Kitabı oku: «Europäische Urbanisierung (1000-2000)»

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Dieter Schott

Europäische

Urbanisierung

(1000–2000)

Eine umwelthistorische Einführung

BÖHLAU VERLAG KÖLN WEIMAR WIEN · 2014

Dieter Schott ist Professor für Neuere Geschichte mit einem Schwerpunkt in der Stadt- und Umweltgeschichte an der TU Darmstadt.

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

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Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart

Satz: synpannier. Gestaltung & Wissenschaftskommunikation, Bielefeld

Druck und Bindung: AALEXX Buchproduktion, Großburgwedel

Gedruckt auf chlor- und säurefreiem Papier

Printed in the EU

UTB-Band-Nr. 4025 | ISBN 978-3-8252-4025-7 (ePub)

Über diese eBook

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Inhaltsverzeichnis

Cover

Impressum

Über dieses eBook

Vorwort

1 Einführung: Fragen an eine Umweltgeschichte europäischer Städte

1.1 Die Stadt als gebaute Entität

1.2 Das Vorgehen

2 Kontinuität oder Neubeginn: Städte im Frühmittelalter

2.1 Römerstädte: Das Problem der Kontinuität

2.2 Wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen

2.3 Wege zur mittelalterlichen Stadt

2.4 Kerne frühmittelalterlicher Stadtentwicklungen: Von der „Burg“ zur „Stadt“

3 Die Herausbildung der europäischen Städtelandschaft im Mittelalter

3.1 Stadtblüte im Hochmittelalter (1100–1300)

3.1.1 Wirtschaftliche und demografische Veränderungen 11. – 14. Jh.

3.1.2 Von der Stadt zur Kommune: Der Emanzipationsprozess der Städter

3.1.3 Stadtgründung als Investition und Landesentwicklung

3.2 Städte im Netz: Die europäische Städtelandschaft

3.2.1 Das Städtesystem im Überblick

3.2.2 Modelle zur Erklärung des europäischen Städtesystems

4 Stadt-Umland-Hinterland: Die Versorgungskreise der mittelalterlichen Stadt

4.1 Das Umland ernährt die Stadt, aber wo ist das Umland?

4.2 Die mittelalterliche Stadt und der Wald

4.2.1 Die Veränderung des Waldes im Zuge des Landesausbaus

4.2.2 Anfänge einer Waldschutz-Politik

4.2.3 Die Substitution von lokalen Waldbeständen

4.3 Getreideversorgung

4.4 Die Fleischversorgung der Stadt

4.5 Stadt – Umland – Territorium

4.6 Das Verlagssystem: Arbeitsressourcen des Hinterlands mobilisieren

5 Der Schwarze Tod: Bevölkerungseinbruch und Umweltkrise im Spätmittelalter

5.1 Klima und Tragfähigkeit: Die Rahmenbedingungen

5.2 Der Schwarze Tod kommt nach Europa

5.2.1 Ausbruch und Ausbreitung

5.2.2 Die Folgen der Pest

5.3 Der Raum der Stadt

5.3.1 Das Umland der Stadt

5.3.2 Vor den Toren: Die Stadt als Festung

5.3.3 Häuser und Haustypen

5.3.4 Die spätmittelalterliche Stadt als Soziallandschaft

5.3.5 Die Stadt als Wirtschaftsraum

5.4 Stadt – Wasser – Abfall

5.4.1 Ziehbrunnen – Rückgrat städtischer Wasserversorgung

5.4.2 Wasserkünste – Laufbrunnen

5.4.3 Mediterrane Wasserpolitik: Die (knappen) Wasser von Siena

5.4.4 Abwasser und Abfall

6 Die Stadt an der Schwelle zur Neuzeit

6.1 Ein neuer Aufschwung nach 1470

6.2 Die Entdeckungen und die Entstehung der Weltwirtschaft

6.3 Renaissance und Reformation: Aufbrüche zu neuen geistigen Welten?

6.3.1 Die Renaissance

6.3.2 Die Reformation: Stadt und Religion in der frühen Neuzeit

6.4 Augsburg: Ökonomische Hauptstadt des Alten Reiches

6.5 Antwerpen – Amsterdam: Schaltzentren der neuen Weltwirtschaft

6.5.1 Antwerpen: Die kurze Blüte einer Weltstadt

6.5.2 Amsterdam: Weltstadt aus dem Sumpf

7 Die neue Dominanz der Hauptstädte nach 1500

7.1 Die Städte und der Staat

7.2 London: Die Metropole überformt das Land

7.2.1 Lage und Pole der Stadtentwicklung

7.2.2 Wachstumskräfte: Die Attraktivität der Hauptstadt

7.2.3 Soziale Topografie und bauliche Gestalt Londons

7.2.4 London und sein wirtschaftliches Hinterland

7.2.5 London als Handels- und Gewerbezentrum

7.2.6 Der energetische Stoffwechsel Londons: Die erste fossile Stadt Europas

7.2.7 Die Resilienz Londons: Pest und Feuer – der Doppelschlag von 1665/66

7.3 Paris – Krone Frankreichs oder Moloch des Landes?

7.3.1 Elemente der Stadtgestaltung

7.3.2 Paris und sein Hinterland

8 Der Stoffwechsel der Industriestadt: Manchester

8.1 Industrialisierung zwischen Land und Stadt: Warum Manchester?

8.2 Die Industriestadt bauen: Neue Bautypen

8.3 Das Wachstum von Manchester: Die shock-city

8.4 Die Stadt und ihr Rauch

8.5 Stoffwechsel und Politik: Das Beispiel Manchester

8.6 Der Typus „Industriestadt“

9 Die Umweltfrage als Hygienefrage im 19. Jahrhundert

9.1 Sterblichkeit – Seuchen – Cholera

9.2 Chadwick und der „Sanitary Report“: Von der Armen- zur Hygienepolitik

9.3 „Public Health“ in der Praxis

9.4 Hamburg, das große Feuer und die hygienische Modernisierung

9.5 „Tod in Hamburg“: Der tiefe Sturz der Pionierstadt des Kontinents

9.6 Hygiene – Stadtentwicklung – Umwelt

10 Die „Haussmannisierung“ von Paris: Die Erfindung der modernen Metropole

10.1 Paris und Frankreich um 1850

10.2 Der Umgestaltungsplan und Haussmann

10.3 Die Umsetzung des Plans

10.4 Die Haussmannisierung von Paris: Eine Stadt im Abriss

10.5 Den Stoffwechsel erneuern: Wasser und Abwasser

10.6 Paris ergrünt

10.7 Paris und seine Vororte

10.8 Haussmanns Bilanz

11 Antworten auf die Krise der Stadt: Vernetzung und Stadtplanung

11.1 Die Krise der neuzeitlichen Stadt

11.2 Die Vernetzung der Stadt

11.2.1 Die Gasversorgung

11.2.2 Die elektrische Vernetzung der Stadt

11.2.3 Verkehrsmäßige Vernetzung der Stadt

11.3 Stadtplanung

11.3.1 Vorbilder und Erprobungsfelder

11.3.2 Erste Anfänge der Stadtplanung als wissenschaftliche Disziplin

11.3.3 Die britische Debatte – Der Weg zur Gartenstadt

11.3.4 Die Internationalisierung der Stadtplanungsdebatte 1900–1914

11.3.5 Stadtplanung im Zeichen der Wohnungsfrage

12 Ausblick: Von der „Autostadt“ zur „nachhaltigen Stadt“?: Die Stadt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

12.1 Grundbedingungen der Stadtentwicklung nach 1945

12.2 Umbrüche und Paradigmen-Wechsel: Die 1970er-Jahre

12.3 Gewinner und Verlierer – die Städtestruktur der Nachkriegszeit

12.4 Auf dem Weg zur „nachhaltigen Stadt“?

Abbildungsnachweis

Abbildungen

Tabellen

Gesamtliteraturverzeichnis

Register

Ortsregister

Sachregister

Personenregister

Rückumschlag

Vorwort

Dieses Studienbuch ist aus den Vorlesungen „Europäische Urbanisierung und Umwelt 1000–2000“ entstanden, die ich am Institut für Geschichte der TU Darmstadt seit dem Wintersemester 2005/06 als Einführung für die Studierenden des M. A. Studiengangs ‚Geschichte – Umwelt – Stadt‘ gehalten habe. Wie die Vorlesungen soll auch das Buch dazu beitragen, Studierende mit den wichtigsten Aspekten der europäischen historischen Stadtentwicklung nach der Antike vertraut zu machen und zugleich – im Unterschied zu anderen vorliegenden Einführungswerken – die umweltgeschichtlichen Dimensionen dieses Prozesses besonders herausarbeiten. Ich danke den Teilnehmern der Vorlesungen für wertvolle Kritik und Anregungen, die mir geholfen haben, das Konzept zu schärfen und weiter zu entwickeln und geeignete Anschauungsbeispiele zu identifizieren.

Bei der Erarbeitung des Buchmanuskripts erfuhr ich Unterstützung durch Kollegen; danken möchte ich insbesondere Martin Knoll, Sebastian Haumann und Michael Toyka-Seid, die Teile des Manuskripts gelesen und mit kritischen Kommentaren zur Verbesserung beigetragen haben. Besonders wichtig war für mich die Unterstützung durch Christian Zumbrägel, der nicht nur die Textarbeit durch Literaturrecherchen und Beschaffung von Bildvorlagen begleitet, sondern auch mit konstruktiven und die studentische Perspektive reflektierenden Kommentaren zur Lesbarkeit und Verständlichkeit des Textes beigetragen hat. Danken möchte ich auch Elena Mohr und Julia Beenken vom Böhlau-Verlag für die verständnisvolle Begleitung des Buchprojekts.

Widmen möchte ich dieses Buch meiner Frau Christine.

Darmstadt, im Dezember 2013 [<<9]

1 Einführung: Fragen an eine Umweltgeschichte europäischer Städte

Seit 2007 lebt die Mehrheit der Weltbevölkerung in Städten. Am Weltsiedlungstag 2008 sprach die damalige Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Heidemarie Wieczorek-Zeul vom „urbanen Jahrtausend“, in dem die Weltgemeinschaft jetzt angekommen sei.1 Menschheitsfragen sind daher in steigendem Maß „Stadtfragen“, Fragen danach, wie unsere Städte in Zukunft umgestaltet werden müssen, um den an sie gestellten Anforderungen im Sinne „nachhaltiger Entwicklung“, zu der sich die Weltgemeinschaft mit der Rio-Konferenz 1992 in der Agenda 21 verpflichtet hat, gerecht zu werden.

Die Dramatik dieses Beschlusses ist bislang in den westlichen Industriegesellschaften, die nach wie vor einen deutlich überproportionalen Anteil der globalen Ressourcen beanspruchen, nicht hinreichend erkannt worden. Denn eine konsequente Ausrichtung von Wirtschaft und Gesellschaft an den Prinzipien der Nachhaltigkeit würde eine Revision von Verhaltensweisen und Praktiken bedingen, die sich seit der Industrialisierung herausgebildet und anscheinend bewährt haben. Seit dem Beginn des Industriezeitalters lag dem Wirtschaften die häufig unausgesprochene, aber dennoch wirkungsmächtige Annahme zugrunde, die Ressourcen der Welt seien im Prinzip unerschöpflich.2 Mittlerweile wissen wir aber sehr genau, dass zentrale strategische [<<11] Ressourcen wie etwa das Öl durchaus endlich sind3, oder dass die Kernenergie nicht die nötige gesellschaftliche Akzeptanz besitzt. Aber auch dort, wo noch theoretisch Ressourcen für Jahrhunderte vorhanden sind – wie etwa global bei der Kohle –, wäre es aus Rücksicht auf das Weltklima und die drohende globale Erwärmung nicht ratsam, die Ressourcen in bisheriger Weise weiter zu verfeuern. Auch wenn auf weltpolitischer Ebene der Prozess der verbindlichen Klimaschutzabkommen derzeit stagniert, so ist die Prognose nicht allzu riskant, dass letztlich die Fragen nach einer Bewältigung der Energiewende, nach einem tief greifend veränderten Umgang mit nicht-nachwachsenden Rohstoffen, nach der Anpassung unserer Lebenswelt an die nicht mehr abwendbaren Folgen des Klimawandels die Überlebensfragen der nächsten Jahrzehnte sein werden.

Wo kommen hier nun Städte ins Spiel? Städte sind einerseits, als Schwerpunkte wirtschaftlicher Aktivität, die Hauptkonsumenten von Ressourcen und Energie; 75 % des globalen Energieverbrauchs erfolgt in Städten.4 Städte sind Konzentrationen von Konsumenten, sie bündeln Ressourcenverbrauch, bilden also wesentliche Teile des Problems nicht-nachhaltigen Umgangs mit Ressourcen. Zugleich bieten Städte gerade durch diese Verdichtung aber auch vielfältige Chancen zur Veränderung, weil diese Dichte im Prinzip ökonomisch und auch ökologisch sinnvolle Lösungen erlaubt, etwa in der effizienten Nutzung öffentlichen Nahverkehrs anstelle von motorisiertem Individualverkehr. Zahlreiche technische Lösungen, die ein urbanes Leben ermöglichen und erträglich gestalten, etwa Raumheizung/Klimatisierung und Warmwasserbereitung, lassen sich in Gebäuden mit mehr Bewohnern wesentlich effizienter und pro Quadratmeter und Bewohner/Nutzer kostengünstiger und weniger umweltbelastend realisieren als in frei stehenden Einfamilienhäusern im Grünen. Zudem bilden Städte auch Verdichtungen innovativer Problemlösungskompetenz.

Warum stellt sich die Veränderung von Städten, die Ausrichtung auf das Prinzip „nachhaltiger Entwicklung“, trotzdem als so schwierig und konfliktträchtig dar? Eine idealistische, vom guten Willen geprägte Umweltpolitik übersieht leicht die objektiven, gewissermaßen „in Stein“ gegossenen Hindernisse, die sich einem Umsteuern in den Weg stellen. Als bedeutsam und zugleich besonders widerständig erweisen sich hier die Strukturen der Siedlungsentwicklung, des Verkehrs, der Ver- und Entsorgung insbesondere der Städte der westlichen Welt. Diese Strukturen haben sich in ihrer aktuellen [<<12] Form in langfristigen Prozessen seit Mitte des 19. Jahrhunderts formiert und verfestigt. Sie bestehen einerseits aus Netzen, Röhren und Kanälen, aus Überlandleitungen, Pipelines und Straßennetzen, der materiellen „Hardware“ also. Wir erleben heute, dass diese Hardware vielfach – etwa aufgrund demografischer Veränderungen, aber auch qualitativen Wandels der Transportnotwendigkeiten, – nicht mehr dem veränderten Bedarf entspricht. Ein Beispiel solcher Beharrungskräfte ist die Kanalisationsinfrastruktur: In vielen deutschen und europäischen Städten ist die Kanalisation mittlerweile angesichts schrumpfender und alternder Bevölkerung überdimensioniert; zudem sind große Teile des Netzes dringend instandhaltungsbedürftig, was gewaltige Investitionen erfordert, und nur durch die „Vergeudung“ hoher Wassermengen in der Funktion aufrecht zu erhalten.5

Hindernisse liegen aber nicht nur in der Hardware, im baulich-materiellen, sondern auch in der Software, im kulturell-mentalen Bereich. Ein dichtes Regelungsgeflecht durchzieht die städtische Existenz: Wie wir Häuser bauen, wo wir wohnen, wie wir in Städten verkehren, wie wir die für unser Wohnen und Arbeiten notwendige Energie und Wasser beziehen und konsumieren, alle diese Aspekte sind in gesetzlichen und verwaltungsmäßigen Normen reguliert. Aber auch jenseits formeller rechtlicher Normierung haben sich durch jahrzehntelangen Umgang mit fließend Wasser, Gas und Elektrizität, mit Müllabfuhr und Nahverkehr kulturelle Konsumgewohnheiten und Erwartungsmuster herausgebildet, die uns mittlerweile als völlig selbstverständlich erscheinen und kaum kurzfristig veränderbar sind.6 Wir erwarten sauberes und trinkbares Wasser, wenn wir den Wasserhahn aufdrehen, Licht beim Anknipsen des Schalters. Diese Erwartungsmuster werden nur reflektiert oder infrage gestellt, wenn diese Systeme wegen eines Streiks oder einer Naturkatastrophe einmal nicht funktionieren oder wenn wir uns in Ländern der Dritten Welt aufhalten, wo der gewohnte scheinbar unproblematische Umgang mit diesen Selbstverständlichkeiten nicht möglich ist. [<<13]

1.1 Die Stadt als gebaute Entität

Insbesondere die baulich-materiellen Strukturen von Stadt weisen eine hohe Langlebigkeit und eine außerordentliche Veränderungsresistenz auf; sie überdauern meist auch große politische Zäsuren, selbst Kriege und massive Zerstörungen im Zuge von Naturkatastrophen.7 In der Umwelt- und Technikgeschichte wird diese Veränderungsresistenz von physischen, materiellen, aber auch von mentalen Strukturen „Pfadabhängigkeit“ genannt, ein Begriff, der aus der Wirtschaftsgeschichte entlehnt wurde.8 „Pfadabhängigkeiten“ liegen häufig bei Infrastruktur-Technologien vor, die für ihr störungsfreies Funktionieren auf ein bestimmtes Prinzip oder ein nicht beliebig kompatibles technisches System angewiesen sind. So setzte sich etwa für die Kanalisation in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fast allgemein das Prinzip der Schwemm- oder Mischkanalisation durch, das sämtliche Abwässer in einem Röhrensystem zusammenfasst, aber zu seinem störungsfreien Funktionieren erhebliche Mengen Wasser braucht, die aus den WCs in die Kanalisation eingeführt werden (vgl. Kap. 9, S. 223). Heutige Überlegungen, unterschiedlich belastete Abwässer zu trennen und [<<14] getrennt zu behandeln, was effektiver und auch energetisch günstiger wäre, treffen auf die gebaute Realität der Schwemmkanalisation, die sich wegen der enormen damit verbundenen Kosten und auch des systemischen Charakters kaum kurzfristig umbauen lässt. Das Konzept „Pfadabhängigkeit“ lenkt die Aufmerksamkeit auf die mit der Einrichtung eines Systems getroffenen Grundentscheidungen, die für die Folgezeit den Handlungsspielraum erheblich limitieren und die Entwicklung auf einen bestimmten Pfad festlegen, der – unter veränderten Prämissen – später als suboptimal angesehen wird. Weil die ursprüngliche Entscheidung zunächst positive Rückkoppelungseffekte produziert und so Selbstverstärkungswirkungen entfaltet, verfestigt sich der einmal eingeschlagene Pfad. In der Folge erscheinen Entscheidungsspielräume den Akteuren als erheblich eingeschränkt, was die Pfadabhängigkeitsforschung als „lock-in“ bezeichnet. Diese Strahlkraft von Geschichte in unsere Gegenwart verweist darauf, dass wir die Strukturen, mit denen es heutige Stadtentwicklung und Umweltpolitik zu tun hat, nur angemessen verstehen können, wenn wir sie in ihrer langfristigen Genese analysieren und erklären.

An diesem Punkt setzt dieses Studienbuch an: Es möchte deutlich machen, wie die heutigen Strukturen, die unsere europäischen Städte als gebaute Entität prägen, sich langfristig formiert haben. Diese Langfristperspektive wird auch zeigen, dass die europäischen Städte schon immer ihre Umwelt erheblich verändert und umgestaltet haben, wobei Dauerhaftigkeit und Reversibilität dieser Eingriffe unterschiedlich waren.

Der Gang durch die Geschichte der europäischen Stadt, auf den dieses Buch seine Leser mitnehmen möchte, wird unter einer besonderen Perspektive stehen, die aus der eingangs erläuterten Problematik erwächst: Im Zentrum wird das Stadt-Umwelt-Verhältnis stehen, konkreter die Frage, wie die Stadt als „kollektiver Konsument“ von Nahrungsmitteln, Wasser, Energie, Rohstoffen etc. diese Ressourcen beschafft und damit auf ihre Umwelt, ihr Umland eingewirkt hat. Zentral wird weiterhin die „Kehrseite“ dieses Aspektes sein: In der Verwertung von Nahrungsmitteln, Wasser, Energie und Rohstoffen produziert die Stadt „Restprodukte“ dieses Konsums: Fäkalien, Abwasser, Abfall, Rauch, Asche, aber auch gewerbliche Produkte einer höheren Fertigungsstufe. Diese Materialien können nur sehr bedingt auf städtischem Territorium gelagert werden, zum einen aus Platzmangel, zum anderen aus hygienischen Gründen. Städte waren und sind also darauf angewiesen, ihre Stoffwechselprodukte an ihre Umwelt abzugeben und sie dadurch zu „entsorgen“ bzw. einer neuen, anderen Nutzung zuzuführen, sie zu „recyceln“. Gewerbliche Produkte werden, soweit sie nicht innerhalb der Stadt konsumiert werden, an die Umwelt über Handel abgegeben, um damit wieder andere benötigte Materialien für den städtischen Stoffwechsel zu erwerben. Diese Strukturnotwendigkeiten der Versorgung mit lebensnotwendigen Gütern und deren Sicherung [<<15] einerseits, der Entsorgung der Stoffwechselprodukte und damit Unschädlichmachung für die städtische Bevölkerung andererseits sind gewissermaßen universale Grundkonstanten städtischer Existenz über alle historischen Epochen hinweg.

„Stadt“ soll für dieses Studienbuch als verdichtete Siedlung begriffen werden, die für ein unterschiedlich großes Umland zentrale Funktionen des Güteraustauschs (Markt), der politischen Herrschaft und Verwaltung, der Produktion gewerblicher Güter und der kulturellen Reproduktion (Hauptkirchen, Schulen, Universitäten, Wissenseinrichtungen) ausübt.9 Relativ breite Akzeptanz hat in der deutschen Stadtgeschichtsforschung eine eher an der vormodernen Stadt von Franz Irsigler entwickelte Definition gefunden:

„Stadt (ist) eine vom Dorf und nichtagrarischen Einzwecksiedlungen unterschiedene Siedlung relativer Größe mit verdichteter, gegliederter Bebauung, beruflich spezialisierter und sozial geschichteter Bevölkerung und zentralen Funktionen politisch-herrschaftlicher-militärischer, wirtschaftlicher und kultisch-kultureller Art für eine bestimmte Region oder regionale Bevölkerung. Erscheinungsbild, innere Struktur sowie Zahl und Art der Funktionen sind je nach Raum und Zeit verschieden: Die jeweilige Kombination bestimmt einmal die Individualität der Stadt, zum anderen ermöglichen typische Kombinationen die Bildung von temporären und regionalen Typen oder Leitformen, je nach den vorherrschenden Kriterien.“10

Die auch in Irsiglers Definition akzentuierte funktionale Spezialisierung und Arbeitsteilung bedeutet, dass ein variabler, aber in der Regel nennenswerter Teil der Stadtbevölkerung nicht oder nur teilweise mit Landwirtschaft befasst ist. Die Stadt ist daher Netto-Konsument von Agrarprodukten, die nicht auf ihrem Territorium produziert werden können. Aus dieser Tatsache ergibt sich unabweisbar der Zwang, diese primär konsumierende Bevölkerung aus den Überschüssen anderer Gebiete zu versorgen. Historisch unterschiedlich wurde nun aber jeweils die Frage gelöst, wie diese Versorgung konkret organisiert, gesichert wurde. Hier spielten der Stand der Agrartechnik und der Agrarverfassung, die naturräumliche Lage, die Entwicklung der Transporttechnik, aber auch Fragen der politischen Herrschaft bzw. der wirtschaftlichen Dominanz über Versorgungsgebiete eine zentrale Rolle. [<<16]

Fokus 1: Die Stadt und ihr Stoffwechsel

In der Umweltgeschichte, insbesondere der Umweltgeschichte der Stadt, hat sich in den letzten Jahren ein Ansatz entwickelt, der das Verhältnis Stadt-Umwelt unter dem Leitbegriff „gesellschaftlicher Stoffwechsel“ konzeptualisiert.11


Abb 1 Gesellschaftlicher Stoffwechsel der Stadt [<<17]

Dieser von der Interdisziplinären Forschergruppe für Soziale Ökologie unter der Leitung von Marina Fischer-Kowalski an der Fakultät für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF) der Alpen-Adria Universität Klagenfurt-Wien-Graz entwickelte Ansatz, der auf älteren Studien etwa von Stephen Boyden zum Stoffwechsel Hongkongs aufbaut12, fragt nach den Ressourcen, die für die Reproduktion der Stadt lebenswichtig sind. Die Stadt braucht zur Aufrechterhaltung des biologischen Stoffwechsels ihrer (menschlichen, tierischen und pflanzlichen) Bewohner wie auch für kollektive Phänomene, etwa den Bau von Straßen, Plätzen, Gebäuden, die Zuführung von dafür unverzichtbaren Materialien und Ressourcen, hier als „Inputs“ bezeichnet. Diese werden in der Stadt verarbeitet, verbraucht und in veränderter Form als Abfall, als verarbeitete Produkte („Outputs“) deponiert, ausgeschieden oder abgegeben. Der Fokus auf den Stoffwechsel der Stadt stellt also Stoffströme und deren Veränderung ins Zentrum, insbesondere aber auch den Prozess der „Kolonisierung der Natur“ durch die Stadt. Zur Befriedigung ihrer Ressourcenbedürfnisse wie zur Entsorgung der Restprodukte greifen Städte in langfristiger Perspektive räumlich immer weiter in ihr Umland aus. Sie nutzen die Ressourcen dieses Umlands für ihren Stoffwechsel und – zur Absicherung dieser Nutzung – unterwerfen sich dies entweder durch politische Beherrschung, indem Städte etwa ein eigenes Herrschaftsgebiet aufbauen, oder durch wirtschaftliche Dominanz, etwa den Kauf von Land oder von Gütern. Im Industriezeitalter erreicht diese „Kolonisierung von Natur“ schließlich neue Dimensionen, indem Städte sich für die Erschließung der Ressourcen in großen Entfernungen technisch-industrieller Transportsysteme wie Eisenbahn, Dampfschifffahrt, aber auch dampfmaschinengetriebener Pumpsysteme bedienen können, die auch den Ferntransport eigentlich geringwertiger Güter (z. B. Wasser) ermöglichen. Stadt mobilisiert also die Ressourcen des Umlandes für den sich in ihr vollziehenden gesellschaftlichen Stoffwechsel. Zugleich verändert sie damit tendenziell tief greifend die Ökosysteme ihrer Umwelt, etwa durch die Ausrichtung landwirtschaftlicher Bewirtschaftung auf die primären Konsumbedürfnisse der städtischen Bevölkerung, durch Absenken des Grundwasserspiegels bei Wasserentnahme, durch Entwaldung oder Veränderung der Zusammensetzung und Bewirtschaftung des Waldes, durch Abraumhalden, Mülldeponien oder Flussverschmutzung, was wiederum die Möglichkeiten flussabwärts gelegener Städte, den Fluss zu nutzen, beeinträchtigt.

Was jeweils konkret als „Umland“ zu definieren ist, ist historisch und geografisch variabel. Für die flandrischen und niederländischen Städte des späten Mittelalters und [<<18] der frühen Neuzeit waren die Getreideanbaugebiete rund um die Ostsee Umland in dem Sinne, dass die Getreideexporte etwa der Gebiete entlang der Weichsel für die Brotversorgung von Brügge, Antwerpen oder Amsterdam bedeutsam waren (vgl. Kap. 4.3, S. 76 u. Kap. 6.5, S. 141). Das konkrete Ausmaß des Umlands hing daher ab von der spezifischen Ressource, ihrem Wert, ihrer Transportierbarkeit sowie dem Stand der Transporttechnik und der Lage der Stadt. Heute ist in vieler Hinsicht die ganze Welt Umland unserer europäischen Städte, wozu wesentlich die radikale Senkung von Transport- und Transaktionskosten der modernen Logistik beigetragen hat. Ein Blick auf die Herkunftsorte der Waren in unseren größeren Supermärkten reicht, um die heutige Globalität des Umlandes einsichtig zu machen.

Sowohl zur Gewinnung der im Stoffwechsel der Stadt benötigten Inputs als auch zur Entsorgung der Outputs ist Fläche/Land unverzichtbar. Daher entwickelte sich in der Umweltwissenschaft ein einflussreicher Versuch, Flächenbeanspruchung als Indikator für die Umweltwirkung gesellschaftlicher Einheiten wie Städte zu nehmen. Es wird die (theoretische) Fläche ermittelt, die benötigt wird, um die in einer Stadt erforderlichen Ressourcen zu erzeugen bzw. zu gewinnen, aber auch um die Rest- und Abfallprodukte zu entsorgen. William Rees und Mathis Wackernagel, die in den 1990er-Jahren diese Methode entwickelt haben, nannten diesen Indikator einprägsam „Ökologischer Fußabdruck“ (ecological footprint).13 Londons ökologischer Fußabdruck beansprucht nach einer Studie von 2002 eine Fläche, die dem Doppelten der Gesamtfläche Großbritanniens entspricht, fast dem Dreihundertfachen der Stadtfläche. Jeder Londoner entwickelt einen Fußabdruck von 6,63 ha, während global – bei gleicher Verteilung der Ressourcen – pro Weltbewohner nur 2, 18 ha zur Verfügung stehen. Perspektivisch bedeute dies – so die Studie –, dass die Londoner eine Reduktion ihres Ressourcenverbrauchs um 35 % bis 2020, um 80 % bis 2050 realisieren müssten, um nachhaltig zu sein.14

Der „ökologische Fußabdruck“ besitzt zwar als Metapher eine hohe Anschaulichkeit, ist allerdings für eine historische Analyse der Umweltbeanspruchung europäischer Städte kaum umsetzbar, denn nur selten finden wir in den Quellen für die Berechnung des ökologischen Fußabdrucks ausreichend genaue und quantifizierbare [<<19] Angaben.15 In der Regel muss sich Umweltgeschichte der Stadt, vor allem für weiter zurückliegende Perioden, damit begnügen, die wichtigsten Energie- und Materialflüsse, die in eine Stadt und ihren Stoffwechsel eingehen, auf einer qualitativen Ebene nachzuzeichnen. Dies ist daher auch der Anspruch dieses Studienbuchs: Das Modell des „Stoffwechsels der Stadt“ dient dazu, die materielle Reproduktion von Städten und ihrer Bewohner sowie deren Auswirkungen auf das Umland überhaupt als zentrales Problem zu identifizieren. Es hilft uns, Fragen nach den wichtigsten Ressourcen zu formulieren und nachzuspüren, wie diese beschafft wurden, welche Konflikte dabei auftraten, welche Wirkungen die „Kolonisierung von Natur“ in den Gebieten, auf die sich die Versorgungsinteressen der Stadt jeweils richteten, zeitigten. Dabei lassen sich, auch wenn keine genaue Quantifizierung möglich ist, doch weitreichende Aussagen treffen: So konnten britische Mittelalterhistoriker das Hinterland Londons im Spätmittelalter für die Versorgung mit Getreide und Brennholz einigermaßen exakt räumlich bestimmen. Es zeigte sich dabei die zentrale Bedeutung von Naturraum und Verkehrslage: Begünstigt durch die Themse und ihr Flussdelta bezog London seine wesentlichen Nahrungsmittel und Brennstoffe aus einem über 160 km langen, aber auf beiden Seiten der Themse nur jeweils etwa knapp 30 km tiefen Korridor.16 Innerhalb dieses Gebiets ist eine spezifische, auf die Getreide- und Holzbedürfnisse Londons ausgerichtete „Kolonisierung von Natur“ nachweisbar, wurden etwa Wälder mit dem Ziel maximalen Brennholzertrags bewirtschaftet, was den Charakter dieser Wälder dauerhaft veränderte (vgl. Kap. 4.2, S. 68 u. Kap. 7.2.6, S. 175).

Das Konzept „gesellschaftlicher Stoffwechsel“ der Stadt erlaubt, die Beziehungen zwischen Städten und ihrer Umwelt in einen Gesamtzusammenhang zu bringen. Wir können die Abhängigkeit einer Stadt von den natürlichen, für ihre Reproduktion notwendigen Ressourcen erfassen und die Schwachpunkte, die Aspekte, hinsichtlich [<<20] derer eine spezifische Stadt am meisten verwundbar war und am wenigsten autonom ihre Versorgung sicherstellen konnte, identifizieren. Wir können daher die Ver- und Entsorgungsstrategien verschiedener Städte innerhalb einer Zeitperiode vergleichen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede ausmachen. Dabei geht es allerdings nicht primär um das Herausarbeiten von Besonderheiten, sondern vielmehr um die Darstellung allgemeiner, für die meisten Städte strukturell ähnlicher Muster. Im Zeitverlauf können wir fragen, wie sich solche Strategien in Reaktion auf Bevölkerungswachstum oder Schrumpfung, auf politische oder ökonomische Veränderung gewandelt haben.

