Kitabı oku: «Der Andere - Auto-Bio-Grafie eines bisher noch Unbekannten»

Yazı tipi:

Dietmar Halbhuber

DER ANDERE

AUTO-BIO-GRAFIE

eines bisher noch Unbekannten

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2021

Bibliografische Information durch die Deutsche

Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet

diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

https://dnb.de abrufbar.

Copyright (2021) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vor Wort

Musik in den Knochen

Anruf

Auf den Arm genommen

Ritter-Schlag

Bomben-Geburt

Unter-Erd-Film

Viecher fangen

Ganz in Weiß

Ziegel schmeißen

Umbruch

Bar ohne Bier

Der Klassenfeind in der Schule

Brand-Rede

Knick im Blick

Gestoppter Bulle

Von Hoher Hand umgestellt

Gelungene Flucht

Zum Führer gekürt

Trabbi & Träcker

Gelungener Betrug

Vom Rad gebellt

Gestoppter Dorf-Bulle (1)

Gestoppter Bulle (2)

Feuer-Spiele

Schaf Wald Bummel (1)

Schaf Wald Bummel (2)

Schaf Wald Bummel (3)

Schnee-Schieber

Hans allein zu Haus

Mäuse-Mord

Preisgekrönt

Abgehauen

So Nicht!

Muuuh!

We Be Aa

Tag der Befreiung

Verkohlt

Bärtiger Mann mit Geschenk-Sack

VEB Erdmöbel

Kundgebung der Anderen Art

Zusammenrottung

Wohnen in der Pauke

Bebende Lüfte

Lärm Traum Haft

Ramm! Stein!

Frisch Gemähtes

Neue Flucht-Versuche

Kauf-Land

Vom Bullen gestoppt

Freund und Helfer

Hilfe aus dem Himmel

Erwischt!

Ausgebremst

Nach Wort

LebensLauf

Endnoten

Vor Wort


Es war einmal ein Mann.

Der hatte eine Kindheit.

Und in der war er ein Junge.

(Wie das im Leben eben so ist …)

Und, liebe Leserin, lieber Leser, fragst Du Dich gerade:

- Was soll das? Dieser Blödsinn am Anfang???

Und sagst Dir dann aber:

- Na, mal sehen, ob das weiter so geht?!?

Dann ist es genau das, was ich als Autor erreichen wollte.Weiß ich doch, dass heutzutage spannend sein muss, was gelesen werden will. Es erwecken, das neuzeitlich „Jumen Intrist“ genannte Interesse! Neugier erzeugen!

Das schließlich hatte der hier Hans Huber Genannte als Journalist, der er zu seligen DDR-Zeiten mal war, gleich nach dem „Wende“ genannten Groß-Ereignis von seinen neuen Chefs aus dem Westen gelernt. Und was er weit später noch zu lernen gehabt hatte: Dass, wer Geschichten aus seinem Leben zur Welt bringen will, ein VIP sein muss – eine Very Importante, sehr wichtige Persönlichkeit! Das aber hatte Hans Huber ja doch sein ganzes – nun schon ziemlich sehr langes – Leben lang versäumt: Sich einen Namen zu machen, bekannt oder gar berühmt zu sein!

Solch bekannte Namen hatte er zwar, da er, nach dem frechen Austritt aus dem sozialistischen Journalismus, mal in Mecklenburg auf dem Lande siedelte, seinen Schafen verpasst: Walter, Erich, Egon, Lotte, Margot. Und wer, wie diese Schäfinnen und Schafe, ein gebürtiger Ossi ist, wird wohl noch wissen, was das hieß. (Und den West-Geborenen oder Nach-Wende-Jangsters kann man es ja hier kurz erklären: Die Vornamen der Großen Vorsitzenden Ul-bricht, Honecker und Krenz – und auch die von deren Gattinnen – waren das. Mitten zu noch DDR-Zeiten!)

Die Schafe also: Werry important!

Er aber, Hans Huber???

Armer Poet ja doch alles in allem sein nun schon ziemlich langes Leben lang – nicht all so important also.

Wie aber soll das dann gehen: Die Leserin/den Leser zum Lesen hin locken?

Bei der Geburt und damit da anfangen, wo alles im Leben anfängt?

Langweilig ja doch – weil: Allzu üblich! Auch der Hans hatte da ja doch nur das getan, was auch der Walter, der Erich, der Egon, die Lotte, die Margot und alle anderen Angehörigen der Welt-Bevölkerung ganz am Anfang tun: Zwischen zwei Beinen war er heraus gekrochen, den Beinen einer Frau. So aufgeklärt sind doch heute schon die kleinsten, wie sie jetzt heißen, „Kids“, dass sie das wissen!

Aber ach!

Mindestens zwei Mal im Leben war er das ja doch:

Eine Werry Importante Persönlichkeit!

Salute!


Hans Huber schreitet in die „Alte Wache“ 1 ein.

Es ist Ende der 80er Jahre, kurz vor dem Ende der Deutschen Demokratischen Republik (was da freilich, wie wir wissen, noch keiner weiß) in da noch Ost-Berlin.

Die beiden uniformierten Wachmänner am Eingang schultern, wie unser Hans zwischen ihnen hindurch schreitet, straff das Gewehr um. Beide im gleichen Moment. Huber verweilt, anders, als alle anderen Besucher hier, nur kurz in der Halle und schreitet dann gleich wieder raus aus dem Ehren-Haus.

Und???

Was tun da die beiden Wachmänner am Eingang???

Sie schultern straff wieder um!

Beide wieder im gleichen Moment.

Hans Huber schreitet zu den beiden Freunden hin, die heute von der Provinz her zu ihm nach Berlin zu Besuch gekommen sind.

- Und? Gesehen?

Die beiden Freunde nicken. Woraufhin der Freund nicht etwa bei ihnen verweilt, nein: Kehrt macht er, kehrt zur Wache zurück und schreitet da dann wieder durch die beiden Wach-Soldaten hindurch.

Die beide auch gleich wieder was tun?

Sie schultern, obwohl sie das eben erst getan hatte, wieder um:

Wumms!

Bumms!

Auch diesmal aber schreitet unser Hans, ohne zu besichtigen oder zu gedenken, gleich wieder aus der Halle raus.

Und gleich auch schultern die Wachmännern straff wieder um.

Hans Huber schreitet, diesmal in bedeutendem Staats-Mann-Schritt, wieder zu seinen Freunden hin, die nun schon belustigt grinsen.

Und wieder und wieder wiederholt Hans Huber seine Rein- und Raus-Gänge. Und wieder und wieder schultern die Wachmänner, wenn er zwischen ihnen hindurch schreitet, flott um:

Wumms!

Bumms!

Bumms!

Wumms!

Die Freunde lachen erst immer mehr. Wie sie dann aber gar noch anheben wollen, Beifall zu klatschen, da herrscht Freund Hans sie aufgeregt an:

- Das doch nicht!

Was nämlich, wenn die anderen Leute hier mitkriegten, was er da tut! Schon ja doch sind die ersten Spaziergänger vor der Halle stehen geblieben, staunen und fragen sich:

- Was soll das???

Und wenn die nun das tun, was zu diesen Zeiten im kleinen Land alle zu tun haben, wenn es zu klatschen anhebt? Wenn sie mitklatschen?

Ganz so, wie immer für die, wie sie eben ein bekannter Liedermacher benannt hat, „Tribunen auf den Tribünen“! Und wie Hans Huber es vor kurzem auch einen blau beblusten Sprechchor vor einer der Tribünen so hat rufen hören:

- Die Sonne lacht, wir sind so froh, hoch lebe das Politbüro!

Nein!

Das jetzt und hier nicht!

Flöge doch umgehend auf, welche Untat der Hans da eben tut!

Und dann???

Ab vor das Tribunal!!!

Knast vielleicht gar???

- „Verunglimpfung der staatlichen Wach-Organe“!

Winkt der Hans die Freunde also flugs zur U-Bahn hin. Erst mal weg hier! Raus aus der Mitte der Hauptstadt, wo ja da noch ganz in der Nähe die Tribunen in ihren Palästen residieren.

U-Bahnen sie also zum Prenzlauer Berg hin – da noch Szene-Viertel, mit all den aus der Provinz herbei gezogenen verrückten Typen – wo Hans Huber seit einiger Zeit wohnt. Und da natürlich gleich erst mal in den „Kahn“, dem da noch einzigen Kneipchen weit und breit.

Bestellen sie sich bei der Gela, einer der wenigen freundlichen Kellnerinnen im ganzen Land, ein Bierchen und klärt Hans Huber die beiden Freunde dann auch gleich auf.

War er doch, anlässlich eines Besuchs seiner stramm sozialistischen Eltern mit dem Genossen Vater an der Spitze, vor kurzem schon mal in die „Alte Wache“ eingeschritten und hatte, wie er da zwischen den Wachmännern hindurch schritt, ein so komisches Zischeln gehört:

- Gssst!

Und hatte er, wie das im Dicken Damals so war, gleich erst mal befürchtet, wieder was falsch gemacht zu haben!

Bis dass der Genosse Vater, da zwar in Zivil anmarschierter, immerhin aber doch strammer Volks-Polizei-Major, hatte der ihn aufgeklärt:

- Irgendwann ja doch ziemlich schwer so ein Gewehr – immer nur auf der einen Schulter! Wie das aber dem Genossen nebenan verklickern, wenn Du hier stramm zu stehen und dabei immer nur das zu tun hast:

Augen!

Gerade!

Aus!

Siehst Du doch nur, was vor Dir ist, nicht das daneben! Und umschultern müssen die nun mal beide gleichzeitig! Gehört sich doch so, oder?!? Dem Genossen neben Dir aber zurufen: ‚Du: Ich kann nicht mehr!’ Das geht ja nun gar nicht!

Das hatte der Vater gesprochen und seinen Hans dann auch gleich aufgeklärt:

- Zischeln! Geheimes Zeichen geben:

Gssst!

Na, und das hatte Sohn Hans, politisch frech, wie er inzwischen geworden war, heute also mal ausprobiert: Ob das auch ginge, wenn nicht einer der beiden Strammsteher, sondern er zischeln würde. Konnte der Eine ja vom Anderen nicht wissen, dass der gar nicht …

Und?!?

Wem hatten die beiden Wach-Männer also immerfort salutiert!?!

Wenn nicht einem Abtrünnling?!?

Der Kneip-Tisch wackelt vor Lachen. Gela bringt noch das eine oder andere Bier und die beiden da Sitzenden stellen sich dabei vor, was da in der Dienst-Besprechung „Unter den Linden“ hernach wohl abgegangen sein musste. Wenn sich die beiden Staats-Soldaten vor ihrem Vorgesetzten gegenseitig bezichtigten, heute so oft immer wieder gezischelt zu haben …

- Prost!

Staatsmacht durcheinander gebracht!

- Prost!

Wir hier aber, liebe Leserin, lieber Leser, schreiten erst mal dahin zurück, wo das Alles in die Körper-Zellen von unserem Hans hinein gekrochen war und sich da lebenslang festgesetzt hatte …

Musik in den Knochen


Still!

Stann!

Der Seppel 2 steht still.

- Die Augen!

- Gerade!

– Aus!

Der Seppel lässt seine Augen nach vorne gucken.

- Im Gleichschritt Marsch!

Der Seppel seppelt los.

Links!

Zwoo!

Drei!

Vier!

Ein Bein. Das andere. Wieder das eine …

– Links um!

Der Seppel marschiert straff um die Ecke. Und die Musik dazu beschwingt seine kleinen Beine:

- Wummtata!

– Wumm!

Der Onkel, der da die Befehle erteilt, meint zwar nicht ihn. Immerhin aber: Auch er gehorcht dem Befehle-Geber. Wie die vielen Onkels alle, die in ihren blauen Uniformen straff neben dem Seppel her marschieren.

Und wie da einige von denen auch noch auf das große Ding rauf hauen, das sie vor dem Bauch haben:

Wumms!

Bumms!

Und wie andere in die Blech-Dinger rein blasen, die sie sich vor die Gusche 3 halten:

Tätä!

Tätääääh!

Und wie sie das Alles auf einmal machen: Laufen und blasen und hauen! Alle immer im gleichen Schritt und Tritt!

Links!

Zwoo!

Drei!

Vier!

Und da also seppelt unser Seppel nun zackig mit!

