Kitabı oku: «LAND UNTER»
Dieter Rieken
LAND UNTER
AndroSF 131
Dieter Rieken
LAND UNTER
AndroSF 131
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: Juli 2020
p.machinery Michael Haitel
Titelbild: Collage lizenzfreier Bilder von Pixabay
Layout & Umschlaggestaltung: Dieter Rieken, global:epropaganda
Korrektorat & Lektorat: Michael Haitel
Herstellung: global:epropaganda
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
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für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 204 1
ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 886 9
»Während der Meeresspiegel im 20. Jahrhundert weltweit um etwa 15 Zentimeter gestiegen ist, steigt er aktuell mehr als doppelt so schnell – um 3,6 mm jährlich. Das wird sich beschleunigen. Bis 2100 könnte er (…) etwa 60–110 cm erreichen, wenn der Ausstoß von Treibhausgasen weiterhin stark anwächst.«
Presseinformation des Weltklimarats IPCC zum
Sonderbericht über die Ozeane und die Kryosphäre
25. September 2019
»Durch das rasche Abschmelzen des Meereises und der polaren Eisschilde ist der Meeresspiegel in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts weitaus schneller gestiegen als prognostiziert – weltweit um mehr als 12 Meter. Bis zum Jahr 2100 könnte er (…) etwa 16–20 m erreichen.«
Presseinformation des Weltklimarats IPCC zum
Sonderbericht über die Ozeane und die Kryosphäre
18. Juli 2057
1·Der fliegende Holländer
Als Enno über das Balkongitter ins Boot stieg, griff eine Böe nach ihm und ließ ihn beinahe straucheln. Der Wind brachte den Stoff der Kapuze so heftig zum Flattern, dass es wie ein Trommelwirbel in seinen Ohren klang.
Nicht gerade das ideale Wetter, um zur Anlage rauszufahren, dachte er, während er sich auf der Achterducht niederließ und den Motor startete. Aber es war ja nicht sein erster Einsatz bei stürmischem Wind und rauer See. Enno hoffte nur, dass Nummer 12 ihn nicht mit einer aufwendigen Reparatur überraschte. Der Wetterdienst hatte einen Sturm angekündigt, und dieser würde sicher bald eintreffen.
Er ärgerte sich über die Stiche hinter den Schläfen. Während er das Boot durch die von Back- nach Steuerbord vorüberziehenden Wellen lenkte, verfluchte er das Bier, das er gestern Abend im Heaven getrunken hatte. »Irgend so 'n Billigbier«, hatte ihm Hose, sein bester Freund und Betreiber des Heaven, achselzuckend mitgeteilt. »Ist von Chris. Sie sagt, es gibt im Moment nichts anderes.« Das hatte Enno als Erklärung gereicht. Gutes Bier war überall schwer zu bekommen, es sei denn, man war dazu in der Lage, überhöhte Preise zu bezahlen. Die meisten Leute hier draußen lebten aber von der Hand in den Mund. Darum kaufte die Schlepperkapitänin Chris, die Ennos Nachbarschaft seit Kurzem mit Lebensmitteln und Gebrauchsartikeln versorgte, in der Regel ausschließlich Waren ein, die ihre Kunden sich auch leisten konnten.
Er zog den Ärmel der Öljacke hoch, wischte die Feuchtigkeit vom Display des PUC, des Personal Universal Communicators an seinem Unterarm, und vergewisserte sich, dass er sich nicht umsonst so früh aufgemacht hatte. Nein, die Message war eindeutig: ein Auftrag der Stufe eins. Golden Blades 7, Gondel Nummer 12. Kein Kontakt zum Umweltüberwachungssystem. Die Sache war ganz einfach: Dringlichkeitsstufe eins verlangte eine umgehende Erledigung; Enno war der für Golden Blades 7 zuständige Wartungstechniker; und er hatte den kürzesten Weg bis zur Offshore-Windkraftanlage.
Wenn er den Auftrag nicht gewollt hätte, wäre ihm schon eine Begründung eingefallen, ihn abzulehnen. In diesem Fall hätte das Predictive-Maintenance-Team in der Hafenstadt Achim den nächstbesten Techniker benachrichtigt. Doch Enno machte sich nichts vor: Er hatte einen Flexkontrakt. Für Bereitschaft gab es nur die Sockelvergütung, also fast nichts. Und er war diese Woche erst einmal im Einsatz gewesen. Davon konnte er nicht leben. Also hatte er den Auftrag bestätigt, noch bevor er richtig wach gewesen war.
Der Nordwestwind blies jetzt so stark, dass er den jungen Mann fast über Bord schob. Zugleich zwang er ihn dazu, immer wieder den Kurs zu korrigieren. Das störte Enno aber nicht. Vielmehr genoss er die Herausforderung, vor die ihn das Wetter stellte. Außerdem liebte er das auf wenige Farbtöne reduzierte Panorama, das ihm ein Morgen wie dieser bot. Das aufgewühlte Wasser sah aus wie Granit, der von Schieferstreifen durchzogen war. Ein Wolkenband verdeckte die noch tief stehende Sonne und sorgte dafür, dass sich die Kolorierung des Himmels kaum von der des Meeres absetzte. Am Horizont gingen Wasser und Wolken beinahe nahtlos ineinander über. Nur die Wellenkämme waren mit Gischt gesäumt und bildeten einen scharfen Kontrast zu den verschiedenen Grauschattierungen.
Er war froh, dass es nicht regnete. Ein bisschen schämte er sich für diesen Gedanken, denn ihm war klar, dass den Landwirten nach vier Monaten Dürre jeder Tropfen willkommen gewesen wäre. Regen hätte die Überfahrt jedoch sehr unangenehm gemacht. Enno besaß eine Persenning und ein flexibles Gestänge, mit dem er sie leicht aufspannen konnte. Er benutzte die Konstruktion aber nur als Sonnenschutz. Bei diesem Wetter hätte sie ohnehin nicht lange gehalten.
Während er sich Golden Blades 7 näherte, zeigte das Display des PUCs eine Windgeschwindigkeit von knapp vierzig Knoten an. Über siebzig Stundenkilometer, überschlug Enno im Kopf, Stärke acht also. Er bemühte sich, durch die Nase zu atmen, weil ihm jedes Mal, wenn er die Lippen öffnete, eine Böe die Luft aus dem Mund riss. »Das verschlägt dir den Atem«, nannte Hose dieses Phänomen. Enno lächelte, als er sich an das Wortspiel seines Freundes erinnerte.
Zwischen den Türmen der Windkraftanlage fing seine Kapuze wieder an, laut zu flattern. Immerhin war er jetzt wach, und die Kopfschmerzen hatten sich ein wenig gelegt.
Bei Nummer 12 angekommen, schnallte er sich den Rucksack um, in dem sich Werkzeug und Ersatzteile befanden, wickelte die Befestigungsleine um das Handgelenk und kletterte die Leiter zum Einstieg hinauf. Er erreichte die Plattform, die den Turm zur Hälfte umrundete, und machte das Boot an einem Ring fest. Anschließend presste er sich gegen die Wand und schob den linken Arm durch einen der Haltegriffe. Mit der freien Hand öffnete er den Reißverschluss der Öljacke. Trotz der frühen Stunde war es schon so warm, dass er in der Wetterschutzkleidung ins Schwitzen kam.
Über den PUC stellte er Kontakt zur Steuerung des Windrads her. Auf dem Display verfolgte er, wie sich die Luke der Gondel öffnete und der Motor der Winde ansprang. Enno legte den Kopf in den Nacken. Mit bloßem Auge konnte er dort oben keine Bewegung feststellen. Dadurch wurde ihm einmal mehr bewusst, wie riesig die Windräder waren. Die Gondel, die den Rotor trug, befand sich hundertzwanzig Meter über ihm. Aus seiner Perspektive wirkte sie wie ein Spielzeug. Dabei war sie fast so groß wie ein Haus und wog mehrere Hundert Tonnen.
Es dauerte ein paar Minuten, bis er den Lasthaken erkennen konnte, der sich zu ihm herabsenkte. Das Wartungspersonal nahm für den Aufstieg in der Regel die Leiter im Innern des Turms. Enno pfiff darauf. Es war ja nicht verboten, die Winde als Fahrstuhl zu nutzen. Er stieg mit einem Fuß in den schweren Haken, sicherte sich ab und ließ sich hinauftragen.
Er hatte noch keine zehn Meter hinter sich gebracht, da begann es zu hageln. Zum Glück hielt der Schauer nicht lange an. Anderenfalls hätte Enno wieder hinunterfahren und das Boot abdecken müssen.
Auf dem Weg nach oben versuchte er, die Gebäude in der näheren Umgebung auszumachen. Als Erstes entdeckte er Warners Leuchtturm. Kurz darauf waren die oberen Stockwerke des Hochhauses zu sehen, in denen er sich selbst vor zwei Jahren eingerichtet hatte. Auf halber Höhe meinte er, das Hotel Fährhaus, in dem Kalli, Monika und ihr Bruder lebten, und das Dach der Ludgerikirche zu erkennen, die das Heaven beherbergte. Doch er war nicht sicher. Die Gebäude waren zehn, fünfzehn Kilometer entfernt – nicht mehr als verwaschene Kleckse, die sich kaum vom Graublau des Wassers und des Himmels abhoben.
Bevor er den Einstieg erreichte, richtete er den Blick in die Ferne. Das Festland lag hinter dem Horizont. Obwohl er es besser hätte wissen müssen, enttäuschte es ihn jedes Mal, dass die Küste selbst aus dieser Höhe nicht zu sehen war.
Vor drei Jahren stand hier noch ein Deich, vergegenwärtigte er sich. Die Inseln waren längst überflutet gewesen, aber er hätte hinter den mit Stahl und Beton bewehrten Schutzwällen zumindest ein paar Häuser, Bäume und Felder im Blick gehabt. Stattdessen Wasser, so weit das Auge reichte.
Der Anschlag hatte alles verändert.
Enno kannte die Fakten. Er hatte sich jahrelang mit dem Terrorangriff und seinen Auswirkungen beschäftigt.
Am Abend des neunzehnten Dezember 2055 um kurz nach acht hatten die Redaktionen mehrerer Nachrichtenkanäle die Mitteilung erhalten, dass in achtundvierzig Stunden ein Anschlag auf die Schutzwälle an der Nordseeküste verübt werden würde. Die Ankündigung stammte von einer Gruppe, die sich »Der Rechte Weg« nannte. Niemand hatte je zuvor von ihr gehört. Es gab jedoch gute Gründe, die Drohung ernst zu nehmen. Stil und Wortwahl ließen vermuten, dass es sich um militante Islamisten handelte. Die arabische Welt, in der seit Jahrzehnten Krieg und Chaos herrschte, brachte alle paar Monate eine radikale Gruppierung hervor, die mit politisch oder religiös motivierten Anschlägen von sich reden machte.
Knapp sechzehn Stunden später, am Mittag des zwanzigsten Dezember, detonierten sechs der ursprünglich zwölf Sprengsätze – die anderen hatte man gefunden und entschärft. Sie rissen klaffende Löcher in die Deiche zwischen Den Haag und Hamburg. Weil die Evakuierung noch nicht abgeschlossen war, löschte die Flutwelle, die alle tiefer gelegenen Landesteile überrollte, innerhalb einer Stunde ein Drittel der Einwohner der Niederlande aus. In Deutschland tötete sie weitere zwei Millionen Menschen. Das Wasser überschwemmte den Norden Niedersachsens, den Stadtstaat Bremen und große Teile Hamburgs. Als es zum Stehen kam, hatte Deutschland eine neue Küstenlinie, die sich von Meppen im Westen bis nach Lüneburg im Osten erstreckte.
Der Terroranschlag war der schwerste und folgenreichste, der Europa je getroffen hatte. Er beschäftigte die Medien bis heute. Dokus und Expertenrunden kauten jedes Detail wieder und wieder. Bis auf die Täter, deren Identität niemals zweifelsfrei geklärt werden konnte, gab es vermutlich nichts, das der Öffentlichkeit verborgen geblieben war.
Die ersten Bilder der Flutkatastrophe stammten von den Drohnen der großen Sendeanstalten. Enno hatte sie ein paar Minuten nach den Explosionen empfangen. Er saß zu diesem Zeitpunkt mit seiner Mutter und rund zwanzig anderen Menschen im Glockenturm in Jever und wartete auf Rettung.
Seitdem hatte er keine Doku über den Anschlag, die Hintergründe und die Folgen verpasst. Eine Zeit lang hatte er jede freie Minute damit verbracht, sich die Clips anzusehen, die von den Betroffenen während der Flutkatastrophe aufgenommen und ins Netz gestellt worden waren. Es war ein Kaleidoskop des Grauens.
»Vielleicht tu ich mir das an, weil ich mich schuldig fühle«, hatte er Hose einmal erklärt. »Meine Mutter, ein junges Paar aus der Nachbarschaft, ein Freund aus Bremen, vier Arbeitskollegen … So viele Tote! Und man selbst kommt mehr oder weniger durch Zufall davon. Schon komisch, dass man deswegen Schuld empfindet, oder? Weil es einem besser ergangen ist als den anderen.«
Enno verdrängte die Gedanken an den Anschlag und konzentrierte sich auf die Arbeit. Der PUC bot ihm Zugriff auf alle Diagnosetools, die er brauchte. Dennoch fand er den Fehler erst nach einer halben Stunde: Schmutz im Stecker eines der Glasfaserkabel im Verteiler. Darum empfing die Leitstelle in Achim keine Daten mehr über Temperatur, Luftfeuchtigkeit und andere Umweltbedingungen in der Gondel. Enno ärgerte sich, dass er die Anschlüsse nicht früher überprüft hatte. Wegen des Abriebs war Staub in den Gondeln ein ständiges Problem – und das vorgeschriebene Wartungsintervall für die Steckverbindungen viel zu lang.
Nachdem er die Endflächen der Glasfasern gereinigt hatte, funktionierte die Übertragung wieder. Er schloss den Verteiler ab, loggte sich in das Wartungsprotokoll ein und hinterließ einen Vermerk. Anschließend zog er sein Ölzeug an und machte sich mithilfe der Winde auf den Weg nach unten.
Seit seiner Ankunft war eine knappe Stunde vergangen. Die Temperatur war auf siebenundzwanzig Grad gestiegen. Der Tag würde wieder heiß werden. Es war jedoch nicht die Hitze, die Enno beunruhigte, sondern das aufziehende Unwetter. Während er in Nummer 12 beschäftigt gewesen war, hatte der Wind eine Geschwindigkeit von achtundvierzig Knoten erreicht. Die vorübertreibenden Schaumstreifen waren so dicht, dass man die Rotorblätter von Golden Blades 6, des nächstliegenden Windparks, nicht mehr erkennen konnte. Der Sturm hatte das Meer zu mächtigen Wellenbergen anschwellen lassen, die in hohem Tempo durch die Türme walzten. Das Motorboot hob und senkte sich mit jeder Woge um mehrere Meter. Zwischen den Kämmen warf es sich an der Leine hin und her wie ein gefangenes wildes Tier.
Während er den Lasthaken hinauf schickte, überlegte Enno, ob er das Unwetter nicht besser in der Gondel aussitzen sollte. Für den Fall, dass widrige Umstände einen Techniker zu einem längeren Aufenthalt zwangen, gab es dort Wasser, Essensrationen und sogar ein Notbett. Die Zeit könnte er sich mit PUC Video vertreiben. Er entschied sich anders. In den Gondeln konnte es sehr warm und stickig werden. Dagegen ließ es sich zu Hause, in den schattigen Räumen direkt über dem Wasser, an heißen Tagen gut aushalten. Sturm hin oder her.
