Kitabı oku: «Nachdenken und vernetzen in Natur, Mensch, Gesellschaft (E-Book)»

Paolo Trevisan, Dominik Helbling (Hrsg.)
Nachdenken und vernetzen in Natur, Mensch, Gesellschaft
Studienbuch für den kompetenzorientierten Unterricht im 1. und 2. Zyklus
ISBN Print: 978-3-0355-1636-4
ISBN E-Book: 978-3-0355-1637-1
Coverfoto: ExcaliburMedia, iStock/Thinkstock
2. Auflage 2019
Alle Rechte vorbehalten
© 2019 hep verlag ag, Bern
www.hep-verlag.ch
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Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Einleitung
TEIL 1 – FACHVERSTÄNDNIS
Natur, Mensch, Gesellschaft – ein vielperspektivisches und integratives Fach | Paolo Trevisan
1 NMG – ein vielperspektivisches Fach in der Begegnung und Auseinandersetzung mit der Welt
2 Grundlegende Bildung als Ziel im NMG-Unterricht
3 Fachperspektivität und Integration in NMG
4 Die übergeordnete Fragestellung als Dreh- und Angelpunkt
5 Ausblick: Die übergeordnete Fragestellung im Kontext der Unterrichtsplanung
Literaturverzeichnis
Fragen zu Teil 1
Arbeitsanregungen für die Aus- und Weiterbildung
TEIL 2 – PHILOSOPHIEREN
Der Fraglichkeit der Welt mit nachdenklichem Lernen begegnen: Philosophieren in Natur, Mensch, Gesellschaft | Dominik Helbling
1 Philosophieren mit Kindern
2 Philosophieren in Natur, Mensch, Gesellschaft
3 Philosophieren anleiten
4 Ertrag: Nachdenken fördern
Literaturverzeichnis
Fragen zu Teil 2
Arbeitsanregungen für die Aus- und Weiterbildung
TEIL 3 – KOMPETENZFÖRDERUNG
Unterrichtseinheiten planen: LUKAS-Prozessmodell kompetenzfördernder Aufgabensets | Yves Karrer
1 Praxisbeispiel
2 Definition
3 Kompetenzfördernde Aufgabensets im Planungsprozess
4 Unterschiedliche funktionale Aufgabentypen
5 Aufgabensets in einer kompetenzorientierten Unterrichtseinheit
6 Planungsschritte
7 Umsetzungshilfen
Literaturverzeichnis
Fragen zu Teil 3
Arbeitsanregungen für die Aus- und Weiterbildung
TEIL 4 – ÜBERGEORDNETE FRAGESTELLUNGEN
Kann man Zeit sehen? (Kindergarten) | Claudia Röösli Stübi
1 Kindergarten-Zeit
2 Begründung der Fragestellung
3 Zentrale Sachkonzepte zur Fragestellung
4 Das Aufgabenset im Überblick
5 Exemplarische Aufgaben
6 Die philosophische Frage zum Thema: Ist Zeit immer gleich lang?
7 Ertrag: Für ein eigenständiges Leben zentral
Hinweise auf Materialien
Literaturverzeichnis
Warum feiern Menschen Feste? (1./2. Klasse) | Dominik Helbling
1 Die feiernde Schule
2 Begründung der Fragestellung
3 Zentrale Sachkonzepte zur Fragestellung
4 Das Aufgabenset im Überblick
5 Exemplarische Aufgaben
6 Die philosophische Frage zum Thema: Warum feiern Menschen Feste?
7 Ertrag: Klären und begehen
Hinweise auf Materialien
Literaturverzeichnis
Können Mädchen Hochhäuser bauen, und dürfen Jungen mit Puppen spielen? (1. Zyklus) | Sandra Büchel-Thalmaier
1 Geschlechterbewusste Pädagogik: Den Wahrnehmungs- und Handlungsspielraum erweitern
2 Begründung der Fragestellung
3 Zentrale Sachkonzepte zur Fragestellung
4 Das Aufgabenset im Überblick
5 Exemplarische Aufgaben
6 Die philosophische Frage zum Thema: Können Frauen und Männer (Mädchen und Jungen) alles gleich gut?
7 Ertrag: Geschlechterbewusst – auf verschiedenen Ebenen ansetzen
Hinweise auf Materialien
Literaturverzeichnis
Wie glücklich sind (meine) Haustiere? (3./4. Klasse) | Regula Schmidt
1 Haustiere – ein Thema für die Schule?
2 Begründung der Fragestellung
3 Zentrale Sachkonzepte zur Fragestellung
4 Das Aufgabenset im Überblick
5 Exemplarische Aufgaben
6 Die philosophische Frage zum Thema: Was ist Glück?
7 Ertrag: Unrealistische Darstellungen hinterfragen
Hinweise auf Materialien
Literaturverzeichnis
Warum schmeckt mir, was mir schmeckt? (3./4. Klasse) | Edith Fink
1 Warum sollen wir uns in der Schule mit Geschmäckern und gesundem Essen befassen?
2 Begründung der Fragestellung
3 Zentrale Sachkonzepte zur Fragestellung
4 Das Aufgabenset im Überblick
5 Exemplarische Aufgaben
6 Die philosophische Frage zum Thema: Warum mögen wir nicht alle dasselbe?
7 Ertrag: Warum schmeckt mir, was mir schmeckt?
Hinweise auf Materialien
Literaturverzeichnis
Wie echt sind Dinosaurier wirklich? (3./4. Klasse) | Paolo Trevisan
1 Was haben Dinos in der Schule zu suchen?
2 Begründung der Fragestellung
3 Zentrale Sachkonzepte zur Fragestellung
4 Das Aufgabenset im Überblick
5 Exemplarische Aufgaben
6 Die philosophische Frage zum Thema: Warum interessieren uns längst ausgestorbene Tiere wie die Dinosaurier?
7 Ertrag: Was haben Dinosaurier in der Schule zu suchen?
Hinweise auf Materialien
Literaturverzeichnis
Was nützt uns heute die Römerstadt Augusta Raurica? (3./4. Klasse) | Sabine Ziegler
1 Abschied von den alten Römern?
2 Begründung der Fragestellung
3 Zentrale Sachkonzepte zur Fragestellung
4 Das Aufgabenset im Überblick
5 Exemplarische Aufgaben
6 Die philosophische Frage zum Thema: Welche Reste aus der Vergangenheit sind erhaltens- und schützenswert und warum?
7 Ertrag: Die Römer bleiben! Und: Ausserschulisches Lernen – immer eine Reise wert
Hinweise auf Materialien
Literaturverzeichnis
Was ist Heimat? Nachdenken über Heimat, Migration und Flucht (4.–6. Klasse) | Yves Karrer
1 Heimat – Bedürfnis und Zumutung
2 Begründung der Fragestellung
3 Zentrale Sachkonzepte zur Fragestellung
4 Das Aufgabenset im Überblick
5 Exemplarische Aufgaben
6 Die philosophische Frage zum Thema: Was ist Heimat?
7 Ertrag: Heimat als Unterrichtsgegenstand in der Schule?
Hinweise auf Materialien
Literaturverzeichnis
Wen macht Schokolade glücklich? (2. Zyklus) | Matthias Hoesli
1 Weshalb Schokolade in den NMG-Unterricht gehört
2 Begründung der Fragestellung
3 Zentrale Sachkonzepte zur Fragestellung
4 Das Aufgabenset im Überblick
5 Exemplarische Aufgaben
6 Die philosophische Frage zum Thema: Was ist gerecht?
7 Ertrag: Perspektivenwechsel und Wertediskussion
Hinweise auf Materialien
Literaturverzeichnis
Wem gehört der Sempachersee? (5./6. Klasse) | Gilbert Stalder
1 Warum eine alte Geschichte in der Primarschule aufrollen?
2 Begründung der Fragestellung
3 Zentrale Sachkonzepte zur Fragestellung
4 Das Aufgabenset im Überblick
5 Exemplarische Aufgaben
6 Die philosophische Frage zum Thema: Muss man auf andere Rücksicht nehmen?
7 Ertrag: Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) am Beispiel des Sempachersees
Hinweise auf Materialien
Literaturverzeichnis
Wann wird Schall zu Lärm? (5./6. Klasse) | Ueli Studhalter
1 Von lauten Klassenzimmern und akustischen Phänomenen
2 Begründung der Fragestellung
3 Zentrale Sachkonzepte zur Fragestellung
4 Das Aufgabenset im Überblick
5 Exemplarische Aufgaben
6 Die philosophische Frage zum Thema: Ist alles, was laut ist, Lärm?
7 Ertrag: Erkenntnisse zu akustischen Phänomenen anhand des Umweltproblems Lärm
Hinweise auf Materialien
Literaturverzeichnis
Fragen zu Teil 4
Arbeitsanregungen für die Aus- und Weiterbildung
TEIL 5 – JAHRES- UND ZYKLENPLANUNG
Jahres- und Zyklusplanung in Natur, Mensch, Gesellschaft (NMG) – ein Modell für den 1. und 2. Zyklus | Sandra Büchel, Claudia Röösli Stübi, Ueli Studhalter, Paolo Trevisan
1 Worum geht es?
2 Jahres- und Zyklusplanung als Teil einer dreifachen Unterrichtsplanung
3 Lehrplan 21: Verbindlichkeiten und Probleme
4 Allgemeine Grundlagen der Jahres- und Zyklusplanung
5 Modell zur Erstellung einer Jahres- und Zyklusplanung im 1. Zyklus
6 Beispiel einer Jahres- und Zyklusplanung im 1. Zyklus
7 Modell zur Erstellung einer Jahres- und Zyklusplanung im 2. Zyklus
8 Beispiel einer Jahres- und Zyklusplanung im 2. Zyklus
Literaturverzeichnis
Fragen zu Teil 5
Arbeitsanregungen für die Aus- und Weiterbildung
Bildnachweis
Autorinnen und Autoren
Vorwort
«Natur, Mensch, Gesellschaft» (NMG) – so wird im Lehrplan 21 das Schulfach der Volksschule genannt, das in der wissenschaftlichen Gemeinschaft in der Regel mit dem Begriff «Sachunterricht» bezeichnet wird. Die Konkretisierung des Sachunterrichts durch diese drei Begriffe verdeutlicht, worum es gemäss Lehrplan 21 in diesem Fachbereich geht. Die Schülerinnen und Schüler sollen ihre Lebenswelt zur Frage werden lassen und deren Strukturen in umfassender Weise fachlich neu erschliessen und somit hinterfragbar werden lassen. Sie sollen sich in der Wissensvielfalt orientieren und zunehmend kompetent handeln lernen. Gleichzeitig macht der Dreiklang auch deutlich, dass das Schulfach seine fachwissenschaftlichen Grundlagen aus verschiedenen grossen Wissenschaftsbereichen bezieht, aus Natur- und Technikwissenschaften ebenso wie aus den Kultur-, Geistes- und Sozialwissenschaften. Der NMG-Unterricht soll jedoch dadurch nicht zu einem Sammelgefäss für verschiedene einzelfachliche Didaktiken, sondern zu einem Integrationsfach mit eigener Dignität werden. Die einzelnen Wissenschaftsbereiche werden aus diesem Grunde im Lehrplan 21 nicht als separat verstandene Bezugsdisziplinen, sondern als fachliche Perspektiven aufgeführt, die es im Unterricht sinnstiftend zu verbinden gilt. Dies bietet dem Fachbereich neben zahlreichen Chancen auch spezifische Herausforderungen.
Konsens herrscht in der Fachwelt dahingehend, dass die zentrale Idee des Sachunterrichts sich in der Integration der wissenschaftlichen Bezüge zeigt. Es stellt sich also zunächst die Frage, wie sich die Kultur eines Fachs fassen lässt, das mehrere fachliche Perspektiven aufweist. An der damit verbundenen Frage nach dem Verhältnis von Disziplinarität und Interdisziplinarität wird – mit unterschiedlichen Konjunkturen – seit den 1970er-Jahren in unterschiedlichen theoretischen Konzeptionen gearbeitet. Insbesondere die Konzepte aus den 70er-Jahren wurden in der Fachwelt zwar hoch gelobt, waren aber in Bezug auf Ihre Praxistauglichkeit eingeschränkt und fanden daher kaum Verbreitung. In der Zwischenzeit wurden vor allem perspektivenbezogene Arbeiten und Konzepte verfolgt, dies jedoch ohne den Grundanspruch der Interdisziplinarität explizit aufzugeben.
Mit dem Aufkommen des fächerübergreifenden Anliegens einer Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) erhielt dieser Grundanspruch eine neue Bedeutung und Dringlichkeit. Aus der Zusammenarbeit zwischen Expertinnen und Experten aus den Bereichen Sachunterrichtsdidaktik und BNE an der damaligen Pädagogischen Hochschule Solothurn wurden folgende Leitgedanken für einen integrativ verstandenen Sachunterricht erarbeitet:
•«Der Unterricht dient dem übergeordneten Ziel, die Schülerinnen und Schüler bei der Erschliessung der Lebenswirklichkeit zu unterstützen und ihre Bereitschaft und Fähigkeit zu fördern und zum Handeln zu ermutigen. Deshalb ist eine Rückbindung an übergeordnete Bildungsziele im Sinne der Allgemeinbildung notwendig.
•Für den Unterricht werden komplexe, gesellschaftlich und fachlich relevante Themen gewählt; diese Themen werden sachgerecht und unter Hinzuziehen relevanten Wissens aus den Bezugswissenschaften des Sachunterrichts bearbeitet. Ausgangspunkt dazu ist die Formulierung einer übergeordneten Fragestellung.
•Die Themen des Unterrichts werden so umrissen und aufbereitet, dass sie die Balance halten zwischen der Orientierung an fachwissenschaftlicher Relevanz und der Orientierung an der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler. Der Unterricht vermittelt den Schülerinnen und Schülern belastbares Wissen sowie grundlegende Erfahrungen und Einsichten aus relevanten Gebieten wissenschaftlichen Denkens.
•Die Wissensbestände und Vorgehensweisen verschiedener fachwissenschaftlicher Perspektiven des Sachunterrichts werden bei der Bearbeitung komplexer Themen nicht additiv nebeneinandergestellt, sondern anhand einer übergeordneten Fragestellung zu einer Gesamtsicht vernetzt. Mittel dazu ist ein interdisziplinär reflektierter perspektivenverbindender Sachunterricht.
•Die verschiedenen ‹Modi der Weltbegegnung› und ein konstruktivistisches Lernverständnis, das das individuelle Lernen der Schülerinnen und Schüler in den Mittelpunkt stellt, charakterisieren den Sachunterricht.»[1]
Das vorliegende Studienbuch zeigt, wie diese Leitgedanken in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung an der Pädagogischen Hochschule Luzern weiterentwickelt werden, und gibt praktische Hinweise, wie Sachunterricht anders verstanden und umgesetzt werden kann. Es ist erfreulich, dass Studierende mit diesen neuen Zugängen konfrontiert werden und Modelle für eine integrative Unterrichtsgestaltung kennenlernen. Das Studienbuch leistet damit einen wertvollen Beitrag im Hinblick auf einen integrativ konstituierten NMG-Unterricht.
Prof. Dr. Christine Künzli David und Prof. Kuno Schmid
Einleitung
Einleitung
Neue Herausforderungen
Als einziges Schul- und Studienfach, das sich mit der Welt in all ihren Facetten beschäftigt, stellt der Sachunterricht an sich – nach neuem Lehrplan «Natur, Mensch, Gesellschaft» (NMG) – schon eine grosse Herausforderung für Studierende und Lehrende dar. Wie soll mit der Vielzahl seiner fachlichen Perspektiven umgegangen werden? Welche Inhalte sollen zum Tragen kommen und warum gerade diese? Was soll das Fach zur Allgemeinbildung beitragen? Wie gelingt es, zum Nachdenken anzuregen, statt nur deklaratives Wissen anzuhäufen? Mit der Einführung des Lehrplans 21 kommen weitere Herausforderungen hinzu, wie zum Beispiel die Ausrichtung des Unterrichts auf Kompetenzen mit detailliert aufgeführten Kompetenzstufen und eine darauf aufbauende Zyklenstruktur, in der NMG nicht wie bisher nur die Primarstufe betrifft, sondern vom Kindergarten bis zum Ende der Volkschule reicht, oder die Forderung, die überfachlichen Kompetenzen von Medien und Informatik und von Bildung für nachhaltige Entwicklung in NMG einzubauen.
Gerade für die ersten beiden Zyklen kann die Vielzahl der aufgelisteten Kompetenzen, Kompetenzstufen und Inhalte dazu führen, dass diese einfach nacheinander abgearbeitet werden. Auf der Strecke blieben dadurch gerade jene Aspekte, die das Wesentliche des Fachs ausmachen: den Lernenden eine vertiefte und vernetzende Begegnung und Auseinandersetzung mit der Welt in all ihren Perspektiven zu ermöglichen. Ziel des vorliegenden Studienbuches ist deshalb, für die Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen des ersten und zweiten Zyklus Anregungen zu geben für einen auf Nachdenken beruhenden und Perspektiven vernetzenden Unterricht in NMG, der bildungsrelevant und kompetenzorientiert ist. Es zeigt Grundlagen und Nutzen eines solchen Unterrichts auf, bietet eine Basis für die Erarbeitung von kompetenzorientierten Aufgaben, hilft bei der Planung des eigenen Unterrichts und stellt ausgehend von übergeordneten Fragestellungen elf didaktische Analysen mit konkreten Aufgabenbeispielen vor, zu denen Hinweise zu Unterrichtsmaterialien und weiterführender Literatur geliefert werden. Das Studienbuch ist in fünf Teile gegliedert.