Es ist auf dem Hof der Alten Kaserne in Dresden, wo der Seppel mit der Mutt’l 4 bei seinem Vat’l 5 zu Besuch ist. Erst mal hatte er, wie fast jeden Tag hier, unten auf dem Hof bissel in dem großen Sand-Haufen gebuddelt. Wie er da aber dann dieses Wummtattaa zum ersten Mal gehört hatte, da hatten sich ihm die Augen und die Ohren aufgerissen und gleich auch war er hin geseppelt 6 zu den blauen Marsch-Onkels, hatte sich da am Rande aufgestellt und gehorcht und geguckt, was da wie abging.

Und da dann war ja bald auch das nicht mehr gegangen: Einfach bloß einfach zugucken! Gar zu sehr doch fuhr diese straffe Musik in seine kleinen Knochen hinein. Und schon auch huben die an, zu jucken und zu zucken.

Hatte sich der Seppel irgendwann dann also selbst auch so bissel stramm auf dem Fußweg neben der Marschier-Straße aufgestellt und war mit den jungen Onkels mitmarschiert. Und dass die Musik, die da den Takt angab, an diesem Punkt seines Lebens anhub, sich immer weiter hinein zu fressen in die Zellen seines Körpers, das merkte der Seppel zwar erst weit später in seinem Leben. Immerhin aber: Er merkte es! Und wie stur und wie lange diese Musik da dann hockte! Ja: Immer dann, wenn er später im Leben wieder mal solche Marsch-Musik hörte, begannen die dann schon sehr viel älteren Zellen zu zucken und ließen den Hans mitmarschieren wollen. Auch dann noch, als er lang’ schon ein Renitenter war …

Da!

Plötzlich!

Hört der Seppel das rufen:

- Seppel!

Der Seppel erschrickt.

- Seppel!!

Die Gute Mutt’l! Sie ruft nach ihm! Vom Sandhaufen her, wo er ja doch spielen gesollt hatte …

- Seppel!!!!

Seppelt der Seppel also gleich erst mal wieder zum Sandhaufen und da zu seiner gut’n Mutt’l hin.

- Wo warst du denn?“

- Ich musste mal!

Das schwindelt 7 der Seppel da dann gleich. Hatte ihm seine liebe Oma doch neulich erst verraten, wie er sie gefragt hatte, ob man das darf: Schwindeln.

Und hatte die Oma ihm da das verraten:

- Ja, manchmal darf man das. Aber nur manchmal!

Heute also! Und so fragt der Seppel seine Mutt’l auch gleich erst mal, was denn die Onkels da drüben machen tun, die er, wie er eben bullern 8 war, gesehen hat. Und die Mutt’l erklärt es ihm dann auch gleich:

- Ist doch gleich 1. Mai – und da müssen die das üben: An den Hohen Onkels vorbei marschieren, die da oben auf der Tribüne stehen.

Weshalb sie Beide ja jetzt auch beim Vat’l für paar Tage zu Besuch sein täten. Dass sie den 1. Mai also mal hier mitfeiern könnten.

Warum der Vat’l hier in der Großen Alten Kaserne ist, das hatte die Mutt’l ihrem Seppel erklärt, wie sie mit dem Zug von ihrer kleinen Stadt nach hier ins Große Dresden her gefahren waren: Dass der Vat’l hier doch lernt, wie das geht: Als guter Volgs-Bolizeier 9 aufpassen, dass auch ja Alle im Volk immer gut sind und nicht etwa etwas machen tun, was der Guten Sache nicht gut tun tut. Oder irgendwie so. Dass die Leute also immer alle artig sein sollen, wie er, der Seppel, das ja auch immer sein muss …

Und einen Tag später ist es dann auch so weit:

1. Mai!

Und sie dabei!

Gleich früh am Morgen putzt die Mutt’l sich blau und ihren Seppel weiß heraus und nimmt ihn dann mit hin zu einem Fuhrwerk mit zwei Pferden davor, das hübsch mit Mai-Nelken geschmückt ist. Steigt da hoch, die Mutt’l, hebt auch ihren Seppel da rein und ab geht die Post mit der Kutsche!

Ganz vorne machen die uniformierten Onkels wieder das, was sie gestern mit ihm and der Seite geübt hatten:

Wummtataa!

Wumms!

Bumms!

Dahinter marschiert der Vat’l mit den anderen Polizeiern und da dahinter fahren nun die Gute Mutt’l und er, der Seppel, umflattert von den vielen roten und schwarz-rot-bunten Fahnen und Transparenten mit der Pferde-Kutsche in der Mai-Demo der Bezirks-Hauptstadt lang.

Und wie begeistert die Leute an den Straßenrändern sind!

Jubel!

Trubel!

Heiterkeit!

Bis dass sich dem Seppel auf einmal die Augen aufreißen!

Weit!

Hatte das eine der beiden Pferde vor ihm doch eben seinen Schwanz angehoben und so komische Äpfel hinten aus sich raus fallen lassen!

Wumms!

Plumps!

Und diese Äpfel ballern nun auf das grobe Pflaster der Straße.

Also nee!!!

Diese Frage aber kann sich der Seppel, klein, wie er da noch ist, nicht stellen: Ob die beiden Viecher vor ihm also ganz und gar anders über die Sache denken, vor deren Karren sie heute wieder mal gespannt sind.

Als wie:

– Scheiß drauf!

Anruf


- Die Beißung des Kindes erfolgte seitens des Hundes.

Dieser Satz schießt unserem Hans durch den Kopf, wie er weit später in seinem Leben und da dann schon sozialistischer Journalist, gerade wieder an seiner Tipp-Maschine sitzt und das zu tun hat:

Tippen!

Tippen!!

Tippen!!!

Jener Satz, den der Sprach-Lehrer während des Volontariats vor einigen Jahren als Symptom der Sprach-Krankheit „Substantivitis“ vor sie hin gestellt hatte.

Und sie, die Volontäre, was hatten die da gelacht!

Nun sitzt Hans Huber also im Groß-Raum der Nachrichten-Abteilung der „Jungen Welt“, ihres Zeichens einzige und größte Jugend-Zeitung des da noch nicht ehemaligen Landes, und hat wieder in seine Maschine hinein zu tippen, wo und wie sich die Größten Genossen des Kleinen Landes heute wieder dem Erscheinen hinzugeben gehabt hatten. Und streng achtet er dabei darauf, dass das, was diese Genossen, wenn sie in Erscheinung treten, immer auch mit sich führen, dass das um Gottes Willen nicht der Weglassung anheim fällt:

All ihre Titel!

Hackt er also das in seine Tipp-Maschine hinein:

„Erich Honecker

Komma

Erster Sekretär des ZK der SED

Komma

Vorsitzender des Staatsrates

der Deutschen Demokratischen Repu …

Das Telefon klingelt.

Hans Huber nimmt den Hörer ab. Der Mann am anderen Ende der Leitung fragt, ob da er, Hans Huber, sei. Hans Huber bejaht es. Woraufhin der Mann das spricht:

- Wir haben Dich gefunden!

- Ach?!? Und wer sind Sie?

- Frankenberg hier!

- Aha!

Der Ort seiner Kindheit!

- Und? Was gibt es?

- Auf dem Foto – das bist doch Du?!?

Das fragt es zurück. (…und Dir, liebe Leserin, lieber Leser, die/der Du nicht im Ehemaligen Land gelebt hast und jetzt vielleicht verdutzt dreinschaust, sei gesagt, wie das im Dicken Damals in der Partei der Arbeiterklasse so üblich war: Da haben sich alle geduzt – auch, wenn sie sich gar nicht kannten!)

- Welches Foto?!?

- Na, wer hat denn in wenigen Tagen Geburtstag???

- Geburtstag?

- Hundertsten!!!

Hans Huber denkt nach, fragt dann aber da gleich erst mal das:

- Kannst Du später noch mal anrufen? Ich hab’ hier gerade voll zu tun!

Er legt, als der Mann am anderen Ende bejaht hat, den Hörer auf und tut wieder das:

Tippen!

Tippen!!

Tippen!!!

(Die vielen Namen und Titel kopieren und sie später dann per Maus-Klick einfach einfügen in den Text, das geht ja da lange noch nicht …).

Tippt er also gleich erst mal noch den anderen Erich auf sein Papier rauf:

Erich Mielke

Komma

Mitglied des Politbüros des ZK der SED

und Minister für Staats …

Komma …

Und immer wieder so weiter und so fort …

Was ja alles, wie unser Hans weiß, nachher gleich noch mal wieder abzutippen sein wird! Hatten die beiden Erichs und all ihre Genossen heute doch noch einen zweiten Termin gehabt. Und auch da hatten sie natürlich wieder all ihre Titel mit hin geschleppt. Wird also – direkt neben dem Artikel, den er gerade tippt – noch ein zweiter auf Seite 1 stehen. Und auch da werden dann wieder all ihre Titel mit den Hohen Genossen herum stehen und haben also auch da wieder korrekt der Aufzählung zugeführt zu werden.

Lesen wird das morgen zwar sowieso wieder keiner, das weiß unser Hans gut – außer den Kontroll-Genossen im ZK drüben und dem Diensthabenden Chef hier im Haus natürlich:

Die lesen das!

Aber wie!!!!

Und wehe, da sind nicht alle Titel exakt mit aufgestellt! Singen könnte der Hans sie weit später in seinem Leben noch, so auswendig kennt er all diese Titel.

Das Telefon klingelt.

Der Hans nimmt den Hörer ab.

- Und? Weißt Du es inzwischen?

- Na klar!

War ihm beim Titel-Tippen doch eben eingefallen, wer das nur sein konnte, der da 100 wird:

Wilhelm Pieck

Komma

Präsident a. D.

der Deutschen Demokratischen …

- Also bist du das wirklich???

- Was bin ich?

- Na, der Kleine auf dem Foto von damals …

- Ach so …“

Und da nun ahnt unser Hans auch gleich, was der Mann am anderen Ende der Leitung wohl meint.

- Das haben wir im Archiv gefunden und dann in die Zeitung gesetzt. Mit der Frage dazu: ‚Wer ist dieser kleine Junge?’

Woraufhin unser Hans, mit Schmunzeln im Blick, das erwidert:

- Eine Art Steckbrief sozusagen!

Am anderen Ende der Leitung lacht es kurz.

- Ja, das war ich …

Das spricht unser Hans dann und spürt nun doch eine Art von Stolz in sich aufsteigen. Sagt aber gleich erst mal wieder das:

- Bitte später noch mal … Ich muss noch … Ist doch gleich Abgabe-Termin …

Der Hans legt wieder den Hörer auf, tippt fleißig weiter und fragt sich dabei bissel belustigt das:

- Woher weiß das mein Telefon?

Klingt ja inzwischen wie Alarm-Leuten, dieses Klingeln immer wieder! War ihm da nämlich eben das durch den Kopf geschossen: Wie da gestern einer der Genossen auf der Redaktions-Konferenz wieder mal so bissel rum gemeckert und also vorgeschlagen hatte, doch endlich mal darüber zu reden, wie das gehen könne: Die Zeitung so zu machen, dass sie dann auch wirklich gelesen wird. Und wie da dann die Stellvertretende Chefredakteurin aber gleich dazwischen gefunkt und bissel genervt das gesprochen hatte:

- Rollt der schon wieder diese Bombe über den Tisch!

Um dann kurz nur anzufügen:

- Schluss mit der Debatte!

Wussten doch alle hier am Tisch, dass da Vieles viel besser und ganz anders gemacht werden müsste, wenn die Zeitung wirklich gelesen werden sollte. Was aber auch alle am Tisch wussten: Dass das nie nicht ausgesprochen werden durfte! Jedenfalls in Sitzungen nicht.

Um Gottes, respektive Erichs Willen!10

Das Telefon klingelt.

Der Hans nimmt wieder ab.

- Hättest du denn am Wochenende mal Zeit?

- Zeit? Wofür?

- Na, mal wieder her zu kommen nach Frankenberg …

- Und: Warum?

- Feierstunde für den Genossen Pieck!

- Ach so …

- Wenn wir Dich doch jetzt gefunden haben – war ganz schön schwer …

- Und wie: Gefunden?

- Deine Tante hat Dich auf dem Foto erkannt …

- Aha. Na da … Muss ich wohl kommen!

- Na dann: Bis dann!

Berichten wir also nun, liebe Leserin, lieber Leser, wie da was abgegangen war, als unser Hans in seine frühe Kindheit zurück reiste … Siehe nächste Geschichte!

