Kitabı oku: «Am Sonntag geht Gott angeln»

Copyright © Claudius Verlag, München 2019
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Umschlaggestaltung: Weiss Werkstatt München
Umschlagabbildung: © shutterstock/ Alexander_Evgenyevich
Layout: Mario Moths, Marl
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, 2019
ISBN: 978-3-532-60052-8
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Einleitung
Willkommen auf dem Friedhof der Konzepte
Herdfeuer und Geschichten
Anfänge
Ein ganz eigener Weg
Die Prozesstheologie des Grünen Mannes
Irischer Dauerregen und die Weisen aus der Wüste
Von Grund auf gut
Segnen und gesegnet werden
Jesus – der nette Kerl von nebenan und der ganze Kosmos
Irische Wandersandalen und ihre Spuren
Dem Himmel sei Dank, bin ich kein Profi …
Tá mo Dhia saor – mein Gott ist frei
Wasser zu Wein
Am Sonntag geht Gott angeln
Schlusswort
Literatur
Anmerkungen
Einleitung
Es gibt eine Menge Dinge in der menschlichen Geschichte, die in Vergessenheit geraten sind. Bei einigen davon ist das nicht weiter schlimm, denn niemand vermisst wohl ernsthaft das ptolemäische Weltbild, die Phrenologie oder so bahnbrechende Erfindungen wie mit Blei verlötete Konservendosen. Wir sehnen uns nicht nach der Medizin des Mittelalters zurück und jenseits von romantischen Vorstellungen ist auch die Dampflok für die meisten Zeitgenossen eher unattraktiv. Manches, was eine Zeit lang das Nonplusultra zu sein schien, wird irgendwann von etwas Sinnvollerem, Nachhaltigerem, Vernünftigerem oder schlicht Effektiverem abgelöst, während anderes sich ganz einfach als Irrweg entpuppt.
Bei einigen geistesgeschichtlichen Strömungen sieht die Lage allerdings anders aus. Obwohl scheinbar ausradiert, blieben von ihnen noch Fragmente und einzelne, leicht verloren wirkende Puzzleteile übrig, die wir heute mühsam zusammensetzen und dabei staunend entdecken, dass dieser oder jener Aspekt einer bestimmten Weltsicht uns heute ganz gut zu Gesicht stehen würde. Das ist so bei der Naturverbundenheit der nordamerikanischen Indianer und wird vielleicht ebenso irgendwann tragischerweise bei der im Untergang begriffenen Kultur Tibets so sein.
Auch das Thema dieses Buches betrifft eine solch untergegangene Geisteshaltung, deren Inhalte uns heute noch viel sagen und uns auf eine neue Spur in Richtung lebenswerter Zukunft setzen können.
Das keltische Christentum1 mitsamt seiner aus heidnischer Zeit stammenden Naturverehrung zeigt uns Wege auf, sowohl die Schöpfung mit all ihren verschiedenen Wesen wertzuschätzen als auch ein Gefühl für die grundlegende Quelle dieser Vielfalt zu bekommen, die wir in unserer Kultur Gott nennen und der wir uns mit einem gänzlich neu geerdeten Vertrauen zuwenden können.
Diese Weltsicht, deren Blütezeit genau genommen nur knapp zwei Jahrhunderte dauerte, ist wie dafür geschaffen, die Herzen der Menschen in unserer westlichen Leistungsgesellschaft zu weiten und in ihnen Platz für all das zu schaffen, was existiert: Platz für alle Menschen gleich welcher Herkunft, Hautfarbe, sozialer Stellung und sexueller Orientierung; Platz für diejenigen, deren Meinung uns nicht behagt, und auch für die, deren Glaube uns persönlich nicht anspricht; Platz auch für alle Wesen dieser Welt, die so verschieden von uns sind, die jedoch ihre je eigene wichtige Aufgabe in einem riesigen Kreislauf des Lebens erfüllen, und deren Lebensraum unseren Lebensraum auf natürliche Weise begrenzt; Platz letztlich für etwas, das größer ist als wir selbst und das unseren Blick von den Befindlichkeiten und Bedürfnissen unseres Ego auf die wirklich wesentlichen Dinge lenkt: Liebe, Mitgefühl, Humor, Freiheit und Gemeinschaft ... und Poesie.
Natürlich besteht bei solchen Rückgriffen auf längst verschüttete Vorstellungen immer die Gefahr, zu sehr auf die eigenen romantischen Impulse zu setzen und sich zu einer kritikfreien Lobhudelei hinreißen zu lassen. Doch ich gelobe feierlich, die Kelten nicht zu den Winnetous Europas hochstilisieren oder Ihnen den heiligen Patrick als Idealbild gelingenden Lebens unterjubeln zu wollen. Worum es mir geht, ist vielmehr, eine uralte und fast vergessene Tradition zu präsentieren, die durchaus ihren Platz in unserer modernen Welt verdient, und Ihnen auf mehreren Ebenen einen persönlichen Zugang zu dieser „grünen Spiritualität“ des keltischen Christentums zu verschaffen. Zu diesem Zweck erscheint es mir sinnvoller, davon zu berichten, was mich tatsächlich berührt hat, was eine wirkliche Veränderung in mir anstieß, was mich auch in Momenten großen Zweifels oder tiefer Traurigkeit aufatmen ließ und wie dies mit den Glaubensinhalten dieser besonderen Form der Spiritualität zusammenhängt, anstatt einen historischen Abriss zu schreiben. Worauf es letztlich ankommt, ist die Frage, was all dies heute für uns ganz konkret bedeuten kann und wie uns dieser uralte Schatz an Weisheit, der sich in der keltisch-christlichen Tradition offenbart, zu einem neuen Blick auf die Welt verhilft und uns für das Reich Gottes öffnet, das schon mitten unter uns ist.
Für mich war das keltische Christentum während einer Zeit großen Zweifels ein Weg, meine Verbindung zum Wunder der Schöpfung zu stärken und den eigenen Glauben, den ich nur noch als Theorie fassen konnte, wieder zu einer spürbaren Wirklichkeit werden zu lassen. Schritt für Schritt führte mich diese Form der Spiritualität zu einem lebendigen und tief empfundenen Christentum zurück. Die Segenswünsche, der Blick auf die Schöpfung, die Idee von Jesus als Freund und nicht als Herrscher, die erfrischende Alltäglichkeit der Spiritualität, die Gleichzeitigkeit von Bodenständigem und Mystischem, die Offenheit und das erzählerische Element, die Fokussierung auf das überall zugrunde liegende Gutsein – all dies ließ meine Seele wieder frei atmen, nachdem sie sich lange Zeit so angefühlt hatte, als wäre sie irgendwo zwischen Zweifeln, einer gewissen Resignation und bloßen Vorstellungen eingesperrt gewesen. Auf diesem Weg zurück zur Lebendigkeit und zum Vertrauen hat mir vor allem ein sehr ungewöhnlicher irischer Priester geholfen, der nicht nur wie eine Mischung aus Gandalf, Dumbledore, dem Mann aus den Bergen und einem in die Jahre gekommenen Jesus aussieht, sondern der sich auch mindestens so unkonventionell verhält, wie es die erwähnte Mischung vermuten lässt. Voller Mitgefühl und Humor ließ er mich an seinem Schatz keltischer Weisheit teilhaben, sodass ich nicht nur davon lesen und gewisse Dinge intellektuell verstehen, sondern sie vor allem wirklich erfahren konnte. Wie er immer sagt, ist Wahrheit für ihn vor allem das, was uns transformiert, was uns innerlich verwandelt und zu anderen Menschen macht. Alles andere sind nur schnöde Fakten, mit denen man sich vielleicht die Zeit vertreiben kann, die aber nicht sonderlich entscheidend sind. Die Erlebnisse, die ich mit diesem Priester hatte, und die Dinge, die er mir erzählte, waren für mich der Ausgangsort einer Reise in das keltische Christentum, die mich jeden Tag ein Stückchen weiter in die Tiefe führt. Ich habe längst nicht alles entdeckt, was es auf dieser Reise zu entdecken gibt, längst nicht alles durchdrungen, längst nicht alles wahrhaft gelebt. Doch in mir herrscht eine große und freudige Bereitschaft, mich auf diesem Weg weiter vom großen Geheimnis selbst führen zu lassen, mich fallen zu lassen, loszulassen, um letztlich getragen zu werden.