Teil 1: Fachverständnis
Durch seine vielfältigen Bezüge zu verschiedenen Disziplinen bzw. Fächern stellt NMG als Schulfach des ersten und zweiten Zyklus ein besonderes Konstrukt dar. Ein Konstrukt, das jedoch nicht als blosse «kleine Ausgabe» der überwiegend auf fachlichen Strukturen beruhenden Perspektiven des dritten Zyklus verstanden werden darf. Auch eine Reduzierung seiner Rolle und Bedeutung auf eine reine Zubringerfunktion für weiterführende Schulen würde entschieden zu kurz greifen. In den ersten beiden Zyklen besitzt NMG einen eigenständigen Bildungswert, der sich in der vielfältigen Auseinandersetzung und Begegnung von Schülerinnen und Schülern mit der Welt manifestiert. Seine Berechtigung als Schulfach erhält es, so wie alle anderen Fächer auch, durch explizit auszuweisende Beiträge zu einer grundlegenden Bildung.[2] Wissen und Können der fachlichen Bezugsdisziplinen, der Zielstufe entsprechend konkretisiert in den Kompetenzen und Kompetenzstufen des Lehrplans, bilden dabei die Grundlage des Fachs. Sie dienen dazu, verschiedene Erkenntnisinteressen und Zugänge zur Welt voneinander zu unterscheiden und die Lebenswelt zu erschliessen und zu ordnen. Das Verstehen einer komplexen Welt bedingt jedoch zudem die Fähigkeit, Wissen zu vernetzen und über grundlegende Fragen nachzudenken. Lehrpersonen müssen deshalb fähig sein, ein solches Wissen und Können bei den Lernenden im Hinblick auf die Beschäftigung mit gesellschaftlichen, das heisst bildungsrelevanten Fragestellungen zu entwickeln. Übergeordnete Fragestellungen dienen dabei als Dreh- und Angelpunkt des NMG-Unterrichts und bilden sozusagen den roten Faden, der sich durch eine Unterrichtseinheit zieht, da sowohl Zielsetzung als auch Sachanalyse und Auswahl der Methoden sich danach ausrichten.
Teil 2: Philosophieren
Ein an Fachwissenschaften orientierter Lehrplan macht Schülerinnen und Schülern spezifisches Wissen und Zugänge verfügbar. Er kann jedoch auch dazu führen, dass Schülerinnen und Schüler vor allem lernen, dass es auf alles eine Antwort gibt und die Lehrperson sie weiss. Eine solche Welt, die bis in den hintersten Winkel vermessen ist, ist für Kinder denkbar uninteressant. Und eine pädagogische Haltung, die sie mit Erwachsenenwissen belehrt, verhindert Neugierde und Entdeckungslust. Der Ansatz des Philosophierens mit Kindern möchte deshalb das Staunen und Hinterfragen kultivieren und das kritische Nachdenken fördern. Dazu braucht es kein eigenes Fach, denn in allen Fächern lassen sich Fragen stellen, die nicht fachlich zu beantworten sind und deshalb nach einem Gespräch verlangen. Damit dies für den NMG-Unterricht nutzbar gemacht werden kann, wird der Ansatz des Philosophierens eingeführt und es werden einige grundlegende Arbeitsmittel vorgestellt. Gerade die übergeordnete Fragestellung ist häufig philosophischer Natur, weil sie uneindeutig ist, fachliche Perspektiven überschreitet, einen existenziellen Kern aufweist und ergebnisoffen formuliert ist. Sie kann die Schülerinnen und Schüler dazu anregen, Wissen miteinander zu vernetzen und gleichzeitig über dessen Grenzen hinaus nachzudenken. Wer sich auf das Abenteuer einlässt, mit den Schülerinnen und Schülern zu staunen, zu fragen und in Zweifel zu ziehen, der wird eine Bereicherung des Unterrichts für sich und die ganze Klasse erfahren.
Teil 3: Kompetenzförderung
Die derzeitige didaktische Diskussion und der Lehrplan 21 folgen dem Paradigma der Kompetenzorientierung. Nicht möglichst viel deklaratives Wissen soll angehäuft, sondern ausgewählte Kompetenzen sollen gefördert werden. Merkmale dieses kompetenzfördernden Unterrichts sind insbesondere authentische Anforderungssituationen und der kumulative Kompetenzaufbau. Diese beiden Merkmale beeinflussen die Aufgabenkultur des NMG-Unterrichts entscheidend. Zum einen sind Aufgaben so zu gestalten, dass Schülerinnen und Schüler immer für eine für sie nachvollziehbare Anwendung lernen. Zum anderen muss Lernen so gestaltet sein, dass das Erlernte gefestigt und immer wieder geübt wird. Erst dadurch wird eine Kompetenz auch nachhaltig erworben. Ein wirksames Mittel für die Planung von kompetenzförderndem Unterricht ist das Prozessmodell LUKAS (Luzerner Modell zur Entwicklung kompetenzfördernder Aufgabensets)[3], das in Anlehnung an geläufige Unterrichtsartikulationsschemen verschiedene Funktionen von Aufgaben unterscheidet und zueinander in Beziehung setzt. Teil 3 führt in das Prozessmodell ein und formuliert Beispiele für den NMG-Unterricht.
Teil 4: Übergeordnete Fragestellungen
Warum schmeckt mir das, was mir schmeckt? Wie glücklich sind Haustiere? Ist alles, was laut ist, auch lärmig? Was sich inhaltlich und an der Planung und Durchführung von Unterricht ändert, wenn statt eines Stichworts (z. B. «Ernährung», «Tiere» oder «Schall») eine Fragestellung im Zentrum steht, zeigen elf Beiträge, die verschiedene fachliche Perspektiven aufnehmen und miteinander kombinieren. Sie beinhalten didaktische Analysen, kompetenzfördernde Aufgabensets mit exemplarischen Aufgaben und einen dazugehörigen Katalog zu einer philosophischen Frage. Sie lösen damit exemplarisch ein, was der didaktische Ansatz einfordert, nämlich einen zum Nachdenken anregenden und vernetzenden Unterricht zu gestalten. Die elf Beiträge weisen stets denselben Aufbau auf: Eine Einleitung macht den Zusammenhang zur Schule deutlich; daran anschliessend wird die Bildungsrelevanz der Fragestellung entlang der didaktischen Trias Kind–Sache–Gesellschaft und die Verortung im Lehrplan erörtert; zentrale Sachkonzepte verdeutlichen, unter welcher Perspektive ein Gegenstand erschlossen wird; eine Übersicht zu einem möglichen Aufgabenset und exemplarische Aufgaben geben Einblick, wie Kompetenzförderung konkret geschehen soll; eine dazu passende philosophische Frage wird mit einem Fragenkatalog aufbereitet; eine Zusammenfassung beschliesst jeweils den Beitrag. Schliesslich verweisen wir auf relevante Literatur und didaktisches Material. Auf diese Weise wird der didaktische Ansatz konkret.
Teil 5: Jahres- und Zyklenplanung
Ein Konzept für eine Jahresplanung im Fachbereich NMG für den ersten und zweiten Zyklus bewegt sich zwischen rechtlichen Rahmenbedingungen (z. B. Wochenstundentafel), Vorgaben des Lehrplans (z. B. Zyklenstruktur, Kompetenzorientierung, verbindliche Inhalte) und Umsetzungsbedingungen in der Praxis. Da eine Eins-zu-eins-Umsetzung der zahlreichen Kompetenz(-stufen) und verbindlichen Inhalte des Lehrplans weder zu bewältigen noch wünschenswert ist, muss eine Gewichtung und Auswahl getroffen werden. Auch in diesem Fall leistet die Ausrichtung auf übergeordnete Fragestellungen gute Hilfe. Geht man von übergeordneten Fragestellungen aus, können verschiedene Kompetenzbereiche und Kompetenzen verbunden werden, was nicht zuletzt der mehrperspektivischen und integrativen Anlage des Fachs entgegenkommt. Mit sechs bis sieben Fragestellungen als Unterrichtsthemen pro Jahr können die zentralen Anforderungen des Lehrplans abgedeckt werden. Selbst überfachliche Anliegen aus den Bereichen Bildung für nachhaltige Entwicklung sowie Medien und Informatik lassen sich jeweils sinnvoll für die Behandlung einer Fragestellung berücksichtigen.
Der Flipper
Die Suche nach einer geeigneten übergeordneten Fragestellung führt eine Lehrperson zunächst dazu, sich mit einigen wesentlichen Aspekten von Unterricht in NMG auseinanderzusetzen. Dazu gehört speziell die Herausforderung, für Lernende relevante Wissens- und Könnensbereiche zu identifizieren. Geht man von einem inhaltlichen Stichwort aus, besteht die Gefahr, unzusammenhängendes und beliebiges Wissen zu produzieren. Auf der Suche nach einer geeigneten übergeordneten Fragestellung muss man sich aber vielmehr ihre Bedeutsamkeit für Kind, Sache und Gesellschaft vergegenwärtigen. Wie in einem Flipper geht zum Beispiel das Stichwort «Ernährung» (der Spielball) von einem Bezugspunkt zum anderen, um abzuklären, worin die relevanten Fragen, fachlichen Potenziale, Lehrplanbezüge zu diesem Stichwort bestehen. Es gilt, den «Spielball» möglichst lange im Spielfeld zu halten, da dadurch die Chance steigt, eine gute übergeordnete Fragestellung formulieren zu können. Hat man eine befriedigende Fragestellung gefunden, folgt danach eine Auswahl der an der Behandlung der Frage beteiligten fachlichen Perspektiven und deren Wissensbestände. Überlegungen zu Unterrichtszielen und zu Unterrichtsmethoden können nun folgen. Das Bild des Flippers stellt eine Metapher dar für den zirkulären Prozess der Unterrichtsvorbereitung. Der hinten im Buch beigelegte Flipper liefert eine Kurzform des didaktischen Ansatzes, der die Unterrichtsvorbereitung erleichtert.
Zum Gebrauch des Studienbuches
«Nachdenken und vernetzen in Natur, Mensch, Gesellschaft» ist als Studienbuch konzipiert. Es gehört damit in die Hand von angehenden und praktizierenden Lehrpersonen sowie von Dozierenden an pädagogischen Hochschulen. Es ist allerdings nicht allein zur Lektüre geeignet, sondern auch zum Weiterdenken und Weiterarbeiten in Lehrveranstaltungen, Kursen und Teamdiskussionen. Dazu einige Anregungen:
•Den Ansatz der übergeordneten Fragestellung versteht man am besten, wenn man sich in der Formulierung solcher Fragestellungen übt. Bilder der Welt (z. B. Burgruine, Flüchtlingsboot, Gebetsfahnen, Tiere, Getränkeflasche) dienen als Inspiration, eine solche zu formulieren.
•Manche NMG-Werkstatt ist ein Sammelsurium unzusammenhängenden Wissens. Solche Unterrichtsmaterialien werden entlang der didaktischen Trias auf ihre Bildungsrelevanz analysiert. Der Flipper hilft dabei, den Überblick zu wahren.
•Philosophieren lernt man durch Philosophieren. Es lohnt sich, im Rahmen von Lehrveranstaltungen mit Studierenden, in Weiterbildungskursen und im Team philosophische Gespräche zu führen und sie führen zu lassen.
•Wenn man das System der Aufgabensets verstanden hat, dann erleichtert es die Strukturierung des Unterrichts. Bis dahin braucht es Übung. Mit verschiedenfarbigen Kärtchen können Aufgaben entlang des Prozessmodells so lange geordnet werden, bis ein stimmiges kompetenzförderndes Aufgabenset erstellt ist.
•Aus den Analysen und den Aufgabensets der elf exemplarischen Fragestellungen können Unterrichtsmaterialien erstellt werden. Umgekehrt kann ausgehend von bestehendem Unterrichtsmaterial entlang des Aufbaus der elf Fragestellungen eine didaktische Analyse erstellt werden.
•Letztlich ist jedes Team gefordert, eine für seine Situation stimmige Planung zu erstellen. Die vorliegende Jahresplanung ist ein Vorschlag, an dem man Vor- und Nachteile benennen oder alternative Fragestellungen diskutieren kann.
Konkrete Fragen und Arbeitsaufträge sind jeweils am Schluss der Teile 1 bis 5 zu finden.
Dank
Die Herausforderungen, welche die komplexe Struktur von NMG an Studierende und Lehrpersonen in der Praxis stellt, gelten in gleichem Masse auch für Lehrende der Fachdidaktik NMG an pädagogischen Hochschulen. Hinzu tritt, dass die Mehrperspektivität des Fachs es notwendig macht, dass sich Dozierende aus mehreren Bezugswissenschaften des NMG-Unterrichts zusammen mit Expertinnen und Experten aus verschiedenen fächerübergreifenden Bildungsanliegen an der Entwicklung und Umsetzung des Studienplans beteiligen müssen. Alle sind dabei gefordert, ihr disziplinäres und interdisziplinäres Wissen im Hinblick auf dessen Beitrag zur Entwicklung einer von allen getragenen mehrperspektivischen und integrativen Fachdidaktik kritisch zu hinterfragen.[4] In diesem Sinne stellt der vorliegende Band auch ein Teamentwicklungsprojekt dar, das zum Ziel hatte, ausgehend von je unterschiedlichen fachlichen Hintergründen einen Beitrag zu einem gemeinsamen Verständnis des Fachs NMG zu leisten. Dieses didaktische Konzept möchten wir damit in die fachdidaktische Diskussion einbringen. Den Herausgebern ist es ein Anliegen, den Kolleginnen und Kollegen für ihren Beitrag zum Gelingen des Projekts «Studienbuch NMG» herzlich zu danken.
Der hep verlag hat uns in unserem Vorhaben, unseren didaktischen Ansatz einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, von Beginn an unterstützt. Wir danken Peter Egger und Susanne Gentsch für die Aufnahme in das Verlagsprogramm und Tatjana Straka für die zuverlässige Begleitung.
Für den namhaften Zuschuss zu den Druckkosten danken wir der Pädagogischen Hochschule Luzern. Unser Dank geht auch an die Dienststelle für Volksschulbildung des Kantons Luzern, welche die Ausarbeitung eines Modells zur Jahres- und Zyklenplanung finanziell unterstützt hat.
Wir wünschen den Lesenden in Aus- und Weiterbildung anregende Lektüre und erhellende Diskussionen. Wir hoffen, dass wir einen Beitrag zur Entwicklung der NMG-Didaktik leisten können.
Die Herausgeber, April 2018

Das Fach Natur, Mensch, Gesellschaft (NMG) lädt zur Auseinandersetzung mit der Welt aus unterschiedlichen Perspektiven ein. Um einen bildungsrelevanten Unterricht gewährleisten zu können, werden didaktische Kriterien benötigt. Dieser Teil führt zunächst entlang des Lehrplans 21 ins Fach ein und legt dar, wie grundlegende Bildung im Fachbereich NMG verstanden werden kann. Danach führt er durch unterschiedliche Arten der Perspektivenkoordination und optiert für einen perspektivenübergreifenden Ansatz. Als Dreh- und Angelpunkt wird die übergeordnete Fragestellung als Mittel zur Unterrichtsplanung eingeführt.
Natur, Mensch, Gesellschaft – ein vielperspektivisches und integratives Fach | Paolo Trevisan
Natur, Mensch, Gesellschaft – ein vielperspektivisches und integratives Fach
Paolo Trevisan
1 NMG – ein vielperspektivisches Fach in der Begegnung und Auseinandersetzung mit der Welt
Mit der Einführung des Lehrplans 21 in den Kantonen der Deutschschweiz entsteht vom Kindergarten bis zur Sekundarstufe I ein neues Schulfach mit der Bezeichnung «Natur, Mensch, Gesellschaft» (NMG). Dieses neue Schulfach tritt auf der Primarschulstufe die Nachfolge eines Schulfaches an, das zuvor noch viele Namen trug und auf unterschiedlichen Lehrplänen fusste. In der Innerschweiz und in den Kantonen Sankt Gallen und Zürich hiess es zum Beispiel «Mensch und Umwelt», im Kanton Solothurn «Sachunterricht», im Kanton Bern «Natur–Mensch–Mitwelt», in den Kantonen Aargau, Graubünden und Thurgau «Realien», in Basel-Land und Basel-Stadt «Mensch–Gesellschaft–Umwelt». NMG stellt in der Schullandschaft etwas Besonderes dar, da es eine Vielzahl unterschiedlicher fachlicher Perspektiven aufweist und in sich integriert. Der neue Lehrplan weist denn auch besonders auf diese «Spezialität» hin: «Natürliche und kulturelle, wirtschaftliche, soziale und historische Phänomene, Situationen und Sachen stehen im Fachbereich Natur, Mensch, Gesellschaft im Vordergrund, insbesondere auch die Wechselwirkungen zwischen Menschen und ihrer Um- und Mitwelt. Diese Phänomene, Sachen und Situationen können aus verschiedenen inhaltlichen Perspektiven und mit verschiedenen Zugangsweisen und Methoden betrachtet und erschlossen werden.»[5]
Diese inhaltliche Vielfalt äussert sich in den Themen, die im Rahmen dieses Fachs unterrichtet werden. So tauchen in den Unterrichtsstuben der Primarschule regelmässig Themen wie «Herbst», «Wasser», «Unsere Gemeinde», «Leben in der Jungsteinzeit», «Waldtiere», «Apfel» usw. auf, deren Inhalte auf unterschiedliche fachliche Perspektiven verweisen. Am Beispiel «Apfel» lässt sich diese vielperspektivische Zugangsweise gut illustrieren (siehe Abb. 1).
