Kitabı oku: «Von dem Leben und den Meinungen berühmter Philosophen»

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AUGUST CHRISTIAN B. BORHECK (1751–1816) war Philologe und Historiker und arbeitete zunächst als Lehrer und Gymnasialrektor. Später wurde er zum Professor der Beredsamkeit und Geschichte an der Universität Duisburg ernannt. Er übersetzte u.a. die Briefe Ciceros (1792 ff., 5 Bde.) und die Schriften Xenophons (1778–1808, 6 Bde.).

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EPOCHALES MEISTERWERK DER ANTIKEN PHILOSOPHIEGESCHICHTE

Die Berichte des Diogenes Laertius über das Leben der großen antiken Philosophen, bieten neben den philosophischen Positionen Lebensbeschreibungen antiker Philosophen und Denker – von Anaximander über Demokrit bis zu Epikur – und stellen damit ein wichtiges philosophiehistorisches Dokument dar. Diogenes gliedert seine Viten in Nachrichten über Herkunft, Lebenslauf, Charakter, Werke und Briefe, schließlich Testament und Todesumstände jedes Denkers und würzt seine Darstellung mit unterhaltsamen Anekdoten. Diogenes’ Werk ist die umfangreichste erhaltene philosophiegeschichtliche Schrift des Altertums und damit eine wichtige Quelle zur Philosophiegeschichte der Antike.

Über das Leben des griechischen Philosophen Diogenes Laertius ist wenig bekannt. Er lebte Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. und war ein spätantiker Philosophiehistoriker, der um 220 das Werk »Von dem Leben und den Meinungen berühmter Philosophen« in zehn Büchern schrieb. Diese griechische Philosophiegeschichte ist kein wissenschaftliches Werk – sein kompendienhafter Charakter weist vielmehr darauf hin, dass Diogenes seine zahlreichen gesammelten biographischen Nachrichten, anekdotenhaften Geschichten und sentenzartigen Meinungsäußerungen unterhaltsam präsentieren wollte.

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar.
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Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2011 Der Text wurde behutsam revidiert nach der zweibändigen Ausgabe Franz Haas, Wien und Prag 1807 Lektorat: Dr. Lenelotte Möller, Speyer Covergestaltung: Nele Schütz Design, München Bildnachweis: akg-images GmbH, Berlin Korrekturen: Christine Klinger, Usingen eBook-Bearbeitung: Medienservice Feiß, Burgwitz Gesetzt in der Palatino Ind Uni – untersteht der GPL v2 ISBN: 978-3-8438-0018-1 www.marixverlag.de

Inhalt

Über den Autor

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ERSTER BAND

Einleitung des Übersetzers

Nachricht von Diogenes Laertius, dessen Schriften und ihren Ausgaben

Vorrede des Diogenes Laertius

Erstes Buch

Erstes Kapitel - Thales

Zweites Kapitel - Solon

Drittes Kapitel - Chilon

Viertes Kapitel - Pittakus

Fünftes Kapitel - Bias

Sechstes Kapitel - Kleobul

Siebentes Kapitel - Periander

Achtes Kapitel - Anacharsis der Skythe

Neuntes Kapitel - Myson

Zehntes Kapitel - Epimenides

Elftes Kapitel - Pherekydes

Zweites Buch

Erstes Kapitel - Anaximander

Zweites Kapitel - Anaximen

Drittes Kapitel - Anaxagoras

Viertes Kapitel - Archelaus

Fünftes Kapitel - Sokrates

Sechstes Kapitel - Xenophon

Siebentes Kapitel - Aeschines

Achtes Kapitel - Aristipp

Neuntes Kapitel - Phaedon

Zehntes Kapitel - Euklides

Elftes Kapitel - Diodor

Zwölftes Kapitel - Stilpon

Dreizehntes Kapitel - Kriton

Vierzehntes Kapitel - Simon

Fünfzehntes Kapitel - Glaukon

Sechzehntes Kapitel - Simmias

Siebzehntes Kapitel - Kebes

Achtzehntes Kapitel - Menedem

Drittes Buch

Platon

Viertes Buch

Erstes Kapitel - Speusipp

Zweites Kapitel - Xenokrat

Drittes Kapitel - Polemon

Viertes Kapitel - Krates

Fünftes Kapitel - Krantor

Sechstes Kapitel - Arkesilaus

Siebtes Kapitel - Bion

Achtes Kapitel - Lakydes

Neuntes Kapitel - Karneades

Zehntes Kapitel - Klitomach

Fünftes Buch

Erstes Kapitel - Aristoteles

Zweites Kapitel - Theophrast

Drittes Kapitel - Straton

Viertes Kapitel - Lykon

Fünftes Kapitel - Demetrius

Sechstes Kapitel - Heraklides

Sechstes Buch

Erstes Kapitel - Antisthenes

Zweites Kapitel - Diogenes

Drittes Kapitel - Monim

Viertels Kapitel - Onesikrit

Fünftes Kapitel - Krates

Sechstes Kapitel - Metrokles

Siebtes Kapitel - Hipparchia

Achtes Kapitel - Menipp

Neuntes Kapitel - Menedem

ZWEITER BAND

Siebtes Buch

Erstes Kapitel - Zenon

Zweites Kapitel - Ariston

Drittes Kapitel - Herill

Viertes Kapitel - Dionys

Fünftes Kapitel - Kleanth

Sechstes Kapitel - Sphärus

Siebtes Kapitel - Chrysipp

Achtes Buch

Erstes Kapitel - Pythagoras

Zweites Kapitel - Empedokles

Drittes Kapitel - Epicharm

Viertes Kapitel - Archytas

Fünftes Kapitel - Alkmäon

Sechstes Kapitel - Hippas

Siebtes Kapitel - Philolaus

Achtes Kapitel - Eudox

Neuntes Buch

Erstes Kapitel - Heraklit

Zweites Kapitel - Xenophanes

Drittes Kapitel - Parmenides

Viertes Kapitel - Meliß

Fünftes Kapitel - Zenon

Sechstes Kapitel - Leukipp

Siebtes Kapitel - Demokrit

Achtes Kapitel - Protagoras

Neuntes Kapitel - Diogenes von Apollonia

Zehntes Kapitel - Anaxarch

Elftes Kapitel - Pyrron

Zwölftes Kapitel - Timon

Zehntes Buch

Epikur

Anhang

aus der zweiten Heinrich Stephanischen Ausgabe 1594

I. Bruchstücke aus den Schriften einiger Pythagoräer von der Moralphilosophie

1. Aus des Thuriers Hippodams Buch von der Glückseligkeit

2. Aus des Pythagoräers Euryphams Buch vom Leben

3. Aus des Pythagoräers Hipparchs Buch von der Seelenruhe

4. Aus des Pythagoräers Archytas Buch von dem guten und glücklichen Mann

5. Aus eben demselben Buch

6. Aus eben demselben Buch

7. Aus desselben Archytas Buch vom sittlichen Unterricht

8. Aus eben dieses Archytas Buch von den Wissenschaften

9. Aus des Pythagoräers Theages Buch von den Tugenden

10. Aus eben demselben Buch

11. Aus des Pythagoräers Metops Buch von der Tugend

12. Aus dem Pythagoräer Klinias

13. Aus des Pythagoräers Kritons Buch von Klugheit und Glück

14. Aus des Pythagoräers Polus Buch von der Gerechtigkeit

15. Eines Ungenannten Gespräche in dorischer Mundart vom Guten und Bösen, vom Schönen und hässlichen, vom Gerechten und Ungerechten, von Lüge und Wahrheit, von Weisheit und Tugend, ob diese lehrbar sei

16. Des Pythagoräers Lysis Brief an Hipparch

17. Briefe der Theano, die eine Tochter der pythagoräischen Weisheit genannt wird

18. Melissas Brief

19. Myias Brief

II. Aristoteles’ Leben und Schriften

III. Platons Leben

IV. Des Milesiers Hesychius Illustrius Buch von hervorleuchtenden Gelehrten

Der Milesier Hesychius Illustrius, von hervorleuchtenden Gelehrten

A

B

G

D

E

Z

AE

Th

I

K

L

M

N

X

O

P

S

T

Y

PH

CH

Fußnoten

Kontakt zum Verlag

ERSTER BAND

Einleitung des Übersetzers

Diese Übersetzung des Diogenes Laertius übernahm ich auf die Bitte des Herrn Buchhändlers Haas in Wien für seine Sammlung der verdeutschten Griechen. Ich habe bei derselben die Ausgabe Heinrich Stephans 1593 in Oktav, die Ausgabe von Ägidius Menage, London 1663 in Folio und die Ausgabe von Longolius, Chur im Vogtlande 1739 in 2 Bänden in Oktav gebraucht. Die Wettsteinsche Ausgabe in 2 Quartbänden zu Amsterdam 1693 konnte ich nicht erhalten. Alle drei Ausgaben, die ich besitze, sind sehr fehlerhaft und äußerst nachlässig abgedruckt, überhaupt ist auch Diogenes’ Text noch nicht mit gehöriger Kritik bearbeitet. Herr Professor Buhle, Philologe und Philosoph zugleich, wie er an seinem Aristoteles gezeigt hat, wäre der Mann zu diesem Geschäft! Mir scheint es mehr als wahrscheinlich, dass wir den echten Diogenes nicht, sondern nur Auszüge aus seinem Werke, und auch diese wieder von Einschüben verfälscht, besitzen, die sich oft leicht entdecken lassen. Ein Geschichtsschreiber der Philosophen kann unmöglich so wenig Philosoph gewesen sein, als man den Verfasser unseres jetzigen Diogenes fast überall findet. Stil hat er auch gar nicht. Als Übersetzer musste ich mein Original so treu als möglich mit allen seinen Fehlern übertragen. Ich musste den Philosophen die Meinungen wieder beilegen, die er ihnen beilegt, ihre Systeme wieder so darstellen, wie er sie dargestellt hat. Wo im Diogenes Mangel an Deutlichkeit und Zusammenhang ist, da blieb dieser auch in der Übersetzung sichtbar: denn ich blieb möglichst genau bei seinem Ausdruck, nur bei den häufig eingerückten Versen erlaubte ich mir eine freiere Übersetzung, um sie wieder in Versen zu verdeutschen. Anmerkungen habe ich nicht hinzugesetzt, außer an einzelnen wenigen Stellen, denn wollte ich überall Anmerkungen machen, wo sie zur Berichtigung des griechischen Textes, oder der Meinungen der Philosophen, oder der Diogenischen Darstellung derselben hätten gemacht werden können, so möchten diese wohl eben so stark als der Text selbst geworden sein. Ich werde daher alles, was ein deutscher Leser Diogenes’ erwarten könnte, in das erklärende Register zusammenstellen, das den letzten Band ausmachen und auch einige kleine Versuche zur Berichtigung des Diogenischen Textes enthalten wird. Eine kurze Einleitung von Diogenes Laertius, seinen Schriften und Ausgaben, habe ich aus der Longolischen Ausgabe vorgesetzt, und aus der angeführten zweiten Stephanischen Ausgabe, die Bruchstücke der Pythagoräer und die kleine Schrift des Hesychius Illustrius von berühmten Gelehrten; und aus der Menageschen Ausgabe eines Ungenannten Leben Aristoteles’, und Olympiodors Leben Platons im Anhang hinzugefügt. Deutsche Übersetzungen sind mir außer der Goldhagenschen vom Leben Xenophons, die sich bei dessen Übersetzung der Griechischen Geschichte Xenophons befindet, nicht bekannt, ich konnte also keinen Vorgänger benutzen. Meine Verdeutschung würde auch minder genau ausgefallen sein, wenn nicht mein schätzbarer Freund, unser gelehrter Herr Professor der Philosophie und Kanonikus Dahmen, mich dabei unterstützt, und meine Handschrift vor ihrer Absendung nach Wien erst durchgesehen und verbessert hätte, wofür ich demselben hier öffentlich aufs Verpflichtetste danke.

Köln am Rhein, am 1. Brumaire des 13ten Jahres der französischen Zeitrechnung.

Dr. A. Chr. Borheck

Nachricht von Diogenes Laertius,
dessen Schriften und ihren Ausgaben

Diogenes Laertius ist in Ansehung seiner Herkunft und Abstammung ganz unbekannt. Man kennt weder seinen Vater und seine Mutter, noch seine Familie und sein Vaterland. Es lässt sich auch nicht mit Gewissheit angeben, woher er den Namen Laertius hat, und die Vermutungen der Gelehrten darüber weichen sehr von einander ab. Mir scheint die Heumannische noch die wahrscheinlichste, dass der Ursprung des Namens ein Städtchen Laerte gewesen, wovon einer der Vorfahren unsers Diogenes bekannt worden, welcher Name, so wie der Name Vitellius von der Stadt Vitellia, und Egnatius von Egnatia, hernach auf die Nachkommen desselben fortgeerbt worden. Es war also in der Folge ein Familienname, so wie wir einen Quintus Laertius in den Inschriften bei [Ianus] Gruter, S. CCC. und einen Caius Laertius Sabininanus bei Fabretti S. 251 finden. Diese Vermutung scheint auch die Ordnung der Namen, Laertius Diogenes, in den meisten Handschriften von Diogenes, und bei Hesychius und Phorius zu bestätigen.

Die Zeit, in welcher unser Diogenes Laertius gelebt hat, ist ebenfalls ungewiss, nur soviel ist gewiss, dass er nach der christlichen Zeitrechnung gelebt hat, denn er erwähnt Epiktets und Plutarchs, die um Trajans Zeiten lebten, Favorins, der unter Trajan und Adrian, des Sophisten Sabins, der unter Adrian, und des Empirikers Sextus, der unter Commodus lebte. Er muss also später als diese gelebt haben. Da nun Stephanus, oder vielmehr Hermolaus von den Städten, und Hesych von Milet sich auf Laertius beziehen, auch Sopater nach Photius Cod. CLXI. sein sechstes Buch aus dem 1., 5., 9. und 10. Buche Diogenes’ zusammengestoppelt hat, so behauptet Jonsius, dass unser Laertius vor Konstantins des Großen Zeiten, wo Sopater lebte, oder vor Justinians Zeiten, da die andern lebten, gelebt habe. Lipsius, Bossius und andere setzen ihn in Markus Antonins Zeiten, und auch Menage glaubt, er könne nicht nach demselben gelebt haben, da er dieses Kaisers, der ein Stoiker war, und über stoische Philosophie in griechischer Sprache schrieb, bei der Sekte der Stoiker sonst erwähnt haben würde. Indes dies beweist nichts, denn er gedenkt mehrerer älterer Philosophen, wie des Peripatetikers Kratipp, und des Stoikers Seneca ebenfalls nicht, vor deren Zeiten er gewiss nicht gelebt hat. Reinesius will unsern Laetius in Galens Zeiten setzen, weil die von Galen erwähnte Arria das gelehrte Frauenzimmer sei, an welche Diogenes Laertius dieses sein Werk gerichtet hat, wie wir im 3. und 10. Buche desselben sehen. Hierin tritt Menage dem Reinesius bei, und auch Fabricius hält diese Vermutung für glücklich. Allein diese Arria kann das Frauenzimmer nicht sein, weil Laertius viel jünger als sie war, wie Brucker gezeigt hat. Jonsius sucht daher auf alle Art zu erweisen, dass Diogenes zu Severs Zeiten gelebt habe. Ihm folgen Olearius, Fabricius Heumann und vor ihm schon Casaubon, sie suchen aus der Anführung Potamons, der zu und nach Alexander Severs Zeiten gelebt, zu erweisen, dass Laertius um die Mitte des dritten christlichen Jahrhunderts gelebt habe. Dodwell und Gesner setzen ihn in Konstantins des Großen Zeitalter. Schwerlich lässt sich etwas Gewisses darüber bestimmen.

Der Verfasser des Lebens unseres Laertius vor der Englischen Übersetzung will aus dem, was derselbe von Potamon sagt, folgern, dass er ein Anhänger Potamons in der Philosophie gewesen sei. Allein dies kann daraus nicht hergeleitet werden, denn Laertius führt Potamons Meinung nicht mit ihrer Billigung an, und Potamons Gedanke war auch nicht, keiner Sekte zu folgen, sondern von jeder das Gewisse anzunehmen, und so eine neue Sekte zu stiften, die aber ohne Namen und Beifall geblieben ist, weil es Potamons Schriften an Geist zu fehlen schien, wie Isaak Casaubon zum Dio Chrysostom bemerkt hat. Mehrere haben unseren Diogen für einen Epikureer gehalten, wie Isaak Casaubon, Menage, Samuel Parker. Bossius legt ihm einen Hang zur Epikureischen Sekte bei. Heumann erkennt seinen besonderen Fleiß in seinen Nachrichten von Epikur und der Epikureischen Philosophie an, aber er hält dies noch für keinen Beweis, dass er ein Anhänger dieser Sekte gewesen sei, denn man findet eben diesen Fleiß bei seinen Nachrichten von Platon und den Platonikern, von Pyrrhon und den Skeptikern. Er scheint keiner Sekte zugetan, und gar kein Philosoph gewesen zu sein, sondern bloß ein Sammler der Nachrichten von den Lebensumständen, Schriften und Meinungen der Philosophen, von denen er die lobte, wobei er etwas Gutes zu finden glaubte. Ebensowenig lässt sich aus der Stelle im fünften Buche, wo er von Aristoteles sagt, er habe einem bösen Menschen ein Almosen gegeben, schließen, dass Diogenes ein Christ gewesen sei, weil dieses aus dem Neuen Testamente entlehnt sein soll. Fabricius hat die Grundlosigkeit dieser Erklärung schon gezeigt.

Seine Schriften sind folgende, die er selbst anführt:

1. Yammetros, ein Inschriften-Buch in verschiedenen Versarten auf berühmte Männer. Dies führt er sehr häufig an, und rückt Verse daraus ein. Das ganze Buch ist verloren, und dieser Verlust in Rücksicht auf Poesie gewiss nicht groß, wie die noch daraus vorhandenen Verse zeigen. Es kommen auch Epigramme von ihm in der Anthologie des Maximus Planudes, und in Joan-nes Tzetzes Chiliaden vor, die vielleicht aus diesem Pammetros sind.

2. Zehn Bücher von dem Leben, den Meinungen und Denksprüchen berühmter Philosophen, die noch vorhanden sind. Vor diesem Werke scheint sich eine Zuschrift an ein gelehrtes Frauenzimmer, das er im dritten und zehnten Buch anredet, befunden zu haben, die verloren gegangen ist, wie Menage, Fabricius und Heumann schon bemerkt haben. Menage hat in seinen Anmerkungen schon den Gedanken geäußert, dass sich sehr viele unechte Einschübe in diesem Werke finden, die nicht von Diogenes sind, und dass der Stil desselben ganz ungebildet sei. Auch Bayle beschuldigt ihn der Ungenauigkeit, Dunkelheit und Zweideutigkeit. Sein Übersetzer Ambrosius, Hieronymus Froben in der Vorrede, Casaubon in der Vorrede, und Barthol. Kekermann bemerken, dass Laertius mehr Fleiß aufs Sammeln, als auf die Verarbeitung und Anordnung seiner Sammlungen verwandt habe, und dass es ihm oft an richtiger Beurteilung fehle. Auf gleiche Art urteilen von ihm Lipsius, Parker, Stanley, Stoll. Ich habe meine Gedanken über diese Schrift in der Vorrede gesagt, worauf ich mich hier beziehe.

Ich komme nun auf die Ausgaben und Übersetzungen unseres Diogenes Laertius.

Eine lateinische Übersetzung Diogens erschien zuerst von dem Kamaldulenser Mönch und nachherigen General seines Ordens, Ambrosius Civenius, der Franz Philelphus ersuchte, die im Laertius vorkommenden Verse wieder in Lateinische Verse zu übertragen. Philelph aber tat dies aus Neid lange Zeit nicht, obgleich er es in einem Briefe heilig versprach, und sie wurden erst nach Ambrosius’ Tode in die Brognolische Ausgabe der Übersetzung desselben eingerückt. Ob sich gleich diese Ambrosische Übersetzung durch ihre Simplizität empfiehlt, so hat Ambrosius doch in vielen Stellen den Sinn des Laertius verfehlt, und einige ganz ausgelassen, ja nach Menagens Urteil hat er sich bei seiner Übersetzung solche Freiheiten genommen, dass man sie eher eine Geschichte der Philosophen nach Laertius, als eine Übersetzung desselben nennen könnte. Philelph verdammt auch diese Ambrosische Übersetzung als schlecht, und voller Irrtümer. Nach Ambrosius’ Tode hat sie Benedikt Brognoli durchgesehen und sie in Venedig durch Nikol. Jenson im Jahr 1475 in Quart und schöner Schrift abdrucken lassen, welche Ausgabe nachher oft nachgedruckt worden ist, so in Nürnberg 1476 und 1479. Ohne Angabe des Jahrs druckte sie auch Jean Petit in Paris in Quart, dessen Abdruck aber sich durch nichts empfiehlt; doch befindet sich in derselben der Brief des Ambrosius an Brognoli, welchen auch Stephanus in seinen Ausgaben wieder hat abdrucken lassen, mit verschiedenen Proben Brugnolischer Verbesserungen. Sie kam auch zu Basel bei Valentin Curio 1524 in Quart heraus, in welcher Ausgabe Konrad Heresbach nach Vergleichung einer griechischen Handschrift des Matthäus Aurogallus einiges verbessert, besonders die Epigramme, und einige von Ambrosius und Brognoli ausgelassene Verse lateinisch übersetzt und griechisch beigefügt hat. In der Folge kam Laertius wieder lateinisch heraus, zu Köln 1542 in Oktav, zu Leiden 1546 in Oktav und bei Sebastian Gryphius 1559, 1583 in Duodez, in Paris 1585 in Duodez. Bei Plantin zu Antwerpen wurde sie 1566 in Oktav, von Johann Sambuk von Tirnau und Fulvius Ursin neu durchgesehen, gedruckt; wie auch zu Lyon 1592 in Duodez bei Anton Gryphius und zu Leiden in der Plantinschen Druckerei bei Fr. Rapheleng 1596 in Duodez, nach der Sambukischen verbesserten Ausgabe, und bei Jakob Chouet 1595 in Duodez.

Griechisch wurde der ganze Diogenes Laertius zuerst in Basel in der Druckerei Hieronymus Frobens und Nikol. Episkopius im Jahr 1533 in Quart gedruckt, nach einer Handschrift des Matthäus Aurogallus, die schon Valentin Curio bei seiner lateinischen Ausgabe gebraucht hatte. Vorher waren schon die Leben Aristoteles’ und Theophrasts in der Aldinischen Ausgabe der Werke Aristoteles’ zu Venedig 1495 in Folio und in der Aldinischen Ausgabe Theophrasts bei von den Steinen zu Venedig 1497 griechisch abgedruckt, so wie man seitdem auch die Leben aus Laertius den Ausgaben der Werke Platons, Xenophons und anderer vorgesetzt hat; aber der ganze Laertius war vor der angeführten Frobenischen Ausgabe von 1533 noch nicht griechisch gedruckt. Die Ausgabe von 1531 ist ein Irrtum.

Die erste griechisch-lateinische Ausgabe des Laertius ist die Heinrich Stephanische 1570 in Oktav. Sie enthält am Schluss die Ambrosische Übersetzung, Heinr. Stephans Verbesserungen und die Fragmente der Pythagoräer aus Stobäus in griechischer Sprache. Die zweite Heinrich Stephanische Ausgabe erschien 1593 in Oktav mit seinen Castigazionen und der Brugolischen Rezension der Ambrosischen Übersetzung und den Fragmenten der Pythagoräer. Die Ambrosische Übersetzung aber steht zur Seite des griechischen, und Isaak Casaubons gelehrte Anmerkungen über Laertius, die zuerst einzeln unter dem Namen Isaak Hertibons 1583 in Oktav erschienen waren, sind hier vermehrt und verbessert. Sie enthält auch Hesychius Illustrius’ Leben der Philosophen. Die dritte Ausgabe mit Heinrich Stephans und Isaak Casaubons Noten, den Fragmenten der Pythagoräer, dem Hesychius Illustrius, und Adrian Junius’ Übersetzung mit dessen und Heinrich Stephans Castigazionen, erschien in Genf 1615 in Oktav bei Johann Vignon, Jakob Stoer, Peter und Jakob Chouet, und Samuel Crispin. In einigen Exemplaren befindet sich auch noch Eunapius’ Leben der Sophisten griechisch mit Junius’ Übersetzung, und wird auch auf dem Titel erwähnt, in anderen aber ist dies nicht befindlich, und auch auf dem Titel nicht erwähnt.

Eine vierte griechisch-lateinische Ausgabe mit Thomas Aldrobandins Übersetzung und dessen gelehrten Anmerkungen, die aber nicht über Leukipps Leben im neunten Buche hinausgehen, weil der Verfasser vor der Vollendung seiner Arbeit gestorben, erschien zu Rom, bei Aloys Zanneti 1594 in Folio. Der Herausgeber war der Kardinal Peter Aldrobandin, der Oheim des Übersetzers. Sie enthält auch den griechischen Text nach alten Handschriften, besonders einer Farnesischen, sehr verbessert. Aldrobandins Übersetzung ist elegant und mit Fleiß gearbeitet, und würde vollkommener sein, wenn er die letzte Hand hätte daran legen können.

Die fünfte griechisch-lateinische Ausgabe erschien nicht zu Leiden, wie in den Brandenburgischen Pandekten unter Aldrobandin steht, und auch nicht, wie Lipen schreibt, zu Haag 1656 in Quart mit Heinr. Stephans, Isaak Casaubons, Thom. Aldrobandins und Gassendis Noten; sondern in London 1663 in Folio. In dieser ist die römische Ausgabe mit Aldrobandins Übersetzung und Noten wiederholt, zu welchen Ägidius Menagens gelehrte Kommentare und ein Register der von Laertius angeführten Schriften hinzugekommen. Menage gebrauchte außer der Florentinischen drei Pariser Königliche Handschriften, ließ seine Kommentare auf seine Kosten in Paris bei Edmund Martin 1662 in Oktav abdrucken, und schickte sie so zum neuen Abdruck Johann Pearson in London zu. Diese Menageschen Kommentare sind bis jetzt die besten über Diogenes. Ferner befinden sich in dieser Londoner Ausgabe noch die Anmerkungen Isaak Casaubons und dessen Sohnes Mericus Casaubons, in welchem unter anderen Olympiodors Leben Platons mit Jakob Vindets Übersetzung und Anmerkungen eingerückt ist. Menage hat auch in seine Kommentare ein noch nicht gedruckt gewesenes Leben Aristoteles eingerückt und erläutert. Schade, dass das Äußere dieser Ausgabe, die ich vor mir liegen habe, dem Inneren nicht entspricht; (bei englischen Ausgaben ein seltener Fall!) und dass sie sehr viele Druckfehler in Text und der Interpunktion hat. Menage schrieb in den Jahren 1679 und 1680 an den Leipziger Senator Friedrich Benedikt Carpzov, dass seine Pariser Ausgabe des Laertius durch den großen Londoner Brand zu einer äußersten Seltenheit geworden sei, und dass er sich mit einer neuen, sehr verbesserten und vermehrten beschäftige.

Die sechste Ausgabe, welche die vorhergehenden alle fast ganz enthält, und sie an Schönheit im Äußeren weit übertrifft, kam in Amsterdam bei H. Wettstein im Jahr 1693 in zwei großen Quartbänden heraus. Im ersten Bande ist der griechische Text des Laertius mit aller Sorgfalt und Schönheit abgedruckt. Die römische Ausgabe liegt zum Grunde, welche Mark. Meibom in Abschnitte eingeteilt, und in sehr vielen Stellen aus den älteren Ausgaben, und aus einer Arundelischen und Canterburyschen Handschrift verbessert hat. Bei dem Text befindet sich die Am-

brosische Übersetzung, von Meibom so ausgebessert und ergänzt, dass sie einer fast ganz neuen gleicht. Ferner befinden sich darin 24 Bildnisse der Philosophen, nämlich Thales, Solon, Pittakus, Anacharsis, Sokrates, Äschines, Aristipp, Euklides, Platon, Xenokrat, Karneades, Aristoteles, Theophrast, Antisthenes, Diogenes, Monim, Chrysipp, Pythagoras, Archytas, Herklit, Zenon, Demokrit, Sextus Empirikus und Epikur, nach alten Münzen und Gemmen in Kupfer gestochen. Unter dem Text stehen auf jeder Seite die sämtlichen Anmerkungen Heinrich Stephans, beider Casaubone, Aldrobandins, und Meiboms, welcher letzteren vorher noch ungedruckt war. Er war nämlich schon vor Menage mit einer Bearbeitung Diogenes’ beschäftigt. Der zweite Band enthält die Kommentare Menages, die er Wettstein unter der Bedingung, dass er sie abgesondert von den Anmerkungen anderer Gelehrter abdrucken lassen solle, viel vollständiger, als sie in der Londoner Ausgabe stehen, mitgeteilt hatte; ferner dessen Geschichte der Philosophinnen, die schon bei einem Italienischen Gedichte Petrarchs zu Leiden 1692 in Duodez, und in eben dem Jahr auch besonders zu Amsterdam von Wettstein in Oktav gedruckt waren. Auf diese folgen die kurzen, aber sehr gelehrten Anmerkungen des Straßburgers Joachim Kuhns über den Laertius, die über viele dunkle Stellen ein schönes Licht verbreiten und noch nicht gedruckt worden waren. Dann folgen abweichende Lesarten aus der Arundelischen und Canterburyschen Handschrift von Thomas Gale gesammelt. Endlich enthält auch diese Wettstein’sche Ausgabe die Vorreden der vorhergegangenen Ausgaben, worunter sich aber die Briefe Brognolis und Sambuks, und H. Stephans Recensio der Brognolischen Durchsicht der Ambrosischen Übersetzung nicht befinden, die nicht hätten ausgelassen werden sollen, wie auch nicht Olympiodors von Zindetus erläutertes Leben Platons. Die Register Johann le Clercs bei dieser Ausgabe sind trefflich. Sie enthält aber nicht, vermutlich wegen ihrer Stärke, und weil sie schon oft besonders gedruckt waren, die Anmerkungen und philosophischen Kommentare Peter Gassendis über Diogenes’ zehntes Buch oder Epikurs Leben, das Gassendi auch aufs Neue lateinisch übersetzt hat. Diese Gassendische Ausgabe ist gedruckt zu Paris 1646 in Folio, nachgedruckt zu Leyden 1649 und 1675 in Folio, und in Gassendis Werken zu Leiden 1658 in Folio. Gassendis kritische Noten führt Menage zuweilen an, sie werden aber von ihm und Merikus Casaubon und vorzüglich von Meibom getadelt, welcher letztere anmerkt, dass Gassendi ein größerer Philosoph als Sprachkenner gewesen.

Diogenes’ und Aristipps Leben aus Laertius hat auch Paulus Leopardus ausgezogen, lateinisch übersetzt, und zu Antwerpen 1556 in Octav abdrucken lassen.

Die siebente Ausgabe des Laertius ist die Longolische in zwei Oktavbänden zu Chur im Vogtlande 1739. Sie enthält den griechischen Text, und die lateinische Übersetzung aus der Wettstein’schen Ausgabe, ohne alle Anmerkungen, und die elend nachgestochenen Bildnisse der 26 Philosophen. Die Meibomischen Zahlen der Abschnitte, ob sie gleich meistens sehr unschicklich gemacht sind, behielt Longolius deswegen bei, weil Laertius darnach angeführt zu werden pflegt, aber er teilte außerdem jedes Buch in so viele Kapitel, als Leben darin enthalten sind, und die Kapitel wieder in so viele Zahlen, als die Sache zu erfordern schien; diese seine neuen Abschnitte bezeichnete Longolius mit römischen, die Meibom’schen mit gemeinen Zahlzeichen. Die Register verfertigte er ganz neu. Das Papier dieser Longolischen Ausgabe ist schön, aber die Schrift zu groß und nicht angenehm, dabei ist sie auch äußerst nachlässig korrigiert, und wimmelt von Fehlern, dass ich oft zu älteren Ausgaben zurück zu gehen genötigt war. Ob Longolius Anmerkungen, die er in der Vorrede, aus welcher diese Nachricht von Laertius Leben und Schriften ausgezogen ist, verspricht, noch erschienen sind, ist mir nicht bekannt.

Die achte griechisch-lateinische Ausgabe, welche außer dem Abdruck des griechischen Textes und der lateinischen Übersetzung nach der Longolischen Ausgabe und dessen Register, nichts enthält, ist in einem Großoktavbande zu Leipzig auf Kosten des Wiener Buchhändlers Krause gedruckt und hat in Ansehung des Äußern unstreitige Vorzüge vor der Longolischen. Ob sie sorgfältiger korrigiert ist, kann ich nicht sagen, da ich sie in dem Augenblick, da ich dieses schreibe, erst bekomme. Mehr Ausgaben sind mir von Diogenes Laertius nicht bekannt, außer dass sich vor der Zweibrücker Ausgabe Platons auch das Leben dieses Philosophen aus Laertius befindet. Er ist einer von den Schriftstellern des Altertums, der noch seinen Kritiker und Erklärer erwartet, wozu ich Herrn Professor Tuhle wohl auffordern möchte.

Übersetzungen in neuere Sprachen führt Longolius an, die italienische von Felix Astolfo, die zweimal, 1535 und 1545, zu Venedig in Oktav gedruckt worden; die französische von Franz de Fougerolles, einem Doktor der Medizin, mit Anmerkungen, zu Lyon 1602, in Oktav gedruckt; eine andere französische von M.B. zu Paris 1668, in Duodez gedruckt, und die französische Übersetzung des Lebens Aristipps von M. le Fevre mit Anmerkungen, die in den Memoires de Litterature, Tom. I. P II. n. II. und in Daciers Vie des hommes illustres de Plutarque T. IX. gedruckt ist. Eine englische Übersetzung von mehreren Verfassern ist in London 1682 in zwei Oktavbänden gedruckt, und eben daselbst 1696 wieder aufs neue gedruckt, die Brüggemann in seinem View anführt. Vor beiden Ausgaben befindet sich ein Leben Diogenes’ in englischer Sprache. Noch erschienen in London 1702, in Oktav, Leben der alten Philosophen von den besten Verfassern, meistens von Diogenes Laertius, nebst einigen neueren von Eunapius und den Leben der Philosophinnen von Ägid. Menage. Nach Longolius ist auch eine holländische Übersetzung und eine deutsche, zu Augsburg 1490 gedruckt, vorhanden. Degen führt außer dem Leben Xenophons vom älteren Goldhagen nur dessen griechische Geschichte Xenophons, keine neue deutsche Übersetzung Diogenes’ an.