Wenn Sie also erfahren möchten, ob Mystiker zum Lachen in den Keller gehen, ob man ganz neu von Jesus denken kann, ob Mönche und Nonnen früher vielleicht ganz anders gelebt haben, ob die alte Kunst des Segnens heute noch eine Bedeutung hat, warum es bei den keltisch geprägten Christen einen Kreis um das Kreuz gibt, was Gott eigentlich sonntags macht und was das alles mit Ihnen und Ihrem ganz normalen Leben zu tun hat, das von der Schönheit der Welt in jeder Sekunde zu einer tiefen Verwandlung eingeladen wird, dann sind die folgenden Seiten womöglich genau das Richtige für Sie.
Willkommen auf dem Friedhof der Konzepte
Mögest du in jeder Wendung deines Lebens
die zärtliche Hand Gottes erkennen,
die dein Herz weiter macht
und dir Gelegenheit gibt, dich auf ganz neue Weise
in die Welt zu verlieben.
Die Geschichte unseres Glaubens ist selten eine Geschichte des permanenten Vertrauens, das uns erfüllt und uns niemals wanken lässt. Es gibt Momente, in denen uns eine gewisse Sicherheit trägt, dann aber auch wieder Momente, in denen wir glauben wollen, aber nicht können, in denen uns alle Glaubensinhalte nur wie reine Selbstkonditionierung vorkommen. Mir persönlich schien es oft, als hätten in mir ein hingebungsvoller Johannes und ein zweifelnder Thomas eine WG gegründet, in der sie nächtelang am Küchentisch diskutierten. So lange, bis ich von ihrem Gerede so genervt war, dass ich vom ganzen Thema Spiritualität nichts mehr wissen wollte. Hinzu kam, dass mein innerer Johannes sich leider als ein sehr stilles und in sich gekehrtes Bürschchen herausstellte, während mein innerer Thomas nie um ein gutes Argument verlegen war und jedes zarte Gefühl, das Johannes zeigen mochte, als bloßen Kitsch oder Bedürftigkeit identifizierte und somit alles wie eine Abrissbirne des Zweifels zerstörte.
Dabei hatte Jesus mich schon immer fasziniert: Seine Lehren, seine lebensnahen Gleichnisse, sein revolutionärer Blick auf die Welt, sein Reden über ein neues Reich der Gerechtigkeit, das wir selbst erschaffen könnten, und ebenso seine Wirkung auf Menschen wie Martin Luther King jr. oder Mahatma Gandhi waren für mich Eckpfeiler meiner Weltsicht.
Die Institution, die sich angeblich seiner Lehren angenommen hatte, beeindruckte mich dagegen weit weniger. Ihre Macht, die sie stets für sich genutzt hatte, auch wenn sie dafür jede Lehre Jesu verdrehen musste, ihre unrühmliche Rolle bei so vielen Gelegenheiten in der Geschichte, die religiös verbrämte Legitimation von Ungerechtigkeiten und Verbrechen, die Unterstützung, die sie Despoten zukommen ließ, wenn sie darauf hoffte, dadurch ihren eigenen Einflussbereich sichern zu können … all das schreckte mich eher ab. Wenn die Kirche Menschen im Namen dessen verurteilte, der nie einen Menschen verurteilt hatte, dann war das für mich an Schizophrenie kaum noch zu überbieten.
Und selbst wenn ich versuchte, darüber hinwegzublicken und mich auf die wirklich großartigen Einzelpersonen innerhalb dieser Institution zu konzentrieren, fühlte ich mich doch nie zu Hause. Wenn ich mal einen Gottesdienst besuchte und auf einer Kirchenbank neben drei winzigen Omis mit blau schimmernden Dauerwellen saß, die mit brüchigen Stimmen Kirchenlieder trällerten, während die Orgel etwas ganz anderes spielte, dann fand ich das in gewissem Sinne niedlich, aber dabei berührte mich innerlich einfach gar nichts. Wenn ich dann noch auf die Texte achtete wie „O ich armer Sünder“ oder „O Haupt voll Blut und Wunden“, wurde mir immer recht schnell bewusst, dass ich mich am falschen Ort befand.
Ich muss gestehen, dass ich irgendwann den gängigen Fehler beging, Glauben und Institution zu verwechseln, und als ich diejenigen, die ständig von Gott schwafelten, aus meinem Leben schmiss, auch gleich Gott selbst mit hinauswarf.
Eine unbestimmte Sehnsucht jedoch blieb. Eine Sehnsucht nach Mehr, nach Sinn und nach Tiefe, die mich eines Tages zu einem Buch des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber mit dem schönen Titel „Gottesfinsternis“ führte, in dem mich ein Satz förmlich ansprang: „Wir können das Wort ‚Gott‘ nicht reinwaschen, und wir können es nicht ganz machen; aber wir können es, befleckt und zerfetzt wie es ist, vom Boden erheben und aufrichten über einer Stunde großer Sorge.“2
Dieser Satz erschien mir, als sei er nur für mich geschrieben worden. In meiner Welt war das Wort „Gott“ entheiligt worden und ich hatte es nicht mehr ertragen, davon zu reden, obwohl ich doch instinktiv wusste, dass ich mir selbst etwas raubte (oder rauben ließ), wenn ich völlig auf die Verwendung und somit auch auf den Inhalt verzichtete. Mir wurde die Leerstelle bewusst, die dabei entstand, die Traurigkeit, die mich hinunterzog und mir den Blick für alles Gute verstellte.
Und indem mir die Leerstelle bewusst wurde, verwandelte sie sich in einen Sog, der nach Buber – der mir noch ein aufmunterndes „Alle Menschen haben Zugang zu Gott, aber jeder einen andern“3 mit auf den Weg gab – alles an mystischer Literatur in mich hineinspülte, dessen ich habhaft werden konnte.
Es war erhellend und bewegend, Meister Eckhart, Angelus Silesius oder Bernhard von Clairvaux zu lesen, mich mit Hazrat Inayat Khan oder Rumi auseinanderzusetzen und in die Gedankenwelt Hildegards von Bingen abzutauchen, aber ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht konnte ich mit diesen Menschen leider nicht mehr führen.
Solch ein Gespräch ergab sich erst später, als ich im Internet auf ein Video stieß, in dem Ken Wilber einen reichlich schrägen irischen Priester interviewte, der in Kalifornien eine Gemeinde leitete. Ich recherchierte, sah, dass dieser Priester auch ein Buch geschrieben hatte, las es begeistert und entschied mich, dieses Werk in deutscher Übersetzung in dem Verlag herauszugeben, in dem ich damals arbeitete und in dem ich jede Freiheit genoss. Mit unserem ersten Telefonat begann dann ein Gespräch, das bis heute nicht abgerissen ist … Ich wählte die Nummer in den USA, nachdem ich mich auf Vertragsverhandlungen vorbereitet und alle Zahlen parat hatte, die ausländische Autoren am meisten interessieren: Vorschusshöhe, Honorarstaffelung, Erscheinungsdatum, Höhe der Erstauflage. Doch Seán am anderen Ende der Leitung interessierte das alles nicht die Bohne. Er fragte mich nur eine Sache: „Warum? Warum möchtest du so ein Buch herausbringen?“
Ich muss gestehen, dass ich ob dieser Frage völlig perplex war und eine Weile herumstammelte, bis ich mich dazu entschloss, ihm einfach die Wahrheit zu sagen: dass ich selbst diese Leerstelle in meinem Herzen fühlte und dass ich die großartige Möglichkeit besaß, meiner eigenen Suche auch beruflich zu folgen, und Bücher herausbringen konnte, von denen ich mir versprach, dass sie mir auf meinem Weg halfen und unter Umständen auch anderen Menschen dienlich wären. Seán hörte ruhig zu und ich hatte das Gefühl, ihm alles sagen zu können, nichts zurückhalten, nichts zensieren zu müssen. Ich erzählte ihm von meinen Zweifeln und von meiner Überzeugung, dass ich wohl nie das werden würde, was man gemeinhin unter einem echten Christen verstand. Ganz lapidar meinte er nur: „Muss das irgendjemand sein?“
Ein halbes Jahr später erschien das Buch, Seán kam nach Deutschland geflogen und wir gingen das erste Mal gemeinsam auf Tour, verstanden uns von Anfang an prächtig und hielten in unseren Gesprächen stets eine gesunde Balance zwischen spirituellem Tiefsinn und gut gelauntem Blödsinn.