Fokus 2: Die Umwelt der Stadt

Das zweite Thema, das diesen Band als roter Faden durchzieht, ist die Frage nach der „Umwelt“ der europäischen Städte in einem weiteren, umfassenden Sinn. Städte waren nicht nur geprägt und zugleich auch begrenzt von ihrer Lage in der Landschaft, ihren Standort etwa an einem wichtigen Fluss, durch Fruchtbarkeit oder Unfruchtbarkeit der sie umgebenden Länder. Sie sahen sich auch in politisch und religiös bestimmte Umwelten eingebunden, mit Herrschaftsstrategien und geistigen Bewegungen konfrontiert, die sich auf ihre Position in politischen Bündnissen auswirkten, die die Bewohner der Stadt mobilisierten und zur Durchsetzung neuer Forderungen, zur Schaffung neuer Strukturen motivierten, wie dies in der vorindustriellen Zeit etwa im Investiturstreit oder in der Reformation der Fall war. „Umwelt“ der Städte war außerdem bis ins 18. Jahrhundert der Feudalismus, die Art und Weise, wie die europäischen Gesellschaften ihren Umgang mit Boden, ihre Landwirtschaft, ihre gesellschaftliche Hierarchie und ihren Austausch organisierten. Dabei handelte es sich um eine keineswegs statische, aber sich doch in sehr langen Zeiträumen wandelnde Formation, innerhalb derer die Städte mit der Garantie persönlicher Freiheit für ihre Bewohner, aber auch mit der größeren Bedeutung marktförmiger Allokationsprozesse, eigentlich systemfremde Inseln bildeten. „Umwelt“ städtischer Entwicklung waren schließlich auch langfristige demografische und ökonomische Konjunkturen, die die europäische Geschichte insgesamt seit dem Frühmittelalter prägten, ein Wechselspiel zwischen Expansion – Krise – Kontraktion und Erholung, das sich natürlich auch auf Städte und deren Entwicklung in gelegentlich überraschenden Effekten auswirkte, wenn z. B. Städte – nach zunächst dramatischen Bevölkerungsverlusten durch die Pest Mitte des 14. Jahrhunderts – später dann zu Gewinnern in der Krise des 14. Jahrhunderts wurden (vgl. Kap. 5.2.2, S. 93). Diese großen Perioden von Expansion, Krise und Kontraktion strukturieren insbesondere die Kapitel 2 (S. 25), 3 (S. 41), 5 (S. 89) und 6 (S. 125). Angesichts der Fülle und Vielschichtigkeit historischer [<<21] Entwicklungsprozesse in diesem langen Zeitraum eines Jahrtausends können viele historisch-politische Rahmenbedingungen allerdings nur knapp angedeutet werden.

Fokus 3: Die Stadt als Umwelt

Eine dritte strukturierende Fragestellung richtet sich auf den Wandel von Stadt als Umwelt der Städter. Städte als gebaute Artefakte gesellschaftlichen Zusammenlebens unterliegen einem historischen Wandel, der sich über Prozesse des Verfalls und Neubaus, der kollektiven Formierung bestimmter Räume in der Stadt (Mauern, Plätze, Straßen, öffentliche Einrichtungen), der Zerstörung und des Wiederaufbaus nach Kriegen und Naturkatastrophen manifestiert. Und auch die Stoffströme der Stadt gehen nicht in gesamtstädtischen Materialbilanzen auf, sondern wurden konkret kleinräumlich vermittelt und organisiert, etwa durch die Hunderte oder Tausende von Grundwasserbrunnen in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Städten (vgl. Kap. 5.4, S. 109) oder die hochgradig regulierten städtischen Märkte. Es wird daher immer wieder aufgezeigt werden, wie Stadt als gebaute Struktur aussah, wie bestimmte Funktionen räumlich zugeordnet waren, wo und wie sich „Natur“ in der Stadt zeigte und insbesondere, wie sich soziale Ungleichheit im Raum der Stadt artikulierte. Für die Zeiträume näher zu unserer Gegenwart wird die baulich-räumliche Umgestaltung der Stadt zentrales Thema, sei es quasi-naturwüchsig durch die Marktkräfte einer entfesselten Industrialisierung wie in der shock-city Manchester (vgl. Kap. 8, S. 193) oder im Berlin der gründerzeitlichen Mietskasernen, sei es durch Versuche planmäßiger Neuordnung, wie sie sich in staatlichen oder städtischen Umbauprogrammen, etwa der „Haussmannisierung“ von Paris Mitte des 19. Jahrhunderts (vgl. Kap. 10, S. 253), beobachten lassen.

1.2 Das Vorgehen

Die Darstellung in diesem Studienbuch ist grob chronologisch. Sie setzt ein mit dem Wiederaufschwung der Städte im christlichen Europa um das Jahr 1000, als sich neben den wenigen verbliebenen Resten des römischen Städtewesens dank eines generellen demografischen und ökonomischen Aufschwungs neue Stadtgründungen vermehrt registrieren lassen. In den Kapiteln 2 (S. 25), 3 (S. 41), 5 (S. 89) und 6 (S. 125) wird der Verlauf der europäischen Urbanisierung im Mittelalter und der frühen Neuzeit nachgezeichnet, gegliedert nach den bereits erwähnten großen ökonomisch-demografischen Konjunkturen. Dies erfolgt einerseits auf der Ebene einzelner, jeweils als Beispiel für bestimmte Entwicklungen dienender Städte, andererseits auf [<<22] der Ebene des europäischen Städtesystems insgesamt. Um dieses Gesamtbild zu konkretisieren, werden für jede Großperiode eine oder mehrere Städte mit Kurzporträts näher vorgestellt, die durch ihr Profil und ihre Funktion für diese Periode und für das Städtesystem insgesamt besonders wichtig und repräsentativ waren. Kapitel 4 (S. 65) „Stadt – Umland – Hinterland: Die Versorgungskreise der mittelalterlichen Stadt“ durchbricht dieses chronologische Schema; hier werden generelle Muster der Versorgung und des Stoffwechsels der vormodernen Stadt entwickelt, die nicht nur für eine der chronologischen Großperioden zutrafen. Mit Kapitel 7 (S. 157) „Die neue Dominanz der Hauptstädte nach 1500“ wird die neue Qualität der Hauptstädte als Konzentrationspunkte der neuen Nationalstaaten auf allgemeiner Ebene beschrieben und am Beispiel der wichtigsten Hauptstädte London und Paris veranschaulicht. Kapitel 8 (S. 193) zeigt die Wirkungsmacht der Industrialisierung auf städtischer Ebene am Beispiel von Manchester auf und betont zugleich, wie fremdartig und schockierend die neuen baulichen und gesellschaftlichen Muster auf die Zeitgenossen wirkten. Die überragende Bedeutung von Hygiene und Hygienisierung ist zentrales Thema von Kapitel 9 (S. 223), das herausarbeitet, wie die Gesellschaften des 19. Jahrhunderts, allen voran Großbritannien, auf die Herausforderungen durch Massenarmut, hohe Sterblichkeit und Epidemien mit einer gesundheitsbezogenen Ordnungskonzeption für den städtischen Raum reagierten, die zugleich sozial pazifizierend wirken sollte. Der von der „Public-Health“-Bewegung angestoßene Umbau der Städte hatte auch tief greifende Veränderungen des materiellen Stoffwechsels der Städte, insbesondere für Wasser und Abfall, zur Folge. Kapitel 10 (S. 253) „Die ,Haussmannisierung‘ von Paris: Die Erfindung der modernen Metropole“ untersucht, wie die französische Hauptstadt Mitte des 19. Jahrhunderts unter besonderen politischen Rahmenbedingungen radikal umgebaut wurde, wobei letztlich das global für das späte 19. und auch noch frühe 20. Jahrhundert bestimmende Leitbild einer modernen, wohlgeordneten und lebenswerten Metropole entstand. Die von den Zeitgenossen als existenzbedrohend wahrgenommene Krise der europäischen Stadt um 1850 und die beiden darauf gefundenen Antworten stehen in Kapitel 11 (S. 275) im Mittelpunkt: einerseits die „Vernetzung der Stadt“ durch eine Vielzahl von Infrastrukturnetzen, die eine Überwindung materieller Krisensymptome (z. B. hohe Mortalität) durch Verlagerung und Externalisierung negativer Umweltwirkungen ermöglichte, andererseits die Stadtplanung als zunehmend professionalisierte und verwissenschaftlichte Praxis räumlichen Ordnens von Stadt und städtischer Funktionen. Dabei wird auch herausgestellt, wie sich mit veränderndem Problemhorizont der Fokus der Planung vom Streben nach der assanierten, sauberen Stadt im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zur Wohnungsfrage als der für zentral erachteten Dimension der sozialen Frage in der ersten [<<23] Hälfte des 20. Jahrhunderts wandelte. Kapitel 12 (S. 329) schließt den Bogen von den Tendenzen europäischer Stadtentwicklung in der Nachkriegszeit, insbesondere der Motorisierung und Suburbanisierung bis hin zu den aktuellen Problemen eines Umbaus von Städten im Zeichen „nachhaltiger Entwicklung“. [<<24]

1 Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: „Wieczorek-Zeul: Wir sind im urbanen Jahrtausend angekommen!“, 6. Oktober 2008, <http://www.service-eine-welt.de/partnerschaftsinitiative/2008-10-01*2008-12-31/standard-weltsiedlungstag2008.html>, abgefragt 17.02.2014.

2 Vgl. David Blackbourn: The Culture and Politics of Energy in Germany. A Historical Perspective, (= RCC Perspectives 2013/4), München 2013. Zwar wirkte die Berechnung der britischen Kohlevorräte in den 1860er-Jahren durch Stanley Jevons, der die Verfügbarkeit von Kohle beim damals absehbaren Verbrauchsmuster auf 110 Jahre ansetzte, in der wissenschaftlichen Gemeinschaft verstörend, aber konkurrierende Gutachten und Prognosen schoben die zeitliche Grenze erheblich weiter hinaus. Politische Konsequenzen zeitigte die Debatte letztlich nicht, vgl. Rolf Peter Sieferle: Der unterirdische Wald. Energiekrise und Industrielle Revolution, München 1982, S. 252–260.

3 Daran ändert auch die zeitliche Streckung der Ressourcen durch neue, recht problematische Extraktionsverfahren wie das „Fracking“ nichts Grundsätzliches.

4 Vgl. Institute for Sustainability. Hintergrund Energie und Städte, <http://www.4sustainability.de/energie-undstaedte/hintergrund.html>, Zugriff: 12.09.2013.

5 Fachleute beziffern den kurz- und mittelfristigen Finanzaufwand für die Instandhaltung des bundesdeutschen Kanalisationsnetzes auf über 50 Mrd. Euro, vgl. Klaus Hans Pecher: Entwicklung des Kanalnetzes in Deutschland und Ansätze zur wirtschaftlichen Optimierung der notwendigen Netzsanierung. (Vortrag gehalten auf dem Abwasserforum 2009, Entsorgungsverband Saar) <http://www.entsorgungsverband.de/fileadmin/evs_web/images/Infomaterial/tagungsunterlagen_vortraege/Abwasserforum_2009/Entwicklung%20des%20Kanalzustandes%20in%20Dtschland.pdf>, Zugriff: 05.09.2013.

6 Vgl. Klaus Wisotzky/Michael Zimmermann (Hrsg.): Selbstverständlichkeiten. Strom, Wasser, Gas und andere Versorgungseinrichtungen: die Vernetzung der Stadt um die Jahrhundertwende, Essen 1997; Dieter Schott: Wege zur vernetzten Stadt – technische Infrastruktur in der Stadt aus historischer Perspektive, in: Informationen zur Raumentwicklung, H. 5.2006, S. 249–257.

7 Vgl. Jeffrey Diefendorf: In the wake of war. The reconstruction of German cities after World War II, New York 1993, S. 20, der die prägende Wirkung des Straßenrasters und der Infrastrukturnetze für den Wiederaufbau betont. Christoph Bernhardt bezeichnet die städtische Infrastruktur der deutschen Städte nach 1945 als „strukturkonservierendes Rückgrat“, vgl. Christoph Bernhardt: Umweltprobleme in der neueren europäischen Stadtgeschichte, in: Ders. (Hrsg.): Environmental Problems in European Cities in the 19th and 20th Century/Umweltprobleme in europäischen Städten des 19. und 20. Jahrhunderts, Münster u. a. 2001, S. 5–23, hier 15. Für Naturkatastrophen zusammenfassend Dieter Schott: Resilienz oder Niedergang? Zur Bedeutung von Naturkatastrophen für Städte in der Neuzeit, in: Ulrich Wagner (Hrsg.): Stadt und Stadtverderben. 47. Arbeitstagung in Würzburg, 21.-23. November 2008 (= Stadt in der Geschichte, Veröffentlichungen des Südwestdeutschen Archivkreises für Stadtgeschichtsforschung Band 37), Jan Thorbecke Verlag, Ostfildern 2012. S. 11–32, bes. S. 31–32.

8 Zur Entwicklung des Konzepts vgl. Raymund Werle: Pfadabhängigkeit, in: Arthur Benz (Hg): Handbuch Governance. Theoretische Grundlagen und empirische Anwendungsfelder, Wiesbaden 2007, S. 119–131. Der amerikanische Ökonom Paul David hatte 1985 untersucht, warum sich die amerikanischen Schreibmaschinen-Tastatur QWERTY langfristig durchsetzte, obwohl andere, effizientere Systeme vorlagen, Paul David: Clio and the Economics of QWERTY, in: American Economic Review, 75 (1985), S. 33–37. Zur Anwendung des Konzepts für die Stadtgeschichte: Martin V. Melosi: Path Dependence and Urban History: Is a Marriage Possible?, in: Dieter Schott/Bill Luckin/Geneviève Massard-Guilbaud (Hrsg.) Resources of the City. Contributions to an Environmental History of Modern Europe, Aldershot 2005, S.262–275.

9 Die Ansätze zur Definition von Stadt sind Legion, vgl. für einen begriffsgeschichtlichen Überblick Alfred Heit: Vielfalt der Erscheinung – Einheit des Begriffs. Die Stadtdefinition in der deutschsprachigen Stadtgeschichtsforschung seit dem 18. Jahrhundert, in: Peter Johanek/Franz-Joseph Post (Hrsg.): Vielerlei Städte. Der Stadtbegriff, Köln u. a. 2004, S. 1–12.

10 Franz Irsigler: Stadt und Umland in der historischen Forschung. Theorien und Konzepte, in: Neithard Bulst/Jochen Hoock/Franz Irsigler (Hrsg.): Bevölkerung, Wirtschaft und Gesellschaft. Stadt-Land-Beziehungen in Deutschland und Frankreich, Trier 1983, S. 13–38, hier 26 f.

11 Vgl. Marina Fischer-Kowalski u. a.: Gesellschaftlicher Stoffwechsel und Kolonisierung von Natur. Ein Versuch in Sozialer Ökologie, Amsterdam 1997; Dieter Schott: Resources of the City: Towards A European Urban Environmental History, in: Dieter Schott/Bill Luckin/Geneviève Massard-Guilbaud (Hrsg.), Resources of the City. Contributions to an Environmental History of Modern Europe, Aldershot 2005, S. 1–27, hier 10 f; Verena Winiwarter/Martin Knoll: Umweltgeschichte, Köln 2007, bes. S. 194–199; für die Anwendung auf mittelalterliche Städte besonders Richard C. Hoffmann: Footprint Metaphor and Metabolic Realities. Environmental Impacts of Medieval European Cities, in: Paolo Squatriti (Hrsg.): Natures Past. The Environment and Human History, Ann Arbor 2007, S. 288–325, sowie Christoph Sonnlechner: Der ’ökologische Fussabdruck‘ Wiens im Spätmittelalter – eine Annäherung, in: Ferdinand Opll/Christoph Sonnlechner (Hrsg.): Europäische Städte im Mittelalter, Innsbruck/Wien/Bozen 2010, S. 351–364.

12 Stephen Boyden u. a.: The Ecology of a City and its People. The Case of Hongkong, Canberra 1981.

13 William Rees/Mathis Wackernagel: Unser ökologischer Fußabdruck. Wie der Mensch Einfluß auf die Umwelt nimmt, Basel u. a. 1997.

14 Vgl. die Studie von 2002, in Auftrag gegeben von der Chartered Institution of Wastes Management (EB), veröffentlicht unter ‚City Limits. A resource flow and ecological footprint analysis of Greater London’, <http://www.citylimitslondon.com/downloads/Execsummary.pdf>, Zugriff: 05.09.2013.

15 Erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts liegen in der Regel ausreichend dichte statistische Quellen vor, vgl. etwa die anspruchsvollen und methodisch hoch differenzierten Berechnungen zum Energieverbrauch der Stadt Wien in: Fridolin Krausmann: Sonnenfinsternis? Wiens Energiesystem im 19. und 20. Jahrhundert, in: Karl Brunner und Petra Schneider (Hrsg.), Umwelt Stadt. Geschichte des Natur- und Lebensraumes Wien, Wien/Köln/Weimar 2005, S. 140–47. Bemerkenswert auch die Berechnungen von Sabine Barles zu den Stickstoff-Kreisläufen in Paris im 19. und 20. Jahrhundert, Sabine Barles: A Metabolic Approach to the City: Nineteenth and Twentieth Century Paris, in: Schott/Luckin/Massard-Guilbaud (Hrsg.), Resources, S. 28–47.

16 Vgl. James Galloway/Derek Keene/Margaret Murphy: Fuelling the city: Production and Distribution of Firewood and Fuel in London’s Region, 1290–1400, in: Economic History Review XLIX, 3(1996), S. 447–472.

2 Kontinuität oder Neubeginn: Städte im Frühmittelalter
2.1 Römerstädte: Das Problem der Kontinuität

In diesem Kapitel soll veranschaulicht werden, an welche älteren Formen städtischer Siedlungen die europäische Urbanisierung des Hochmittelalters anknüpfen konnte oder ob und in welchem Umfang die Gründung von Städten eine neue Entwicklung darstellte. Außerdem werden die wirtschaftlichen und demografischen Rahmenbedingungen für die europäische Urbanisierung charakterisiert und unterschiedliche Wege zur Stadtentstehung präsentiert.

Hatte die ältere Stadtgeschichte, vorrangig interessiert an rechts- und verfassungsgeschichtlichen Fragestellungen, sehr stark den Bruch, die Diskontinuität zwischen den römischen städtischen Traditionen und dem Wiederaufstieg städtischer Siedlungen im Hochmittelalter betont, so überwiegt mittlerweile eine funktionalistische Interpretation, die stärker auch Kontinuitäten akzentuiert.1

Woran konnten mittelalterliche Städte nun anknüpfen, wodurch zeichneten sich Römerstädte aus? Insbesondere im Raum nördlich der Alpen gibt es eine Reihe klarer Merkmale: Hervorgegangen aus der Tradition eines Militärlagers weisen Römerstädte in der Regel einen quadratischen oder rechteckigen Grundriss auf. Die Straßen sind im Gitternetz organisiert, wobei zwei Hauptstraßen normalerweise besonders hervorgehoben sind; sie bilden ein Achsenkreuz, wobei die Nord-Süd-Achse als cardo, die Ost-West-Achse als decumanus bezeichnet wird. An der Kreuzung der Achsen im Zentrum der Stadt befindet sich das Forum mit den wichtigsten öffentlichen Gebäuden. Die Städte sind von Wall und Graben umgeben und öffnen sich über vier Tore, wo die Topografie dies erlaubt, zum Umland. Außerhalb der Stadt liegen meist die Gräberfelder, die Nekropolis. Politisch waren die Römerstädte Verwaltungs- und kultische Zentren von größere Bezirke umfassenden civitates. Mit der Krise des Römischen [<<25] Reiches im 3. Jh. begannen sich die Strukturen, die die Städte mit ihrem Umland und dem Reich insgesamt verbanden, aufzulösen: Angesichts der militärischen Bedrohung durch die Germanen mussten die Städte befestigt und ummauert werden, wodurch sich das äußere Erscheinungsbild radikal veränderte; die Stadt erhielt Burgcharakter. Wegen der deshalb steigenden Steuerbelastung der führenden Schichten von Grundbesitzern, die bis dahin in der Stadt wohnten, verließen diese die Städte und etablierten sich in quasi-autarken römischen villas auf dem Land, was natürlich die ökonomische Leistungsfähigkeit der verbliebenen Stadtbevölkerung schwächte.

Der Bischof wurde dann für die Kontinuität des Städtischen über das Ende des Römischen Reichs hinaus ein wichtiger Faktor: Im Zuge der Christianisierung des Römischen Reiches seit dem frühen 4. Jahrhundert wurden Bischofssitze gegründet; diese wurden jeweils in einer civitas angesiedelt, folgten also der Organisationsstruktur des Römischen Reiches. Bereits unter Kaiser Konstantin erhielten Bischöfe auch weltliche Machtbefugnisse, etwa in der zivilen Gerichtsbarkeit. Als mit der Völkerwanderung und dem Fall Roms Ende des 5. Jahrhunderts die Zentralgewalt kollabierte, verblieb der Bischof häufig als der tatsächliche Herr der civitas.

Städte waren also in den sich seit dem 6. Jahrhundert bildenden germanischen Reichen sehr deutlich in ihrer Ausdehnung und Bevölkerung geschrumpft, sie hatten Festungscharakter, waren wegen des Exodus der Großgrundbesitzer vom Umland isoliert. Sie hatten aber mit dem Bischof eine lokale Herrschaftsfigur, die einerseits letzte Reste staatlicher Autorität repräsentierte, andererseits die Kontinuität mit der römischen Kulturtradition sicherstellte. Diese Kontinuität prägte sich innerhalb Europas sehr unterschiedlich aus.2 Während im Gebiet östlich des Rheines, das von der römischen Kultur nur partiell und kurzfristig erfasst worden war, keine direkte Kontinuität festgestellt werden kann, lassen sich in den Gebieten, wo Romanen auch nach der Völkerwanderung den überwiegenden Anteil der Bevölkerung stellten, etwa in Spanien, Süd- und Südwestfrankreich und Italien sehr große Kontinuitätslinien konstatieren; hier behielt etwa auch der Adel häufig seinen Wohnsitz in den Städten bei. Das vielfältigste Bild präsentiert sich in einer Zone zwischen Seine und Rhein, die einerseits tief von der römischen Kultur geprägt war, andererseits aber doch starken Erschütterungen durch die Völkerwanderung ausgesetzt war. Während im Norden dieser Zone große Römerstädte wie Colonia Trajana (heute Xanten) um die Mitte des 5. Jh. vollständig verlassen waren, zeigt Köln eine recht deutliche Siedlungskontinuität, etwa im Standort des Doms an der Stelle der spätantiken Bischofskirche, [<<26] in der Weiternutzung des römischen Statthalterpalastes am Rhein als Residenz der Merowinger oder im Straßenraster. In anderen Fällen knüpften frühmittelalterliche Siedlungen zwar an Römerstädte an, aber nicht an deren zentrale Teile, sondern häufig in Vorstädten oder in der Nähe von Grabkirchen auf den ehemaligen Gräberfeldern wie etwa in Bonn, Mainz und Speyer.

Insgesamt resultierte der Untergang des Römischen Reiches auch nördlich der Alpen nicht in einem vollständigen Kollaps städtischer Zivilisation; für Gallien im 6. Jahrhundert sind quellenmäßig eine nach wie vor dichte städtische Besiedlung, starke Befestigung von Städten wie etwa Dijon und ein ausgeprägter Binnenhandel mit Waren aller Art als klare Indikatoren städtischer Wirtschaft nachgewiesen.3 Die Kirche bildete vielfach die Kontinuitätsbrücke: „Im Schatten der Kirche“, so die Historikerin Edith Ennen, „retten sich städtische Lebensgewohnheiten ins Mittelalter.“4 Allerdings ist generell eine starke Schrumpfung der Bevölkerung vieler Städte zu konstatieren; der städtische Standort der Gewerbe wurde teilweise aufgegeben. Die Römerstraßen verloren erheblich an Bedeutung, weil sie nicht mehr unterhalten und gesichert werden konnten, der Handel wandte sich vermehrt den Flüssen zu. Insgesamt fehlte eine starke und an der Aufrechterhaltung der Infrastruktur interessierte Zentralgewalt, die Verkehrskreise und Beziehungen zwischen den Städten reduzierten sich erheblich. Waren die Städte als Mittelpunkte der civitates im Römischen Reich die entscheidenden Schaltstellen politischer und wirtschaftlicher Macht gewesen, so wurden sie im Karolingerreich zu Inseln in einer ländlich gewordenen Umwelt. Die städtische Lebensform war nicht mehr länger die Lebensform schlechthin, das Land, seine Klöster, seine Herrensitze hatten Eigenbedeutung, strebten nach Selbstversorgung jenseits städtischer Märkte.

2.2 Wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen

Wie sah der Kontext dieser ländlichen Gesellschaft aus, in dem diese Städte-Inseln existierten und in dem dann nach 1100 eine neue „Stadtblüte“ entstehen sollte? Als Folge des Zusammenbruchs des Römischen Reiches und die Wirren der Völkerwanderung richtete sich das Wirtschaften weitgehend auf das Primat der kleinräumigen Selbstversorgung aus. Bis zum Karolingerreich war die Bevölkerung in den zuvor [<<27] römisch geprägten Gebieten nördlich der Alpen deutlich zurückgegangen. Um 800 lebten auf dem Gebiet der alten BRD 4–5 Menschen je km²; heute sind es 229.5 Die allermeisten Menschen, rund 95 %, waren im primären Sektor, der Erzeugung von Lebensmitteln, beschäftigt. Dies verweist zugleich auf ein Grundproblem der frühmittelalterlichen Gesellschaft: Wegen der sehr niedrigen Produktivität der Landwirtschaft konnte nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung, maximal 5 %, aus den agrarischen Überschüssen ernährt werden, die die restlichen 95 % erzielten. Weil Städte und städtische Bevölkerung in der Regel ihre Nahrungsmittel nur eingeschränkt selbst erzeugten, bildete die niedrige Produktivität der Landwirtschaft eine entscheidende Schranke für die Entwicklung des Städtewesens. Für eine proportionale Steigerung des Anteils der Stadtbewohner an der Gesamtbevölkerung bedurfte es daher zwingend einer Zunahme der agrarischen Produktivität, einer Vermehrung der Überschüsse. Nur wenn entweder das nähere Umland ausreichend Überschüsse erwirtschaften konnte oder die Lage einer Stadt so transportgünstig war, dass entsprechender Bedarf über Fluss- oder Seeschifffahrt aus weiter entfernten Regionen befriedigt werden konnte, waren die ressourcenmäßigen Voraussetzungen für städtisches Wachstum gegeben.

Wie war nun die wirtschaftliche und politische Verfassung des Früh- und Hochmittelalters beschaffen? Die mittelalterliche Gesellschaft wird als Feudalgesellschaft bezeichnet; strukturierendes Prinzip war das Lehenssystem, wonach vom König, dem im Prinzip aus dem Recht der Eroberung alles Land und alle Rechte gehören, seinen Gefolgsleuten, ursprünglich meist Kriegern, Grundstücke und die auf diesem Land lebenden Menschen zu Lehen gegeben wird. Dieses Land soll dazu dienen, den Unterhalt dieses Gefolgsmannes und seiner Familie zu sichern und seine Ausrüstung mit Waffen, Rüstung, Pferd usw. zu bezahlen. Im Rahmen der Lehenspyramide ergab sich dann im Laufe der Zeit ein mehrfach gestuftes System, weil die ursprünglichen Lehensnehmer Teile ihres Lehens weiter als Lehen vergaben.

Es gab nun verschiedene Formen der Herrschaft, die jeweils eigene Grundlagen hatten: Die Grundherrschaft beruhte auf der Überlassung von Bodennutzung als Lehen und äußerte sich in der Ableistung von Diensten und in Natural- oder Geldabgaben seitens der Bauern an den Grundherrn. Die Leibherrschaft bestand darin, dass die Hörigen in persönlicher Abhängigkeit von ihrem Leibherrn standen; im Unterschied zu [<<28] Sklaven konnten sie aber nicht frei verkauft werden, sondern nur im Zusammenhang mit dem Boden, den sie bewirtschafteten. Leibeigene waren also rechtlich gewissermaßen Teil des Landes, sie konnten nur mit Genehmigung ihres Leibherrn ihr Dorf verlassen, mussten Abgaben bezahlen. Gerichtsherrschaft bedeutete, dass ein weltlicher oder geistlicher Herr die Gerichtsrechte über einen Ort oder eine Region hatte. Recht zu sprechen war nicht nur eine Machtposition, sondern brachte angesichts der Gerichtsgebühren auch erhebliche Einnahmen. Landesherrschaft bezeichnete die vor allem politische und militärische Kontrolle über ein größeres Gebiet, die der Fiktion nach als Stellvertreter des Königs ausgeübt wurde, sich häufig aber, insbesondere wenn der König schwach oder weit entfernt war, mehr oder weniger verselbstständigte. Der Landesherr konnte bei Bedarf die ihm untergebenen Adligen zum Kriegsdienst aufrufen, er konnte von den Ortschaften seines Landes Beiträge zur Finanzierung von Heerzügen fordern. Hervorzuheben ist, dass die mittelalterliche Gesellschaft im Prinzip keine klare Trennung von Staat und Gesellschaft kannte. Die öffentlich-rechtlichen Funktionen der Feudalherren wie etwa Gerichtsherrschaft vermischen sich mit privatrechtlichen Komponenten, etwa die als Grundbesitzer. In bereits älter besiedelten Teilen Europas lagen die Funktionen von Grundherr, Leibherr und Gerichtsherr vor Ort oft nicht in einer Hand: Gerichtsherr war etwa ein anderer Adliger als der Grundherr. Diese Pluralität sorgte für eine gewisse Herrschaftskonkurrenz, die größere Spielräume für die Bauern und Leibeigenen schuf. Dagegen fielen in erst später im Zuge des Landesausbaus besiedelten Gebieten, etwa östlich der Elbe, die unterschiedlichen Herrschaftsfunktionen meist in einer Person zusammen, was eine stärker monolithische Herrschaftsstruktur zur Folge hatte.

Landwirtschaft wurde im Frühmittelalter und bis ins 12. Jahrhundert vorrangig in der Organisationsform der Villikation betrieben. Dies bedeutet, dass die Villa des Grundherrn, sein Wohnsitz, das Zentrum für die Verwaltung und Überwachung des ganzen Grundherrschaftsbereichs bildete. Das primäre Ziel des Wirtschaftens war, die Versorgung des Haushalts des herrschaftlichen Hofes sicherzustellen. Der Hof und die Villikation zielten daher auf Autarkie; es gab einen gewissen Grad von Arbeitsteilung innerhalb der Villikation, um neben den Grundnahrungsmitteln auch unverzichtbare gewerbliche Produkte zu erzeugen (z. B. Schmied, Küfer). Die Produktion für den Markt stand nicht im Vordergrund, wenngleich Überschüsse durchaus über den Markt vertrieben wurden. Zu einer Villikation konnten noch Hunderte von Familien in näherer oder weiterer Entfernung vom Salhof oder Herrenhof, dem Zentrum der Villikation gehören. Diese Familien trugen teilweise durch Arbeit auf dem Salhof, durch sogenannte Frondienste (z. B. während der Saat, der Ernte), teilweise durch Naturallieferungen in höherwertigen Gütern zur Wirtschaft der Villikation bei. Bei [<<29] großen Ausdehnungen der Villikation dienten Nebenhöfe mit einem Maior (Meier) als Unterzentren zum Sammeln der Naturalleistungen. Der häufige deutsche Name „Meier“ geht auf diese Funktion – Vorsteher eines Meierhofes – zurück. Insbesondere die großen Klöster hatten dieses Villikationssystem in extensiver Weise entwickelt; sie verwalteten teilweise weit verstreuten Grundbesitz, der über die ins Kloster eingetretenen Mönche und Nonnen in den Besitz des Klosters gelangt war. Die Villikation war allerdings nie die einzige Organisationsform des ländlichen Wirtschaftens. Gerade im Ostteil des Karolingerreiches überwogen nicht die großen, sondern eher kleinere und mittlere Grundherrschaften, was einerseits eine Dominanz von primär für den eigenen Bedarf produzierenden Bauernhöfen, andererseits ein freies, nicht in die Villikation eingebundenes Dorfhandwerk zur Folge hatte.

