schaltete türkische Musik ein, eine tiefe, melancholische Frauenstimme, und fuhr los.
9.
Müßig zu spekulieren, inwieweit Lochner an Hakan Derintops Tod Schuld war. Man mochte der Ansicht sein, dass jeder schließlich für sich selbst verantwortlich ist. Findige Kriminalisten würden in einem solchen Fall eine Art Beihilfe zur fahrlässigen Selbsttötung konstatieren, ein Vorwurf, der vor Gericht erfahrungsgemäß nicht viel hergab. Hakans Bruder Kemal aber kam von seinem vorgefertigten Urteil nicht herunter, dass Lochner Hakan vorsätzlich umgebracht hatte. Die Polizei stocherte im Nebel, Bärhalter hatte inzwischen immerhin Lochners Konten durchstöbert, aber nichts Auffälliges feststellen können. Der Mann war hoch verschuldet.
Bärhalter hatte zwar davon gehört, dass es eine Szene gab, in der man sich in teuren Hotels traf und um hohe Einsätze spielte, aber das brachte ihn auch nicht weiter. Er beschloss daher, sich wieder auf den Mord an der Schwebebahn zu konzentrieren. Was drei Tage zuvor im 11. Stock des Mercuria-Hotels passiert war, interessierte also im Grunde niemanden so recht, auch nicht Derintop, der hatte ohnehin sein festes Bild. Er wusste, dass sein Bruder und Lochner sich in dieser Nacht über einem Tavla-Spiel gegenübersaßen und um hohe Einsätze spielten. Er hatte Hakan ja selbst zum Hotel gefahren und wusste, dass Lochner bereits oben auf ihn wartete.
Lochner gab sich betont gelangweilt und schaute, während Hakan Derintop die Steine zu einem neuen Spiel auf das Feld setzte, aus dem großen Fenster, das beinahe die gesamte Wand einnahm. Unten blinkten die Reklametafeln des neuen Einkaufscenters, einige wenige Autos fuhren über die breite Allee, der angrenzende Busbahnhof war bereits leer.
»Was hältst du davon, erst mal ne Nase nachzulegen«, nuschelte Lochner und fuhr sich mit der Hand durch die kurzen, schwarzen, Gel-getränkten Haare. Die beiden spielten schon seit Stunden. »Man will ja auf Zack bleiben, was, Alter?« Lochner lächelte Hakan wie ein Messer an; dünne Lippen, seine Augen waren kalt. Dabei waren die Pupillen auffallend groß, Lochner wippte ständig mit einem Bein, Übermotorik, unausgelastet.
»Warum nicht, es läuft ja sowieso gerade bestens für mich«, lachte Hakan, der in dem großen, schwarzen Ledersessel verloren wirkte. Im Gegensatz zu seinem Bruder war er ein schmächtiger junger Mann, kränklich aussehend, mit Rändern unter den Augen. Seine Pupillen waren ebenfalls geweitet, was einen maskenhaften Kontrast ergab. Hakan war der erklärte Schützling seines Bruders. Der hatte ihn mit den Worten verabschiedet: »Pass auf dich auf. Lochner ist eine Ratte. Und wenn er komisch wird, du weißt, wo dein Handy ist, ja?« Hakan war wie ein Dandy gekleidet. Er trug ein violettes Seidenhemd, eine weiße Leinenhose mit Bügelfalte. Der schwere Gürtel mit dem bronzefarbenen Büffelkopf als Verschluss wirkte, als sei er von seinem Bruder geliehen. Die Jacke hatte er an einen Kleiderhaken nahe der Tür gehängt. Ein Umschlag schaute aus der Innentasche hervor.
Lochner ging rüber zu dem breiten Tisch, der vor dem Fenster stand. Unten jagte ein Polizeiauto mit Blaulicht über die Bundesstraße, das Martinshorn war hier oben kaum zu hören. Lochner warf einen 200-Euro-Schein auf den Tisch und zog ein kleines, weißes Papier heran, das geöffnet vor ihm lag. Er griff zu einer Rasierklinge und begann mit feingliedrigen Fingern, das Kokain auf dem Papier zu tackern. In kurzen Abständen zog er – beinahe verächtlich – Luft durch die Nase, was wie eine unfeine Marotte wirkte, tatsächlich aber das Erkennungsmal eines ›altgedienten‹ Koksers war, dem man nichts mehr vormachen konnte. Vielleicht gab es da ja in irgendeinem Schleimhautwinkel noch einen winzigen Krümel, der sich, zwischen Härchen verhakt, bislang geweigert hatte, in die Blutbahn abzudriften.
»Und du glaubst also, du hättest schon gewonnen?« nuschelte er über die Schulter hinweg. »Du weißt ja, wenn wir hier nicht alles weggeputzt haben, einschließlich des Wodkas, ist überhaupt nichts entschieden. Außerdem taue ich erst immer in den frühen Morgenstunden auf. Das weißt du doch. Beim letzten Mal hattest du anfangs auch Oberwasser, und dann: niente.« Lochner schabte das Pulver erneut zu einem Haufen, zog ihn wieder mit der Klinge zu einer Leine auseinander und tackerte weiter.
»Ja, aber da ging es nur um Peanuts. Ich gehe hier mit deinen Hunderttausend raus, das kannst du mir glauben. Letztens habe ich diesen Orhan, diesen Lakai von Sa
, bis aufs Hemd ausgezogen. Kannst du mir glauben. Bis aufs Hemd. Sa
fand das gar nicht witzig, obwohl es ja nicht seine Kohle war.« Manchmal versuchte Hakan Lochners lässige Ausdrucksweise nachzuahmen, weil er ihn und seine zur Schau gestellte Unverschämtheit insgeheim bewunderte. Allerding wirkte das bei Hakan aufgesetzt, ja lächerlich. »Was ist nun?« Hakan warf betont ungeduldig die Würfel über das Spielbrett.