Diogenes Laertius,

Vorrede des Diogenes Laertius

1. (1)1 Nach der Meinung einiger hat der Vortrag der Philosophie bei den Ungriechen seinen Ursprung genommen, denn die Perser hatten ihre Magier, die Babylonier und Assyrier ihre Chaldäer, und die Indier ihre Gymnosophisten. Bei den Kelten und Galliern waren die sogenannten Druiden und Semnotheen, wie Aristoteles in seinem Magischen Buche, und Sition im 23. der Folgen sagt. Darüber hinaus wird noch der Phöniker Ochus, der Thraker Zamolxis, und der Lybier Atlas genannt. Die Ägypter nennen Hephästus, einen Sohn des Nils, als den Schöpfer der Philosophie, deren Lehrer ihre Priester und Propheten sind.

2. (2) Von diesem bis auf Alexander den Makedonier sollen 48 863 Jahre verflossen sein, in welchen sich 373 Sonnen- und 823 Mondfinsternisse ereignet hätten. Von den Magiern, an deren Spitze der Perser Zoroaster steht, schreibt der Platoniker Hermodor in seinem Buche von den Wissenschaften, sind bis auf Trojas Zerstörung 5 000 Jahre verflossen, der Lydier Xanthus aber zählt von Zoroaster bis auf den Zug des Xerxes 600 Jahre, und sagt, dass auf ihn der Reihe nach mehrere Magier gefolgt sind, nämlich Ostanes, Astrapsych, Gobrias und Pazatas, bis auf Persiens Überwältigung durch Alexander.

3. (3) Ihnen sind aber die gerechten Ansprüche der Griechen unbekannt, bei welchen nicht allein die Philosophie, sondern auch die Menschheit selbst ihren Anfang genommen hat, welches sie den Ungriechen beilegen. Denn bei den Athenern war ja Musäus, und bei den Thebanern Linus, von welchen der erste ein Sohn Eumolps gewesen, und zuerst die Theogonie und die Sphäre besungen, und behauptet hat, dass alles aus einem entstehe, und auch darin wieder aufgelöst werde. Er sei zu Phaleri gestorben, und sein Grabmahl habe diese elegische Inschrift bekommen:

Hier deckt Phaleris Erde den Eumolpeden Musäus.

Seinen erstarrten Leib birgt dieses heilige Grab.

Von dieses Musäus’ Vater sind auch die Eumolpiden zu Athen benannt. (4) Linus aber soll ein Sohn des Hermes und der Muse Urania gewesen sein, und über die Kosmogonie, den Lauf der Sonne und des Mondes, und die Erzeugung der Tiere und Pflanzen geschrieben haben. Er beginnt seine Gedichte mit diesen Worten:

Eine Zeit, die alles erzeugte zusammen, die war einst.

Und daher nahm Anaxagoras seine Behauptung, dass alle Dinge zugleich entstanden, und durch den hinzugekommenen Verstand durchgängig geordnet worden. Linus aber soll in Euböa, getroffen von einem Pfeil Apolls, gestorben sein, und diese Inschrift bekommen haben:

Hier empfing die Erde den toten Linus aus Theben.

Schönbekränzt war er, der Urania Sohn.

So hat also die Philosophie ihren Ursprung bei den Griechen gehabt, und der Name Philosophie zeigt auch schon, dass sie nicht ungriechischen Ursprungs ist.

4. (5) Diejenigen, welche den Ungriechen die Erfindung der Philosophie beilegen, führen den Thraker Orpheus an und sagen, dieser sei ein Philosoph, und zwar ein uralter gewesen. Ich weiß aber nicht, ob einer, der solche Dinge, wie er von den Göttern vorträgt, ein Philosoph genannt werden könne; ja wie ich den nennen soll, der ohne Scheu den Göttern alle menschlichen Leidenschaften beilegt, sowohl die schändlichen Dinge, die einige Menschen im Geheimen begehen, als die, welche öffentlich zur Sprache kommen. Man hat die Sage von ihm, dass er durch Weiber umgebracht worden, aber eine zu Dios in Makedonien befindliche Inschrift sagt in folgenden Worten, dass er vom Blitz erschlagen worden ist.

Hier begruben die Musen den Thraker mit goldener Leier,

Orpheus, ihn erschlug der donnernde Zeus.

5. (6) Diejenigen, welche der Philosophie einen ungriechischen Ursprung geben, setzen auch die Art zu philosophieren, wie sie bei diesen Völkern war, auseinander. Sie sagen, die Gymnosophisten und Druiden hätten in rätselhaften Sprüchen philosophiert: man müsse vor den Göttern Ehrfurcht haben, nichts Böses tun, sich in der Mannhaftigkeit üben. Klitarch schreibt auch im zwölften Buche, dass die Gymnosophisten den Tod verachten.

6. Dass aber die Chaldäer sich mit Astronomie und Wahrsagen beschäftigen, dass die Magier sich dem Gottesdienst widmen, und Opfer und Gebete verrichten, als ob sie allein gehört würden. Sie halten Vorträge über das Wesen und die Erzeugung der Götter, die, ihrer Behauptung nach, Feuer, Erde und Wasser sind. Sie verwerfen die Götterbilder, und missbilligen besonders die Sagen von männlichen und weiblichen Gottheiten. (7) Sie halten Vorträge über die Gerechtigkeit, und erklären die Verbrennung der Leichen für etwas Verruchtes, aber die fleischliche Vermischung mit Müttern und Töchtern halten sie für unsträflich, wie Sotion im 23. Buche schreibt. Sie geben sich auch mit Weissagen und Vorbedeuten ab, und behaupten, dass ihnen die Götter erscheinen. Sie lehren, die Luft sei mit geistigen Wesen angefüllt, die auf eine sehr feine, und den Ausdünstungen gleiche Art einen Einfluss auf die Augen der Scharfsehenden haben; sie untersagen äußeren Schmuck und das Goldtragen. Ihre Kleidung ist weiß, ihr Lager die Erde; ihre Speise Gemüse, Käse und Brot; ihr Stab ein Rohr, auf dessen Spitze sie, wie man sagt, Käse stecken, ihn emporheben, und essen. (8) Magische Weissagungen kennen sie nicht, wie Aristoteles in seinem Magischen Buche und Dinon im 5. Buche seiner Geschichten schreiben, welch letzterer auch sagt, dass der Name Zoroaster einen Verehrer der Gestirne bedeute. Eben das schreibt auch Hermodor. Aristoteles aber im 1. Buche von der Philosophie schreibt, dass die Magier älter sind als die Ägypter, und dass sie zwei Urwesen, einen guten und einen bösen Dämon, annehmen, welchen ersten sie Zeus und Oromasdes, und den letztern Hades und Arimanius nennen. Eben das sagen auch Hermipp im 1. Buche von den Magiern, Eudox im Periodus, und Theopomp im 8. Buche der Philippika, (9) welcher auch noch schreibt, dass die Menschen nach der Lehre der Magier wieder lebendig werden, und zur Unsterblichkeit gelangen, und dass alle Dinge ihre Benennungen behalten werden. Eben das schreibt auch der Rhodier Eudem. Hekätus aber schreibt, dass ihrer Meinung nach auch die Götter erzeugt worden. Klearch von Soli, in seinem Buche von der Unterweisung, sagt, dass die Gymnosophisten von den Magiern herstammen, und einige wollen auch die Juden von diesen ableiten. Überdies tadeln auch die Schriftsteller von den Magiern den Herodot; denn Xerxes habe weder Pfeile gegen die Sonne abgeschossen, noch Fesseln ins Meer geworfen, weil die Magier diese für Götter hielten; die Götterbilder aber habe er allerdings mit Recht zerstört.

7. (10) Die Ägypter philosophieren so über die Götter und über die Gerechtigkeit. Sie nehmen eine erste Materie an, wovon die vier Elemente abgesondert und einige lebendige Wesen gebildet werden. Sonne und Mond halten sie für Götter und nennen die erstere Osiris, den letzteren Isis und deuten sie durch einen Käfer, Drachen, Habicht und andere Tiere an, wie Manethon in seinem kurzen Begriff der Naturlehre und Hekätus im 1. Buche von der ägyptischen Philosophie schreiben. Sie stellen Bilder auf und legen Heiligtümer an, weil sie die Gestalt der Gottheit nicht wissen. (11) Die Welt halten sie für erzeugt, für zerstörbar und für kugelförmig. Die Sterne halten sie für Feuer, durch deren Einfluss alles auf der Erde hervorgebracht werde. Der Mond werde verfinstert, wenn er in den Schatten der Erde komme. Die Seele sei unsterblich, und wandere aus einem Körper in den anderen. Die Regen entstünden durch Umwandlung der Luft. Diese und andere Dinge lehren sie über die Natur, wie Hekätus und Aristagoras schreiben. Sie haben auch Gerechtigkeitsgesetze gemacht, die sie dem Hermes zuschreiben. Sie verehren auch die nützlichen Tiere als göttlich. Ferner behaupten sie, die Sterndeuterei, die Rechnungskunde und die Erdmesskunst erfunden zu haben. – So weit von der Erfindung.

8. (12) Den Namen Philosophie hat Pythagoras zuerst gebraucht und sich einen Philosophen genannt, da er sich mit Leon, dem Beherrscher der Sikyonier oder Philiaster unterhielt, wie der pontische Heraklides in seinem Buch von der Entseelten schreibt, denn kein Mensch sei weise, sagte er, sondern nur allein Gott. Vorher wurde nämlich das, was jetzt Philosophie heißt, Sophia oder Weisheit genannt, und die Männer, welche diese lehrten, hießen Sophen, oder Weise, als solche, die in die Tiefen der Seele ganz eingedrungen wären: Philosophen aber, oder Liebhaber der Weisheit, hießen die Schüler derselben.

9. Nicht aber Sophen allein, sondern auch Sophisten wurden die Weisen genannt, welchen letztern Namen man auch den Dichtern beilegte; denn Kratin nennt im Archiloch, wo er Homer und Hesiod rühmt, diese beiden Sophisten. (13) Den Namen Weise führten folgende: Thales, Solon, Periander, Kleobul, Chilon, Bias, Pittakus; zu welchen man noch den Skythen Anacharsis, den Cheneer Myson, den Syrer Pherekydes, und den Kreter Epimenides hinzusezt. Einige zählen auch noch den Athener Fürsten Pisistrat darunter. Diese heißen Weise.

10. Es gab aber eine zweifache Folge der Philosophen; eine von Anaximander und die andere von Pythagoras, wovon jeder den Thales gehört hat, Pythagoras aber war ein Zuhörer des Pherekydes. Die Philosophie der ersteren bekam den Namen der Ionischen, weil Thales ein Ionier aus Milet war, und Anaximander unterrichtete: die zweite ward von Pythagoras die italische genannt, weil dieser meistens in Italien lebte. (14) Jene, die ionische, hörte mit Klitomach, Chrysipp und Theophrast auf, die italische aber mit Epikur. Denn auf Thales folgte Anaximander, auf diesen Anaximenes, auf diesen Anaxagoras, auf diesen Archelaus, und auf diesen Sokrates, der Erfinder der Moralphilosophie. Auf ihn folgten mehrere Sokratiker, unter welchen Platon die alte Akademie stiftete, auf welchen Speusipp, Xenokrat, Polemon, Krantor und Krates folgten. Arkesilaus, der Nachfolger des letzteren, stiftete die mittlere Akademie, und auf ihn folgte Lakydes, ein Philosoph der mittleren Akademie, auf diesen Karneades und auf diesen Klitomach, bis auf welchen sie sich auf diese Art fortpflanzte. (15) Die Folge der Philosophen bis auf Chrysipp war diese: Sokrates’ Nachfolger war Antisthenes, auf diesen folgte Diogenes der Hund [= Kyniker], auf diesen Krates der Thebaner, auf diesen Zenon der Kittier, auf diesen Kleanth, auf diesen Chrysipp. Die Folge bis auf Theophrast war diese: Platons Zuhörer war Aristoteles, und dessen Zuhörer Theophrast. So pflanzte sich die ionische Philosophie fort. Die italische Philosophie nahm folgenden Gang: Pherekydes lehrte den Pythagoras, dem sein Sohn Telauges folgte, und diesen folgten Xenophanes, Parmenides, Zenon von Elea, Leukipp, Demokrit, auf welchen mehrere, und namentlich Nausphanes und Naukydes, folgten, deren Nachfolger Epikur war.

11. (16) Von den Philosophen sind einige Dogmatiker, andere Ephektiker gewesen. Dogmatiker sind diejenigen, welche über die Dinge so, als wenn sie begriffen werden könnten, entscheiden. Ephektiker aber, die nichts bestimmen und so sprechen, als wenn nichts mit Gewissheit begriffen werden könne. Einige von ihnen haben Schriften hinterlassen, andere haben gar nichts geschrieben, zu welchen letzteren nach einigen Sokrates, Stipo, Philipp, Menedem, Pyrrhon, Theodor, Karneades und Bryson, nach andern auch noch Pythagoras und bis auf einige Briefe auch der Chier Ariston gehören. Einige haben nur ein Buch geschrieben, als Meliß, Parmenides, Anaxagoras; Zenon schrieb viele Bücher, noch mehr Xenophanes, noch mehr Demokrit, noch mehr Aristoteles, noch mehr Epikur, und noch mehr Chrysipp.

12. (17) Einige Philosophen wurden nach den Städten benannt, wie die Elischen, Megarischen, Eretrischen, und Kyrenäischen; andere von den Lehrplätzen, wie die Akademischen und Stoischen; noch andere von zufälligen Dingen, wie die Peripatetiker: wieder andere hatten einen Spottnamen, wie die Kyniker; noch andere waren von ihren Gegenständen benannt, wie die Eudämoniker; einige benannte man von ihren Einbildungen, wie die Philalethen, die Elenchtiker, die Analogiker. Einige wurden nach ihren Lehrern benannt, wie die Sokratiker, die Epikureer, und mehrere. Einige heißen wegen ihrer Naturforschungen Physiker; andere von ihren Beschäftigungen mit der Moral Ethiker. Von der Art ihres Vortrags hießen einige auch Dialektiker, weil sie nach einer besonderen Schärfe und Genauigkeit des Ausdrucks strebten.

13. (18) Es hat aber die Philosophie drei Teile, die Physik, Ethik und Dialektik. Die Physik beschäftigt sich mit der ganzen Welt und was in derselben befindlich ist; die Ethik mit dem menschlichen Leben und den Dingen, die sich auf uns beziehen; die Dialektik sucht für beide Seiten einer Sache Gründe auf. Bis auf Archelaus war nur die Physik üblich; seit Sokrates aber, wie schon vorher gesagt worden, die Ethik, und Zenon von Elea brachte die Dialektik empor. In der Ethischen Philosophie gab es 10 Sekten: die Akademische, Kyrenäische, Eleische, Megarische, Kynische, Eretrische, Dialektische, Peripatetische, Stoische und Epikurische. (19) Das Haupt der älteren Akademie war Platon, der mittlern Arkesilaus und der neueren Lakydes. Das Haupt der Kyrenäischen Sekte war Aristipp, der Eleischen Phädon der Eleer; der Megarischen Euklides der Megareer, der Kynischen Antisthenes der Athener; der Eretischen Menedem der Eretrier, der Dialektischen Klitomach der Karthager, der Peripatetischen, Aristoteles der Stagirit; der Stoischen Zenon der Kittier; der Epikureische wird von Epikur selbst benannt. Hippobot in seiner Schrift über die Philosophensekten sagt, dass deren neun und neun Schulen gewesen: die Megarische, Eretrische, Kyrenäische, Epikureische, Annikerische, Tyeodorische, Zenonische oder Stoische, die ältere Akademische, die Peripatetische: (20) der Kynischen, Eleischen, und Dialektischen erwähnt er nicht. Die Pyrrhonische Sekte rechnen die meisten nicht mit, wegen ihrer geringen Bekanntheit. Andere sagen, man könne sie in gewissen Stücken zwar eine Sekte nennen, in gewissen Stücken aber auch nicht; sie scheint aber eine Sekte zu sein. Eine Sekte ist nämlich diejenige, die in Ansehung dessen, was scheint, gewisse Gründe befolgt, oder zu befolgen scheint, und so könnte man mit Grund auch die Skeptische eine Sekte nennen: nennen wir aber eine Sekte diejenige, die mit einander übereinstimmende Lehrsätze behauptet, so möchte ihr der Namen einer Sekte nicht zukommen, denn sie hat keine Lehrsätze. Dies vom Entstehen der Philosophie, von den aufeinander folgenden Philosophen, von ihren Abteilungen und den verschiedenen Sekten in derselben.

14. (21) Seit kurzem ist aber auch noch eine eklektische Sekte durch den Alexandriner Potamon eingeführt worden, der diejenigen Lehrsätze der verschiedenen Sekten auswählte, die ihm gefielen. Er hielt aber dafür, wie er in seinem Handbuche sagt, dass es Kennzeichen der Wahrheit gebe; eines, von welchem das Urteil ausgeht, oder das anführende und eines, durch welches geurteilt wird, oder die allergenaueste Vorstellung. Der Anfang aller Dinge sei die Materie, deren Beschaffenheit, Wirkung und Ort, woraus und von wem, wo und worin. Das Ziel, wohin alles strebe, sei ein in allen Tugenden vollkommenes Leben und ohne die körperlichen, natürlichen und äußeren Güter. Ich will aber nun von den Männern selbst reden, und zwar zuerst von Thales.

Erstes Buch
Erstes Kapitel
Thales

1. (22) Thales war, wie Herodot, Duris und Demokrit sagen, ein Sohn des Hexamius und der Kleobuline, aus dem Hause der Theliden, die zu den edelsten Phönikern gehörten und von Kadmus und Agenor abstammen, wie auch Platon bezeugt. Er bekam den Namen eines Weisen zuerst, als Damasius Archon zu Athen war, zu welcher Zeit auch die Sieben den Namen der Weisen bekommen haben, wie der Phalerier Demetrius in seiner Schrift von den Archonten erzählt. Er erhielt das Bürgerrecht zu Milet, wie er mit Nileus dahin kam, der Phönike hatte verlassen müssen, oder nach dem Bericht der meisten war er ein geborener Milesier, und zwar aus einem glänzenden Hause.

2. (23) Außer den Staatsgeschäften widmete er sich auch der Beobachtung der Natur, hinterließ aber, wie einige sagen, keine Schriften, denn die ihm beigelegte nautische Astrologie soll von dem Samier Phokas sein. Kallimach aber nennt ihn als den Erfinder des kleinen Bären, und singt von ihm in seinen Jamben:

Des Wagens Sternchen hat er auch bestimmt,

Wonach der Phöniker den Nachen steuert.

Nach einigen hat er nur zwei Abhandlungen geschrieben, von den Sonnenwenden und von der Nachtgleiche, weil er das übrige für leicht zu begreifen hielt. Nach einigen soll er zuerst die Sterne gedeutet und die Sonnenfinsternisse und Wenden vorausgesagt haben, wie Eudem in seiner Geschichte der Astrologie schreibt, weswegen ihn auch Xenophanes und Herodot bewundern. Eben das bezeugen aber auch Demokrit und Heraklit.

3. (24) Nach einigen hat er auch zuerst behauptet, dass die Seelen unsterblich seien, unter andern sagt dies der Dichter Choirilus. Er erfand auch zuerst den Sonnenlauf von einer Wende zur anderen und zeigte zuerst, dass die Größe der Sonne den Mond 720 mal übertreffe, wie einige sagen. Er war auch der erste, der den letzten Monatstag den dreißigsten nannte, auch hat er, nach einigen, zuerst über die Natur philosophiert. Aristoteles aber und Hippias schreiben, dass er auch leblosen Dingen Seelen beigelegt und den Beweis aus dem Magnetstein und dem Bernstein hergenommen habe. Pamphilas sagt, dass er von den Ägyptern zuerst die Erdmesskunst erlernt und, nachdem er den rechtwinkligen Triangel eines Zirkels beschrieben, einen Stier geopfert habe. (25) Andere, unter welchen sich der Rechenmeister Apollodor befindet, sagen dies von Pythagoras. Er erweiterte auch die von Kallimach in seinen Jamben dem Phrygier Eusorbus beigelegte Erfindung, nämlich das ungleichseitige Dreieck und die Theorie der Linien. Auch in Staatsangelegenheiten soll er am besten geraten haben, denn da Krösus wegen eines Kriegsbündnisses an die Milesier schickte, hinderte er solches, wodurch er, da Kyrus die Oberhand erhielt, die Stadt rettete. Heraklides sagt von ihm, dass er für sich allein und als Privatmann gelebt habe.

4. (26) Einige aber schreiben, er sei verheiratet gewesen, und habe einen Sohn, Kibissus gehabt; noch andere wollen, dass er unverheiratet geblieben, aber seiner Schwester Sohn zu dem seinigen angenommen habe. Als man ihn fragte, warum er sich nicht verheirate, soll er geantwortet haben, weil er kein Kinderfreund sei; auch soll er seiner Mutter, wie sie in ihn drang, dass er heiraten solle, die Antwort gegeben haben: Noch ist es, bei Zeus! die Zeit nicht. Und als er schon über die blühenden Jahre hinaus war, und sie noch in ihn drang, soll er gesagt haben: Die Zeit ist vorüber.

5. Es schreibt auch der Rhodier Hieronymus im zweiten Buche seiner zerstreuten Bemerkungen, dass er habe zeigen wollen, wie leicht es sei, reich zu werden und bei einer bevorstehenden Olivenernte die Vorsicht gebraucht habe, Ölpressen zu mieten, wodurch er viel Geld zusammengebracht hätte.

6. (27) Zum Urstoff von allem nahm er das Wasser an und lehrte, die Welt sei beseelt und voller Dämonen. Er soll zuerst die Jahreszeiten ausfindig gemacht und das Jahr in 365 Tage eingeteilt haben. Er hat keinen zum Lehrer gehabt, nur allein bei seiner Anwesenheit in Ägypten hatte er Umgang mit den Priestern. Hieronymus sagt auch, dass er die Pyramiden aus dem Schatten ausgemessen, indem er ihren Schatten zu der Zeit beobachtet, da derselbe mit dem Körper eine Größe hat. Er lebte auch, wie Minyas sagt, in Gesellschaft des milesischen Fürsten Thrasybul.

7. Auch das ist klar, was von dem Dreifuß erzählt wird, der von Fischern aufgefischt und von der milesischen Volksgemeine an die Weisesten herumgeschickt worden. (28) Denn man erzählt, dass einige junge Milesier den Fischern ihren Fang abgekauft hätten und da der Dreifuß heraufgezogen worden, sei es zum Streit gekommen, weshalb die Milesier nach Delphi geschickt und vom Gott den Spruch erhalten hätten:

Kinder Milets, ihr fraget den Gott des Dreifußes halber?

Phöbus spricht: dem Weisesten aller bestimm’ ich den Dreifuß.

Sie geben ihn also dem Thales, der gibt ihn einem anderen und der wieder einem andern, bis er an Solon kommt. Dieser sagte, der Weisen allererster sei der Gott und sandte ihn nach Delphi. Kallimach redet anders davon in seinen Jamben, so wie er es vom Milesier Leandrius gehört hat. Es habe nämlich der Arkadier Bathykles eine Schale zurückgelassen und verordnet, man solle sie dem ersten aller Weisen geben. Sie sei Thales gegeben worden, der sie weiter geschickt, bis sie zuletzt abermals an ihn zurückgekommen: (29) worauf er sie dem Didymäischen Apollo zurückgeschickt hätte, indem er sich nach Kallimach des Ausdrucks bedient habe:

Thales gibt mich Nileus, dem Fürsten des Volks,

Da er zuvor zweimal empfing dies Hochgeschenk.

Das Prosaische lautet so: Thales, Examius Sohn, von Milet, weiht dem delphischen Apollo den Vorzugspreis, den er zweimal empfangen hat. Der Sohn des Bathykles aber, der die Schale herumgetragen, hieß Thyrion, wie Eleusis im Buche von Achill, und der Myndier Alexon im 9. Buche seiner Mythen schreibt. Der Knidier Eudox aber und der Milesier Euanth erzählen, einer von Krösus’ Freunden habe von dem König einen goldenen Trinkbecher bekommen, um ihn dem Weisesten der Griechen zu geben: (30) Er habe ihn zu Thales gebracht und sei so damit herumgegangen, bis zum Chilon; dieser habe den pythischen Gott gefragt, wer weiser sei als er und zur Antwort erhalten, Myson, von welchem wir noch reden werden. Diesen setzt Eudox an die Stelle Kleobuls, Platon aber nennt ihn statt Perianders. Von ihm hat der Pythische Gott folgendes gesprochen:

Myson den Ätäer ernenn’ ich, den Chenes erzeugt,

In erhabener Dinge Verstand erreichst du ihn nimmer.

Der Frager war Anacharsis. Der Platoniker Daidach hingegen und Klearch erzählen, diese Schale sei von Krösus an Pittakus geschickt worden und sei von dem weiter herumgegangen. Andron sagt in seinem Dreifuß, die Argeer hätten dem Weisesten der Griechen einen Dreifuß zum Ehrengeschenk bestimmt gehabt, der Preis sei dem Spartaner Aristodem zuerkannt worden, der ihn Chilon abgetreten habe. (31) Dieses Aristodems gedenkt auch Alkäus mit den Worten:

Denn, Aristodemus, sagen sie,

Sprach in Sparta einst die Worte,

Die nicht unberühmt geblieben:

Nimmer findet ihr brav

Einen Mann, erdrückt durch Armut.

Einige erzählen auch, dass Periander dem milesischen Fürsten Thrasybul ein Frachtschiff zugeschickt habe, welches an der Stelle des Koischen Meeres Schiffbruch erlitten, wo nachher einige Fischer den Dreifuß herausgezogen hätten. Phanodik sagt aber, er sei im athenischen Meere gefunden, nach der Hauptstadt gebracht und durch die Volksgemeinde beschlossen worden, ihn dem Bias zu schicken. Die Ursache werden wir in Bias Leben anführen (32). Andere sagen, der Dreifuß sei eine Arbeit Hephästs gewesen und der Gott habe ihn dem Pelops bei seiner Hochzeit geschenkt; so sei er auf Menelaus gekommen; und da ihn Alexander bei Helenes Entführung geraubt, so habe ihn die Lakonerin mit den Worten ins Koische Meer geworfen: Der wird Veranlassung zum Streit geben. Nach einiger Zeit hätten die Lebedier auf dieser Stelle einen Fischzug gekauft und den Dreifuß mit aufgefischt. Sie hätten mit den Fischern darüber gezankt, bis sie nach Kos gekommen und wie sie hier nichts ausgerichtet, hätten sie die Sache nach Milet, der Mutterstadt, gebracht. Da nun die milesischen Abgeordneten von den Koern verachtet wurden, so kam es zwischen ihnen und den Koern zum Krieg. Als auf beiden Seiten viele gefallen waren, erfolgte der Götterspruch, man solle ihn dem Weisesten geben. Beide Parteien bestimmten ihn nun dem Thales, der ihn, nachdem er rundum gegangen und wieder an ihn zurückgekommen war, dem didymischen Apollo weihte. (33) Das den Koern gegebene Orakel war folgendes:

Eher nicht leget der Kampf der Meropen sich mit den Ionen,

Bis den goldenen Dreifuß, den die Fluten Hephäst gaben,

Aus der Stadt ihr gesendet ins Haus des Mannes, der alles

Hat ergründet, was ist, und war, und künftig noch sein wird.

Die Milesier erhielten, wie schon gesagt, den Spruch:

Kinder Milets, ihr fraget den Gott, des Dreifußes halber.

So weit hiervon. Hermipp zieht in seinen Lebensbeschreibungen das, was einige von Sokrates sagen, auf Thales, er sagte nämlich: er sei dem Schicksal vorzüglich dreier Stücke wegen Dank schuldig, erstlich, dass er als Mensch und nicht als Tier geboren worden: zweitens, dass er ein Mann und kein Weib sei; drittens, dass er ein Grieche und kein Ungrieche sei.

8. (34) Man erzählt auch, er sei mit einem alten Weibe aus dem Hause gegangen, um die Gestirne zu betrachten, und in einen Graben gefallen. Wie er nun laut gerufen, so habe das Weib gesagt: Du kannst nicht sehen, was vor deinen Füßen ist, Thales und willst erkennen, was sich am Himmel befindet? Auch Timon, der ihn als Himmelsbeobachter gekannt hat, lobt ihn in den Sillen, wo er sagt:

So war Thales, einer der Sieben, ein Himmelserforscher. Was über Astronomie von ihm geschrieben ist, macht, wie der Argeer Lobon schreibt, an die 200 Verse aus. Auf sein Bildnis hatte man folgende Inschrift gesetzt:

Diesen Thales gab Ioniens Insel Miletus,

Seine Weisheit hob zum ersten aller Erkunder

der Gesetze ihn, wonach die Sterne den Himmel durchwandeln.

9. (35) Folgende Sprüche werden noch von ihm gerühmt:

Viele Worte sind kein Beweis von vielem Verstande.

Nur ein Weises erforsch’, ein Fürtreffliches wähl’,

Viel geschwätzigen Zungen wirst du dann Fesseln anlegen.

Es gehen auch noch folgende Sprüche von ihm herum:

Gott ist unter allen Wesen das älteste, denn er ist ungezeugt. Die Welt ist das schönste, denn sie ist ein Werk Gottes. Der Raum ist das größte, denn er begreift alles in sich. Der Geist ist das schnellste, denn er durchläuft das All. Die Notwendigkeit ist das stärkste, denn sie überwältigt alles. Die Zeit ist das weiseste, denn sie erfindet alles. Tod und Leben sind nicht verschieden, sagte er. Nun warum stirbst du denn nicht? fragte ihn jemand. Weil es nicht verschieden ist, erwiderte er. (36) Als ihn einer fragte, was zuerst gewesen sei, Nacht oder Tag? sagte er: Eine Nacht war eher, als der Tag. Es fragte ihn jemand; ob er ohne Wissen der Götter wohl Böses tun könne? Nicht einmal denken kannst du’s, gab er zur Antwort. Als ihn ein Ehebrecher fragte, ob er einen Ehebruch wohl abschwören könne, sagte er: ein Ehebruch ist nicht schlimmer, als ein falscher Eid. Man fragte ihn: was sehr schwer sei? Sich selbst kennen, erwiderte er. Was leicht sei? Andere warnen. Was am süßesten sei? Die Erlangung des Wunsches. Was die Gottheit sei? Das Wesen ohne Anfang und ohne Ende. Was der widrigste Anblick sei? Ein alter Tyrann. Wie man Unglück am leichtesten tragen könne? Wenn man sieht, dass es seinen Feinden noch schlimmer geht. Wie man aufs beste und gerechteste leben könne? Wenn man das nicht selbst tut, was man am anderen tadelt. (37) Wer glücklich sei? Der gesund am Leibe, dabei wohlhabend und von gut ausgebildeter Seele ist. Man muss sich der gegenwärtigen und auch der abwesenden Freunde erinnern, sagte er. Nicht, sein Gesicht verschönern, sondern sich durch Kenntnisse auszeichnen, sei trefflich. Bereichere dich nicht auf schlechte Art, sagte er, und keine Reden gegen diejenigen, die dir auf Treu und Glauben ergeben sind, müssen dich wankend machen. Die Liebesdienste, die du deinen Eltern erwiesen hast, sagte er, die erwarte auch du wieder von deinen Kindern. Der Nil schwillt an, sagte er, wenn die Gewässer desselben durch die entgegenwehenden ästhetischen Winde zurückgetrieben werden.

10. Apollodor schreibt in seiner Chronik, Thales sei im ersten Jahr der 35. Olympiade geboren. (38) Er starb in einem Alter von 78 Jahren, oder wie Sosikrat sagt, 90 Jahre alt, denn sein Tod fiel in die 58. Olympiade. Er lebte zu Krösus Zeiten, dem er versprach, ohne eine Brücke auf die andere Seite des Halys zu kommen und den Fluss ableitete.

11. Es sind noch 5 andere Thales gewesen, wie der Magnesier Demetrius in seinem Buch von den Gleichnamigen sagt: nämlich der kalantianische, schlechte, nacheifernde Redekünstler, der geistreiche sikyonische Maler war der zweite, der dritte war ein sehr alter, zur Zeit Homers, Hesiods und Lykurgs. Des vierten erwähnt Duris in seiner Schrift von der Naturmalerei. Der fünfte ist ein unberühmter jüngerer, dessen Dionys in den Kretischen Büchern erwähnt.

12. (39) Thales der Weise starb, wie er im hohen Alter gymnischen Wettkämpfen zusah, von Hitze, Durst und Schwachheit entkräftet, und auf seinem Grabmal steht diese Inschrift:

Klein ist dieses Grab des himmelanreichenden Thales,

Dessen Weisheit der Ruhm allen Landen erzählt.

Wir haben auch in unserem 1. Buche der Inschriften, oder im Pammetron, folgende Inschrift auf ihn:

Aus der Bahn entriss den Weisen der große Kronide,

Da er den gymnischen Kampf der Hellenen ansah,

Ihn den Sternen zu nähern, die sein hochstrebendes Auge

Von der Erde nicht mehr sah am hohen Olymp.

13. (40) Sein ist auch der Spruch: Kenne dich selbst! von welchem Antisthenes in den Folgen sagte, er sei von Phemonoe, und dass ihn auch Chilon sich zu eigen gemacht habe.

14. Von den sieben Weisen (denn sie verdienen hier einmal im Ganzen erwähnt zu werden) hat man auch noch folgende Sagen: Der Kyrenäer Damon, der über die Philosophen geschrieben hat, zählt alle auf und vorzüglich die Sieben. Anaximenes sagt, dass sich alle auf die Dichtkunst gelegt haben. Dikäarch sagt, sie wären weder Sophen noch Philosophen gewesen, sondern verständige Männer und Gesetzgeber. Der Syrakuser Archetim hat von ihrer Zusammenkunft bei Kypselus geschrieben, wobei er selbst mit zugegen gewesen. Eusor sagt, dass sie alle, außer dem Thales, bei Krösus gewesen sind. Einige sagen auch, dass sie im Panionium zu Korinth, und zu Delphi zusammengekommen. (41) Es werden auch ihre Sprüche verschiedentlich gerühmt, und jedem ein anderer beigelegt, wie zum Beispiel dieser:

Chilon, der Lakonische Weise hat dieses gelehrt:

Nie zu viel; die Zeit gibt nur jeglichem Wert!