Von einer Böe getrieben, taumelte er auf den Ring zu, an dem er festgemacht hatte, und ließ sich auf die Knie nieder, um dem Wind weniger Angriffsfläche zu bieten. Er öffnete den Roringstek und zog das bockende Boot näher zu sich heran. Enno schmunzelte über sich selbst, weil er so unvernünftig war, sich bei diesem Wetter wieder aufs Wasser hinaus zu wagen.
Da riss ihn ein heftiger Ruck von der Plattform herunter. Er fiel vier oder fünf Meter und landete kopfüber im Boot. Noch bevor er den Schmerz richtig wahrnehmen konnte, verlor er das Bewusstsein.
Als er die Augen aufschlug, war er desorientiert. Er fand sich auf dem Rücken im Wartungsboot liegend wieder. Ein Bein hing über die Backbordseite nach draußen und fühlte sich nass an.
Er erinnerte sich an das Unwetter und den Sturz. Der Sturm hatte sich gelegt. Das Tosen der Wellen war einem Plätschern gewichen, und das Boot schaukelte sanft. Die Sonne brannte ihm ins Gesicht. Soweit er das aus seiner Position überblicken konnte, war am Himmel keine Wolke mehr zu sehen.
Zum Glück hatte er sich nichts gebrochen, dachte er, als er das Bein ins Trockene zog. Bei der Bewegung durchzuckte seinen Kopf ein stechender Schmerz – schlimmer als der von heute früh. Enno betastete die Stirn und spürte eine Schwellung. Als er die Hand zurückzog, klebte Blut an den Fingern.
Als Nächstes fiel ihm auf, dass er sich nicht mehr in der Nähe des Windparks befinden konnte. Das stetige Rauschen, das die Rotorblätter erzeugten, war verschwunden. Enno wollte sich aufrichten, um festzustellen, wie weit die Strömung ihn abgetrieben hatte. Dabei wurde ihm schwarz vor Augen. Er versuchte, dagegen anzukämpfen, und blinzelte ein paarmal. Es gelang ihm aber nicht, den Oberkörper zu heben. Der Himmel und die Sonnenscheibe über ihm begannen zu flimmern, die Welt um ihn herum geriet ins Wanken. Für einen Moment meinte er, ein Haus vorbeischweben zu sehen. Es hatte eine weiß lackierte Holzfassade mit zwei in der Sonne aufblitzenden Fenstern und grünen Fensterläden. Davor stand eine silberne Regentonne.
Ein fliegendes Haus? Er konnte das Rätsel nicht mehr klären, weil er erneut ohnmächtig wurde.
Er erwachte in einem Zimmer, das nicht seins war, auf einem Sofa, das er nicht kannte. Vor ihm, auf einem Beistelltisch, stand ein Glas, das zur Hälfte mit einer klaren Flüssigkeit gefüllt war. Daneben lag ein Streifen Tabletten. Als Enno den Arm hob, um sich an die pochende Stirn zu fassen, spürte er in Höhe des Ellenbogens einen Widerstand. Er sah an sich hinunter und stellte fest, dass er unter einer Decke lag. Mit den Fingern ertastete er Mull und Pflaster. Offenbar hatte jemand die Kopfwunde versorgt.
Er schloss die Augen und horchte in sich hinein. Ihm war schwindelig, doch es ging ihm besser als vorhin. Die Schmerzen waren noch da, hatten aber ihren Stachel verloren.
Sein nächster Blick traf den Rucksack mit dem Werkzeug und den Ersatzteilen. Er stand auf der anderen Seite des Raumes, an ein Regal gelehnt, das vollgestopft war mit Büchern. Das Ölzeug hing auf einem Haken an der Seite eines Schrankes. Zwischen den Möbelstücken befand sich eine blau lackierte Tür. Linkerhand gab es einen Tisch und zwei Holzstühle. Die rechte Wand war von zwei Fensternischen unterbrochen. Dazwischen stand ein Klimagerät. Von der Decke baumelte eine Lampe. Sie pendelte in einem unregelmäßigen Rhythmus vor und zurück.
Bevor Enno die Bewegung der Lampe mit seinem Schwindel in Beziehung setzen konnte, vernahm er zur Linken Geräusche: das Streichen von Stoff auf Stoff und ein leises Schmatzen.
»Schön, dass Sie wieder wach sind«, erklang eine männliche Stimme. Als er sich umdrehen wollte, sagte sie: »Bewegen Sie sich lieber nicht. Sie haben viel Blut verloren, vielleicht eine Gehirnerschütterung, was weiß ich. Sie sollten liegen bleiben, bis Sie wieder bei Kräften sind.«
Von der Kopfseite des Sofas her schob sich ein Gesicht in Ennos Blickfeld, mit Falten und Altersflecken übersät, von weißem Haupt- und Barthaar eingerahmt, darin zusammengekniffene Augen. Es verzog sich zu einem Lächeln, beinahe gequält, als bereitete die Änderung der Mimik dem alten Mann Schmerzen.
»Wie lange sitzen Sie da schon?«, fragte Enno.
Die großen Ohren des Alten bewegten sich ein wenig nach oben und wieder zurück, bevor er antwortete: »Keine Ahnung. Ich habe nicht auf die Uhr gesehen.«
»Waren Sie das? Der Verband?«, wollte Enno wissen.
Der Mann nickte.
»Danke. Wissen Sie, wo mein Boot ist?«
Sein Gegenüber nickte weiter. »Liegt draußen im Garten.«
Die Antwort brachte Enno auf seine wichtigste Frage: »Wo bin ich hier überhaupt gelandet?« Er musste davon ausgehen, dass er weit nach Osten abgetrieben und von dem Fremden an irgendeiner Küste aufgelesen worden war.
Das Gesicht des Mannes verschwand. Dann kam er um den Tisch herum, schob das Glas zur Seite und ließ sich Enno gegenüber auf der Platte nieder. Er beugte sich seufzend vor und stützte seinen Oberkörper mit den Unterarmen auf den Knien ab.
»Ich habe Sie in der Nähe der Windräder rausgefischt«, antwortete er. »Ich weiß ja nicht, wo Sie wohnen. Darum bin ich hier erst mal vor Anker gegangen.«
Enno brauchte eine Weile, bevor er die Aussage verarbeitet hatte. Konnte es sein, dass sie noch auf See waren?, fragte er sich. Vor seinem geistigen Auge sah er das Bild eines fliegenden Hauses an sich vorüberziehen. Er erinnerte sich deutlich an eine Regentonne.
»Ist das hier ein Schiff?«, erkundigte er sich.
Die Augen des Alten blitzten amüsiert auf. Er schüttelte den Kopf. »Ein schwimmendes Haus. Eine Art Hausboot.«
»Und Sie haben einen Garten«, wiederholte Enno, um sich zu vergewissern, dass er sich nicht verhört hatte.
»Ein Gewächshaus, ein paar Blumentöpfe, so etwas. Ich nenne es gerne meinen ›Garten‹.«
Die Vorstellung, dass es mitten in der Nordsee, wenige Meter entfernt, frisches Obst oder Gemüse geben sollte, faszinierte Enno. Vom Sofa aus konnte er leider nicht aus dem Fenster sehen.
Er besann sich seiner Manieren. »Mein Name ist Osterkamp. Ich arbeite für die Golden Blades Corporation als Wartungstechniker.« Er streckte seinem Gastgeber die Hand so weit entgegen, wie es ihm auf dem Rücken liegend möglich war.
Der Alte nahm sie und drückte sie fest. Er hatte offenbar nicht vor, sich seinerseits vorzustellen. Stattdessen stand er auf und bot Enno an, ihn nach Hause zu bringen. »Wenn Sie nichts dagegen haben, setze ich mich in Ihr Boot und nehme mein Haus in Schlepp. Ich hab nämlich kaum noch Strom«, erklärte er.
»Keine Einwände«, sagte Enno. Zwar irritierte ihn die Eile des Mannes, aber er akzeptierte sie. Er nannte ihm die Koordinaten des Hochhauses.
Enno war erstaunt zu hören, dass sein Gastgeber keinen PUC besaß. Dadurch war er gezwungen, ihm Lage und Aussehen des Gebäudes zu beschreiben: »Acht Kilometer westlich vom Leuchtturm, da kucken ein paar Stockwerke aus dem Wasser. Oben drauf ein Flachdach, Antennen, eine Solaranlage und ein gelbes Sonnensegel.«
»Ich hatte angenommen, Sie wären von der Plattform gekommen.«
Die Erwähnung der Offshore-Plattform erinnerte Enno daran, wie er während einer Trainingsmaßnahme einmal mit einer Achtzig-Prozent-Kollegin ins Gespräch gekommen war. Diese hatte ihm ein anschauliches Bild vermittelt, was es bedeutete, auf einer Versorgungs- und Umspannungsplattform zu wohnen. GBC versorgte die Monteure und Techniker, die mit Fixkontrakt arbeiteten, mit hochwertigen Lebensmitteln, hin und wieder sogar mit echtem Fleisch. Das hatte für ihn verlockend geklungen. Auf der anderen Seite gab es dort ausschließlich Sammelunterkünfte. Diese waren eng, und der Mangel an Privatsphäre machte den Frauen und Männern vor Ort zu schaffen.
»Ich hab einen Flexkontrakt, sechzig Prozent, keine Präsenzpflicht«, erklärte er sein Arbeitsverhältnis. »Das Leben auf so einer Plattform wär auch nichts für mich.«
Was dann geschah, war seltsam. Eben hatte der alte Mann ihm noch aufmerksam zugehört, da wurden seine Augen glasig. Seine Schultern rutschten nach vorne, und er erstarrte.
Enno wartete darauf, dass er aufsah und etwas sagte – dass er irgendetwas tat. Er sprach ihn laut an. Er winkte sogar, um seine Aufmerksamkeit zu wecken. Als all das zu keinem Ergebnis führte, wurde er unruhig. Nach weiteren zwei oder drei Minuten aktivierte er den PUC, um sich über Telemed mit dem ärztlichen Bereitschaftsdienst verbinden zu lassen. Doch das Gerät reagierte weder auf Sprach- noch auf manuelle Befehle. Kaputt?, wunderte Enno sich. Eigentlich hätte es nicht nur wasserdicht, sondern auch schlagfest sein sollen.
Da hob der Alte den Kopf. Sein Blick war wieder klar. Er stand auf und machte sich, als sei nichts geschehen, auf den Weg zur Tür. Vermutlich wollte er das Wartungsboot wie geplant zu Wasser lassen.
Enno atmete hörbar aus. »Sie haben mich ganz schön erschreckt«, rief er dem Mann hinterher.
Dieser hielt inne und wandte sich zu seinem Gast um. Sein Gesicht war ernst. Mehr als ein kurzes Brummen, mit dem er Verständnis für Ennos Reaktion signalisierte, war ihm nicht zu entlocken.
Durch den Sturz hatte Enno eine leichte Gehirnerschütterung davongetragen. Laut Telearzt sollte er im Bett bleiben und Tabletten schlucken. Eine Drohne brachte ihm das Medikament.
Es war vor allem Hose, der sich um ihn kümmerte, bis es ihm besser ging. »Schön, dich wieder öfter zu sehen«, sagte der schlaksige Mann. »Du hast dich echt lang genug von uns abgekapselt.« Mit »uns« meinte er sich und seine Freundin Kirstin, die sie kurz »Tine« nannten. Die beiden wohnten auf einem Schiffswrack neben der Kirche, knapp fünf Kilometer vom Hochhaus entfernt.
Enno musste zugeben, dass er es ebenfalls schön fand, ein vertrautes Gesicht um sich zu haben. Wenn Hose in der Küche Wasser aufsetzte – »Eerstmaal en Köppke Tee« –, sich zu ihm ans Bett setzte und sie über Bekannte tratschten, war es wie früher.
Und als Enno eines Abends auf seine Mutter zu sprechen kam und ihm die Stimme versagte, legte ihm Hose einen Arm um die Schultern, hielt ihn fest und sagte: »Ich weiß, wie sich das anfühlt. Dat kummt sachts all up Stee«. Enno glaubte nicht, dass jemals alles wieder in Ordnung kommen würde. Trotzdem empfand er Hoses Worte als tröstlich.
Hose hieß eigentlich Holger Tammen. Er stammte aus einer alteingesessenen Norder Familie. Enno war seit der fünften Klasse mit ihm befreundet. Schon damals hatte es nichts gegeben, was sie sich nicht gegenseitig anvertrauten, und wenig, was sie nicht miteinander teilten.
In Ennos Augen war Holger ein Riese. Weil er als Jugendlicher zu klein gewesen war, hatte er Hormonspritzen bekommen und war danach gewachsen, bis er eine Größe von zwei Metern und zehn erreicht hatte. Seine allzu hagere Statur kompensierte er mit einer rotblonden Mähne, die seitdem so etwas wie sein Markenzeichen darstellte.
Nach dem Abitur waren sie zusammen nach Berlin gegangen. Holger schrieb sich für Mineralogie ein, Enno studierte Kommunikationstechnik, »etwas Praktisches und Handfestes«, wie er die Wahl damals begründete. Obwohl sie sich nicht mehr täglich trafen, schweißten sie die Erfahrungen, die sie in der Großstadt machten, noch enger zusammen.
Am Ende des zweiten Semesters erlitt Ennos Mutter mit ihrem E-Skooter einen Unfall, bei dem sie sich beide Beine brach. Enno sah sich gezwungen, sein Studium in Bremen fortzusetzen, von wo aus er sie an den Wochenenden besuchen konnte. Nach dem Umzug verloren Holger und er sich aus den Augen. Enno war mit dem Studium, Freundinnen und politischen Aktivitäten an der Universität mehr als ausgelastet. Das letzte Mal, dass sie längere Zeit miteinander verbrachten, war der Sonntag, an dem Holgers Vater beerdigt wurde, und die Woche darauf, in der Enno seinem Freund beistand und ihm half, den Nachlass zu regeln.
Drei Jahre später stand Ostfriesland unter Wasser, und Ennos Mutter war nicht mehr da. Er verdrängte den Verlust, so gut er konnte und solange es ging. Eines Abends, allein in der Werkswohnung seines ersten Arbeitgebers in Osnabrück, traf ihn der Schmerz mit voller Wucht. Es kam ihm so vor, als risse ihm jemand den Boden unter den Füßen weg. Im Herbst 2056 kündigte Enno den Kontrakt und suchte sich eine Unterkunft in seiner alten Heimat. Das Dachgeschoss eines überfluteten Hochhauses, das einst die Skyline der Insel Norderney geprägt hatte, kam ihm gerade recht – ebenso wie das Jobangebot der Golden Blades Corporation.
Holger war bereits im Frühjahr, drei Monate nach dem Anschlag, in das überschwemmte Gebiet gezogen. Er wohnte ganz in der Nähe. Aber Enno wollte niemanden sehen. Er konnte keine Menschen um sich ertragen. Holger respektierte das. Er fuhr hin und wieder bei seinem Freund vorbei, hörte ihm zu, wenn ihm nach Reden war, und ließ ihn in Ruhe, wenn er merkte, dass er alleine sein wollte. Nur zwei- oder dreimal konnte er Enno dazu überreden, am Samstagabend ins Heaven zu kommen.
So ging das zwei Jahre lang, bis zu dem Tag, als der alte Mann ihn und das Wartungsboot aus dem Wasser fischte.
