Kitabı oku: «Barça»

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Dietrich Schulze-Marmeling

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2. Auflage Mai 2010

Copyright © 2010 Verlag Die Werkstatt GmbH

Lotzestraße 22a, D-37083 Göttingen

www.werkstatt-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten.

Satz und Gestaltung: Verlag Die Werkstatt

ISBN 978-3-89533-796-3

Inhalt

Prolog

Vorwort

1 Hans „Joan“ Gamper oder: Vom „Klub der Fremden“ zum Symbol Kataloniens

2 Ein Fußballklub, ein Diktator und erste Stars

3 Fußball und Bürgerkrieg

4 Ein Superstar, ein Superstadion und ein Team der fünf Pokale

5 Kulturtransfer: Der „totale Fußball“ kommt nach Katalonien

6 El Salvador: Ein Niederländer erlöst Katalonien

7 Ein Baulöwe und ein „blonder Engel“

8 Die Rückkehr von El Salvador

9 Ein „Poet unter Machos“ und eine „permanente Stimme aus dem Off“

10 Die „katalanische Republik des FC Barcelona“

11 Die Kunst des schönen Spiels

Bilder zum FC Barcelona

Daten zum FC Barcelona

Zeittafel zum FC Barcelona

Literatur

Danksagung

Der Autor

Zum Weiterlesen

Prolog

„Für uns Nichtgläubige ist Barça ideal. So haben wir etwas, woran wir glauben können. Barça verspricht uns ein Leben nach dem Tod.“ Sergie Pàmies

„Barça-Anhänger erleben bei Siegen ein fast orgiastisches Glücksgefühl und fallen bei Niederlagen in schwerste Depressionen. Das Irrationale ist ein Bestandteil des menschlichen Bewusstseins, man sollte immer einen irrationalen Aspekt in sich pflegen. Warum beispielsweise sollte es nicht die fußballerische Religiosität als Alternative zur Religiosität in der Politik geben können?“ Manuel Vázquez Montalbán

„Für den Klub zu sein hieß, gegen das Regime zu sein. Deshalb wird Barça immer mehr sein als nur ein Verein.“ Sergie Pàmies

„Francos Besatzungstruppen betraten die Stadt. Auf dem vierten Platz der Liste der Organisationen, die nun verfolgt wurden, stand hinter den Kommunisten, Anarchisten und Separatisten der Barcelona Football Club. (…) Barça ist die epische Waffe eines Landes ohne Staat. Barças Siege sind wie die Athens über Sparta.“ Manuel Vázquez Montalbán

„Während der Franco-Zeit waren Barças Siege ein Placebo, um den Hunger nach Freiheit zu stillen.“ Sergie Pàmies

„Selbst wenn Claudia Schiffer und Naomi Campbell zusammen splitternackt im Camp Nou flanierten, wie lange würden die Menschen wohl hinschauen? Zehn, zwanzig Sekunden vielleicht, bis zum nächsten aufregenden Angriff über Laudrup oder Stoichkov oder Guardiola oder wen auch immer in dieser großartigen Mannschaft, die damals den aufregendsten Fußball der Welt spielte.“ César Luis Menotti (über Johan Cruyffs Dream-Team)

„Sehr viele Leute, die hier eine Jahreskarte für Barça haben, haben hier auch eine Jahreskarte für das Konzerthaus oder die Oper. Die Katalanen interessiert beides, und sie sehen darin auch keinen Widerspruch. Das wiederum merkt man an der Stimmung im Stadion, die ist ganz anders als in England. Viel zurückhaltender, viel opernhafter.“ José Carreras

„Was diese Jungs können, ist magisch. Das ist Kunst. Kunst hat heute so viele verschiedene Ausprägungen. Einer wie Ronaldinho liegt irgendwo zwischen bildender Kunst und einem Künstler auf der Bühne.“ José Carreras

„Natürlich ist Barcelona in erster Linie ein Fußballklub: Wie alle Klubs versucht man, Spiele zu gewinnen und Prestige aufzubauen und zu bewahren. Doch es ist auch ein Verein mit einer Geschichte von 105 Jahren, die eng mit Werten wie Sportlichkeit, Fairness, Universalismus und Gemeinwohl verknüpft sind. Außerdem wird der Klub auch eng mit seinem Territorium in Verbindung gebracht. Wir respektieren jeden, der die gleichen Werte respektiert: Barcelona ist ein wichtiger Integrationsfaktor für die Menschen, die zum Leben und Arbeiten nach Katalonien kommen. Menschen aus vielen verschiedenen Ländern sehen in Barça eine Integrationsmöglichkeit. Hier können sie Gemeinschaft erleben und haben ein Forum, wo sie mit der katalanischen Gesellschaft in Kontakt kommen können. Barcelona ist in gewisser Weise ein Abbild der Stadt und der Region Katalonien. Daher sind wir mehr als ein Klub.“ Joan Laporta, Februar 2005

„Das Vereinsmotto ‚Mehr als ein Klub‘ stimmt. Barça ist eine Weltanschauung.“ Udo Lattek

„Es ist, als bleibe für Barcelona die Welt stehen.“ Thierry Henry

Vorwort

Am 29. November 1899 wurde in einer Turnhalle in Barcelonas Altstadt der Football Club Barcelona aus der Taufe gehoben. Initiator der Gründung war der Schweizer Hans Gamper, erster Präsident wurde der Engländer Walter Wild. Die Gründungsmitglieder waren in ihrer Mehrheit Ausländer und Protestanten, Fremde in einem Land, dessen Verfassung die „katholische, apostolische, römische Religion“ zur Staatsreligion erklärte und einzig deren Zeremonien und öffentliche Kundgebungen zuließ.

Barcelona wurde in diesen Jahren zum Manchester Spaniens, eine Stadt, deren Rhythmus von Handel und Industriearbeit bestimmt wurde. Hunderttausende zogen in die staubige, graue und laute Industriestadt voller Schlote und Elendsquartiere, die damit einen vorzüglichen Nährboden für den Fußball bot. Denn Fußballhochburgen entstanden oftmals dort, wo viele Menschen Einwanderer waren und nur einen schwachen Bezug zum Territorium hatten, wie etwa im Ruhrgebiet. Der Fußball füllte hier eine emotionale Lücke und wirkte identitätsstiftend.

Dies galt auch für den FC Barcelona. Barça, wie der Klub auch kurz gerufen wird, war schon frühzeitig „més que un club“ (mehr als ein Klub), wie das offizielle Vereinsmotto heute lautet.

Bereits 1908, ein knappes Jahrzehnt nach der Gründung, führte Hans Gamper, der seinen Vornamen zu „Joan“ katalanisieren ließ, den FC Barcelona an den Katalanismus heran, der nach politischer und kultureller Unabhängigkeit vom Zentralismus des kastilischen Madrid trachtete.

1935 wurde Josep Sunyol Präsident des FC Barcelona, ein Aktivist der katalanischen Linken. Sunyol, der im August 1936, wenige Wochen nach Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs, ermordet wurde, war Herausgeber der Zeitung La Rambla, die mit dem Untertitel „esport i ciutadania“ („Sport und Bürgerrecht“) erschien und eine Melange aus Sport und Politik anstrebte.

Sein Image, mehr als nur ein Klub zu sein, „verdankt“ der FC Barcelona aber vor allem den Jahren der Franco-Diktatur. Als die katalanische Sprache verboten war und die eigenständigen Strukturen Kataloniens zerschlagen wurden, avancierte Barça zur letzten katalanischen Institution und das Stadion Camp Nou zum Parlament Kataloniens. „Für den Klub zu sein hieß, gegen das Regime zu sein“, formulierte der Schriftsteller Sergie Pàmies nachbetrachtend.

Trotz internationaler Stars wie Ladislao Kubala und Trainern wie Helenio Herrera stand Barça in den Jahren der Franco-Diktatur zumeist im Schatten des großen Rivalen Real aus der Hauptstadt Madrid. In den Jahren 1956 bis 1966 wurde der Europapokal der Landesmeister von den fußballerischen Repräsentanten faschistischer Hauptstädte dominiert. Real Madrid und Benfica Lissabon vereinigten acht der elf in diesem Zeitraum vergebenen Titel auf sich.

Wenn vom spanischen Fußball jener Jahre gesprochen wird, ist noch heute viel von Schiedsrichter-Beeinflussung zugunsten Reals und auf Kosten Barças die Rede. Entscheidender war aber wohl, dass Real auf vielfältige Weise indirekt von Francos zentralistischer Politik profitierte, die Macht und Ressourcen in der Hauptstadt konzentrierte.

Barças Rettung kam aus den Niederlanden. Eine kulturelle, politische und soziale Revolution hatte in den 1960er Jahren das kleine Land von einem eher rückständigen Gebilde zu einer der progressivsten Adressen Europas katapultiert. Ein Exportschlager aus dieser Umwälzung wurde der Fußball. Barça geriet zum Objekt eines der bemerkenswertesten Kulturtransfers in der europäischen Fußballgeschichte.

1970 wurde mit dem Niederländer Rinus Michels ein Architekt des sogenannten totaal voetbal Trainer des FC Barcelona. Bergauf ging es mit Barça aber erst wieder, als zur Saison 1973/74 auch noch sein Landsmann und Schüler Johan Cruyff von Ajax Amsterdam in die katalanische Metropole wechselte. Am 17. Februar 1974 besiegte Barça das „Regime-Team“ Real Madrid in dessen Stadion Santiago Bernabéu mit 5:0. Für Millionen Spanier und Katalanen war dieser Tag der Anfang vom Ende der Diktatur. Johan Cruyff erlangte mit seinem furiosen Auftritt im Wohnzimmer des Rivalen den Status eines Erlösers (El Salvador) und Heiligen. Am Ende der Saison war der FC Barcelona erstmals seit 14 Jahren wieder Meister.

Aber auch über Amsterdam und Barcelona hinaus bediente Cruyff mit seiner Art des Fußballspielens die Lebensphilosophie vieler junger Menschen in Europa. Fußball à la Oranje bedeutete Angriffslust, Kreativität, lange Haare und das Hemd über der Hose – ein radikales Kontrastprogramm zur Strenge und Düsterheit autoritärer Regime. Für den Autor dieses Buchs war Johan Cruyff sein größtes Idol, repräsentierten der Niederländer und seine Mitspieler – ob bei Ajax, in der niederländischen Elftal oder bei Barça – doch eine gelungene Verbindung von Kollektivismus und kreativem Individualismus. Cruyff schlug nicht nur Real, sondern auch Marx, Lenin und Che Guevara um Längen. In des Autors Heimat Ruhrgebiet mochte Libuda Gott umdribbeln („Keiner kommt an Gott vorbei – außer Libuda“), aber Cruyff ließ sogar Karl Marx furchtbar alt aussehen.

Nach der WM 1974 schloss sich mit Johan Neeskens ein weiterer Niederländer den Katalanen an, mit dessen Namen insbesondere der Gewinn des Europapokals der Pokalsieger 1979 in Verbindung gebracht wird – Barças erste bedeutende europäische Trophäe, die zeitlich mit der Gewährung eines Autonomiestatuts für Katalonien zusammenfiel.

Die niederländische Fußballphilosophie und die Kunst des offensiven und schönen Fußballs hielt aber erst so richtig und nachhaltig Einzug, als Cruyff 1988 ein weiteres Mal von Ajax Amsterdam zum FC Barcelona wechselte. Diesmal als Trainer und mit seiner bereits bei Ajax erprobten Ausbildungsphilosophie im Gepäck.

Die Stadt Barcelona befand sich im Vorfeld der Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 1992 in einem Erneuerungsrausch und entledigte sich nun auch städtebaulich der Relikte der Franco-Jahre. Aus einer grauen Industriestadt wurde eine Dienstleistungs-, Tourismus- und Kreativmetropole. Wenige Wochen vor der Eröffnung der Sommerspiele auf Barcelonas Stadtberg Montjuic gewann Cruyffs Barça erstmals den Europapokal der Landesmeister, eine Trophäe, die in Spanien bis dahin ausschließlich mit dem Rivalen Real in Verbindung gebracht wurde. Andoni Zubizarreta, Ronald Koeman, Michael Laudrup, Josep Guardiola, Hristo Stoichkov und Co. gingen als Dream-Team in die Annalen ein, das die Experten noch viele Jahre später wegen seines Pass- und Offensivspiels mit der Zunge schnalzen ließ. Luis César Menotti, Philosoph des „linken Fußballs“, aber auch ein Freund schöner Frauen, war später sogar bereit, den Anblick der nackten Models Claudia Schiffer und Naomi Campbell zugunsten dieses Teams zu verschmähen.

Als die niederländischen Klubs – bedingt durch das Bosman-Urteil und andere Entwicklungen im internationalen Fußball – auf europäischer Bühne nicht mehr reüssieren konnten, garantierte der FC Barcelona den Fortbestand der niederländischen Fußballphilosophie, wenngleich in „katalanisierter“ und internationalisierter Form.