Jede fachliche Perspektive von NMG bezieht sich dabei auf unterschiedliche Wissensdomänen und begegnet der Sache deshalb mit je eigenem Erkenntnisinteresse und mit je eigenem Erkenntnispotenzial. Je nachdem, welche fachliche «Brille» wir aufsetzen, haben wir einen ganz anderen Apfel vor uns. Die einzelnen fachlichen Perspektiven haben aber für sich allein betrachtet auch ihre Erkenntnisgrenzen und können dadurch nur einen eingeschränkten Ausschnitt der Welt erklären. Erst im Zusammenspiel mit anderen fachlichen Perspektiven können viele Gegenstände, Probleme und Fragen unserer Welt in ihrem Reichtum und in ihren Widersprüchen erfasst und verstanden werden. Deshalb muss oft auch «quer» zu den fachlichen Perspektiven gedacht werden, damit Zusammenhänge sichtbar werden. Also nicht nur ein bisschen «historischer Apfel», dann ein bisschen «geografischer» und zuletzt ein bisschen «biologischer Apfel». NMG versteht sich in Kindergarten und Primarschule vielmehr als ein Integrationsfach, das diese fachliche Vielfalt als Chance sieht, bei Kindern ein vernetztes Verstehen ihrer Um- und Mitwelt anzubahnen und zu fördern. Das könnte zum Beispiel gelingen, wenn man im Unterricht von der Frage ausgeht, was eigentlich aus der Sicht unterschiedlicher fachlicher Perspektiven und Akteure einen «guten» Apfel ausmacht.
| Tabelle 1 Perspektivfelder, Disziplinen/Fächer, Themenbereiche und Handlungsaspekte von NMG (in Anlehnung an GDSU 2013) | |||
|---|---|---|---|
| Fachliche Perspektiven NMG | Fächer/Disziplinen | Konzepte, Themenbereiche | Handlungsaspekte |
| Ethische und Philosophische Perspektive | Philosophie | Werte und Normen | Ethische Urteilsfindung; Philosophieren |
| Religionskundliche Perspektive | Religionswissenschaft, Theologie | Religionen und Weltsichten | Kulturelle Spuren identifizieren, religiöse Texte und Schriften erläutern |
| Historische Perspektive | Geschichte | Zeit, Dauer und Wandel, Fakten und Fiktionen, Orientierung in der Zeit | Sich in Zeiten orientieren, Umgang mit Quellen und Darstellungen, Geschichte rekonstruieren |
| Geografische Perspektive | Geografie | Raumnutzung, Lebensweisen und Lebensräume | Räume erkunden, sich in Räumen orientieren |
| Sozioökonomische Perspektive | Politikwissenschaft, Wirtschaftswissenschaften | Konsum und Lebensstil, Produktions- und Arbeitswelten | Wünsche und Bedürfnisse beschreiben, ordnen, vergleichen |
| Naturwissenschaftliche/technische Perspektive | Biologie, Chemie, Physik | Tiere, Pflanzen, Lebensräume, natürliche Phänomene, Stoffe, technische Entwicklungen | Wechselwirkungen innerhalb von Lebensräumen identifizieren und mit Modellen verdeutlichen |
| Soziale Perspektive | Soziologie | Gemeinschaft und Gesellschaft, Zusammenleben, Konflikte und Konfliktlösungsstrategien | Argumentieren, zwischen Gruppen verhandeln, partizipieren |
Was ist unter fachlichen Perspektiven in Zusammenhang mit NMG zu verstehen? Fachliche Perspektiven dienen der Welterschliessung, sie ordnen und interpretieren die Welt unter Zuhilfenahme bewährter und erprobter Instrumente und ergänzen, vertiefen, korrigieren unser alltagsweltliches Wissen in Richtung belastbareres Wissen.[6] Sie bilden nicht direkt Fächer wie «Geschichte», «Biologie» usw. der weiterführenden Schulen oder wissenschaftliche Disziplinen ab. So ist zum Beispiel die historische Perspektive nicht einfach mit der universitären Disziplin oder dem Fach «Geschichte» gleichzusetzen. Sie beruht zwar auf deren inhaltlichen und methodischen Erkenntnissen, geht aber von den Interessen der Kinder und ihren Lebenswelterfahrungen «mit Fragen menschlichen Lebens und Handelns im Wandel der Zeit»[7]. Kinder leben in einer Welt voller geschichtlicher Bezüge, sei es in Form von Computerspielen mit historischem Inhalt, sei es in Form von Filmen, Büchern oder Museen. Kinder entwickeln dadurch eigene Vorstellungen und Fragen zu geschichtlichen Themen. Hier knüpft die historische Perspektive innerhalb des Fachbereichs NMG an, indem sie diese kindlichen Vorstellungen aufnimmt und in Richtung belastbares Wissen weiterentwickelt. Ähnlich verhält es sich mit den anderen fachlichen Perspektiven von NMG.
Tabelle 1 gibt eine Übersicht über die fachlichen Perspektiven von NMG.[8] Die Spalte «Fächer/Disziplinen» benennt die an die Perspektiven anschliessenden Fächer der weiterführenden Schulen bzw. die zugrundliegenden wissenschaftlichen Disziplinen. Die Spalten «Themenbereiche» und «Handlungsaspekte» konkretisieren die spezifischen Leistungen der fachlichen Perspektiven von NMG anhand von Beispielen. Diese Beispiele sollen veranschaulichen, welchen Beitrag die fachlichen Perspektiven von NMG für das zentrale Bildungsziel dieses Schulfachs, die Kinder in ihrem Weltverstehen zu unterstützen und zu fördern, leisten. Fachliche Perspektiven können deshalb auch als «Aufgabenbereiche» von NMG betrachtet werden, die «sich in Bezug auf Inhalte und Verfahren einerseits aus der Position der Kinder, d. h. aus ihrem Erfahrungshintergrund und ihrem Lernbedürfnis, andererseits als Perspektiven auf Wissenschaftsbereiche und das kulturell bedeutsame Wissen [konstituieren]».[9]
Der Verweis in Tabelle 1 auf «Konzepte/Themenbereiche» und «Handlungsaspekte» der fachlichen Perspektiven weist darauf hin, dass diese nicht allein durch fachliche Inhalte definiert sind. Durch die Zusammenführung der Kategorien «Konzepte/Themenbereiche» und «Handlungsaspekte» können spezifische Kompetenzen formuliert werden, über die Schülerinnen und Schüler am Ende ihrer Primarschulzeit verfügen sollen.
| Tabelle 2 Kompetenzbereiche NMG und zugrundeliegende fachliche Perspektiven im Lehrplan 21 (nach D-EDK 2016). Inhaltliche Konzepte/Themenbereiche sind fett ausgezeichnet, Handlungsaspekte kursiv. | |
|---|---|
| Kompetenzbereiche NMG (1. und 2. Zyklus) | Zentrale fachliche Perspektiven |
| 1.Identität, Körper, Gesundheit – sich kennen und sich Sorge tragen | Soziale und naturwissenschaftliche Perspektive |
| 2.Tiere, Pflanzen und Lebensräume erkunden und erhalten | Naturwissenschaftliche/technische Perspektive; geografische Perspektive |
| 3.Stoffe, Energie und Bewegungen beschreiben, untersuchen und nutzen | Naturwissenschaftliche/technische Perspektive |
| 4.Phänomene der belebten und unbelebten Natur erforschen und erklären | Naturwissenschaftliche/technische Perspektive |
| 5.Technische Entwicklungen und Umsetzungen erschliessen, einschätzen und anwenden | Naturwissenschaftliche/technische Perspektive |
| 6.Arbeit, Produktion und Konsum – Situationen erschliessen | Sozioökonomische Perspektive |
| 7.Lebensweisen und Lebensräume von Menschen erschliessen und vergleichen | Geografische Perspektive |
| 8.Menschen nutzen Räume – sich orientieren und mitgestalten | Geografische Perspektive |
| 9.Zeit, Dauer und Wandel verstehen – Geschichte und Geschichten unterscheiden | Historische Perspektive |
| 10.Gemeinschaft und Gesellschaft – Zusammenleben gestalten und sich engagieren | Historische und sozioökonomische Perspektive |
| 11.Grunderfahrungen, Werte und Normen erkunden und reflektieren | Philosophische Perspektive |
| 12.Religionen und Weltsichten begegnen | Religionskundliche Perspektive |
Im Lehrplan 21 für den Fachbereich NMG erscheinen die in Tabelle 1 genannten fachlichen Perspektiven für den ersten (Kindergarten bis 2. Klasse) und zweiten Zyklus (3. bis 6. Klasse) denn auch nicht als solche, sondern als Bestandteil von zwölf Kompetenzbereichen (siehe Tab. 2). Diese umfassen sowohl inhaltliche Konzepte/Themenbereiche (mit Substantiven ausgedrückt) als auch Handlungsaspekte (mit Verben ausgedrückt). Die inhaltlichen Konzepte und Themenbereiche der Kompetenzbereiche können einer oder mehreren fachlichen Perspektiven von NMG zugewiesen werden. Jeder der zwölf Kompetenzbereiche enthält seinerseits in der Regel vier bis sechs Kompetenzen. Jede Kompetenz wird dann noch in die Kompetenzstufen a bis x unterteilt. Wie bei den Kompetenzbereichen umfassen Kompetenzen und Kompetenzstufen sowohl inhaltliche Konzepte/Themenbereiche als auch Handlungsbereiche.
Im dritten Zyklus (Sekundarstufe I) fasst der Lehrplan 21 für NMG die fachlichen Perspektiven in vier grosse Perspektivfelder zusammen: «Natur und Technik» (NT), «Wirtschaft, Arbeit, Haushalt» (WAH), «Räume, Zeiten, Gesellschaften» (RZG) und «Ethik, Religionen, Gemeinschaft» (ERG). Die Grundlage dieser vier Perspektivfelder bilden jeweils traditionelle Disziplinen bzw. Fächer, gleichzeitig beinhalten sie aber auch Bezüge zu überfachlichen Bereichen wie Technik, Haushalt oder Gemeinschaft. Auch im dritten Zyklus umfasst jede Perspektive verschiedene Kompetenzen, die ihrerseits in Kompetenzstufen aufgegliedert werden.
Neben der Ausrichtung an Kompetenzformulierungen hat sich das vielperspektivische Fach NMG, wie alle anderen Schulfächer, grundsätzlich an der Frage zu messen, inwiefern es einen Beitrag zur grundlegenden Bildung von Kindern leistet.
2 Grundlegende Bildung als Ziel im NMG-Unterricht
Bildung ist eine pädagogische Aufgabe, die gerichtet ist «auf das geistige Werden junger Menschen, auf die Entwicklung der Vernunft, auf Selbstfindungsprozesse und den Aufbau von Selbstständigkeit sowie auf mögliche Lebensperspektiven, auf verständige Teilhabe an der Kultur und Zuwachs an Entfaltungsmöglichkeiten»[10]. Hans Werner Heymann konkretisiert den Bildungsbegriff mittels eines Aufgabenkatalogs, der als Grundlage für die Verortung der spezifischen Leistung eines Schulfaches zur grundlegenden Bildung zu verstehen ist. Als Aufgaben im Sinne einer Allgemeinbildung nennt Heymann: Lebensvorbereitung, Stiftung kultureller Kohärenz, Weltorientierung, Anleitung zum kritischen Vernunftgebrauch, Entfaltung von Verantwortungsbereitschaft, Einübung in Verständigung und Kooperation und Stärkung des Schüler-Ichs.[11] Nicht jedes Schulfach wird jede Teilaufgabe gleichwertig erfüllen können, jedes Fach sollte sich aber darüber Rechenschaft abgeben, zu welcher dieser Teilaufgaben es einen Beitrag leisten kann (siehe Tab. 3).
| Tabelle 3 Beitrag des Fachbereichs NMG zu den Aufgaben von Bildung (nach Heymann 1997) | ||
|---|---|---|
| Teilaufgaben von Bildung nach Heymann | Leitfragen | Mögliche Beiträge NMG |
| Lebensvorbereitung Die Lernenden eignen sich Qualifikationen an, die für eine vernünftige Bewältigung alltäglicher Situationen des Berufs- und Privatlebens in unserer Gesellschaft hilfreich oder unverzichtbar sind. | Welche elementaren Kenntnisse, Fähigkeiten, Fertigkeiten vermittelt das Fach? | Verschiedene Denk-, Arbeits- und Handlungsweisen (die Welt wahrnehmen, sich die Welt erschliessen und sich darin orientieren, in der Welt handeln)[12] |
| Stiftung kultureller Kohärenz Die Lernenden verstehen und erleben sich als Teil der Kultur, in der sie leben, und anerkennen andere Kulturen als gleichberechtigte Daseinsformen. | Welche zentralen kulturellen Errungenschaften thematisiert das Fach? Welche Bezüge bestehen zwischen «Fachkultur» und «Gesamtkultur»? | Verschiedene Beiträge der einzelnen fachlichen Perspektiven in der Begegnung und Auseinandersetzung mit der Welt.[13] Vielperspektivität als Zugang zu komplexen und perspektivenübergreifenden gesellschaftlichen Fragen und Problemen |
| Weltorientierung [14] Die Lernenden setzen sich mit «epochaltypischen Schlüsselproblemen»[15] auseinander, die also zeitspezifisch und exemplarisch sind. | Welche Schlüsselprobleme unserer Welt werden thematisiert? Geht es im Unterricht um gesellschaftlich relevante bzw. kontroverse Themen? Werden Sinnzusammenhänge erkennbar? | «Sich in der Welt orientieren»:[16] Beiträge der einzelnen Kompetenzbereiche zu «epochaltypischen Schlüsselproblemen» wie die Umweltfrage, das rapide Bevölkerungswachstum, Chancen und Gefahren des naturwissenschaftlichen, technischen und ökonomischen Fortschritts usw. |
| Anleitung zum kritischen Vernunftgebrauch Die Lernenden können selbst denken und sich von Bevormundung emanzipieren. | Welche Gelegenheit bietet das Fach zum kritischen Vernunftgebrauch? | «Die Welt wahrnehmen»:[17] Kritische Auseinandersetzung mit kontroversen und komplexen gesellschaftlichen Fragen; Prinzip des Perspektivenwechsels als Grundlage für Verstehensprozesse |
| Entfaltung von Verantwortungsbereitschaft Die Lernenden setzen ihre Kompetenzen verantwortungsbewusst ein zugunsten eines befriedigenden gesellschaftlichen Miteinanders. | Bietet die Art, wie mit Sachthemen und miteinander umgegangen wird, einen Rahmen für die Entfaltung von Verantwortungsbereitschaft? | «In der Welt handeln»:[18] Verstehen (Wissen und Können ermöglichen, um sich in der Welt engagieren zu können). |
| Einübung in Verständigung und Kooperation Die Lernenden arbeiten zusammen in einer Atmosphäre der Toleranz, der Kompromissfähigkeit, des Interessenausgleichs, der Partizipation, der Einsicht in fremde Standpunkte. | Welche Gelegenheiten bietet das Fach zu Verständigung und Kooperation? Gibt es fachspezifische Besonderheiten, die diese fördern oder behindern? | Die Auseinandersetzung mit komplexen gesellschaftlichen Fragen und Problemen unserer Zeit erfordert die Förderung von «Eigenständigkeit, Dialogfähigkeit und Zusammenarbeit mit Blick auf ein kompetentes und zukunftsorientiertes Handeln in der Welt».[19] |
| Stärkung des Schülerinnen-Ichs Die Lernenden entwickeln sich zu selbstbewussten, verantwortlichen, kritischen, sozialen, bewusst handelnden, kreativen und sinnlichen Persönlichkeiten. | Fördert das Fach die einzelnen Aspekte der Persönlichkeit? | NMG-spezifische Lernumgebungen, die z. B. befähigen, «zunehmend eigenständig und kooperativ Sachen nachzugehen, Vorhaben zu planen und darzustellen».[20] |
Sucht man nun nach dem spezifischen Beitrag des Fachbereichs NMG zu den Teilaufgaben von Bildung, ist dieser auf den ersten Blick vor allem im Bereich der «Weltorientierung» zu sehen, wo es um die vielperspektivische Auseinandersetzung mit Fragen und Problemen unserer Zeit geht. Eine Möglichkeit, den Unterricht in NMG auf grundlegende und relevante Themen zu beziehen, ist die Ausrichtung auf Wolfgang Klafkis «epochaltypische Schlüsselprobleme». Klafki identifiziert sechs solcher Schlüsselprobleme: die Frage von Krieg und Frieden, die Umweltfrage oder die ökologische Frage, den rapiden Wachstum der Weltbevölkerung, die gesellschaftlich produzierte Ungleichheit, die Gefahren und die Chancen der neuen technischen Steuerungs-, Informations- und Kommunikationsmedien, die Subjektivität des Einzelnen und das Phänomen der Ich-du-Beziehungen.[21] Heute sind diese Schlüsselfragen durchaus noch aktuell oder haben sich gar verschärft. Diverse Autoren und Autorinnen listen inzwischen noch weitere akute Bedrohungen auf, wie etwa ungebremste Globalisierung, nicht nachhaltige Energienutzung, Pandemien, Datenschutz, Terrorismus, Wirtschafts- und Finanzkrisen, Migration.[22] Vielperspektivische Schlüsselfragen solcher Art bilden eine besondere Herausforderung für den Unterricht in NMG. Einerseits muss der Bezug zur kindlichen Lebenswelt durch die Wahl eines geeigneten Unterrichtsthemas (z. B. in Form einer geeigneten Fragestellung) gewährleistet sein und andererseits müssen vielfältige inhaltliche Angebote und methodische Zugänge den Kindern ein vernetztes Verstehen des Problems ermöglichen. Dieser Anspruch kann zum Beispiel durch den Ansatz des «Philosophierens mit Kindern» eingelöst werden.[23]
Der Bildungsauftrag von NMG geht jedoch weit über die Teilaufgabe «Weltorientierung» hinaus, wie im Lehrplan zum Fachbereich NMG formuliert:
Im Zentrum von Natur, Mensch, Gesellschaft steht die Auseinandersetzung der Schülerinnen und Schüler mit der Welt. Um sich in der Welt orientieren, diese verstehen, sie aktiv mitgestalten und in ihr verantwortungsvoll handeln zu können, erwerben und vertiefen sie grundlegendes Wissen und Können. Sie erweitern ihre Erfahrungen und entwickeln neue Interessen.[24]
Die Auseinandersetzung mit der Welt in all ihren Facetten soll die Kinder dazu befähigen, «zukünftigen Herausforderungen zu begegnen sowie Erfahrungen, Strategien und Ressourcen nachhaltig zu nutzen und ihr Handeln zu verantworten»[25]. Folgt man dieser Definition von NMG, lassen sich für alle Teilaufgaben von Heymann spezifische Beiträge finden (siehe Tab. 3). Was für den Fachbereich als Ganzes gilt, gilt für die Formulierung und Wahl des Unterrichtsthemas im Einzelnen. Ein Unterrichtsthema kann sich mithilfe von Heymanns Teilaufgaben von Bildung daraufhin überprüfen lassen, inwiefern es bildungsrelevant ist, das heisst einen Beitrag zur Allgemeinbildung beisteuert.
Wie man von einem Stichwort über die Identifizierung von Bildungsinhalten zu einem Unterrichtsthema in Form einer Fragestellung gelangt, wird in Kapitel 4 aufgegriffen und vertieft. Im folgenden Kapitel wird es darum gehen, einen Überblick zu geben über unterschiedliche Arten, wie fachliche Perspektiven von NMG «in Kontakt» kommen bzw. zusammenspielen können.