Der Alte war neben dem Hochhaus vor Anker gegangen. Solange Enno das Bett hütete, kam er täglich herüber und leistete dem jungen Mann ein wenig Gesellschaft. Bei seinen Besuchen brachte er frisch gefangene Fische, Tomaten aus seinem Gewächshaus oder ein Glas Vitaminsaft mit. Einmal hatte er sogar einen Teller Labskaus mit Spiegelei dabei, den Enno mit großem Appetit leerte. Außerdem sah er nach der Entsalzungsanlage, die sich drei Stockwerke tiefer befand, prüfte die Leistung der Solarmodule auf dem Dach und half Enno dabei, mit der GBC-Personalabteilung die Entgeltfortzahlung zu klären.
Nachdem Enno wieder auf den Beinen war, machte der alte Mann keine Anstalten, seine Fahrt fortzusetzen. Es verging kaum ein Tag, an dem sie nicht ein paar Worte miteinander wechselten. So dauerte es nicht lange, bis Enno sich an die Gesellschaft seines neuen Nachbarn gewöhnt hatte.
»Ich mag ehrlich gesagt gar nicht daran denken, dass er sich mit seinem schwimmenden Haus irgendwann wieder auf den Weg machen könnte«, gestand er Tine Monate später schmunzelnd ein. »Ich glaube, ich würde ihn vermissen.«
Tine freute sich. »Du magst den alten Mann. Das finde ich schön. Er ist ein bisschen sonderbar, aber er ist gut für dich«, sagte sie und fuhr ihm mit den Fingern durch die schwarzen Locken. »Das Einsiedlerdasein, das du hier geführt hast, ist nichts für dich«, meinte sie. »Seitdem du wieder mehr unter die Leute kommst, gefällst du mir viel besser.« Ihre Geste und ihr Gesichtsausdruck erinnerten ihn an seine Mutter.
Tine hatte recht: Es tat wirklich gut, den Alten um sich zu haben. Man konnte sich mit ihm über alles Mögliche unterhalten, und er hatte zu fast jedem Thema eine Meinung, die auf Faktenwissen oder Erfahrung beruhte. Das unterschied ihn von den älteren Menschen, die Enno auf der Arbeit kennengelernt hatte und die ihre auf nichts begründeten Vorurteile gerne als der Weisheit letzten Schluss getarnt hatten.
Unabhängig davon, dass er ein guter Gesprächspartner war, hielt sein Nachbar sich bedeckt, wenn ihm die Fragen der jungen Leute zu persönlich wurden. Auch Enno gegenüber blieb er zurückhaltend. Als sie zum Du übergingen, stellte er sich ihm als »Piet« vor. So erfuhren sie endlich seinen Namen. Außerdem erzählte er, dass er lange in den Niederlanden gelebt und sich nach der Flutkatastrophe aufgemacht hatte, um in Deutschland nach Verwandten zu suchen.
»Mit der Suche scheint es dein ›Holländer‹ ja nicht sehr eilig zu haben«, merkte Warner an. Der kleine Mann mit dem Pferdeschwanz, der im Leuchtturm ein paar Kilometer weiter östlich lebte, bezeichnete sich selbst als »IT-Sicherheitsberater«. Hose zufolge war er vor allem als Hacker tätig. Vielleicht lag es an Warners Beruf, dass er Fremden grundsätzlich misstraute. Für Piet machte er keine Ausnahme. Er hielt sogar dessen Namen für cover.
In den folgenden Monaten war Enno noch zweimal Zeuge, wie sein Nachbar einen Anfall erlitt, ähnlich dem, den er im Wohnzimmer des Hausbootes beobachtet hatte. Als Enno ihn darauf ansprach, tippte der Alte sich an die Stirn und erklärte: »Arbeitet da oben nicht mehr so, wie ich es gerne hätte. Immer wieder Aussetzer. Gibt sich aber jedes Mal wieder.« Was genau ihm fehlte, brachte Enno nicht in Erfahrung. »Das ist eben so, wenn man alt wird«, wiegelte Piet ab. »Erst recht, wenn man so ein alter Sack ist wie ich.«
2·Wellenreiter
»Bistnhier?«, fragte Warner, ohne dabei im Kauen innezuhalten.
Enno wandte sich Hose zu, der rechts von ihm auf einem Campingstuhl saß. Der schlaksige Mann im Neoprenanzug brauchte zehn Sekunden länger, bis er die genuschelte Frage verstanden hatte. »Tahiti«, antwortete er und deutete mit Daumen und Gabel nach hinten, über die Dachkante hinaus und ein paar Stockwerke tiefer, wo er seine Schwimminsel an einem Balkongitter festgemacht hatte.
Warner schürzte die Lippen und nickte. Er kannte die aufblasbare Insel und wusste, dass Hose sie »Tahiti« nannte, weil aus ihrer Mitte eine Gummipalme aufragte. Hose benutzte sie notgedrungen, wenn Tine mit dem Motorboot unterwegs war. Bei ablaufendem Wasser wagte er sich mit der Insel sogar bis zum Hochhaus hinaus.
Enno beugte sich vor, stieß den Grillspieß in eines der Clean-Meat-Würstchen, die Hose mitgebracht hatte, und balancierte seine Beute auf den Rost in ihrer Mitte. Über der glühenden Kohle begann das Fett, das aus den Einstichlöchern austrat, zu zischen.
Warner studierte das Kleingedruckte auf der Verpackung. »›Kulturfleisch aus Thüringen‹«, las er vor. »Aus dem Bioreaktor frisch auf den Tisch.«
»Besser als Veggie oder Buffalowürmer«, meinte Hose.
»Oder jeden Tag Fisch«, sagte Warner.
Enno lehnte sich zu Hose hinüber. »Ärger mit Tine?« Die Frage war leise genug, dass die anderen sie nicht hören und sein Freund sie ignorieren konnte, falls er keine Lust haben sollte, über Kirstin zu reden.
»Nee, sie ist einfach spät dran. Hat ’nen Job in Hannover. Sie sollte eigentlich gleich kommen.«
Die Antwort klang entspannt, stellte Enno fest. Das lag bestimmt auch daran, dass Warner sich heute Abend zu ihnen gesellt hatte. Solange der Hacker hier, auf dem Flachdach des Hochhauses, mit ihnen zusammensaß, konnte Hose sicher sein, dass seine Freundin sich nicht heimlich mit ihrem Ex traf, für den sie nach wie vor eine tiefe Zuneigung empfand.
In diesem Augenblick tauchte der Sonnenball hinter den Horizont. Die jungen Männer wandten die Köpfe nach Westen, wo das letzte Licht des Tages die Nordsee zum Gleißen brachte. Darüber schwebten orangegraue Wolken, scharf konturiert und an ihrem Platz erstarrt, als hätte jemand das Himmelszelt mit Zuckerwatte geschmückt.
Piet sah ebenfalls auf. Er war vorhin in Gedanken versunken auf das Dach gekommen, hatte es sich in einem Liegestuhl bequem gemacht und dabei zugesehen, wie Enno und Hose den Holzkohlegrill anfeuerten. Seitdem hatte er noch keinen Ton gesagt. Jetzt musterte er die rostrot leuchtenden Mobilfunkantennen über ihren Köpfen, als sähe er sie zum ersten Mal.
»Diese Kontraste!«, rief er aus.
»Piet hat mal wieder eine Eingebung«, lachte Warner.
»Ich finds immer ganz vergnüglich, wenn dein geheimnisvoller Nachbar den Mund aufmacht«, hatte Hose vor Kurzem gesagt.
Enno hatte seinen Freund skeptisch gemustert. »Leider hält er dann gerne lange Monologe.« Wobei Enno zugeben musste, dass er von Geschichte, Politik und Wirtschaft – Piets bevorzugten Themen – nicht annähernd so viel Ahnung hatte wie der alte Mann. »Eigentlich sind seine Storys ja ganz spannend«, hatte er eingeräumt. Im Laufe der zwei Jahre, die er Piet inzwischen kannte, hatten sich dessen Äußerungen zu einem Bild verdichtet, das auf einen klugen Menschen schließen ließ, der ein reiches Leben gelebt hatte.
»Also, ich trau deinem ›Piet‹ nicht über den Weg«, pflegte Warner zu sagen. Er ärgerte sich, dass er über einen Namenlosen im Netz keine Nachforschungen anstellen konnte. Dafür, dass der Alte keinen Communicator trug, gab es in den Augen des Hackers ja noch die eine oder andere Erklärung: »Kann sein, kaputt oder verloren. Oder er hat in seiner Bude ’nen Schlepptop. Haben viele Urnenanwärter.« Allerdings konnte er auf dem Dach des schwimmenden Hauses keine Antenne entdecken. Dass es drinnen nicht möglich war, mit dem PUC eine Verbindung aufzubauen, schürte Warners Misstrauen nur: »Klingt nach Abschirmung«, sagte er.
»Kannst du nicht mal fragen, ob das Hausboot seins ist? Und wann er’s gekauft hat?«, hatte er sich vor ein paar Wochen bei Enno erkundigt. »Hersteller und Typ hab ich. Ich brauch aber mehr Info, um zu recherchieren, wer er ist – falls der Server mit den Verkaufsdaten nicht abgesoffen ist.«
Enno hatte geschmunzelt und den Kopf geschüttelt. »Du bist echt paranoid.«
Warners Reaktion war ein Achselzucken gewesen. »Das ist kein Nein«, hatte er festgestellt, ohne eine Miene zu verziehen. Mit dieser Sache war es ihm ernst.
Ein anderes Mal hatte er ihnen eröffnet: »Ich bin sicher, dass der Alte was mit Verteidigung zu tun hatte, also ESDO oder früher NATO. Was der manchmal so von sich gibt, die ganzen Details über Afghanistan, Irak, Mali und Libyen … Das sind alles Konflikte, an denen wir beteiligt waren. Und er wahrscheinlich auch.« Enno war skeptisch gewesen, aber Warner hatte nicht lockergelassen: »Das würde erklären, warum er nie was Konkretes über sich erzählt. Geheimhaltung und so. Was ich nicht versteh: Die Scheiße ist ewig her. Kann doch nicht sein, dass er so alt ist, oder?«
Enno hatte darauf keine Antworten. Ohnehin machte ihm sein Nachbar andere Sorgen. Piets Anfälle traten in letzter Zeit häufiger auf, und es kam vor, dass er über Stunden teilnahmslos vor sich hin starrte. So wie heute. Darum wartete Enno gespannt darauf, ob der Alte seinen Gedanken weiter ausführen würde.
»Die Gegenstände wirken so plastisch, wenn das Licht sie von der Seite trifft«, fuhr Piet fort. »Die Antennen erinnern mich ans Dünengras auf den Inseln, als es hier noch Inseln gab. Als junger Mann war ich mal mit einer Freundin auf Langeoog. Die harten Kontraste, die die Abendsonne auf jeden Halm zauberte – eine Seite leuchtend hell, die andere in tiefem Schatten –, haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt.«
»Erzähl mehr von deiner Freundin«, feixte Warner.
Piet senkte den Kopf und verfiel wieder in Schweigen. Er wirkte weder beschämt noch verärgert, fand Enno, vielmehr ergriffen von den Eindrücken, die in seiner Erinnerung aufgeflackert waren.
Warner biss ein großes Stück Wurst ab. »Hastndenher?«
Diese Frage bezog sich auf den Grill und richtete sich an Enno. Also erzählte er, wie er das Gerät vorgestern bei Ebbe in einem Abstellraum auf dem Dachgarten des Nachbargebäudes gefunden hatte – und darunter einen Sack Kohle.
»Total oldschool«, meinte Warner.
»Aber schön«, freute sich Hose. Er zog ein Bier aus dem Sixpack, öffnete die Flasche und nahm einen großen Schluck. »Ich bin froh, dass du uns eingeladen hast. Ob ihrs glaubt oder nicht: Das ist mein erstes Grillfest seit Jahren.«
Als Tine gegen halb neun zu ihnen stieß, wurde sie von einer Drohne eskortiert. »Die klebt mir seit einer Viertelstunde an den Hacken«, sagte sie.
Warner beugte sich missmutig vornüber und gab vor, unter dem Stuhl etwas zu suchen. Tine dagegen lächelte in das Kameraauge und winkte dem Unbekannten zu, der irgendwo an Land, im Büro irgendeiner Behörde saß und den Flugkörper aus der Ferne steuerte.
Tine arbeitete als Synchronsprecherin. Sie erzählte, dass sie in Hannover zwei lange Tage im Studio verbracht habe, wo sie für eine Doku gebucht gewesen wäre. Sie habe das Overlay einer belgischen Historikerin eingesprochen. Der Film solle zum Jahrestag des Anschlags ausgestrahlt werden.
Als Enno ihr einen Teller reichte, fragte sie ihn, wo er eigentlich am zwanzigsten Dezember gewesen sei. Sie dachte sich nichts dabei. Wahrscheinlich wusste sie nicht, wie schmerzhaft die Erinnerung an diesen Tag für ihn war.
»Also, wir waren Wellenreiten«, sprang Hose ihm umgehend bei. »Hab ich dir nie erzählt, oder?«
Enno schüttelte den Kopf.
»Wir waren alle in Emden, in diesem Club, der grad aufgemacht hatte – den Namen hab ich vergessen –, als die Nachricht kam, dass evakuiert werden sollte.«
»Ich nicht, ich war in Hage«, verbesserte Tine ihren Freund. »Meine Eltern hatten Urlaub. Ich sollte nach dem Haus sehen. Katze füttern, Blumen gießen und so.«
»Amnesie«, sagte Warner. »So hieß der Club.« Und an Tine gewandt: »Ich hatte dich gefragt, ob du mitwillst. Da warst du aber schon am Packen.«
»Ich war in Neßmersiel, bei meiner Mutter«, hörte Enno sich sagen. Vielleicht war es ja gut, dass Tine das Thema aufgebracht hatte, dachte er. Zwang es ihn doch dazu, mit jemandem über seinen Verlust zu sprechen.
Hose nahm einen Schluck Bier und fuhr fort zu erzählen. »Da waren Kalli und Monika, Johannes und Helmut, Angelika, Hans-Dieter und Meike, Ida … also ein knappes Dutzend Leute aus der Gegend«, sagte er. »Kurz vor Mitternacht haben sie die Musik ausgemacht und Bescheid gegeben: In vierundzwanzig Stunden sollte jeder sein Zeug gepackt und Ostfriesland verlassen haben.«
»Fēng le!«, warf Warner ein – chinesisch für »verrückt« – ein Ausruf, den er aus einer populären Sitcom hatte.
»Wir standen draußen zusammen, bis der Buzz kam.« Mit Buzz meinte Hose das selbstfahrende wasserstoffbetriebene Sammeltaxi der gleichnamigen holländischen Firma, die tags darauf nicht mehr existieren sollte. »Aber eigentlich wollte keiner von uns nach Hause fahren.«
»Keine Lust, da voll in die Panik zu geraten!«, erklärte Warner. »Ihr wisst, was ich meine: Alle am Packen, Mutter am Heulen, Vater am Schimpfen über die Regierung, der nichts Besseres einfällt, als die Leute zu schikanieren; und die sollten lieber nach Sprengsätzen suchen, ist ja Zeit genug … Die ganze Leier.«
Tine und Hose sahen sich an und grinsten. Sie kannten Herrn und Frau Brunken, Warners Eltern, und konnten sich die Szene, die er beschrieb, lebhaft vorstellen.
»Ich glaube, die Idee mit den Booten kam von Kalli«, sagte Hose.
»Johannes«, widersprach Warner.
