Kitabı oku: «Ein kunterbunter Streifzug durch den Jahreskreis»
Dieter Kremp
EIN KUNTERBUNTER STREIFZUG DURCH DEN JAHRESKREIS
Schatzkästlein nützlicher Weisheiten
von Januar bis Dezember
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2016
Das Buch wird gewidmet
meiner Ehefrau Waltrud,
meiner Tochter Julia,
meiner Schwiegertochter Jutta,
meinem Sohn Stefan,
meinem Schwiegersohn Dieter,
meiner Schwester Ursula
und meinen Enkelkindern Helena, Joshua und Samuel.
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
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Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Coverfotos: Vier Jahreszeiten © swa182 (Fotolia)
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016
Inhalt
(kursiv: Gedichte)
Cover
Titel
Widmung
Impressum
Januar
An der Schwelle des Jahres
Zeit und Raum
Als es noch Eisblumen am Fenster gab
Eisblumen am Fenster
Vom Hartung bis zum Wolfsmond
„Januar kalt, das gefallt!“
Glücksbringer für das Jahr
Der Hecht im Karpfenteich
Der heilige Antonius und das Schwein
Das Hohelied von Weihrauch und Myrrhe
Die drei Weisen aus dem Morgenland besuchen das Jesuskindlein im Krippenstall zu Bethlehem
Die Sieben – eine Zahl, die es in sich hat
Viel Lärm am Dreikönigstag
Ergo bibamus!
Der Januar, der härteste Monat des Jahres
Wenn die Nase trieft und die Augen tränen
Spinn- und Strickabende unserer Vorfahren
Neue Besen kehren gut
Februar
Der Hornung, der „Bastard“ unter den Monaten
Eine schwingende Symphonie in Weiß
Die Juwelen des Winters haben viele Gesichter
Die Tage werden wieder länger
Lichtmess, das Spinnen vergess!
Hochzeit an Sankt Dorothee
Der Valentinstag: Das Fest der Jugend
Hochzeit an Sankt Valentin
Von der Dunkelheit zum Licht
Mattheis bricht das Eis
Wintermärchen
„Kopf ab“ war kein Todesurteil
Neue Besen kehren gut
Zaubernüsse bringen Farbe in den winterlichen Garten
Schneebeeren im Winter, die „Knallerbsen“ der Kinder
Ein Krokus kommt selten allein
Der Schritt ins Leben
März
Nun will der Lenz uns grüßen
Der März, der dritte Monat des Jahres
Die Knospen sprießen
„Im Märzen der Bauer …“
Wenn Gärtner in den Mond gucken
Der Frühling hält sich nicht an den Kalender
Was die Stunde geschlagen hat
Wenn Frösche quaken
Der Gregoriustag: Als die Schulmeister noch bettelarm waren
Flora bringt den Frühling zurück
Duftende Mädchenschönheiten im März
Vögel als Wetteransager im Frühling
Von der Vogelsprache und vom Vogelsang
Das Vogelkonzert
Vom lästigen Flug der fliegenden Pollen
Frühlingsblumen als Wetterpropheten
Birkensaft zur Frühjahrskur
Wo Schlüssel an den Zweigen hängen
April
Natur kann heilen
Eine Kur für die Seele
Frühlingsrausch
Der Launing, der 4. Monat des Jahres
April, April...
Der heilige Hugo hat es in sich
Aprile-Grille am 1. April: Bauernregeln und ihre Scherze
Die Schwalbe, Glücksbringer im Frühling
Schalmeien am Kuckuckstag
Auch der Storch ist ein Frühlingsbote
Gegen Warzen ist ein Kraut gewachsen
Wenn der Baum stirbt, dann stirbt auch der Mensch
Fliederduft und Flötenspiel
Wenn der Ginster flammt
Von heidnischem Brauchtum in der Osterzeit
Ostern – wenn die Glocken nach Rom fliegen
Ostern – Frühlingsfest für eine Göttin
Die Osterkerze
Narzissen, poetische Düfte an Ostern
Vom Zauber der Pflanzen in der Walpurgisnacht
Mai
Mai – Der Wonnemonat
Der Mai ist gekommen
Hymne an den Mai
Fruchtbarkeitsbräuche im Wonnemond Mai
Ein Paar in einer Frühlingsnacht
Du bist wie eine Blume
Von den Liebesdüften der Blumen
Waldmeister und Maibowle
Madonnenlilien zum Muttertag
Das Bild der Mutter
Ein Sträußchen Mutterkraut zum Muttertag
Maiglöckchen, ein Herzmittel der Natur
Die Königskerze, der „Himmelsbrand“ der Jungfrau Maria
Unter dem blühenden Kirschbaum laden schöne Elfen zum Tanz
Die Pflanzen als Hochzeits- und Liebessymbole
Jung gefreit, selten bereut – die „Jahres-Hochzeiten“
Maria durch den Dornwald ging
Maibäume für die Verliebten
Auch die „Richtmaie“ beim Hausbau ist ein Maibaum
„Maikäfer, flieg …“
Mairegen bringt Segen
Schneeflocken im Mai
Die „gestrengen Herrn“ und die kalte Sophie
Wenn Blütenträume platzen
Pfingstregen kommt ungelegen – Bauernregeln
Juni
Mittsommertage
Wetterregeln rund um die Sonne
Schafskälte und Johannisflut
Glühwürmchen am Johannistag
Von Siebenschläfern und Johanniskäfern im Rosenmond Juni
Heublumen-Medizin: Als das Heu noch nach Waldmeister duftete
Der Tag der sieben Brüder
Sommerkonzert in der Wiese – Wenn Heuschrecken musizieren
„Röslein auf der Heide …“
Herz-Jesu-Blut im Johanniskraut
Hexerei und Zauber mit dem Johanniskraut
Sitten, Feste und Bräuche am Johannistag
Himmelfahrtskränzchen und Bauernpelz
Prozessionen an Fronleichnam
Der „Pfingstquak“ im Ostertal
Die Pfingstrose, ambrosianischer Duftspender im Bauerngarten
Der Tag der Apostel Petrus und Paulus
Die Wegwarte, eine Sonnwendbraut
Zauberhafte Linden
Lindentraum
Holunder – Frau Holle stand Pate
Lichtlein auf der Wiese
Seifenblasen auf der Wiese
Juli
Die Hundstage im Honigmond Juli
Wenn es donnert und blitzt
Donner und Doria
Die Donnerwurz bannt Gewitter
Legenden ranken sich um die heilige Margarethe
Sitten, Feste und Bräuche am Margarethentag
Bauernregeln am Margarethentag
Margarethe, Patronin der Gebärenden und bei schwerer Geburt
Die „Perle“ Margerite, das Liebesorakel unserer Vorfahren
Sankt Jakob: Die Ernte beginnt
Rosmarin wärmt Herz und Gemüt
Lavendel, Balsam für die Nerven
Balsam für die Seele
Schwärmer in der Sommernacht
25. Juli: Der Tag des heiligen Christophorus
Aromatisch wie die Nymphe Minthe
Als die „Kersche“ noch „bockich“ waren
Ein Anna-Strauß aus roten Nelken und roten Rosen
Wenn Bienenmännchen lieben
Baldrian lockt Katzen an
August
Wenn es reift im Ernting
Ährenrauschen
Des Sommers schönste Tage
Allerlei Aberglauben im Monat August
Im Sternkreiszeichen des Löwen
Kräuterbüschel an Maria Himmelfahrt
Die Wurzeln der Kräuterweihe in vorchristlicher Zeit
Die Heilkraft der Kräuter an Maria Himmelfahrt – ein Gottesgeschenk
Wo der Barthel den Most holt
Die erste und die letzte Garbe
Die Kornblume ist aus dem Getreidefeld verschwunden
Der Duft von Getreidefeldern erfüllt die Luft
Ährengold
Wogende Getreidefelder – die Erntezeit beginnt
Vom „Korekaschde“ und dem „Kaffeeblech“
Bauernregeln rund um die Ernte
Von der Sichelhenke auf dem Erntefest
Erntefeste - Erntebräuche
Allerlei Aberglauben zum Schutz der Ernte
Was der August nicht kocht
Im August weint der Himmel Laurentiustränen
Sitten, Feste und Bräuche am Laurentiustag
Von Sternschnuppen und Heilkräutern im August
Wenn der Frauenmantel seine Tränen vergießt
September
Wenn Sonne und Sommer scheiden
Im Sternbild der Jungfrau
Wenn Spinnen auf die Reise gehen
Und der Herbstwind küsst die Herbstzeitlosen
An Mariä Geburt fliegen die Schwalben furt
Jagdfrühstück am Tag des heiligen Eustachius
Tag- und Nachtgleiche am Tag des Evangelisten Matthäus
Sankt Michael, der „Mai des Herbstes“
Eicheln als Wetterpropheten
Wer holt die Kastanien aus dem Feuer?
Schwarzbraun ist die Haselnuss
Von Bengeln und Nüssen
Die purpurrote Jungfernrebe
Spinnen im Altweibersommer
Morgentau und Perlenglanz
Der Fliegenpilz enthüllt die Zukunft
Als es noch nach „Quetschemus“ roch
Die Frucht des Paradieses
Südamerikanische Hysterie um die goldene Knolle
Bauernregeln rund um die Spinnen
Die Goldrute, eine Rute aus purem Gold
Oktober
Gedämpfter Abschied
Der Gilbhart, der zehnte Monat des Jahres
Goldener Oktober mit Feen in silbergrauen Haaren
Altweibersommer, die fünfte Jahreszeit
In Großmutters Spinnstube
Von der Zauberkraft des Herbstes
Im Tierkreiszeichen der Waage
Wenn es reift im Gilbhart
Des Herbstes Reife
Segensreicher Oktober
Gedanken zu Erntedank
Dank für das tägliche Brot
Kartoffelfeste am St. Gallus - Tag
Kartoffelfeuer an Sankt Lukas
Von „Bengeln“ und Nüssen
Sitten, Feste und Bräuche am Simons- und Judastag
Der Schuh auf dem Birnbaum
Der Apfel – die Frucht der Liebe
Adam und Eva – der Apfel des Paradieses
Der heilige Franz von Assisi und der Welttierschutztag
Halloween, die Nacht der finsteren Geister
Der Kürbis hat es in sich
Drachen tanzten über den Stoppelfeldern
Von der Grundbirne bis zum Erdapfel, von Pommes de terre bis zur Kartoffel
Kirchweihfeste im Oktober
Der Rosenkranzmonat Oktober
Weinfeste im Weinmonat Oktober
November
November, der elfte Monat des Jahres
Sternbild: im Tierkreiszeichen des Skorpions
Wenn die Nebel fallen
Wenn die Blätter fallen
Im Grauen erstarrt
Rabenvögel im November
Novemberstimmung
Wenn Bäume Trauer tragen
„Jägerlatein“ am Hubertustag
Sitten, Feste und Bräuche am Hubertustag
Ander Wind, ander Wetter
Gestecke im Herbst
Der heilige Martin und die Gans
Der Tod ist groß
Brauchtum an Allerheiligen
Allerseelentag im Volksglauben
Allerseelen – Totensonntag
Totensonntag
Pflanzen als Symbol für Tod und Trauer
Vom Kirchhof zum Friedhof
Totenstille
Die Legende vom Sensenmann
Die Zypresse, der Baum des Todes und Symbol der ewigen Trauer
Dezember
Licht im Advent
Der „Wolfsmond“, der zwölfte Monat des Jahres
Im Sternbild des Schützen
Kerzen im Advent
Advent
Großmutters Zimtwaffeleisen
Das Christkind kommt selten in Weiß
Mit Barbarazweigen den Winter überlisten
Sitten, Feste und Bräuche am Barbaratag – Vielliebchenspiel an Sankt Barbara
Orakeltage in der Weihnachtszeit
Nikolaus kommt ins Haus
Sitten, Feste und Bräuche am Nikolaustag
Vögel sagen das Wetter im Winter voraus
Sitten, Feste und Bräuche am Tag der heiligen Luzia
Der „Tannenbaum“ an Weihnachten ist eine Fichte
Glocken mit heiligem Klang
„Es ist ein Ros’ entsprungen …“
Geweihte Nacht
Bauernregeln an Weihnachten und Heiligabend
Der „Weihnachtsstern“ ist keine Blüte
Hausschlachtungen früher
Zwischen den Jahren
Alte Bräuche in der „Stillen Zeit“ - Weihnachten – Jul
Das Liebesorakel in der Silvesternacht
Wandel der Zeit
Ausgeprägte Singularitäten im Kreislauf des Jahres
Leseempfehlungen
JANUAR
AN DER SCHWELLE DES JAHRES
Der Januar, von unseren Vorfahren auch Hartung oder Jänner genannt, hat seinen Namen von dem altrömischen Morgengott Janus, der an der Schwelle des Jahres in Vergangenheit und Zukunft, rückwärts und vorwärts sieht. Sprichwörtlich ist der „Januskopf“, dessen Augen nichts entgeht. Janus ist gleichzeitig der Gott der Zeit, der die Tage im Kalender für das kommende Jahr schon längst auf das genaueste gezählt hat. Die Römer überließen sich ganz seiner guten Vorsehung. Kelten und Germanen huldigten ehrfurchtsvoll alten Baumpatriarchen, in denen sie die Götter der Zeit vermuteten. Ein Stammquerschnitt erzählt die Lebensgeschichte eines Baumes: Die Jahresringe sind so aufschlussreich wie die Falten im Gesicht eines alten Menschen.
Bäume strahlen zu jeder Jahreszeit durch ihren ästhetischen Reiz eine besondere, eine gefühlvolle Faszination aus. Jetzt, mitten im Winter, enthüllen sie ihr Gesicht und lassen die Spuren des Alters deutlich durch ihre knorrigen Äste erkennen. Da scheint unsere Verbundenheit zum Baum besonders tief zu sein.
Mit dem Alter des Baumes wächst die Verwurzelung, wächst die Freundschaft des Menschen zu ihm. Je älter ein Baum ist, um so wertvoller und größer wird er. Je tiefer seine Wurzeln reichen, um so standhafter widersteht er Stürmen. Je dichter seine Äste sind, um so sicherer bietet er Schutz. Je stärker sein Stamm ist, um so mehr verkraftet er das Anlehnen. Je höher seine Krone ist, um so einladender wirkt sein deckender Schatten.
Wir haben heute vielfach den Glauben an die Geborgenheit verloren. Wir sollten im neuen Jahr wieder mehr Zeit haben für uns selbst und andere. Nichts ist in unserem hektischen und stressgeplagtem Dasein so kostbar wie die Zeit, die leider zu schnell verrinnt. Unsere Dichter und Denker haben die „Zeit“ klangvoll in Versen und Sprüchen gekleidet:
„Pflück’ dankbar jeden gottgeschenkten Tag, mit Segen füll’ die unschätzbare Stunde, benutze klug die flüchtige Sekunde“. „Ein Tag kann eine Perle sein und ein Jahrhundert nichts“, sagt Gottfried Keller.
Wir sind Wanderer. Ein jeder Schritt ist die Überwindung des Vergangenen, eine Eroberung des Jetzt und ein Hineinschreiten in die Zukunft. Die Sprüche von Konfuzius, von deutschen Dichtern vielfach abgewandelt, auch von Schiller, zeigen uns in die gleiche Richtung: „Dreifach ist der Schritt der Zeit: Zögernd kommt die Zukunft hergezogen, pfeilschnell ist das Jetzt entflogen, ewig still steht die Vergangenheit.“
Jedes neue Jahr schüttet uns – wenn wir nur fest daran glauben – eine Fülle farbenfroher Blumen und Blüten ins Leben. Der Geber ist die Natur, vielfach geschunden und bedrängt, vernachlässigt und zerstört. Vieles sagt uns die Natur gleichermaßen mit Blumen: mit der kleinen Blüte am Wegesrand, der stolzen Rose im Garten, dem Blütenzauber an Sträuchern und Bäumen, auf Hecken und Wiesen. So wird jeder Monat und jedes Jahr zu einem Blumenstrauß, den uns die Festzeiten stecken und binden. Jeder Monat hat nicht nur in der Natur seine ihm eigene Blütenpracht – auch im Kalender sein ihm eigenes Programm: Hoffnung und Erwartung im Advent, Einkehr und Vorfreude in der Fastenzeit, Jubel und Freude an Ostern und Pfingsten. Alles wird für uns zu Auftrag und Sendung, findet seinen festlichen Rahmen im Pfingstfest: die Zeit der Rosen ist gekommen.
Das Goldgelb und die Erdfarben des Herbstes laden uns zu Dankbarkeit und Freude ein, die in vielen Volksfesten und Erntedankfeiern in viel Brauchtum, in Umzügen und Tradition zum Ausdruck kommen. Überall spielen Blumen, Zweige und Blätter eine Rolle; sie werden für uns zum Dolmetscher, der uns im farbenprächtigen oder kunstvoll gesteckten Bild zu einer Familie verbindet: „Nur die guten Erinnerungen gibt uns Gott auf den Weg, damit wir im Winter Blumen haben“ (Alexandra von Pipal).
Das vor uns liegende Jahr, an dessen Schwelle wir gedankenvoll innehalten, möchte alles mit Blumen sagen: mit kleinen, unscheinbaren, aber sorgfältig gesteckten. Möge der wohltuende Duft uns Freude bereiten: „Gib jedem Tag einen Tropfen Freude, dann wird das Jahr einen Becher mit Blumen bereithalten“ (Aischylos).
Auf dem Weg von vorgestern nach übermorgen lagere ich unter dem Schatten meines Lebensbaumes für einen Bruchteil meiner Zeit.
Zeit und Raum
Sklaven des Tyrannen Zeit,
jeder Stunde dienstbereit
ist der Mensch.
Despotisch ist sein Selbst gefesselt,
auf engstem Raume eingekesselt
sein freier Wille.
Über tief gefurchte Schwellen
seiner Seelenrhythmen Wellen
rinnt die Zeit.
Alles wird im Strom Bewegung,
immerfort die Kreise drehn,
doch der Pendel bringt Zerstörung,
und die Zeiger bleiben stehn.
Nun, o Mensch, hast du dein Gut!
Allen Schweiß hast du gegeben,
auch der letzte Tropfen Blut
musste weichen deinem Streben.
(Dieter Kremp)
ALS ES NOCH EISBLUMEN AM FENSTER GAB
Wie sich die Zeiten geändert haben! Damals gab es noch keine Zentralheizung. Der Kohleofen brannte in der Küche und in der guten Stube, wenn Feiertage waren. Dann wurde auch mit Scheitholz geschürt. Wenn wir Kinder früh morgens aufstanden, ging der erste Blick auf die Fenster, um die Eisblumen zu bewundern. Wenn es draußen bitter kalt war, offenbarte sich eine Wunderwelt am Fenster.
Eisblumen am Fenster! Welche Illusionen werden in dem stillen Beschauer geweckt! Er unternimmt eine Traumreise in eine ferne fremdländische Landschaft, in eine exotische Welt oder in einen längst versunkenen Urwald aus der Steinkohlenzeit. Vor seinen Augen verschwimmen die zarten Eis- und Schneekristalle. Die mit allerlei Formen und Mustern grauweiß überspielte kalte Glasfläche wird für Minuten zu einem Märchenwald aus Tausendundeinernacht. Seltsame Bäume und Sträucher mit bizarren Ästen und knöchernen Zweigen, schwert- und lanzenförmigen Schachtelhalmen, geöffneten Elchgeweihen, lilienschlanken Blumen in verschiedener Größe und Vielfalt, längst ausgestorbene gefiederte Farnkräuter – und zwischen den wiegenden Lianen sitzen Papageien mit eckigen Schnäbeln: Ein tropisches Bild mitten im Winter, vom klirrenden Frost wie von einer künstlerischen Zauberhand auf die Fensterscheiben gemalt.
Und am schönsten ist es abends, wenn das gedämpfte Kerzenlicht warm durch die Fenster in die dunkle Kälte strahlt. Da werden sie lebendig, all die Blumen, Feen und Gestalten und tanzen in magischen Spiralen Ringelreihen.
Eisblumen am Fenster
Zarte Kristalle am Fenster schwimmen
in spielenden Mustern grau und weiß.
Bizarre Äste und Zweige klimmen
und lilienschlanke Blumen aus Eis.
Auf wogenden Lianen sitzen Papageien
und tanzen in Spiralen Ringelreihen.
Ein Märchenwald aus Tausendundeinerrnacht
verzaubert die Scheibe in tropischer Pracht.
Mitten im Winter bei klirrender Kält
sich öffnet eine wundersame Welt.
Bei gedämpftem Kerzenlicht
schwingt eine Symphonie in Weiß.
Doch ach! Die Dunkelheit das Glas zerbricht,
all die Blumen in Frost und Eis.
(Dieter Kremp)
VOM HARTUNG BIS ZUM WOLFSMOND
Der altrömische Gott Janus, der Beschützer des Hauses, öffnet im Gregorianischen Kalender die „Tür des Jahres“. Mit seinem Doppelgesicht schaut Janus zugleich nach drinnen und draußen, hütet den Eingang und den Ausgang. Janus wird mit einem Schlüssel und einem Pförtnerstab als Beigaben sowie mit einem jungen und einem alten Gesicht dargestellt. Das alte Gesicht blickt zurück in die Vergangenheit, das junge Gesicht in die Zukunft.
Unsere Monate tragen Namen lateinischen Ursprungs. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts waren vornehmlich auf dem Land auch noch altdeutsche Monatsnamen gebräuchlich, die zum großen Teil auf Karl den Großen zurückgehen. In oberdeutschen Mundarten, namentlich in Gebirgsgegenden Österreichs, sind auch heute noch alte deutsche Monatsnamen im Gebrauch.
Jänner oder Jenner heißt der Januar. Auch Hartung wird er genannt, weil er von all seinen Brüdern die härteste Kälte mitbringt. Eis- oder Schneemond und „Tür des Jahres“ waren andere volkstümliche Bezeichnungen.
Der Februar hieß früher Hornung. Dieser alte, einheimische Name hat wahrscheinlich gar nichts damit zu tun, dass sich das Vieh in diesem Monat hörnt, wie die Bezeichnung gelegentlich gedeutet wird. „Hornung“ ist eigentlich ein anderes Wort für „Bastard“. Im übertragenen Sinne bedeutet dies für den Februar so viel wie „der an Tagen zu kurz Gekommene“, hat er doch nur 28 oder 29 Tage. Weitere Bezeichnungen beziehen sich auf das Wetter und auf weltliche und kirchliche Festtage: Taumond, Schmelzmond, Narren- und Lichtmessmonat. Schließlich heißt der Monat in Österreich heute noch Feber. Er war im altrömischen Kalender der letzte Monat des Jahres und galt deshalb als Sühne- und Reinigungsmonat.
Der März hat seinen Namen vom römischen Kriegsgott Mars. „Martius“, der Marsmonat, eröffnete bis zur Kalenderreform das römische Jahr mit verschiedenen Opferfesten. Die alten deutschen Namen „Lenzing“ oder „Lenzmond“ bedeuten nichts anderes als „Frühling“. Das Wort „Lenz“ kommt von „lang“: Die Tage werden wieder länger.
Das lateinische Wort „aperire“ (= öffnen) gab dem April seinen Namen. Die Knospen öffnen sich, die Natur erblüht. Der wetterwendische, launische April trägt die altdeutschen Namen „Launing“ und „Wandelmond“, letztere Bezeichnung vielleicht auch deshalb, weil sich die Natur verwandelt. Der Ausdruck „Grasmond“ kommt von den grünen Wiesen, die ab 1. April für die Dorfbewohner „gesperrt“ waren. Ostermonat heißt er auch, weil in der Regel der Jahre im April Ostern gefeiert wird.
Der „Wonnemonat“ Mai hat vermutlich seinen Namen von der griechischrömischen Wachstumsgöttin Maja. Im „Weidemond“ wurde früher das Vieh aus dem Stall auf Wiesen und Almen getrieben. Die Ungenauigkeiten in der Umgangssprache haben dann später aus diesem „Winni-“ oder „Wunnimond“ großzügig den bekannten „Wonnemonat“ entstehen lassen. Unter diesem Namen wurde der Mai der Monat der Liebe und der Liebenden. So wurde er auch zum „Hochzeitsmond“. Frommen Christen gilt der Mai als „Marienmonat“ und Gärtnern als „Blumenmonat“.
Juno, die römische Göttin der Jugend, gab dem Juni ihren Namen. Ihr, der Gemahlin des Göttervaters Jupiter, war er geweiht. Sie wurde nicht nur als Beschützerin der Ehe und der Hochzeit angesehen, sondern auch als Beistand während der Geburt. Der Juni heißt volkstümlich auch „Rosenmond“, beginnt doch um die Monatsmitte die „Königin der Blumen“ zu blühen. „Johannismond“ heißt er, weil um „Johanni“ (24. Juni) die Tage am längsten sind. Der altdeutsche Namen aber war „Brachert“ oder „Brachmond“. In der alten Dreifelderwirtschaft unserer Vorfahren wurde im Juni mit der Bearbeitung des dritten, brach und ungenutzt liegenden Feldes begonnen.
Im Juli denkt der Landwirt an die Ernte. Darauf gehen die alten deutschen Namen „Heumond“, „Heuet“ oder „Heuert“ zurück. Die volkstümlichen Bezeichnungen „Bärenmond“ und „Honigmond“ sind leicht zu erklären: Im Juli hielten sich der Fleiß der Bienen und der genießerische Raub der Bären wohl in etwa die Waage, jedenfalls als es noch genug Wildbienen und Bären gab. Schließlich belegte der erste Kalenderreformator Julius Cäsar den 7. Monat mit seinem Namen.
Hinter Julius Cäsar wollte auch Kaiser Augustus nicht zurückstehen, der in „seinem Monat August“ angeblich viel Glück hatte. Der August ist die herkömmliche Zeit der Getreideernte. Daraus lassen sich die alten deutschen Namen leicht ableiten: „Ernting“, „Erntemond“, „Ährenmond“, „Sicheling“ und „Sichelmond“. Letztere Namen verweisen auf das frühere Abmähen des Getreides mit der Sichel.
Weil im September der Sommer scheidet, hieß der Monat früher „Scheiding“. Karl der Große hieß ihn „Herbstmond“ oder „Holzmond“, weil man wieder zu fällen begann.
„Weinmond“ hieß der Oktober wegen der Weinlese, die in ihm ihren Höhepunkt hat. Weil das Laub im Oktober gelb wird (zu gilben beginnt), trug der Monat den schönen Namen „Gilbhart“. Im Oktober waren früher die Dachsjagd, so hieß der Monat bei den Jägern „Dachsmond“. Dankbare und fromme Leute bezeichneten ihn als „Kirchweihmond“, wobei sie wohl auch ein wenig an das Erntedankfest dachten.
Seine alten deutschen Namen „Nebelung“, „Nebelmond“ oder auch „Windmond“ drücken das triste Wetter im November aus. Das Sterben und Vergehen in der Natur, nicht die kirchlichen Feste, ließen den November zum „Totenmonat“ werden. In vielen Gegenden begann am 11. November die Schlachtzeit. Schlachtfeste und Spinnabende waren eine willkommene Abwechslung in der nun beginnenden dunklen Vorwinterzeit. So hieß der November auch „Schlachtmond“ und „Spinnmond“.
In vorchristlicher Zeit nannte man den Dezember „Wolfsmond“, weil er wie ein Wolf mit seinem dunklen Rachen das Licht verschlang. Auch die späteren christlichen Bezeichnungen wie Heilmond, Christmond, Wintermonat, Heiligmond konnten sich nicht durchsetzen. Die Bezeichnung „Julmond“ geht zurück auf das Julfest der Germanen, das in der Wintermitte gefeiert wurde. „Jul“ war das Sonnenrad, das als Licht beschworen wurde. Bis zur Kalenderreform von Julius Cäsar im alten Rom war er der zehnte Monat („decem“ = „zehn“).
„JANUAR KALT, DAS GEFALLT!“
„Januar warm, dass Gott erbarm!“ sagen die Bauern, wenn die Sonne den Schnee wegtaut und sich zum Jahresanfang erstes zartes Grün in Feld und Wald zeigt.
Für sie gilt die Regel, mit der dieses Kapitel überschrieben ist: „Januar kalt, das gefallt!“ Die Bauern wissen, dass der Schnee die Saaten vor dem Frost schützt, dass er geraten lässt, was der Bauer im Herbst säte: „Januar muss vor Kälte knacken, wenn die Ernte soll gut sacken.“
Der Januar ist in unseren Breiten der einzige Monat, wo man nicht auf dem Feld arbeitet. Trotzdem hat der Bauer noch viel zu richten: „Im Januar sieht man lieber den Wolf als einen Bauern in Hemdsärmeln.“
Der Wolf, der sich noch vor hundert Jahren in manchen Gegenden Mitteleuropas im frostigen Monat Januar bis an die Gehöfte heranschlich, war bei der Landbevölkerung sehr gefürchtet. Anscheinend hatte aber jeder mehr Angst vor dem Bauern, der sich im Haus auf die faule Haut legte.
„Fährt der Bauer im Januar Schlitten, muss er im Herbst um Sä-Frucht bitten.“ Wer in den Sommer- und Herbstmonaten nicht genügend Vorrat gesammelt hat, der kann leicht zum Hungerleider werden. Denn der Januar war von jeher der Monat, der für die Landbevölkerung zum teuersten wurde: „Der Jänner – ist ein Holzverbrenner.“ „Januar – macht die Butter rar.“
Am meisten schätzt man einen sonnigen Januar, der mit Eis, Frost und einer schützenden Schneedecke einhergeht. „Ist der Januar hell und weiß, kommt der Frühling ohne Eis, wird der Sommer sicher heiß.“
„Der Januar muss krachen, soll der Frühling lachen.“ „Die Erde muss ihr Betttuch haben, soll sie der Winterschlummer laben.“ „Ein kalter Januar – bringt ein gutes Jahr.“ „Ist der Januar frostig und kalt, lockt uns bald der grüne Wald.“ „Eis und Schnee im Januar – künden ein gesegnet Jahr.“
Die Winterluft – das weiß der Bauer – ist für ihn auch ein Lebenselixier. Wenn er sich warm anzieht, nimmt er so leicht keinen Schaden. Ist aber der erste Monat des Jahres warm und regenreich, und legt sich der Nebel auf die Landschaft, so gibt es allenthalben Kranke. Da man früher noch keine Antibiotika kannte, starben im ersten Teil des Jahres sehr viele Menschen an Lungenentzündung oder auch nur an Erkältungen, die heute im Beruf kaum noch als Krankheitsgrund gelten.
„Winter weich – Kirchhof reich.“ Aber wärmeres Wetter mit Niederschlägen im Januar wirft auch Schatten auf die nächsten Monate: „Nebel im Januar – bringen ein nasses Frühjahr.“ „Ein Jahr, das schlecht will sein, stellt sich schwimmend ein.“ „Regen im Januar – bringt der Saat Gefahr.“ „Viel Regen, wenig Schnee tut Äckern und Bäumen weh.“ „Lässt der Januar Wasser fallen, lässt der Lenz es gefrieren.“ „Soviel Tropfen im Januar, soviel Schnee im Mai.“ „Ist der Januar feucht und lau, wird das Frühjahr trocken und rau.“ „Ein Januar wie März, ist dem Bauer ein schlechter Scherz.“
Und zusammenfassend fluchte ein Kalendermacher: „Hat der Januar viel Regen, bringt’s den Früchten keinen Segen, nur die Gottesäcker werden gedüngt, wenn er viel Regen bringt.“ Reichlicher Schnee im Januar macht dem Bauern viel Freude: „Januar Schnee zuhauf – Bauer halt den Sack auf.“ „Reichlich Schnee im Januar, macht Dung fürs ganze Jahr.“
Außer dem Wolf beobachtete man auch andere Tiere und ihr Verhalten: „Wenn der Maulwurf wirft im Januar, währt der Winter bis zum Mai wohl gar.“ „Je näher die Hasen dem Dorfe rücken, desto ärger sind des Eismonds Tücken.“ „Tanzen im Januar die Mucken, muss der Bauer nach dem Futter gucken.“ „Wenn die Mücken spielen im Januar, so sind die Schafe in großer Gefahr.“
Und über die Pflanzen und ihr weiteres Gedeihen wusste man: „Wächst das Gras im Januar, wächst es schlecht das ganze Jahr; wächst die Frucht auf dem Feld, wird sie teuer in aller Welt.“
Wenn aber die Flüsse, Seen und Teiche zugefroren waren, dann litt man später keine Not: „Ist im Januar dick das Eis, gibt’s im Mai ein üppig Reis.“ „Sind im Januar die Flüsse klein, gibt’s im Herbst einen guten Wein.“
GLÜCKSBRINGER FÜR DAS JAHR
„Scherben bringen Glück“, nicht nur dem jungen Paar am Polterabend, auch dem Haus und seinen Bewohnern am Morgen des Neujahrstages. Unsere Vorfahren glaubten, mit dem Gepolter und Geklapper zerschellender Krüge und Töpfe die bösen Geister fortscheuchen zu können. Doch müssen die Scherben aus Steingut, Ton oder Porzellan bestehen, in keinem Falle dürfen es Glasscherben sein, denn die bringen Unglück.