3 Fachperspektivität und Integration in NMG
Spielarten des Zusammenwirkens von fachlichen Perspektiven
In Abbildung 2a werden, ausgehend vom Stichwort «Wasser», drei Möglichkeiten dargestellt, in welchem Verhältnis fachliche Perspektivität und fachliche Integration stehen können. Zwei weitere Möglichkeiten werden am Ende dieses Unterkapitels beschrieben.
Das erste «perspektivische» Unterrichtsbeispiel geht von der Frage bzw. vom Unterrichtsthema «Warum schwimmen Schiffe?» aus. Zur Beantwortung dieser Frage ist ausschliesslich Wissen und Können aus der naturwissenschaftlich-technischen Perspektive angesprochen. Im Lehrplan 21 zum Fachbereich NMG deckt dieses Unterrichtsthema innerhalb des Kompetenzbereichs 3 («Stoffe, Energie und Bewegungen beschreiben, untersuchen und nutzen») die Kompetenz 3 («Die Schülerinnen und Schüler können Stoffe im Alltag und in natürlicher Umgebung wahrnehmen, untersuchen und ordnen») mit der Kompetenzstufe 3d («Die Schülerinnen und Schüler können mit Objekten und Stoffen laborieren und ihre Erkenntnisse festhalten») und den vorgeschlagenen Inhalt «Verhalten im Wasser: schwimmen, sinken» ab. Der Fokus der genannten Kompetenzstufe liegt, neben dem inhaltlichen Aspekt, das physikalische Phänomen zu verstehen, auf den Handlungsaspekten des «Laborierens» und «Dokumentierens».
Das zweite Beispiel in Abbildung 2a thematisiert den perspektivenaddierenden Unterricht. Diesmal steht nicht eine Frage, sondern das Stichwort «Wasser» im Zentrum der Unterrichtseinheit (siehe auch das Beispiel zum «Apfel» in Abb. 1). Zu diesem Stichwort kommt einem vieles in den Sinn, wie das Beispiel eines Themenhefts für die dritte/vierte Klasse zu «Wasser» zeigt.[26] Dort werden Inhalte genannt, die vom Wasservorkommen auf der Erde, von den unterschiedlichen Aggregatszuständen von Wasser, von der Oberflächenspannung und davon, wie Pflanzen ‹trinken›, über den Kreislauf des Wassers, Trinkwasserversorgung, Kläranlagen, Meeresschutz, Flossbau und Wassertiere bis hin zu Händels Wassermusik reichen. In der Art eines Brainstormings werden hier Wissensbestände bzw. dazugehörige fachliche Perspektiven zu einem Stichwort addierend aneinandergereiht. Die Folge davon ist, dass kaum ersichtlich wird, was zum Beispiel das Herstellen eines Wasserflosses mit dem Wasserkreislauf und Händels Wassermusik mit der örtlichen Wasserversorgung zu tun hat. Viele Materialien des Themenhefts beziehen sich auch auf sprachliche, mathematische und musische Inhalte, ohne einen ersichtlichen Zusammenhang zum eigentlichen Sachthema. Zudem dienen die musischen Fächer oft nur der Abwechslung, Rhythmisierung oder Dekoration. Kinder erwerben auf diese Weise unverbundene, oft belanglose Wissensinseln und keine Gesamtsicht zu einem Gegenstand. Sie werden nicht dazu angeregt, sich in einem komplexen Themenfeld eine eigene fundierte Meinung zu bilden und sich mit verschiedenen (fachlichen) Perspektiven bewusst auseinanderzusetzen. Ein Bezug zu den Kompetenzen des Lehrplans ist deshalb nur in Form einer beliebigen Aneinanderreihung denkbar. Als Ausgangspunkt für eine Studien- oder Projektwoche könnte ein Stichwort wie «Wasser» unter Umständen sinnvoll sein, wenn den Schülerinnen und Schülern eine möglichst hohe inhaltliche Wahlfreiheit angeboten werden soll. Aber die Auseinandersetzung beschränkt sich dann auf einen spezifischen und isolierten Aspekt, der aufgrund des Eigeninteresses vertieft behandelt wird.

Beim dritten Beispiel in Abbildung 2a zum perspektivenübergreifenden Unterricht geht es immer noch ums Wasser, aber diesmal eingebettet in die übergeordnete Fragestellung «Ist Wasser kostbar?». Was ändert sich dadurch in Bezug auf den NMG-Unterricht? Zunächst wird durch die übergeordnete Fragestellung eine inhaltliche Präzisierung und Fokussierung vorgenommen: Ausgehend vom alles umfassenden Stichwort «Wasser» wird von der Lehrerin, vom Lehrer überlegt, was daran für das Lernen der Kinder, für ihre Auseinandersetzung mit der Welt relevant, grundlegend und exemplarisch sein könnte (z. B. im Sinne von Heymanns Teilaufgaben von Bildung, siehe Tab. 3). Die Formulierung der vorliegenden übergeordneten Fragestellung führt auch dazu, dass es zu einer bewussten Auswahl und Reduzierung der fachlichen Perspektiven und ihrer entsprechenden Wissensbestände kommt. Denn im Gegensatz zum perspektivenaddierenden Beispiel schränkt die übergeordnete Fragestellung die Anzahl der infrage kommenden fachlichen Perspektiven ein. Zur Beantwortung dieser Frage benötigen wir Wissen hauptsächlich aus Kompetenzbereichen des Lehrplans, die sich an der sozialen (Zugang zu Trinkwasser), wirtschaftlichen (Wasser als Wirtschaftsfaktor, Kosten der Wasserversorgung in der Gemeinde) und geografischen Perspektive (Wasservorkommen und deren Nutzung) orientieren. Wissensbestände anderer Perspektiven von NMG oder anderer Fächer sind in diesem Fall nur am Rand oder gar nicht gefragt. Da die zur Beantwortung der Frage hinzugezogenen Wissensbestände und Handlungsaspekte sich alle auf diese zentrale Fragestellung beziehen, ist bei den Kindern eine Vernetzung des erworbenen Wissens, das zu vertieftem Verstehen führen soll, zu erwarten.
Eine vierte Variante, wie die vielperspektivische Ausrichtung von NMG im Unterricht umgesetzt werden kann, lässt sich als «transperspektivisch» bezeichnen (siehe Abb. 2b).

Komplexe gesellschaftliche Fragen, wie sie zum Beispiel von einer «Bildung für eine nachhaltige Entwicklung» (BNE) aufgeworfen werden, lassen sich selten allein durch die inhaltlichen und methodischen Angebote der fachlichen Perspektiven von NMG beantworten. Werden durch perspektivenübergreifendes Arbeiten Wissen sowie Denk- und Arbeitsweisen verschiedener fachlicher Perspektiven miteinander verbunden, so geht transperspektivisches Arbeiten darüber hinaus, indem ausserwissenschaftliches Akteurswissen zur Bearbeitung komplexer gesellschaftlicher Fragestellungen miteinbezogen wird.[27] Gemeindemitarbeitende und Angestellte von Wasserwerken könnten durchaus wertvolle Erkenntnisse beitragen, zum Beispiel zu unserem Unterrichtsthema «Ist Wasser kostbar?».

Eine fünfte Variante betrifft schliesslich das fächerübergreifende Arbeiten (siehe Abb. 2c). Während die perspektivenübergreifende Variante in Bezug auf eine übergeordnete Fragestellung Wissensbestände und Handlungsaspekte aus fachlichen Perspektiven von NMG ins Auge fasst, werden im fächerübergreifenden Unterricht neben Wissensbeständen verschiedener fachlicher Perspektiven von NMG auch Wissensbestände anderer Schulfächer zur Beantwortung einer übergeordneten Fragestellung hinzugezogen. Wenn wir wieder von der Fragestellung «Ist Wasser kostbar?» ausgehen, könnten dies die Fächer Mathematik (Wasserkosten oder Wasserverbrauch berechnen) oder Deutsch (Texte aufgrund von Interviews mit Gemeindevertretern entwerfen) sein. Der fächerübergreifende Unterricht in NMG bietet, wie der Lehrplan betont, «die Möglichkeit, die Grenzen der einzelnen Fachbereiche aufzulösen und Themen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Erst damit werden Komplexität und Zusammenhänge von Phänomenen und Situationen deutlich.»[28] Das, so heisst es weiter, trägt «zu einem bereichernden und vertiefenden Unterricht» bei.[29] Konkret kann fächerübergreifender Unterricht für NMG dann angebracht und sinnvoll sein, wenn die übergeordnete Fragestellung durch das Hinzuziehen von Wissensbeständen anderer Fachbereiche vertiefter und breiter beantwortet werden kann. Entscheidend ist dabei, dass es auch aus der Sicht der hinzugezogenen Fächer sinnvoll ist, sich auf diese Frage einzulassen. Blosse Alibibeiträge, Lückenfüller oder reine Unterhaltungsaktivitäten wären damit ausgeschlossen.
Fassen wir zusammen: Was ist die beste Unterrichtsform in NMG – perspektivisches, perspektivenaddierendes, perspektivenübergreifendes, transperspektivisches oder fächerübergreifendes Arbeiten? Entscheidend ist, dass man als Lehrerin oder Lehrer die Stärken und Schwächen dieser Möglichkeiten kennt und bewusst für die Planung und Umsetzung des eigenen Unterrichts berücksichtigt. Und bei allen dargestellten Varianten müssen sie sich Fragen stellen wie: Warum sollen sich Kinder eine gewisse Zeit lang mit diesem Unterrichtsthema auseinandersetzen bzw. inwiefern ist es bildungsrelevant für sie? Werden sie in der Beschäftigung mit diesem Unterrichtsthema zu «Spezialistinnen und Spezialisten für Zusammenhänge», erwerben sie dadurch vernetztes Wissen? Dient das erworbene Wissen dazu, «grundlegende Fragestellungen, die uns als Menschen oder unsere soziale, kulturelle und natürliche Um- und Mitwelt betreffen»,[30] anzugehen? Die zunehmende Komplexität und Widersprüchlichkeit vieler Probleme und Fragen heutzutage erfordert allerdings immer stärker eine perspektivenübergreifende bzw. transperspektivische Betrachtung. Am Beispiel des Ersatzes fossiler durch erneuerbare Energieträger kann dies gut illustriert werden: Einheimisches Rapsöl oder aus Indonesien importiertes Palmöl wird zunehmend als (sauberer) Biotreibstoff vermarktet. Daneben findet Palmöl auch in der Kosmetik, in Reinigungsmitteln und in Nahrungsmitteln (Margarine, Süsswaren) Verwendung. Durch die Rodung von Regenwäldern für den Plantagenbau ist die CO2-Bilanz von Palmöl jedoch höchst bedenklich: Eine Tonne Biokraftstoff aus Palmöl setzt zwei- bis achtmal mehr CO2 frei als die Verbrennung einer Tonne Erdöl.[31] Naturwissenschaftlich-technische, soziale, ökonomische, politische, ethische, geografische Wissensbestände und unterschiedliche Akteursperspektiven müssen herangezogen und vernetzt werden, will man diesen Sachverhalt gründlich verstehen. Das bedeutet, dass a) fundiertes Wissen aus verschiedenen Wissensdomänen bzw. von unterschiedlichen Akteuren benötigt wird und b) diese unterschiedlichen Wissensbestände sinnvoll miteinander in Verbindung gebracht werden müssen, um zu einem vertieften Verständnis des Problems gelangen zu können. Im folgenden Abschnitt wird der Fokus deshalb auf die Variante «perspektivenübergreifender Unterricht» in NMG gelegt.
Grundlagen und Chancen perspektivenübergreifenden Unterrichts in NMG
Beziehen wir das Biotreibstoff-Beispiel auf den Unterricht in NMG, heisst dies, dass auf der Basis von fachlichem Wissen und Können aus verschiedenen fachlichen Perspektiven von NMG den Lernenden ein vernetztes, perspektivenübergreifendes Verständnis komplexer Phänomene und Sachverhalte unserer Welt ermöglicht werden soll. Ausgehend von der Definition Klaus Moeglings für fächerübergreifenden Unterricht kann perspektivenübergreifender Unterricht wie folgt umschrieben werden:
Fächerübergreifender Unterricht [bzw. perspektivenübergreifender Unterricht] ist der didaktische Oberbegriff für alle Unterrichtsversuche, bei denen verschiedene Fachperspektiven [bzw. fachliche Perspektiven von NMG] systematisch zur Lösung eines Problems [bzw. einer übergeordneten Fragestellung] so miteinander vernetzt werden, dass ein thematisch-inhaltlicher Zusammenhang erkennbar wird, eine mehrperspektivische Analyse und Beurteilung gefördert werden und eine handlungsorientierte Problemlösung oder handlungsorientierte Problemlösungsalternativen aus verschiedenen Blickwinkeln heraus entwickelt werden können [...].[32]
Es geht demnach darum, «die Leistungsfähigkeit des Fachlichen einschätzen zu lernen, auch in Verbindung damit dessen Grenzen zu erkunden und darüber hinaus das Fachliche zu überschreiten»[33].
Didaktische Begründungen für perspektivenübergreifenden Unterricht
Perspektivenübergreifender Unterricht als Mittel zum Verstehen der Welt lässt sich anhand unterschiedlicher didaktischer Blickwinkel begründen.[34]
•Der entwicklungspsychologische Ansatz: Frühkindliches Denken ist schon rudimentär vernetzt, da es Sachverhalte (noch) nicht nach Fächern trennt. Ein perspektivenübergreifendes Vorgehen kann an dieses Denken anknüpfen und es im Sinne eines bewussteren und strukturierteren Denkens weiterentwickeln.
•Der konstruktivistische Ansatz: Ein perspektivenübergreifender Unterricht unterstützt die Kompetenz der Schülerinnen und Schüler, verschiedene Perspektiven zu einem Gegenstand kennenzulernen, einzunehmen und zu vertreten (Wie wird beobachtet? Wer beobachtet? Mit welchen Absichten, Interessen?); es geht dabei um Rekonstruktion, Dekonstruktion und Konstruktion fachlicher Blickwinkel durch die Schülerinnen und Schüler. Durch die Beschäftigung mit exemplarischen und aktuellen Themen wird sowohl an das Vorwissen und die Fragen der Kinder als auch an das Wissen der Fachperspektiven von NMG angeknüpft.
•Der bildungstheoretische Ansatz: Bildungsprozesse sind nicht auf Fachinhalte zu reduzieren (Klafki).[35] Sie sind Anregungen zur Entwicklung von Selbstkompetenz, Sachkompetenz, Mitbestimmungsfähigkeit und Fähigkeit zur Solidarität. Es geht um die Persönlichkeitsentwicklung zur Mündigkeit und um die Emanzipation von der Fremdbestimmung mittels selbstgesteuerten Lernens, um einen Beitrag zur Bewältigung der Schlüsselprobleme der Gegenwart und der Zukunft leisten zu können. Dies bedeutet, dass sich Bildung in Auseinandersetzung mit fächer- bzw. perspektivenübergreifenden Problemstellungen abspielen muss: «Diese komplexen Themen sind aus einem derart begriffenen Bildungsansatz heraus im Wechselspiel fachlicher Vorgehensweise und fächerübergreifender Mehrperspektivität so zu bearbeiten, dass die Schüler zunehmend zu Akteuren ihres Bildungsprozesses werden.»[36] Es geht um eine Ausweitung des Welthorizonts der Schüler und Schülerinnen, um eine «Komplexitätssteigerung im Sinne vernetzten Denkens»[37].
•Der gestalttheoretische Ansatz: Hier geht es darum, den Teil und das Ganze zueinander in Bezug zu setzen (siehe unten den systemischen Ansatz). Ein Phänomen, ein Problem, das aus der fachlichen Perspektive heraus erkannt wird, erfordert in vielen Fällen eine vielperspektivische Problemlösung. Andererseits repräsentiert das Fachliche nur einen Teilaspekt des Ganzen – das Ganze ist mehr als die Addition seiner Teile.
•Der systemische Ansatz: Alles ist miteinander vernetzt. Aufgrund der anstehenden komplexen Weltprobleme besteht deshalb die Notwendigkeit, systemisch, das heisst in Zusammenhängen, bzw. vernetzt zu denken – «Komplexität hängt mit Vernetzung zusammen und verlangt nach einem Denken in Zusammenhängen»[38].
•Der lernpsychologische Ansatz: Wirklichkeit bildet sich im Subjekt nicht fachbezogen ab: «Fächer helfen unterscheiden, differenziert wahrzunehmen, aber begrenzen auch gleichzeitig die Weltsicht. Erst das Zusammenspiel von fachlichen und fächerübergreifenden Perspektiven ermöglicht eine optimale Handlungsfähigkeit des Subjekts. Vernetztes Denken ist mehr als die lehrerzentrierte Addition der Teile eines Ganzen. Erst durch den Bezug auf ein für die Schüler relevantes Problem kann eine vernetzte Sichtweise entstehen.»[39] Durch den Aufbau vernetzten Wissens (und die daraus folgende Chance, solches Wissen vermehrt in Handlungssituationen einsetzen zu können) können den Schülern und Schülerinnen zudem Erfolgserlebnisse verschafft werden, was wiederum ihre Lernmotivation verstärkt.
•Der lernbiologische Ansatz: Lernen entsteht, wenn es zur Bildung und Vernetzung von Nervenzellen im Gehirn kommt.
Perspektivenübergreifender Unterricht und Kompetenzorientierung
Durch die Ausrichtung des Unterrichts auf die Entwicklung und Förderung von Kompetenzen stellt sich die Frage, welche Kompetenzen durch einen perspektivenübergreifenden Unterricht speziell entwickelt und gefördert werden. Veronica Boix Mansilla stellt in diesem Zusammenhang das «fächerübergreifende Verstehen» ins Zentrum ihrer Überlegungen:
Fächerübergreifendes Verstehen ist die Fähigkeit, Wissen oder Denkweisen aus zwei oder mehreren Fächern bzw. Wissensgebieten so zusammenzuführen, dass daraus ein Erkenntnisfortschritt resultiert, der die Möglichkeiten eines Einzelfaches übersteigt. Dieser Erkenntnisfortschritt kann darin bestehen, dass ein Phänomen erklärt, ein Problem gelöst, ein Produkt geschaffen oder eine neue Frage aufgeworfen wird.[40]
Vernetztes Denken und Verstehen ist in diesem Verständnis ein zielgerichteter Vorgang, der unter dem Einbezug verschiedener Fächer bzw. fachlicher Perspektiven einen Erkenntnisfortschritt anstrebt. Beim perspektivenübergreifenden Verstehen geht es um die Kompetenz, mit dem Fachwissen aus mehreren fachlichen Perspektiven eine überfachliche Fragestellung zu erschliessen und damit Wissen nicht bloss anzuhäufen, sondern es sich intelligent anzueignen und es anzuwenden. Es geht also um die Fähigkeit, kompetent mit Fachperspektiven umzugehen. Sich auf Klakfi beziehend, spricht Detlef Pech im Sinne eines integrativen Entwurfs von Bildung von der Notwendigkeit eines «Zusammenhangsdenkens». Für ihn stellt gerade «das Erschliessen von Zusammenhängen in und mit der Umwelt […] das bildungsrelevante Moment des Sachunterrichts»[41] dar.