Auch beim zweiten großen europäischen Triumph, dem Gewinn der Champions League 2006, saß mit Frank Rijkaard ein Niederländer auf der Bank, dank der Fürsprache Johan Cruyffs. Und beim erneuten Gewinn der europäischen Königsklasse 2009 führte mit dem Katalanen Josep „Pep“ Guardiola ein ehemaliger Spieler und Schüler Cruyffs das Kommando.

Der „totale Fußball“ und Fußball à la Johan Cruyff war stets mehr Idee als System gewesen. Genau betrachtet, befreite er den Fußball ein Stück weit vom System- und puren Ergebnisdenken – zugunsten eines ausdrucksvollen, kreativen Angriffsspiels. Am Anfang stand gewissermaßen eine Ablehnung von System. Das Ajax von Rinus Michels und Johan Cruyff musste massive gegnerische Abwehrriegel knacken, weshalb man die Zahl der Angriffskräfte erhöhte – durch Einbeziehung der Defensivkräfte und eines fußballspielenden Torwarts. Fußball à la Cruyff heißt in erster Linie Offensivfußball und Unterhaltung. Cruyff im Oktober 2005 über den damaligen Chelsea-Coach José Mourinho, der sich in diesen Jahren zum fußballphilosophischen Antipoden des Barça-Fußballs aufschwang: „Man kann sagen, dass er im pragmatischen Sinne ein guter Trainer ist. Aber ich glaube, dass Fußballtrainer auch die Pflicht haben, mit ihren Mannschaften zu unterhalten. Das Ergebnis darf nicht immer die einzige Sache sein, besonders nicht für große Teams wie Chelsea und Barcelona. Mourinho sagt, nur der Sieg wäre wichtig, aber ich finde, nur kleine Teams sollten so vom Ergebnisdenken besessen sein, damit sie in der Topliga bleiben. Die Topteams tragen nicht nur für sich selbst Verantwortung. Sie haben auch eine Verpflichtung gegenüber dem Spiel als solches.“

Eine Hymne auf den neuzeitlichen FC Barcelona ist unweigerlich auch eine auf Johan Cruyff – zum Ende des 20. Jahrhunderts völlig zu Recht zum „europäischen Jahrhundertfußballer“ gekürt – und auf eine in den Niederlanden geborene Idee vom Fußball.

Wer den FC Barcelona, das Estadi Camp Nou und das Museum des Klubs besucht, der realisiert, wie klein sich dagegen selbst ein hierzulande als Branchenführer gehandelter FC Bayern ausnimmt. Dabei trennen Barça und Bayern mehr als Umsatzgrößen. Es sind vor allem das unterschiedliche Gewicht der Geschichte, die politische und soziale Bedeutung, die diese Geschichte dem Verein zuweist, sowie die Existenz einer Spielphilosophie. Dies alles ist bei Barça deutlich stärker ausgeprägt, weshalb dieser Verein so viel bedeutsamer und legendärer erscheint.

Der FC Barcelona ist nicht nur ein Fußballklub, sondern der Sportklub Kataloniens. Im Trikot des FC Barcelona wird auch Handball, Basketball, Baseball, Rugby, Eishockey und Feldhockey sowie Volleyball gespielt. Barças Handballer gehören seit vielen Jahren zu den besten Europas. Siebenmal wurde die EHF Champions League gewonnen. Und die Basketballer konnten bislang 14 spanische Meisterschaften einfahren.

„Més que un club“: Dass dieses Motto heute lebendiger denn je ist, ist nicht nur dem Katalanismus seines Präsidenten Joan Laporta zu verdanken, der den FC Barcelona mit Werten wie „Sportlichkeit, Fairness, Universalismus und Gemeinwohl“ verknüpft wissen will, für den Barça „ein schöner Lebensstil“ ist und dem eine „katalanische Republik des FC Barcelona“ vorschwebt. Das Barça als „Modell des Guten in der Fußballwelt“ (Financial Times Deutschland) bezieht ganz wesentlich seine Kraft aus der Kunst des schönen Spiels, der Liebe zum Ball, dem Spaß am Spiel. Denn auch für den FC Barcelona gilt: Ohne Fußball wäre alles nichts.

Dietrich Schulze-Marmeling

Frühjahr 2010

Kapitel 1
Hans „Joan“ Gamper oder: Vom „Klub der Fremden“ zum Symbol Kataloniens

Am 22. Oktober 1899 erscheint in der katalanischen Sportzeitung Los Deportes eine Kleinanzeige, in der zwei Herren mit ausländischen Namen, ein Hans Gamper und ein Walter Wild, über eine bevorstehende Klubgründung informieren: „Die Herren Gamper und Wild sind mit der Organisation einer Football-Gesellschaft weit fortgeschritten. Die Herrschaften, die dieser Gesellschaft angehören möchten, werden gebeten, des Dienstags oder Freitags in dieser Redaktion vorbeizuschauen, um über die noblen Vorhaben ihrer Organisatoren unterrichtet zu werden.“

Hans Gamper hat zwei Probleme, die ihn zu dieser offensiven Suche nach Mitspielern zwingen: Zum einen gehört er zur protestantischen Minderheit in Barcelona. Gampers erste Weggefährten sind folglich Mitglieder der kleinen protestantischen Gemeinde im Distrikt Sarrià-Sant Gervasi im Nordwesten der Stadt. Außerdem ist Gamper, wie auch sein Mitstreiter Walter Wild, Ausländer: Gamper stammt aus der Schweiz, Wild aus England. Ein bestehender Fußballklub namens Catalunya, bei dem Gamper anklopfte, mochte den Fremden nicht aufnehmen – er beschränkt sich auf katalanische Spieler. So bleibt Gamper nichts anderes übrig, als sich selbst nach Mitspielern umzuschauen, die der Katalanismus aufgrund ihrer Konfession oder Nationalität ebenfalls ausschließt.

Am 29. November 1899 wird in der in Barcelonas Altstadt gelegenen Turnhalle von Manuel Solé der Football Club Barcelona aus der Taufe gehoben. Neben Hans Gamper und Walter Wild sind der Schweizer Otto Kunzle, die englischen Brüder John und William Parson, der Deutsche Otto Maier sowie die Katalanen Lluís d’Osso, Enric Ducal, Pere Cabot, Carles Pujol, Josep Llobert und Bartomeu Terrades beteiligt. Die Hälfte der Gründungsmitglieder sind somit Ausländer und Protestanten. Die englische Vereinsbezeichnung Football Club verweist auf die anglophile Haltung der multikulturellen Kickerschar.

Ein Pionier aus der Schweiz

Hans-Max Gamper Häessig, der eigentliche Motor der Klubgründung, wurde am 22. November 1877 in der Jakobsstraße 7 in Winterthur geboren. Er ist das dritte von fünf Kindern und der älteste Sohn der Eheleute August und Rosine Emma Gamper (geborene Häessig); die Familie ist Mitglied der evangelisch-reformierten Kirche der Schweiz. Winterthur, Tor zur Ostschweiz, hat sich mit Industrie und Banken zu einem international bedeutenden Wirtschaftsstandort entwickelt und verfügt auch über hervorragende Bildungsanstalten wie die Schweizerische Technische Fachschule.

August Gamper ist ein wohlhabender Bankdirektor. Als seine Ehefrau Rosine Emma 1886 an Tuberkulose stirbt, zieht die Familie nach Zürich, der Heimatstadt August Gampers. Dort besucht Sohn Hans das Polytechnikum. Wie im Übrigen auch der aus Turin stammende Vittorio Pozzo, der als Trainer Italien 1934 und 1938 zum WM-Titel führen sollte, zunächst aber lehrreiche Jahre in der Schweiz verbrachte, wo er in Zürich und Winterthur nicht nur einer kaufmännischen und sprachlichen Ausbildung nachging, sondern auch Fußball spielte – so 1905 bis 1906 bei Grasshoppers Zürich.

Der junge Gamper ist ein enthusiastischer Anhänger der „english sports“ und avanciert in Zürich bald zu einem Spitzensportler. Zunächst betreibt er vor allem Radfahren und Laufen. So gewinnt er die Ouvertüre auf der Radrennbahn Basel und ein internationales Rennen zwischen Zürich und Zug. 1898 hält er die Laufrekorde über 800 und 1.600 Meter. In seinem weiteren Leben spielt er auch noch Rugby, Tennis, Golf und natürlich Fußball. Enkelin Emma Gamper: „Mein Großvater war ein klassischer Sportsmann seiner Epoche. Er gehörte zu jenen jungen Schweizern, die den Fußball mit Freude und großem Idealismus verbreitet haben.“

In Zürich ist Gamper zunächst für den Züricher Klub FC Excelsior am Ball. Anschließend gehört der 18-Jährige zu den Gründungsmitgliedern des im akademischen Milieu beheimateten FC Zürich, einer am 1. August 1896 aus der Taufe gehobenen Fusion aus FC Excelsior, FC Turicum und FC Viktoria. Auch sein erst 14-jähriger Bruder Fredy ist mit von der Partie. Erster Präsident des Klubs wird der Jurastudent Hans Enderli; als Klublokal firmiert das vornehmlich von Studenten frequentierte Restaurant „Boden“. Emma Gamper: „Die Gründer bauten alles selber auf; sie bereiteten den Spielplatz vor, amtierten als Präsidenten, waren Trainer, organisierten die Matches, schrieben die Artikel als Sportjournalisten. Sie waren Pioniere, die sich mit ganzem Herzen dem Fußball verschrieben hatten.“

Im selben Jahr beschreibt die Zeitschrift Spiel und Sport Gamper als einen „der besten Schweizer Fußballer. Er zeichnet sich durch sein ruhiges Spiel, seine Beweglichkeit und seine Kaltblütigkeit aus.“

1896 läuft Gamper auch für den FC Basel auf, als dieser am 15. November gegen den FC Mülhausen aus dem Elsass spielt. Es ist das einzige registrierte Spiel, das Gamper, der in der Literatur viel mit dem FC Basel in Verbindung gebracht wird, für den Klub bestreitet. 1897 zieht Gamper nach Lyon, wo er für die Crédit Lyonnais arbeitet und für den Football Club de Lyon sowie den Rugby-Verein Atlétique-Union spielt. 1898 erhält der Stürmer eine Einladung zu einem sogenannten Repräsentativmatch Schweiz gegen Süddeutschland.

Doch nach den Vorstellungen seines Vaters soll Hans Gamper sein Leben nicht dem Fußball widmen. Ihm ist eine Laufbahn als Kaufmann im Import- und Exportgeschäft zugedacht. Dafür soll er im Ausland Erfahrungen sammeln.

Brutstätte des kontinentalen Fußballs

Die Geschichte des FC Barcelona beginnt nicht zufällig in der Schweiz. Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich das Land zur Drehscheibe bei der Verbreitung des modernen Fußballs in Europa entwickelt. Verantwortlich waren die zahlreichen Engländer im Land, die der Schweiz auch den Ruf als „little england“ einbrachten. Noch heute lässt sich der anfängliche Einfluss Englands auf den Schweizer Fußball an Vereinsnamen wie Young Boys Bern oder Grasshoppers Zürich, 1886 vom Biologiestudenten Tom E. Griffith initiiert, ablesen.

In den Schweizer Fachschulen wurden seit den 1880er Jahren viele Ingenieure, Kaufleute und internationale Bankiers ausgebildet. Die Schulen genossen international hohes Ansehen und lockten auch Zöglinge der englischen Industriellen an. Die englischen Schüler brachten das Fußballspiel mit, das nun zu einem Bestandteil der modernen Erziehungsmethoden der Eliteschulen wurde. Die Wiege des kontinentalen Fußballs stand in den Genfer Instituten La Chátelaine und Cháteau de Lancy, wo bereits ab 1860 gekickt wurde.

Die englischen Schüler blieben beim Fußball nicht unter sich, sondern luden ihre einheimischen Mitschüler dazu ein und infizierten sie mit dem Spiel aller Spiele. Bald gründeten auch Schweizer Bürger Fußballklubs. Nicht nur im eigenen Land, sondern auch jenseits ihrer Landesgrenzen und hier insbesondere in Norditalien, Südfrankreich und Katalonien. So waren 15 der 25 Gründer des FC Torino Schweizer, darunter auch der erste Klubpräsident Schönfeld. In Mailand wirkte 1908 der Schweizer Enrico Hintermann als maßgeblicher Gründer eines Vereins, der sich bezeichnenderweise FC Internazionale – kurz: Inter – nannte. Als der junge Klub 1910 die Meisterschaft gewann, standen neun Schweizer im Team. Der FC Bari wurde 1908 vom Getreidehändler Gustav Kuhn ins Leben gerufen, beim FC Bologna wurde 1909 der Zahnarzt Louis Rauch erster Präsident. Neapels Fußballpioniere waren die Gebrüder Michele und Paolo Scarfoglio, die das Spiel während eines Praktikums in der Schweiz kennengelernt hatten. Der französische Banker Henri Monnier, 1901 Gründer des Sporting Club de Nîmes, war während des Studiums in Genf auf den Fußball gekommen, und auch die französischen Fußballpioniere Falgueirettes und Julien hatten in der Schweiz studiert.