Glas ist das Symbol für Glück, und gerade das soll in der künftigen Ehe heil bleiben. Doch „Glück und Glas, wie leicht bricht das“. Und wehe, wenn gar ein Spiegel am Neujahrstag zerbricht! Der soll sieben Jahre lang „sein Glück nicht finden“.
Das Glück ist blind und schon gar nicht vollkommen. „Jeder ist seines Glückes Schmied“: Das Hufeisen, an der Schwelle des Jahres geschmiedet, verheißt seinem Besitzer ein Jahr lang Geborgenheit und Schutz.
Wer seinem Glück hinterherläuft, ist selbst schuld daran, wenn er am Ende des Jahres vor einem Scherbenhaufen steht. „Dem Glücklichen schlägt keine Stunde“: Dieser Spruch bezieht sich auf das „Glück in der Liebe“, nicht auf das „Glück im Spiel“.
Das neue Jahr ist immer mit großen Hoffnungen und Erwartungen begrüßt worden. Alter Aberglaube aus vorchristlicher Zeit und frommer Glaube haben sich am Jahresanfang so durchdrungen, dass der jeweilige Ursprung oft in Vergessenheit geraten ist. So hat man das neue Jahr in Gesellschaft begrüßt, weil man dich durch die Gemeinschaft des geschlossenen Kreises vor den dämonischen Mächten sicherer gefühlt hat. Ring und Kranz sind magische Zeichen für den geschlossenen Kreis. Sie verstärken die schützende Wirkung und sind Garanten für dauerndes Glück.
Der guten Vorbedeutung wegen wünscht man sich am Neujahrstag Glück und möchte selber möglichst viele Glückwünsche bekommen. Glückszeichen gibt es viele: Marienkäfer und Glücksschwein, das vierblättrige Kleeblatt und der Lorbeerzweig, Rosmarin und Myrtenkranz, Glücksei und Hufeisen, Schornsteinfeger und Glückspfennig, Herz und Ring, Holzschuhe uns Sternkreiszeichen, Sonnenrad, Efeu, Mistel, Lebensbaum und glückbringende Ammoniten.
Der Holzschuh symbolisierte lange Zeit hindurch eheliches Glück und Fruchtbarkeit. Er tauchte deshalb häufig bei den Riten der Brautwerbung auf. Heute ist der tiefere Sinn dieses Brauchs verlorengegangen. Man verwendet Holzschuhe als rustikales Schmuckelement in Neubauten und in Vorgärten. Das Rad ist seit den frühesten Zeiten der Menschheit ein in allen Kulturen anerkanntes Sonnensymbol. Das Sonnenrad symbolisierte in der Zeit der Wintersonnenwende den Sieg des Lichts über die Mächte der Dunkelheit.
Findet man ein Hufeisen, so bringt das Glück. Schon die Römer hegten diesen Glauben. Man trug es bei sich, nagelte es über die Eingangstür, über den Kaminsims oder über das Scheunentor. Der Kult um das Hufeisen liegt wohl darin begründet, dass Eisen als Metall ursprünglich sehr kostbar war. Das Hufeisen als Glückssymbol weist aber auch auf das Hufeisen von Wotans Pferd aus der Wilden Jagd. Ebenso erinnert das Glücksschwein an den wilden Eber, dass heilige Tier der germanischen Götter. Der Marienkäfer (Siebenpunkt) soll besonders Kindern Glück bringen. Er weist auf die magische Glückszahl Sieben hin. Das Herz war stets ein glückbringendes Symbol und Zeichen der Treue zu Mensch, Haus und Hof. Das Ei galt in allen Kulturen als Sinnbild für Fruchtbarkeit und Wiedergeburt.
Rosmarin und Myrte mit ihren immergrünen Blättern sind Pflanzen, die Segen und Lebenskraft verheißen. Als Hochzeitspflanzen tauchen sie schon bei den Griechen auf. Im Brautkranz verbunden, bedeuten sie ein ewiges Eheglück. Beide Pflanzen waren der Aphrodite heilig, später der germanischen Göttin Hulda. Sie sind auch Symbole der heiligen Liebe.
Storch und Schwalbe zählen überall als Symbole für Wohlergehen, Glück und Erfolg in Haus und Hof. Ihre regelmäßige Rückkehr im Frühjahr, ihre Treue zum Nest mögen der Grund für diese Vorstellung sein. Sie sind die vom Volk verehrten Tiere schlechthin. Man schützt sie und hilft ihnen, sich am oder auf dem Haus niederzulassen. Storch und Schwalbe symbolisieren die soziale Eintracht, die Dauerhaftigkeit der Beziehung des Ehepaares.
Glück sollen auch die Münzen bringen, die wir in den Brunnen werfen. Das wissen wir von den Münzen im Trevi-Brunnen von Rom, die uns wieder in die Ewige Stadt zurückkehren lassen. Auch das ursprünglich römische Amulett und der arabische Talisman werden gern in Form von Münzen als schützende Gegenstände am Körper getragen. Es ist nicht so sehr das kostbare, metallische Erz, dem nach der Vorstellung unserer Vorfahren Zauberkraft innewohnt, es ist vielmehr die Rundheit und das Glitzern des Metalls, worin die lichtspendende Sonne, die Geborgenheit und Leben verheißt, gesehen wurde.
DER HECHT IM KARPFENTEICH
Ursprünglich sollte er nur als Lückenbüßer dienen, als Fleischersatz in Zeiten strenger mittelalterlicher Fastengebote. Doch schon bald wurde der Karpfen, den man auch „Klosterfisch“ nannte, weil Mönche ihn in Teichen züchteten, zum appetitlichen Mittelpunkt des Silvesteressens.
Zum Jahresende nahm man gerne Speisen zu sich, die – wie der Karpfen -Fruchtbarkeit und Leben symbolisierten. Auch heute noch kommt in Millionen deutscher Haushalte an diesem Festtag Karpfen auf den Tisch – am liebsten „blau“, zuweilen auch gebacken.
Bei soviel Tradition entwickelte sich um den Karpfen eine Fülle von Bräuchen und abergläubischen Praktiken: Glück und Segen im neuen Jahr sollten die Schuppen des gegessenen Karpfens bringen. Deshalb streute man sie im ganzen Haus umher. Wer vom Glück in erster Linie Geldsegen erwartete, trug solche Schuppen stets bei sich.
Es hieß, dass ihm dann das Geld nie ausginge. Noch heute hofft ja so mancher Anhänger dieses harmlosen Aberglaubens, mit Hilfe der Glücksschuppe in seinem Portemonnaie einen größeren Lottogewinn machen zu können.
Neben der uralten Fruchtbarkeitssymbolik des Fisches, von der man wahrscheinlich die Hoffnung auf eine wundersame Vermehrung des Geldes ableitete, dürfte auch die an Münzen erinnernde Form der silbrig glänzenden Schuppen zur Entstehung dieser Sitte beigetragen haben.
Heutzutage sind dem großzügigen Verstreuen von Karpfenschuppen allerdings Grenzen gesetzt. Denn der im Handel hauptsächlich angebotene Spiegelkarpfen ist nahezu „nackt“. Die Schuppen haben ihm findige Mönche schon vor langer Zeit „weggezüchtet“. Seine kurze, hochrückige Form ist ebenfalls ein Zuchterfolg der Klosterbrüder von einst. Der Grund dafür soll eine kuriose Fastenregel gewesen sein, die angeblich vorschrieb, dass der Fisch nicht über den Tellerrand ragen durfte.
Viel Wundersames wusste der Volksmund über andere Körperteile des Karpfens zu berichten. In Österreich heißt es noch heute, dass alles in Erfüllung geht, was man sich wünscht, wenn man die Blase des verspeisten Karpfens mit einem Knall zum Platzen bringt.
Der außerordentlich körnerreiche Rogen (Eier) dieses Speisefisches – ein zwei Kilogramm schweres Karpfenweibchen trägt bis zu fünf Millionen Eier – hat ebenfalls eine Symbolik: Zu Silvester gegessen, bringt er Glück und Geld getreu dem Spruch „So viel Körner, so viel Gold“. Glück soll auch der sogenannte „Karpfenstein“ bringen, ein dreieckiges Knöchelchen im Kopf des Fisches. Wer es auf seinem Teller findet, soll mit einem sehr erfolgreichen neuen Jahr rechnen können.
Dass ein solches symbolbeladenes Tier auch in der Volksmedizin seinen Stammplatz hatte, versteht sich von selbst. Getrocknete und pulverisierte Teile des Karpfens waren beliebte Heilmittel gegen alle möglichen Leiden. Besonders der geheimnisvolle „Karpfenstein“ hatte es den Menschen früher angetan. Man verwendete ihn vor allem zur Behandlung von Epilepsie, Schlaganfall und Gallenkolik.
Und „Hand aufs Herz“: Wenn wir heute an Silvester einen Karpfen essen, denken wir nicht daran, im neuen Jahr „der Hecht im Karpfenteich“ zu sein?
DER HEILIGE ANTONIUS UND DAS SCHWEIN
Der „wilde Eber“ der Germanen wurde zu unserem Glücksschwein. Dazu trug auch der heilige Antonius bei, der auf Darstellungen seinen schützenden Mantel um die Schweine legt. Am 17. Januar feiern wir seinen Namenstag.
Der heilige Antonius ist der Patron der Ritter, Haustiere und Schweine, der Metzger, Schweinehirten und ein mächtiger Helfer gegen Viehseuchen. Er wird besonders in den Alpenländern, in Frankreich und Italien verehrt. Die gefürchtete Schweinepest war bei unseren Vorfahren als „Antonius-Seuche“ bekannt und konnte nur geheilt werden, wenn der greise Mönchsvater sein „Antoniuskreuz“, das er als Krücke trug, über den Kopf des Schweines hielt.
Doch würde sich der Patron der Hausschweine im Grabe umdrehen, würde er erfahren, dass es heute keine „glücklichen Schweine“ mehr gibt. Von allen Haustieren erleidet das Mastvieh Schwein die größten Qualen in den fleischverarbeitenden Betrieben. Die gentechnische Manipulation am Hausschwein führte zu schnellwachsenden Monstern ohne Ringelschwanz, Borsten, Ohren, Schnauze und Augen. „Glücksschweine“ gibt es nicht mehr: wer soll da noch „Schwein haben“? Und wenn jetzt gar der „EU-Eber“ den Deutschen aufgetischt wird, riecht das Fleisch nicht mehr nach „Schwein“, sondern nach „Pissoir“.
Antonius begründete um 320 n. Chr. die bis dahin unbekannte Lebensform der Einsiedlergemeinde, aus der dann später die erste Mönchsgemeinde wurde. Antonius hat auch die „Angelica“, das Mönchsgewand, eingeführt. Der greise Mönchsvater starb im Alter von 105 Jahren und erhielt nach seinem Tode den Beinamen „der Große“.
Ein französischer Adeliger, dessen Sohn durch Reliquien des Antonius von einer Seuche geheilt wurde, gründete 1095 den Antoniterorden. Albert von Bayern stiftete 1382 den Antonius-Ritter-Orden, woraufhin der heilige Antonius zum Patron und Vorbild des Ritterstandes wurde. Viele Burgen und Kapellen wurden ihm geweiht.
Eine hübsche Geschichte gibt es auch zum sogenannten „Antonius-Schwein“ . Die Antoniter durften für die Krankenpflege ihre Schweine frei weiden lassen. Als Kennzeichen trugen sie ein Glöckchen, so dass kein Tier im Eichenwald verlorenging. Immer am 17. Januar wurde ein Schwein geschlachtet, sein Fleisch nach der Segnung an die Armen verschenkt.
Das Thema „Schweinezucht“ war früher im ländlichen Bereich in den Dorfschulen Unterrichtsstoff. Noch früher wurden die Schweine ausschließlich mit gekochten Kartoffeln gemästet. Das waren die „Saugrumbeere“, die bei der Kartoffelernte als kleine und zerhackte Kartoffeln in besondere Körbe kamen. „In die Mast treiben“ war eine andere Methode, die Schweine zu mästen. Dafür standen auf dem Dorf die Schweinehirten zur Verfügung. Diese trieben die Schweine in die Eichenwälder. Der Speck von in der Eichelmast fett gewordenen Schweinen soll sehr fest und schmackhaft gewesen sein. Der Beruf des Schweinehirten war geachtet.
Ein „Glücksschwein“, gerne als „Sparschweinchen“ aufgestellt, erinnert an den wilden Eber, das Opfertier der Germanen. Durch seine Opferung sollten die Götter milder gestimmt werden. Vielleicht bedeutete es aber auch ein besonderes Jagdglück, ein derart wildes Ungetüm zu erbeuten. Auch im Hochzeitsessen spielte das Schwein früher auf dem Lande eine besondere Rolle. Es war gewissermaßen das Opfer, das man bei der Hochzeit brachte. Deshalb eröffnete ein Schweinskopf, ursprünglich mit einem Rosmarinstängel im Maul, später mit einer Zitrone oder Rose, das Hochzeitsessen. Dieses erste Gericht wurde feierlich von einer Jungfrau aufgetragen. In anderen deutschen Gegenden tischte man als erstes Hochzeitsessen ein gebratenes Spanferkel auf, das eine Blume, einen Zweig Rosmarin oder auch Immergrün unter dem Ringelschwänzchen trug. Das Schwänzchen war für die Braut reserviert, war es doch ein Symbol der Fruchtbarkeit.
DAS HOHELIED VON WEIHRAUCH UND MYRRHE
„Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt. Sie gingen und sahen das Kind und Maria, seine Mutter. Da fielen sie nieder und huldigten ihm. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar“ (Mt. 2, 11).
So spricht die Bibel von Weihrauch und Myrrhe, den wertvollsten und beliebtesten Duftharzen, die neben anderen wohlriechenden Kräutern die kostbarsten Handelsgüter im Orient zur Zeit der Geburt des Herrn waren. Ursprünglich waren sie nur Königen vorbehalten. So waren Weihrauch und Myrrhe jene Geschenke, die die „Drei Weisen aus dem Morgenland“ dem „neugeborenen König der Juden“ brachten.
Duftende Kräuter wurden in der antiken Welt täglich zur Herstellung von Parfümen, Kosmetika, Gewürzen und Medikamenten gebraucht. Schon die Phönizier brachten sie über die berühmte Gewürzroute nach Südarabien und von ostafrikanischen Häfen aus nach Ägypten und nach Israel. Karawanen transportierten die begehrte Handelsware auf langen Wüstenreisen zu ihren Bestimmungsorten. Aus den „Weisen aus dem Morgenland“, von deren Reise hinter dem Stern her die Bibel erzählt, machte die Kirche die „Heiligen Drei Könige“. Der weiten, beschwerlichen Reise wegen, die sie vom Morgenland nach Bethlehem führte, wurden sie auch zu den Schutzpatronen der Reisenden.
Als sie dann beim Essen saßen und aufblickten, sahen sie, dass gerade eine Karawane von Ismaelitern aus Gillad kam. Ihre Kamele waren mit Tragahant, Mastix und Ladanum beladen. Sie waren unterwegs nach Ägypten (Gen. 37, 25). An diese Händler von Spezereien wurde Josef nach Ägypten verkauft.
Die frühe Verwendung dieser aromatischen Pflanzen wird durch die Tatsache bestätigt, dass bei der Öffnung von Pharaonengräbern im Jahre 1884 etwa 3000 Jahre nach der Bestattung immer noch der angenehme Geruch von Weihrauch und Myrrhe wahrnehmbar war. Wahrscheinlich spielte bei der Einbalsamierung der Leichen auch die antiseptische Wirkung der wohlriechenden Kräuter eine Rolle. Der Evangelist Johannes spricht von einer Mischung aus Myrrhe, Aloe und Weihrauch zum Tränken der leinenen Tücher, in die der Leichnam Jesu eingehüllt wurde.
Eines der Sieben Weltwunder, die „Hängenden Gärten“ in Babylon, war bekannt wegen seiner starken Blumendüfte. Myrrhen- und Weihrauchsträucher mit ihren knorrigen Ästen und den ätherischen Harzen, die in Form kleiner Tropfen aus der Rinde ausgeschieden werden, waren auch Charakterpflanzen im „Paradies“, im „Garten Eden“, in dem Land zwischen Euphrat und Tigris, in dem „Milch und Honig flossen“.
Salben aus Milch und Honig, aus Myrrhen- und Weihrauchöl wurden als kosmetische Gesichtspackungen im alten Ägypten verwandt. Auch Kleopatra hatte die Schönheit ihrer Haut den heiligen Ölen zu verdanken. Ovid, der römische Dichter der Liebe, pries in seiner „Liebespoesie über die Gesichtspflege der Frauen“ die betörenden Düfte von Rosen- und Narzissenöl und die sinnerregenden aromatischen Substanzen der Myrrhe.
Das „Hohelied Salomos“ beschreibt an vielen Stellen Duftstoffe der biblischen Zeit: „Ich stand auf, um zu öffnen meinem Freunde die Hand an den Griffen des Riegels. Da troffen meine Hände von Myrrhe, von flüssiger Myrrhe meine Finger.“ Oder es heißt: „Seine Wangen sind wie Balsambeete, in denen Weihrauch wächst. Seine Lippen sind die Lilien, die von fließender Myrrhe triefen.“ „Du bist gewachsen wie ein Lustgarten von Granatäpfeln mit edlen Früchten, Zypernblumen mit Narden, Lilien und Safran, Kalmus und Zimt, mit allerlei Weihrauchsträuchern, Myrrhe und Aloe, mit allen feinen Gewürzen. Ein Gartenbrunnen bist du, ein Born lebendigen Wassers, das vom Libanon fließt“, preist das „Hohelied“ die Liebe.
Die Juden begannen ihren Auszug aus Ägypten vielleicht um 1240 vor Christus. Für ihren Weg in das Gelobte Land brauchten sie etwa vierzig Jahre. Kurz nach ihrem Aufbruch erhielt Moses vom Herrn auch eine Anweisung zur Herstellung eines heiligen Öls und eines heiligen Räucherwerks: „Nimm dir Spezerei: Balsam, Galbanaum, Myrrhe und reinen Weihrauch, von einem soviel wie vom andern, und manche Räucherwerk daraus, gemengt nach der Kunst des Salbenbereiters, gesalzen, rein, zum heiligen Gebrauch.“ Dieses Räucherwerk war nur zum Gebrauch bei religiösen Zeremonien gedacht.
Die Verdunstung von ätherischen Ölen an der Oberfläche von Pflanzen wird heute als ein Abwehrmechanismus gegen die Infektion durch Bakterien und Pilze angesehen. Aromatische Pflanzen besäßen demnach eine schützende Aura aus Wohlgeruch. Kann es nicht sein, dass die Pflanzen durch den Duft, den sie verströmen, miteinander in Verbindung treten und einander in einer Weise wahrnehmen, die viel wunderbarer ist als das Mittel der menschlichen Sprache, die nur selten voller Zärtlichkeit und Duft ist – außer vielleicht bei liebenden?
DIE DREI WEISEN AUS DEM MORGENLAND BESUCHEN DAS JESUSKINDLEIN IM KRIPPENSTALL ZU BETHLEHEM
(Märchen von Dieter Kremp)
Die drei Weisen aus dem Morgenland waren schon seit Wochen an der Himmelsstraße unterwegs auf der Suche nach dem Krippenstall in Bethlehem. Es hatte sich überall im Heiligen Land herumgesprochen, dass in Bethlehem das Jesuskindlein im Krippenstall geboren wurde. Und die drei Weisen wollten unbedingt dorthin, um das Christuskindlein zu bescheren.
Aber sie waren auf ihren weiten Reisen unterwegs nicht allein, waren sie doch von Beruf aus alle drei Hirten, die überall ihre Schäfchen dabei hatten, wenn sie auf Reisen waren. Und hier am Himmelszelt weideten die Schäfchen auf der weiten Himmelsflur und ließen sich das saftige himmlische Gras und den Klee gut schmecken.
Doch schon seit Tagen irrten sie mit ihren Schäfchen hin und her und fanden den Weg nicht über die Himmelsstraße hinunter auf die Erde nach Bethlehem.
Und es war höchste Zeit, um dem neugeborenen Wiegenkind zur Geburt ihre Geschenke zu geben. Außerdem waren ja Maria und Josef, die Eltern des Jesuskindes, auch gute Bekannte der Hirten. Und Heiligabend, der Tag der Geburt des heiligen Christuskindes, war schon lange vorbei.
Nun flog gerade die Schneefee Frau Holle mit ihren Wolkenschäfchen an der Himmelsstraße vorbei und winkte den Hirten zu. Sie hielt mit ihrer Schäfchenherde kurz an und fragte ihre Hirtenfreunde: „Wohin wollt ihr? Habt ihr euch auf der Himmelsflur mit euren Schafen verirrt?“
„Ja, wir suchen den richtigen Weg nach Bethlehem, doch immer wieder sind wir auf der falschen Straße. Hier stehen ja auch keine Hinweisschilder.“
„Dann passt mal gut auf! Der heilige Sankt Petrus dort oben an der Himmelspforte ist ja ein naher Verwandter der Heiligen Familie. Der kann euch bestimmt helfen.“
In dem Augenblick sperrte der heilige Petrus mit seinem Himmelsschlüssel gerade das Tor zum Paradies auf und ließ die himmlischen Heerscharen heraus. Unter ihnen waren auch die Engel, die Boten Gottes auf Erden, die auch das Jesuskind in Bethlehem besuchen wollten.
Die Engel waren gut befreundet mit den drei Weisen aus dem Morgenland und waren gerne bereit, die Hirten mit ihren Schäfchen auf ihrem Weg zur Erdenstadt Bethlehem zu begleiten. Damit das alles etwas schneller vonstattenging, klebten sie den Hirten und ihren Schäfchen Engelsflügel an. Und so flogen sie in Windeseile alle zusammen durch die himmlischen Lüfte und kamen schon nach wenigen Minuten heil und gesund am Krippenstall zu Bethlehem an.
Hier war Hochbetrieb, denn alle Engel, alle Heiligen und die Kinder aus Bethlehem waren gekommen, um das Jesuskindlein zu bescheren. Vor dem Eingang zum Krippenstall stand ein großer Esel, der die zahlreichen Besucher herzlich willkommen hieß. Und der zottige Esel rief laut: „Iah, iah, iah! Willkommen hier im Stall, im Krippensaal! Iah, iah, iah!“
Bevor die Hirten nun in den Krippenstall eintraten, ließen sie ihre Schäfchen in der Nähe des Stalles auf einer Weide grasen. Eines aber unter ihnen, das Lämmchen Petra, das Schönste von allen, das ein ganz besonders weiches Fell hatte, nahmen sie mit in den Stall zu Bethlehem. Obwohl ja das Jesuskindlein noch ein kleines Baby war, lächelte es mit strahlenden Äuglein das Schäfchen Petra sanft an.
Und Petra hatte auch Spaß am Kindlein, schnüffelte sogleich im Wiegenbettchen und das Jesusbaby streichelte ganz zart sein weiches, wolliges Fell.
Nun nestelten die drei Weisen in ihren Hirtentaschen herum und holten die Geschenke für die Heilige Familie heraus. Das Christuskindlein erhielt eine Menge Goldkügelchen, weil es eben ein liebes, goldiges Kindlein war. Und dazu natürlich noch ein Plüschschäfchen zum Kuscheln im Bettchen. Als dann viele Jahre später das Jesuskindlein erwachsen war, und als Heiland im Heiligen Land unterwegs war, verschenkte er die Goldperlen an arme Waisenkinder.
Maria und Josef erhielten von den Weisen aus dem Morgenland wohl duftende Heilkräuter, Weihrauch und Myrrhe, die Josef gleich im Stall räucherte: ein heilsamer, aromatischer Duft durchströmte den ganzen Raum. Und wenn dann später das Marienkindlein im Winter eine fieberhafte Erkältung hatte, kochte Maria daraus einen heilenden Kräutertee, den das Kindlein trank. Und alsbald war das Jesuskindchen wieder kerngesund.
Nun aber hatte die Muttergottes, die heilige Jungfrau Maria, noch eine große Bitte an die drei Weisen aus dem Morgenland. „Hört mal bitte gut zu! Nächste Woche ist wieder ein christlicher Feiertag auf Erden. An diesem Tag zieht ihr mit euren Schäfchen durch die Straßen von Bethlehem, geht von Haus zu Haus, und sammelt Geldspenden für arme Kinder.“
Und Josef ergänzte die Worte seiner heiligen Jungfrau Maria und sagte: „Unser lieber Herrgott da droben im Himmel wird euch in drei heilige Könige verwandeln, und dieser Tag, es ist auf Erden der 6. Januar, erhält dann den Namen „Dreikönigstag“. Ihr Drei seid dann die „Heiligen Drei Könige“ mit den Namen Caspar, Melchior und Balthasar.“
Ach, wie stolz waren jetzt die drei Weisen aus dem Morgenland! Sie waren keine Hirten mehr, sondern richtige Könige.
Und später fand jeder von ihnen auch seine Königin und alle drei wohnten in Bethlehem zusammen in einem Königsschloss.
Und als das Jesuskind zu einem Knaben herangewachsen war, besuchte es hin und wieder seine drei Patenonkel im Königsschloss.
Als dann einige Tage später das erste „Dreikönigsfest“ auf Erden war, zogen die Heiligen Drei Könige durch die Straßen in Bethlehem. Einer von ihnen, es war der Melchior, malte sein Gesicht mit schwarzer Farbe an: Er war unter den Heiligen Drei Königen der „schwarze Mohr“. In der einen Hand trugen sie einen langen Stab mit einem Laternenlicht, in der anderen Hand hatten sie ein Stück weiße Kreide. Und auf ihren Pelzmützen leuchtete ein goldener Stern, der eben wie eine goldene Königskrone aussah.
Sie zogen von Haus zu Haus, stampften durch den hohen Schnee, klopften an die Türen und schrieben mit der weißen Kreide die Anfangsbuchstaben ihrer Namen auf die Türschwelle: C + M + B, Caspar, Melchior und Balthasar.
Und überall sagten sie ihren Segensspruch auf, den die heilige Jungfrau Maria ihnen geschrieben und gedichtet hatte:
„Heute ist Dreikönigsfest,
wir wünschen euch das allerbest.
Wir bringen Glück in euer Haus,
wie der heilige Nikolaus.
Wir bitten euch um milde Gaben,
dass arme Kinder Essen haben.“
Die „Sternsinger“, so nannte man auch die Heiligen Drei Könige; sie zogen weiter von Haus zu Haus und überall erhielten sie eine Geldspende. So kam eine stolze Summe zusammen, die sie dann später an arme und kranke Kinder verteilten.
Und auch heute noch, und das schon seit 2000 Jahren, ziehen die Heiligen Drei Könige, als Sternsinger verkleidet, durch die Dörfer und Städte. Und ihre Schäfchen weiden noch immer auf der Himmelsflur, behütet und beschützt vom silbernen Mond.
DIE SIEBEN – EINE ZAHL, DIE ES IN SICH HAT
Die mystische Zahl Sieben spielte in der Vorstellungswelt unserer Vorfahren eine große Rolle. Der Glaube, dass nach sieben Jahren gleiches Wetter wiederkehre, war im Mittelalter weit verbreitet. Es war aber nicht nur Aberglaube, der zu dieser Meinung führte, sondern auch die Wettererfahrung dieser Zeit: Alle sieben Jahre war ein Flohjahr, alle sieben Jahre ein Raupenjahr, alle sieben Jahre ein Käferjahr und alle sieben Jahre ein Krankenjahr.
1991 war ein „Blattlausjahr“ und demzufolge gab es auch eine Massenvermehrung ihrer natürlichen Feinde, der Marienkäfer. Es mag Zufall sein, dass auch der Sommer 1984 ein „Blattlaussommer“ war. Heute wissen wir, dass bestimmte Forstschädlinge zu Waldverwüstern werden, wenn es eine massenhafte Vermehrung gibt, die im Laufe mehrerer Jahre periodisch auf- und abschwillt. In Monokulturen vermehren sich die Schädlinge bei dem reichlich vorhandenen Futter und bei günstiger Witterung von Jahr zu Jahr: wahre Schädlingsheere wachsen heran. Sie fressen schließlich den Forst über viele tausend Hektar kahl. Haben die Raupen dann ihre Nahrungsquelle vernichtet, müssen sie zugrunde gehen, und die Plage hört ganz plötzlich auf.
Auch die mit jeder Massenvermehrung eines Schädlings einhergehende Zunahme seiner Vertilger trägt zum Rückgang des Übels bei. Die endgültige Vernichtung der Schädlingsmassen geschieht vielfach durch parasitische Seuchen. Dieses regelmäßige Auf- und Abschwellen von Schädlingsheeren in rhythmischen Zeitabständen wurde auch schon von unseren Vorfahren beobachtet. Oft musste dabei die biblische Zahl Sieben herhalten, gab es doch im alten Ägypten die „sieben fetten und sieben mageren Jahre“.
Die Lektüre der Landbevölkerung in früheren Jahrhunderten bestand neben der Bibel aus Kalendern, die mit allerlei Tipps und Traktätchen angereichert waren. Diese Prognostiken und Bauernregeln, oft in Verse gekleidet, waren sehr beliebt. Den größten Erfolg aber hatte, bis in unsere Tage hinein, der sogenannte „Hundertjährige Kalender“ von Dr. Maurizius Knauer, Abt im Kloster Langheim bei Kulmbach. Als Kind seiner Zeit in dem damaligen astrologischen Geist befangen, brachte er den jährlichen Planetenwechsel mit dem Wetterwechsel in Verbindung. Er ging davon aus, dass die sieben damals bekannten beweglichen Himmelskörper der Reihe nach die Witterung eines Jahres bestimmen würden. Es genügten ihm sieben Jahre Wetterbeobachtung (1652 bis 1659), um einen „beständfigen, siebenjährigen“ Kalender aufzuschreiben.
Sonne, Venus, Merkur, Mond, Saturn, Jupiter und Mars wurden als Planeten gezählt, und in genau dieser Reihenfolge sollte jeder das Wetter eines Jahres bestimmen. Nach sieben Jahren kam stets derselbe Planet an die Reihe und sollte wieder das gleiche Wetter bringen. Ein geschäftstüchtiger thüringischer Arzt hat vierzig Jahre später den siebenjährigen Kalender des Abtes Maurizius in einen „hundertjährigen“ Kalender umgearbeitet, weil sich ein solcher besser verkaufen ließ.
Venusjahre sollen danach „feucht und warm“ sein. Das stimmte für die Jahre 1983 und 1990 nur zum Teil: Beide waren sehr warm, aber trocken, wobei der Sommer 1983 einer der schönsten Sommer des Jahrhunderts war. In einem Merkurjahr soll es „sehr veränderlich und unbeständig, kalt und trocken“ sein. Das Merkurjahr 1991 war ein extrem trockenes Jahr, kalt im Frühjahr und im Juni, aber extrem heiß im Sommer. Das Mondjahr 1985 war kühl und nass, so wie es nach dem siebenjährigen Planetenkalender sein soll: „Kalt und feucht, doch etwas wenig warm dabei.“ 1993 war ein Saturnjahr, was „eine kalte Natur und etwas wenig trocken“ verhieß.
„Mit dem Mond muss man gut Freund sein“, meinte Goethe, denn so mancher hat seine Schlafprobleme bei Vollmond, was von der Wissenschaft nicht mehr geleugnet wird. Und helle Mondnächte haben unsere Dichter und Denker inspiriert, unvergängliche Lyrik zu schreiben.
Die Anthroposophen sind übrigens davon überzeugt, dass der Mond besondere Einflüsse auf das Keimen, Wachsen und Reifen unserer Kulturpflanzen ausübt. So werden eigene Saat- und Erntekalender herausgegeben.
Die gute und die böse Sieben sind Zahlen, die es in sich haben. Die Sieben hat schon im grauen Altertum in den Geistern gespukt. In sieben Tagen schuf Gott die Welt. Sieben Erzengel umkreisen Gottes Thron. Es gibt sieben Todsünden, sieben Schmerzen und Freuden Mariens. Sieben Wochen dauert die Fastenzeit, Pfingsten liegt sieben Wochen nach Ostern. Die Kirche kennt sieben Sakramente. Den sieben Todsünden stehen sieben Werke der Barmherzigkeit gegenüber. Sieben Kreuzesworte des Erlösers werden aufgezählt, sieben Bitten des Vaterunsers.
Auch im Märchen kehrt die Sieben wieder: Die sieben Berge, die sieben Zwerge, die sieben Geißlein, die sieben Schwaben, die sieben Raben, die Siebenmeilenstiefel. Selbst in Kinderreimen findet sich die Sieben an erster Stelle: „Wer will schöne Kuchen backen, der muss haben sieben Sachen.“ – Oder die Frage: „Hast du seine sieben Sachen zusammen?“ Wenn es am Siebenschläfertag regnet, soll es sieben Wochen lang regnen.
Rom wurde auf sieben Hügeln erbaut, am Rhein ragt das Siebengebirge auf, obwohl es weit mehr Hügel hat. Geheimnisvolles steht im Buch mit sieben Siegeln. Das Haus der göttlichen Weisheit hat sieben Säulen, ein Hauptstück religiösen Kults war der siebenarmige Leuchter.