Bauern hatten in diesem Feudalsystem eine rechtlich untergeordnete, aber ökonomisch wesentliche Rolle: Sie waren keine Sklaven, wie eine große Zahl der Arbeitskräfte auf den Latifundien Roms, sondern Halbfreie: an die Scholle gebunden, konnten sie zusammen mit dem Land von ihrem Grundherren verkauft, verschenkt oder verpfändet werden. Sie waren dem Grundherrn gegenüber zu Arbeitsleistungen verpflichtet, insbesondere zu den Zeiten hohen Arbeitsanfalls bei Saat und Ernte. Diese Dienste waren in besonderen Pflichtenheften, sogenannten Urbaren festgehalten. Sie mussten darüber hinaus, insbesondere wenn ihr Hof weiter vom Fronhof entfernt war, Naturallieferungen leisten, etwa die bekannte Martini-Gans. Bei außergewöhnlichen Umständen, zum Beispiel dem Tod des Bauern, war durch Abgabe eines Kleidungsstückes oder eines Stücks Vieh eine Art Erbschaftssteuer („Todfall“) zu bezahlen. Häufig bewirtschafteten Bauern neben der Arbeit auf dem Fronhof auch noch ein mehr oder weniger großes Stück Land, das ihnen zwar nicht im modernen juristischen Sinn als Eigentum gehörte, für das sie aber, teilweise auch vererbliche, Nutzungsrechte hatten. Der Grundherr hatte prinzipiell die Verpflichtung, seine Bauern zu schützen und auch im Falle eines Ernteausfalls und dadurch bedingt einer Hungersnot dafür Sorge zu tragen, dass sie nicht verhungerten.6

Seit dem 9. Jahrhundert dynamisierte sich dieses auf Selbstversorgung autarker Einheiten ausgerichtete System allmählich; neben die Selbstversorgung trat allmählich auch die Produktion für Märkte. Arbeitsdienste und Naturallieferungen wurden in einem langwierigen Prozess partiell durch Geldleistungen abgelöst. Eine wesentliche Triebkraft für diese Dynamisierung war das Wachstum der Bevölkerung: Die Dichte [<<30] stieg von 4–5 Menschen pro km2 um 800 n. Chr. auf 12–15 um 1150 n. Chr. Besonders nach 1000 beschleunigte sich das Bevölkerungswachstum merklich.7 Dieses Wachstum vollzog sich, da die Produktivität der Landwirtschaft zunächst nur sehr langsam anstieg, vor allem durch die Erweiterung der landwirtschaftlich genutzten Fläche, auch Landesausbau genannt. Erste Schritte erweiterten die bereits erschlossene landwirtschaftliche Nutzfläche eines Dorfes, darauf folgte der Landesausbau durch Rodung und Urbarmachung neuen Siedlungslandes in bisher unbesiedeltem, weil bewaldetem oder zu feuchtem Gelände. Der Landesausbau führte zur Gründung zahlreicher neuer Siedlungen; im Rheinland verzehnfachte sich deren Zahl zwischen 800 und 1150.8

Neben die Extensivierung der Landwirtschaft trat allmählich auch eine Intensivierung: Vorherrschende Form der Bodennutzung war nördlich der Alpen um 800 häufig noch die sogenannte Urwechselwirtschaft, bei der Land für einige Jahre als Ackerland genutzt und dann der Verwilderung überlassen wurde. Nachdem der Boden sich durch Aufwuchs von Sträuchern und Bäumen wieder regeneriert hatte, wurde er erneut gerodet und für einige Jahre beackert. Diese semi-nomadische Art der Bodennutzung war außerordentlich flächenintensiv. Je dichter die Bevölkerung wurde, umso weniger war diese Form der Bodennutzung geeignet, genügend Nahrung zu produzieren. Vom Früh- bis zum Hochmittelalter vollzog sich daher ein Wechsel zur Dreifelderwirtschaft: Die Feldflur um ein Dorf war dabei in drei ungefähr gleich große Feldmarken aufgeteilt, die in Rotation mit unterschiedlichen Feldfrüchten bebaut wurden. Jeder Bauer eines Dorfes hatte Land in allen drei Feldmarken, die Bewirtschaftung der Feldmarken wurde, um Schäden durch das Überfahren mit Fuhrwerken zu minimieren, auf der Ebene des Dorfes genossenschaftlich vereinbart (Flurzwang). Der wesentliche Vorteil der Dreifelderwirtschaft war, dass durch den Wechsel der Anbaufrüchte eine zu einseitige Beanspruchung der Böden verhindert und durch das Brachejahr jeweils alle drei Jahre die Gelegenheit zur Regeneration des Bodens gegeben war. Während der Brache wurde das Brachfeld teilweise auch als Weide genutzt, was durch den dabei anfallenden Viehkot wiederum die Bodenfruchtbarkeit erhöhte.9 Die Produktivität der Landwirtschaft war zu diesem Zeitpunkt noch recht gering, Henning beziffert die Getreideerträge mit dem 2,5 bis 3-fachen der Saatmenge. Zur niedrigen Produktivität kamen starke Ernteschwankungen von rund 40 % des Nettoertrags. Außerdem waren die Möglichkeiten, Überschüsse aus guten Erntejahren bei gleichbleibender Qualität [<<31] langfristig zu lagern, recht begrenzt. Die früh- und hochmittelalterliche Gesellschaft war von daher eine Mangelgesellschaft, deren Existenz prekär war; Ernteerträge lagen nur wenig über dem Bedarf; das Überleben war ständig von Hunger und Unbillen des Wetters abhängig.10

Allerdings schuf allmählich die kontinuierlichere Produktion von vermarktbaren Überschüssen an Lebensmitteln auf ökonomischer Ebene größere Spielräume für die Bildung von Städten. Gleichzeitig machte der Landesausbau auch Verwaltungsmittelpunkte für die neu etablierten Märkte notwendig; Sitze von Adligen im Neusiedelland umgaben sich mit Kaufleuten und Handwerkern, die Märkte beschickten.

2.3 Wege zur mittelalterlichen Stadt

Die mittelalterliche Stadt hatte ihren Ursprung in verschiedenen Typen von Siedlungskernen. Felicitas Schmieder nennt als funktionale Hauptfaktoren für die Entwicklung einer Siedlung zur Stadt wirtschaftliche, militärisch-herrschaftliche, kirchliche und zentralörtliche Funktionen.11

In der Forschung werden eine Reihe unterschiedlicher Entwicklungswege zur mittelalterlichen Stadt identifiziert: Zahlreiche bedeutende Städte, vor allem im romanischen Bereich Europas, aber auch in dem Teil Deutschlands, wo eine dauerhafte Präsenz Roms wirksam geworden war, gehen auf ehemalige Römerstädte zurück, die meist über ihre Eigenschaft als Bischofssitze überdauerten (in Deutschland etwa Aachen, Köln, Mainz, Regensburg, Trier). Ein zweiter Fokus waren Klostergründungen mit Bischofssitz, etwa Städte wie Bamberg oder Würzburg. Ein dritter Strang zeigt sich in kaiserlichen Pfalzen und fürstlichen Burgen wie Goslar und Paderborn, die als militärisch-herrschaftliche Zentren zu Stadtentwicklungen Anlass gaben. Viertens entstanden Städte aus umzäunten Marktsiedlungen freier Kaufleute (Wik-Siedlungen) wie etwa Hildesheim, wozu dann noch die Zentralität des Bischofssitzes kam. Städte konnten sich fünftens auch aus freien Meierhöfen oder Dörfern mit Marktrecht entwickeln, ein häufigeres Muster in Bayern (Orte mit „Markt“ im Namen), wobei die zentralörtliche wirtschaftliche Funktion im Vordergrund stand. Schließlich konnte [<<32] auch die Präsenz wichtiger Rohstoffe wie etwa Silber, deren Abbau Anlass zur Stadtgründung gab, städtebildend wirken, etwa in Frankenberg oder Freiberg in Sachsen.

Neben dieser funktionalen Genese waren auch geografische Faktoren für die Entwicklung von Städten wesentlich. Gunstlagen waren etwa Flussfurten, Wegkreuzungen, Flussmündungen oder/und ein hochwasserfreier Hügel oder Bergsporn. Die Gunst solcher Lagen bestand einerseits darin, Verkehr auf den Ort der Siedlung zu ziehen bzw. die von der Geografie bedingte Bündelung des Verkehrs, etwa bei einer Furt, einer Brücke oder einem Bergpass, dort kontrollieren oder abschöpfen zu können. Andererseits gründete die Gunstlage auf der Möglichkeit, den Siedlungsplatz militärisch mit vertretbaren Mitteln sichern und verteidigen zu können. So verdankte etwa München seine Gründung durch Heinrich den Löwen 1158 der Lage einer Isar-Furt, die zum Bau einer Brücke genutzt wurde, um den Salzhandel über den Ort zu führen und mit Zöllen abschöpfen zu können. Heinrich der Löwe zerstörte dazu eine dem Bischof gehörende Isarbrücke bei Föhring und zwang so die mit Salz handelnde Zunft, die Münchner Brücke zu nutzen.12

Besonders Flussspaltungen erwiesen sich als vorteilhaft für die Anlage städtischer Siedlungen. Kurz vor dem Zusammenfluss der Flussarme ist die Strömung deutlich langsamer, daher boten sich diese Stellen für die Errichtung von Fischwehren an, ein wichtiges Mittel der Fischerei. Diese Standorte waren aber auch günstig für die Querung von Flüssen auf Furten und – häufig daraus hervorgehend – den Bau von Brücken. Weil Wehre die Schifffahrt unterbrachen, mussten die Waren aus den Schiffen geladen werden, damit diese die Wehre in unbeladenem Zustand überwinden konnten.13 Solche Umlade- und Transportvorgänge übten eine große Anziehungskraft für die Entwicklung städtischer Siedlungen aus; häufig leiteten sich daraus auch bedeutende Privilegien wie Stapelrechte ab, die den Städten das Recht verliehen, alle die Stadt passierenden Kaufleute zu zwingen, ihre Waren auszuladen und für üblicherweise drei Tage auf dem Markt der Stadt feilzubieten.14

Am Beispiel Hildesheim, oben angeführt für den Entwicklungsweg aus einer Marktsiedlung freier Kaufleute, lässt sich der Prozess der Stadtwerdung und das Wirken der unterschiedlichen Faktoren gut nachvollziehen. [<<33]


Abb 2 Die Entwicklung von Hildesheim 1000–1300

Beim späteren Hildesheim mündete ein kleiner, selbst teilweise in mehrere Arme geteilter Bach, die Treibe, in die Innerste, die im flachen Flusstal wiederum in mehrere Arme zerfiel. Die erste nachgewiesene historische Siedlung, ein Straßenmarkt von freien Kaufleuten aus dem 7. Jahrhundert, lag zwischen den beiden Gewässern am Fuß eines steileren Berges, an einem Fernhandelsweg, dem Hellweg. Dieser zog sich durch den Straßenmarkt und führte westlich auf eine Furt, über die man die beiden Arme der Innerste überqueren konnte. Diese Wik-Siedlung bekam ihr Marktrecht vor dem Jahr 1000 durch den regionalen Adel bestätigt. Ein zweiter Siedlungskern war ein Bischofssitz, der ab 815 einige Hundert Meter entfernt auf einem Hügel südlich der Kaufmannssiedlung erbaut wurde, gut gesichert durch den den Bischofssitz in einem Halbkreis südlich umrundenden Fluss Treibe. Zu diesem Zeitpunkt muss die Wik-Siedlung also schon so bedeutend gewesen sein, dass die Gründung eines Bistums, das von Elze, knapp 20 km von Hildesheim entfernt, dorthin verlegt wurde, legitimiert war. 852 wurde mit dem Bau des Domes begonnen und um 1000 wurde der ganze Dombezirk zu einer Domburg ausgebaut und mit einer Mauer umgeben.

Im 11. Jahrhundert können wir den Bau mehrerer Klöster feststellen sowie den Bau einer Marktkirche nördlich des Wik, das nun auch selbst von einer Mauer umgeben wurde. Im 12. Jahrhundert, einer Periode besonders intensiver Stadtgründungen, wurde im Nordosten, auf einer Insel der Treibe und östlich davon, eine Bürgerstadt [<<34] planmäßig angelegt, die später den Namen „Altstadt“ erhielt. Anfang des 13. Jahrhunderts folgte die Gründung einer weiteren Stadtzelle im Osten, jenseits der Treibe, mit fast kolonialstädtisch anmutendem regelmäßigen Stadtgrundriss und einer Marktkirche. Zunächst war jeder dieser Siedlungskerne für sich selbst ummauert, erst im 13. Jahrhundert wurde eine alle Siedlungen umfassende Stadtmauer errichtet. Allerdings waren damals die Siedlungskerne noch nicht rechtlich zu einer Einheit verschmolzen. Der Konflikt zwischen Bischof und Bürgerschaft, die sich zunehmend von ihrem Stadtherrn zu emanzipieren suchten, spiegelte sich im Streit zwischen bürgerlicher Altstadt und dompröpstlicher, also dem Bischof unterstehender Neustadt, der teilweise auch gewaltsam ausgetragen wurde. Erst 1583 wurde eine „Union“ der beiden Stadtteile gebildet und ein „Samtrath“ zur Koordination eingesetzt, außerdem die innere Mauer niedergelegt.15

Frankfurt am Main bildet eines der bedeutendsten Beispiele für eine Stadt, die sich aus einer königlichen Pfalz entwickelte. Hervorzuheben ist zunächst die im Namen manifestierte Lage an einem sehr gut passierbaren Mainübergang. Wenige Meter nördlich der Furt bot ein langgestreckter Höhenrücken, der spätere Domhügel, hochwasserfreies Siedlungsgelände, das gleichzeitig nach verschiedenen Richtungen gegen Angreifer geschützt war: Im Süden bot der damals noch deutlich breitere Main Schutz vor Annäherung, im Osten erschwerte ein Sumpfgelände den Zugang, im Norden war ein vermoorter Altarm des Main ein ähnliches Hindernis. Nur vom Westen, vom Karmeliterhügel (heute “Römerberg“) aus, war das Gelände gut zugänglich. Die Siedlungsgunst zeigt sich u. a. darin, dass der Platz schon seit 3000 v. Christus besiedelt war. Seit 70 n. Chr. war das Untermaingebiet unter Kaiser Vespasian in den römischen Machtbereich einbezogen. Am Standort Frankfurt gab es im 2./ 3. Jahrhundert eine Straßenstation, im 4./ 5. Jahrhundert einen Brückenkopf der Provinzhauptstadt Mogontiacum (Mainz) zur Sicherung der Mainfurt. Für die Franken wurde der Platz ab dem 6. Jahrhundert zu einem wichtigen Vorposten für den Ausgriff nach Osten, wohl auch bald schon Königsland und Sitz eines fränkischen Grafen. 794 wird der Name „Franconofurd“ erstmals erwähnt im Zusammenhang mit einer Reichssynode, die Karl der Große dort in einem fränkischen Königshof veranstaltete. Für eine so große Versammlung mit Hunderten der Edlen und Würdenträger des Reiches samt [<<35] Gefolge, die sich über viele Wochen oder gar Monate hinzog, waren umfangreiche Vorräte notwendig bzw. es musste dort möglich sein, Ressourcen an Nahrungsmitteln und Futter rasch aus dem näheren und weiteren Umland zu mobilisieren. Die Pfalz “Franconofurd“ war also bereits 794 wirtschaftlich recht potent, die Rede ist von 450 Tagwerk Land (=180 ha), außerdem stand südlich des Mains der umfangreiche Königsforst für Holz und Wild zur Verfügung. Die Lage am Untermain, nur wenige Kilometer vom Rhein entfernt, erleichterte die Beschaffung von Nahrungsmittel und Futter auf dem Wasserweg – die Teilnehmer an der Synode führten sicherlich Hunderte von Pferden mit sich. Nach der Reichsteilung von 843 wurde Frankfurt – neben Regensburg – zum „Hauptort des Ostreiches“16 und häufig von Königen besucht. Allerdings zeigt die Periode der „scheinbaren Königsferne“ im 11./12. Jahrhundert, während der Frankfurt zum Fernhandelsplatz aufstieg, dass die Stadtentwicklung nicht nur von der direkten Begünstigung durch den König abhing. Als die staufischen Könige seit Mitte des 12. Jahrhunderts wieder zurückkehrten, eine neue Burganlage am Mainufer bauten (heute Salhof, Teil des Historischen Museums) und die Messen, die sich in Frankfurt etablierten, förderten, schuf dies die Rahmenbedingungen für Frankfurt, sich im 13. Jahrhundert ummauert als rechtliche und politische Einheit zu etablieren. Die Privilegierung mit der Goldenen Bulle von 1356 – Frankfurt als Stadt der Königswahl – bestätigte nur eine bereits etablierte Praxis und unterstrich die hohe Bedeutung der Stadt.17

2.4 Kerne frühmittelalterlicher Stadtentwicklungen: Von der „Burg“ zur „Stadt“

Fassen wir diese Befunde zusammen: Kerne frühmittelalterlicher Stadtentwicklungen waren häufig befestigte Sitze weltlicher oder geistlicher Herrscher. Der Bedarf dieser Herren, einschließlich ihres Gefolges, an Nahrung, vor allem aber auch an anderen [<<36] Waren, zog Handwerker und Händler an. Markt, Zoll und Münze waren dann Zubehör einer solchen städtischen Siedlung. Eine die ganze Siedlung umfassende Mauer war dagegen häufig erst eine Leistung der Stadtgemeinde im Hochmittelalter, nach 1100.

Diese befestigten Herrensitze wurden in den Quellen meist „Burg“ genannt. Peter Johanek betont, dass das lateinische civitas im Kloster Fulda Anfang des 9. Jahrhunderts mit „Burg“ übersetzt wurde. Und als Bonifatius 742 dem Papst die Gründung der mitteldeutschen Bistümer Würzburg, Buraburg und Erzburg meldete, und dabei die lateinischen Begriffe castellum, oppidum und urbs auf einer Ebene nebeneinander stellte, war der Papst besorgt und insistierte, dass Bischofssitze nicht in Dörfern oder unbedeutenden Städten errichtet werden dürften, sondern nur in einer civitas im antiken Sinne.18 “Burg“ war, so schließt Johanek aus den Quellen, im 9. und 10. Jahrhundert eben nicht identisch mit dem Bild der Höhen- oder Wasserburg, das automatisch – wenn heute der Begriff fällt – vor unserem geistigen Auge aufzieht. Diese Art von Burgen wurde erst seit dem 12. Jahrhundert typisch und monopolisierten den Begriff „Burg“ danach zunehmend.19 Im 9.-11. Jahrhundert bezeichnete „Burg“ vielmehr, so Johanek, eine „Großsiedlung mit differenzierter Bevölkerung, die durch besondere Rechtsverhältnisse charakterisiert waren.“20 So wird Köln im Annolied um 1100 als die sconistir burge (= schönste Stadt) bezeichnet; Köln war damals und für längere Zeit die weitaus größte Stadt in Deutschland mit deutlich über 10.000 Einwohnern. „Burg“ wurde auch für die deutschen Namen alter Römerstädte verwendet, etwa Augs-burg, Regens-burg oder Straß-burg.21 Die Stadtvorstellung des frühen und hohen Mittelalters war also weitgehend reduziert auf die Schutzfunktion; „Stadt“ wurde um 1000 wahrgenommen als „Groß-Burg“.22 Diese Fokussierung auf die Schutzfunktion der [<<37] Stadt, ihre Wehrhaftigkeit, kam auch in der bildlichen Darstellung zum Ausdruck, etwa im Stadtsiegel, auf dem bevorzugt Tore, Mauern, und Zinnen die Stadt in ihrer Gesamtheit repräsentieren.23

Diese Burg-Städte sind, so Mitterauer, „[t]opographisch … durch einen Dualismus von Befestigungsanlagen und Marktort charakterisiert, zu denen mitunter als drittes gesondertes Siedlungselement auch noch ein Königshof als Herrschaftssitz hinzutritt. Die miteinander korrespondierenden Siedlungsteile sind in ihrer Lage von unterschiedlichen Standortfaktoren bestimmt. Die Fluchtburg bedarf eines natürlichen Schutzes, die Händlerniederlassung hingegen schließt sich eher einem geeigneten Landeplatz oder einem günstigen Flussübergang an, wobei freilich der Handelsverkehr als das mobilere Element der Befestigungsanlage folgt.“24

Diese civitates, diese „Stadt-Burgen“ der karolingischen Zeit hatten von vornherein ohne besondere Privilegierung das Recht, Märkte abzuhalten. Marktrechtsverleihung durch Privileg, wie es die fränkischen Könige seit dem 9. Jahrhundert praktizierten, wurde meist eher geistlichen Immunitätsherren gewährt, nicht Städten. Die Einfälle der Sarazenen, Normannen und Ungarn in der zweiten Hälfte des 9. und der ersten Hälfte des 10. Jh. brachten dann erneut eine einschneidende Veränderung: Die Mauern und Befestigungen mussten verstärkt und erneuert werden. Häufig waren die Grafen dazu nicht in der Lage, dagegen erwies sich der Bischof vielerorts als der wirkliche Schutzherr der Stadtbevölkerung. Damit setzte an vielen Orten ein Prozess der Übertragung politischer Rechte für das Stadtgebiet an den Bischof ein, der letztlich zu einer Verdrängung des Grafen aus der Stadt und zu einer scharfen Stadt-Land-Trennung auf politischer und gerichtlicher Ebene führen sollte.25 Parallel dazu verschob sich der Begriff “Burg“ in seiner Bedeutung zunehmend auf den Herrschaftssitz des Hochadels, häufig auch topografisch hervorgehoben auf einer Anhöhe. Diese Herrensitze entwickelten sich allerdings seit dem 12. Jh. meist nicht mehr zu Städten, sie wiesen nur rudimentären Gewerbebesatz zur Versorgung der Burginsassen auf. [<<38]

Zeitlich vollzog sich dieser Bedeutungswandel im Verlauf des 12. Jahrhunderts: Wurde Freiburg (im Breisgau) noch um 1120 als klassischer Burgmarkt gegründet, so erhielt Ende des 12. Jh. eine städtische Neugründung in der oberösterreichischen Riedmark dagegen den Namen Freistadt.26

Wir haben in diesem Kapitel erläutert, wie die Wieder- oder Neugründung von städtischen Siedlungen von einer gewissen Dynamisierung des mittelalterlichen, primär auf Selbstversorgung orientierten Wirtschaftssystems und dem Prozess des Landesausbaus abhängig war. Als Faktoren für die Entstehung von Städten kamen meist Herrschaftsfunktionen, geografische Gunstfaktoren und die Etablierung eines Marktes zusammen. Wesentlicher, auch namensprägender Bedeutungskern dieser Städte war ihre Befestigung, ihre Charakteristik als „Großburg“, die zwar militärisch und rechtlich vom Umland getrennt war, zugleich aber für ihre Versorgung auf dieses Umland angewiesen war und für das Umland vielfältige zentralörtliche Funktionen leistete.27 [<<39]

1 Vgl. Michael Mitterauer: Von der antiken zur mittelalterlichen Stadt, in: Ders.: Markt und Stadt im Mittelalter, Stuttgart 1980, S. 52–67; Frank G. Hirschmann: Die Stadt im Mittelalter, München 2009, S. 1–2.

2 Vgl. Edith Ennen: Die europäische Stadt des Mittelalters, Göttingen 41987, S. 31–44.

3 Vgl. Ennen, Stadt, S. 35.

4 Ennen, Stadt, S. 47.

5 Vgl. Friedrich-Wilhelm Henning: Das vorindustrielle Deutschland 800 bis 1800, Paderborn 31977, S. 19; Angabe nach Statistische Ämter des Bundes und der Länder, Stand der Bevölkerung am 31.12.2011. Die Zahl bezieht sich auf die Bundesrepublik im Gebietsstand nach 1990, <http://www.statistik-portal.de/Statistik-Portal/de_jb01_jahrtab1.asp>, Zugriff: am 04.04.2013.

6 Vgl. Hartmut Boockmann: Einführung in die Geschichte des Mittelalters, München 82007, S. 31–34; Werner Rösener: Bauern im Mittelalter, München 41993, S. 14.

7 Vgl. Henning, Deutschland, S. 48.

8 Vgl. Henning, Deutschland, S. 49.

9 Vgl. Rösner, Bauern, S. 129–133.

10 Vgl. Friedrich-Wilhelm Henning: Landwirtschaft und ländliche Gesellschaft in Deutschland, Band 1: 800 bis 1750, Paderborn u. a. 1979, S. 78–80. Aktuell (2012) liegt das Saat-Ernte-Verhältnis in Mitteleuropa etwa 10-mal so hoch, bei 1:25–30, <http://u01151612502.user.hosting-agency.de/malexwiki/index.php/Getreide>; Zugriff: am 06.04.2013.

11 Vgl. Felicitas Schmieder: Die mittelalterliche Stadt, Darmstadt 2005, S. 23.

12 Vgl. Richard Bauer: Geschichte Münchens, Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, München 22008, S. 15–17.

13 Vgl. Hansjörg Küster: Versorgung und Entsorgung in der mittelalterlichen Stadt, in: Konrad Spindler (Hrsg.): Mensch und Natur im mittelalterlichen Europa. Archäologische, historische und naturwissenschaftliche Befunde, Klagenfurt 1998, S. 311–325, hier S. 316.

14 Vgl. Rolf Sprandel: Art. „Stapel“, in: Lexikon des Mittelalters 8 (2003), S. 59–60.

15 Vgl. Schmieder, Stadt, S. 27 u. 35; Hirschmann, Stadt im Mittelalter, S. 14; Stefan Petersen: Stadtentstehung im Schatten der Kirche. Bischof und Stadt in Hildesheim bis zum Beginn des 13. Jahrhunderts, in: Uwe Grieme (Hrsg.): Bischof und Bürger. Herrschaftsbeziehungen in den Kathedralstädten des Hoch- und Spätmittelalters, Göttingen 2004, S. 143–163.

16 Schmieder, Stadt, S. 25.

17 Vgl. Elsbet Orth: Frankfurt am Main im Früh- und Hochmittelalter, in: Frankfurter Historische Kommission (Hrsg.): Frankfurt am Main – Die Geschichte der Stadt in neun Beiträgen, Sigmaringen 1991, S. 9–52, hier bes. S. 32–50; Felicitas Schmieder: Von der Furt der Franken zur Pfalz der Staufer, in: Lothar Gall (Hrsg.): FFM 1200. Tradition und Perspektiven einer Stadt, Sigmaringen 1994, S. 29–42, hier S. 29 f.; Schmieder, Stadt, S. 25 f. Thomas Bauer: Wahl und Krönung, in: Lothar Gall (Hrsg.): FFM 1200. Traditionen und Perspektiven einer Stadt , Sigmaringen 1994, S. 153–182, hier 153.

18 Peter Johanek: Die Mauer und die heiligen Stadtvorstellungen im Mittelalter, in: Wolfgang Behringer/Bernd Roeck (Hrsg.): Das Bild der Stadt in der Neuzeit. 1400–1800, München 1999, S. 26–38.

19 Vgl. zur neueren Burgenforschung Georg U. Grossmann/Hans Ottomeyer (Hrsg.): Die Burg. Wissenschaftlicher Begleitband zu den Ausstellungen „Burg und Herrschaft“ und „Mythos Burg“ Berlin/Nürnberg/Dresden 2010.

20 Johanek, Mauer, S. 26.

21 Johanek, Mauer, S. 28.

22 Vgl. auch Michael Mitterauer: Von der antiken zur mittelalterlichen Stadt, in: Ders.: Markt und Stadt im Mittelalter, Stuttgart 1980, S. 52–67, S. 61 f., der allerdings betont, dass der Dualismus von Burg und Stadt nicht überall in Europa sich in dieser Weise herausgebildet hat, etwa kaum in Osteuropa, wo mit dem Suffix „grod“ oder „grad“ (=Burg) die Burgfunktion für Stadt im Namen erhalten blieb.

23 Vgl. Wolfgang Behringer: Die Entwicklung der bildlichen Repräsentation der Stadt im europäischen Spätmittelalter und der frühen Neuzeit, in: Michael Jansen/Jochen Hoock/Jörg Jarnut (Hrsg.): Städtische Formen und Macht. Veröffentlichungen der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Stadtkulturforschung IAS, Aachen 1994, S. 97–107; Peter Johanek: Bild und Wahrnehmung der Stadt. Annäherungen an ein Forschungsproblem, in: Ders. (Hrsg.): Bild und Wahrnehmung der Stadt, Köln/Weimar 2012, S. 1–23, hier 11.

24 Mitterauer, Von der antiken Stadt, S. 61.

25 Vgl. Mitterauer, Von der antiken Stadt, S. 64.

26 Mitterauer, Von der antiken Stadt, S. 64.

27 Vgl. Michael Mitterauer: Städte als Zentren im mittelalterlichen Europa, in: Peter Feldbauer/Wolfgang Schwentker/Ders. (Hrsg.): Die vormoderne Stadt. Asien und Europa im Vergleich, Wien/München 2002, S. 60–78, hier S. 61.

3 Die Herausbildung der europäischen Städtelandschaft im Mittelalter
3.1 Stadtblüte im Hochmittelalter (1100–1300)
3.1.1 Wirtschaftliche und demografische Veränderungen 11. – 14. Jh.