Tine kicherte. »Ich kenne mindestens noch zwei Leute, die behaupten, es wär ihre Idee gewesen.«
»Ist doch egal«, meinte Hose. »Jedenfalls waren wir die einzigen, die vorhatten, die Anweisungen zu ignorieren und Wellenreiten zu gehen.«
Ennos lebhafteste Erinnerung an diesen Abend war der Streit mit seiner Mutter. Es war kurz vor Weihnachten gewesen. Für die meisten Freunde und Bekannten, die wie er weit weg von Zuhause arbeiteten, hieß das Resturlaub oder unbezahlte Freistellung. Eine gute Zeit also, um sich bei Eltern oder Geschwistern einzunisten, sich bekochen zu lassen und mit Leuten zu treffen, die man lange nicht mehr gesehen hatte.
Enno war den ganzen Tag mit Hose in Norden unterwegs gewesen. Um noch ein paar Stunden mit seiner Mutter verbringen zu können, hatte er die Einladung, ins Amnesie mitzukommen, ausgeschlagen. Stattdessen nahm er den nächsten öffentlichen Flea und ließ sich von dem elektrobetriebenen Einsitzer zurück nach Neßmersiel schaukeln.
Gegen Mitternacht ging der PUC in den Override-Modus, eine Funktion, die ausschließlich für Katastrophenwarnungen genutzt wurde. Das Gerät informierte ihn, dass den Sicherheitsbehörden Hinweise auf einen Anschlag vorlägen. Dieser sollte am Abend des einundzwanzigsten Dezember stattfinden. Das Ziel seien die Deiche an der Nordseeküste. Die Bedrohung wurde als ernst zu nehmend eingestuft. Allein in Niedersachsen, Bremen und Hamburg mussten rund zehn Millionen Menschen ihre Häuser verlassen. In jedem der betroffenen Länder hatte ein Katastrophenstab die Koordination übernommen. Die Evakuierung sollte innerhalb von vierundzwanzig Stunden abgeschlossen sein.
Ennos Mutter wollte die Nachrichten nicht glauben. »Warts ab«, sagte sie, »morgen heißt es bestimmt, dass das ein schlechter Scherz war. Radikale Klimaschützer oder so.«
Eine Stunde später folgten weitere Details. SAFE-Truppen der EU übernähmen den Schutz der Deiche. Die Behörden hätten die Bundeswehr um Amtshilfe gebeten. Die Soldaten sollten die zivilen Einsatzkräfte und die Polizei bei der Evakuierung unterstützen. Angeblich hatten die meisten Betroffenen dem Aufruf inzwischen Folge geleistet und sich Richtung Süden aufgemacht.
»Mitten in der Nacht? Die sind ja verrückt«, kommentierte Ennos Mutter die Meldung. Das Drängen ihres Sohnes, dass sie ebenfalls mit dem Packen beginnen sollten, ignorierte sie. »Also, ich geh jetzt schlafen. Morgen ist auch noch ein Tag«, eröffnete sie ihm.
Das war der Moment gewesen, an dem Enno sie das erste Mal angeschrien hatte.
Als Treffpunkt hätten sie die Ludgerikirche in Norden ausgemacht, erzählte Hose. Das Gebiet rund um die Kirche liege so hoch, dass es bei einem Deichbruch kaum überspült werden dürfe, hätte Kalli gemeint. »Auf dem Friedhofshügel kriegen wir höchstens nasse Füße.«
Hose vertraute Karlheinz in dieser Sache. Der Fischer redete nicht viel. Doch wenn er sich zu etwas äußerte, dann wusste er, wovon er sprach.
In Norden herrschte trotz der frühen Stunde dichtes Gedränge. Seit der Aufforderung, die Stadt zu verlassen, waren überall Menschen mit Koffern und Rucksäcken unterwegs. Busse und Transporter, Fleas und Bees schoben sich in langen Schlangen in Richtung der Ausfallstraßen. Auf dem Marktplatz gegenüber der Kirche hatte die Kreisverwaltung eine Zone für die Luftevakuierung eingerichtet. Alle fünfzehn, zwanzig Minuten landete dort ein Schwarm kleiner und größerer Helis, nahm Passagiere auf und erhob sich summend wieder in den wolkenlosen Nachthimmel.
In der Innenstadt wimmelte es von Polizisten, Feuerwehrleuten, Mitarbeitern des Technischen Hilfswerks und anderen Einsatzkräften. Soldaten aus Aurich halfen dabei, die Menschenmassen in geordnete Bahnen zu lenken. Dennoch gelang es der Gruppe um Hose und Kalli, ihre Boote den Hügel hinaufzuschaffen und sie an der Nordwand der Kirche aufzustellen, ohne dass sie dabei aufgehalten wurden. Die Dunkelheit kam ihnen ebenso zugute wie das Durcheinander rundum.
In der Morgendämmerung ebbten die Fahrzeugströme ab. Helmut, Meike, Hose und Kalli ließen sich von den PUCs mit ihren Angehörigen verbinden und vergewisserten sich, dass sie außer Gefahr waren, sei es bei Verwandten oder in einer der Notunterkünfte. Angelika und Ida kamen hinzu. Sie brachten ein viertes Boot und zwei Sixpacks Bier mit. Johannes überlegte es sich bei Tagesanbruch anders. Er verabschiedete sich kleinlaut und lief zu den Helis hinüber, um sich ausfliegen zu lassen.
Danach wurde es still. Bis auf Warner, der ihnen versicherte, dass sein PUC nicht zu orten war, hatten sie ihre Geräte abgeschaltet. Die News bestanden ohnehin nur aus Wiederholungen des Evakuierungsaufrufs, einer Auflistung der Städte und Gebiete, die geräumt werden mussten, und Angaben über die Standorte der Sammeltaxis und Helis. Ab und zu hörten sie ein Sirren oder Brummen, das sich ihnen von oben näherte. Dann duckten sie sich in die Schatten der Mauer. Es war schwer zu sagen, ob es sich um Aufklärungs- oder Nachrichtendrohnen handelte. Zweimal schossen Jets über die Stadt hinweg Richtung Norddeich.
Im Laufe des Vormittags ließ die Wirkung des Alkohols nach. Es wurde heiß, und die Begeisterung für ihre Idee verflog. Sie versteckten sich für ein paar Stunden in der Kirche. In dem Gebäude, das wegen Renovierungsarbeiten seit Jahren nicht genutzt wurde, war es aber zu kühl. So setzten sie sich wieder nach draußen, auf den Hügel des Alten Friedhofs, und hofften, dass ihnen die Kronen der Bäume Deckung gaben. Zu diesem Zeitpunkt war die Stadt bereits verlassen. Den letzten Streifenwagen hatte Hans-Dieter vor einer Stunde vorbeifahren sehen.
Gegen zwölf, mitten in einem Gespräch über die vierte Staffel der Sitcom Ming und Mortimer, sagte Monika: »Wollt ihr wirklich bis morgen Abend hier rumsitzen?« Ihrem Tonfall war zu entnehmen, dass sie keine Lust mehr hatte zu warten.
Hans-Dieter lachte. »Hat einer was zum Beißen dabei?«, erkundigte er sich. Er nahm wohl an, dass Kallis Freundin nur einen Imbiss bräuchte, damit ihre Stimmung sich besserte.
Da schlugen in der Stadt die Sirenen an.
»Keine zwanzig Sekunden, und das Wasser war da«, sagte Hose.
»Mehr als einen Tag zu früh, Leute. Echt fēng le.« Warner schüttelte den Kopf.
»Wir waren in Jever«, berichtete Enno, »und ich war schon wieder am Brüllen. Ich hatte Schiss und wollte eigentlich nur schnell auf die Autobahn. Doch meine Mutter hatte darauf bestanden, dass wir eine ihrer Freundinnen mitnahmen, die in der Nähe vom Rathaus wohnte. Ich konnte es ihr nicht ausreden.« Er knetete mit der Hand seine Nackenmuskeln. »Wir hatten sie und ihre Katze gerade in den Bee geladen, als die Meldung kam, dass die Deiche gebrochen waren.«
»Und wo seid ihr hin?«, fragte Tine.
»Um die Ecke, in den alten Glockenturm«, antwortete Enno.
»Sei froh, dass ihr nicht auf der Autobahn wart«, meinte Warner. »Rund ums Schloss ist alles trocken geblieben. Ist heute ’ne nette kleine Insel. Ich kenn Leute, die da wohnen.«
Hose beugte sich näher zu Enno. »Hast du nicht erzählt, dass deine Mutter bei der Flut gestorben ist?«, erkundigte er sich mit gesenkter Stimme.
»Es war Ebbe, nicht Flut«, krähte Warner. Er hasste es, wenn man die Katastrophe beschönigte. Außerdem hatte er die anderen bereits mehrmals darauf hingewiesen, dass die Folgen bei Hochwasser weitaus schlimmer gewesen wären.
»Im Hubschrauber, der uns rausgeholt hat«, beantwortete Enno Hoses Frage. »Ein Herzanfall. Sie ist auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben.«
Nach dem Anschlag hatte Enno versucht, sich einen Überblick über die Fakten zu verschaffen. Er war in eine Sammelwut verfallen, die ihm rückblickend manisch vorkam. Eine Zeit lang hatte er keine Doku und keine Talkrunde verpasst, die den Terrorangriff thematisierten. Er hatte zahllose Clips im Netz gesichtet, die während der Katastrophe aufgenommen worden waren. Hose gegenüber hatte er diese Manie einmal mit Schuldgefühlen erklärt, die er als Überlebender den Toten gegenüber wohl empfunden haben musste. Aber das war nur die halbe Wahrheit. Denn er hatte bei seiner Suche zugleich gehofft, dass ihm endlich jemand die Gesichter hinter dem »Rechten Weg« präsentieren würde, die Fratzen der religiös oder politisch verblendeten Mörder, die für den Tod seiner Mutter und Millionen anderer Menschen verantwortlich waren. Er hatte jemanden gebraucht, den er hassen konnte.
Die Bilder der Überwachungskameras rund um die Deiche waren manipuliert worden und hatten keine Hinweise auf die Täter geliefert. Die Sicherheitskräfte waren allen Spuren nachgegangen, die die Sprengsätze ergeben hatten, doch die Ermittlungen waren ins Leere gelaufen. In den ersten Monaten nach dem Anschlag hatte man über hundert Verdächtige festgenommen, ohne dass sich auch nur eine Person gefunden hätte, der eine Beteiligung nachzuweisen gewesen wäre. Es hatte viele Vermutungen gegeben und einige konkrete Anschuldigungen: gegen militante Islamisten im In- und Ausland, die bis dahin jedoch nur selten vor einem Terrorangriff gewarnt hatten; gegen links- und rechtsradikale Splittergruppen, deren mögliche Motive gleichwohl unklar blieben; sogar gegen einzelne Staatsführer im Nahen Osten und in Asien, denen man unterstellte, die wirtschaftliche Macht Europas mit allen Mitteln schwächen zu wollen. Es gab schlüssige Theorien. Aber kein Geheimdienst konnte mit Sicherheit sagen, wer hinter dem Anschlag steckte.
Schließlich hatte Enno resigniert. Er musste davon ausgehen, dass die Schuldigen nie gefunden werden würden.
Hoses Geschichte hörte er heute zum ersten Mal. Er wunderte sich, warum sein Freund sie ihm so lange vorenthalten hatte.
»Wir waren echt verrückt. Ich weiß nicht, wie wir uns das vorgestellt hatten, aber sicher nicht so«, sagte Hose gerade. »Die Flutwelle war wie eine Wand … Wie eine Walze. Sie kam rasend schnell auf uns zu. Sie machte jeden Baum und jeden Mast platt, pellte die Dächer von den Häusern und sprengte die Mauern ringsherum einfach weg. Da waren Pferde und Kühe im Wasser, Büsche und Bäume, Autos und Trecker, die mitgerissen wurden, als wögen sie nichts. Überall trieben Trümmer herum: Fensterrahmen, Holzbalken, Tische und Schränke, Verkehrsschilder, Bleche und Plexiglasteile, das ganze Zeug. Und dann dieser Lärm! Kein Rauschen oder Plätschern … Das war ein einziges Knirschen und Knallen, und es wollte gar nicht wieder aufhören. Erst als die Welle an uns vorbei war, ließ der Krach ein bisschen nach.«
Monika und Kalli seien die Ersten gewesen, die ihr Boot bestiegen und in den reißenden Strom gelenkt hätten, der sie um das Kirchenschiff herum und außer Sicht trug. Meike und Hans-Dieter folgten ihrem Beispiel, ebenso Warner, der Helmut mitnahm, und gleich darauf Ida und Angelika. Die beiden Frauen kreischten auf, als sie ohne eigenes Zutun Fahrt aufnahmen. Meike rief ihnen aus der Ferne etwas zu.
Hose blieb als Letzter zurück. Idas und Angelikas Aufbruch hatte nur den Rand seiner bewussten Wahrnehmung erreicht. Er war beim Anblick der Wassermassen, die durch seine Heimatstadt walzten und sie sich gnadenlos einverleibten, erstarrt. Er registrierte kaum, dass die Flutwelle den Hügel hinaufrollte und seine Schuhe, Socken und Hosenbeine durchnässte.
Dann sah er in den Wellen einen Hund vorbeitreiben. Der leblose Körper erinnerte ihn an den Labrador, den er als Kind gehabt hatte.
»Der Hund brachte mein Hirn wieder auf Touren. Ich glaube, ich hatte im ersten Moment einfach nur Angst gehabt«, gab Hose zu.
Hätte ich auch gehabt, dachte Enno.
»Aber kaum, dass wir im Boot saßen, hatten wir den Spaß unseres Lebens. Oder nicht?« Die Frage war an den Hacker gerichtet. Sie klang verunsichert und vorwurfsvoll zugleich.
Warner gab ein abfälliges Keckern von sich. »So lange, bis du da rausgefallen bist.«
»Okay. Wir hatten die Stärke der Strömung unterschätzt«, sagte Hose.
Tine schnaufte. »Sei ehrlich: Ihr habt euch vorher gar keine Gedanken darüber gemacht«, verbesserte sie ihren Freund.
Hose ging nicht auf die Bemerkung ein. »Monika und Kalli trieb es Richtung Emden davon, Meikes und Idas Boot strack nach Süden, Warners und meins eher Richtung Aurich. Das ging so schnell, dass wir die anderen bald nicht mehr sehen konnten.«
Anfangs hätten sie den Ritt auf der Flutwelle großartig gefunden. Das gab auch der Hacker zu.
»Helmut und Warner grölten rum, und wir feuerten uns gegenseitig an …«, erzählte Hose weiter. »Doch was dann kam, war krass. Das Wasser trug uns ja nicht nur über Felder, sondern auch durch zerfetzte Zäune und Stromleitungen hindurch, rein in ein Waldstück und mitten durch Dörfer und Städte …«
»Was davon übrig geblieben war«, konkretisierte Warner.
»Und da schwamm immer noch alles rum, die Tiere, die Möbel, das ganze Zeug, und die Welle riss das immer weiter mit … und uns auch.« Hose senkte den Kopf. »Als ich das erste Hausdach schrammte, wurde mir klar, was für einen Blödsinn wir da veranstalteten. Mein Motor kam nicht gegen die Strömung an. War also nichts mit Manövrieren. Irgendwann würde ich mit Sicherheit was rammen, das stabiler war als das Boot.«
»Mit Sicherheit«, bemerkte Warner spöttisch. Dank des Zwanzig-PS-Außenbordmotors sei es ihm gelungen, gegen die Strömung anzusteuern und die Hindernisse, die Helmut im Wasser ausmachen konnte, zu umfahren, erklärte er. Währenddessen hätten sie versucht, Hose im Auge zu behalten, der als Einziger alleine unterwegs gewesen war.
»Und dann hats gekracht«, sagte Hose.