Sieben Winde und Meere kannte die Antike, die Griechen sieben Weltreiche, sieben Köpfe der Hydra und sieben Weltwunder. „Sieben kommen durch die Welt“ und „sieben auf einen Streich“ heißt es in Sprichwörtern, und Verliebte fühlen sich „im siebten Himmel“.
VIEL LÄRM AM DREIKÖNIGSTAG
Dreikönigstag! Fest der Erscheinung des Herrn. Es ist das dritte Hochfest der Weihnachtszeit. Es ist auch das Dreikönigsfest, das Fest der drei Weisen aus dem Morgenland, von deren Reise hinter dem Stern her das Evangelium dieses Tages erzählt. Die drei Magier, Kaspar, Melchior und Balthasar, haben die weite Reise vom Morgenland nach Bethlehem unternommen. So wurden sie die Schutzpatrone der Reisenden. Die Wirtshäuser „Zur Krone“, „Zum Stern“, „Zum Mohren“ oder „Zu den drei Königen“ kündigen von ihrer Reise.
Im Mittelalter entwickelten sich in Kirchen und Klöstern die Dreikönigsspiele. Aus ihnen entstand später das Sternsingen, das in allen katholischen Gegenden Deutschlands und Österreichs verrbreitet ist. Am Vorabend des 6. Januars ziehen die Kinder durchs Dorf, verkleidet als Kaspar, Melchior und Balthasar. Sie tragen den großen goldenen Stern am langen Stecken. Sie singen vor den Häusern ihr Sternsingerlied. Zum Lohn erhalten sie Weihnachtsgebäck, Obst und Geld. Manchmal ist mit dem Sternsingerlied auch ein kleines Spiel verbunden, das sich auf die Geschichte der heiligen Drei Könige bezieht. Heute sammeln die Kinder oft für wohltätige Zwecke.
Die Überlieferung schreibt den Heiligen Drei Königen starke Schutzkräfte zu. Sie sollen Schicksalsschläge und alles Böse von Mensch, Haus und Vieh abhalten. Deshalb schrieb früher der Hausvater die Anfangsbuchstaben der Namen der drei Weisen über die Tür und setzte drei Kreuze und die Jahreszahl dazu. Heute tun das die Sternsinger. Die drei Buchstaben CMB können auch anders gedeutet werden. Sie bedeuten für den frommen Christen: Christus mansionem benedicet, Christus möge mein Haus beschützen.
Der Dreikönigstag, an dem bis ins Mittelalter hinein das neue Jahr begonnen hat, kennt auch Orakelsprüche. An Dreikönig kann man das Wetter des beginnenden Jahres ablesen. Man legt zwölf Weizenkörner auf den Ofen; jedes symbolisiert einen Monat. Die Körner, die am weitesten fortspringen, deuten auf Monate voll Glück, Gesundheit und gute Ernte.
Der Dreikönigstag beendet die zwölf Rauhnächte, in den nach dem Volksglauben Geister und Gespenster ihr Unwesen treiben. Aber so ganz war man nicht davon überzeugt, dass nun der Spuk vorbei sei, den nicht nur imaginäre Bösewichte in diesen zwölf Nächten trieben, sondern auch maskierte Burschen. Vielfach wurden den Geistern auch Speisen hingestellt, damit sie gesättigt davonziehen konnten. In Oberbayern und in Tirol stellte man für die Frau Perchta, eine der norddeutschen Frau Holle ähnliche Gestalt, Essen vors Fenster oder legte Nudeln für sie aufs Dach. Und vor dem Schlafengehen durften auf dem Tisch ein Krug Wasser und Brot nicht fehlen. Wer so handelte, dem half Frau Perchta das ganze Jahr über. Wer aber am Dreikönigstag nicht an die Perchta dachte, dem würde sie – so glaubte man – übel mitspielen.
Natürlich muss am Dreikönigstag überall viel Lärm gemacht werden, damit auch die letzten bösen Geister Haus und Hof verlassen. Übrigens, wer am Dreikönigstag noch Äpfel von der letzten Ernte aufbewahrt, der hat sie zu lange gelagert: „Heilige Drei Könige hochgeboren – da haben die Äpfel den Geschmack verloren.“
Als Wetterregeln galten diese:
„Ist Dreikönig hell und klar, gibt’s viel Wein in diesem Jahr.“ „Ist bis Dreikönig kein Winter – folgt keiner mehr dahinter.“ „Wie’s Wetter sich bis Dreikönig hält, so ist das nächste Jahr bestellt.“ „Heilig Dreikönig sonnig und still – Winter vor Ostern nicht weichen will.“ „Regen an Dreikönig – doppelte Keime, aber nur halbe Frucht in die Scheune.“ „Dreikönigstag sind die Feste vorbei – Mariä Verkündigung bringt neue herbei.“ „Dreikönig mit der Hack steckt Weihnachten in den Sack.“
Eigentlich handelte es sich beim Perchtenlauf um einen Fruchtbarkeitszauber der wetterabhängigen Landbevölkerung. Nebenbei konnte er dann gleich mit seinem Getöse wohl auch noch unliebsame Geister austreiben. Sicherlich haben die Burschen immer ihre besondere Freude daran gehabt, andere – und besonders junge Mädchen – zu erschrecken.
ERGO BIBAMUS!
Sie sind wieder „in“ – die Stammtische in den kleinen Städten und Dörfern. Allabendlich trinkt man hier sein „Helles“, spielt Skat, philosophiert im kleinen über die große Politik, über lokale Besonderheiten und bevorstehende Ereignisse.
Der Stammtisch ist wie eine Zeitungsredaktion – hier laufen laufend Meldungen ein. Er ist das „Kaffeekränzchen“ der Männer – man sollte dies nur zugeben.
Der alte Stammtisch hat seine eigene Philosophie. Er ist eine der philanthropischsten Erfindungen der zivilisierten Menschheit. Böse Zungen lästern über ihn und wünschen seine „Biertischpolitik“ zum Teufel.
Es gibt kaum einen von uns, der nicht gelegentlich an einem Stammtisch wenigstens mal gastweise zu finden war. Er übte eine magische Kraft auf die Dichter und Denker unseres Volkes aus. So hat Goethe denn geselligen Umtrunk besungen: „Hier sind wir versammelt zu löblichem Tun, drum, Brüderchen, ergo bibamus (lat: also lasst uns trinken!)“ Oder Schiller bittet an der Tafelrunde: „Brüder, fliegt von eurem Sitze, wenn der volle Becher kreist, lasst den Schaum zum Himmel spritzen: Dieses Glas dem guten Geist!“
Sind wir froh, dass der Stammtisch als Souvenir der gutbürgerlichen alten Zeit in unserer hektischen Welt weiterlebt!
DER JANUAR, DER HÄRTESTE MONAT DES JAHRES
Januar, der erste Monat des Jahres mit 31 Tagen, hat seinen Namen von dem altrömischen Gott Janus. Die Römer sahen ihn als Schützer des Hauses an. Er war der Gott der Tür und des Torbogens. Mit einem Doppelgesicht schaute Janus zugleich nach drinnen und draußen, hütete den Eingang und den Ausgang. Später entwickelte Janus sich allgemein zum Gott des Anfangs. Er wurde am Gebetsbeginn angerufen, und seine heiligen Zeiten waren die ersten Stunden des Tages, die ersten Monatstage und der erste Monat des Jahres.
Janus wird mit einem Schlüssel und einem Pförtnerstab als Beigaben sowie mit einem jungen und einem alten Gesicht dargestellt. Das alte Gesicht blickt in die Vergangenheit, das junge in die Zukunft. Gerade zum Jahreswechsel kann das als Symbol gelten, nachdenklich zurückzuschauen und zugleich voll Hoffnung vorwärts auf alle kommenden Tage zu blicken.
Eine andere Bezeichnung für den Monat ist Jänner oder Jenner. Sie wurde bis ins 18. Jahrhundert verwendet. Heute ist sie nur noch in oberdeutschen Mundarten gebräuchlich, besonders in Österreich und in der Schweiz. Alle älteren deutschen Namen wie Eis-, Schnee- oder Wintermonat zeigen ebenso wie das altdeutsche Wort Hartung, dass der Januar in unseren Gegenden eine harte, eiskalte und bittere Winterzeit bringt. Der Hartung ist der härteste Monat des Jahres. Auch die meisten Bauernregeln, alte Erfahrungen des Volkes mit dem Wetter, verlangen vom Januar viel Schnee und klirrende Kälte. Nur so, meinen sie, kann das Jahr gelingen und ein rechter Sommer Einzug halten.
So wie der doppelsichtige Janus mit seinem Gesicht in die Vergangenheit und mit dem anderen in die Zukunft schaut, so steht der Januar als Bindeglied zwischen dem alten und dem neuen Jahr. Daher wurde er einst auch als „Tür des Jahres“ bezeichnet. Schneemond oder Eismond, aber auch Hartung, weil der Januar der „härteste“ Monat des Jahres ist, sind alte Bezeichnungen für den ersten Monat des Jahres. Folglich erscheinen auch Schneemänner, Schneeflocken und Eiskristalle als Symbole für den oftmals kältesten Monat des Jahres.
Zieht man den Hundertjährigen Kalender zu Rate, dann soll es im Januar zunächst „so kalt wie Ende Dezember“ bleiben. Nachdem sich dann für den 7. Januar Schneefall ankündigt, ist vom 8. Bis 15. Des Monats mit Kälte zu rechnen, die anschließend von einer „linden“ Phase mit Schnee und Regen abgelöst wird. Erst nach dem 23. Januar – so heißt es weiter – wird es wieder kälter. Allerdings ist für den 30. Januar erneut mit eher milder Witterung zu rechnen.
Altem Volksglauben zufolge gilt jedenfalls: „Je frostiger der Jänner, je freundlicher das ganze Jahr.“ Klirrende Kälte sah auch der Bauer vergangener Tage besonders gern. Für ihn galt die Faustregel: „Werden die Tage länger, wird der Winter strenger.“ Die Erklärung dafür lag auf der Hand: „Der Januar muss vor Kälte knacken, wenn die Ernte gut soll sacken“ oder „Der Januar muss krachen, soll der Frühling lachen.“ Darüber hinaus hieß es: „Januar hart und rau, nützet dem Getreidebau“ und „knarrt der Jänner Eis und Schnee, gibt’s zur Ernt’ viel Korn und Klee.“ Auch die Menge der weißen Pracht war einst von großer Bedeutung. „Schnee zu Hauf“, sagte dem Bauern, „hält den Sack weit auf“ und gewährleistete schon im Januar „Dung für das ganze weitere Jahr.“
Ein milder Januar rief immer Entsetzen hervor: „Januar warm – dass Gott erbarm!“ „Gibt es im Jänner gar viel Mückentanz, verdirbt die Futterernte ganz“, denn „wächst auch das Korn im Januar, wird es auf dem Markte rar“ und auch das Gras, das schon zu Jahresbeginn wächst, „ist im Sommer in Gefahr.“
Auch Regenwetter war genauso unbeliebt: „Viel Regen ohne Schnee, tut Bäumen, Bergen und Tälern weh.“ Mit einem lachenden und weinenden Auge hörte man in früheren Zeiten das Donnergrollen. Einerseits hieß es: „Wenn’s im Januar donnert über dem Feld, kommt später doch noch sehr große Kält“ und andererseits hoffte man darauf, dass des „Jänners Groll machet Kist und Fässer voll.“
Für die Weinbauern war einst das Wetter am Dreikönigstag (6. Januar) von Bedeutung: „Ist es an diesem Tag hell und klar, gibt’s viel Wein in diesem Jahr.“ Allerdings bedeutete ein Dreikönigstag „sonnig und still“, dass der „Winter vor Ostern nicht weichen will.“
Die Obstbauern warteten auf das letzte Drittel des Januars: „Wenn Agnes (21. Januar) und Vinzenz (22. Januar) kommen, wird neuer Saft im Baum vernommen.“
WENN DIE NASE TRIEFT UND DIE AUGEN TRÄNEN
„Drei Tage kommt er, drei Tage steht er, drei Tage geht er.“ Wer? Der Schnupfen, der zwar sehr lästig ist und das Wohlbefinden beeinträchtigt, in der Regel aber von kurzer Dauer ist. Durch ein Kitzeln in der Nase kündigt er sich gerne an. Mag das Kitzeln auch noch angenehm sein, das heftige Niesen ist es nicht mehr. Das ist zwar sprichwörtlich gesund, doch nur für den Absender, nicht für den Empfänger. Die in kleine Schleimtröpfchen vermummten Viren suchen sich neue Opfer. Von allein nicht lebensfähig – wie Köpfe ohne Körper – müssen sie sich fremdes Leben borgen. Rätselhaft: Die primitivsten Wesen der Erde sind fähig, das höchstentwickelte zu ihrem Sklaven zu machen.
300 verschiedene Viren sind als Erreger von Erkältungskrankheiten bekannt, die als „grippale Infekte“ gelten, doch mit der echten Grippe (Influenza) nur wenig gemeinsam haben. Und 100 Virusarten können einen Schnupfen erzeugen. Man kann also sicher sein, mit jeder neuen Laufnase einen anderen Erreger zu Gast zu haben.
Tröpfcheninfektion nennen es die Mediziner, wenn die Schnupfenviren beim Niesen, Husten, Räuspern oder Sprechen übertragen werden. Und zwei Meter sind keine unüberbrückbare Distanz.
Lachen ist gesund. Das gilt auch für das Küssen. So jedenfalls die Psychologen. Aber wer lässt sich schon gerne mit schleimtropfender Nase und rot entzündenden Augen küssen? Nur der, den „Liebe blind macht“.
„Böse Augen stecken durch den Blick, so wie böser Atem durch den Anhauch an, besonders, wenn der böse Wille damit verbunden ist.“ So steht es im „Magischen Handbuch der Sympathie von 1858“. Auch bei anderen Symptomen von Erkältungskrankheiten wussten unsere Vorfahren Rat. Bei Halsschmerzen empfahlen sie: „Über Nacht einen wollenen Strumpf, den ein gesunder starker Mann getragen hat, um den Hals binden!“ „Bei Fieber koche man ein Ei in des Kranken Urin und vergrabe es in einen Ameisenhaufen. Sobald die Ameisen das Ei verzehrt haben, ist das Fieber weg.“ Auch „ein Schwalbenherz, mit Honig gegessen“, sollte bei Fieber Heilung verschaffen.
Das „fleißige Handauflegen“ war ein viel gepriesenes Mittel bei Entzündungen im Kopfbereich. Der Glaube an Zauberei und Hexerei war noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts im Ostertal weit verbreitet. Das Handauflegen wird noch 1885 berichtet. So haben Marther Eltern ihre kranken Kinder nach Hoof gebracht, wo in der „Aacht“ eine 80jährige Frau das „Brauchen pflegte“.
„Beim Niesen soll man die Hände in warmem Wasser waschen, die Augen und Ohren und Fußsohlen mit den Fingern reiben.“ Das kitzelte wohl auch. Mag sein, dass der Reflex auf der Fußsohle, das Kitzeln in der Nase unterdrückte.
Bei Husten („Bettelmannshusten“) – worunter wir heute wohl die Lungenschwindsucht vornehmlich der armen Leute zu verstehen haben – wurde „viel Küssen“ empfohlen. Haben sich unsere Vorfahren daran gehalten, wird auch die epidemieartige Ausbreitung der Tuberkulose verständlich.
Gegen Schnupfen und Erkältungskrankheiten gibt es keinen Impfschutz, gegen die echte Grippe nur, wenn es sich um ein schon bekanntes Virus handelt. Doch Viren bedienen sich teuflischer Tricks, um den Abwehrmechanismus des menschlichen Körpers zu täuschen und zu hintergehen.
Es gibt wirklich typisches Grippe-Wetter: Nasskaltes, trübes, rasch wechselndes Wetter begünstigt das Entstehen von grippalen Infekten. Trockene Kälte behagt den Viren überhaupt nicht. Sonniges Winterwetter nimmt ihnen jegliche Chance der Verbreitung, und Sonne stärkt die Abwehrkräfte des Körpers.
Die Ärzte der Antike glaubten an einen „inneren Arzt“ im Menschen, an jene Selbstheilungskräfte, die uns davor schützen, dass die ständig aus der Umwelt in unseren Organismus eindringenden Krankheitserreger eine Krankheit auslösen. Sie wussten auch, dass Vorbeugen besser als Heilen ist. Ein sicheres Mittel gegen Erkältungskrankheiten ist die konsequent betriebene Abhärtung des Körpers das ganze Jahr über. Ausgedehnte Spaziergänge, Bewegungs- und Atemübungen an frischer Luft, regelmäßige Saunabesuche und eine vernünftige Vitamin-C-reiche Ernährung tragen dazu bei, den Körper zu immunisieren. Wer sich täglich morgens zu Wechselduschen durchdringen kann, hat auch einen wichtigen Schritt zur Vorbeugung getan: Drei Minuten so heiß wie erträglich, zwanzig Sekunden so kalt wie möglich – dreimal hintereinander. Ist die Erkältung trotz Abhärtung und Vitaminen nicht zu stoppen, sollte man nicht gleich mit „Kanonen auf Spatzen schießen“. Altbewährte Hausmittel und Heilkräutertees sind zumindest einen Versuch wert. Kamillen-Dampfbäder, heißer Holunderblütentee und Lindenblütentee in Verbindung mit einer Schwitzkur sind zu empfehlen.
Dazu nehme man Heilpflanzenpräparate zur Steigerung der Abwehrkräfte mit den Wirkstoffen des Sonnenhutes (Echinazin) und des Wasserdosts (Eupatorium). Zum frischen Verzehr empfehlen sich keimtötende Heilpflanzen mit natürlichen „Antibiotika“ wie Knoblauchzehen und Zwiebeln, Brennnesselblätter und Senfsamen, Meerrettich, Kapuzinerkresse und Gartenkresse. Menschen, die regelmäßig frischen Knoblauch essen – mindestens ein bis zwei Zehen pro Tag – erkranken selten an grippalen Infekten. Doch leben wir nicht auf dem Balkan, wo der äußerst penetrante Geruch, der noch stundenlang nach dem Verzehr vom Körper ausgedünstet wird, von den Umstehenden nicht wahrgenommen wird, weil er dort zu den „alltäglichen Gerüchen“ gehört.
SPINN- UND STRICKABENDE UNSERER VORFAHREN
Dornröschen fiel in einen hundertjährigen Schlaf, nachdem es sich mit der vergifteten Spindel gestochen hatte. „Was ist eine Spindel?“, würde heutzutage ein Kind fragen, dem man das Märchen vom Dornröschen erzählt.
In den Märchen spinnen die Königstöchter, in den Sagen die Göttinnen. Bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts gehörte das selbstgesponnene und selbstgewebte Leinen zum hochgeachteten Aussteuerschatz.
Spinn- und Strickabende gehören der Vergangenheit an. Erinnerungen an Spinnstuben und Bratäpfel werden wach. Die Bratäpfel brutzelten auf der heißen Ofenplatte. Aus der schwarzgebrannten Schale tropfte dicker, brauner Saft. Süßer Duft erfüllte den Raum.
Spinnen und Stricken waren die wichtigsten Winterarbeiten der Frauen. Zum ersten Spinnabend traf man sich in der Regel am letzten Donnerstag im November. Das konnte der Katharinentag sein. Die heilige Katharina ist die Patronin der Spinnerinnen. Und an Lichtmess (2. Februar) gingen auf dem Dorf die Spinnabende in der Regel wieder zu Ende. Zu den Winterarbeiten der Männer gehörten vor allem das Besenbinden und das Korbflechten.
In manchen Orten war es eine bestimmte Bäuerin, die die Spinnstube abhielt. In anderen Gemeinden wanderten die Spinnerinnen von einem Haus zum anderen. Man sparte in den Dörfern. Kerzen waren teuer, und auch das Petroleum war ein Luxus. Aber wenn man sich abwechselnd in einer Stube zum Spinnen, Singen und Spielen traf, dann konnte man in allen anderen das Licht sparen. Oft bildeten die Mädchen und Frauen der verschiedenen Jahrgänge Spinngruppen, die über die Winterarbeit hinaus zusammenhielten.
Die Spinnstube war auch eine „Erzählstube“. Beim Spinnen des Garns und beim Stricken der dicken Winterstrümpfe erzählten die Frauen Geschichten, Märchen und Sagen. Spinnstubenlidder wurden gesungen.
Meist trafen sich die Frauen am Nachmittag. Sie brachten Spinnrad, Flachs und Netzetopf mit, ein Wassergefäß zum Benetzen der Finger. Sie tranken zuerst Kaffee und aßen Kuchen, spannen dann bis zur Dämmerung. Zu Hause wurden dann Kinder und Vieh versorgt. Mit den Männern kehrten sie in die Spinnstube zurück. Wurst und Brot, Branntwein oder Bier standen als Spätimbiss bereit.
Junge Mädchen schwärmten in den Arbeitspausen auch gern aus, hielten heimlich Umschau nach ihrem Liebsten. Die jungen Burschen durften erst später kommen, brachten Dörrobst und gebackene Süßigkeiten mit.
In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Spinnabende nach und nach zu reinen Strickabenden. Warme Pullover, Socken und Strümpfe für den Winter wurden gestrickt.
Was aber hat der alte Bauernspruch „Spinne am Morgen, Kummer und Sorgen. Spinne am Abend, erquickend und labend“ mit der Spinne zu tun? Die Spinne kann gar nichts dafür, dass man ihr solche Sachen nachsagt. Die Bauern meinten einst, wer schon am frühen Morgen mit Flachs- oder Leinspinnen anfangen müsse, der habe Kummer und Sorgen, die es mit den Einnahmen aus dieser Arbeit zu bannen gelte. Am Abend zu spinnen bedeutete aber, dass man es sich gemütlich machen konnte, dass die Spinnerei eigentlich keine Arbeit, keine auf dringenden Gelderwerb gerichtete Beschäftigung war, sondern eine liebevolle Unterhaltung und Entspannung. Man konnte Sorgen und Kummer vergessen, Lieder singen, sich necken und vielleicht spann sich sogar manche Liebe an.
Nostalgische Erinnerungen an die „gute, alte Zeit“! Kommt sie wieder? Auf jeden Fall ist Stricken wieder zur Mode geworden.
NEUE BESEN KEHREN GUT
Unsere Vorfahren kehrten mit Besen („Hexenreisern“) die Winterunholde, bösen Geister und Dämonen aus dem Haus, und der gesellig wachsende Besenginster war im Mittelalter ein wirksamer Schutz gegen Hexerei. Seine harten, zweigähnlichen Stängel wurden auch als Kaminbesen genutzt, wodurch verständlich wird, dass die Hexen nach dem endgültigen Sieg des Frühlingsgottes über die Mächte der Finsternis auf einem Besen reitend das Haus durch den Schornstein verlassen: Hexennacht – Walpurgisnacht.
Einzelne Besenruten lagen früher auf dem Küchenschrank und die Buben hatten einen Heidenrespekt davor. Das war der Schlagbesen des Vaters, der damit den Ungehorsam der Kinder bestrafte. Doch die strafende Rute des Nikolaus war ursprünglich das Reis, das Symbol der Fruchtbarkeit, durch dessen Berührung mitten im Winter die Hoffnung auf das Licht der Sonne wachgerufen wurde. Das Reis war die Lebensrute.
Das früheste geflügelte Wort aus dem deutschen Sprachschatz stammt aus Freidanks „Spruchdichtesammlung“ (um 1230), betitelt „Bescheidenheit“: „Der niuwe beseme kert vil wol, e daz er stoubes werde vol“: „Der neue Besen kehrt sehr wohl, eh’ dass er Stasubes werde voll.“ Daraus wurde das sprichwörtlich gebrauchte „Neue Besen kehr en gut“. Der Besen, das „Zusammengebundene“, war der „Staubsauger“ unserer Vorfahren.
Zu den bäuerlichen Winterarbeiten gehörten früher neben dem Flechten von Körben, Stühlen und Kuchendeckeln und dem Binden von Besen auch das Herrichten des Geschirrs und der Zugseile, das Ausbessern der Wagen und Wagenräder, das Schärfen der Äxte und Beile und das Anspitzen der Bohnenstangen.
Auf den Bauernhöfen standen neben den Obstgärten gewöhnlich an den Grenzen zu den Nachbargrundstücken sogenannte „wilde“ Bäume: Birken zur Erlangung der nötigen Besenreiser, ein paar Weiden für Körbe, Stühle, Mulden, Schippen und Tröge, dazu Eschen, die jährlich geköpft wurden, so dass man die schlanken Zweige binden und zum Trocknen an Zäunen aufrichten konnte. Im Winter wurden sie d en Schafen auf die Hilte gegeben. Die Tiere fraßen Blätter, kleine Zweige und die Rinde. Von den dicken Astteilen nagten sie den Bast ab. Mit diesen abgenagten Ästen wurden Zäune repariert und gebaut. Zwei bis drei Eichen standen auf dem Hof. Sie gaben Futter für die umherlaufenden Schweine. Schließlich gab es da noch den Walnussbaum und den Holunderstrauch, letzterer dicht an der Hauswand zur Abwehr des Blitzes, von winterlichen Dämonen und zur Bereitung von heilenden Wintertees.
Ferne Erinnerungen an Groß- und Urgroßvaters Zeiten werden wach, Erinnerungen an die heimelige Atmosphäre in der gemütlich warmen Besenbinderstube: In mehreren Reihen lagen dicke Birkenreiser-Bündel („Birkenhecken“) mit Ruten verschiedener Länge auf den Dielen. Im November wurden die Besenreiser draußen geschnitten, an Ort und Stelle die abstehenden Seitentriebe um die innere Rute aufgedreht und die Nebenästchen am Reiseranfang ausgeputzt. Über Winter wurden die Besenreiser auf dem Speicher getrocknet.
Am besten waren Reiser von sieben- bis achtjährigen Birken, weil sie noch schlanker und biegsamer sind als Ruten von älteren Bäumen. Diese sind meist zu storzig und brechen leichter. In der Besenbinderstube wurden die Reiser der Länge nach sortiert. In jede Hand kamen sieben lange Ruten, wurden nach unten fest zusammengedreht, über dem Knie mit einem Ring gespannt, die beiden Bündel überkreuzt und zum „Geißfuß“ zusammengesteckt. Weitere Ringe aus Draht oder Seil – sechs bis sieben an der Zahl – wurden nach und nach um die gedrehten und gespannten Reiserbündel gesetzt. In einem der mittleren Ringe steckte man dann kürzere, etwas angespitzte Ruten rundum ein, bis der Besen eine bestimmte Handlichkeit hatte und die Kehrseite „bauschig“ wurde. Der Griff wurde „bündig“ geschnitten, noch vorhandene Stielreste glatt abgeschnitten, damit die Finger beim Kehren nicht aufrissen. Zum Schluss wurden die überstehenden Rutenspitzen an der bauschigen Kehrseite des Besens abgeschnitten.
Für die Herstellung der Besenringe haben früher die Besenbinder keinen Draht verwandt – der war zu teuer – sondern „Hassele-Stecke“ (Haselstrauch), die „Scheenstecke“. Die „Hassele“ waren etwa 1,50 m lang und so dick wie Flaschenköpfe. Die „Stecke“ wurden am Ende eingekerbt, von den Kerben aus die Rinde in ½ cm breiten Riemen (Schalen oder Schienen) abgeschält. Die abgeschälte Rinde war das Flechtmaterial für das Zusammenbinden der Besenreiser.
Jeder Hof hatte früher ein ganzes Sortiment von Besen, zumeist aus Birkenreisern gebunden. Seltener waren Strohbesen, ganz selten Ginsterbesen. Letztere waren kurz und mit einem Stock versehen.
Die Besen fanden eine vielfältige Anwendung. Die Häuser wurden gekehrt, der Stall, der noch ungepflasterte Hof, die Scheune, die Wege, der Misthaufen, Laub im Herbst und Schnee im Winter.
„Nichts wurde unter den Tisch gekehrt“ bei unseren Vorfahren. Doch den „Dorfbesen“ gab es überall. Doch auch diese Zeiten sind längst vergangen: „Damals auf dem Dorf war vieles anders.“
FEBRUAR
DER HORNUNG, DER „BASTARD“ UNTER DEN MONATEN
Februar! Taumond oder Schmelzmond nannten ihn unsere Vorfahren. Ob es wirklich der letzte Wintermonat ist? Ab und zu hört man schon die Meisen, die ihre Stimmen für den erwarteten Frühling üben. Noch ist die Kälte die dominierende Kraft in der Natur: An einigen Tagen tragen die Zweige der Bäume und Sträucher, ja auch die Drähte der Zäune, dicke Eismäntel. Schwer hängen Birkenäste dem Boden entgegen, noch voll bepudert mit Schnee – der leichte Wind bewegt die zarten kalten Äste mächtig-gemächlich, jeden Moment denkt man ans Abbrechen – aber die Birke weicht aus, federt zurück, ist geübt und auserwählt, derartigen Belastungen zu widerstehen. Und unter dem Schnee und Eis wissen wir die kleinen grünen Blätter, die sich bald, hoffentlich bald entfalten.
Der Februar hat vier verschiedene Gesichter. Es ist rein Monat der Wende von der Dunkelheit zum Licht, die Scheidung von Nacht und Kälte, die Hinwendung und Erwartung der Wärme in der Freude auf den Vorfrühling. Im Schnee aber versilbert noch die Welt. Der Februar ist der kürzeste Monat, kann der kälteste und schneereichste sein, ebensogut aber auch frühsommerlich warme und lichte Tage bringen. Bis ins 16. Jahrhundert hieß der Februar „Hornung“. Dieser alte deutsche Name hat wahrscheinlich nichts damit zu tun, dass sich in diesem Monat das Vieh „hörnt“, wie das Wort gelegentlich gedeutet wird. Eher hängt der Ausdruck mit den wenigen Tagen zusammen, die der „Lichtmessmonat“ im Vergleich zu den anderen Monaten besitzt: „Hornung“ ist eigentlich ein anderes Wort für „Bastard“. Im übertragenen Sinne bedeutet das für den Februar so viel wie „der an Tagen zu kurz Gekommene“.
In allen Jahren, die ohne Rest durch die Zahl vier teilbar sind, taucht der 29. Februar als Schalttag im Kalender auf. Wer an diesem Tag geboren ist, kann sich scherzhaft als Zehnjähriger ausgeben, wenn er eben vierzig Jahre alt wird. Schließlich feiert er seinen wirklichen Geburtstag nur alle vier Jahre. Behörden und Standesämter stören jedoch diesen privaten Jungbrunnen. Und so wird eben amtlicherseits keineswegs akzeptiert, dass ein achtzigjähriges Geburtstagskind sich noch als zwanzigjährig ausgibt.
Mit dem Februar verbunden ist die Freude am Trubel, an der Heiterkeit und Ausgelassenheit, ja am Mummenschanz, mit denen früher die dämonischen Mächte der Dunkelheit vertrieben wurden. Damit soll sowohl der Gedanke der Unsterblichkeit, respektive der Wiedergeburt, ausgedrückt werden, wie auch die Idee, dass das Materiell-Körperliche und das Geistig-Seelische zwar miteinander verbunden sind, dass dieser Zusammenhang aber nur lose vist.
Schließlich ist der Februar auch der Monat der Blumen, die Sinnbilder der Wertschätzung und der Bewunderung für einen lieben Menschen sind. So deuteten einst Nelken auf Anhänglichkeit, Tulpen verkörperten die innere lautere Schönheit und waren Sinnbilder der Verehrung, Wertschätzung und der grenzenlosen Bewunderung. Rosen waren immer Zeichen der Liebe und der Dankbarkeit. Strohblumen deuteten auf Unwandelbarkeit, Efeu auf eheliche Treue und Einigkeit, Flieder auf bevorstehende Hochzeit, Narzissen und Kaiserkronen auf glühende Sehnsucht, Veilchen auf Sittsamkeit und Bescheidenheit und Vergissmeinnicht auf unerfüllte Liebe und brennenden Liebesschmerz.
Die Japaner in besonderer Weise Verehrer der Blüten und des Blumensteckens kundig, haben in ihrem Ikebana den höchsten Ausdruck der Sinndeutung der Blumen und Pflanzen gefunden.
„Keine Rose, keine Nelke kann blühen so schön, als wenn zwei verliebte Herzen beieinander tun stehn“, so heißt es in einem unserer schönsten Volkslieder. Und Heinrich Heine betet seine Geliebte an: „Du bist wie eine Blume, so schön, so hold, so rein. Ich schau dich an, und Sehnsucht steigt mir ins Herz hinein.“ Die „Blaue Blume“ der deutschen Romantik hat nie jemand gefunden. Es ist die Sehnsucht, die nie gestillt wird.