In Marseille ging aus dem 1884 gegründeten Turnverein La Suisse Marseille der Klub Stade Helvétique hervor, initiiert von einem Zirkel Schweizer Geschäftsleute. Die Mittelmeer-Schweizer wurden 1909, 1911, 1913 und 1919 Französischer Fußballmeister, beim ersten Mal mit zehn Schweizern und einem Briten. Der Schweizer Einfluss reichte bis hoch nach Paris, wo ein Klub mit dem Namen Union Sportive Suisse zu den führenden Adressen zählte.

Auch Deutschland wurde über die Drehscheibe Schweiz versorgt. Den deutschen Fußballpionier Walther Bensemann, Sohn eines jüdischen Bankiers aus Berlin, schickten seine Eltern im Alter von zehn Jahren auf eine Privatschule in Montreux. Am Genfer See entwickelte Bensemann eine Begeisterung für alles, was er für „typisch englisch“ hielt. 1883 wurde Bensemann erstmals Zeuge eines Fußballspiels englischer Mitschüler, die allerdings Rugby spielten. 1887 gründete er mit englischen Mitschülern den Footballclub Montreux, anschließend war er in Süddeutschland an der Gründung zahlreicher Fußballklubs beteiligt, so beim Karlsruher Fußballverein (Deutscher Meister von 1910) und den Vorgängervereinen von Eintracht Frankfurt und Bayern München. Bensemann, der später die Fußballzeitung Der Kicker ins Leben rief, zählte 1900 auch zu den Gründungsvätern des DFB.

Mobile Eliten und Protestanten

„Fußball-Pioniere kamen in der Regel aus wohlhabenden Familien und wurden stark beeinflusst von britischen Traditionen, die mit der industriellen Revolution assoziiert waren“, schreibt der Fußballhistoriker Pierre Lanfranchi. Nicht der Fußball führte sie in fremde Länder und machte sie zu Migranten. Vielmehr handelte es sich um „mobile Eliten“, die aus beruflichen bzw. geschäftlichen Gründen ihre Heimat verließen.

Das Fußballspiel war ein Bestandteil des von den industriellen Eliten in aller Welt bewunderten „English Way of Life“. Der Schweizer Historiker Christian Koller: „Mit seinen universellen Regeln und seinem offenen Wettbewerb verkörperte es für die aufstrebende Jugend auf dem Kontinent eine Modernität, die sich an den Prinzipien des Freihandels, des Kosmopolitismus und des Wettbewerbs orientierte.“

Nicht von ungefähr verbreitete sich der Fußball besonders rasch in den drei Ländern des Kontinents mit dem höchsten Bruttosozialprodukt pro Kopf. Dies waren Belgien, Dänemark und die Schweiz.

Lanfranchi charakterisiert die kontinentaleuropäischen Fußballpioniere als „Missionare der freien Marktwirtschaft“ und „Gegner einer protektionistischen und xenophoben Spielart des Nationalismus“. Sport wurde nicht einer Karriere wegen betrieben, spielte aber in ihrem Leben eine zentrale Rolle. Und auch ihre Religionsangehörigkeit war nicht ohne Bedeutung, wie Lanfranchi anmerkt. Die ersten Mitglieder des Sporting Club de Nîmes waren Mitglieder des Jugendklubs der lokalen calvinistischen Gemeinde. Gründer Monnier, der seinen Vornamen von „Henri“ zu „Henry“ anglisieren ließ und seinen Sohn „Willy“ nannte, war Sohn eines protestantischen Bankiers und hatte seine Ausbildung in der Calvin-Stadt Genf absolviert. Stade Helvétique war eng mit der reformierten Gemeinde Marseilles verbunden. Und auch der FC Barcelona war, wie eingangs erwähnt, zunächst eine vorwiegend protestantische Angelegenheit.

Lanfranchi: „Im katholischen Südeuropa reproduzierten protestantische Sportsleute mittels des Fußballs eine ‚alternative Kultur’, die dazu in der Lage war, Protestanten unterschiedlicher Nationalität anzuziehen.“ Der kontinentale Fußball war damals noch eine sozial-elitäre Angelegenheit. „Die jungen Protestanten und die Angehörigen der Klasse der Geschäftsleute“, so Lanfranchi weiter, „waren häufig identisch, und sie lieferten eine der fruchtbarsten Umgebungen für die Verbreitung des Spiels. Sport entwickelte sich in protestantischen Milieus schneller und erfolgreicher – als eine Art Übertragung von Max Webers Theorie der säkularen Askese in körperliche Aktivität.“

Unter Europas Fußballpionieren und ersten Vereinsgründern befanden sich in der Tat auffallend viele Protestanten (und Juden). Protestantische (wie auch jüdische) Milieus waren für die kapitalistische Moderne mit ihren Konkurrenz- und Leistungsprinzipien gewappnet. Und der Fußball als ein Produkt des modernen Industriezeitalters wurde in Europa zu dessen Spiel.

Kataloniens Metropole: Barcelona

Doch zurück zu Hans Gamper, der dem Rat seines Vaters folgt und sich 1898 auf den Weg nach Afrika macht, um auf Fernando Poo, einer Insel im Golf von Guinea und spanische Kolonie, Firmen für den Handel mit Zucker und Kaffee aufzubauen.

Der Weg führt über die katalanische Metropole Barcelona, wo Gampers Schiff einige Tage anlegt. Gamper besucht seinen dort lebenden Onkel Emili Gaissert. Die Zwischenstation wird zur Endstation, denn der Handelsreisende verguckt sich in die Stadt und bleibt hier hängen. Emma Gamper: „Mein Großvater ließ sich vom sonnigen und mediterranen Klima erobern.“ Emili Gaissert bringt den Neffen zunächst als Buchhalter bei der Crédit Lyonnais unter. Später wird Gamper Chefbuchhalter einer Straßenbahngesellschaft im Bezirk Sarria, ist aber auch weiterhin im Zucker- und Kaffeehandel tätig. Außerdem gründet er die eingangs erwähnte Sportzeitung Los Deportes und betätigt sich als Kolumnist für zwei Sportzeitungen in der Schweiz.

Gamper tritt der lokalen Gemeinde der schweizerischen evangelischen Kirche bei. Dem Schweizer Protestanten gefällt es im katholischen Barcelona: Die am Meer gelegene katalanische Metropole ist eine Handelsstadt und älter als Madrid. Das Wirtschaftliche spielt eine dominierende Rolle. Der Historiker Juan Beneyto attestiert den Katalanen einen „Händlerkomplex“, während die Kastilier ein „Kriegerkomplex“ kennzeichne. Barcelonas Bürger gelten, trotz der nahezu permanenten Unruhe in der Stadt, als pflichtbewusst, korrekt und arbeitsam. Ein altes Sprichwort behauptet, die Katalanen seien so fleißig, dass sie Steine in Brot verwandeln könnten. Katalonien beherbergt keine Bodenschätze, die Region ist deshalb besonders auf den Fleiß ihrer Bürger und die Qualität ihrer Arbeit angewiesen. In Kastilien galt die Arbeit lange Zeit als entehrend. Für jeden, der etwas auf sich hielt, war die Tätigkeit in einem bürgerlichen Beruf undenkbar. Nicht so in Katalonien und Barcelona, und nicht von ungefähr firmieren die Katalanen heute auch als „die Schweizer Spaniens“.

Barcelona ist, als Folge der katalanischen Geschichte, anders als der Rest des erzkatholischen Spaniens: „eine kuriose und geglückte Mischung von Nord und Süd, von protestantischer und katholischer Lesart“ (Werner Herzog). Katalonien, im Nordosten Spaniens gelegen und ursprünglich auch das heute französische Roussillon umfassend, genoss lange Zeit eine starke Eigenständigkeit und orientierte sich traditionell eher Richtung Frankreich als nach Süden. Im Pyrenäenfrieden 1659 zwischen der spanischen und der französischen Krone geriet Katalonien zur Verhandlungsmasse und musste das Roussillon abtreten. Am 11. September 1714 marschierten 40.000 Soldaten eines französisch-spanischen Heeres in Barcelona ein. König Felipe V. hob alle bis dahin gültigen Sonderrechte auf und ließ sämtliche Institutionen einer katalanischen Selbstverwaltung schließen sowie die katalanische Sprache verbieten. Katalonien wurde zu einer spanischen Provinz degradiert und durfte erst ab 1778 mit Amerika uneingeschränken Handel treiben.

Doch Katalonien sucht schon früh den Anschluss an die industrielle Entwicklung Europas . Bereits 1741 eröffnet die erste Textilfabrik in Barcelona, und bald hat die Stadt mit ihrer prosperierenden Industrie, ihren Kaufleuten und Händlern gegenüber Madrid die Nase vorn, wird zur reichsten und am stärksten industrialisierten Region der iberischen Halbinsel, zum Motor der industriellen Revolution Spaniens und zur heimlichen Hauptstadt. Das katalanische (wie auch das baskische) Bürgertum besitzt – anders als das Bürgertum im restlichen Spanien – einen industriellen Charakter. Zwischen 1820 und 1860 verzehnfacht sich die Textilproduktion Kataloniens, eine Metallindustrie entwickelt sich, und die Region wird zum Zentrum der verarbeitenden Industrie in Spanien.

Mitte des 19. Jahrhunderts befördert diese wirtschaftliche Expansion das Wiederaufleben der katalanischen Literatur, die Erneuerungsbewegung wird „La Renaixença“ getauft. Um 1865 erscheinen erste kulturelle Zeitschriften. Das geistige Leben Barcelonas erfährt einen Aufschwung. Theater, Musik und Literatur treffen beim zu Wohlstand gelangten Bürgertum auf ein dankbares Publikum. Aus der Sicht des katalanischen Bürgertums befindet sich der Rest Spaniens in einem Zustand kultureller Unterentwicklung. Und Madrid erscheint als bürokratischer Schmarotzer, der sich von der Arbeit der wenigen dynamischen Regionen wie Katalonien ernährt.

Auch in der Weltausstellung 1888, die zu einer großen Ausdehnung der städtischen Bebauung führt, demonstriert Barcelona Wohlstand, Modernität und Selbstbewusstsein. Kataloniens Bürgertum bezweifelt die Reformfähigkeit des spanischen Staates und sympathisiert zunehmend mit dem politischen Katalanismus. 1892 gelangt ein Plan für katalanische Autonomie (Bases de Manresa) an die Öffentlichkeit.

1898, das Jahr, in dem Hans Gamper in Barcelona eintrifft, markiert für Spanien das Ende der Illusion von der Weltmacht. Am 15. Februar 1898 explodiert im Hafen von Havanna der amerikanische Panzerkreuzer „Maine“. 264 Matrosen und zwei Offiziere kommen ums Leben. Die USA beschuldigen Spanien der Täterschaft, und Washington erklärt Madrid den Krieg. Drei Monate später hat Spanien nicht nur Kuba, sondern auch die Philippinen, Guam und Puerto Rico als Kolonien verloren. Im Wettstreit mit den modernen Nationen hat Spanien nun seinen Tiefpunkt erreicht, was nicht ohne Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen der spanischen Zentralgewalt und Katalonien bleibt.

In Katalonien schreibt Joan Maragall, der repräsentativste Schriftsteller der „Generation von 1898“, die Oda a Espanya, in deren Schlussschrei es „Adieu Espanya“ heißt. Maragalls Werk symbolisiert die Abwendung vom kastilischen Spanien zugunsten eines neuen Spaniens, in dem Katalonien eine Führungsposition einnehmen soll. In einer späteren Ode des Dichters auf die Stadt Barcelona charakterisiert er diese als „la gran encisera“, die große Zauberin.

Für Kataloniens Industrielle wiegt der Verlust des kubanischen Marktes schwer. Madrid will die enormen Kosten des Kolonialkrieges über höhere Steuern und Abgaben begleichen, woraufhin die katalanischen Händler und Handwerker in einen Steuerstreik (Tancament de Caixes) treten. Madrids Schwäche ist Barcelonas Stärke. Der Streik ist Ausdruck eines gewachsenen Selbstbewusstseins in Katalonien.

Bei den Kommunalwahlen von 1901 bringt die Lliga Regionalista de Catalunya von Enric Prat de la Riba, dem Vater des bürgerlichen katalanischen Nationalismus, in Barcelona ihre vier Kandidaten durch. Die Wahlen markieren die Geburt einer politischen Geschichte der Region, wenngleich im restlichen Katalonien vorerst noch die Monarchisten dominieren. Doch in den folgenden Jahren avanciert die Lliga zur ersten politischen Kraft Kataloniens. Es ist eine konservativ-autonomistische Partei, eine Interessenvertretung der Fabrikanten, Bankiers, Geschäftsleute, Juristen und Vertreter wirtschaftlicher Vereinigungen. Nur eine Schicht macht beim Katalanismus nicht so recht mit: das Industrieproletariat, das internationalistisch denkt. Die industrielle Struktur Kataloniens hat eine breite Arbeiterbewegung entstehen lassen, in der die anarchistischen und später anarchosyndikalistischen Strömungen dominieren.

Klub der Fremden

Die Herkunft der Farben des FC Barcelona, Blau und Rot, ist bis heute nicht restlos geklärt. Das Rot ist, genauer gesagt, ein Granatrot, weshalb die Trikots der Mannschaft bzw. das Team selbst bis heute Blaugrana genannt werden. Klar ist: Mit Barcelona oder Katalonien haben diese Farben nichts zu tun, sie stammen wohl aus dem Ausland.