Seán war in der Tat der ungewöhnlichste katholische Priester, den ich jemals kennengelernt hatte. Ganz abgesehen von seinem leicht hippieartigen Äußeren, das viele Menschen überraschte, waren es vor allem seine Ansichten und die Konsequenzen, die er daraus zog, die mich beeindruckten. Als junger Priester war er nach Afrika geschickt worden, um dort zu missionieren, war aber eher selbst missioniert worden, wie er immer sagte. Die Erde, das Land und die Menschen zu lieben, war für ihn gleichbedeutend mit einem Gottesdienst. Zusammen zu feiern und zu tanzen, war für ihn das beste Gebet. Einen Menschen zu umarmen, ihm zuzuhören und ihn wirklich zu sehen, war für ihn Kontakt zum Mysterium selbst.
Als er Afrika verließ, konnte er nicht nur fließend Suaheli sprechen, sondern nahm von dort auch eine innere Freiheit mit, die er in jungen Jahren nicht gehabt hatte und die er nun niemals mehr missen wollte. Er ging nicht zurück nach Irland, sondern arbeitete in einer Gemeinde in Kalifornien, wo es aber nach einigen Jahren zu Problemen kam, da nicht allen Menschen (vor allem den Vorgesetzten) seine Art gefiel. Seán hatte keine Hemmungen, schon in den 1990er-Jahren schwule und lesbische Paare zu verheiraten, und fragte auch gar nicht lange, bevor er dies tat. „Liebe ist Liebe“, sagte er immer, „und Gott liebt die Liebe. Warum sollte ich mich also gegen irgendeine Liebe stellen, wo ich doch angeblich ein Diener Gottes bin?“
Nicht jeder Diener Gottes verstand seinen Dienst aber in dieser Weise, und so musste Seán die Gemeinde letztlich verlassen. Was dann geschah, hatten die Kirchenoberen aber in ihren schlimmsten Albträumen nicht vorausgesehen: Etwa 500 Gemeindemitglieder entschlossen sich kurzerhand, Seán zu begleiten, ihre Ursprungsgemeinde ebenfalls zu verlassen und gemeinsam eine neue Gemeinschaft zu gründen: die Companions On The Journey, die Gefährten auf dem Weg. Hier blühte Seán richtig auf, feierte Gottesdienste mit Katholiken, Protestanten, Hindus, Moslems, Juden und Buddhisten, teilte das Abendmahl mit homosexuellen, transsexuellen, atheistischen und geschiedenen Menschen. Er lud also auch all diejenigen an den großen Tisch Gottes, die an anderen Orten der Kirche nicht gern gesehen waren.
Einmal im Jahr besuchte er seine Familie in Irland, flog für vier Wochen herüber und verbrachte Zeit mit seinen Eltern und Geschwistern, seinen zahlreichen Nichten und Neffen … und mit mir. Wir trafen uns öfter auf der grünen Insel, gingen am Atlantik spazieren, unterhielten uns über Gott und die Welt. Wir liebten beide Hunde, die Berge und das Meer, und hatten ebenso eine gemeinsame Abneigung gegen Hierarchien, Ignoranz und Brokkoli. Mit anderen Worten: Wir verstanden uns blind.
Bei all diesen Gelegenheiten festigte sich nicht nur unsere Freundschaft immer mehr, ich begegnete in Irland auch einer fast vergessenen Tradition, die mir half, wieder Vertrauen in das Christentum zu fassen und Jesus ganz jenseits von der Institution Kirche wieder zu einem wichtigen Bestandteil meines Lebens werden zu lassen.
Meist holte Seán mich am kleinen Flughafen in Cork ab. Ich stand vor der Abfertigungshalle und wartete auf den „besten katholischen Shuttle-Service der Welt“, wie Seán sich angekündigt hatte. An solchen Orten die Menschen zu beobachten, kann ein unterhaltsamer Zeitvertreib sein, allerdings wird man manchmal auch auf unliebsame Weise mit seinen eigenen Vorurteilen konfrontiert.
Ich bemühe mich zwar stets, nicht allzu oberflächlich zu sein, doch als ich dort stand und ein tiefergelegtes Mercedes-Cabrio mit Breitreifen und lila-türkis-changierender Sonderlackierung angerollt kam, war mein erster Gedanke: „Ach, guck mal, der örtliche Drogenverticker kommt auch schon …“ Und ich schaute mich sogleich um, ob ich nicht irgendwo seine Freundin im Leoparden-Minikleid entdecken konnte, die er hier abholte. Doch als diese Blech-Scheußlichkeit vor mir anhielt und ich das grinsende Gesicht von Seán und sein aufforderndes Winken sah – und mir bewusst wurde, dass ich die Freundin im Leoparden-Kleid war – zerbröckelte diese Geschichte in meinem Geist. Ich warf meine Tasche in den Kofferraum und ließ mich auf die weißen Ledersitze plumpsen.
Seán brachte es gleich auf den Punkt: „Na, was anderes erwartet?“
Das war das Schöne an ihm: Man konnte mit ihm stundenlang über Theologie, die christliche Mystik oder das rätselhafte Wellen- bzw. Teilchenverhalten von Licht diskutieren, aber die wirklich wichtigen Dinge brachte er einem ganz beiläufig mit einem dahingeworfenen Satz bei. Er war kein Freund von Erwartungen und anderen verfestigten Geisteshaltungen, ließ sich immer auf alles ein und zeigte an allem ein offenes Interesse. Er hatte wirklich in Bezug auf rein gar nichts eine Theorie, wie es sein sollte, sondern schaute immer einfach darauf, was sich zeigte. Und er durchbrach gern die Vorstellungen, die andere sich von der Wirklichkeit machten. Ich hätte es ihm also wirklich zugetraut, dass er sich extra für diesen Abholdienst am Flughafen diese Zuhälter-Kutsche besorgt hatte, doch er klärte mich sogleich auf und erzählte mir, dass sein Bruder mit Gebrauchtwagen handelte und ihm immer für seinen Besuch in Irland irgendeinen Wagen zur Verfügung stellte, mit dem Seán dann herumbrausen konnte. Als ich Seamus und seinen Sinn für Humor später kennenlernte, fragte ich mich allerdings sofort, ob der Wagen vielleicht eine späte Rache für einen erduldeten Kindheits-Streich war.
Wie auch immer: Seáns kleiner Seitenhieb auf enttäuschte Erwartungen ließ uns gleich in ein Gespräch über die christliche Mystik und Meditation eintauchen, über eine innere Verfassung, die uns loslassen hilft, die uns mit neuen Augen sehen und uns dem gegenwärtigen Geschehen vorurteilsfrei zuwenden lässt.
Seán wusste nur allzu gut von meiner allgemeinen Ernüchterung, was Glaubensangelegenheiten betraf.
„Hat vielleicht auch mit enttäuschten Erwartungen zu tun“, sagte er. „Du erwartest von der Kirche, dass sie sich den Menschen zuwendet und sie bei ihrer Suche nach Gott unterstützt, während die Kirche nur erwartet, dass sich die Leute gefälligst an das halten, was sie mühsam versucht zu bewahren. Und dabei verstellt ihr die eigene Lehre den Blick auf die Wirklichkeit.“ Er lachte, schnitt eine Kurve und bretterte viel zu schnell zwischen winzigen Häusern und niedrigen Steinmauern entlang.
„Ich glaube, eine religiöse Institution ist immer in Versuchung, alles zu beschützen, was ihr lieb und teuer ist, und befindet sich damit ständig in Rückzugskämpfen. Und dann verkommt auch Gott zu einem festgefügten Bild, das man verteidigen muss, etwas, von dem man genau zu wissen meint, wie es aussieht, wie es beschaffen ist … Na ja, und wie alle anderen es sehen sollen.“
Ich nickte, nachdenklich, aber zustimmend. „Stimmt wohl. Gott ist dann Position und nicht mehr Situation.“
Seán machte einen kleinen Freudensprung auf seinem Sitz: „Genau! So kann man das eindampfen.“
Genau wie für mich war Gott für Seán tatsächlich immer Situation, immer aktuell, immer jetzt, immer lebendig, ein Geschehen, eine Geschichte, die sich in jedem Moment verändert und die stets einen offenen Ausgang hat. Eine Position dagegen ist genau das Gegenteil. Sie ist starr, unflexibel und im Grunde genommen tot.
Hier in Irland überkam mich nicht zum ersten Mal das Gefühl, als würde irgendetwas darauf warten, die seltsame Leere, die ich spürte, mit einem tiefen und seelenvollen Gehalt zu füllen. Einem Gehalt, der eher zwischen den Zeilen, zwischen den Menschen, zwischen den Schafgattern und Pubs wie ein unterschwelliger Pulsschlag zu fühlen war, eine leise gespielte Bodhran, die Lieder und Geschichten begleitete, welche von längst vergangenen Zeiten berichteten.