Ein Strauß voll Blüten ist immer ein Kompliment. Komplimente öffnen Herzen, wenn sie dem richtigen Menschen zur rechten Zeit zu Füßen gelegt werden: Rosen auf den Weg gestreut! Komplimente werden nicht nur an Worten gemessen, Blumen nicht nur an Farbe und Schönheit. Komplimente und Blumen sind immer Geschenke, wenn sie von Herzen komme n und zu Herzen gehen. Es kann auch „von Apfelblüten ein Zweig“ oder ein Kranz sein, dazu ein Blick, ein Händedruck. Herz und Blumen sind Symbole des Valentinstages, der seit dem späten Mittelalter das eigentliche Fest der Jugend und der Liebe ist. Der Ursprung ist nicht ganz geklärt: Vermutlich geht die Sitte auf ein altes römisches Fest zurück, bei dem die jungen Männer ein Los mit dem Namen des Mädchens zogen, mit dem sie ein Frühlingsfest feierten.
„Durch die Blume sprechen“ sollte man nicht am Valentinstag, wohl aber „Blumen sprechen lassen“, und nicht nur an diesem Tag, sondern an allen Tagen, an denen wir das Bedürfnis haben, einem lieben Menschen unsere Dankbarkeit zu beweisen. Valentinstag kann alle Tage sein.
EINE SCHWINGENDE SYMPHONIE IN WEISS
„Schneeflöckchen, Weißröckchen, wann kommst du geschneit? Du wohnst in den Wolken, dein Weg ist so weit.“
Jetzt in diesen kalten ersten Februartagen erinnern wir uns an das Lied unserer Kindheit. Nicht das bloße Auge, erst die Vergrößerung durch die Lupe offenbart auf einer Entdeckungsreise ins Reich der gefrorenen Edelsteine eine faszinierende Wunderwelt. Schneeflocken sind aus zahlreichen Sternchen zusammengefügt zu einer schwingenden Symphonie in Weiß. Kein Künstler kann die vielfältigen Formen je nachvollziehen. Sie gehören zu den schönsten Kunstformen der Natur, geheimnisvollen Blüten gleich, doch vergänglicher als diese und unberührbar durch die Wärme der Hand. Schon ein leichter Atemhauch lässt sie in Sekundenschnelle vergehen. Immer sind sie sechsstrahlig, gezaubert nach einem geheimnisvollen Grundmuster, doch keines unter Milliarden von Sternchen ist einem anderen vollkommen gleich. Jeder Schneekristall ist ist für sich einzigartig.
Die Stätte ihrer Geburt liegt viele Kilometer über der Erde, in sehr kalten Wolken, im „Reich der Frau Holle“, der winterlichen Märchenfee der Deutschen. Um winzige Staubpartikelchen lagern sich zarte Eisschichten. Während die Körnchen im Wind auf und ab tanzen, scheidet sich immer mehr Feuchtigkeit daran ab – der Eiskristall wächst und sinkt schließlich als Schneeflocke zur Erde hinab.
Wechselnde Temperatur- und Feuchtigkeitsbedingungen führen nicht nur zu unterschiedlichen Formen, sondern auch zu unterschiedlichen Flockengrößen. Je kälter die Luft ist, um so kleiner sind die Flocken. Bei strenger Kälte fallen keine Schneeflocken, sondern feine Eisnadeln aus heiterem Himmel zu Boden. Große, weiche, lockere Flocken kommen nur nahe null Grad vor.
Was aber hat nun Frau Holle mit dem Schneefall zu tun? In ihr begegnet uns die altgermanische Naturgöttin Hulda, die ursprünglich als „Erdmutter“ die Kinder zur Welt bringt, diese beschützt und die verstorbenen Seelen wieder in ihr Reich zurückholt. Brunnen und Höhlen sind im Volksglauben unserer Vorfahren Eingänge in ihre Welt. Auch im Märchen kommt das fleißige Mädchen durch einen Brunnen zu Frau Holle, einer schönen, weißen Frau mit langen, goldenen Haaren. Das Mädchen schüttelt ihre Betten aus und die weißen Flaumfedern verwandeln sich auf der Erde in Schnee.
Frau Holle war auch die Anführerin der Wilden Jagd Wotans, die in der Zeit des Mittwinters durch die Wolken braust, wobei durch das Lärmen und Poltern die bösen Mächte der Dunkelheit verscheucht werden. Der herabfallende Schnee ist Reinigungs- und Fruchtbarkeitssymbol, wodurch die nackte Erde vor der todbringenden Kälte geschützt wird.
DIE JUWELEN DES WINTERS HABEN VIELE GESICHTER
Abertausend Wattebällchen tanzen um die Wette. Welch schönes Gefühl beim ersten Schneefall kurz innezuhalten: die Nase gen Himmel strecken, die fliegenden, eisigen Kristalle im Gesicht spüren. Doch die weiße Pracht kann auch brennen wie Feuer im kalten Wintersturm. Schnee hat viele Gesichter.
Die funkelnden Kristalle sind winzig klein, tragen in der Meteorologie so poetische Namen wie „Dornröschen“, „Diamantstaub“, „Schneerose“ oder „Lüsterkristall“ und ihre Schönheit ist nur von kurzer Dauer. Schneeflocken sind einzigartig in der Wunderwelt der Natur. Die Ästhetik der Symmetrie fasziniert: So regelmäßig sind die Kristalle aufgebaut, so sehr unterscheiden sie sich voneinander – keine Flocke gleicht der anderen. Es entstehen sechsarmige Sterne, hexagonale Prismen und Dreieckskristallen, schneeweißen Blüten gleich: Sternenblumen des Winters. Erst unter dem Mikroskop kann man ihre Schönheit erblicken.
Die Kristallisation um ein winziges Staubkorn ist ein entscheidender Vorgang in einer Schneewolke. Nur an so genannten Kristallisationskernen können die kleinen Wassertropfen gefrieren und sich anschließend zu winzigen Vorstufen der Schneeflocken entwickeln. Dieser Vorgang kann Stunden oder sogar Tage dauern. Ist so ein kleines Tröpfchen einmal gefroren, wächst es, weil weiter Wasserdampf an ihm kondensiert. So wird das Flöckchen immer größer, bis es so schwer ist, dass es schließlich zu Boden sinkt. „Schnee unter Null ist für Engel, über Null ist für Dämonen.“
Ein Schneekristall kann während seiner Entwicklung eine Größe von 1 bis etwa 5 mm erreichen. Hat er den Erdboden erreicht, so muss sein Wachstum noch lange nicht zu Ende sein. So kann man insbesondere bei hoher Luftfeuchte z. B. neben einem schäumenden Gewässer oder einem nicht gefrorenen Wasserfall Schneekristalle mit einem Durchmesser von mehr als 10 cm Durchmesser finden.
Ob sich Prismen oder Plättchen oder eine andere der Grundformen bilden, hängt von Luftfeuchtigkeit und Temperatur ab – ebenso wie ihre perfekte Symmetrie. Da die Schneekristalle alle verschiedenen Wege durch die Wolke verfolgen, besitzt jedes einzelne Kristall ein individuelles Aussehen. Es entstehen sechs Eisnadeln, die sich allmählich miteinander zu filigranen Gittern verzweigen.
DIE TAGE WERDEN WIEDER LÄNGER
Die Tage werden wieder sichtbar länger. Das Licht verklärt die Natur und erlöst sie langsam aus ihrem Winterschlaf. Auch die Gärten „spitzen langsam wieder ihre Ohren“, so wie es ein alter Bauernspruch sagt: „Mit Fabian und Sebastian (20. Februar) fängt der Saft zu steigen an.“
Ein Tag mit Tauwetter oder warmem Föhn lässt die Vögel pfeifen und zwitschern, das Wasser glucksend versickern: Jetzt heißt es hinausgehen! Ein erster Spaziergang durch den Park oder den Garten sollte ganz einfach dem Schauen dienen: Man muss die Augen nur ein wenig offenhalten, um an allen Ecken und Enden etwas zu entdecken, das schon eine deutliche Vorahnung von der kommenden Pracht des Frühlings vermittelt.
Krokusse! Kaum eine andere Blume verspricht uns manchmal schon Anfang Februar so charmant, dass der Lenz vor der Tür steht. Die da so mutig bunte Farbkleckse in den spätwinterlichen Garten malen, sind keine großblumigen Gartensorten, sondern „botanische“ oder „Wildkrokusse“: „Ein Krokus kommt selten allein!“ Die lustigen, blauen, weißen oder gestreiften Krokusse lassen fast vergessen, dass die Blütenkelche ihrer Vorfahren einst nur in leuchtend gelber Farbe prangten: „Safran macht den Kuchen gel“ heißt es in einem alten Kinderlied. Als der gelbe Krokus noch „Safran“ hieß, waren 100 000 Krokusblüten nötig, um daraus ein Kilogramm Safran zu gewinnen.
Der Haselstrauch entfaltet jetzt seine festen Walzen zu lockeren, gelblichen, bepuderten „Würstchen“, die im Wind stäuben. Die gelben Blütenbüschel der Kornelkirsche oder der Zaubernuss (Hamamelis) wirken auf den sonst kahlen Ästen richtig herausfordernd: Winter ade! Überhaupt scheint Gelb die Farbe zu sein, die den Frühling aus seinem winterlichen Versteck hervorlockt.
Denn Gelb heißt Licht! Mit diesem Monat zwischen Tod und Leben verknüpft sich der Gedanke und das Wissen um die Wiederkehr des Lichtes. Und unsere Ahnen nannten den Februar „Lichtmond“.
Ja, unsere Vorfahren richteten sich nach den Grundgesetzen des Lebens. Werden diese Grundgesetze missachtet, so rächt sich dies stets nach dem Gesetz von Säen und Ernten, wie Feuchtwanger es beschreibt: „Die Natur treibt ein unbarmherziges Gericht, langsam, aber unerbittlich. Und mancher Enkel fragt sich verzweifelt nach der Ursache seiner Leiden, die Generationen vor ihm hervorgerufen haben.“ Wenn wir krank werden, so hilft nur die Plage des neuen Säens und Kultivierens, nicht das radikale und primitive Unterpflügen dessen, was vorhanden ist, denn der Zweck heiligt nicht die Mittel; niemals! Es gibt kein Säen durch das Schwert.
Jesus wird das Wort zugeschrieben: „Nicht das, was in euren Mund hineingeht, wird Euch krank machen, sondern das, was aus ihm herauskommt.“ Dies legt jedem von uns eine ungeheure Verantwortung auf die Schultern. Aber wir werfen sie zu jeder Stunde mit einem Achselzucken ab, weil wir die Mühen scheuen, die mit der Verantwortung verknüpft sind.
Es gibt eine Stelle in uns, welche die Verknüpfung mit allem Existierenden besonders fühlt. Sie ist das Bindeglied, das „Bindegewebe“, welches uns an die Schöpfung, an den Gedanken und die Ethik der Schöpfung anknüpft.“ Das Herz ist hier gemeint; nicht das transplantierbare Spenderorgan, sondern das emotionale. Und um dieses herum legen wir zumeist eine Mauer, die verhindern soll, dass es mit anderen „Herzen“ mitbebt, weil wir uns sonst gründlich ändern müssten und die Verantwortung für das, „was aus unserem Mund herauskommt“, doch auf unsere Schultern legen müssten! Lassen wir uns das Herz auftauen, wie die Sonne den Schnee im „Taumond“ Februar!
So verstehen wir eins der schönsten aber rätselhaftesten Worte Friedrich Rückerts:
„Wie von der Sonne geh’n die Strahlen erdenwärts,
so geht von Gott ein Strahl in jedes Dinges Herz.
An diesem Strahle hängt das Ding mit Gott zusammen,
und jedes fühlt sich dadurch von Gott entstammen.
Von Ding zu Dinge geht seitwärts kein solcher Strahl,
nur viel verworr’nes Streiflicht allzumal.
An diesen Lichtern kannst du nie das Ding erkennen;
Die dunkle Scheidewand wird stets von ihm dich trennen.
An deinem Strahl vielmehr musst du zu Gott aufsteigen
und in das Ding hinab an seinem Strahl dich neigen.
Dann siehest du das Ding, nicht wie es scheint,
wenn du es siehest mit dir selbst in Gott vereint.“
So rätselhaft soll der Februar für uns nicht werden, sondern vom Licht verklärt, das die winterliche Dunkelheit durchbrochen hat, erhellt von den noch milden Strahlen einer jungen Sonne.
LICHTMESS, DAS SPINNEN VERGESS!
Das Wort „blaumachen“ kennt jeder. Wer aber weiß, dass der Begriff auf den „licht-blauen Montag“ unserer Vorfahren zurückgeht? Mit Maria Lichtmess (2. Februar) hörte für das Handwerk die Arbeit bei künstlichem Licht wieder auf, die am Montag nach Michaelis (29. September) begonnen hatte. Am Lichtmess – Nachmittag gaben die Meister ihren Gesellen oft frei.
Man war froh, dass die Tage wieder merklich länger wurden: „An Fabian und Sebastian fängt der Tag zu wachsen an.“ „Der Tag nimmt zu an Sebastian eine Stund, an Lichtmess merkt man es drum.“
Warum merkte man es an Lichtmess? „An Lichtmess, die Supp’ beim Tag ess!“ Das war aber nur möglich, wenn die Suppe um fünf Uhr nachmittags gegessen wurde. Tatsächlich ist heute noch bei Bauern im Alpenraum eine Vesper um diese Zeit üblich.
Am Lichtmesstag ist der Winter schon fast vergessen. Überall zeigen sich schon die ersten Vorboten des Frühlings. Die Spinnstube, in der sich die Mädchen und Burschen die Winterabende vertrieben hatten, wurde geschlossen: „Lichtmess, das Spinnen vergess! Das Rad hinter die Tür, das Rebmesser herfür!“ Die gemeinsame Arbeit in den „Lichtstuben“ war zu Ende, die erste Arbeit mit der Hacke oder an den Rebstöcken begann.
„Spinnen am Abend, erquickend und labend, spinnen am Morgen, Kummer und Sorgen.“ Was Missverständnis und Missdeutung aus einem alten Bauernspruch machen können, das zeigt die Rede von der „Spinne“. Die Spinne kann gar nichts dafür, dass man ihr solche Sachen nachsagt. Dieser alte Spruch bedeutet, dass die Armen ihr Geld mit Spinnen verdienen mussten, also schon morgens am Spinnrad saßen und oft Sorgen um das tägliche Brot hatten. Im Gegensatz zu den Armen konnten die Wohlhabenden das Spinnen auf den gemütlichen Abend legen. Nicht recht ersichtlich ist, warum dieser Spruch heute auf jene Tiere angewandt wird, die zu jeder Tageszeit Netze auslegen, um darin ihre Beute zu fangen.
Ein besonders schlauer Kalendermann fügte dieser verfälschten Regel noch einen Reim hinzu: „Spinnen am Mittag – Freude am dritten Tag.“ Und so ging die Mär von der zukunftsverheißenden Spinne um die Welt.
An Lichtmess trieb der Aberglaube Blüten. In Baden zog der Bauer oder sein Sohn eine Kette dreimal ums Haus; das galt als todsicheres Mittel zur Vertreibung von Schlangen und Mäusen. Und wenn man in Hessen Hirsebrei und eine überlange Bratwurst aß, so sollte der Flachs im Sommer recht lang ausfallen.
In der Lichtmesswoche hatten Bäuerin und Bauer alle Hände voll zu tun: „Um Lichtmess kalbt die Kuh, dann legt das Huhn, dann zickelt die Geiß, dann macht der Bauer am allermeist.“
Vom Wetter am 2. Februar schlossen unsere Vorfahren auf die Zukunft: „Wenn’s an Lichtmess stürmt und schneit, ist der Frühling nicht mehr weit. Ist es aber klar und hell, kommt der Lenz wohl nicht so schnell. Gibt es an Lichtmess Sonnenschein, wird es ein spätes Frühjahr sein. Sonnt sich der Dachs in der Lichtmesswoche, geht er auf vier Wochen wieder zu Loche. Wenn der Nebel zu Lichtmess fallt, wird es gewöhnlich noch sehr lange kalt.“
Obwohl St. Dorothee (6. Februar) Schutzpatronin der Gärtner ist, haben wetterkundige Bauern keine gute Meinung von ihr: „St. Dorothee bringt meistens Schnee.“ Und wenn man den seit rund 100 Jahren aufgestellten Wetterstatistiken glauben darf, dann liegt die Hoch-Zeit der Schneefälle in Mitteleuropa zwischen dem 6. bis 8. Januar und dem 5. bis 12. Februar.
In protestantischen Gegenden, wo Maria Lichtmess nicht so überschwänglich gefeiert wurde, stoppte Sankt Blasius (3. Februar) den Winter, zumindest schien mit ihm das Schlimmste überstanden zu sein: „St. Blasius stößt dem Winter die Hörner ab.“
HOCHZEIT AN SANKT DOROTHEE
Herz, Blumen und Früchte sind Symbole der heiligen Dorothee, der Patronin der Gärtner, Blumenhändler, der Bräute, Neuvermählten und der Wöchnerinnen. Im Gegensatz zum „Vielliebchentag“ des heiligen Valentin (14. Februar), der ursprünglich nur in Frankreich, Belgien und England als Tag, an dem man Blumen verschenkte, gefeiert wurde, hat man in Italien, der Schweiz, in Österreich und in Deutschland seit dem frühen Mittelalter den Tag der heiligen Dorothee (6. Februar) festlich begangen. Dorothea (griechisch: „Gottesgeschenk“) und die Verkleinerungs- und Koseformen wie Dora, Dore, Doris, Dorle und Dorte waren bis Anfang des letzten Jahrhunderts als Vornamen im deutschen Sprachraum weit verbreitet. Zur Beliebtheit des Namens trug auch Goethes Epos „Hermann und Dorothea“ bei.
Die Geschichte der heiligen Dorothea beruht zum größten Teil auf Legende. Auf ihrem Weg zur Richtstätte sprach die Märtyrerin immer wieder den Namen ihres Bräutigams Jesus Christus aus. Dies hörte ein des Weges kommender junger Rechtsanwalt heidnischen Glaubens mit Namen Theophilus. Er scherzte und meinte zu der Todgeweihten, wenn sie ihm Blumen und Früchte aus dem Garten ihres Bräutigams schicke, dann wolle auch er an Jesus glauben. Da kam ein Engel hernieder und brachte ihr aus dem Paradiesgarten einen Korb voller Rosen und Äpfel. Theophilus kniete nieder und bekannte sich zu Jesus Christus. Beide wurden daraufhin enthauptet. Der Legende entsprechend, wird die heilige Dorothea meist mit Blumen und Früchten abgebildet; oft trägt sie einen Blumenkranz um die Stirn.
In der Biedermeierzeit wurde Sankt Dorothee, wie sie in Bayern heißt, besonders verehrt. Verliebte schenkten am Tag der heiligen Dorothea ihrer Angebeteten einen Biedermeierstrauß, wohl wissend, was die Sprache der Blumen bedeutete:
Nelke: „Glühende Sehnsucht nach Dir durchbebt meine Brust.“
Weiße Narzisse: „Willst Du mich vergessen?“
Lupine: „Stille meine Seufzer!“
Lavendel: „Du sprichst in Rätseln.“
Rose: „An Deinem Busen, Du Blühende, lass mich ruhen!“
Schneeglöckchen: „Reinheit des Herzens strahlt aus Deinen Blicken.“
Weinrebe: „Rücke mir näher und sei mir treu!“
Flieder: „Eilen wir zum Altare, ehe die Jugendzeit verstreicht!“
Efeu: „Keine irdische Macht soll mich von Dir trennen!“
Vergissmeinnicht: „Höre wohl, was dies Blümchen flüstert!“
Da Dorothea auch die Patronin der Bräute und Neuvermählten ist, galt ihr Namenstag auf dem Land auch als „Hochzeitstag“: Am 6. Februar wurden früher besonders viele Ehen geschlossen, insbesondere in Bergbaugebieten, galt doch die heilige Dorothea neben der heiligen Barbara auch als Schutzpatronin der Bergleute. Das bedeutete für einen Bergmann doppeltes Eheglück: Eheliche Gemeinschaft bis ins hohe Alter und reicher Kindersegen. Der Brautkranz um die Stirn symbolisierte den Blumenkranz der heiligen Dorothea. Als Hochzeitspflanze war Rosmarin begehrt. Oft wurde das bei der Hochzeit getragene Rosmarinzweiglein in einen Blumentopf gepflanzt. Schlug es Wurzeln, so galt das als gutes Zeichen für die Zukunft der Ehe.
Viel Schnee an Sankt Dorothee bedeutete eine besonders fruchtbare Ehe. Dieser Aberglaube, von Bauern einst in eine Wetterregel gefasst, war weit verbreitet: „Sankt Dorothee bringt meist Schnee.“ Eine über hundertjährige Wetterstatistik beweist, dass die Hoch-Zeit der Schneefälle in Mitteleuropa zwischen dem 5. Und 12. Februar liegt.
Was früher einmal in Deutschland der Dorotheentag war, ist heute vielfach der Valentinstag. Ganz gleich, Blumen kann man immer schenken!
DER VALENTINSTAG: DAS FEST DER JUGEND
„Blumen sind die schönen Worte und Hieroglyphen der Natur“, meint Johann Wolfgang von Goethe im „Westöstlichen Diwan“. Und wie wahr sind heute noch Dantes Worte, dass nur drei Dinge aus dem Paradies geblieben seien: Sterne, Kinder und Blumen. In der Bibel ist die Lilie die Blume der Blumen. Die weiße Lilie zierte die Säulenkapitelle im Tempel Salomos in Jerusalem. Sie war ein Symbol der Schönheit, oft auch von Fruchtbarkeit und Reichtum. Unter christlichem Einfluss wurde sie zum Sinnbild für geistige Reinheit, Heiligkeit und Auferstehung. Deshalb wurde sie häufig in der Nähe und Umgebung von Kirchen angepflanzt. Die geistlichen Eigenschaften, die in früheren Zeiten der weißen Lilie zugeschrieben wurden, fanden durch einen päpstlichen Erlass im 17. Jahrhundert ihre offizielle religiöse Anerkennung. Der Erlass verweist auf diese Blume im Zusammenhang mit der künstlerischen Darstellung der Verkündigung Mariä. In der Tat zeigen viele Madonnenbilder der Renaissance das auffallende Weiß und die anmutige Form der weißen Lilie, so u. a. die Werke von Tizian und Botticelli. Unter dem Namen „Marienlilie“ oder „Madonnenlilie“ taucht die Blume immer wieder auf alten Kirchengemälden auf, die Maria mit ihr in der Hand zeigen.
„Ich bin eine Blume auf den Wiesen des Scharon, eine Lilie der Täler. Eine Lilie unter Disteln ist meine Freundin unter den Mädchen.“ So spricht die Bibel im Hohen Lied Salomos von der Lilie, die die Christenheit der Jungfrau Maria weihte.
Die deutsche Romantik spricht von der „Madonnenlilie“ und Friedrich von Hardenberg (Novalis) singt das „Marienlied“ dazu: „Ich sehe dich in tausend Bildern, Maria, lieblich ausgedrückt, doch keins von allen kann dich schildern, wie meine Seele dich erblickt. Ich weiß nur, dass der Welt Getümmel seitdem mir wie ein Traum verweht, und ein unnennbar süßer Himmel mir ewig im Gemüte steht.“
Vornehmlich Tulpen, Nelken und Lilien schenkt man Frauen seither zu besonderen Anlässen, wobei man Tulpen gerne als Blumengeschenke zum Valentinstag nimmt. Aber es müssen keine Tulpen sein. Blumen sollte man mit Bedacht verschenken. Niemals kommt es darauf an, ob es wenige oder viele, ob sie selbst gepflückt, billig oder teuer sind. Blumen sollen immer ein „teures“ Geschenk sein, um damit zu zeigen, wie teuer einem ein geliebter Mensch ist.
Für viele Menschen ist das Verschenken von Blumen sicherlich nur eine äußere Geste, weil sie gar nicht mehr wissen, welche Symbolik darin liegt. Denken wir heute noch darüber nach, wenn wir einen Strauß Blumen verschenken, welche Bedeutung ehemals einem solchen Vorgang zuerkannt wurde? Ein Blumenstrauß war anfangs sicherlich nichts weiter als ein bildgewordener Brief, zumal man den einzelnen Blumen bestimmte Sinnbilder zuschrieb.
Herz und Blumen sind die Symbole des Valentinstages (14. Februar), der seit dem späten Mittelalter das eigentliche Fest der Jugend und der Liebe ist. Der Ursprung ist nicht ganz geklärt: Vermutlich geht die Sitte auf ein altes römisches Fest zurück, bei dem die jungen Männer ein Los mit dem Namen des Mädchens zogen, mit dem sie das Frühlingsfest feierten. Der Valentinstag heißt auch „Vielliebchentag“, denn die Mädchen glaubten früher, sie würden den Mann heiraten, den sie am Valentinstag als ersten vor dem Haus am frühen Morgen erblickten.
Hochzeit an Sankt Valentin
Kann es wunderschöner sein,
wenn Valentin kommt im ersten Frühlingsschein?
Kommt er härter und auch gröber,
Valentin im Schneegestöber,
doch das macht uns gar nichts aus:
Ich hab auch dann den Sonnenschein im Haus.
Mein Vielliebchen, brav und fein,
soll mir der Sonnenschein auf Erden sein.
Einen Kuss nach altem Brauch
und der Himmel strahlet auch!
Ein Strauß mit Rosen und mit Nelken,
er wird in Liebe nie verwelken,
weil unsre Minne ewig hält,
die Valentin für uns bestellt.
Ich will von Liebe singen
auf der Gitarre hier,
dein blondes Lockenhaar umschlingen
mit bunten Kränzen und Gezier.
Wenn dann vom Morgensterne
mit Wonne nieder blinkt
und sich die weite Ferne
mit einer Morgenröte schminkt,
dann flieg ich in den Himmel auf
mit dir im Nachtigallenchor.
Wir werden von Sankt Valentin getraut:
Er sperrt uns auf das Himmelstor.
(Dieter Kremp)
VON DER DUNKELHEIT ZUM LICHT
Februar! Taumond oder Schmelzmond nannten ihn unsere Vorfahren. Ob es der letzte Wintermonat ist? Ab und zu hört man schon die Meisen, die ihre Stimmen für den erwarteten Frühling üben. Noch ist die Kälte die dominierende Kraft in der Natur. An einigen Tagen tragen die Zweige der Bäume und Sträucher, ja auch die Drähte der Zäune, dicke Eismäntel. Schwer hängen die Birkenäste dem Boden entgegen – der leichte Wind bewegt die zarten kalten Äste mächtig-gemächlich, jeden Moment denkt man ans Abbrechen – aber die Birke weicht aus, federt zurück, ist geübt und auserwählt, derartigen Belastungen zu widerstehen. Und unter dem Eis wissen wir die kleinen grünen Blätter, die sich bald, hoffentlich entfalten.
Der Februar ist der Monat der Wende von der Dunkelheit zum Licht, die Scheidung von Nacht und Kälte, die Hinwendung und Erwartung der Wärme in der Freude auf den Vorfrühling.
Mit dem Februar verbunden ist die Freude am Trubel, an der Heiterkeit und Ausgelassenheit, ja am Mummenschanz, mit denen früher die dämonischen Mächte der Dunkelheit vertrieben wurden. Damit soll sowohl der Gedanke der Unsterblichkeit, respektive der Wiedergeburt, ausgedrückt werden, wie auch die Idee, dass das Materiell-Körperliche und das Geistig-Seelische zwar miteinander verbunden sind, dass dieser Zusammenhang aber nur lose ist.
Schließlich ist der Februar auch der Monat der Blumen, die Sinnbilder der Wertschätzung und der Bewunderung für einen lieben Menschen sind. So deuteten einst Nelken auf Anhänglichkeit, Tulpen verkörperten die innere lautere Schönheit und waren Sinnbilder der Verehrung, Wertschätzung und der grenzenlosen Bewunderung. Rosen waren immer Zeichen der Liebe und Dankbarkeit. Strohblumen deuteten auf Unwandelbarkeit, Efeu auf eheliche Treue und Einigkeit, Flieder auf bevorstehende Hochzeit, Narzissen und Kaiserkronen auf glühende Sehnsucht, Veilchen auf Sittsamkeit und Bescheidenheit und Vergissmeinnicht auf unerfüllte Liebe und brennenden Liebesschmerz.
Die Japaner, in besonderer Weise Verehrer der Blüten und des Blumensteckens kundig, haben in ihrem Ikebana den höchsten Ausdruck der Sinndeutung der Blumen und Pflanzen gefunden.
„Keine Rose, keine Nelke kann blühen so schön, als wenn zwei verliebte Herzen beieinander tun stehn“, Heißt es in einem unserer schönsten Volkslieder. Und Heinrich Heine betet seine Geliebte an: „Du bist wie eine Blume, so schön, so hold, so rein. Ich schau dich an und Sehnsucht steigt mir ins Herz hinein.“ Die „Blaue Blume“ der deutschen Romantik hat nie jemand gefunden. Es ist die Sehnsucht, die nie gestillt wird.
Ein Strauß voll Blüten ist immer ein Kompliment. Komplimente öffnen Herzen, wenn sie dem richtigen Menschen zur rechten Zeit zu Füßen gelegt werden. Rosen auf den Weg gestreut! Komplimente werden nicht nur an Worten gemessen, Blumen nicht nur an Farbe und Schönheit. Komplimente und Blumen sind immer Geschenke, wenn sie von Herzen kommen und zu Herzen gehen. Es kann auch „von Apfelblüten ein Zweig“ oder ein Kranz sein, dazu ein Blick, ein Händedruck. Herz und Blumen sind Symbole des Valentinstages, der seit dem späten Mittelalter das eigentliche Fest der Jugend und der Liebe ist.
„Durch die Blume sprechen“ sollte man nicht nur am Valentinstag, wohl aber „Blumen sprechen lassen“, und nicht nur an diesem Tag, sondern an allen Tagen, an denen wir das Bedürfnis haben, einem liebendem Menschen unsere Dankbarkeit zu beweisen. Valentinstag kann alle Tage sein.
MATTHEIS BRICHT DAS EIS
Der heilige Matthias galt bei unseren Vorfahren als Frühlingsherold. Er brachte mit der einsetzenden Blüte des Schneeglöckchens den Beginn des Vorfrühlings. So spielte der Apostel Matthias als Wetterheiliger eine besondere Rolle: „Mattheis bricht das Eis.“ Hoffnungsfroh war man am Matthias-Tag (24. Februar), wenn die Sonne schien: „Taut es auf Mattheis, geht kein Fuchs mehr übers Eis.“ „Wenn Matthias kommt herbei, legen Gans und Huhn das erste Ei.“ „Matthias hab ich lieb, gibt dem Baum den Trieb.“
Durch das Schütteln von Obstbäumen und gleichzeitiges Schreien sollte in früheren Zeiten die Obsternte günstig beeinflusst werden. Der Lärm war dazu da, die letzten Winterunholde und damit die Kälte zu vertreiben, das Schütteln und Schlagen der Zweige mit Ruten war ein Fruchtbarkeitszauber. Am Matthiastag wurden von den Korbflechtern die letzten Weidenruten geschnitten, bevor der Saftstrom einsetzte.
Der Apostel musste an seinem Namenstag auch für allerlei Orakel herhalten. Efeublätter wurden am Abend in eine mit Wasser gefüllte Schüssel gelegt. War eines der immergrünen derben Blätter am anderen Morgen durchgeweicht, musste man vor Krankheiten der Atmungsorgane, wie Husten, Bronchitis, Lungenentzündung und „Schwindsucht“ Angst haben. Ist es nicht seltsam, dass aus einem Wirkstoff des Efeu heute die besten Hustenmedikamente hergestellt werden? Matthias ist bis heute der Patron gegen Keuchhusten geblieben.
Vor allem im Westen und Südwesten Deutschlands hat sich um den Apostel Matthias ein reges Brauchtum entwickelt, ist er doch der Patron des Bistums Trier. Trier kann sich nicht nur seiner über 2000jährigen Geschichte rühmen, es besitzt auch als einziger Ort in Deutschland die Reliquien eines Apostels: Der Schrein mit den Gebeinen des heiligen Matthias steht in der Abteikirche St. Matthias. Die Reliquien waren ein Geschenk von Kaiserin Helena.
Matthias zählt als einer der Jünger Jesu. Nach der Himmelfahrt Jesu wurde er von den Aposteln zum Nachfolger des Verräters Judas Iskariot gewählt, da Jesus die Zahl der Apostel auf zwölf festgelegt hatte. Das Los entschied zugunsten von Matthias. Dargestellt wird der Märtyrer mit den Marterwerkzeugen Beil und Steinen; so bricht er mit dem Beil auch im Vorfrühling das Eis auf.
„Matthias“ (griechisch: Geschenk Gottes), in Deutschland einst ein sehr beliebter Taufname, oft auch Bestandteil zahlreicher Familiennamen, ist seit drei Jahrzehnten wie „Andreas“ und „Michael“ wieder modern geworden.
Wintermärchen
Knorrige Äste im Eis verborgen,
kahle Zweige im Reif am Morgen;
weiß glitzern die Bäume in der Allee,
träumen von großer Kält und Schnee.
Gnome in des Winters Festtagskleid
starren in den Fluren weit und breit,
bizarre Gespenster strecken ihre Hände,
schütteln ihre eisige Lende.