Man ist auch uneinig über ihre Zahl, denn Leandrius nennt statt Kleobuls und Mysons, den Leophant Grosias Sohn, einen Lebedier oder Ephesier und den Kreter Epimenides. Platon nennt im Protagoras statt Perianders den Myson. Euphor nennt statt Mysons den Anacharsis, und einige rechnen auch den Pythagoras zu denselben. Diekäarch gibt uns vier einstimmig anerkannte an, den Thales, Bias, Pittakus und Solon, und außer diesen nennt er noch sechs andere, wovon er drei auswählt, den Aristodem Pamfil, Chilon und den Lakedämonier Kleobul, Anacharsis und Periander. Einige setzen noch den Akusilaus, den Argeer Kabras oder Skaloas hinzu. (42) Hermipp in seinem Buche von den Weisen nennt 17, unter welchen die Sieben auf verschiedene Art gezählt werden, und diese sind: Solon, Thales, Pittakus, Bias, Chilon, Kleobul, Periander, Anacharsis, Akusilaus, Epimenides, Leophant, Pherekydes, Aristodem, Pythagoras, Lasus, ein Sohn des Charmantides, oder Sisymbrius, oder Chabrius, nach Aristoxen, Hermioneus und Anaxagoras. Hippobot im Philosophenverzeichnis nennt Orpheus, Linus, Solon, Periander, Anacharsis, Kleobul, Myson, Thales, Bias, Pittakus, Epicharm, Pythagoras.

15. Von Thales gehen folgende Briefe herum:

Thales an Pherekydes.

(43) Ich erfahre, dass du zuerst unter den Ioniern vorhast, öffentliche Vorträge über göttliche Dinge in Griechenland zu halten; aber du würdest vielleicht richtiger denken, wenn du deinen Aufsatz nur unter Freunden niederlegtest, als wenn du ihn jedermann ohne Unterschied hingibst, welche Sache von keinem Nutzen ist. Ist es dir angenehm, so möchte ich wohl eine Kenntnis davon haben, was du schreibst, und ich bin bereit, zu gelegener Zeit auf dein Verlangen zu dir zu kommen. Denn wir sind nicht so unsinnige Toren, ich und der Athener Solon, dass wir keine Seereise zu dir machen sollten, da wir, um Forschungen anzustellen, nach Kreta gefahren und auch nach Ägypten gesegelt sind, um mit den dortigen Priestern und Astronomen Umgang zu pflegen. Auch Solon wird kommen, wenn du es erlaubst. (44) Denn du hängst zu sehr an deinem Land, und kommst wenig nach Ionien, du hast auch kein Verlangen nach Fremden, sondern beschäftigst dich, wie ich hoffe, bloß allein mit Schreiben. Wir hingegen schreiben nichts, sondern durchreisen Griechenland und Asien.

16. Thales an Solon.

Wenn du dich von Athen wegbegibst, so glaube ich, dass du am gemächlichsten in Milet deinen Aufenthalt nehmen könntest, das von euern Bürgern angebaut ist. Hier findest du gar nichts, das dich abschrecken kann, und wenn du die Fürstenherrschaft, unter der auch die Milesier stehen, verabscheust (denn alle Alleinherrscher sind dir unausstehlich), so wird es dir doch ein angenehmes Vergnügen sein, hier unter uns, deinen Freunden, zu leben. Bias hat dich auch schriftlich eingeladen, nach Priene zu kommen. Sollte es dir gefälliger sein, in der Stadt Priene zu wohnen, nun so wollen wir mit dir daselbst wohnen.

Zweites Kapitel
Solon

1. (45) Solon, Exekestides Sohn, ein Salaminier, hat zuerst in Athen die Seisachtheia eingeführt, welche in einer Lösung der Personen und Güter bestand. Denn man verpfändete auch seine Person, und aus Dürftigkeit dienten viele um Lohn. Da er nun vom Vater her eine Schuldforderung von sieben Talenten hatte, so erließ er zuerst dieselben, und forderte andere auf, seinem Beispiel zu folgen. Dieses Gesetz wurde Seisachtheia genannt. Es fällt in die Augen aus welcher Ursache. Nachher gab er auch die übrigen Gesetze, welche hier durchzugehen zu lang sein würde, und legte sie in hölzernen Rollen nieder.

2. (46) Seine größte Tat war diese, da wegen seines Vaterlandes Salamis zwischen den Athenern und Megareern ein heftiger Krieg entstanden war, und die Athener in den Gefechten öfters Verlust gehabt hatten, so machten sie den Volksbeschluss, wenn jemand nochmals in Vorschlag bringen würde, gegen Salamis Krieg zu führen, der sollte am Leben gestraft werden. Nun stellte Solon sich rasend, und so stürzte er sich bekränzt auf den Volksversammlungsplatz, lässt daselbst durch einen Ausrufer den Athenern eine starke Elegie wegen Salamis vorlesen und erregt ihren Aufstand. Sie griffen augenblicklich gegen die Megareer zu den Waffen und siegten nun durch Solon. (47) Was in der Elegie den meisten Eindruck auf die Athener machte, war dieses:

Wär’ ich ein Pholegandrier, oder ein Sikinite,

Und kein Athener, könnt’ ich tauschen mein Vaterland um!

Denn der Ruf verkündet den Menschen, die mich erblicken:

Seht den Attiker, der auch aus Salamis floh!

Ferner:

Eilet nach Salamis, um für die Insel tapfer zu kämpfen!

Bürger, die Schande wird uns durch Überwinden getilgt!

Er beredete auch die Athener, sich in Besitz der thrakischen Halbinsel zu setzen. (48) Damit es aber nicht den Schein habe, dass die Athener mehr durch Gewalt, als durch Recht den Besitz von Salamis sich erworben hätten, so grub er einige Gräber wieder auf, und zeigte die gegen Osten gerichteten Leichname, wie es bei den Athenern Sitte war, zu begraben, ja dass auch die Gräber selbst nach Osten hin lagen, und ihnen die Bezeichnungen der Volksstämme eingegraben waren, welches den Athenern eigen war. Einige sagen auch, dass er in das Homerische Schiffsverzeichnis nach dem Verse:

Aias führte daher aus Salamis zwölf der Schiffe,

den folgenden eingerückt habe:

Stellte sie dann auf, wo in Reihen der Athener

Schar sich geordnet.

3. Seit dieser Zeit hing ihm das Volk an, und wollte sich von ihm gerne beherrschen lassen. (49) Er wollte dies aber nicht, ja er hielt auch seinen Verwandten Pisistrat, da er seine Anstalten merkte, wie Sosistrat sagt, soviel an ihm war, zurück. Er kam nämlich mit Panzer und Schild in eine Volksversammlung und machte dem Volke die Nachstellungen Pisistrats bekannt; ja nicht das allein, er war auch zur tätlichen Hilfe bereit, indem er sagte: Bürger Athens! Ich bin teils einsichtsvoller, teils tapferer als einige von euch, einsichtsvoller als die bin ich, die Pisistrats Betrug nicht durchschauen; tapferer bin ich als die, die ihn zwar durchschauen, aber aus Furcht schweigen. Der Rat aber, der dem Pisistrat anhing, sagte, er sei unsinnig. Nun sagte er:

Meinen Unsinn enthüllt den Bürgern die eilende Zeit bald,

Stellt unter sie bald die Wahrheit schleierlos hin.

(50) Folgendes war seine Voraussagung der Herrschaftsanmaßung Pisistrats:

Schneegestöber und Hagel erfüllt die düsteren Wolken.

Rollenden Donner erzeugt der zackig flammende Blitz.

Große Männer wälzen die Staaten um, und nachlässigen Bürgern

Legen Tyrannen sehr leicht drückendes Sklavenjoch auf.

4. Da Pisistrat schon die Obergewalt hatte, unterwarf er sich noch nicht, sondern legte seine Waffen vor dem Heerführer-Palast mit den Worten nieder: Vaterland! Ich habe dir mit Worten und Taten zu helfen gesucht! und schiffte ab nach Ägypten und Zypern. Er kam auch zu Krösus, und als ihn dieser fragte; wen er für glückselig hielte; sagte er den Athener Tellus und Kleobis und Biton, nebst dem übrigen, was überall bekannt ist. (51) Einige erzählen auch noch, Krösus, im prächtigsten Schmuck auf dem königlichen Thron sitzend, habe ihn gefragt: ob er wohl etwas schöneres gesehen habe? Er habe geantwortet, Hähne, Fasanen, und Pfauen, denn diese hat die Natur selbst mit tausendfachen Schönheiten ausgeschmückt. Nach seiner Abreise von hier ging er nach Kilikien, wo er die von ihm benannte Stadt Soli erbaut hat. Hierin ließen sich einige Athener nieder, die mit der Zeit etwas Fremdes in ihre Aussprache aufnahmen, daher man von ihnen sagte, sie solokisierten. Diese bekamen den Namen Soleer, die in Kypern hingegen heißen Solier.

5. Als er hierauf erfuhr, dass Pisistrat noch immer in Athen herrsche, schrieb er folgendes den Athenern:

(52) Habt ihr Unglück erlitten durch eure Feigheit, Athener! Schuldigt euer Geschick Göttern nimmermehr an! Selbst habt ihr Tyrannen in euren Mauern erhoben Diese geben euch nun niedere Knechtschaft zum Lohn. Einer ist unter euch nur der Fuchsspuren Verfolger, Alle übrigen gehen sinnlos geblendet herum: Nur die Zunge seht ihr und Heuchelworte des Mannes, Keiner sieht die Tat, die ins Angesicht strahlt.

So schrieb er.

6. Pisistrat aber schrieb ihm folgendes, als er floh:

Pisistrat an Solon.

(53) Ich bin nicht der einzige in Griechenland, der sich der Herrschaft bemächtigt hat, und ich habe es auch nicht ohne Ansprüche darauf getan, da ich aus Kodrus Hause herstamme. Ich habe nur das wieder genommen, was die Athener dem Kodrus und seinem Geschlecht eidlich zugesichert, aber dennoch ihnen entzogen hatten. Übrigens sündige ich in keinem Stück gegen Götter und Menschen. Ich halte darauf, dass die Gesetze im athenischen Staat beobachtet werden müssen, die du gegeben hast, und die Staatsverfassung ist besser als in der Demokratie. Ich lasse niemand übermütig behandeln und habe als Oberherr weiter keinen Vorzug, als die Ehre und Würde, welches auch der Ehrenvorzug der Könige vor mir gewesen ist. Ein jeder Athener nimmt von seinem Acker den Zehnten, nicht für mich, sondern er verwendet ihn zu öffentlichen Opfern und andern gemeinnützigen Bestimmungen, oder auch zu Kriegsbedürfnissen, wenn diese erfordert werden. (54) Ich mache dir auch gar keine Vorwürfe, dass du meine Absichten entdeckt hast, denn du hast dies mehr aus Wohlwollen gegen den Staat, denn aus Feindschaft gegen mich getan und eben so auch aus Unbekanntschaft mit der Herrschaft, die ich stiften würde. Denn hättest du diese gekannt, so würdest du sie leicht ertragen haben, nachdem sie gestiftet worden und nicht geflohen sein. Komm also wieder nach Hause zurück, da du meinem Wort auch ohne Eid schon glauben kannst, dass Pisistrat dem Solon nichts Unangenehmes zufügen werde. Du weißt ja, dass ich dies keinem andern meiner Feinde getan habe; und würdigst du mich, einer meiner Freunde zu sein, denn ich sehe nichts betrügliches und unzuverlässiges in dir. Willst du aber dennoch nicht mehr zu Athen wohnen, nun, so sei es dir freigestellt, nur möchte ich der Mann nicht sein, der dich deines Vaterlandes beraubt hat.

So schrieb Pisistrat.

7. Solon behauptete, das menschliche Lebensziel sei 70 Jahre (55) Folgende vortreffliche Gesetze hat er verordnet: Wer seinen Eltern den Unterhalt versagt, der soll ehrlos sein. Ebenso der, der das väterliche Vermögen durchgebracht hat. Der Müßiggänger soll jedem zur Anklage preisgegeben sein. Lysias aber sagt in der Rede gegen Nikias, Drakon habe dieses Gesetz entworfen, Solon aber habe es wirklich verordnet. Wer schändliche Handlungen begangen, der solle die Rednerbühne nicht betreten dürfen.

8. Er bestimmte auch die Ehrenbelohnungen des athletischen Wettkampfes. Auf den Olympischen Sieg setzt er 500 Drachmen, auf einen Isthmischen Sieg 100 und so verhältnismäßig auf die übrigen, weil es unedel sei, dass diese keine Ehrenbelohnung hätten und nur allein die im Kriege gebliebenen geehrt würden, deren Kinder der Staat auf seine Kosten erziehen und unterrichten ließe (56). Daher der Eifer, im Kriege sich brav und tapfer zu halten, wie Polyzel, Kynägir, Kallimach, wie alle marathonischen Streiter, wie Harmodius, Aristogiton und Militiades und noch tausend andere mehr. Die Athleten aber, die sich üben und vielen Aufwand machen müssten, würden als Sieger dem Vaterlande lästig und mehr zum Nachteil ihres Vaterlandes, als ihrer Gegenkämpfer bekränzt, und im Alter ginge es ihnen nach Lacipides Ausspruch:

Das abgetrag’ne Kleid lässt bloße Fäden sehn.

Da Solon dies voraussah, so bestimmte er ihnen etwas Mäßiges.

9. Schön war auch die Verordnung: Der Vormund von Waisen durfte nicht mit deren Mutter zusammenwohnen, und keiner konnte Vormund werden, dem das Vermögen nach dem Absterben der Kinder zufiel. (57) Ferner diese: Dem Siegelstecher war nicht erlaubt, das in seinen verkauften Ring eingegrabene Siegel aufzubewahren: und, wer einem Einäugigen sein eines Auge ausschlüge, der sollte beide verlieren; und, nimm nichts weg, was du nicht hingelegt hast, tust du es, so wirst du am Leben gestraft. Eine betrunken angetroffene Obrigkeitsperson soll mit dem Tode büßen. Von den Gedichten Homers verordnete er, dass sie von den Rhapsoden nach der Ordnung abgesungen werden und dass da, wo der erste Sänger aufhöre, der Folgende wieder anfangen sollte. Solon hat also den Homer mehr ins Licht gesetzt als Pisistrat, wie Dieuchidas im 5. seiner Megarischen Bücher sagt. Es gehört hierher vorzüglich die Stelle:

Die Athen inne hatten – und so weiter.

Er war auch der erste, der den 30. Monatstag den Tag vor dem neuen [Monat] nannte. (58) Er verordnete auch zuerst die Zusammentretung der 9 Archonten, um einen gemeinschaftlichen Spruch zu tun, wie Apollodor im 2. Buche von den Gesetzgebern schreibt. Als der Aufstand erfolgte, schlug er sich weder zu den Städtern, noch zu den Landleuten, noch zu den Uferbewohnern.

10. Er sagte, das Wort sei ein Bild der Taten, und ein König sei der stärkste an Macht. Die Gesetze glichen Spinnenweben, denn wenn etwas leichtes und schwaches hineinfiele, das bliebe hängen, fiele etwas schweres und großes hinein, das risse ein Loch und ginge durch. Er sagte auch, die Rede werde durchs Schweigen versiegelt, das Schweigen aber durch die Zeit. (59) Leute, die unter Tyrannen mächtig sind, sagte er, gleichen den Rechenpfennigen, wovon jeder bald mehr, bald weniger gilt. So machten die Tyrannen auch einen solchen bald groß und hervorglänzend, bald verächtlich. Als man ihn fragte, warum er gegen einen Vatermörder kein Gesetz gemacht habe, sagte er, weil er hoffe, dass es keinen geben werde. – Wie die Menschen wohl am wenigsten ungerecht handelten? Wenn erlittenes Unrecht anderer von ihnen eben so empfunden würde, als hätten sie es selbst erlitten. Sättigung wird vom Reichtum erzeugt, sagte er, Übermut von der Sättigung.

11. Er riet den Athenern, die Tage nach dem Mondlauf zu rechnen. Er verbot dem Thespis, Tragödien aufzuführen, da dies ein unnützes, leeres Geplauder sei. (60) Als Pisistrat sich selbst verwundet hatte, sagte er, das ist aus dieser Quelle hervorgeflossen.

12. Den Menschen gab er, wie Apollodor in seinem Buch von den Philosophensekten schreibt, folgende Ratschläge: Halte mehr auf einen tugendhaften Charakter, denn auf einen Eid. Rede nie Unwahrheit. Siehe was Nützliches zu tun. Mache keine vorschnell zu deinen Freunden, die du aber als Freunde angenommen hast, verwirf nicht wieder. Herrsche, wenn du gelernt hast, dich beherrschen zu lassen. Gib nie den angenehmsten, sondern stets den besten Rat! Mache die Vernunft zu deiner Führerin. Gehe nicht mit schlechten Leuten um. Ehre die Götter. Sei ehrerbietig gegen deine Eltern.

13. Man sagt auch, dass er dem Mimnermus über folgende Verse:

Wenn du von lästigem Kummer befreit und Krankheit stehen wirst

An dem sechzigsten Ziel, dann erwarte den Tod.

(61) einen Vorwurf gemacht, und geschrieben habe:

Wolltest du nun mich hören so tilge wieder die Worte.

Aber zürne mir nicht, dass ich dieses dir schrieb.

Ändre die Zeilen des Verses, und lass ihn folgendes singen:

An dem achtzigsten Ziel, da erwarte den Tod.

14. Folgende berühmte Sprüche schreibt man ihm zu:

Sei behutsam im Umgang, erforsche die Menschen und siehe,

Ob ein heimlicher Dolch sich im Busen wo birgt,

Ob sie mit heiterer Miene zwar reden, aber gezweit ist

Ihre Zunge, die spricht, was die Seele verdammt.

Bekannt ist auch, dass er Gesetze niedergeschrieben, und Volksreden, Ermahnungen an sich selbst, etwa 5000 elegische Verse von Salamis und von der athenischen Republik, wie auch Jamben und Epoden.

15. (62) Auf seinem Bild aber findet sich die Inschrift:

Die den Übermut Mediens niederwarf, Salamis, hat uns

Solon erzeugt, der uns heil’ge Gesetze geschenkt.

Er blühte in der 46. Olympiade, in deren drittem Jahre er Archon in Athen war, wie Sosikrat schreibt, und die Gesetze gab. Er starb in Kypern im 80. Jahr seines Lebens, und gab seinen Freunden auf, seine Gebeine nach Salamis zu bringen, sie zu verbrennen, und die Asche im Lande herumzustreuen. Daher führt ihn Kratin im Chilon so redend ein:

Ich bewohne die Insel, so ist die Sage der Menschen,

Ausgesät bin ich im Aiakischen Staat.

(63) Wir haben auch in unserem oben erwähnten Pammetron, worin sich Gedichte von uns in allen Formen der Verse auf alle verstorbene berühmte Weisen finden, ein Epigramm auf ihn, das also lautet:

Kyprysches Feuer verzehrte den Leib in fremdem Gebiete,

Seine Gebeine verwahrt, aufgelöst in Staub,

Salamis: Seine Gesetze erhoben den Geist in den Himmel

Nie drückt’ Solon das Volk. Seine Gesetze sind leicht.

16. Man schreibt ihm auch den Spruch zu: Nie zuviel! Dioskorides erzählt auch in seinen Denkwürdigkeiten von ihm; dass er, wie er seinen verstorbenen Sohn beweinte, (wovon wir nichts vernommen haben) und von jemand zu ihm gesagt wurde: du richtest aber nichts damit aus! diesem geantwortet habe: eben deswegen weine ich, dass ich nichts ausrichte!

17. Es werden ihm auch die folgenden Briefe beigelegt:

Solon an Periander.

(64) Du berichtest mir, dass dir viele nachstellen. Wolltest du aber auch alle aus dem Wege schaffen, so würde dir’s nichts helfen, denn nun würde dir einer der noch Unverdächtigen nachstellen, entweder, weil er sich nicht sicher hält, oder weil er es dir zum Vorwurf macht, dass nichts ist, was du nicht fürchtest, oder weil er sich dem Staat beliebt machen will. Suche also das ausfindig zu machen, dass du bei keinem Argwohn erregst. Und da würde deine Abhandlung das beste sein, weil du dadurch alle Ursachen entfernst. Willst du aber durchaus Herrscher bleiben, so musst du darauf denken, dir eine größere Macht von anderswoher zu verschaffen, als die in der Stadt ist, so wird dir keiner mehr furchtbar sein, aber du musst auch keinen fortschaffen.

18. Solon an Epimenides.

Den Athenern konnten meine Gesetze so wenig vielen Nutzen bringen, als du, da du sie aufhebst, dem Staate nützest. Denn weder die Gottheit, noch die Gesetzgeber können für sich allein den Staaten nützlich werden, sondern diejenigen, welche das Volk nach ihren Absichten zu leiten verstehen. Also gewähren Gottheit und Gesetze nur Vorteile bei guter Leitung des Volkes, aber sie helfen nichts, wenn böse Leiter da sind. (65) Nicht besser geht es den Gesetzen, die ich als Gesetzgeber verordnet habe. Diejenigen sind dem gemeinen Wesen schädlich gewesen, welche sie umgestoßen und sich dem Pisistrat nicht widersetzt haben, die Oberherrschaft an sich zu reißen. Als ich es voraussagte, fand ich keinen Glauben, er fand mehr Zutrauen, da er den Athenern schmeichelte, als ich, da ich die Wahrheit sagte. Als ich vor dem Feldherrnhause die Waffen niederlegte, sagte ich, dass ich einsichtsvoller sei, als die, welche es nicht merkten, dass Pisistrat nach der Herrschaft strebe, und tapferer als die, welche noch unschlüssig waren, sich ihm zu widersetzen. Man erklärte aber, Solon sei nicht bei Sinnen. Am Schluss legte ich das Zeugnis ab, Vaterland! Ich, Solon, bin bereit, dir mit Wort und Tat Hilfe zu leisten; aber diese glauben, ich sei nicht bei Sinnen. Ich begebe mich also aus dir hinweg als der einzige Feind Pisistrats, diese hier würden seine Trabanten sein, wenn er’s verlangte. Du kennst ihn, Freund, was für Künste er angewandt hat, um die Oberherrschaft an sich zu bringen. (66) Erst fing er an, dem Volke zu schmeicheln, dann machte er sich selbst Wunden, ging so schreiend vor die Heliäa, und gab vor, das habe er von seinen Feinden leiden müssen, er bat um eine Beschützung von 400 starken Jünglingen, und man hörte nicht auf mich und bewilligte sie ihm. Diese führten Keulen. Und hierauf warf er die Volksregierung um. Vergebens habe ich ihre Armen vom Lohndienst zu befreien gesucht; sie müssen jetzt allesamt dem einzigen Pisistrat dienen!

19. Solon an Pisistrat.

Ich traue dir zu, dass du mir kein Leid zufügen wirst, denn ehe du dich zum Oberherrn aufwarfst, war ich dein Freund, und jetzt ist auch zwischen mir und anderen Athenern, denen eine Oberherrschaft missfällt, kein Unterschied. Ob’s besser für sie sei, sich von einem beherrschen zu lassen, oder unter einer Volksregierung zu leben, darüber urteilt jeder nach seiner Überzeugung. (67) Ich sage auch selbst, dass du unter allen Gewaltfürsten der Beste bist, aber ich halte es für mich nicht gut, wieder nach Athen zu gehen, damit keiner mir den Vorwurf machen könne, ich habe den Athenern eine freie republikanische Verfassung gegeben und ihr Beherrscher zu werden mich geweigert, da es mir frei stand; und jetzt käme ich wieder, und ließe mir deine Handlungen gefallen.

20. Solon an Krösus.

Dein Wohlwollen gegen mich hat mich sehr für dich eingenommen, und bei Athenäen! wenn ich nicht durchaus in einem freien Volksstaat leben wollte, so würde ich’s vorziehen, lieber bei dir in deinem Königreich zu leben, als in Athen, wo sich Pisistrat zum Gewaltfürsten gemacht hat. Aber mir ist der Aufenthalt da am angenehmsten, wo Freiheit und Gleichheit sich finden. Doch will ich zu dir kommen und einige Zeit dein Gast sein.

Drittes Kapitel
Chilon

1. (68) Chilon, Damagets Sohn, war ein Lakedämonier. Er hat ein elegisches Gedicht von etwa 200 Versen geschrieben. Er sagte, es sei ein Vorzug des Mannes, das Zukünftige nach Vernunftgründen voraussehen zu können. Zu seinem Bruder, der darüber unwillig war, dass er nicht Staatsaufseher geworden, da er es doch geworden, sagte er: Ich kann Unrecht erdulden, du nicht. Er war aber Staatsaufseher um die 55. Olympiade; doch sagt Pamphilas, er sei es in der 56. Olympiade gewesen. Nach Sosikrat soll er der erste Staatsaufseher unter Eythydem gewesen sein und es zuerst eingeführt haben, den Königen Staatsaufseher zur Seite zu setzen. Satyr aber schreibt dieses Lykurgen zu. Er gab, nach Herodots Erzählung, dem zu Olympia opfernden Hippokrat, wie die Kessel von selbst kochten, den Rat, entweder nicht zu heiraten, oder wenn er eine Frau hätte, sich von ihr zu trennen und die Söhne nicht anzuerkennen.

2. (69) Er soll auch den Äsop gefragt haben, was Zeus tue: und dieser soll ihm geantwortet haben: er erniedrigt das Hohe, und erhebt das Niedrige. Als man ihn fragte, worin die Unterrichteten von den Ununterrichteten verschieden wären? sagte er: in guten Hoffnungen. – Was schwer sei? Geheimnisse zu verschweigen, seine Muße gut anzuwenden, und Beleidigungen ertragen zu können. Er gab auch folgende Lehren: Seine Zunge zu beherrschen besonders in fröhlicher Gesellschaft: von seinem nächsten nichts Böses zu sprechen, sonst würde man wieder verdrießliche Dinge zu hören bekommen; niemand zu bedrohen, denn das sei weibisch. (70) Schneller zu unglücklichen Freunden hinzugehen, als zu glücklichen; Bei der Verheiratung auf geringe Kosten zu sehen. Von Toten nichts Übles zu reden. Die Alten zu ehren; auf sich selbst acht zu haben; lieber Schaden zu leiden, als schändlichen Vorteil sich zu verschaffen, denn jenes macht nur einmal, dies aber immerwährenden Kummer; eines Unglücklichen nicht zu spotten: Wenn man Macht habe, herablassend zu sein, damit man von denen, die um uns sind, mehr geehrfürchtet, als knechtisch gefürchtet werde; seinem Hause gut vorstehen zu lernen; der Zunge nicht zu erlauben, dem Verstande vorzueilen; den Zorn zu beherrschen. Die Zukunftserforschung durch gewisse Zeichen nicht anzufeinden; unmögliche Dinge nicht zu begehren. Auf Reisen nicht zu eilen; beim Sprechen nicht mit den Händen zu fechten, denn das sei närrisch; den Gesetzen zu gehorchen; Ruhe zu lieben. (71) Von seinen berühmten Sprüchen hat folgender den meisten Beifall erlangt: An Prüfsteinen wird das Gold geprüft, und sein Wert fällt ins Auge; durchs Gold aber werden die Gesinnungen guter und böser Menschen erprobt.

3. Man sagt auch, dass er, wie er schon ein alter Mann war, gesagt habe: Er sei sich in seinem ganzen Leben keiner Undankbarkeit bewusst, nur eine Handlung mache er sich zum Vorwurf, er habe einmal die Sache eines Freundes entscheiden sollen und sie gesetzmäßig entschieden, habe seinen Freund überredet, von seinem Spruch zu appellieren [= den Spruch anzufechten], um auf diese Art beides, das Gesetz und seinen Freund zu retten.

4. Am berühmtesten wurde er bei den Griechen dadurch, dass er das Schicksal der lakonischen Insel Kythera voraussagte, denn nachdem er ihre Naturbeschaffenheit untersucht hatte, sagte er: Möchte sie nimmer entstanden, oder nach ihrer Entstehung wieder im Meere versunken sein! Und er hatte richtig in die Zukunft geblickt. (72) Der aus Lakedämon flüchtig gewordene Demarat riet nämlich dem Xerxes, bei dieser Insel seine Flotte zusammenzuhalten, und Griechenland wäre erobert worden, wenn ihm Xerxes gefolgt wäre. In dem folgenden Peloponnesischen Kriege unterwarf sich Nikias diese Insel, legte athenische Kriegsvölker in dieselbe, und fügte von da aus den Lakedämoniern sehr viel Übles zu.

5. Er drückte sich sehr kurz aus; daher nennt der Milesier Aristagoras diese Weise zu sprechen die Chilonische. Branchus war es, der das Branchidische Heiligtum stiftete. Er war schon ein alter Mann um die 52. Olympiade, da der Fabeldichter Äsop in Blüte war. Er starb, wie Hermipp schreibt, zu Pisa, da er seinen Sohn nach erlangtem Siege im Olympischen Faustkampf küsste. Dies Schicksal zog ihm das Übermaß seiner Freude und die Schwäche seines hohen Alters zu, und alle bei dieser feierlichen Versammlung Anwesende erwiesen seiner Leiche alle Ehre. Auch auf diesen Mann haben wir folgendes Epigramm gemacht:

(73) Phosphor Polydeukes, ich danke dir wegen des Sohnes Chilons, dessen Stirn Siegesolive bekränzt. Sank der Vater, da er den kampferprobten Sohn sah, Freudenüberwältigt. Ach! Käme so mir auch der Tod!

Auf seinem Bilde steht folgende Inschrift:

Diesen Chilon erzeugte das speergewaltige Sparta.

Unter den Sieben war er einer der Weisesten stets.

6. Sein Spruch ist: Bürge, willst du Verlust. Auch folgendes Briefchen ist von ihm:

Du widerrätst uns auswärtigen Krieg, so wie du demselben auszuweichen suchst. Ich bin der Meinung dass ein Monarch auch im Innern schlüpfrig steht und preise den Herrscher glücklich, der in seinem Hause natürliches Todes stirbt.

Viertes Kapitel
Pittakus

1. (74) Pittakus, Hyrrads Sohn, war ein Mitylener, Duris nennt seinen Vater einen Thraker. Er hat zugleich mit den Brüdern des Nikäus den lesbischen Gewaltherrscher Melanchrus aus dem Wege geräumt, und da die Athener und Mitylener über das achillische Gebiet Krieg führten, hatte er den Oberbefehl, und gegen ihn der Athener Phryon, der als Pankratiast zu Olympia den Siegespreis erhalten. Er beschloss, sich in einen Zweikampf mit demselben einzulassen, verbarg ein Netz unter dem Schilde, das er unvermerkt zu Phryon herwarf, ihn erlegte und so das Gebiet rettete. Apollodor aber erzählt in seinen Zeitbüchern, dass es in der Folge zwischen den Athenern und Mitylenern zu einem Rechtsstreit wegen dieses Gebiets gekommen, in welchem Periander Richter gewesen, und es den Athenern zugesprochen habe.

2. (75) Die Mitylener ehrten damals den Pittakus sehr und gaben ihre Regierung in seine Hände, die er zehn Jahre behielt und sie, nachdem er die Staatsverfassung wieder in Ordnung gebracht hatte, niederlegte, wonach er noch zehn Jahre gelebt hat. Die Mi­ty­lener wiesen ihm einen Acker an, den er zu einem Heiligtum machte, welches noch jetzt das Pittakische heißt. Sosikrat sagt, dass er nur ein kleines Stück davon abgesondert und gesagt habe: die Hälfte sei mehr als das Ganze. Als Krösus ihm Schätze geben wollte, nahm er sie nicht an und erwiderte: er besitze schon doppelt so viel, als er wünsche, denn er habe seines kinderlosen Bruders Vermögen noch geerbt.

3. (76) Pamphilas aber schreibt im zweiten Buche seiner Denkwürdigkeiten, dass sein Sohn Tyräus, da er zu Kyme bei einem Bartscherer gesessen, durch ein von einem Schmiede geworfenes Beil sei getötet worden. Wie hierauf die Kymeer den Töter [= Verursacher] an Pittakus geschickt und er den Hergang vernommen, habe er denselben mit den Worten losgelassen: Verzeihung ist der Reue vorzuziehen. Heraklit aber sagt, er habe den Alkäus in seine Gewalt bekommen, ihn losgelassen und gesagt: Verzeihung ist besser als Strafe. Er machte das Gesetz, ein Betrunkener, der Verbrechen begehe, solle doppelt gestraft werden, damit keiner sich betränke. Denn es wuchs viel Wein auf der Insel.

4. Er sagte ferner: Es ist schwer, fürtrefflich zu sein.

Dieses Spruchs erwähnt auch Simonides in der Zeile:

Pittakus spricht, ein Guter wahrhaft zu werden, ist sehr schwer.

(77) Auch Platon erwähnt dessen im Protagoras. Der Notwendigkeit können selbst Götter nicht widerstehen. Die Regierung zeigt den Mann. Als man ihn fragte, was das beste sei, erwiderte er: das Gegenwärtige gut verrichten. Als Krösus ihn fragte; welche Herrschaft die größte sei; erwiderte er: die des bunten Holzes; womit er auf die Gesetze deutete. Er sagte ferner, man müsse siegen ohne Blut. Als Phokäer sagte, man müsse einen strebsamen nützlichen Mann suchen, antwortete er: wenn du ihn noch so sehr suchst, wirst du ihn doch nicht finden. Als man ihn fragte; welches ist das Angenehmste; sagte er, die Zeit. Unsichtbar ist die Zukunft, zuverlässig die Erde, unzuverlässig das Meer. (78) Er sagte auch: ein verständiger Mann müsse vor dem Unglück Vorsicht gebrauchen, dass es nicht erfolge, ein herzhafter Mann aber müsse es zu nützen suchen, wenn es erfolgt sei. Was du tun willst, das sag’ nicht vorher, denn man wird dich auslachen, wenn’s nicht glückt. Wirf niemand sein Unglück vor; fürchte die Nemesis. Was dir anvertraut wird, das gib zurück. Rede nicht schlecht von deinem Freunde, ja nicht einmal von deinem Feinde. Übe dich in der Gottesfurcht. Liebe die Bescheidenheit. Halte auf Wahrheit, Treue, Erfahrung, Rechtschaffenheit, Freundschaft, und Sorgsamkeit.