So besagt eine These, dass die Farben vom Rugby-Team der englischen Merchant Taylors’ School übernommen wurden, einer 1620 gegründeten und noch heute existierenden Public School in Cosby nördlich von Liverpool, die auf ihrer Homepage unter den sieben berühmtesten Alumni nicht nur Ben Kay, Kapitän der englischen Rugby-Weltmeister von 2003, und Robert Runcie, Erzbischof von Canterbury 1980 bis 1991, auflistet, sondern auch die Brüder Arthur und Ernest Witty.

Deren aus Yorkshire stammender Vater Frederick Witty hatte 1873 in Barcelona eine Reederei eröffnet, schickte aber seine Söhne Arthur und Ernest auf die Merchant Taylor’s School. Als die Witty-Brüder nach Barcelona heimkehrten, um ins väterliche Geschäft einzusteigen, fanden sie keine für Rugby geeigneten Spielfelder, weshalb sie nun Fußballspiele zwischen Werkteams organisierten. Rugby und Fußball waren nicht die einzigen „english sports“, denen sich die Wittys widmeten. Ernest Witty war ein ausgezeichneter Tennisspieler, und auf dem Tennisplatz lernte er auch Hans Gamper kennen. 1899 ist nicht nur das Gründungsjahr des FC Barcelona, sondern auch des renommierten Real Club de Tennis Barcelona, dessen erster Präsident Ernest Witty wurde und dem weitere Barça-Mitglieder der ersten Stunde angehörten.

Arthur und Ernest Witty wurden auch beim FC Barcelona aktiv, als Spieler wie als erste Mäzene. Über ihr Unternehmen importierten sie Bälle, Tornetze und Schiedsrichterpfeifen. Dies ist der Hintergrund dafür, dass die Vereinsfarben mit ihnen in Verbindung gebracht wurden. Anlässlich des 100. Geburtstags des Klubs im Jahr 1999 behauptete der Sohn Arthur Wittys, sein Vater habe die Farben Blau und Rot für den jungen Klub vorgeschlagen.

Wahrscheinlicher ist aber wohl, dass die Farbenwahl in Anlehnung an Gampers alten Klub FC Basel erfolgte. Gamper war von 1896 bis 1898 aktives Mitglied des FC Basel gewesen und trug sogar die Kapitänsbinde des Klubs, blieb aber auch in der Mitgliederkartei des FC Zürich. Bei seinen ersten fußballerischen Auftritten in Barcelona, also noch vor der Gründung Barças, soll Gamper eine blau-rote Mütze getragen haben.

Seit seinem Eintreffen in Barcelona hatte Gamper zumindest noch zweimal Kontakt mit dem FC Basel: 1908 bestellte er in Basel 100 Matchplakate, deren Farbgestaltung sowohl für den FC Basel wie den FC Barcelona geeignet war. Am 24. Dezember 1916 kam es zu einem sportlichen Messen zwischen den beiden Klubs, bei dem Barça mit 3:1 die Oberhand behielt. Zwei Tage später sahen sich die beiden Teams erneut. Diesmal hieß es beim Schlusspfiff 3:1 für Basel, bis heute der einzige Sieg der Schweizer über die Katalanen. Manuel Tomàs, verantwortlich für das Dokumentationszentrum des FC Barcelona, hält die Basel-These für die „plausibelste und glaubwürdigste“, um zugleich einzuräumen: „Bewiesen wurde sie nie.“

Erster Präsident des FC Barcelona wird Walter Wild. Der Engländer Wild ist nicht der letzte Ausländer an der Spitze des Klubs. In den ersten drei Dekaden seiner Existenz, 1889 bis 1929, wird der FC Barcelona von insgesamt 17 Männern geführt. Den meisten von ihnen ist nur eine kurze Amtszeit vergönnt. Fünf der 17 Präsidenten sind Ausländer, die dem Klub addiert immerhin 15 Jahre vorsitzen.

Hans Gamper entscheidet sich zunächst für eine Spielerkarriere, wird erster Kapitän des jungen Klubs und erzielt zwischen 1899 und 1903 in 48 Spielen über 100 Tore. Sein erstes Spiel bestreitet Barça am 8. Dezember 1899 im Velòdrom de la Bonanova. Gegner ist eine Mannschaft der englischen Kolonie in Barcelona. Da diese nur zehn Spieler aufbieten kann, hilft Arthur Witty bei seinen Landsleuten aus. Die Engländer gewinnen mit 1:0, das Tor des Tages schießt „Leihspieler“ Arthur Witty.

Walter Wild tritt 1901 als Barça-Präsident zurück, da ihn geschäftliche Gründe zurück in die englische Heimat verschlagen. Für ihn übernimmt Bartomeu Terrades den Vorsitz, der in Barças erstem Vorstand die Position des Schatzmeisters bekleidet hat. Terrades richtet eine sportliche Leitung ein, die mit Gamper, Widerkehr und Maier aus zwei Schweizern und einem Deutschen besteht.

1902 wird der aus Heppenheim stammende Deutsche Paul Haas Präsident des FC Barcelona. Haas gründet im Klub eine Rugby-Sparte. 1902 gewinnt der FC Barcelona mit dem Copa Macaya, Vorläufer der katalanischen Meisterschaft (Campeonato de Catalunya), seine erste Trophäe. Am 13. Mai 1902 trifft Barça erstmals auf den pikanterweise von den in Madrid lebenden katalanischen Brüdern Juan und Carlos Padrós gegründeten Football Club Madrid, Vorläufer von Real Madrid. Der FC Barcelona gewinnt mit 3:1, zweifacher Torschütze ist der Deutsche Udo Steinberg. Von 1906 bis 1908 sitzt Steinberg der am 11. November 1900 als erster Regionalverband Spaniens gegründeten Football Associaciò de Catalunya vor (heute Federació Catala de Futbol).

Spanier und Freimaurer

Ein knappes Jahr nach der Gründung des FC Barcelona wird im Sarrià-Distrikt von Barcelona die Sociedad Española de Fútbol Barcelona aus der Taufe gehoben. Die Gründer sind gegenüber dem spanischen Staat loyale Studenten. Hauptinitiator ist der Ingenieurstudent Angel Rodriguez, der zuvor Hans Gamper und dessen englischen Freunden beim Fußball zugeschaut hat. Doch anders als Gamper will Rodriguez einen Klub, der ausschließlich aus Einheimischen besteht: „Wir gründen diesen Klub, um mit den Fremden vom FC Barcelona zu konkurrieren.“ Español wendet sich insbesondere an Immigranten aus anderen Teilen Spaniens und positioniert sich gegen den katalanischen Nationalismus. 1901 wird der Klub in Español Club de Football Barcelona umbenannt, 1910 erhält er seinen bis heute gültigen Namen Real Club Deportivo (RCD) Español Barcelona, nachdem König Alfonso XIII. das Patronat angenommen hat. 84 Jahre später wird der Klubname dann zu Reial Club Despotiv Espanyol katalanisiert, damit man in Barcelona nicht als völlig fremd und bloße Agentur Madrids erscheint.

Beim FC Barcelona verstärkt sich bereits wenige Jahre nach der Gründung das katalanische Element. Zwar wird 1903 Paul Haas als Vorsitzender von Arthur Witty abgelöst, erneut einem Ausländer, der dafür sorgt, dass Barça erstmals auch jenseits der Landesgrenzen aufläuft. Am 1. Mai 1904 schlägt der FC Barcelona in Toulouse Stade Olimpien des Étudiants Toulousains mit 3:2. Doch Gründungsvater Gamper geht mittlerweile auf Distanz zum Klub. Barça sei nicht mehr der Verein der Ausländer. Und mit der Stärkung des heimischen Elements „katholisiert“ sich der vom Reformierten Gamper gegründete, zunächst eher protestantische Klub. Insbesondere Mitbegründer Lluís D’Osso betreibt die „Katholisierung“ des FC Barcelona, die sich später auch im Klubemblem niederschlägt. Barça zieht nun mehr und mehr die katalanisch-katholische Elite an.

Gamper sieht sich aufgrund seiner Konfessionszugehörigkeit zunehmend Angriffen ausgesetzt. Die damalige spanische Verfassung gestattet nur den Katholizismus. Gamper aber fühlt sich den Freimaurern verbunden, seine Enkelin führt sogar die Auswahl von Barças Vereinsfarben darauf zurück. Die Farbe Blau gilt als am wenigsten materielle Farbe und wird daher als Symbol für Wahrheit und Treue aufgefasst, die Farbe Rot gilt als Urfarbe aller materiellen Existenz und des Lebens. Violett, zu gleichen Teilen aus Blau und Rot entstanden, steht in der Farbsymbolik für Besonnenheit, Maßhalten und Gleichgewicht – zwischen Himmel und Erde, Sinnen und Geist, Liebe und Weisheit.

Die Ziele der Freimaurer lauten Befreiung der menschlichen produktiven Kräfte, Streben nach schöpferischer und künstlerischer Freiheit in allen Lebensbereichen, Förderung von Glaubens- und Gewissensfreiheit, Produktions- und Handelsfreiheit, Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit. Die Schnittmengen mit Reformation und Protestantismus sind erheblich größer als mit dem Katholizismus, weshalb der katholische Klerus die Freimaurer aufs Schärfste bekämpft. Für Lessing, dem wichtigsten Dichter der deutschen Aufklärung, Religionsphilosophen und Vordenker eines neuen, selbstbewussten deutschen Bürgertums, war die Freimaurerei „nichts Entbehrliches, sondern etwas Notwendiges, das in dem Wesen des Menschen und der bürgerlichen Gesellschaft gegründet ist“.

In protestantischen Ländern wie England übt die Freimaurerei einen eher kirchenfreundlichen Einfluss aus, in katholischen wie Spanien indes einen eher antiklerikalen. So lag es nahe, dass Gamper sich seinem nun zunehmend katholischen Klub entfremdet sah.

Retter Gamper

Anfang des neuen Jahrhunderts baut Barcelona seinen Rang als katalanische Metropole weiter aus – und demonstriert dabei zugleich Weltoffenheit. Aus einer Ausschreibung zur Stadterweiterung geht 1903 ein französischer Architekt als Sieger hervor, in dessen Plänen die Ästhetik eine wesentliche Rolle spielt. Barcelona soll zum Paris des Südens werden.

1906 erfolgt die Gründung des Institut d’Estudis Catalans und die Herausgabe eines ersten katalanischen Wörterbuches durch Pompeu Fabra. In Barcelona entsteht eine vibrierende Künstlergemeinde aus Architekten und Malern, darunter auch Pablo Picasso. Ebenfalls 1906 verüben katalanische Anarchisten ein Attentat auf König Alfonso XIII., Ausdruck einer wachsenden antimonarchistischen Militanz.

1903/04 wird erstmals der Campeonato de Catalunya ausgespielt; erster Meister der katalanischen Fußballliga wird Barças Lokalrivale Español. 1904/05 heißt der katalanische Meister erstmals FC Barcelona.

In den folgenden Jahren nähert sich Gamper wieder seinem alten Verein an. Nicht ganz schuldlos daran ist wohl seine Eheschließung mit der aus Chatel-Saint-Denis stammenden Maria Emma Pilloud, einer „Dame von großer Schönheit und Bildung“, wie Kicker-Herausgeber Walther Bensemann notiert. Vor allem aber ist die Angetraute streng katholisch.

Gampers Faible für den Katalanismus und seine Annäherung an den Katholizismus fördern seine gesellschaftliche Anerkennung in Barcelona, und 1908 wird er zum Präsidenten von Barça gewählt. Anders als Arthur und Ernest Witty will Gamper ein „echter Katalane“ werden. Er lernt Katalanisch, erst anschließend erwirbt er auch spanische Sprachkenntnisse. Der „katalanische Schweizer“ oder „Schweizer Katalane“, wie Gamper auch genannt wird, spricht bald perfekt die Sprache der Region, während sein Spanisch holperig bleibt. Beim FC Barcelona wird Gamper seine Reden ausschließlich auf Katalanisch vortragen. Seinen Vornamen lässt er zu „Joan“ katalanisieren, und im Hause Gamper – das Ehepaar hat zwei Söhne – wird nur noch katalanisch gesprochen.