Die Kompetenz des fächer- bzw. perspektivenübergreifenden Verstehens lässt sich in drei Teilkompetenzen ausdifferenzieren:[42]
•Fachkompetenz: Die Lernenden wenden fachliches Wissen und Können (Methoden) an.
•Die Fähigkeit, die Fachperspektiven bzw. fachlichen Perspektiven zusammenzuführen: Die Lernenden sind in der Lage, durch Einbezug unterschiedlicher fachlicher Wissensbestände ein Phänomen oder eine übergeordnete Frage zu erklären und zu verstehen.
•Die Reflexion dieses Vorgangs selbst: Die Lernenden besitzen die Fähigkeit, die Möglichkeiten und Grenzen einzelner Fächer in Bezug auf das zu untersuchende Phänomen bzw. in Bezug auf die Fragestellung zu erkennen und einzuschätzen.
«Fachlicher Perspektivenwechsel», «vernetztes Denken» und «komplexes Handeln» bilden dabei zentrale überfachliche didaktische Unterrichtsprinzipien, welche die Grundlage bilden zur Bearbeitung gesellschaftlicher Konflikte und Probleme.[43] Der Lehrplan 21 für NMG seinerseits betont die perspektivenübergreifenden Ziele des Unterrichts mit dem Instrument der vier «Handlungsaspekte in der Begegnung und Auseinandersetzung mit der Welt in NMG»[44]: In allen fachlichen Perspektiven bzw. Kompetenzbereichen von NMG sollen Schülerinnen und Schüler die Gelegenheit erhalten, die Welt wahrzunehmen, sie zu erschliessen, sich in ihr zu orientieren und in ihr zu handeln. Die Bedeutung der Förderung und Entwicklung vernetzten Denkens als Ziel perspektivenübergreifenden Unterrichts ist besonders hervorzuheben. Vernetzendes Lernen als didaktisches Unterrichtsprinzip geht dabei von zwei Prämissen aus: Erstens muss Lernen vielperspektivisch stattfinden, indem im Unterricht verschiedene Aspekte zu einem Phänomen aufgezeigt werden, und zweitens müssen diese Perspektiven in Bezug auf einen Gegenstand (eine Fragestellung) verknüpft werden.[45]
Fazit: Wann ist es sinnvoll, einen perspektivenübergreifenden Unterricht durchzuführen?
Den Unterricht in NMG perspektivenübergreifend oder transperspektivisch durchzuführen ist dann sinnvoll, wenn das ausgewählte Unterrichtsthema vielperspektivisch und vielschichtig ist und sich die zentralen Fragen dazu deshalb auch nicht einfach mit «Ja» oder «Nein» beantworten lassen.
So können Fragen wie zum Beispiel «Gehören Wölfe in unsere Wälder?» oder «Was ist ein guter Apfel?» nur dann sinnvoll beantwortet werden, wenn viele verschiedene sich gegenseitig beeinflussende Faktoren (Fakten, Annahmen, Thesen) berücksichtigt werden, die wiederum nur durch das Beiziehen von Wissensbeständen und methodischen Zugangsweisen unterschiedlicher fachlicher Perspektiven und/oder von Wissen betroffener Akteure befriedigend beleuchtet werden können.[46]
Um zu einem sinnvollen perspektivenübergreifenden oder transperspektivischen Unterrichtsthema zu gelangen, ist es nützlich, einen inhaltlichen Fokus in Form einer übergeordneten Fragestellung zu formulieren, der die Beiträge der fachlichen Perspektiven bzw. der Beiträge betroffener Akteure filtert, zusammenführt und sinnvoll vernetzt. Für Lehrerinnen und Lehrer, die einen solchen Unterricht gestalten wollen, besteht die Herausforderung in einem ersten Schritt deshalb darin, eine solche komplexe und bildungsrelevante Fragestellung zu finden. Erst im zweiten Schritt stellt sich dann die Frage, welche fachlichen Perspektiven von NMG bzw. welche Akteure einen Beitrag zur Beantwortung dieser übergeordneten Fragestellung leisten können. Durch die Formulierung einer übergeordneten Fragestellung wird der Unterrichtsgegenstand zudem eingegrenzt und die Vielzahl der möglichen fachlichen Perspektiven und deren inhaltliche und methodische Angebote reduziert.
4 Die übergeordnete Fragestellung als Dreh- und Angelpunkt
Vom Stichwort zum Unterrichtsthema
Im Lehrplan 21 zum Fachbereich NMG finden sich zu den einzelnen Kompetenzstufen Stichworte zu verbindlich zu behandelnden Inhalten (z. B. «Lebensmittelverschwendung»), Stichworte zur freien Auswahl durch Lehrerinnen und Lehrer (z. B. «Znüni», «Zvieri», «einfaches Essen») oder gar keine Angaben. Auch Zeitschriften für die Praxis des Unterrichts in NMG[47] betiteln ihre Ausgaben oft mit knappen Stichworten wie «Tod und Trauer», «Insekten», «Weltraum», «Ernährung», «Leben in alter Zeit», «Vom Rad zum Roboter», «Spuren der Kindheit», um nur einige Beispiele der letzten Jahre zu nennen. Dasselbe ist anzutreffen, wenn anstatt Zeitschriften handelsübliche Unterrichtswerkstätten betrachtet werden – überall wird von Stichworten ausgegangen. Wie wir bereits am Beispiel eines Themenhefts zu «Wasser» gesehen haben, können daraus Probleme entstehen wie eine hohe Beliebigkeit der Inhalte und daraus resultierendes unverbundenes «Inselwissen» bei den Lernenden. Ginge man stattdessen als Unterrichtsthema von einer übergeordneten Fragestellung aus, liessen sich diese Probleme vermeiden.
Welche Vorteile bringt es, ein Unterrichtsthema, ob zentriert auf nur eine fachliche Perspektive oder perspektivenübergreifend, in Form einer übergeordneten Fragestellung zu formulieren?
•Eine übergeordnete Frage dient als roter Faden oder als Klammer einer Unterrichtseinheit. Einzelne Unterrichtssituationen des Unterrichtsprozesses stehen dadurch «in einem thematischen Zusammenhang […], der mit der Beantwortung der Frage seinen vorläufigen Abschluss findet»[48].
•Der Unterricht dient weniger der Vermittlung von kanonisiertem Wissen als der gemeinsamen Suche nach möglichen Antworten. Eine Frage als roter Faden einer Unterrichtseinheit stimuliert somit Bildungsprozesse, da sie diese «als sinngebend und sinnerschliessend erleben lässt»[49].
•Übergeordnete Fragestellungen legen den Fokus auf einen exemplarischen, bildungsrelevanten Sachverhalt und filtern dadurch die zur Sprache kommenden inhaltlichen und methodischen Beiträge der fachlichen Perspektiven.
Die übergeordnete Fragestellung dient in erster Linie der Lehrperson, um auf der Grundlage des Lehrplans das Unterrichtsthema zu definieren und die daraus resultierenden übergeordneten Lernziele und zentralen Inhalte herauszuschälen. Ob die übergeordnete Fragestellung unverändert den Schülerinnen und Schülern bekannt gegeben wird, ist von der Lehrperson von Fall zu Fall zu klären, da dies von der Stufe, vom Vorwissen usw. abhängt.
| Tabelle 4 Unterscheidung von Stichwort, Bildungsinhalt und übergeordneter Fragestellung (vgl. Tänzer 2010) | |
|---|---|
| Stichwort (Schlagwort, Gegenstand) | Stichworte wie «Apfel», «Wasser» oder «Schokolade» sind noch nicht nach pädagogischen und fachdidaktischen Gesichtspunkten ausgewählt und geprüft und können somit nicht unterrichtsleitend sein. |
| Bildungsinhalt (Bildungspotenzial) | «Wasser» als Stichwort oder Inhalt wird dann zum Bildungsinhalt, wenn sein pädagogisches und fachdidaktisches Potenzial innerhalb der Trias Kind–Sache–Gesellschaft ausgelotet wird: Inwiefern hat «Wasser» eine exemplarische Bedeutung für das Welterschliessen der Kinder? |
| Übergeordnete Fragestellung (Unterrichtsthema) | Aufbauend auf der Bestimmung des Bildungsinhalts eines Stichworts wie «Wasser» ist das Unterrichtsthema das Ergebnis von Ziel- und Inhaltentscheidungen bezogen auf den konkreten Unterricht in Form einer übergeordneten Fragestellung, z. B. «Ist Wasser kostbar?» |
Bevor an Beispielen gezeigt wird, wie sich aus Stichworten konkrete Unterrichtsthemen in Form übergeordneter Fragestellungen formulieren lassen, sollen die Begriffe «Stichwort», «Bildungsinhalt» und «Übergeordnete Fragestellung» geklärt werden (siehe Tab. 4).
Unter «Stichwort» wird ein Sachverhalt verstanden, der noch nicht aus pädagogischer Sicht betrachtet worden ist.[50] Erst wenn die Fragen, Vorstellungen und Denkweisen der Kinder und die inhaltlichen und methodischen Angebote der fachlichen Perspektiven von NMG ins Spiel kommen, kann das Bildungspotenzial des zur Auswahl stehenden Stichworts herausgearbeitet werden. Als Suchraster bietet sich die in Abbildung 3 dargestellte didaktische Trias Kind–Sache–Gesellschaft an.[51] Ist man dem Bildungspotenzial eines Stichworts auf die Spur gekommen, ist der nächste Schritt die Formulierung des eigentlichen Unterrichtsthemas in Form einer übergeordneten Fragestellung.
Ausgangspunkt für die Formulierung übergeordneter Fragestellungen kann eine inhaltliche Angabe in Form eines (verbindlichen oder unverbindlichen) Stichworts aus dem Lehrplan 21 für NMG sein (z. B. «Lebensmittelverschwendung») oder ein von der Lehrerin oder dem Lehrer selbst gewähltes Stichwort (z. B. «Dinosaurier», siehe unten).

Wie oben beschrieben, besteht bei der Unterrichtsplanung ein erster Schritt in Richtung übergeordneter Fragestellung zunächst darin, mögliche Bildungsinhalte anhand der didaktischen Trias zu bestimmen. Der Aspekt «Kind» bezieht sich auf Begründungen zum Begriff der Lebenswelt, der Aspekt «Sache» geht von den inhaltlichen und methodischen Angeboten der fachlichen Perspektiven von NMG bzw. vom Akteurswissen beteiligter Akteure aus, der Aspekt «Gesellschaft» hat den Bildungsbegriff als Grundlage (siehe Abb. 3). Zwischen den drei Eckpunkten des Dreiecks bestehen jeweils Spannungsverhältnisse, so zum Beispiel zwischen «Kind» und «Sache». Auf der einen Seite stehen Fragen, Bedürfnisse, Vorwissen, kurz die Sichtweise der Kinder von der Welt, die für sich allein genommen zur Begründung von Bildungsinhalten nicht genügen. Auf der anderen Seite steht das inhaltliche und methodische Wissen der wissenschaftlichen Disziplinen von NMG (die «Sache»). Für Kahlert besteht die Aufgabe von NMG gerade darin, Kindern fachlich belastbares Wissen und Können zugänglich zu machen. Aber ohne Bezug zur kindlichen Lebenswelt wäre dieses Wissen steril.[52] Hinzu kommt – als zweites Spannungsverhältnis –, dass dieses Wissen und Können auch relevant sein sollte, um einen Beitrag zum Weltverstehen der Kinder zu leisten, zum Beispiel im Sinne von Heymanns Teilaufgaben von Bildung (siehe Tab. 3). Die Überlegungen zur Bildungsrelevanz stehen ihrerseits in einem dritten Spannungsverhältnis zu den individuellen und persönlichen Lebensentwürfen der Kinder. Aus dem Zusammenwirken dieser drei Bereiche des Dreiecks und unter Berücksichtigung der bestehenden Spannungsverhältnisse lassen sich mögliche Bildungsinhalte bzw. darauf aufbauend übergeordnete Fragestellungen (Unterrichtsthemen) von NMG bestimmen.
Die perfekte, allen Kriterien gerecht werdende Fragestellung gibt es allerdings nicht. Das Finden einer übergeordneten Fragestellung kann vielmehr als ein Annäherungsprozess verstanden werden mit dem Ziel, eine Balance zwischen den drei Eckpunkten der didaktischen Trias zu erreichen.[53] Wird dieser Anspruch im nachfolgenden Beispiel eingelöst?
Dinosaurier als Unterrichtsthema?
Am Beispiel des Stichworts «Dinosaurier» kann die Anwendung der didaktischen Trias zu folgenden inhaltlichen Aussagen führen:[54] Ausgehend vom Blickpunkt «Kind» lassen sich drei «Dinosaurier-Welten» unterscheiden. Die grausige, schreckliche Welt (Godzilla)[55], die nette, süsse Welt (Littlefoot)[56] und die reale Welt (Ausstellungen in Museen). Für alle fachlichen Perspektiven von NMG (Blickpunkt «Sache») sind relevante Wissensbestände und Fragestellungen zu finden. Für den Bereich Räume, Zeiten, Gesellschaften (RZG) könnten dies beispielsweise Fundorte, Periodisierungen, Überreste und Rekonstruktionen, Dinosaurier als Teil einer Populärkultur usw. sein. Für den Blickpunkt «Gesellschaft» kann die gerade speziell auf Kinder ausgerichtete Kommerzialisierung des Gegenstands «Dinosaurier» und der damit zusammenhängende Dino-Kult als Beispiel genannt werden. Diese wenigen Überlegungen weisen darauf hin, dass das Stichwort «Dinosaurier» einen potenziellen bildungsrelevanten Gegenstand von Unterricht darstellt.
Ausgehend von den Überlegungen zum Bildungsinhalt des Stichworts «Dinosaurier» könnte die übergeordnete Fragestellung für eine vier- bis fünfwöchige Unterrichtseinheit in einer dritten/vierten Klasse lauten: Wie echt sind Dinosaurier wirklich?. Um zu klären, ob die übergeordnete Fragestellung geeignet ist, das Unterrichtsthema zu erschliessen, können, wieder angelehnt an die Trias Kind–Sache–Gesellschaft, folgende Prüffragen benutzt werden:
•Ist die Fragestellung anschlussfähig an die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler? Ist sie bedeutsam für die Gegenwart und Zukunft der Kinder? Die Frage, ob ein Gegenstand oder eine Frage echt oder fiktiv ist, beschäftigt Kinder schon sehr früh. Fasziniert stehen sie vor einem in einem Museum ausgestellten Gegenstand, wenn ihnen gesagt wird, dass er «echt» ist. Allgemein stellt die Fähigkeit, fiktives von gesichertem Wissen unterscheiden zu können, eine zentrale überfachliche Kompetenz dar.
•Hat die Fragestellung das Potenzial, bildungsrelevant zu sein (z. B. im Sinne der Teilaufgaben von Bildung nach Heymann)? Die Fähigkeit, fiktives von gesichertem Wissen unterscheiden zu können, zielt vorwiegend auf die Teilaufgaben «Lebensvorbereitung» und «Anleitung zum kritischen Vernunftgebrauch» (siehe Tab. 3). Die Auseinandersetzung mit dem Wandel populärwissenschaftlicher und wissenschaftlicher Vorstellungen zu einem Thema ermöglicht allgemeine Einblicke in die Art und Weise, wie Wissen entsteht, und fördert die Einsicht in dessen Vorläufigkeit.
•In Bezug auf den Lehrplan: Lässt sich die Fragestellung aus den Kompetenzen von NMG herleiten? Obschon im Lehrplan 21 als inhaltliches Stichwort nicht aufgeführt, lässt sich das Unterrichtsthema perspektivenübergreifend an verschiedene Kompetenzbereiche des Lehrplans sinnvoll anbinden (siehe Abb. 4).
•Können durch die Fragestellung elementare Wissensbestände mehrerer Perspektiven von NMG erschlossen und zueinander in Beziehung gesetzt werden im Sinne eines perspektivenübergreifenden Unterrichts? Oder: Können Akteure identifiziert werden, die neue und andere Wissensbestände und Sichtweisen zur Beantwortung der Frage beisteuern können im Sinne eines transperspektivischen Unterrichts? Die Fragestellung kann nur unter Beiziehung unterschiedlicher fachlicher Wissensbestände befriedigend angegangen werden (siehe dritten Punkt).
•Ist die Fragestellung komplex und kann deshalb weder mit einer einfachen Zustimmung noch Ablehnung beantwortet werden? Enthält sie Spannungsfelder zwischen unterschiedlichen Interessen oder zwischen Haupt- und Nebenfolgen von Entscheidungen oder Verhaltensweisen? Durchaus, da eine einfache und abschliessende Antwort bei dieser Fragestellung nicht möglich ist: Eine Diskussion um «echt» oder «fiktiv» ist schon aus erkenntnistheoretischen Überlegungen nicht einfach zu führen.