»Kannst es nicht erwarten? Was? Kitzelt‘s in der Nase? Mach dich doch nützlich. Schenke Wodka nach, Orangensaft dazu, randvoll alles, wie man es bei euch in der Türkei gewohnt ist. Wegen mir klingle unten an, wie das mit ein paar frischen Orangenscheiben aussieht. Das Zimmer geht sowieso auf deinen Namen, ich hab das so angeleiert. Sag einfach Derintop, dann wissen die Bescheid.«
»Das Restaurant hat doch längst geschlossen.«
Lochner kicherte vornübergebeugt. Es war eher ein Kichern durch die Nase, und ein paar Kokain-Krümel rutschten über die Tischplatte. »Hakan, wie wir ihn kennen. Immer bescheiden. Ich sag dir, so kommst du zu nichts. Du musst aus den Leuten rausholen, was nur geht, sonst kriegst du am Ende gar nichts. Soll dieser Nachtheini an der Rezeption doch zusehen, wo er die Orangen herkriegt.« Hakan hatte inzwischen die beiden sechseckigen Gläser, die neben dem Spielbrett auf dem Tisch standen, gefüllt – fast bis zum Rand. Er hörte jetzt, wie Lochner mit einem kurzen, heftigen Zug Kokain durch den Geldschein einsog. Hakan sprang auf und stellte sich neben Lochner.
»Ich hab dir auch gleich eine Line langgezogen. Wenn du sowas machst, sieht das immer aus wie ein Schlachtfeld. Wahrscheinlich zu gierig.« Hakan griff nach dem Geldschein, der zusammengerollt auf dem Tisch lag, aber Lochner kam ihm zuvor: »Ja, wer wird denn gleich! Immer auch an die Hygiene denken. Als hätte er nicht selbst genügend Scheine.« Hakan ging schnell hinüber zum Spieltisch und zog einen Schein von seinem Geldstapel. Lochner folgte ihm, griff nach dem Glas, trank einen kleinen Schluck und lümmelte sich in den Ledersessel. Er hörte, wie Hakan zurückging und hinter ihm mit einem tiefen Zug das Kokain einsog, die Luft möglichst lange anhielt, als würde er es inhalieren, und dann wieder ausatmete.
»So, komm, keine Zeit verlieren. Jetzt kommt die Wende.« Lochner baute die dunklen Steine in seinem Homeboard auf. Die beiden spielten weitere Stunden, setzten mit raschen Bewegungen ihre Steine auf dem Brett, Lochner tat das mit gesteigerter Arroganz, dem es nichts auszumachen schien, dass Hakans Geldstapel wuchs. Die Flasche Wodka wurde leer. Hakan zeigte einen irren Glanz in den Augen. Die Abstände, in denen die beiden Kokain schnupften, wurden geringer.
»So kommen wir nicht weiter.« Lochner warf sich in seinem Sessel zurück. Aus seiner schwarzen Herrentasche, die neben ihm auf dem Beistelltisch lag, zog er eine Einwegspritze hervor, eine gelbe Plastikflasche Zitronensaft, ein weiteres Briefchen, in dem vermutlich weiteres Pulver steckte. »Hast du schonmal was von nem Cocktail gehört?« Hakan schüttelte den Kopf und starrte beinahe ehrfürchtig auf das Papier. »Nein? Koks und Heroin, die geilste Mischung, die dir jemals untergekommen ist. Sag ich dir.«
»Ja, aber spritzen?«
»Anders bringt‘s das nicht. Das Zeug muss direkt ab ins Blut. Das eine wie das andere. Und zwar gleichzeitig. Wenn du das erst über die Nase nacheinander einnimmst, oh Mann, it takes ages. Nein, das muss gleichzeitig ankommen. Hier.« Lochner hielt die Spritze hoch und schnipste mit dem Zeigefinger dagegen, als sei sie schon gefüllt. »Mach dir keine Sorgen, ich richte alles an. Du kannst ja in der Zeit den Nachtwächter beschäftigen. Frag ihn, wo der Wodka bleibt.«
Lochner ging wieder zum großen Tisch am Fenster. Es war kaum Verkehr auf der breiten Straße unter ihm.
»Mensch, Lochner, es ist halb fünf. Da gibt es nichts mehr.«
Hakan blieb auf seinem Stuhl sitzen und beobachtete, wie Lochner das Kokain auf einen Esslöffel gab, Wasser darüber träufelte und Zitronensaft. Dann hielt er die Flamme des Feuerzeugs unter den Esslöffel und kochte das Kokain auf. Die Unterseite des Löffels wurde schwarz. Er zog die Flüssigkeit mit der Spritze auf, legte sie beiseite und trocknete den Löffel mit einem Ende des Vorhanges. Seine Bewegungen waren flink und sicher. Er nahm ein zweites Briefchen, faltete es auseinander und tackerte das Heroin mit der Rasierklinge klein. Dann schabte er es mit der Klinge auf den Löffel. Dieselbe Prozedur wie mit dem Kokain. Lochner zog auch diese Flüssigkeit in die Spritze, hielt sie vor das Gesicht und schnippte mit dem Zeigefinger dagegen, um Luftbläschen aufsteigen zu lassen.
»Was ist? Ärmel hoch.«
»Beide?«
Lochner kicherte. »Quatsch. Kriegst wohl nie genug, was? Hat überhaupt keine Ahnung, der Mann. Wie viele Spritzen siehst du hier in meiner Hand. Zwei?« Lochner dirigierte Hakan hinüber zum breiten Bett, auf dem eine schwere, weiße Tagesdecke ausgebreitet lag. »Mach es dir gemütlich. Ich zeige dir jetzt, wie das geht. Zuerst mal brauchen wir deinen Gürtel.
»Muss das sein?«
»Sicher muss das sein. Meinst du, ich will zusehen, wie du dir stundenlang in den Venen rumstocherst?«
»Wieso ich? Ich hab das noch nie selbst gemacht.« Hakans Gesicht zeigte eine Mischung aus Angst und Neugierde. Zögernd zog er den Gürtel ab. Der Büffelkopf schlug gegen die Bettkante.
»Mein Gott, ein schwereres Exemplar konntste dir wohl nicht aussuchen, was? Na, gib schon her.«
Hakan blieb am Rand des Bettes steif im Hohlkreuz sitzen. Über ihm hing an der Wand ein Ölgemälde mit Landschaftsmotiv: Irgendwelche Bauern stocherten mit Mistgabeln im Stroh herum. Lochner band Hakan den rechten Oberarm ab. Der Büffelkopf hing schwer herunter.
»So, und jetzt kommt dein Einsatz. Mach ein paar Mal kurz hintereinander eine Faust, und dann suchst du dir in aller Ruhe eine schöne Vene hier in deiner Armbeuge.« Hakan befolgte Lochners Answeisungen. »Sieht ja gar nicht so schlecht aus. Kann man ja fast reinwerfen die Spritze. So, und jetzt stichst du einfach rein und ziehst die Spritze vorsichtig ein wenig zurück. Wenn Blut kommt, hast du gewonnen, dann kannst du das Zeug reinpumpen. Hast du kapiert?«
Hakan nickte. Er nahm die Spritze aus Lochners Hand. »Und? Was ist mit dir? Willst du denn nicht?«
»Türken haben den Vortritt.«
Lochner sah, wie Hakan zögernd die Spritze ansetzte. Es funktionierte. Der Typ schien gar nicht so blöd zu sein. Blut lief in die Kanüle, Lochner löste den Gürtel, und Hakan stach langsam zu, bis zum Anschlag.