Nach und nach sollte ich verstehen, dass einer der größten Unterschiede zwischen unserer modernen Weltsicht und der der alten Kelten wohl darin besteht, dass wir versuchen, die Welt in Konzepte und Theorien zu fassen, um sie zu verstehen, während die Kelten als geborene Mystiker ihre Welt in Geschichten darstellten. Letztere sind weitaus offener, interpretationsabhängiger und eher an transformativer Wahrheit als an bloßen Fakten interessiert.
Die Geschehnisse, die in Mythen verpackt überliefert wurden, die Heldengestalten und Götter, die Interaktionen mit der Anderswelt und dem Göttlichen in vielerlei Ausformungen, sind ein Raunen aus der Tiefe der Zeit. Wir spüren eine Kraft, wissen aber nicht genau, wie sie beschaffen ist oder was sie in uns bewirkt. Wir ahnen etwas, spüren etwas, aber eine genaue Definition entzieht sich unserer Kenntnis. Es sind Geschichten, die etwas in uns anrühren, aber keine Philosophie, die mit analytischen Methoden arbeitet. Es sind keine Formeln, die Antworten liefern, sondern eher die ganz großen Fragen, die von uns eine gelebte Antwort fordern. In ihnen darf die menschliche Fantasie lebendig bleiben, sich vortasten, eigene Schlüsse ziehen und von dort aus weitergehen, immer der eigenen Sehnsucht folgend.
Der leider viel zu früh verstorbene Philosoph und Dichter John O’Donohue sagte einmal: „Die Fantasie ist die beste Freundin der Möglichkeit. Wo die Fantasie lebendig und wach ist, verhärtet oder verschließt sich das Faktische nicht, sondern bleibt stets offen und lädt zu neuen Schwellen der Möglichkeit und Kreativität ein.“4
Ähnlich sind die Geschichten der Bibel aufgebaut, auch wenn einige Zeitgenossen es lieber sähen, wenn es fest formulierte Handlungsanweisungen wären, die immer und für alle Zeit ihre wörtliche Gültigkeit haben würden. Seán sagt immer zu mir: „Die Bibel muss man lesen wie eine richtig gute antike Zeitung. Da werden wichtige Ereignisse geschildert, aber ebenso ganz persönliche Kommentare und Meinungen abgegeben; da gibt es Gedichte und Geschichten, einen Fortsetzungsroman, eine Rätselseite, die Wirtschaftsnachrichten und die politischen Seitenhiebe; da werden Vorkommnisse gedeutet und gefragt, was sie für den jeweiligen Verfasser bedeuten; es gibt Mitteilungen, die über einen begrenzten lokalen Bezug nicht hinausreichen, und solche, die globale Bedeutung, ja kosmische Bedeutung haben. Nur einen Comicstrip habe ich bislang noch nicht entdeckt. Aber vielleicht finden sie in Nag Hammadi oder so ja noch mal was in der Richtung. Man weiß ja nie …“
Dieser weite Sinn für Geschichten ist vielleicht ein Grund, warum die Kelten dem Christentum relativ offen gegenüberstanden, während andere zuvor heidnische Völker eher schwerlich Zugang fanden: Die Gleichnisse Jesu sind ähnlich offen wie die keltischen Mythen. Sie erzählen etwas, doch die Schlussfolgerung muss man selbst treffen. Auf diese Weise bleiben religiöse Vorstellungen lebendig. Sie bewegen sich, mäandern durch die Zeit, fordern jeweils auf andere Art heraus, verlangen, dass man mit seiner ganzen Existenz Antwort auf die implizierten Fragen gibt. Diese ursprüngliche Lebendigkeit begegnete mir in einem keltisch geprägten und damit ganz anderen Christentum und wurde für mich zu einem fast taoistischen Fließen, das mich endlich wirklich erreichte und was mich so sein und so glauben ließ, wie es mir entsprach.
Was mich wirklich bewegte, fand ich hier in mannigfaltiger Ausprägung: schlichte und mitfühlende Menschlichkeit. Das Reich Gottes ist ein anderer Name für diese Menschlichkeit. Es ist nicht festgefügt, es ist kein magischer Ort, der irgendwo weit entfernt unserer Ankunft harrt, es ist kein Luftschloss, kein Ideal. Das Reich Gottes ist ein lebendiges Geschehen, gestaltet von uns Menschen, die auf eine neue Weise leben möchten, die mit all ihren menschlichen, tierischen und pflanzlichen Brüdern und Schwestern eine wahrhaftige Beziehung eingehen möchten.
Ebenso bleibt auch Gott lebendig, wenn wir ihn als Geschehen betrachten, als das, was zwischen uns geschieht, wenn wir einander auf einer wirklich tiefen Ebene begegnen.
Gott als Person ist ein Konzept, eine Vorstellung, die wir jeweils so ausgestalten, wie es gerade für uns von Vorteil ist. Das zeigt sich vor allem dann, wenn Menschen davon reden, was angeblich Gottes Wille sei. Gott will dies, Gott will das – und wie es der Zufall will, stimmt Gottes Wille mit dem überein, was mir gerade als Ziel meines Tuns vorschwebt. Und so kann ich andere Länder überfallen und Menschen unterjochen, die nicht meinen Glauben teilen (wie könnten sie auch!), ich kann Menschen mit einem anderen Lebensstil verurteilen, da Gott ja nur meine ganz persönliche Art als richtig und gut abgesegnet hat. Und so kann ich mich immer weiter in ein „Ich bin richtig, die sind falsch!“ hineindenken und mich dabei von meiner Religion gerechtfertigt betrachten.
Seáns Einstellung und – wenn ich verallgemeinern darf – auch die Haltung der frühen keltischen Christen war eine ganz andere: Hier ist Gott eher eine wirkende Kraft, ein Werden und Wachsen, ein liebendes Geschehen zwischen gleichgestellten Gegenübern. Und solch ein liebendes Geschehen kennt keine starren Grenzen, kein für immer gültiges Richtig oder Falsch, sondern ist stets von Mitgefühl und Offenheit geleitet. Es ist eine Bewegung des Herzens, das um seine eigenen Fehler weiß und daher die der anderen achtsam halten kann. W.H. Auden hat das mit seinen berühmten Zeilen aus seinem Gedicht As I Walked Out One Evening in wunderschöne Worte gefasst: „Du sollst lieben deinen krummen Nächsten mit deinem krummen Herzen.“5
Die Kelten hatten diese Aufforderung schon verinnerlicht, als das Universum noch gar nicht an W.H. Auden gedacht hat.
Herdfeuer und Geschichten
Möge dein Heim stets
von einem wärmenden Feuer erhellt sein,
an dem man sich Geschichten erzählt,
die Fremde zu Freunden werden lassen.
Die keltisch-heidnischen Kulturen haben uns nichts Schriftliches hinterlassen, keine heiligen Texte, keine Abhandlungen über ihre Weltsicht, ihr Verhältnis zur Natur oder ihre spirituelle Tradition. Daher stammen die wenigen erhaltenen Texte über sie von römischen Invasoren oder christlichen Mönchen und sind somit recht tendenziös, was es nicht unbedingt einfacher macht, etwas über die frühe Zeit der keltischen Spiritualität herauszufinden.
„Das macht gar nichts“, meinte Seán, als ich dieses Dilemma beklagte. „Wenn du lernst, still zu werden, können dir die grünen Hügel, der Wind und die See alles erzählen, was du wissen möchtest.“
Das war wieder einmal die typische Antwort von jemandem, der Stunden damit zubringen konnte, eine Spinne beim Bau ihres Netzes zu beobachten, und der über solche Naturphänomene stundenlang Geschichten erzählen konnte, die nie mit Zwischentönen, Weitschweifigkeit, Unerklärlichem und einem Hauch der Anderswelt geizten.
Ich erinnere mich mit sanftem Schrecken an dreistündige Vorträge, die ich auf Tour mit ihm zu übersetzen hatte –, was wohl nicht nur Landes- sondern auch Familientradition war. Sein Großvater war über die Grenzen seines Dorfes hinaus als Geschichtenerzähler, Mythensammler und beliebter Redner bei Trauerfeiern und Hochzeiten bekannt gewesen. Sein Vater hatte ebenfalls Sprich- und Segensworte gesammelt und dadurch in Seán die für einen katholischen Priester sicher ungewöhnliche Meinung verfestigt, dass die Iren auch ohne das Christentum gut zurechtgekommen wären. Sie hatten ja ihre Sprichwörter und waren Meister in der Kunst des Segnens. Das reichte doch dicke an Spiritualität!