Die letzten Blätter rütteln sich,
werfen einen braunen Stich
auf die nackte Mutter Erde,
auf dass sie leicht bedecket werde.
Still ruhen Pflanze, Mensch und Tier
in des Winters schöner Zier,
warten auf des Lichtes Leben,
wenn junge Keime wieder streben.
(Dieter Kremp)
„KOPF AB“ WAR KEIN TODESURTEIL
Die Korbflechter waren die ersten Naturschützer. Schon vor Jahrhunderten zogen die im Februar hinaus, um noch vor dem ersten Saftstrom die Weidenruten zu schneiden. Als letzter „Rutentag“ galt der 24. Februar, brachte doch der heilige Matthias die Baumsäfte zum Fließen. „Kopf ab!“ Alle drei Jahre wird dieses „Urteil“ über die Kopfweide gesprochen. Dann wird ihr mit Säge, Messer oder Schere Ast für Ast abgeschnitten, bis der Stamm ratzekahl dasteht. Aber für eine Kopfweide ist es nicht schlimm, wenn sie ihren „Kopf“ verliert. Im Gegenteil – das „Köpfen“ rettet ihr das Leben! Würden ihre Äste noch länger und schwerer, könnten sie einem Sturm nicht mehr standhalten. Er würde sie abbrechen oder sogar den ganzen Baum umreißen.
Kopfweiden sind Menschengeschöpfe, frisierte Bäume. Wir pfuschen der Natur ins Handwerk. Ausnahmsweise fügen wir ihr damit keinen Schaden zu, sondern betätigen uns als Naturschützer.
Durch den häufigen Rückschnitt der Korb- oder Bachweide, wie die Kopfweide im Volksmund auch heißt, werden die Stämme mit der Zeit hohl. Zwischen den Aststummeln sammelt sich auf ihren „Köpfen“ Regenwasser. Im Winter gefriert es und reißt den Stamm auf. Das weiche Weidenholz wird morsch, Vertiefungen entstehen. Blätter fallen hinein und vermodern. Baumpilze siedeln sich an. Auch immergrüne Misteln bohren sich in den Stamm und fühlen sich als Halbschmarotzer hier „sauwohl“.
Die Vögel finden in der rissigen Weidenrinde viele Raupen und Insekten. Auf einer Kopfweide können die Raupen von 25 verschiedenen Schmetterlingsformen leben, 183 Insektenarten und all jene Vogelarten, die in Höhlen brüten. In alten, mehrfach geköpften Weidenstämmen entstehen viele Höhlungen, die je nach Größe von Gartenrotschwanz bis zum Turmfalken benutzt werden.
Auch Fledermäuse richten sich hier ein Zuhause ein, Iltisse, Steinmarder und Siebenschläfer. Je mehr die Kopfweide von innen heraus abstirbt, um so mehr Tiere finden ihren Unterschlupf darin. Bei den Kopfweiden wird deutlich, wie Leben und Tod ineinander übergehen. Somit war sie auch gleichzeitig zwei Göttinnen geweiht: Demeter, die antike Göttin der Ähren, des Wachstums und der Fruchtbarkeit wohnte im Weidenbaum, und manchmal tauchte ihre Tochter Persephone auf, die Göttin des Todes und der Wiedergeburt.
Die gekrümmten Gestalten, in zottige Fetzen gehüllt, mit aufgedunsenen Köpfen und wild zu Berge stehenden Haaren haben schon so manchem Wanderer einen furchtbaren Schrecken eingejagt. Zur Zeit der Hexenverfolgungen wähnte man unter den Weiden die Hexen, denn jeder wusste, dass diese ihre Zauberbesen mit Vorliebe aus den Ruten der Weiden fertigten. Die Kopfweide war der Hexenbaum.
Die knorrigen Kopfweiden sind meist geköpfte Silberweiden (Salix albe). Ihre biegsamen Ruten werden gewässert und auch heute noch zum Flechten verwendet. Mit ihrem recht weichen Holz brachte es die Silberweide nur zu bescheidenem Ruhm: es waren daraus Holzschuhe, Kricketschläger und Zündhölzer hergestellt. Doch früher machten sich die Weiden auch anders nützlich: Schafe, Ziegen und Pferde wurden „zu den Weiden getrieben“. Nachdem die Bäume kahlgefressen waren, wuchsen sie mit unbändiger Kraft wieder nach. Aus den größten ausgehöhlten Baumstämmen wurden Backtröge.
Warum so viele Kopfweiden früher entlang von Wiesengräben standen? Unsere Vorfahren zersägten hier Weidenäste und schlugen sie als Zaun ein. Wo der Untergrund feucht genug war, schlug der „Weidenzaun“ Wurzeln. Aus Pfählen wurden Bäume! Die Weide liebt das Wasser und einen nassen Fuß.
Heute erlebt die alte Kopfweide eine Renaissance. Im Zuge der Renaturierung von Bächen wird sie verstärkt wieder an Bachufern gepflanzt, ökologisch doppelt wirksam: Mit ihren Wurzeln hält sie die Uferböschung zusammen, im Alter „geköpft“ wird sie zu einem Eldorado für Tiere.
NEUE BESEN KEHREN GUT
Winterarbeiten unserer bäuerlichen Vorfahren
Zu den bäuerlichen Winterarbeiten unserer Vorväter gehörten früher neben dem Flechten von Körben, Stühlen und Kuchendeckeln und dem Binden von Besen auch das Herrichten des Geschirrs und der Zugseile, das Ausbessern der Wagen und Wagenräder, das Schärfen der Äxte und Beile und das Anspitzen der Bohnenstangen. Das Besenbinden war eine der wichtigsten Winterarbeiten auf dem Bauernhof. In der Regel begann die Arbeit des Bindens von Besen am letzten Donnerstag im November, das konnte der Katharinentag sein. Die Arbeiten erstreckten sich über den ganzen Winter.
Unsere Vorfahren kehrten mit Besen („Hexenreisern“) die Winterunholde, bösen Geister, Hexen und Dämonen aus dem Haus, und der gesellig wachsende Besenginster war im Mittelalter ein wirksamer Schutz gegen Hexerei. Seine harten, zweigähnlichen Stängel wurden auch als Kaminbesen genutzt, wodurch verständlich wird, dass die Hexen nach dem endgültigen Sieg des Frühlingsgottes über die Mächte der Finsternis auf einem Besen reitend das Haus durch den Schornstein verlassen: Hexennacht – Walpurgisnacht.
Bei den mexikanischen Indianern wurden aus den gelben Blüten des Besenginsters aphrodisierende Liebestränke gekocht. Die Yaqui-Zauberer stellten aus der Samenkapsel einen Trank her, der ihnen die Möglichkeit gibt, wahrzusagen, in die Vergangenheit und Zukunft zu reisen und ihre Heilkräfte zu stärken. In sexualmagischen Zirkeln werden Ginsterblüten mit Hanf vermischt als Aphrodisiakum geraucht.
Einzelne Besenruten lagen früher auf dem Küchenschrank und die Buben hatten einen Heidenrespekt davor. Das war der Schlagbesen des Vaters, der damit den Ungehorsam der Kinder bestrafte. Doch die strafende Rute des Nikolaus war ursprünglich das Reis, das Symbol der Fruchtbarkeit, durch dessen Berührung mitten im Winter die Hoffnung auf das Licht der Sonne wachgerufen wurde: Das Reis war die Lebensrute.
Das früher geflügelte Wort aus dem deutschen Sprachschatz stammt aus Freidanks „Spruchdichtesammlung“ (um 1230), betitelt „Bescheidenheit“: „Der niuwe beseme kert vil wol, e daz er stoubes werde vol“: „Der neue Besen kehrt sehr wohl, eh dass er Staubes werde voll.“ Daraus wurde das sprichwörtlich gebrauchte „Neue Besen kehren gut“. Der Besen, das „Zusammengebundene“, war der „Staubsauger“ unserer Vorfahren.
Auf den Bauernhöfen standen früher neben den Obstgärten gewöhnlich an den Grenzen zu den Nachbargrundstücken so genannte „wilde“ Bäume: Birken zur Erlangung der nötigen Besenreiser, ein paar Weiden für Körbe, Stühle, Mulden, Schippen und Tröge, dazu Eschen, die jährlich geköpft wurden, so dass man die schlanken Zweige binden und zum Trocknen an Zäunen aufrichten konnte. Im Winter wurden sie den Schafen auf die Hilte gegeben. Die Tiere fraßen Blätter, kleine Zweige und die Rinde. Von den dicken Astteilen nagten sie den Bast ab. Mit diesen angenagten Ästen wurden Zäune repariert und gebaut. Zwei bis drei Eichen standen auf dem Hof. Sie gaben Futter für die umherlaufenden Schweine. Schließlich gab es da noch den Walnussbaum und den Holunderstrauch, letzterer dicht an der Hauswand zur Abwehr von winterlichen Dämonen, von Gewittern und zur Bereitung von heilenden Wintertees.
Ferne Erinnerungen an Groß- und Urgroßvaters Zeiten werden wach, Erinnerungen an die heimelige Atmosphäre in der gemütlich warmen Besenbinderstube. In mehreren Reihen lagen dicke Birkenreiser-Bündel mit Ruten verschiedener Länge auf den Dielen. Im November wurden die Besenreiser draußen geschnitten, an Ort und Stelle die abstehenden Seitentriebe um die innere Rute aufgedreht und die Nebenästchen am Reiseranfang ausgeputzt. Über Winter wurden die Besenreiser auf dem Speicher getrocknet.
Am besten waren Reiser von sieben- bis achtjährigen Birken, weil sie noch schlanker und biegsamer sind als Ruten von älteren Bäumen. Diese sind meist zu storzig und brechen leichter. In der Besenbinderstube wurden die Reiser der Länge nach sortiert. In jede Hand kamen sieben lange Ruten, wurden nach unten fest zusammengedreht, über dem Knie mit einem Ring gespannt, die beiden Bündeln überkreuzt und zum „Geißfuß“ zusammengesteckt. Weitere Ringe aus Draht oder Seil – sechs bis sieben an der Zahl – wurden nach und nach um die gedrehten und gespannten Reiserbündel gesetzt. In einem der mittleren Ringe steckte man dann kürzere, etwas angespitzte Ruten rundum ein, bis der Besen eine bestimmte Handlichkeit hatte und die Kehrseite „bauschig“ wurde. Der Griff wurde „bündig“ geschnitten, noch vorhandene Stielreste glatt abgeschnitten, damit die Finger beim Kehren nicht aufrissen. Zum Schluss wurden die überstehenden Rutenspitzen an der bauschigen Kehrseite des Besens abgeschnitten.
Für die Herstellung der Besenringe haben früher die Besenbinder keinen Draht verwandt – der war zu teuer – sondern „Hassele-Stecke“ (Haselstrauch), die „Scheenstecke“. „Hassele“ waren etwa 1,50 m lang und so dick wie Flaschenköpfe. Die „Stecke“ wurden am Ende eingekerbt, von den Kerben aus die Rinde in ½ cm breiten Riemen (Schalen oder Schienen) abgeschält. Die abgeschälte Rinde war das Flechtmaterial für das Zusammenbinden der Besenreiser.
Jeder Hof hatte früher ein ganzes Sortiment von Besen, zumeist aus Birkenreisern gebunden. Seltener waren Strohbesen, ganz selten Ginsterbesen. Letztere waren kurz und mit einem Stock versehen.
Die Besen fanden eine vielfältige Anwendung. Die Häuser wurden gekehrt, der Stall, der noch ungepflasterte Hof, die Scheune, die Wege, der Misthaufen, Laub im Herbst und Schnee im Winter.
„Nichts wurde unter den Tisch gekehrt“ bei unseren Vorfahren. Doch den „Dorfbesen“ gab es überall. Doch auch diese Zeiten sind längst vergangen. „Damals auf dem Dorfe war vieles anders.“^
ZAUBERNÜSSE BRINGEN FARBE IN DEN WINTERLICHEN GARTEN
Wenn draußen klirrende Kälte herrscht und Schnee und Eis das Regiment übernommen haben, dann lebt der Mensch von kleinen Hoffnungsschimmern: Mitten im Winter bis zum Frühlingsanfang zaubert die Zaubernuss Hamamelis wunderbarerweise und unerschrocken ihre leuchtenden Blüten in Hell-Gelb, Orange bis Rot hervor, Lebenselixier für all diejenigen, die auf den Frühling hoffen. Die Zaubernuss ist ein wahrer Lebenskünstler, ihre Blüten halten Temperaturen von minus 12 Grad Celsius aus.
Bei den Indianern in Nordamerika stand die Zaubernuss Hamamelis in hohem Ansehen. Dem hübschen Strauch mit den haselnussähnlichen Blättern wurden magische Kräfte zugeschrieben. Ihre Medizinmänner verwandten Blätter und Rinde als blutstillende Mittel bei der Wundenheilung. Der Forscher und Biologe Collinson lernte den im atlantischen Bereich Nordamerikas wild wachsenden Wunderstrauch bei den Indianern kennen und führte ihn vor rund 150 Jahren in Europa ein. Hier hat sich die Virginische Zaubernuss oder Hamamelis (Hamamelis virginiana) in Vorgärten und Parkanlagen angesiedelt und bringt zauberhafte gelbe Farbtöne in die winterliche Landschaft.
Der botanische Name bezieht sich auf das griechische Wort „hamatos“ = hakig und „melon“ = Apfel, entwickeln sich doch aus den Blüten hakige Früchte mit eiförmigen Nüsschen, die bei der Reife aufspringen und den Samen meterweit herausschleudern. Dies hat der Pflanze wohl den Namen „Zaubernuss“ eingebracht. Ansonsten trägt die Hamamelis auch den Namen „Hexenhasel“, obwohl sie mit dem heimischen Haselstrauch nicht verwandt ist. Der Artname „virginia“ weist auf den Staat Virginia hin, wo die Pflanze wild wachsend häufig zu finden ist.
Die Zaubernuss ist ein bis acht Meter hoher Strauch mit graubrauner Rinde und „Haselnussblättern“. Die fünfblättrigen, dottergelben bis orangeroten Blüten wachsen mitten im Winter (Dezember bis Februar) aus den Blattachseln hervor und duften sehr angenehm. Erst im Sommer des folgenden Jahres reifen die Früchte. Zaubernüsse, die als Ziersträucher in Gärten und Parkanlagen angebaut werden, entwickeln sich verhältnismäßig langsam. Sie lieben durchlässigen, schwach sauren bis neutralen Boden, Sonne bis Halbschatten und brauchen Schutz vor kalten Winterwinden. Ist der Strauch groß genug, kann man im Winter hin und wieder blühende Zweige für die Vase schneiden. Aufgepasst! Die heilkräftige Rinde wird im Winter sehr gerne vom Wild angefressen. Eine asiatische Verwandte ist die chinesische Zaubernuss (Hamamelis mollis), die ab Anfang Februar blüht.
Die Wirkstoffe der Zaubernuss, vornehmlich Gerbstoffe, Ölsäure, ätherische Öle, Cholin und Saponine, üben einen besonderen Einfluss auf die Zirkulation des venösen Blutsystems aus. Sie wirken vornehmlich auf die Elastizität und Durchlässigkeit der Blutgefäßwände. Ihre antiseptische Wirkung auf die Haut ist ebenfalls bekannt. Hinzu kommt eine blutstillende Wirkung.
Im frühen Herbst werden vom Hamamelisstrauch die Blätter, im Frühjahr die Rinde gesammelt. Gerne wird bei uns der frisch zubereitete Tee als Kosmetikmittel verwendet, indem die Wirkstoffe die Haut reinigen und straffen. Bäder mit Hamamelisblättern regen die Hautdurchblutung an, Hamamelis-Salben (Hametum) werden zur Wundbehandlung, zur Venenpflege, gegen Krampfadern und Hämorrhoiden gebraucht. Tinkturen finden Verwendung bei der Mundpflege zum Gurgeln bei Entzündungen im Mund- und Rachenraum, innerlich bei Durchfall, Krampfadern, Hämorrhoiden, Nasenbluten und Periodenschmerzen.
SCHNEEBEEREN IM WINTER, DIE „KNALLERBSEN“ DER KINDER
Einen Hauch von Winter tupfen die schneeweißen Kügelchen der Schneebeeren in die schneelose Landschaft. Sie täuschen dicke Schneeflocken in Vorgärten, an Wegrändern und in Parkanlagen vor. Immerhin trafen die kräftig wachsenden Sträucher vom Frühherbst bis in den späten Winter hinein an den Zweigenden dicke Knäuel von weißen, kugeligen Beeren mit porösem saftigem Fleisch.
Die „Knallerbsen“ oder „Knackbeeren“ sind bei den Kindern im Winter als Wurfgeschosse beliebt, weil sie beim Auftreffen mit einem leichten Knall zerplatzen.
Die Heimat der Gemeinen Schneebeere, auch Symphorine genannt, ist der Osten Nordamerikas. Nach Europa gelangte das Gehölz aus der Familie der Geißblattgewächse im Jahre 1817. Und darüber haben sich dann nicht nur die Kinder gefreut; vor allem die Vögel, die die saftigen Früchte im Herbst und im Winter gern verspeisen. Bei den Imkern ist die Schneebeere ein gern gesehener Strauch, blüht er doch außerordentlich lange, von Juni bis September. So findet man im frühen Herbst an manchen Sträuchern Blüten und Früchte zugleich. Die rötlich-weißen, klein-glockigen Blüten stehen in endständigen Ähren und enthalten reichlich Nektar.
Die Schneebeere stellt keinerlei Ansprüche an den Boden, auch Trockenheit verträgt sie. Man pflanzt sie deshalb gerne zur Beseitigung unfruchtbarer Bodenflächen, zur Befestigung steiler Abhänge und zur Anlage von Hecken. Ihre weitstreichenden Wurzeln treiben so reichlich Schösslinge, dass die Schneebeeren in Parkanlagen manchmal lästig werden.
Schneebeeren im Herbst und Winter in vollem Fruchtschmuck sind eine wahre Augenweide. Allerdings fällt ein „Schatten“ auf die Früchte: Sie sind giftig. Die Gifte reizen die Haut und Schleimhaut. Nach äußerer Einwirkung treten Reizerscheinungen und Entzündungen auf der Haut und auf der Schleimhaut auf. Der Genuss der Beeren führt zu starken Reizwirkungen auf den Magen-Darm-Kanal mit Erbrechen und Durchfall. Größere aufgenommene Mengen können in schweren Fällen zu tiefer Bewusstlosigkeit führen.
Hat man keine kleine Kinder zu Hause, schneidet man Schneebeerenzweige im Winter für die Vase. Die zierlichen Zweige, die sich unter dem Gewicht der Beeren anmutig neigen, werden abgeschnitten, wenn die Früchte fast reif sind. Die kleinen Blätter lassen sich leicht abzupfen.
Die nächste Verwandte der Schneebeere ist die Korallenbeere. Ein Unterschied besteht nur in der Färbung der Beeren, deren leuchtendes Purpurrot den Garten im Spätherbst und im Winter belebt. Und wer hätte geglaubt, dass der Lieblingsstrauch der Deutschen, der Schwarze Holunder, auch eine hübsche Schwester der Schneebeere ist?
EIN KROKUS KOMMT SELTEN ALLEIN
Krokusse, sie bilden die ersten bunten Farbtupfer im noch spätwinterlichen Vorgarten, auf Rasen und in Parkanlagen. Kaum eine andere Blume verspricht uns manchmal schon im Februar so charmant, dass es nun bald wieder Frühling wird. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Bei den so früh im Februar blühenden Krokussen handelt es sich nicht um die bekannten großblumigen Gartensorten. Die da so mutig bunte Farbkleckse in den nachwinterlichen Garten malen, sind „Wildkrokusse“ oder „botanische“ Krokusse, die immer mehr Anhänger in Stadtgärtnereien und bei Hausbesitzern finden. Die großblumigen Gartenkrokusse blühen erst rund sechs Wochen später als ihre kleinblütigen Verwandten. In großen Gruppen sind die zart violett, weiß, gelb und blau blühenden Vorfrühlingsboten am allerschönsten; denn „ein Krokus kommt selten allein“.
Die lustigen, blauen, lilafarbenen, weißen und gestreiften Krokusse lassen fast vergessen, dass die Blütenkelche ihrer Vorfahren einst nur in leuchtend gelber Farbe prangten. Und manche erinnern sich an das alte Kinderlied: „Backe, backe, Kuchen, der Bäcker hat gerufen. Wer will guten Kuchen backen, der muss haben sieben Sachen: Butter und Schmalz, Eier und Salz, Milch und Mehl, Safran macht den Kuchen gel.“ Doch die kleinen Plappermäulchen wussten natürlich nicht, dass sie den Krokus mit dem arabischen Wort („sa farar“ = „gelbfärben“) besangen.
Keine Märchen aus „Tausendundeiner Nacht“ aber sind die wunderlichen Hintergründe für die Namensgebung dieses reizvollen Vorfrühlingsboten. Aus Safran gewannen die alten Griechen die beliebte gelbe Farbe, mit der sie ihre Prunkgewänder färbten. Aus gelbem Krokus entstanden auch begehrte Gewürze für Speisen und Getränke. Eine mühselige Arbeit, wenn man der Überlieferung Glauben schenken darf, dass 100 000 Krokusblüten nötig waren, um zu einem Kilogramm Safran zu kommen.
Und wer in alten, staubigen Folianten blättert, erkennt bald die einstmalige Bedeutung des heute vergessenen Safran. So liest man voller Staunen die Geschichte eines griechischen Königs, der nur deshalb zu Ruhm und Ansehen gelangte, weil er es fertigbrachte, mit Safran gewürzte Speisen zu essen, ohne sich zu beschmutzen. Dieser wunderliche Bericht wird allerdings verständlich, wenn man bedenkt, dass dereinst noch mit den Fingern und nur erst bei den Griechen mit Hilfe einer für unsere Essengewohnheiten recht unpraktischen, fünfzinkigen Gabel gegessen wurde.
Weitaus rauer ging es um das Jahr 1449 in Nürnberg zu, wo der sonst einigermaßen ehrbare Händler Jobst Friedenskern sein Leben lassen musste, weil er die dunkelgelben Blüten der gewöhnlichen Färberdistel als echten Safran verkauft hatte. Nicht auszudenken, wenn diese barbarische Strafverfolgung heute noch gang und gäbe wäre.
Der Schritt ins Leben
Die Tage werden wieder länger
und Licht verklärt die Dunkelheit,
der Tau lässt schon die Vögel pfeifen
und Triebe spitz nach oben greifen.
Das helle Wasser schon versickert,
im ersten Sonnenschein schon glitzert.
Der Garten zeigt sein neues Kleid,
der Frühling kommt mit Herrlichkeit.
Er fährt mit einem Schlitten ein,
hinunter an den Wiesenhain.
Die ersten bunten Farben prangen
und zarte Vogelstimmen klangen.
Der Krokus streckt schon seine Ohren,
aus Mutter Erde neu geboren.
Denn Gelb heißt Leben,
hoch in den Himmel streben.
(Dieter Kremp)
MÄRZ
NUN WILL DER LENZ UNS GRÜSSEN
„Nun will der Lenz uns grüßen, von Mittag weht es lau“, heißt es in einem alten Reigenlied, das das Ende des Winters ankündet. Doch nicht immer ruft der Frühlingsherold einen trockenen und warmen Lenzmond aus. Denn meist zeigt der Lenzing oder Frühlingsmond, wie unsere Vorfahren den März nannten, dem Lenz noch die kalte Schulter: „Des Märzen Anfang hat es faustdick hinter den Ohren.“
Nicht die Schlüsselblume, sondern das Veilchen ist zum Symbol des zeitigen Frühlings geworden. Trotz seiner sprichwörtlichen Zurückhaltung, Sinnbild der Sittsamkeit und Bescheidenheit, gibt das Märzveilchen in der Duftmusik der Frühblüher den Ton an, obgleich die mit größeren Nahrungsspeichern begünstigten Blumenzwiebeln oft schon früher ihre Sprossen recken und es auch an Größe und Auffälligkeit des Flors übertreffen.
Wenn wir uns die Veilchenplätze in den Wäldern unserer Kindheit ins Gedächtnis zurückrufen, wird uns inne, welch starken Eindruck auch bescheiden gebückte Winzigkeit hervorrufen kann, wo sie in Massen auftritt. Das war in der milden Märzensonne schon eine betörende Duftwolke, die aus den wirren Gräserhaaren der erwachten Erde aufstieg, wenn das Veilchenfeld unter den Haselsträuchern pflückte, ohne dass sich seine Fülle vermindert hätte.
Aber ach, wie vergänglich ist der Duft bei Veilchen!
Das Märzveilchen oder „wohlriechende“ Veilchen weckt – außer der Rose vielleicht – die meisten romantischen und poetischen Gedankenverbindungen aller Blumen. Der griechische Dichter und Arzt Nikandros bemerkte, dass die Nymphen von Ionien dem Jupiter ihre Liebe gestanden, indem sie ihm Veilchen schenkten. Oder wurde „Viola“ nach Io, der Geliebten Jupiters, genannt? Er verwandelte die sittsame Io in eine Kuh. Danach schossen die Veilchen aus der Erde, um sie zu ernähren.
Die Blume der Liebenden ist das Veilchen geblieben. Ihre Sprache ist die Botschaft der Zärtlichkeit, nicht der drängenden, begehrenden Liebe.
Wollte man Venus, die Göttin der Liebe, ins Brautgemach laden, dann würde das Bett im Frühling mit Veilchen geschmückt. Duft und Farbe der blauvioletten Blüten üben offenbar eine aphrodisierende Wirkung aus.
Das Veilchen konkurriert mit dem Vergissmeinnicht als „blaue Blume“ der deutschen Romantik. Die bei Novalis ungenannte blaue Wunderblume symbolisiert die Sehnsucht des Menschen nach der Erfüllung verborgener Wünsche. Die blaue Blütenfarbe weist demnach auch auf das Himmelsblau des kommenden Sommers hin.
Veilchen haben früher in den Frühlingsbräuchen auf dem Land eine besondere Rolle gespielt. Das erste Veilchen wurde hoch geehrt: es durfte nur vom sittsamsten und schönsten Mädchen gepflückt werden. Wer das erste Veilchen des Jahres fand, durfte sich etwas wünschen. Und wenn der Frühling einzog, ging der Wunsch in Erfüllung.
Dass Veilchen die „Duftnote zum Frühling“ sind, beschreiben auch die deutschen Dichter. Goethe spricht: „Ein Veilchen auf der Wiese stand, gebückt in sich und unbekannt. Es war ein herzig’ Veilchen.“ Und Theodor Storm ergänzt: „Die Kinder haben die Veilchen gepflückt, all, all die da blühten am Mühlengraben. Der Lenz ist da; sie wollen ihn fest in ihren kleinen Fäusten haben.“ Doch am schönsten träumt Eduard Mörike von den Veilchen im Frühling:
„Frühling lässt sein blaues Band
wieder flattern durch die Lüfte;
süße, wohlbekannte Düfte
streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
wollen balde kommen.
Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab ich vernommen!“
DER MÄRZ, DER DRITTE MONAT DES JAHRES
Unsere Monate tragen Namen lateinischen Ursprungs. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts waren vornehmlich auf dem Land auch noch altdeutsche Monatsnamen gebräuchlich, die zum großen Teil auf Karl den Großen zurückgehen,. In oberdeutschen Mundarten, namentlich in Gebirgsgegenden Österreichs, sind auch heute noch alte deutsche Monatsnamen im Gebrauch.
März, der dritte Monat des Jahres mit 31 Tagen, hat seinen Namen von dem römischen Kriegsgott Mars. „Martius“, der Marsmonat, eröffnete bis zur Kalenderreform durch Julius Cäsar das römische Jahr mit verschiedenen Opferfesten. Die Bauern erflehten dabei ebenso den Segen für die warme Jahreszeit wie die Politiker und Heerführer, die im Frühling an kriegerische Eroberungen zu denken begannen.
Der alte deutsche Name „Lenzing“ oder „Lenzmond“ für den März bedeutet nichts anderes als „Frühling“. Eigentlich stammt das Wort „Lenz“ von „lang“ ab – der Frühling ist die Jahreszeit mit den immer länger werdenden Tagen. Heute findet sich das Wort Lenz fast nur noch in älteren Gedichten, dann immer mit dem Frühling ganz allgemein gleichgesetzt. Die weiteren Bezeichnungen Frühlingsmonat und Fastenmonat für den März beschreiben seine Bedeutung als Beginn der ersehnten Zeit nach dem strengen Winter beziehungsweise vom Kirchenjahr her.
Eine weitere poetische Bezeichnung früherer Zeiten für den „Lenzing“ ist „Märzen“.
Im März können linde Lüfte, aber auch brausende Frühlingsstürme wehen. Weil die Schneeschmelze beginnt und der Boden stark aufweicht, ist der Wind auf dem Land nicht ungern gesehen. Er trocknet die Erde wenigstens an der Oberfläche wieder aus und ermöglicht Feld- und Gartenarbeit. Aber insgesamt ist der März doch ein recht unzuverlässiger, sprunghafter Geselle, was das Wetter angeht. Die Bauernregeln können sich gar nicht so recht entscheiden, was sein soll. Auf jeden Fall sind Extreme, also zuviel Wärme, Kälte, Nässe oder Trockenheit, immer unerwünscht. Am liebsten würden wohl alle den März so mögen, wie es der alte Spruch ausdrückt: „Kommen soll der März wie ein Löwe, gehen soll er wie ein Lamm.“
Von den Festtagen her betrachtet zeigt sich der März als stiller, ruhiger Monat. In den meisten Jahren fällt Ostern in den April, so dass für den März im Laufe des Kirchenjahres vor allem die besinnlich gedachte Fastenzeit bleibt.
Allerlei Frühlingsbräuche künden davon, dass nur zu gerne Abschied vom Winter genommen wurde. Von Umzügen, von Sonnenrädern, Umritten über die Felder und Frühlingsspielen – als Kampf zwischen Winter- und Frühjahrsgeistern- wird berichtet. Dahinter stehen wohl die Absichten, den harten Winter auszutreiben, den milden Frühling willkommen zu heißen und vor allem durch Umreiten, Umkreisen, Umhergehen so etwas wie einen magisch wirksamen Schutzwall zu errichten.
Die Knospen sprießen
Nun, da Schnee und Eis Zerflossen,
und des Gartens Rasen schwillt,
hier an roten Lindenschossen
Knospen bersten, Blätter sprossen,
weht der Auferstehung Odem
durch das keimende Gefild.
Veilchen an den Wiesenbächen
lösen ihrer Schalen Band,
Primelgold bedeckt die Flächen,
zarte Saatenspitzen stechen
aus den Furchen,
gelber Krokus schießt aus warmem Gartensand.
Alles fühlt erneutes Leben:
Die Phäolen, die am Stamm
der gekerbten Eiche kleben,
Mücken, die im Reigen schweben,
Lerchen hoch im Ätherglanz,
tief im Tal das Osterlamm.
Seht! Erweckte Immen schwärmen
um den frühen Mandelbaum;
Froh des Sonnenscheins, erwärmen
sich die Greise. Kinder lärmen
spielend mit den Ostereiern
in dem weiß beblümten Raum
an dem alten Gartenzaun.
Sprießt, ihr Keime aus den Zweigen,
sprießt aus Moos, das Gräber deckt!
Hoher Hoffnung, Bild der Zeugen,
dass auch wir der Erd’ entsteigen,
wenn des holden Frühlings Odem
uns zur Auferstehung weckt!