»So, und jetzt ziehst du noch einmal kurz zurück und stichst wieder zu, und das isses dann.«
Hakan nickte. Als er fertig war, zog er die Spritze aus dem Arm und reichte sie Lochner.
»Und jetzt leg dich ein bisschen hin, ein paar Sekunden.« Hakan sank auf die Tagesdecke. Er atmete schwer. Schweiß perlte auf seiner Stirn. Lochner wischte ihm mit einem Papiertaschentuch das Blut aus der Armbeuge. »Na, was sagen wir dazu?«
Hakan sagte gar nichts mehr. Mit einem Ruck bäumte sich sein Oberkörper auf und fiel wieder zurück. Er schnappte hektisch nach Luft, bäumte sich wieder auf, fiel zurück.
»Heh, mach kein Scheiß!«
Nach einer Minute machte Hakan gar nichts mehr. Er lag reglos auf der Tagesdecke, den rechten Ärmel des violetten Hemdes hochgekrempelt, der schwere Büffelkopf hing über die Bettkante herunter.
Lochner stand auf und starrte einen Moment entgeistert auf den leblosen Körper. Dann drehte er sich abrupt um und begann, in aller Eile seine Utensilien einzusammeln, die Spritze, die Briefchen, sein Geld, die Herrentasche. Das Tavla-Spiel konnte liegen bleiben, es gehörte Hakan. Die Gläser, den Tisch und was nicht alles abzuwischen, machte keinen Sinn, er würde jetzt nicht stundenlang hier herumputzen. Lochner ging zur Tür. Er blieb noch einen Moment stehen, hielt die Klinke in der Hand, und schaute ungläubig auf das Bett. Hakan hielt die Augen weit geöffnet und starrte leer gegen die Zimmerdecke. Lochner riss die Tür auf, Hakans Jacke wurde durch den Luftzug leicht am Kleiderhaken bewegt.
Als Lochner aus dem Fahrstuhl trat, hatte er sich wieder gefasst. Ein schläfriger Portier mit Glatze und grauem Haarkranz saß an der Rezeption und nickte ihm hinterher, wie er das jede Nacht hundert Mal tat.
10.
Derintops Schritte hallten durch die Grünsiegelpassage, die nicht mehr war als ein abgewracktes Verkaufsareal, ein aussterbendes Projekt. Seit Jahren schon gab es hier mehr Ladenleerstand als geöffnete Geschäfte. Zwei Einkaufscenter in der Nähe des Rathauses hatten die Aufmerksamkeit potentieller Kunden abgezogen. Viele Schaufenster waren mit braunem Papier abgeklebt.
Am Ende der Passage leuchteten die gelben Schilder eines China-Restaurants. Daneben befand sich ein kleiner Laden. Blaue Rolläden waren heruntergezogen, ebenso an der Glastür. Derintop versuchte, an deren Rändern vorbei ins Innere zu schauen, konnte aber nichts erkennen. Er trat einen Schritt zurück und las das Messingschild, das neben der Tür am Schaufenster befestigt war: MEKONG – IMPORTWAREN AUS INDOCHINA. Keine Telefonnummer, nichts.
Derintop ging hinüber zum China-Restaurant und trat ein. Bei den Chinesen sieht es immer gleich aus, dachte er abfällig. Rote Tapeten, am Eingang ein kleiner Springbrunnen, ein großes Meerwasseraquarium, von den Decken baumelten Papierballons und über allem rieselten chinesische Harmoniegesänge aus versteckten Lautsprechern. Zwei Tische an den Fenstern waren besetzt. Am Ende des langen Raumes stand ein kleines Männlein in schwarzer Kellnerkleidung hinter der Theke und kam nun hervor, um den neuen Gast zu begrüßen.
»Was ist mit dem Laden nebenan«, fragte Derintop unfreundlich und reckte seinen Stiernacken vor. Das Männlein neigte den Kopf ein wenig zur Seite und schaute zu Derintop auf.
»Oh, ist geschlossen. Ja, hihi.« Die Augenschlitze des Männleins wurden zu schmalen Strichen.
»Ja und? Wann macht er wieder auf?«
»Oh, weiß nich. Hat die Frau vorige Woche ssugemacht. Diese Thailänderin. Tja, so geht das, ne? Hihi.«
»Was ist denn das überhaupt für ein Laden.«
»War, wie gesagt. Hihi. Ich glaube, der macht nich mehr auf.«
Derintop hatte das Gefühl, als ob dieser Wicht ihn veralbern wollte. »Und was war das für ein Laden? Wem gehörte er?«
»Oooh ja, sie hat alles Mögliche verkauft hier, ne. Import, ne. Ssehen Ssie mal hier an der Decke, ne, da hat sie alles besorgt. Auch hier Glücksbringer un so, ne.« Das Männlein zeigte belustigt auf einen Jadering, der an langen roten Fäden von der Decke hing.
»Ja, und jetzt?«
»Jetz is ssu. Weiß nich, is pleite oder was, hihi. Wieso, wollen Ssie kaufen Glücksbringer, ich kann Ihnen Telefonnummer geben.«
Derintop nickte. Wenigstens etwas. Das Männlein kritzelte ein paar Zahlen auf einen Notizblock, riss das Blatt ab und reichte es Derintop. »Hier, da is meine Freund, bestellen Ssie einen schönen Gruß, is auch Vietnamese wie ich, handelt auch mit sowas, is zwar bisschen teurer, aber …«
»Moment mal. Das ist nicht die Nummer von dieser Thailänderin? Ich will die Nummer von dieser Frau! Was geht mich dieser Vietnamese an, und wieso Vietnamese, das ist doch ein China-Restaurant hier?«
»Ja, heißt immer so. Ssind eigentlich alles fast immer Vietnamesen, ja. Aber wenn es Vietnamesen-Restaurant heißt, kommt keiner, hihi. Und chinesische Küche un vietnamesische Küche – wie sagt man: is alles ein Brei? Nee, wie sagt man?«
Derintop war nahe daran, sich auf das Männlein zu werfen und ihm ein paar Ringergriffe zu zeigen. »Und die Frau hier nebenan? War die eigentlich auch Vietnamesin?«
»Nein, is Thailänderin. Nette Frau. Aber wenn Ssie wollen, meine Frau kann Ihnen mehr erzählen.« Das Männlein trat hinter den Tresen und steckte seinen Kopf durch einen schweren, roten Vorhang, der zur Küche führte. Kurz darauf kam eine dürre Frau mit dunklen Rändern unter den Augen hervor. Offensichtlich magenkrank. Und offensichtlich hatte sie das Gespräch bereits mitverfolgt.