Die knappe Beantwortung der Prüffragen bestätigt, dass es tatsächlich pädagogisch sinnvoll sein könnte, wenn sich Schülerinnen und Schüler über längere Zeit mit der Frage auseinandersetzen, inwiefern Dinosaurier echt sind. Ausgehend von der übergeordneten Frage und einer darauf basierenden Sachanalyse könnten Schülerinnen und Schüler unter anderem untersuchen, wie und warum sich die Darstellungen von Dinosauriern im Laufe der Zeit verändert haben. Zentrale Ziele eines an dieser übergeordneten Frage ausgerichteten Unterrichts lägen dann darin, die Herkunft unseres Wissens und unserer Bilder zu hinterfragen und über Grundlagen für die Unterscheidung zwischen Realem und Fiktivem nachzudenken. Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass dieses Unterrichtsthema aufgrund der übergeordneten Fragestellung das Potenzial besitzt, Schülerinnen und Schüler dabei zu unterstützen, «Phänomene und Zusammenhänge der Lebenswelt wahrzunehmen und zu verstehen, selbstständig, methodisch und reflektiert neue Erkenntnisse aufzubauen, Interesse an der Umwelt neu zu entwickeln und zu bewahren, anknüpfend an vorschulische Lernvoraussetzungen und Erfahrungen eine belastbare Grundlage für weiterführendes Lernen aufzubauen, in der Auseinandersetzung mit den Sachen ihre Persönlichkeit weiter zu entwickeln sowie angemessen und verantwortungsvoll in der Umwelt zu handeln und sie mitzugestalten»[57].

Perspektivenübergreifendes Sachlernen in Kindergarten und Unterstufe?
Es ist in diesem Text wiederholt darauf hingewiesen worden, dass sich der Unterricht in NMG auf Wissen und Methoden von Fachperspektiven bezieht. Kann und soll dieser Anspruch auch auf den ersten Zyklus, also Kindergarten und Unterstufe, bezogen werden? Sind vier- bis achtjährige Kinder überhaupt in der Lage, sich mit komplexen, perspektivenübergreifenden Fragen auseinanderzusetzen? Oder anders formuliert: Welche Voraussetzungen bzw. Kompetenzen brauchen Kinder, um sich mit solchen Fragen beschäftigen zu können?
Die Bedingungen und Ansätze für das Sachlernen in Kindergarten und Primarstufe unterscheiden sich in einigen Aspekten erheblich voneinander. So stehen im Kindergarten eng auf die Lebenswelt und den motorischen, ästhetischen, kognitiven, emotionalen, sozialen und persönlichen Entwicklungsstand bezogene Zugänge im Vordergrund. Die Stärken dieses Ansatzes sind die hohe Beobachtungskompetenz der Kindergärtnerinnen und Kindergärtner in Bezug auf die individuellen Prozesse der Kinder, die Berücksichtigung der Komplexität der Lebenswelt und der Entwicklung der Kinder und eine grundsätzlich kindzentrierte Didaktik und Pädagogik, die sich durch hohen Alltagsbezug auszeichnet.[58] Lernen findet oft noch beiläufig statt, zum Beispiel beim Beobachten, Imitieren, Mitmachen, im Gespräch und im freien Spielen. Erst später bzw. nach und nach wird dieses eher beiläufige Lernen durch ein systematisches, von äusseren Lerninhalten geprägtes Lernen abgelöst, und die Schülerinnen und Schüler werden fähig, inhaltlich und methodisch mit fachspezifisch ausgerichteten Aufgaben umzugehen.
Wie soll der geschilderte Übergang konkret im Fachbereich NMG vollzogen werden? Wie sollen die oft beiläufigen (zufälligen), selbsttätigen und spielerischen Formen des Lernens im Kindergarten zu absichtsvollen und fachbezogenen Lernprozessen innerhalb des Fachbereichs NMG der Primarstufe werden? Der Perspektivrahmen Sachunterricht nennt folgende überfachliche Fähigkeiten, Wissensbestände und Einstellungen, die in frühen Lernprozessen erworben werden und dann im NMG-Unterricht der Primarschule weitergeführt und systematisiert werden sollen:[59]
•Explorieren und Erfahren: Die Kinder erkunden die Welt und ihre Phänomene eigenaktiv und werden sich ihrer Erfahrungen bewusst, indem sie mit anderen kommunizieren. Um nicht nur Wissen zu erwerben, sondern auch Bewegungslust, Aufgeschlossenheit, Lust am Ausprobieren, Ausdauer usw. zu entwickeln, brauchen Kinder unterschiedliche anregende, offene und attraktive Angebote und Spielräume.
•Implizites Wissen und Begriffsbildung: Frühkindliches implizites Wissen ist zunächst körperlich begründet. «Es ist», so der Perspektivrahmen, «insoweit auch Bewegungs- und Aktionswissen und kommt in Eindrücken, Empfindungen und Wahrnehmungen zum Ausdruck, die Kinder unmittelbar an den Begegnungen und Phänomenen gewinnen. Es gründet in lebensweltlich vermittelten Bedeutungen und Wertigkeiten, in sozialen Beziehungen und Alltagspraktiken.»[60] Dieses Wissen ist Voraussetzung für die sprachliche Entwicklung und für begrifflich-abstrahierendes Denken. Dadurch sind Kinder dann in der Lage, ihr implizites Wissen anderen mitzuteilen und ihre Vorstellungen zu natürlichen und sozialen Phänomenen ihrer Umwelt zu erklären.
•Nachdenken und Reflektieren: Die bereits im Kleinkindalter vorhandenen sprachlichen und nichtsprachlichen Fähigkeiten können durch anregende Lernumgebungen aktiviert und weiterentwickelt werden. Unterschiedliche Unterrichtsangebote im ästhetischen und musischen Bereich können Kinder darin unterstützen, «Distanz zu ihren Erfahrungen zu suchen, sie im Medium einer begrifflich-abstrahierenden Sprache als Sache und Gegenstand zu gewinnen und ordnend zu überschauen»[61]. Dabei geht es darum, dass Kinder ihre unterschiedlichen Ausdrucksformen nutzen und weiterentwickeln.
•Erfahrungen objektivieren, Ko-Konstruieren, Ordnen: Objektivierung von Wissen in dem Sinne, dass kulturelle «belastbare» Wissensbestände kritisch genutzt werden, fusst auf subjektiven Fähigkeiten, wie zum Beispiel einen eigenen Standpunkt zu beziehen und zu begründen und die eigene Sicht mitzuteilen. Das Sammeln, Ordnen und Klassifizieren von Gegenständen regt die Kinder an, ihre eigenen Erfahrungen und Sichtweisen mitzuteilen und die Erfahrungen anderer Kinder kennenzulernen und zu verarbeiten.
Eine ähnliche Absicht verfolgt der Lehrplan 21 für den Fachbereich NMG mit der Formulierung von neun «entwicklungsorientierten Zugängen» für den Beginn des ersten Zyklus, das heisst, zumindest für die zwei Jahre Kindergarten. Dadurch soll einerseits sichergestellt werden, dass der Unterricht auf dieser Stufe überwiegend fächerübergreifend organisiert und gestaltet, und andererseits, dass «eine Brücke von der Entwicklungsperspektive zur Fachbereichsstruktur des Lehrplans»[62] geschlagen wird. Im Verlauf des ersten Zyklus rücken dann die fachbereichsspezifischen Inhalte von NMG zunehmend in den Vordergrund, wobei sich in der Unterrichtspraxis «die entwicklungsorientierte und die fachorientierte Herangehensweise verbinden, vielfältig variieren und kombinieren. Beide Zugangsweisen bleiben miteinander verknüpft»[63].
Studien im Rahmen einer Bildung für eine nachhaltige Entwicklung weisen darauf hin, dass Sieben- bis Achtjährige bereits (vorwissenschaftliche) Vorstellungen zu komplexen Themen besitzen.[64] Kinder dieses Alters beschäftigen sich bereits mit Themen wie der Pflege von Obstbäumen oder benennen Folgen und suchen nach Lösungen, wenn es um den Kauf von Spielzeugen geht. Aufgrund ihres Alters und Vorwissens haben sie zu gewissen Sachgebieten noch widersprüchliche und unausgewogene Vorstellungen. Entscheidend ist, dass dieses Vorwissen durch Unterricht verändert, angereichert und differenziert wird. Ein eindrückliches Beispiel für einen solchen Unterricht stammt aus dem Umfeld der sogenannten Reggio-Pädagogik. Am Beispiel der Frage, wie eigentlich ein Schatten entsteht, ermöglichen die Erzieherinnen vier- bis sechsjährigen Kindern, «mit der Welt zu flirten»[65]. Sie bieten den Kindern vielfältige Erfahrungen an, die ihre Lust am Lernen, am Wahrnehmen und Verstehen fördern und entwickeln sollen.[66] Ein anderes Unterrichtsbeispiel zeigt auf anschauliche Weise, wie bereits mit Schülerinnen und Schülern der zweiten und dritten Klasse komplexe Themen kindgerecht angegangen werden können. Anhand der übergeordneten Fragestellung «Was ist ein gutes Spielzeug?» beschäftigen sich acht- und neunjährige Kinder mit vielperspektivischen Aspekten nachhaltiger Entwicklung.[67]
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der vom Lehrplan 21 formulierte Anspruch an den NMG-Unterricht, Kinder in ihrer Annäherung an die Welt zu unterstützen und zu fördern (indem sie diese wahrnehmen, erschliessen, sich in ihr orientieren und in ihr handeln) unter Berücksichtigung der oben genannten Aspekte auch für jüngere Kinder gilt. Lehrerinnen und Lehrer müssen sich bei der Vorbereitung ihres auf dem Lehrplan 21 für den Fachbereich NMG fussenden Unterrichts in Kindergarten und Unterstufe ebenfalls die Frage nach der Bildungsrelevanz der von ihnen bestimmten Inhalte stellen. Aus diesem Grund ist es auch hier sinnvoll, bei der Planung von Lernangeboten nicht von einem Stichwort auszugehen, sondern eine den Entwicklungsstand bzw. die Voraussetzungen der Kinder berücksichtigende übergeordnete und bildungsrelevante Fragestellung ins Zentrum zu stellen.
5 Ausblick: Die übergeordnete Fragestellung im Kontext der Unterrichtsplanung
Die übergeordnete Fragestellung als Dreh- und Angelpunkt des Unterrichts in NMG: Tatsächlich lassen sich Planung, Durchführung und Evaluation des Unterrichts in NMG in allen Zyklen ausgehend von übergeordneten Fragestellungen durchführen: In übergeordneten Fragestellungen konkretisieren sich die im Lehrplan definierten Kompetenzbereiche, Kompetenzen und Kompetenzstufen auf eine exemplarische, vielperspektivische und integrative Weise. Übergeordnete Fragestellungen bewegen sich im Spannungsfeld Kind–Sache–Gesellschaft und tragen damit zur Förderung der Teilaufgaben von Bildung von Heymann bei. Liegt eine übergeordnete, auf dem Lehrplan fussende Fragestellung vor, können die übergeordneten Lernziele der Unterrichtseinheit definiert werden. Eine übergeordnete Fragestellung stellt auch den Orientierungspunkt dar, auf den sich eine fachlich fundierte Sachanalyse zu beziehen hat. Diese bietet ihrerseits die Grundlage dazu, die Unterthemen der Unterrichtssequenzen festzulegen. Aufgrund der übergeordneten Fragestellung und der daraus gewonnenen Lernziele und Unterthemen lassen sich sinnvolle Lernaufgaben und methodische Zugänge identifizieren. Eine begründete, auf den Lehrplan ausgerichtete Auswahl von sechs bis sieben übergeordneten Fragestellungen könnte die Grundlage für Jahresplanungen in NMG sein.[68]
Übergeordnete Fragestellungen «fallen nicht vom Himmel», sondern bilden das Resultat intensiver Auseinandersetzung mit Lehrplanvorgaben, mit Fragen zur Bedeutung des Fachs NMG bezüglich Allgemeinbildung, mit Überlegungen zu inhaltlichen und methodischen Angeboten der fachlichen Perspektiven von NMG. Das Formulieren einer übergeordneten Fragestellung ist aus dieser Sicht als Prozess der Annäherung an Unterrichtsthemen zu verstehen, die, um den Lehrplan nochmals zu zitieren, «sich an grundlegenden Fragestellungen [orientieren], die uns als Menschen oder unsere soziale, kulturelle und natürliche Um- und Mitwelt betreffen»[69].
Literaturverzeichnis
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Wannack, Eveline; Bosshart, Susanne; Eichenberger, Astrid; Fuchs, Michael; Hardegger, Elisabeth & Marti, Simone (Hrsg.): 4- bis 12-Jährige. Ihre schulischen und ausserschulischen Lern- und Lebenswelten. Münster 2013.
Fragen zu Teil 1
Fragen zu Teil 1
Worin besteht das Besondere des Fachbereichs NMG?
Welchen wesentlichen Beitrag leistet NMG zur Allgemeinbildung?
Sollten (müssten) alle Unterrichtsthemen einen Bezug zu grundlegenden, gesellschaftlich relevanten Fragen aufweisen?
Was ist der Mehrwert perspektivenübergreifenden Unterrichts im Vergleich zu einem monoperspektivischen oder perspektivenaddierenden Unterricht?
Welche didaktische Begründung für perspektivenübergreifenden Unterricht leuchtet Ihnen am meisten ein? Warum?
Warum sollte der Unterricht in NMG nicht von einem Stichwort ausgehen?
Arbeitsanregungen für die Aus- und Weiterbildung
Arbeitsanregungen für die Aus- und Weiterbildung
Auf dem Buchcover ist ein Teil eines Flippers zu erkennen. Diskutieren Sie mit anderen, was ein Flipper mit dem Fachbereich NMG zu tun haben könnte.
Setzen Sie verschiedene «Perspektiv-Brillen» auf zu Stichworten wie «Ernährung», «Verkehr» oder «Arbeit» – was kommt dabei heraus? Warum lässt sich daraus kein konkreter Eins-zu-eins-Unterricht in NMG ableiten?
Bringen Sie die Teilaufgaben von Bildung nach Heymann (siehe Kapitel 2) in eine persönliche Rangliste. Zuoberst die für Sie wichtigste Teilaufgabe, zuunterst die unwichtigste. Vertreten Sie Ihren Entscheid in einer Gruppe und diskutieren Sie verschiedene Ranglisten auf ihre Stichhaltigkeit!
Skizzieren Sie an einem Beispiel (z. B. «Baldeggersee») je eine monoperspektivische, perspektivenaddierende, perspektivenübergreifende, transperspektivische oder fächerübergreifende «Spielart» des Zusammenwirkens der fachlichen Perspektiven von NMG!
Spielen Sie mit einem Stichwort Ihrer Wahl mit dem Flipper (hinten im Buch). Lassen Sie den «Ball» hin und her kugeln, bis Sie mit dem Score zufrieden sind. Wie lautet nun Ihre übergeordnete Fragestellung?

Als Lehrperson freut man sich über Fragen der Kinder, kommt jedoch in Verlegenheit, wenn man sie nicht beantworten kann. Dabei stellen solche Fragen packende Lerngelegenheiten dar, die zu nutzen sich lohnen. Dieser Teil geht von der Fraglichkeit der Welt und der Fragwürdigkeit unserer Erfahrung aus und führt in den Ansatz des Philosophierens mit Kindern ein, der dazu da ist, im Unterricht der Welt auf den Grund zu gehen. Dazu werden Anliegen und Ziele des Philosophierens dargelegt und die Möglichkeiten des Philosophierens im Fachbereich NMG ausgelotet. Einige Grundinstrumente des Philosophierens werden vorgestellt und dabei auch die Rolle der Lehrperson bedacht.
Der Fraglichkeit der Welt mit nachdenklichem Lernen begegnen: Philosophieren in Natur, Mensch, Gesellschaft | Dominik Helbling
Der Fraglichkeit der Welt mit nachdenklichem Lernen begegnen: Philosophieren in Natur, Mensch, Gesellschaft
Dominik Helbling
1 Philosophieren mit Kindern
Schülerinnen und Schülern stellen Lehrpersonen täglich Fragen, zuweilen sind diese sogar sehr tiefgründig und anspruchsvoll. Eine alltägliche Unterrichtssituation führt uns ins Thema ein.
Im Rahmen einer Lektionsreihe zu den Sinneswahrnehmungen des Menschen betrachten die Schülerinnen und Schüler einer fünften Klasse ein Schaubild vom Querschnitt eines Auges. Die Lehrperson erklärt, wie ein Auge aufgebaut ist und benennt dazu einige Bestandteile des Auges mit Begriffen, die sie in Form von Kärtchen auf das Bild legt: Lid, Hornhaut, Iris, Pupille, Linse, Netzhaut, Muskeln, Sehnerv. Sie sammelt die Kärtchen nochmals ein und die Schülerinnen und Schüler sollen sie nun an den richtigen Ort legen. Danach fragt die Lehrperson, ob sie dazu eine Frage hätten. Zwei Arme schnellen in die Höhe. Simone möchte wissen: «Wieso kommen einem Tränen, wenn man traurig ist?» Dragan wundert sich: «Wie kann ich sicher sein, dass ich und die anderen genau dasselbe sehen?»
Die Lehrperson ist etwas verdutzt. Sie antwortet: «Also, warum uns Tränen kommen, das weiss ich auch nicht recht, das ist einfach so, weil wir traurig sind. Ob wir alle das Gleiche sehen, kann man ja nicht wissen.» Simone und Dragan nicken verlegen, trauen sich nicht weiter zu fragen. Da ertönt die Schulglocke, die anzeigt, dass es nun 11:45 Uhr ist und alle zum Mittagessen gehen. Die Lehrperson ist froh, dass die Stunde um ist.
Wie hätten Sie in dieser Situation reagiert? Was finden Sie an der Reaktion der Lehrperson gelungen, was nicht? Welche Alternativen fänden Sie angemessen?
Verlegenheiten und Gelegenheiten. Oder: Wie gehen wir im Unterricht mit Fragen von Schülerinnen und Schülern um?
Diese oben beschriebene Situation ist tatsächlich so passiert. Analysiert man sie, so lässt sich festhalten:
•Die Schülerin und der Schüler haben sich über etwas gewundert, und sie haben daraus eine Frage formuliert. Sie waren offenbar am Gegenstand interessiert, wenn auch in anderer als in der erwarteten Weise.
•Die Lehrperson hat diese Fragen nicht erwartet und war entsprechend nicht darauf vorbereitet. Sie weicht aus und wiederholt die Aussage von Simone bzw. behauptet, dass man die Frage von Dragan nicht beantworten könne.
•Die Aktivität liegt allein bei der Lehrperson, obwohl sie keine kompetente Auskunft geben kann. Die Schülerinnen und Schüler werden nicht beteiligt.