Auf den Arm genommen


- Wann kommd der denne endlisch, der Ongel Bieg?!? 11

Das fragt der Seppel in der Sprache seiner Heimat wieder und wieder seine Gute Mutt’l, die da blau beblust vor ihm steht. (während wir das, was da auf Sächsisch gesprochen wird, für die Nicht-Sachsen unter den Lesern gleich mal ins Hohe Deutsche übersetzen – Original-Sprache: siehe unten!)

- Bald, Seppel, bald!

So tröstet die Mutt’l ihren Sepp’l, der mit ihr seit Stunden schon auf der „Jahn-Kampf-Bahn“ in seiner kleinen Heimatstadt Frankenberg/Sachsen rum steht und da nichts Anderes zu tun hat, als das:

Warten!

Warten!!

Warten!!!

Auf den Größten Onkel des ganzen Landes, der heute, am 1. Mai (da noch „Kampftag der Arbeiterklasse“) von der (da noch) Großen Hauptstadt ihres (da noch) Großen Landes her zu ihnen in die kleine Stadt nach Sachsen angereist kommen wird. Schon die Tage zuvor hatte die Mutt’l zu ihrem Seppel ja immer das gesprochen:

- In drei Tagen kommt er! 12

- Nur noch zwei Tage! 13

- Morgen ist es so weit! 14

Heute nun endlich! Gleich früh am Morgen hatte die Mutt’l sich in ihre frisch gebügelte FDJ-Bluse gesteckt, hatte auch ihren Seppel hübsch bissel rausgeputzt, ihn dann bei der Hand und mit nach hier zur „Jahn-Kampf-Bahn“ hin genommen. Und hier nun stehen und stehen sie also mit den vielen, vielen anderen Leuten der Stadt seit Stunden rum und haben dabei immer nur das zu tun:

Warten!

Warten!!

Warten!!!

Und neben der Mutt’l vor ihm stehen ja auch noch die vielen anderen blauen jungen Frauen, die sich alle fest bei den Händen halten. Warum, das hatte die Mutt’l ihrem Seppel vorhin so zu erklärt:

- Absperrkette heißt das. 15

Dass also die Leute, die heute alle nach hier ins Stadion gekommen sind, dass die dem Hohen Onkel nicht etwa zu nahe treten oder ihm gar etwas antun tun! Umbringen oder so …

Bis dass es passiert!!!

Aufregung vorne beim Stadion-Tor! Der Seppel guckt aufgeregt hin und sieht da auch gleich, wie sich die Onkels dort berappeln und stramm in einer Reihe aufstellen. Wer das ist, das hatte ihm die Mutt’l vorhin so erklärt:

- Die wichtigsten Onkels von der ganzen Stadt sind das!

Bürgermeisters, oder wie die heißen. Und ihre Dieners oder so … Und schon auch rollen Autos ins Stadion ein. Und was das für Autos sind! So groß und so schwarz! Und wie viele das sind! Und die Leute im Stadion: Wie die toben! In die Hände klatschen und klatschen sie und rufen alle zusammen immer wieder:

- Hoch!

– Hoch!!

– Hoch!!!

Und wie laut die das schreien!

Der Seppel horcht und guckt aufgeregt hin, sieht, wie die Autos anhalten, sieht Leute in schwarzen Anzügen aussteigen. Und was das nun wieder für Leute sind, das hatte ihm die Mutt’l ja auch noch mit erklärt:

- Die allergrößten Onkels vom ganzen Land sind das! 16

Und da sieht der Seppel dann endlich auch den Onkel aus dem Auto steigen, auf den er seit Tagen so sehr zu warten gehabt hatte. Den Allerobersten Groß-Onkel vom ganzen Land:

Onkel Pieck!

Und wie wichtig der aus dem Auto steigt! Als wie:

- Guckt mal: Ich bin da!

Und wie die Onkels, die da vor ihm aufgestellt sind, wie die gleich Alle losklatschen! Als wie:

- Ja, wir sehen es!

Und wie auch die anderen Leute im Stadion da mitmachen und wie verrückt die alle klatschen tun!

Jubel!

Jubel!!

Jubel!!!

Und da nun jubelt natürlich auch der Seppel mit. Hüpft und hupft und klatscht und klatscht dabei in seine kleinen Hände. Ganz so, wie es ihm die Mutt’l vor sich vormacht. Und wie die sich jetzt jubeln und klatschen und die Arme zum Winken hoch reißen lässt! Ganz außer sich ist sie! Und da ist das der Seppel natürlich auch: Außer sich!

Bis dass er auf einmal das sieht: Die Absperr-Kette vor ihm, sie hat ein Loch!

Wie die Mutt’l nämlich so närrisch klatscht und winkt, da kann sie doch die beiden Frauen neben sich gar nicht mehr bei den Händen halten, wie bis eben noch! Geht doch gar nicht!

Was aber kann das nur heißen???

Wenn nicht:

Absperr-Kette futsch!

Weg durch die Mauer frei!!

Na da aber!!!

Da!!!!!

Seppelt der Seppel doch gleich erst mal frisch durch das Mauer-Loch durch und rennt, rennt, rennt! Immer weiter! Nischt wie hin zu dem Hohen Onkel, der da auf der Aschenbahn lang marschiert!

Und rufen tut der Seppel dabei immer nur das eine Wort:

Onkel Pieck!!

Onkel Pieck!!!!

Onkel Pieck!!!!!! 17

Und irgendwann dann bemerkt ihn der Große Onkel auch, staunt erst bissel, breitet dann aber beide Arme aus, fängt den Seppel auf, nimmt ihn hoch, setzt sich ein breites Lächeln ins Gesicht, lässt es abstrahlen auf den Kleinen und lässt sich und ihn von den Genossen Fotografen der mit angereisten Partei- und Staats-Presse ablichten und also festhalten für die morgige Zeitung und alle späteren Zeiten.

Der Seppel derweil staunt auf den Kopf hinunter, dessen Gesicht ihn da so freundlich anstrahlt und denkt da das bei sich:

- Also nee!

Und wie laut die Leute im Stadion nun gleich noch viel mehr klatschen! Und wie sie sich alle freuen!

Und jubeln!

Und trubeln!

Na, irgendwann dann setzt der Onkel Pieck den Seppel doch wieder auf dem Stadion-Fußboden ab – hat hier und heute schließlich noch Anderes zu tun.

Eine Rede halten zum Beispiel, in der er alle Anwesenden zu all den errungenen Erfolgen im Kampf für Frieden, Einheit und Aufbau, wie auch zu dem sich eben der Stattfindung hingebenden 1. Mai beglückwünschen wird.

Unser Seppel aber seppelt erst mal hurtig zu seiner Guten Mutt’l zurück. Die hat Tränen in den Augen. Waren da doch eben Erinnerungen in ihr auf- und abgestiegen. Wie sie kurz nach dem Krieg erst die „FDJ“ genannte „Freie Deutsche Jugend“ hier in der Stadt mit gegründet und wie sie dabei dann seinen Vat’l kennen gelernt hatte. Und dass sie beide nun, nachdem die Mutt’l ihren Bruder und der Vat’l gleich mehrmals fast sein ganzes Leben im Krieg verloren hatte, dass sie Beide nun kräftig am Aufbau einer ganz neuen Welt mitwirken und mitstreiten wollen für die, wie sie beide auch später in ihrem Leben immer noch und immer wieder sagen werden, Gute Sache!

Weinend und strahlend empfängt die Mutt’l nun ihren Seppel, streichelt ihm aufgeregt stolz über den kleinen Kopf und lässt sich dann gleich erst mal berichten, wie das wohl war auf dem Arm vom dem Hohen Onkel.

Erstattet der Seppel also aufgeregt Bericht und spricht:

- Der hat aber einen großen Kopf, der Onkel Pieck 18

Ritter-Schlag


Stramm, den Hammer straff geschultert, steht der „Nacksche Mann“ 19 auf dem Marktplatz von Frankenberg/Sachsen. Unter ihm plätschert es, wie immer, fröhlich heraus in den Brunnen hinein, heute aber scheint er besonders stramm zu stehen, der Nacksche. Ganz so, als wüsste er, was an diesem Tag angesagt ist:

Still!

Stann!

Die Augen …

Nein, nicht gerade aus, sondern dahin, wo eben die zwei wichtigsten Persönlichkeiten des heutigen Tages mit ihrem „Trabbi“ 20 in die Stadt einrollen. Des Hansens Guter Vater und Er, der Hans, Selbst.

Und eben, wie sie – rumpel-die-pumpel! – über das grobe Markt-Pflaster holpern, erzählt der Vater dem Sohn ja auch, wie er in den 30er Jahren, da er noch Hitler-Junge war, hier immer mal wieder im braunen Hemd und mit der Schallmai vor den geblähten Backen, zackig am „Nackschen“ vorbei marschiert war und (fast) Alle auf dem Markt hatten lauthals das gebrüllt:

- Heitler! 21

Lang, lange her …

Heute tuckert der Vater mit dem Trabbi und dem Sohn neben sich über den Markt, lässt sie Beide vor dem Rathaus vorfahren, Sich und den Hohen Sohn dem „Trabbi“ entsteigen, wundert sich kurz, dass sich kein Empfangs-Komitee aufgestellt hat, die Vorgefahrenen ordnungsgemäß in Empfang zu nehmen, verwindet das dann aber doch.

Wir hier aber wollen erst mal kurz noch berichten, wie das Alles am Vortag begonnen hatte, da unser Hans von der Hauptstadt her in der Marx-Stadt angereist war, wo ja die Genossen Eltern wohnen. Bissel liederlich angezogen zwar wieder mal – die Schuhe z. B.: Nicht ordentlich geputzt! Kein Schlips am Kragen …

Na ja, wie der liederliche Sohn eben so ist …

Und heute, früh am Morgen, hatte sich der Genosse Vater flugs in seine grüne Majors-Uniform geworfen, hatte sich alle Orden an die Brust geheftet, die sonst immer nur in ihrem Papp-Schachteln in der Schrankwand rum lagen und hatte stolz beobachten dürfen, wie sich nun auch der Sohn endlich mal in Schale warf: Schlips am Kragen, Partei-Abzeichen am Revers – auch, wenn das Hemd kariert und nicht weiß war, wie sich das eigentlich gehörte. Immerhin aber: Wenigstens die Schuhe waren heute mal ordentlich geputzt!

Flott war der Vater dann zur Garage unten vor dem Neubau-Haus hin geschritten, war mit dem „Trabbi“ vor dem heute Hohen Sohn vorgefahren und hatte diesen den Wagen besteigen lassen.

Dann hatte Er, Werner Huber, Major der Deutschen Volkspolizei, Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft, des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes usw. sich und den Sohn, da noch Mitglied der SED, der FDJ, der DSF, des FDGB usw., nach hier her in ihre frühere kleine Heimat-Stadt kutschiert.

Wo sie nun also, mit Ihm an der Spitze, der den Hohen Sohn schließlich gemacht hat, ins Rathaus einschreiten, das Essen einzunehmen, das ihnen zu Ehren heute hier zunächst gegeben werden soll. Beifall brandet zwar auch da wieder nicht auf, wie Sie beide den Raum betreten und auf den Ihnen zugewiesenen Plätzen Platz nehmen. Neugierig beäugt aber werden Sie schon von den Honorationen der kleinen Stadt, die sich heute hier versammelt haben.

Wie Sie Sich dann aber der Essens-Einnahme hingeben, da kann der Gute Vater doch nicht einfach nur so an seinem Schnitzel rum schnippeln. Da muss Er seinen Nachbarn doch gleich erst mal das erzählen:

Wie gut der von Ihm Gemachte immer schon war!

- Schon als Pionier: Kreis-Meister im Chor-Singen!

- Aha …

- Und danach dann! Als FDJ’ler: Sekretär von der ganzen Schule!

- Ach nee!

- Ja! Von der größten Schule der ganzen Stadt – 800 Schüler!

- Oh! Oh!

- Und danach dann! Volontär 22 bei der zweitgrößten Zeitung des ganzen Landes! Eine Million Auflage!

- Ach da, wo wir angerufen haben: „Junge Welt“?

- Richtig!

Und auch das berichtet der aufgeregte Vater dann gleich noch mit: Wie er den Sohn da zum Vorstellungs-Gespräch hatte anrollen lassen.

- Natürlich nicht einfach mit dem Zug!

- Wie dann?