Es ist Gampers erste von fünf Amtszeiten an der Spitze des FC Barcelona. Der Klub befindet sich zu diesem Zeitpunkt in einer existenzbedrohenden sportlichen und finanziellen Krise und hat viele Mitglieder verloren. Auf der Krisensitzung im Gimnasio Solé, dem Gründungsort Barças, finden sich nur noch 38 Getreue ein. Präsident Vicenc Reig hat nach nur 22 Tagen das Handtuch geworfen. In seiner Abschiedsrede hat Reig den Football Club Barcelona de facto für tot erklärt. In die anschließende Stille fragt ein Spieler namens Carlos Wallace hinein: „Gibt es denn niemanden, der bereit ist, den Klub zu retten?“ Sollte es diese Person doch geben, würden die Spieler sie geschlossen unterstützen. Nun meldet sich Gamper, der sich bis dahin mit der Rolle des Zuhörers begnügt hat, zu Wort. Und sein Statement ist wohl das bedeutendste eines Barça-Mitglieds in der Geschichte dieses Vereins überhaupt, denn ohne die folgende Sätze wäre der FC Barcelona wohl bereits neun Jahre nach seiner Gründung wieder von der Bildfläche verschwunden: „Barcelona kann nicht sterben und muss nicht sterben. Wenn es kein anderer versuchen will, dann übernehme ich ab sofort die Führung des Klubs.“

Gamper gelingt nicht nur die finanzielle Rettung des Klubs, sondern – mit der von ihm mobilisierten Unterstützung lokaler Geschäftsleute – der Bau eines ersten eigenen Stadions in der Carrer de la Indústria mit einem Fassungsvermögen von 6.000 Zuschauern. Das vom Volksmund „L’Escopidora“ getaufte Stadion ist das erste in Spanien mit einer zweistöckigen Haupttribüne und Flutlichtanlage. Hier erwerben Barças Fans ihren Spitznamen Culés (Ärsche). Die letzte Reihe der Zuschauer sucht auf der das Stadion umgebenden Mauer Platz. Für den vorbeigehenden Passanten ergab sich so das Bild aneinandergereihter Hinterteile.

Nach der Bewältigung der Krise betreibt Gamper die Annäherung des FC Barcelona an den politischen Katalanismus. Der Klub will nun als dessen höchster Repräsentant innerhalb des Sports betrachtet werden. Nach 322 Tagen tritt Gamper aus beruflichen Gründen zurück. Er hinterlässt einen auch sportlich gefestigten Verein. In der Saison 1908/09 gewinnt der FC Barcelona ungeschlagen den Campeonato de Catalunya, und auch in den folgenden beiden Spielzeiten 1909/10 und 1910/11 heißt Kataloniens Champion Barça.

1910 erhält der FC Barcelona ein neues Klubemblem, nachdem man sich bis dahin mit der Übernahme des Stadtwappens begnügt hatte, versehen mit der Aufschrift „Football Club Barcelona“. Ein Wettbewerb wird ausgerufen. Es gewinnt der Entwurf des Spielers Carles Comamala, Medizinstudent mit künstlerischen Qualitäten. Das neue Emblem dokumentiert die Verzahnung des Klubs mit Katalonien und dem Katalanismus. Links oben erscheint ein rotes Kreuz auf weißem Grund, das Zeichen des heiligen Georg, katalanisch St. Jordi, Schutzpatron der Liebenden und Kataloniens; rechts oben das Muster der senyera, der katalanischen Flagge, mit ihren rot-gelben Längsstreifen. Den unteren Teil des Emblems bilden die Vereinsfarben des FC Barcelona, angeordnet wie die der senyera, sowie ein Fußball.

Kapitel 2
Ein Fußballklub, ein Diktator und erste Stars

In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts spitzen sich in Spanien die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Probleme weiter zu. Dies gilt auch für Barcelona: Einige seiner Stadtviertel sind hoffnungslos überbevölkert; die Kindersterblichkeit in der Stadt ist eine der höchsten Europas. Barcelona wird zu einer Stadt des Protests und Widerstands, zur europäischen Hochburg der Gewerkschaften sowie der sozialistischen und anarchistischen Arbeiterbewegungen.

Im Juli 1909 werden im Hafen von Barcelona Soldaten für den Kolonialkrieg in Marokko rekrutiert. Bei Barcelonas Unterschicht stößt dies auf massiven Protest, zumal wohlhabende Familien ihre Söhne vom Kriegsdienst freikaufen können. Die Proteste fallen mit einer Streikwelle zusammen und eskalieren in den Tagen vom 26. bis 31. Juli zu einer Rebellion, deren Zentrum der heutige Stadtteil Raval ist. Insbesondere kirchliche Einrichtungen geraten ins Visier der Rebellen. So werden in dieser Woche in Barcelona zwölf Kirchen, 40 Konvente und 24 weitere kirchliche Einrichtungen in Brand gesetzt. Der Kriegszustand wird ausgerufen, und Militär schlägt die Revolte nieder. Binnen einer Woche kommen über 100 Menschen ums Leben. Eine Reihe der Aufständischen wird exekutiert, unter ihnen auch der Anarchist und antiautoritäre Pädagoge Francesc Ferrer i Guàrdia, Gründer der ersten Volksbildungshäuser, in denen Barcelonas Analphabetismusrate von 70 Prozent bekämpft werden sollte. Ferrer ist an den Unruhen zwar nicht beteiligt, wird aber der „moralischen Verantwortung“ bezichtigt. Die Ereignisse gehen als Setmana Tràgica in die Geschichte Kataloniens ein.

Ein Jahr später gründet sich in Barcelona die bis heute berühmteste Organisation in der Geschichte des Anarchismus, die Confederación Nacional de Trabajo (CNT). Die anarchistische Gewerkschaft wächst in den nächsten Jahren zu einer Massenorganisation, in der 1918 rund 80 Prozent der katalanischen Arbeiter organisiert sind.

Barças erster Goalgetter: Paulino Alcántara

1910 beginnt die zweite Amtszeit Hans Gampers, die bis 1913 dauert. Der FC Barcelona gewinnt erneut die Meisterschaft Kataloniens und anschließend erstmals den seit 1902 ausgespielten spanischen Pokal, Copa del Rey. 1912 überwirft sich Barça sowohl mit dem spanischen wie dem katalanischen Fußballverband und tritt aus beiden vorübergehend aus.

Am 15. Februar 1912 debütiert der erst 15-jährige Paulino Alcántara im Barça-Trikot. Im Spiel des Campeonato de Catalunya gegen den SC Catalá steuert er drei Tore zum 9:0-Sieg bei. Bis heute ist Alcántara der jüngste Spieler und Torschütze in der Geschichte des FC Barcelona. Und der erfolgreichste philippinische Fußballer aller Zeiten, denn das Wunderkind kam auf den Philippinen zur Welt.

1913 und 1916 gewinnt Barça mit Alcántara, der mit dem Flügelstürmer Emilio Sagi ein höchst effektives Tandem bildet, den Campeonato de Catalunya und 1913 auch noch den Copa del Rey. Dank Alcántara und Sagi steigt Barça in diesen Jahren zu einem der führenden Klubs Spaniens auf.

1916 beschließen Alcántaras Eltern die Rückkehr auf die Philippinen. Der Sohn muss mit, studiert dort Medizin und läuft 1917 für die Nationalelf der Philippinen auf. Auch an der Tischtennisplatte vertritt Alcántara sein Land. Der FC Barcelona bemüht sich in Gesprächen mit den Eltern immer wieder um die Rückkehr des Goalgetters. Was aber erst gelingt, als Alcántara an Malaria erkrankt und dies zur Erpressung seiner Eltern benutzt. Alcántara will sich nur unter der Bedingung behandeln lassen, dass er nach Spanien zurückkehren darf.

Barça wird katalanisiert

Im Ersten Weltkrieg bezieht Spanien eine Position der Neutralität, von der die spanische und insbesondere die katalanische Wirtschaft profitiert. Kataloniens Wirtschaft boomt. In Katalonien werden u. a. Uniformen für die französische Armee hergestellt.

In Barcelona etabliert sich eine internationale Flüchtlingsgemeinde, bestehend aus Menschen, die sich dem Krieg und Kriegsdienst entziehen wollen. Unter ihnen die avantgardistischen Künstler Sonia und Robert Delaunay, Francis Picabia, Marie Laurencin und Albert Gleizes.

Derweil sieht sich Hans Gamper erneut Angriffen ausgesetzt. War es zuvor mehr seine protestantische Konfessionszugehörigkeit, ist es nun seine angebliche „Deutschfreundlichkeit“ als Deutschschweizer, die stört. Und seine Handelsgeschäfte leiden unter den unsicheren Seewegen.

In der Stadt gärt es. Die Bevölkerung Barcelonas hat sich in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt. Die katalanische Metropole ist nun nicht nur die größte Stadt Spaniens, sondern mit ihren Industrien auch die einzige proletarische Stadt des Landes und das „Manchester Kataloniens“. 1917 führen starke Lohnverluste der Arbeiterschaft zu Protesten, die von der anarchistischen Gewerkschaft CNT – 1910 gegründet, aber erst 1915 nach mehreren Jahren des Untergrunddaseins zugelassen – angeführt werden. In den Städten (insbesondere Barcelona) entwickelt sich eine gewerkschaftliche Tradition des Syndikalismus, der sich auf den russischen Anarchisten Bakunin bezieht. Die CNT will mit einer Politik der „Direkten Aktion“ den Staat überwinden und seine Institutionen ersetzen durch Selbstverwaltungsorgane, Industrieverbände unter der Kontrolle der Arbeitenden sowie durch freiwillige Verträge autonomer Organisationen. CNT und die sozialistische Gewerkschaft Unión General de Trabajadores (UGT) rufen zum Generalstreik auf.

In den Jahren 1917 bis 1925 treten Barças Sympathien mit dem politischen Katalanismus noch deutlicher zutage. Als US-Präsident Woodrow Wilson 1918 das Recht der Nationen auf Selbstbestimmung proklamiert, gewinnt die Bewegung für katalanische Unabhängigkeit weiter an Stärke. Pro-katalanische Organisationen werben mit einer Petition für Autonomie. Zu den Unterzeichnern gehört auch der FC Barcelona. Lokalrivale RCD Español initiiert eine eigene Petition, die sich gegen Autonomie ausspricht. Der Inhalt stammt aus der Feder von Pena-Ibérica-Mitgliedern, einer Schlägertruppe, die auf den Straßen Barcelonas die Autonomisten attackiert. 1933 tritt Pena Ibérica den Falangisten bei und kämpft im Bürgerkrieg auf Seiten Francos.

Beim FC Barcelona wird Katalanisch zur offiziellen Sprache des Klubs. Hans Gamper, der 1917 seine dritte Amtszeit als Barça-Präsident angetreten hat, wird mehr und mehr zum überzeugten katalanischen Nationalisten. Am 23. Juli 1920 katalanisiert der Verein eine Hälfte seines Namens: Aus dem Football Club wird ein Futbol Club. Die Zeitung La Veu de Catalunya schreibt: „Der Futbol Club Barcelona ist der katalanische Klub geworden.“ Nur zwei Jahrzehnte nach seiner Gründung ist Barça zu einem nationalen Symbol Kataloniens avanciert.

El Mag und El Divi

1917 verpflichtet Gamper mit dem Engländer John Barrow den ersten Profitrainer in der Geschichte des FC Barcelona, dem nur wenige Monate später Landsmann Jack Greenwell folgt. Der Sohn eines Bergarbeiters aus der englischen Grafschaft Durham ist bereits 1912 als Spieler von Crook Town zum FC Barcelona gestoßen. 1916 beendete Greenwell seine Spielerkarriere nach 88 Einsätzen und zehn Toren für Barça.

1919 gelingt dem FC Barcelona die Verpflichtung des 17-jährigen Offensivspielers Josep Samitier und des ein Jahr älteren Torwarts Ricardo Zamora. Samitier kommt vom FC Internacional Barcelona. „El Sami“ ist ein „totaler Fußballer“, der das gesamte Spielfeld zu seinem Aktionsraum erklärt und ständig die Position wechselt. Seine Kreativität und seine Beweglichkeit bringen ihm die Spitznamen El Mag (der Magier) und Home Llagosta (Grashüpfer-Mann) ein. Zamora kommt von Español. Der Sohn eines Arztes ist in Barcelonas Stadtteil Sarrià y Urgel aufgewachsen. Die spätere Torwartlegende ist ein Multisportler, der sich auch als Boxer, Schwimmer und Leichtathlet betätigt. Seine überragende Reaktionsschnelligkeit hat er dem baskischen Spiel Pelota zu verdanken. Für den Wechsel zum FC Barcelona bricht Zamora sein Medizinstudium ab.

Zamora und Samitier sind auch dabei, als Spanien 1920 sein erstes offizielles Länderspiel bestreitet. Im Rahmen der Olympischen Spiele in Antwerpen trifft die spanische Auswahl in Brüssel auf Dänemark und gewinnt mit 1:0. Die Selección beendet das Turnier mit der Silbermedaille. Eigentlich sollte auch der zurückgekehrte Paulino Alcántara mitwirken, der aber kurz vor den Abschlussprüfungen seines Medizinstudiums steht. Alcántara spielt später noch für Spanien. Als die Selección Frankreich am 22. April 1922 in Bordeaux mit 4:0 besiegt, schmettert der zweifache Torschütze Alcántara den Ball mit einer solchen Wucht ins Tor, dass das Netz zerreißt.

Mit Jack Greenwell als Trainer, Alcántara, Samitier und Zamora beginnt mit der Saison 1918/19 Barças erste goldene Dekade. Im Zeitraum 1918 bis 1924 gewinnt der Verein zunächst fünfmal den Campeonato de Catalunya sowie 1920 und 1922 den Copa del Rey.