Als ich an einem Abend bei seiner Familie zu Gast war, wurde trotz lauschiger 18 Grad Außentemperatur ein Feuer im Kamin angeheizt, während sich Brüder, Schwestern, Onkel, Tanten, Freunde, Nachbarn und irgendwelche Leute, die wohl aus Versehen hier waren, auf einem Sammelsurium von Küchen- und Schaukelstühlen, Sesseln und Melkschemeln versammelten. Offenbar teilten alle Mitglieder der Familie O’Laoire die Vorliebe ihres weitgereisten Sohnes Seán für afrikanische Temperaturverhältnisse. Während sich mein T-Shirt langsam, aber sicher in eine Salzkraterlandschaft verwandelte, saßen die lustigen Iren in Strickpullis um das munter prasselnde Feuer und fühlten sich pudelwohl.
Vielleicht musste ich mir bewusst machen, dass das Herdfeuer der irische Inbegriff schlechthin für Gastfreundschaft war – schließlich taucht dieser Begriff in jedem dritten irischen Segenswunsch auf – und so wurde das Feuer angefacht, weil ein Gast da war, und nicht etwa, weil es kalt war. Da musste man einfach durch!
Es gab Scones, Tee, Bier und ein freundliches Lachen aus jeder Ecke. Padraig, der steinalte Nachbar, den ich nie in etwas anderem als seinem ölverschmierten Blaumann sah, gab zahnlos eine Geschichte nach der anderen zum Besten, die alle köstlich zu amüsieren schienen. Obwohl er angeblich Englisch sprach, verstand ich allerdings nicht ein einziges Wort.
Aber bald begannen auch andere zu erzählen und es entspann sich ein Hin und Her aus Mythen, Märchen und Geistergeschichten. Die Túatha Dé Danann schwebten durch den Rauch des Feuers, Fionn mac Cumhaills Weissagungskünste wurden gepriesen, Airmeds Umhang hüllte uns ein, und immer wieder wurde Bezug genommen auf Merkmale der Landschaft: „Westlich von Sligo steht ein Stein … Auf dem Hügel hinter dem Haus meines Großvaters … Auf dem Feld von Connor O’Douglan … An der Westküste von Inis Mór …“ So begannen viele Sätze, die irgendwann nach Stunden ineinander verschwammen, fast zu einem Hintergrundgeräusch wurden, das mich in vereinter Kraft mit dem einen oder anderen Stout und der saunaartigen Hitze einlullte. Ich fühlte mich der Zeit entrückt, hörte Seán von Brans nicht enden wollender Reise erzählen, dachte kurz, er spräche über mich, und fühlte mit einem Schlag den Unterschied zwischen den verwurzelten Menschen hier und meiner eigenen Rastlosigkeit und fehlenden Zugehörigkeit.
Ich stand etwas schwindelig auf und ging nach draußen, wo mich ein glitzernder Sternenhimmel erwartete, der mich sonst stets faszinierte und beflügelte, mich heute aber einfach noch verlorener fühlen ließ als sonst schon.
„Wir sind alle hier“, sagte Seán plötzlich neben mir, und ich erschrak, als hätte mir eine Banshee auf die Schulter geklopft. „Wir alle auf diesem kleinen blau-grünen Ball, der mit 107.000 km/h durchs All rast. Verrückt, oder?“
Solche Zahlenbeispiele hat Seán ständig auf Lager, da schlägt der Mathematiker in ihm diabolische Doppel-Salti.
Und nichts macht ihm mehr Freude, als bei seinen Vorträgen die Zuhörer mit entsprechenden Infos zum Staunen und mich als seinen Übersetzer zur Verzweiflung zu bringen. Schon mal die Drake-Gleichung zur Schätzung der Anzahl intelligenter Zivilisationen innerhalb unserer Galaxie aus dem Englischen übersetzt, die ein irischer Schnellsprechkünstler mit hartem Akzent herunterrasselt, während 150 Zuhörer Sie anstarren, als wären Sie völlig verrückt geworden? Ich schon – und ich kann die Formel mittlerweile sicherheitshalber auswendig.
Was Seán jedoch mit all diesen Zahlen und Formeln wirklich sagen will, ist stets, dass wir auf einem absolut erstaunlichen Planeten zu Hause sind. Dass alles ineinandergreift, aufeinander abgestimmt ist, von Wundern durchwirkt und uns jeden Tag als Geschenk dargebracht wird. Wenn ich alles, was er mir beibrachte, auf eine Aussage verkürzen wollen würde, würde sie wohl „Mach die Augen auf!“ lauten.
Wenn wir alle auf diesem kleinen blau-grünen Ball unterwegs waren, dann waren wir alle hier zu Hause. Wir alle konnten den Geschichten des Landes unter unseren Füßen lauschen, auch wenn es die Iren in dieser Disziplin zur Meisterschaft gebracht hatten.
Ich spürte, dass die Geschichten und Mythen, auch wenn ich sie durcheinanderbrachte, sie nicht ordnen konnte, etwas in mir berührten. Etwas sehr Altes, eine Erinnerung, die nicht nur meine eigene war. Es schien mir so, als ob in mir ein Brunnen sei, in den jede Geschichte sich wie ein Eimer hinabsenkte, um das kostbare Wasser nach oben zu transportieren. Ich konnte noch keinen Blick auf dieses Wasser werfen, doch ich vermutete, dass ich in ihm mein eigenes Gesicht gespiegelt sehen würde.
Diese Geschichten, die Seáns Familie erzählte, waren keine Unterhaltung, sie dienten einem ganz anderen Zweck: Sie ließen den Zuhörer das grundlegend Menschliche in sich selbst entdecken. Etwas, das ihn mit all den Helden, Kriegern, Göttern und Göttinnen, Abenteurern und Irrfahrern verband.
Ich sagte nichts, schaute nur nach oben, während der Schwindel und die Hitzewallungen langsam vorübergingen. Die Sterne über mir, die dahinrasende Erde unter mir. Selbst Seán schwieg ganz unirisch. Weitere Familienmitglieder strömten aus dem kleinen Haus, verabschiedeten sich und verschwanden in die Nacht. Seán klopfte mir auf die Schulter und ging zurück ins Haus.
Ich stand noch eine Weile dort, betrachtete den großen Wagen, das einzige Sternbild, das ich zweifelsfrei identifizieren konnte. Dann ging auch ich ins Haus, legte mich in ein viel zu kurzes, knarrendes Bett und träumte von einer schwarzen Amsel, die auf meinem Arm saß und mir dann ihren Schnabel tief in die Brust stieß …
Anfänge
Möge deine Welt grün sein
und vor Lebendigkeit schier bersten.
Mögest du dich fühlen wie ein Baum,
der seit Ewigkeiten seine Wurzeln in die dunkle Erde streckt,
auf die geflüsterten Geschichten des Landes lauscht
und dessen Äste sich darum ohne jede Angst und Scheu
in den Himmel ausbreiten können.
Wenn Seán seine Familie in Irland besucht, steht meist auch etwas Handwerkliches auf dem Programm. Seán nimmt sich irgendeinen Schmierzettel, berechnet flott die Dinge und dann wird munter drauflosgewerkelt, wobei keine Herausforderung zu groß scheint. Und so hörte ich schon oft frühmorgens Seán und seinen Bruder irgendwo hämmern, sägen und vor allem lachen. Ich schaute aus dem Fenster und sah sie entweder mit absurden Gerätschaften, die man auf einer Großbaustelle vermutet hätte, oder aber riesigen Bauteilen durch die Gegend laufen. Wenn ich fragte, ob ich helfen könne, sahen sie mich immer an, als hätte ich den Verstand verloren. Wahrscheinlich hatte sich die Kunde meines handwerklichen Ungeschicks schon weit über meine heimatlichen Gefilde hinaus verbreitet.
An einem fast sonnigen Morgen saß Seán ganz oben auf dem beinahe fertigen Holzgerüst des neuen Hauses, das sich sein Bruder baute, und hämmerte ein paar Balken zusammen, während Seamus herumbalancierte und wohl einfach die Aussicht genoss. Ich zog mich an, schnappte mir eine Tasse Tee und trat nach draußen. Zwei Männer, einer Mitte 60, der andere fast 70, die ohne jede Sicherung auf einem Holzgerüst herumturnten, das jedem deutschen Bauamt das Entsetzen gelehrt hätte.