Für die rasante Entwicklung von Städten in Europa seit dem späten 11. Jahrhundert war das europaweite Bevölkerungswachstum bis ins 14. Jahrhundert grundlegend. Es gibt zwar keine verlässlichen Zahlen, aber im Hinblick auf die Gesamttendenz ist die Forschung sich weitgehend einig: Nach einem massiven Rückgang in der Periode nach dem Untergang des Römischen Reichs, die Rede ist von rund einem Drittel bis ins 8. Jahrhundert, begann im 9. Jahrhundert ein Wiederanstieg, der bis zum Jahr 1000 zu einer Verdoppelung führt. Anschließend, bis ins frühe 14. Jahrhundert, dürfte sich die Bevölkerung nochmals verdoppelt haben. Cipolla gibt, bei großen Unsicherheiten, für die britischen Inseln ein Wachstum von 2 Mio. (1000) auf 5 Mio. (1300), für Frankreich von 5 auf 15 Mio., für Deutschland von 5 auf 12 Mio. an.1 Die Dynamisierung der Landwirtschaft setzte sich fort, das Tempo des Landesausbaus beschleunigte sich nach 1150 noch deutlich. Zudem begann auch der Prozess der Ostkolonisation, der planmäßigen Ansiedlung deutscher Bauern, Handwerker und Kaufleute in den Regionen östlich der Elbe, häufig verbunden mit Gründungen neuer Marktstädte und militärischer Stützpunkte. Auf den britischen Inseln vollzog sich in dieser Phase die Eroberung und Kolonisierung von Wales und Irland durch die normannischen Könige, wobei die Gründung von Städten als Herrschaftsmittelpunkte zentrale Bedeutung hatte.2 [<<41]

Begünstigt wurde die Transformation der Landwirtschaft durch eine vorteilhafte Veränderung des Klimas: Im Zeitraum von 1000–1250 waren die Sommertemperaturen im Durchschnitt 1 Grad Celsius wärmer als in der Periode 800–1000, außerdem war der Niederschlag deutlich, etwa um 10 % reduziert.3 Diese Klimaveränderung, die Klimahistoriker sprechen vom „mittelalterlichen Wärmeoptimum“, ermöglichte die Kultivierung von sogenannten Grenzböden, etwa in Mittelgebirgen, die in der vorhergegangenen Kaltperiode wegen zu kurzer Vegetationsperioden und zu niedrigen Temperaturen nicht mit Ackerbau bewirtschaftet werden konnten. Außerdem erlaubten die milderen klimatischen Bedingungen, Pflanzen an Standorten zu kultivieren, wo sie im Zuge der klimatischen Abkühlung seit dem 14. Jahrhundert nicht mehr gediehen. So gab es etwa ausgedehnte Weinberge in Südengland und auch in Norddeutschland weit über die gegenwärtigen Standorte hinaus.4

Zum demografischen Wachstum trug auch bei, dass Europa in dieser Periode von größeren Pestwellen oder anderen Epidemien weitgehend verschont blieb. Parallel zum Landesausbau durch Rodungen und Urbarmachung sumpfigen, unwegsamen Geländes steigerten technologische Veränderungen die Produktivität der Landwirtschaft und schufen Spielräume für ein Wachstum der Zahl nicht-agrarischer Produzenten. Mit Hilfe des Kummet konnte die Kraft der Pferde besser genutzt werden, der Wendepflug mit Streichbrett ermöglichte tieferes Pflügen und eine bessere Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit. Dreschflegel, Wassermühlen und Windmühlen wirkten arbeitssparend und ermöglichten den Bauern, ihre „freie“ Arbeitszeit im Winter etwa für die Textilproduktion einzusetzen.5

Weil mehr Menschen von den Überschüssen der agrarischen Produktion leben konnten, schuf das wirtschaftliche und demografische Wachstum günstige Rahmenbedingungen für das Wachstum von Städten bzw. die Gründung neuer Städte. [<<42]

3.1.2 Von der Stadt zur Kommune: Der Emanzipationsprozess der Städter

Früh- und hochmittelalterliche Städte waren in der Regel – wie in Kap. 2 (S. 25) an Hildesheim gezeigt – zunächst keine einheitlichen Siedlungen. Häufig finden wir eine Reihe topografisch wie auch sozial und funktional unterschiedlicher Siedlungskerne, die jeweils für sich befestigt waren. Die Bewohner dieser Siedlungskerne lebten unter jeweils anderen Rechtsverhältnissen und bildeten noch keine einheitliche politische Gemeinschaft; sie waren vielfach persönlich noch unfrei und standen in unterschiedlichen Dienst- und Abhängigkeitsverhältnissen von ihren jeweiligen Grundherren. Gesamteuropäisch können wir jedoch seit dem frühen 11. Jahrhundert eine graduelle und allmähliche Emanzipation der Städter beobachten, eine Einebnung der rechtlichen Unterschiede zwischen den Stadtbewohnern, die Bildung von Vereinigungen der Bürger, die in unterschiedlichem Ausmaß ihre Belange selbst verwalteten. Dieser Aspekt, die Selbstverwaltung der Städte – meist durch ihre Oberschicht – ist im Kern das, was Max Weber in universalgeschichtlicher Perspektive als Sonderweg der „okzidentalen Stadt“ beschrieben hat. Weber identifizierte in seinem Fragment gebliebenen und erst posthum veröffentlichten Werk „Die Stadt“ die freiwillige Vereinigung der Bürger europäischer Städte im Schwur (coniuratio) als zentrales konstitutives Merkmal der “okzidentalen“ (europäischen) Stadt im Unterschied zu den als Herrschaftspunkte fungierenden außereuropäischen Städten, wie sie uns etwa im Vorderen Orient oder in China begegnen.6

Dieser säkulare Prozess der Emanzipation der Städter vollzog sich seit der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts im Kontext der Kirchenreform und des Reformpapsttums. Kernpunkt der Kritik der Reformer war die Verweltlichung der Kirche, gefordert wurde eine Rückbesinnung der Kirche auf sich selbst. Dazu dienten die Durchsetzung des Zölibats und eine schärfere Interpretation der Simonie, des Ämterkaufs. Kirchliche und weltliche Macht waren um 1000 intensiv miteinander verflochten; hohe Positionen in der Kirche, vor allem die Ämter von Bischöfen, waren zugleich einträgliche Pfründe und weltliche Machtpositionen. Zur Sicherung ihrer Herrschaft stützten sich [<<43] insbesondere die ottonischen Könige des 10./11. Jahrhundert im Reich vorrangig auf die Bischöfe. Die Kirchenreform sah diese Verflechtung extrem kritisch: Wenn Laien, wie etwa der König, an der Besetzung kirchlicher Ämter beteiligt waren, galt dies als Simonie und damit verloren das Sakrament, das der Bischof spendete, aber auch die Weihe von Priestern durch den Bischof ihre Gültigkeit.7

Die Kirchenreform untergrub die Autorität der geistlichen und weltlichen Fürsten und trug zu einer Politisierung breiter Schichten bei.8 Im Kontext dieser Debatten sind erste Ansätze kommunaler Emanzipationsbewegungen zu interpretieren, die sich in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts in Norditalien, insbesondere in Mailand zeigten. Mailand, seit 374 Bischofsstadt, war im Hoch- und Spätmittelalter die größte Stadt Italiens und hatte religiöse und wirtschaftliche Zentralfunktionen. In den Jahren 1035–37 erhoben sich bischöfliche Lehnsleute zusammen mit nichtadeligen städtischen Grundbesitzern gegen den Bischof und dessen Versuch, den Adel umfassender zu beherrschen. In diesem Aufstand taucht bereits die Institution der coniuratio, der Schwureinung auf, die die Aufständischen untereinander schlossen. Nach dem Sieg über den Bischof wandte sich aber das Volk, vor allem die nichtadeligen städtischen Führungsschichten, gegen die adligen Vasallen, die jetzt Mailand beherrschten; sie bildeten eine politische Gemeinde und schworen sich gegenseitig einen Verpflichtungseid. Christliche Vorstellungen brüderlicher Gleichheit prägten diese Kommunenbildung. Spätestens mit der pataria seit den 1050er-Jahren spielten die Kirchenreform und der Kampf gegen die Simonie eine wichtige Rolle. Das Ergebnis langwieriger Kämpfe war letztlich eine deutliche Beschneidung der Befugnisse des Erzbischofs als Stadtherr; eine neue städtische Führungsschicht setzte 1097 eine konsularische Stadtverfassung ein und verdrängte den Erzbischof 1127 dann auch formell aus der Rolle des Stadtherrn. Mittelfristig profilierte sich nicht nur Mailand, sondern ganz Oberitalien als „Innovationsregion“, wo sich „… ein neues innovatives Modell zur Ausgestaltung kommunaler Freiheit, zur sozialen Differenzierung aufsteigender gesellschaftlicher Gruppen, zur Gestaltung des ökonomischen Wandels …“ formierte.9 [<<44]

Ähnliche Bewegungen setzten in der Periode ab etwa 1070 auch nördlich der Alpen, in Nordfrankreich, Flandern und dem Rheinland ein. Der intensive Handelsverkehr zwischen den oberitalienischen und den rheinischen und flandrischen Städten legt es nahe, dass man nördlich der Alpen von den norditalienischen Kommunenbildungen wusste. Politischer Kontext der städtischen Emanzipationsbewegungen war der Investiturstreit zwischen den Königen des Heiligen Römischen Reiches und dem Papst, wie er sich vornehmlich in der Periode 1056–1125 entwickelte.10 Investitur meint die Einweisung eines Geistlichen in sein Amt durch den zuständigen Oberen, die Verleihung der Symbole weltlicher (Temporalia = Ring) und geistlicher (Spiritualia = Bischofsstab) Gewalt. Unter den Ottonen war es üblich geworden, Vertraute und Verwandte des Königs als Bischöfe einzusetzen. Bischöfe im Heiligen Römischen Reich waren gleichzeitig Geistliche und Träger von Reichslehen, sie erhielten vom König gräfliche Hoheitsrechte wie das Befestigungsrecht für Städte oder die Hochgerichtsbarkeit über sie. Diese Doppelrolle der Reichsbischöfe war nach der neuen Lehre der Kirchenreform nicht mehr zulässig, denn sie bedeutete ja die wesentliche Mitwirkung weltlicher Gewalten an der Besetzung der Bischofssitze, erfüllte somit den Tatbestand der Simonie. Resultat der Kritik war ein jahrzehntelanger Machtkampf zwischen Papst und Kaiser um das Primat. Papst Gregor VII. (Papst 1073–1085) engagierte sich besonders für die Durchsetzung der Kirchenreform, woraus sich ein heftiger Konflikt mit dem deutschen König Heinrich IV. ergab. Dessen dramatischer Höhepunkt bildete der bekannte Gang nach Canossa (1077), bei dem der mit Exkommunikation belegte König um Lösung des Banns seitens des Papstes ersuchte. Für den Emanzipationsprozess der Städter eröffnete der Investiturstreit neue Handlungsspielräume, weil die konkurrierenden Akteure Kaiser und Papst jeweils nach Bündnispartnern für ihre Sache suchten und dafür bereit waren, den Städten weitreichende Zugeständnisse in der Verleihung von Selbstverwaltungsrechten zu machen.

Das Beispiel Worms zeigt, wie die Einwohner der Stadt in diesem Kontext lernten, als politische Gemeinschaft zu agieren und zu “Bürgern“ wurden. Die Bewohner von Worms – wie auch aller anderen Städte – waren im 11. Jahrhundert in mehrere Personenverbände (familia) gegliedert, die jeweils einem Grundherrn untertan waren, aber unterschiedliche Rechtsstellungen hatten. Diese familiae waren keine Blutsverwandten, sondern bildeten eine Rechtsgenossenschaft. Die familia war insbesondere wichtig im Hinblick auf Heirats- und Vererbungsbestimmungen. Wer einen Partner außerhalb der familia heiraten wollte, brauchte die Zustimmung des Grundherrn. [<<45] Wenn etwa der Mann „ausheiratete“, wurde das Buteil fällig, eine Art Zwangsabgabe von bis zu zwei Drittel des Besitzes. Starb ein Mitglied einer familia, so musste eine „Todfallabgabe“ zugunsten des Grundherrn geleistet werden, was bei wohlhabenderen Kaufleuten existenzbedrohend wirken konnte.11 Stadtherr von Worms war der Bischof, der zuvor die Familie der Salier aus der Position der Grafenrechte in Worms verdrängt und diese selbst übernommen hatte. 1073 war König Heinrich IV., selbst Salier, in einer extrem schwierigen Lage: Vom Papst drohte die Exkommunikation und der sächsische Adel hatte sich gegen ihn erhoben. Als Heinrich nun vor den Toren von Worms stand, erhoben sich die Wormser, verjagten die Soldaten des Bischofs und auch ihn selbst und öffneten dem Kaiser die Tore zu einem prunkvollen Einzug. Der Zeitgenosse Lambert von Hersfeld schildert den Konflikt so:

Als der König kam, zogen sie (die Bürger von Worms) ihm bewaffnet und gerüstet entgegen, nicht um ihm Gewalt anzutun, sondern damit er beim Anblick ihrer Anzahl, ihrer Waffen und der Zahl ihrer bewaffneten Jugend in seiner schwierigen Lage sofort erkenne, wie viel Hoffnung er in sie setzen dürfe. Sie versprachen ihm bereitwillig ihre Hilfe, leisteten ihm einen Eid, boten ihm an, zu den Kosten des Krieges jeder einzelne aus seinem eigenen Vermögen beizutragen, und bekräftigten, dass sie Zeit ihres Lebens eifrig für seine Ehre kämpfen wollten. So besaß der König eine wohlbefestigte Stadt und machte sie zur Zentrale seines Krieges, zur Festung seiner Herrschaft und auch – was immer geschehen möge – zur sicheren Zuflucht, weil sie durch die Zahl ihrer Bürger und die Festigkeit ihrer Mauern uneinnehmbar war und durch die Fruchtbarkeit der Umgebung sehr reich und mit allem, was im Krieg von Nutzen zu sein pflegt, gut ausgestattet.12

Die Wormser schlossen sich in dieser Situation also zu gemeinschaftlichem Handeln zusammen, sie agierten politisch und militärisch gegen ihren Stadtherrn und boten dem König ihre Loyalität an. Im Gegenzug befreite der König die Wormser in einer Urkunde von 1074 von allen Reichszöllen, stärkte also ihre Position im Fernhandel. Die Wormser Urkunde von 1074 ist das erste Privileg, das ein König für die Bürger einer Stadt als Gemeinschaft ausstellte.13 [<<46]

Eine ähnliche Situation entstand 1074 in Köln, wo es ebenfalls nach Konflikten zwischen dem Erzbischof und städtischen Eliten zu einem Bündnis zwischen den führenden Kaufleuten Kölns und dem König kam. Anfang des 12. Jahrhunderts zeigten sich Elemente einer kommunalen Selbstverwaltung in Form eines Schöffenkollegiums. Heinrich IV. gibt viri illustri, die die Kommune repräsentierten, den Auftrag, die Stadtbefestigung zu erweitern, was normalerweise ein stadtherrliches, also dem Bischof zustehendes Recht war.

Insgesamt gewährten Stadtherren oder auch der König den aufbegehrenden Städtern in dieser Periode Rechte, die ihre Gemeinschaft stärkten. Die hofrechtlichen Vorbehaltsrechte der Grundherren, wie etwa Ehebeschränkungen zwischen den Stadtbewohnern, wurden aufgehoben, die Zahlung vom Buteil entfiel, wenn Mitglieder einer familia außerhalb dieser heirateten. Auch die existenzgefährdende Todfallabgabe wurde nicht mehr fällig. Die rechtliche Situation der Städter verbesserte sich damit erheblich, sie erhielten einen freieren Status.

Die Rechtssicherheit der Stadtbürger stieg auch bedeutend durch das sogenannte ius de non evocandi, den Schutz davor, vor ein auswärtiges Gericht geladen zu werden oder von auswärtigen Steuereinnehmern belangt zu werden. Erzbischof Albert von Mainz gewährte dieses Recht den Mainzer Bürgern 1119 aus Dank dafür, dass sie ihn aus der Gefangenschaft von Heinrich V. befreit hatten. Felicitas Schmieder hält zu diesem Prozess fest: „Sukzessive verschwanden alle möglichen Merkmale von Unfreiheit, schließlich sogar der Kopfzins. Stattdessen begann die Stadtgemeinschaft, die das Recht und die Freiheit hatte, nach eigenem Gutdünken intern umzulegen, kollektiv Abgaben zu leisten. […] Aus den hofrechtlich gebundenen Angehörigen der Speyrer, Wormser und Mainzer familiae wurde – […] – ganz allmählich eine nach außen und innen handlungsfähige und handlungsberechtigte Stadtgemeinde mit freien Bürgern und schließlich neuem, für sie alle gültigen Bürgerrecht.“14 Franz Irsigler hält übergreifend fest: „Um 1100 beginnt eine neue Epoche in der Geschichte des europäischen Städtewesens.“15

Zusammengefasst entstand in solchen Aktionen der Bürgergemeinden und der Gewährung von Privilegien und Freiheiten im 12. Jahrhundert in den rheinischen Städten, die hier als „Innovationsregion“ fungierten16, ein Katalog dessen, was eine [<<47] freie und selbstbestimmte Stadtgemeinde ausmachen sollte. Persönliche Freiheitsrechte und kollektive Mitbestimmungsrechte griffen hier vielfach ineinander, die den einzelnen Städten erteilten Privilegien wurden ausführlicher, nahmen aufeinander, auf andere Städte und deren Rechte Bezug. Insgesamt war der Wunsch nach „Freiheit“ ein starkes Motiv kommunaler Bewegungen in ganz Europa. Otto von Freising, der Geschichtsschreiber des Stauferkaisers Friedrich Barbarossa, kommentierte, durchaus kritisch, die kommunale Entwicklung Oberitaliens um 1154 mit den Worten „Denn sie lieben die Freiheit so sehr …“.17 Allerdings war der Prozess zur politischen Freiheit und Selbstständigkeit langwierig und mit zahlreichen Rückschlägen und Rücknahmen bereits erteilter Privilegien verbunden. Erst mit dem Rheinischen Städtebund von 1254/1257 hatte sich die politische Autonomie der Städte in den wichtigeren rheinischen Städten durchgesetzt; die Städte zeigten sich nunmehr „… als selbstständige[r] politische[r] Kraft neben geistlichen und weltlichen Fürsten und Adel.“18 Die plakative Feststellung „Stadtluft macht frei“ ist in dieser Formulierung zwar eine moderne Prägung, der Wortlaut lässt sich in mittelalterlichen Quellen so nicht finden, aber ihr Bedeutungskern trifft im 12. Jahrhundert in wachsendem Maße zu. Der Aufenthalt in einer Stadt „über Jahr und Tag“ verlieh den ehemaligen Hörigen persönliche Freiheit; dies wurde immer breiter in Stadtrechten zum anerkannten Rechtsprinzip.

Was gehörte zu einer solchen, sich selbst regierenden Stadt? Die Stadt bildete zunehmend eigene Organe aus, die sich meist von Gerichten, von der Funktion von Schöffen als Gerichtsbeisitzern, herleiteten. So etablierte sich ein Rat, ein Stadtvogt übte stadtherrliche Rechte aus, aber die Stadtgemeinde erkämpfte sich häufig das Recht auf Wahl dieses Vogtes. Häufig blieben die Beziehungen zwischen Stadtherr und Stadtgemeinde über viele Jahrzehnte konfliktträchtig, sie veränderten sich im Zusammenhang mit der gesamtpolitischen Lage und der Stärke oder Schwäche des jeweiligen Stadtherrn. Die skizzierten Emanzipationskämpfe betrafen ältere etablierte Städte, vor allem Bischofsstädte entlang des Rheins, in denen sich die wirtschaftlich mächtig gewordene städtische Oberschicht gegen ihre Stadtherren auflehnte und Selbstverwaltungsrechte – letztlich erfolgreich – einforderte. Im Zuge dieser sich teilweise über mehrere Jahrzehnte hinziehenden Auseinandersetzungen wuchs die zuvor stark gegliederte und rechtlich differenzierte Einwohnerschaft zu einer Gemeinschaft rechtlich freier und sich selbst regierender und richtender Bürger zusammen, die [<<48] Kommunen werden in den Quellen als „… eigenständige Rechtspersonen mit einem je nach Situation unter Umständen beträchtlichen Handlungsspielraum erkennbar …“.19 In zahlreichen Fällen gelang es Städten nach teilweise langen Auseinandersetzungen, die Herrschaft ihres unmittelbaren Stadtherren, sei es der Bischof oder ein Landesherr, abzuschütteln; sie unterstanden danach nur noch direkt dem König und Kaiser und wurden „Reichsstädte“ genannt. Einige der ehemaligen Bischofsstädte, die im Prinzip einen ähnlichen Status weitgehender Autonomie genossen, wurden als „Freie Städte“ bezeichnet. Im späten 13. Jahrhundert gab es insgesamt gut 100 Reichsstädte.20

3.1.3 Stadtgründung als Investition und Landesentwicklung

Charakteristisch wurde in dieser Phase des 12. und 13. Jahrhundert aber nicht nur die Emanzipation der Bischofsstädte, die zunehmend zu Freien oder Reichsstädten wurden, sondern besonders auch die Gründung neuer Städte, die von vornherein mit umfangreichen Privilegien versehen wurden. Die Periode zwischen 1150–1350 war die Hauptphase von Stadtgründungen: Von insgesamt 5000 Städten, die Stoob für den mitteleuropäischen Raum erfasst hat, wurden rund 4000 in dieser Phase gegründet.21 Territorialherren nahmen die Stadt als “Erfolgsmodell“ wahr, erkannten, dass man durch die Gründung von Märkten und Städten die eigenen Einnahmen vermehren und die eigene Machtposition in Konkurrenz zu benachbarten Adligen oder dem König stärken konnte.

Freiburg: Die Marktprivilegierung

Das in der deutschen Stadtgeschichte berühmteste und quellenmäßig am besten belegte Beispiel ist im frühen 12. Jahrhundert die Gründung der Stadt Freiburg im Breisgau. Schriftliche Quellen für die Existenz einer früheren Siedlung auf dem Gebiet von Freiburg gibt es nicht, aber archäologische Funde legen eine Vorsiedlung aus dem späten 11. Jahrhundert nahe.22 Die Existenz einer Martinskapelle (= fränkisches Patrozinium) [<<49] auf dem Stadtgebiet deutet auf noch ältere Siedlungselemente hin. Der Graf Konrad von Zähringen lässt 1120 folgende Gründungsurkunde anfertigen:

Allen Zukünftigen wie Gegenwärtigen sei bekannt, das ich, Konrad, auf meinem eigenen Land, nämlich in Friburc, im Jahr der Fleischwerdung des Herrn 1120 einen Markt (forum) gegründet habe. Ich habe durch Bekanntmachung von überallher Kaufleute herbeigerufen und bestimmt, den Markt durch eine Schwureinung (coniuratio) zu gründen und auszubauen. Dann habe ich jedem Kaufmann in dem gegründeten Markt einen Bauplatz zugeteilt, damit er Häuser auf eigenem Besitz errichten kann, und habe bestimmt, dass mir und meinen Nachfahren von jedem Grundstück zu Martini ein Schilling gültigen Geldes als jährlicher Zins bezahlt werde. Die einzelnen Hausgrundstücke sollen hundert Fuß lang und fünfzig Fuß breit sein. […] Ich verspreche Frieden und Wegesicherheit in meinem Macht- und Herrschaftsbereich allen, die meinen Markt aufsuchen. Sollte jemand dort beraubt werden, werde ich, wenn er den Räuber benennt, entweder die Rückgabe erreichen oder selbst Schadensersatz leisten. […] Allen Kaufleuten erlasse ich den Zoll. Niemals will ich meinen Bürgern einen Vogt oder einen Pfarrer ohne Wahl vorschreiben, sondern wen immer sie dazu erwählen, will ich bestätigen. Wenn sich irgendeine Streitigkeit oder Meinungsverschiedenheit unter meinen Bürgern erhebt, sollen diese weder nach meinem Urteil noch dem ihrer Vorsteher verhandelt werden, sondern nach dem gewohnheitlichen und legitimen Recht aller Kaufleute, besonders der Kölner, soll ein Urteil gefunden werden.23

Das erste Freiburger Recht war eigentlich noch kein Stadtrecht, sondern vielmehr ein Marktrecht, im lateinischen Text ist nur von locus und forum die Rede. Erst knapp hundert Jahre später, als 1218 die Freiburger ihre Rechte im „Stadtrodel“ nochmals bestätigen lassen, spricht der Text von civitas.24 Zentrale Elemente des Freiburger Rechts von 1120 waren Marktgründung und Schwureinung der beteiligten Kaufleute. Der Graf übergibt abgemessene gleich große Grundstücke an die Kaufleute zu deren freiem Besitz und verlangt lediglich eine regelmäßige, einmal jährlich zu entrichtende Geldabgabe, eine Vorform der Grundsteuer. Besonders wichtig für das Gedeihen des Freiburger Marktes war angesichts der grassierenden Unsicherheit auf Straßen und Wegen die Garantie für Frieden und Sicherheit und die Zusicherung von Schadensersatz, sollte [<<50] ein Kaufmann beraubt werden. Außerdem versprach der Stadtgründer den Kaufleuten Abgabenfreiheit – mit Ausnahme des Grundzinses – und das Recht, ihren Vogt und Pfarrer selbst zu wählen. Die Rechtsgrundlage für das Gerichtswesen in Freiburg bildete das Kölner Kaufmannsrecht; war die Klärung einer Rechtsfrage also in Freiburg strittig, so konnten sich die Parteien an den Rat der Stadt Köln mit der Bitte um Rechtsauskunft wenden. Trotz der bemerkenswert dichten stadtrechtlichen Überlieferung in Freiburg wurde die Stadt nie eine “Freie Stadt“ wie die vorher erwähnten Bischofsstädte. Nach Aussterben der Gründungsdynastie der Zähringer fiel die Stadt 1218 an die Grafen von Freiburg, mit denen es allerdings dann im späteren 14. Jahrhundert auch bewaffnete Auseinandersetzungen gab. Nach massiven Kämpfen, bei denen die Freiburger die gräfliche Burg zerstörten, dann aber doch militärisch besiegt wurden, ging die Stadt den wirtschaftlichen Weg; man kaufte sich von den Grafen von Freiburg los und unterstellte sich dem Schutz der mächtigen, aber fernen Habsburger, Freiburg blieb damit eine Landstadt.25 Wirtschaftlich nahm Freiburg durch den Silberbergbau im nahen Südschwarzwald und den regionalen Handel im Raum zwischen Straßburg und dem Bodensee einen raschen Aufschwung. 1146 sind Mauern, ein Hospital und eine Kirche belegt, in den 1170er-Jahren dürften die Stadtbäche angelegt worden sein. Die Präsenz von Steinhäusern bereits im frühen 13. Jh. zeigt den Reichtum der Stadt. Die Grundstruktur des Stadtgrundrisses mit Straßenmarkt und Querstraßen, die wiederum durch Gassen verbunden waren, dürfte bereits bei der Gründung festgelegt worden sein.26

Leipzig: Stadtgründung im Kolonisationsland

Lag Freiburg im Breisgau im fränkischen und schon früh christianisierten Altsiedelland, so soll Leipzig als Beispiel einer Stadtgründung östlich der Elbe, im Zuge der sogenannten Ostkolonisation, dienen. Auf dem Gebiet des heutigen Leipzig, am Zusammenfluss von Parthe, Pleiße und Elster, existierte seit dem Frühmittelalter eine sorbische Siedlung „Lipzi“, was auf „lipa“= Linde verweist. Erstmals urkundlich erwähnt wird Leipzig als urbs Lipzi, Burg Leipzig, in der Chronik Bischofs Thietmar von Merseburg im Jahr 1015. Diese deutsche Burg sicherte eine Kaufmanns- und Handwerkersiedlung an der Kreuzung von zwei wichtigen Fernstraßen, der via regia in West-Ost-Richtung, aus dem [<<51] Rhein-Main-Raum kommend und weiter nach Breslau führend, und der via imperii, die vom Süden, letztlich aus Italien über Nürnberg kommend, weiter über Halle, Magdeburg und schließlich an die Ostsee führte. Leipzig lag im Hochmittelalter am östlichen Rand eines ausgedehnten, versumpften Auenwaldes im Flusstal der Weißen Elster, was eine Annäherung und Belagerung von Westen her wohl erschwert haben dürfte. Um die Mitte des 12. Jahrhunderts zeigen Kirchenbauten, dass Leipzig wachsende Bedeutung gewann. Der Stadtbrief, den Markgraf Otto der Reiche von Meißen-Wettin zwischen 1156 und 1170 für Leipzig ausstellte, die erste Stadtrechtsverleihung in Ostdeutschland, dokumentiert die Wichtigkeit der Stadt für den Markgrafen: Er verlieh der Stadt Hallisch-Magdeburgisches Recht, gab – wie in Freiburg – das Stadtgebiet zur Bebauung frei. Besonders wichtig wurde das Marktrecht, das Leipzig eine Bannmeile von 15 km Umkreis sicherte. In diesem Bereich lagen 27 Dörfer, denen die Abhaltung eines Marktes damit untersagt war. Der räumliche Geltungsbereich des Stadtrechts, das sogenannte Weichbild, wurde durch Grenzzeichen markiert.27 Leipzig selbst genoss Zollfreiheit, war aber berechtigt, in den Dörfern seines Marktbanns Wege- und Brückengelder zu erheben. Die Stadt durfte die Wälder der Nachbarschaft nutzen und musste keine Abgaben leisten mit Ausnahme für die Kriegszüge der deutschen Könige.28 Infolge dieser Privilegierung bildete sich eine ausgeprägte regionale Hierarchie heraus: Nachbarorte wie Taucha oder Schkeuditz, die bis Mitte des 12. Jahrhunderts eine ähnliche Entwicklung wie Leipzig durchlaufen hatten, wurden als Konkurrenten ausgeschaltet, weil ihnen die Möglichkeit abgeschnitten wurde, über die Entwicklung eines regionalen Marktes Wachstumsimpulse zu erhalten. Das Marktrechtsprivileg mit der Bannmeile sollte später auch den Kern für das bedeutsame Messeprivileg Leipzigs bilden.

Im 13. Jahrhundert begegnet uns Leipzig als entwickeltes städtisches Gemeinwesen: Über den großen planmäßig angelegten Marktplatz führten die beiden wichtigen Fernhandelsstraßen. Jenseits der Mauern und der vier Tore lagen im Norden und Nordwesten gewerbliche Vorstädte mit Ansiedlung der Gerber und zahlreichen Mühlen. Die örtlichen Flüsse waren für den Betrieb dieser Mühlen vielfach umgeleitet worden, was auf eine kapitalkräftige und leistungsfähige städtische Siedlung verweist.

Im Verlauf einer Reihe von Konflikten zwischen Bürgergemeinde und Stadtherrn, dem Markgrafen, zerstörte die Stadt nach 1225 die vom Stadtherrn errichteten [<<52] Zwingburgen und überließ deren Reste den neuen Bettelorden der Franziskaner und Dominikaner zur Nutzung. Allerdings gelang es Leipzig nie, wie etwa Frankfurt, den Status einer Reichsstadt zu erkämpfen. Seit 1270 sind in Leipzig consules, also Räte nachgewiesen, 1273 erwirbt die Stadt von ihrem Landesherrn das Münzrecht. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts dürfte Leipzig etwa 3000 Einwohner gezählt haben.29

Die Gründungsprozesse von Freiburg und Leipzig zeigen, wie Territorialherren einerseits Siedlungen an strategisch günstigen Stellen gezielt mit Stadtrechten und städtischen Privilegien förderten, andererseits die Bewohner dieser Städte sich erhebliche Handlungsspielräume gegenüber ihren Stadt- und Landesherren erkämpfen konnten. In ganz Europa wurde die Gründung von Städten zur vielfach praktizierten Strategie der führenden Geschlechter, die sich damit Herrschaftsstützpunkte und Quellen für Steuern und Abgaben schaffen wollten. So wurden die Staufer etwa mit der Gründung von Heidelberg, Breisach, Pforzheim oder Hagenau aktiv, die Welfen etablierten München – nachdem sie Föhring, den Marktort des Freisinger Bischofs, zerstört hatten – wie auch Lübeck, und förderten Braunschweig nachdrücklich. Ergebnis dieses säkularen Prozesses der Urbanisierung im 12. und 13. Jahrhundert war die Herausbildung einer vielfach gegliederten Städtelandschaft, die einherging mit einer wesentlich intensiveren Kultivierung des Bodens. Peter Clark schätzt den Anteil der städtischen Bevölkerung um die Mitte des 14. Jahrhunderts europaweit auf 10–15 %, was aber große Unterschiede zwischen stark urbanisierten Landschaften in Norditalien und Flandern (30–40 %), Raten um 15 % in Frankreich, dem westlichen Deutschland und England, und Gebieten mit außerordentlich geringer Urbanisierung (Nord- und Osteuropa, 3–4 %) einschloss.30

3.2 Städte im Netz: Die europäische Städtelandschaft
3.2.1 Das Städtesystem im Überblick

Wir wechseln die Ebene und fragen: Lassen sich Muster erkennen, die die Verteilung der Städte im europäischen Raum bestimmten? Wie kann man diese Muster erklären? Gab es einen inneren Zusammenhang zwischen einzelnen Städten jenseits der Zugehörigkeit zu bestimmten Territorien? [<<53]

Diese Karte Europas mit Kartierung der Städte nach Größenklassen zeigt uns eine recht eindeutige Struktur:


Abb 3 Die Verteilung großer Städte in Europa um 1300

Um 1300 war die europäische Urbanisierung noch ein Phänomen, das sich im Wesentlichen auf Italien sowie West- und Mitteleuropa beschränkte. Das nördliche England, Schottland und Irland wie auch Skandinavien wiesen eine sehr geringe Städtedichte auf; in Osteuropa zeigten sich östlich der Oder und südlich der Donau nur wenige Städte. Auch Spanien war, mit Ausnahme des zu diesem Zeitpunkt noch maurischen [<<54] Südens, recht städtearm. Im Kernbereich der europäischen Urbanisierung erkennen wir zwei eindeutige Schwerpunkte: Ein Schwerpunkt lässt sich in Nord- und Mittelitalien erkennen, wo mit Mailand, Genua, Venedig und Florenz die größten Städte des römisch-christlichen Europas im Mittelalter zu finden waren. Ein zweiter Schwerpunkt zeigt sich in Nordwesteuropa. Seinen Kern bilden die flandrischen Städte im heutigen Belgien, seine Ausläufer umfassen Paris, Köln und London. In diesen beiden Regionen finden sich erheblich mehr, nach der Klassifizierung von David Nicholas (Abb. 3, S. 55)„ sehr große“ Städte (25.000–50.000) als im restlichen Europa, hier können wir auch schon um 1300 von einer verstädterten Landschaft sprechen.31

Wie kann es zu einer solchen Struktur gekommen sein? Zunächst war in Italien, darauf war bereits in Kap. 2, S. 25 hingewiesen worden, die Stadtkultur nach dem Untergang des Römischen Reichs nie so stark dezimiert und reduziert worden wie nördlich der Alpen; die Voraussetzungen für ein Wachstum lagen hier also günstig. Dann übernahmen italienische Städte in dem Maße, wie sich nördlich der Alpen im Zuge wirtschaftlicher Entwicklung und Monetarisierung ein Bedarf an Waren aus dem Orient entwickelte, die Funktion der Vermittler; Luxuswaren aus dem Orient wurden vor allem über Venedig, aber auch über Genua, zunächst auf dem Landweg über die Alpen gebracht. Pässe wie der Große St. Bernhard, der Simplon und der Mont St. Cenis waren bereits im Hochmittelalter von zentraler Bedeutung für den Warentransport.32

Auch wenn der Fernhandel von Luxuswaren quantitativ deutlich weniger Umfang hatte als der kleinräumige Handel mit Nahrungsmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs, so waren hier doch sehr viel höhere Gewinnspannen möglich, sodass sich um den Fernhandel eine international vernetzte Kaufmannschaft herausbildete. Als Schaltstelle und Verteiler für die europaweit gehandelten Waren dienten zunächst die berühmten Messen der Champagne, die sich an wechselnden Orten, darunter Provins und Troyes, über größere Teile des Jahres hinzogen. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts büßten diese Messen jedoch allmählich ihre führende Rolle ein, insbesondere nachdem die italienischen Kaufleute den langen, aber wesentlich kostengünstigeren Seeweg durch die Straße von Gibraltar und rings um die Westflanke Europas bis zu den Häfen Flanderns erschlossen hatten und diesen zunehmend als Hauptroute nutzten.33 [<<55]

Die herausragende Stellung der Städte Flanderns, der zweite große Pol des europäischen Städtesystems, erklärt sich zunächst eher aus Mangel denn aus Überfluss. Flandern war landwirtschaftlich um 1000 eine eher arme Küstenregion, der Westen Flanderns wurde hauptsächlich als Weide genutzt, bis die Sümpfe im 12. Jahrhundert im Zuge des Landesausbaus allmählich trocken gelegt wurden. Günstig war insbesondere die Lage: Die Region lag im Kreuzungspunkt von Handelswegen zu den britischen Inseln, von Frankreich in den Ostseeraum und am Zugang ins Innere des europäischen Kontinents über das Wasserstraßensystem des Rheins. In Flandern entstand daher ein Knoten von gewerblich spezialisierten Städten, die außerdem Verteilerfunktion für Nordwesteuropa, aber auch für den Handel mit Skandinavien und dem Ostseeraum übernahmen.