Zamora, Kettenraucher (65 Stück pro Tag; bei Barça wird ihn allerdings später noch Johan Cruyff übertreffen), Cognac-Freund und Frauenschwarm, seit dem Olympischen Turnier nur noch El Divi (der Göttliche) genannt und einer der ersten Superstars des europäischen Fußballs, kehrt im Sommer 1922 nach einem Disput mit Hans Gamper zu Español zurück.

Jack Greenwell verlässt den FC Barcelona 1924 und trainiert anschließend noch CD Castellón, Español, RCD Mallorca, erneut Barça, den FC Valencia, Sporting de Gijon, den peruanischen Klub Universitario de Deportes und schließlich die Nationalelf des Andenlandes. Nur Johan Cruyff wird sich später beim FC Barcelona noch länger auf dem Trainerstuhl halten. Greenwells Nachfolger wird der Ungar Jesza Poszony, dem bis 1931 mit Ralph Kirby und James Ballamy wieder zwei Engländer folgen, bevor Greenwell noch einmal für zwei Spielzeiten das Zepter übernimmt.

Paulino Alcántara bleibt dem FC Barcelona bis zum 3. Juli 1927 erhalten. Dann hängt er seine Fußballschuhe an den Nagel, um den Beruf des Arztes nun in Vollzeit auszuüben. Der Goalgetter kommt in 357 Spielen für Barça auf sagenhafte 356 Tore, bis heute Klubrekord. In den Jahren 1931 bis 1934 sitzt Alcántara im Aufsichtsrat des FC Barcelona.

Samitier bleibt bis 1933 beim FC Barcelona und ist in den 1920ern der bestbezahlte Profi in Barças Team und gemeinsam mit Españols Zamora wohl auch in Spanien.

Unruhige Zeiten

1921 beginnt die vierte Amtszeit von Hans „Joan“ Gamper als Barça-Präsident. Gamper agiert erneut als Retter, die Existenz des Klubs ist von politischen Zerwürfnissen bedroht. Der mittlerweile zu Wohlstand gelangte Immigrant ermöglicht mit einer Unterstützung von einer Million Peseten den Bau des Stadions Les Corts im gleichnamigen Stadtteil, dessen Kapazität zunächst 20.000 (später: 60.000) beträgt und dem Klub bis 1957 bzw. bis zum Bau von Camp Nou als Spielstätte dient.

Vor dem Hintergrund des anhaltenden Chaos in Barcelona und der Krise im Kolonialkrieg in Marokko ruft König Alfonso XIII. 1923 den Generalkapitän von Barcelona, Primo de Rivera, nach Madrid. Um die permanente Staatskrise zu beenden, errichtet Primo de Rivera am 13. September 1923 in Absprache mit dem König eine Militärdiktatur. Ab 1925 werden auch Zivilisten in die bis dahin ausschließlich mit Militärs besetzte Junta aufgenommen, und Rivera tauft sich zum „Ministerpräsidenten“ um.

Primo de Rivera erfreut sich zunächst der Zustimmung der konservativen Katalanisten und des katalanischen Bürgertums – dank vager Autonomieversprechungen, die er allerdings nie einlösen wird, sowie der Unterdrückung der Arbeiterbewegung einschließlich des Verbots der CNT.

Doch die Stimmung dreht sich bald. Als die mancumunitat, die 1914 gewährte Union der vier katalanischen Provinzen, aufgehoben wird, als das Regime gegen die katalanische Sprache und katalanischen Symbole vorgeht, rückt das katalanische Bürgertum mehr und mehr auf Distanz zu De Rivera. Die Militärdiktatur und ihr hartes Vorgehen gegen separatistische Bestrebungen hat eine Radikalisierung und Popularisierung des katalanischen Nationalismus zur Folge.

In Barças Jubiläumsjahr 1924 beginnt die fünfte und letzte Amtszeit von Hans Gamper. Anlässlich des 25-jährigen Bestehens schreibt die satirische Sportzeitschrift Xut (Der Schuss), dass „der glorreiche FC Barcelona in seiner Frühzeit richtiggehend ‚exotisch‘ war. So nach und nach wurde er katalanisiert, und 25 Jahre Hartnäckigkeit haben ausgereicht, das Volk für sich zu gewinnen“. Das Jubiläumsposter zeichnet der aus Valencia stammende Künstler Josep Segrelles, einer der fähigsten und prominentesten Illustratoren des 20. Jahrhunderts.

Erfolgreich verläuft Barças Kampagne zur Gewinnung neuer Mitglieder: 25 Jahre nach der Gründung sind es schon 12.207.

Eklat in Les Corts

Zur Saison 1924/25 verstärkt sich der FC Barcelona mit dem deutschen Abwehrspieler Emil „Emilio“ Walter. In Deutschland spielte Walter während des Ersten Weltkriegs bereits 16-jährig für die 1. Mannschaft des FC Germania Brötzingen. 1922 hatte der gelernte Kaufmann die inflationsgeplagte Heimat verlassen und war nach Katalonien ausgewandert. Dort schloss er sich zunächst Unió Esportiva Figueres an, bevor Barça auf ihn aufmerksam wurde. Walter wird bis 1933 242 Pflichtspiele für den FC Barcelona bestreiten und dabei dreimal den Copa del Rey gewinnen. Laut dem Fußballforscher Andreas Wittner wird Walter zeitweise als bester Verteidiger Spaniens gehandelt. Für die deutsche Nationalelf reicht es trotzdem nicht, denn der DFB mag keine Profis und Legionäre. Für Spanien wiederum kann Walter wegen seiner deutschen Staatsangehörigkeit nicht auflaufen. Nur in der Auswahl Kataloniens darf der populäre Deutsche mitwirken.

Am 14. Juni 1925 ist das Barça-Stadion Les Corts Bühne eines Benefiz-Spiels, bei dem sich der FC Barcelona und der ebenfalls in Barcelona beheimatete Klub Jupiter gegenüberstehen. 14.000 Zuschauer sind ins Stadion gekommen. Die Eintrittsgelder sollen dem Orfeó Català zugutekommen, einer 1891 von Lluís Millet und Amadeu Vives gegründeten Chor-Gemeinschaft mit Sitz in Barcelonas Palau de la Música Catalana, noch heute der berühmteste Chor Kataloniens. Orfeó Català war als Tribut an Josep Anselm Clave (1824-74) ins Leben gerufen worden, Chorleiter, Komponist und Poet sowie katalanisch-nationalistischer Politiker. Clave, dessen Name einem noch heute in vielen Orten Kataloniens auf Straßenschildern begegnet, hatte die Chormusik der Arbeiterschaft nähergebracht.

Die Chor-Gemeinschaft spielte beim Revival der katalanischen Kultur eine bedeutende Rolle, aber die Benutzung der katalanischen Sprache ist unter dem Militärregime verboten. Die Militärs erlauben die Begegnung, verbieten aber die Spende an Orfeó. Arthur und Ernest Witty haben eine Kapelle der britischen Royal Marines engagiert, die zu diesem Zeitpunkt im Hafen von Barcelona liegen. Nicht wissend, auf welch einem politischen und kulturellen Minenfeld sie sich bewegen, spielen die Musiker vor dem Anpfiff die spanische Nationalhymne, was das Barça-Publikum mit einem gellenden Pfeifkonzert quittiert. Daraufhin wechselt man mitten im Lied zur englischen Nationalhymne über – und das Publikum applaudiert.

Die Militärs, im Stadion vertreten durch den Generaloberst Milans del Bosch, spanischer Befehlshaber für Katalonien, fühlen sich brüskiert. Primo de Rivera lässt das Stadion des FC Barcelona für sechs Monate schließen. Auch der Orfeó Català darf eine Zeitlang nicht öffentlich auftreten.

Barça-Präsident Joan Gamper wird von den Machthabern „nahegelegt“, mit Rücksicht auf seine körperliche Unversehrtheit das Land für einige Zeit zu verlassen, was er dann auch für sechs Monate tut. Gamper legt sein Amt als Barça-Präsident nieder und formuliert in seiner Rücktrittserklärung, der FC Barcelona habe niemals aufgehört, sich „getreu der Situation nur an sportlichen Zielen zu orientieren“. Die gegenwärtige Situation entspräche nur dem Wunsch, „ein patriotisches Ziel zu erreichen“.

Im Exil kann sich Gamper nicht mehr ausreichend um seine Geschäfte kümmern, außerdem leidet er unter Depressionen. Gamper ist ein gebrochener Mann, der sein Lebenswerk FC Barcelona zerstört sieht. Zwar darf er nach Barcelona zurückkehren, aber nur unter der Bedingung, keinen Kontakt zum Klub zu unterhalten. Manuel Tomás: „Dieses Abseitsstellen konnte er kaum ertragen, und er fiel in eine schwere Depression.“

Der FC Barcelona verliert auch Arthur Witty, den die Politisierung des FC Barcelona stört. Witty bleibt zwar Barça-Fan, geht aber mehr und mehr auf Distanz zum Klub und widmet sich vornehmlich seinen Geschäften. Gemeinsam mit seinem Sohn Frederick sorgt er dafür, dass in den 1930ern Unternehmen wie Cadbury, Johnnie Walker, Unilever und Bovril den spanischen Markt betreten.

Gampers Freitod

In den neun Spielzeiten 1923/24 bis 1931/32 heißt Kataloniens Meister achtmal FC Barcelona. Der Copa del Rey wird 1925, 1926 und 1928 gewonnen. 1928 bedarf es hierzu gleich dreier Spiele. Zweimal trennen sich Barça und der baskische Klub Real Sociedad San Sebastián unentschieden, die dritte Auflage gewinnt Barça in Santander mit 3:1. Beim ersten Aufeinandertreffen mit Real Sociedad heißt Barças Bester in einem brutalen Spiel Ferenc Platko. Der ungarische Keeper hatte 1923 die Nachfolge von Ricardo Zamora im Tor des FC Barcelona angetreten. Der anwesende Dichter Rafael Alberti ist von Platkos Heldentaten so hingerissen, dass er ihm anschließend eine „Oda A Platko“ widmet.

1926 legalisiert Spanien den Professionalismus. Josep Samitier und Ricardo Zamora sind die ersten Großverdiener im spanischen Fußball. Mit der Saison 1928/29 wird zudem eine nationale Liga eingeführt, die Primera División. Bis dahin hat jede spanische Provinz oder Region ihre eigene Liga und Meisterschaft wie den Campeonato de Catalunya oder den Campeonato Centro in Madrid und Umgebung. Diese regionalen Meisterschaften besaßen eine enorme Bedeutung, denn die jeweiligen Champions qualifizierten sich für den Copa del Rey, der somit zunächst eine Mischung aus Meisterschaft und Pokal war, ähnlich der Deutschen Fußballmeisterschaft vor Einführung der Bundesliga.

Erster Meister der Primera División wird der FC Barcelona, dank einer starken Rückrunde, in der sich Barça nur gegen die Lokalrivalen Europa Barcelona und Español mit einem Remis begnügen muss, und nicht zuletzt dank Samitier. Der Vorsprung auf Vizemeister Real Madrid beträgt zwei Punkte. Die Meisterschaft von 1929 wird Barças letzte bis 1945 bleiben.

Ebenfalls 1929 ist Barcelona zum zweiten Mal nach 1888 Schauplatz der Weltausstellung. Im Vorfeld wird die Stadt erneut und nicht zum letzten Mal umgebaut. Zahlreiche öffentliche Projekte werden angepackt, so der Bau der ersten U-Bahn-Strecke zwischen Plaça Catalunya und Plaça d’Espanya. Der Stadtberg, der Montjuic, wird erschlossen, wozu auch der Bau eines neuen Stadions gehört, und der Placa d’Espanya erneuert. Es entstehen eine Reihe von Gebäuden im Stil der katalanisch-neoklassizistischen Bewegung Noucentisme. Der deutsche Pavillon von Mies van der Rohe (Bauhaus) kündigt einen internationalen Trend zum Rationalismus an.

Die rege Bautätigkeit treibt jährlich über 30.000 Zuwanderer in die katalanische Metropole, die den Baufirmen als billige Arbeitskräfte dienen. Gab einst die Textilindustrie in Katalonien den Ton an, so treten nun die Produktion von Stahl und die Kaligewinnung mit ausländischer Kapitalmehrheit in den Vordergrund.

Zur Eröffnung des neuen Stadions auf dem Montjuic empfängt eine Fußballauswahl Kataloniens am 20. Mai 1929 die Bolton Wanderers, die als frischgebackener FA-Cup-Gewinner nach Barcelona kommen. Die Katalanen überfahren die Engländer mit 4:0. Unter den 70.000 Zuschauern befindet sich auch Walther Bensemann, der deutsche Fußballpionier und Begründer des Kicker, der anschließend vor allem von einem Spieler schwärmt: „Der beste Mann auf dem Platz, vielleicht zugleich mit dem ewig jungen Samitier und dem englischen Linksaußen, war der in Barcelona ansässige Emil Walter aus Brötzingen bei Pforzheim, ein ebenso guter Fußballer wie patenter Mensch. Nichts hat mich in Barcelona so gefreut, als bei diesem Spiel einen Landsmann in so angenehmer Rolle wirken zu sehen.“

Am 28. Januar 1930 sieht sich Primo de Rivera zum Rücktritt gezwungen. Das Regime versucht damit einer Eskalation der Unruhen und der Entwicklung zum offenen Aufstand zuvorzukommen. Politischer Druck und internationale Finanzkrise haben den Zusammenbruch der Diktatur beschleunigt. De Riveras Nachfolger wird General Brenguer. Die Militärdiktatur hat auch die Monarchie diskreditiert. In Katalonien breitet sich eine Protestbewegung gegen den König aus. Zu den sozialen Spannungen im Land gesellt sich auch der Gegensatz zwischen Katalonien und dem Rest Spaniens.