„Wenn ich euch zwei schwarze Hüte besorge, könntet ihr auf eurer Scheune glatt als Amish durchgehen“, rief ich hinauf. „Interesse?“
„Ach, die würden mich noch schneller rausschmeißen als die Katholiken“, meinte Seán. „Calvin und ich – das wird nichts mehr in diesem Leben!“ Seamus lachte sich kaputt, versenkte aber trotzdem fachmännisch einen Nagel nach dem anderen. Seán packte indes sein Werkzeug ein und kletterte gewandt wie eine Bergziege von den Dachbalken herunter.
„Komm mit, ich will dir etwas zeigen“, sagte er.
Wir packten ein paar Sandwiches und eine Thermoskanne Tee ein, sprangen in seine Ludenkarre und machten uns auf den Weg.
„Wohin fahren wir?“
„Zum Anfang“, raunte er mit verstellter Stimme, die sich gut für einen Trailer zu irgendeinem drittklassigen Mystery-Thriller geeignet hätte.
Nach etwa 40 Kilometern auf lächerlich engen Straßen, die links und rechts von kleinen Steinmäuerchen begrenzt waren, hielt er plötzlich an. Ich war froh, dass wir endlich da waren, denn sein Fahrstil war nicht unbedingt dazu angetan, mich zu entspannen.
„Da sind wir“, sagte er und schwang sich aus seinem Ledersitz. Ich stieg aus und sah … nichts. Wobei „nichts“ nicht ganz richtig ist. Felder waren natürlich vorhanden, ein paar Sträucher und Bäume, die allgegenwärtigen Steinmauern. „Äh …“, machte ich, doch Seán winkte mich schon weiter: „Ein paar Meter zu Fuß.“
Wir latschten eine Weile über feuchte Wiesen, quetschten uns durch einen halb verfallenen Weidezaun und standen plötzlich auf einem Feld, in dessen Mitte ein beeindruckender Steinkreis zu sehen war. Einige Steine standen aufrecht, andere lagen am Boden, umgestürzt durch jahrhundertelange Bodenerosion, Seewind und die Arbeit ganzer Generationen fleißiger Wühlmäuse.
Eines muss man den Iren lassen: Sie machen kein großes Getue um ihre Kulturschätze! In Deutschland wäre dieser Steinkreis bestimmt von einem Sicherheitszaun umgeben gewesen, es hätte Infotafeln und eine kleine Holzhütte für den offiziellen Aufseher gegeben, der einem Eintrittsgeld abknöpfen würde. Hier jedoch lag dieser geschichtsträchtige Ort verlassen auf einem Feld, das irgendeinem Bauern gehörte, der mit seinem Trecker einfach immer einen kleinen Schlenker um die Steine fahren musste und sich nicht viel dabei dachte.
Die großen britischen Steinkreise in Stonehenge und Avebury waren mittlerweile zu Zirkus-Attraktionen verkommen, doch hier in Irland sahen die Leute ihr Erbe eher locker. Die Steinkreise gehörten ebenso dazu wie die Geschichten, die Pubs und die Kirchen.
Wir setzten uns in den Kreis und ließen die Atmosphäre auf uns wirken.
„Weißt du, was ich an diesen Steinkreisen am schönsten finde?“, fragte mich Seán.
Ich hatte keine Ahnung und zuckte nur mit den Schultern.
„Dass niemand so genau weiß, wozu sie wirklich dienten, was die Menschen glaubten, die sie bauten. Es gibt so viele Theorien, aber letztlich sind sie einfach da. Stehen hier herum wie eine Frage, die nur auf jemanden wartet, der sich von ihr davontragen lässt.“
Man muss vielleicht dazusagen, dass die Steinkreise nicht von den Druiden errichtet wurden, wie oft fälschlicherweise angenommen wird. Es gibt Hinweise darauf, dass die Druiden sie genutzt haben – vielleicht als Kultstätte, als Meditationsplatz, vielleicht als eine Art Observatorium. Aber wahrscheinlich haben auch sie sich schon gefragt, wer diese riesigen Steine hierhergeschafft hat und warum.
Ganz sicher war jedoch – und für mich auch spürbar –, dass die Steinkreise ähnlich wie die Geschichten und Mythen wirkten, denen ich so gerne lauschte. Sie sprachen etwas an, berührten eine Erinnerung in mir, die nicht in meinem Kopf, sondern eher in meinem Bauch verortet war.
„Sag mal, Seán, was sind diese Mythen für dich? Glaubst du sie?“
„Du meinst, ob ich sie für wahr halte?“
Ich nickte.
„Faktisch korrekt sind sie sicherlich nicht“, sagte Seán. „Bestimmt keine Texte, die man in den Nachrichten bringen würde. Aber wahr sind sie dennoch! Wie soll ich das erklären?“ Er blickte einen Moment nachdenklich zu Boden. „Für mich ist etwas wahr, was die Kraft hat, mich zu transformieren, mich in Einklang zu bringen mit einem tieferen Strom von Wahrheit, der fast unbemerkt diese Welt durchdringt. Du kannst diese Kraft Tao nennen – ich nenne sie Gott oder auch Göttin oder aber den kosmischen Christus. Aber das sind alles nur Worte.“
„Die heidnischen Mythen erzählen dir also etwas von deinem Gott?“
„Natürlich! Ich mag die Bibel – ist eine Berufskrankheit –, aber ich denke nicht, dass sich nur dort etwas Göttliches finden lässt. Jeder Mythos erzählt von Gott, erzählt vom Menschsein, von unserer Suche nach Menschlichkeit, unseren ganz grundsätzlichen Fragen. Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Dürfte dir doch bekannt vorkommen …“
Er grinste mich an und biss in sein labberiges Sandwich.
„Die Steinkreise, das Herdfeuer, die Küsten und Klippen, der Nebel und die Feenhügel – das sind die Geburtsorte dieser Geschichten. Deshalb habe ich dich nach Irland eingeladen. Weil du schon jede Menge Antworten gehört hast, aber keine Geschichten.“
Und genau das holte Seán nun nach. Wir blieben den ganzen Tag, während Seán erzählte, erzählte und erzählte. Wie er immer sagte: „Ich bin Ire. Gib mir ein Thema und ich höre nicht eher auf zu reden, bis du mich erdrosselst …“
Er war jedoch ein verdammt guter Erzähler, der keine Gefahr lief, körperliche Gewalt zu riskieren, sondern es schaffte, mit jeder Geschichte Bilder heraufzubeschwören, ein echtes Kopfkino. Offenbar bestand dieses Land nicht aus Erde, Felsen und Bächen, sondern aus Geschichten, Heldentaten, Irrfahrten, ritterlichen Questen und schamanischen Reisen. Zwischendurch gingen wir an der Küste spazieren, blickten aufs Meer, aßen die letzten Sandwiches (irgendwann bringe ich den Iren bei, wie man Vollkornbrot backt – versprochen!) und saßen bei Einbruch der Dunkelheit wieder im Kreis, in Stein gewordenen Geschichten, in den Nachthimmel aufragenden Fragen.
Der Blick zu den Sternen, umgrenzt von den tonnenschweren Steinen, ließ mich erahnen, wie die Menschen in alter Zeit versucht hatten, die Ordnung des Himmels auf der Erde abzubilden, sich einzufinden in das große Ganze. Schon immer hatten wir Versuche unternommen, HIER zu sein, unser Herz mit der Erde schlagen zu lassen, während sich unser Geist in den Himmel aufschwang. Von dieser Bewegung kündeten alle keltischen Mythen, die in der Landschaft um mich herum und in dem zaundürren Priester neben mir darauf warteten, lebendig zu werden, mich mitzunehmen auf eine Reise zu mir selbst.