(Dieter Kremp)
„IM MÄRZEN DER BAUER …“
Unsere Vorfahren nannten ihn Lenzing oder Frühlingsmond, obwohl er dem Lenz noch gerne die kalte Schulter zeigt. Nach einem milden Hochwinter folgt gerne ein strenger Märzwinter, der tagsüber schon eitel Sonnenschein und angenehme Wärme, nachts aber große Kälte bringt. Doch der Bauer muss hinaus aufs Feld: „Bauer, lass schärfen dein Pflugscharn, auf auf, ist Zeit zum Acker zu fahr’n.“
Früher brauten die Bauern ihr Bier selbst. Der köstliche Trunk war das Märzenbier: „Brau nur im März gut Bier, mein lieber Bauer, es ist gesund und wird nicht sauer.“ Brauen konnte man dann, wenn die Witterung draußen die Arbeit auf dem Feld behinderte. Man ließ es langsam angehen, wünschte sich aber für die zweite Märzhälfte Trockenheit und Wärme: „Dem Golde gleich ist Märzenstaub, er bringt uns Kraut und Gras und Laub.“ „Lässt der März sich trocken an, bringt er Brot für jedermann.“ „Trockener März – erfreut des Bauern Herz.“
Aber man bleibt auf dem Lande immer bescheiden: „Der März muss zwölf gute Tage haben.“ So ganz traut man dem Frühlingsmond ja noch nicht: „Mit dem Märzen ist nicht zu scherzen.“ Recht kritisch schaut der Landmann in den Märztagen zum Himmel hinaus: „Märzensonne – kurze Wonne. Märzenschein – lässt noch nichts gedeihn.“ „Märzenregen –geht dürrem Sommer entgegen.“ „Im März viel Regen – im Sommer wenig Segen.“
Tiere, die der Bauer beobachtet, machen ihm viel Freude: „Wenn im März der Kuckuck schreit, der Storch klappert, und die wilde Gans zieht ins Land, so gibt’s einen Frühling im Hochzeitsband.“ „Amsel zeitig – Bauer freudig.“
Die Heiligen- und Lostage im März sagen das Wetter voraus: „Kunigund (3. März) – macht warm von unt’.“ „Lachende Kunigunde – bringt frohe Kunde.“ Aber so ganz sicher ist sich der Bauer nicht: „Ist Kunigunde tränenschwer, dann bleibt gar oft die Scheune leer.“ Am Gregorstag (12. März) „schwimmt das Eis ins Meer.“ Trotzdem bleibt man ein wenig skeptisch: „Weht am Gregoriustag der Wind, noch vierzig Tage windig sind.“ Um diesen Tag herum sollte der Acker bestellt werden, und ein lieber Hausgenosse kam aus dem Süden zurück: „Wenn Gregorius sich stellt, muss der Bauer aufs Feld.“ „An Gregor kommt die Schwalbe über des Meeres Port, an Benedikt (21. März) sucht sie im Haus einen Ort, an Bartholomä (24. 8.) ist sie wieder fort.“
Die heilige Gertrud (17. März) „ist die erste Gärtnerin“: „Wer dicke Erbsen und Möhren will essen, darf st. Gertraud nicht vergessen.“ „Ist St. Gertrud sonnig, wird es dem Gärtner wonnig.“ In einigen ländlichen Gegenden feierte man am 19. März den Josefstag. Herrscht am Tag des Schutzpatrons der Ehe- und der Zimmerleute schönes Wetter, so macht der Bauer sich einen Vers darauf: „Joseph klar – gutes Honigjahr.“ An St. Benedikt (21. März) wurden früher die Zwiebeln gesteckt: „St. Benedikt – macht Zwiebeln dick.“ Auch wer sich seinen Hausgarten für eine sommerliche Blumenpracht vorbereiten wollte, der vertraute auf den Heiligen: „St. Benedikt den Garten schmückt.“
Der wetterkundige Bauer hat auch an Mariä Verkündigung (25. März) Beobachtungen gemacht: „Wasser auf der Wintersaat schadet nicht vor, aber nach Marien.“ Auch am Tage des heiligen Ruprecht (27. März) galt diese bäuerliche Feststellung: „Ist an Ruprecht der Himmel rein, so wird es auch im Juli sein.“
WENN GÄRTNER IN DEN MOND GUCKEN
„Gertrud ist die erste Gärtnerin“, heißt eine alte Bauernregel. Sie besagt, dass am 17. März, dem Tag der heiligen Gertraud, früher die ersten Aussaaten im Garten erfolgten. Doch musste die heilige Gertraud mit dem Mond im Bunde stehen, denn dieser spielte im Aberglauben unserer Vorfahren eine wesentliche Rolle. So war der Mond nicht nur ein untrüglicher Wetterprophet, sondern auch verantwortlich für mancherlei Krankheiten. Schließlich gab der Mond unseren bäuerlichen Vorfahren Anweisungen zur Verrichtung ihrer Arbeiten im Garten, in Feld, Wiese und im Wald.
So sind im „Handbüchlein der Sympathie von 1858“ folgende Anweisungen niedergeschrieben: „Das Geschlecht des zu zeugenden Pferdes zu bestimmen: Stuten, bei zunehmendem Monde belegt, bringen Hengst-, bei abnehmendem Monde Stuten-Füllen.“ „Maulwurfshaufen sind in abnehmendem Monde zu zerstören.“ „Die beste Zeit, Weiden zu kappen und zu setzen ist das letzte Mondviertel im Februar.“ „Heusamen streut man im März bei zunehmendem Monde aus.“ „Die beste Zeit zum Heu- und Grummetmachen ist bei zunehmendem Monde, weil dann das Gras mehr Saft hat, folglich ein besseres Futter gibt.“ „Kein Getreide, mit Ausnahme der Erbsen und Wicken, darf bei Mondwechsel gesät werden.“ „Hafer sät man bei abnehmendem Monde im März; im April gesät, gibt er mehr Stroh und weniger Körner.“ „Gefüllte Blumen zu ziehen, säe man den Samen solcher, die genau bei Vollmond geblüht haben, und setze die Pflanzen zwei Tage vor – oder am Neumond.“ „Alle Wurzel- und Knollengewächse müssen bei abnehmendem – alle Krautpflanzen bei zunehmendem Monde gesät, gesteckt oder gepflanzt werden; Hülsenfrüchte im letzten Viertel.“
Wer in den Mond guckt, hat normalerweise das Nachsehen. Im biologischen Gartenbau aber ist das genau umgekehrt. Wenn Gärtner nach dem Mond Ausschau halten, lesen sie ganz bestimmte Tage der Aussaat, Pflege und Ernte ab, die das Wachstum und die Gesunderhaltung ihrer Pflanzen im Garten durch kosmische Kräfte des Erdtrabanten und der Planeten positiv beeinflussen: Die Sterne bringen auch dem Gärtner Glück.
Man mag dazu stehen wie man will: Erfahrungen der letzten sieben Jahrzehnte bestätigen die Gartenbaulehre der Anthroposophen, dass sich „Mond-Gärtner“ die kosmischen Kräfte für die Erde nutzbar machen. Wer genau zum Zeitpunkt der günstigsten Mond-Tierkreis-Konstellation sät oder pflanzt, der kann mit reichen Ernten rechnen.
Die Anthroposophin Maria Thun hat jahrzehntelang mit Aussaaten nach den verschiedenen Mondphasen experimentiert. Sie beobachtete dabei den Lauf des Mondes durch die Tierkreiszeichen. Sie stellte in zahlreichen Versuchsreihen fest, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Wachsen der Pflanzen und den zum Zeitpunkt der Aussaat wirksamen Planetenstellungen gibt.
Der Aussaatkalender, der jedes Jahr neu erstellt wird, unterscheidet zwischen Blattgewächsen, Fruchtpflanzen, Wurzelgewächsen und Blütengewächsen. Wenn der Mond im Sternbild der Fische, des Krebses und des Skorpions steht, sind die sogenannten Blatttage. An diesen Tagen sollten also Blattgewächse gesät oder gepflanzt werden. Sie gedeihen dann besonders gut, stehen sie doch im wahrsten Sinn des Wortes unter einem guten Stern. Da der Mond nur ein bis zwei Tage in einem Tierkreiszeichen verweilt, wechseln sich die Saattermine der vier Pflanzengruppen ständig ab.
Fruchtgewächse wie Bohnen, Erbsen, Tomaten, Gurken und Kürbisse sind an den Fruchttagen zu säen oder zu pflanzen, wenn der Mond im Sternbild des Widders, des Löwen und des Schützen steht. Die Wurzelfrüchte wie Möhren, Sellerie, Radieschen, Rettich, Schwarzwurzeln aber auch Kartoffeln und Zwiebeln sind an den Wurzeltagen zu säen, wenn der Mond im Sternbild von Stier, Jungfrau und Steinbock steht. Die Blütengewächse stehen im Zeichen von Zwilling, Waage und Wassermann. Blumenkohl, Broccoli und alle Blumen werden an „ihren“ Blütentagen gesät. Übrigens: Wenn man Blumen für die Vase an Blütentagen schneidet, ist der Duft am intensivsten; sie bleiben lange frisch.
Auch für die Bodenbearbeitung, die Hackarbeit, das Unkrautjäten, die Hege und Pflege mit biologischen Spritzmitteln, für Ernte und Lagerung sind besondere „Mondtage“ vorzuziehen. Auch das Sammeln von bestimmten Blütenpflanzen zur Herstellung von Spritz- oder Kompostpräparaten geschieht am besten an bestimmten Tagen.
Soll der Rasen schnell wachsen, mäht man ihn an Blatttagen; dann wird er auch schön dicht. Möchte man nicht so oft mähen, bieten sich die Blütentage an.
DER FRÜHLING HÄLT SICH NICHT AN DEN KALENDER
Der Frühlingseinzug hält sich selten an die jahreszeitlich vorgegebenen Daten im Kalender, zumindest nicht bei uns in Mittel- und Westeuropa. Ein stabiles Hoch, eine verlässliche Wetterlage gibt es eigentlich nur im Herbst. Dauerhochs wie in den Sommern 1959, 1976, 1983 oder auch 1991 sind eine ungewöhnliche Ausnahme.
Zwar rechnen uns die Astronomen den Tag des Frühlings-, Sommer-, Herbst-und Winterbeginns auf die Sekunde genau aus, doch hält sich unser Wetter höchst selten daran. Wie oft setzt zum Beispiel das Frühlingswetter erst im Mai ein, wie oft beginnt der richtige Sommer erst Mitte Juli oder der Winter erst Mitte Januar. Der „Kalender der Natur“ geht eben andere Wege. Präziser sind da die Naturbeobachtungen, die wir mit mehr oder weniger wachem Auge machen. Uns allen sagen die ersten blühenden Schneeglöckchen, das Stäuben des Haselstrauches oder der Blühbeginn der Forsythie mehr als die Überquerung des Äquators durch die Sonne am 21. März.
Wer Garten, Feld und Wald beobachtet, weiß: Pflanzen zeigen die natürliche Jahreszeit an. Die Wissenschaft hat daraus eine sehr ernstzunehmende Disziplin entwickelt, bei der sich Pflanzen- und Wetterkunde überschneiden. Es ist die Phänologie, die sich Pflanzen als „natürliche Messstationen“ zunutze macht. Da die Vegetation äußerst fein auf alle Wettereinflüsse reagiert, ist sie stets ein genaues Spiegelbild des sie umgebenden Klimas. Bestimmt Wild- und Kulturpflanzen werden europaweit beobachtet. Diese „Zeiger- oder Signalpflanzen“ verhalten sich alle sehr eindeutig. So läuten die Schneeglöckchen den Vorfrühling ein, die Salweidenblüte zeigt den Beginn des Erstfrühlings an, die Apfelblüte kündet den Vollfrühling an und die Blüten des Holunders und der Heckenrose den Frühsommer. Beginn und Dauer der natürlichen Jahreszeiten schwanken aber von Jahr zu Jahr, im Frühjahr weitaus mehr als im Sommer.
Extreme Vegetationssprünge gibt es selten. Es waren beispielsweise die Frühjahre 1921, 1953, 1959, 1975, 1976, 1988, 1989 und 1990. Jahre mit vom Frühling bis zum Herbst verfrühter Entwicklung sind oft auch gute Wein- und Obstjahre.
Der „Kalender der Natur“ beginnt mit dem Vorfrühling. Dieser erste Frühlingsabschnitt ist eigentlich eine Übergangsphase vom Winter zum Frühling. Zwar setzt teilweise das Pflanzenwachstum ein, aber immer wieder ist mit Rückfällen zu rechnen. Die Temperatur steigt während des Vorfrühlings von ca. 2 Grad Celsius auf 5 Grad Celsius im Mittel an. Kennzeichen für den Beginn des Vorfrühlings ist die einsetzende Blüte des Schneeglöckchens. Ihr langjähriger Mittelwert für den Blühbeginn ist in Hamburg am 21. Februar, in Geisenheim am Rhein am 25. Februar, in Freising bei München erst am 3. März. An der Küste beginnt der Vorfrühling zuerst. Dort dauert er auch am längsten. Besonders kurz ist der Vorfrühling im süddeutschen Hochland. Die Huflattichblüte zeigt die Mitte des Vorfrühlings an. Er blüht in Geisenheim bereits am 8. März, in Würzburg am 11. März, in Bremen aber erst am 25. März; denn Mitte März hat der Süden und Südwesten Deutschlands den Norden im Blühbeginn bereits überholt. Kennzeichen für das Ende des Vorfrühlings ist die Salweidenblüte. Die männlichen Kätzchen sehen nicht mehr silbern, sondern bereits gelb aus und stäuben. In Hamburg blüht die Salweide erst am 4. April, in Geisenheim schon am 21. März, in München am 24. März.
Den Anfang des Erstfrühlings kennzeichnen eine ganze Reihe von Pflanzen. Im Garten ist die Blattentfaltung der Stachelbeeren ein wichtiges Kennzeichen, ferner der Blühbeginn der Forsythien und der Buschwindröschen. Der Erstfrühling nimmt im Südwesten seinen Anfang. Typisch sind die Städte Überlingen am Bodensee und Geisenheim bei Wiesbaden, wo am 27. März die Stachelbeer-Blattentfaltung beginnt, während sie in Bremen erst am 5. April losgeht. Von Südwesten aus „wandert“ der Erstfrühling in Richtung Nordosten und erreicht zuletzt Schleswig-Holstein. Der Blühbeginn von Schlehe, Stachelbeere, Löwenzahn, Süß- und Vogelkirsche und die Blattentfaltung der Rosskastanie und der Birke kennzeichnen die Mitte des Erstfrühlings. In Geisenheim blüht die Schlehe am 10. April („Je früher im April der Schlehdorn blüht, desto früher der Schnitter zur Ernte zieht.“), in Bremen erst am 18. April. Die Süßkirsche beginnt in Geisenheim am 15. April zu blühen, in München am 24. April und in Bremen erst am 26. April. Mit der Blattentfaltung der Johannisbeere, der Eschen, der Sauerkirschen und der Birnen naht das Ende des Erstfrühlings.
Mit dem Beginn der Apfelblüte setzt der Vollfrühling ein. Die Knospen brechen zuerst im Südwesten Deutschlands auf. Langjährigen Mittelwerten zufolge, werden sie etwa 16 Tage später im äußersten Nordosten blühen. Flusstäler schmücken sich zuerst mit den weißen Blüten, die Höhenlagen folgen später. Der mittlere Beginn ist in Geisenheim am 25. April, in Überlingen am 28. April, in Münster am 7. Mai, in Schleswig-Holstein erst am 15. Mai. Im mittleren Beginn der Apfelblüte kommt der Einfluss der geographischen Breite, der Seehöhe und der Gegensatz von Land- und Seeklima zum Ausdruck. So benötigt die Blüte in Mitteleuropa etwa drei bis vier Tage, um einen Breitengrad (111 km) und 100 Meter im Gebirge aufwärts zu wandern. Gleichzeitig verspätet sich die Blüte um etwa einen Tag pro km in Richtung West-Ost. Der Frühling wandert also eigentlich nicht von Süd nach Nord, sondern von Südsüdwest nach Nordnordost. In Teilen Spaniens setzt die Apfelblüte schon im März ein, erfasst die französische Riviera Anfang April und ist Anfang Mai in Hannover, aber erst Ende Mai in Stockholm. Der Einfluss des Meeres zeigt sich darin, dass die Apfelblüte in London schon Ende April auf dem gleichen Breitengrad, in Weißrussland aber erst nach dem 10. Mai einsetzt.
Tonangebend im Vollfrühling sind zwei Gartenziersträucher: der Flieder mit seinen köstlich duftenden Blüten und etwa eine Woche später der Goldregen. Der Vollfrühling geht zur Neige, wenn die ersten Gräser zu blühen beginnen. Schließlich künden die ersten Blüten des schwarzen Holunders und der Heckenrosen den Frühsommer an, in Geisenheim bereits am 21. Mai, in Überlingen am 30. Mai und in Bremen erst am 11. Juni. Die letzten gefährlichen Kälteeinbrüche fallen nach langjährigen Mittelwerten auf die Zeit um den 20. Mai (die Tage nach den Eisheiligen) und um den 5. Juni (Beginn der Schafskälte).
WAS DIE STUNDE GESCHLAGEN HAT
Im Reich der Natur gehen die Uhren anders. Manche Vögel und Blumen beginnen den Tag, wenn es noch ganz dunkel ist. Sie sind wahrhaftig Frühaufsteher. Die Nachtigall trägt ihren Namen zurecht. Der Deutschen Lieblingsvogel lässt sich als erster Sänger hören, bereits um zwei Uhr nachts beginnt er sein herrliches Lied. Allerdings kehrt die Nachtigall erst Ende April aus dem Süden zurück. Unter den Blumen ist der Wiesenbocksbart ein ausgesprochener Frühaufsteher, der seine Blüten im Hochsommer bereits um drei Uhr früh öffnet. Die Natur hält also für die warme Jahreszeit gleich zwei Chronometer parat, eine „Vogeluhr“ und eine „Blumenuhr“. Blüten und Vögel verraten uns, „was die Stunde geschlagen hat“.
Um vier Uhr früh öffnet der Wegerich seine Blüten. Ein Stündchen später ist dann der Löwenzahn an der Reihe, ihm leisten Mohn, Gänsedistel und Habichtskraut Gesellschaft. Die meisten Blüten aber haben im Sommer ihren Morgenappell zwischen sieben und acht Uhr, zu anderen Jahreszeiten entsprechend später. Das gilt für den Hahnenfuß, den Ackergauchheil, den Gartenlattich, das Steinkraut und sogar für die Kartoffel. Gäbe es die Langschläfer nicht, könnten uns die Blumen die weitere Zeit des Tages nicht verraten. Steinnelke und Ringelblume lassen sich bis neun Uhr Zeit. Weil sie prallen Sonnenschein brauchen, erwachen Lilien und Eisenkraut (Verbena) um zehn Uhr, die Küchenschelle und die Bibernelle um elf Uhr und die Herbstzeitlose erst um zwölf Uhr. Erst am Abend gegen zwanzig Uhr beginnt das Leimkraut zu blühen, gegen 21 Uhr die Kuckuckslichtnelke. Punkt acht Uhr am Abend öffnet der berühmteste, allerdings nur selten zu beobachtende Nachtschwärmer seine wunderschöne Blüten – die Königin der Nacht. Ebenfalls nachtblühend sind Taubenkropf und Storchenschnabel, die von Nachtfaltern aufgesucht werden.
Karl von Linné, der große schwedische Botaniker, auf den die Nomenklatur der Pflanzen zurückgeht, schuf in seinem Garten die „Blumenuhr“, die sich allerdings nach der Sonne richtet: Die Blumen, die sich zu verschiedenen Stunden öffnen und schließen, werden in der Reihenfolge und in der Form eines Zifferblattes gepflanzt. Nach ihrem Aufblühen kann man die Zeit ablesen.
Einen verlässlichen natürlichen Wecker, der sogar ohne Sonnenschein auskommen kann, liefern uns die Vögel. Ihr Gesang verrät frühmorgens die Zeit.
Neben der Nachtigall können auch andere Vögel den Tag nicht erwarten und lassen sich schon lange vor Morgengrauen vernehmen. Dazu gehören der Gartenrotschwanz (4 Uhr), der Hausrotschwanz (4.30 Uhr) und die Lerche (4.40 Uhr9. Wenn es dann richtig dämmert, singen Kuckuck und Amsel (4.50 Uhr), Buchfink und Kohlmeise (5.00 Uhr), Goldammer, Zaunkönig und Singdrossel (5.10 Uhr), Blaumeise, Rotkehlchen, Zilpzalp und Fitislaubsänger (5.20 Uhr). Mit Beginn der Helligkeit fangen Girlitz und Mönchsgrasmücke (5.30 Uhr), Zaungrasmücke (5.40 Uhr) und Grünfink (5.50 Uhr) an zu singen. Zeigt sich die Sonne, stimmen Spatz und Distelfink (6.00 Uhr) in den Gesang ein.
Der Hahn war für unsere Vorfahren nicht nur Wetterprophet, er war auch der pünktliche Wecker, nach dem der Bauer sein Tagewerk einteilte. Frühmorgens um drei Uhr kündet der Hahn den nahenden Tag an. Dann kräht er jede Stunde so pünktlich und zuverlässig, dass man annehmen könnte, schon seit Jahrtausenden wäre die Tageszeit nach seinem Krähen eingeteilt worden. Beim zweiten Hahnenschrei im Hochsommer stand der Bauer auf, beim ersten schon der Großknecht auf dem Hof. Der Hahn war auf dem Dorf der beliebteste Begleiter der Frühaufsteher, und die Wanderer zogen in die Welt hinaus: „Frühmorgens, wenn die Hähne krähn, ziehn wir zum Tor hinaus.“
Als Regenkünder zeigte sich der Hahn, wenn er „zu ungewöhnlicher Zeit“ krähte: „Wenn der Hahn nicht zur rechten Stund kräht, weint Petrus.“
WENN FRÖSCHE QUAKEN
Alljährlich im Frühjahr wiederholt sich das gleiche traurige Schauspiel, wenn die zu ihren angestammten Laichplätzen wandernden Kröten und Grasfrösche beim Überqueren der Straßen totgefahren werden. Die Wanderung findet fast ausschließlich nachts statt. Ein bestimmter Dämmerungsgrad – Ende März erst um 19.20 Uhr, Anfang März eine halbe Stunde später – löst die Wanderung aus. Wenn es um diese Zeit über fünf Grad Celsius warm ist und es noch regnet, wagen sich viele Kröten und Frösche gleichzeitig aus dem Wald ins offene Gelände hinaus, und wenn sie dabei eine Autostraße überqueren müssen, werden sie – jedes Jahr an der gleichen Stelle – zu Hunderten Opfer des Straßenverkehrs. Der bestimmte Laichplatz ist für die Erdkröte der wichtigste Punkt ihrer Existenz.
Erinnerungen werden wach, wenn wir an das „Märchen vom Froschkönig“ denken. Im richtigen Leben können Frösche und Kröten sich nicht wie im Märchen in Prinzen verwandeln, um die Sympathie der Menschen zu gewinnen. Im Mittelalter wurden sie als Teufelswesen verdammt und zu geheimnisvollen Salben und Tinkturen verarbeitet. Vor allem die Kröte galt in den volkstümlichen Vorstellungen unserer Vorfahren als Unglücksbringer. Sie war das verfluchte Tier schlechthin, das Tier der Schatten, das Tier des Satans, der sich den Menschen häufig in dieser „hässlichen“ Gestalt präsentierte. Das Bild von der „hässlichen Kröte“, vor der man sich „ekelte“, ist zum Teil bis in unsere heutige Zeit erhalten geblieben.
Die Kröte war zum einen wichtiger Bestandteil der unheilvollen Absude und Tränke der Hexen, zum anderen aber auch – und das seit frühesten Zeiten bis nach der Jahrhundertwende um 1900 – bedeutsam für die Behandlung von Rheuma oder Geschwüren. Man band sie lebend auf das erkrankte Körperteil. Zur Fieberbekämpfung schloss man sie in einem kleinen Säckchen ein, das man um den Hals trug.
Den Fröschen ging es bei uns ganz besonders „an den Kragen“: Sie galten als Delikatesse in der Landbevölkerung. Noch vor etwa fünf/sechs Jahrzehnten hat man die Teich – und Wasserfrösche im Frühjahr zur Zeit der Laichwanderungen massenhaft gefangen, ihnen bei lebendigem Leibe die Schenkel ausgerissen, um sie zu verspeisen. Der obligatorische Feuerlöschteich im Dorf war immer der Froschteich. Hier vor allem trieb man das grausame Spiel.
Heute stehen alle Frösche und Kröten unter Schutz; trotzdem werden die Froschlurche immer seltener, und manche Arten verschwinden sang- und klanglos: „Froschkonzerte“ gehören der Vergangenheit an. „Wo Frösche sind, da sind auch Störche“, heißt es in einem alten Sprichwort. Das war einmal! Und da im Volksglauben „der Storch die kleinen Kinder bringt“, muss man sich nicht wundern, dass die Geburtsrate bei uns so niedrig ist.
Seiner leuchtend smaragdgrünen Hautfarbe und seines „netten“ Gesichtsausdrucks wegen war der Laubfrosch früher der Liebling unter den Fröschen. Der Klettermaxe rutscht auch auf glatten Fensterscheiben nicht ab und springt mit einzigartiger Geschicklichkeit durchs Blättergewirr. Als Wetterpropheten siechten früher unzählige Laubfrösche in Einweckgläsern vor sich hin. Ein Leiterchen war die einzige Ausstattung. Das Geheimnis ihrer Wetterfühligkeit ist einfach zu lüften: Sie stiegen in die Höhe, wenn es ihnen im engen Behälter zu heiß wurde und sie unten keine Luft mehr bekamen. Dann sollte „schönes“ Wetter kommen. Blieben sie im Glas unten sitzen, sollte Regen im Anmarsch sein. Und eine alte Bauernregel besagt: „Wenn im Mai Laubfrösche knarren, magst du wohl auf Regen harren.“
Das Verhalten der Frösche und Kröten spielte bei unseren Vorfahren als Wetterprophezeiung eine große Rolle. Besonders im Frühjahr, wenn Frösche und Kröten als „Frühaufsteher“ aus ihrer Winterstarre erwachten, wurden diese Amphibien als Wetterkünder angesehen, wobei häufig zwischen Fröschen und Kröten kein Unterschied gemacht wurde. Dies beweist auch die Redensart „einen Frosch im Hals haben“, vielfach bei uns abgewandelt „eine Kröte (Krott) im Hals haben“, wenn einer heiser spricht und nur noch „quaken“ kann.
Unsere Vorfahren aber bauten auf die „Wetterfühligkeit“ der Kröten und Frösche ihre Wetterregeln auf: „Wenn die Frösche des Morgens und die Laubfrösche des Nachts sehr quaken, wenn die Kröten hervorkriechen, so deutet dies auf Regen und Ungewitter.“ Auch soll es Regen geben, „wenn Salamander, Kröten und Frösche eine trockene Haut haben“. Die „Regenregeln“ werden fortgesetzt: „Wenn die Kröten fleißig laufen, wollen sie bald Wasser saufen“. „Sieht man Molche beim Mähen, so gibt es Regen.“ „Frösche auf Stegen und Wegen, deuten auf baldigen Regen.“
Schönes Wetter aber wird angesagt, wenn die Frösche nachts quaken: „Quaken die Wasserfrösche bis tief in die Nacht, so folgt trockenes Wetter danach.“ „Wenn die Frösche im Frühling gegen den Abend quaken und schreien, so verkünden sie ein warm und trocken Wetter.“
Auf alle Fälle ist „der Frösche Lied himmlisch“, denn „Frösche sprechen vom Frühling“. Und Frösche können auch das Wetter des Sommers voraussagen: „Viele Frösche im Frühling, nasser Sommer; wenig Frösche, trockener Sommer.“ Demnach müsste es heute nur noch trockene Sommer geben. Auch der Froschlaich war ein Wetterkünder für den Sommer: „Wenn der Froschlaich zu Anfang des Frühlings tief im Wasser liegt, so zeigt dies auf einen trockenen und warmen Sommer; liegt er im flachen Wasser des Ufers, so folgt ein nasser Sommer.“
„Sich wie ein Frosch aufblasen“ können viele; das Wetter voraussagen aber kann keiner.
DER GREGORIUSTAG: ALS DIE SCHULMEISTER NOCH BETTELARM WAREN
„Und wird im Dorf ein Schwein geschlacht, dann könnt ihr sehen, wie er lacht; die größte Wurst ist ihm zu klein, dem armen Dorfschulmeisterlein.“
Sicherlich ist auch heute noch das „Lied vom armen Dorfschulmeisterlein“ jedem bekannt. In den Anfängen des Schulwesens war der Dorfschullehrer noch bettelarm. Die Bezahlung war so gering, dass Sonderzuwendungen bei allen kirchlichen Anlässen, wie Taufe, Hochzeit, Konfirmation und Beerdigungen, eine hochwillkommene Zulage waren. Auch war es üblich, dass der Lehrer bei Hausschlachtungen eine Blut- und Leberwurst und einen Kessel Wurstbrühe erhielt.
Trotz der geringen Bezahlung war der Lehrer eine „Respektsperson“, der einzige auf dem Dorf, der mit „Herr“ angeredet wurde. Er war „Dorfpolizist“ und „Richter“ zugleich, der über das sittliche Betragen der Kinder innerhalb und außerhalb der Schule zu wachen hatte. Beschwerden über Kinder anderer Leute wurden ihm vorgetragen. Nicht der Pfarrer, der Lehrer war verantwortlich für den Gottesdienstbesuch der Kinder. Nach der Abendglocke kontrollierte der Schulmeister auf den Dorfstraßen, ob alle Schüler zu Hause waren.
Aus einer Ostertaler Schule sind die „zehn Gebote für Lehrer“ aus dem Jahr 1872 überliefert. Kaum zu glauben, was damals einem Lehrer alles aufgebürdet wurde: „Lehrer haben täglich die Lampen aufzufüllen und die Kamine zu säubern.“ „Lehrer dürfen einen Abend pro Woche auf Brautschau gehen oder an zwei Abenden, wenn sie regelmäßig zur Kirche gehen.“ „Nach zehn Stunden Schule dürfen Lehrer die restliche Tageszeit damit verbringen, die Bibel oder andere gute Bücher zu lesen.“ „Verheiratet sich eine Lehrerin, so scheidet sie damit aus dem Schuldienst aus; ist sie bereits im Ruhestand, so fällt der Bezug des Ruhegehaltes weg.“ „Jeder Lehrer sollte von seinem täglichen Lohn eine schöne Summe beiseite legen, damit er davon in seinem Alter leben kann und so der Gesellschaft nicht zur Last wird.“ „Jeder Lehrer, der raucht oder Alkohol – welcher Art auch immer – trinkt, der Spielhöllen oder Wirtschaften aufsucht oder sich beim Frisör rasieren lässt, gibt zu der Vermutung Anlass, dass seine Integrität und seine Ehrlichkeit in Frage gestellt werden müssen.“ „Der Lehrer, der seine Arbeit treu und ohne Fehler fünf Jahre lang verrichtet, wird eine Gehaltsaufbesserung erhalten, vorbehaltlich der Zustimmung der Schulaufsichtsbehörde.“
Bei dem heutigen Hick-Hack um eine Schulreform wird mehr und mehr Unruhe in der Lehrer- und Elternschaft und in den Schulen erzeugt. Wäre es nicht an der Zeit, dass die verantwortlichen Politiker und Lehrergewerkschaften mal zu einem „Tag der Einkehr“ aufrufen? Der 12. März, der Tag des Heiligen Gregorius, bietet sich hierzu besonders an. Er wurde früher landaus landein als „Tag der Schule“ gefeiert.
Gregor der Große, Kirchenvater und Papst, gilt als Schutzherr der Schule und der Schuljugend. Bei den Germanen war dies der Tag der Knaben- und Jünglingsheime.
Am Gregoriustag schloss früher das Wintersemester in den Schulen. Es fanden festliche Umzüge statt, bei denen die Kinder als Handwerker verkleidet waren oder historische Kostüme trugen. Die Umzüge schlossen mit Wettspielen und Wettsingen.
Das Gregorisingen ist eine Sitte, die zeigt, wie bettelarm früher die Schulmeister und ihre kleinen Schulen waren. Es war nämlich ein Bettelsingen, wobei der Schullehrer mit seinen Schülern von Haus zu Haus zog, von Gehöft zu Gehöft, Mehl, Eier, Fleisch, Brot und Speck einsammelte, um dann den Kindern im Wirtshaus ein kräftiges Mahl kochen zu lassen.
In manchen deutschen Landen zogen die als Engel verkleideten Schulkinder mit dem Lehrer, der den heiligen Gregorius darstellte, von Haus zu Haus, sagten Gedichte auf und sangen. Der Lehrer hielt eine kleine scherzhafte Versrede, bei der ein Schüler, als Fuchs verkleidet, ins Haus huschte, bei der vorher eingeweihten Hausfrau den Küchentisch plünderte und Gebäck und Obst in die Körbe der Mädchen füllte.
In der Schweiz ließ der Bischof zweierlei Speisen von den Lehrern verteilen: trockenes, nahrhaftes Schulbrot und süße Gregori-Zuckerbrezeln, Symbole für den Ernst und die Süßigkeiten des Schullebens.
In Baden verkleidete sich ein Schüler als „Schulbischof“ und ritt auf einem Schimmel über den Schulhof. An einer langen Stange steckten Brezeln, die er an die Kinder verteilte.
Viele Schülerumzüge endeten auf einem Jahrmarkt, wo Zelte und Buden aufgeschlagen waren, wo man auf Scheiben schießen konnte, wo getanzt wurde und es zum Schluss einen Schmaus gab, zumindest einen Korb voller Gregoribrezeln für die Kinder.
Berühmt war der Gregoriustag in Prag, wo der Rektor die Studenten zum Essen einlud und sie dabei halb im Scherz, halb im Ernst ermahnte, ihren Lebenswandel zu bessern.
FLORA BRINGT DEN FRÜHLING ZURÜCK
Was passt besser auf die bunte Vielfalt der Blütenwelt als der Name Flora, mit der man die Pflanzenwelt eines bestimmten Gebietes bezeichnet? Dabei ist der Flor das majestätische Blütenkleid der Pflanze, im übertragenen Sinne auch die Blütezeit. Flora ist die altrömische Göttin der Blumen und Blüten, des Frühlings und der Jungfräulichkeit, Symbol der Fruchtbarkeit und Erdmutter zugleich, die Vegetationsgöttin. Ihr Frühlingsfest, die Floralia, an dem Schauspiele und Spenden ans Volk stattfanden, wurde im alten Rom mit großer Ausgelassenheit gefeiert. Es war auch der Sieg des neuen Frühlings über den Winter. Dargestellt wird die Blumengöttin Flora als junge schöne Frau mit einem Blütenfüllhorn. Seit der Renaissance war Flora beliebte Allegorie.