Tine legte eine Hand auf Ennos Unterarm. »Es war eine E/W-Tankstelle«, erklärte sie ihm. »Das Firmenschild auf dem Dach.«
Hose lächelte betreten. »Keine Ahnung, warum es die Tanke nicht zerlegt hat. Jedenfalls bin ich genau in den Schriftzug reingerauscht.«
Zum Glück hätte Helmut beobachtet, wie er über Bord gegangen war. »Helmut machte den Lotsen, und ich gab Gas«, berichtete Warner. »War gar nicht so leicht, nah genug an ihn ranzukommen. Aber wir konnten ihn rausfischen.«
»Mit Helmuts Hose«, ergänzte Tine. Es fiel ihr sichtlich schwer, eine ernste Miene zu bewahren.
»Der Mick hat echt lange Beine, Leute«, rechtfertigte Warner seine und Helmuts Entscheidung. »Wir hatten nix Besseres dabei, was wir deinem Freund hätten zuwerfen können.«
Hose musterte den Hacker von oben bis unten, und seine Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. »Mit deiner Büx hätt das nicht geklappt«, sagte er.
»Das nächste Mal lassen wir dich absaufen, du hormongepimpter Scheinriese«, konterte dieser die Anspielung.
Tine stieß ihrem Freund den Ellenbogen in die Seite.
»Autsch«, sagte Hose, und wieder an Enno gewandt: »Jetzt weißt du, woher der Spitzname kommt.«
»Da hast du noch Glück gehabt«, meinte Enno lachend. »Stell dir vor, die hätten zum Rausziehen einen Strickpullover genommen.«
»Oder ’ne Wäscheleine«, krähte Warner.
Tine schmunzelte. »Der Name erinnert dich hoffentlich daran, nie wieder so einen Mist zu machen«, sagte sie zu Hose und presste ihre Lippen auf seinen Mund.
Später, als Warner wieder im Schlauchboot saß und mit heulendem Motor Kurs auf den Leuchtturm nahm, begleitete Enno Hose nach unten. An der Balkontür nahm sein Freund die Badekappe und die Flossen auf und verstaute sie in einem Drypack. Dieses schmiss er ins Boot, mit dem Tine gekommen war.
»Ihr könnt auch bei mir schlafen, wenn ihr wollt«, bot Enno ihm an. Er hatte kein gutes Gefühl dabei, Holger und Kirstin im Dunkeln den weiten Weg zu dem Wrack fahren zu lassen, auf dem sie wohnten.
»Alles shiney«, winkte Hose ab und grinste. »Sehen wir uns am Samstag?«
»Wenn nichts dazwischenkommt, gerne«, antwortete Enno. Seit zwei Jahren besuchte er regelmäßig die »Partys«, die sein Freund an den Wochenenden in der Ludgerikirche veranstaltete. Die Akustik unter dem Gewölbe des Hochchors war unglaublich. Außerdem hatte Enno die Atmosphäre zu schätzen gelernt, die von klassischer Rockmusik und gut gelaunten Gästen geprägt war. Mittlerweile kamen bis zu vierzig Leute ins Heaven, wie Hose seinen Laden nannte, die meisten davon aus der Gegend. Der Rest nahm den weiten Weg vom Festland auf sich, um Freunde und Bekannte zu treffen und mit ihnen zusammen bis in die frühen Morgenstunden zu reden und zu tanzen.
»Tine und ich haben die Woche den Boden verstärkt. Sie hatte Angst, dass wir eines Abends alle nach unten durchbrechen«, berichtete Hose. Sein Blick schweifte über die nackten Betonwände und die Fensterlöcher, durch die das Meer bei Hochwasser ungehindert einströmte. »Und wie siehts bei dir aus?«
»Das hält noch ’ne Weile«, versicherte ihm Enno.
»Denk ans Fährhaus«, mahnte sein Freund, »an Kalli und seine Leute.«
»Viel Glas und zu dünne Wände«, entgegnete Enno leichthin. Tatsächlich traf ihn die Erinnerung an das Unglück nach wie vor ins Mark.
Er war gerade auf dem Weg zu Hose gewesen, als der höchste Teil des Hotelgebäudes, der einst über dem Hafen von Norddeich gethront hatte, in sich zusammengesackt war. Obwohl Enno mit dem Boot keine zehn Minuten bis zur Unfallstelle gebraucht hatte, war für Kalli, Monika und ihren kleinen Bruder, die in den oberen Etagen gewohnt hatten, jede Hilfe zu spät gekommen.
Monika und Karlheinz hatten vom Fischfang gelebt. Der Trawler, den sie zurückließen, hatte noch einige Tage lang über den Trümmern vor Anker gelegen. Er hatte wie ein Mahnmal gewirkt. Niemand hatte sich getraut, ihn von dort zu entfernen.
Dann war auch er verschwunden.
Enno stampfte mit dem Fuß auf, wie um sich zu vergewissern, dass ihm in seinem Zuhause nicht das gleiche passieren konnte. »Ist ’ne Menge Beton da unten. Mein Vorgänger hat damit vier, fünf Stockwerke ausgegossen«, erklärte er.
»Der wollte die Bude nicht aufgeben, als das Wasser stieg.«
Kann ich gut verstehen, dachte Enno. »Er muss dafür viel Geld locker gemacht haben«, sagte er. »Das ist mir nur recht. Jedenfalls behalte ich das, was noch rauskuckt, im Auge.« Damit meinte er in erster Linie die Wohnung im Dachgeschoss.
Tine kam die Treppe herunter. Sie legte einen Arm um Hoses Schultern und schmiegte sich an ihn. Dabei sah sie Enno an. »Piet gehts heute ziemlich schlecht, oder?« Sie hatte die Stimme gesenkt, damit der Alte sie nicht hören konnte.
»Das ist mal so, mal so«, antwortete Enno. »Meistens kann man sich ganz normal mit ihm unterhalten, dann ist er völlig klar im Kopf. Doch im Moment hat er eine üble Phase.«
»Medikamente?«, fragte Hose.
»Nimmt er. Ziemlich teures Zeug. Ist aber alle. Morgen kommt eine Drohne mit Nachschub.«
Hose hob und senkte das Kinn.
Tine gähnte. »Komm«, forderte sie ihn auf und trat auf den Balkon hinaus. Dabei zog sie ihren Freund mit sich. Nacheinander stiegen sie über das Gitter ins Boot.
»Na, dann bis Samstag«, sagte Hose.
»Um acht?«
»Lot di Tied«, meinte er. Lass dir Zeit. »Voll wirds eh erst um zehn.«
Enno löste den Palstek, mit dem die Insel vertäut war, und reichte seinem Freund die Leine. »Übrigens fahr ich sonntags gleich weiter. Ich muss ins HQ. Training«, erklärte er.
»Sport oder was?« Hose lachte.
»Nee, Fortbildung. Der halbe Nordsee-Wartungstrupp. Diesmal in Berlin.«
Hose horchte auf. »Da war ich schon ewig nicht mehr.«
Hose hatte sein Studium nicht abgeschlossen. Nach dem Anschlag war er in seine alte Heimat zurückgekehrt. Ein Flüchtlingsboot, das früher als Ausflugsschiff auf der Themse gedient hatte und vor der Ludgerikirche auf Grund gelaufen war, erschien ihm ein geeigneter Wohnsitz. Mithilfe von Karlheinz’ Trawler und Warners Motorboot zogen sie das Wrack auf den alten Norder Friedhofshügel hinauf, wo es relativ sicher lag. Danach richtete Hose sich auf dem Oberdeck häuslich ein.
Während der Umbauarbeiten mietete er den Chor der Kirche nebenan. Er benutzte ein Baugerüst dazu, über dem eingedrungenen Wasser einen Boden einzuziehen. Auf dieser Plattform war das Heaven entstanden.
»Der Laden ist genau das, was ich immer machen wollte«, hatte er Enno einmal erzählt. »Natürlich kann ich davon nicht leben. Zum Glück war ich schlau genug, meine Forschungsergebnisse als Patent anzumelden. Geht um ein Verfahren bei der Scandiumgewinnung. Seltene Erde, schwer zu erklären. Ich hab die Lizenzeinnahmen von den Chinesen und Russen. Das fließt regelmäßig. Ist nicht viel, doch ich komm damit klar.«
Bei der ersten »Party« unter dem Dach des Hochchors hatte Hose Kirstin kennengelernt. Enno hatte nicht schlecht gestaunt, als die beiden zwei Wochen später zusammengezogen waren. Seitdem begleitete Hose seine Freundin ab und zu nach Hannover. Für einen Trip in die Hauptstadt fehlten ihm die Zeit und das Geld.
Enno entnahm Hoses Tonfall, dass er sich nach Berlin sehnte. Er wusste, was sein Freund als Nächstes fragen würde.
»Was dagegen, wenn ich mitkomme?«
Enno versicherte ihm, dass er nichts gegen seine Gesellschaft einzuwenden hätte. Im Gegenteil.
Hose pflückte die Schwimmbrille von der Gummipalme und steckte sie zu den anderen Sachen ins Drypack. »Ich denk drüber nach und meld mich.« Er deutete ein Winken an. Tine winkte ebenfalls und startete den Motor. Sie fuhren, »Tahiti« im Schlepptau, Richtung Kirche davon.
Als Enno zurück auf das Dach kam, war der Wind noch warm, traf ihn aber nicht mehr wie eine heiße Wand. Er streifte die Sandalen ab, ohne die er den glühenden Beton tagsüber nicht betreten konnte, ließ sie am Treppenaufgang liegen und setzte sich wieder neben den alten Mann.
Von Westen kommend näherte sich ihnen eine Möwe. Sie flog in einem weiten Bogen um das Sonnensegel herum und musterte die Menschen von allen Seiten. Dann drehte sie ab und folgte Tines und Hoses Boot.
Piet machte sich eine Flasche Bier auf. »Kirstin und Holger sind wirklich sehr nett«, sagte er.
»Ich hab sie auch sehr gern«, erwiderte Enno.
Er war froh, dass der Alte wieder Interesse an seiner Umgebung zeigte.
»Und was geht da zwischen ihr und diesem kleinen Stinker, diesem Warner, vor? An Holgers Stelle würde mir das ja mächtig aufstoßen.«
Enno grinste und nickte. »Tut es auch. Aber was soll er machen? Tine sagte mal, sie würde Warner schon seit einer halben Ewigkeit lieben, aber zusammen sein könne sie nicht mehr mit ihm. Ich denke, Warner liebt sie auch – auf seine Art. Wahrscheinlich ist sie die einzige Person auf der Welt, zu der er eine engere Beziehung aufgebaut hat. Er ist ein schwieriger Mann. Eigentlich ist er sehr großzügig, sehr hilfsbereit, hat aber Probleme mit Menschen, vertraut niemandem und hält alle, die ihn vielleicht mögen könnten, mit seiner ruppigen Art auf Distanz. Vermutlich, weil er sich selbst nicht mag, ich weiß es nicht. Ich werde bis heute nicht schlau aus ihm.«
»Ich dachte, ihr wärt befreundet.«
»Ich kenne ihn aus der Schule, hatte aber nie viel Kontakt. Seine Eltern besaßen in Norden ein Hotel. Am Schluss war das mehr so eine Pension. Eine Flüchtlingsunterkunft.«
»Und was treibt der da drüben in seinem Leuchtturm? Ich meine: Arbeitet er irgendwas?«
»Für eine Firma in Hannover, soweit ich weiß«, antwortete Enno. »Security, Programmieren, Informationsbeschaffung.« Alles Dinge, von denen er nicht viel verstand. »Er nennt sich ›IT-Sicherheitsberater‹, hat sich auch mal als ›Cybercowboy‹ bezeichnet.«
»Ein Hacker?«
Piets Gesichtsausdruck blieb neutral. Enno meinte jedoch, in seinen Augen ein Aufflackern bemerkt zu haben.
»Nützlich, so jemanden zu kennen. Gefährlich, wenn man ihn sich zum Feind macht«, murmelte der alte Mann.
Enno sah ihn erstaunt an. Er machte jedoch keine Anstalten, diesen Gedanken weiter zu erläutern.
3·Aktion nicht ausführbar
»Ich fass es nicht! Du bist und bleibst ein Arschloch!«, schimpfte Marlies und trennte die Verbindung.
Adrian hatte gerade zu einer Erwiderung angesetzt, als die 3-D-Projektion ihrer Augen unvermittelt erlosch. Er starrte mit offenem Mund auf den PUC an seinem linken Unterarm. Er konnte es nicht fassen, dass Marlies einfach abgeschaltet hatte. Schon wieder! Er hieb mit der Faust auf den Tisch. Er hasste es, wenn sie das tat. Wenn sie das letzte Wort behielt. Und überhaupt, dachte er, was fiel ihr eigentlich ein, ihn als »Arschloch« zu beschimpfen?
Dann erinnerte er sich, was man ihm nach jedem Gespräch mit Marlies zu tun empfohlen hatte. »PUC, letzten Kontakt orten«, wies er das Gerät an.
»Aktion nicht ausführbar«, teilte ihm die heisere Frauenstimme mit, die er für den Privatmodus gewählt hatte.
Natürlich, überlegte er, dazu war Marlies zu klug. Er versuchte jetzt seit sechs Jahren, sie zu finden, und es gelang ihr nach wie vor, sich zu verbergen.
»Stell wenigstens die Verbindung wieder her«, blaffte er den Communicator an.
»Aktion nicht ausführbar.«
Das frustrierte Adrian. Er erhob sich aus dem Drehsessel und durchmaß das Loft mit großen Schritten. An der Hausbar zögerte er kurz, bevor er nach dem 2030er Macallan Sherry Oak griff, den ihm die Firma Novapec letzte Weihnachten geschickt hatte. Er öffnete die Flasche und goss sich ein. Mit dem Glas in der Hand stellte er sich ans Fenster und genoss den leicht fruchtigen Geschmack des Whiskeys und dessen süßen Abgang, der seinen Gaumen verwöhnte.
Adrian seufzte zufrieden. Tarik, der Chef von Novapec, wusste, was er ihm schuldete – und dass für einen seiner treuesten Kunden nur das Beste gut genug war.
Umgekehrt verdankte er dem Mann ebenfalls viel. Adrian wandte sich jedes Mal an ihn, wenn sich ein Problem auftat, das er mit legalen Mitteln nicht lösen konnte.
Offiziell trat Tarik als deutscher Geschäftsführer der Beteiligungsgesellschaft auf. Außerdem leitete er eine bekannte Wäschereikette. Hinter der Fassade des erfolgreichen Geschäftsmannes war er der Kopf eines weitverzweigten Clans. Er selbst bevorzugte das Wort »Familie«, manchmal sprach er sogar von seinem »Stamm«. Auch wenn Adrian es nicht so recht glauben konnte, war die ganze Sippe wohl tatsächlich miteinander verwandt. Tarik hatte für alles »seine Leute«: von hirnlosen Schlägern über trickreiche Anlageberater bis zu IT-Fachleuten jeglicher Couleur. Wo er gerade diese Spezialisten auftrieb, blieb Adrian ein Rätsel. Das war ihm aber egal, solange sie seine Aufträge präzise ausführten.
Einzig die Sache mit Marlies und ihrem Vater war total schiefgelaufen. Dass die beiden abgetaucht und nicht auffindbar waren, stellte für Tarik einen peinlichen Fehlschlag dar. Adrian hatte diese unerfreuliche Geschichte fast um seinen Aufstieg in die Welt der Reichen und Mächtigen gebracht. Noch dazu empfand er sie als persönliche Niederlage – seine erste und einzige, und darum umso ärgerlicher.