- Mit einem EMW 23! Den hab’ ich mir in meiner Dienststelle genommen. Geht doch, als Major. Und mit dem hab’ ich mich und den Sohn dann in die Hauptstadt zur Volontärs-Aufnahme-Prüfung hin fahren lassen.

- Ach nee!

- Ja!

- Und? Angenommen?

- Na klar! Wer so vorfährt …

- Klar!

Weiter und weiter erzählt der Gute Genosse Vater beim Kauen. Sohn Hans sitzt stumm dabei, kaut auch und hört dabei erstaunt, was da Alles wie abgegangen sein soll in seinem Leben. Dass sein Genosse Vater die Welt also wieder mal so darstellt, wie sie auf dem Papier steht und nicht so, wie sie in Wirklichkeit ist.

Wie gestern erst wieder …

Hatte der Hans da doch von der Wohnung der Eltern her seinen Freund Wölfchen angerufen, der gleich nach der Schule zu Rügen-Radio gegangen war, von wo aus die Funk-Verbindung zu den DDR-Schiffen auf den Meeren der Welt gehalten wird. Und was ihm sein Wölfchen da berichtet hatte!

War der doch eben mit einem DDR-Schiff in Funk-Kontakt gewesen, das schon seit einem Vierteljahr vor Kuba auf Rede lag und nicht und nicht in den Hafen rein gelassen wurde!

- Warum nicht?“

Das hatte unser Hans da den Freund gefragt.

- Na, die Kubaner haben gesagt, dass sie erst mal die kapitalistischen Schiffe abfertigen müssen …

- Und unser Schiff muss da warten? So lange???

- Weil das so teuer wäre, wenn sie die kapitalistischen Schiffe warten lassen …

- Unsere kubanischen Genossen???

- Richtig! Freunde müssten ein Einsehen haben, haben die gesagt …

- Ein ganzes Vierteljahr nun schon???

- Genau!

- Freundschaft!

Und genau das hatte der Hans seinem Vater, wie der abends vom Dienst heim gekommen war, auch gleich erzählt. Woraufhin der entschieden das sprach:

- Das stimmt nicht!

- Aber das Wölfchen, der hat doch eben …

- Das stimmt nicht!

- Der hatte das doch eben am Apparat, unser Schiff da vor Kuba …

- Kann nicht sein!

- Wenn er es doch aber eben erzählt hat!

- Der lügt!

- Mein Wölfchen???

- Unsere kubanischen Genossen lassen unser Schiff nicht vor ihrem Hafen rum liegen! Basta!

Hans Huber, wie er sich daran erinnert, schmunzelt. Er kaut und prostet den Honorationen der Stadt zu, die den geschönten Berichten seines Vaters über ihn, den Großen Sohn, immer weiter – scheinbar interessiert – lauschen.

Bis dass das Essen gegessen ist und es endlich nach da hin abgehen kann, wo sich heute die eigentliche Feierlichkeit ihrer Stattfindung hinzugeben hat: In die NVA-Kaserne 5) am Stadtrand. Da, wo heute eine Ausstellung zu Ehren des nun schon 100. Geburtstages jenes Mannes eröffnet wird, der den kleinen Hans vor nun auch schon so sehr vielen Jahren mal in den Armen hielt.

Rollen sie also ein in die Kaserne. Jubel-Publikum ist zwar auch hier wieder nicht aufgestellt, sie zu beklatschen.

Was aber soll’s?

Gleich wird sie ja doch richtig abgehen, die Post!

Und endlich, endlich sitzen Sie dann auch wirklich mitten im Mittelpunkt, der heute so Berühmte Vater und sein Guter Berühmter Sohn.

Und endlich gibt es auch das:

Beifall!

Und schon auch ergreift der Bürgermeister der kleinen Stadt feierlich das Wort. Er zeigt mit dem Finger auf unseren Hans und spricht dann das aus, was wohl alle hier geahnt haben:

- Das ist der Gute Junge, den Unser Guter Genosse Pieck damals auf dem Arm hatte!

Beifall!

Und den lässt der heute Wichtigste Vater der Welt natürlich huldvoll über sich und den Großen Sohn ergehen. Wobei es in ihm das denkt:

- Endlich! Wurde aber auch mal Zeit!

Während sein Fuß unter dem Tisch gleich erst mal wieder das tut, was da nur zu tun ist: Es tritt gegen das Schienbein des Sohnes. Und gleich auch erhebt der sich flott von Seinem Platz, verbeugt Sich artig, schreitet nach vorne hin und wird da dann auch geschlagen. Natürlich nicht ins Gesicht, wie früher so oft, als er noch der kleine Seppel war. Nein: Zum Ehrenbürger der Stadt! Dazu wird Er geschlagen!

Tätähh!

Tätähh!

Tätähh!

Und stolz schwellt sich da natürlich die Brust des nun ja wohl berühmtesten Vaters der ganzen Stadt! Und das gleich noch viel mehr, wie der Sohn wieder zurück zu ihm an den Tisch geschritten kommt.

Dem freilich fällt, wie Er Sich huldvoll neben dem Genossen Vater niederlässt, zum ersten Mal etwas ganz Anderes auf: Dass ihn die Partei, die ja paar Jahre lang auch noch seine Partei sein wird, dass die ihn, wie er noch der Kleine Seppel war, wohl zum allerersten Mal auf den Arm genommen hat!

Und gleich auch kommt ihm dieser Satz in den Kopf:

Die Ehrung des Kindes erfolgte seitens des Präsidenten!

Wir hier, liebe Leserin, lieber Leser wollen nun aber doch noch mal dahin zurückkehren, wo alles im Leben anfängt. Und da war unser Hans ja das erste Mal eine „Werrie Importante“ Persönlichkeit. Wurde er doch geboren, wie …

Bomben-Geburt


Und???

Wo liegt die Mama vom kleinen Huberchen, da die Hebamme den zwischen ihren Beinen heraus in die Welt hinein zieht? Wenn nicht:

Auf dem Fußboden!

Neben einem Schreibtisch!

Jenem Möbel also, an dem unser Hans später im Leben, Schreiber, der er ja doch all die vielen Jahre lang war und ist, so oft sitzen würde!

Das etwa kein Zeichen???

Und???

Warum liegt die Mama da?

Strom-Ausfall mal wieder – in der ganzen, kleinen Stadt. War doch eben noch Krieg gewesen. Und hatten die Bomben, die da massenhaft auf die nahe Großstadt Chemnitz geballert waren, auch das EWerk ins Mark getroffen, das bis dahin alle Orte ringsum mit Strom versorgt hatte und in dem es heute wohl wieder eine Havarie gab.

Und also auch Hansens Geburts-Stadt nun:

Zappenduster!

Finster allüberall!

Aber der Reihe nach!

Erst mal hatte der aufgeregt Werdenden Vat’l die junge Werdende Mutt’l – mit immer mal wieder Pausen zwischendurch – von zu Hause her durch den dunklen Stadtpark nach hier zum Krankenhaus hin angeschleppt. Wollten die Wehen den kleinen Hans doch unterwegs schon in die Welt hinein treiben.

Endlich doch im Haus der Kranken angekommen, hatte die flugs herbei geholte Amme die beiden Werdenden Eltern aber nicht in den lichtlosen, „Schreisaal“ 24 hinein beordert, wie das an sich so üblich ist.

Nein!

In ihren Büro-Raum hinein hatte sie die Beiden beordert. Licht war zwar auch da nicht. Die Amme aber, die das ja leidlich kannte, hatte vorgesorgt.

Zwar sprach sie nicht:

– Es werde Licht!

Nahm aber gleich erst mal die kleine Laterne zur Hand, die da auf dem Schreibtisch stand, schnipste mit einem Streichholz die Kerze darinnen an und machte sich dann, nachdem sich der Werdende Vater zu verabschieden gehabt hatte, gleich an die Arbeit. (… denn, dier Jangsters, dass der Mann bei dieser schwersten Arbeit, die eine Frau je zu verrichten hat, dass der da dabei sein darf, das gab es da ja lange noch nicht!)

Machte sich also an die Arbeit, die Amme. Beugte sich über die Werdende Mutti, die da auf einer Decke neben ihrem Schreibtisch lag und ließ den kleinen Hans dann – nach stundenlangem Kampf – endlich hinein kriechen in die Welt.

Und tat dann was???

Packte den Kleinen, kaum, dass er endlich raus war aus dem Mama-Bauch, packte ihn bei den Füßen, hängte ihn in die Luft und gab ihm gleich erst mal frisch einen Klatsch auf den gebärnassen, wie man ja heute, da der Herr Knigge nichts mehr zu sagen hat, wie man heute wieder sagen und schreiben darf, Arsch.

Sollte doch Luft holen, der Kleine! Und wer schreit, der holt auch Luft.

Kam Hans Huber also wo zur Welt???

Wenn nicht: Im Notlicht einer Stall-Laterne???

Unter der auch wer geboren ward???

Wenn nicht:

Das kleine Jesulein?!?

Ja doch, ja: Hans Huber – zur Welt gekommen wie der berühmte Herr von Nazareth! Wenn das kein Zeichen ist!

Und auch, wenn sein Vater beileibe kein Gott war, sondern ein, wie weiter oben schon beschrieben, „Volgs-Bolizeier“ 25, und auch, wenn dessen Seppel später nie und nimmer nicht an einen Gott glauben durfte oder sollte oder wollte (Der Genosse Vater dazu: „Mir sin doch nisch heilisch!“ 26) und auch, wenn die Empfängnis wahrscheinlich nicht unbefleckt war: Dieses komische Gemisch von Zeichen machte den kleinen Hans schon werry important 27!

Oder???

Nun aber, liebe Leserin, lieber Leser, endlich raus aus der Kindheit! Mitten hinein ins weitere Leben. Und da gleich mal dahin, wo der eben beschriebene Tag seiner Geburt zu einem in der ganzen Welt berühmten Tag wurde.

Siehe, bzw. lies next Story!

Unter-Erd-Film


- Na, nun übertreiben die aber doch!

Das schießt unserem Hans durch den Kopf, wie er weit später wieder mal Geburtstag hat und in einem kleinen Fernseher diese komischen Bilder sieht.

- Diese Werbe-Futzis wieder!

So empört es sich in ihm. Rollt er doch eben durch den Untergrund der da schon seit paar Jahren nicht mehr Hauptstadt der Deutschen Demokratischen usw. Fährt also U-Bahn und ist das für ihn nun doch nicht mehr immer nur im Osten, sondern nun auch im Berliner Westen möglich. Und da hängen, anders, als in dem kleinen verblichenen Land, in dem er aufwuchs, doch seit kurzem so kleine Fernseher an der Decke oben.

Und da nun das!

An seinem Geburtstag!

Nicht zu fassen!

Bis eben noch hatten ihn von draußen von den Werbe-Wänden her diese halb oder ganz nackten, vollbusigen Blondinen angestrahlt.

Als wie:

- Guck mal, wie geil ich bin!

Und daneben dann immer auch noch diese doofen Werbe-Sprüche allüberall!

Hatte er dann aber die blöden Weiber irgendwann ignoriert und statt dessen zu dem kleinen Fernseher hin aufgeschaut. Auch da aber hatte er zunächst immer wieder nur das sehen müssen:

Werbung!

Werbung!!!

Werbung!!!!

Na, daran hatte er sich einige Jahre nach der Großen Wende ja längst zu gewöhnen gehabt:

Der real existierende Marktismus!

Und statt der, wie früher immer, marxistischen Agitation für Frieden und Völkerfreundschaft nun das:

Kaufen!

Kaufen!!

Kaufen!!!

Büstenhalter zum Beispiel. Auch, wenn Du das gar nicht hast: Einen Busen. Kaufst Du eben das:

Verhüterli!

Aids zu spät ist!

Das Alles hatte es in unserem Hans gedacht, bis dass er plötzlich diese bösen Bilder im Kleinst-Fernseher oben gesehen und da bei sich gleich wieder das gedacht hatte:

Werbe-Gespenst!

Blöd-Sinn!!

Ballerten da doch gerade zwei Flugzeuge in einen hohen Haus-Turm hinein!

Sichtlich genervt hatte der Hans da dann zur eben käuflich erworbenen Zeitung gegriffen, hatte die vielen Werbe-Seiten schroff überblättert und einfach so bissel vor sich hin gelesen.