Brügge – Venedig des Nordens?

Zentralort dieses internationalen Austausches in Nordwesteuropa und in gewisser Weise funktionales Pendant von Venedig wurde Brügge: Der hohe Meereswasserstand im 11. Jahrhundert und eine verheerende Sturmflut von 1134, die weit ins Binnenland durchbrach, machten die Stadt zum Meereshafen. Die Stadt war Sitz der Grafen von Flandern, und der Konflikt zwischen den Grafen und der sich emanzipierenden Bürgergemeinde prägte große Teile der mittelalterlichen Geschichte Brügges. Um 1130 erhielt die Stadt einen ersten Mauerring, der sich heute noch am inneren Kanalring ablesen lässt. Im 12. Jahrhundert wurde Brügge dann zur Schaltstelle im Handel mit England, von wo feine Wolle importiert wurde. Nach Verarbeitung in Brügge und vor allem in den umliegenden Tuchmacherstädten wie Gent und Ypern wurde das hochwertige Tuch dann wieder nach England, vor allem aber auch in andere europäische Länder exportiert. Im späten 13. Jahrhundert wurde Brügge zum wichtigsten Umschlagszentrum internationalen Handels nördlich der Alpen. Dieser rasche Aufstieg fand auch seinen baulichen Niederschlag: Um 1240 wurde am Marktplatz der Belfried, das spätere Wahrzeichen Brügges, sowie die an ihn grenzenden zweistöckigen Hallen gebaut. Weil sich gegen Ende des 13. Jahrhunderts der Handel stark ausgedehnt hatte, wurde an einer Seite des Marktplatzes eine neue große Tuchhalle nur für den Tuchhandel über dem Flüsschen Reie gebaut.34 [<<56]


Abb 4 Plan von Brügge um 1500, Gemälde im Rathaus von Brügge

Bemerkenswert ist, wie die Stadt ihren Stoffwechsel im Hinblick auf das Wasser organisierte: Brügges doppelter Ring von Kanälen und Wasserstraßen stand mit dem Fluss Reie in Verbindung. Der innere Ring bestand aus dem ehemaligen Wallgraben rings um die erste Stadtmauer, der zweite, äußere, ein Doppelgraben, umgab die neuen Mauern des späten 13. Jahrhunderts. Die inneren Kanäle schufen daher an vielen Stellen in der Stadt Umschlagmöglichkeiten für den Wassertransport, sie waren fast durchgängig von Kais gesäumt. Der äußere Ring diente als Reservoir für das in der Stadt benötigte Wasser. Sein Wasserspiegel lag etwa einen Meter höher als das innere Wassernetz. Dadurch konnten Kanäle vom äußeren zum inneren Ring durch das Gefälle Wassermühlen antreiben und die notwendige Wasserversorgung mit frischem Wasser für Färber und Walker sicherstellen. Ein Leitungssystem, das zahlreiche Brunnen in der Stadt versorgte, wurde durch eine Wasserkunst (Waterhuis) gespeist: Von Pferden getrieben wurde durch eine Eimerkette Wasser aus dem äußeren Ring auf das Dach des Waterhuis geschöpft, von wo es in das städtische Netz eingespeist wurde und zahlreiche Brunnen in der [<<57] Stadt mit Wasser versorgte. Dieses Leitungssystem, entstanden Ende des 13. Jahrhunderts, war der Stolz Brügges.35

International gesehen war Brügge als zentraler Knotenpunkt des Handels in Nordeuropa und zugleich als Vermittler zwischen Mittel- und Südeuropa im 14. Jahrhundert auf dem Höhepunkt seiner Macht und seiner wirtschaftlichen Entwicklung; allerdings konnte die Stadt nie eine Autonomie wie die italienischen Kommunen erreichen. Im 15. Jahrhundert sank jedoch Brügges Stern: Zwar war die Stadt außerordentlich glanzvoll, feierte großartige Turniere und Prozessionen, aber das wirtschaftliche Fundament war zunehmend ausgehöhlt. Dies lag zum einen daran, dass die alteingesessene Oberschicht an Kaufleuten sich allmählich aus dem aktiven Handelsgeschäft zu einem Rentierdasein zurückgezogen hatte. Der Brügger Handel wurde nun vielmehr von Ausländern, vor allem von Italienern übernommen. Der zweite Faktor für den Niedergang Brügges war eine Umweltveränderung: der Meeresarm Zwin, durch Sturmfluten im 12. Jahrhundert schiffbar geworden, verlandete zunehmend und Seeschiffe konnten so den Vorhafen von Brügge, Sluis, nicht mehr erreichen. Ein dritter Faktor war der Entzug der kaiserlichen Unterstützung Ende des 15. Jahrhunderts, nachdem der spätere Kaiser Maximilian von den Brügger Bürgern längere Zeit in Haft gehalten worden war (vgl. Kap. 6.5, S. 141 zu Antwerpen).

3.2.2 Modelle zur Erklärung des europäischen Städtesystems

Wie lässt sich die empirisch beobachtete Struktur des europäischen Städtesystems nun auf einer Modell-Ebene fassen? Ein bis heute wichtiger Ansatz zur Systematisierung der Verteilung von Städten und Orten unterschiedlicher Größe im Raum ist die Theorie der zentralen Orte, formuliert vom Geografen Walter Christaller.36 Christaller untersuchte um 1930 die Stadtstruktur Süddeutschlands in ihrer historischen Genese und identifizierte dabei ein hierarchisch gestuftes System zentraler Orte, wobei sich die Hierarchiestufe der jeweiligen Siedlung daraus ergab, welche Güter und Dienstleistungen jeweils angeboten wurden. Christaller ging davon aus, dass Güter und Dienstleistungen unterschiedliche Reichweiten haben: Je seltener ein Produkt nachgefragt wird, umso größer muss das Absatzgebiet sein, damit das Angebot wirtschaftlich erbracht [<<58] werden kann. Während die Produkte der Bäcker täglich und fast von jedermann nachgefragt werden, ist die Nachfrage nach Schmuck sehr viel geringer; Juweliere benötigen daher ein deutlich größeres Einzugsgebiet als Bäcker, sie werden meist nur in größeren Siedlungen anzutreffen sein.


Abb 5 Modell der zentralen Orte nach Christaller [<<59]

Um zufällige Einflüsse auszuschließen, ging Christaller von einem homogenen Raum und entsprechend proportional variablen Transportkosten aus; die Modellannahmen wurden aus der klassischen Ökonomie übernommen (homo oeconomicus, vollkommene Konkurrenz, vollständige Information). Aufgrund dieser Vorannahmen entwickelte Christaller in seinem Modell eine Theorie über die Einzugsbereiche zentraler Orte. Die optimale Versorgung aller Punkte wäre demnach in einem mehrfach geschachtelten Hexagonal-Schema gewährleistet: Christaller identifizierte sechs verschiedene Hierarchieebenen zentraler Orte mit unterschiedlichen Gütern und Reichweiten, die jeweils aufgrund der oberen Grenze der Reichweite in unterschiedlicher Entfernung angeordnet sein müssen.

Der Hauptort der höchsten Stufe A hat in unmittelbarer Nachbarschaft, weil er sämtliche Güter und Dienstleistungen anbietet, nur Orte der niedrigsten Hierarchiestufe F in einer Entfernung von 7 km. Auf einem nächsten Ring, etwa 12 km entfernt, folgen Orte der zweitniedersten Stufe E usw. Je weiter ein Ort vom ‚zentralen Ort‘ (‚A‘) entfernt ist, umso breiter ist das in ihm vorhandene Angebot an Waren und Dienstleistungen, umso höher seine Zentralitätsstufe. Das Zentrale-Orte-Modell war von großer Bedeutung für die Hierarchisierung von Städten in der Raumordnung und Regionalplanung; noch heute stützt sich das Klassifizierungsmodell von Ober-, Mittel- und Unterzentren und die damit verbundene Zuordnung bestimmter Funktionen zu einzelnen Orten auf die Theorie der zentralen Orte von Christaller.37

Im Hinblick auf die historische Herausbildung eines räumlich hierarchisch organisierten Städtesystems geht das Modell im Prinzip davon aus, dass im Rahmen einer zunehmend dichter besiedelten und intensiver kultivierten Landschaft Überschüsse der agrarischen Produktion entstehen. Diese Überschüsse suchen nach Absatz auf Märkten und daraus bildet sich im Wege der Arbeitsteilung und der Notwendigkeit unterschiedlicher Absatzgebiete eine Hierarchie von Städten heraus. Ein solches Modell kann die Entstehung von Markt- und Amtsstädten in einem primär agrarischen Kontext gut erklären, versagt aber im Hinblick auf die weiter oben aufgezeigte bipolare Struktur und Cluster-Bildungen im europäischen Städtesystem. Nach Christaller dürfte es solche räumliche Konzentrationen großer Städte eigentlich nicht geben.

Kritik an Christallers Konzept macht sich einmal an seinen Modellprämissen fest: ‚Nutzen‘ lag für den mittelalterlichen Menschen nicht nur in Geld oder der Ersparnis [<<60] von Zeit und Arbeitskraft, sondern konnte durchaus auch im Besuch heiliger und besonders bedeutsamer Orte liegen. Christallers Konzept beachtet zweitens die Pluralität von Gründungsmotiven von Städten nicht hinreichend. Städte wurden auch aus politisch-militärischen Interessen, etwa zur Sicherung strategisch wichtiger Punkte gegründet; Untertanen wurden durch die Monopolisierung bestimmter wichtiger Dienstleistungen (z. B. Gerichte) an bestimmten Orten genötigt, diese aufzusuchen. Dritter Kritikpunkt ist die Annahme räumlicher Homogenität: Tatsächlich hat die Topografie deutlich verzerrende Wirkung; an einem Bergpass, wo ein Ausweichen auf andere Routen kaum möglich ist, liegen Siedlungen, auch wegen der schwierigeren Wegverhältnisse und niedrigeren Reisegeschwindigkeiten zwangsläufig dichter beisammen als auf einer wenig Hindernisse bietenden Ebene. Die Lage an einem Meereshafen eröffnet potenziell ein sehr viel größeres Versorgungshinterland als ein Standort im Binnenland. Schließlich vernachlässigt das Modell auch den Aspekt, dass Besorgungen in der Regel gekoppelt wurden – auch eine Art der Nutzenmaximierung, sodass Angebote einer zentraleren Hierarchiestufe dann genutzt wurden, wenn aus anderen Gründen dieser Ort ohnehin aufgesucht werden musste.38

Dennoch behält die Theorie der zentralen Orte von Christaller in vielen Fällen beachtliche Erklärungskraft; Paul Hohenberg und Lynn Lees schlagen daher vor, diese Theorie komplementär mit der Netzwerk-Theorie zu verwenden.39 Die Netzwerk-Theorie geht davon aus, dass dem Fernhandel auch über den tiefen Einschnitt des Frühmittelalters eine recht erhebliche Bedeutung zukommt. Städte werden hier nicht als inselartige, allein auf ihr Umland bezogene Sammel- und Verteilerorte verstanden, sondern vielmehr als Glieder in einer großräumlichen, zunehmend ganz Europa übergreifenden Kette von Handels- und Transportbeziehungen, die auch aus den Handelszentren des Nahen Osten gespeist wurden. Diese Glieder sind aber bis zu einem gewissen Grad flexibel und austauschbar; je nach lokaler Lage sucht sich der Handel neue Wege, umgeht Kriegs- und Katastrophengebiete, wertet neue Städte auf und lässt alte Emporien absinken. Dies zeigte sich etwa im Wechsel von der bis ins 11. Jahrhundert für den Handel zwischen Oberitalien und Nordeuropa präferierten Rheinschiene auf die Route durch Frankreich und die Messen der Champagne, von wo aus sich der Handel angesichts der massiven Störung durch den Hundertjährigen Krieg im 14. Jahrhundert wieder stärker nach Deutschland verlagerte.40 Der [<<61] Fernhandel entfaltete somit über als gateway fungierende Städte eine die Zuordnung von Städten zueinander und die Herausbildung eines bipolaren, funktional integrierten Städtesystems insgesamt bestimmende Kraft. Diese Grundstruktur behielt über viele Jahrhunderte, obwohl die Funktion vorrangiger gateway-Städte wechseln konnte, eine bemerkenswerte Kraft. Als prototypische gateway-Stadt für das Mittelalter bieten Hohenberg und Lees Venedig an.

Venedig- die gateway-Stadt

Die Lagunenstadt entwickelte sich von bescheidenen Anfängen seit dem 6. Jh. auf einer Reihe von Inseln vor allem zur Vermittlerin zwischen dem italienischen Festland und dem Oströmischen Reich. Der Raub der angeblichen Reliquien des Heiligen Markus aus Alexandria im frühen 9. Jahrhundert und der Bau einer Kirche zur Verehrung des Heiligen, des Markusdoms, brachten Venedig eine hohe religiöse Attraktivität und eine große Zahl von Pilgern, die die Reliquien des Heiligen Markus verehren wollten. Wirtschaftlich etablierte sich Venedig schon von frühester Zeit an als Handelsstadt, denn angesichts der prekären Lage auf den Inseln, gab es keinerlei Land für den Anbau von Getreide und anderen Lebensmitteln in nächster Nähe. Anbieten konnte man Fische, die in der Lagune reichlich zu fangen waren, sowie Salz, das man in flachen Becken planmäßig aus dem Meerwasser gewann. Die Handelsinteressen Venedigs, die sich rasch bis in das östliche Mittelmeer ausdehnten, wurden durch eine schlagkräftige Kriegsflotte nachdrücklich unterstützt; Venedig, das formell unter der Hoheit von Byzanz stand, erhielt 1082 vom byzantinischen Kaiser Alexios I. Komnenos das Privileg, im ganzen Herrschaftsbereich Ostroms zollfrei Handel treiben zu dürfen. Damit wurde Venedig zur wichtigsten Drehscheibe zwischen Okzident und Orient; Haupthandelsgüter waren neben Fisch und Salz auch Getreide und Holz, Luxuswaren aus dem Orient und Sklaven. Seit dem 11. Jahrhundert baute Venedig ein meerbasiertes Empire von Stützpunkten und befestigten Häfen im östlichen Mittelmeer auf, das zur Absicherung der Handelsrouten diente, nicht – etwa im Unterschied zu den Bestrebungen zahlreicher norditalienischer Städte im Hinblick auf ihr Territorium, – zum Aufbau einer Festlandsmacht. Dieser vor allem maritim bestimmte Herrschaftsbereich wurde stato da mar genannt und in einer Zeremonie jährlich beschworen, in der sich der jeweilige Doge, der aus der Führungsgruppe der Stadt gewählte oberste Repräsentant Venedigs, symbolisch mit dem Meer vermählte.41 [<<62]

Innerhalb der Raumstruktur der Stadt selbst war alles auf die gateway-Funktion und ihre politische Absicherung ausgerichtet, etwa im Canale Grande, der so groß angelegt war, dass Schiffe von 200 Tonnen ihn durchfahren konnten, oder an der Rialto-Brücke, dem kommerziellen Zentrum. Konstitutiv für die Funktionsweise von Venedig als gateway-Stadt war die im Stadtplan ablesbare enge Verbindung von Stadtregierung, Handel und Schifffahrt.42 Der Staat Venedig selbst war Eigentümer der Galeeren der Handels- und Kriegsflotte, regulierte den Schiffsbau, ihre Ausstattung und Fracht, plante die Seereisen. Die Bürger von Venedig mussten Militärdienst als Ruderer leisten. Auch der Handel war hochgradig reguliert, um Konflikte innerhalb des Adels zu vermeiden. Zahlreiche Regeln zur Funktionsweise des Regierungssystems beschränkten die Macht der Dogen und sicherten eine breite Beteiligung der Elite-Familien an der Machtausübung.43 Mithilfe seiner überlegenen Flotte und der Kooperation seiner Kaufleute baute Venedig ein weitreichendes Handelssystem auf, das der Stadt über viele Jahrhunderte Prosperität und Dominanz sicherte. Venezianische Kaufleute übernahmen insbesondere in den östlichen Mittelmeerhäfen Konstantinopel, Jiddah, Alexandria und Acre (Stadt im Norden des heutigen Staates Israel) orientalische Waren (Gewürze, Seide, wertvolle Waffen etc.), die über Karawanen orientalischer Händler aus Indien, Persien und China ans Mittelmeer geschafft worden waren. Im Austausch lieferte Venedig an den Orient Wolle und Wolltuche, Metall, Rohmaterialien wie Teer und Pech, somit Güter, die aus Nordeuropa über die Champagne-Messen nach Venedig gelangt waren. Zur Sicherung der Nahrungsmittelversorgung eroberte Venedig die Kontrolle über das nah gelegene Festland, die terra ferma, etablierte auf dem Festland aber keine weit ausgreifende Territorialmacht.44

Die Autoren Hohenberg/Lees beschreiben nun ihr entwickeltes „Netzwerksystem“ wie folgt: „At the heart of the system is an ‚internationale of cities‘, each determinedly autonomous and more concerned with the world at large than with its own backyard. A single city’s culture, like its population and trade, is apt to be cosmopolitan and varied.”45 Die Autoren schlagen vor, das zentralörtliche Modell und das Netzwerk- [<<64] Modell für die historische Erklärung der Herausbildung spezifischer Städtesysteme anzuwenden: Je nach Periode und geografischer Lage habe das eine oder andere Modell größere Erklärungskraft. Das zentralörtliche Modell betont stärker die Bedeutung der Landwirtschaft und der regionalen Gesellschaft als Basis für eine von unten her sich vollziehende Herausbildung eines regionalen, hierarchisch gegliederten Städtesystems. Das Netzwerk-Modell unterstreicht im Kontrast dazu stärker die Stimuli, die vom Fernhandel über eine Stärkung städtischer Kaufkraft und Nachfrage zur Belebung und Intensivierung der regionalen Landwirtschaft ausgingen, reflektiert die Einbettung von Städten und Regionen in europäische Handelssysteme. Allerdings waren Städte höchst selten nur „zentrale Orte“ oder nur gateways. Auch in gateway cities gab es immer ein Element zentralörtlicher Funktion für das Umland. Umgekehrt bildeten auch die meisten herausgehobenen zentralen Orte jenseits ihrer Zentralfunktion für eine mehr oder weniger klar definierte Region zugleich auch ein Glied in einer Handelskette und wirkten als Teil eines ortsübergreifenden Netzwerkes.46 [<<64]

1 Carlo M. Cipolla: Before the Industrial Revolution. European Society and Economy, 1000–1700, London 32005, S. 2–3.

2 Vgl. Hans-Werner Goetz: Leben im Mittelalter: vom 7. bis zum 13. Jahrhundert, München 5. Auflage 1994, S. 20–21; Gerrit Deutschländer: Bevölkerungsentwicklung im Mittelalter, in: Matthias Meinhardt (Hrsg.): Mittelalter, München 2009, S. 17; Peter Clark: European Cities and Towns, 400–2000, Oxford 2009, S. 32; Michael North: Europa expandiert. 1200–1500, Stuttgart 2007, S. 18–22.

3 Vgl. Ian C. Simmons: An Environmental History of Great Britain, Edinburgh 2001, S. 70; Rüdiger Glaser: Klimageschichte Mitteleuropas. 1200 Jahre Wetter, Klima, Katastrophen, Darmstadt 2. Erweiterte Auflage 2008, S. 59–60.

4 Vgl. James, A. Galloway: Driven by Drink? Ale Consumption and the Agrarian Economy of the London Region, c. 1300–1400, in: Martha Carlin/Joel T. Rosenthal (Hrsg.): Food and Eating in Medieval Europe, Cambridge 1998, S. 88; Werner Rösener: Bauern im Mittelalter, München 4. Auflage 1991, S. 112.

5 Vgl. Henning, Vorindustrielles Deutschland, S. 53–54.

6 Vgl. Max Weber: Die Stadt. in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik 47 (1921), S. 621–772. Aus der umfangreichen Sekundärliteratur dazu vgl. Hinnerk Bruhns/Wilfried Nippel (Hrsg.): Max Weber und die Stadt im Kulturvergleich, Göttingen 2000; Otto Gerhard Oexle: Max Weber und die okzidentale Stadt, in: Erich Schmidt (Hrsg.): Stadt – Gemeinde – Genossenschaft: Festschrift für Gerhard Dilcher zum 70. Geburtstag, Berlin 2003, S. 375–388; Christian Meier (Hrsg.): Die okzidentale Stadt nach Max Weber: zum Problem der Zugehörigkeit in Antike und Mittelalter, München 1994 [=Historische Zeitschrift, Beiheft 17].

7 Vgl. Hans-Werner Goetz: Kirchenreform und Investiturstreit: 910–1122, Stuttgart (2. Aufl.) 2008, bes. S. 67–118.

8 Vgl. Schmieder, Stadt, S. 57.

9 Bernd Schneidmüller: Die Staufer und Italien – oder: drei europäische Innovationsregionen. Ein Schlusswort, in: Ders./Stefan Weinfurter/Alfried Wieczorek (Hrsg.): Verwandlungen des Stauferreichs. Drei Innovationsregionen im mittelalterlichen Europa, Darmstadt 2010, S. 478–486, hier S. 481; vgl. auch Schmieder, Stadt, S. 60.

10 Vgl. Goetz, Kirchenreform, S. 119–184.

11 Vgl. Schmieder, Stadt, S. 47 u. 75.

12 Lamperti monachi Hersfeldensis Opera. Ed. Oswald Holder-Egger, Hannover 1894 (MGS Scriptores rerum Germanicarum in us. Schol. Editum. 38), S. 169, zit. nach Schmieder, Stadt, S. 69–70.

13 Vgl. Schmieder, Stadt, S. 70–71.

14 Schmieder, Stadt, 77 u. 78.

15 Franz Irsigler: Über Stadtentwicklung. Beobachtungen am Beispiel von Andres, in: Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters 11 (1983), S. 7–19, hier S. 9.

16 Vgl. Schneidmüller, Staufer, S. 481–482.

17 Bischof Otto von Freising und Rahewin: Die Taten Friedrichs, S. 308 f, zit. nach Schulz, Urbanisierung Mitteleuropas, S. 158.

18 Schulz, Urbanisierung Mitteleuropas, S. 163.

19 Hirschmann, Stadt, S. 11.

20 Vgl. Hirschmann, Stadt, S. 32–35.

21 Heinz Stoob: Stadtformen und städtisches Leben im späten Mittelalter, in: Ders. (Hrsg.): Die Stadt. Gestalt und Wandel bis zum industriellen Zeitalter, Köln [u. a.] 1985, S. 151–190, hier S. 151.

22 Vgl. Untermann, Matthias: Archäologie in der Stadt. Zum Dialog der Mittelalterarchäologie mit der südwestdeutschen Stadtgeschichtsforschung. In: Bernhard Kirchgässner/Hans-Peter Becht (Hrsg.): Stadt und Archäologie. Stuttgart 2000, S. 9–44, hier S. 28–32; vgl. auch Hans Schadek/Matthias Untermann: Gründung und Ausbau. Freiburg unter den Herzogen von Zähringen, in: Heiko Haumann/Ders. (Hrsg.): Geschichte der Stadt Freiburg im Breisgau, Bd. 1, Stuttgart 1996, S. 57–119, hier S. 59–62.

23 Rekonstruiertes Freiburger Recht von 1120, zit. nach Schmieder, Stadt, S. 84 f.

24 Vgl. Schmieder, Stadt, S. 84.

25 Vgl. Schmieder, Stadt, S. 85–86; Jan Gerchow/Hans Schadek: Stadtherr und Kommune. Die Stadt unter den Grafen von Freiburg, in: Heiko Haumann/Ders. (Hrsg.): Geschichte der Stadt Freiburg im Breisgau, Bd. 1, Stuttgart 1996, S. 133–205.

26 Vgl. Hirschmann, Stadt, S. 12–14; Boockmann, Stadt, S. 29.

27 Vgl. Rodekamp, Leipzig, S. 54.

28 Vgl. Volker Rodekamp (Hrsg.): Leipzig original. Bd. 1: Stadtgeschichte vom Mittelalter bis zur Völkerschlacht, Altenburg 2006, S. 50–63; Otto Künnemann/Martina Güldemann: Geschichte der Stadt Leipzig, Gudensberg-Gleichen 2. Aufl. 2004, S. 5–21.

29 Vgl. Künnemann/Güldemann, Leipzig, S.16–17.

30 Vgl. Clark, European Cities, S. 34.

31 Vgl. Paul Hohenberg/Lynn H. Lees: The Making of Urban Europe. 1000–1994, Cambridge, MA./London (2. rev. Auflage) 1995, Ch. 2 „Systems of early cities“, S. 47–73.

32 Vgl. Herbert Hassinger: Zur Verkehrsgeschichte der Alpenpässe in der vorindustriellen Zeit, in: VSWG 66 (1979), S. 441–465, hier S. 444–447.

33 Vgl. Nicholas, Urban Europe, S. 13; North, Europa, S. 63; Clark, European Cities, S. 48.

34 Vgl. zu Brügge Girouard, Stadt, S. 85–100; Wim Blockmans: Brügge als europäisches Handelszentrum, in: Valentin Vermeersch (Hrsg.): Brügge und Europa, Antwerpen 1992, S. 41–56; Marc Ryckaert: Brügge als europäischer Hafen, in: Vermeersch, Valentin (Hrsg.): Brügge und Europa, Antwerpen 1992, S. 27–40.

35 Zum Wassersystem Brügges vgl. Girouard, Stadt, S. 90–91; Hubert de Witte: Some Notes on the Infrastructure of Brugge, with the Emphasis on the Water Supply, in: Manfred Gläser (Hrsg.): Lübecker Kolloquium zur Stadtarchäologie im Hanseraum, Bd. IV: Die Infrastruktur, Lübeck 2004, S. 107–115.

36 Vgl. Walter Christaller: Die zentralen Orte in Süddeutschland, Jena 1933.

37 Vgl. Zur aktuellen Bedeutung des Modells Jürgen Holtzan: dtv-Atlas zur Stadt. Von den ersten Gründungen bis zur modernen Stadtplanung, München 1994, S. 58–59; Kersten Krüger: Kreis und Sechseck – die Modelle räumlicher Ordnung von Johann Heinrich von Thünen und Walther Christaller im Vergleich, in: Das Thünensche Erbe im Spannungsfeld zwischen Globalisierung und Regionalisierung, Tellow 2008, S.77–89; Heineberg, Stadtgeographie, S. 90.

38 Vgl. zur Kritik an Christallers Modell Hohenberg/Lees, Making, S. 58–59.

39 Vgl. Hohenberg/Lees, Making, S. 59–73.

40 Vgl. Hohenberg/Lees, Making, S. 64; Clark, European Cities, S. 47–48.

41 Vgl. Arne Karsten: Geschichte Venedigs, München 2012, bes. S. 28–29; Hohenberg/Lees, Making, S. 66–69; Girouard, Stadt, S. 100–112.

42 Vgl. Hohenberg/Lees, Making, S. 67; Karsten, Geschichte, S. 38–42.

43 Vgl. Hohenberg/Lees, Making, S. 67–69; Girouard, Stadt, S. 101.

44 Vgl. Karsten, Geschichte, S. 40–45.

45 Hohenberg/Lees, Making, S. 70.: „Das Herz des Systems bildete eine ‚Internationale von Städten‘, die jeweils nachdrücklich autonom und mehr mit der großen weiten Welt als mit dem eigenen ‚Hinterhof‘ befasst waren. Die Kultur einer einzelnen solchen Stadt neigt, ebenso wie ihre Bevölkerung und ihre Handelsstruktur dazu, kosmopolitan und vielschichtig zu sein.“ (Übersetzung D. S.)

46 Vgl. Hohenberg/Lees, Making, S. 69–73.

4 Stadt-Umland-Hinterland: Die Versorgungskreise der mittelalterlichen Stadt
4.1 Das Umland ernährt die Stadt, aber wo ist das Umland?

Wachstum und Bestand einer mittelalterlichen Stadt standen in unmittelbarem Zusammenhang mit den Möglichkeiten, den Aufwand an Transportenergie für die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Rohstoffen zu minimieren und die Nutzung der vorhandenen Energiequellen zu optimieren.1

Mit dieser thesenhaften Zuspitzung bringt Franz Irsigler die Bedeutung gesicherter Nahrungs- und Rohstoffversorgung aus dem Umland einer Stadt sowie die dafür zentrale Rolle des Transports auf den Punkt. Das Umland einer Stadt war von entscheidender Bedeutung für die Fähigkeit einer Stadt, sich mit den für den gesellschaftlichen Stoffwechsel entscheidenden inputs zu versorgen, also insbesondere mit Nahrungsmitteln, Wasser und Energie. Im Folgenden soll nun zunächst die bis heute wichtige Standorttheorie landwirtschaftlicher Produktion von Johann Heinrich von Thünen vorgestellt und daran anschließend an einigen prägnanten Beispielen aufgezeigt werden, wie sich das reale Versorgungs-Umland im Hinblick auf die idealtypischen Modellvorstellungen ausprägte.

In seiner Schrift „Der isolierte Staat in Beziehung auf Landwirtschaft und Nationalökonomie“, veröffentlicht 1826, entwickelte der preußische Ökonom Johann Heinrich von Thünen eine Standorttheorie landwirtschaftlicher Produktion: Seine Frage war, an welchen Standorten, in welcher Entfernung von einem großen (städtischen) Markt sich der Anbau welcher Produkte am meisten lohnte. [<<65]


Abb 6a und b Die Thünenschen Ringe Schema A stellt das Idealmodell dar, ohne jede landschaftliche Variation, Schema B ist eine Adaption an eine Landschaft mit einem schiffbaren Fluss

Thünen legte als Modellannahme A eine homogene und flache Landschaft mit Böden gleicher Güte zugrunde. Es gebe weder topografische Hindernisse wie Gebirge noch Gunstfaktoren, die Transport nennenswert verbilligten wie Flüsse. Unter diesen Rahmenbedingungen, wo allein die Transportkosten als mit der Entfernung variabler Faktor eine Rolle spielen, kam Thünen zu der Annahme, dass sich um eine Stadt ringförmige Zonen je spezifischer landwirtschaftlicher Produktionen entwickeln. Die Nutzung der einzelnen Zonen hängt vor allem davon ab, wie verderblich das entsprechende Gut ist und wie viel Transport es im Hinblick auf Verderblichkeit und Wert verträgt. In der Tendenz nehme die Intensität der Bodennutzung, d. h. der Einsatz von Arbeit und Kapital pro Flächeneinheit, nach außen kontinuierlich ab. Nach Thünen ist eine Stadt (Stern innerhalb des Kreises “freie Wirtschaft“) zunächst mit einem Gürtel von Gärtnern umgeben, die den städtischen Markt mit frischem Obst und Gemüse, [<<66] mit Heu, Kartoffeln und Rüben versorgen. Teil der “freien Wirtschaft“ ist auch eine Zone der Milchwirtschaft, die Milch und Butter, also ebenfalls rasch verderbliche Güter produziert. Darauf folgt eine forstwirtschaftliche Zone, die – wegen der hohen Transportkosten – vor allem auf die Belieferung der Stadt mit Brennholz ausgerichtet ist. Die folgende Zone („Landwirtschaft:Fruchtwechselwirtschaft“) ist besonders der Getreideproduktion im Rahmen einer Fruchtwechselwirtschaft gewidmet, in der darauf folgenden Zone („Koppelwirtschaft“) wird verbesserte Dreifelderwirtschaft praktiziert, weiter entfernt von der Stadt herrscht extensive Dreifelderwirtschaft vor. Noch weiter von der Stadt entfernt findet man Zonen für Weidewirtschaft und für Bauholzproduktion. Beide Nutzungsformen vertragen eine größere Entfernung vom Konsumzentrum, weil die Masttiere selbst zur Stadt getrieben werden, oder – bei Schafen – ihre Wolle örtlich gewonnen und zur Stadt gebracht wird. Höherwertiges Bauholz verträgt wegen des höheren auf dem städtischen Markt erzielbaren Preises längeren Transport. Die wesentliche Variable ist eine von innen nach außen abnehmende Intensität der Bodennutzung: Pro Flächeneinheit wird auf marktnahen Flächen erheblich mehr Arbeit, aber auch Kapital eingesetzt und dadurch auch erheblich höhere Erlöse erzielt.