Er stellte das Glas auf die Fensterbank und ballte unwillkürlich die Fäuste. Er hatte Marlies unterschätzt. Sie hatte ihn und Tariks Leute getäuscht. Dieses raffinierte Luder!
»Was wollt ihr einmal werden, wenn ihr die Schule abgeschlossen habt?«, hatte Frau Grieswald, die Wirtschaftslehrerin, sie in der zehnten Klasse gefragt.
»Manager«, war Adrians Antwort gewesen.
Damit hatte er nicht irgendeinen untergeordneten »Dödeljob« im Verkauf, Marketing oder Personalwesen gemeint, sondern eine Stellung ganz oben, an der Spitze der Nahrungskette. Um in dieser Sache kein Missverständnis aufkommen zu lassen, hatte er seine Antwort mit »mindestens Direktor« präzisiert.
Nun war er als Jugendlicher zwar mit einer raschen Auffassungsgabe gesegnet, aber nie besonders fleißig gewesen. Seine schulischen Leistungen lagen damals im unteren Mittelfeld. Dass ihm keiner zutraute, sein angegebenes Karriereziel zu erreichen, wurde ihm, wenn nicht durch Frau Grieswalds süffisant gespitzte Lippen, spätestens durch das Gelächter der Klasse bewusst. Einer seiner Mitschüler, eine Handballkanone namens Claas Arens, setzte sogar noch eins drauf: »Direktor bei der Müllabfuhr«, pflegte er Adrian fortan aufzuziehen, wann immer sie sich auf dem Schulgelände begegneten.
Adrian hatte sich davon nie beirren lassen. Nichts konnte ihn von seinem Vorhaben abbringen, es möglichst schnell zu Geld zu bringen – oder, wie er es als Jugendlicher ausgedrückt hatte, »stinkreich« zu werden.
Eines war ihm schon früh klar geworden: Durch normale Arbeit und Fleiß würde er sein Ziel niemals erreichen. Also galt es, andere Wege zu finden. Zunächst war es notwendig, sich in der Schule weiter durchzumogeln. Das gelang ihm ohne Schwierigkeiten. Seine Noten waren gut genug, in Bremen ein Wirtschaftsstudium aufzunehmen. Mit etwas mehr Aufwand schaffte er es auch an der Universität, Klausuren und Prüfungen zu bestehen, für die er kaum gelernt hatte. Es gab nur eine echte Herausforderung: Er wollte seinen Lebensunterhalt bestreiten, ohne sich die Hände schmutzig zu machen. Adrian hatte schon eine Idee entwickelt, wie dieses Problem zu lösen wäre. Er brauchte aber Hilfe von außen, um seinen Plan in die Tat umsetzen zu können.
Er hatte Tarik seit dem Abitur nicht mehr gesehen. Vielleicht hatte dieser ihn nicht gleich erkannt.
Seine Begrüßung war ruppig gewesen: »Was willst du hier?«
Adrian hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine Debatte mit dem Türsteher, eine Leibesvisitation und eine Auseinandersetzung mit Tariks Leibwächtern hinter sich. Durch weitschweifige Erklärungen und stures Beharren war er bis in den privaten Bereich des Nachtclubs, bis zum Anführer des Bremer Clans vorgedrungen. Nachdem er so weit gekommen war, konnte ihn der Tonfall des Mannes nicht mehr abschrecken.
»Erinnerst du dich an mich? Ich bin Adrian. Wir waren zusammen in der Schule.«
»Bin noch zu jung für Alzheimer«, erwiderte Tarik. »Ich hab gefragt, was du von mir willst.«
»Ich habe einen Plan, der uns beiden eine Menge Geld einbringen kann. Dafür brauche ich deine Unterstützung«, gestand Adrian ohne Umschweife ein. »Ich dachte, das würde dich interessieren.«
Tarik lachte auf. »Ich hab schon mehr Geld, als ich ausgeben kann.«
Adrian glaubte ihm nicht. Da war etwas in den Augen des Clanführers, das ihn mit Zuversicht erfüllte. »Ich finde, man kann nie genug haben«, sagte er.
Tarik schob die Unterlippe vor und schnaufte. Er lud Adrian mit einer knappen Geste ein, sich zu ihm zu setzen.
Das Eis war gebrochen. Schon bald plauderten sie miteinander wie alte Freunde, die sich lange nicht gesehen hatten. Sie redeten über die Schulzeit, das Leben in Bremen, die Politik, Fußball und Frauen. Es schien Tarik zu freuen, sich mit jemandem auszutauschen, der nicht zum Kreis »seiner Leute« gehörte.
Als sie das dritte Glas zusammen tranken, sagte der junge Clanführer unvermittelt: »Du warst der Einzige in der Klasse, der normal mit mir geredet hat.«
Adrian schmunzelte. Er hatte gehofft, dass Tarik sich daran erinnern würde.
»Jedenfalls hin und wieder«, fügte der Clanführer hinzu.
Das brachte Adrian zum Lachen. »Du warst damals ganz schön abweisend. He, außerdem bist du mitten in der elften Klasse verhaftet worden und warst monatelang weg. Da blieb nicht viel Zeit, um mit dir zu reden.«
Tariks Augen blitzten auf. Wenn Adrian den Gesichtsausdruck seines Gegenübers richtig interpretierte, war er nicht wütend, sondern vielmehr stolz, dass man sich an ihn als eine außergewöhnliche Person erinnerte.
»Ich weiß noch, dass alle Angst vor dir hatten«, fuhr Adrian fort. »Wenn dir was nicht passte, hast du immer gleich zugeschlagen. Und du hattest immer dieses Messer dabei. Sogar unsere Lehrer hatten Angst vor dir.«
»Sie hatten Respekt«, korrigierte ihn Tarik. »Unter all diesen Überfliegern und Reiche-Leute-Kindern war es mir wichtig, mir Respekt zu verschaffen. Das galt auch für diese Wichtigtuer, die meinten, es reiche nicht, uns etwas beizubringen, sondern uns – vor allem mich – zu etwas erziehen zu müssen, das wir nicht sein wollten.«
Der Clanführer strich sich mit der Hand über den Dreitagebart und musterte ihn nachdenklich. »Vor dir hatten sie auch Respekt, soweit ich mich erinnere.«
Weil sie glaubten, ich sei mit dir befreundet gewesen, dachte Adrian. Seine Beziehung zu Tarik – so oberflächlich sie gewesen sein mochte – hatte ihn vor Ärger mit anderen Schlägern an der Schule bewahrt.
Er fand, dass es Zeit war, auf den eigentlichen Grund seines Besuchs zu kommen. Er lehnte sich zurück und ließ den Blick demonstrativ über die Einrichtung der privaten Clubräume schweifen. »Kuck, was aus dir geworden ist. Du hast was aus dir gemacht«, sagte er.
Der Clanführer lachte auf. »Den Club hab ich von meinem Vater geerbt. Ist nur Hobby«, erklärte er ihm. »Ich bin Geschäftsführer bei Novapec, Bremer Niederlassung. Außerdem leite ich eine Wäschereikette. Mister Clean. Hast du bestimmt schon mal gehört.«
»Kennt doch jeder«, antwortete Adrian.
Tarik musterte ihn misstrauisch. »Ich denke, ich weiß, was du dir vorstellst, womit ich mein Geld verdiene. Aber wir, meine Familie und ich, sind jetzt anders unterwegs als früher. Unsere Geschäfte sind heute legal.«
Seine Leibwächter grinsten.
Adrian wusste einiges über Tariks Geschäfte. Er hatte vor seinem Besuch gründlich recherchiert. Dabei hatte er in Erfahrung gebracht, dass der Clan, der von Berlin, Bremen und dem Ruhrgebiet aus operierte, zahlreiche Firmen kontrollierte und ein großer Player im deutschen Immobilienmarkt war. Viele Investitionen des Clans standen unter dem Verdacht der Geldwäsche. Die Polizei brachte ihn außerdem mit einer ganzen Palette anderer krimineller Machenschaften in Verbindung, darunter Drogenhandel, Schutzgelderpressung und Betrug. Nach außen gab Tarik sich als Manager und Macher. Er bewegte sich in den einflussreichen Kreisen der Bremer Gesellschaft. Doch für viele galt er als der Kopf hinter den Clanaktivitäten in der Hansestadt.
Das war es, was Adrian dazu bewogen hatte, seinen ehemaligen Mitschüler aufzusuchen. Er war ein Krimineller – der Einzige, den er kannte. Und er schien schlau zu sein, denn es war noch keinem gelungen, ihm etwas nachzuweisen.
»Vielleicht kannst du mir trotzdem helfen«, sagte er.
»Weil du was klauen willst und denkst: He, der gehört zu einer Verbrecherbande, der macht das schon für mich? Voll das Klischee, Mann!«
Adrian schüttelte den Kopf. »Nein, weil ich das, was ich plane, keinem anderen zutraue. Ich kann das nur mit dir zusammen durchziehen … oder gar nicht.«
Er musste verzweifelter ausgesehen oder geklungen haben als beabsichtigt. Tarik ließ ihn reden und hörte sich seinen Plan an. Er stellte einige Fragen und wollte alles genau erklärt haben. Am Ende klatschte er in die Hände, lachte und sagte Adrian seine Hilfe zu.
»Aber nicht wegen des Geldes, Mann, sondern weil du’s bist.«
Adrian hatte an der Universität einen regen Handel mit Informationen und Dienstleistungen begonnen: von den Fragen und Aufgaben bevorstehender Klausuren über technische und logistische Unterstützung bei mündlichen Prüfungen bis zu kompletten wissenschaftlichen Arbeiten. Alles klappte reibungslos. Die Hacker hinterließen keine Spuren, die Mikroohrhörer arbeiteten einwandfrei, und die »Ghostwriter«, die Tarik weiß der Teufel woher auftrieb, lieferten ihre Ergebnisse stets pünktlich.
Adrian konnte es kaum fassen, was die Söhne und Töchter betuchter Eltern für einen Hochschulabschluss zu investieren bereit waren – oder deren Väter und Mütter für sie. Achtzig Prozent der Einnahmen gingen an den Clanführer. Dafür erhielt Adrian die Unterstützung, die er bis zum Bachelorabschluss benötigte, umsonst.
Tarik war ihm außerdem in der einen oder anderen privaten Angelegenheit behilflich, die über ihre geschäftliche Vereinbarung hinausging. Adrian hätte sich niemals als nachtragend bezeichnet. Doch er konnte die Demütigungen, die er in der Schule erlitten hatte, nicht vergessen. So kam es, dass sein früherer Mitschüler Claas, der mittlerweile in München Sport studierte, Opfer eines Unfalls mit Fahrerflucht wurde. Dabei erlitt er eine Knieverletzung, die seine Handballkarriere beendete. Frau Grieswald, ihre langjährige Klassenlehrerin, wurde kurz darauf als Sympathisantin einer irakischen Terrorgruppe entlarvt. Die Daten, die sich im Cloudspeicher ihres PUCs fanden, führten zu ihrer Entlassung aus dem Schuldienst.
Adrian war sich stets darüber im Klaren gewesen, dass man viel Geld benötigte, um daraus mehr Geld zu machen. Nach dem Bachelor hatte er genau gewusst, wo und wie er investieren musste. Die nötigen Mittel wollte er sich aber weder von Tarik leihen, noch gehörte er zu denjenigen, die eines Tages Millionen erben würden.
Also galt es, eine Frau zu heiraten, die über ein gewisses Vermögen verfügte.
Bei diesem, dem zweiten Teil seines Plans, war Adrian der Zufall zu Hilfe gekommen, der ihn an der Universität in eine Arbeitsgruppe mit Marlies führte.
Hätte die junge Frau ihn nicht angesprochen, wäre sie ihm nicht aufgefallen. Marlies hatte schöne braune Augen, das musste er zugeben. Leider war sie eher klein und für seine Begriffe zu flachbrüstig. Als sie ihn anlächelte, bemerkte er eine leichte Fehlstellung ihres Oberkiefers, die sie offenbar nicht behandeln ließ. Ihre mausblonden Haare trug sie zu kurz und hatte auch sonst wenig Sinn für Mode, fand er. Dazu kam, dass sie als überdurchschnittlich klug galt und sich in Frauengruppen engagierte – für Adrian eigentlich ein absolutes No-Go.
Eine kurze Recherche ergab jedoch, dass sie Einzelkind, ihre Mutter tot und die Familie vermögend war. Außerdem hatte ihr Vater Krebs im Endstadium. Das ließ Adrian über alles andere hinwegsehen. Er warb um die junge Frau so zielstrebig, wie er jedes Projekt verfolgte. Es dauerte nicht lange, bis Marlies und er ein Paar waren. Als sie ihn das erste Mal mit nach Hause nahm und ihrem Vater vorstellte, sah er sich am Ziel seiner Träume. Der Mann war ans Krankenbett gefesselt, und nach dem, was sie ihm erzählte, hatte er höchstens noch zwei Monate zu leben.
Am nächsten Tag fragte Adrian sie, ob sie ihn heiraten wollte. Vier Wochen später fand in ihrem Elternhaus eine traditionelle Trauung statt.
Doch ihr Vater wollte nicht sterben. War es, weil er seinen Schwiegersohn durchschaute? Adrian wusste es nicht. Und dann tauchte auch noch dieser Doktor Yang auf und brachte alles durcheinander …
Rückblickend betrachtet hatte der Doktor Schuld, dass nichts mehr so gelaufen war wie geplant. Marlies hatte sich mit ihrem Vater nach Singapur abgesetzt und war von der Bildfläche verschwunden. Seitdem sprach sie mit Adrian nur noch aus weiter Ferne. Sie war vorsichtig und traf Sicherheitsmaßnahmen, ließ ihn nie mehr als ihre Augen sehen und fasste sich kurz. Meistens endeten die Gespräche damit, dass sie ihn beschimpfte.
»Ihr Heli steht zum Abflug bereit, Adrian«, riss ihn der PUC aus den Gedanken. Das Gerät unterstrich die Erinnerung mit einem sanften Vibrieren.
»Verstanden«, sagte er, um die Benachrichtigung abzustellen. Er straffte die Schultern und ging zur Garderobe. Nachdem er den Regenschirm vom Haken genommen hatte, verharrte er für einen Moment vor dem Spiegel und musterte sich von oben bis unten. »Du bist kein Arschloch«, bestätigte ihm sein gut aussehendes Gegenüber. »Du bist ein Mann mit einem Plan.« Adrian nickte seinem Spiegelbild zu und öffnete den Fahrstuhl, der ihn auf das Dach bringen würde.
»Ihre voraussichtliche Flugzeit nach Luxemburg beträgt drei Stunden und zehn Minuten«, meldete der PUC sich zu Wort. »Bitte denken Sie daran, vor Ihrem Abflug eine Toilette aufzusuchen.«
»Leck mich«, gab Adrian zurück.
Die Reaktion war so professionell, wie er es von einem Communicator dieser Preisklasse erwarten konnte: »Aktion nicht ausführbar«, informierte ihn die aufregende Frauenstimme.
4·Aussicht auf mehr
Am Samstagvormittag ging bei Enno ein Auftrag der Stufe zwei ein. Der Touchscreen zeigte als Einsatzort die Gondel von Nummer 42. Enno tippte auf das blinkende Dialogfeld und bestätigte.
Nach einer angenehm kühlen Nacht war die Temperatur auf neunundzwanzig Grad geklettert. Er hätte den Einsatz auf die Abendstunden schieben können – in der Hoffnung, dass es bis dahin nicht mehr so heiß sein würde. Weil er abends jedoch ins Heaven wollte, fuhr er sofort zur Windkraftanlage hinaus.