Zu Hause angekommen, machte er dann aber doch gleich erst mal den Fernseher an (Man kann ja nie wissen!) Und sah und hörte da nun auf allen Kanälen, dass das, was er im U-Bahn-Untergrund gesehen hatte, mitnichten nicht Werbung gewesen war, sondern das:

Knallharte Realität!

Und sah sie dann ja auch hier noch mal, die inzwischen sattsam bekannten grausigen Bilder:

Feuer-Bälle!

Fliegende Haus-Fetzen!

Einstürzende Hoch-Haus-Türme!

Verzweifelt schreiende Menschen!

Und das am 11. September, seinem Geburtstag!

Der diesmal nun ein Knall-Tag war!

Wahnsinn!!!

Na, egal! Seinen Geburtstag würde er sich davon nicht vermiesen lassen. War er für den Abend doch mit seiner Guten Alten Freundin Dani verabredet und wollten sie doch zusammen in ein klein’ Jazz-Lokal gehen, das er vor kurzem entdeckt hatte in seinem nun auch neuen Prenzlauer Berg.

Was aber hören sie, wie sie da ankommen bei dem Lokal, schon von draußen her? Wenn nicht:

Nichts?

Stille Stille!!

Im ganzen Lokal!!!

Und wen sehen sie, da sie die Tür aufgetan haben, an den Tischen sitzen??? Wenn nicht:

Niemanden?!?

Gähnende Leere!!!

Kein Musiker auf der Bühne, keine Gäste an den Tischen, nur an der Bar ein paar junge Leute, die da hocken und immer nur und immer wieder aufgeregt in den Guck-Kasten gucken, um wieder und wieder die gleichen Bilder zu sehen.

Und all das – anders, als in der U-Bahn vorhin eben – mit Voll-Ton nun: Furchtbare Begleit-Musik zur Feier des heutigen Geburts-Tags!

Hocken der Hans und die Dani also einsam an ihrem Tisch herum, lassen sich stumm bedienen und reden still bissel über das Leben.

Was sie da freilich noch nicht wissen können: Dass dieser Tag wenig später bei den Amis 28 in deren größter Stadt dieser Knall ja abgegangen war, so heißen würde:

Tag der Niedertracht!

Und da ist unser Hans natürlich stink-sauer! Seine Geburt: Eine Niedertracht???

Na, das wollte er sich von den Amis aber nicht gefallen lassen!

Und so taufte er den Tag irgendwann dann auch so um:

Tag der Niederkunft!

(…seiner lieben Mama mit ihm …)

Jedenfalls wurde der Abend dieses Tages einer der leisesten wie auch der lautesten Geburts-Tage in Hans Hubers Leben.

Wir hier aber gehen erst mal wieder viele Jahre zurück. Nein: Nicht wieder in die Kindheit, sondern mitten in die Jugend hinein. Wo unser Hans ja dann irgendwann das war: Ein werdender Abiturient. Das aber auf eine ganz besondere Weise. War das doch Anfang der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Und war da vom Großen Vorsitzenden des Großen Staatsrates der Großen Deutschen Demokratischen usw., Walter Ulbricht, das verfügt worden:

- Die Angehörigen der Jungen Intelligenz, sie sollen der Arbeiterklasse nahe stehen!

Und hatten da dann alle Oberschüler des Landes neben dem Abitur her auch noch einen richtigen Beruf zu erlernen gehabt. Und nun rate Du mal, liebe Leserin, lieber Leser, welcher Beruf das im Fall von Hans Huber gewesen sein mag! Und was der da dann zu tun hatte!

Viecher fangen


- Wenn es gefährlich wird: Gleich erst mal tot stell’n!

Das spricht der Meister und meint damit aber nicht den Hans und die anderen Jungs, die da in ihren weißen Anzügen vor ihm aufgestellt sind, sondern die zu Tode erschrockene Henne, die er in seinen robusten Pfoten hält. Hatte er die doch eben eingefangen, hoch gehoben, blitzartig umgedreht, hält sie so nun vor seinen Bauch und erklärt den Jungs, wie ein Huhn reagiert, drehst du es blitzartig um und spricht also:

- Instinkt!

Und: Tatsache! Ruckartig presst die Henne beide Augen zu, reckt die Krallen gen Himmel und tut also das, was der Meister vorhergesagt hatte: Sie stellt sich tot. Geht ja aber noch weiter, das Spiel. Eben nämlich bückt sich der Meister mit dem Huhn in den Händen und spricht dabei leise vor sich und zu seinen Jungs das hin:

- Vorsicht!

Er senkt das scheintote Flügeltier behutsam zu Boden und legt es da verkehrt herum ab. Das arme Viech, die Hühner-Augen fest geschlossen, die Krallen steif nach oben gereckt, bleibt still und stumm im Stroh liegen, während es wohl das bei sich denkt:

- Tote Hühner sind schon tot, müssen also nicht mehr zum Schlachthof hin verbracht werden!

Es ist Montag und also wieder mal neben-abitürliche Berufsausbildung. Weshalb unser Hans und die anderen Jungs heute nun hier in diesem Stall einer der stadtnahen LPG’s 29 aufgestellt sind. Und schon auch spurtet der Meister wieder los, greift sich das nächste der aufgeregt im riesigen Stall herum flatternden Viehcher, dreht auch dieses ruckartig um und legt es vorsichtig neben der da immer noch stramm und stumm liegenden Hennen-Schwester ab.

Und noch eine fängt er und noch eine. Um sie dann alle der Reihe nach auf dem Rücken nebeneinander hin zu legen, wo die Viecher auch aufgeregt starr liegen bleiben.

Stillen Schritts schreitet der Meister dann zurück zu seinen Jungs, teilt sie in zwei Gruppen ein und spricht zu der einen:

- Ihr macht das, was ich eben gemacht habe!

Zu der anderen spricht er:

- Und ihr sammelt die Viehchers dann ein und schafft sie dort hin!

Sein Finger zeigt auf den großen Käfig auf Rädern, der da am Rande des Massen-Tier-Stalls steht.

Und natürlich macht er auch das gleich erst mal wieder vor. Schreitet also vorsichtig zurück zu den immer noch starr am Boden liegenden Hennen und packt eine von denen urplötzlich bei den steif zum Himmel gereckten Krallen. Die Henne ihrerseits schreckt nun doch erschrocken auf, gackert wild und flattert aufgeregt – was ihr freilich, wir ahnen es – nichts nutzt. Und schon auch packt der Meister mit der anderen Hand das nächste steif da rum liegende Huhn. Auch das bereut nun wohl heftigst, sich bis eben noch tot gestellt zu haben. Es flattert und gackert heftigst. Auch ihm aber nutzt das nichts. Schon nämlich ist der Meister mit seinen beiden Gefangenen bei dem rollenden Knast angelangt und wirft sie da schwungvoll hinein.

Die Viecher flattern und gackern noch aufgeregter.

Aber, aber: Zu spät!

Während der Meister nun das zu seinen Jungs spricht:

- Los geht’s!

Und schon auch stürmen die Jungs der ersten Gruppe los, fangen die verwirrten Hühner-Viecher ein, drehen sie ruckartig um und legen sie in Reih und Glied auf dem Stroh-Boden ab.

Die Jungs der zweiten Gruppe schleichen sich still an die umgelegten Viehcher heran, packen sie bei den steifen Beinen, schleppen sie hin zu dem Gefängnis auf Rädern und sperren sie da vorschriftsmäßig ein.

Und immer weiter geht das so.

Den Tag lang ganz.

Bis dass die Hühner-Knäste rammeldicke voll sind und die Viecher irgendwann dann von einem LPG-Bauern per Träcker zur Hinrichtung auf den Schlachthof der nahen Stadt hin verbracht werden.

Und wie sich die Jungs am Ende dieses denkwürdigen Tages in der Umkleidekabine der LPG dann aus ihren weißen Anzügen wieder in die Zivilklamotten hinein begeben, da kann es natürlich nur das geben:

Jubel!

Trubel!!

Heiterkeit!!!

Fast kaputt lachen sich der Hans und die anderen Jungs. Was sie da heute zu lernen hatten:

Hühner umlegen!

Und???

Welchen Beruf hatten sie da heute eben wieder zu erlernen gehabt???

LPG-Bauer?

Oh no!

Diesen:

Rohbaumonteur der Deutschen Demokratischen Republik.

Und das war da gerade der deutsch-demokratisch-republikanische Name wofür???

Wenn nicht:

Maurer!?!

Und Du, liebe Leserin, lieber Leser, fragst Dich nun wohl gerade das:

- Als werdender Maurer Hühner einfangen???

Und hättest Du es den Meister der Jungs gefragt, dann hätte der wohl kurz nur das gesprochen:

- Eine Hand wäscht die andere!

Wie das im ehemaligen Land eben so war: Hatte der Meister der Jungs am Abend zuvor doch mit einem Guten Bekannten – seines Zeichens LPG-Vorsitzender – bei einem Bier in einer Kneipe gesessen und war da dann das zwischen den Beiden hin und her gegangen:

- Du hast doch von der Partei diese Oberschülers aufgedrückt gekriegt …

- Ja, und? Gibt’s was zu bauen?

- Nee! Einfangen!

- Ich bilde doch keine Polizeier aus! Und Stasi-Leute schon gar nich! Nee!

- Menschen doch nich!

- Was denn dann?

- Hühner!

- Die sollen meine Jungs …???

- Einfangen! Seid ihr an dem Tag eben mal nicht auf der Baustelle, sondern im Stall …

- Ach so!

- Prost!

Na, und so war das dann immer weiter hin und her gegangen. Bei einem oder zwei, oder auch vier oder fünf Bierchen und einem oder zwei Schnäpsen dazu …

Und natürlich wurde da nicht nur besprochen, wie die eine Hand die andere waschen würde, sondern auch die andere die eine. Fragte da nämlich der Meister der Jungs das:

- Und? Was kriege ich dafür?

- Einen Gänsebraten!

- Weihnachten is doch aber noch gar nich!

- Na gut: Paar Broiler 30 vielleicht?

- Gut! Geht so …

Würde der Meister der Jungs so also seinen Hände-Wasch-Lohn bekommen und würde die Viehchers hernach auch gleich von seiner Frau in die da noch „Broiler“ geheißene Speise umwandeln lassen.

Und war er nun also besiegelt, der da noch nicht „Diel“ geheißene Vorgang.

- Prost!

Wir hier aber, liebe Leserin, lieber Leser, gehen nun doch dahin, wo der Beruf, den unser Hans neben dem Abitur her zu erlernen gehabt hatte, wo der richtig zu erlernen gewesen war: Ab auf die Baustelle!

Ganz in Weiß


- Ihr werdet schon seh’n!

Diesen geheimnisvoll komischen Satz spricht ihr Meister diesmal, da die Jungs dann doch wieder auf einer richtigen Baustelle sind. Hatte da einer von ihnen den Meister doch eben gefragt, warum sie heute einen möglichst großen Hut mit einer möglichst breiten Krempe mitbringen sollten???

Gut behutet also, ansonsten aber ganz in Weiß, trotten der Hans und die anderen Jungs den langen Gang der alten Fabrik lang, in der sie heute eingesetzt sind. War da doch vor etwa 20 Jahren, als ihre Marx-Stadt noch Chemnitz hieß, war da doch auch diese Fabrik von den Bomben des Klassenfeinds zerhauen worden und sollte die nun endlich wieder aufgemöbelt werden.

Zotteln sie also den Gang lang und kommen eben auch an einem Vertreter der Arbeiterklasse vorbei, der, ihnen den Rücken zugewandt, die Wand vor sich aus dem Maul eines Schlauches heraus mit Mörtel besprudelt.

Wutsch!

Plutzsch!

Was ab er tut der Arbeiterklässler, wie er die Jungs hinter sich lang trotten hört.

Er dreht sich um, sie im Namen seiner Klasse auf das Herzlichste zu begrüßen. Das, was an der Stelle wohl der Ulbricht, Walter ausgerufen hätte, spricht er natürlich nicht. Von wegen:

- Die junge, meiner Klasse nahe stehende Intelligenz, sie lebe hoch!

Nein! Der Arbeiter strahlt die Jungs fröhlich an und ruft ihnen dabei das zu:

- Guud’n Morsch’n! 31

Nicht aber nur sein Gesicht strahlt in dem Moment – nein: Auch sein Schlauch! Den nämlich hatte der Proletarier eben mit sich umgedreht und so machte es da auch gleich das:

Plutsch!

Wutsch!!