Wie Schema II zeigt, sind die geografischen Bedingungen von Schema I tatsächlich kaum gegeben; Berge und Hügel erschweren, Flüsse, die zum Markt führen, erleichtern Transport in sehr erheblicher Weise. In Schema II zeigen sich die Zonen daher nicht ringförmig um die Stadt, sondern bandförmig auf beiden Ufern des Flusses, der die Zugänglichkeit zum städtischen Markt wesentlich verbessert. Zudem ist die Bodenfruchtbarkeit wie auch die Bebaubarkeit von Böden keineswegs gleichförmig und homogen, sondern variiert zwischen guten und schlechten Böden. Von daher weist das reale Versorgungsumland von Städten erhebliche Abweichungen vom Thünenschen Modell der konzentrischen Ringe auf. Dennoch zeigt sich in vielen Fällen, dass die Versorgungszonen zwar nicht in idealtypischer Ringform vorliegen, aber die reale Abfolge der verschiedenen Nutzungsformen mit wachsender Entfernung vom städtischen Marktzentrum durchaus prinzipiell dem Thünenschen Modell entspricht. Daher spielt das Thünensche Modell als heuristische Grundannahme in Forschungsarbeiten, die sich mit der räumlichen Struktur städtischer Versorgung befassen, nach wie vor eine wichtige Rolle.2 [<<67]

4.2 Die mittelalterliche Stadt und der Wald

Der Wald stellte nach Aussage des Mediävisten Ernst Schubert die „wirtschaftliche Grundlage der spätmittelalterlichen Stadt“ dar.3 In einer Quelle zu zwei Wäldern der südwestdeutschen Stadt Pfullendorf wird um 1220 betont, „sine quibus civitas stare non potest“, die Stadt könne ohne sie nicht bestehen.4 Für die Menschen des Mittelalters und auch noch der frühen Neuzeit bildete der Wald eine multidimensionale Ressource, Wolfgang Piereth spricht vom Wald als der „nahezu alternativlosen Universalressource“.5 Auf materieller Ebene standen zunächst einmal die Nutzungen zur Holzversorgung und als “Nährwald“ im Zentrum. Holzversorgung bezog sich nicht nur auf Brennholz, das praktisch bis zur Erschließung und dem Abbau von Steinkohle die wichtigste Brennstoffressource für alle Vorgänge war, bei denen thermische Energie benötigt wurde.6 Holz bildete auch das Baumaterial für die allermeisten Gebäude der Stadt, sowie den Werkstoff, aus dem Werkzeuge, Wagen, Fässer, Möbel, Gerätschaften aller Art gefertigt wurden. Wald war „sowohl Grundstofflieferant als auch wichtigster Energieträger.“7

„Nährwald“ bedeutet, dass den Einwohnern von Städten der fußläufig erreichbare Wald (in Thünens Modell die forstwirtschaftliche Zone in Stadtnähe) als zusätzliche Quelle für Nahrungsmittel diente. Man sammelte dort Beeren, Pilze und Kräuter, hielt Bienen im Wald für Honig, das einzige Süßungsmittel der mittelalterlichen Gesellschaft. Schließlich wurde im Wald Wild gejagt, wobei dies offiziell den Jagdberechtigten, meistens adligen Herren, vorbehalten war. Allerdings zeigen zahlreiche Strafordnungen gegen Jagdfrevel und Prozesse gegen Wilderer, dass illegales Jagen weit verbreitet war. Der Wald diente auch als Weide; Schweine wurden im Herbst in den Wald getrieben, um sich an [<<68] Eicheln zu mästen, in Freiburg i.Br. brachte die Eichelmast 15 % der Einnahmen aus dem Stadtwald. Auch anderes städtisches Vieh weidete regelmäßig im Wald, für Nürnberg wird von 3000–4000 Stück Vieh berichtet, die in den Reichswäldern weideten. Die Waldweide setzte allerdings voraus, dass der Wald überwiegend aus Laubbäumen bestand; ein Nadelholzwald bietet nur wenig Futter für Weidetiere.

Die mittelalterliche Stadt war eine hölzerne Stadt: Nur wenige herausgehobene Bauten, vor allem die Kirchen und Klöster, einige Zunfthäuser, und natürlich die Mauern waren aus Stein. Die allermeisten Wohnhäuser waren dagegen noch ganz oder überwiegend aus Holz, selbst die Dächer waren mit hölzernen Schindeln oder Stroh bzw. Reet gedeckt. Seit dem Spätmittelalter setzte sich auf Druck der Stadtbehörden wegen des Feuerschutzes langsam die Verwendung von gemauerten Kaminen, von feuerfesten, aber rund ein Drittel teureren Ziegeln für die Dächer durch. Holz wurde aber auch für Steinbauten in erheblichem Maße gebraucht, etwa für die Konstruktion von Dachstühlen, Böden, Treppen und für die Gerüste. Der Bau der Münchner Frauenkirche im späten 15. Jahrhundert erforderte 20.000 Baumstämme, die auf der Isar angeflößt werden mussten.

Die städtischen Gewerbe waren ebenfalls in hohem Maße waldabhängig. So verarbeiteten Wagner astfreies Eichenholz, die Drechsler fertigten Büchsen aus Buchsbaum, die Seiler stellten ihre Seile aus Baumrinde her, Tischler und Schreiner verarbeiteten alle Arten von Holz, je nach Verwendungszweck und Geschmack. Sehr viel Holz wurde für Schiffsbau in Hafenstädten, aber auch für Brückenbau in Binnenstädten gebraucht. Großen Holzbedarf hatten die Küfer oder Büttner, die Fässer herstellten, zumal auch die dazu notwendige Herstellung von Teer großen Brennholzverbrauch verursachte. Fässer dienten der mittelalterlichen Wirtschaft als universales Transportmittel, das für Waren aller Art eingesetzt wurde, die geschützt über längere Strecken transportiert werden sollten, sie waren die „Container“ des Mittelalters. Aber auch Handwerker wie Schuster oder Gerber lebten vom Wald; Schuster stellten Leisten und Zwecken (= Nägel) aus Holz her, Gerber verarbeiteten die Baumrinde von Eichen, um die nötige Lohe für den Gerbprozess von Leder zu gewinnen.8

4.2.1 Die Veränderung des Waldes im Zuge des Landesausbaus

Die langfristige Expansion der mittelalterlichen Gesellschaft nach 1000 hatte durch Rodungen im Zuge des Landesausbaus die zusammenhängenden großen Waldgebiete des Frühmittelalters zu Fleckenteppichen gemacht. Seit dem frühen 11. Jahrhundert [<<69] waren auf dem Gebiet des späteren Deutschlands 10 Millionen Hektar Wald verloren gegangen, nur noch ein Drittel der nutzbaren Bodenfläche war bewaldet. Zur Sicherung der Ernährung der bis ins 14. Jahrhundert wachsenden Bevölkerung war der Wald auch in Mittelgebirgslagen gerodet worden. Zunehmende Erosion auf Hanglagen und häufigere Überschwemmungen, weil das Wasserrückhaltepotenzial der Wälder nicht mehr so wirksam war, waren ökologische Folgen dieser Landschaftsveränderung.9 Bezeichnenderweise entstanden die Namen für die großen Waldgebiete der Mittelgebirge – Odenwald, Schwarzwald, Bayerischer Wald – erst im Zusammenhang der Binnenkolonisation des 12. Jahrhunderts; nur im Zuge der großen Rodungen wurden die Wälder als abgrenzbare Gebiete wahrnehmbar.10

Die intensive stadtnahe Waldnutzung hatte den Wald aufgelichtet und in seinem Charakter verändert. Bäume wurden nicht wie heute bodennah, sondern in 1,50–2,00 m Höhe gefällt. Diese belassenen Stöcke trieben wieder neue, natürlich weniger mächtige und im bodennahen Bereich gebogene Schösslinge aus, und diese Stöcke wurden in Zeiträumen von 10–20 Jahren erneut geschlagen. Der Wald erhielt durch diese Art der Bewirtschaftung eine andere Prägung, wurde erheblich lichter und auch deutlich niedriger, die Forstwissenschaft spricht von Plenter-, Nieder- oder Mittelwald. Diese Plenterwirtschaft veränderte auch die Häufigkeit der Baumarten: Buchen, auf vielen Standorten in Mitteleuropa eigentlich die von den natürlichen Bedingungen her dominante Baumart, vertrugen diesen häufigen Einschlag nicht; an ihrer Stelle entwickelten sich Hainbuchen, Birken und Haselbüsche. Weil wegen dieser Waldbewirtschaftung eine dichte und lückenlose Baumkrone häufig nicht vorhanden war, drang mehr Licht auf den Waldboden, was eine nennenswerte, die Waldweide ermöglichende Bodenvegetation förderte. Andererseits erschwerte die Weidenutzung durch Vieh die natürliche Regeneration des Waldes, weil die nachwachsenden Jungbäume durch Verbiss geschädigt wurden und so kaum mehr gerade und hochstämmige Bäume austreiben konnten. Dagegen half die Schweinemast im Wald der natürlichen Verjüngung, weil die Schweine beim Wühlen im Waldboden, die Eichelsamen tiefer ins Erdreich brachten und damit deren Keimung beförderten.11 [<<70]

Städte erhielten häufig im Rahmen von Gründungsprivilegien oder späteren Privilegierungen Nutzungsrechte an nahe gelegenen Waldungen, die dann in den Quellen als „Stadtwald“ oder „Ratswald“ bezeichnet wurden. Diese Privilegien umfassten meist nicht nur Holznutzungsrechte, sondern auch andere, auf den Wald bezogene Rechte wie Schweinemast, Beerenlese bis hin zur Nutzung von Bodenschätzen unter dem Waldboden. Diese Waldrechte waren teilweise „fester Bestandteil der Stadtrechte“.12

4.2.2 Anfänge einer Waldschutz-Politik

Im ausgehenden 13. und frühen 14. Jahrhundert, generell eine Periode sich zuspitzender Ressourcenknappheit, erkannten Zeitgenossen zunehmend die Gefahren einer Übernutzung von Wäldern. Insbesondere die Reichsstadt Nürnberg entwickelte im späten 13. Jahrhundert eine systematische Waldschutzpolitik: In der ältesten Waldordnung von 1294 wurden die Reichswälder vor den Toren Nürnbergs gegen Raubbau geschützt. Wenige Jahre später befahl Kaiser Heinrich VII. 1309 den Nürnbergern, den während der letzten 50 Jahre stark geschädigten Reichswald „wieder zu Wald zu machen.“13 Der Nürnberger Rat bemühte sich daraufhin, die Oberhoheit über die Reichswälder an sich zu ziehen und verfolgte eine Politik, die stark Holz verbrauchende Gewerbe wie Kohlenmeiler, Glas- und Schmelzhütten oder Hammerwerke aus den Reichswäldern verdrängte. Nürnberg, um 1400 eine Stadt mit 5600 Einwohnern, hatte zugleich durch das stark ausgeprägte Metallgewerbe einen besonders hohen Holzbedarf für den Betrieb der Schmieden und Schmelzen. Ab Mitte des 15. Jahrhunderts monopolisierte der Nürnberger Rat jedoch die Reichswälder im Wesentlichen für die Nutzung als Bau- und Brennstoff für lokalen Bedarf; die Saigerhüttenindustrie mit ihrem extrem hohen Holzkohlebedarf wurde systematisch aus den Reichswäldern an erznahe Standorte Mitteldeutschlands abgedrängt. Beispielhaft für einen planmäßigen Umgang mit der Ressource Wald wurde dann insbesondere die Nadelholzsaat, die vom prominenten Ratsherrn und Handelsherrn Peter Stromer (damals häufig auch “Stromeir“ geschrieben) [<<71] 1368 erstmals erfolgreich praktiziert wurde. In der Folgezeit wurde der ursprüngliche Laubholzwald der Reichswälder, in denen die Eichen die Hauptbaumart gestellt hatten, systematisch und langfristig in einen Nadelholzwald umgeformt, in dem Kiefern dominierten. Dieser tief greifende Landschafts- und Vegetationswandel war keinesfalls nur ein Resultat der mageren Böden, sondern resultierte aus ökonomischen Präferenzen: Kiefern und andere Nadelbäume wachsen deutlich schneller als Laubhölzer, schon nach einer Umtriebszeit von 60–80 Jahren kann hier „geerntet“ werden. Die Nürnberger Reichswälder stellen daher den ersten „Kulturwald“ im deutschsprachigen Raum dar im Sinne einer durch menschliche Planung erfolgten Aufforstung und Artenselektion.14 Auch der heute noch dominierende Besatz des Nordschwarzwalds mit Fichten ist nicht der Überlegenheit dieser Baumart für die bodenmäßigen und klimatischen Standortbedingungen geschuldet, sondern Resultat „anthropogener Waldzerstörungen“ seit dem Spätmittelalter.15 Insgesamt sind heute nur noch sehr wenige Wälder in Mitteleuropa Urwälder in dem Sinne, dass ihre aktuelle Artenzusammensetzung dem Zustand vor Beginn einer systematischen Waldwirtschaft entspricht. Veränderte sich – u. a. durch menschliche Steuerung – die Zusammensetzung von Baumarten, so konnte auch die Funktion des Waldes als Nährwald erheblich beeinträchtigt werden. So schränkte das Verschwinden der Weißtanne die Waldbienenzucht und damit die Honigproduktion an waldnahen Standorten erheblich ein.16 Die Nadelholz-Saat entwickelte sich zum Exportschlager: Bereits Ende des 14. Jahrhunderts wurde sie in großem Umfang für den Frankfurter Stadtwald angewandt, Nürnberg lieferte denn auch in der Folgezeit immer wieder Nadelholzsamen, häufig zusammen mit Fachleuten, nach Frankfurt wie auch in andere Städte.17

In Erfurt, ebenfalls eine im Spätmittelalter rasch wachsende Stadt, wird 1359 erstmals von einer Schlageinteilung im Stadtwald berichtet.18 Bestimmte Waldabschnitte, sogenannte Schläge, wurden zu festgelegten Zeiten zum Fällen freigegeben, gleichzeitig andere gesperrt, um eine Regeneration und Verjüngung des Waldes zu ermöglichen. Diese Praxis setzte sich dann mit der obrigkeitlichen Forstwissenschaft der frühen [<<72] Neuzeit allgemein durch. Ihre physische Manifestation, die Einteilung des Waldes in durch meist orthogonal angelegte Waldwege und physische Barrieren klar abgegrenzte Bezirke, bestimmt noch heute das Gesicht unserer Wälder.19

Insgesamt bewirkte die Angst vor einer drohenden Verknappung der Ressource Wald vielfältige Vorsorgemaßnahmen der Städte für die Wälder, deren Nutzung sie beeinflussen konnten. Generell hing die Regelungsdichte in Bezug auf den Stadtwald, wie Ernst Schubert konstatiert, von der Größe einer Stadt, ihrer Transportsituation und dem Grad ihrer Holzabhängigkeit ab. Nürnbergs Vorreiterrolle resultierte auch aus dem Umstand, dass die Stadt sich eben nicht auf dem Wasserweg preisgünstig mit den erforderlichen Holzmengen versorgen konnte; sparsame und langfristig angelegte Ressourcenbewirtschaftung wurde daher besonders wichtig. Waldpolitik zielte auf den Schutz bestimmter Waldteile und bedeutete häufig auch die Einschränkung der Allmend-Nutzungen des Waldes seitens der städtischen Einwohner, die traditionell im Stadtwald Holz lesen und auch Bau- und Werkholz in gewissem Rahmen entnehmen durften. Vom Rat eingesetzte Waldknechte beaufsichtigten und regulierten nunmehr die Waldnutzung der Städter.

Waldschutzpolitik konnte allerdings nur greifen, wenn überhaupt nennenswerte Waldbestände in der Nähe einer Stadt vorhanden waren. Für viele Städte traf dies nicht (mehr) zu, und von daher entwickelten sich seit dem Spätmittelalter zunehmend räumlich ausgreifende Handelsbeziehungen zwischen Waldgebieten und Holzbedarfsgebieten. London, mit rund 80.000 Einwohner um 1300 eine der größten europäischen Städte nördlich der Alpen, wurde mit Brennholz aus einem umfangreichen Einzugsgebiet längs der Themse und auf beiden Seiten der Themse-Mündung versorgt, rund 160 km von Henley am Oberlauf der Themse bis Foulness und Margate an der Themse-Mündung; diese Zone war aber nur rund 27 km tief auf beiden Seiten, weil der Landtransport sonst zu teuer geworden wäre.20 Die Fläche, die für die Sicherung von Londons Brennholzbedarf um 1300 erforderlich war, lag bei rund 29.000 ha, der „Holz-Fußabdruck“ umfasste also rund das Hundertfache der städtischen Gemarkungsfläche! In diesem Gebiet wurden Wälder speziell für die Brennholzbedürfnisse der Hauptstadt bewirtschaftet. Niedrige, schnell nachwachsende Laubbäume wurden in vergleichsweise kurzen Zyklen „geerntet“.21 Während London die Ausrichtung der Region auf [<<73] seine Holzbedürfnisse primär marktgesteuert erreichen konnte, bietet die Salzstadt Lüneburg ein Beispiel für eine dediziert politische Sicherung von Versorgungsgebieten: Nachdem die lokalen Waldbestände auf den Flächen, die jetzt die Lüneburger Heide bilden, abgeholzt waren, baute Lüneburg mit erheblichem Aufwand Floßkanäle, um Brennholz aus den mecklenburgischen Wäldern herbeizuschaffen. Trotzdem gelang es Lüneburg langfristig nicht, den Niedergang der Stadt aufzuhalten; das in Lüneburg raffinierte Salz war zu teuer, um die Konkurrenz mit anderen Salzstädten und deren günstigeren Produktionsbedingungen bestehen zu können.22 Aber auch in Fällen wie etwa Lübeck, das dank eines Barbarossa-Privilegs von 1188 durchaus substanzielle Wälder in der Nähe besaß, schloss der Rat im Sinne einer Diversifizierung und wohl auch zur Schonung der eigenen Bestände Verträge mit regionalen Adligen über befristete Waldnutzungen zur Gewinnung von Bauholz. Solche Verträge bezifferten die Zahl der Bäume, die innerhalb des Vertragszeitraums entnommen werden durften, meist ging es um hochstämmige Eichen. Lübeck nutzte auch seine verkehrsgünstige Lage und seine weit gespannten Handelsbeziehungen, um Bauholz aus dem Ostseeraum zu beziehen; Danzig fungierte hier als wichtiger Umschlagplatz.23

4.2.3 Die Substitution von lokalen Waldbeständen

In vielen Städten, die lokal zu wenig Wald hatten, aber an flößbaren Flüssen lagen, wurde die Flößerei systematisch weiter entwickelt.24 Flussnahe Areale wie etwa in München die spätere Kohleninsel an der Isar, heute Standort des Deutschen Museums, dienten als Floßlände und Holzlagerplatz, in städtischen Straßen- und Gewannnamen wie „Holzmarkt“, „Holzhof“ etc. sind solche früheren Nutzungen noch aufg [<<74] ehoben. Stadtferne Waldbestände, jenseits der intensiver für den Nahrungsbedarf eines Marktzentrums genutzten „Thünenschen Zonen“, wurden zunehmend durch Wege und Triftbäche erschlossen, um die Transportkosten so gering wie möglich zu halten. Bauholz, bei dem höhere Qualitätsanforderungen im Hinblick auf Festigkeit und Geradheit gestellt wurden, wurde häufig aus größeren Entfernungen, meist auf dem Wasserweg beschafft. Amsterdam, im Morast gelegen, wurde in der frühen Neuzeit zu erheblichen Teilen auf Pfählen errichtet, die im Schwarzwald geschlagen worden waren und auf dem Rhein in großen Floßverbünden nach Holland geflößt wurden.25 Köln, am Rhein als Arterie des Holztransports gelegen, versuchte im 15. Jahrhundert sein Stapelrecht, das Recht, die Stadt passierende Kaufleute zu zwingen, ihre Waren auf dem städtischen Markt drei Tage anzubieten, auch auf das rheinabwärts verschiffte Holz auszudehnen, um damit seine Holzversorgung zu verbessern. Große städtische Zentren in Meeresnähe, wie die Städte Flanderns, die kaum Wälder in ihrem Umland hatten, wurden schon im 13. Jahrhundert mit Brennholz aus der Grafschaft Kent in Südost-England, seit dem späten Mittelalter per Schiff mit (Bau-) Holz aus dem Ostseeraum, aus Norwegen etc. beliefert.26 Auch dies lässt sich als Beleg für die Netzwerk-Theorie, als Hinweis auf die Existenz weitreichender Handelsbeziehungen nicht nur für Luxuswaren, sondern auch für Massengüter wie Holz bereits um 1300 verstehen. Das Weichselgebiet wurde hinsichtlich der Holzversorgung zum Hinterland von Brügge und Gent, Danzig zur gateway city zur Erschließung der Ressourcen des polnischen Hinterlandes.27 Auch Hamburg entwickelte sich zum Holzhandelsplatz für elbabwärts geflößte Hölzer: Die Stadt versorgte nicht nur ihren eigenen Bedarf mit Holz aus den böhmischen Wäldern, sondern exportierte auch erhebliche Mengen, Holz war im 15. Jahrhundert nach Getreide und Bier das drittwichtigste Exportgut des Hamburger Hafens; das meiste Holz ging in die Niederlande.28

Holzversorgung war also ein zentrales Element städtischer Versorgungspolitik; sie motivierte den Erwerb von Wäldern im Umland der Städte, förderte, wo dies möglich war, das Engagement für eine städtische Territorialpolitik, wie sie uns besonders deutlich im Falle von Nürnberg und Ulm entgegentritt.29 Eine Alternative zur politischen [<<75] oder polizeilichen Sicherung der Versorgung war die Etablierung fester und langfristiger Handelsbeziehungen zu Holzlieferanten in größerer Entfernung. Dennoch waren große Städte wie Paris stets bestrebt, Wälder in unmittelbarer Nähe gewissermaßen als Reserve für den Fall der Unterbrechung weiträumiger Versorgungsbeziehungen kontrollieren zu können.

Die Substitution von Holz als Brennholz durch andere Brennstoffe fand in Kontinentaleuropa, im Unterschied zu England, kaum auf breiterer Front statt. Zwar hatte der Abbau von Steinkohlen bei Lüttich um 1200 begonnen, aber für die Grundversorgung spielte Steinkohle zunächst kaum eine Rolle. In den Niederlanden und in Norddeutschland wurde für massiv Holz verbrauchende Gewerbe, wie an einzelnen Orten die Salzsiederei, Torf verbrannt. Ende des 15. Jahrhunderts taucht in rheinischen Zollrechnungen auch bereits Kohle auf, die offenbar aus Gruben an der Saar und der Ruhr in die Niederlande transportiert wurde.30

4.3 Getreideversorgung

Das entscheidende Gut für die physische Reproduktion mittelalterlicher und auch noch frühneuzeitlicher Städte war die Versorgung mit Getreide. Der Anteil des Getreides am täglichen Kalorienbedarf der Menschen lag im Mittelalter bei 60–75 %, die in Form von Brot, Mus oder Bier konsumiert wurde. Pro Stadtbewohner war ein jährlicher Bedarf von 1,65 Quartern (1 Quarter = 290 l) an Getreide anzusetzen.31 Der räumliche Einzugsbereich, aus dem die Getreideversorgung stattfinden konnte, war durch transportwirtschaftliche Logiken begrenzt: Bei Entfernungen über 35–40 km über Land, 1–2 Tagesreisen, näherte sich der Futterbedarf der Zugtiere dem Kaloriengehalt des transportierten Getreides an, energetisch war der Landtransport über weitere Entfernungen also ein Nullsummenspiel oder gar ein Verlustgeschäft. Nur in Hungersnöten können wir weiträumigeren Landtransport von Getreide nachweisen, etwa von Thüringen nach Köln.32 [<<76]

Betrachten wir das Beispiel London etwas näher: Rund drei Viertel der Anbaufläche der zehn Grafschaften um London wurde für Getreideanbau genutzt. Die Nachfrage Londons beeinflusste die Wahl der angebauten Getreidearten tief greifend, gelegentlich sogar im Widerspruch zur spezifischen Eignung von Böden. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts hatte sich ein homogener Getreidemarkt in Südengland herausgebildet, der wesentlich durch den Bedarf Londons gesteuert wurde; auf diesem Markt bewegten sich die Preise in der Regel synchron und in die gleiche Richtung. Offenbar hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon ein einigermaßen effizientes Handelsnetzwerk etabliert; lokale Marktstädtchen dienten als Sammelpunkte für Getreide, das von dort weiter in die Hauptstadt verschickt wurde.33 Auch auf dem Kontinent repräsentierten „… [K]leinere Städte und Märkte […] wichtige Scharniere in einem größeren Handelsnetzwerk und trugen erheblich zur Senkung der Kosten des Handels und somit zu einer kommerziellen Verdichtung bei.“34 Der südenglische Getreidemarkt schloss auch Flandern, die Picardie, die Normandie und andere küstennahe Gebiete des Kontinents mit ein. Als Folge des Bevölkerungskollaps nach der Pest Mitte des 14. Jahrhunderts schrumpfte Londons Getreideversorgungsbereich erheblich.35

Für Flandern und die Niederlande, eine der im Spätmittelalter am stärksten urbanisierten Regionen Europas nördlich der Alpen, zeigt Richard Unger, dass angesichts der nach der Pest zunächst deutlich zurückgegangenen Bevölkerung die Getreideversorgung weitgehend aus der Region erfolgen konnte.36 Gleichwohl wurde die bereits vor 1350 in Ansätzen etablierte Fernversorgung mit Getreide nicht aufgegeben. Schon vor der Pest kamen substanzielle Getreidelieferungen aus der Altmark an der Elbe über [<<77] Hamburg in die flandrischen Städte.37 Als gegen Ende des 15. Jahrhunderts klassische Versorgungsregionen für Flandern und die Niederlande, etwa die Normandie, wegen wieder wachsender Bevölkerung nur geringere Überschüsse für die Bedarfsgebiete Flanderns zur Verfügung hatten, setzte in größerem Maße der Getreidefernhandel nach Flandern wieder ein: Bezugsquellen waren zum einen Süddeutschland im Einzugsbereich schiffbarer Flüsse, zum anderen Getreideanbaugebiete mit Wasseranschluss im Einzugsgebiet der Ostsee. Dass der flämische Getreidemarkt so weit reichte, zeigt ein nachweisbarer Gleichklang in der Fluktuation der Getreidepreise zwischen den großen Getreidemärkten in Frankfurt, Straßburg, Rostock und den südenglischen und den niederländischen Städten, wobei in den Niederlanden die Preisausschläge stets am höchsten waren. Unger interpretiert diese Preismuster als Anzeichen einer regen Spekulation mit Getreide in den niederländischen Städten, wobei die Spekulation auch vielfältige Maßnahmen der Städte zur Regulierung des Getreidehandels provozierte. Andererseits akzeptierten Stadtregierungen die Notwendigkeit hoher Getreidepreise, denn dadurch strömte auch in Mangeljahren ausreichend Nachschub in die Niederlande. Ein weiteres Motiv für Entwicklung eines Getreidefernhandels, obwohl die weitere Region die Versorgung hätte eigentlich sichern können, waren die Handelsinteressen: Flandern baute in erheblichem Umfang Handelsbeziehungen in die Ostsee hinein auf. Dort traten zunehmend an die Stelle der Hanse flandrische Schiffe, die Waren etwa aus dem Mittelmeerraum in die Ostsee brachten; diese benötigten auch eine Rückfracht, z. B. Getreide. Das „Getreidehinterland“ von Flandern und den Niederlanden war also im Spätmittelalter in der Masse immer noch einigermaßen regional begrenzt, aber die Konturen eines international integrierten Getreidemarkts zeichneten sich bereits im späten 15. Jahrhundert ab; im 17. Jahrhundert sollte der Getreideimport aus der Ostsee nicht nur für die Niederlande, sondern auch für Westeuropa, vorübergehend auch für Südeuropa in größerem Umfang dann sehr wichtig werden.38

Jenseits der hochgradig verstädterten Landschaften versorgten sich jedoch die meisten europäischen Städte aus einem weiter gezogenen Umland; für Köln (40.000 Einwohner im späten 15. Jahrhundert), das über ein sehr fruchtbares Umland links des Rheins verfügte, reichte ein Gebiet von 1800 qkm zur Versorgung mit Getreide, während Nürnberg (28.000 Einwohner Ende 15. Jahrhundert) mit wesentlich schlechteren Böden im nahen Umland ein Getreideversorgungsgebiet von rund 5000 km² [<<78] benötigte.39 Im Spätmittelalter setzte an vielen Orten auch schon die planmäßige Bevorratung von Getreide seitens der städtischen Obrigkeit, der Bau von Kornspeichern und Magazinen ein. Neben gewissen Anfängen im 14. Jahrhundert wurden besonders seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, als die Bevölkerung wieder deutlich wuchs, Kornspeicher errichtet, die dann in Mangeljahren zum Ausgleich, vor allem zur Versorgung der ärmeren Stadtbevölkerung, dienten. In Hungerkrisen war die städtische Bevölkerung in der Regel „erheblich besser gestellt als die Landbewohner.“40

4.4 Die Fleischversorgung der Stadt

Fleisch war nicht die Hauptquelle der Ernährung mittelalterlicher Stadtbewohner, aber der Konsum war durchaus nennenswert. Als Folge der Pest erhöhte sich auch in der breiten Stadtbevölkerung dank steigender Reallöhne der Fleischkonsum beträchtlich und erreichte im 15. und frühen 16. Jahrhundert ein Niveau, das erst im späten 19. Jahrhundert wieder erreicht wurde. Man kann von einem Fleischverbrauch von rund 50 kg pro Kopf und Jahr in deutschen Städten ausgehen, in mediterranen Städten lag dieser Wert üblicherweise deutlich niedriger. Köln benötigte 8000 Stück Schlachtvieh pro Jahr.41

Mittelalterliche Städte waren selbst Orte der Fleischproduktion: Die Zahl städtischer Viehhirten, die das Vieh der Bürger auf die Weiden außerhalb der Stadt führten, aber auch Angaben über städtisches Vieh, das von Raubrittern geraubt wurde, lassen auf erhebliche Bestände an Vieh in und unmittelbar um die Stadt schließen.42 Städtische Obrigkeiten waren bestrebt, die Fleischversorgung auf einem gewissen Niveau zu st [<<80] abilisieren. So zwang der Frankfurter Rat etwa die örtlichen Bäcker, Schweine mit der Kleie, den Schalen der Körner, die beim Mahlen anfallen und die die Bäcker von den Müllern zusammen mit dem Mehl erhielten, zu füttern. Damit sollte verhindert werden, dass die Bäcker die Kleie mit dem Mehl zu (minderwertigem) Brot verbackten. Die aus dieser Mast hervorgehenden Schweine durften nur an Mitbürger und nicht an die Metzger verkauft werden. Das Recht jeden Bürgers auf eigene Schlachtung wurde von den Räten verteidigt, teilweise durften die Metzger zu Zeiten, wenn die Bürger ihre „Bürgerschlacht“ wahrnahmen, in Frankfurt meist im Oktober um den Gallustag (16. Oktober), selbst nicht als Aufkäufer auf den Viehmärkten auftreten.43 Städtische Metzger und Viehhändler erhielten regelmäßig Kredite seitens der Stadt, um Vieh auswärts aufkaufen und dem städtischen Markt zuführen zu können.44

Diese lokalen Bestände deckten den Fleischbedarf größerer Städte aber in keiner Weise. Regionale Viehbestände spielten von daher eine wichtige Rolle zur Deckung städtischen Bedarfs; so standen jede Woche Hunderte von Rindern aus Viehzuchtgebieten des Burgund und der Franche-Comte auf dem berühmten Viehmarkt in Sennsheim im Elsass zum Verkauf, wo sich zahlreiche Städte des Oberrhein-Gebiets versorgten.45 Darüber hinaus entwickelte sich, vor allem seit dem späten 15. Jahrhundert, ein System europaweiter Arbeitsteilung: Dünner besiedelte Gebiete an der Peripherie Europas spezialisierten sich auf Viehzucht und versorgten die verstädterten Regionen Nordwest- und Südeuropas, in deren Nähe wegen der transportwirtschaftlichen Zwänge der Getreideanbau dominieren musste, mit Fleisch. Vorrangig gehandelt wurden Ochsen, die auf langen Viehtrieben aus den Aufzuchtgebieten in die Absatzgebiete getrieben wurden. Im späten 14. und frühen 15. Jahrhundert hatten noch Ochsen aus Ungarn den Fernhandel mit Vieh dominiert; von dort wurden diese regelmäßig nach Venedig, aber auch nach Frankfurt und Aachen getrieben. Als ab etwa 1460/70 wegen des Bevölkerungsdrucks im dichter besiedelten Mittel- und Westeuropa verstärkt wieder Viehweiden in Ackerland umgewandelt wurden, formierte sich ein dauerhaftes System, in dem sich neben Ungarn auch andere Lieferregionen etablierten. So kamen aus Dänemark seit den 1480er-Jahren regelmäßig über 10.000 Rinder über die Elbe, wurden dann weiter auf den Marschen in der Nähe der Nordsee gemästet und dann schließlich auf die Märkte in Küstennähe, aber auch in [<<80] die südlichen Niederlande und bis Mitteldeutschland getrieben. Mitte des 16. Jahrhunderts erreichte dieser Strom fast 50.000 Tiere pro Jahr.46 War der Absatz dänischer Rinder vor allem auf den norddeutsch-niederländischen Bereich beschränkt, so fanden ungarische Rinder, die ab 1470 wieder verstärkt auf dem Markt auftauchten, den Weg in Städte südlich des Mains, aber auch nach Venedig und Norditalien. In den frühen 1570er-Jahren wurden rund 100.000 Tiere jährlich aus Ungarn exportiert. Eine dritte internationale Fleischquelle war Polen: Von dort kamen zwischen 20.000 – 40.000 Tiere pro Jahr; sie wurden aus Masuren über Posen nach Leipzig und Dresden getrieben, um Absatzmärkte in Norddeutschland und Böhmen zu erreichen. Erst im späten 16. Jahrhundert, nachdem Polen die Ukraine erobert hatte und eine andere, auf den ukrainischen Steppen heimische und zähere Rinderart exportiert wurde, stieg der polnische Ochsenexport deutlich an und eroberte sich größere Marktanteile. Städte versuchten häufig, ihre Bezugsquellen zu diversifizieren, um nicht ausschließlich von einem Liefergebiet abhängig zu sein; so wurde Frankfurt etwa vorwiegend aus Ungarn versorgt, zugleich erhielt man aber bis ins 18. Jahrhundert substanzielle Lieferungen auch aus dem Norden, aus Polen und Dänemark.47

Rindfleisch war das begehrteste und wertvollste Fleisch und nur Rinder konnten über so weite Strecken getrieben werden. Aber auch Hammeltriebe wurden regelmäßig aus dem Bergischen Land nach Paris durchgeführt.48 Der internationale Ochsenhandel war einer der wertmäßig bedeutendsten Warenströme des 16. Jahrhunderts.49 Den europäischen Städten gelang es damit, sich von ihrem näheren Umland abzukoppeln, was die städtische Fleischversorgung anbelangte, ein Umstand, den Blanchard als Strukturbruch interpretiert.