5. Von seinen berühmten Sprüchen sind folgende vorzüglich geschätzt:

Nimm den Bogen und den pfeilbergenden Köcher,

Schreite auf den Bösewicht los;

Denn niemals redet durch den Mund Treues die Zunge,

Wenn zwiespältigen Geist das Herz besitzt.

(79) Er hat auch 600 elegische Verse geschrieben und in ungebundener Rede über die Gesetze an seine Mitbürger.

6. Er blühte vorzüglich in der 42. Olympiade und starb unter Aristomenes im dritten Jahre der 52. Olympiade, schon über 70 Jahre alt. Auf seinem Grabmal liest man die Inschrift:

Hier begrub die heilige Lesbos ihren Sohn,

Pittakus, weinend auf ihn zärtliche Tränen herab.

Sein Spruch war: Nimm die Zeit in Acht!

7. Es ist noch ein anderer Pittakus ein Gesetzgeber gewesen, wie Faborin im ersten Buche der Denkwürdigkeiten, und Demetrius von den Gleichnamigen, schreiben, welcher auch der Kleine genannt wurde.

8. Der Weise soll seinem Jünglinge, der ihn ums Heiraten fragte und seinen Rat verlangte, gesagt haben, wie wir in Kallimachs Epigrammen lesen:

(80) Als ein Atarnit den mitylenischen Weisen Pittakus, einst den Sohn des Hyrradius, fragt: Lieber Greis, ich werde gereizt zu doppelter Heirat, Eine Jungfrau gleicht meinem Vermögen und Stamm, Einer steh’ ich selbst nach. Ich bitte nun, sage mir, welche Führ ich als bess’re davon hin zu Hymens Altar? So der Jüngling. Er hob des Greises schützenden Stab auf, Diese, sprach er, sieh an, jener Stimme vernimm. Kinder schwangen sich hier in schnellgewirbelten Kreisen, Gleich an Gleich gefasst, auf dem Dreiweg umher. Folge den Spuren derselben, sprach er, und trat ihnen näher; Gleich an Gleich gestellt! schrieen die Knaben sich zu. Dieses merkte der Fremdling, und zog vom größeren Hause Sich bedächtig zurück, von den Knaben gewarnt, Wählete die nach Stamm und Gütern ihm ähnliche Jungfrau. Folge Dion, ihm nach, wähle, welche dir gleicht!

(81) Er scheint dies recht überdacht gesagt zu haben, denn er hatte selbst eine Frau von edlerem Geschlecht, eine Schwester Drakons Penthils Sohns, die sich mit hochmütigem Stolz gegen ihn betrug.

9. Alkäus nennt ihn Sarapodes und Sarapus, weil er breite Füße hatte, und einen Fuß nachschleppte: Cheiropodes, weil er aufgerissene wunde Füße hatte: Gaures, weil er sich ohne Ursache brüstete: Physkon und Gastron, weil er dickbäuchig war; desgleichen Zophodorpedes wegen seines schwachen Gesichts; Agasyrtus endlich, weil er nachlässig und unreinlich war. Seine Leibesübung war, Weizen zu mahlen, wie der Philosoph Klearch schreibt.

10. Folgendes Briefchen ist von ihm:

Pittakus an Krösus.

Du lädst mich ein, nach Lydien zu kommen um deine Glückseligkeit zu sehen. Aber auch ungesehen bin ich überzeugt, dass der Sohn des Alyattes der goldreichste der Könige ist. Und das könnte ich nicht stärker werden, wenn ich auch zu dir nach Sardes hinkäme. Gold habe ich nicht nötig, sondern ich bin bei dem, was ich habe, vergnügt, welches für mich und für meine Freunde zureicht. Doch werde ich kommen, um als Gast deines Umgangs zu genießen.

Fünftes Kapitel
Bias

1. (82) Bias, Teutams Sohn, war von Priene. Satyr gibt ihm den Vorzug unter den Sieben. Einige nennen ihn einen Reichen, Duris aber sagt, er sei ein Beiwohner gewesen. Phanodik erzählt, er habe kriegsgefangene Messenierinnen losgekauft, sie als seine Töchter behandelt, ihnen eine Aussteuer noch dazu geschenkt,und sie ihren Eltern nach Messene wieder zugeschickt. Als in der Folge, wie bereits erzählt worden, zu Athen der Dreifuß von den Fischern aufgefischt wurde, worauf sich die Inschrift befand: dem Weisen! sind, wie Satyr sagt, diese Mädchen, oder nach andern, zu welchen Phanodik gehört, ihre Väter in die Volksversammlung gegangen und haben Bias für den Weisen erklärt, indem sie erzählt, was er für sie getan hatte: worauf ihm der Dreifuß zugeschickt worden. Bias aber sagte, wie er ihn sah, nur Apollon ist weise, und nahm ihn nicht an.

2. (83) Einige sagen dagegen, er habe ihn dem Herakles geweiht, weil er aus Theben herstammte, von wo eine Kolonie nach Priene ausgewandert war: dies behauptet auch Phanodik. Man erzählt auch noch, wie Alyattes Priene belagerte, habe Bias zwei Maultiere gemästet und sie ins Lager hinaus getrieben. Als der König diese gesehen, sei er bestürzt geworden, dass sich der Wohlstand der Stadt noch sogar in dem Vieh zeige, und dies habe ihn zu einem Vergleich geneigt gemacht, weswegen er einen Abgeordneten hineingeschickt. Bias habe nun große Sandhaufen aufhäufen, sie oben mit Getreide beschütten lassen und dem Manne gezeigt. Wie Alyattes dies erfahren, habe der König mit den Prienern Friede gemacht und hierauf zu Bias geschickt, dass er zu ihm kommen möchte, der ihm sagen lassen: ich rate dem Alyattes, Zwiebeln zu essen, das heißt, zu weinen.

3. (84) Man sagt auch von ihm, dass er ein starker Redner vor Gericht gewesen, aber seiner Stärke im Vortrage sich nur in guten Sachen bedient habe. Hierauf deutet auch der Aleirier Demodik, wenn er sagt, wenn du richten sollst, so sprich einen Prienischen Spruch; und Hipponax in den Worten: hier ist besser gesprochen, als Bias der Priener urteilte.

4. Er starb auf folgende Weise: Er war schon in hohem Alter, wie er im Gericht für jemand geredet hatte und legte nach Endigung seiner Rede seinen Kopf an den Busen seines Tochtersohns. Nachdem nun auch sein Gegner geredet und die Richter für den von Bias verteidigten gesprochen hatten, fand man beim Auseinandergehen des Gerichts ihn tot am Busen seines Enkels.

(85) Die Stadt ließ ihn ehrenvoll begraben und setzte ihm die Inschrift:

Dieser Stein im Boden des hochberühmten Priene

Deckt Bias, er war seines Ioniens Ruhm.

Die unsrige lautet so:

Bias schlummert hier, den furchtlos führte zu Hades

Hermes, schneebelockt glänzte die Stirne des Mannes.

Für den Freund hat er zum Richter geredet, da beugt’ er

An den Enkel das Haupt, schlummernd seligen Schlaf.

5. Über Ionien hat er in 2000 Versen geschrieben, welches die beste Art und Weise sei, das Glück des Landes zu befördern. Von seinen gepriesenen Sprüchen bemerke ich hier folgende:

Sei den Bürgern allen gefällig, bei denen du wohnst.

Dies gewährt dir Gunst, wenn ein hochmütiges Wesen

Oftmals schädlichen Nachteil erzeugt, den alle erblicken.

(86) Auch folgende: Stark geboren werden, ist Sache der Natur, aber dem Vaterlande zum Nutzen reden zu können, ist Sache des Geistes und der Klugheit. Überfluss an Gütern haben viele oft durch glückliche Zufälle; der aber ist unglücklich, der Unglück nicht tragen kann. Es ist eine Krankheit der Seele, das Unmögliche zu wünschen, und an Unglücksfälle anderer gar nicht zu denken. Als man ihn fragte, was schwer sei, sagte er: Umwandlung des Glücks in Unglück edelmütig zu ertragen. Als er mit gottlosen Leuten auf einem Schiffe war, das einen Sturm litt, und diese die Götter anriefen, sagte er: Schweigt still, dass sie nicht gewahr werden, dass Ihr hier seid im Schiff! Als ihn ein gottloser Mensch fragte: was denn wohl Gottesfurcht sei, schwieg er still; und auf dessen Frage nach der Ursache seines Schweigens erwiderte er: ich schweige still, weil du nach einer Sache fragst, die dich nichts angeht. (87) Als man ihn fragte: was dem Menschen süß sei, sagte er: die Hoffnung. Es ist leichter, über Feinde Richter zu sein, denn über Freunde, denn man wird sich einen der Freunde notwendig zum Feinde machen, aber einen der Feinde zum Freunde bekommen. Auf die Frage, welche Sache dem Menschen Vergnügen mache, sagte er: Gewinn. Man muss das Leben so messen, sagte er, als ob man lange und kurz leben könne, und man muss so lieben, dass man wieder hassen könne: denn die meisten sind böse. Auch folgenden Rat erteilte er: Geh langsam an das, was du tun willst, hast du es aber einmal angefangen, so halte fest dabei aus bis ans Ende. Sprich nicht schnell, denn das verrät Torheit. Liebe die Klugheit. (88) Sprich von den Göttern wie sie sind. Einen unwürdigen Menschen lobe nicht, weil er reich ist. Nimm, was dir geboten wird, ja nichts mit Gewalt. Was du Gutes tust, das rechne den Göttern an. Als Reisegeld von der Jugend ins Alter verschaffe dir Weisheit, denn dieses Gut ist dir sicherer als alles Übrige.

6. Hipponax erwähnt, wie bereits angeführt ist, auch des Bias, und der schwer zu befriedigende Heraklit lobt ihn ebenfalls sehr, indem er schreibt: In Priene lebte Bias, Teutams Sohn, der berühmter ist als die anderen. Die Priener haben ihm ein Heiligtum geweiht, das Teutameion genannt. Sein Spruch war: Die meisten sind böse.

Sechstes Kapitel
Kleobul

1. (89) Kleobul, Euagoras Sohn, war ein Lindäer, oder nach Duris, ein Karier. Einige führen sein Geschlecht bis zu Herakles hinauf. Er zeichnete sich durch Weisheit und Schönheit aus. Er kannte auch die ägyptische Philosophie. Er hatte eine Tochter, Kleobuline, die in Hexametern Rätsel dichtete, welcher Kratin in einem gleichnamigen Drama erwähnt, das er die Kleobulinen betitelt hat. Er soll auch den von Danaus erbauten Athenäentempel wieder neu ausgebaut haben.

2. Er hat Lieder und Rätsel, an 3000 Verse stark, geschrieben. Einige sagen auch, dass folgende Inschrift auf Midas ihn zum Verfasser habe:

Eine kupferne Jungfrau, bedeck’ ich hier Midas’ Begräbnis; Solang’ Wasser noch fließt, solang’ Bäume noch blüh’n,(90) Solang’ noch die Sonne neu aufgeht, silbern der Mond scheint, Solang’ rauschet der Strom, brandet am Ufer das Meer, Bleib’ ich immer auf diesem von Tränen beströmten Grabe, Sage dem Wanderer: Hie deck’ ich Midas Gebein!

Man führt auch folgendes Zeugnis aus einem Lied des Simonides an:

Welcher denkenden Geistes lobt

Kleobulus, Bewohner von Lindos,

Der stets rieselnden Flüssen,

Und den Blumen des Lenzes,

Der dem Feuerglanz der Sonne

Und dem Golde des Monds,

Der den Strudeln des Ozeans

Säulen vorzieht von Stein?

Steht nicht alles nach den Göttern?

Malmen Stein nicht sterbliche Hände?

Torengedanken hat er geredet!

Dieses Epigramm kann nicht von Homer sein, der viele Jahre vor Midas gelebt haben soll.

3. In Pamphilas Denkwürdigkeiten findet man auch folgendes Rätsel von ihm:

(91) Vater ist einer. Der Söhne sind zwölf. Ein jeder von diesen hat der Söhne dreißig gezeugt, von Doppelgestalten, Weiß das Angesicht einiger, schwarz der übrigen. Alle Sind Unsterbliche, doch gegeben dem Tode zum Raube. Es ist das Jahr.

4. Von seinen bekannten Sprüchen sind folgende die vorzüglichsten: Torheit ist der meisten Sterblichen Anteil und Überfluss an Geschwätz: aber die Zeit ist hinreichend. Denke das Rühmliche. Sei kein leichtsinniger Undankbarer. Er sagte auch: man muss die Mädchen verheiraten, wenn sie den Jahren nach Jungfrauen, der Klugheit nach Weiber sind; womit er zu verstehen gab, man müsse auch Mädchen unterrichten lassen. Einem Freunde, sagte er, muss man Gutes tun, damit er noch mehr Freund werde, einem Feinde aber, um ihn zum Freunde zu machen; so sei man gegen den Tadel der Freunde und Nachstellungen gesichert. (92) Ferner: Wenn man aus dem Haus geht, muss man erst bedenken, was man tun will, und wenn man nach Hause zurückgekommen, muss man untersuchen, was man getan hat. Er riet ferner, den Leib zu üben; mehr zu hören als zu sprechen; lieber lernbegierig als unwissend zu sein; die Zunge Gutes reden zu lassen; ein Vertrauter der Tugend und mit dem Laster fremd zu sein; Ungerechtigkeit zu meiden; dem Staat das Beste zu raten; Herr über sinnliche Vergnügen zu sein; nichts mit Gewalt zu tun; die Kinder unterrichten zu lassen; Feindschaft aufzugeben; der Frau nicht zu schmeicheln, noch mit ihr zu zanken, wenn andere Leute zugegen sind, denn das erste zeige Unverstand, das andere Tollheit; einen betrunkenen Bedienten nicht zu strafen, denn das sehe einem Betrunkenen ähnlich; sich nach seinem Stande zu verheiraten, denn wenn man eine vornehmere Frau nähme, bekomme man die Verwandten zu Beherrschern; (93) Spöttern keinen Beifall zuzulächeln, denn dies ziehe uns den Hass des Verspotteten zu. Im Glück sei nicht übermütig, und im Unglück nicht kleinmütig. Den Wechsel des Glücks suche mit Edelsinn zu tragen.

5. Er starb als 70jähriger Greis, und hat die Grabschrift:

Einen weisen Man begrub die trauernde Heimat Lindos,

Die stolze Stadt am Meer: Kleobul, ihren Sohn.

6. Sein Spruch war: Die Mittelstraße ist die beste.

An Solon schrieb er folgenden Brief:

Kleobul an Solon.

Du hast zwar viele Freunde und allwärts ein Haus. Ich glaube indes doch, dass Solon am liebsten in Lindus, wo Volksfreiheit ist, wohnen würde; dazu ist Lindus eine Insel in der See, die von Pisistrat nichts zu fürchten hat. Es würden auch von allen Orten her deine Freunde zu dir kommen.

Siebentes Kapitel
Periander

1. (94) Periander, Kypsels Sohn, war ein Korinthier aus dem heraklidische Hause. Er heiratete Lyside, die er selbst Melissa nannte, eine Tochter des epidaurischen Gewaltherrschers Prokles und der Eristheneia, die eine Tochter Aristokrats und Schwester Aristodems war, die fast ganz Arkadien beherrschten, wie Heraklides von Pontus in seiner Schrift über die Herrschaft schreibt. Er zeugte mit ihr zwei Söhne, Kypsel und Lykophron, wovon der jüngere verständig, der ältere aber unklug war. Nach Verlauf einiger Zeit warf er seine Frau mit einer Fußbank, oder stieß sie mit dem Fuße, da sie schwanger war, wovon sie sterben musste, wozu er sich durch die Lästerungen seiner Kebsweiber verleiten lassen, die er nachher verbrannte. Seinen Sohn Lykophron aber, der seine Mutter so sehr bejammerte, schickte er fort nach Kerkyra.

2. (95) Wie er aber in hohem Alter war, ließ er ihn wieder zurückrufen, damit er die Herrschaft übernähme; aber die Kerkyrer fingen ihn auf und töteten ihn. Aufgebracht hierüber schickte er ihre Söhne zu Alyates, um sie verschneiden zu lassen. Aber das Schiff landete zu Samos, wo sie bei der Hera um Schutz flehten und von den Samiern gerettet wurden. Er starb nun aus Kummer, da er schon an 80 Jahre alt war. Sosikrat aber sagt, er sei noch 41 Tage vor Krösus vor der 49. Olympiade gestorben. Herodot schreibt im 1. Buch von ihm, er sei ein Gastfreund des milesischen Gewaltherrschers Trasibuls gewesen. (96) Aristipp schreibt im 1. Buch von den Ergötzlichkeiten der Alten von ihm: seine Mutter Krateia habe sich in ihn verliebt und heimlichen Umgang mit ihm gehabt, der auch ihm sehr gefallen habe: aber wie dieses ausgekommen, sei ihm die Entdeckung verdrießlich gewesen und er habe sich nun gegen alle hart betragen. Euphor erzählt, er habe gelobt, wenn er im Vierspann zu Olympia siegte, eine goldene Statue aufzustellen. Nach erlangtem Sieg habe es ihm an Gold gefehlt und da er bei einem ländlichen Fest alle Weiber im Schmuck gesehen, habe er ihnen allen Schmuck abgenommen und nun die Statue übersandt.

3. Einige sagen auch, er habe gewollt, dass sein Grab nicht bekannt werden solle und daher folgendes veranstaltet: Zwei Jünglingen, denen er einen gewissen Weg angewiesen, habe er befohlen, des nachts auszugehen und den zu töten und zu begraben, der ihnen begegnen würde; und wiederum vier anderen, auf diese loszugehen, sie zu töten und zu begraben; und abermals habe er noch mehr andere wider diese ausgeschickt. Er selbst sei den ersteren entgegengekommen und niedergemacht worden. Die Korinther aber haben auf ein Ehrengrab desselben folgende Inschrift gesetzt:

(97) Periander, den ersten an Schätzen und Weisheit, erzeugte und begrub Korinth hier am Busen der See.

Die unsrige ist diese:

Trauere nicht, wenn nicht alles dir glücket, sondern genieße,

Was dir schenket ein Gott, stets mit fröhlichem Sinn.

Periander erblasste, der Weise, darüber sich kümmernd,

Dass ihm, was er gewünscht zu vollenden, misslang.

4. Von ihm ist auch der Spruch: Man muss nichts des Geldes wegen tun, sondern nur wahren Gewinn für Gewinn halten. Er hat auch an 2000 Verse Vorschriften geschrieben. Auch sagte er: wer sicher herrschen wolle, der müsse die gute Gesinnung der Beherrschten, nicht Waffen zu seinen Leibwächtern machen. Als man ihn fragte: warum er Herrscher sein wolle? antwortete er: weil es gleich gefährlich ist, freiwillig abzudanken, als der Herrschaft beraubt zu werden. Folgendes hat er auch gesagt: Ruhe ist rühmlich; Mutwillen ist gefährlich; Gewinn ist schändlich, Volksherrschaft ist besser als Gewaltherrschaft; Wolllüste sind vergänglich, Ehre ist unsterblich; im Glück sei mäßig, im Unglück klug. (98) Betrage dich gegen glückliche und unglückliche Freunde immer als derselbe; was du versprichst, das erfülle; plaudere keine Geheimnisse aus; strafe nicht bloß, die schon gesündigt haben, sondern auch, die es erst tun wollen.

5. Er war der erste, der eine Leibwache hatte und die Regierung zu einer Gewaltherrschaft machte, auch nicht jedem, der es wollte, in der Stadt zu leben erlaubte, wie Euphor und Aristotel schreiben.

6. Er blühte um die 38. Olympiade und herrschte als Gewaltfürst 40 Jahre. Sotion aber und Heraklides, nebst Pamphilas im 5. Buch der Denkwürdigkeiten, schreiben, dass zwei Periander gewesen, einer, der Gewaltfürst und einer der Weise von Amprakia. (99) Eben das sagt auch der Kyziker Neanth mit dem Zusatz, dass sie Geschwisterkinder gewesen. Aristotel indes nennt den Korinther den Weisen, welchem Platon widerspricht. Sein Spruch ist: Übung erfordert alles. Er wollte auch die Landenge durchgraben.

7. Folgende Briefe schreibt man ihm zu:

Periander an die Weisen.

Viel Dank dem pythischen Apoll, dass ihr dort zusammengekommen seid, und mein Brief wird euch auch nach Korinth bringen! Ich werde euch, wie ihr selbst wisst, aufs leutseligste empfangen. Wie ich erfahren, seid ihr im vorigen Jahr bei dem lydischen König in Sardes gewesen, und also wird es euch auch nicht zuwider sein, zu mir, dem Fürsten von Korinth, zu kommen. Die Korinther werden es auch mit Vergnügen sehen, wenn ihr in das Haus Perianders kommt.

8. (100) Periander an Prokles.

Das Unglück meiner Frau war nicht mein Wille. Also handelst du ungerecht, wenn du vorsätzlich den Sohn von mir abwendig machst. Mache daher, dass der Sohn mit seinem Trotz aufhört, oder ich werde mich rächen. Ich habe auch schon Vergeltung geübt und deine Tochter, sie selbst und aller Korintherinnen Kleider verbrannt.

9. Trasibul schrieb ihm folgenden Brief:

Trasibul an Periander.

Deinem Abgeordneten habe ich nichts geantwortet. Ich habe ihn aber in die Saatfelder geführt und vor seinen Augen die hervorragenden Ähren mit dem Stock abgeschlagen. Wenn du ihn fragst, so wird er dir berichten, was er von mir gehört und gesehen hat. Du musst aber so verfahren, wenn du deine Obergewalt befestigen willst; die größten der Bürger musst du aus dem Weg räumen, es mag sich einer als deinen Feind zeigen oder nicht: einem Gewaltherrscher sind auch selbst seine Freunde verdächtig.

Achtes Kapitel
Anacharsis der Skythe

1. (101) Anacharsis der Skythe war ein Sohn Gnurs und ein Bruder des skythischen Königs Kalvids, seine Mutter aber war eine Griechin.

2. Daher sprach er beide Sprachen. Er schrieb ein Gedicht von 800 Versen über die Gewohnheiten und Gebräuche der Skythen und Griechen, sowohl das häusliche Leben, als den Krieg betreffend. Er gab auch durch Freimütigkeit im Reden Gelegenheit zu dem Sprichwort: das ist skythisch gesprochen.

3. Sosikrat sagt von ihm, dass er um die 47. Olympiade, als Eukrates Archon war, nach Athen gekommen; Hermipp schreibt, als er in Solons Haus gekommen, habe er einem der Bedienten gesagt, er möchte den Anacharsis anmelden, der Solon zu sehen und wo möglich dessen Gastfreund zu werden wünsche. (102) Wie der Bediente ihn angemeldet, habe ihm Solon zurücksagen lassen: Gastfreundschaften würden nur im eigenen Vaterlande gemacht. Anacharsis sei hierauf hineingegangen und habe gesagt, jetzt sei er in seinem Vaterland und also käme es ihm zu, Gastfreundschaft zu machen. Solon habe seine Gewandtheit bewundert und, indem er ihn anstaunte, ihn zu seinem größten Freund gemacht.

4. Als er nach einiger Zeit nach Skythien zurückgekommen war und damit umging, die herkömmlichen Gebräuche seines Vaterlands abzuschaffen, da er ganz zu einem Griechen geworden war, erschoss ihn sein Bruder mit einem Pfeil auf der Jagd. Sterbend sagte er: durch Weisheit habe ich mich aus Griechenland gerettet, und durch Neid komme ich in meinem Vaterland um! Einige aber sagen, er sei niedergemacht worden, da er nach griechischer Weise Opfer feierte. Unser Epigramm auf ihn ist folgendes:

(103) Da der Skyth’ Anacharsis, der vielgereiste, zurückkam, Lehrend sein wilderes Volk leben nach griechischem Brauch, und sein unvollendetes Wort im Munde ihm schwebte, Riss ein fliegendes Rohr ihn zum Olympus empor.

5. Er sagte, der Weinstock trage drei Trauben – eine Traube des Vergnügens, eine der Trunkenheit und eine der Traurigkeit. Ferner sagte er: es sei ihm auffallend, dass bei den Griechen die Künstler sich im Wettstreit einließen und die Entscheidung solchen zukäme, die keine Künstler sind. Als man ihn fragte, wie es zu hindern sei, dass einer kein Weinsäufer werde, sagte er: wenn man die Schamlosigkeit der Säufer vor Augen hat. Er wunderte sich auch, sagte er, wie die Griechen Gesetze gegen übermütige Beleidiger machen könnten, da sie die Faustkämpfer ehrten, weil sie sich schlügen. Als man ihm gesagt, dass die Dicke eines Schiffes vier Zoll betrage, sagte er: soviel Raum ist also nur zwischen dem Schiffenden und dem Tod! (104) Das Öl nannte er ein Zaubermittel des Unsinns, weil die damit gesalbten Kämpfer unsinnig gegeneinander rasten. Wie kann man das Lügen verbieten, sagte er, da beim Handel stets offenbar gelogen wird? Auch das, sagte er, sei ihm auffallend, dass die Griechen anfangs aus kleinen und, wenn sie voll wären, aus großen Bechern tränken. Auf seinen Bildsäulen findet sich die Inschrift: Beherrsche Zunge, Bauch und Schamglieder! Man fragte ihn, ob es in Skythien Flöten gäbe; nicht einmal Weinstöcke! erwiderte er. Als man ihn fragte, welche Fahrzeuge die sichersten wären, antwortete er: die im Hafen sind. Das wunderbarste, das er bei den Griechen gesehen habe, sagte er, sei das: sie ließen den Rauch auf den Bergen und brächten das Holz in die Stadt. Als man ihn fragte, welcher sind mehr, der Lebenden oder der Toten? fragte er wieder: zu welchen soll man die Schiffenden rechnen? Als ihn ein Attiker einen Skythen schimpfte, sagte er; mich willst du mit meinem Vaterland beschimpfen, du aber beschimpfst das deinige. (105) Auf die Frage, was am Menschen beides, gut und auch böse, sei, antwortete er: die Zunge. Besser ist es, sagte er, einen sehr würdigen Freund, als viele unwürdige zu haben. Der öffentliche Marktplatz, sagte er, ist der Ort, wo man einander betrüge und übervorteilt. Als ein junger Mensch in einer Trinkgesellschaft schimpfte, sagte er: Jüngling, wenn du in der Jugend keinen Wein verträgst, so wirst du im Alter Wasser ertragen müssen.

6. Das Leben fand er, wie einige sagen, einem Anker und einem Töpferrad gleich.

7. Folgenden Brief schreibt man ihm zu:

Anacharsis an Krösus.

König der Lydier! Ich bin zu den Griechen gereist, um ihre Sitten und Lehren kennenzulernen. Gold habe ich nicht nötig, sondern es ist mir genug, als ein besserer Mann nach Skythien wieder zurückzukommen. Nach Sardes will ich aber doch kommen, weil ich es sehr schätze, dir wert zu sein.

Neuntes Kapitel
Myson

1. (106) Myson, Strymons Sohn, war, wie Sosikrat sagt, der Hermipp folgt, aus dem chenäischen Geschlecht und aus einem äteischen oder lakonischen Dorf und wird den Sieben beigezählt. Man erzählt auch, sein Vater sei ein Gewaltfürst gewesen. Es wird ferner erzählt, wie ein gewisser Anacharsis gefragt, ob es noch einen weiseren Mann gäbe als ihn, so habe Pythia das geantwortet, was in Thales’ Leben von Chilon gesagt ist.

Myson den Äteer, in Chenä geboren nenn’ ich

Dir in mannigfaltiger kluger Vernunft überlegen.

Ein vorwitziger Mensch kam in sein Dorf, fand ihn im Sommer die Pflugsterze an den Pflug befestigen und sagte: jetzt, Myson, ist die Zeit des Pflügens nicht! Doch aber zur Anschickung dazu! erwiderte er.

(107) Andere sagen, das Orakel habe nicht gelautet: einen Oetäer, sondern: einen Äteer und forschen, woher der Äteer sei? Parmenides sagt, es sei ein lakonisches Dorf, aus welchem Myson hergestammt habe. Sosikrat sagt in seinen Folgen, er sei von einem äteischen Vater und einer chenäischen Mutter gezeugt. Euthyphron, der Sohn des pontischen Heraklides, nennt ihn einen Kreter, denn Eteia sei eine kretische Stadt. Anaxilaus nennt ihn einen Arkader.

2. Es gedenkt seiner auch Hipponax und drückt sich so aus:

auch Myson, den Apollon den weisesten aller genannt hat.

Aristoxen sagt in seinen zerstreuten Bemerkungen, er sei von Timon und Apemant nicht sehr verschieden gewesen, denn er habe die Menschen gehasst. Als man ihn zu Lakedämon ganz allein stehend lachen sah, (108) und ihn einer unerwartet antrat und fragte: warum er denn lache, ohne dass er jemand sähe? sagte er: eben darum lache ich. Aristoxen sagt auch, er sei deswegen nicht geachtet gewesen, weil er nicht aus einer Stadt, sondern aus einem Dorf, und zwar aus einem unansehnlichen, herstammte. Eben wegen seiner Ungeachtetheit sind einige seiner Sprüche dem Gewaltherrscher Pisistrat beigelegt worden, außer vom Philosophen Platon, denn von diesem wird er im Protagoras erwähnt und statt Perianders gezählt.

3. Er pflegte zu sagen, man müsse nicht aus den Worten die Handlungen, sondern aus den Handlungen die Worte prüfen, denn die Handlungen wären nicht der Worte, sondern die Worte der Handlungen wegen da.

4. Er endigte sein Leben 97 Jahre alt.

Zehntes Kapitel
Epimenides

1. (109) Epimenides war, wie Theopomp und viele andere sagen, ein Sohn des Phästius; andere aber nennen ihn Dosiades’, und noch andere Agesarks Sohn. Er war ein Kreter aus Knossos, hatte aber durch seinen Haarwuchs sein ganzes Äußeres verändert.

2. Er wurde einstmals von seinem Vater zur Schäferei aufs Land geschickt, kam gegen Mittag vom Wege ab und schlief 57 Jahre in einer Höhle. Wie er wieder aufstand, suchte er die Schäferei, weil er nur kurze Zeit geschlafen zu haben glaubte; da er sie nicht fand, ging er aufs Land, fand alles daselbst ganz verändert, und es im Besitz eines anderen. Ganz unschlüssig, was er tun sollte, ging er wieder in die Stadt. Als er hier in sein Haus trat, traf er auf Leute, die ihn fragten, wer er sei, bis er endlich seinen jüngeren Bruder fand, der schon ein alter Mann geworden war und von diesem die wahre Beschaffenheit der Sache erfuhr.

3. Er wurde nun den Griechen bekannt und für einen großen Liebling der Götter gehalten. (110) Als nun die Athener von der Pest aufgerieben wurden und von der Pythia das Orakel bekamen, ihre Stadt zu reinigen, schickten sie ein Schiff unter Nikias, Nikerats Sohn, nach Kreta, um Epimenides einzuladen. Er kam in der 46. Olympiade, reinigte die Stadt und setzte dadurch der Pest ein Ziel. Er nahm weiße und schwarze Schafe und führte sie in den Areopag; hier ließ er sie gehen, wohin sie wollten und befahl den ihnen Nachgehenden da, wo sich ein jedes derselben niederlegen würde, es dem Gott, dem es gebühre, zu opfern. Hierdurch hemmte er das Unglück. Daher kommt es, dass man noch jetzt in den verschiedenen Demen der Athener namenlose Altäre antrifft, welche Denkmäler der damals geschehenen Aussöhnung sind. Einige geben das kylonische Verbrechen als die Ursache der Pest an, womit sie auf die Aussöhnung deuten, dass deswegen zwei Jünglinge, Kratin und Kresibius, sterben müssen, um das Unglück aufhören zu machen. (111) Die Athener bestimmten ihm ein Talent zum Geschenk und ein Schiff, um ihn nach Kreta zurückzuführen. Das Geld nahm er nicht an, stiftete aber ein Schutz- und Trutzbündnis zwischen den Gnossiern und Athenern.

4. Nicht lange nach seiner Heimkehr starb er, wie Phlegon von den Langelebenden schreibt, im 157. Jahre. Wie die Kreter sagen, fehlte ihm an 300 Jahren nur eines, wie aber Xenophan, der Kolophonier gehört haben will, ward er 154 Jahre alt.

5. Er verfertigte ein Gedicht von 5000 Versen über die Abkunft der Kureten und Korybanten und über die Theogonie, ein anderes vom Bau des Schiffes Argo und von Jasons Seefahrt nach Kolchis von 6500 Versen. (112) In Prosa schrieb er auch über die Opfer und über die kretische Staatsverfassung und noch 4000 Verse über Minos und Radamanth.

6. Zu Athen legte er auch den Tempel der ehrwürdigen Göttinnen an, wie der Argeer Lobon in seiner Schrift von den Dichtern sagt. Er soll auch der erste gewesen sein, der Häuser und Felder gereinigt und Tempel angelegt hat.

7. Es gibt einige, die es leugnen, dass er geschlafen habe, sondern sagen, er habe eine Zeitlang in der Irre herumgelaufen, wo er sich mit Wurzelausreißen beschäftigte.

8. Es geht von ihm noch ein Brief an den Gesetzgeber Solon herum, worin die Staatsverfassung beschrieben ist, die Minos den Kretern gegeben hat, aber Demetrius von Magnesia in seiner Schrift von gleichnamigen Dichtern und Schriftstellern sucht diesen Brief als neu zu verwerfen, da er nicht in der kretischen, sondern attischen Mundart und zwar in der neueren, geschrieben sei.

9. Ich habe noch einen anderen Brief gefunden, der so lautet:

Epimenides an Solon.