Vielleicht ist Irland deshalb so ein Sehnsuchtsland für viele Deutsche: Weil hier etwas gegenwärtig ist, das unsere Tiefe anspricht. Weil der Wind uns die Flausen aus dem Kopf treibt, weil Volksmusik hier alles andere als peinlich ist und weil das Uralte gleichberechtigt neben dem Neuen existiert. Und weil die Wellen des Atlantiks rau sind, unsere inneren Klippen zernagen und unser Herz freilegen, das sich mit einer seltsamen Mischung aus melancholischer Zärtlichkeit und freudiger Zugewandtheit der schlichten Menschlichkeit widmen kann. Der Journalist und Reiseschriftsteller Alfred E. Johann sagte über diese emotionale Vermengung: „Wo auch immer ich mich aufhielt in Irland – dies war das Geheimnis seines Zaubers, dass das Land lächelte unter Wolken von Schwermut.“6
Seán und ich saßen im Steinkreis auf dem Boden, ließen den Blick und die Seele schweifen, sahen zum Himmel empor, spürten die Dunkelheit und die Weite, in der so vieles verborgen und alles enthalten war. Ich dachte an die Kelten, die von Schottland bis Spanien, von Frankreich über Deutschland und Österreich bis in die Türkei ihre Spuren hinterlassen hatten. Die Spuren ihrer Weltsicht, die ohne analytische Philosophie, aber nicht ohne Geschichten auskam – die immer „sowohl als auch“ statt nur „entweder oder“ enthielt, die nie zwischen dem Göttlichen und Weltlichen unterschied, sondern alles ineinander übergehen ließ. Die den Nebel nicht unbedingt lüften wollte, sondern die Schönheit im Schemenhaften erkannte.
Hier war etwas, das wichtig für mich war. Und Seán half mir stets, in dieses Wichtige einzutauchen, es einzuatmen, es in jedem Knochen, in jeder Zelle zu spüren.
Hatte ich Fragen, konnte ich mich immer auf Seán verlassen, denn er war nie um eine weit ausschweifende Antwort inklusive mythologischer Geschichte plus Bibelbezug verlegen. Am meisten mochte ich es, wenn er auf eine Frage entgegnete: „Dazu habe ich drei Dinge zu sagen …“, denn ich wusste genau, dass er zum Zeitpunkt dieser Antwort, bei der er dann auch immer artig drei Finger in die Luft streckte, noch keinen blassen Schimmer hatte, welche drei Dinge er denn erzählen würde. Nach einem seiner Vorträge, den ich übersetzt hatte, verriet er mir mal sein Geheimnis: „Ganz ehrlich, ich weiß nicht, um welche drei Punkte es geht, aber wenn ich das so sage, dann bin ich immer hundertprozentig sicher, dass sich eine dreiteilige Antwort ergeben wird.“ Und tatsächlich, das schaffte er jedes Mal, ohne auch nur einmal in Verlegenheit zu geraten.
Die Kelten, denen die Welt viele große Geschichtenerzähler zu verdanken hat, waren insgesamt ein seltsames Völkchen und vieles, was sie gedacht und getan haben, bleibt nach wie vor im Dunkeln. Ihr Name stammt vom griechischen Wort keltoi, doch weitergehende etymologische Kenntnisse sind eher schemenhaft. Einige Historiker meinen, dass der Name „die Versteckten“ bedeute, andere gehen wiederum davon aus, dass es „die Emporragenden“ heiße. Weiter könnten die Vermutungen wohl nicht auseinanderliegen. Fest steht zumindest, dass sich offenbar auch manche keltischen Stämme selbst als Kelten bezeichneten, anders als die Germanen, denen der ihnen zugewiesene römische Sammelbegriff eher fremd war.
Als klassische keltische Zeit betrachtet man grob den Zeitraum vom 8. Jahrhundert vor Christus bis etwa ins 5. Jahrhundert nach Christus. (Da ich den Sonderweg des keltischen Christentums als einzigartige Fusion aus heidnischen und christlichen Vorstellungen und damit als originär keltisch werte, betrachte ich diese klassische Zeit als bis ins 7. Jahrhundert reichend – genauer gesagt, bis ins Jahr 644. Dazu aber später mehr.)
Ihre größte Ausbreitung fand die keltische Welt, deren archäologischen Spuren man in Anatolien, Kroatien, Ungarn, Tschechien, Norditalien, Österreich, Schweiz, Süddeutschland, Frankreich, Nordspanien, Südostengland, Irland, Schottland und Wales begegnen kann, im 3. Jahrhundert vor Christus.
Außer der Sprache, die im heutigen Walisisch, Gälisch und Bretonisch überlebt hat – das keltische Manx von der Isle of Man und das Kornische, was in Cornwall gesprochen wurde, sind leider ausgestorben –, verband die Menschen, die als Kelten bezeichnet wurden oder sich selbst bezeichneten, vor allem eine bestimmte Weltsicht, die ihren Ursprung im Animismus hat. Dieser Animismus (von lat. animus = Hauch, bzw. anima = Seele) geht davon aus, dass alles in der Welt beseelt und alles von heiligem Leben durchdrungen ist: der Hirsch, der Fuchs, die Esche und der Ginster, das Gras auf den Hügeln, der Felsen, an dem sich die Meereswelle bricht, das Meer selbst, der Himmel, die Erde, das Feuer, der Fluss, der Mensch und die Amsel, die jeden Morgen ihr Lied anstimmt – sie alle sind Lebewesen voller Seele, aus göttlichem Grund stammend und dazu berufen, miteinander in Einklang zu leben. Die Welt wurde gedacht als Ort, an dem sich Seelen, Geister, Götter und personifizierte Naturkräfte trafen und miteinander wirkten. Schon seit der Jungsteinzeit gibt es Nachweise in Form von Höhlenmalereien, Kunstwerken, Grabbeigaben etc., die ein aus diesen Vorstellungen erwachsenes schamanisches Wirken belegen: Die Schamanin und der Schamane waren die Mittler zwischen den Menschen und anderen Geistern/Seelen, die entweder diese Welt bevölkerten oder aber in einer sogenannten Anderswelt, einer geistigen Parallelwelt, vermutet wurden.
Die schamanisch Tätigen reisten beispielsweise zu den Geistern der Tierherden und fragten um Erlaubnis, ein oder mehrere Mitglieder der tierischen Gemeinschaft zum Wohle des menschlichen Stammes zu töten. Ebenso waren sie für entsprechende Dankesopfer zuständig und holten Wissen über Pflanzen und ihre Kräfte aus der Anderswelt, sodass sie sich auch um Kranke kümmern konnten. Grob vereinfacht könnte man sagen, dass der Animismus und der Schamanismus, aus dem letztlich auch das Druidentum hervorgegangen ist, sich um eine sehr tiefe Form der Kommunikation mit der Welt bemühten und dabei ein Höchstmaß an Respekt und Ehrfurcht aufbrachten. Es war also alles andere als ein totes Uhrmacher-Universum, in dem die Kelten sich verorteten.
Vielmehr lebten sie in einer Welt, in der alles überaus lebendig war und aufgrund dessen als heilig angesehen wurde.
Auch die Kelten selbst waren in jeder Hinsicht lebendig: Sie feierten gern, waren oft großspurig, liebten ihre Heldensagen, vielleicht auch tatsächlich den Kampf und den Wettbewerb, das Trinken, die Dichtkunst, Schmuck, schöne Kleidung und ihre Waffen.
Vielleicht wirkte ihre Wildheit auf die Griechen und Römer ein wenig einschüchternd, zumindest ließen sich viele der antiken Schreiber eher abfällig über sie aus. „Ihr Aussehen ist furchterregend“, beklagte sich Diodor, ein griechischer Historiker, der in der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends v.Chr. gelebt hat. „Ihre Stimmen klingen tief und allgemein rau. (…) Vieles drücken sie in Übertreibungen aus, wobei sie sich selbst erhöhen und andere herabsetzen. Sie drohen gerne, reden hochfahrend und theatralisch. (…) Ihre Haut ist fast krankhaft weiß. Ihre Haare sind nicht nur von Natur blond, sondern diese Besonderheit der Haarfarbe heben sie noch durch die Behandlung [hervor]. Sie bleichen es auch noch auf künstliche Weise, waschen es in Kalklauge und kämmen es von der Stirn nach oben. Daher ähnelt ihr Anblick den Satyrn oder Panen. (…) Manche rasieren sich, andere, vor allem die Vornehmen, lassen sich bei glatt geschabten Wangen einen Schnurrbart lang herabwachsen, sodass ihr Mund verdeckt ist und beim Essen und Trinken als ein Seiher wirkt.“7 Man kann sich gut vorstellen, wie ein paar gut situierte Bürger auf dem Forum Romanum zusammenstanden und einer das Gespräch mit „Ich habe ja nichts gegen Kelten, aber …“ begann.
Aufgrund ihrer Weltsicht der Beseeltheit, der inneren Verbundenheit aller Wesen und der tiefen Überzeugung von einer allem innewohnenden Heiligkeit, kann man die Kelten getrost als eine kulturell verbundene Gemeinschaft verschiedener Stämme bezeichnen, deren ganze Gesellschaft um das Spirituelle kreiste. Der am deutlichsten sichtbare Ausdruck dieser alles durchdringenden Spiritualität war das Druidentum.