»Ja, hatte eigentlich gute Geschäft gehabt, aber wissen Ssie, immer Problem mit Ehemann, deutsche Ehemann, ja. Wie heißt de noch? Messersmitt.« Sie rückte um den Tresen herum immer näher an Derintop heran und hielt eine Hand vor den Mund. »Da war immer Problem, ach, und hat viel getrunken, die Mann. Kann sein, dass vielleicht deswegen ssie hat zugemacht, weiß nich.«
»Und wo ist sie jetzt?«
»Weiß auch nich, vielleicht wieder zurück nach Thailand. Oder …«, jetzt flüsterte sie. »Vielleicht durchgebrannt. Hihihi.« Warum kniffen diese Asiaten immer die Augen zusammen, wenn sie lachten, dachte Derintop. Da ließ sich nie etwas erkennen.
»Und wohin durchgebrannt?« Derintop hatte Lust, ihr Lachen nachzuäffen.
»Ja, mit de Schmuckhändler da. Wie heißt de noch? Hatte ssie Verhältnis gehabt, wissen Ssie. Un de Mann immer nachspioniert. Immer hinterher, hinter die beiden. Waren oft Kunden hier. Netter Mann, de Schmuckhändler.« Sie nickte belustigt.
»Ich weiß.«
»Genau«, mischte sich das Männlein ein. »Fragen Ssie doch den. Der hat die Telefonnummer, bestimmt, hihi.«
Derintop musste einsehen, dass hier nichts zu holen war. Er ließ die beiden stehen und verließ unter den harmonischen Gesängen aus den Deckenlautsprechern das Restaurant. Er ging hinüber zum Islandufer. Dort hatte er seinen BMW neben dem Brückengeländer geparkt. Er stieg ein und schaute auf das schmutzigbraune Wasser der Wupper. Warum hatte man bei Asiaten immer das Gefühl, dass sie weit mehr wussten? Aber was hätte er tun sollen? Diesen Wicht packen und durchschütteln? Solange, bis die richtigen Informationen herauskamen? Diese Asiaten hielten doch alle zusammen. Thailänder, Chinesen, Vietnamesen, allesamt undurchschaubar. Derintop liebte einfache, klare Verhältnisse. Asiatische Mentalitäten waren für ihn undurchdringliche Dschungel, in denen man selbst mit einer Machete nicht weiterkam. Er startete den Wagen. Oder war er dabei, sich zu verrennen? Vielleicht musste er in seinem eigenen Umfeld suchen?
11.
Wagner warf das Stück Schweineleber auf ein Kunststoffbrett. Er setzte sich an den Küchentisch und begann es mit einem Messer in Streifen zu schneiden. Zwiebeln lagen bereits in Ringen auf einem zweiten Brett. Wagner blinzelte. Eine Träne lief aus dem geschwollenen Auge, er wischte vorsichtig mit dem Handrücken darüber. Auf dem Elektroherd köchelte Reis vor sich hin.
Es schellte. Wagner zögerte einen Moment und schaute durch das Fenster. Es dämmerte bereits und Wagner musste unwillkürlich an den Schläger denken. Wieder schellte es, zweimal kurz hintereinander. Wagner hatte Bärhalter vor Augen. Er schaute schnell auf den Küchenboden, wo er unter einer Diele des Schiffsparketts die Edelsteine versteckt hatte, die er mittlerweile verfluchte, und ging hinüber zur Wohnungstür.
Es war Nok. Sie wich einen Schritt zurück, als sie Wagner in der Tür stehen sah, mit seinem geschwollenen Auge, das Küchenmesser in der Hand. Wagner schaute an sich herunter, bemerkte das Messer und versuchte ein Lächeln, was dem lädierten Gesicht eine komische Note verlieh.
»Was haben Sie denn gemacht? Haben Sie sich geschlagen?«
»Man mich, nicht ich mich. Kommen Sie doch rein.« Die beiden gingen in die Küche. Nok trug ein knielanges Blümchenkleid mit großen roten Blüten, was am Körper einer abendländischen Frau sogleich kitschig ausgesehen hätte, stellte Wagner bewundernd fest. Nok setzte sich umstandslos auf einen der Stühle, wickelte einen hauchdünnen, blutroten Schal vom Hals und legte ihn über die Stuhllehne. Wagner bestaunte eine doppelt gelegte Perlenkette. War diese Geste Absicht? Sollte das irgendein Zeichen sein? Wohingegen sie doch vorgestern erst behauptet hatte, sich keinen Schmuck leisten zu können? Hatte sie das nicht so gesagt? Wagner spürte, wie er sich gleich wieder von Nok verunsichern ließ.
»Freut mich, wirklich. Aber wie sind Sie an meine Adresse gekommen?« Wagner setzte sich an den Tisch und fuhr fort, die Schweineleber in Streifen zu schneiden. Nok schaute interessiert zu.
»Ich habe einfach beim Wupper-Kurier angerufen, und da habe ich Frau -, wie heißt Sie doch?«
»Etwa Witzleben?« Wagner biss sich auf die Lippe, was ihm sofort einen stechenden Schmerz eintrug.
»Ja genau, Wissleben.«
»Witz. Witzleben.«
»Wissleben, genau. Nette Frau. Ich wollte mich nur wegen dieser asiatischen Einwanderer vergewissern, ob das stimmt, was Sie mir erzählt haben.«
Wagner räusperte sich. »Und was hat Sie gesagt?«
»Dass sie davon nichts weiß. Sie würden momentan an einer Reportage über den Botanischen Garten arbeiten.«
»Leider, ja, und die Sache mit den Einwanderern mache ich erstmal ins Blaue hinein. Ich bin freier Journalist. Da denkt man sich schonmal irgendein Thema aus, recherchiert ein wenig und bietet es später an.«
Nok lächelte. »Ich habe es mir so ähnlich auch schon gedacht. Sie wirken nicht wie jemand, der etwas im Schilde hat.«
»Führt. Schilde führt.«
»Deswegen bin ich nämlich gekommen. Ich wollte wissen, wie das nun weitergeht? Ob Sie noch mehr über asiatische Einwanderer wissen wollen? Und ob ich Ihnen dabei helfen kann.« Ihre Finger spielten mit der Perlenkette, und Wagner bemerkte erst jetzt einen goldenen Ring mit einem aufgesetzten, rötlich funkelnden Stein.