Klutsch!!!

Und ist da dann ja nicht nur die Wand, sondern sind auch sie, die eben noch weiß gekleideten jungen Intelligenzlers, frisch mit Mörtel besudelt. (Plan-Über-Erfüllung, wie das im verblichenen Land wohl geheißen hätte …).

Der Hans reißt, wie die anderen Jungs auch, den ollen Hut vom Kopf, hält ihn schützend vor’s Gesicht, versucht, in Deckung zu gehen – was ja doch aber in einem so langen, schmalen Gang gar nicht so einfach ist. Und:

Oh Gott!

Wie sie da nun Alle aussehen! Von wegen: Ganz in Weiß! Grau in Grau stehen sie da, die Jungs, ganz so, wie das Land, in dem sie leben.

Der Arbeiterklässler derweil hat sich wieder seiner Wand zugewandt, zwitschert fröhlich ein Liedlein vor sich hin und tut so, als wäre nichts, aber auch gar nichts gewesen.

Und da tun natürlich auch die Jungs so. Denn: Sich wehren, den Schlag also, den man eben von der Arbeiterklasse versetzt bekam, zurück versetzen, das gehört sich doch nicht für einen, wie er da noch hieß, Oberschüler, dem aufgetragen ist, dieser Klasse nahe zu stehen!

Frisch besudelt schlottern die Jungs also weiter den Gang lang, kommen irgendwann dann auch bei der riesigen, hallig-leeren Fabrik-Halle an, in der sie heute das Putzen zu erlernen haben werden und marschieren da hinein ein. Wo ihr Meister dann gleich das anordnet:

- Da rauf!

Sein Finger zeigt auf ein Riesen-Gerüst, das da unter der hohen Decke aufgestellt ist. Auf dem Gerüst oben angekommen, haben die Jungs, der Anordnung ihres Meisters folgend, die Maurer-Kellen zu ergreifen, die da auf dem Gerüst-Boden liegen und haben sich neben den Mörtel-Kästen, die da auch mit stehen, aufzustellen.

- Ich zeig‘ Euch, wie das geht!

Der Meister macht vor, was da nun zu tun ist und dann sind sie dran: Rein mit der Kelle in den Mörtel-Kasten, rauf das Zeug auf die Kelle und ran an die Decke! Möglichst schwungvoll und richtig gewinkelt, ganz so, wie es der Meister eben vorgemacht hat.

Was aber tut, wie die Jungs das tun, der matschige Mörtel???

Er denkt gar nicht daran, an der Decke kleben zu bleiben!

Nein: Hurtig flutscht er wieder runter. Und wo da hin? Na klar: Nicht nur auf den Gerüst-Fußboden, sondern auch auf die Köpfe der da stehenden Oberschülers rauf!

Unser Hans freilich hat zunächst Glück. War der wieder abgefallene Batzen bei ihm doch nicht auf den Kopf, sondern auf den Gerüst-Fuß-Boden geklatscht. Bückt er sich also hurtig, kratzt den Batzen mit der Kelle vom Holzboden des Gerüsts auf und klatscht ihn erneut an die Decke über sich.

Aber!

Auch diesmal bleibt der Batzen nicht da, wo er bleiben soll. Der Hans guckt verzweifelt um sich und sieht, wie es den anderen Jungs genau so geht, wie ihm. Wieder und wieder bücken sie sich, kratzen das Abgefallene vom Boden auf und klatschen es erneut an die Decke …

Da plötzlich!

Brandet von unter dem Gerüst her Beifall auf!

Erstaunt schauen die Jungs dahin und sehen das: Heftigst erheiterte Angehörige der Arbeiterklasse, die sich fast kaputt lachen. Was die Jungs nicht wissen können: Dass ihr Meister seine Kollegen im Vorfeld darüber informiert hatte, was heute hier abgehen würde. Jetzt aber erst mal schmunzelt er seine Jungs an und spricht das:

- So nicht!

Weiß er doch, was die Jungs erst einen Tag später im Theorie-Unterricht zu erlernen haben werden: Eine trockene Wand, an die Mörtel fliegt, entzieht diesem, durstig, wie sie ist, gleich erst mal das Wasser ganz. Soll sie ja auch! Trocknet der Mörtel doch blitzschnell bissel an – und klebt sich auf diese Weise selbst an der Wand fest – sich da nun aufs Verrieben-Werden mit dem Reibe-Brettchen zu freuen.

Oder aber: Fällt, wenn nicht richtig angeworfen, erst mal wieder ab.

Und???

Wo da dann hin???

Der Meister lächelt verschmitzt.

Na klar! Physik, 6. oder 7. Klasse: Was auf der Erde fällt, fällt auf die Erde – nach unten – Anziehungs-Kraft! Wer aber steht da heute? Wenn nicht sie, seine Jungs?

Der Meister lacht laut.

Seine Kollegen lachen mit.

Hast du das Erlernen des Putzens nämlich nicht, wie allerorts üblich, erst mal an einer Wand vor dir zu üben gehabt, wo das Abfallende dann auf den Boden abfällt, sondern, wie sie heute, an einer Decke …

Und hast du diesen Vorgang dann zwei, drei oder vier Mal wiederholt, dann ist der Durst der Decke sehr bald schon so weit gestillt, dass sie das überhaupt nicht mehr kann und will: Dem Mörtel das Wasser entsaugen und ihn so zum Anhaften zwingen.

Und so werfen die Jungs und so fallen die Mörtel-Batzen.

Ab!

Ab!!

Ab!!!

Viele, viele Stunden lang, Minute für Minute. Den Tag lang ganz.

Und so wissen der Hans und die anderen Jungs nun endlich auch, warum ihnen ihr Meister für heute angeraten hatte, einen möglichst großen Hut mitzubringen.

Der Meister aber, wie er des Abends zu Hause neben seiner Ollen im Bette liegt und ihr belustigt vom heutigen Tagwerk berichtet, spricht da dann auch das mit aus, was er den ganzen Tag lang schon bei sich gedacht hatte:

- Sollen die doch mal sehen, die kleinen Klugscheißers, wie das geht, der Arbeiterklasse nahe stehen zu wollen!

Ziegel schmeißen


- Du holst Schwung, zielst auf die Nase von Deinem Nachbarn und dann schmeißt Du den Ziegel im hohen Bogen da hin!

Das spricht der Meister, wie seine Jungs an einem der anderen Ausbildungs-Tage wieder aufgereiht vor ihm und einem Ziegel-Haufen stehen.

- Dem auf die Nase???

Das fragt unser Hans sich und den Meister da natürlich gleich.

- Der Ziegel fliegt doch im Bogen! Erst hoch in die Luft, dann wieder runter. Und da fängst Du ihn auf!

Das spricht der Meister zurück und macht es seinen Jungs dann auch gleich vor. Lässt sich einen der Lernlinge paar Meter vor sich aufstellen, greift einen Stein, zielt auf die Nase des Lernlings und schmeißt.

Der Getroffene brüllt laut auf.

War ihm der Ziegel zwar nicht auf die Nase, doch aber auch nicht in die ausgestreckten Hände geflogen. Die nämlich hatten den Stein, ungeübt, wie sie noch waren, doch nicht fassen können und war der Ziegel-Batzen dem Jungling dann also wuchtig auf den Bauch geballert.

- Ja, das will geübt sein!

So kommentiert das der Meister und schmeißt dann auch gleich den nächsten Batzen. Der Angezielte schreit wieder auf. Ist das Wurf-Geschoss diesmal zwar nicht auf dem Bauch, dafür aber an seinem Schienbein gelandet. Na, irgendwann dann schafft er es doch, die angeflogen kommenden Batzen aufzufangen.

- Seht Ihr: So geht das!

Das ruft da zufrieden der Meister aus. Um dann gleich so fortzufahren:

- Dann drehst Du Dich um und schmeißt das Ding zum nächsten hin!

Haben sie sich also alle in einer Reihe aufzustellen, die Jungs – mit gebührenden Lücken dazwischen – und nun zu üben, wie das geht:

Schwung holen!

Auf des Nachbars Nase zielen!!

In hohem Bogen schmeißen!!!

Und wie die dann fliegen, die Stein-Ziegel! Zum Nachbarn hin, auch dem aber zunächst nicht in die Hände rein. Nein! Auf die Füße oder ans Schienbein oder einfach auf den Boden runter.

Bücken also, aufheben, das Ding, weiter schmeißen!

Eine ganze lange Stunde lang geht das so.

Bis dass der Ziegel-Haufen endlich auf die andere Hof-Seite umgezogen ist und es in ihnen Allen gleich auch diesen Rufe rufen will:

- Uff!

- Geschafft!

Was aber müssen die Jungs da dann ihren Meister sprechen hören?

- Zurück!

Die Jungs gucken komisch:

- Wohin denn zurück?

- Ihr seid doch gar nicht gemeint!

- Wer denn sonst?

- Die Ziegel …

Aha, der Haufen! Hat der nun also jetzt dahin zurück zu kehren, von wo er eben angeflogen gekommen war. Und machen sich die Jungs, geübt, wie sie nun schon bissel sind, gleich hurtig wieder ans Werk. Um dann aber, wie das vollbracht ist, ihren Meister gleich wieder das rufen zu hören:

- Zurück!

Den Jungs wird rot im Kopf. Und auch ihre Hände fangen ja langsam an, sich zu röten.

(Hatte ihr Meister beim letzten Mal doch „vergessen“, ihnen zu sagen, was diesmal mitzubringen sei: Lederne Handschuhe!)

Und so geht das dann den Tag lang ganz mit dem Haufen weiter:

Hin!

Her!!

Her!!!

Hin!!!!

Wieder und wieder:

Her und hin!!!!!!!!

Hin und her!!!!!!!!!!!

Und da fliegen dann ja nicht nur die Ziegel durch die Luft, sondern ziemlich oft auch dieses Wort in die Luft hinein:

- Aua!!!

Irgendwann dann nämlich sind ihre, wie sie in Sachsen heißen, „Pfoten“, unbehandschuht, wie sie sind, nicht nur rot, sondern auch heftigst beschädigt. Bei manchem gar blutig!

Und wie sie am anderen Tag in der Schule dann eine Klassen-Arbeit zu schreiben haben und das da noch „Füller“ geheißene Schreib-Gerät in die Hand nehmen und schreiben wollen, da gelingt das weder dem Hans noch manch anderem der Jungs ohne Schmerzen. So blutig besudelt, wie ihre Hände da noch sind …

Zur gleichen Zeit aber auch das noch:

LACH!

LACH!!

LACH!!!

Das freilich nicht in Hansens Klasse, sondern von einer ganz anderen Klasse her. Sitzen deren Angehörige doch gerade beim Frühstück und hat ihnen ihr Kollege, der Meister dieser komischen jungen Intelligenzler, eben erzählt, wie nahe seine Jungs gestern wieder ihrer Klasse zu stehen hatten …

Hii!

Hiii!!

Hiiiiii!!!!

Umbruch


- Hühner habt ihr gefangen???

Ungläubig schaut der Journalist Dieter drein, wie er hört, was er da eben von seinem Gegenüber berichtet bekam. Es ist Sommer, die Schüler der Marx-Schule der Marx-Stadt sind, wie jedes Jahr, in ihrem Schul-Ferien-Lager an der Ostsee. Der Dieter, der heute von Berlin her nach hier angekutscht gekommen ist, um in seiner Zeitung, der „Jungen Welt“, darüber zu berichten, und unser Hans hocken auf einer Klapp-Bank unterm freien Himmel der Insel Rügen und der Hans darf heute erstmals in seinem Leben ein Interview geben.

Der zweigrößten Zeitung des ganzen Landes!

Und eben hatte der Journalist, wie unser Hans ihm berichtete, was da in seiner Schule wie abgeht, das gefragt:

- Wie noch mal hieß der Beruf, den ihr zu erlernen habt?

Und hatte dann dieses komische Wort in seinen Notizblock zu notieren gehabt:

Roh …

Bau …

Monteur …

- Nie gehört, den Namen!

Klärte der Hans den Dieter also auf:

- Wird doch nicht mehr so viel gemauert bei uns im Land. Plattenbauweise! Neubauten und so … Und die dann montieren …

- Ah! Deshalb …

Wir hier kehren nun aber erst mal zum Anfang des Interviews zurück.

Da nämlich hatte der Dieter eben das gefragt, was man als Journalist so fragt:

- Und? Was treibt Ihr hier so?