Die Floralia war ein sehr fröhliches Fest, das mit bunter Kleidung, Blumenschmuck, Gesängen, Gelagen und viel Wein gefeiert wurde.
Florblumen sind schönblütige Pflanzen in zahlreichen Spielarten wie Dahlien, Astern, Gladiolen, Nelken, Lilien, Levkojen oder Rosen. Flore und Blanchefleur, die „Rose und die Lilie“ waren ein im ganzen Abendland beliebter Märchenstoff von der Liebe des heidnischen Königssohns und der Tochter einer christlichen Kriegsgefangenen.
Der weibliche Vorname Flora geht auf die altrömische Frühlingsgöttin Flora zurück, die zu zahlreichen klangvollen Mädchennamen inspirierte. Flora leitet sich aus dem lateinischen „flos“ und „floris“ für „Blume“ und „Blüte“ ab. Der Name wurde in Deutschland im 19. Jahrhundert volkstümlich, begünstigt durch die Flora in Walter Scotts viel gelesenem Roman „Waverley“. Aber auch heute ist der „Blumenname“ wieder populär.
Den ältesten mythologischen Hinweis über die Frühlingsgöttin Flora gibt Ovid. Ovid setzt Flora mit der griechischen Nymphe Chloris gleich, die durch Homer bekannt ist. Diese Chloris wird durch den griechischen Gott des Westwindes Zephyr geraubt und vergewaltigt und geehelicht und somit in Flora verwandelt.
Flora präsentiert sich durch die Jahrhunderte hindurch als Jungfrau von berauschender Schönheit. Sie ist die klassische junge Göttin: wunderschön, jung, fröhlich, ausgelassen, ungebunden und sexuell freizügig. Hüpfend und tanzend zieht sie im Frühling über das Land. Sie erscheint oft feenhaft, auch beflügelt und rückt somit auch in die Nähe der Pflanzengeister. Flora ist die personifizierte Gestalt des Frühlingsüberschwangs, der die Welt wieder neu erfasst und als Blumen- und Fruchtbarkeitsgöttin bringt sie den Frühling zurück.
DUFTENDE MÄDCHENSCHÖNHEITEN IM MÄRZ
Veronika, der Lenz ist da …
„Veronika, der Lenz ist da …“, heißt es in einem bekannten Frühlingslied der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts, das jetzt wieder in Mode gekommen ist. Mit dem wunderschönen Mädchennamen Veronika bezeichnen die Botaniker den blau blühenden Ehrenpreis, der ab Mitte März für bunten Flor in unseren Wiesen sorgt.
Kommt der Frühlingsherold, bekränzt mit seinem Blütenfüllhorn um Stirn und Haar, öffnen eine Reihe von Mädchenschönheiten ihre duftenden Blütenaugen. Und seltsam ist es schon, dass gerade der Frühling uns Blumen schenkt, die allesamt hübsche Mädchennamen tragen.
Als häufig im Laubwald vorkommende Frühlingsblume erhielt das Buschwindröschen oder die Anemone (Anemone nemerosa) im Volksmund viele Namen. Wegen der weißen Blüten nennt man die Anemone auch Mehlblume, Schneerose und Nacktes Weib. In der Antike galt die Anemone als Symbol für alles Vergängliche, da die Blütenblätter bald abfallen. („Anemos“ = griechisch „Wind“). Die alten Römer feierten zur Hochzeit ihrer Blüten das „Floralienfest“. Das Blumenfest zu Ehren der Göttin Flora sollte den Vollfrühling herbeirufen.
Anemonen begnügen sich nicht mit halben Sachen. Wo sie sich ansiedeln, bilden sie bald große Teppiche. In diesen Teppichen nicken die zarten Blüten, nicht immer ganz weiß, teilweise auch rosa angehaucht, und das filigrane Laub ist auch ohne Blüten noch sehr schön.
In der griechischen Mythologie stellt Apoll, der Sohn des Zeus, der schönen Nymphe Daphne leidenschaftlich nach. Sie läuft ihm davon, er eilt auf beflügelten Sohlen hinterher. Fast hat er sie eingeholt, da schickt sie ein Stoßgebet zum Himmel – und wird in einen Lorbeerstrauch verwandelt. Apollo hat das Nachsehen und statt einer Geliebten den Lorbeer, der ihn von da an ebenso schmückte wie so manchen seiner poetischen Schutzbefohlenen. So kam die Daphne (Daphne mezerum) zu ihrem hübschen Mädchennamen.
Zuerst riecht der Wanderer den ansprechenden Balsamduft, den die rosaroten bis hell lila leuchtenden Blüten ausströmen. Damit lockt die Daphne die ersten Bienen des Jahres an, fängt sie doch schon Ende März an zu blühen. Die sonore Duftmusik der Daphne betäubt den Besucher in einem ährenartigen Blütenstand. In schattigen Laub- und Mischwäldern leuchtet die Daphne, die ihrer Seltenheit wegen geschützt ist. Der Seidelbast mit den fast eiförmigen, scharlachroten Beeren ist stark giftig. Im Garten angepflanzt, fühlt sich die Daphne mit ihrem Frühlingsflor am wohlsten im Halbschatten.
Mit der gleichnamigen Blume identisch ist auch der weibliche Vorname Magnolia. Der frühblühende Zierbaum mit seinen tulpenförmigen Blüten, aus China und Japan stammend, hat seinen Namen nach dem französischen Botaniker Magnol. Die Magnolia wird fälschlicherweise auch als Tulpenbaum bezeichnet.
Die Echte Sternmiere Stellaria, im Volksmund auch Stella genannt, hat wunderschöne große Sternblüten, die sich ab Ende März/Anfang April in Wäldern und unter Gebüschen öffnen. Die schneeweißen Blüten leuchten im Gras und an dunklen Waldrändern mit ganz besonderer Intensität. Die Blüten entfalten sich mit ihren zehn Strahlen zu regelmäßigen weißen Sternen. Jedes der fünf Blütenblätter, ein so genanntes Dichasium, ist charakteristisch für die Familie der Nelkengewächse. Die Blüten bilden am Grund der Staubblätter aus grünen Drüsen Nektar und werden von Bienen, Fliegen und Schmetterlingen besucht.
Veronika, der Ehrenpreis, kündigt mit dem Aufblühen seiner himmelblauen Blüten den endgültigen Sieg des Lenzes über den Winter an. Der Echte Ehrenpreis (Veronica officinalis) ist die „siegbringende“ Heilpflanze. Im Volksmund trägt sie verschiedene Namen: „Himmelsblümchen“, „Sternling“ und „Männertreu“. Sie wächst auf trockenen Wiesen, auch in lichten Laubwäldern, auf Heide und Magerrasen. Im Mittelalter glaubte man, ein Teeaufguss von „Männertreu“ würde die Treue zur eigenen Frau erhalten.
Doch nicht die Schlüsselblume, sondern das Veilchen Viola wurde zum Symbol des Frühlings. Trotz seiner sprichwörtlichen Zurückhaltung, Sinnbild der Sittsamkeit und Bescheidenheit, gibt das Veilchen den Ton in der Duftmusik der Frühblüher. Wenn wir die Veilchenplätze in den Wäldern unserer Kindheit ins Gedächtnis zurückrufen, wird uns inne, welch starken Eindruck auch hier bescheiden gebückte Winzigkeit hervorrufen kann, wo sie in Massen auftritt. Das ist in der Frühlingssonne schon eine betörende Duftwolke, die aus dem Teppich unter dem Haselstrauch ausströmt. Aber ach, wie rasch ist die Vergänglichkeit des Duftgenusses bei Veilchen! Das Wohlriechende Veilchen (Viola odorata) weckt vielleicht außer der Rose die meisten romantischen und poetischen Gedankenverbindungen aller Blumen.
Das Veilchen ist die Blume der Liebenden. Die Sprache der Veilchen ist die Botschaft der Zärtlichkeit, der nicht drängenden Liebe. Wollte man Venus, die Göttin der Liebe, ins Brautgemach einladen, dann wurde das Bett mit Veilchen geschmückt. Duft und Farbe der Blüten üben eine aphrodisierende Wirkung aus.
VÖGEL ALS WETTERANSAGER IM FRÜHLING
„Der verschwenderische Jüngling und die Schwalbe“ heißt eine griechische Fabel. In ihr wird erzählt, ein Jüngling habe alles, was er besaß, bis auf einen Mantel vertan. Und auch den habe er versetzt, als er die erste Schwalbe ankommen sah. Nun sei es Sommer, meinte er, und bedürfe auch des Mantels nicht mehr. Danach aber, so heißt es weiter, sein ein heftiger Frost gekommen, die Schwalbe sei erfroren, und der frierende Verschwender sei so zornig geworden, dass er der toten Schwalbe noch viele böse Worte nachgerufen habe. Er nannte sie, die selbst Opfer einer Täuschung geworden, eine Täuscherin. Aristoteles, der diese Fabel überliefert hat, zieht daraus die Lehre: „Eine Schwalbe macht noch keinen Frühling.“ Äsop, bei dem sich diese Fabel findet, sagt dazu: „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.“
Und unsere gelehrten Wetterpropheten, wahrscheinlich schon die in den Klöstern, die die alten griechischen Sagen kannten, haben nicht nur ein Sprichwort daraus gemacht – dass ein kleiner Teil noch kein Ganzes mache -, sie haben, verschwenderisch wie sie waren, dieses Sprichwort auf fast alle Vögel ausgedehnt, nicht nur auf die Zugvögel, die im Frühling aus dem Süden zurückkommen, sogar auf die, die vor dem Winter gar nicht wegziehen, also auch zum Frühling oder Sommer gar nicht erst zu kommen brauchen.
So heißt es auch: „Ein Sperling auf dem Dach macht den Lenz nicht.“ Da der Sperling aber kein Zugvogel ist, da er den ganzen Winter auf dem Dach und im Geäste sitzt –was soll er uns dann noch das Frühjahr ankünden?
Von der Lerche heißt es übrigens auch, dass sie, kommt nur erst eine bei uns an, noch nicht den Frühling mache, aber sie verkünde ihn.
Bekannt sind zum Beispiel folgende Wetterregeln, in denen Vögel den Frühling ansagen:
„Wenn die Grasmücken fleißig singen, werden sie zeitig den Lenz uns bringen.“ „Der Kuckuck schreit nicht eher, bis der Hafer grün wird.“ „Ein Kuckuck, der um Mittag viel schreit, ein Storch, der viel klappert, und die wilden Gänse, die sich sehen lassen, verkünden einen warmen Frühling.“ „Der Lerche Gesang weckt dich vom Winterschlaf.“ „Eine Lerche, die singt, noch keinen Sommer bringt; doch rufen Kuckuck und Nachtigall, so ist es Sommer überall.“ „Lerchen und Rosen bringen des Frühlings Kosen.“ „Steigt die Lerche stumm und nicht hoch, kommt ein nasses Frühjahr noch.“ „Wenn die Schwalbe singt, ist’s ein Zeichen des Frühjahrs.“ „Wie die Schwalb ist des Frühlings Bot’, also die Krähe des Winters.“ „Wenn die wilden Enten und Gänse kommen, wird’s bald Sommer.“ „Bauen im April schon die Schwalben, gibt’s viel Futter, Korn und Kalben.“ „Schreit der Kuckuck schon im März, klappert der Storch und zieht die wilde Gans ins Land, so ist ein guter Frühling unterwegs.“ „Sobald der Kuckuck hat gesungen, ist es fertig mit dem Eis.“ „Singt die Amsel vor Mariä Verkündigung (25. März), so schweigt sie nachher sechs Wochen lang.“ „Singt die Lerche jetzt schon (27. Februar) hell, geht es dem Bauern ans Fell.“ „Wenn der Ziegenmelker (Grünspecht) im Februar schreit, so kommt ein gutes Frühjahr.“ „Wenn im März die Kraniche ziehn, werden bald die Bäume blühn.“ „Wenn die Amsel singt, sind wir aus dem Winter heraus, wenn der Kuckuck ruft, ist er ganz vorbei.“
VON DER VOGELSPRACHE UND VOM VOGELSANG
Bei Spaziergängen durch die Natur stoßen wir vor allem im Frühling bei jedem Schritt auf irgendwelche Tierstimmen oder Töne. Die meisten von ihnen werden von Vögeln ausgestoßen. Es ist bekannt, dass die Vögel fast immer zu hören sind. Aus der gesamten Reihe der Rufe entsteht eigentlich eine vollständige „Vogelsprache“, in der jeder Ruf einem bestimmten Zweck dient. Wir unterscheiden zwei grundsätzliche Gruppen von Stimmen: Das sind die Rufe, die die Vögel während des ganzen Jahres ausstoßen und der Gesang, den wir nur im Frühling während der Nistzeit hören. Ergänzend kann man noch Instrumentallaute erwähnen, wie zum Beispiel das rasche Klopfen mit dem Schnabel auf trockene Äste (Spechte) oder das Schnabelklappern bei Störchen. Bei den gesellig lebenden Vogelarten zum Beispiel bei den meisten Singvögeln, die nach dem Nisten Scharen bilden, ist die häufigste Lautäußerung das Lockrufen. Mit dem Lockruf wollen sich die Angehörigen der gleichen Art aufeinander aufmerksam machen, sich zusammenrufen, sich locken. Dann gibt es bei den Vögeln noch den Warnruf, der auf eine Gefahr aufmerksam machen soll. Es gibt aber auch noch andere Stimmen, wie zum Beispiel Angst- und Schmerzlaute, das Geschrei der Jungen und Bettelgezwitscher.
Die vollkommenste und auffälligste stimmliche Äußerung der Vögel ist ihr Gesang. Bei den meisten Arten sind es nur die Männchen, die singen. Mit ihrem Gesang wollen die Männchen im Frühling um Weibchen werben, er ist also auch ein Lockmittel. Doch ihr Gesang im Frühling wendet sich vor allem auch an die Männchen in der Umgebung, um denen damit zu sagen, dass hier in diesem Bereich ihr Nistrevier schon besetzt ist und durch den Gesang auch bewacht wird. Dringt jedoch trotzdem ein anderes Männchen in ein besetztes Revier ein, entflammt sofort ein Zweikampf, der mit der Vertreibung des Rivalen endet. Die beste Sängerin ist wohl die Nachtigall, deren Lied mehrere Strophen enthält.
Einmalig im Tierreich sind auch die Sommerkonzerte der Heuschrecken und der Grillen und das Frühlingskonzert der quakenden Froschmännchen. Mit ihrem Zirpkonzert in den Wiesen locken die Männchen Weibachen an. Das „Musikinstrument“ der Laubheuschrecken befindet sich an den beiden Vorderflügeln. Werden diese übereinander gerieben, entstehen die Zirplaute. Die Weibchen empfangen diese Töne mit besonderen Hörorganen an den Vorderbeinen. So finden sie ein Männchen, um sich mit ihm zu paaren. Zur Laichzeit der Frösche im Frühjahr ertönen lautschallend ihre Hochzeitskonzerte an den Weihern im Wiesental. Mit ihrem lauten Quaken locken die Männchen die Weibchen zum Eierablegen und zur Paarung ein. Unter den Vögeln ist es der Kuckuck, der bei der Rückkehr aus seinem Winterquartier seinen lauten Kuckucksruf im Wald erschallen lässt.
Leuchtkäfer finden im Sommer ihre Partner auf ganz andere Weise. Diese Käfer, die man auch Glühwürmchen nennt, haben ein kleines Glühlämpchen an ihrem Hinterleib, mit denen die flugunfähigen Weibachen in der Nacht die Männchen anlocken.
Eine ganz besondere Sprache haben die Bienen, die durch Tanzbewegungen ihren Artgenossen anzeigen, wo gute Futterquellen sind.
Die Amsel ist einer der ersten Frühlingsboten. Selbst wenn noch Schnee liegt, singt sie ununterbrochen ihre flötende Melodie. Der Gesang der Kohlmeise klingt wie „zizibäbä“, zizibäbä“. Die Lerchen trillern oder trällern in den Lüften, wobei ihr Lied an warmen Frühlingstagen mehrere Strophen umfasst und ungefähr zwei Minuten lang anhält. Schwalben zwitschern in den Lüften, die Zaungrasmücken lassen ihren Gesang wie das Klappern einer Nähmaschine erklingen: „dlidlidlidli!“ Spatzen pfeifen von den Dächern und das Goldhähnchen singt „sisisisisisisie“. Wahrlich, Singvögel haben Gold in der Kehle. Tauben gurren und Spechte trommeln mit ihren Schnäbeln an Baumstämmen im Wald. Der Buntspecht ist der Zimmermann des Waldes.
Der Star ist wirklich ein Star, ein Imitations-Künstler. Ob das Knarren einer Tür, Läuten der Straßenbahn, Kläffen des Dackels, Jaulen des Bussards oder Pfeifen der Meise – der Star ahmt all das so echt nach, dass Mensch und Tier sich irritiert umdrehen.
Lieblich, schwermütig, perlend, melodiös – so beschreiben Vogelfreunde das Lied des Rotkehlchens. Doch wenn der Vogel im Frühling einen Konkurrenten verjagen will, dann kann er sich bis zur Lautstärke einer Kettensäge steigern.
Der Zaunkönig ist ein stimmgewaltiger Zwerg. Wäre da nicht die Stimme: Ein melodisches Trillern und Schmettern mit leisen Zwischentönen, Strophen von jeweils fünf Sekunden Länge, die über weite Entfernungen schallen und so laut sind wie der Gesang kaum eines anderen Vogels. Dabei schmettert der Winzling seine Frühlingsklänge meist aus dem Dickicht hervor.
Die Schwalben, Mehl- und Rauchschwalbe, sind bekannt als Glücksboten, als Frühlingsboten und als die engsten Begleiter und Freunde des Menschen. Der Gesang der Rauchschwalben ist ein rasch fließendes, melodisches Zwitschern mit vielen Obertönen und einem Schnarren am Ende jeder Strophe. Dagegen ist das Lied der Mehlschwalben ein leises, leierndes, vokalarmes Zwitschern, ohne Schnarren am Ende.
Ende März erscheinen wieder die ersten Nachtigallen in Deutschland. Nach der Ankunft besetzt das Nachtigallenmännchen sofort ein Revier und beginnt zu singen. Die Weibchen treffen ein paar Tage später ein, vermutlich dient der Nachtgesang der Männchen zum Anlocken der nächtlich ziehenden Weibchen. Die Nachtigall ist wohl die bekannteste Sängerin unserer Vogelwelt. Ihr Gesang sei „so ausgezeichnet eigen, es herrscht darin eine so angenehme Abwechslung und eine so hinreißende Harmonie, wie wir sie in keinem anderen Vogelgesange wieder finden“, heißt es schon in der „Naturgeschichte der Vögel Deutschlands“. Berühmte Komponisten haben sich von der Meistersängerin inspirieren lassen und ihren Gesang in Kompositionen nachempfunden: Ludwig van Beethoven etwa in seiner 6. Sinfonie, Johann Strauß in der „Nachtigallen-Polka“ und Igor Strawinsky im „Lied der Nachtigall“.
Bis zu 260 unterschiedliche Strophentypen beherrscht die Nachtigall – die sie aber ungeachtet ihres Namens nicht nur nachts vorträgt. Die meisten der zwei bis vier Sekunden langen Strophen beginnen mit leisen Anfangstönen, die oft die Imitation eines Vogelrufes enthalten. Darauf folgen laute, rhythmisch wiederholte Silben, die klangvoll aber auch schnarrend oder ratternd klingen können und als „Nachtigallschlag“ bekannt sind.
Besonders typisch sind die im Frühjahr nachts zu hörenden Pfeifstrophen. Die Nachtigall trägt dabei eine oft lange Serie von gedehnten, reinen Pfeiftönen vor, die einen weichen, wehmütigen Charakter haben können. Es entsteht der Eindruck eines Schluchzens. Innerhalb einer Stunde kann ein Nachtigallenmännchen mehr als 400 Strophen nacheinander vortragen.
Das Vogelkonzert
Im Frühjahr, wenn wir Hochzeit halten,
dann rufen wir den Lenz herbei,
die Lerchen, Finken und die Schwalben,
der Specht, die Amsel und der Star,
mit Trommeln, Pfeifen, viel Geschrei:
Die liebestolle Vogelschar.
Am frühen Morgen um halb acht,
da machen wir schon lauten Krach.
Wir flöten, zwitschern, tirilieren,
in unserm Hochzeitskleid uns zieren.
Wir tönen und wir trällern laut
und locken an die Vogelbraut.
Wir grenzen die Reviere ab,
bringen die Weibchen schnell auf Trab,
wir laden ein zum Matinee
im Buchenwald dort an dem See.
Ich bin der Sänger mit der schwarzen Kappe,
aus Afrika zurückgekehrt,
mit grauem Fleck in meinem Nacken,
als Komponist und Sänger hoch geehrt.
Schon bei den Mönchen war ich sehr beliebt,
die Grasmücke in ihrem Klostergarten,
am Morgen früh sie aus dem Schlaf geweckt,
melodisch flötend und gequiekt,
so bin ich in den Tag gestartet
und hab’ die Mönche aufgeschreckt.
Ich rufe meinen eignen Namen
und lock’ damit die Fitis an,
zu meinem Sang die Weibchen kamen:
„Zilp-Zalp“, „Zilp-Zalp“,
so schallt es aus dem Wald.
Ich bin die Drossel in der Eberesche,
halte bei Regen meine Morgenwäsche,
so laut wie ich gut singen kann,
das kann kein andrer Vogelmann.
Ich habe Gold in meiner Kehle,
was auch mein schöner Name sagt,
so manchem andren Vogel stehle
ich dessen Weibachen sanft und zart,
durch meine schöne Sangesschau:
Goldhähnchen bin ich, gelb und blau.
Welch andrer Vogel kann so zwitschern,
wie Schwalben auf dem Bauernhof,
mit ihren langen Flügeln glitzern.
Ich bring’ euch Menschen Glück ins Haus,
treib’ mit Gesang die Geister aus
und bin im Fliegenfang ganz groß.
Der König bin ich auf dem Thron,
und gerne auf dem Zaune wohn’.
Mein Schmettern schon am frühen Morgen
befreit euch doch von allen Sorgen.
Lieblich perlend, melodiös,
und manchmal auch mit viel Getös,
einer Kettensäge gleich,
so ziere ich das Vogelreich.
Mit meinem kleinen, roten Kehlchen
kann besser ich als Raben krächzen.
Metallisch und mit vielen Silben
klingt schon im März mein früher Sang,
so mancher Artgenosse kann sich bilden
im Park an meinem Meisenklang.
Ein Star bin ich,
ein wahrer Künstler,
ich sitze gern im Besenginster
und brüste mich,
kann alle Laute imitieren
und ahme all’ Geräusche nach,
dass Mensch und Tier sich irritieren,
das Läuten einer Straßenbahn,
des Dackels Jaulen und sein Bellen,
sogar des Eiermannes Schellen.
Wir Tauben turteln und wir gurren
als Liebesboten Salomos,
wir bringen auch die Post ins Haus,
wenn wir auch manchmal knurren
und hinterlegen unsren Kot,
wie auch in eurem Stall die Maus.
Die Musik steckt mir im Blut,
die Muse unter dem Gefieder,
und alle meine Werke, die sind gut:
Ich komponier’ und sing die Lieder,
trotz meines Namens sing ich auch tagsüber.
Ihr kennt die „Nachtigallen-Polka“,
Strawinskys „Lied der Nachtigall“,
den „Nachtigallenschlag“,
das Schnarren, Rattern und das Klingen,
das Karl der Große schon gern mag,
mein Pfeifen, Tönen und mein Singen.
Ich bin der Specht, der Zimmermann des Waldes,
der Trommler und der Musikant,
der Dirigent der Vogelschar.
Ich schlag den Takt,
laut schallt es dann
durchs ganze Vogelsängerland:
Ein Ohrenschmaus, fürwahr.
Mit seiner Pauke hämmert er
so laut auf seinen Buchenstamm,
von links nach rechts und kreuz und quer:
Das kann doch nur der Specht –
im Chor der Paukermusikant.
Nun ist das Matinee zu Ende,
wir alle reichen uns die Hände:
Bis heute Abend zur Soiree,
zum Abendschmaus und zum Diner.
(Dieter Kremp)
VOM LÄSTIGEN FLUG DER FLIEGENDEN POLLEN
Rund sechs Millionen Bundesbürger sehen dem Erwachen der Natur nicht mit freudiger Erwartung entgegen. Die Vorfreude auf das Hochfest der Blüten, das Anfang März mit dem Stäuben der Erle und Hasel beginnt, sich Ende März mit den blühenden Palmkätzchen und Ende April mit der gelben Löwenzahnwiese schmückt, löst bei diesen Geplagten schon lange keine poetischen Gefühle mehr aus. Und ein „Bett im Kornfeld“ wird dann im Sommer zur Qual, wenn nach dem Schäferstündchen das Niesen und Tränen beginnt. Sie weinen nicht aus Liebe, denn Pollenallergiker reagieren sehr empfindlich.
Alljährlich, wenn der Frühlingsherold seinen Einzug hält, wird der Pollenflug zum „Fluch der Pollen“. Wenn der Wind den Pollenstaub von blühenden Bäumen und Sträuchern, von Gräsern und Getreide über die Lande verstreut, fangen sich diese Allergiker ihren jährlichen Heuschnupfen ein. Dann werden sie von dauerndem Niesen und triefender Nase, von tränenden und brennenden, verquollenen Augen, qualvollem Husten und Atemnot, Kopfschmerzen und Schlafstörungen geplagt. Und es ist schwer, dem bedrohenden Blütenstaub zu entfliehen; denn er tritt mit einem „Milliardenheer“ von winzigen Angreifern auf: Eine einzige Roggenähre zum Beispiel setzt rund vier Millionen Pollen frei, aber schon 20 von ihnen pro Kubikmeter Luft genügen für eine massive allergische Reaktion.
Eigentlich wollen die männlichen Pollenkörnchen ihrer ureigensten Bestimmung wegen die weiblichen Narben der artgleichen Blüten treffen. „Die Nase ist doch kein weibliches Sexualorgan“, meinte schon der berühmte schwedische Naturforscher Linné, wenn sich bei ihm die männlichen Pollen auf der Nasenschleimhaut festsetzten und wieder mal seinen „Heuschnupfen“ auslösten.
Um den geballten Angriff der Pollen und einem Heuschnupfen zu entgehen, ist vielen der Betroffenen kein Weg zu weit. Sie reisen auf ferne Inseln, wenn Helgoland nicht mehr ausreicht; sie fahren ins Hochgebirge, um an diesen Orten in der fast pollenfreien Luft wieder aufatmen zu können. Aber nicht für jeden ist eine solche Reise möglich oder erschwinglich. Er ist voll und ganz auf den Arzt angewiesen, der heute in den dafür geeigneten Fällen die vorbeugende Immunbehandlung, die sogenannte Hyposensibilisierung, anwendet.
Kaum ein Mensch gleicht dem anderen; was dieser verkraftet, macht jenen krank. Die körpereigenen Abwehrkräfte sind nicht gleichmäßig verteilt. Daher kommt es, dass sich Blütenpollen so unterschiedlich auswirken. Sie rufen als sogenanntes Allergen oder Antigen im Organismus eine Überempfindlichkeit (Sensibilisierung) mit anschließender Antikörperbildung hervor. Diese krankhafte Immun- oder Überempfindlichkeitsreaktion bezeichnet man als Allergie. Der Heuschnupfen ist eine Pollenallergie. Heilen kann man den Heuschnupfen zwar nicht, aber doch erträglicher machen. Bereits vor Beginn der Blütezeit spritzt man dem Patienten Pollenallergene ein, um seine Überempfindlichkeit herabzusetzen. Bei einigen hilft diese Methode.
Es gibt auch eine ganze Reihe von Medikamenten, die den Heuschnupfen zumindest lindern. Vielfach besteht noch immer die Meinung, Heuschnupfen sei zwar eine lästige, aber doch harmlose Störung des Wohlbefindens. Das ist er jedoch nicht. Die Erfahrung lehrt, dass etwa ein Drittel der Pollenallergiker ohne Behandlung eines Tages mit einem allergischen Bronchialasthma rechnen muss.
So unerträglich Pollen auch sind, wenn sie mit dem Wind „fremdgehen“ – unter dem Mikroskop offenbart sich eine Wunderwelt an magischen Formen und Mustern, doch mit Haken und Ösen versehen. Damit klammern sie sich an den Blütennarben fest – oder eben in der empfindlichen Schleimhaut der Nase.
FRÜHLINGSBLUMEN ALS WETTERPROPHETEN
„… und nun hören Sie den Wetterbericht: Der Waldsauerklee hat schon vor Stunden seine Blätter zusammengelegt, die Anemonen ihre Knospen geschlossen und das Labkraut stinkt mal wieder! Da ist Regen zu erwarten.“
Anemonen und Veilchen, Holunder und Schlehen, Kirschblüten, Gras und Laub – das sind die am weitest verbreiteten und aussagekräftigsten Wetterpropheten unter den Frühlingsblumen. Sie alle weisen wie drei Wegweiser in drei Richtungen. Auf eine bevorstehende Wetteränderung, auf den Ertrag der Ernte und auf die Art des Winters.
Manche Blumen sind ideale Barometerpflanzen: Sie messen den Luftdruck und den Feuchtigkeitsgehalt der Atmosphäre und übertreffen für kurzfristige Voraussagen sogar unsere modernen technischen Hilfsmittel. Es ist wirklich so, dass manche Pflanzen durch hygroskopisches Öffnen und Schließen der Blüten trockenes oder nasses Wetter ankündigen.
Waldgeißblatt und Nachtviolen reagieren nicht hygroskopisch, sondern odorisch: sie duften besonders stark, wenn Schlechtwetter im Anzug ist.
Es gibt auch eine „Sonnenuhr“ unter den Wildpflanzen. Es ist die Wegwarte, deren azurblauen Blüten sich haargenau nach dem Stand der Sonne drehen.
Der Sauerklee öffnet am Morgen seine Blüten nur, wenn schönes Wetter in Aussicht ist. Bei bevorstehendem Regen stellt er die Blattstiele steil empor, so dass sie wie ein aufgespannter Regenschirm aussehen. Er wird im Volksmund deshalb Wetterhahn genannt. Ähnlich verhält sich die Malve.
Aus der Fülle der Bauernregeln über „Wetterpflanzen“ nehmen wir einige heraus:
„Schön Wetter künden die Anemonen, wenn sie ihre Blüten weit öffnen; schlechtes, wenn sie ihre Kronen geschlossen halten.“ „Die blauen Veilchen frage, wann nahen die warmen Tage.“ „Wenn Regen bevorsteht, schließt der Ackergauchheil seine winzigen, roten Blüten.“ Man nennt ihn daher auch gerne Regenblume, Gewitterblume und Schönwetterblume. „Wenn das Buschwindröschen seine weißen Blütensterne glockenförmig verschließt, das kurzlebige Hungerblümchen seine Blätter herabhängen lässt und die Sumpfdotterblume ihre Blätter zusammenzieht, so ist regnerisches oder trübes Wetter zu erwarten.“
„Wenn die Apfelblüten blüh’n, soll der Ofen wieder glüh’n.“ „Wenn der Flieder langsam verblüht, die Ernte sich lang hinzieht.“ „Wenn der Flieder verblüht schnell, so geht’s mit der Ernte rasch von der Stell.“ „Solange im Mai der Holunder nicht ausschlägt, ist noch Frost zu befürchten.“ „Wenn der Holunder blüht, so blühen auch die Reben.“ „Wie der Holunder blüht, Rebe auch und Lieb erglüht; blühen beide im Vollmondschein, gibt’s viel Glück und guten Wein.“ „Wie die Kirschblüt’, so die Wein- und Kornblüt’.“ „Eine gute Kirschblüte tut sagen, dass wir auch gute Wein- und Kornblüte haben.“ „Wenn der Kirschbaum zwischen zwei Lichtern am Neumond blüht, gibt es keine Kirschen.“
„Je früher der Schlehdorn blüht, je zeit’ger der Schnitter zur Ernte zieht.“ „Steht der Schlehdorn früh im Blütenschein, wird vor Jakobi die Ernte sein.“ „Wenn die Schlehdorn blicken, muss man die Handschuh noch mal flicken.“ „Wenn die Veilchen früh blüh’n, kommt auch der Kuckuck früh.“ „Wenn die Veilchen früh ihren Duft versprüh’n, so kommt ein warmer Frühling.“
Man kann sich denken, wie wichtig das Wetter für die Bauern war. Schließlich hing davon ihre Ernte ab. Und was wäre besser geeignet und schöner anzusehen gewesen, als die Blumen, um sich eine Vorhersage einzuholen. Die Vielfalt der Sprichwörter und Bauernregeln zeugt davon, dass die Menschen über lange Zeit hin genau das gemacht haben.