Wagner zeigte mit der Messerspitze auf sein geschwollenes Auge. »Sagen Sie mal, kann das sein, dass Ihr Mann einen weißen Mercedes fährt?«
»Oh ja, haben Sie ihn kennengelernt?«
»Ja, und wie. Er hat mich zusammengeschlagen.«
»Ja, ach, schon wieder.«
»Nein, zum ersten Mal, und hoffentlich zum letzten Mal.«
»Ich meine, das ist schon ein paar Mal vorgekommen. Seit wir getrennt leben, stellt er mir nach, müssen Sie wissen. Er ist sehr eifersüchtig.«
»Das schien mir auch so.«
»Ja, nicht? Sobald er mich mit einem anderen Mann zusammensieht, verliert er die Kontrolle. Oh, das tut mir leid. Haben Sie noch Schmerzen?« Nok stand auf, trat ans Fenster und schaute hinaus. Wagner beugte sich wieder über das Kunststoffbrett. »Sagen wir so: Man hat gespürt, dass er sich mit Zuschlagen auskennt.«
Nok sah drüben auf der anderen Straßenseite den weißen Mercedes. Ihr Mann saß darin und schaute herüber.
»Hat Ihr Mann Sie etwa auch immer geschlagen?«
Nok drehte sich um.
»Mich? Nein. Getrunken hat er, das hat mir gereicht. Aber sagen Sie mal, was kochen Sie da?«
»Das ist Laab, eine thailändische Spezialität. Ich habe das Rezept in einem Kochbuch für asiatische Spezialitäten entdeckt. Ich habe Ihnen ja bereits erzählt, dass ich ein Faible dafür habe.«
»Faible?«
»Ja, Vorliebe, ein Gefallen, eine Schwäche.«
Nok lächelte. Ihre Fingerspitzen strichen wieder über die Perlen.
»Laab. Und das können Sie?«
»Ich versuch‘s.« Wagner wand sich bescheiden. Er stand auf, ging zum Elektroherd und öffnete den Topf, in dem der Reis köchelte. Er nahm einen Kochlöffel und begann, mit ausladenden Bewegungen sorgfältig umzurühren.
»Oh oh oh«, Nok war neben ihn getreten. Ihr mildes Parfüm mischte sich mit dem Geruch von gekochtem Reis. »Das dürfen Sie nicht machen.«
»Was?« Wagner hielt in der Bewegung inne.
»Wenn das Wasser ausgekocht ist, dürfen Sie den Reis niemals mehr umrühren. Lassen Sie ihn einfach auskochen, sonst zerkleinern Sie die Körner. Gerade bei Langkornreis. Und wenn Sie nicht aufpassen, haben Sie – wie heißt das? – Matsch.«
Nok nahm Wagner den Löffel aus der Hand und legte ihn beiseite. »Haben Sie denn keinen Reistopf?«
Wagner schüttelte den Kopf.
»Das kennen Sie nicht, stimmt das? So etwas können Sie in jedem asiatischen Lebensmittelladen kaufen. Ein ganz gewöhnlicher Topf in einem elektrisch betriebenen Umtopf. Sie geben Reis hinein, dann Wasser, und zwar so viel, dass es zwei Zentimeter über dem Reis steht. Dann schalten Sie den Topf ein. Und wenn der Reis fertig gekocht ist, springt der Schalter von allein um, und der Reis wird weiterhin warm gehalten. So einfach ist das. Vor allem gibt es keine Probleme mit angebranntem oder matschigem Reis. Haben Sie die Leber nun fertig geschnitten?«
Nok nahm das Kunststoffbrett vom Küchentisch, schabte die Leberstücke mit dem Messer in einen Topf und gab die Schweineschwarten, die neben dem Herd auf der Anrichte lagen, hinzu. Sie füllte Wasser in den Topf und wechselte ihn gegen den Topf mit dem aus, den sie an Wagner weiterreichte. »Hier, haben Sie etwas zu tun. So schlecht ist der Reis eigentlich gar nicht geworden. Wenn Sie vorsichtig sind, können wir ihn sogar essen.«
Wagner gehorchte. Er begann den Reis mit übertriebener Sorgfalt aus dem Topf in eine Schüssel zu geben. Nok deutete mit dem Kopf auf eine grüne Chilischote, die auf der Anrichte lag. »Und? Haben Sie noch nicht genug?«
»Ich will versuchen, mich langsam an die Schärfe heranzutasten.« Wagner versuchte ein Lächeln. Gleichzeitig wurde ihm bewusst, dass man diesen Satz auch als erotische Anspielung nehmen konnte. Er fragte sich, ob Nok das auch gemerkt hatte. Sie stand neben ihm und beobachtete, wie er umständlich langsam den Reis in die Schüssel bugsierte. Wagner fragte sich, was wäre, wenn ihr Mann diesen Satz hören würde, nur hören würde, und er spürte den Schmerz am Auge.
Nok arbeitete mit schnellen, sicheren Bewegungen. Sie war praktisch veranlagt, das sah man sofort, stellte Wagner fest. So wie sie die Dinge in die Hand nahm, ohne zu zögern und lange zu überlegen. Nach zwanzig Minuten war das Laab fertig angerichtet. Wagner deckte den Tisch und schenkte einen trockenen Rotwein ein. Sie stießen mit den Gläsern an, tranken einen Schluck und Wagner fand, dass es Zeit war, endlich reinen Wein einzuschenken: »Warum haben Sie eigentlich gesagt, dass Sie mit Edelsteinen nichts zu tun haben?« und wies mit der Gabel auf ihre linke Hand und den rötlich funkelnden Ring.
»Stellen Sie sich vor: Sie sind eine alleinstehende, junge Frau und da kommt ein fremder Mann und fragt gleich nach Edelsteinen. Was sagen Sie dann?«
War das eine logische Antwort oder eine schlagfertige, überlegte Wagner. »Aber Sie handeln doch damit.« Das war ein direkter Vorstoß, und so war es am besten, wenn man etwas herauskriegen wollte.