Hatte der Hans also berichtet:

- Gleich früh am Morgen: Fahnen-Appell ….

- Aha …

Der Dieter hatte genickt. Na klar, wie überall im Land:

Die!

Fahne!

Hoch!

Und so hatte unser Hans dann auch gleich weiter berichtet: Nach dem Appell ab durch den Wald zum Strand hin, da hinein in die Wellen, Burgen bauen, sich mit Sand beschmeißen …

- Wie das an der Ostsee eben so ist …

Das hatte der Interviewer beim Interviewen gedacht, hatte weiter scheinbar interessiert zugehört, notiert und dann aber immer mal wieder auch bissel gegähnt.

Und der Hans, wie er das sah, hatte sich da das gefragt:

- Verrückteres (…oder, wie es heute wohl heißen würde, Spannenderes …) berichten???

Das zum Beispiel: Was in den früheren Armee-Zelten, die hier im Kiefernwald im Kreis als Ferien-Lager aufgestellt sind, was da abends immer so abgeht!?! Wie da zum Beispiel gestern einer von ihnen das ins Dunkel des Zeltes hinein gefragt hatte:

- Warum gehen die ABV’er 32 immer zu zweit auf Streife?

Nee, das ging nicht! Müsste da doch diese Antwort gegeben werden:

- Na, weil sie dann zusammen die 8. Klasse haben!

Und den anderen Witz, der dann auch gleich noch hinterdrein kam, den konnte er dem Dieter doch gleich gar nicht erzählen!

Nicht nur politisch, sondern ja auch noch schweinisch, wie der war!

Also: Wie da wieder mal zwei ABV’er die Straße lang gehen und drüben auf der anderen Seite kommt eine Frau den Fußweg lang. Und wie da der eine Polizeier aufgeregt zum anderen spricht:

- Meine Bio-Lehrerin! Die blöde Kuh! Hat mir immer bloß Vier’n und Fünfen gegeben! Aber der geben wir’s jetzt zurück!

Und wie er dem Genossen neben sich dann befohlen hatte, dass sie beide jetzt ganz schnell mal die Straßenseite wechseln sollten. Und dann das:

- Du gehst von hinten an die blöde Kuh ran, ich komme von vorne!

Erst mal so, als wäre nischt. Einfach so … Dann aber! Dann!

Gehst

Du ganz nahe an von hinten an die Olle ran und reißt ihr den Rock hoch!

Erstaunt fragt der Genosse seinen Genossen:

- Den Rock hoch???

- Ja, den Rock …

Woraufhin der ABVer seinen Genossen weiter aufklärt:

- Ich komme von vorne und?!?

Sein Genosse weiß es nicht. Bis dass er das hört:

- Und trete der ollen Kuh von vorne in die Eier!

Na, da! Hatte es aber geprustet und gebrüllt vor Lachen im dunklen Zelt!

Und wie! Das aber konnte der Hans dem Zeitungsmann doch jetzt nicht erzählen … Aber ach:

Eier!

Plötzlich nämlich war dem Hans bei diesem Stichwort die Hühner-Fang-Geschichte eingefallen. Hatte zwar nichts mit den Ferien hier auf der Insel zu tun, vielleicht aber war das ja doch interessanter, als das, was da hier im Sommer wie immer so abging … Und:

Tatsache!

Flott war das Gähnen aus des Presse-Manns Gesicht verflogen, wie der Interviewte vor ihm das zu berichten anfing, hurtig hatte er zum Stift gegriffen, immer wieder den Kopf geschüttelt und dann aber fleißigst notiert, was er da zu hören bekam:

Hühner fangen!

Als Maurer!

Decke-Putzen!

Als Erstes!

Und Ziegel schmeißen!

Den Tag lang ganz!

Der Hans natürlich hatte, wie er dies Erwachen des Journalisten vor sich bemerkte, nicht schlecht gestaunt. Wollte der das wirklich in die Zeitung setzen??? Steht doch da sonst nie nicht drin, wie es wirklich zugeht im Kleinen Land – vor allem nicht, was da Mist ist …

Immer nur bloß:

Gute Taten!

Große Erfolge!

In allen Zeitungen des ganzen Landes!

Und nun das???

Will dieser Presse-Mann wirklich wissen, wie es wirklich ist?!?

Offenbar doch!

Nicht zu fassen!!!

Hatte der Hans seinem Gegenüber dann also ausführlichst berichtet, was da in Sachen Berufs-Ausbildung wie gewesen war. Der Mann von der sozialistischen Zeitung hatte gestaunt, geguckt, geschrieben. Und hatte zwischendurch immer wieder nur das gesprochen:

- Aha!

- Aha!!

- Aha!!!

Irgendwann dann war das Interview ja beendet gewesen und der Interviewer hatte den Interviewten baden gehen lassen.

Der Hans ging baden, kam zurück, ging essen, lag abends im Zelt, hörte Witze– na, und so weiter fort. Dass davon aber, was er dem Presse-Mann heute berichtet hatte, dass davon irgendwann irgendwas in der Zeitung stehen würde, das glaubte er nie und nimmer nicht.

Irrtum!

Gewaltiger!

Wie unser Hans nämlich wenige Tage später an den Kiosk geht, sich eine „Junge Welt“ zu kaufen, was muss, was darf, was kann er da lesen???

Alles, was er berichtet hatte! Hühner fangen, Decke putzen, Ziegel schmeißen –

Alles! Und zwar: Wahr, wie es war! Und gleich ruft es in ihm da das:

– Warwara hilf!

Ja: Nicht aus dem Staunen kommt er raus:

Eine ganze Seite!

Lang und breit!!

Seite 3 – die Aufschlag-Seite!!!

Warum das so war, das freilich konnte der Hans da noch nicht wissen. Politische Wetter-Berichte hat es ja nicht gegeben im ehemaligen Land. Hätte es sie nämlich gegeben, dann hätten er und alle anderen Bürger sehen und hören und lesen können, warum die Zeitungen des Landes die Welt kurzzeitig doch mal nicht immer nur so darzustellen hatte, wie sie nicht war, sondern Tatsache so, wie sie Tatsache war.

Tauwetter hatte geherrscht. Irgendein Partei-Plenum hatte es gegeben, das diesen Versuch beschlossen hatte.

Hans Huber liest, staunt und fragt sich aber dann doch das:

- Ob das was bringt?

Um sich diese Frage dann gleich selbst so zu beantworten:

- Ja, mir vielleicht! Eine auf die Mütze werde ich kriegen!

Dafür, dass er das Alles, was da in seinem Alltag so böse abgegangen war, dass er das der Zeitung verraten hat! Wird doch auch in Berlin gelesen, das Blatt! Von den allerobersten vorgesetzten Schul-Behörden!

Au weia!

Was aber ging nach dem Sommer dann ab?!?

Wenn nicht: Ihr Meister?!?

Ja: Gehandelt ward!!!

Haste, was kannste hatten der Hans und die anderen Rohbau-Lernlinge nach dem öffentlichen Bekannt-Werden dieser unsozialistischen Untaten ihres Meisters – und zwar gleich nach den Sommer-Ferien:

Einen neuen Meister!

Eine neue Baustelle!!

Eine (und zwar nun echte) Berufs-Ausbildung!!!

Dass unser Hans aus diesem Ablauf der Dinge wenig später dann eine fatal falsche Folgerung schließen würde, dass er sich nämlich sagte:

- Da musst du hin! Zur Zeitung! So gerne, wie du schreibst – und die Welt verbessern – das willst du doch auch!

Dass er also gleich nach dem Abitur Volontär wurde – und zwar bei eben dieser, der zweitgrößten Zeitung des ganzen Landes! – das wohl lag daran, dass er das nicht bedacht hatte:

Tauwetter herrscht für gewöhnlich nur eine kurze Zeit lang.

Bis dass irgendwann dann doch wieder Alles einfriert.

Was es dann ja auch tat …

Wir hier, liebe Leserin, lieber Leser, bleiben aber erst mal noch in den Oberschul-Zeiten unseres Helden. Da nämlich ließ der noch ganz Anderes in seiner, der Schule mit den zehn „O“ (Korl-Morx-Oborschule, Korl-Morx-Stodt, Korl-Morx-Blotz 2) abgehen!

Bar ohne Bier


- Was denn ist denn das denn???

Wie angenagelt steht der Direktor der Marx-Schule der Marx-Stadt am Marx-Platz in dem Zimmer, in das er eben mit der Schulleitung einmarschiert ist, und reißt die Augen auf.

Dieses!

Perverse!!

Möbel!!!

Mitten in einem Klassenzimmer!!!!

Der Direktor kriegt sein Maul nicht zu und staunt sich, wie alle anderen mit anmarschierten Lehrer, fast kaputt. Nur einer von ihnen, der Genosse Harnack, tut das nicht. Der nämlich schaut nach hinten hin, wo unser Hans und die anderen mit einmarschiert zu habenden Schüler locker herum stehen, und blinzelt dem Hans verschmitzt zu.

Der Direktor holt tief Luft. Schon die Idee, eines ihrer Klassenzimmer zu einem Jugendklub umzufunktionieren! Schon die war ja doch absurd gewesen! Und erlaubt hatte er das auch nur, weil es von oben her so angeordnet worden war. Sollte es doch ab sofort bissel mehr jungendgemäß zugehen in ihrem Land – und also auch an der Marx-Schule. Na gut: Jugendgemäßer. Das hier aber nun ging ja doch wohl bissel sehr viel zu weit:

Erlaubtes Saufen!

Mitten in der Schule!

Ruft der Direktor also den Schüler Hans, seines Zeichens FDJSekretär der Schule, und also verantwortlich für diesen tragischen Umbau, zu sich heran und fragt den das:

- Was ist das???“

- Eine Bar …

- Und??? Wie kommt die hier her???

Und so berichtet unser Hans nun also, wie es dazu gekommen war. Zunächst das, was der Genosse Direktor ja doch wohl weiß: Dass sie alle aller 14 Tage zur Berufsausbildung hin müssen. Und dass sich die meisten Jungs seiner Klasse da für einen der vielen Maschinen-Bau-Betriebe der Marx-Stadt entschieden hatten. Und als da nun dieser neue Jugendklub in die Schule gestellt werden sollte, hatten die das bei sich gedacht:

- Nicht immer nur im Betrieb feilen und löten und schrauben und in der Schule immer nur das: Lernen! Lernen! Nochmals lernen!

Nein: Auch mal ganz anders! Hatten sie also kurzerhand heimlich paar Bretter und Stangen und Nägel und Schrauben beiseite geräumt in ihrem VEB und die dann hier zur Schule her karren lassen. Heimlich natürlich. War doch einer ihrer Onkels LKW-Kraft-Fahrer da im Betrieb und hatte der ihnen geholfen.

- Geklaut haben die also!!!

Das ruft der Direktor aus, wie er das erfährt.

- Na ja: Umgelagert …

So übersetzt Hans Huber den damals im ganzen Land äußerst üblichen Vorgang. Und berichtet dann auch gleich weiter, wie sie das ehemalige Klassenzimmer umgestaltet hatten: Gleich vorne die Bar. Gebaut aus dem antransportieren VEB-Material. Und im Zimmer dann auch keine Schul-Bänke mehr, sondern lustig gut betuchte bunte Tische mit gemütlichen Stühlen dran, Blumentöpfe auf den Fensterbänken …

- Schluss jetzt!

Das spricht der Direktor dann irgendwann und ordnet den Abgang der Abnahme-Kommission an.

Interne Beratung!

Oben in seinem Zimmer!

Und dahin hat unser Hans – als oberster Übel-Täter – auch mit zu kommen. Nicht freilich in die Beratung hinein – nein: Draußen vor der Tür hatte er zu warten!

Wo dem dann auch irgendwann in den Sinn kommt, wie das Alles angefangen hatte. Wie ihn also sein Stabü-Lehrer 33 nach dem Unterricht mal zur Seite genommen und ihm da diese derart verrückte Frage gestellt hatte! Herr Harnack, dieser oberverrückte Lehrer, der sein Fach doch so ganz und gar anders unterrichten tat, wie die meisten anderen Kollegen seines Fachs:

Keine Losungen!

Keine Floskeln!

Alle Fragen zugelassen!

Offen und ehrlich über Alles reden dürfen!