Die Druiden und ihre weiblichen Entsprechungen, die Bandrui, waren eine eigene Kaste innerhalb der keltischen Gesellschaft, die ein hohes Ansehen genoss und auch über weitreichende Macht verfügte. Traditionell vereinte diese Personengruppe die Aufgaben von Priestern, Magiern, Astronomen, Philosophen, Beratern von Königen, Heilern, Kräuterkundigen, Dichtern, Geschichtenerzählern und Bewahrern der Tradition und Historie. Damit erfüllten sie eine ähnliche Funktion, wie das die Brahmanen im alten Indien taten und teilweise heute noch tun.
Auch die Etymologie des Begriffs „Druide“ ist nicht gänzlich geklärt, scheint aber auf etwas hinzudeuten, was uns mit nur einem Wort einen Hinweis auf die besondere Qualität dieser oft hochgebildeten Kaste gibt. Zum einen gibt es die Theorie, dass sich das Wort von deru für stark, unerschütterlich und weid für sehen ableitet, wonach der Druide dann derjenige wäre, der weit sehen kann, der über Weitsicht verfügt, somit ein Weiser ist. Zum anderen wird vermutet, dass sich das Wort von dru für Eiche8 und wid für Wissen ableitet9 und damit einen Wissenden der Eichen meint, einen Eichenkundigen, einen Waldkundigen oder auch einen Waldweisen.
Der letzte Begriff gefällt mir besonders: Waldweise zu sein, stelle ich mir in jeder Zeit, vor allem aber in unserer heutigen, als sehr hilfreich und heilsam vor. Im Grün der Welt wirklich zu Hause zu sein, angeschlossen zu sein an die Zyklen der Natur, jedem Wesen mit Respekt zu begegnen, das Heilige in allem zu ehren, dem Göttlichen im Außen und Innen nachzuspüren und als achtsamer Teil einer globalen Lebensgemeinschaft zu wirken – das klingt für mich ziemlich erstrebenswert. Zum Glück hat sich ein Großteil dieser paganen Einstellung auch im keltischen Christentum erhalten und verband dort mit der christlichen Botschaft sozusagen das Beste aus zwei Welten, worauf wir später noch zurückkommen werden.
Grundsätzlich kann man sagen, dass es im Druidentum um eine Öffnung gegenüber der Magie des Lebendigseins ging (und in manchen modernen Formen des wiederbelebten Druidentums auch immer noch geht). Vieles können wir nur mühsam rekonstruieren und manche Lücke wohl auch nur mit Fantasie füllen (womit kein Kelte Probleme hätte), aber die druidische Weltsicht scheint sich wie fast alle mystisch orientierten Zweige der verschiedenen Religionen in einem Dreiklang aus Achtsamkeit, Staunen und Dankbarkeit befunden zu haben: Die Kelten schauten die Welt tatsächlich an, ließen sie auf sich wirken, staunten über das, was sich ihnen darbot – die Fülle, die Vielfalt, die Schönheit und Wildheit –, und waren dankbar, Teil dieses großen Lebenskreises sein zu dürfen.
Diese drei Grundpfeiler der mystisch orientierten Spiritualität, die stets mehr die Immanenz als die Transzendenz des Göttlichen im Fokus hat, öffnet uns auch gegenüber tieferen Ebenen unseres Bewusstseins: Wenn Achtsamkeit, Staunen und Dankbarkeit sich treffen und einander bedingen, sich durchdringen, treten wir in Beziehung: mit der Natur, mit dem Göttlichen, mit uns selbst. Darin ähneln sich Druidentum und Schamanismus – und auch die mystischen Zweige der Weltreligionen, ganz gleich aus welchen Ecken der Welt sie stammen.
Ich glaube, diese wirkliche Beziehung ist es, die mich an mystischen Wegen stets fasziniert hat – ob sie nun im Kontext des Heidentums, des Christentums, des Islams, des Judentums, des Hinduismus, des Buddhismus oder Taoismus geboren waren. Schon bei der Betrachtung all dieser Wege wurde mir bewusst, dass eine solche Spiritualität, die auf der eigenen Erfahrung gründet und sich dabei der Welt vorbehaltlos aussetzt, eben keine Weltflucht ist, sondern im Gegenteil dazu führt, ganz in der Welt präsent und vom Geschenk des Lebens erfüllt zu sein. Wenn ich dann Menschen traf, die sich einem solchen Weg verschrieben hatten, und ich gemeinsam mit christlichen Mönchen und Nonnen, Sufis, modernen Druiden, Yogis und Yoginis, Taoisten oder Buddhisten meditierte, konnte ich in der Stille dieser Momente wahrnehmen, wie die Grenzen zwischen den Wegen verschwammen und nur Menschlichkeit und Hingabe an das Sein des Augenblicks übrig blieben. Ich atmete ganz einfach mit diesen Menschen ein und aus, und mir wurde klar, dass wirkliche Verbindung eine unserer Grundsehnsüchte ist, egal in welcher Kultur wir aufgewachsen sind.
Diese innige Verbindung, dieses Eintauchen in die Welt, wertschätzten wohl auch die alten Kelten. Für sie bedeutete dies vor allem, mit allen Aspekten der Natur in Beziehung zu treten und mit Steinen, Bäumen, Pflanzen, Tieren und Menschen auf tiefer Ebene zu kommunizieren. Ebenso ging es ihnen aber darum, mit dem andersweltlichen Charakter der Welt in Kontakt zu sein, mit Wesen aus der Geistigen Welt, Elfen, Gottheiten und Naturgeistern zu sprechen und von allem und jedem zu lernen.
Eine dieser Gottheiten, die eine ganz besondere Form des In-Beziehung-Tretens symbolisiert, nämlich die Gestaltwandlung, war Ceridwen. Die Vorstellung, dass manche Götter oder Göttinnen die Fähigkeit zur Gestaltwandlung haben, ist in paganen Gesellschaften weit verbreitet und steht immer für die Aufnahme einer tiefen Verbindung. Wenn man sich in etwas verwandeln kann, sich gänzlich in etwas hineinversetzen kann, dann versteht man es auch.
Dazu gibt es eine wunderbare Geschichte, die uns letztlich auch wieder den Bogen zum keltischen Christentum schlagen lässt.
Ceridwen, die hauptsächlich in der Mythologie Wales‘ vorkommt, hatte zwei sehr gegensätzliche Kinder: ihre Tochter Creirwy, die weithin als das schönste Mädchen bekannt war, und einen Sohn, der leider potthässlich war. Zu allem Überfluss nannte sie den Jungen, als hätte er es nicht ohnehin schon schwer genug, auch noch Afaggdu. Wenn der Klang seines Namens und sein Aussehen irgendwie in einem Zusammenhang standen, dann können Sie sich vielleicht ein Bild machen und in spontane Mitleidsbezeugungen ausbrechen. Wie auch immer: Ceridwen fand, dass Afaggdu irgendeinen Ausgleich für sein Schicksal verdient hätte, und da sie nicht nur Göttin, sondern auch Zauberin war, machte sie sich daran, einen Weisheitstrunk zu brauen. Sie dachte: „Wenn der Junge schon so vermaledeit aussieht, dann sollte er wenigstens clever sein!“ Und so rührte sie in einem großen Kessel einen Trank zusammen, der Affagdu alle Weisheit der Welt schenken sollte. Der Trank musste permanent umgerührt werden, doch zu ihrem großen Verdruss musste sie zwischendurch auch mal weg, irgendetwas erledigen, was Götter eben so erledigen müssen. Da kam ihr Gwion Bach, ihr Gehilfe, gerade recht. Sie schärfte ihm ein, immer weiter zu rühren und vor allem unter gar keinen Umständen etwas von dem Trank zu probieren. Dann verschwand sie und Gwion Bach rührte mit einem großen Löffel fleißig im Kessel herum. Wer schon einmal Tomatensoße von der Küchendecke gewischt hat, weiß, dass manche Flüssigkeiten beim Kochen dazu neigen, vulkanartig zu explodieren, und so ging es auch Gwion Bach mit dem Zaubertrank: Es blubberte, es zischte … und Gwion Bach zuckte zusammen, als drei Tropfen des brüllheißen Gebräus auf seinem Daumen landeten. Ohne lange zu überlegen, steckte er den Daumen in den Mund, um den Schmerz zu stillen, und hatte somit also von dem für ihn verbotenen Trank gekostet.
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