(113) Sei zufrieden, Freund, denn wenn sich Pisistrat zum Oberherrn der Athener, da sie noch um Lohn dienten und noch keine guten Gesetze hatten, gemacht hätte, so würde er die Herrschaft immer behalten, nachdem er die Bürger zu seinen Sklaven gemacht. Jetzt aber hat er keine schlechten Leute unterjocht, die sich der Anzeige Solons erinnern, über ihre Schande seufzen und sich von einer Gewaltherrschaft nicht lange unterdrücken lassen werden; sondern wenn sich auch Pisistrat der Stadt bemächtigt hat, so hoffe ich doch, dass seine Macht nicht auf seine Kinder kommen wird. Denn es ist schwer zu bewirken, dass an Freiheit gewöhnte Leute, die gute Gesetze haben, Sklaven bleiben. Streife du aber nicht so herum, sondern komm zu uns nach Kreta. Hier wirst du keinen furchtbaren Alleinherrscher finden; wenn dir aber in freien Gegenden seine Freunde wo aufstoßen sollten, so bin ich besorgt, dass dir etwas widriges begegnen könnte. (114) So derselbe.

10. Demetrius schreibt noch, dass einige erzählen, er habe von Nymphen eine Speise bekommen, die er in einer Ochsenklaue aufbewahren solle. Nachdem er diese in kleinen Teilen genommen, so habe er nicht mehr nötig gehabt, etwas zu essen und man habe ihn nie wieder essen gesehen. Dies hat auch Timäus in seinem zweiten Aufsatz gesagt.

11. Einige sagen, dass ihm die Kreter als einem Gott opfern, denn sie behaupten, dass er die tiefsten Einsichten gehabt habe. Wie er die Munychia zu Athen gesehen, soll er gesagt haben, sie wüssten nicht, welches Unglück ihnen dieser Platz verursachen werde, denn sonst würde sie ihn selbst mit den Zähnen auseinanderreißen. Dies sagte er so viele Jahre vorher. Man sagt auch, er habe sich zuerst Aiakus genannt und den Lakedämoniern die Niederlage von den Arkadiern vorausgesagt, auch vorgegeben, dass er mehrmals wieder aufgelebt sei. (115) Theopomp sagt in seinen Wundergeschichten, wie er das Heiligtum der Nymphen angelegt, habe sich eine Stimme vom Himmel herab hören lassen: Epimenides, nicht den Nymphen, sondern dem Zeus! Den Kretern sagte er auch vorher, dass die Lakedämonier von den Arkadern besiegt werden würden, wie schon bemerkt ist. Und dies wiederfuhr ihnen auch bei Orchomen.

12. Er soll in soviel Tagen gealtert sein, als er Jahre geschlafen hatte; auch das sagt Theompomp. Myronian in den Gleichen, schreibt, die Kreter hätten ihn einen Kureten genannt. Seinen Leichnam verwahren die Lakedämonier in ihrem Lande, wegen eines Orakels, wie der Lakonier Sosibius sagt.

13. Es haben aber noch zwei andere Epimenides gelebt, wovon der eine Geschlechtsregister, der andere aber in dorischer Sprache von Rodos geschrieben hat.

Elftes Kapitel
Pherekydes

1. (116) Pherekydes, Badys Sohn, ein Skyrer, hat, wie Alexander in den Folgen sagt, den Pittakus gehört.

2. Er soll, nach Theopomp, über die Natur und die Götter zuerst in griechischer Sprache geschrieben haben. Es werden auch von ihm viel wunderbare Dinge erzählt. Denn da er im Sand am Ufer ging und ein Schiff mit gutem Wind segeln sah, soll er gesagt haben, es werde in kurzem versinken und noch vor seinen Augen sei es versunken. Als er aus einem Brunnen geschöpftes Wasser getrunken, soll er vorausgesagt haben, dass über drei Tage ein Erdbeben kommen werde und dies sei erfolgt. Da er auf einer Reise nach Olympia nach Messene kam, soll er seinem Gastfreund Perilaus geraten haben, von da wegzuziehen mit den Seinigen, der ihm aber nicht folgen wollen; Messene aber ward vom Feind eingenommen.

3. (117) Er soll auch, wie Theopomp in den wunderbaren Geschichten schreibt, den Lakedämoniern gesagt haben, weder auf Gold noch Silber einen Wert zu setzen, denn Herakles habe ihm dies in einem Traum befohlen; und dieser habe in derselben Nacht auch den Königen befohlen, dem Pherekydes zu folgen. Einige legen dies aber dem Pythagoras bei.

4. Hermipp schreibt, bei einem Krieg zwischen den Ephesern und Magnesiern habe er gewollt, dass die Epheser siegen sollten und einen vorbeigehenden gefragt, woher er sei. Da dieser gesagt, von Ephesus habe er ihm gesagt: ziehe mich bei den Beinen fort, und lege mich nieder im magnesischen Gebiet und sage deinen Mitbürgern, sie sollten mich nach dem Sieg daselbst begraben. (118) Dies habe Pherekydes ihm aufgegeben und er habe solches berichtet. Als sie nun am folgenden Tag den Angriff getan, haben sie die Magnesier überwunden, den gestorbenen Pherekydes daselbst begraben und ihm alle mögliche Ehre erwiesen.

5. Einige sagen aber auch, er sei nach Delphi gegangen und habe sich vom korykeischen Berg herabgestürzt. Aristoxen hingegen schreibt in seinem Buch von Pythagoras und dessen Vertrauten, er sei krank geworden und Pythagoras habe ihn in Delos begraben. Noch andere lassen ihn an der Läusesucht sterben. Als damals Pythagoras zu ihm kam und ihn fragte, wie es um ihn stehe, soll er den Finger durch die Tür gesteckt und gesagt haben, das zeigt meine Haut. Und von der Zeit an wird dieser Ausdruck von den Philologen von üblen Dingen gebraucht und die ihn in gutem Sinn gebrauchen, irren. (119) Er sagte auch, die Götter nennten einen Tisch Thyoros.

6. Andron vom Ephes schreibt, dass zwei Pherekydes, beide Skyrer, gewesen, einer ein Astrologe, einer ein Theologe, und ein Sohn des Badys, den auch Pythagoras gehört habe. Eratosthen nennt nur einen und den anderen einen Athener und Genealogen. Es ist von dem Skyrer auch noch ein Buch, das er geschrieben, vorhanden, dessen Anfang ist: Zeus und Chronos sind immer eins, auch Chthon war von Anfang an. Chthon bekam den Namen Ge (Erde), weil ihr Zeus dieselbe zum Geschenk gab. Auf der Insel Skyros ist auch noch eine Sonnenuhr von ihm vorhanden.

7. Duris im zweiten Buch von den Heiligtümern führt folgende Inschrift seines Grabmals an:

(120) Aller Weisheit Ziel war in mir; verlangest du mehr noch, Sag’ es meinem Pythagoras, der von allen der erste Ist in Griechenland, was ich jetzt rede, ist nicht erlogen.

Ion der Chier schreibt dies von ihm:

Mit Bescheidenheit und mit Männergeist geschmückt,

Lebt, geschieden vom Leib, noch sein fröhlicher Geist.

Gleich dem weisen Pythagoras kannt’ er die Sprüche von allen

Sterblichen, hatte sie fest in der Seele gefasst.

Wir haben im pherekratischen Silbenmaß folgendes auf ihn verfertigt:

Berühmt ist Pherekydes, Den Skyros einst geboren.(121) Von Läusen, geht die Sage, Ward ihm die Haut zerfressen. Dagegen wollt er selber, Sie sollten ihn begraben Im Boden der Magnesier, Um Sieg den edlen Bürgern Von Ephesus zu geben. Das war ein Spruch der Gottheit, Den er allein nur kannte, Da er es ihnen aufgab. Bei ihnen starb der Weise. Der war er wahrlich! Wenn es Ein Mensch ist je gewesen. Im Leben war er nützlich, Er war’s noch, schon verschieden. Er lebte um die 59. Olympiade.

8. Folgender Brief ist von ihm.

(122) Dein Tod müsse gut sein, wenn es dein Schicksal ist, dass du sterben sollst. Eine Krankheit hat mich befallen, seitdem ich deinen Brief erhalten habe. Ich bin voller Läuse geworden, und habe ein leichtes Fieber. Ich habe daher meinen Hausleuten befohlen, wenn sie mich begraben haben, dir meine Schriften zu überbringen. Wenn du und die übrigen Weisen sie dessen würdig hältst, so kannst du sie öffentlich bekannt machen; findet ihr sie aber dessen nicht würdig, so mache sie nicht bekannt. Mir habe ich selbst noch kein Genüge getan; denn es ist noch nicht erwiesen, was Wahrheit ist, und ich kann nicht behaupten, dies genau zu wissen. Alles, was man noch über göttliche Dinge vortragen kann, sind nur lauter Mutmaßungen. Ich habe alles in dunkle Ausdrücke eingekleidet. Meine Krankheit wird immer heftiger und ich lasse weder einen Arzt noch meine Freunde vor mich, sondern sie bleiben vor der Tür stehen, und wenn sie fragen, wie es mit mir steht, halte ich den Finger zur Öffnung hinaus, und lasse sie die heftige Plage der Krankheit sehen; wobei ich ihnen sage, sie möchten am folgenden Tage zu Pherekydes Begräbnis kommen.

Dies sind nun diejenigen, welche man Weise nennt, zu welchen einige noch den Gewaltherrscher Pisistrat hinzusetzen. Ich werde aber nun von den Weisheitsfreunden (den Philosophen) reden, und mit der ionischen Philosophie den Anfang machen, deren Ursprung sich von Thales herschreibt, dessen Zuhörer Anaximander gewesen ist.

Zweites Buch
Erstes Kapitel
Anaximander

1. (1) Anaximander, Praxiades Sohn, war ein Milesier.

2. Er sagte, Ursprung und Grundstoff seien das Unendliche, ohne dass er Luft oder Wasser oder sonst etwas bestimmte. Die Teile desselben würden zwar verändert, aber das Ganze sei unveränderlich. Die Erde sei in die Mitte gestellt und nehme den Mittelpunkt ein, sie sei rund. Der Mond habe ein erborgtes Licht und werde von der Sonne erleuchtet; die Sonne aber sei nicht kleiner als die Erde, und sie sei das reinste Feuer.

3. Er erfand auch zuerst den Sonnenzeiger und stellte ihn auf der Sonnenuhr in Lakedämon auf, wie Favorin in seinen vermischten Geschichten schreibt. Er verfertigte auch Werkzeuge, um die Sonnenwenden und Nachtgleichen anzuzeigen, ingleichen zur Stundenbemerkung. (2) Den Umfang der Erde und des Meeres hat er zuerst gezeichnet und auch eine Kugel verfertigt. Die Hauptpunkte seiner Lehren hat er auseinandergesetzt, welche Schrift dem Athener Apollodor in die Hände fiel.

4. Dieser sagt auch in seiner Zeitgeschichte, dass er im zweiten Jahr der 58. Olympiade 64 Jahre alt gewesen und bald nachher gestorben, und dass seine Blüte vorzüglich in die Zeiten des samischen Gewaltfürsten Polikrates falle. Man erzählt, die Knaben hätten ihn beim Singen ausgelacht, und er habe, wie er das gewahr geworden, gesagt: ich werde besser singen müssen, wegen der Knaben.

5. Es gab außer ihm noch einen Anaximander, der ein Geschichtsschreiber war und auch aus Milet kam und in der ionischen Mundart geschrieben hat.

Zweites Kapitel
Anaximen

1. (3) Anaximen[es], Eurystrats Sohn, ein Milesier, hörte Anaximander. Einige sagen, er habe auch den Parmenides gehört. Er machte die Luft und das Unendliche zum Ursprung und behauptete, dass die Sterne sich nicht über, sondern um die Erde bewegten. Er bediente sich der ungekünstelten und ungeschmückten ionischen Mundart. Er wurde, nach Apollodors Bericht, in der 63. Olympiade geboren und starb um die Zeit der Eroberung von Sardes.

2. Es sind noch zwei andere Anaximenes gewesen, beide von Lampsakos, ein Redekünstler und ein Geschichtsschreiber, welcher ein Schwestersohn des Redekünstlers war und Alexanders Taten beschrieben hat.

3. Von unserem Philosophen sind folgende Briefe:

Anaximen an Pythagoras.

(4) Thales ist in einem rühmlichen Alter auf eine unglückliche Weise gestorben. In einer heiteren Nacht ging er, seiner Gewohnheit nach, mit einer Magd aus seiner Wohnung und beobachtete die Sterne, und da er bei seinen Beobachtungen nicht daran dachte, dass er auf einer Klippe stand, so stürzte er hinab. Nun sagen die Milesier: das Ende hat der Himmelsbeobachter genommen! Wir selbst aber, seine Schüler, wollen uns des Mannes nicht allein erinnern, sondern auch noch unsere Kinder und Zuhörer mit seinen Reden unterhalten. Thales soll immer der Anfang unserer Gespräche sein.

4. Und weiter:

Anaximen an Pythagoras.

(5) Du hast den besten Entschluss unter uns gefasst, dass du von Samos nach Kroton gezogen bist, wo du ruhig lebst. Aber die Söhne des Aiakus sinnen nicht nur auf Böses gegen andere, sondern fahren auch fort, die Milesier eigenmächtig zu beherrschen. Den medischen König aber haben wir zu fürchten, doch nicht, wenn wir ihm Steuern bezahlen wollen. Die Ionier indes stehen im Begriff, die allgemeine Freiheit von den Medern mit den Waffen zu erkämpfen. Werden sie besiegt, so ist keine Hoffnung der Rettung mehr für uns. Wie kann also Anaximen seinen Geist mit Himmelsbeobachtungen beschäftigen, da er in Furcht des Todes oder der Knechtschaft sein muss? Du aber bist den Krotonern lieb und wert und auch den anderen Italiern. Aus Sizilien werden ebenfalls Zuhörer zu dir kommen.

Drittes Kapitel
Anaxagoras

1. (6) Anaxagoras, Hegesibuls oder Gubuls Sohn, war ein Klazomenier. Er war Anaximens Zuhörer und legte der Materie zuerst Verstandesvermögen bei, indem er seine Schrift, die in einem angenehmen und prächtigen Stil geschrieben ist, so anfängt: Alle Dinge waren zugleich, nachher kam der Verstand, welcher sie ordnete und davon benannt wurde. Timon schreibt in den Sillen also von ihm:

Drum nennt man Anaxagoras den mächtigen Helden,

Nennt ihn den Verstand; ihm war es Verstand, der plötzlich sich erhob,

Und alles verband, das vorher getrennt war.

2. Er zeichnete sich durch Adel und Reichtum, aber auch durch Geistesgröße aus, denn er überließ sein väterliches Vermögen seinen Verwandten. (7) Da sie ihn nämlich der Sorglosigkeit beschuldigten, sagte er: nun denn, warum sorgt ihr nicht dafür? Zuletzt zog er sich zurück und beschäftigte sich mit Betrachtungen der Natur, ohne sich um Staatssachen zu bekümmern. Als ihm nun einmal einer sagte: Bekümmerst du dich denn gar nicht um dein Vaterland? antwortete er: Sprich gut! Mein Vaterland liegt mir recht sehr am Herzen! wobei er gen Himmel wies.

3. Er soll bei dem Zuge des Xerxes 20 Jahre alt gewesen sein, und sein Leben auf 72 Jahre gebracht haben. Apollodor schreibt in seinen Zeitbüchern, dass er in der 70. Olympiade geboren, und im ersten Jahr der 78. Olympiade gestorben sei. Er fing zu Athen unter Kallias zu philosophieren an, wie er 20 Jahre alt war, schreibt der Phalerier Demetrius in seinem Buch von den Archonten, und er soll sich daselbst 30 Jahre aufgehalten haben.

4. (8) Er behauptete, die Sonne bestehe aus glühendem Eisen und sei größer als die Peloponnes. Andere schreiben dies Tantalus zu. Der Mond, sagte er, sei bewohnt und habe Hügel und Täler. Der Anfang aller Dinge wären kleine, sich ganz ähnliche Teilchen; denn wie das Gold aus Teilstaub bestehe, so sei aus einander ähnlichen Teilchen auch das All zusammengesetzt. Die Vernunft mache den Anfang der Bewegung. Von den körperlichen Teilen nähmen die schweren den unteren Platz ein, wie die Erde, die leichten aber zögen sich in die Höhe, wie das Feuer; Wasser aber und Luft befänden sich in der Mitte. Daher stände auf der Erde, wo sie weit und flach wäre, das Meer, indem die Feuchtigkeiten durch die Sonne verdünnt würden. (9) Die Sterne hätten anfänglich wie ein Gewölbe in der Höhe gestanden, so dass der Pol sich immer der Spitze der Erde gezeigt habe, nachher erst hätten sie die Neigung bekommen. Die Milchstraße sei eine Brechung der Sonnenstrahlen, da die Sterne nicht herableuchtend wären. Die Kometen entständen aus der Zusammenkunft der Planeten, die Strahlen von sich ausließen. Die Sternschnuppen wären Feuerfunken, die von der Luft hin und her geschwankt würden. Die Winde entstünden durch Verdünnung der Luft durch die Sonne. Der Donner sei ein Zusammenstoßen der Wolken, und der Blitz ein Reiben der Wolken aneinander. Das Erdbeben entstehe durch das Drängen der unterirdischen Luft. Lebendige Geschöpfe wären durch Wasser, Wärme und Erde erzeugt und nachher von einander selbst, und zwar die männlichen von der Rechten und die weiblichen von der Linken.

5. (10) Man sagt auch, dass er den Fall des Steins beim Ziegenflusse vorausgesagt und auch gesagt habe, er werde aus der Sonne herunterfallen. Daher habe auch Euripides, der sein Schüler war, im Phaeton die Sonne einen Goldklumpen genannt. Als er zu Olympia angekommen, habe er sich in ein Wildschauer gehüllt hingesetzt, weil es bald regnen würde und dies sei auch erfolgt. Als man ihn gefragt, ob die Berge in Lampsakos einmal wieder Meer werden würden, soll er geantwortet haben: wenn die Zeit nicht vorher aufhört.

6. Als man in fragte, wozu er geboren sei, sagte er, zur Betrachtung der Sonne, des Mondes und des Himmels. Als ihm jemand sagte, du bist der Athener beraubt worden, erwiderte er: nicht ich ihrer, sondern sie meiner. Beim Anblick des Grabmals des Mausolus sagte er: ein kostbar erbautes Grab ist ein Bild in Stein verwandelten Reichtums. (11) Als einer sich für unglücklich hielt, weil er in einem fremden Land sterbe, sagte er: Man findet an allen Orten einen Hinabweg zum Hades.

7. Wie Favorin in seinen vermischten Geschichten erzählt, war er der erste, der öffentlich sagte, Homer habe von Tugend und Gerechtigkeit gedichtet, und zu dieser seiner Behauptung soll sein Freund Metrodor der Lampsaker noch mehr hinzugesetzt haben, der den Dichter auch zuerst in Rücksicht auf Physik studiert haben soll.

8. Anaxagoras hat auch zuerst ein geschriebenes Buch herausgegeben. Silen erzählt im ersten Buch seiner Geschichte, dass unter dem Archon Dimyl ein Stein vom Himmel gefallen; (12) und dass Anaxagoras gesagt habe, der ganze Himmel sei aus Steinen zusammengesetzt, die durch die Schnelligkeit der Bewegungen zusammengehalten würden und wenn diese nachließe, herunterfallen müssten.

9. Von seinem Rechtshandel gehen verschiedene Sagen. Sotion sagt nämlich in seiner Folge der Philosophen, Kleon habe ihn der Unehrfurcht gegen die Götter angeklagt, weil er gesagt habe, die Sonne sei ein Klumpen glühendes Eisen; sein Schüler Perikles habe ihn zwar verteidigt, aber er sei zu einer Strafe von fünf Talenten und zur Landesflucht verurteilt worden. Satyr aber schreibt in den Lebensbeschreibungen, dass Thukydides ihn gerichtlich belangt habe, der ein Gegner des Perikles in Staatssachen war; die Klage habe auch nicht allein seine Unehrfurcht gegen die Götter, sondern zugleich seine medischen Gesinnungen betroffen, und er sei in seiner Abwesenheit zum Tod verurteilt worden.

(13) Als ihm nun zugleich die Verurteilung und der Tod seiner Söhne berichtet worden, soll er, die Verurteilung betreffend, gesagt haben: über sie und über mich hat die Natur selbst schon abgeurteilt; in Rücksicht seiner Söhne aber: ich wusste, dass sie als Sterbliche gezeugt waren. Einige schrieben dies Solon, andere wieder Xenophon zu. Von ihm erzählt der Phalerier Demetrius in seinem Buch vom Alter, dass er seine Söhne mit eigenen Händen begraben habe. Hermipp hat in den Lebensbeschreibungen, dass man ihn lebenslang eingekerkert habe. Nun sei Perikles gekommen und habe gefragt, ob sie seinem Leben Vorwürfe zu machen hätten? Und da sie geantwortet, gar keine; so habe er gesagt: ich bin des Mannes Zögling, lasst euch also nicht durch Verleumdungen hinreißen, den Mann zu töten, sondern folgt mir und lasst ihn los! Worauf er losgelassen worden, er habe aber diese Beschimpfung nicht ertragen können und sich selbst einen Ausweg eröffnet. (14) Hieronymus aber erzählt im zweiten Buch seiner zerstreuten Denkwürdigkeiten, dass ihn Perikles ganz beschmutzt und abgezehrt von einer Krankheit vors Gericht geführt habe, und dass er mehr aus Mitleid, denn aus Rechtsgründen freigesprochen worden. Dies mag genug sein von seinem Rechtshandel. Man hält ihn für den Feind Demokrits, weil er mit ihm nicht zu einer Unterredung kommen konnte.

10. Zuletzt begab er sich nach Lampsakus, wo er starb, und als ihn die Stadtobrigkeit fragen ließ, was sie für ihn noch tun könnten sagte er, sie möchten alle Jahre in seinem Sterbemonat die Kinder zusammen spielen lassen. Dieser Gebrauch wird noch jetzt beobachtet. (15) Nach seinem Tod begruben ihn die Lampsaker sehr ehrenvoll, und setzten ihm die Grabschrift:

Anaxagoras ruht hier, der am weitesten eindrang

In die wahre Natur dieser himmlischen Welt.

Die unsrige auf ihn ist diese:

Anaxagoras ward darob zum Tod verdammet,

Dass er die Sonne genannt einen glühenden Ball.

Ihn befreite sein Freund Perikles, er selber, der Weise,

Ging den sanftesten Gang aus dem Leben hinaus.

11. Es sind noch 3 andere Anaxagoras gewesen, bei deren keinem sich alles fand; der eine war ein Redekünstler aus Isokrats Schule; der andere ein von Antigon erwähnter Bildhauer; der dritte ein Sprachlehrer, aus Zenodots Schule.

Viertes Kapitel
Archelaus

1. (16) Archelaus, ein Athener oder Milesier, Apollodors oder nach einigen Mysons Sohn, Anaxagoras Schüler, war Sokrates’ Lehrer.

2. Er hat zuerst die physische Philosophie aus Ionien nach Athen gebracht, weshalb er der Physiker genannt wurde, weil mit ihm die physische Philosophie aufhörte, da Sokrates die ethische einführte. Doch scheint auch er die ethische schon mit berührt zu haben, denn er philosophierte auch über Gesetze, über Anständigkeit und Gerechtigkeit. Von ihm nahm Sokrates dies an und erweiterte es so, dass er für den Erfinder gehalten worden ist.

3. Er nahm zwei Ursachen der Erzeugung an, Wärme und Kälte, und ließ die lebendigen Wesen aus Schlamm entstehen. Gerechtigkeit und Schändlichkeit, sagte er, bestimme nicht die Natur, sondern das Gesetz. Seine Gründe waren diese: (17) Wenn das Wässerige durch die Wärme flüssig gemacht wird, erzeugt es, insoweit es feurigen Wesens ist, Erde, insoweit es aber herumfließt, Luft; daher wird jene von der Luft, diese aber von der Umgebung des Feuers beschränkt. Die Tiere, sagte er, entstehen aus erwärmter Erde, und der Schlamm gebe ihnen eine der Milch sehr nahekommende Nahrung. Auf solche Art wären auch die Menschen entstanden. Er behauptete zuerst, dass die Stimme durch einen Stoß der Luft entstehe, dass das Meer in den Höhlungen der Erde zusammengehalten werde; dass die Sonne das größte der Gestirne, das All aber unbegrenzt sei.

4. Es sind noch drei andere Archelaus gewesen, ein Erdbeschreiber der von Alexander durchzogenen Länder; ein anderer, der die Naturerzeugnisse jedes Ortes beschrieben, und ein dritter, der über die Redekunst geschrieben habe.

Fünftes Kapitel
Sokrates

1. (18) Sokrates war ein Sohn des Steinmetzes Sophroniskus und der Hebamme Phänarete, wie Platon im Theatet schreibt. Als Athener gehörte er zum alopekischen Demus.

2. Man glaubte, dass er dem Euripides an seinen Dichterwerken helfe, daher sagt Mnesitoch:

Zum neuen Drama des Euripides,

Die Phryger, trug auch Sokrates sein Früchtchen.

Und wiederum:

Euripides, der Sokratesklammerer.

Und Kallias in den Gefesselten:

Ja, du hochmutest jetzt, und prahlst so groß!

Das kann ich auch. Mir hilft ja Sokrates.

Aristophanes in den Wolken:

Euripides, der Trauerspiele dichtet,

Die voll Geschwätz, das ist, voll hoher Weisheit sind.

3. (19) Er hat, wie einige sagen, den Anaxagoras gehört, auch den Damon, wie Alexander in den Folgen sagt. Nach dessen Verurteilung hörte er den Physiker Archelaus, mit dem er, wie Aristoxen sagt, in Liebesverbindung gestanden haben soll.

4. Duris schreibt, er habe auch Sklavendienste getan und Steine gemetzt; und die bekleideten Charitinnen auf der Burg sollen, nach einiger Behauptung, seine Arbeit sein. Daher sagt auch Timon in den Sillen:

Und von ihnen wich ab der Sprecher des Rechtes, der Steinmetz,

Der Hellenenweissager, der feine Denker und Lehrer,

Jener Spöttler, Rhetorenverachter, der überverfeinte Attiker, der Ironiker. –

5. Er besaß auch eine Stärke in der Rhetorik, wie Idomeneus schreibt, aber die Dreißiger untersagten ihm, wie Xenophon berichtet, die Redekust zu lehren. (20) Aristophanes lässt ihn in der Komödie als einen auftreten, der eine schlechte Sache als eine gute vorzustellen weiß. Er war nämlich der erste, wie Favorin in den vermischten Geschichten erzählt, der zugleich mit seinem Schüler Äschines die Kunst des Vortrags lehrte. Eben das sagt auch Idomeneus, in seinem Buch von den Sokratikern. Er hielt auch zuerst Vorträge über das menschliche Leben und war der erste der Philosophen, der zum Tode verdammt und hingerichtet worden. Aristoxen, Spinthars Sohn, sagt auch, dass er Wucher getrieben habe, und das auf Zinsen gegebene Geld mit den Zinsen wieder einzuziehen gewohnt gewesen sei, nach deren Verzehrung er solches wiederum ausgetan habe. Der Byzanter Demetrius schreibt, Kriton habe ihn aus der Werkstatt herausgeholt und ihn unterrichtet, weil er sich in die Anmut seines Geistes verliebt hatte.

6. (21) Nachdem er aber erkannt, dass die Betrachtungen der Natur für uns unnütz wären, habe er über die Ethik sowohl in der Werkstatt, als auf dem Markt philosophiert und gesagt, er untersuche, was uns im Hause zum Wohl und was zum Schaden gereiche.

Er habe es verachtet, wenn er bei seiner Untersuchung oftmals heftiger sprach und man ihm Maulschellen gab und Haare ausraufte und ihn öfters auslachte: das alles soll er geduldig ertragen haben. Als sich jemand wunderte, dass er gelassen bliebe, wie ihn einer mit dem Fuße stieß, sagte er: Sollte ich wohl einen Esel anklagen, der mit dem Fuß nach mir ausschlüge? Das sagt Demetrius.

7. (22) Ins Ausland zu gehen, wie viele andere, hielt er nicht für nötig, es müsste denn ein Feldzug zu tun sein. Die übrige Zeit blieb er immer an einem Ort und unterredete sich ergiebiger mit denen, die sich mit ihm in Unterredungen einließen, nicht, um sie in ihren Meinungen zu widerlegen, sondern um einen Versuch zu machen, dadurch die Wahrheit zu finden. Man erzählt, Euripides habe ihm eine Schrift Heraklits gegeben und ihn gefragt, was ihm davon dünke? Er habe geantwortet: Was ich verstanden habe, ist vortrefflich, und also glaube ich, wird es auch das sein, was ich nicht verstehe; übrigens ist ein delischer Schwimmer dazu nötig. Er hielt auf Leibesübung und hatte einen gutgehaltenen Körper. Er machte den Feldzug nach Amsipolis mit und rettete Xenophon, da er ihn auffing, wie er im delischen Treffen vom Pferde stürzte. (23) Als alle Athener hier flohen, zog er sich langsam zurück, indem er ganz ruhig öfters umwendete und sich gegen die zu wehren suchte, die etwa auf ihn loskommen möchten. Er war auch mit bei dem Seezuge gegen Potidäa, denn der Krieg machte einen Landzug dahin unmöglich. Hier soll er die ganze Nacht hindurch stets eine Stellung beobachtet, und wie er den Preis der Tapferkeit erhalten, diesen dem Alkibiades abgetreten haben, von dem Aristipp im vierten Buch von den Wolllüsten der Alten sagt, dass er von ihm sehr geliebt worden sei. Der Chier Ion sagt, er sei in der Jugend mit Archelaus nach Samos gereist, und Aristotel schreibt, er sei auch nach Pytho gekommen. Favorin im ersten Buch der Denkwürdigkeiten lässt ihn auch nach dem Isthmus reisen.

8. (24) Er war fest in seinen Meinungen und für die Volksregierung, welches daraus sichtbar ist, dass er dem Kritias nicht nachgegeben, wie er die Vorführung des reichen Salaminiers Leon verlangte und ihn hinrichten zu lassen. Er allein hat auch durch seine Stimme die zehn Strategen befreit; und ob er gleich aus dem Kerker entfliehen konnte, hat er’s doch nicht gewollt und den ihn Beweinenden Vorwürfe gemacht und in seinen Fesseln noch die schönsten Unterredungen mit ihnen gehalten.

9. Er war selbstgenügsam und ehrwürdig. Als ihm Alkibiades, nach Pamphilas Erzählung im 7. Buch der Denkwürdigkeiten, einen großen Platz schenkte, um ein Haus darauf zu bauen, soll er gesagt haben: Wenn ich Schuhe nötig hätte, würdest du mir dann auch Leder gegeben haben, um Schuhe daraus zu machen? Und wäre ich nicht lächerlich, wenn ich’s annähme? (25) Oftmals sagte er zu sich selbst beim Anblick der Menge der verkäuflichen Dinge: wieviel Dinge sind doch, die ich nicht nötig habe! Sehr oft pflegte er auch diese Jamben zu wiederholen:

Die silbernen und purpurnen Geräte sind für die Bühne,

nicht fürs Leben nützlich.

Er verachtete auch den Makedonier Archelaus, Skopas Kranonius Sohn, und Euryloch Larisäus Sohn recht sehr, nahm weder Geld von ihnen an, noch ging er zu ihnen und führte eine so wohlgeordnete Lebensart, dass er allein bei den öfteren Seuchen in Athen nicht erkrankte.

10. (26) Aristotel sagt, dass er zwei Frauen gehabt habe, die erste sei Xanthippe gewesen, mit welcher er den Lamprokles gezeugt, die zweite Myrto, eine Tochter Aristides des Gerechten, die er ohne Aussteuer genommen und mit ihr den Sophroniskus und Menexen gezeugt habe. Andere sagen, Myrto sei seine erste Frau gewesen, und noch andere, er habe beide zugleich gehabt, zu welchen Satyr und der Rhodier Hieronymus gehören. Man sagt nämlich: um bei einem Mangel an Männern doch die Volksmenge zu vermehren, hätten die Athener durch einen Volksschluss festgesetzt, dass ein Mann zwar nur eine Bürgerin zur Frau nehmen, aber doch mit einer zweiten solle Kinder zeugen können: das habe nun auch Sokrates getan.

11. Er war auch fähig, die über ihn spottenden zu übersehen; (27) und er hielt sich wegen seiner Genüglichkeit für ehrwürdig. Er forderte gar keinen Lohn und sagte, dass Essen und Trinken schmecke ihm dann am angenehmsten, wenn er am wenigsten Zukost gebrauche und am wenigsten einen Trunk erwarte, den er nicht hätte. Dadurch, dass er die kleinsten Bedürfnisse habe, nähere er sich den Göttern. Dies kann man schon aus den Lustspieldichtern abnehmen, die es nicht wissen, dass sie ihn eben durch das loben, was sie an ihm spöttlich tadeln. So sagt Aristophanes:

O Mensch, du strebst mit Recht nach großer Weisheit,

Um glücklich in Athen und anderwärts zu leben.

Ferner:

Sei eingedenk, und sinne drüber nach,

Es ist was jämmerliches in dem Sinn.

Du wirst nie müde, weder wenn du stehst,

Noch wenn du gehst, auch Winterkälte schmerzt

Dich eben nicht, du fühlst auch keine Gier

Nach Speise, du enthältst dich immerfort

Von Wein und Schmaus und anderm Torenunsinn.

(28) Ameipsias lässt ihn in einem alten Mantel auftreten und drückt sich so aus:

Sokrates, bester von wenigen Menschen,

Albernster unter den meisten, auch du

Kommst auch zu uns her, kannst was vertragen!

Woher wollt’st du ein Wams auch nehmen?

In das Unglück bist du gekommen,

Weil du die Lederschneider verspottet hast.

Wenn ihn auch noch so sehr hungerte, so konnte er’s doch nicht von sich erhalten, zu schmeicheln. Dieses Herabsehen, diesen Hochmut wirft ihm auch Aristophanes in folgenden Ausdrücken vor:

Auf den Straßen schreitest du hoch einher,

Wirfst nur Seitenblicke hochmütig,

Barfuß gehst du, duldest viel Böses,

Und machst immer die heitersten Mienen.