Ja: Probleme wurden da im Unterricht diskutiert! Und die Welt auch (fast natürlich nur) richtig so besprochen, wie sie (fast) wirklich war! (… was ja, dier Jangsters änd dier Wessis, in den Schulen des ehemaligen Landes bis dahin überhaupt nicht üblich gewesen war!)

Na, das war doch was für den Hans, der, zu Hause von einem Major der Volkspolizei befehligt, immer schon bissel aufsässig war! Oberaktiv also nahm er an diesem verrückten Unterricht teil. Stellte kritische Fragen, gab kritische Antworten. Und wurde nie nicht getadelt dafür vom Lehrer Harnack!

Und nun diese Anfrage: Ob er nicht FDJ-Sekretär werden wolle? Und zwar: Von der ganzen Schule!

Na da!

Hatte dem Hans aber das Herz gewummert! Er, der er bis da ja noch nur Org.-Leiter der FDJ in seiner Klasse und Wandzeitungs-Redakteur gewesen war:

FDJ-Schul-Chef nun?!?

Und erklärt hatte ihm das der Genosse Harnack, seines Zeichens ja doch auch Partei-Sekretär der Schule, so: Dass sie beide dafür sorgen sollten, dass das Alles anders werde. Dass also die Schüler der Schule nicht mehr nur Pflicht-Mitglieder der FDJ sein sollten, sondern: Gerne! Nicht also, wie im Rest des Landes, nur, weil sich das so gehörte. Und dass die, wie Hans Hubers Genosse Vater sie immer nannte, „Gute Sache“, ab sofort also auch richtig gut („spannend“ also, wie es heute wohl heißen würde) unter die jungen Leute gebracht werden sollte. Nicht also immer nur so zum Gähnen oder zum Schimpfen von hinter der Hand her! Dass da nun also auch in der FDJ über Alles geredet werden könne und solle und nicht nur geglaubt werden müsse, was da immer so öde von oben her verordnet wird.

Und: Dass da auch in der Freizeit so richtig bissel was abgehen sollte! („Häppening“, wie das heute wohl heißen würde …)

- Na klar! Mach’ich!

Das hatte der Hans da zum Genossen Harnack hin gesprochen und war es ja dann auch bald geworden: Oberster Sekretär aller Schüler der ganzen Schule – 800 Stück immerhin! Und was da dann so abging! Als erstes: Fasching! In gleich zwei Stockwerken! Ja: Auch mal fröhlich sein und singen lassen, die Schüler – mitten in der Schule! Und sich auch nicht immer nur ins blaue Hemd hinein stecken müssen. Nein! Sich einmal im Jahr auch mal anders verkleiden und dazu dann vielleicht sogar noch eine verrückte Perücke aufsetzen! Ja doch:

Hellau!

Und die Musik dazu: Mal nicht mehr immer nur diese vertrödelten DDR-Schlager …

Nein:

Rock!

Und Roll!!

Und Twist!!!

Und was da im West-Radio noch so Alles abging an verrückter Musik!

So erinnert es sich Hans Huber, wie er vor dem Direktoren-Zimmer auf und ab geht. Biss dass sie sich doch endlich auftut, die Tür, der Genosse Direktor in ihr erscheint, Hans Huber zu sich heran winkt und tief Luft holt …

Der Hans stellt sich artig vor dem Direktor auf und erwartet nichts Gutes. Kann ja weiter nichts erteilt werden, als das: Bar-Abriss-Befehl! Oder?

Nein!

- Kann stehen bleiben, das Ding!

Das spricht der Direktor, wenn auch finsteren Blicks, zu unserem Hans hin.

Der traut seinen Ohren nicht!

Wahn!

Sinn!

Und sieht dann auch gleich, wie der Genosse Harnack, der eben mit den anderen Lehrern aus dem Beratungs-Zimmer raus gekommen ist, wie der ihm verschmitzt zublinzelt.

- Aha!

Hat sich der Parteisekretär der Schule – und damit ja ihr eigentlicher Chef – wohl doch durchgesetzt bei der Beratung! Schon auch will unser Hans innerlich die Arme hoch reißen, da verkündet der Direktor dann doch noch das:

- Aber!

Unserem Hans schwant nichts Gutes. Und gleich auch spricht der Direktor das:

- Getränke-Ausschank nur ohne Alkohol!

Woraufhin es sich in unserem Hans da gleich das fragt:

- Eine Bar ohne Bier???

Um sich diese Frage selbst gleich so zu beantworten:

- Egal! Zugelassen ist zugelassen! Mit oder ohne Schnaps und Bier …

Eilt er also flugs zu den Jungs und Mädels hinunter, die vor dem Bar-Zimmer auf ihn gewartet haben und erstatte ihnen Bericht.

Jubel!!

Jubel!!!

Jubel!!!!

- Aber!

Das hat der Hans hier ja nun anzufügen.

- Was aber?

Das fragen da die Jungs zurück.

- Ohne Alkohol!

So antwortet der Hans und berichtet auch gleich weiter, was er da eben noch so Alles hatte erfahren müssen.

Und da dann mussten sie doch gleich erst mal Alle zusammen in den neu gebauten Klub rein, da an die Bar ran und einen …

- Pssst!!!

Der Klassenfeind in der Schule


Ein Lehrer geht den Gang lang. Es ist Nachmittag, die Schule ist aus – Stille Stille im ganzen Haus. Hallig hallen die Schritte desLehrers durch den alten Gang. Er schreitet, da angekommen, in das Klassen-Zimmer ein, in dem er vorhin eben seine Lesebrille auf dem Lehrer-Pult hatte liegen lassen. Sieht die Brillen-Hülle auch gleich liegen, nimmt sie. Was aber sieht er da noch mit liegen?

Wenn nicht: Einen Zettel – den er da gar nicht hingelegt hat!

Der Lehrer nimmt den Zettel, setzt die Brille auf und liest:

Die Lehrer, die Rekrutenschinder,

sie brechen schon das Kreuz der Kinder.

Sie pressen unter allen Fahnen

die idealen Untertanen:

Gehorsam – fleißig – geistig matt –

die hab ich satt!

Der Lehrer reibt sich die Augen. Liest noch mal:

Rekrutenschinder …

Untertanen …

geistig matt …

Der Mann ist platt! Wer hat das geschrieben? Und dann auch noch hier auf sein Pult hin gelegt?!?

- Na warte! Wenn ich den finde!

Das denkt es im Lehrer, während er den Zettel hastig einsteckt,.

Hallend geht er den Gang lang zurück. Und sieht dabei auf einem der Fensterbretter was liegen???

Den gleichen Zettel noch mal wieder!!!

Er nimmt auch den, eilt nun aber gleich erst mal zum Lehrerzimmer hin.

Und???

Was muss er da sehen???

Zwei seiner Kollegen, die genau diese Zettel in Händen halten!

- Bei Euch auch?!?

Die Gefragten bejahen es. Und einer von ihnen spricht auch gleich das:

- Das müssen wir melden!

- Sofort!

Das antwortet der Andere.

Eilen sie also zum Direktor-Zimmer hin und zeigen dem Obersten Lehrer ihrer Schule da vor, was sie eben gefunden haben. Der nimmt einen der Zettel, liest und spricht dann nicht das, was da heute wohl gesprochen würde. Von wegen:

- Not tu fass!

Nein, er spricht das:

- Nicht zu fassen!

Noch dazu das: Dieser komische Fleck auf dem Zettel! Wie in letzter Zeit auf allen Zetteln, die er von seiner Sekretärin hatte kopieren lassen. Ruft er die also gleich erst mal herbei.

Und wie die dann aufgetaucht ist, fragt er sie scharf:

- Hat da in letzter Zeit mal jemand auf unserer Ormig-Maschine 34 kopiert? Jemand anderes, als Sie?

- Ja, dieser neue FDJ-Sekretär … Huber oder wie der heißt …

- Und? Was hat der kopiert?

- Weiß ich doch nicht!

Und da konnte es dann ja nun nur das Eine geben:

Vor!

La!!

Dung!!!

Sieht sich unser Hans also anderntags wieder artig vor seinem Direktor aufgestellt, sieht den einen Zettel hoch halten und hört ihn das fragen:

- Was ist das?

Und antwortet gleich auch wahrheitsgemäß:

- Ein Zettel!

Der Direktor errötet empört und fragt:

- Und? Was steht da drauf?

Liest das dann aber – mit Wut in der Stimme – gleich mal selbst vor:

- Die Lehrer, die Rekrutenschinder …

- Ach so!

- Sind wir also Rekrutenschinder?

- Natürlich nicht!

- Und warum hast Du das dann hier rauf kopiert???

- Na, unsere FDJ’ler, die sollen doch wissen, wie es nicht ist …

So stottert der Hans nun verlegen vor sich hin.

- Und??? Wer hat das geschrieben???

- Biermann heißt der …

Das spricht unser Hans und muss dabei aber innen bissel schmunzeln. Geht es nun also schon wieder um Bier. Wenn auch nicht an der Bar …

- Dieser Dichterling aus Berlin, der gerade …?

Das fragt der Direktor, spricht aber erst mal noch nicht mit aus, was da eigentlich wie zu sagen wäre, denkt also:

- Der da gerade, wie einige andere dieser Schreiberlinge auch, abgebürstet worden ist von der Partei! Weil er die schöne, neue Welt, in der wir leben, in seinen Liedern immer so derart sehr böse verzerrt!

Fragt den vor ihm Aufgestellten stattdessen das:

- Und dem seine Texte habt Ihr kopiert?!?

Hans Huber nickt.

Der Direktor ist fassungslos.

- Wieso das?

- Na, der Biermann, der ist doch kritisiert worden auf dem 11. Plenum …

- Zu Recht ja doch wohl – oder?

- Und da wollten wir, dass die Schüler das auch richtig verstehen … Warum der Mann kritisiert worden ist. Das stand ja gar nicht mit drin in der Zeitung …

- Wäre ja auch noch schöner! Dieser gefährliche Dreck in unserer Zeitung!

- Aber wenn ich verstehen soll, warum einer verboten wird …

- Da?!?

- …muss ich doch auch wissen, wie der Dichter das Alles falsch verdichtelt hat …

- Und da habt ihr … die Texte von diesem Klassenfeind?!?

- Haben wir Texte von dem kopiert und in die FDJ-Gruppen rein gegeben … Dass die Versammlungen machen können zu dem Thema … Sollen doch verstehen, nicht einfach immer nur abnicken …

- Und wo habt Ihr die Texte her?

Das fragt der Direktor da gleich nach, weiß er doch, dass von diesem gefährlichen Dichterling in ihrem Land nie noch nichts gedruckt worden und da also auch nicht zu kaufen ist!

- Ach so, ja … Hat einer von uns mitgebracht gekriegt …

- Aus dem Westen?!?

- …von einer alten Tante, die da vor kurzem mal drüben war …

- Illegal eingeführt also!

- Zu einem guten Zweck aber doch!

- Na gut!

Das spricht der Direktor dann am Ende.

- Beziehungsweise: Nicht gut! Diese Versammlungen, sie haben ab sofort nicht mehr stattzufinden! Und die Zettel, sie haben eingesammelt und vernichtet zu werden!

Hans Huber nickt erleichtert. Weiß er doch, warum dies nicht so schlimm ist.

Hatten die Versammlungen ja längst alle schon stattgefunden.

Und wie!

Debatte!

Debatte!!

Debatte!!!

Und da hatte es dann auch das endlich mal das gegeben, was es sonst ja doch nie nicht gab in der Marx-Schule: Offen und ehrlich war da diskutiert und debattiert worden von den versammelten Schülern!

Wo und warum dieser Biermann gar nicht so sehr Unrecht hat zum Beispiel …

Und unser Hans erinnert sich noch gut daran, was da in seiner Klasse abgegangen und was da Alles noch ausgesprochen worden war!

Wenn der Direktor das gehört hätte!

Um Gottes, bzw. Marxens Willen!

Und wenn der Direktor auch das noch wüsste: Dass ja auch er, der Hans, so Manches, was dieser Biermann geschrieben und gesungen hat, gar nicht so falsch findet …

Hatten die Zettel, die nun auf Anordnung der Direktion vernichtet zu werden hatten, ihren Dienst also längst getan und spricht der Verhörte nun das zu seinem Schul-Leiter hin:

- Machen wir so!

Um dann gleich erst mal erleichtert abzugehen von der Verhör-Bühne und dabei das in sich hinein zu denken und zu fühlen:

- Uff!

– Uffer!!

– Am uffersten!

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23 aralık 2023
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