Wie sich herausstellte, war das Anschlusskabel eines Sensors lose, der die Schwingungsdaten des Rotors im Lager erfasste. Enno ersetzte es durch ein neues, das er mit Tape sicherte. Ein Blick ins Protokoll bestätigte seine Vermutung, dass gestern ein Wartungstrupp in der Gondel gewesen war. Der Eintrag vermerkte den Austausch der Antriebswelle. Enno betrachtete das riesige Bauteil und war beeindruckt. Bei der Arbeit musste das Team das Kabel versehentlich ein Stück herausgezogen haben. Die Männer hatten sich gegen zweiundzwanzig Uhr ausgeloggt. Das erklärte wiederum, warum die Steuerzentrale in Achim erst am Morgen auf den Alarm reagiert hatte.
Auf dem Rückweg bemerkte er schon von Weitem Chris’ auf Wasserstoff umgerüsteten Bugsier-Schlepper, der neben dem Hochhaus vor Anker lag. Von ihr selbst war nichts zu sehen. Sie musste unter Deck oder, was wahrscheinlicher war, in Ennos Wohnung sein.
Er holte das Schleppnetz ein, das er unterwegs ausgeworfen hatte, und freute sich, darin ein gutes Dutzend Heringe zu finden. Die beiden kleinsten schmiss er wieder ins Wasser, die anderen landeten im Fischeimer.
Im Vorbeifahren winkte er Piet zu, der an dem Elektromotor des schwimmenden Hauses herumschraubte. Dann band er das Boot am Balkon fest, verstaute das Schleppnetz im Bug und eilte hinauf in die Dachwohnung.
Chris lag auf dem Sofa. Sie hatte die Augen geschlossen und hörte Musik. Dass sie den Daumen im Mund und den Zeigefinger um die Nasenspitze geschlungen hatte, war für Enno ein vertrauter Anblick. Er blieb am Treppenabsatz stehen und beobachtete sie.
Als sie die Augen aufschlug und ihn bemerkte, kam es ihm so vor, als machte sein Herz einen Sprung.
»Schön, dass du endlich kommst. Ich muss zugeben, dass ich so was Ähnliches wie Sehnsucht nach dir hatte«, nuschelte sie und kicherte. Sie drehte sich auf die Seite und rutschte nach hinten an die Lehne, um ihm Platz zu machen. Dabei gab sie schnurrende Laute von sich.
Er betrachtete das als Einladung, sich zu ihr zu legen – mit der Aussicht auf mehr.
Das hatte er richtig verstanden. Kaum, dass er sich neben sie gezwängt hatte, nahm sie den Daumen aus dem Mund und begann, ihn auszuziehen.
Es war schön, mit Enno zu schlafen. Genau die richtige Mischung aus Zärtlichkeit und Fest-zupacken-können, fand Chris. Der Sex war vor allem unkompliziert. Enno schien immer genau zu wissen, was sie wollte und was ihr gut tat. Es gefiel ihm offensichtlich, ihr das zu geben, was sie begehrte. Das machte es ihr leicht, es ihm gleich zu tun.
Chris war kein Kuscheltyp. Wenn sie mit einem Mann geschlafen hatte, suchte sie in der Regel umgehend das Weite. Mit Enno war das anders. Er legte sich anschließend auf den Rücken, kreuzte die Hände hinter dem Kopf und wirkte mit sich und der Welt im Reinen. In solchen Momenten wollte er nichts, was sie ihm nicht freiwillig gegeben hätte. Er forderte schon gar nichts von ihr ein, indem er sie nach ihren Gefühlen oder – was sie noch schlimmer gefunden hätte – nach ihrer Vergangenheit ausfragte.
Während sie sich in dieser Hinsicht lieber bedeckt hielt, war ihm, wenn er so dalag, erstaunlich viel zu entlocken. Sie hatte bereits beim ersten Mal, als sie zusammen im Bett gewesen waren, herausgefunden, dass es sich allein deshalb lohnte zu bleiben. So hatte sie unter anderem erfahren, dass er ohne Vater aufgewachsen war.
Ennos Mutter war fünfundzwanzig gewesen und mitten in der Ausbildung, als sie Herrn Osterkamp kennengelernt hatte. Er war über dreißig Jahre älter als sie, galant und großzügig, und eroberte ihr Herz im Sturm. Er machte ihr einen Antrag, und sie heirateten keine sechs Wochen, nachdem sie sich das erste Mal verabredet hatten.
Eine Zeit lang war ihre Ehe ein großes Abenteuer gewesen – bis Ennos Vater für knapp einen Monat verschwand.
»Das muss immer so weitergegangen sein«, hatte Enno ihr erzählt. »Er blieb ewig weg, und wenn er nach Hause kam, durfte er ihr angeblich nicht sagen, wo er gewesen war oder was er getrieben hatte. Als ich drei war, ist er endgültig abgetaucht. Auf der Arbeit sagte man ihr, er habe gekündigt. Sie hat nie herausgefunden, was aus ihm geworden ist.«
Bestimmt eine neue Affäre, vermutete Chris. Wahrscheinlich mit einer noch Jüngeren. In ihren Augen ein typisches Frauenschicksal.
Ennos Mutter hatte sich nicht unterkriegen lassen. Zum Glück konnte sie auf ein gut gefülltes Konto zugreifen. Das Geld ermöglichte es ihr, die Ausbildung zur Altenpflegerin abzuschließen.
Sie fand eine Arbeit in Esens und eine Wohnung in Neßmersiel. Ihren Sohn zog sie mithilfe von Nachbarn und Freunden groß. Neben dem Job und der Familie war sie in der Flüchtlingshilfe aktiv.
Sie habe ihn immer zu Fleiß und Durchhaltevermögen angehalten, erinnerte sich Enno. So wie er sie beschrieb, war er mit einer guten Mischung aus Strenge, Humor und uneingeschränkter Liebe erzogen worden.
Es hatte eine Zeit gegeben, da hätte Enno gerne mehr über seinen Vater erfahren. Auf Fragen, die ihn betrafen, habe seine Mutter jedoch stets ungehalten reagiert. Enno habe den Kummer in ihren Augen gesehen und gelernt, das Tabu zu respektieren. »Verluste schmerzen vielleicht weniger, je länger sie her sind. Aber das macht sie für den Betroffenen bloß erträglicher, nicht kleiner«, hatte er Chris erklärt.
Während des Studiums hatte Enno viele Partnerinnen gehabt. Chris hatte von seinen Freundinnen nach und nach erfahren, weil er sie beim Erzählen in der Regel namentlich erwähnte. Es gefiel ihr, dass er sich mit seinen Erfolgen beim anderen Geschlecht nicht brüstete. Als sie Hose einmal auf das Thema angesprochen hatte, waren ihm nur zwei Frauen eingefallen, die Enno wichtig gewesen seien. Von den anderen hatte er offenbar nie gehört. Auch dass Enno sich seit Monaten mit ihr traf, schien Hose noch nicht zu wissen.
Dass viele Frauen Enno attraktiv gefunden hatten, war aus ihrer Sicht leicht nachzuvollziehen. Er war groß und drahtig und sah mit seiner dunklen Hautfarbe und den schwarzen Locken sehr gut aus. Er musste schon als Jugendlicher ein interessanter Typ gewesen sein: etwas eigen und verschroben, aber hilfsbereit gegenüber Freunden und anderen Mitschülern, grundehrlich, klug und sehr selbstbewusst – »ziemlich eingebildet«, wie er das rückblickend nannte. Weil er neugierig und fleißig gewesen war, schloss er die Schule als einer der Besten seines Jahrgangs ab. Anschließend stürzte er sich mit einer Begeisterung ins Studium, die keiner seiner Mitstudenten zu teilen vermochte. Darüber hinaus engagierte er sich für den Klimaschutz und in einer Afrika-Solidaritätsgruppe. Er konnte so leidenschaftlich für seine Überzeugungen streiten, dass ihn selbst diejenigen unter den Kommilitonen, die sich für gar nichts interessierten, hoch schätzten.
Heute fehle ihm oft die Kraft, sich für etwas so ins Zeug zu legen wie früher, hatte er Chris einmal gestanden. Nach dem Anschlag sei ihm fast alles, was er einmal hätte erreichen wollen, sinnlos erschienen. Das fand sie schade. Doch sie akzeptierte ihn, wie er war – genauso wie er ihr Tun und Denken zwar hinterfragte, sie aber nie zu einer Änderung ihres Verhaltens oder einer Sichtweise drängte.
Gegen zehn brach Chris wieder auf. Nachdem der Schlepper abgelegt und Kurs auf tiefere Gewässer genommen hatte, schwamm Enno eine halbe Stunde, um etwas für seine Fitness zu tun. Den Rest des Vormittags verbrachte er auf dem Sofa. Er las einen Roman, den er vor Jahren in einem Antiquariat in Osnabrück gekauft hatte, und knabberte an einem Proteinriegel. Dabei döste er immer wieder ein. Später checkte er auf PUC News die aktuellen Nachrichten.
Dabei bemerkte er, dass er sich weder auf die Kommentare noch auf die Bilder konzentrieren konnte. Seine Gedanken schweiften ein ums andere Mal zu Chris ab.
Sie hatten es stets vermieden, über ihre Beziehung zu sprechen. Es war nicht notwendig gewesen, ihre Gefühle zu thematisieren – erst recht nicht, da ihre Treffen in erster Linie sexuell motiviert gewesen waren. Es kam Enno so vor, als hätte sich das geändert, zumindest was ihn betraf. Er mochte Chris sehr, und er vertraute ihr. Im Laufe der vergangenen Monate hatte er sich ihr auf eine Weise geöffnet, die sogar über das hinausging, was er mit Hose teilte. Vielleicht sollte er ihr sagen, dass er etwas anderes, etwas Verbindlicheres wollte, als sie es derzeit hatten.
Dieser Gedanke verunsicherte ihn. Gab es für ihre Beziehung denn überhaupt eine Aussicht auf mehr?, fragte er sich. Dass sie dreißig war, drei Jahre älter als er, spielte für ihn keine Rolle. Dagegen frustrierte es ihn, dass er nicht mit Sicherheit hätte sagen können, ob sie seine Gefühle teilte. Nach außen gab sie sich in der Regel taff, sachlich und verbindlich. Enno hatte sie darüber hinaus als humorvoll, verspielt und verletzlich kennengelernt – Seiten an ihr, die sie vor anderen Menschen verbarg. Doch was wusste er noch über sie?
Er hatte bis heute kaum etwas über Chris’ Familie erfahren, wenig mehr aus ihrer Schul- und Studienzeit und fast nichts darüber, wo und wie sie gelebt hatte, bevor sie im überschwemmten Gebiet aufgetaucht war. Genauso sparsam, wie sie mit Informationen über ihre Vergangenheit umging, war sie mit ihren Gefühlsäußerungen. Seit ihrem ersten Treffen hatte Enno ein tiefes Misstrauen in ihr gespürt, das wie eine Wunde war, die nicht richtig verheilen wollte. Er hatte das stets respektiert. Nun erkannte er, dass dieser Argwohn sie auf Distanz zu ihm gehalten hatte.
Enno blieb nichts anderes übrig, als selbst einen Schritt auf sie zu zu gehen. Vielleicht sollte er sie bei ihrem nächsten Besuch fragen, ob sie sich vorstellen konnte, mit ihm zusammenzuziehen.
Er schob sich den Rest des Proteinriegels in den Mund. Während er auf der zähen Masse herumkaute, ließ er den Blick durch das Wohnzimmer schweifen. Es wäre schön, Chris jeden Tag um sich zu haben. Falls sie Lust haben sollte, ihre Kombüse und Koje gegen den Luxus einer Etagenwohnung einzutauschen, hätte er Platz genug.
Es konnte natürlich sein, dass sie zustimmte, aber nicht hier mit ihm wohnen wollte. Er musste sich also mit dem Gedanken auseinandersetzen, sein Zuhause eventuell aufzugeben. Ist nur eine Wohnung, korrigierte er sich – um sich gleich darauf zu fragen, ob der Ort, an dem er lebte, nicht mehr als »nur eine Wohnung« für ihn geworden war …
Als er vor vier Jahren zurück nach Ostfriesland gezogen war, hatte er gewusst, dass er sich mit der Besetzung des Hochhauses rechtlich in einer Grauzone bewegte. Er hatte jedoch seine Gründe, sich gerade hier niederzulassen, in diesem Gebäude, das dem Wasser nach wie vor standhielt. Die Nähe zu den Windparks war einer davon. Insofern scherte es Enno wenig, ob sein Handeln legal war oder nicht.
Bis zu der Reportage im Roten Kanal. Das Videoportal hatte sich auf Skandal- und Sensationsberichte über Politiker, Sportler, Spitzenmanager und Künstler spezialisiert. Es war einer der populärsten Kanäle des Landes. Ein paar Monate nach Ennos Einzug hatte ihm Warner eine Message geschickt. Sie bestand aus einem Link und einem Kommentar: »Da braut sich was zusammen.«
Der Link führte Enno zu dem Film über die »Rückkehrer«, Menschen wie ihn, die sich nach dem Anschlag in den Ruinen der überfluteten Städte ein Zuhause geschaffen hatten. Der Bericht zeichnete ihn und seine Nachbarn als Anarchisten, Schmarotzer und Kriminelle. Er basierte auf den O-Tönen zweier »Aussteiger« aus der »Besetzerszene«. Beide waren ausschließlich von hinten zu sehen, ihre Stimmen hatte man verfremdet. Im besten Fall seien die Rückkehrer, so der Tenor der Reportage, als weltfremde Spinner zu sehen, die mit der illegalen Besetzung der maroden Gebäude Kopf und Kragen riskierten. Der Beitrag war bereits von Zehntausenden aufgerufen, geteilt und gelikt worden, bevor Enno ihn das erste Mal sah.
Kurz darauf stellte ihm eine Drohne ein Schreiben aus Hannover zu. Darin wurde er aufgefordert, das besetzte Gebäude umgehend zu verlassen. Andernfalls würde geräumt werden müssen.
Wiederum ein paar Tage später tauchten in der Gegend zwei junge Frauen auf. Sie kamen aus Quakenbrück, hatten Videocams dabei und erklärten, eine Reportage drehen zu wollen – die »Story hinter der Story«. Hose habe die beiden »auf Anhieb supernett« gefunden, wusste Monika zu berichten, als Enno sie und Kalli draußen auf dem Wasser traf. Er habe die Frauen als neugierig und unvoreingenommen beschrieben. Sie wollten wohl tatsächlich herausfinden, was das für Menschen seien, die den widrigen Umständen trotzten und im überschwemmten Gebiet ausharrten.
Hose und Tine fuhren die beiden herum. Sie kannten die meisten Nachbarn und mussten diese nicht lange überreden, sich interviewen zu lassen.
»Mir gefällt die Gegend. Hat sie schon immer. Ich will hier einfach nur in Ruhe leben«, sagte eine Frau, die in Sandhorst einen Biohühnerzucht- und Legebetrieb unterhielt.
»Ich kapier nicht, was der ganze Hass soll. Wir haben niemandem was getan«, ergänzte eine etwa zwanzigjährige Punkerin, die neben ihr stand und vermutlich ihre Tochter war.
»Keiner von uns hat je behauptet, dass die Gebäude uns gehören«, empörte sich Karlheinz. Monika nahm seine Hand und beteuerte: »Wenn einer kommt und sagt, er will uns im Fährhaus nicht mehr haben, sind wir sofort weg.« Der Fischer warf einen finsteren Blick in die Kamera. »Nicht, dass wir das gerne täten«, ergänzte er brummig.