Doch aber fügte er sich zuweilen auch in die Zeiten und zog ein Staatskleid an, wie zum Beispiel, da er nach Platons Gastmahl zum Agathon ging.

12. (29) Er verstand beides, das Anmahnen und Abmahnen zu und von einer Sache. So hat er, wie Platon schreibt, den Theätet bei einer Unterredung von der Wissenschaft ganz begeistert entlassen; den Euthyfron aber, der seinem Vater einen Prozess machen wollte wegen der Fremdheit, brachte er durch eine Unterredung über die Kindespflichten davon ab. Auch den Lysis machte er durch sein Zureden sehr wohlgesittet, da er die Kunst verstand, immer die rechten Worte für jede Sache zu finden. Auch seinen Sohn Lamprokles, der gegen seine Mutter aufgebracht war, lenkte er herum, wie Xenophon erzählt. Platons Bruder Glaukon, der sich Staatsgeschäften widmen wollte, aber kein Geschick dazu hatte, brachte er davon ab, wie ebenfalls Xenophon schreibt, den Charmides im Gegenteil beredete er dazu, weil er Geschick dazu hatte. (30) Dem Feldherren Isikrates flößte er Mut ein, indem er ihm zeigte, wie die Hähne des Scherers Midas gegen die des Kallias mit den Flügeln stritten. Und ihn selbst hielt Glaukonides würdig, die Stadt zu schmücken gleich einem Fasan und Pfau. Er sagte auch, es sei etwas auffallendes, dass ein jeder leicht sagen könne, was er hätte, aber keiner angeben könne, welche Freunde er habe, so sorglos betrüge man sich in Ansehung derselben. Als er sah, dass Euklides sehr gern Streitreden hörte, sagte er: Euklides, du kannst die Sophisten wohl nützen, aber gar nicht die Menschen; denn er hielt, wie Platon im Euthydem sagt, ein unanständiges Gerede über solche Dinge für unnütz.

13. (31) Als ihm Charmides Sklaven schenkte, um damit etwas zu verdienen, nahm er sie nicht an und achtete auch, nach einigen, der Schönheit des Alkibiades nicht.

14. Er lobte die musse als das Schönste aller Güter, wie Xenophon im Gastmahl sagt. Er sagte, es gebe nur ein Gut, das Wissen und nur ein Übel, die Unwissenheit. Reichtum und edle Geburt hätten nichts Ehrwürdiges, im Gegenteil vielmehr alles Böse. Als ihm jemand sagte, Antisthenes habe eine Thrakerin zur Mutter, antwortete er, glaubst du denn, dass von zwei Athenern ein solcher Edler gezeugt werde? Da Phädon als ein Gefangener festsaß, forderte er Kriton zu dessen Befreiung auf und machte einen Philosophen aus ihm.

15. (32) Bei Gelegenheit lernte er auch die Leier spielen und sagte, es sei gar nicht unschicklich, dass man das lerne, was man nicht wisse. Er tanzte auch viel, weil er glaubte, dass diese Leibesübung dem guten Behagen des Körpers zuträglich sei, welches auch Xenophon im Gastmahl erzählt.

16. Er sagte auch, dass ein Dämon ihm das Künftige vorher anzeige, und ein guter Anfang sei zwar nichts Kleines, aber nahe dem Kleinen. Er wisse nichts außer nur dies, dass er nichts wisse. Von denen, welche die Früchte der Jahreszeiten teuer kauften, sagte er, sie wüssten nicht die Zeitigung abzuwarten. Als man ihn fragte, was die Tugend eines Jünglings sei, antwortete er, nicht übers Ziel auszuschweifen. (33) Er sagte, man müsse die Erdmesskunst so weit verstehen, dass man sich sein Land zumessen und es anderen wieder zumessen könne. Als Euripides in seiner Auge von der Tugend sagte:

Am besten ist’s, sie ohne Preis aufzugeben,

stand er auf und ging weg mit den Worten: es sei lächerlich, dass man’s der Mühe wert hielte, einen vermissten Sklaven aufzusuchen, und die Tugend so wolle verloren gehen lassen. Als man ihn fragte, was ist besser, zu heiraten oder nicht, antwortete er, du magst tun, was du willst, du wirst es bereuen. Er müsse sich über die wundern, sagte er, welche Bilder aus Steinen verfertigten, wie sie darauf bedacht wären, dass der Stein dem Urbild am gleichsten werde, aber keine Acht auf sich selbst hätten, dass sie dem Stein nicht zu gleichen schienen. Den Jünglingen riet er, sich immer im Spiegel zu betrachten, und wenn sie hässlich wären, die hässlichkeit durch Kenntnisse zu verbergen. (34) Als er reiche Leute zu Tisch gebeten hatte, und Xanthippe errötete, sagte er, sei nur zufrieden, denn wenn sie bescheidene Leute sind, so werden sie sich in uns schicken, sind sie aber schlecht, nun so haben wir uns nicht um sie zu bekümmern. Er sagte, andere Leute lebten, um zu essen, er esse aber, um zu leben. Von einer unnützen Volksmenge sagte er, es sei damit ebenso beschaffen, als wenn jemand ein Vierdrachmenstück für falsch hielte und doch einen Haufen solcher aufgeschütteten Stücke für gut halten wollte. Als Äschines zu ihm sagte, ich bin arm und habe nichts, darum gebe ich dir mich selbst, antwortete er, merkst du denn nicht, dass du mir das größte Geschenk machst? Zu einem, der verdrießlich darüber war, bei der Anordnung der Dreißiger übersehen worden zu sein, sagte er: Hast du schon etwas zu bereuen? (35) Als ihm einer sagte: die Athener haben deinen Tod beschlossen, antwortete er: und die Natur den ihrigen. Einige aber legten dies dem Anaxagoras bei. Als ihm seine Frau sagte: du hast den Tod nicht verdient! sagte er: wolltest du etwa lieber, dass ich ihn verdient hätte? Es kam ihm im Traum vor, dass einer zu ihm sagte:

An dem dritten Tag gelangst du ins liebliche Phthia.

Worauf er zu Äschines sagte: ich werde am dritten Tage sterben. Als er den Schierling trinken sollte, gab ihm Apollodor einen schönen Mantel, um in denselben eingehüllt zu sterben. Er sagte aber: Wie? Da mir mein Mantel gut genug war, um darin zu leben, warum nicht auch, um darin zu sterben? Als ihm jemand sagte: es hat einer sehr übel von dir gesprochen, antwortete er, der hat nicht gut zu sprechen gelernt. (36) Als Antisthenes den zerrissenen Teil seines Mantels nach der äußeren Seite hinkehrte, sagte er: durch deinen durchlöcherten Mantel sehe ich deine Eitelkeit, glänzen zu wollen. Als ihm einer sagte: wird dir nicht sehr viel Böses nachgeredet? antwortete er: nein, denn das Böse findet sich nicht an mir. Er sagte, man müsse sich den Komikern bloßstellen; denn wenn sie etwas tadelten, das wir an uns hätten, so könnten wir uns dadurch zurechtweisen lassen und wo nicht, nun so ginge es uns nichts an.

17. Als Xanthippe ihn erst ausschimpfte und hernach noch mit Wasser begoss, sagte er; habe ich’s nicht gesagt, dass auf Xanthippes Donner Regen folgen werde? Als Alkibiades zu ihm sagte: Xanthippe ist mit ihrem Geschmähle unausstehlich, erwiderte er: daran bin ich so gewöhnt, wie man das Rollen eines Wagenrads gewöhnt wird. Weiter sagte er: Du hast dich ja auch an Gänsegeschrei gewöhnt? (37) Jener erwiderte: ja, die legen mir Eier und brüten mir Junge aus! Nun denn, gab er zur Antwort, Xanthippe gebiert mir auch Kinder! Als sie ihm einmal auf dem Marktplatz den Mantel weggenommen hatte, so reizten ihn seine Bekannten, dass er sich mit seinen Händen rächen sollte. Beim Zeus, sagte er, wenn wir uns denn mit Fäusten schlügen, so würde der eine von euch rufen: brav! Sokrates! Der andere: brav! Xanthippe! Er sagte, er gehe mit seiner unverträglichen Frau so um wie Reitmeister mit unbändigen Pferden, denn so wie dieselben mit anderen leichter fertig werden könnten, wenn sie diese gebändigt hätten, so würde auch ihm durch den Umgang mit Xanthippe der Umgang mit anderen Menschen leichter.

18. Da er nun so sprach und auch so handelte, so erhielt er von der Pythia das Zeugnis, das sie dem Chärefon in dem allgemein bekannten Orakel erteilt hat:

Von allen Menschen ist Sokrat der weiseste.

(38) Hieraus entstand hauptsächlich der hass gegen ihn, so wie auch dadurch, dass er diejenigen, die sich selbst soviel einbildeten, als unverständige Leute tadelte, wie er unter anderen auch den Anyt, wie Platon im Memon schreibt, getadelt hat. Dieser konnte nämlich die Spöttereien Sokrats nicht ertragen und hetzte zuerst den Aristophanes gegen ihn an und beredete nachher auch den Melit zur Eingebung der Klage gegen ihn, dass er die Götterehrfurcht aus den Augen setze und die Jugend verführe. Melit ward also sein Ankläger. Polyneukt aber trug die Klage im Gericht vor, wie Favorin in seinen vermischten Geschichten erzählt. Der Verfertiger der Rede war, wie Hermipp sagt, der Sophist Polykrat, oder, wie andere wollen, Anyt. Der Volkslenker Lykon hat alles vorbereitet. (39) Antisthenes aber in der Philosophenfolge und Platon in der Schlussschrift sagen, dass er drei zu Anklägern gehabt habe, den Anyt, Lykon und Melit. Anyt habe sich wegen der Volksführer und Staatsleute, Lyon wegen der Redekünstler und Melit wegen der Dichter zu rächen gesucht, die von Sokrates alle bespöttelt worden wären. Favorin aber sagt im ersten Buch der Denkwürdigkeiten, es sei unwahr, dass Polykrat gegen Sokrates eine Rede gehalten habe, denn es komme in derselben die Wiederaufbauung der Mauern durch Konon vor, die erst sechs Jahre nach Sokrats Tod geschehen sei. Und dies verhält sich auch also.

19. (40) Die Beschwörung des Prozesses aber ist diese; denn, wie Favorin sagt, wird sie noch jetzt im Metroon aufbewahrt: Dies ist die Anklage und Übereinkunft Melits, Melits Sohns, des Pitthers, gegen Sokrates, Sophroniskus Sohn den Alopeken: Sokrates handelt unrecht, da er die vom Staat anerkannten Götter nicht anerkennt, sondern andere, und neue Götter einführt, er handelt unrecht, da er die Jugend verdirbt. Er verdient den Tod.

20. Als Lysias eine Verteidigungsrede für ihn aufgesetzt hatte, las sie der Philosoph durch und sagte: die Rede ist zwar schön, Lysias, aber sie ist für mich nicht passend, denn sie war sichtbar mehr juristisch als philosophisch geschrieben. (41) Da nun Lysias sagte: Wie? Wenn die Rede schön ist, kann sie da wohl unpassend für dich sein? Erwiderte er: gibt’s nicht auch schöne Kleider und Schuhe, die doch für mich nicht passen? – Justus der Tiberier hat auch in seinem Stemma geschrieben, dass Platon, da er vor Gericht gezogen worden, die Rednerbühne betreten und gesagt habe: Ich bin der jüngste Athener, von denen, welche die Rednerbühne betreten haben – worauf ihm die Richter zugerufen: steig herab.

21. Da nun 281 Stimmen mehr für seine Verurteilung als für seine Lossprechung waren, und die Richter über die Schätzung des Prozesses sich besprachen, was für eine Strafe er wohl leiden oder was er bezahlen müsse, so schätzte er die Geldbuße auf 25 Drachmen. Eubulides aber sagt, er habe 100 eingestanden. (42) Wie aber die Richter darüber gelärmt hätten, habe er gesagt: Richter, wegen meiner Handlungen verdiente ich die Speisung im Prytaneum. Nun verurteilten sie ihn zum Tode, indem sie noch 80 Stimmen hinzutaten. Er wurde hierauf gefesselt und trank wenige Tage nachher den Schierling, nachdem er noch viele vortreffliche Unterredungen gehalten, die Platon im Phädon verzeichnet hat.

22. Nach einigen hat er auch einen Lobgesang verfertigt, der so anfängt:

Seid gegrüßet Apollo und Artemis, Delier, beide

Hochberühmte Kinder –

Dionysodor sagt, dass der Lobgesang nicht von ihm sei. Er hat auch eine äsopische Fabel gemacht, die aber nicht sehr glücklich ausgefallen, und sich anfängt:

Zu den Bewohnern des hohen Korinth sagt’ einst Äsopus:

Richtet die Tugenden nie nach der Einsicht des Volkes.

23. (43) Er verließ also die Gesellschaft der Menschen. Bald aber bereuten’s die Athener so sehr, dass sie die Kampf- und Ringplätze verschlossen, einige des Vaterlandes verwiesen, den Melit zum Tode verurteilten, den Sokrates aber mit einer kupfernen Bildsäule ehrten, die sie durch Lysipp verfertigen und an dem Platz, wo die Prachtaufzüge gehalten wurden, aufstellen ließen. Den Anyt, der sich auf Reisen befand, verjagten die Herakleoten an demselben Tag aus ihrer Stadt. Die Athener hatten aber nicht allein den Sokrates so übel behandelt, sondern noch sehr viele andere. Denn wie Heraklides sagt, haben sie auch Homer als einen Verrückten um 50 Drachmen gestraft und von Tyrtäus gesagt, er sei wahnsinnig und Astydamas den ersten, nach Äschylus, mit einer kupfernen Bildsäule beehrt. Euripides aber macht ihnen im Palamedes den Vorwurf:

(44) Erwürgt, erwürgt habt ihr den Weisesten, Die Nachtigallenmuse, die nie kränkte.

Dies von dieser Sache. Philochor aber sagt, Euripides sei noch vor Sokrates gestorben, der, wie Apollodor in den Zeitbüchern schreibt, unter Anepsion im 4. Jahr der 77. Olympiade, am 6. Tage des Targelions geboren war, an welchem die Athener ihre Stadt reinigen und an dem auch, nach der Sage der Delier, Artemis geboren sein soll. Er starb im 1. Jahr der 95. Olympiade, 70 Jahre alt, wie Demetrius der Phalerier erzählt. (45) Einige sagen, er sei im 60. Jahr gestorben.

24. Beide haben Anaxagoras gehört, er und Euripides, der auch im 1. Jahr der 75. Olympiade unter Kalliades geboren worden. Es scheint mir aber, dass Sokrates sich auch über die Natur der Dinge unterredet habe, denn er unterredete sich auch über die Fürsehung, wie Xenophon sagt, der doch versichern will, er habe nur allein über das sittliche Betragen der Menschen Vorträge gehalten. Auch Platon in seiner Schutzschrift erwähnt des Anaxagoras und anderer die Natur betreffenden Sätze, die Sokrates verneint und wovon er selbst spricht, doch so, dass er Sokrates alles beilegt. Aristotel schreibt, es sei ein Magier aus Syrien nach Athen gekommen und habe nicht alleine vieles andere an Sokrates getadelt, sondern auch gesagt, dass er eines gewaltsamen Todes sterben werde. (46) Unser Epigramm auf ihn lautet so:

Trinke, mit Zeus nun vereinet, o Sokrates, denn dich erklärte

Gott für weise, der selbst ewige Weisheit ist.

Einmal reichten Athener dir nur den tötenden Schierling,

Selber tranken sie ihn aus dem Munde dir aus.

25. Wie Aristotel im 2. Buch seiner Dichtkunst hat, waren seine Gegner der Lemnier Antiloch und der Zeichenschauer Antphon, so wie von Pythagoras, Kydon und Onatas und vom Homer bei dessen Leben und der vorher genannte Xenophanes nach dem Tode; wie der Koer Amiphimenes von Pindarn, Pherekydes von Thales, der Priener Salar vom Bias; Antimenides und Alkäus vom Pittakus, Sosibius vom Anaxagoras und Timokreon vom Simonides.

26. (47) Von seinen Anhängern aber, die Sokratiker genannt wurden, sind Platon, Xenophon und Antisthenes die vornehmsten. Von den sogenannten Zehn sind die vier ausgezeichnetsten, Äschines, Phaedon, Euklides, Aristipp. Von Xenophon müssen wir zuerst reden, hernach von Antisthenes unter den Kynikern, hierauf von den Sokratikern und dann von Platon, denn von diesem gehen zehn Sekten aus, und er selbst stiftete die erste Akademie. So wird also ihre Folge sein.

27. Es ist noch ein anderer Sokrates gewesen, ein Geschichtsschreiber, der die Fahrt des Argo beschrieben hat; und noch ein anderer, ein Bithyner, war ein Peripatetiker; noch ein dritter dichtete Epigramme und ein vierter war ein Koer, der über die Beinamen der Götter geschrieben hat.

Sechstes Kapitel
Xenophon

1. (48) Xenophon, Gryllus Sohn, war ein Athener aus dem erchischen Demus. Er hat ein seltsames und dabei überaus schönes Ansehen.

2. In einer engen Gasse soll ihm Sokrates einmal begegnet sein, ihn mit Vorhaltung des Stockes vorbeizugehen gehindert und gefragt haben, wo man allerlei Lebensmittel einkaufen könnte? Und auf erhaltene Antwort weiter gefragt haben: wo denn aus Menschen rechtschaffene Männer gezogen würden? Da nun Xenophon stutzte und nichts zu antworten wusste, sagte er zu ihm: So folge mir denn und lerne es. Von der Zeit an war er ein Zuhörer Sokrats.

3. Er hat auch zuerst dessen Vorträge aufgezeichnet und der Welt bekannt gemacht unter dem Titel: Denkwürdigkeiten und er ist auch unter den Philosophen der erste Geschichtsschreiber gewesen.

4. Aristipp sagt im vierten Buch von der Wolllüstigkeit der Alten, er habe den Klinias zärtlich geliebt und von demselben unter anderem gesagt: (49) Ich sehe Klinias mit größerem Vergnügen als sonst alles, was unter den Menschen schön ist. Ich wollte lieber für alles andere blind werden, wenn ich nur den Klinias allein sehen könnte. Ich bin des nachts und im Schlaf traurig, weil ich ihn nicht sehe. Dem Tag und der Sonne bin ich den größten Dank schuldig, weil sie mir den Klinias sichtbar machen.

5. Die Freundschaft des Kyrus erlangte er auf folgende Art: Er hatte einen vertrauten Umgang mit dem Böoter Proxen, einem Schüler des Leontiners Gorgias und Freunde des Kyrus. Als sich dieser zu Sardes bei Kyrus aufhielt, schickte er einen Brief nach Athen an Xenophon und forderte ihn auf, zu ihm zu kommen und Kyrus’ Freund zu werden. Er zeigte Sokrates diesen Brief und bat ihn um Rat. (50) Dieser wies ihn an, den delphischen Gott um Rat zu fragen. Xenophon gehorcht ihm, er kommt zu dem Gott, er fragt nicht ob, sondern wie er zu Kyrus gehen soll? Sokrates verwies ihm dies, riet ihm aber doch, die Reise anzutreten. Er kam zu Kyrus und genoss ebensoviel Freundschaft von ihm, als Proxen. Was im Kriegszug des Kyrus und bei dem Rückzug der Griechen geschehen ist, erzählt er selbst ausführlich.

6. Um die Zeit dieses Feldzugs lebte er in Feindschaft mit einem Pharsalier Menon, der eine Schar fremdes Kriegsvolk anführte, diesem machte er den schimpflichen Vorwurf, er missbrauche Lieblinge, die älter wären als er selbst. Von einem gewissen Apollonides sagte er schimpflich, seine Ohren wären ihm durchbohrt.

7. (51) Nach dem Kriegszug mit Kyrus, nach dem Verlust in der Landschaft Pontus und nach dem treulosen Verfahren des ordrysischen Königs Seuthes kam er nach Asien zu dem lakedämonischen König Agesilaus und übergab ihm das Kriegsvolk, das in Kyrus Sold gestanden hatte. Er stand in ganz ausnehmender Freundschaft bei ihm. Um diese Zeit wurde er, weil er den Lakedämoniern allzusehr zugetan war, von den Athenern aus dem Vaterland verbannt. Zu Ephes gab er die Hälfte von dem Geld, das er bei sich hatte, Megabyz, einem Priester der Artemis, bis zu seiner Rückkehr in Verwahrung; käme er nicht wieder zurück, so sollte er ein Bild daraus gießen lassen und der Göttin als Geschenk aufstellen. Von der anderen Hälfte schickte er Geschenke in den Tempel zu Delphi. Von da kam er mit Agesilaus nach Griechenland, wohin dieser zum Krieg wider die Thebaner berufen war. Die Lakedämonier erteilten ihm das Recht der öffentlichen Gastfreundschaft.

8. (52) Hier verließ er den Agesilaus und kam nach Skillus, einem Landhaus in Elea, welches nahe bei der Stadt lag. Seine Gattin Philesia folgte ihm dahin, wie der Magnesier Demetrius sagt, desgleichen seine beiden Söhne Gryllus und Diodor, wie Dinarch in einer Schrift wider ihn meldet. Sie wurden auch die Dioskuren genannt. Als Megabyz bei Gelegenheit der feierlichen Versammlung dahin kam und das Geld mitbrachte, kaufte er ein Landgut und widmete es der Göttin. Durch dasselbe floss der Selin, der mit einem Fluss bei Ephesus den gleichen Namen führt. Hier brachte er seine Zeit mit der Jagd, mit Bewirtung seiner Freunde und mit Abfassung seiner Geschichtsbücher zu. Nach Dinarchs Bericht haben ihm die Lakedämonier auch ein Haus und Land gegeben. (53) Ja, der Spartaner Philopidas soll ihm Sklaven, die von Dardannus gefangen weggeführt worden, als ein Geschenk dahin geschickt haben, um sie nach seinem Gefallen zu gebrauchen. Man sagt aber auch, dass die Eleer, als sie wider Skillus anzogen und die Lakedämonier nicht bald genug ankamen, das Landgut zerstört hätten.

9. Von diesem wären Xenophons Söhne mit wenigen Leuten ihres Hauses nach Lepreum entronnen, er selbst sei erst nach Elis, alsdann nach Lepreum zu den Söhnen und von da mit ihnen nach Korinth glücklich entkommen und habe sich daselbst wohnhaft niedergelassen.

10. Als um diese Zeit die Athener den Schluss fassten, den Lakedämoniern Hilfe zu leisten, schickte er die Söhne nach Athen, um für die Lakedämonier mit zu fechten. (54) Sie waren ja zu Sparta erzogen worden, wie Diokles in den Leben der Philosophen sagt. Was den Diodor anbelangt, so ist er, ohne etwas Ruhmwürdiges verrichtet zu haben, aus der Schlacht unverletzt zurückgekommen und hat einen Sohn gehabt, der mit seinem Bruder einen Namen führte. Gryllus hingegen stand bei der Reiterei (es war das Treffen bei Mantinea), focht mit großer Tapferkeit und blieb auf dem Platz, wie Ephor im 25. Buch berichtet, da Kesisodor die Reiterei und Agesilaus die ganze Armee anführte. In diesem Treffen blieb auch Epaminondas. Man sagt, Xenophon habe eben mit einem Kranz auf dem Haupt geopfert, als ihm der Tod seines Sohns berichtet worden und daher den Kranz abgenommen; denselben aber wieder aufgesetzt, da er versichert worden, dass er heldenmäßig gestorben sei. (55) Einige fügen hinzu, er habe auch nicht geweint, sondern gesagt: ich wusste ja, dass ich einen Sterblichen gezeugt hatte. Wie Aristotel meldet, haben überaus viele dem Gryllus teils aus Hochachtung gegen ihn, teils auch dem Vater zu Gefallen, Lob und Grabschriften aufgesetzt. Ja, Hermipp sagt im Buch von Theophrast, dass auch Sokrates auf Gryllus eine Lobrede geschrieben. Timon aber bespöttelt ihn in folgenden:

Schwächliche Zweiheit der Reden und Dreiheit, ja weiter und weiter,

so wie Xenophon schrieb, und Äschines selbst, der geübte.

11. So hat Xenophon sein Leben geführt. Er blühte ums 4. Jahr der 94. Olympiade und zog, als Xenänet Archon war, ein Jahr vor Sokrates Tode, mit Kyrus zu Felde. (56) Im 1. Jahr der 105. Olympiade, als Kallidemides Archon war, unter welchem auch Philipp, Amyntas’ Sohn, die Regierung über Makedonien antrat, hat er, wie der Athener Stesiklides in dem Verzeichnis der Archonten und olympischen Sieger meldet, sein Leben in einem sehr hohen Alter zu Korinth beschlossen, welches auch der Magnesier Demetrius bezeugt.

12. Er war ein rechtschaffener Mann, ein Liebhaber der Pferde und der Jagd und in der Kriegskunst sehr erfahren, wie aus seinen Schriften am Tage liegt. Er verehrte die Götter, opferte gern und wusste von den Opfern wohl zu urteilen. Sokrates’ Beispiel befolgte er eifrig.

13. Er hat an vierzig Bücher geschrieben, die einige auf diese, andere auf andere Weise abteilen. (57) Den Feldzug des Kyrus, wo er jedem Buch einen Eingang vorgesetzt hat, nicht aber dem Ganzen; die Kyropädie, die griechische Geschichte, die sokratischen Denkwürdigkeiten, das Gastmahl der Philosophen, das Haushaltungsbuch, ein Buch von der Pferdezucht, von der Jagd, von der Anführung der Reiterei, die Schutzschrift für Sokrates, von den Einkünften, den Hieron oder das Königsbuch, den Agesilaus und die Staatsverfassung der Athener und Lakedämonier, welche der Magnesier Demetrius aber für keine Schrift Xenophons halten will. Man sagt, er habe die verborgen liegenden Bücher des Thukydides wohl heimlich entwenden können, habe sie aber zu dessen Ruhm ans Licht gebracht.

14. Wegen der Anmut seines schriftlichen Vortrags wurde er die attische Muse genannt, daher auch zwischen ihm und Platon eine Eifersucht entstand, wie wir in der Nachricht von Platon zeigen werden. (58) Wir haben auf ihn folgende Epigramme gemacht:

Xenophon zog um Kyrus allein nicht gegen die Perser,

sondern er suchte den Weg, der ihn führte zu Zeus.

Als ein Grieche tat er der Griechen würdige Taten,

zeigte, dass Sokrates ihn echte Weisheit gelehrt.

Ein anderes auf seinen Tod:

Haben dich, Xenophon, auch des Kranaus Bürger und Kekrops

Bürger verdammet zur Flucht, weil du Kyrus geliebt,

So nahm dich Korinth, die Gastliche, gern zum Bewohner,

und sie behagte dir so, dass du sie nimmer verließst.

15. (59) Ich habe anderswo gefunden, dass er um die 89. Olympiade nebst anderen Sokratikern geblüht habe. Isirus berichtet, dass Gubul den Schluss des Volks von seiner Verbannung abgefasst habe und dass er durch eben denselben wieder zurückberufen sei.

16. Es hat sieben Xenophons gegeben: der erste ist der Gegenwärtige; der andere war auch ein Athener, ein Bruder Nikostrats, der die Theseide gedichtet hat, er hat unter andern auch das Leben des Epaminondas und Pelopidas’ beschrieben. Der dritte ist ein koischer Arzt; der vierte der Verfasser der Geschichte Hannibals; der fünfte hat über Sagen von Wundergeschichten geschrieben. Der sechste war ein parischer Bildhauer und der siebente ein Dichter der alten Komödie.

Siebentes Kapitel
Aeschines

1. (60) Aeschines war ein Sohn Charins, des Knackwurstmachers. Andere nennen den Athener Lysanias seinen Vater. Er war von Jugend auf arbeitsam.

2. Daher ging er auch von Sokrates nicht weg, der deswegen zu sagen pflegte: der Sohn des Knackwurstmachers allein weiß uns zu schätzen. Er war es, wie Idomeneus sagt, der dem Sokrates im Gefängnis zur Flucht riet, nicht Kriton, welchem Platon diese Sache deswegen zugeschrieben habe, weil dieser ein größerer Freund Aristipps war.

3. Man gab Äschines Schuld, und vornehmlich tut dies der Eretrier Menedem, dass er die meisten Unterredungen des Sokrates, die er durch Xanthippe erhalten, unterschlagen habe. Und von diesen sind die sogenannten kopflosen sehr nachlässig hingeschrieben, und in ihnen findet sich das kraftvolle des sokratischen Vortrags nicht. Von diesen sagt aber auch der Ephesier Pisistrat, sie wären nicht von Äschines. (61) Von den sieben Unterredungen sagt Perseus, wären die meisten von dem Eretrier Pasiphon und nur den äschinischen beigefügt; aber auch den jüngeren Kyrus, den kleinen Herakles, den Alkibiades des Antisthenes und die der übrigen hat er sorgfältig untersucht. Sieben der äschinischen Unterredungen haben den sokratischen Charakter, die erste ist Militiades (die daher etwas einfacher geschrieben ist); dann Kallias, Axioch, Aspasia, Alkibiades, Telauges, Rinon. Man erzählt, dass er aus Mangel nach Sizilien zu Dionys gereist sei, wo ihn Platon zwar übersehen, Aristipp aber empfohlen habe. Er habe hier einige Unterredungen gehalten und Geschenke bekommen.

4. (62) Als er nach Athen wieder zurückgekommen war, habe er’s nicht gewagt, Weisheit zu lehren, weil damals Platon und Aristipp den größten Beifall hatten. Doch soll er für Bezahlung Vorträge gehalten haben. Er schrieb nachher auch Schutzschriften für Unrechtleidende; daher soll Timon von ihm gesagt haben:

Nicht überredend schrieb auch Äschines.

Sokrates soll auch zu ihm gesagt haben, da er äußersten Mangel litte, er borge von sich selbst, da er sich die Lebensmittel entzöge.

5. Aristipp soll auch seine Unterredungen in Verdacht gehabt haben, und da er sie zu Megarä vorlas, soll er ihm spöttelnd gesagt haben: woher hast du das? Räuber!

6. (63) Der Mendäer Polikrit schreibt auch im ersten Buch von Dionys, dass er bis zur Verjagung dieses Gewaltherrschers bei demselben gelebt habe, bis Dion nach Syrakus zurückgekommen sei. Auch der Komödiendichter Karkin, schreibt er, hielt sich bei ihm auf. Es geht auch ein Brief des Dichters an Dionys herum.

7. Er war auch in der Redekunst ziemlich geübt, wie die Verteidigung des Feldherrn Phaiax des Baters zeigt, in welcher er sich hauptsächlich den Leontiner Gorgias zum Muster genommen. Lysias hat auch gegen ihn eine Rede mit der Überschrift: »Von der Verleumdung« geschrieben, woraus man sieht, dass er auch ein Redekünstler war. Als sein Vertrauter wird vorzüglich ein Aristoteles mit dem Beinamen »die Sage« genannt.

8. (64) Von allen sokratischen Unterredungen hält Panätius die von Platon, Xenophon, Antisthenes und Äschines für echt; zweifelhaft ist er in Ansehung derer von Phaedon und Euklides; alle übrigen verwirft er.

9. Es haben acht verschiedene Äschines gelebt. Der erste ist der unsrige, der zweite ist der Verfasser der Anweisung zum Rednervortrag, der dritte ist der Redner, der gegen Demosthenes aufgetreten ist; der vierte war ein Arkadier und Isokrats Schüler; der fünfte war ein Mitylener, die Retorengeißel genannt; der sechste war ein Neapolit und akademischer Philosoph, ein Schüler und Lustknabe des Rodiers Melanth; der siebte ist ein Milesier und hat von Staatssachen geschrieben, und der achte ist ein Bildhauer.

Achtes Kapitel
Aristipp

1. (65) Aristipp war von Abkunft ein Kyrener, der aber, wie Äschines sagt, wegen des Ruhms des Sokrates nach Athen kam.

2. Er war, wie der Peripatetiker Phanias von Ephes schreibt, von den Sokratikern der erste, der sich für seinen Unterricht in der Weisheit bezahlen ließ und seinem Lehrer das Geld überschickte. Als er ihm aber einst 20 Minen schickte, erhielt er sie wieder zurück, und Sokrates ließ ihm sagen, sein Dämon lasse das nicht zu. Dies nahm er sehr übel. Xenophon war sein Feind, daher hat dieser auch Sokrates seine Unterredung von der Wolllust gegen Aristipp halten lassen. Er war’s aber nicht allein, sondern auch Theodor in der Schrift von den Sekten hat ihn übel mitgenommen, so wie auch Platon in der Unterredung über die Seele, wie wir anderswo gesagt haben.

3. (66) Er war im Stande, sich nach Ort, Zeit und Gesicht zu richten und jede äußere Gestalt anzunehmen. Daher fand er auch bei Dionys vor allen anderen vorzüglichen Beifall, da er alles, was ihm aufstieß, gut aufnahm. Er genoss die Vergnügungen, die sich ihm darboten und jagte denen nicht mühsam nach, die er nicht vor sich sah. Deswegen nannte ihn Diogenes den königlichen Hund; Timon aber benagt ihn als einen weichlichen Lüstling mit folgenden Worten:

Gleich dem lügenumfassenden Heuchelgesicht Aristippus.

Man erzählt, er habe einstmals befohlen, ein Rebhuhn für 50 Drachmen zu kaufen, und als er deswegen getadelt worden, habe er gesagt: Du kauftest es wohl nicht für einen Obol? Da ihm der andere nun sagte: O ja! erwiderte er: Nun, diese 50 Drachmen sind mir ein Obol. (67) Als ihm Dionys drei Lustdirnen vorstellte und eine davon auszuwählen aufforderte, führte er sie alle drei weg und sagte: Auch für Paris war es nicht gut, dass er einer den Vorzug gab. – Er soll sie aber nur ins Vorzimmer geführt und da von sich gelassen haben. So verstand er das Annehmen und Nichtachten. Daher soll Straton, oder nach anderen Platon, zu ihm gesagt haben: Dir allein ist’s gegeben, eine Chlamys und einen Bettelrock zu tragen. – Als Dionys ihn anspuckte, duldete er’s, und sagte, als ihm einer dies vorwarf: Die Fischer lassen sich vom Meer bespritzen, um einen Kobius zu fangen, und ich sollte mich nicht mit Speichel befeuchten lassen, um einen Blennus zu erhaschen?