Am 30. Juni 1930 erschießt sich Hans „Joan“ Gamper in seinem Haus in der Carrer de Girona Nr. 4 in Barcelona. Beim Börsencrash von 1929 hat der Kaufmann sein gesamtes Vermögen verloren. Tausende folgen seinem Sarg. Im Kicker formuliert Walther Bensemann, der Gamper persönlich kannte, folgenden Nachruf: „Einem jeden, der heute über internationalen Sport schreibt, wird ein Name in Erinnerung kommen und damit tiefer Schmerz, dass einer der ganz Großen von uns genommen ist. Ich rede von Hans Gamper, der aus Zürich stammte, von dort nach Spanien ging und in Barcelona den Fußballsport einführte. (…) Der Verlust dieses gebornen Sportführers ist schwer, der Verlust des Menschen unersetzlich. Seine Verdienste um den spanischen Rasen- und Wassersport waren immens; kein großer europäischer Fußball-Club existiert, der nicht Gampers Gastfreundschaft in Barcelona genossen hätte. Zumal während der Inflationszeit hat dieser weitblickende Mann unzählige Vereine des Auslandes auf Jahre hinaus saniert. Wochenlang konnten sich die ausgehungerten Spieler an den catalonischen Fleischtöpfen sättigen, um dann ihren ausgepoverten Klubs Zehntausende von Peseten heimzubringen. Wer von Barcelona zurückkehrte, lobte den idealen Führer, der bei allen Verhandlungen stets großzügig blieb, alle Streitigkeiten schlichtete und allen Verdruss einsteckte. Kam eine Mannschaft um 5 Uhr morgens in Barcelona an, war er an der Bahn; fuhr sie um Mitternacht weg, sah man die riesige Gestalt aus der Bahnhofshalle heraus zum Abschied winken. Seine Freigebigkeit war sprichwörtlich; sowie einer, der mit ihm am Tisch saß, zahlen wollte, kam die typische abwehrende Handbewegung mit dem typischen ‚dumm’s Züg!‘. Von allen Pionieren der Bewegung, die ich gekannt habe, war er der beste, vornehmste, beliebteste, bescheidenste. Er besaß die große Gabe, andere Menschen wie ein Kind bewundern zu können, und wenn er erzählte, wie sein Freund Hans Enderli als 15-jähriger Bub in den politischen Versammlungen Zürcher Bürger über Sport und andere Dinge gesprochen hatte, dann leuchteten seine Augen. Er war das, was Horaz eine anima candida genannt hat.“

Kapitel 3
Fußball und Bürgerkrieg

Am 6. August 1936 befindet sich Josep Sunyol, seit 1935 Präsident des FC Barcelona, auf dem Weg in die Sierra de Guadarrama, einer Bergkette, die sich von Südwesten nach Nordosten erstreckt und dabei südlich in die Provinz Madrid hineinragt. Drei Wochen zuvor ist in Spanien ein erbitterter Bürgerkrieg ausgebrochen, bei dem sich die Verteidiger einer demokratischen Republik und die faschistischen Rebellen des Generals Francisco Franco gegenüberstehen.

Der Fußball ist in den Hintergrund getreten, Sunyol ist in politischer Mission unterwegs. Am 4. August hat er sich noch in Valencia aufgehalten, am Tag darauf ist er nach Madrid gereist. Und nun geht es weiter in die Guadarrama-Berge, wo Sunyol Republikaner treffen will, die noch südlich von Madrid Stellungen halten. Seinen Wagen, nebst Chauffeur eine Leihgabe der republikanischen Militärs, schmückt eine katalanische Standarte. Denn Sunyol ist nicht nur Barça-Boss. Der aus einer wohlhabenden, katalanistisch gesinnten Familie stammende Anwalt ist überzeugter Sozialist, Republikaner und Katalanist, Mitglied der Acció Catalana, einer linksgerichteten katalanischen Gruppierung mit einem gewissen Faible für den Anarchismus. Zudem fungiert er als Parlamentsabgeordneter der 1931 gegründeten links-republikanischen Esquerra Republicana de Catalunya (ERC, zu deutsch: „Republikanische Linke Kataloniens“), einem Zusammenschluss mehrerer linker und republikanischer Parteien.

Dem FC Barcelona ist Sunyol 1925 beigetreten, dem Barça-Vorstand gehört er seit 1928 an. 1930 hat er die linke Zeitung La Rambla aus der Taufe gehoben, in der er sich um eine Verzahnung von Fußball und katalanischer Politik bemüht. Nicht nur dem FC Barcelona dient Sunyol als Präsident, sondern auch dem katalanischen Automobilklub (Reial Automòbil Club de Catalunya) und dem katalanischen Fußballverband (Federaciò Catalana de Futbol).

Mord in den Bergen

Die Gegend, die Sunyol nun am 6. August 1936 durchquert, ist eines der hauptsächlichen Schlachtfelder im Ringen um die Kontrolle über Madrid. Wobei zuweilen unklar ist, wer wo genau das Sagen hat, Republikaner oder Falangisten. Hinter dem Ortsausgang der Kleinstadt Guadarramas, wo die Straße in die Berge ansteigt, wird Sunyols Wagen von falangistischen Milizionären gestoppt. Sunyol wird verhört und noch am gleichen Abend standrechtlich erschossen. Javier Cáceres: „Für den FC Barcelona war sein Tod ähnlich aufwühlend wie der Mord am Dichter Federico García Lorca für das kulturelle Spanien. Der Poet wurde kurz nach Kriegsausbruch von Mitgliedern der Guardia Civil, der militarisierten Polizei, verhaftet und erschossen.“

40 Jahre später, am Ende der Franco-Herrschaft, ist Sunyol beim FC Barcelona in Vergessenheit geraten. Und in der sensiblen Phase des Übergangs zur Demokratie möchte die Klubführung nicht mit der Erinnerung an einen Linksrepublikaner und „Separatisten“ provozieren. Erst 1996, anlässlich des 60. Todestags von Josep Sunyol, nimmt sich der FC Barcelona wieder seiner an.

Sunyol ist nicht der einzige Präsident, den Katalonien als Folge des Bürgerkriegs verliert. Im Sommer 1940 fordert El Caudillo Francisco Franco, Spaniens neuer Führer, Vichy-Frankreichs Marschall Pétain auf, 3.617 über die Grenze geflüchtete Republikaner auszuliefern. Einer der Gesuchten ist Lluís Companys, Barça-Fan, Sunyol-Vertrauter, ehemals Bürgermeister von Barcelona und Präsident der Regierung Kataloniens.

Nach der Eroberung Kataloniens durch die Truppen Francisco Francos war Lluís Companys über die Grenze nach Perpignan geflohen, später siedelte er nach Paris über, um in der katalanischen Exilregierung mitzuarbeiten. Nach der deutschen Besatzung zog er sich nach La Baule-les-Pins (Pyrénées-Atlantiques) zurück. Er blieb in Frankreich, um den Kontakt mit seinem geisteskranken Sohn Micó zu halten.

Das Vichy-Regime stimmt nur wenigen Auslieferungsbegehren zu. Aber sieben führende Köpfe der Republikaner werden der deutschen Gestapo übergeben, darunter Lluís Companys. In seiner alten Heimatstadt wird er am 15. Oktober 1940 von einem Sondergericht in einem eintägigen Schnellverfahren zum Tode verurteilt und auf Barcelonas Stadtberg Montjuic hingerichtet.

An Josep Sunyol erinnert seit dem 4. Juni 1996 ein unscheinbarer Stein am Rande Guadarramas. Die Inschrift ist schlicht, vermeidet jeden Hinweis auf Sunyols Rolle als Präsident des FC Barcelona und ERC-Politiker und bevorzugt die kastilische Version seines Namens: „José Suñol Garriga: Barcelona 21-VII-1998; Guadarrama 6-VIII-1036.“ Lluís Companys zu Ehren wird man später das Estadi Olimpic auf dem Montjuic in Estadi Olimpic Lluís Companys umbenennen und am Eingangstor der Arena eine Gedenktafel für den Ermordeten anbringen.

Demokratie und Autonomie

Am 12. April 1931 hatte man auf Barcelonas Straßen noch gejubelt. Primo de Riveras Nachfolger Brenguer hatte in ganz Spanien Kommunalwahlen ausgerufen, als ersten Schritt der Rückkehr zu einer verfassungsmäßigen Ordnung. Überraschend gewinnen am 12. April in allen spanischen Städten die Republikaner. In Barcelona, wo der Barça-Fan Lluís Companys zum Bürgermeister gewählt wird, ist die Euphorie besonders groß. König Alfonso XIII. dankt ab, und am 14. April 1931 wird die Zweite Spanische Republik ausgerufen. Die Zentralregierung in Madrid stellen nun Republikaner und Sozialisten.

Am 9. September 1932 erhält Katalonien ein Autonomiestatut und eine Regionalregierung, die Generalitat. Aus den am 20. November 1932 abgehaltenen Wahlen zum katalanischen Regionalparlament geht die ERC als klarer Sieger hervor. Ihr Führer Francesc Marcià erklärt zunächst die Unabhängigkeit Kataloniens, stimmt jedoch später dem Modell katalanischer Autonomie innerhalb einer spanischen Republik zu. Das „autonome“ Barcelona avanciert zu einem Zentrum der Avantgarde.

Am 12. Juni 1933 beerbt Lluís Companys den verstorbenen Francesc Marcià als Regierungschef Kataloniens. Bei den Wahlen zum spanischen Parlament am 19. November 1933 geht jedoch die vereinigte Rechte als Sieger hervor. Am 6. Oktober 1934 ruft Companys in einer „spanischen Oktoberrevolution“ den „Staat Katalonien innerhalb der föderalen Republik Spanien“ aus. Aber die Generalitat befehligt keine Armee, weshalb das Abenteuer schnell beendet ist. Madrid schlägt zurück: Das Autonomiestatut von 1932 wird aufgehoben, die Generalitat suspendiert, und ihre Führer werden verhaftet. Companys wird zunächst auf dem Kriegsschiff „Uruguay“ im Hafen von Barcelona festgehalten, später nach Madrid verlegt und mit der gesamten katalanischen Regierung zu 30 Jahren verschärfter Haft verurteilt.

Doch 1936 zerbricht die rechte Koalition in Madrid an internen Querelen. Bei den Wahlen vom 16. Februar 1936 gewinnt die Frente Popular (Volksfront) aus Stalinisten, Linkskommunisten, Republikanern und radikaldemokratischen Katalanisten. Allerdings verfügt die neue Regierung nur über eine knappe Mehrheit.

Infolge des Wahlsiegs wird Lluís Companys aus der Haft entlassen und in Katalonien die Generalitat wiederhergestellt – unter der Führung von Companys. Die Region erlebt einige ungewöhnlich friedliche Monate. In anderen Teilen Spaniens wachsen indessen die Spannungen. Rechte Politiker weigern sich, den Verlust der Macht anzuerkennen, und ihre Verbündeten im Militär starten Vorbereitungen für einen Staatsstreich.

Barça wird „kollektiviert“

Für die Ausrichtung der Olympischen Spiele 1924 hatte sich auch Barcelona beworben. Doch der französische IOC-Präsident Baron Pierre de Coubertin hintertrieb dieses Ansinnen, indem er in einem Brief an alle IOC-Mitglieder um die Wahl von Paris als Austragungsort bat. Auch die Austragungsorte für 1928 (Amsterdam) und 1932 (Los Angeles) wurden sehr frühzeitig festgelegt.

1936 sollte es nun endlich klappen. Die IOC-Sitzung, die über die Ausrichterstadt entscheiden sollte, fand 1931 in Barcelona statt, was sich wegen der revolutionären Wirren aber nicht als Vorteil erwies. Nur 19 IOC-Mitglieder konnten nach Katalonien reisen. Die abwesenden Mitglieder mussten per Briefwahl entscheiden. Die Auszählung ergab 43 Stimmen für Berlin und nur 19 für Barcelona. Als infolge der nationalsozialistischen Machtübernahme aus den Spielen in Berlin „Nazi-Spiele“ zu werden drohen, will die verhinderte Olympiastadt Barcelona der NS-Propagandashow etwas entgegensetzen: eine Volksolympiade auf dem Montjuic, die Olimpiada Popular.

Etwa 6.000 Sportler aus 22 Ländern melden sich an. Der größte Teil der Sportler soll aus den USA, Großbritannien, den Niederlanden, der Tschechoslowakei, Dänemark, Norwegen, Schweden und Algerien kommen. Auch im Exil lebende deutsche und italienische Sportler wollen nach Barcelona reisen. Viele Athleten werden von Gewerkschaften, sozialistischen und kommunistischen Parteien gesandt.