4.5 Stadt – Umland – Territorium

Zur Sicherung elementarer Ressourcen waren zahlreiche Städte vor allem nach der großen Pest und bis etwa 1600 intensiv bestrebt, eine weitergehende und intensivere Kontrolle über ihr Umland zu etablieren. Diese Versuche konnten sehr unterschiedliche Formen annehmen, vom Aufbau regionaler ökonomischer Einflusssphären, wie [<<81] dies seitens der Städte der südlichen Niederlande, bzw. Flanderns erfolgte, bis hin zur Herausbildung regelrechter Stadtstaaten in den nördlichen Schweizer Stadtkantonen und natürlich Italien.50 Im Heiligen Römischen Reich vollzog sich die territoriale Expansion der Städte über verschiedene Stufen: Zunächst erwarben einzelne städtische Bürger Landbesitz und Einkünfte im Umland der Stadt, teilweise, um ihre eigene Versorgung mit den Erträgen zu sichern, teilweise aber auch schlicht als Kapitalanlage. Diese Erwerbungen konnten auch Gerichtsrechte oder Märkte miteinschließen. In einer zweiten Stufe entwickelten sich persönliche oder korporative Beziehungen zwischen Landbewohnern und Städten etwa in der Form des Bürgerrechts, das Personen oder Körperschaften außerhalb der Stadt verliehen wurde. Solche Rechtsbeziehungen konnten den Städten auch Zugang zu militärstrategisch wichtigen Punkten oder zu Orten der Zollerhebung an Mautstellen oder Brücken sichern. Eine dritte Stufe war schließlich der Erwerb von Land mitsamt Herrschaftsrechten und Untertanen seitens der Stadt als Körperschaft; dieser Erwerb konnte entweder als später wieder abzulösende Hypothek oder als regelrechter Kauf erfolgen, der dem Magistrat dann vollständige Gerichtsherrschaft über das Gebiet sicherte.51 Diese territoriale Expansion erfolgte aus unterschiedlichen Motiven: Für die süddeutschen Reichsstädte war der Ankauf von ländlichem Grundbesitz häufig die Vorbedingung für folgende territoriale Konsolidierung: Stadtbürger investierten in ländlichen Grundbesitz, weil sie damit Statusgewinn suchten, die Vorstufen zu einer angestrebten Erhebung in den Adelsstand. Die Geldanlage in Land bot Sicherheit für die Risiken des oft nur schwer kalkulierbaren Fernhandels, das Land diente demnach als Kapitalreserve. Städtische Grundbesitzer wirkten häufig aber auch als Pioniere landwirtschaftlicher Produktivitätssteigerung und Spezialisierung, weil sie, im Unterschied zu subsistenzorientierten und risikominimierenden Bauern oder Grundherren eher profitmaximierend dachten.52 [<<82]

Die räumliche Reichweite solcher Ankäufe variierte mit der Größe der jeweiligen Stadt: Während in Augsburg stadtbürgerlicher Grundbesitz im Umland sich über einen Radius von 40–60 km erstreckte, war der Bereich in regionalen Zentren wie Memmingen oder Nördlingen kaum größer als 20 km, für Marktstädtchen wie Kempten oder Donauwörth überstieg der Bereich stadtbürgerlichen Grundbesitzes selten 10–15 km. Häufig spielten auch die städtischen Spitäler eine wesentliche Rolle im Aufbau außerstädtischen Grundbesitzes. Diese waren meist schon mit Landbesitz außerhalb der Stadt ausgestattet und bauten diesen dann planmäßig aus. Die städtischen Eliten, die häufig über Leitungspositionen oder Vormundschaften die Geschäftspolitik der Spitäler kontrollierten, verfügten mit den Spitälern über ein Instrument, das weniger das Misstrauen des regionalen Adels provozierte als individuelle Kaufstrategien.53

Die Verleihung städtischen Bürgerrechts an Bewohner des städtischen Umlandes, sowohl Adlige als auch Klöster und Bauern, war eine häufige Praxis, auch wenn Kaiser Karl IV. in der Goldenen Bulle von 1356 bestrebt war, die Verleihung der sogenannten Pfahlbürgerrechte an Bauern des Umlands zu unterbinden. Viele Städte ignorierten erfolgreich das Verbot. Für Städte wie Köln, die angesichts spezifischer regionaler Kräfteverhältnisse kaum ein geschlossenes Territorium aufbauen konnten, war die Verleihung von Bürgerrechten an führende regionale Adelsfamilien offenbar eine adäquate Kompensationsstrategie. Augsburg drängte das städtische Bürgerrecht auswärtigen Klöstern geradezu auf, um diese im Hinblick auf deren wirtschaftliche Potenz besser nutzen zu können.54 In anderen Städten, insbesondere den Textilstädten Schwabens wie Kempten oder Isny, diente die Verleihung städtischer Bürgerrechte an Auswärtige auch dazu, die gewerbliche Produktion im Umland besser kontrollieren zu können.55

Im Hinblick auf die Entfaltung einer regelrechten städtischen Territorialpolitik können wir sehr deutliche Unterschiede zwischen nord- und süddeutschen Städten feststellen. Während eine größere Anzahl süddeutscher Reichsstädte erfolgreich ihre individuellen ländlichen Besitztümer, Bündel von Rechten für außerstädtische Gebiete und Schutzbündnisse in konsolidierte abhängige Territorien verwandeln konnten, gelang dies im Norden nur wenigen größeren Städten, etwa Bremen, Hamburg, [<<83] Lübeck, Braunschweig und Lüneburg. Scott erklärt diese regionale Varianz auch mit unterschiedlichen Prioritäten: Für die norddeutschen Hansestädte war Frieden und die Sicherung der Handelsrouten wesentlich bedeutsamer als der Erwerb ländlicher Gebiete per se. Viele norddeutsche Städte verließen sich auch stärker auf Hypotheken, d. h. ihr Besitz konnte durch Rückzahlung der Darlehen seitens der Schuldner wieder verloren gehen. Ein Aspekt, warum die Hansestädte weniger Wert auf eine Territorialpolitik legten als süddeutsche Reichsstädte, dürfte auch deren geringere Abhängigkeit von den Ressourcen ihres unmittelbaren Umlandes sein. Während die süddeutschen Städte in der Hauptsache darauf angewiesen waren, ihr Getreide, ihr Holz und die Rohstoffe für ihre gewerbliche Produktion aus einem aus transportwirtschaftlichen Kostengründen relativ nahen Umland zu erhalten, standen den Hansestädten an der Küste auf dem Seeweg weiträumige Versorgungsregionen auch in größeren Entfernungen zu günstigen Transportkosten zur Verfügung. So war für eine Stadt wie Lübeck der Weichselraum, obwohl mehrere hundert Kilometer entfernt, wichtiger als das regionale Hinterland als zusätzliche Basis der Getreideversorgung. Unter den süddeutschen Städten waren Nürnberg (1200 km²) und Ulm (830 km²) am erfolgreichsten in ihrer Territorialpolitik. An dritter Stelle kam Erfurt (610 km²), aber bereits die Städte auf den Rängen 4 und 5, Rothenburg ob der Tauber und Schwäbisch Hall, zeigen, dass ein großes städtisches Territorium einer Stadt nicht zwangsläufig überregionale Bedeutung verlieh.

Warum verfolgten die süddeutschen Städte nun eine solche Territorialpolitik? Zunächst einmal ging es, wie oben angedeutet, um die Sicherung elementarer Ressourcen, insbesondere der Getreideversorgung. Ein zweites Motiv war das Erzielen landwirtschaftlichen Einkommens, das das städtische Einkommen ergänzte. In Ulm kamen in guten Erntejahren bis zu 22 % des städtischen Einkommens aus dem Landbesitz der Stadt.56 Das Territorium einer Stadt diente drittens als demografische Reserve, um das wegen der hohen städtischen Mortalität chronische demografische Defizit der Städte auszugleichen und um fehlende Arbeitskräfte zu rekrutieren.

Städtische Territorialpolitik konnte sehr unterschiedliche Formen annehmen. Neigten „zentrale Orte“ im Sinne des Christallerschen Modells eher dazu, ein in der Tendenz nach allen Richtungen ungefähr gleich großes, radiales Territorium zu erwerben, so zeigt sich in Fernhandelsstädten („Netzwerk-Modell“) viel eher das Interesse, Land entlang der Handelskorridore, stützpunktförmig, also gewissermaßen axial zu erwerben. Auch Städte im Binnenland wie Erfurt und Ulm kombinierten die Rollen eines [<<84] Handelsstützpunkts und eines zentralen Ortes miteinander. Der Besitz eines Territoriums war allerdings keineswegs eine unverzichtbare Bedingung wirtschaftlichen Erfolges, wie die Beispiele Augsburg und Köln zeigen.57

Im Rahmen der Umlandpolitik und der Kontrolle der näheren Marktzone, war die Durchsetzung des Marktbanns in der Regel zentral: Die meisten Städte forderten, dass in einer Entfernung von ein bis zwei deutschen Meilen (7,4 bis 14,7 km) keine anderen Märkte stattfinden dürfen. Besonders mächtige und erfolgreiche Städte wie Augsburg konnten eine Bannmeile ihres Marktzwangs von bis zu 10 Meilen (73,6 km) durchsetzen. Leipzig verlieh die Bannmeile entscheidende Konkurrenzvorteile gegenüber Nachbarstädten in der Region.

4.6 Das Verlagssystem: Arbeitsressourcen des Hinterlands mobilisieren

Das Hinterland bot aber nicht nur für die Versorgung der Städte essenzielle Ressourcen, sondern verfügte auch über Arbeitskräfte. Seit dem 13. Jahrhundert entfaltete sich ein ländliches Gewerbe, vor allem im Bereich der Textilproduktion, das aus der winterlichen Eigenproduktion der Bauern für den eigenen Bedarf erwachsen war. Das Spinnen von Garn, das Weben einfacher Tuche, zunächst für den Eigenbedarf, füllte in vielen bäuerlichen Haushalten den arbeitsarmen Winter. Aufgrund des demografischen Wachstums entstand noch vor der Pest vor allem in Realteilungsgebieten eine unterbäuerliche Schicht, die über zu wenig Land verfügte, um sich allein davon ernähren zu können. Andererseits erwiesen sich die zünftischen Produktionsbeschränkungen in der Stadt aus Sicht städtischer Tuchhändler als Hemmnisse weiteren Wachstums. In dieser Situation begannen städtische Kaufleute, meist „Verleger“ genannt, die ländlichen Arbeitskraftreserven für einfache Produktionsstufen (Spinnen, Weben) zu mobilisieren. Größere Verbreitung fand das „Verlagssystem“ seit dem 13. Jahrhundert nördlich des Bodensees in der Herstellung von Leinwand-Tuchen. Verleger aus Konstanz, Ravensburg, Memmingen usw. brachten Flachs, das Rohmaterial für Linnen, in die Häuser der Spinner und Weber und sammelten das gesponnene Garn bzw. die gewobenen Tuche dann nach einer Woche wieder ein, bezahlten die Arbeit im Stücklohn und brachten neues Rohmaterial für neue Aufträge. Häufig stellten die Verleger auch die Arbeitsmittel, insbesondere die Webstühle. Der Flachs wurde auf den dafür klimatisch geeigneten feuchten Böden des Allgäus angebaut, zugleich wurde auch [<<85] die im Allgäu mit ausgedehnter Viehwirtschaft produzierte Milch für die Bleichvorgänge verwendet. Es entstand also eine regionale integrierte Arbeitsteilung zwischen den Flachs und Milch produzierenden Anbauregionen im Allgäu, den demografisch überbesetzten Dörfern Oberschwabens, wo die Verarbeitung des Flaches stattfand und den städtischen Verlegern, die die Austauschprozesse ökonomisch koordinierten und lenkten. Die Endverarbeitungsstufen der Textilprodukte fanden in der Regel dann wieder in Städten wie Konstanz, Ravensburg oder Memmingen statt, wo die Tuche dann auch mit den städtischen Qualitätssiegeln versehen wurden.58

Das Verlagssystem etablierte sich im Spätmittelalter und der beginnenden frühen Neuzeit auch in anderen Gewerbezweigen. Die Kontrolle der Textilhandelsstädte über ihr jeweiliges verlagsindustrielles Hinterland war jedoch keineswegs dauerhaft gesichert; so gelang es beispielsweise unternehmerisch gesinnten Kaufleuten wie den Fuggern, qualifizierte ländliche Spinner und Weber aus dem Ulmer Hinterland wegzulocken und in eigenen Städten als Arbeitskräfte anzusiedeln.59 Generell fanden im Rahmen des Verlagssystems die Produktionsstufen bis zu halb fertigen Produkten auf dem Land statt, während sich die Endverarbeitung dann im Rahmen städtischen zunftgebundenen Handwerks vollzog. Dies geschah auch in der Holzverarbeitung, wo ländliche Schreiner Holzräder, Fassdauben oder Bettgestelle produzierten, die Endverarbeitung und das Beschlagen mit Eisenteilen dann aber in der Stadt ausgeführt wurde. Köln profilierte sich als Zentrum der Metallverarbeitung, wo die im Umland (u. a. Bergisches Land, Siegerland) produzierten halb fertigen Metallwaren in Köln dann poliert, geschliffen und vermarktet wurden.60 Dieses Verlagssystem, eine europaweite Erscheinung der stärker gewerblich konzentrierten Regionen, wurde von Wirtschaftshistorikern auch als „Protoindustrialisierung“ bezeichnet.61 Damit war nicht die Einführung arbeitssparender Maschinen gemeint, sondern vielmehr der sozialgeschichtliche Prozess einer Herauslösung der unterbäuerlichen Schichten aus den traditionellen Begrenzungen vormoderner Landwirtschaft. Zugleich entstand durch die ländliche gewerbliche Arbeit ein erheblicher Druck auf die zünftische Organisation von Gewerbe in den Städten.

Städte waren folglich in unterschiedlichem Maße abhängig von der Verfügbarkeit wichtiger Ressourcen. Essenzielle Ressourcen, wie zum Beispiel der Wald, liefen Gefahr, [<<86] aufgrund übermäßiger Beanspruchung zu stark ausgebeutet zu werden, was die Städte je nach ihrer politischen und verkehrswirtschaftlichen Lage zu unterschiedlichen Strategien zwang: Intensive machtpolitische Dominanz und erhaltungsorientierte Bewirtschaftung etwa im Fall Nürnberg ohne größeren schiffbaren Fluss, Nutzung weiter entfernter Waldbestände durch Flößerei und Triften in Städten mit besserem Zugang zu Wasserwegen. Nahrungsmittel wurden je nach Transportierbarkeit bzw. Verderblichkeit vorzugsweise aus dem näheren Umland bezogen, teilweise, wo hohe Bevölkerungskonzentrationen einerseits (Flandern), aber auch günstige Verkehrslage dies ermöglichten, auch aus weiter entfernten Regionen (Getreide Ostsee, Baltikum). Die Ressourcenbedürfnisse der Städte spielten auch eine wichtige Rolle in der Motivation für die Etablierung städtischer Territorien. Insgesamt können wir für das Spätmittelalter und die frühe Neuzeit eine – allerdings nicht durchgehend lineare –Tendenz zu weiträumigerer Versorgung und zur Entfaltung großräumiger Arbeitsteilung zwischen urbanisierten und gewerblich verdichteten Kernzonen Europas im Nordwesten und in Norditalien einerseits und deutlich dünner besiedelten peripheren Regionen im Osten und Südosten Europas (Viehzucht – große Viehtriebe) andererseits beobachten. [<<87]

1 Franz Irsigler: Bündelung von Energie in der mittelalterlichen Stadt. Einige Modellannahmen, in: Saeculum 42 (1991), S. 308–318, hier 309.

2 Vgl. etwa James A. Galloway/Derek Keene/Margaret Murphy: Fuelling the City: Production and Distribution of Firewood and Fuel in London’s Region, 1290–1400, in: Economic History Review, XLIX (1996), S. 447–472.

3 Ernst Schubert: Der Wald. Wirtschaftliche Grundlage der spätmittelalterlichen Stadt, in: Bernd Herrmann (Hrsg.), Mensch und Umwelt im Mittelalter, Stuttgart 1986, S. 252–269.

4 Karl Kroeschell: Deutsche Rechtsgeschichte. Bd. 1: Bis 1250, Köln/Weimar/Wien 2008, S. 330.

5 Nils Freytag/Wolfgang Piereth: Städtische Holzversorgung im 18. und 19. Jahrhundert. Dimensionen und Perspektiven eines Forschungsfeldes, in: Dies./Wolfram Siemann (Hg.): Städtische Holzversorgung. Machtpolitik, Armenfürsorge und Umweltkonflikte in Bayern und Österreich (1750–1850), München 2002, S. 1.

6 Vgl. John Perlin: History of Wood Energy, in: Encyclopedia of Energy, Vol. 6, 2004, S. 499–507, hier S. 499: “Wood was the primary fuel for the entire world from the discovery of fire to the age of fossil fuels.”

7 Schubert, Wald, S. 257; vgl. auch Joachim Radkau: Holz. Wie ein Naturstoff Geschichte schreibt, München 2007, S. 21 f., 81–87. Ernst Schubert: Alltag im Mittelalter, Natürliches Lebensumfeld und menschliches Miteinander, 2. Aufl. Darmstadt 2012, bes. S. 36–64.

8 Vgl. Schubert, Wald, S. 254–257.

9 Vgl. Sönke Lorenz: Wald und Stadt im Mittelalter. Aspekte einer historischen Ökologie, in: Bernhard Kirchgässner/Joachim B. Schultis (Hrsg.):, Wald, Garten und Park. Vom Funktionswandel der Natur für die Stadt, Sigmaringen 1993, S. 25–34, hier S. 29. u. 33; Schubert, Alltag, S. 43–45: „Auf deutschem Boden wurde ein Gebiet von der Größe Englands dem Wald und der Wildnis abgerungen.“

10 Vgl. Schubert, Alltag, S. 43.

11 Vgl. Joachim Radkau: Das Rätsel der städtischen Brennholzversorgung, in: Dieter Schott (Hrsg.): Energie und Stadt in Europa. Von der vorindustriellen „Holznot“ bis zur Ölkrise der 1970er Jahre, Stuttgart 1997, S. 43–75, hier 71.

12 Vgl. Schubert, Wald, S. 252; Antje Sander-Berke: Spätmittelalterliche Holznutzung für den Baustoffbedarf. Dargestellt am Beispiel norddeutscher Städte, in: Albrecht Jockenhövel (Hrsg.): Bergbau, Verhüttung, Waldnutzung im Mittelalter. Auswirkungen auf Mensch und Umwelt, Stuttgart 1996, S. 189–203, hier S. 189 f.

13 Lore Sporhan/Wolfgang v. Stromer: Die Nadelholzsaat in den Nürnberger Reichswäldern zwischen 1469 und 1600, in: Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie, 17 (1969), S. 79–99, hier S. 80.

14 Vgl. Sporhan/v. Stromer, Nadelholzsaat, S. 80–81; Ursula Dötzer: Der Reichswald – seine Bedeutung für die Stadt und seine Entwicklung vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit, in: Birgit Friedel/Claudia Frieser (Hrsg.): Nürnberg. Archäologie und Kulturgeschichte, Büchenbach 1999, S. 345–348; Radkau, Holz, S. 101–104.

15 Vgl. Lorenz: Wald, S. 28/29.

16 Vgl. Lorenz, Wald, S. 28.

17 Vgl. Sporhan/v. Stromer, Nadelholzsaat, S. 95; Dötzer, Reichswald, S. 346–47.

18 Vgl. Schubert, Wald, S. 258.

19 Vgl. Nicole C. Karafylis: „Nur soviel Holz einschlagen wie nachwächst”. Die Nachhaltigkeitsidee und das Gesicht des deutschen Waldes im Wechselspiel zwischen Forstwirtschaft und Nationalökonomie, in: Technikgeschichte 69 (2002), S. 247–273, bes. S. 257 ff.

20 Vgl. Karte mit Holzversorgungsgebiet von London in Galloway u. a., Fuelling, S. 459.

21 Galloway u. a., Fuelling, S. 456.

22 Vgl. Harald Witthöft: Die Lüneburger Saline. Salz in Nordeuropa und der Hanse vom 12.-19. Jahrhundert. Eine Wirtschafts- und Kulturgeschichte langer Dauer, Rahden/Leidorf, 2010, S. 134–137; Hansjörg Küster: Geschichte des Waldes. Von der Urzeit bis zur Gegenwart, München 1998, S. 152.

23 Vgl. Antje Sander-Berke: Spätmittelalterliche Holznutzung für den Baustoffbedarf. Dargestellt am Beispiel norddeutscher Städte, in: Albrecht Jockenhövel (Hrsg.): Bergbau, Verhüttung und Waldnutzung im Mittelalter. Auswirkungen auf Mensch und Umwelt, Stuttgart 1996, S. 189–203, hier S. 192.

24 Vgl. Joachim Radkau: Vom Wald zum Floß – ein technisches System? Dynamik und Schwerfälligkeit der Flößerei in der Geschichte der Forst- und Holzwirtschaft, in: Hans-Walter Keweloh (Hrsg.): Auf den Spuren der Flößer. Wirtschafts- und Sozialgeschichte eines Gewerbes, Stuttgart 1988, S. 16–39.

25 Vgl. Dietrich Ebeling: Organisationsformen des Holländerholzhandels im Schwarzwald während des 17. Und 18. Jahrhunderts, in: Keweloh, Spuren, S. 81–110.

26 Vgl. Galloway/Keene/Murphy, Fuelling, S. 467.

27 Vgl. Schubert, Wald, S. 261.

28 Vgl. Schubert, Wald, S. 262.

29 Vgl. Tom Scott: Town and country in Germany, 1350–1600, in: Stephan R. Epstein (Hrsg.): Town and Country in Europe, 1300–1800, Cambridge 2001, S. 202–228.

30 Vgl. Schubert, Wald, S. 257.

31 Vgl. Margaret Murphy: Feeding Medieval Cities: Some Historical Approaches, in: Martha Carlin/Joel T. Rosenthal (Hrsg.): Food and Eating in Medieval Europe, London/Rio Grande 2003, S. 117–131, hier S. 121. In diesem Aufsatz auch allgemeine methodologische Überlegungen zum Forschungsdesign des Projekts.

32 Vgl. Franz Irsigler: Bündelung von Energie in der mittelalterlichen Stadt. Einige Modellannahmen, in: Saeculum 42 (1991), S. 308–318, hier 311.

33 Vgl. James Galloway: One Market or many? London and the Grain Trade of England, in: Ders. (Hrsg.): Trade, Urban Hinterlands and Market Integration c.1300–1600, London 2000, S. 23–42.

34 Markus Cerman: Einleitung: Wirtschaftliche Stadt-Land-Beziehungen in Europa im späten Mittelalter und am Beginn der Neuzeit, in: Ders./Erich Landsteiner (Hrsg.): Zwischen Land und Stadt. Wirtschaftsverflechtungen von ländlichen und städtischen Räumen in Europa 1300–1600 (= Jahrbuch für Geschichte des ländlichen Raumes 2009), Innsbruck/Wien/Bozen 2010, S. 9–17, hier S. 10.

35 Vgl. Richard Britnell: Urban Demand in the English Economy, in: James Galloway (Hrsg.): Trade, Urban Hinterlands and Market Integration c.1300–1600, London 2000, S. 1–22, hier 18.

36 Vgl. Richard W. Unger: Feeding Low Countries Towns: the Grain Trade in the Fifteenth Century, in: Revue belge de philology et d’histoire. 77 (1999), S. 329–358.

37 Vgl. Hoffmann, Footprint Metaphor, S. 299.

38 Richard W. Unger: Feeding Low Countries Towns: the Grain Trade in the Fifteenth Century, in: Revue belge de philology et d’histoire. Tome 77 fas. 2, 1999, S. 329–358, bes. 342–344.

39 Vgl. Herbert Eiden/Franz Irsigler: Environs and hinterland: Cologne and Nuremberg in the later middle ages, in: James Galloway (Hrsg.): Trade, urban hinterlands and market integration c.1300–1600, London 2000, S. 43–57.

40 Ulf Dirlmeier: Lebensmittel- und Versorgungspolitik mittelalterlicher Städte als demographisch relevanter Faktor, in: Saeculum 39 (1988), S. 149–153, hier S. 151–152.

41 Vgl. Hoffmann, Footprint Metaphor, S. 300; Massimo Montanari: Der Hunger und der Überfluß. Kulturgeschichte der Ernährung in Europa, München 1994, S. 88–95.

42 Vgl. Franz Lerner: Die Bedeutung des internationalen Ochsenhandels für die Fleischversorgung deutscher Städte im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit, in: Ekkehard Westermann (Hrsg.): Internationaler Ochsenhandel (1350–1750). Akten des 7th International Economic History Congress (= Beiträge zur Wirtschaftsgeschichte, Bd. 9), Edinburgh 1978, Stuttgart 1979, S. 197–217, hier 198/199.

43 Vgl. Lerner, Bedeutung, S. 199.

44 Vgl. Lerner, Bedeutung, S. 201.

45 Vgl. Ian Blanchard: The Continental European Cattle Trades, 1400–1600, in: Economic History Review, Bd. XXXIX, 1986, S. 427–460, S. 436.

46 Vgl. Blanchard, Cattle Trades, S. 428–433.

47 Lerner, Bedeutung, S. 211.

48 Lerner, Bedeutung, S. 212.

49 Wertmäßig lag der Fernhandel mit Vieh um 1600 etwa bei der Hälfte des Getreidehandels aus dem Ostseeraum, Vgl. Blanchard, Cattle Trades, der hier K. Glamman zitiert, S. 427.

50 Die Darstellung folgt hier der Übersicht bei Tom Scott: Town and country in Germany, 1350–1600, in: S. R. Epstein (Hrsg.): Town and Country in Europe, 1300–1800, Cambridge 2001, S. 202–228. Vgl. zur italienischen Situation Clark, European Cities, S. 92–93.

51 Vgl. Scott, Town, S. 204.

52 Stephan Sonderegger zeigt dies am Beispiel von St. Gallen, wo die von der Stadt ausgehenden Impulse die Orientierung auf Viehzucht und Weinbau verstärkten und hier durch Investitionen auch produktivitätssteigernd wirkten, vgl. Stephan Sonderegger: Landwirtschaftliche Spezialisierung in der spätmittelalterlichen Nordostschweiz, in: Markus Cerman/Erich Landsteiner (Hrsg.): Zwischen Land und Stadt. Wirtschaftsverflechtungen von ländlichen und städtischen Räumen in Europa 1300–1600 (= Jahrbuch für Geschichte des ländlichen Raumes 2009), Innsbruck/Wien/Bozen 2010, S. 139–160.

53 Die zentrale Rolle des Spitals für die Ausrichtung des Umlands auf die Konsumbedürfnisse der Stadt zeigt Sonderegger auch am St. Galler Beispiel, Sonderegger, Spezialisierung, S. 139–160; vgl. zur Rolle des Spitals für das Wiener Umland Christoph Sonnlechner: Der ökologische Fussabdruck Wiens im Spätmittelalter – eine Annäherung, in: Ferdinand Opll/Ders. (Hrsg.): Europäische Städte im Mittelalter, Innsbruck/Wien/Bozen 2010, S. 351–364.

54 Vgl. Scott, Town, S. 208.

55 Scott, Town, S. 209.

56 Vgl. Scott, Town, S. 213–214.

57 Vgl. Scott, Town, S. 215.

58 Vgl. Scott, Town, 219–221.

59 Vgl. Scott, Town, 221; dort findet sich noch Literatur zum Verlagssystem im Spätmittelalter.

60 Vgl. Scott, Town, 221.

61 Vgl. Peter Kriedte/Hans Medick/Jürgen Schlumbohm: Industrialisierung vor der Industrialisierung. Gewerbliche Warenproduktion auf dem Land in der Formationsperiode des Kapitalismus, Göttingen 1977.

5 Der Schwarze Tod: Bevölkerungseinbruch und Umweltkrise im Spätmittelalter
5.1 Klima und Tragfähigkeit: Die Rahmenbedingungen

Mit dem beginnenden 14. Jahrhundert kam eine sich über mehrere Jahrhunderte erstreckende Periode der Erwärmung des Klimas, die die langfristige demografische Expansion und wirtschaftliche Entwicklung des mittelalterlichen Europas begünstigt hatte, zum Abschluss. Die hochmittelalterliche Erwärmung um ein Grad Celsius im Durchschnitt hatte erhebliche Veränderungen in Vegetationsperioden mit sich gebracht; nunmehr setzte eine bis ins 19. Jahrhundert währende Periode klimatischer Abkühlung ein, die auch als „Kleine Eiszeit“ bezeichnet wird.1 Erste Anzeichen dafür waren Jahre mit verheerenden Missernten 1309/10 und 1315–1317.2 1342 ereignete sich ein „Jahrtausendhochwasser“ mit zahlreichen Brückenzerstörungen und großflächigen Überschwemmungen an Rhein, Main, Elbe und Donau.3 Die Serie von nasskalten Sommern mit resultierenden Missernten nach 1340 bezeichnete Christian Pfister als „die vielleicht härteste ökologische Belastungsprobe des letzten Jahrtausends“.4 Durch die Abkühlung des Klimas (kühlere und regenreichere Sommer, kältere Winter) ging der Flächenertrag der Landwirtschaft zurück, am stärksten auf den sogenannten [<<89] Grenzböden in Mittelgebirgslagen, die erst im Zuge der großen Kolonisationswelle seit dem 11. Jahrhundert gerodet und für den Ackerbau erschlossen worden waren.5 Auf den höher gelegenen und teilweise auch weniger fruchtbaren Böden reichte die kürzere Vegetationsperiode nicht mehr aus, um das Korn zur Reife zu bringen. Ökonomisch gesehen sank unter diesen Bedingungen der „Grenznutzen“, das weitere Bewirtschaften dieser Böden rechnete sich immer weniger, und nachdem die Nachfrage nach Getreide infolge der Bevölkerungsverluste durch die Pest kollabierte, wurden erhebliche Teile dieser Grenzböden nicht länger kultiviert. Auf den Flächen wurden teilweise wieder Wälder angesät, bzw. breitete sich Wald auf aufgelassenen Feldern naturwüchsig aus; zahlreiche stark geschrumpfte Dörfer auf diesen Grenzböden wurden aufgegeben, ein Prozess, der als „Wüstung“ bezeichnet wird. Insgesamt konzentrierte sich die deutlich dezimierte Bevölkerung wieder auf eine geringere Fläche.6 Regional setzte bereits in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts ein Rückgang der Bevölkerung ein.