•Die Schülerinnen und Schüler lernen, dass es auf alles eine Antwort gibt und dass gewisse Dinge vorgegeben sind, weshalb man gar nicht darüber nachzudenken braucht.
Die Lehrperson hat sich hier eine grosse Chance für sich und die Schülerinnen und Schüler vergeben. Was kann einem als Lehrperson Besseres passieren, als dass sich die Schülerinnen und Schüler für einen Gegenstand interessieren und Fragen dazu stellen? Hätte sie in dieser Situation auch noch anders reagieren können? Einige Möglichkeiten:
•Zugeben, dass sie sich die Frage auch noch nicht überlegt habe und darauf keine Antwort wisse und sich deshalb erst kundig machen müsse.
•Die beiden Fragen an die Tafel schreiben und mitteilen, dass sich die Klasse zu einem späteren Zeitpunkt darüber unterhalten werde.
•Die anderen Schülerinnen und Schüler fragen, ob sie noch weitere solche Fragen hätten.
•Simone beauftragen, sie solle in der Bibliothek ein Sachbuch besorgen und schauen, ob darin etwas zum Weinen stehe, oder im Internet recherchieren.
•Den Schülerinnen und Schülern und sich selbst die Hausaufgabe geben, über Dragans Frage nachzudenken.
•Ein Gespräch gestalten zu den gesammelten Fragen.
Lehrpersonen gehen unterschiedlich mit Fragen um, wobei sich zwei Formen beobachten lassen:[70]
•Die Validierung: Wir sind überzeugt, dass es auf es jede Frage eine eindeutige Antwort geben muss. Dazu vereinfachen wir ein Problem, erfinden Antworten oder behaupten, dass etwas einfach «so ist, wie es ist». Als Lehrpersonen stehen wir sozusagen unter einem Validierungszwang, weil wir es als unsere Aufgabe erachten, Antworten zu geben. Was die Schülerinnen und Schüler dabei lernen: Auf alles gibt es vermeintlich eine Antwort und die Lehrperson weiss sie. Fragen lohnt sich daher nicht, Autoritäten wissen sowieso besser Bescheid, also lohnt sich auch das Nachdenken nicht.
•Die Modalisierung: Das Gespräch wird geöffnet, man lässt mehrere Deutungsmöglichkeiten und konkurrierende Umgangsweisen zu. Die Schülerinnen und Schüler lernen dabei: Alles ist fragwürdig, oft gibt es keine eindeutigen oder sogar mehrere Antworten und wir denken gemeinsam nach.

Dass die Lehrperson im obigen Beispiel die Fragen sofort «validiert», ist kein Einzelfall. In der Schule wird häufig so getan, als ob die Rätsel der Welt gelöst seien. Dies ist ein grosser Irrtum, denn wir wissen längst noch nicht alles und es stellen sich uns immer wieder neue Fragen; was wir zu wissen glauben, ist vorläufig und zeitgebunden und bedarf deshalb immer wieder einer Überprüfung; es gibt Fragen, die nicht mit eindeutigem Wissen beantwortbar sind.
In der Schule werden die Schülerinnen und Schüler häufig mit dem Wissen der Erwachsenen belehrt. Wir hindern sie so daran, selbstständig nachzudenken. Eine solche Welt, die bereits vermessen und in der alles geklärt ist, ist zudem ziemlich langweilig. Das Philosophieren setzt genau hier an: Es hinterfragt alles und macht das Staunenswerte, Rätselhafte, Abgründige und Fragwürdige zum Mittelpunkt des Lernens. Wie das obenstehende Beispiel illustriert, gibt es bei fast allen Unterrichtsgegenständen solch staunenswerte, rätselhafte, abgründige und fragwürdige Aspekte. Damit wird Unterricht enttrivialisiert (trivial = unbedeutend, platt, abgedroschen) und trägt zur Vertiefung und Bereicherung fachlichen Lernens bei.[71] Es reagiert auf Fragen daher in der Form der Modalisierung. Damit werden folgende Signale gesetzt: Fragen sind erwünscht und notwendig, wenn man etwas wissen möchte; viele Dinge sind ungeklärt, das Nachdenken darüber lohnt sich; die Wirklichkeit ist vielschichtig, oft gibt es nicht nur eine einzige Perspektive auf einen Gegenstand. Fragen und miteinander nachdenken sind ein Akt und eine Schule der Freiheit. Die Schülerinnen und Schüler dürfen und sollen selbst und eigenständig nachdenken (lernen).
Wer nicht fragt, bleibt dumm. Oder: Wozu dienen Fragen?
Fragen sind demnach ein Antrieb, die Welt zu ergründen. Für den bedeutenden Kommunikationswissenschaftler Neil Postman gelten sie daher als bedeutsamstes intellektuelles Werkzeug, das Nachdenklichkeit, kritisches Denken, eine skeptische Haltung und Vernunftgebrauch fördert.[72]
Obwohl alle Fragen sprachlich die Funktion haben, etwas in Erfahrung zu bringen, gibt es dennoch unterschiedliche Arten von Fragen. Sie können systematisch-geplant oder unsystematisch-spontan gestellt werden; sie können sich mit einem spezifischen Ausschnitt der Wirklichkeit beschäftigen oder mit dem Grundsätzlichen. Um philosophische Fragen von anderen Fragen unterscheiden zu können, hilft uns das Denkmodell in Tabelle 1.

Alltagsfragen
Im Alltag stellen wir häufig Fragen, weil wir eine bestimmte Information benötigen: «Wo ist der nächste Bankomat?», wenn wir Geld brauchen. «Wann beginnt die Veranstaltung?», wenn wir zur rechten Zeit sein möchten. «Wer kommt zur Sommerparty?», wenn wir Geschirr und Stühle bereitstellen möchten. Diese Fragen stellen sich aus einem bestimmten Anlass heraus spontan und unsystematisch; sie sind jedoch zweckgerichtet und machen einen unmittelbar handlungsfähig. Wenn jemand weiss, wie viele Leute an der Party teilnehmen, kann er verlässlich planen. Der Wert der Antwort bemisst sich daran, ob sie nützlich oder nicht nützlich ist.
Kinderfragen
Dass Kinder früh damit beginnen, Fragen zu stellen, wissen alle, die schon einmal die bohrenden Warum-Fragen erlebt haben, die Kinder im Alter von vier oder fünf Jahren stellen. Diese haben die Funktion, vorgegebene Muster infrage zu stellen und sich selbst in der Welt orientieren zu können. Nicht die Vorgabe der Eltern zählt, sondern das eigene Verstehen. Kinder erleben die Welt als Ganzes, nicht in einzelne Teile gegliedert. Sie kommt ungeordnet und noch ohne erkennbare Regeln auf sie zu, sie erleben sie holistisch. Der Umgang mit der Welt führt einem vor Augen, dass sie Regeln hat. Zunächst entdecken Kinder, dass Gegenstände und lebendige Menschen zwei unterschiedliche Dinge sind. Sie wenden sich mehr den Menschen zu, weil sie eine Reaktion erhalten. Danach erleben sie Dinge unmittelbar, zum Beispiel beim Spiel im Sandkasten. Sie erfahren, dass man toll damit bauen kann, aber auch, dass er kratzt und nicht zum Essen geeignet ist. Mit der Zeit beginnen sie selbst Fragen zu stellen. Ging man früher davon aus, dass Kinder erst mit etwa zehn Jahren anfangen, systematisch zu denken, so weiss man heute, dass dies ein kontinuierlicher Prozess ist. Kinder machen sich selbst eine Vorstellung davon, wie die Welt «ist», verfügen also über eigene Konzepte und Konstrukte, um sich die Welt erklären und damit umgehen zu können. Mit ihren Fragen schaffen sie sich Ordnung, machen sich die Welt verständlich und bilden Zusammenhänge.[73]
Solche Fragen beziehen sich auf Dinge, über die sich ein Kind wundert. Beispiele für solche Fragen sind in Abbildung 2 dargestellt.
Die Antworten bringen Ordnung in das eigene Weltverstehen, stellen Zusammenhänge her und schaffen Orientierung. Sie erfüllen dann ihren Zweck, wenn sie in das bestehende Weltverstehen des Kindes integrierbar sind. Für Erwachsene sind viele Dinge ganz selbstverständlich geworden, über die sich ein Kind noch wundern kann. Dass Kinder mit diesen Fragen ernst genommen werden, ist für sie eine grundlegende Erfahrung, die für ihr Leben wichtig ist. Zuweilen stellen jedoch auch Jugendliche und Erwachsene solche Fragen. Wer schon einmal an einem Lagerfeuer mit Jugendlichen erlebt hat, wie sich für sie plötzlich alles zusammenzufügen scheint, kennt dieses Gefühl. Wer bei einem tiefen Gespräch mit Freundinnen oder Freunden die Zeit und alles um sich herum vergisst, meint, die Geheimnisse der Welt würden sich in diesem Augenblick offenbaren.
Wissenschaftliche Fragen
Die Wissenschaft hat zwei Antriebe: Sie möchte die Welt verstehen und sie möchte das menschliche Leben optimieren. Die Unwissenheit bildet dabei eine starke Motivation, denn Wissenschaft möchte die Welt erklären. All das, was interessant ist, hat eine Ursache, die verstanden werden möchte. Wissenschaft stellt Zusammenhänge her, objektiviert, weist die Reichweite und Gültigkeit einer Aussage aus. Erkenntnisse gelten so lange, bis sie widerlegt sind.
Dabei hat jede Wissenschaft ihr eigenes Erkenntnisinteresse und ihre eigenen Instrumente, um sich ihre Fragestellungen zu beantworten. Die verschiedenen Wissenschaften sind nicht gegeneinander auszuspielen, sind nicht ersetzbar. Sie sind eigenständige Modi der Welterschliessung.[74] Wenn man eine Maschine herstellen möchte, benötigt man dazu Mathematik, Physik und Ingenieurswissen. Bei der Frage, welche Sozialstrukturen Menschen in der Eiszeit gehabt haben, nützen diese Fähigkeiten jedoch wenig, man benötigt die Archäologie und die Geschichtswissenschaft dazu. Wenn wir umgekehrt eine Ortschaft effektiv vor Lawinen schützen wollen, dann benötigen wir Wissen über Wetter, Vegetation, Gefälle usw. Verfügen wir über hermeneutische Fähigkeiten, um den Hintergrund eines Romans zu verstehen, nützt uns dies dabei herzlich wenig.
Wissenschaftliche Fragen kümmern sich um einen ganz bestimmten, reduzierten Ausschnitt der Welt. Sie dienen dazu, ein ganz bestimmtes Problem aus einer fachlichen Perspektive zu verstehen, eine Lösung zu finden und diese zu beweisen.
Philosophische Fragen
Das Philosophieren setzt einen anderen Schwerpunkt. Es will ergründen und begründen. Weil viele Fragen nicht abschliessend beantwortet werden können, leistet es sich den Luxus, keine Antwort vorzugeben. Die Philosophie ergründet das Wesen einer Sache, geht daher umfassend darauf zu, bezieht dabei Erkenntnisse anderer Wissenschaften mit ein und sucht nach dem inneren Zusammenhang.
Philosophische Fragen entstehen dort, wo man sich wundert, wo etwas fragwürdig und geheimnisvoll ist. Sie zeichnen sich durch verschiedene Merkmale aus: Sie
•sind nicht eindeutig zu beantworten, sondern benötigen oft mehrere Perspektiven, weil sie sehr umfassend gestellt sind;
•ergründen das Wesen einer Sache, indem sie nach dem Ganzen oder nach dem Kern fragen, nicht allein nach einem bestimmten Ausschnitt;
•fragen nach Bedeutung und Sinn für den Menschen, die Gesellschaft, das Leben oder die Natur;
•sind ergebnisoffen, weil nicht bereits eine Antwort vorgegeben ist, weil es vielleicht Alternativen gibt.[75]
Viele philosophische Fragen entstammen Alltagserfahrungen; doch nicht jede Alltagsfrage führt zu einer philosophischen Frage. Auch stellen Kinder zuweilen sehr philosophische Fragen; dennoch wäre es vermessen, jede Kinderfrage als eine philosophische Frage zu bezeichnen.
In einem tabellarischen Überblick lassen sich diese Überlegungen zusammenfassen (siehe Tab. 2):
| Tabelle 2 Fragevarianten und ihre Merkmale | ||||
|---|---|---|---|---|
| Gemeinsam ist allen Fragen, dass sie etwas in Erfahrung bringen wollen | ||||
| Alltagsfrage | Kinderfrage | Wissenschaftliche Frage | Philosophische Frage | |
| Umfang und Zugang | unsystematisch – spontan, ausschnitthaft | unsystematisch – spontan, grundsätzlich | systematisch – geplant, ausschnitthaft | systematisch –geplant, grundsätzlich |
| Ziel | Information | Orientierung | Beweis | Ergründen und Begründen |
| Funktion der Frage | formuliert ein alltagspraktisches Anliegen | formuliert ein Staunen und Wundern | grenzt ein bestimmtes wissenschaftliches Problem ein | hinterfragt ein Phänomen umfassend |
| Qualität der Frage | häufig eindeutig beantwortbar | häufig nicht eindeutig beantwortbar | sollte eindeutig beantwortbar sein | nicht eindeutig beantwortbar |
| Funktion der Antwort | alltagspraktischer Nutzen | bringt Ordnung ins eigene Weltverstehen | Lösung eines wissenschaftlichen Problems | begreifen eines Phänomens |
| Qualität der Antwort | nützlich oder nicht nützlich | integrierbar oder nicht integrierbar | nachprüfbar, richtig oder falsch | begründet oder nicht begründet |
Der Welt auf den Grund gehen. Oder: Was ist Philosophieren?
Philosophie bedeutet «Liebe zur Weisheit», eine Philosophin ist eine «Freundin der Weisheit» (griech. philo = Freund, Liebe; sophia = Weisheit). Sie sammelt und systematisiert Wissen zu grundlegenden Fragen menschlicher Existenz, indem sie möglichst präzis und lückenlos denkt und die Grenzen dieses Denkens auslotet.
Man unterscheidet zwischen esoterischer und exoterischer Philosophie. Erstere beschäftigt sich damit, was Philosophinnen und Philosophen zu bestimmten Sachverhalten gesagt haben und wie damit etwas besser verständlich wird (Fachphilosophie). Letztere ist das eigene Philosophietreiben, das selbstständige Nachdenken (Alltagsphilosophie). Wenn von Philosophieren die Rede ist, ist dieser Prozess gemeint: das scheinbar Selbstverständliche nicht als selbstverständlich hinzunehmen, sondern es skeptisch und konsequent durchzudenken. Das Qualitätsmerkmal des Philosophierens ist nicht, ob eine Aussage richtig oder falsch, sondern schlüssig und lückenlos begründet ist statt widersprüchlich, lückenhaft und inkonsistent. In der Volksschule betreiben wir keine systematische Philosophiegeschichte, sondern philosophieren miteinander. Es geht also nicht etwa darum, ein Fach Philosophie einzurichten, worin es um Konzepte und Personen der Philosophiegeschichte geht. Die Wege des Philosophierens in der Volksschule werden vielmehr wie folgt beschrieben:
•Staunen: Es gibt den Anstoss zur Erforschung und zum Nachfragen;
•Fragen: Sie fokussieren, verlangen nach Klärung, nach Tatsachen, nach Verstehen;
•Nachdenken: bedeutet Klären, Unterscheiden, Gründe prüfen;
•Zweifeln: Indem wir zweifeln, stellen wir Aussagen infrage und nehmen das Vorgegebene nicht ungefragt hin. So gelangen wir zu tieferer Klärung;
•Weiterdenken: Es bedeutet, dass das Nachdenken unabgeschlossen ist, dass es immer wieder neue Aspekte zu entdecken gibt;
•Infragestellen: Man kann Erkenntnisse erweitern und Meinungen revidieren.[76]
Man kann sich diesen Prozess auch als Kreislauf vorstellen (siehe Abb. 3).

Nach dem bedeutenden Philosophen Immanuel Kant (1724–1804) sind philosophische Fragen in vier Grundfragen zu bündeln: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Diese drei Fragen münden nach Kant in einer vierten: Was ist der Mensch? Diese Fragen lassen sich wie in Tabelle 3 dargestellt konkretisieren.[77]

| Tabelle 3 Philosophische Grundfragen nach Kant mit Beispielen | ||
|---|---|---|
| Grundfrage der Philosophie | Disziplin | Interesse und Fragen |
| Was kann ich wissen? | Epistemologie (Erkenntnislehre) | Fragt nach dem Wahren, nach Umfang, Qualität, Zuverlässigkeit, Gewissheitsgrad und Erkenntnismethoden des Wissens. Z. B.: Kann man etwas mit Sicherheit wissen? Wie kommt man überhaupt zu Erkenntnis? Wo liegen die Grenzen menschlicher Erkenntnis? Nach welchen Regeln können wir Erkenntnis überprüfen? Wie können wir Wissen überhaupt ausdrücken? Ist Verständigung überhaupt möglich? |
| Was soll ich tun? | Ethik(Moralphilosophie) | Fragt nach dem Guten, dem Wohl des Menschen und seiner Umgebung und danach, ob man Moral, Gesetze und Konventionen sinnvoll begründen kann. Z. B.: Was ist Glück? Woran sollen wir unser Handeln ausrichten? Gibt es völlig verbindliche Normen und wie werden sie begründet? Was ist gut/böse, richtig/falsch? Ist der Mensch verantwortlich für sein Handeln? Ist der Mensch frei? |
| Was darf ich hoffen? | Religionsphilosophie | Fragt nach dem Sinnhaften, dem Sinn des Lebens, unseren Hoffnungen, Wünschen und Träumen, warum und wozu ich auf der Welt bin, was Zweck und Ziel menschlichen Daseins ist. Z. B.: Gibt es ein vorgezeichnetes Schicksal? Gibt es Gott und wie ist er zu denken? Was passiert nach dem Tod? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Was ist es, was die Welt im Innersten zusammenhält? Was ist Religion und woher bezieht sie ihre Inhalte und Praktiken? |
| Was ist der Mensch? | Anthropologie | Fragt nach der Identität und dem Wesen des Menschen. Z. B.: Was macht den Menschen aus? Was macht ihn einzigartig? Wie unterscheidet er sich vom Tier? Ist der Mensch ein Kultur- oder ein Naturwesen? Wann beginnt menschliches Leben, wann hört es auf? Ist der Mensch ein Vernunft- oder Gefühlswesen? |
Darüber hinaus gibt es philosophische Fragen, die sich nicht diesen Grundfragen zuordnen lassen oder mehrere dieser Grundfragen betreffen. Beispiele:
•Die Ästhetik betreffend: Was ist schön? Macht Kunst uns zu besseren Menschen?