Am Ende der Interviews stellten die beiden Frauen allen dieselben Fragen: »Warum sind Sie nach Ostfriesland zurückgekehrt? Und warum wollen Sie unbedingt hierbleiben?«
Warner hatte eigens ein dunkelrotes Jackett angezogen und den Pferdeschwanz unter dem Kragen verschwinden lassen. Vor der Kamera gab sich der Hacker betont seriös. Er lobte das Klima, die gute Luft und die Ruhe, die er bräuchte, um seiner anspruchsvollen beruflichen Tätigkeit als IT-Sicherheitsberater nachgehen zu können.
Ein perfekter Auftritt, dachte Enno, als er den Film sah. Es war Warner gelungen, seinen Sarkasmus weit genug zu zügeln, dass keiner merkte, wie lächerlich er die ganze Situation fand.
»Mein Name ist Tammen, Holger Tammen«, gab Hose zu Protokoll. Das hatte er bestimmt schon immer mal sagen wollen. »Ich komme aus Norden. Meine Familie stammt aus der Gegend, so wie die meisten, die hier leben. Ich finde es schön, dass meine Freunde und Bekannten wieder da sind. Wär echt schade, wenn sie gehen müssten.«
Auch andere Leute aus ihrem Umfeld begründeten die Entscheidung, in Ostfriesland zu bleiben, mit ihrer Verbundenheit der alten Heimat, den Freunden und der Familie gegenüber. Die meisten konnten zudem auf eine mehr oder weniger einträgliche Arbeit verweisen, was die Reportage im Roten Kanal Lügen strafte. »Wir sind ganz normale Leute. Wir zahlen Steuern wie ganz normale Leute«, betonte zum Beispiel Monika, die angab, zusammen mit ihrem Freund im Fischereigewerbe tätig zu sein.
Die Filmcrew passte Enno am Nachmittag auf dem Dach des Hochhauses ab. Die Frauen hatten ihn überrumpelt, und er kam nicht mehr dazu, sich die Antworten vorher zurechtzulegen. Ohne es zu wollen, schoss er mit seinem Statement den Vogel ab: »Meine Mutter hat früher da hinten gelebt.« Er zeigte in Richtung Südosten, wo es nichts mehr zu sehen gab außer Wasser. »Ich bin wieder hergezogen, um ihr Andenken zu ehren und sie angemessen zu betrauern.«
Als der Film im Netz auftauchte, gingen die Zugriffe innerhalb weniger Tage durch die Decke. Er löste eine landesweite Sympathiewelle aus. Fast alle Medien schlossen sich der positiven Berichterstattung über die »Rückkehrer« an. Viele Eigentümer offerierten den Besetzern einen Mietvertrag. Einige übertrugen ihnen die aufgegebenen Gebäude gleich ganz.
Die beiden jungen Frauen hatten das Ruder in letzter Minute herumgerissen. Heimatverbundenheit war etwas, das der nationalkonservativen Landesregierung zusagte. Das Thema Räumung war seitdem vom Tisch.
Enno sah sich gerade eine Doku an, da erinnerte ihn der PUC, dass die Ertragsdaten der Solaranlage seit einer Woche unter dem vorgegebenen Wert lagen. Also füllte er einen Eimer mit Wasser, gab einen Spritzer Lösungsmittel hinein und holte einen Schwamm aus der Küchenschublade. Bevor er auf das Dach ging, ersetzte er die Tanks der Trockentoilette durch leere. Er verschloss die Behälter sorgfältig und trug alles nach oben. Die vollen Kanister stellte er neben den Biomüll in den Schatten. Chris würde den Abfall bei ihrem nächsten Besuch mitnehmen und bei der Sammelstelle im Hafen abliefern. Von dort aus wanderten der Urin und Stuhl in die nächstliegende Düngemittelfabrik.
Schwamm und Eimer nahm er mit zu den Solarzellen. Seine Anlage war ein Bausatz, zu dem ein Stromspeicher und zwölf Module mit polykristallinen Zellen auf Siliziumbasis gehörten. Er hatte sich die Komponenten in einem Baumarkt gekauft, mit dem Geld, das er nach der Flutkatastrophe vom Bund erhalten hatte. Piet zufolge beherrschten die Chinesen mit diesen Bausätzen den Weltmarkt. Enno war das egal. Die Anlage war pflegeleicht, die Solarzellen hatten einen Wirkungsgrad von über sechzig Prozent, und der Stromspeicher versorgte zuverlässig ein Kühlfach, die Entsalzungsanlage und zwei LED-Lampen. Für diesen Luxus nahm er es gerne in Kauf, die Module regelmäßig zu putzen.
Es regnete hier draußen nur selten. Der Wind brachte jedoch viel Feuchtigkeit mit sich, die sich auf der Glasversiegelung absetzte und beim Trocknen Salz, Staub und Schmutz hinterließ. Er entfernte den dünnen Film vorsichtig mit dem Schwamm. Anschließend checkte er die Ertragsdaten erneut. Alle Werte lagen wieder im grünen Bereich.
Als er den Eimer über die Dachkante leerte, näherte sich ihm eine Drohne. Sie verharrte für einen Moment im Flug und richtete die Kamera auf ihn. Gesichtserkennung?, fragte sich Enno und musste dabei an Warner denken, der geradezu eine Paranoia gegen die behördliche Überwachung des überschwemmten Gebiets entwickelt hatte.
Erst jetzt bemerkte er, dass er auf dem Dach nicht alleine war. Während er die Module gereinigt hatte, war Piet herübergekommen. Der Alte hatte sich im Schatten des Sonnensegels in einen der Liegestühle gesetzt und seine Angel ausgeworfen. Er beobachtete mit dem Feldstecher den Horizont.
Enno stellte den Eimer ab und setzte sich neben Piet. »Moin. Schon was gefangen?«
»Moin. Nee, ich bin gerade erst gekommen«, antwortete Piet. »Da beißt aber bestimmt was. In den Ruinen wimmelt es von Fischen.«
»Genau wie draußen im Windpark.«
»Weil die großen Schleppnetzpötte da nicht hinkommen.«
»Dürfen die nicht. Fischereiverbot«, sagte Enno.
»Ach nein?« Piet grinste.
Enno bemerkte den spöttischen Gesichtsausdruck. Sein Nachbar wusste offenbar, dass er bei Wartungseinsätzen gerne sein Netz zwischen den Türmen auswarf. Dabei galt das Verbot selbstverständlich auch für ihn. »Die paar Fische, die ich da raushole«, verteidigte er sich. »Außerdem machst du doch das Gleiche.« Er wies mit dem Kinn auf die Angel.
Piet grinste noch breiter. »Das ist nicht das Gleiche. Ich hab einen vispas, einen Angelschein«, erwiderte er.
»Dein vispas gilt bestimmt nicht für deutsche visse«, sagte Enno und lachte.
Die Miene des Alten wurde ernst. »Es heißt vis, nicht visse«, korrigierte er den jungen Mann. »Und komm du mir nicht mit ›deutsch‹. Das kann ich nicht gut hören – gerade von dir nicht.«
»Was soll das denn heißen?«, hakte Enno nach. »Meinst du, weil ich nicht so weiß bin wie du?«
»Natürlich nicht. So war das nicht gemeint.« Piet wandte sich ab und brummte etwas auf Niederländisch.
»Wie Milchkaffee«, hatte Chris die Farbe von Ennos Haut einmal beschrieben. »Lecker«, hatte sie dem Vergleich hinzugefügt. Enno war einen Moment lang sauer auf seinen Nachbarn gewesen. Als er an die Schlepperkapitänin dachte, musste er unwillkürlich schmunzeln.
Piet schien ebenfalls etwas Amüsantes eingefallen sein. Sein Mund verzog sich zu einem verschmitzten Lächeln, das jede Falte auf den stoppeligen Wangen einbezog. »Und von wegen ›deutsche Fische‹: Ob das hier zu Deutschland gehört, darüber lässt sich meines Erachtens streiten«, sagte er. »Genau genommen sitzen wir doch mitten in der Nordsee, weit außerhalb der Zwölfmeilenzone.«
»Das meinst du nicht im Ernst, oder?«, fragte Enno.
Der Alte machte »Hmm«, als wöge er den Gedanken ab. Dann stieß er Luft aus der Nase. »Historisch gesehen ist das natürlich Blödsinn. Trotzdem ist es ein Argument. Sollte mich jemals einer hier draußen wegen illegalen Angelns oder so was belangen wollen, bin ich fest entschlossen, damit bis vor den Europäischen Gerichtshof zu ziehen.«
Enno lachte wieder. »Na, dann viel Spaß dabei.«
Im Stillen freute er sich, dass es Piet heute so gut ging. Er genoss es, mit ihm herumzualbern.
Der Alte kam oft auf das Dach des Hochhauses herüber. Enno hatte nichts dagegen. Er konnte es nachvollziehen, dass sein Nachbar den Betonboden, so heiß er an manchen Tagen auch wurde, dem Geschaukel im Hausboot vorzog. Außerdem schätzte er die Gesellschaft des alten Mannes. Selbst wenn er gedankenverloren und abweisend wirkte, setzte Enno sich gerne zu ihm, und sie schwiegen gemeinsam.
Wenn sie so dasaßen, kam es vor, dass Piet den Feldstecher wortlos an ihn weiterreichte und ihm die Richtung wies, in der er etwas Sehenswertes entdeckt hatte. Das konnten zum Beispiel Pott- oder Buckelwale sein, die an ihrem hoch ausgestoßenen Blas erkennbar waren. Die Meeressäuger nahmen auf den Wanderungen zwischen ihren Sommer- und Wintergebieten oft den Weg durch die Nordsee. In der Regel waren in der Ferne Containerschiffe zu sehen, darunter diejenigen, die volle Wasserstofftanks von den Windparks an die Küste und leere zurück zu den Offshorefabriken brachten. Interessanter fand Piet die Frontex-Schiffe, die am Rande der ehemaligen Zwölfmeilenzone patrouillierten. Sie sicherten die Grenze gegen Flüchtlinge, die versuchten, dem Elend in Großbritannien zu entkommen.
»Du hast bestimmt schon mal was vom Brexit gehört. So nannte man das, als die Briten 2020 aus der Europäischen Union ausgetreten sind«, erklärte Piet im Plauderton, als Enno das Thema ansprach. »Das war der größte Blödsinn, den sich diese verrückten Insulaner je ausgedacht hatten. Banken und Großunternehmen sind danach reihenweise abgewandert. Innerhalb eines Jahrzehnts war das Land wirtschaftlich am Boden. Viele Leute verloren ihren Job. Zuerst gingen die gut Qualifizierten, gefolgt von den Jüngeren, die zu Hause keine Perspektive mehr sahen. Später kamen die Probleme mit dem Wasser dazu, und alle europäischen Staaten machten die Grenzen dicht. Es versuchen immer noch viele, von der Insel runterzukommen, auf legalem Weg oder nicht. Doch heutzutage haben die schlechte Karten. Denk nur an das Schiff, in dem Holger wohnt. Als es vor der Kirche auf Grund lief, wurden die Flüchtlinge sofort verhaftet und zurückgeschickt … oder ›rückgeführt‹, wie das jetzt heißt.«
Enno war sicher, dass es während seiner Schulzeit noch Kontingente für britische Flüchtlinge gegeben hatte. In Neßmersiel war eines Tages eine schwarze Familie aufgetaucht, die ursprünglich aus Hull stammte. Seine Mutter hatte sich zusammen mit anderen Ehrenamtlichen um die Neuankömmlinge gekümmert. Anfang der Vierzigerjahre war die Politik der Europäischen Union restriktiver geworden. Deutschland – damals noch grün-links regiert – hatte keine von den Britischen Inseln Geflüchteten mehr aufnehmen dürfen. Das musste der Zeitpunkt gewesen sein, als Frontex die Nordseeküste zu überwachen begonnen hatte. Seitdem wurden alle Schiffe zurückgeschickt, bevor sie europäische Gewässer erreichten. Dabei ging die Grenzschutzagentur genauso konsequent und gnadenlos vor wie seit Jahrzehnten auf dem Mittelmeer und in Griechenland.
»Ich war zweiundvierzig zuletzt drüben«, berichtete der alte Mann und machte eine Geste in Richtung Horizont. »Das Land war in einem desolaten Zustand. In die Infrastruktur wurde kaum noch investiert. London stand zu großen Teilen unter Wasser. Die Themse war kilometerbreit, eine einzige, stinkende Kloake. Und überall, wo man hinsah, herrschte Armut.«
Einmal, bevor er Piet gekannt hatte, war Enno auf halbem Weg zum Windpark einem etwa fünfzigjährigen Mann begegnet. Dieser hatte es mit seinem Segelboot geschafft, durch die Maschen des eng gespannten Netzes an Patrouillen zu schlüpfen. Dabei war ihm der Seenebel zugutegekommen, ein Wetterphänomen, das immer dann entstand, wenn der Wind Richtung Norden drehte und die über dem Festland erhitzten Luftmassen über das kühlere Wasser blies.
Der Mann war Enno auf Anhieb sympathisch gewesen. »Ein Bäcker aus Broadstairs. Hatte seinen eigenen Laden gehabt«, erzählte er dem Alten. »Dann kam das Meer. Die Stadt, die Leute, seine Heimat – alles weg. Er hatte früher an Regatten teilgenommen und kannte sich mit kleinen, schnellen Booten aus. So war es ihm gelungen, die vierhundert Meilen auf See unbeschadet hinter sich zu bringen – die Hälfte davon ohne Sicht, nur mithilfe eines Kompasses. Er hoffte, an der Küste unbemerkt an Land gehen zu können. Hatte vor, sich von dort nach Süddeutschland durchzuschlagen. Keine Ahnung, was er da wollte.«
Enno hatte großen Respekt vor dem Mut des Mannes und dessen Geschick mit dem Boot gehabt. Er hatte ihm geraten, ein Waldgebiet bei Sandkrug anzusteuern, knapp hundert Kilometer Richtung Südsüdost. »Passen Sie bloß auf, dass Sie an der Küste einen Bogen um die Aquakulturen machen«, hatte er den Mann ermahnt. Der Segler war dankbar gewesen, die Koordinaten zu erhalten. Enno hatte ihm versichert, dass man den nächsten Bahnhof von dort aus zu Fuß erreichen konnte.
Er habe dem Segler Glück gewünscht – und sich insgeheim für den Mann gefreut, erzählte er Piet. »Den gefährlichsten Teil seiner Reise hatte er längst hinter sich.« Das letzte Stück des Wegs sei im Vergleich dazu ein Kinderspiel gewesen.
Enno musste an die Flüchtlinge denken, die vor der Ludgerikirche gestrandet waren. Sie hatten nicht so viel Glück gehabt.
»Mir tun die Briten leid«, sagte er.
»Mir tun alle Leute leid, die heimatlos sind«, sagte Piet. »Manchmal tu ich mir selber leid.« Er lächelte versonnen.
Enno spürte, dass der alte Mann seine Worte ernst meinte. »Wir haben es doch schön hier«, versuchte er, seinen Nachbarn aufzumuntern. »Hauptsache, man ist nicht alleine. Ich finde, es gibt genug Leute, die einsam sind.«
Piets Mund zuckte, ganz leicht nur und auf eine Weise, die Enno nicht deuten konnte. War es Missbilligung?
Der Alte hob den Feldstecher wieder an die Augen und richtete ihn auf den Horizont. Enno nahm an, er hätte sich verschlossen, wie es immer wieder mal vorkam.
Da räusperte Piet sich und brummte: »Das ist ein wahres Wort, mein Junge.«
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