BIRKENSAFT ZUR FRÜHJAHRSKUR
Die Birke ist der leibhaftige Frühling
Alte Bäume sind etwas Herrliches. Mit ihrem mächtigen Stamm, den kräftigen Ästen und dem riesigen Blätterdach scheinen sie den Himmel zu tragen. Je älter ein Baum wird, umso mehr festigt sich sein ihm eigener Charakter in der Baumgestalt. Er wird immer mehr zur Persönlichkeit.
Die Birke macht da eine Ausnahme. Als junger Baum ist sie am schönsten. Später gleicht sie einer alten Frau, die ihre Falten mit viel Schminke zu verstecken sucht. Aber in der Jugend übertrifft sie alle anderen Bäume an Schönheit und Grazie. Der weiße, schlanke Stamm ist elegant und das feingliedrige, zartgrüne Blattkleid anmutig. Die Birke ist der leibhaftige Frühling, und wenn sie dann noch ihre spielenden Pollenkätzchen baumeln lässt, scheint sie ihre Hochzeit zu halten. Eine Baumnymphe, die der jungen Birke an einem Frühlingstag entstiege, würde sicher den zarten, blumigen Frauengestalten auf den Bildern Botticellis gleichen.
Haselnuss, Birke und Erle gehören alle zur Familie der Birkengewächse. Jeder dieser drei Bäumen war für die Menschen das Sinnbild eines bestimmten Punktes im Kreislauf des Lebens. Die Haselnuss stand am Anfang als Baum der Kinder und der Zeugung, die Birke verkörperte die Jugend, das Wachstum und Entstehen, die Erlen symbolisierte das Alter, welches schon mit dem Geheimnis des Todes vertraut wird.
Das Fest der Birke wird bei uns schon seit uralter Zeit gefeiert, denn die Heimat dieses Baumes sind die nördlichen, gemäßigten und arktischen Gebiete. Auf Island und Grönland waren die Birken sogar einmal die einzigen Bäume. In diesen Ländern, in denen Väterchen Frost besonders arg wütet, ist die Freude groß über den Frühling mit seinen ersten, sich begrünenden Bäumen: Weide und Birke. Während die Weide auch das Absterben symbolisiert, war die Birke ein Baum der reinen Freude. Ihr Fest im Frühling war jedes Mal ein Freudenfest der Wiedergeburt und der Hochzeit zwischen Himmel und Erde. Manchmal werden Birken am Waldrand auch mit Frauenkleidern behängt und so zur leibhaftigen Frühlingsgöttin gemacht.
Frische Birkenzweige wurden zur Lebensrute, mit der die jungen Burschen durchs Dorf zogen. Wer mit einer solchen Lebensrute „geschlagen“ wurde, war vor Krankheit für das weitere Jahr geschützt.
Selbst ein eisiger Winter kann der Birke nicht schaden, denn ihre luftgepolsterte Rinde ist ein guter Kälteschutz. Kein Laubbaum ist so winterhart wie die Birke. Außerdem ist die Birke besonders wasserdurchlässig. Die Rinde blättert nicht in dicken Schuppen ab, sondern sie schält sich elegant in papierähnlichen Querbändern. Dieses „Baumpapier“ war früher ein billiges Schreibmaterial.
Vom Birkenholz dagegen lässt sich nicht viel Rühmliches berichten. Es ist nicht von bester Qualität. Sehr selten wird es zum Möbelbau verwendet. Deshalb gilt es bei Forstmeistern oft „als Unkraut im Wald“. Aber durch den eingelagerten Birkensaft im Innern des Holzes brennt dieses auch in frischem und nassem Zustand und ist ein Geheimtipp für alle, die es im offenen Kamin verbrennen.
Im Frühling hat die Birke in Blättern und Saft die meisten Heilkräfte und bietet sich für eine Frühjahrskur geradezu an. Ihre Heilstoffe bilden zusammen eine gelungene Kombination, die belebend und reinigend auf den menschlichen Körper wirkt. Blase und Niere werden angeregt, doch hilft sie ebenso bei Rheuma, Gicht, Arthritis, Nieren- und Blasensteinen. Schon bei den Germanen galt der Birkensaft als Schönheitstrunk.
In meiner Kindheit habe ich zusammen mit meinem Großvater den Birkensaft abgezapft. Er schnitt die Rinde an einer der oberen Wurzeln an, hängte ein Fläschchen hinein und fing den tropfenden Saft auf. Daheim wurde dann im Frühjahr jeden Morgen vor dem Frühstück Birkensaft getrunken. „Gemolken“ werden die Stämme und Wurzeln von Ende März bis Mitte Mai, wenn die Säfte in den Stamm steigen. Eine kräftige Birke übersteht das Anzapfen ohne Schaden, wenn es nur alle zwei Jahre geschieht. Nach einem „Aderlass“ von zwei Liter Birkensaft muss das Loch wieder gut verschlossen werden, da er sonst „verbluten“ kann. Dafür nimmt man Baumwachs.
Der frische Saft ist eine glasklare Flüssigkeit, die schwach süßlich schmeckt. Zu einer Trinkkur genehmigt man sich täglich zwei Schnapsgläschen voll. Der Saft beginnt schnell zu gären, so dass er im Kühlschrank aufbewahrt werden muss. Birkensaft kann auch äußerlich verwendet werden. Er ist ein gutes Waschmittel für schlecht heilende Wunden und Hautausschlag. Will man ihn das ganze Jahr über zur Verfügung haben, so gibt man ein Drittel der Menge hochprozentigen Alkohol hinzu. Auch als haarwuchsförderndes Mittel ist der Birkensaft noch populär.
Für einen Birkenblättertee sammelt man die jungen, noch klebrigen Blätter. Durch ihren hohen Gehalt an ätherischen Ölen strömen sie einen balsamischen Duft aus. Von den getrockneten Blättern reichen zwei Teelöffel auf eine Tasse Wasser. Man übergieße die Blätter mit dem kochenden Wasser und lässt zehn Minuten ziehen. Man trinkt drei Tassen täglich. Eine Frühjahrskur sollte drei Wochen dauern.
WO SCHLÜSSEL AN DEN ZWEIGEN HÄNGEN
Wenn wir uns an den Kalender der Natur halten, dann beginnt der Vorfrühling mit dem Stäuben der Haselkätzchen. Die langen, gelben und hängenden Pollenkätzchen, im Volksmund auch Baumel- oder Troddelkätzchen genannt, sind die männlichen Blüten des Haselstrauches. Die weiblichen Blüten dagegen sind unscheinbare kleine, rote, knospenartige Gebilde. Ist es zur Blütezeit der Hasel trocken und zudem oftmals etwas windig, liegen im Herbst viele Haselnüsse unter den Haselsträuchern.
Einmal hatte der Haselstrauch fast ganz Deutschland bedeckt. Licht, hell und haselgrün war der Wald vor rund 8000 Jahren. Dann kam die Klimaänderung und der Haselwald verschwand. Haselsträucher befinden sich hierzulande am Waldrand, an Wegrändern und in der Nähe menschlicher Behausungen. Zusammen mit dem Holunderstrauch durfte der Haselstrauch früher in keinem Bauerngarten fehlen. Die elastischen und leicht biegsamen Äste des Haselstrauches werden seit Jahrtausenden als Wünschelruten verwendet. Mit ihnen suchten die Rutengänger Asiens und Europas nach Wasseradern, positiven und negativen Energiefeldern in der Erde. Die Volkssage, nach der am blühenden Haselstrauch im zeitigen Frühjahr silberne Schlüssel hängen, mit denen man Schatztruhen öffnen kann, ist eine schöne Umschreibung dieses alten Brauches. Dem Volksglauben nach wurde dem Haselstrauch auch eine blitzabwehrende Kraft zugesprochen. Bei Ausbruch eines Gewitters steckte man deshalb Haselzweige ans Fenster. Wurde man draußen auf dem Feld von einem Gewitter überrascht, steckte man sich einfach einen Haselzweig an den Hut.
Bei den keltischen Druiden war der Haselstrauch der weißen Göttin geweiht, deren Dienst neun Priesterinnen ausführten. So ist der Haselstrauch selbst mit der Zahl neun verbunden, denn er trägt, so sagt man, erst im neunten Jahr erste Früchte. Die Haselnüsse, erst in Verbindung mit der fruchtbar machenden Göttin und später losgelöst von diesem Kult, galten als Symbol der Fruchtbarkeit und der sexuellen Kraft. In Volksliedern und Reimen wird noch heute das Nüsseknacken mit der sexuellen Kraft in Verbindung gebracht.
Mancher Bauer kennt heute noch den Spruch: „Wenn es im Herbst viel Haselnüsse gibt, gibt es im kommenden Jahr viel Kinder.“ Oder es heißt bei uns: „Mit dem Hannes in die Nüsse gehen!“ Hildegard von Bingen empfahl Haselkätzchen sogar zur Therapie der Unfruchtbarkeit des Mannes. Der Gebrauch der Hasel für medizinische Zwecke ist jedoch in Vergessenheit geraten. Bekannt ist lediglich die schweißtreibende Wirkung der Blütenkätzchen.
In heimischen Vorgärten wird heute gerne die Korkzieherhasel angepflanzt. Dieser dekorative Strauch wird dann im zeitigen Frühling gerne mit bunten Eiern behangen, um die Osterzeit einzuläuten.
APRIL
NATUR KANN HEILEN
Es eilt ihm ein schlechter Ruf voraus, jedoch zu Unrecht. Der sprichwörtlich wetterwendische April, der Launing unserer Vorfahren, bringt uns vielmehr um die Monatsmitte meist anhaltend sonnige Tage und damit den Vorgeschmack des kommenden Sommers. Wie der Wonnemonat Mai ist der April ein Monat der Blumen und Blüten.
„Das Blühen will nicht enden. Es blüht das fernste, tiefste Tal: Nun, armes Herz, vergiss der Qual! Nun muss sich alles, alles wenden.“ – So wie Ludwig Uhland in seinem Gedicht „Frühlingsglaube“ haben Dichter aller Zeiten das Erwachen der Natur enthusiastisch begrüßt.
Volkslieder und Sprichwörter erzählen uns vom wundersamen Trost der Bäume: „Wo das Glück zu Hause ist, da dürfen Blumen lachen, Bäume tanzen, Bäche klatschen, Wiesen weinen, Berge hüpfen und Sterne winken.“ Das sind Erfahrungen, die gerade jetzt – angesichts der gefährdeten Schöpfung – in uns immer lebendig werden: „Die Natur ist die größte Zauberin, die Malerin der schönsten Bilder. Sie ist auch unsere Ernährerin. Gib auf sie acht! So lange noch Zeit ist.“
So wird es langsam Zeit, das wir die vielen Wunden, die wir unserer Natur immer noch jeden Tag zufügen, sei es aus Dummheit oder Bequemlichkeit, auch endlich anfangen, selber zu heilen.
Natur kann heilen, gerade jetzt im Frühling. Psychiater wissen zu berichten, dass durch den Anblick von Blumen und blühender Bäume Depressionen wirksam gelindert werden. Hier wirken Farben und Aroma der Blüten therapeutisch zusammen. Der Frühling ist immer eine Zeit des „Auftauens“ des menschlichen Herzens und der Gesundung der Seele. Die Natur gibt uns jeden Tag die Kraft, an das Gute und Schöne – auch in den Menschen – zu glauben.
„Es gibt Augenblicke im Leben, wo wir aufgelegt sind, jede Blume und jedes entlegene Gestirn, jeden höheren Geist an den Busen zu drücken – ein Umarmen der ganzen Natur, gleich unserer Geliebten. Der Mensch, der es so weit gebracht hat, alle Schönheit, alle Größe, Vortrefflichkeit im Kleinen und Großen der Natur aufzulesen und in dieser Mannigfaltigkeit die große Einheit zu finden, ist der Gottheit schon viel näher gerückt. Die ganze Schöpfung zerfließt in seiner Persönlichkeit.“
In diesem Monat der noch feucht angehauchten Erde sind die Wiesen- und Gartenblumen von ganz besonderer Pracht. Es sieht beinahe aus, als gäbe es ganz neue Modelle unter ihnen – neue Formen, neue Farben. Die Kollektion des Himmels ist von unerschöpflicher Phantasie. Wieder fällt es einem auf, wie fein und vollendet die allerkleinsten Blüten sind. Die Liebe des Schöpfers scheint sich mit dem Grad der Kleinheit zu vergrößern.
Der April fügt die Blütenträume unserer Kindheit und Jugendzeit zu einem bunten Blütenstrauß zusammen. Dieser Strauß soll jedem Freude bringen, der sich den Sinn für die unverbrauchte Schönheit der Natur bewahrt hat. Der Frühlingsmonat April ruft wieder neu in unser Gedächtnis zurück, dass es wirklich Zeit ist, behutsamer mit der Natur umzugehen. Denn nicht die Natur braucht uns, sondern wir brauchen die Natur. „Die Blumen und die Natur, genauso wie die vor Glück strahlenden Kinderaugen, geben uns jeden Tag die Gewissheit, dass Gott sein Vertrauen in die Menschen noch nicht verloren hat.“ Blumen sind die schönen Worte und Hieroglyphen der Natur, mit denen sie uns andeutet, wie lieb sie uns hat.
Halten wir es im Monat April mit den Worten von Hermann Löns! „Lass Deine Augen offen sein, geschlossen Deinen Mund und wandle still, so werden Dir geheime Dinge kund.“ Es ist eine Aufforderung zu einem Frühlingsspaziergang.
„Denn die Frühlingstage
kommen wieder zu ihrer Zeit;
der Vollmond nimmt Abschied
und kommt wieder zu neuem Besuch;
die Blüten kommen wieder
und erröten auf ihren Zweigen
Jahr für Jahr; und vielleicht
nahm auch ich nur Abschied von Euch,
um wiederzukommen.“ (Tagore)
EINE KUR FÜR DIE SEELE
Wir riechen die würzige Frühlingsluft, und nichts kann uns mehr an die dumpfe Stube fesseln. Da draußen grünt, sprießt und blüht es. Aus tausend Zweigen dringen Knospen und Blüten, tausend Stimmen lachen und frohlocken aus dem Gesträuch am Waldesrain.
Unsere Seele taut auf. Am Wegrand stehen weiße Birken, in der Sonne leuchtend wie schlanke Mädchen, die sich beim leichten Spiel im Frühlingswind sachte neigen. Und die Hasel verstreut noch immer aus ihren Pollenkätzchen gelben Blütenstaub. Von weitem erschallt der Ruf des Kuckucks.
Die zartweißen, weithin duftenden Blüten der Schwarzdornhecke am Wiesenhang quillt über voller Nektar und lädt die ersten Gäste zum Labsal ein: Bienen, Hummeln, Wespen und bunte Schmetterlinge.
Die Wende ist vollzogen. Daran können auch wenige Kältetage nichts ändern. Dort, wo die Natur noch natürlich ist, stehen Blumen über Blumen. Noch ist das Gras nicht erwachsen, noch deckt es nicht die Blumenhäupter zu. Kinder und kindliche Große pflücken Sträuße, holen die duftende Farbenpracht in allen unterschiedlichen Ausprägungen ins Zimmer.
Immer wieder werden Kinderhände Blumen halten – hoffentlich – man holt Natur ins Haus und sucht sogleich das Leben in der Natur zu verströmen; so als suche der moderne Mensch Versöhnung mit der durch ihn so sehr gebeutelten Natürlichkeit.
Wiesen, Gärten und Wälder riechen, den frühen Vogelsang hört man längst vor dem Aufstehen; die Himmelsfarben sind morgens und abends besonders kühn … und der beginnenden Wärme wachsen wir noch entgegen; so als ob „natürliche Bräune“ vor allen Sorgen schützte …
Die ersten lauen Abende, vielleicht die ersten Frührunden durch Feld und Flur noch vor dem Frühstück … bieten sich an, das Innen und Außen miteinander in Einklang zu bringen.
Frühlingsstunden sind auch im Regen schön, dicht aneinander unter einem Schirm oder allein unter tropfenden Bäumen. Alles ist flüsternd fernab der Hektik. Frühlingszeit ist Zeit für Einsamkeit auf der Suche nach sich selbst; dazu benötigen wir oft einen anderen vertrauten Menschen. Der kürzeste Weg, sich selbst zu begreifen, ist der Weg über den liebenden anderen. Wenn dieser andere Mensch nicht da ist, führt der Weg zu sich selbst am sichersten durch die blühende Einsamkeit in der erwachenden Natur.
Der Frühlingsmonat April macht andere Wirklichkeiten möglich: Nehmen wir uns bei jedem Wetter eine halbe oder eine Stunde Zeit am Tag, um jenseits vom Lärm und Hast über das Gemüt wieder Freundschaft mit der Natur zu knüpfen: Das ist eine Kur für die Seele, denn blühende Natur kann heilen. ^
Frühlingsrausch
Ich träum’ in einem stillen Park,
als Regen tropft hernieder,
auf märchenhaftes Blütenmeer
und lilablauen Flieder.
Die Hasel, stolz im Puderkleid,
die Birke, saftig in der Rinde,
im Morgenrot, der Sonne Schein,
und laue Frühlingswinde.
Die Linde, zart, in lichtem Grün,
die Weide voller Samt und Seide,
und über allem Sterne zieh’n,
berauschen junge Knospenzweige
Kastanien, voll mit tausend Kerzen,
erblühen im Alleenflur,
sie zieren sich wie junge Herzen,
dem Frühlingsherold auf der Spur.
Rotkehlchen trippeln vor mir hin
mit kecken Wippeschwänzen.
Sie picken hier und tänzeln dort
und ihre Augen glänzen.
Die Schwalben brüten schon im Nest,
sie feiern heut ihr Frühlingsfest.
Die Lerchen trillern in den Lüften
und süße, wohl berauschte Düfte,
umwinden mich im Frühlingstraum
mit hehrem, bunten Blütenschaum.
(Dieter Kremp)
DER LAUNING, DER 4. MONAT DES JAHRES
Unsere Monate tragen Namen lateinischen Ursprungs. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts waren vornehmlich auf dem Land auch noch altdeutsche Monatsnamen gebräuchlich, die zum großen Teil auf Karl den Großen zurückgehen. In oberdeutschen Mundarten, namentlich in Gebirgsgegenden Österreichs, sind auch heute noch alte deutsche Monatsnamen im Gebrauch.
Der April ist der vierte Monat des Jahres im gregorianischen Kalender. Er hat 30 Tage und beginnt mit demselben Wochentag wie der Juli und in Schaltjahren auch wie der Januar. Im römischen Kalender war der „Aphrilis“ ursprünglich der zweite Monat, weil mit dem Ende des Winters im März das neue landwirtschaftliche Jahr begann.
Es gibt keine gesicherte Herleitung des Namens. Da die Monatsnamen der ersten Jahreshälfte Götter wiedergeben, könnte der Name April (Aphrilis) auch von Aphrodite stammen, die als Göttin der Liebe zum April passen würde, auch wenn der römische Name Venus gewesen wäre. Es kann auch sein, dass das lateinische Wort „aperire“ (= öffnen) dem April seinen Namen gab. Die Knospen öffnen sich, die Natur erblüht. Eine andere Etymologie sieht „apricus“ („sonnig“) als Ursprung des Namens April. Zur Regierungszeit Kaiser Neros wurde der Monat ihm zu Ehren in „Neroneus“ umbenannt, was sich allerdings nicht durchsetzte. Unter Kaiser Commodus hieß der Monat April dann „Pius“, einer der Namen des Kaisers; auch diese Umbenennung wurde nach seinem Tod wieder rückgängig gemacht.
Der wetterwendische, launische April trägt den altdeutschen Namen „Launing“ und „Wandelmond“; letztere Bezeichnung vielleicht auch deshalb, weil sich die Natur verwandelt. Eine andere altdeutsche Bezeichnung ist „Grasmond“. Dieser Ausdruck kommt von den grünen Wiesen, die ab 1. April für die Dorfbewohner „gesperrt“ waren. Der alte deutsche Name, der durch Karl den Großen im 8. Jahrhundert eingeführt wurde, ist „Ostermond“, weil Ostern in der Regel der Jahre im April gefeiert wird. Ostern wird am ersten Sonntag nach dem auf Frühlingsanfang folgenden Vollmond gefeiert. Der früheste Termin für dieses Fest ist also der 22. März, der späteste der 25. April.
Der Sage nach wurde Luzifer am 1. April aus dem Himmel verstoßen. Seit dem 16. Jahrhundert ist in Europa der Brauch belegt, am 1. April einen Aprilscherz zu begehen, indem man seine Mitmenschen mit einem mehr oder weniger derben Scherz oder einer Lügengeschichte „in den April schickt“. Daher stammen auch die folgenden beiden Sprichwörter: „Am 1. April schickt man den Narren, wohin man will.“ „Im April, da macht jeder, was er will.“
Aprilwetter steht bildlich für wechselhaftes Wetter, auch wenn es in anderen Monaten stattfindet: „April, April – der macht, was er will“.
APRIL, APRIL …
Der Monat „Launing“, wie der April seines launenhaften Wetters wegen von unseren bäuerlichen Vorfahren genannt wurde, macht seinem Namen alle Ehre: das wechselhafte Wetter unserer Breiten wird durch Kaltlufteinflüsse aus dem Norden auf das bereits frühlingshaft erwärmte Festland verursacht. Die reimbegabten Landleute schlossen vom wetterwendischen April auch auf den Charakter des Menschen: „Bald trüb und rau, bald licht und mild, ist der April des Menschen Ebenbild.“
Die Launenhaftigkeit des Monats schlägt sich in zahlreichen Bauernregeln nieder. Dabei gibt es nicht nur Negatives zu berichten. Der Bauer, der jetzt bei der Frühjahrsbestellung seiner Felder ist, mag zwar darüber fluchen, wenn ein schweres Wetter niedergeht, während er seinen Acker bestellt. Er weiß aber wohl, dass der ständige Wechsel von Regen und Sonnenschein die Saat aufgehen lässt: „April, dein Segen, heißt Sonne und Regen – nur den Hagel häng’ an den Nagel.“ „Der April treibt sein Spiel, treibt er es toll, wird die Tenne recht voll.“ „Wenn der April Spektakel macht, gibt’s Heu und Korn in voller Pracht.“ „Nasser April und kühler Mai füllt die Speicher und macht viel Heu.“
So ganz recht ist dem Landmann ein April nicht, der keine Launen zeigt: „Des Aprilens Lachen verdirbt des Landmanns Sachen.“ „April trocken – macht die Keime stocken.“ Und wenn gar Nebel über die Täler und Höhen wallen, befürchtet man das Schlimmste für das Land: „Viel Nebel im April und Höhenrauch im Mai, die führen wohl die Pest und die Hungersnot herbei.“
Recht hoffnungsfroh stimmt das Zwitschern und Singen der Vögel: „Bauen im April schon die Schwalben, gibt’s viel Futter, Korn und Kalben.“ „Grasmücken, die fleißig singen, wollen uns den Frühling bringen.“ Und schließlich ist der April für die Bauern der „Knospenmonat“: „Der April macht die Blum’, und der Mai hat den Ruhm.“
Recht trübe Erfahrungen hat der Bauer mit dem Ambrosiustag (4. April) gemacht: „Ambrosius schneit oft den Bauern auf den Fuß.“ Jetzt ist es an der Zeit, die Erbsen zu säen: „Erbsen säe Ambrosius, so tragen sie reich und geben gut Mus.“
Recht frohgestimmt war man am Tiburtiustag (14. April): „Grüne Felder auf Tiburtiustag ziehen viel Getreide nach.“ „Kommt Tiburtius mit Sang und Schall, bringt er Kuckuck und Nachtigall.“
Einer der wichtigsten Lostage aber war St. Georg (23. April). Liegt noch Reif auf den Feldern, kann das nur Gutes bedeuten: „Kommt St. Georg geritten auf einem Schimmel, so kommt auch ein gutes Frühjahr vom Himmel.“ An St. Georg legte der Bauer seine Kartoffeln. Nach dem Volksglauben sollten sie dann eine besonders reiche Ernte bringen. Auf Obst und Getreide nehmen diese Lostagsregeln Bezug: „Wenn es am Jörgentag regnet, gibt’s keine Birnen.“ „Zu Georgi soll ein Rabe sich im Roggen verbergen können.“ „Hohes Korn an St. Jürgen wird viel Gutes verbürgen.“
Mit dem Markustag (25. April) machen Bauern und Gärtner diese Erfahrungen: „Solange es vor St. Markus warm ist, solange ist es nachher kalt.“ „Leg’ erst nach St. Markus Bohnen, er wird es dir reichlich lohnen.“ „Bauen um Markus schon die Schwalben, gibt es viel Futter, Korn und Kalben.“ Schließlich soll St. Vital (28. April) ein schöner Tag werden, sonst hat er schlimme Folgen: „Friert es am Tag von St. Vital, friert es wohl noch fünfzehn mal.“
DER HEILIGE HUGO HAT ES IN SICH
Der Ruf „April, April!“ scheint einen fröhlichen Monat voller Scherz und Schabernack einzuleiten. Es bereitet ein spitzbübisches Vergnügen, die lieben Mitmenschen straffrei „in den April zu schicken“. Öfter ist dabei die Freude nur auf einer Seite groß – der Gefoppte steht eher wie ein begossener Pudel da. Wer an diesem Tage alles glaubt, was ihm vorgeflunkert wird, ist selbst schuld. Und bei den Aprilscherzen mischen die Tageszeitungen heute tüchtig mit: Da werden Projekte und Veranstaltungen „blumig“ angekündigt, die es gar nicht gibt. Und immer wieder fallen allzu Wissbegierige auf diese Aprilspäße herein.
Dabei ist der erste April der Namenstag des heiligen Hugo, der fürwahr kein Narr war, sondern ein ernster Mönch und Bischof von Grenoble und als solcher maßgeblich an der Entstehung des Ordens der Kartäuser beteiligt. Der Patron gegen Kopfschmerzen mag demjenigen Kopfschmerzen bereiten, der sich allzu leichtgläubig in den April schicken lässt und dann von seinen Mitmenschen aus gelacht wird.
Der Tag ist auch dem heiligen Cäsarius geweiht, einem engen Gefährten und Ordensbruder von Franz von Assisi. Der galt bei unseren Vorfahren auch als Wetterheiliger: „Wenn Cäsarius Spektakel macht, gibt’s Heu und Korn in voller Pracht.“ Oder es heißt am Narrentag: „Der 1. April treibt sein Spiel, treibt er’s toll, wird die Tenne recht voll.“ Beide Wetterregeln sind ein Hinweis auf die Unbeständigkeit des Aprilwetters.
In vielen europäischen Ländern ist es an diesem Narrentag Brauch, Aprilscherze zu ersinnen, andere zum Aprilnarren oder Aprilgecken zu machen. Meist geht es darum, jemanden mit einer lügnerischen Nachricht oder einem nicht auszuführenden Auftrag auf den Leim gehen zu lassen.
Früher war der erste April ein Spaßtag für Herren, Erwachsene, Meister und Familienoberhäupter. Kinder, Lehrlinge und Knechte, die Kleinen und Schwachen also, wurden zu unsinnigen Besorgungen losgeschickt und bei der Rückkehr gebührend ausgelacht: Fliegenfett, trockenes Eis oder gedörrten Schnee sollten sie aus der Apotheke holen, ungebrannte Asche beim Kohlenhändler oder Hühnergräten beim Fleischer. Heute ist es eher umgekehrt: Der 1. April ist eine wunderbare Gelegenheit für die Kinder geworden, mit kleinen harmlosen Streichen und Neckereien etwas Leben in die Welt der Erwachsenen zu bringen. Wer hätte sich schon früher getraut, einen Lehrer in den April zu schicken?
Über den Ursprung der seit dem 17. Jahrhundert verbreiteten Sitte des Aprilschickens gibt es viele Vermutungen, aber letztlich bleibt die Herkunft ungeklärt. Das um diese Zeit des Jahres gefeierte Narrenfest der Römer oder ein noch älteres indisches Narrenfest mögen Vorläufer gewesen sein – vielleicht aber auch die Tatsache, dass Christus (in der Karwoche) in Szenen alter Passionsspiele „von Pontius zu Pilatus“ (von Hamas zu Kaiphas, von Pilatus zu Herodes) hin- und hergeschickt wurde. Eine volkstümliche Deutung, vielleicht mit einem Fünkchen Wahrheit, sieht eben im launischen Aprilwetter die Ursache der Aprilscherze. In Frankreich soll sich der Glaube halten, der 1. April sei der Geburts- oder Todestag von Judas, dem Verräter – durch ihn hätte der Teufel Gewalt über den Monat April erlangt. Nach einer anderen Deutung ist Karl IX. daran schuld, der im Jahre 1564 den Neujahrstag vom 1. April auf den 1. Januar verlegte. Wer das vergaß, traf seine Vorbereitungen umsonst.
APRILE-GRILLE AM 1. APRIL: BAUERNREGELN UND IHRE SCHERZE
Es ist zweifellos das Verdienst der Kalendermänner, dass die Regeln und Sprüche der Bauern überliefert wurden. Von den zum Teil gereimten Wetterweisheiten profitierte die meteorologische Forschung, die nicht auf die Erfahrungssätze aus einigen tausend Jahren verzichten mag. Die Sprüche aus bäuerlicher Lebensart und Lebensklugheit sind zum Teil in den Sprichwortschatz übergegangen.
Aber unter den Kalendermännern gab es auch eine Reihe von Sprücheklopfern, die Scherzregeln für das ganze Jahr parat hatten. Dass mit Humor alles besser geht, werden die nachfolgenden scherzhaften Bauernregeln beweisen, die oft nur um des lieben Reimens und des Lachens willen entstanden sind. Und wer kann es den Bauern verdenken? Wer das ganze Jahr hart arbeitet, hat ein herzhaftes Lachen mit scherzhaften Bauernregeln redlich verdient.
„Gibt’s Schnee und Eis im Januar, so fängt mit Kälte an das Jahr.“ „Auf das kannst du zählen jederzeit, dass es am 30. Februar nicht schneit.“ „Stellt sich im März schon Donner ein, so muss das ein Gewitter sein.“ „Stellt sich im April der Regen ein, dann hat man keinen Sonnenschein.“ „So der Storch dir im Maien ein Kind beschert, die Familie wird um ein Haupt vermehrt.“ „Fällt Juniregen in den Roggen, so bleibt der Weizen auch nicht trocken.“ „Schmerzt dir im Juli mal das Bein, so wird’s das rechte oder linke sein.“ „Macht der August den Menschen heiß, geraten sie leicht in großen Schweiß.“ „Prügelt im Oktober der Jäger seinen Hund, so tut er es mit oder ohne Grund.“ „Wenn im November der Schornstein raucht, wird in der Küche viel Holz verbraucht.“ „Gefriert’s an Silvester in Berg und Tal, geschieht es dies Jahr zum letzten Mal.“ „Am Abend wird der faule Bauer fleißig.“ „Geht die Sonne nach Westen, arbeiten die Faulen am besten.“ „Beim Sonnenschein schlafen und beim Mondenschein wachen, wird keinen Bauern zum reichen Manne machen.“ „Wenn ein alter Bauer stirbt, so lacht das Geld und weint das Feld.“ „Weiber bringen mehr, als sie mitnehmen.“ „Zwei Dingen nimmer trau: dem Gras im Februar und einer geschminkten Bauersfrau.“ „Soll sich lohnen deine Mühe, halt dir viele alte Kühe.“ „Ein Bauer bekommt leichter eine Frau als eine Kuh.“ „Ein Maul voll Gras fürs Vieh ist dem Bauer lieber als eine Schulstunde für seine Kinder.“ „Kartoffeln schmecken erst gut, wenn sie vorher die Schweine gefressen haben.“ „Kommt der Bauer im Rausch nach Haus, bricht ein Donnerwetter aus.“ „Geborgt wird nur einmal im Jahr, und zwar am 30. Februar.“ „Seit die Bauern die zehn Gebote nicht mehr halten, hält unser Herrgott die Wetterregeln nicht mehr.“ „Will der Bauer die Kehle feuchten, gibt es starkes Wetterleuchten.“ „Sind die Kartoffeln gut geraten, kannst du sie sieden oder braten.“ „Wenn am Dach hängen gefrorene Spitzen, dann ist gut beim Ofen sitzen.“ „Auf März folgt stets April, das ist Kalenderwill.“ „Wer im April will Kirschen pflücken, der ist nicht schwer dorthin zu schicken.“ „Wenn die Henne zu Weihnacht zwei Eier gebiert, so hat sie sich offenbar geirrt.“ „Geraten sehr wohl die Hopfen und Reben, so wird’s in der Folge viel Räusche geben.“ „Bauern und Schweine haben immer etwas zu grunzen.“ „Bauern können alle Plagen, aber keinen Durst vertragen.“ „Der dümmste Bauer hat die dicksten Kartoffeln.“ „Ein guter Bauer weiß genau: zuerst das Pferd und dann die Frau.“ „Wer mit den Hunden schlafen geht, steht mit Flöhen auf.“ „Dreht mehrmals sich der Wetterhahn, so zeigt er Sturm und Regen an.“ „Wachsen die Nächte schon wieder auf Erden, so viel kürzer die Tage werden.“ „Kräht der Hahn auf dem Mist, ändert sich’s Wetter, oder es bleibt wie es ist.“
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