4. (68) Der kohlwaschende Diogenes verspottete ihn, als er vor ihm vorbeiging und sagte: Wenn du so etwas essen gelernt hättest, so liefst du nicht an die Höfe der Gewaltherrscher. Er antwortete: Und du würdest keinen Kohl waschen, wenn du gelernt hättest, mit Menschen umzugehen. Als man ihn fragte, welches die vorzüglichsten Vorteile wären, die ihm die Philosophie gebracht habe, antwortete er: Dass ich mit allen Menschen umzugehen im Stande bin. Als man ihn tadelte, dass er soviel Aufwand in seiner Lebensart machte, sagte er: Wäre das etwas Böses, so geschähe es nicht an den Festen der Götter. Als man ihn fragte, worin die Philosophen den Vorzug hätten, sagte er: Wir könnten doch in Gesellschaft leben, wenn auch alle Gesetze aufgehoben würden. (69) Als ihn Dionys fragte, warum die Philosophen an die Türen der Reichen kämen, aber die Reichen niemals an die Türen der Philosophen, antwortete er: Die Philosophen wissen, was ihnen fehlt, die Reichen aber nicht. Als ihm Platon seine kostbare Lebensart vorwarf, fragte er ihn: Hältst du Dionys für gut? und als er das bejahte, erwiderte er ihm: Der lebt aber noch viel köstlicher als ich! Man kann beides: gut und köstlich zugleich leben. Als man ihn fragte, worin die Gebildeten von den Ungebildeten verschieden wären, sagte er: Eben darin, worin zugerittene Pferde von ungebändigten verschieden sind. Als er einstmals ins Haus einer Lustdirne ging und ein junger Mensch, der eben bei ihm war, rot wurde, sagte er: Das Hineingehen ist nicht schwer, aber nicht wieder herausgehen können, das ist’s! (70) Als ihm jemand ein Rätsel zur Auflösung vorlegte, sagte er: Tor, warum soll ich das lösen, was gebunden uns Mühe macht? Besser ist’s, ein Bettler sein, als ungebildet, denn jenem fehlt es nur an Geld, diesem aber an Menschheit. Als ihn einer schimpfte, ging er weg, und als ihm der andere nachging und sagte: Was läufst du weg? antwortete er: Du hast die Freiheit zu schmähen und ich, dich nicht anzuhören. Als ihm einer sagte, dass er die Philosophen immer vor den Türen der Reichen sähe, sagte er: Sind die Ärzte nicht auch vor den Türen der Kranken, und deswegen wählt doch keiner, lieber krank als ein Arzt zu sein. (71) Als er auf der Fahrt nach Korinth einen Sturm litt, geriet er in Furcht, worauf einer zu ihm sagte: Wir ungelehrte Leute fürchten uns nicht, und ihr Philosophen wollt zittern? Er antwortete: Es ist nicht einerlei Leben, weswegen ein jeder von uns zittert. Als einer hochmütig darüber war, dass er viele Kenntnisse habe, sagte er: So, wie diejenigen, welche viel essen und sich viel auf Übungsplätzen üben, keine vorzüglichere Gesundheit haben, als die, welche nur das, was erforderlich ist, tun, so sind auch die keine Gelehrten, die viel, sondern die viel Nützliches wissen. Zu einem Redner, der eine Prozesssache für ihn durchgesetzt und gewonnen hatte und ihm nachher sagte: Was hat dir nun Sokrates genützt? sagte er: Dieses, dass das wahr ist, was du von mir gesagt hast. (72) Seiner Tochter Arete gab er den besten Unterricht, da er sie dazu gewöhnte, den Überfluss zu verachten. Als ihn einer fragte, welchen Vorzug sein gebildeter Sohn denn habe, sagte er: Wenn er auch keinen anderen hat, so hat er doch den, dass im Theater nicht ein Stein auf dem anderen sitzt. Als ihm einer seinen Sohn vorstellte, verlangte er 500 Drachmen, da jener antwortete: Für soviel Geld kann ich mir einen Sklaven kaufen, sagte er: Kauf ihn, so hast du zwei. Von seinen Freunden sagte er, nehme er nur deswegen Geld an, damit sie lernen möchten, wozu man das Geld gebrauchen müsse, nicht, um es selbst zu gebrauchen. Als ihm einer den Vorwurf machte, dass er für Geld einen Redner bei einer Prozesssache angenommen habe, antwortete er: Wenn ich ein Gastmahl anstelle, bezahle ich da nicht auch den Koch? (73) Als ihn Dionys einstmals zwang, etwas aus der Philosophie zu sprechen, sagte er: Es ist lächerlich, wenn du von mir forderst, was gesprochen werden soll und mich selbst lehren musst, wann ich sprechen soll. Wie Dionys darüber unwillig wurde und ihm sich unten an zu setzen befahl, sagte er: Du hast diesen Platz zum ehrenvolleren machen wollen. Als einer sich rühmte, dass er schwimmen könne, sagte er: Schämst du dich nicht, damit groß zu tun, was ein Delphin kann? Als man ihn fragte, worin ein weiser Mann von einem nicht weisen verschieden sei, sagte er: Schicke beide nackend zu Unbekannten, so wirst du es erfahren. Als sich einer rühmte, dass er viel trinken könne, ohne betrunken zu werden, sagte er: Das tun Maulesel auch. (74) Als ihm jemand den Vorwurf machte, dass er einer Lustdirne beiwohne, sagte er: Ist ein Unterschied darin, dass man in einem Haus wohnt, in welchem schon viele gewohnt haben, oder worin noch keiner gewohnt hat? Wie jener Nein sagte, fragte er weiter: Ist ein Unterschied darin, dass man in einem Schiffe schifft, worin schon Tausende, oder worin noch keiner geschifft hat? Auf die Antwort Nein sagte er: So ist auch kein Unterschied darin, ob man mit einer Weibsperson lebt, womit schon viele, als womit noch keiner gelebt hat. Als ihm einer den Vorwurf machte, dass er als ein Schüler des Sokrates Geld nehme, sagte er: Das tu ich! Auch Sokrates, wenn man ihm Lebensmittel und Wein schickte, nahm einiges davon an und schickte das übrige zurück, denn er hatte die ersten in Athen zu Schaffnern; ich aber habe nur den für Geld gekauften Eutychydes. – Er hatte auch Umgang mit der Lustdirne Lais, wie Sotion im 2. Buch seiner Folgen sagt. (75) Als man ihn deswegen tadelte, sagte er: Ich halte Lais fest, aber sie mich nicht; denn Vergnügungen haben, ohne sich davon überwältigen zu lassen, ist fürtrefflich, nicht aber, sie gar zu genießen. Als ihm einer seinen köstlichen Tisch vorwarf, sagte er: Du hättest das wohl nicht für 3 Obolen gekauft? und da der andere dies zugestand, erwiderte er: Ich bin also kein solcher Freund des sinnlichen Vergnügens, wie du ein Geldfreund bist. Als ihm Simus, der Schaffner Dionys’, kostbare Zimmer, die mit Marmor gepflastert waren, zeigte, hustete er auf und spie ihm ins Gesicht, und wie dieser aufgebracht darüber wurde, sagte er »Ich sah hier keinen schicklichen Platz dazu. – Simus war nämlich ein Phrygier und ein schlechter Mensch. (76) Als Charondas, oder nach anderen, Phaedon sagte: Wer ist der Salbendufter? antwortete er: Ich, der Unglückliche, und noch unglücklicher als ich ist der Perserkönig. Hüte dich aber, dass der Mensch dadurch nicht so herabgesetzt werde, wie keines der übrigen Tiere. Möchten die verfluchten Unzüchtlinge doch aufs schändlichste umkommen, die unsere schönen Duftsalben in den übelsten Ruf bringen! Als man ihn fragte, wie Sokrates gestorben sei, sagte er: Wie auch ich zu sterben wünschte. Als der Sophist Polyxen einstmals in sein Haus kam und die Mädchen und den köstlichen Tisch sah und ihn deswegen tadelte, schwieg er einige Zeit; dann sagte er: Könntest du wohl heute hier bei uns bleiben? und auf die bejahende Antwort (77) erwiderte er: Was tadelst du denn? Du scheinst nicht die Gerichte, sondern den Aufwand zu tadeln. – Als ein Bedienter Geld trug und es ihm unterwegs zu schwer wurde, sagte er, wie Bion in seinen Unterhaltungen schreibt: Wirf davon weg, was zuviel ist und trag, was du kannst. Als er sich auf einem Fahrzeug befand und bemerkte, dass es ein Raubschiff sei, nahm er sein Gold, zählte es und warf es, als geschähe es unversehens, ins Meer, wobei er seufzte. Einigen Berichten nach soll er dabei gesagt haben: Besser ist’s, dass dies für Aristipp, als dass Aristipp für dieses zugrunde geht. Als Dionys ihn einst fragte, weswegen er käme, sagte er: Um von dir zu bekommen, was du hast und dir zu geben, was du nicht hast. (78) Andere sagen, er habe geantwortet: Da ich Weisheit nötig hatte, ging ich zu Sokrates, und da ich Geld nötig hatte, komme ich zu dir. Er tadelte die Menschen, dass sie beim Ankauf die Geräte genau untersuchten, ihr Leben aber nur so obenhin untersuchten. Andere legen dies dem Diogenes bei. Als Dionys bei einem Trinkgelage befahl, dass jeder in einem purpurnen Kleid tanzen solle, soll Platon sich dessen geweigert und gesagt haben: Unmöglich wär es mir, ein Weiberkleid zu tragen. Aristipp hingegen soll es angezogen, und da er im Begriff war zu tanzen, sehr treffend gesagt haben: Auch die Bachantenlust verdirbt den nimmer, der mit Weisheit sie genießt.

(79) Als er Dionys einst für einen Freund bat und nichts erlangte, fiel er ihm zu Füßen, und als ihn einer deshalb verspottete, sagte er: Das ist mir nicht vorzuwerfen, sondern Dionys, der das Gehör in den Füßen hat. Als er sich in Asien aufhielt, und vom Satrapen Artafernes gefangen genommen wurde, sagte ihm einer: Behältst du in dieser Lage noch Mut? – Wie soll ich das jetzt nicht vorzüglich tun, du Tor, antwortete er, da ich den Artafernes zu sprechen bekommen werde! – Diejenigen, welche nur an den gewöhnlichen Lehrgegenständen sich genügten und die Philosophie vernachlässigten, verglich er mit den Freiern der Penelope, welche Melantho, Polydora und andere Mägde gehabt hätten und eher alle als die Gebieterin selbst heiraten können. (80) Ein ähnliches findet sich von Ariston. Als Odys­seus in den Hades hinabgestiegen war, habe er fast alle Verstorbene gesehen und mit ihnen gesprochen, die Königin selbst aber nicht zu Gesicht bekommen. Als Aristipp gefragt wurde, was gute Knaben lernen müssten, antwortete er: Was ihnen nützlich ist als Männern. Als ihm jemand den Vorwurf machte, dass er von Sokrates zu Dionys gegangen sei, antwortete er: Als ich zu Sokrates ging, hatte ich Unterricht nötig, und zu Dionys gehe ich, weil ich Erholung nötig habe. Da er sich durch seinen Umgang Güter erworben, sagte Sokrates zu ihm: Woher hast du so vieles? Er antwortete: Woher du so wenig hast. (81) Als ihm eine Lustdirne sagte, sie sei von ihm schwanger, antwortete er: Das weißt du ebensowenig, als du sagen könntest, von welchem Dorn du gestochen worden seist, wenn du durch ein Dornengebüsch gegangen bist. Als ihm einer den Vorwurf machte, er habe seinen Sohn verstoßen, als sei er dessen Vater nicht, gab er zur Antwort: Auch Schleim und Läuse erzeugen sich bekanntlich von uns, wir werfen sie aber weit von uns, weil sie nichts taugen. Als er von Dionys Geld bekam, da Platon nach dem Buch griff, sagte er, wie ihm solches vorgeworfen wurde: Ich brauche Geld, und Platon braucht Bücher. Als ihn einer fragte, warum er von Dionys angefahren werde, sagte er: Eben darum, warum dir es andere tun. (82) Er bat Dionys um Geld. Dieser sagte: Ein Weiser hat ja nichts nötig. Er erwiderte: Gib mir nur, hernach wollen wir’s untersuchen. Da er’s ihm nun gab, sagte er: Siehst du nun wohl, dass ich’s nicht nötig habe? Als Dionys zu ihm sagte:

Wer hin zu einem Herrscher reitet, ist,

kommt er als Freier, doch desselben Sklave,

erwiderte er:

Kommt er als Freier, wird er nie ein Sklave.

Dies erzählt Diokles in den Leben der Philosophen. Andere erzählen es von Platon. Er war wider Äschines aufgebracht, sagte aber bald: Wollen wir uns nicht zusammen aussöhnen? Wollen wir der Neckerei kein Ende machen? Wartest du etwa, bis ein Geck, mit dem Becher kommend, uns versöhnt? – Gern, sagte jener. – (83) Nun, so denke dran, sagte Aristipp, dass ich, der ich älter bin, zuerst bin zu dir gekommen! Äschines sagte: Bei der Hera! Das ist brav gesprochen, du bist viel besser denn ich! Ich machte mit der Feindschaft, du aber mit der Freundschaft den Anfang. – Dies wird ihm zugeschrieben.

5. Es haben aber vier Aristippe gelebt: derjenige, von welchem hier die Rede ist, ein zweiter, der von Arkadien geschrieben hat; ein dritter war ein Schüler seiner Mutter, die eine Enkelin des ersten von seiner Tochter war, und der vierte gehörte zur neuen Akademie.

6. Dem kyrenäischen Philosophen aber werden folgende Bücher zugeschrieben: 3 Bücher von der libyschen Geschichte, die er Dionys zugesandt. 1 Buch, das 25 Unterredungen enthielt, teils in attischer, teils in dorischer Mundart, nämlich: (84) Artabaz; an die Schiffer; an die Landesflüchtigen; an den Armen; an Lais; an Porus; an Lais vom Spiegel; Hermeias; der Traum; an den Becherfreund, Philomel; an die Hausleute; an seine Tadler, dass er alten Wein und Lustdirnen habe; an seine Tadler, dass er köstlich speise; ein Brief an seine Tochter Arete; an den, welcher sich zu den olympischen Spielen übte; die Frage; eine andere Frage; eine Chrie an Dionys; eine andere vom Bilde; eine andere von Dionys’ Tochter; an einen, der beschimpft zu sein glaubte; an einen, der Rat geben wollte. Einige sagen, er habe auch 6 Bücher Unterhaltungen geschrieben, andere, zu welchen der Rhodier Sosikrat gehört, sagen, er habe gar nichts geschrieben. (85) Aber nach Sotion im 2. Buch und nach Panätius sind seine Schriften die folgenden: von der Unterweisung; von der Tugend; der Ermahner; Artabaz; die Schiffer; die Landesflüchtigen. 6 Bücher Unterhaltungen. 3 Chrien. An Lais. An Porus. An Sokrates. Vom Schicksal. Das höchste Gut war seiner Behauptung nach eine sanfte, zum Gefühl übergehende Bewegung.

7. Nachdem wir sein Leben beschrieben haben, wollen wir nun auch noch die von ihm herkommenden Kyrenaiker durchgehen, die sich selbst teils Hegesiaker, teils Annikerier, teils Theodorier genannt haben. Außer diesen wollen wir auch noch die von Phaedon herkommenden mitnehmen, wovon die Eretriker die vornehmsten sind. (86) Zuhörer Aristipps waren seine Tochter Arete, Aethiops von Ptolemais und Anxipater von Kyrene. Areten hörte Aristipp, der den Beinamen der Mutterschüler hat, diesen Theodor, erst der Gottesleugner, dann der Gott genannt. Antipatern hörte Epitimedes von Kyrene, diesen Paräbat, diesen Hegesias, der sogenannte Todesempfehler, und Annikeris, der Platon losgekauft hat.

8. Diejenigen, welche auf der von Aristipp geebneten Bahn blieben und Kyrenaiker genannt werden, hatten folgende Lehrsätze: Sie nahmen zwei Gefühle an, Schmerz und Vergnügen: das Vergnügen nannten sie eine sanfte, den Schmerz eine heftige Bewegung. (87) Vergnügen sei von Vergnügen nicht verschieden, noch das eine mehr Vergnügen als das andere. Vergnügen sei allen lebenden Wesen erwünscht, Schmerz aber widrig. Vergnügen sei körperlich, und dies sei das höchste Gut, wie auch Panätius im Buch von den Sekten sagt, nicht aber das ruhige, gesetzte, das in einer Entfernung des Schmerzens und gleichsam in einer Schmerzlosigkeit besteht, wovon Epikur annimmt, dass es das höchste Gut sei. Sie glauben, dass das höchste Gut von der Seligkeit verschieden sei; denn jedes einzelne Vergnügen sei schon das höchste Gut, die Seligkeit aber bestehe in einer Vereinigung aller der einzelnen Vergnügen, wozu auch die schon vorübergegangenen und die noch künftigen gehörten. (88) Ein einziges Vergnügen sei um seiner selbst willen, die Seligkeit aber nicht um ihrer selbst willen, sondern um der einzelnen Vergnügen willen wünschenswert. Ein Beweis, dass Vergnügen das höchste Gut sei, liege darin, dass es uns unbeabsichtigt, von Kind auf gleichsam einheimisch sei, und dass wir nichts weiter suchen, wenn wir’s erlangt haben und nichts so sehr fliehen, als den ihm entgegenstehenden Schmerz. Vergnügen sei ein Gut, wenn’s auch aus den schändlichsten Dingen entstehe; wie Hippobot in seiner Schrift von den Sekten schreibt. Wenn die Tat selbst auch unziemlich sei, so sei doch das Vergnügen als solches wünschenswert und gut. (89) Entfernung des Schmerzes, wie von Epikur behauptet wird, scheint ihnen kein Vergnügen zu sein, und auch die Vergnügungslosigkeit sei kein Schmerz. Denn beide bestehen in der Bewegung, und Schmerzlosigkeit und Vergnügungslosigkeit seien keine Bewegungen; denn Schmerzlosigkeit sei gleich dem Zustand eines Schlafenden. Es sei möglich, sagen sie, dass einige aus Verkehrtheit nicht nach Vergnügen strebten. Es entständen auch nicht alle Vergnügen und Schmerzen der Seele aus Vergnügen und Schmerzen des Leibes, denn schon allein über das Glück des Vaterlandes, so wie über unser eigenes, entstehe Freude. Das Vergnügen werde auch nicht aus Erinnerungen an Güter oder aus ihrer Erwartung hervorgebracht, wie Epikurs Lehre war; (90) denn die Bewegung der Seele lässt mit der Zeit nach. Sie sagen auch, dass weder das bloße Gesicht, noch das bloße Gehör Vergnügen erzeuge, denn diejenigen hören wir mit Vergnügen, die Klagen nachahmen, mit Unlust aber die wahrhaft Klagenden. Einen Mittelzustand nennen sie die Vergnügen- und Schmerzlosigkeit. Die körperlichen Vergnügen wären auch viel vorzüglicher als die geistigen, so wie auch die körperlichen Schmerzen viel heftiger wären; daher die Sünder durch diese vorzüglich bestraft würden. Sie hielten nämlich das Empfinden des Vergnügens für sanfter. Daher bewiesen sie mehr Haushältigkeit mit dem einen als mit dem anderen. Ob daher gleich das Vergnügen um seiner selbst willen wünschenswert ist, so stehen doch einige Dinge, die Vergnügen machen, uns entgegen, daher die Sammlung der Vergnügen, die zusammengenommen Seligkeit geben, die größten Schwierigkeiten zu haben scheint. (91) Daher behaupten sie, dass der Weise so wenig in allen Stücken ein vergnügtes Leben habe, als der Böse ein ganz schmerzenvolles, sondern es fände sich dies nur in Rücksicht auf den größten Teil, denn schon ein einziges Vergnügen sei hinreichend, einen wieder aufzurichten. Klugheit sei zwar ein Gut, sagen sie, doch nicht um ihrer selbst willen wünschenswert, sondern wegen der Folgen, die sie nach sich ziehe. Einen Freund suche man des Nutzens wegen, denn auch der Teil eines Körpers sei, während er vorhanden sei, angenehm. Von den Tugenden fänden sich einige auch bei den Unverständigen. Die Leibesübung trage zur Erlangung der Tugend bei. Ein Weiser werde weder Neid, noch Verliebtheit, noch Aberglauben haben, denn alles dies entstehe aus leeren Meinungen; er werde aber traurig werden und sich fürchten, denn dies bringe die Natur hervor. (92) Auch der Reichtum sei als ein Hervorbringungsmittel des Vergnügens und nicht um seiner Selbst willen wünschenswert. Die Leidenschaften wären begreiflich, nicht aber das, woraus sie entstehen. Sie enthielten sich der Untersuchungen der Natur, wegen ihrer in die Augen fallenden Unbegreiflichkeit, Vernunftbetrachtungen aber berührten sie, wegen ihrer Brauchbarkeit. Meleager indes im 2. Buch von den Lehrsätzen und Klitomach im ersten von den Sekten sagen, sie hätten Natur- und Vernunftspekulationen für unnütz gehalten, denn man könne gut reden, von Aberglauben frei sein, auch der Todesfurcht sich entledigen, wenn man das Verhältnis des Guten und Bösen durchdacht habe. (93) Es sei nichts von Natur gerecht, oder rühmlich, oder schändlich, sondern nur durch Gesetz und Gewohnheit. Ein einsichtiger Mann werde aber nichts Unschickliches tun, um den daraus folgenden Strafen und Meinungen auszuweichen. Ein Weiser aber sei der, der im Fortgang in der Philosophie und in anderen Dingen nicht zurückbleibe. Sie sagen, dass der eine sich mehr betrübe als der andere, und dass in den Sinnen nicht immer Wahrheit sei.

9. Die sogenannten Hegesiaker hatten dasselbe Endziel, Vergnügen und Schmerz und behaupteten, dass weder Liebreiz, noch Freundschaft, noch Wohltätigkeit etwas sei, das wir um ihrer selbst willen wählten, sondern des Nutzens wegen, und wenn dieser nicht da sei, so fielen jene auch selbst weg. (94) Glückseligkeit im ganzen Umfang sei unmöglich, denn der Körper sei mit vielen Leidenschaften angefüllt, und die Seele nehme teil an den Leidenschaften des Körpers und werde dadurch auch in Unruhe gesetzt. Das Schicksal lege unseren Hoffnungen viele Hindernisse in den Weg, so dass dadurch gar keine Glückseligkeit hervorbringbar sei. Man müsse Leben und auch Tod wählen. Von Natur, nahmen sie an, sei nichts angenehm oder unangenehm. Durch Seltenheit aber, oder Fremdheit, oder Sättigung hätten einige Vergnügen, andere aber missvergnügen. Armut und Reichtum wären, in Rücksicht auf Vergnügen, nichts, denn die Reichen könnten sich auf keine andere Art als die Armen freuen. Gegen das Vergnügen gehalten, sei Knechtschaft und Freiheit nicht verschieden, ebensowenig edle oder unedle Geburt, Ruhm oder Unruhm. (95) Dem Unverständigen sei Leben Gewinn, dem Verständigen sei es gleichgültig. Der Weise werde um sein Selbst willen alles tun, denn er schätze keinen anderen so sehr als sich selbst; denn wenn er auch den größten Nutzen von ihm zu erhalten glaube, so sei doch dieser mit dem nicht zu vergleichen, den er selbst bewirke. Sie leugneten, dass die Sinne irgend eine genaue und verständige Erkenntnis gäben, sondern sie zeigten von allen nur eine Wahrscheinlichkeit. Sie sagten, Sünden wären verzeihlich, denn es werde nicht mit Vorsatz gesündigt, sondern man werde durch eine Leidenschaft dazu genötigt. Man müsse nicht hassen, sondern vielmehr vergessen, und ein Weiser zeichne sich nicht so sehr durch die Wahl des Guten, als durch die Vermeidung des Bösen aus. (96) Er setze sich vor, weder kummervoll noch mühselig zu leben, und dahin brächten es diejenigen, die in Ansehung der Dinge, wodurch Vergnügen hervorgebracht wird, gleichgültig sind.

10. Die Annikerier stimmen in den übrigen Stücken diesen bei, sie lassen aber im Leben die Freundschaft, den Dank, die Ehre der Eltern und den Patriotismus Platz finden. Wenn daher auch der Weise sich hierdurch einige Beschwerden des Lebens zuzieht, so kann er nichts desto weniger glückselig leben, sollte er auch weniger Annehmlichkeiten haben. Das Glück des Freundes sei an sich selbst nicht zu wählen, denn es sei [auch] dem nahe Befindlichen nicht empfindbar. Die Vernunft allein sei nicht hinreichend, um Mut zu haben und sich über die Meinung der vielen hinauszusetzen, sondern man müsse sich gewöhnen, wegen der von jeher an uns befindlichen Verderbtheit. (97) Man müsse einen Freund nicht bloß des Nutzens willen wählen und wenn dieser aufhöre, ihn drum nicht aufgeben, sondern auch wegen seiner guten Gesinnung; um deren Willen müsse man auch Beschwerden aushalten, ob man gleich das Vergnügen sich zum Endziel setze. Wenn uns auch die Entstehung desselben Kummer mache, so müsse uns doch die Liebe gegen unseren Freund zum Ausharren geneigt machen.

11. Die sogenannten Theodorier haben ihren Namen von dem vorhergenannten Theodor bekommen und auch dessen Lehrsätze angenommen.

12. Dieser Theodor aber verwarf alle Meinungen von den Göttern. Uns ist sein Buch Von den Göttern betitelt, zufällig in die Hände gefallen und dies ist nicht zu verachten; man behauptet auch, dass Epikur das meiste daraus genommen habe. (98) Theodor hat auch Annikeris und den Dialektiker Dionys gehört, wie Antisthenes in der Philosophenfolge schreibt.

13. Er nahm Freude und Traurigkeit als das Endziel an; die erste wegen der Klugheit, die andere wegen der Unklugheit. Güter nannte er Klugheit und Gerechtigkeit, Übel, was diesen entgegen ist; und zwischen beide in die Mitte setzte er Lust und Unlust. Er verwarf auch die Freundschaft, weil sie weder bei Unverständigen, noch bei Weisen statt habe, denn jene gäben die Freundschaft auf, wenn der Nutzen derselben aufhöre, die Weisen aber bedürften keiner Freunde und hätten an sich selbst genug. Er behauptete auch, dass es vernünftig sei, dass ein rechtlicher Mann sich um des Vaterlandes willen nicht Gewalt tue, denn er müsse um des Vorteils der Unverständigen willen seinen Verstand nicht wegwerfen. (99) Die Welt sei das Vaterland. Stehlen, Ehebrechen, Gottesschändereien richten sich nach Zeit und Umständen, und nichts davon sei der Natur nach schändlich, sobald die Meinung davon beiseite gesetzt werde, die nur zur Einhaltung der Unverständigen bestehe. Ein Weiser folge seinen Neigungen frei und ohne alle Scheu. Daher tat er folgende Fragen: Ist eine gelehrte Frau als gelehrte Frau nützlich? – Ja. – Ist auch ein Knabe und Jüngling, insofern er ein gelehrter ist, nützlich? – Ja. – Ist nun auch ein schönes Weib, insofern sie ein schönes Weib ist, nützlich? Und ist ein schöner Knabe und Jüngling, insofern er schön ist, nützlich? – Ja. – (100) Er ist aber nützlich, um sich ihm zu nähern. Wenn dies zugestanden war, so fuhr er weiter fort: Also wird derjenige nicht fehlen, der sich der Näherung bedient dazu, wozu sie nützlich ist, so wie der nicht fehlen wird, der die Schönheit dazu gebraucht, wozu sie nützlich ist. In Fragen dieser Art hatte er bei seinen Unterredungen eine große Stärke.

14. Er scheint den Beinamen Der Gott davon bekommen zu haben, dass Stilpon ihm diese Frage vorlegte: Sag einmal, Theodor, bist du das wirklich, wofür du dich ausgibst? Da er nun ja sagte, fuhr jener fort: Sagst du denn, dass du ein Gott seist? Da er wieder ja sagte, erwiderte jener: So bist du denn also ein Gott. Wie er dies gerne zugestand, fragte jener lachend: Auf diese Art würdest du Schurke auch eingestehen, dass du eine Dohle seist, und noch tausenderlei mehr! (101) Dieser Theodor saß einmal bei dem Oberpriester Euryklides und sagte zu ihm: Sag mir, Euryklides, was sind das für Leute, welche die Ehrfurcht gegen die heiligen Geheimnisse verletzen? Da jener sagte, diejenigen, welche sie den Uneingeweihten ausplaudern, erwiderte er: So verletzt du ja auch diese Ehrfurcht, da du mit Uneingeweihten davon sprichst!

15. Und es fehlte nicht viel, so wäre er vor den Areopag gezogen worden, wenn ihn der Falerier Demetrius nicht losgemacht hätte. Amphikrat von berühmten Männern schreibt von ihm, er sei verurteilt worden und habe Schierling getrunken.

16. Als er sich bei dem Lagiden Ptolemäus aufhielt, wurde er von diesem als Gesandter an Lysimach geschickt. (102) Als er nun hier sehr frei sprach, sagte Lysimach zu ihm: Sag mir einmal, Theodor, bist du nicht aus Athen fortgejagt worden? Er antwortete: Ja, das bin ich, denn der athenische Staat konnte mich nicht tragen, so wenig als Semele den Dionys, und verjagte mich. Als Lysimach weiter sagte: Hüte dich, dass du nicht wieder zu uns kommst! erwiderte er: Das werde ich auch nicht, wenn Ptolemäus mich nicht schickt. Wie Mythras, Lysimachs Schatzmeister, dabeistand und sagte: Du bist gewohnt, nicht allein die Götter zu verkennen, sondern auch die Könige! antwortete er: Wie kann ich die verkennen, da ich dich für einen Götterfeind halte!

17. Man erzählt auch, er sei nach Korinth gekommen und habe viele Schüler bei sich gehabt; der Kyniker Metrokles habe eben Kerbel gewaschen und gesagt: Sophist, wenn du Gemüse wüschest, so hättest du so viele Schüler nicht nötig! Er habe ihm geantwortet: Und du brauchtest diese Gemüsekräuter nicht, wenn du mit Menschen umzugehen verstündest! (103) Eben dieses wird, wie oben schon angeführt ist, von Diogenes und Aristipp erzählt.

18. So war Theodor, und so lehrte er. Zuletzt begab er sich nach Kyrene, wo er bei Marius lebte und alle Achtung genoss. Als er anfangs aus dieser Stadt hinausgewiesen wurde, soll er auf seine Art gesagt haben: Kyrener, ihr handelt übel, dass ihr mich aus Lybien nach Griechenland verjagt.

19. Es sind 20 Theodore gewesen: der erste war Rökus Sohn aus Samos, und derselbige, der den Rat gab, Kohlen unter den Grund des Tempels zu Ephes zu legen, denn da der Platz feucht war, so würden die Kohlen, die ihr holziges Wesen verloren hätten, den Boden wasserdicht machen. Der zweite war ein Landmesser aus Kyrene, den Platon gehört hat. Der dritte ist unser eben beschriebene Philosoph. Der vierte ist der Verfasser des vortrefflichen Buchs über die Übung der Stimme. (104) Der fünfte ist der Verfasser der Abhandlung von den Gesetzgebern, die mit Terpander anfängt. Der sechste war ein Stoiker. Der siebte hat von den Begebenheiten der Römer geschrieben. Der achte ist ein Schriftsteller von der Taktik aus Syrakus. Der neunte, ein Byzanter, schrieb von Staatssachen. Der zehnte ebenfalls, und dieser wird von Aristotel in seinem kurzen Verzeichnis der Rhetoren angeführt. Der elfte war ein Thebaner und Bildhauer. Der zwölfte ein Naturmaler, dessen Polemon erwähnt; der dreizehnte war auch ein Naturmaler und Athener, von welchem Menodot geschrieben hat. Der vierzehnte war ein Naturmaler von Ephes, dessen Theophanes von der Malerei erwähnt. Der fünfzehnte ist ein Epigrammendichter. Der sechzehnte hat über die Dichter geschrieben. Der siebzehnte war ein Arzt und Schüler des Athenäus. Der neunzehnte, ein Milesier, war auch ein stoischer Philosoph und der zwanzigste ein Tragödiendichter.

Neuntes Kapitel
Phaedon

1. (105) Phaedon, ein Eleer aus einem guten Geschlecht, geriet bei der Eroberung seines Vaterlandes in Gefangenschaft und war gezwungen, im Gefängnis zu sitzen, wo er sich aber durch eine kleine Tür einen Zugang zu Sokrates verschaffte, bis dieser den Alkibiades und Kriton zu seiner Loskaufung bewog. Seit der Zeit überließ er sich mit mehr Freiheit der Philosophie. Hiero­nymus aber in seiner Schrift vom Beifall stichelt auf ihn und nennt ihn einen Knecht.

2. Er schrieb Unterredungen, von welchen echt sind: Zopyr und Simon; bezweifelt werden Nikias und Medius, den einige dem Äschines, andere dem Polyän zuschreiben, Antimach, oder die Alten, die auch bezweifelt wird, und skythische Gespräche, die einige auch dem Äschines beilegen.

3. Auf ihn folgte Plistan, ein Eleer, und die dritten nach ihm waren Menedem von Eretria und Asklepiades von Flius, die sich von Stilpon ableiten. Bis auf diese hießen sie eleische Philosophen, von Menedem an aber eretrische. Von diesem wollen wir in der Folge reden, weil auch er eine Sekte gestiftet hat.