Umweltgeschichtlich kann die Situation in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts so interpretiert werden, dass die europäischen Gesellschaften auf der Basis der damals entwickelten Technik und Produktivität die Grenze der Tragfähigkeit der natürlichen Umwelt erreicht bzw. überschritten hatten. Die Bevölkerung war schneller gewachsen als die Produktionsfähigkeit der Landwirtschaft, ein Missverhältnis, das dann durch Missernten und Hungerkrisen zum Ausdruck kam. Die dauerhafte Abkühlung spitzte die Lage noch weiter zu. So wird plausibel vermutet, handfeste Beweise gibt es dafür keine, dass sich die gesundheitliche Situation der europäischen Bevölkerung wegen zunehmender Hungerkrisen und prekärer Ernährungslage – Jacques Le Goff spricht von „Rückkehr des Hungers“ – bis 1348 signifikant verschlechtert habe, sodass die in ihrer Resistenz geschwächte Bevölkerung der neuen Pandemie weniger Widerstand entgegen bringen konnte.7 [<<90]

5.2 Der Schwarze Tod kommt nach Europa
5.2.1 Ausbruch und Ausbreitung

Als die Pest dann im Herbst 1347 mit genuesischen Schiffen aus der Krim nach Sizilien kam, war die Krankheit in Europa nicht mehr bekannt. Im 6./7. Jahrhundert hatte die Pest in Europa mit einem Schwerpunkt in Byzanz gewütet und große Bevölkerungsverluste verursacht.8 Das Wissen von dieser Seuche war aber in der breiten Bevölkerung Europas im 14. Jahrhundert nicht mehr vorhanden, nur wenige Ärzte, die die spätantiken Schriften kannten, waren noch damit vertraut.

Die Pest, deren Erreger yersinia pestis erst 1894 entdeckt wurde, hat zwei wesentliche Erscheinungsformen: Die eine Form ist die Beulenpest oder Bubonenpest, bei der die Lymphknoten anschwellen, insbesondere in der Nähe der Stelle, wo der Rattenfloh die später Erkrankten gestochen hatte. Häufig zeigen sich die Beulen daher in der Leistengegend oder an den Oberschenkeln. Die zweite Form der Pest, die Lungenpest, entsteht durch direkte Übertragung der Pesterreger durch die Atemluft eines Kranken an einen Gesunden. Während die Lungenpest fast immer zum Tod führte, war die Sterblichkeit bei der Beulenpest statistisch bei 50–90 %. Der Krankheitsverlauf war meist recht rapide; die meisten an Pest Erkrankten starben innerhalb von 2–3 Tagen an einer Vergiftung, weil die Pesterreger ein Gift ausscheiden, das zu Kreislaufversagen und Herzstillstand führt. Unbekannt war bis Ende des 19. Jahrhunderts auch der Übertragungsweg der Krankheit: Die Pest nistet eigentlich bei den Ratten, die auch an der Pest sterben. Von diesen wird der Erreger über den Rattenfloh, der Blut aus der Ratte saugt, auf den Menschen übertragen, weil der Rattenfloh nach dem Tod der Ratte nach einem neuen Wirt sucht. Die Flöhe brauchen für ihre Reproduktion hohe Temperaturen, daher fiel die Ausbreitung der Pest in Europa immer nur in die warme Jahreszeit; im Winter ebbte die Pest in der Regel ab, eine weitere Ausbreitung fand nicht statt.9

In Italien breitete sich die Pest dann im Laufe des Jahres 1348, vor allem von den Hafenstädten her aus und forderte, wenn man den zeitgenössischen Quellen folgt, sehr hohe Verluste. In Venedig wütete die Seuche seit März 1348, mehr als die Hälfte der über 100.000 Einwohner sollen dort gestorben sein. In Perugia in Mittelitalien trat sie im April auf, im norditalienischen küstenfernen Trient Mitte Juni. Die zeitgenössischen [<<91] Berichte ähneln sich stark, betont werden die Beulen, das Auftreten von Fieber, bei Lungenpest auch Blutspucken und der meist rasche Tod. Die Pest wurde als hochgradig ansteckend bezeichnet, auch Haustiere verendeten. Insgesamt war die Sterblichkeit in den Städten Italiens bei dem ersten Auftreten des Schwarzen Todes sehr hoch, über das Auftreten auf dem Land ist sehr viel weniger bekannt. Vasold stellt allerdings infrage, ob die hohe Sterblichkeit in den italienischen Städten allein durch die Pest zu erklären ist; möglicherweise grassierte parallel noch eine weitere Epidemie, etwa der Milzbrand, was auch die sonst eher unwahrscheinliche Betroffenheit von Wirbeltieren erklären würde. Auch von einem Rattensterben, das einer die Menschen befallenden Pestepidemie üblicherweise vorausging, wird in den Quellen nicht berichtet.10 Kulturell bedeutsam war das schwere Erdbeben in Friaul vom 25. Januar 1348; die Zeitgenossen interpretierten Erdbeben und Pest als Zeichen für den Zorn Gottes.

Von Italien aus verbreitete sich die Pest auf den Handelswegen und mit Schiffen nach Frankreich und in das übrige Europa. In Avignon, damals Sitz des Papstes, trat die Pest schon im Januar 1348 auf, Lyon erreichte sie im April, nach Paris kam sie von Rouen und über die Seine im August 1348. England wurde um die Mitte des Jahres 1348 erreicht, hier betrugen die Verluste rund ein Drittel. Flandern wurde erst 1349 erfasst, in größeren Teilen Deutschlands trat die Pest während dieser ersten Welle gar nicht auf; zumindest liegen aus einer größeren Zahl süddeutscher Städte keine konkreten Belege für ein Auftreten während dieser Welle vor. Allerdings waren die meisten deutschen Städte dann bei späteren Pestwellen erheblich betroffen.11

Bis ins 18. Jahrhundert wurde die Pest ein mehr oder weniger ständiger Begleiter der Menschen in Europa, eine „Struktur der alteuropäischen Geschichte“12, auch wenn die Todeszahlen später nicht mehr ganz so dramatisch ausfielen wie im 14. Jahrhundert. Auf die erste Pestwelle von 1348–50 folgten weitere Pestzüge in den Jahren 1357–62, 1370–1376 und 1380–83. Insgesamt wird der Bevölkerungsverlust in Europa bis 1383 als Folge dieser Pestwellen auf rund ein Drittel geschätzt. Von Paris wird berichtet, dass jedes dritte Haus leer stand.13 Regional konnte der Bevölkerungsrückgang auch weitaus höher liegen, in Montpellier etwa bei 80 %; andererseits gab es Städte und Regionen, die überhaupt nicht oder nur von einer der Wellen heimgesucht wurden. Da die Städte keine Sterbelisten führten und wir meist auch die Einwohnerzahl vor der [<<92] Pest nur schätzungsweise wissen, beruhen die meisten Angaben auf Hochrechnungen von begrenzten und in den Akten namhaft gewordenen Gruppen wie den Angehörigen des städtischen Rats. So schätzt man für Hamburg auf der Basis der Pesttoten unter den Ratsmitgliedern, dass die Einwohnerschaft Hamburgs, rund 10.000 vor der Pest, danach wohl nur noch 5000 betragen habe. Insgesamt war die städtische Bevölkerung schwerer betroffen wegen der höheren Ansteckungs- und Übertragungsgefahr in den dichter besiedelten Gebieten. In Frankreich insgesamt sank die Bevölkerung von rund 21 (1340) auf 13 Mio. Menschen (1400), in England, damals noch deutlich weniger dicht bevölkert, von 3,8 (1340) auf 2,3 Mio. (1400). Trotz dieses Bevölkerungseinbruchs blieb die europäische Urbanisierungsrate höher, als sie um das Jahr 1000 gelegen hatte.14 Vasold, der im Hinblick auf die Pest eine revisionistische Position vertritt, hält die Sterblichkeit an der Pest zumindest für Deutschland und die erste Pestwelle für wesentlich niedriger als bisher in der allgemeinen Geschichtsschreibung mit rund einem Drittel angegeben. Es ist zwar nach Vasolds Ansicht unbestreitbar, dass die Bevölkerung Europas im 14. und 15. Jahrhundert deutlich zurückging, aber die Ursachen dafür wären nicht alleine in der Pest von 1348–1350 zu suchen, sondern auch in den klimatischen Veränderungen und möglicherweise in parallel auftretenden anderen Epidemien, die die Zeitgenossen begrifflich auch mit Pest bezeichneten.

5.2.2 Die Folgen der Pest

Was waren nun die Folgen dieses im Gesamteffekt katastrophalen demografischen Einbruchs? Wirtschaftlich wird häufig von der „Krise des 14. Jahrhunderts“ oder dem „Herbst des Mittelalters“ gesprochen, ein Niedergang, der allerdings die überlebenden Menschen sehr unterschiedlich traf.15 Das massenhafte Sterben brachte zunächst einen drastischen Rückgang der Nachfrage, vor allem nach den Grundnahrungsmitteln wie Getreide. Andererseits wurde durch die Pest die Kulturlandschaft als solche zunächst nicht reduziert, nur soweit die Menschen gestorben waren, die sie bestellten. Einer dramatisch gesunkenen Nachfrage stand also ein deutlich weniger stark reduziertes [<<93] Angebot gegenüber.16 Es entwickelte sich daher nach zunächst erratischen Preisfluktuationen in direkter Folge der Pestzüge ab etwa 1370 eine Agrardepression, weil die Preise für Getreide mangels Nachfrage besonders stark zurückgingen. In Reaktion auf diesen Verfall der Getreidepreise kam es zu den bereits angesprochenen Wüstungen, weil die weniger fruchtbaren Böden aufgegeben wurden.17 Wilhelm Abel bezifferte den Rückgang der Zahl der Siedlungen auf 26 % (ca. 46.000 Wüstungen), rund ein Viertel der Dörfer und Weiler wurden aufgegeben.18 Das Massensterben hatte Arbeitskräfte knapp gemacht. Dieser Mangel an Arbeitskräften sowohl auf dem Land als auch und zunächst gerade in der Stadt führte zu Reallohnverbesserungen und zu einer Hebung des Lebensstandards der lohnbeziehenden Städter, was sich etwa an einer deutlichen Erhöhung des Fleischkonsums zeigte. Weil die städtischen Handwerker mit ihren höheren Löhnen angesichts sinkender Getreidepreise die Grundnahrungsmittel (Brot, Getreide für Mus) günstiger kaufen konnten, hatten sie mehr Spielräume für den Kauf höherwertiger Nahrungsmittel, insbesondere Fleisch. Der Prokopf-Verbrauch von Fleisch stieg von etwa 60 kg auf – in der Forschung allerdings sehr kontrovers diskutierte – 100 kg pro Jahr.19 In England trug dies, zusammen mit der wachsenden [<<94] Nachfrage nach Wolle, etwa aus den Textilstädten Flanderns, zu großflächiger Umwidmung von Ackerland zu Weideflächen bei, vor allem für Schafe. Auch der höhere Anteil von Lohnkosten bei Ackerbau spielte hier eine nennenswerte Rolle.20 Man sieht noch heute, etwa in den englischen Midlands, große Flächen, wo die Grasweiden eine eigenartige, entfernt an Wellblech erinnernde Oberflächenstruktur aufweisen. Dies ist ein Relikt der mittelalterlichen Ackerbautechnik, wo durch das Pflügen der langen, damals noch offenen Felder diese wellenartige Oberfläche (ridge-and-furrow) entstanden war. Beim Übergang zur Beweidung machte man sich nicht die Mühe, die Flächen zu planieren, sondern säte einfach Grassamen auf die ondulierenden Äcker.21

Insgesamt nahmen die Aufzucht von Tieren sowie Spezialkulturen (Weinbau etc.) proportional zu, weil die relativ höhere Kaufkraft vor allem der Städter Absatzmärkte dafür schuf. Die „Krise des 14. Jahrhunderts“ war von daher in wirtschaftlicher Hinsicht in erster Linie eine Krise für die marktorientierten Getreideproduzenten, während diejenigen städtischen Konsumenten, die die Pestwellen überlebt hatten, sich deutlich besser stellten. Auch die Lohnbezieher auf dem Land erfuhren Reallohnverbesserungen, was die Nachfrage nach gewerblichen Produkten, die in der Stadt produziert wurden, steigerte. So verstärkte sich etwa das Gewicht der Metallhandwerker in London im Jahrhundert nach der Pest sehr markant, in York und anderen Städten blühte das Gewerbe der Zinngießer auf.22 Langfristig gesehen resultierte das große Sterben auch in einem schnelleren Erben. Firmen, Werkstätten und Geschäfte verloren durch die Pest ihre Inhaber; jüngere Söhne, Brüder oder familienfremde Handwerksgesellen, die bis zu diesem Zeitpunkt kaum größere Chancen für einen sozialen Aufstieg gehabt hatten, rückten nach und erbten größere Vermögen. Leere Häuser konnten zu günstigen Preisen erworben werden. Städte reagierten zudem, darauf verweist Peter Clark, auf die Krise des 14. Jahrhunderts mit einer Reihe von Innovationen: Zur Kostenreduzierung wurden mit dem Aufbau des Verlagsgewerbes (vgl. Kap. 4.6, S. 85) die Arbeitskraftreserven des Umlands der Städte zunehmend stärker mobilisiert, insbesondere die einfacheren und weniger qualitätssensiblen Stufen der gewerblichen Produktion wurden aufs Land ausgelagert. Mit dem Aufbau von Schulen und Unive [<<96] rsitäten wurden neue Dienstleistungsangebote geschaffen, die neue und kaufkräftige Stadtbewohner anziehen sollten. Der Ausbau von Gastwirtschaften und von neuen Zeremonien und Veranstaltungen, die Besucher von auswärts anlockten, verbesserten die Konkurrenzfähigkeit von Städten, die solche Strategien verfolgten. Schließlich zeigten sich auch intensivere Anstrengungen, teilweise durch die Pest und hygienische Problematisierungen ausgelöst, zur Verbesserung von Wasserversorgung, öffentlicher Sauberkeit und dem Zustand von Straßen und Plätzen (vgl. unten Kap. 5.4, S. 109).23

Städte wurden also, nachdem sich die Verhältnisse wieder etwas stabilisiert hatten, durchaus attraktiv, sie zogen viele Neubürger an. Von daher gelang es den Städten deutlich rascher als dem Land, vor allem durch Zuzug ihre pestbedingten Bevölkerungsverluste wieder auszugleichen. Die Anteile städtischer Bevölkerung stiegen im Kontext sinkender oder stagnierender Gesamtbevölkerung signifikant. Kamen 1350 auf 100 Dorfbewohner 11 Stadtbewohner, so lag die Quote hundert Jahre später bei 100:17. Um 1450 hatten viele Städte vor allem dank Zuwanderung ihren Bevölkerungsstand von vor der Pest in etwa wieder erreicht. Für Köln, die größte deutsche Stadt vor der Pest, geht man von einer Bevölkerung von 35.000–40.000 um 1340 aus; erst um 1460/70 war der Bevölkerungsverlust dann wieder ausgeglichen.24 Allerdings lassen sich auch mancherorts gleichzeitig Aufstieg und Stagnation beobachten, etwa beim Boom der holländischen Städte, wo im 15. Jahrhundert die Urbanisierungsrate bis 1470 auf 44 % stieg, neben dem Stillstand älterer flandrischer Städte wie Brügge oder Ypern. In Deutschland nahmen süddeutsche Städte mit intensiven Handelsbeziehungen nach Italien, etwa Nürnberg, Ravensburg oder Augsburg einen deutlichen Aufschwung, während die norddeutschen Städte mehr zurückblieben.25

Auf gesellschaftlicher Ebene brachte die Pest langfristig nördlich der Alpen eine Polarisierung der Agrarverfassung. Während sich im Osten, östlich der Elbe, in den Gebieten, die im Zuge der Ostkolonisation erschlossen worden waren, der Feudalismus in Richtung einer zweiten Leibeigenschaft entwickelte, die Gutshofwirtschaft in großen Gütern gestärkt wurde, ging die Tendenz im Westen mehr hin auf eine Stärkung der Position der bäuerlichen Vollbetriebe. Die im Hochmittelalter entwickelten Tendenzen zu einer Monetarisierung, einer Ablösung feudaler Pflichten durch [<<96] Geldbeträge, brachen hier nicht ab, die Hofgröße wuchs. Verstärkt wurde dies auch durch die wirtschaftliche Strahlkraft der im Westen deutlich dichter im Raum verteilten Städte. Von ihnen gingen im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit starke Impulse zur Ausbildung eines Verlagswesens (vgl. Kap. 4.6, S. 85) aus, das für die unterbäuerlichen Schichten auf dem Land zusätzliche Erwerbsmöglichkeiten schuf. Ein wichtiger Grund für diese Auseinanderentwicklung lag auch in der starken Zersplitterung von Herrschaftsrechten an den Bauern im Westen, während im Osten die Gutsbesitzer sehr viel mehr verschiedene Rechte (Grundherr, Gerichtsherr) in ihrer Hand vereinigten und daher sehr viel effektiver und mit geringerer Konkurrenz gegenüber anderen Herren ihre Leibeigenen kontrollieren konnten.26 Ebenso war die Zahl von Wüstungen im Westen insgesamt geringer. Die Städte im Westen leisteten stärkeren Widerstand gegen die Tendenzen zur Refeudalisierung und widersetzten sich massiv den aus städtischer Perspektive als Rechtsbruch gesehenen Aktionen der Ritter. Diese holten sich in der Absicht, den massiven Rückgang ihrer Renteneinkommen wegen der Agrardepression zu kompensieren, in wachsendem Umfang durch Überfälle und Erpressung von Kaufleuten das, was ihnen ihrer Ansicht nach zustand. Solche Übergriffe gegen den Landfrieden, der für die städtische Wirtschaft und das Gedeihen des Handels besonders wichtig war, an die Friedensgarantie des Markgrafen von Zähringen für die Freiburger Kaufleute sei erinnert, provozierten den Widerstand von Städten und Landesherren. In gemeinsamen Heerzügen zerstörten Städte und Landesherren die Burgen dieser „Raubritter“ und versuchten, das Land insgesamt wieder zu befrieden.27

Auf mentaler und kultureller Ebene hatte die Pest hochgradig ambivalente Folgen: Kurzfristig führte das große Sterben zu einer massiven Verunsicherung der Bevölkerung; die ohnehin schon ausgeprägte Unsicherheit der täglichen Existenz steigerte sich ins Unermessliche. Weil viele Menschen im religionsgeprägten Sinnhorizont der Zeit die Pest als Strafe Gottes interpretierten, blühte religiöses Sektierertum; es bildeten sich große Gruppen von Geißlern und Flagellanten, die – sich selbst ob ihrer „Sündhaftigkeit“ blutig schlagend – durch Städte und Dörfer zogen. Allerdings traten Geißler häufig auch in Regionen auf, wo die Pest noch gar nicht ausgebrochen war, sie stellen [<<97] also eine Reaktion auf eine antizipierte Heimsuchung dar und könnten durchaus durch die erhöhte Mobilität zur rascheren Ausbreitung der Pest beigetragen haben. Eine weitere Reaktion der städtischen Bevölkerung war die Suche nach Sündenböcken, wozu insbesondere Minderheiten wie die in zahlreichen Städten ansässigen Juden ausgewählt wurden. Vielerorts wurde den Juden vorgeworfen, sie hätten die Brunnen vergiftet. Es kam zu zahlreichen Pogromen gegen die jüdischen Gemeinden, in vielen Städten wurden die Juden für lange Zeiträume aus der Stadt verbannt, ihr Eigentum verfiel der Stadt, Schulden, die zahlreiche Bürger bei den Juden als Geldverleihern hatten, waren getilgt. Auch hier, wie bei den Geißlern, gilt aber, dass häufig die Judenpogrome dem tatsächlichen Auftreten der Pest vorausgingen. Karl IV., unter dessen Schutz die Juden eigentlich standen, duldete dieses Vorgehen. In Nürnberg wurde 1349 das Judenviertel komplett abgerissen und an seiner Stelle der großzügige Marktplatz mit dem Ende des 14. Jahrhunderts erbauten „Schönen Brunnen“ angelegt. Das erste nachgewiesene Auftreten der Pest in Nürnberg erfolgte aber wohl erst 1359.28

Längerfristig trugen die Pest und ihre mentale Verarbeitung bemerkenswerterweise zu einer stärkeren Diesseits-Orientierung bei zahlreichen Menschen bei: War das Leben schon so unsicher und kurz, so wollte man es umso mehr genießen, Lebensgenuss und eine stärkere Individualisierung spielten nach 1348 eine zunehmend größere Rolle.

5.3 Der Raum der Stadt
5.3.1 Das Umland der Stadt

Zum Zeitpunkt der Pest hatte sich die europäische Stadt schon als vielfältiges und differenziertes gesellschaftliches Phänomen etabliert, der Typus der „okzidentalen Stadt“, wie ihn Max Weber gefasst hat, war ausgebildet.29

Wie präsentierte sich die europäische Stadt nun baulich-räumlich, was erwartete einen Reisenden üblicherweise, wenn er in eine ihm unbekannte Stadt kam? [<<98] Selbstverständlich kann eine solche idealtypische Beschreibung immer nur eine Annäherung liefern; Größe, topografische Lage, wirtschaftliche Struktur, aber auch politische Phänomene wie Stärke oder Schwäche der Stadtherrschaft oder Nähe bzw. Ferne anderer konkurrierender Städte sorgten für vielfältige lokale Unterschiede. Dennoch gab es gemeinsame Charakteristika, die es erlauben, von einer „europäischen Stadt“ zu sprechen.30

Näherte man sich einer größeren Stadt in einer Ebene oder einer mit Fernblicken begünstigten Landschaft, so stachen natürlich schon von Weitem die hochragenden Kirchtürme und die häufig imposanten Mauern und Stadttore ins Auge. Aber noch weit vor der Stadt, in einer Entfernung von rund 5 km, traf der Reisende bei Städten, die über ein umfangreicheres Territorium jenseits ihrer Mauern verfügten, auf einen ersten rudimentären Befestigungsring, meist mit Gräben und Hecken ausgebildet, die sogenannte Landwehr.31 Diese Landwehr hatte die Aufgabe, die stadtnahen Dörfer sowie die außerhalb der Stadt gelegenen, aber für die städtische Versorgung wichtigen Kulturflächen der Stadtbürger zu schützen. Sie sollte verhindern oder erschweren, dass im Fall von Krieg und Belagerung das Vieh geraubt oder die Felder abgebrannt wurden. An den zur Stadt führenden Straßen war die Landwehr durch Türme und Tore markiert, wo Turmwächter Ausschau hielten und die Annäherung verdächtiger großer Gruppen rasch in die Stadt melden mussten. Die Rothenburger Landwehr war etwa 62 km lang und wies neun Türme auf.32

Das Land zwischen Mauern und Landwehr diente nicht nur als militärischer Puffer; hier hatten zahlreiche städtische Bürger auch Grundbesitz; disponibles Kapital wurde [<<99] in der mittelalterlichen Gesellschaft (vgl. Kap. 4.5, S. 82) häufig in landwirtschaftlichem Besitz angelegt. Hatte der Reisende die Landwehr passiert, traf er im Vorfeld der Mauern auf eine Reihe von Einrichtungen, die funktional zur Stadt gehörten, sich aber fast immer außerhalb der Mauern befanden: Besonders bekannt sind hier die Lepra-Häuser, in den Quellen teilweise auch „Sondersiechen-Häuser“ genannt, also Einrichtungen, in denen die Aussätzigen lebten, meist durch Spenden der Stadtbürger oder durch ein Stiftungsvermögen des Leprahauses unterhalten. Gelegentlich wandelten sich diese Häuser im Spätmittelalter zu allgemeinen Spitälern, die chronisch Kranke und Menschen aufnahmen, die sich wegen Alter oder Gebrechlichkeit nicht selbst versorgen konnten.33 Außerhalb der Mauern waren auch große und wenig stadtverträgliche Gewerbebetriebe angesiedelt, z. B. Hammermühlen oder Walkmühlen zur Verarbeitung von Metallen und Tuchen. Solche Betriebe wurden durch Mühlräder an Bächen und Flüssen angetrieben, teilweise gab es auch künstliche Mühlkanäle, die das zum Antrieb dienende Wasser von Flüssen heranführten. Außerhalb der Stadt fanden außerdem flächenintensive Aktivitäten wie das Bleichen der Tuche statt; Steinbrüche und Lehmgruben für die Ziegelproduktion usw. lagen vor den Toren. Städte, die in großem Umfang von Holzzufuhr auf dem Wasserweg abhängig waren, hatten häufig große Holzlagerstätten am Flussufer außerhalb der Stadt.

Nicht selten finden wir auf Abbildungen auch die Richtstätte vor den Toren, häufig auf einer Hügellage wie auf Abbildung 7 im Vordergrund vor Nürnberg. Der Henker, ein wichtiger Beruf in der mittelalterlichen Stadt, war nicht ehrbar; er wohnte vor den Toren und verdiente seinen Unterhalt neben den – eher seltenen – Hinrichtungen mit der Entsorgung toter Tiere, teilweise auch mit der Entleerung von Abortgruben.34 Die Lage der Richtstätte vor den Toren konnte auch darauf hinweisen, dass die Hoch- oder Blutgerichtsbarkeit nicht vom städtischen Magistrat, sondern von einem anderen Stadtherrn ausgeübt wurde. Vor den Toren konnte der Reisende auch Wiesen und Gärten der Stadtbürger sehen, außerdem hielten sich häufig zahlreiche Bettler vor den Toren auf, denen der Zutritt zur Stadt nicht gestattet wurde. [<<100]


Abb 7 Nürnberg in der Schedelschen Weltchronik

5.3.2 Vor den Toren: Die Stadt als Festung

Unmittelbar vor der Stadt angekommen, stachen natürlich in erster Linie die mächtigen und hohen Stadtmauern ins Auge, die die Stadt physisch und auch rechtlich vom Umland abgrenzten. Der Bau dieser Mauern war meist der größte Ausgabenposten im städtischen Haushalt, die Bürger wurden nicht nur finanziell durch Steuern und Abgaben zu ihrer Finanzierung herangezogen, sondern mussten auch selbst bei Schanzarbeiten mit Hand anlegen.35 Wie Hartmut Boockmann betont, steht „[…] die Stadtmauer […] auch aus diesem Grunde an den Anfängen städtischer Autonomie.“36 Zunächst einfache Erd- oder Palisadenwälle, wurden die Mauern im Lauf der Jahrhunderte immer wieder verstärkt, durch gemauerte Wälle ersetzt und erhöht. Vorspringende Halbtürme dienten dazu, auf Belagerer schießen zu können, die versuchten, die Mauern zu erklimmen, und vom Wehrgang hinter der Mauerkrone [<<101] konnte man die Angreifer unter Beschuss nehmen. Die Bürger waren zusätzlich verpflichtet, sich an der Stadtverteidigung zu beteiligen. Teilweise war die Mauerverteidigung nach Stadtbezirken oder Kirchspielen, teilweise nach Zünften organisiert. Bis zur Einführung mauerbrechender Artillerie waren Städte militärisch vergleichsweise gut geschützt; es gelang Angreifern eher selten, eine Stadt durch brachiale Gewalt zu erobern; eher führten listige Täuschungsmanöver, das Ausnutzen innerer Konflikte in der Stadt, Unterbrechung der Wasserversorgung oder Aushungern durch langfristige Belagerung zum Ziel. Die Schutzfunktion der Stadt, ihr Charakter als “Groß-Burg“ war also im Mittelalter sehr ausgeprägt; Mauern und Stadttore traten daher prominent auf Stadtwappen und Siegeln von Städten in Erscheinung.37

An den Toren, Scharnier zwischen Stadt und Umland, fand die Kontrolle der in die Stadt Kommenden und der die Stadt Verlassenden statt. Der Torwächter fragte nach Zweck des Besuches, ließ sich gegebenenfalls Bürgen für den Fremden in der Stadt nennen und erhob ein Torgeld. Am Tor wurden auch Zölle auf die in die Stadt eingeführten Waren, aber auch auf Vieh erhoben.38 Diese Zölle und Abgaben machten einen erheblichen Anteil der städtischen Einnahmen aus. Nachts blieben die Stadttore geschlossen, wer zu spät, nach Torschluss, bei einer Stadt ankam, musste draußen warten, bis die Tore wieder geöffnet wurden. Allerdings gab es häufig auch Herbergen und Gaststätten vor den Toren. Die Tore selbst, meist nur an den wenigen Hauptausfallstraßen der Stadt errichtet, trugen außen nicht selten Wappen des Stadtherren, bei Reichsstädten demnach den Reichsadler, oder Bilder/Skulpturen der Heiligen, die die Stadt als Patron gewählt hatte. Sie dienten häufig auch als Orte der Justiz, beherbergten Stadtgefängnisse und markierten die Grenze des Stadtrechtsbereichs im engeren Sinne. Wenn Frankfurt die Schädel des Aufrührers Fettmilch und seiner Genossen nach der Hinrichtung 1616 am Brückenturm anbrachte, wo er noch von Goethe Mitte des 18. Jahrhunderts registriert wurde, so warnte die Stadt damit alle, sich nicht gegen die städtische Obrigkeit aufzulehnen.39

Der Graben vor den Mauern diente häufig als Mülldeponie; er wurde – trotz Verbots – zur Entsorgung aller Arten von Abfall genutzt. Nahte eine feindliche Armee, musste daher der Stadtgraben, der ja fortifikatorische Bedeutung hatte, [<<102] schnellstmöglich ausgeräumt und in seiner Funktion als Barriere wieder hergestellt werden.40 Im Zuge des Stadtwachstums vor allem seit dem frühen 12. Jahrhundert rissen Städte wiederholt ihre ehemaligen Mauern ab und errichteten neue, weiter ausgreifende. Am Grundriss mittelalterlicher Städte lässt sich daher oft noch der Verlauf der alten Mauerlinie ablesen, weil der Grund und Boden der alten, häufig kreisförmigen Mauern, nicht wieder neu bebaut, sondern für öffentliche ringförmige Straßen umgenutzt wurde.

Dort, wo etwa eine Befestigung der Uferfront schwierig oder funktional kontraproduktiv war, gestaltete man Gassen, die vom Ufer in die Stadt führten, sodass sie als Engpässe im Falle des Eindringens von Feinden rasch blockiert werden konnten. Flüsse wurden als potenzielle Einfallstore im Kriegsfall durch schwere Ketten quer über den Fluss gesperrt, wasserdurchlässige Palisadenzäune verhinderten die unkontrollierte Annäherung von Kriegsschiffen etwa in Zürich. In Städten wie Basel, Lübeck oder Regensburg kann man heute noch an Hauswänden Ösen erkennen, in die schwere, das Vordringen von Feinden behindernde Ketten gehängt wurden. Innerhalb der Stadt diente das Zeughaus als städtisches Waffenmagazin, wo aufwendigere und komplizierte Kriegsgeräte wie Kanonen, teilweise aber auch Turnierwaffen und -harnische gelagert wurden. Einfacheres Kriegsgerät wie Spieße, Helme oder Brustpanzer mussten die „Spießbürger“, also die zu Wehrdienst verpflichteten Bürger, bei sich zu Hause aufbewahren und auch selbst anschaffen und unterhalten.41 Die heute nur noch in San Gimignano in der Toskana zu bewundernden „Geschlechtertürme“ waren ein typisches Merkmal spätmittelalterlicher Städte auch nördlich der Alpen. In diesen fortifikatorisch ausgebauten Stadthäusern konnten adlige oder patrizische Familien innerstädtische gewaltsame Konflikte über längere Zeiträume aussitzen.42 [<<103]

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