»So würde ich das nicht sagen. Ich verdiene gelegentlich etwas hinzu.« Keine Spur von Verwunderung darüber, wie Wagner überhaupt dazu kam, so etwas zu behaupten. »Wenn eine meiner Freundinnen nach Thailand fliegt, um ihre Verwandten zu besuchen, bringt sie mir anschließend ein paar Ringe und Armbänder mit, oder Perlen. Man muss irgendwie zu Geld kommen, wenn man allein lebt. Ansonsten habe ich mit allen möglichen Utensilien gehandelt: Porzellanfiguren, Glücksbringern, kleinen Altären, Buddhastatuen, auch mit Reistöpfen. Mit Schmuck eher selten. Aber das ist ohnehin vorbei. Auch die Asiaten, die hier leben, halten ihr Geld zurück. – Seien Sie vorsichig mit der Chilisauce.«
»Aber Sie kennen sich aus mit Edelsteinen?«
»Ein wenig. Eigentlich nur mit solchen Steinen, die man in Thailand, Burma und Laos findet: Rubine, Saphire, Süßwasser-Zuchtperlen. Meine Freundinnen legen sie immer in ein Kilo getrocknete Schweinekrusten, wenn sie etwas mitbringen.« Nok beugte sich vor. »Wegen der Einfuhrzölle, verstehen Sie.«
Wagner stocherte auf seinem Teller herum. »Haben Sie die Steine denn dort schon fertig in Ringe oder Amulette einfassen lassen oder erst hier?«
Nok schwieg. Sie trank einen Schluck Rotwein.
»Jedenfalls haben Sie darüber Lochner kennengelernt, stimmt das?«
»Ja, ist schlimm. Der arme Kerl. Ich habe schon davon gehört.«
Nok schaute Wagner mit großen Augen an. Aus ihrem Gesicht war absolut nichts herauszulesen.
Wagner wählte bewusst die Gegenstrategie. Er beschloss mit offenen Karten zu spielen. Warum er das tat, war ihm selbst nicht klar. Vielleicht war es einfach ein Mangel an taktischem Geschick oder auch an Verspieltheit, der ihn oft den direkten Weg nehmen ließ. Er war jetzt aufgestanden, bückte sich unter dem Durchgang zum Wohnzimmer und hob eine der Dielen an. Er zog die Cellophantüte mit den Edelsteinen heraus, setzte sich wieder und schob seinen Teller beiseite.
Er ließ einen Stein auf die Tischplatte kullern. Er war tropfenförmig geschliffen, und man erkannte dunkle und rötliche Kristalle, die miteinander im Lichterspiel waren, wenn man den Stein bewegte »Was für ein Exemplar ist das? Ist es echt?«
Nok kam um den Tisch herum auf seine Seite. »Sagen Sie bloß: Sie haben selbst Edelsteine? Aber warum verstecken sie sie?« Wagner roch wieder ihr Parfüm, als Nok sich über den Tisch beugte. Sie berührte den Stein leicht mit einem Finger. »Wenn er echt ist, ist es ein Rubin. Vielleicht aus Burma, so wie meiner.« Sie deutete auf ihren Ring. »Wo haben Sie den Stein her?«
»Würden Sie ihn haben wollen?«
Nok lachte: »Noch einen? Aber wenn er echt wäre, warum nicht?« Sie begann zu kokettieren und wiegte leicht in den Hüften.
»Wieso wissen Sie das nicht?«
»Das ist heute immer schwieriger auseinanderzuhalten, ob ein Stein echt ist oder echt, aber aufpoliert, geschönt, gefärbt ist und so weiter, oder ob er sogar synthetisch hergestellt ist. Das kann man hier so am Küchentisch nicht feststellen.«
»Wie denn?« Wagner war kurz davor, Nok über die Hüfte zu streicheln, traute sich aber nicht. Stattdessen stand er auf, ging rüber ins Wohnzimmer und kam mit einem Papier zurück. Er legte es vor Nok auf den Tisch: »Das ist vermutlich das passende Zertifikat dazu.«
Nok zog staunend die Augenbrauen hoch: »Na also, dann wissen Sie ja, dass der Stein echt ist.«
»Hatten Sie eigentlich etwas mit Lochner?« Wieder so eine Frage ins Blaue hinein. Gleichzeitig fürchtete er sich vor der Antwort und einem diffusen Neid auf den Toten.
Nok rückte von Wagner ab. »Hat das mein Mann behauptet?«
»Nein, der hat nur geschlagen.«
Nok begann, den Tisch abzuräumen. »Es kann ja sein, dass er etwas von mir wollte, aber – wie sagt man hier? Dazu gehören immer zwei.« Wagner fühlte das sofort auf sich bezogen und kugelte verlegen mit dem Rubin über die Tischplatte.
»Machen Sie das nicht«, Nok legte ihre Hand kurz auf die seine. »Solche Steine sind empfindlich, wissen Sie das? Wenn sie echt sind«, lächelte sie und zog ihre Hand zurück. »Wenn Sie das übrigens ganz genau wissen wollen, sollten Sie einen Gemmologen aufsuchen.«
Nok blieb vor Wagner stehen, der nicht so recht wusste, wo er hinschauen sollte. Er dachte an die Würgefeige und seinen aberwitzigen Vergleich. Im Moment stellte er allenfalls eine Feige in verhaltener Stellung dar. Eine verklemmte Feige, die sich irgendwo am Geäst eines exotischen Wirtsbaumes verhakt hatte. Wagner wurde über sich selbst wütend. Das alles hier brachte ihn aus dem Konzept.
»Das Laab haben Sie hervorragend gekocht, Herr Wagner.« Nok reichte ihm die Hand.
»Sagen Sie doch Jens, das klingt besser.« Da war es nun wieder: der direkte Weg aus der Defensive. Wagner war aufgestanden und folgte Nok zur Tür. Im Hausflur drehte sie sich noch einmal lächelnd um. »Und Ihre Einwanderer? Was machen wir mit denen?« Wagner versuchte ebenfalls ein Lächeln. Nok wartete die Antwort gar nicht erst ab. Wagner sah ihr nach, sah wie der Stoff des Blümchenkleides um ihre Hüften schwang. Als Wagner zurück in die Küche kam, sah er den blutroten Schal über der Stuhllehne. Im ersten Moment dachte er daran, Nok hinterherzulaufen. Dann aber nahm er den Schal in die Hand, fühlte den weichen, hauchdünnen Stoff und roch daran. Er zog den milden Geruch des Parfüms ein, ging ins Wohnzimmer und hängte den Schal an ein kleines Bücherbord über dem Schreibtisch. Er zupfte am Stoff herum, bis er zufrieden nickte.
Draußen schaute Nok kurz auf den weißen Mercedes und ging nach links um die Häuserecke zu ihrem Wagen.