Zehntes Kapitel
Euklides

1. (106) Euklides, von Megerä an der Landenge, oder, wie andere wollen, von Gela, wie Alexander in den Folgen berichtet. Er beschäftigte sich mit der Lehre des Parmenides und die ihm folgten, wurden megarische Philosophen und nachher Zänker genannt, zuletzt hießen sie Dialektiker. So nannte sie zuerst der Karchedonier Dionys, weil sie ihre Vorträge in Fragen und Antworten einkleideten. Zu ihm kam, wie Hermodor erzählt, Platon nebst den übrigen Philosophen nach Sokrates’ Tod aus Furcht der Grausamkeit der Gewaltherrscher.

2. Er lehrte, es sei nur ein Gut unter vielerlei Namen, bald nenne man es Verstand, bald Gott, bald Vernunft und so weiter. Alles Gegenteil des Guten verwarf er und leugnete es. (107) Seine Beweise führte er nicht nach den Vordersätzen, sondern den Schlüssen. Die Art durch Nebeneinanderstellung ähnlicher Dinge zu schließen verwarf er, indem er sagte, sie bestände entweder aus gleichen oder aus ungleichen Dingen. Bestände sie aus gleichen Dingen, so müsse man sich bei ihnen selbst mehr aufhalten, als bei denen, welchen sie gleich sind, und bestände sie aus ungleichen, so sei alle Nebeneinanderstellung überflüssig. Daher sagt Timon, wenn er die übrigen Sokratiker bespöttelt, auch von ihm:

Um die Schwätzer bekümmer’ ich mich nicht, noch um sonst einen,

Weder um Phaedon, wer er auch sei, noch um den Euklides,

Diesen Zänker, der nach Megarä die Zanksucht verpflanzte.

3. (108) Er hat sechs Unterredungen geschrieben. Lamprius, Äschines, Phönix, Kriton, Alkibiades und von der Liebe.

4. Zu den Nachfolgern Euklids gehört auch der Milesier Eubulides, der viele Vorträge in der Gesprächsform gehalten hat, nämlich: den Lügenden, den Täuschenden, die Elektra, den Versteckten, den Gehäuften, den Gehörnten, den Kahlköpfigen. Von ihm sagt ein Komiker:

Der Streithahn Eubulides fragt gehörnt:

In lügenprahlende Geschwätze verwickelt

Er die Rhetoren und schleicht sich davon,

Ein Demosthen in Wörterschlängelei.

Auch Demosthenes scheint sein Zuhörer gewesen zu sein und die Aussprache des R gelernt zu haben. (109) Eubulides ging auch von Aristoteles ab und legte ihm vieles zur Last.

5. Unter mehr anderen Nachfolgern Eubulids war auch der Eleer Alexin, ein sehr zanksüchtiger Mann, weswegen man ihm den Namen Elenxin (der Widersprecher) gab. Er stritt vorzüglich gegen Zenon. Hermipp erzählt, dass er sich von Elis nach Olympia begeben und daselbst philosophiert habe. Auf die Frage seiner Schüler, warum er denn seine Wohnung hierher versetzt habe, soll er geantwortet haben: er wolle eine Sekte stiften, die die Olympische heißen solle. Seine Schüler begaben sich aber aus Mangel der Lebensmittel von da weg, wie sie auch die Ungesundheit der Gegend erfuhren, so dass nun Alexin ganz allein mit nur einem Sklaven dablieb. Er starb nachher von einem Stoße, den er beim Schwimmen im Alpheus von einem Rohr bekommen hatte. (110) Wir haben folgende Inschrift auf ihn gemacht:

Nicht vergebens war es, was er sagte:

Ein unglücklicher Schwimmer durchstieß sich

Schwimmend den Fuß und sank.

Denn er selbst, der hochgepriesene Mann,

Alexin, durchschwimmend den Alpheus,

Starb, vom Rohr im Schwimmen durchbohrt.

Er hat aber nicht allein gegen Zenon, sondern auch andere Bücher geschrieben, unter anderem auch gegen den Geschichtsschreiber Esor.

6. Vom Eubulid aber stammt der Olynthier Euphant her, der eine Geschichte seiner Zeit geschrieben hat. Er hat auch viele Tragödien geschrieben, die in den Wettstreiten Beifall erhalten haben. Er war auch Lehrer des Königs Antigon, dem er eine Schrift über die königliche Regierung zugeschrieben, die viel Beifall erhalten hat. Sein Leben beschloss er in einem hohen Alter.

7. (111) Eubulid hat unter anderem auch den Apollonius, mit dem Beinamen Kronos, zum Zuhörer gehabt.

Elftes Kapitel
Diodor

1. Diodor, Ameinias Sohn, der Iasier, hat auch den Beinamen Kronos gehabt, von welchem Kallimach in den Inschriften sagt:

Momus selber schrieb: Ein Weiser ist Kronos! an die Wände.

Er war auch ein Dialektiker, und man glaubt, dass er den versteckten und gehörnten Vortrag zuerst erfunden habe. Als er sich bei Ptolemäus Soter aufhielt, legte ihm Stilpon einige dialektische Fragen vor, und da er diese nicht gleich auf der Stelle auflösen konnte, wurde er vom König nicht nur auf andere Art bestraft, sondern auch zum Spott Kronos genannt. (112) Er ging aber aus der Trinkgesellschaft weg, schrieb eine Abhandlung über die vorgelegte Frage und starb aus Betrübnis. Unsere Inschrift auf ihn ist diese:

Welche bose Gottheit, Kronos,

Riss zu traurigem Unmut dich fort,

Dass du selber dich in den Tartarus

Stürzest, unvermögend zu lösen

Stilpons Rätselwort?

Hierdurch zeigtest du als einen Kronos dich,

den man ohne das K und R Spricht: Onos [0 Esel)].

2. Zur Partei Euklids gehört auch Ichthyas, ein Sohn Mesalls, ein edler Mann, an welchen der Kyniker Diogenes eine Unterredung gerichtet hat.

3. Ferner der Thurier Klitomach, der zuerst von den Axiomen und Kategoremen und ähnlichen Materien geschrieben hat.

4. Desgleichen Stilpon der Megaräer, ein sehr ausgezeichneter Philosoph, wovon jetzt gehandelt werden soll.

Zwölftes Kapitel
Stilpon

1. (113) Stilpon von Megarä in Griechenland hörte einige Schüler Euklids. Einige sagen, er habe auch Euklides selbst gehört, aber auch noch den Korinther Thrasimach, einen Freund des Ichthyas, wie Heraklides berichtet.

2. In der Geschicklichkeit, die Worte zum Beweis gleich zu finden und in Gelehrsamkeit übertraf er andere so sehr, dass wenig fehlte, dass nicht ganz Griechenland seine Augen auf ihn richtete, und die megarische Philosophie annahm. Der megarische Philosoph Philipp schreibt wirklich so von ihm: von Theophrast zog er Metrodoren den Theorematiker und den Timagoras von Gola ab, vom kyrenäischen Philosophen Aristoteles aber den Klitarch und Simmias. Von den Dialektikern zog er den Päonius vom Aristides ab; den Bosporaner Disil aber, Euphants, und Myrmex Exänets Sohn, die gekommen waren, um ihn zu widerlegen, machte er beide zu seinen eifrigen Anhängern. (114) Außer diesen zog er auch den Peripatetiker Phrasidem, der ein erfahrener Naturkundiger war, und den Redekünstler Alxim, der von allen Redekünstlern in Griechenland den Vorzug behauptete, Krates und viele andere mehr, auf welche er nur Jagd machte, an sich. Ja, auch den Phöniker Zenon zog er in der Folge noch an sich.

3. Er war auch in Staatssachen sehr erfahren. Er nahm zwar eine Frau, hatte aber neben ihr noch Umgang mit der Buhlerin Nikareta, wie Onetor irgendwo sagt. Er zeugte eine sehr ausschweifende Tochter, die einer seiner Freunde, der Syrakuser Simmias, heiratete. Da nun diese keine züchtige Lebensart führte, sagte einer zu Stilpon, sie mache ihm Schande. – Nicht mehr, erwiderte er, als ich ihr Ehre mache.

4. (115) Ihn soll auch Ptolemäus Soter geschätzt haben, der nach der Einnahme von Megarä ihm Geld schenkte und ihn einlud, mit nach Ägypten zu schiffen. Er nahm aber nur einen geringen Teil des Geldes an, schlug auch die Reise ab und begab sich nach Ägina, bis jener abgesegelt war. Auch Demetrius, Antigons Sohn, nahm Megarä ein und ließ ihm sein Haus bewachen und alles Geraubte wieder zurückgeben. Wie dieser von ihm einen Aufsatz über das ihm Entwendete verlangte, sagte er, er habe nichts von seinem Eigentum verloren, denn seine Kenntnisse habe ihm niemand genommen. Verstand und Vernunft habe er noch. (116) Da er sich mit ihm über die Wohltätigkeit gegen die Menschen unterredete, nahm er ihn so ein, dass er ihn zu seinem Anhänger machte.

5. Man sagt von ihm, dass er wegen der Athenäa des Phidias folgende Fragen getan habe: Ist Athenäa, Zeus Tochter, ein Gott? Auf die Antwort ja sagte er: Diese hier ist aber nicht von Zeus, sondern von Phidias! Als ihm das zugestanden wurde, fuhr er fort: So ist diese also auch kein Gott! Als man ihn deswegen vor den Areopag forderte, leugnete er’s nicht und sagte, er habe sich ganz richtig ausgedrückt, denn diese sei kein Gott, sondern eine Göttin, die Götter wären männlich. Indes sei ihm doch von den Areopagiten angedeutet worden, die Stadt sogleich zu verlassen. Theodor (mit dem Beinamen der Gott) soll damals gesagt haben: Woher wusste denn das Stilpon? Hat er ihr etwa den Busen entblößt und zugesehen? – Dieser nämlich war in der Tat sehr frech, Stilpon aber sehr artig und fein. (117) Als ihn Krates fragte, ob die Götter am Kniebeugen und an Gebeten eine Freude hätten, antwortete er: Danach frage nicht, unverständiger Mensch, wenn ich auf der Straße, sondern wenn ich allein bin. Ebenso soll auch Bion auf die Frage, ob Götter wären, geantwortet haben: Willst du die Leute da nicht erst von mir scheuchen, du Alter?

6. Stilpon war übrigens ganz einfach und zeigte sich immer, wie er war, ohne Verstellung, gleich einem gemeinen Menschen. Als der Kyniker Krates einst auf eine Frage nicht antwortete, sondern einen Wind streichen ließ, sagte er: Ich wusste wohl, dass du eher jeden anderen Laut würdest hören lassen, als den du solltest. (118) Als eben demselben eine getrocknete Feige und eine Frage von ihm vorgelegt wurde, nahm er jene an und aß sie auf; und da jener sagte: O Herakles! Ich habe meine Feige verloren! antwortete er: Die nicht allein, sondern auch die Frage, wozu die Feige das Handgeld war. Als er zu anderer Zeit den Krates im Winter vor Kälte starren sah, sagte er: Krates, du scheinst mir einen neuen2 Mantel nötig zu haben! Dies konnte auch heißen: Verstand und einen Mantel. Wie jener nun rot wurde, soll er folgende Verse auf ihn gemacht haben:

Auch ich habe den Stilpon gesehen in großer Betrübnis,

Zu Megarä, wo sich das Lager Typhoeus’ befindet,

Hier hat er gestritten vor viel versammelten Freunden,

Um buchstäblich Tugend zu haschen, die sie zertraten.

(119) Man sagt, er habe zu Athen die Leute so aufmerksam auf sich gemacht, dass sie aus den Werkstätten zusammengelaufen wären, um ihn nur zu sehen. Als aber einer zu ihm sagte: Stilpon, sie staunen dich an als ein Wundertier! antwortete er: O nein, wie einen wahren Menschen.

7. Er war sehr furchtbar in Streitigkeiten, er leugnete die äußere Gestalt weg und sagte, der redende Mensch sei niemand, und weder der eine rede, noch der andere; denn warum sollte der eine mehr als der andere sein? Also nicht der eine. Und wiederum: das Gemüse ist nicht das, was gezeugt wird, denn Gemüse war schon vor vielen tausend Jahren. Also ist dies nicht Gemüse. Man sagte, bei seiner Unterredung mit Krates sei er mitten im Gespräch fortgeeilt, um Fische zu kaufen, und da dieser ihm nachging und sagte: Du lässest das Wort im Stiche! habe er gesagt: Das tu ich nicht, denn ich habe das Wort, dich aber lasse ich im Stiche. – Das Wort bleibt, das Gemüse aber würde verkauft werden.

8. (120) Es gehen von ihm neun kalte Gespräche herum: Moschus, Aristipp oder Kallias, Ptolomäus, Chärekrat, Metrokles, Anaximen, Epigen, An seine Tochter, Aristotel.

9. Heraklides schreibt, dass auch Zenon, der Stifter der Stoa, sein Zuhörer gewesen sei.

10. Hermipp schreibt, dass er im hohen Alter gestorben sei und Wein getrunken habe, um desto schneller zu sterben. Unsere Inschrift auf ihn lautet so:

Stilpon, der Megaräer (du kennst ihn wahrlich)

Hat das Alter, ihm eine Krankheit, getötet,

Ein Joch, das er nicht zu tragen stark war.

Er fand im Wein den stärkeren Lenker des bösen

Zweigespanns, das trinkend er forttrieb.

Auf ihn spöttelte der Komiker Sophil in seinem Schauspiel Die Hochzeit:

Stilpons Tiefen sind die Reden Charins.

Dreizehntes Kapitel
Kriton

1. (121) Kriton war ein Athener. Dieser hatte von allen die innigste Liebe zu Sokrates und trug solche Sorge für ihn, dass es ihm nie an irgend einem Bedürfnis fehlte.

2. Auch seine Söhne, Kritobul, Hermogen, Epigen, Ktesipp haben Sokrates gehört.

3. Kriton hat auch 17 Unterredungen geschrieben, die ein Buch ausmachen und folgende Überschriften haben: Gelehrsamkeit macht niemand gut; Über das Vielhaben; Was schicklich sei oder Der Politiker; Vom Schönen; Vom Bösestun; Von der Ordnungsliebe; Vom Gesetz; Von der Gottheit; Von den Künsten; Vom Beisammensein; Von der Weisheit; Protagoras oder der Politiker; Von den Buchstaben; Von der Dichtkunst; Vom Schönen; Vom Lernen; Vom Wissen oder Von der Einsicht; Was Einsicht sei.

Vierzehntes Kapitel
Simon

1. (122) Simon von Athen war ein Lederarbeiter. Als Sokrates in seine Werkstatt kam und einiges sprach, machte er sich Merkzeichen von dem, was er im Gedächtnis behalten hatte.

2. Daher heißen auch seine Unterredungen Ledergespräche. Es sind ihrer 33, die sich in einem Buch befinden. Von den Göttern. Vom Guten. Vom Schönen. Was ist schön? Von der Gerechtigkeit, die erste und zweite Unterredung. Von der Tugend, dass sie nicht durch Unterricht erlangt werde. Von der Tapferkeit, die erste, zweite und dritte Unterredung. Vom Gesetz. Von der Volksführung. Von der Ehre. Von der Poesie. Vom Wohlbehagen. Von der Liebe. Von der Philosophie. Von der Wissenschaft. Von der Musik. Von der Poesie. Was schön sei? (123) Vom Unterricht. Von der Unterredung über wissenschaftliche Gegenstände. Vom Urteil. Vom Wesen. Von der Zahl. Von der Sorgfältigkeit. Vom Arbeiten. Von der Gewinnsucht. Von der Prahlerei. Vom Schönen. Ferner, vom Beraten. Von der Rede, oder: Vom Schicklichen. Vom Bösetun.

3. Er soll, wie man behauptet, der erste gewesen sein, der sokratische Unterredungen gehalten hat, und wie Perikles ihm sagen ließ, er wolle ihn unterhalten, und ihn einlud, zu ihm zu kommen, antwortete er: er werde die Freimütigkeit im Reden nie verkaufen.

4. Es ist noch ein anderer Simon gewesen, der ein System der Redekunst geschrieben hat. Noch ein anderer war ein Arzt zur Zeit Seleukus Nikators. Ein dritter endlich war Bildhauer.

Fünfzehntes Kapitel
Glaukon

(124) Glaukon war ein Athener. Von ihm geht auch ein Buch von neun Unterredungen herum, nämlich: Phidyl, Euripides, Amyntich, Euthias, Lisitides, Aristophanes, Kephalus, Anaxiphem, Menexen. Die übrigen 32, die unter seinem Namen herumgehen, werden ihm fälschlich beigelegt.

Sechzehntes Kapitel
Simmias

Simmias war ein Thebaner. Ihm wird eine Sammlung von 23 Unterredungen zugeschrieben, welche sind: Von der Weisheit. Vom Vernunftschluss. Von der Musik. Von Gedichten. Von der Tapferkeit. Von der Philosophie. Von der Wahrheit. Von den Buchstaben. Vom Unterricht. Von der Kunst. Vom Vorstehen. Vom Wohlstand. Von dem zu Fliehenden und zu Wählenden. Vom Freunde. Vom Wissen. Von der Seele. Vom Gutleben. Vom Möglichen. Von Gütern. Vom Leben. Was das Schöne sei? Von der Sorgsamkeit. Von der Liebe.

Siebzehntes Kapitel
Kebes

(125) Kebes war ein Thebaner, von welchem drei Unterredungen: das Gemälde, Phrynich, an die Siebende betitelt, vorhanden sind.

Achtzehntes Kapitel
Menedem

1. Menedem war ein Schüler Phaedons. Sein Vater Klisthenes, einer der sogenannten Theopropiden, war zwar ein Mann von guter Abkunft, aber ein armer Baumeister. Einige machen ihn zum Theatermaler und sagen, Menedem habe beides von ihm gelernt. Als er daher einen Volksbeschluss geschrieben hatte, neckte ihn ein Alexinier und sagte, ein weiser Mann müsse weder Schauspielverzierungen noch Volksschlüsse verfertigen.

2. Als Menedem von den Eretriern mit der Besatzung nach Megarä abgeschickt wurde, ging er zu Platon in die Akademie, und von ihm bestrickt verließ er den Kriegsdienst. (126) Als ihn der Phliasier Asklepiades herbeiholte, ging er zu Stilpon in Megarä, dessen Zuhörer beide waren. Von da schifften sie nach Elis und besuchten Anchipill und Moschus, Phaedons Schüler. Bis auf diesen wurden sie, wie schon oben im Phaedon gesagt worden, elische Philosophen genannt; eretrische Philosophen hießen sie von dem Vaterland dessen, von dem jetzt gehandelt wird.

3. Menedem scheint sehr ernsthaft gewesen zu sein, daher sagt Krates, indem er ihn parodiert, von ihm:

Asklepiad von Phlius und Eretriens Ochsen.

Timon aber drückt sich so aus:

Seine Reden begann der schäumende Schwätzer stolz blickend.

(127) Er besaß eine solche Ernsthaftigkeit, dass Euryloch von Kassandria und der junge Klippides von Kyzikus, als Antigon sie einladen ließ, antworteten, sie fürchteten, Menedem möchte es erfahren; denn er war ein bitterer Spötter und ein freier Sprecher. Als ein junger Mensch sich trotzig betrug, sagte er zwar nichts, nahm aber ein Rohr und zeichnete auf den Fußboden das Bild eines Unzuchtleidenden, dass es alle sahen, und der junge Mensch verstand, dass dieser Schimpf ihm galt und ging fort. Da der über den Piräus gesetzte Hierokles zugleich mit ihm nach dem Amphiaranstempel hinging und viel von Eretriens Eroberung sprach, sagte er weiter nichts, als dass er ihn fragte: zu welcher Absicht Antigon ihn missbrauche? (128) Wie ein Unzüchtiger sich sehr frech zeigte, sagte er: Weißt du nicht, dass nicht allein Kohl, sondern auch Rüben gute Säfte haben? Zu einem jungen Menschen, der laut schrie, sagte er: Nimm dich in Acht, dass dir nicht einer heimlich im Rücken stehe! Als Antigon ihn um seine Meinung fragte, ob er wohl zu einer fröhlichen Trinkgesellschaft gehen könne, schwieg er ganz still und sagte weiter nichts, als man möchte ihm wieder sagen, er sei eines Königs Sohn. Einen einfältigen Menschen, der etwas Unüberlegtes auf ihn anwandte, fragte er, ob er Landgüter hätte und auf dessen Antwort, dass er deren viele habe, sagte er zu ihm: So gehe hin und verwalte sie, damit du nicht das Unglück hast, sie zu verlieren und so um deinen Unwissenheitsschmuck zu kommen. Als ihn einer fragte, ob ein gescheiter Mann heiraten könne, fragte er denselben wieder: Hältst du mich für einen gescheiten Mann oder nicht? Auf die Antwort ja erwiderte er: Ich habe geheiratet. (129) Als einer sagte, es gäbe viel Güter, forschte er nach, wie groß wohl die Zahl sei und ob er glaube, dass sie hundert übersteige? Als er den allzu großen Aufwand eines Menschen, der ihn zum Essen bat, nicht hindern konnte und wieder gebeten wurde, sagte er nichts, aber stillschweigend wies er ihn dadurch zurecht, dass er weiter nichts als Oliven aß.

4. Wegen dieser seiner Freimütigkeit im Reden wäre er beinahe in Kypern in Gefahr gekommen, da er mit seinem Freund Asklepiades bei Nikokreon war. Als nämlich der König sein monatliches Fest feierte und auch diese so wie die anderen Philosophen dazu einlud, sagte Menedem, wenn eine solche Zusammenkunft der Menschen gut wäre, so müsse alle Tage solch ein Fest sein, wo nicht, so sei es auch jetzt überflüssig. (130) Als ihm nun der König darauf erwiderte, dass er an diesem Tag seine Geschäfte aussetze, um die Philosophen zu hören, so wurde er noch heftiger gegen denselben und zeigte auf die Opfer, indem er sagte, dass man zu jeder Zeit die Philosophen hören müsse, so dass er hätte umkommen können, wenn ein Flötenspieler sie nicht noch getrennt hätte. Als sie hierauf Sturm zur See litten, soll Asklepiades gesagt haben, die Geschicklichkeit des Flötenspielers habe sie gerettet, aber Menedems Freimütigkeit im Sprechen habe sie zugrunde gerichtet.

5. Man gibt ihm auch Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit in Ansehung des Orts seines Unterrichts Schuld; denn es war weder eine Ordnung bei ihm zu sehen, noch waren Sitze rund herum gestellt, sondern so wie eben jeder ging oder stand oder saß, hörte er auch seine Vorträge an.

6. (131) Übrigens war er doch ein Streiter und ruhmsüchtig. Als sie daher anfangs, er und Asklepiades, beide einem Baumeister bauen halfen, und man den Asklepiades entblößt auf dem Dach Leimen zutragen sah, so verbarg er sich, so oft er einen herzukommen sah.

7. Als er nachher an Staatsgeschäften teilgenommen hatte, war er so sehr ängstlich, dass er einmal den Altar verfehlte, wie er den Weihrauch darauf setzen wollte. Als Krates einmal bei ihm stand und ihn tadelte, dass er sich mit Staatssachen beschäftige, so befahl er einigen, ihn ins Gefängnis zu setzen, aber dieser hielt dennoch den Vorbeigehenden im Auge und richtete sich auf und nannte ihn einen agamemnonischen Regenten der Stadt.

8. Er war auch still und zum Aberglauben geneigt. (132) Als er einstmals mit Asklepiades in einer Herberge unwissend von hingeworfenem Fleisch gegessen hatte und er’s nachher erfuhr, widerte ihn so, dass er sich entfärbte und Asklepiades ihn noch ernstlich bedeutete, dass ihm das Fleisch keinen Schaden tun könne, sondern nur die Meinung, die er davon habe. In anderen Stücken war er ein Mann von hohem und freiem Geiste.

9. In der Haltung seines Körpers war er, da er schon ein alter Mann war, nicht weniger als ein Athlet stark und fest und hatte ein verbranntes Gesicht. Er war fett, aber schwach, von mittlerer Größe, wie man aus seinem Bildnis sehen kann, das zu Eretria auf dem alten Rennplatz steht, denn es ist gleichsam absichtlich fast nackend und zeigt die meisten Teile seines Leibes.

10. (133) Er nahm sehr gern Fremde bei sich auf und wegen der Ungesundheit von Eretria stellte er viele Schmausereien an, wobei auch Dichter und Musiker sich einfanden. Er liebte auch Arat, den Tragödiendichter Lykophron und den Rhodier Antagoras. Vorzüglich vor allen war Homer sein Vertrauter, dann die Liederdichter, nächst dem Sophokles. Auch den Achäus schätzte er als den zweiten unter den Satirikern, dem Äschylus aber erkannte er den ersten Rang zu. Daher soll er zu den Andersdenkenden im Staat folgendes gesagt haben:

Der Schnelle wird auch wohl vom Schwachen eingeholt,

und von der Schildkröt’ auch in kurzer Zeit ein Aar.

Dies sind Verse des Achäus aus dem Satyrspiel Omphale. (134) Daher irren diejenigen, welche behaupten, dass er nichts gelesen habe, als Euripides Medea, die man auch dem Sikyonier Neophron zuschreibt.

11. Als Lehrer verachtete er Platon und Xenokrat, desgleichen den Kyrenäer Paräbat; hingegen Stilpon bewunderte er, und als man ihn einmal wegen desselben befragte, sagte er nichts weiter als: Er ist ein freidenkender Mann.

12. Menedem war aber schwer zu ergründen und bei mündlichen Vorträgen ein harter Gegner. Denn er verbreitete sich über alles und hatte einen großen Reichtum des Ausdrucks. Er liebte auch, wie Antisthenes in den Folgen sagt, gelehrte Zänkereien sehr und pflegte sich wohl der Fragen zu bedienen: Ist das Verschiedene verschieden von dem Verschiedenen? Ja. Ist das Nützliche vom Guten verschieden? Ja. Also ist das Nützliche nicht gut. (135) Er verwarf auch die verneinenden Axiome, wie man sagt, und nahm nur die bejahenden an, und indem er die einfachen derselben annahm, verwarf er die nicht einfachen, die er verbunden und verwickelt nannte. Heraklides in den Lehrsätzen nennt ihn einen Platoniker, der mit der Dialektik einen Scherz treibe. Als ihn daher Alexin einst fragte, ob er aufgehört habe, seinen Vater zu schlagen, antwortete er: Ich habe ihn nicht geschlagen und höre nicht auf. Als nun jener wieder sagte, er müsse dadurch die Zweideutigkeit wegschaffen, dass er nein oder ja sage, erwiderte er: Es wäre lächerlich, euren Gesetzen zu gehorchen, da man in der Tür kann stehen bleiben. Von Bion, der den Wahrsagern emsig nachlief, sagte er, er schlachte die Toten. (136) Als er einen sagen hörte, das höchste Gut sei, alles zu erlangen, was man nur wünsche, sagte er, ein viel größeres sei, nur das wünschen, was man nötig habe. Der Karystier Antigonus sagt, dass er nichts geschrieben und nichts in eine Sammlung gebracht habe, daher er keinem Lehrsatz fest angehangen. Bei Untersuchungen aber, sagt er, war er so streitbar, dass er oft mit feurig aufgelaufenem Gesicht wegging. So heftig er aber auch bei seinen Behauptungen war, so sanft war er doch in seinen Handlungen. So hat er den Alexin, mit dem er oft seinen Scherz getrieben und ihn auch hart mitgenommen hatte, doch sehr gütig behandelt und dessen Frau von Delphi bis nach Chalkis begleiten lassen, da sie wegen Räubereien und Überfällen auf der Landstraße besorgt war.

13. (137) Er war auch ein treuer Freund, welches aus seiner Einmütigkeit mit Asklepiades offenbar ist, die der innigen Liebe des Pylades nichts nachgab. Aber Asklepiades war älter, daher man sagte, er sei der Dichter, Menedem aber der Schauspieler. Man erzählt auch, Archepolis habe ihnen 3000 Geldstücke angewiesen, und da sie darüber gestritten, wer die nach dem anderen annehmen solle, habe sie keiner von beiden angenommen.

14. Man erzählt auch, sie hätten Weiber genommen und zwar Asklepiades die Tochter und Menedem die Mutter. Als hierauf dem Asklepiades seine Frau gestorben, habe er die des Menedem genommen, und dieser habe, da er dem gemeinen Wesen vorgestanden, eine reichere wieder genommen, sie hätten aber dennoch ihr Hauswesen in Gemeinschaft behalten und Menedem habe die Führung seiner Hausgeschäfte der ersten Frau überlassen. (138) Asklepiades starb vor ihm zu Eretria in hohem Alter, wo er mit Menedem bei einem sehr großen Vermögen sehr mäßig gelebt hatte. Als nun nach einiger Zeit ein Liebling des Asklepiades zu spät zu einem fröhlichen Trinkgelage kam und die Jünglinge ihn ausschlossen, so befahl Menedem, ihn hereinzulassen und sagte: Asklepiades öffne ihm die Tür, ob er gleich unter der Erde sei. Es waren aber in der Gesellschaft der Makedonier Hipponik und der Lamier Agetor beisammen, wovon der eine dem anderen 30 Minen, Hipponik aber dem Menedem zur Ausstattung der Töchter 2000 Drachmen gab. Dieser Töchter waren drei, wie Heraklides sagt, die er mit seiner Frau Oropia gezeugt hatte.

15. (139) Die Trinkgelage aber wurden auf folgende Weise angestellt. Es wurde mit zweien von dreien gefrühstückt, bis tief in den Tag hinein, dann berief einer die Ankommenden, auch die, die schon gespeist hatten. Wenn einer früher kam, so kehrte er wieder um und fragte die Herauskommenden, was vorgesetzt und welche Zeit es sei. War es nun noch Gemüse oder Eingesalzenes, so gingen sie wieder weg, war es aber Fleisch, so gingen sie hinein. Zur Sommerzeit waren die Sitze mit Blumen bestreut, im Winter aber weiche Schaffelle gelegt. Man musste sich ein Kopfkissen bringen lassen. Der Trinkbecher, der herumgegeben wurde, war nicht größer als ein Kotylchen. Der Nachtisch bestand aus Feigbohnen oder Saubohnen, zuweilen auch aus anderen Früchten der Jahreszeit, wie Birnen oder Granatäpfeln oder Hülsenfrüchten, ja, beim Zeus! Auch aus getrockneten Feigen, (140) welches alles Lykophron in seinen, Menedem überschriebenen Satyren sagt, einem Drama, das er zum Lob der Philosophen verfertigt hat. Eine Stelle darin lautet so:

Wie nach dem kleinen Mahl ein kleiner Becher

Als Maß bei ihnen umgeht, und als Nachtisch

Die weisesten Gespräche, Hörern lieblich.

16. Anfangs wurde er verachtet und musste sich von den Eretriern einen Hund und Schwätzer nennen hören; hernach aber so bewundert, dass man ihm auch selbst die Regierung der Stadt anvertraute. Er ging auch als Gesandter zu Ptolemäus und Lysimach und wurde überall geehrt; ja, auch an Demetrius wurde er gesandt, und da die Stadt diesem alle Jahre 200 Talente bezahlt hatte, so brachte er 50 davon herab. Als man ihn bei demselben verleumdet hatte, als suche er die Stadt dem Ptolemäus in die Hände zu spielen, so entschuldigte er sich in einem Brief, der sich anfängt:

Menedem entbietet dem König Demetrius seinen Gruß.

(141) Ich höre, dass man dir allerlei von mir angebracht hat; aber diese Reden sollen von einem gewissen Äschyl von der Gegenpartei bei der Regierung herkommen.

Er soll, wie Euphant in der Geschichte erwähnt, bei einer Gesandtschaft an Demetrius wegen Oropus sich sehr nachdrücklich benommen haben.

17. Antigon schätzte ihn auch und nannte sich seinen Schüler, und als er die rohen Völker bei Lisimachia besiegt hatte, fasste Menedem einen Volksbeschluss über ihn ab, der einfach und von Schmeichelei fern, sich also anfing: (142) Die Heerführer und Räte sagen, da der König Antigon in der Schlacht die rohen Völker besiegt hat und in sein Land zurückkehrt und alles übrige nach seinem Wunsch ausführt, so hat es dem Rat und der Volksgemeinde beliebt. – Aus dieser Ursache und wegen seiner übrigen Freundschaft mit demselben kam er in Verdacht, ihm die Stadt übergeben zu wollen und ging, da ihm Aristodem dies zur Last legte, weg und hielt sich zu Oropus im Amphiaraus­tempel auf. Als hier goldene Trinkbecher entwendet wurden, wurde ihm, wie Hermipp schreibt, nach einem Schluss der gesamten böotischen Nation angedeutet, sich hinwegzubegeben. Das machte ihn missmutig, dass er heimlich in sein Vaterland zurückging, seine Frau und seine Töchter zu sich nahm, sich zum Antigon begab und da aus Betrübnis starb. (143) Heraklides erzählt gerade das Gegenteil; als Vorsteher des Rates der Eretrier habe er die Freiheit seines Vaterlandes oft gegen die geschützt, die Demetrius zum Beherrscher der Stadt machen wollten; also habe er dem Antigon die Stadt nicht überliefern wollen, sondern das sei ihm fälschlich angedichtet; er sei vielmehr oft in der Absicht, sein Vaterland frei zu machen, zu Antigon gegangen, und da dieser nicht nachgeben wollen, habe er aus Unmut sieben Tage nichts genossen und so sein Leben geendigt. Fast ebenso schreibt der Karystier Antigon von ihm. Gegen Perseus allein hatte er einen ewigen Krieg, denn dieser schien es gehindert zu haben, da Antigon um Menedems willen die freie Volksregierung wiedergeben wollte. (144) Als ihn daher Menedem einstmals bei einer Kanne Wein hart tadelte, sagte er unter anderem auch: Er ist zwar ein Philosoph, aber unter allen Menschen, die jetzt leben und noch leben werden, der Böseste.

18. Er starb nach Heraklids Bericht im 84. Jahr seines Lebens, und dies ist unsere Inschrift auf ihn:

Deinen Tod, Menedem, vernahm ich, du starbest freiwillig,

Sieben Tage nahmst du keine Speisen zu dir.

Deine Tat war eretrisch, aber dem Manne nicht ziemend,

Denn Mutlosigkeit hat dich ums Leben gebracht.

Dieses sind nun die Sokratiker und die aus ihnen herstammen. Ich muss nun zu Platon übergehen, der der Stifter der Akademiker ist und zu den berühmtesten Männern, die aus seiner Schule sind.

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