Die Spiele sollen vom 19. bis 26. Juli 1936 stattfinden und somit sechs Tage vor Beginn der IOC-Veranstaltung in Berlin enden. Doch am 17. Juli beginnt der bewaffnete Putsch von General Francisco Franco und anderen Armeeoffizieren gegen die Republik. Die Rebellion der Faschisten hat ihren Ausgangspunkt in einer Militärrevolte in Spanisch-Marokko. Die Fremdenlegion (Tercio) wechselt per Luftbrücke aufs europäische Festland – mit Hilfe von Hermann Görings Luftwaffe, es ist der erste deutsche Kriegseinsatz seit der Niederlage von 1918. Die Putschisten um Franco erhalten Unterstützung durch die antidemokratisch eingestellte katholische Kirche, die sich in einer zweiten Reconquista wähnt – diesmal nicht gegen die Mauren, sondern die „jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung“. Bischöfe sprechen vom „erhabensten Kreuzzug“ gegen „absurde Doktrinen“ oder die „Söhne Kains“, gemeint sind „Kommunisten und Anarchisten“.

In Barcelona kommt es zu ersten bewaffneten Konflikten, die Olimpiada Popular wird abgesagt. Sehr zum Leidwesen von Angel Mur, Platzwart des Barça-Stadions Les Corts, der am 3.000-Meter-Hindernislauf teilnehmen will. Anstatt den Montjuic zu erklimmen, muss sich Mur zwei Tage lang in seinem Haus verschanzen: „Überall waren Schießereien. Den ganzen Tag über rannten Menschen mit Pistolen und Gewehren durch die Stadt. Ich war Sportler, kein Politiker, und mein Rennen war abgesagt worden.“ Die meisten der Olimpiada-Teilnehmer, die bereits in der Stadt sind, reisen schnellstmöglich ab. Mindestens 200 bleiben und schließen sich dem Kampf zur Verteidigung der Republik an, so beispielsweise Emanuel Mink, der Kommandant der jüdischen Einheit der Internationalen Brigaden „Botwin“ wird.

Einige Wochen nach Ausbruch des Bürgerkriegs muss der verhinderte Alternativ-Olympionike Angel Mur den FC Barcelona und Les Corts gegen die Anarchisten von der CNT-FAI verteidigen. Am Morgen des 16. August 1936 entdeckt er im Stadion eine Gruppe von Männern, die Plakate aufhängen, auf denen die sofortige Enteignung des Klubs durch die anarchistische Arbeiterbewegung verkündet wird. Der Platzwart alarmiert den Barça-Vorstand. Dieser erklärt tatsächlich seine Auflösung und wird durch ein „Arbeiterkomitee“ ersetzt. Doch in diesem Komitee sitzen auch Mur und Klubsekretär Rosendo Calvet. Zwei Monate später erhalten sie Verstärkung durch drei ehemalige Barça-Direktoren, die als Vertreter der Mitglieder ins Komitee einziehen. Mur, Calvet und ihre Mitstreiter sorgen dafür, dass der formal erste „kollektivierte“ Klub Europas weiterhin eine pluralistische Einrichtung bleibt.

Krieg zwischen Moderne und Konservativismus

Der europäische Bürgerkrieg, der de facto seit dem Ersten Weltkrieg schwelt und in dem ein großer Teil der europäischen Kulturlandschaft die Ideen von 1789 zurückweist, findet in Spanien seinen greifbarsten Ausdruck.

Der italienische Politologe Enzo Traverso resümiert in seinem brillanten Werk „Im Bann der Gewalt“ (2007) den Spanischen Bürgerkrieg als „einen Krieg zwischen der Moderne und dem Konservativismus, in dem die Vertreter des katholischen und ländlichen Spaniens denen des modernen Spaniens, das die Republik verkörperte, entgegentraten. Zudem war es ein Nationalkrieg, in dem die imperiale kastilische Tradition gegen das Autonomiebestreben der Regionen, vor allem Kataloniens, kämpfte. Darüber hinaus war es aber auch ein Klassenkrieg des städtischen und ländlichen Proletariats gegen das Kapital und den Grundbesitz, der von einem Krieg zwischen dem Faschismus und der Demokratie begleitet wurde. Überdies gab es auch noch einen Bürgerkrieg innerhalb des Bürgerkriegs, da sich auch im republikanischen Lager selbst Revolution und Konterrevolution gegenüberstanden, was im Mai 1937 in Katalonien sogar zu bewaffneten Auseinandersetzungen führte. Nicht zuletzt war es ein europäischer Krieg zwischen der Demokratie und dem Faschismus, in dem das franquistische Lager vom Italien Mussolinis und von Hitler-Deutschland unterstützt wurde, während die Sowjetunion die republikanischen Kräfte mit Waffen belieferte.“

Im Kampf gegen Francos Truppen erhält die republikanische Regierung Unterstützung durch Freiwilligenverbände aus zahlreichen Ländern. In den Internationalen Brigaden kämpfen ca. 40.000 Mann, darunter auch 5.000 Deutsche. Die Brigaden sind politisch heterogen. In ihren Reihen finden sich bürgerliche Liberale und Intellektuelle (George Orwell, Alfred Kantorowicz), Stalinisten, Sozialisten, Anarchisten etc. Prominente Schriftsteller arbeiten als Berichterstatter und schaffen eine Gegenöffentlichkeit zur Propaganda Francos und der Achsenmächte. Ilja Ehrenburg berichtet für Istwestija, Arthur Koestler für den New Chronicle, Kim Philby für die Times, Ernest Hemingway, Louis Aragon und Antoine de Saint-Exupéry sind ebenfalls vor Ort. Ebenso profilierte Fotografen wie Robert Capra, David Semur, Hans Namuth und Georg Reisner, die Fotoreportagen für Magazine in aller Welt erstellen. Erstmals wird die Fotografie zur politischen Waffe im Kampf um die Sympathien des Publikums.

Nach den Machtübernahmen Mussolinis (1924) und Hitlers (1933) sieht die europäische Linke in den Siegen der Volksfrontbündnisse in Spanien und Frankreich (Mai 1936) eine Trendwende. Spanien wird zum Schlachtfeld, wo der Gegner endlich zu stellen ist. Willy Brandt schreibt von der „ersten offenen Schlacht gegen den internationalen Faschismus“.

Tatsächlich scheitert der Putsch der Militärs um Franco und Emilio Mola zunächst in Katalonien mit Barcelona, in Valencia, Madrid, Andalusien, Asturien und im nördlichen Teil des Baskenlandes. Doch aus dem Putsch wird ein Bürgerkrieg, der fast drei Jahre tobt und einen enormen Blutzoll fordert. Der amerikanische Historiker Gabriel Jackson schätzt, dass 100.000 während der Kampfhandlungen fielen, 10.000 bei Bombenangriffen und 50.000 kriegsbedingt an Krankheiten und Hunger starben. Weitere 150.000 bis 200.000 wurden Opfer der politischen Repression, wobei mindestens zwei Drittel davon auf das Konto der Franquisten gingen.

Ligafußball in einem geteilten Land

Kein gesellschaftlicher Bereich bleibt vom Bürgerkrieg verschont, schon gar nicht der Fußball. Im Februar 1937 verlegt der spanische Fußballverband sein Hauptquartier von Madrid nach Barcelona. Im Juni desselben Jahres bilden die Anhänger Francos in San Sebastián einen Alternativverband, der sich für allein rechtmäßig erklärt. Im Geltungsbereich dieses Verbandes liegen einige der prominentesten Klubs Spaniens, so FC und Betis Sevilla, Real Saragossa, Celta Vigo, Deportivo La Coruña und Athletic Bilbao.

Die FIFA steht vor einem Dilemma, da ihre Statuten nur die Anerkennung eines Verbandes pro Land vorsehen. Der Weltverband lässt den etablierten und von republikanischen Kräften dominierten offiziellen Verband im Regen stehen, indem er ausnahmsweise und vorübergehend beiden Organisationen seine Anerkennung erteilt. So hält sich die FIFA für den Ausgang des Bürgerkriegs alle Optionen offen. Nach dessen Ende wird der italienische Vertreter im Exekutivkomitee der FIFA, der Faschist Giovanni Mauro, ein öffentlicher Unterstützer der Franco-Bewegung, einen Alleinvertretungsanspruch des Fußballverbandes in San Sebastián durchsetzen.

Ein Produkt des Bürgerkriegs ist auch die noch heute existierende Sporttageszeitung Marca, deren Erstausgabe 1938 erscheint und auf ihrem Titelblatt ein blondes Mädchen mit dem Faschistengruß zeigt.

Die nationale Liga stellt nach der Saison 1935/36 ihren Spielbetrieb ein. In einem Land, das in eine republikanische und anti-republikanische Zone geteilt ist, erscheint ein gemeinsamer Spielverkehr undurchführbar. Die Klubs in den republikanisch beherrschten Teilen Spaniens messen sich nun in einer „Mittelmeer-Liga“ miteinander. Die acht Teams kommen aus Katalonien und der Region Valencia. 1937 wird Barça vor Espanyol Champion der Liga. 72 Jahre später, im April 2009, kündigt der FC Barcelona an, dass er von Historikern prüfen lasse, ob der Liga-Gewinn von 1937 als spanische Meisterschaft zu werten sei. Vorausgegangen ist eine Entscheidung des spanischen Parlaments, UD Levante nachträglich zum Cupsieger des Jahres 1937 zu küren, in dem die Valencianer den Pokal in der republikanischen Zone gewonnen hatten.

Als während der Saison 1937/38 das republikanische Territorium weiter schrumpft, wird eine Lliga Catalunya organisiert, der ausschließlich katalanische Klubs angehören.

Kicken im Exil

Die katalanischen Kicker, die sich vor den Franco-Truppen ins Exil absetzen, sind nicht die ersten Fußball-Flüchtlinge der Geschichte. Eine politisch motivierte Emigration von Fußballern gab es bereits kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Schauplatz war Wien, die erste multikulturelle Stadt auf dem Kontinent. Wien war eine Einwandererstadt – vor allem für Tschechen, Ungarn sowie ost- und mitteleuropäische Juden. Genau hieraus sollte der Wiener Fußball seine Stärke beziehen. Wien avancierte zur ersten kontinentalen Fußballmetropole, Anziehungspunkt für ausländische Spieler auch deshalb, weil Österreich 1924 als erstes kontinentales Land das Profitum legalisierte.

1919 hatte in Ungarn der rechtsgerichtete Admiral Miklos Horthy mit der Armee die Macht übernommen. Es folgte der „weiße Terror“, der sich vor allem gegen die Juden im Land richtete, unter denen sich überproportional viele Aktivisten und Befürworter der rätekommunistischen Bewegung Bela Kuns befanden. Im Sommer 1919 nutzten prominente Spieler des als „jüdisch“ firmierenden Budapester Klubs MTK eine Deutschland-Tournee ihres Teams, um den drohenden autoritären Verhältnissen in ihrer Heimat zu entkommen. Der als Fußballgott gefeierte Alfred „Spezi“ Schaffer und Peter Szabo blieben in Deutschland, Schaffer spielte später aber auch u. a. für Austria Wien. Ferenc Platko, Barças erster Ungar, verließ ebenfalls das Land und schloss sich zunächst dem Wiener Association Football-Club an, bevor er vorübergehend nach Budapest zurückkehrte. Als MTK Budapest 1922 eine Spanien-Tournee unternahm, blieb der Keeper, von den Barça-Verantwortlichen als Nachfolger von Ricardo Zamora ausgeschaut, in Barcelona hängen.

Der spanische Bürgerkrieg löste eine weitere Welle von Fußball-Flüchtlingen aus. Im März 1937 erobern Francos Truppen das Baskenland, im Juni fällt auch dessen industriell bedeutende Metropole Bilbao in ihre Hände. Um den Wirren des Bürgerkrieges zu entgehen und für die republikanische und baskische Sache zu werben, startet im April 1937 ein Team mit dem Namen „Republik Euskadi“ eine Auslandstournee, darunter immerhin sechs Akteure aus dem spanischen WM-Kader von 1934. Man absolviert Freundschaftsspiele zunächst in Frankreich (Racing Club de Paris, Olympique Marseille, Sète) und der Tschechoslowakei, bevor man Ende Juni in der Sowjetunion eintrifft. Von den neun Begegnungen in Moskau, Kiew, Tiflis und Minsk werden sieben gewonnen. Lokomotive Moskau unterliegt den Basken mit 1:4, Lokalrivale Dynamo mit 4:7. Auch Dynamo Kiew muss sich den Basken beugen (1:3), ebenso eine Auswahl der Stadt Minsk (1:6). In der Geschichte des sowjetischen Fußballs nehmen diese Spiele eine bedeutende Stellung ein, denn die Vorführungen der Basken revolutionieren den bis dahin von der Außenwelt weitgehend abgeschnittenen Fußball im kommunistischen Vielvölkerstaat. So machen die Gäste ihre Gastgeber mit dem W-M-System bekannt.

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12 aralık 2025
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