12.
Die Schwellung des Auges war deutlich zurückgegangen. Wagner konnte sich wieder blicken lassen. Er glotzte seine langhaarige, dünne Kollegin über den Rand des Monitors hinweg an und machte eine betont nachdenkliche Miene. Er sah, wie sie betont nachdenklich schräg nach oben aus dem Fenster schaute. Vermutlich versuchte sie sich wieder an einem Artikel mit stark esoterischen Bezügen, ihr Spezialgebiet: Die heilende Kraft der Hände, Füße und so weiter, sie hatte die ganze Palette nebulöser Heilkünste drauf. Meist lächelte sie irgendwie verklärt, sobald man sie ansah, aber anders als Asiatinnen, eher im Sinne von: Sei lieb, dann kann ich ungestört bei mir sein. Sie würde sicher auch etwas zur unsichtbaren Energie von Edelsteinen sagen können. Wagner würde sie nur fragen müssen, und sie würde nicht mehr aufhören, von magnetischen Kraftfeldern, Schwingungen und Strahlungen zu erzählen. Aber würde ihm das weiterhelfen? Glücklicherweise saßen sie sich beide gegenüber und konnten nicht einsehen, was der andere jeweils am Monitor trieb.
Wagner hatte die Internetseite eines international aufgestellten Edelsteinhandels aufgerufen. Eigentlich sollte er den Bericht über den Botanischen Garten schreiben. Die Witzleben hatte, sobald er die Redaktion betrat, ihren bulligen Kopf aus ihrem Büro gesteckt und den Artikel angemahnt. Möglicherweise könne man ihn morgen bringen. Möglicherweise, hatte sie noch einmal betont, sie sei da noch nicht sicher, und Wagner dabei geringschätzig angeschaut. Kein Zweifel, was sie damit meinte und was sie grundsätzlich von Wagners Schreibe hielt.
›Den Wert von Edelsteinen zu verstehen, ist das wesentliche Element für eine lohnende Anschaffung‹. Welch ein Satz, der Wagner zwischen funkelnden Steinen entgegenblinkte. Vermutlich kam dieser verschrobene Ausdruck daher, dass man Wort für Wort übersetzt hatte. Wagner schaltete auf Englisch um. SHINYGEM.COM hieß das Unternehmen. Es warb mit fetten Sprüchen auf der Homepage: ›Gem hunters – from mines to online‹. Man trieb weltweiten Handel mit den Edelsteinen dieser Welt und behauptete, dass 80% aller Rubine und Saphire durch Hände dieses Unternehmens in einer thailändischen Kleinstadt gingen. Er hatte schon einige Homepages verschiedener Edelsteinhändler durchstöbert, aber bei dieser war er aufmerksam geworden, weil ihm das Emblem irgendwie bekannt vorkam: ein E und ein G miteinander verschlungen, und in der Mitte des G funkelte ein gelber Edelstein, vermutlich ein Citrin, so weit kannte er sich mittlerweile aus. Es dauerte noch eine Weile, bis er sich erinnerte, wo er das Emblem schon gesehen hatte: auf dem Briefumschlag in Lochners Herrentasche, adressiert an Nok. Was hatte sie gesagt? Einige ihrer Freundinnen brachten gelegentlich ein paar Edelsteine mit? Getarnt in getrockneten Schweinekrusten?
Wagner klickte schnell hin und her und ließ sich eine beliebige Auswahl an Steinen zeigen, die allesamt in allen denkbaren Größen, Qualitäten und Fertigungszuständen zum Verkauf standen. Man brüstete sich damit, deshalb so preiswert sein zu können, weil man die endlos lange Kette zwischen Steinesuchern, Großhändlern und Juwelieren bis hin zum Kunden überwunden und stattdessen selbst alles unter Kontrolle habe. Das garantiere dann eine einwandfreie Qualität: Vom Fundort bis zum Hals der Gattinnen dieser Welt, dachte Wagner spöttisch und schaute seine Kollegin an, die eine schwere Kette aus dunkelgrünen Modesteinen trug. Vermutlich irgendein Kram aus dem esoterischen Requisitenladen des nahen Szeneviertels. Die Kollegin schaute irritiert weg.
Wagner hätte ihr am liebsten umgehend eine schwere Rotgoldkette Marke Zuhälter, behangen mit einem Riesenrubin, aufgeschwatzt. Vermutlich würde sie gegen alle Gesetze der Schwerkraft von der Kraft des Goldes und der Ausstrahlung des Rubins schwärmen, während die Kette sie im wahrsten Sinne des Wortes herunterziehen würde.
›Create Your Jewelry‹ hieß es zu einer Abbildung eines Weißgoldringes mit eingefasstem Saphir. Gar nicht übel. Wagner klickte darauf. Buchholz kam herein, der schnittige Buchholz. Bürstenhaarschnitt, kariertes Hemd, aufgerollte Ärmel. Er nickte kurz zur Kollegin hinüber, die zurücklächelte, und baute sich vor Wagners Schreibtisch auf: »Na, wie kommen wir weiter, Jens?« Wagner vermutete blanken Spott hinter dieser Frage. »Ich habe von Witzleben gehört, du hättest da ein paar Informationen zu diesem Schwebebahnmord?«
»Wie kommt sie darauf?«
»Nun ja, sie meinte, du hättest ihr da eine Story angeboten, beziehungsweise möglichwerweise interessantes Material für mich, ob ich da was draus machen könne.«
Absolute Frechheit. Ihm seine Story nehmen beziehungsweise ausreden zu wollen, und dann das Ganze noch so zu drehen, als sei man hier der Zuarbeiter von diesem Buchholz. Dabei konnte er nicht wissen, dass Buchholz den leisen Verdacht hatte, Wagner habe direkt mit dem Fall zu tun. Buchholz wusste nur nicht inwiefern. Bärhalter hatte ihn angerufen und ihn nur kurz gefragt, ob es beim Kurier einen etwas fülligen Redakteur gebe, blond und mit einem mönchischen Haarkranz auf dem Hinterkopf. Eindeutig Wagner. Bärhalter, der Buchholz ansonsten mit Informationen zwar knapp hielt, ihn aber vorab immerhin mit den Standards aus der Presseabteilung fütterte, hatte auf Buchholz‘ Frage gar nicht reagiert und sogleich wieder aufgelegt. Was konnte der Kommissar von Wagner wollen? Eine ähnliche Frage hatte sich Wagner gestern auch schon gestellt: Wie war Bärhalter auf ihn gekommen? Anstatt an seine alberne Windjacke zu denken, die er in der Schwebebahn getragen hatte, dieses graue Unding mit dem Schriftzug Wupper-Kurier auf dem Rücken. Damit war jeder binnen kurzer Zeit zu identifizieren, und Wagners Griff nach der Herrentasche war offensichtlich doch nicht unbeobachtet geblieben. Aber das alles war Wagner nicht bewusst. Buchholz stand breit vor ihm, und allein das störte ihn. Was ging den dieser Schwebebahnmord an? Wenn er Infos haben wollte, sollte er sich doch an seine Freunde bei der Polizei halten.
»Was für Material? Das muss ein Missverständnis sein. Die Witzleben wird da was in den falschen Hals bekommen haben«, wehrte Wagner ab.
Buchholz kam um den Schreibtisch herum, und Wagner konnte gerade noch die ShinyGem.com wegklicken.
»Aber du warst doch in der Schwebebahn, als das passiert ist.«
»Ach schrecklich, nicht?« Die Kollegin verdrehte die Augen. »Hast du das etwa leibhaftig miterlebt?« Das klang beinahe bewundernd. Buchholz lauerte. Er trug immer, selbst bei belanglosen Unterhaltungen, diese journalistische Spürnase zur Schau, indem er die Leute mit leicht erhobenem und seitlich geneigtem Kopf anschaute. So auch jetzt.
»Na?«
»Nun lass ihn doch. Das war sicher kein leichtes Erleben.«
»Quatsch. Ich habe gar nix erlebt. Ich habe hinten gesessen, ganz hinten, eingequetscht zwischen tobenden Kindern, die auf ihren Sitzen standen und sich über meinen Kopf hinweg prügelten. Ein Palaver, kann ich dir sagen! Ich habe noch nicht mal den Schuss gehört.«
Buchholz ließ nicht locker, noch immer diese Verhörhaltung:
»Ja aber, als er dann da lag, was hast du denn da gesehen.«
»Ja, dass er da lag. Mehr nicht. Ich war ja nicht der Einzige in der Schwebebahn. Sagte ich doch schon. Da hat sich gleich ein Knäuel um den Toten gebildet. Du kennst das doch. Eigentlich habe ich ihn selbst überhaupt nicht gesehen, höchstens die ausgestreckten Füße. Ich glaube Wildlederschuhe hat er angehabt, hellbraun, wenn dir das weiterhilft.«
Wagner glotzte auf den Monitor, auf dem sich lilafarbene Gebilde ineinander verschlangen. Vermutlich hatte die Kollegin diesen Bildschirmschoner ausgesucht, zur geistigen Hygiene oder Frische oder sonst etwas.
»Tut mir leid, Buchholz. Ich würde dir gerne weiterhelfen, aber … Hast du es schonmal mit dem Schwebebahnfahrer versucht, der ihn da angeblich zwischen die Türen eingeklemmt hat?«
»Sicher, schon längst. Hätte der den Mann gesehen, hätte er ihn auch nicht zwischen die Türen geklemmt. Stimmt‘s?«
»Wieso, denen ist alles zuzutrauen. Was sagt die Polizei denn?«
»Mehrere Spuren. Möglicherweise gibt es eine Verbindung zu einem anderen ungeklärten Fall, der unlängst passiert ist.«
»Als da wäre?«
»Du bist gut. Bei so vielen ungeklärten Fällen.« Manchmal tat ihm Buchholz leid. Dann etwa, wenn Buchholz frustriert feststellen musste, dass seine Informationen immer wesentlich dünner waren als die ohnehin schon dünnen Informationen, über die die Polizei verfügte. Das war bestimmt kein Zuckerschlecken, sondern das harte Brot eines Kriminalreporters. In solchen Momenten verblasste das Bild des zackigen Journalisten. Buchholz wirkte dann eher hohlwangig.
»Das dürfte doch für dich kein Problem sein, was, Alter? Da haben wir doch schon ganz andere Fälle gelöst, wie?« Wagner konnte sich nicht mehr zurückhalten und schlug lachend mit der flachen Hand auf den Schreibtisch. Immer diese emotionale Sprunghaftigkeit, der er unterworfen war. Die Kollegin schaute pikiert. »Du musst entschuldigen, Buchholz. Ein anderes Mal gerne, aber wie gesagt: nada. Außerdem muss ich mich hier mit der Würgefeige herumschlagen. Das reicht mir schon.«
Buchholz schob wortlos ab.
»Würgefeige?« Die Kollegin schlängelte ihren Kopf am Monitor vorbei und spielte an ihrer Halskette. »Worum geht‘s denn, wenn ich fragen darf.«
Wagner klickte wieder die ShinyGem.com an. Ein Blautopas blinzelte ihm entgegen und wurde ihm in der Animation von allen Seiten nähergebracht. »Nun, wie Würgefeigen im düsteren Wald andere Pflanzen plattmachen. Das sind Kannibalen, sage ich dir. Killerfeigen. Heftig ohne Ende, eiskalt. Die gibt‘s jetzt oben im Botanischen Garten. Da läuft momentan eine Ausstellung mit Führung. Kann ich nur empfehlen.«
Die Animationen der ShinyGem führten ihn zu einigen technischen Details. Man beschrieb in kurzen Worten, wie man die optischen Effekte der einzelnen Steine nutze und individuell herausarbeite, was immer das heißen sollte. Wagner dachte daran, was Nok ihm gesagt hatte: dass Edelsteine aufpoliert, gefärbt und verschönert wurden. Hier las sich das so: ›The newly arrived gems are sorted by skilled selectors and are either heated to finish what Mother Nature started‹. Also der Natur ein bisschen unter die Arme greifen, dachte Wagner. Er klickte weiter. Man bezeichnete sich als Global Leader mit unschlagbaren Preisen und allen möglichen Rabattangeboten. Wer ein billigeres Angebot bei einem Konkurrenzunternehmen nachweisen könne, dem gewähre man einen nochmaligen Rabatt. Das erinnerte Wagner an die Verkaufsstrategien der örtlichen Lebensmittelsupermärkte. Wagner schwante allmählich, dass der Edelsteinmarkt einigermaßen verkommen sein musste, wenn selbst der Global Leader mit solch unseriösen Angeboten hausieren ging. Edelsteine zum Nachwerfen. Er hätte am liebsten seine Kollegin mit dieser bitteren Erkenntnis konfrontiert und gefragt, ob sie nicht eine Reportage schreiben wolle: ›Die erloschene Kraft der Steine‹.
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