•Die Geschichte betreffend: Was ist Zeit? Gibt es einen Fortschritt in der Geschichte? Was sind die treibenden Kräfte in der Geschichte?
•Die Gesellschaft, die Politik betreffend: Was ist eine gerechte Gesellschaft? Was darf der Staat?
•Die Natur betreffend: Hat die Natur einen Sinn? Hat sie Bewusstsein?
Die Welt ist fraglich und fragwürdig. Oder: Welche Anliegen hat das Philosophieren?
Philosophieren kann als Haltung, als Methode und als Inhalt beschrieben werden.[78]
| Als Haltung | Das Philosophieren mit Kindern geht von einer Welt aus, in der vieles fraglich und ungeklärt erscheint und deshalb fragwürdig ist, kurz: ungeklärte Sachverhalte sind würdig, befragt zu werden. Die Fraglichkeit und Fragwürdigkeit der Welt bilden daher den Ausgangspunkt des Philosophierens. Es weckt die Begeisterung dafür, dass sich Nachdenken lohnt. |
|---|---|
| Als Methode | Das gemeinsame Nachdenken fördert den Aufbau von grundlegenden Kompetenzen. Indem es Fragen und Phänomene genau unter die Lupe nimmt und scheinbar Vorgegebenes hinterfragt, leitet es zu kritischer Urteilsbildung und zu lückenlosem Denken an. |
| Als Inhalt | Wir haben philosophische Fragen oben als solche Frage beschrieben, die nicht eindeutig beantwortbar sind, die das Wesen einer Sache ergründen, die nach Bedeutung und Sinn fragen und die ergebnisoffen sind. Solch eine Frage kann auch als Thema für eine Unterrichtseinheit über einen längeren Zeitraum dienen. |
Fragen erhöhen die Aufmerksamkeit und fördern vertieftes Verstehen. Umso erstaunlicher ist es, dass die Fragen der Schülerinnen und Schüler selten im Zentrum des Unterrichts stehen, vor allem wenn sie den Rahmen der Informationsfragen übersteigen. Vielmehr prägen die Fragen der Lehrperson den Unterricht. Empirische Untersuchungen belegen dagegen, dass regelmässiges Philosophieren im Sachunterricht die kognitive und sprachliche Entwicklung der Schülerinnen und Schüler fördert, Motivation und Konzentration erhöht, Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen aufbaut sowie das Sozial-/Gruppenverhalten und die Gesprächskultur verbessert. Aber auch das fachliche Verstehen wird durch das Philosophieren gefördert.[79]
Philosophieren bildet daher ein Unterrichtsprinzip, das folgende Anliegen hat.[80]
1. Erschliessung eines komplexen Welt- und Wirklichkeitsverständnisses
Jeglicher Unterricht ist dazu da, die komplexe Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler zu entschlüsseln und die subjektive von der objektiven Welt zu unterscheiden. Da die Wirklichkeit jedoch nicht aus einer einzigen Fachperspektive in ihrer Gesamtheit erschlossen werden kann, müssen unterschiedliche Perspektiven genutzt und miteinander in Verbindung gebracht werden. Das Philosophieren macht auf die Vielfalt verschiedener Denk- und Deutungsmöglichkeiten aufmerksam, nutzt deren Potenzial und integriert sie. Es ermöglicht, zwischen Perspektiven hin und her zu wechseln, Spannungen zwischen verschiedenen Perspektiven kenntlich zu machen und nicht vorschnell aufzulösen. Gleichzeitig lotet es die Grenzen der jeweiligen Perspektiven aus und macht auf sie aufmerksam. So kann beispielsweise ein naturwissenschaftliches Experiment nicht klären, ob Menschen Tiere töten dürfen oder nicht. Auf diese Weise werden Inhalte vertieft und vernetzt und der Unterricht bleibt sich selbst gegenüber kritisch. Mit der Verbindung von philosophischen mit fachlichen Fragen werden Unterricht und Welt enttrivialisiert, da die Komplexität der Wirklichkeit nicht vorschnell verengt und simplifiziert, sondern nach Bedeutung und Sinn gefragt wird.
2. Kultivierung einer Haltung des Nachdenkens und der Offenheit
Wie das Beispiel zum Auge am Anfang zeigt, braucht es von einer Lehrperson eine bestimmte Haltung, damit die Schülerinnen und Schüler das Fragenstellen nicht verlernen, sondern erlernen, ausbilden, kultivieren und verfeinern können. Dazu ist es nötig, dass Lehrpersonen Fragen zulassen, ja selbst eine fragende Haltung in den Unterricht mitbringen. Vermeintlich Vorgegebenes soll hinterfragt werden, man soll Unklares, Geheimnisvolles, Wunderliches benennen dürfen. Diese offene Haltung bedingt gleichzeitig, dass man Spannungen auszuhalten vermag, weil Fragen nicht immer sogleich beantwortet werden können. Es lohnt sich weiterzufragen und auch nach Bedeutung und Sinn eines Phänomens für Individuum und Gesellschaft zu fragen. Dadurch erhalten Schülerinnen und Schüler Distanz zu gesellschaftlich Vorgegebenem und üben das eigenständige Nachdenken und Urteilen. Indem nicht vorgegebenen Antworten vertraut wird, sondern man sich Zeit zum Nachdenken nimmt, wird der Unterricht entschleunigt.
3. Förderung einer demokratischen Gesprächskultur
Philosophieren kann man auch allein, zusammen macht es allerdings mehr Spass und erhöht die Beteiligung der Schülerinnen und Schüler am Unterricht. Ausserdem sehen viele Augen mehr als nur zwei, viele Köpfe denken mehr als ein einzelner. Indem Schülerinnen und Schüler zusammen nachdenken, schaffen sie sich eine gemeinsame Welt, sie bereichern einander mit ihren unterschiedlichen Sichtweisen und Wissensbeständen. Man nennt dies dialogisches und ko-konstruktives Lernen. Durch das gemeinsame Nachdenken erfahren Lehrpersonen gleichzeitig, welche Präkonzepte, also welches Vorwissen, welche Erfahrungen, welche Haltungen in einer Klasse vorhanden sind. Auf diese Weise werden Fragen, Vorstellungen und Weltdeutungen der Schülerinnen und Schüler kenntlich und berücksichtigt. Zugleich fördert dieses gemeinsame Nachdenken demokratisches Lernen. Der gemeinsame Erkenntnis- und Aushandlungsprozess sensibilisiert für subjektive Anliegen und Vorstellungen. Schülerinnen und Schüler müssen dabei aufeinander hören und einander ausreden lassen, versetzen sich ineinander. Auf diese Weise entwickeln sie Gesprächsfähigkeit und üben einen konstruktiven Umgang mit Verschiedenheit.
Ziele des Philosophierens. Oder: Was sollen Schülerinnen und Schüler lernen?
Ziele haben die didaktische Funktion, das Resultat des Unterrichts zu beschreiben. Heute werden sie meist als Kompetenzen ausgedrückt. Nach Ekkehard Martens[81] erlernen die Schülerinnen und Schüler elementare Kulturtechniken, die hier als fünf Kompetenzen umschrieben werden.
| Wahrnehmungsfähigkeit | Sie lernen, die Welt aufmerksam zu betrachten und zu beschreiben. Sie stellen Fragen, wo sie staunen, sich wundern und zweifeln. (Phänomenologie) |
|---|---|
| Reflexions- und Urteilsfähigkeit | Sie lernen, selbst präzise und lückenlos zu denken, zu fragen, zu zweifeln, weiterzudenken, etwas infrage zu stellen. Sie lernen Sachverhalte zu differenzieren. So lernen sie kritisch zu sein und vermeintlich Klares und Vorgegebenes zu hinterfragen. (Analytik) |
| Perspektivenbewusstsein und -wechsel | Sie lernen verschiedene Perspektiven kennen und voneinander zu unterscheiden: fachliche, geschlechtsspezifische, kulturelle, subjektive Perspektiven. Sie nehmen die Eingeschränktheit und Grenzen von Perspektiven, Modellen und Antwortmustern wahr und können zwischen verschiedenen Perspektiven wechseln. (Hermeneutik) |
| Argumentations- und Diskussionsfähigkeit | Sie lernen ihre Gedanken zu formulieren, sie präzise und verständlich auszudrücken. Sie hören einander aufmerksam zu, trauen sich aber auch, Aussagen in Zweifel zu ziehen und über den Wahrheitsgehalt einer Aussage zu diskutieren. (Dialektik) |
| Partizipation und Verantwortungsübernahme | Sie beteiligen sich am Denk- und Verstehensprozess und übernehmen Verantwortung für das Lernen. Indem sie kritisch denken lernen, lernen sie Verantwortung für sich und die Gesellschaft zu übernehmen und nicht alles als gegeben hinzunehmen. Sie fragen auch nach dem Wünschbaren gegenüber dem Vorgegebenen. (Spekulation) |
Anlässe für ein philosophisches Gespräch. Oder: Wann philosophieren?
Im Unterricht gibt es unterschiedliche Anlässe für philosophische Gespräche.
| Fragen von Schülerinnen und Schülern | Die Kinder stellen im Unterricht manchmal ganz überraschend Fragen, die aufgegriffen werden können. Meist haben sie eine Erfahrung gemacht, die sie beschäftigt, oder sie staunen spontan über ein Wort, eine Situation usw. Z. B.: Eine Zweitklässlerin hob mitten in der Mathestunde die Hand und fragte, ob ihr Meerschweinchen im Himmel sei, es sei gestern gestorben. Der Fünftklässler sagt, er vertraue seinem Pony viel mehr als Menschen. |
|---|---|
| Situation in der Klasse | Ungeplante Begebenheiten in der Klasse können das Nachdenken über grundsätzliche Fragen des Lebens anstossen. Eine Gruppe fühlt sich ungerecht behandelt, weil sie den eigenen Auftrag weniger attraktiv findet als den Auftrag der anderen Gruppe. Daraus kann ein Gespräch entstehen, z. B.: Was ist gerecht? Eine Mitschülerin, die an einen anderen Ort zieht, kann Fragen auslösen wie: Warum sind wir nun traurig? Kann Freundschaft Distanzen überwinden? Wo ist «Zuhause»? |
| Philosophische Frage als Unterrichtsgegenstand | Eine philosophische Frage kann im Zentrum des Unterrichts stehen und ihm eine Richtung geben. Sie kann in mehreren Fächern bearbeitet werden. Z. B.: Wie kommen die Gedanken in unseren Kopf? Kann man immer gerecht sein? Was unterscheidet den Menschen vom Tier? |
| Philosophische Fragen im Zusammenhang mit Unterrichtsgegenständen | Bei ganz vielen Unterrichtsgegenständen in verschiedenen Fächern stellen sich philosophische Fragen. Z. B.: Wenn im Schulzimmer Küken aufgezogen werden, dann lässt sich darüber nachdenken, was zuerst war, das Huhn oder das Ei, und warum uns dies so interessiert. Wenn zu den Jahreszeiten gearbeitet wird, so lässt sich fragen, woher der Frühling weiss, dass er kommen soll. In den gestaltenden Fächern kann die Frage gestellt werden, ob uns Kunst zu besseren Menschen macht. |
2 Philosophieren in Natur, Mensch, Gesellschaft
Philosophieren als Ziel im Lehrplan 21. Oder: Wie ist das Philosophieren gesellschaftlich legitimiert?
Im Lehrplan 21 bieten die überfachlichen Kompetenzen sowie der Lehrplan zu «Natur, Mensch, Gesellschaft» Orientierung in Bezug auf das Philosophieren im Unterricht. Die überfachlichen Kompetenzen werden in personale, soziale und methodische Kompetenzen unterschieden. Die personalen Kompetenzen umfassen Selbstreflexion, Selbstständigkeit und Eigenständigkeit.[82] Insbesondere die letzte Kategorie umfasst zahlreiche Kompetenzen, die auch das Philosophieren auszeichnen und die durch dieses erworben werden: sich eine Meinung bilden und vertreten, Argumente analysieren und abwägen, einen Standpunkt einnehmen und vertreten usw. Aber auch die Kooperationsfähigkeit und der Umgang mit Vielfalt, die unter die sozialen Kompetenzen fallen, oder die Sprachfähigkeit und die Problemlösefähigkeit werden durch das Philosophieren gefördert.
Der Lehrplan für «Natur, Mensch, Gesellschaft» weist im Kompetenzbereich 11, «Grunderfahrungen, Werte und Normen erkunden und reflektieren», die Fähigkeit zum Philosophieren als eigenständige Kompetenz aus: «Schülerinnen und Schüler können philosophische Fragen stellen und über sie nachdenken.»[83] Sie wird demselben Kompetenzbereich wie das Nachdenken über menschliche Grunderfahrungen und ethische Sachverhalte zugeordnet, da dies genuine Themen des philosophischen Nachdenkens sind. Darüber hinaus lassen sich in allen anderen Kompetenzbereichen Anknüpfungspunkte finden, wie weiter unten beschrieben wird.
Unter der Leitidee zur Bildung für eine nachhaltige Entwicklung werden darüber hinaus sieben fächerübergreifende Themen genannt, die neben einer Bearbeitung aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven auch eine gemeinsame Reflexion aus der Perspektive der Fraglichkeit und Fragwürdigkeit verlangen:[84]
•Politik, Demokratie und Menschenrechte: Ist Demokratie für alle Menschen gut? Muss man Menschenrechte immer beachten? Braucht es Gesetze?
•Natürliche Umwelt und Ressourcen: Warum sollen wir die Umwelt schützen, wenn wir doch nicht wissen, was in Zukunft geschieht?
•Geschlechter und Gleichstellung: Was wäre, wenn es mehr als zwei Geschlechter gäbe? Sind wir verschieden oder sind wir gleich?
•Gesundheit: Ist gesund = körperlich fit? Wann ist ein Mensch krank?
•Globale Entwicklung und Frieden: Was braucht es, damit es Frieden gibt? Ist jeder Krieg falsch?
•Kulturelle Identitäten und interkulturelle Verständigung: Was können wir von anderen Kulturen und Gesellschaften lernen? Müssen wir alles respektieren, was uns fremd ist? Was ist Heimat?
•Wirtschaft und Konsum: Wo liegen die Grenzen des Wachstums? Wird man durch Kaufen glücklich?
Viele dieser oder ähnlicher Fragen sind auch im nächsten Abschnitt unter den fachlichen Perspektiven zu finden. Dies zeigt, dass diese sieben fächerübergreifenden Themen starke Bezüge zum Fach Natur, Mensch, Gesellschaft aufweisen, obwohl sie auch für andere Fächer relevant sind.
Durch den Lehrplan erhält das Philosophieren im Unterricht eine gesellschaftliche Legitimation. Dies heisst umgekehrt, dass die Schule den Auftrag hat, Schülerinnen und Schüler in das Philosophieren einzuführen, es mit ihnen zu üben und im Unterricht stetig zu praktizieren.
Philosophieren im Fach Natur, Mensch, Gesellschaft
Grundsätzlich gibt es in allen Fächern philosophische Fragen und das Philosophieren kann in allen Fächern gewinnbringend praktiziert werden. Es bildet einen geeigneten Zugang zu den Zielen und Inhalten des Lehrplans für «Natur, Mensch, Gesellschaft», damit Schülerinnen und Schüler befähigt werden, selbstständig, kritisch und kreativ zu denken. Dabei geht es nicht darum, Wissenschaft und Philosophieren gegeneinander auszuspielen, sondern gewinnbringend zueinander in Beziehung zu setzen. Man kann sich dies wie ein Schachbrett vorstellen, auf dem die verschiedenfarbigen Felder einander zum Leuchten bringen. Das Schachspiel funktioniert indes nur, wenn das Brett in dunkle und helle Felder unterteilt ist. Die hellen Felder des disziplinären Wissens und seiner Methoden zeigen, dass die Welt in vielem verstanden werden kann, dass sie nicht ein chaotisches Ungetüm ist. Sie durchbrechen eine naive Geheimniskrämerei. Die dunklen Felder des philosophischen Ergründens zeigen, dass mit den Wissenschaften nicht alles geklärt werden kann. Sie durchbrechen eine naive Wissenschaftsgläubigkeit.
Für diesen Prozess wurde von Johannes Jung der Begriff «Echolot-Didaktik» vorgeschlagen.[85] Gemeint ist ein stetiges Ausschauhalten nach und Nachfragen bei Unklarheiten, Widersprüchen und Irritationen im wissenschaftlichen Unterricht. In den vier Perspektiven des Fachbereichs Natur, Mensch, Gesellschaft lassen sich mit dem «Echolot» zahlreiche philosophische Fragen[86] aufspüren, die hier entlang der philosophischen Grundfragen nach Kant geordnet sind und keinesfalls den Anspruch auf Vollständigkeit haben, was dem Philosophieren sowieso widersprechen würde.
Beispiele für «Räume, Zeiten, Gesellschaften»
| Wissen | Was können wir über die Vergangenheit wissen und was nützt uns dieses Wissen? Was ist überhaupt Vergangenheit, was ist Gegenwart und was ist Zukunft? Macht uns Reisen klüger? |
|---|---|
| Tun | Darf man Bergbahnen bauen, damit wir Skifahren können? Was ist eine gerechte Gesellschaft? |
| Hoffen | Gibt es eine perfekte Gesellschaft? |
| Mensch | Wie wäre es, in einem anderen Land geboren zu sein? Wäre ich dieselbe Person? Worin unterscheiden sich Menschen aus anderen Ländern? Worin sind sie gleich? Sind manche Völker besser als andere? |
| Weitere Beispiele | Ist es möglich, in die Vergangenheit zu reisen? Was würden wir dort tun wollen? Was ist Zeit? Was ist Veränderung? Wo ist das Gestern hin? Was wäre, wenn die Erde würfel- statt kugelförmig wäre? Gibt es Leben auf anderen Planeten? Was wäre, wenn Ausserirdische auf die Erde kämen? |
Beispiele für «Natur und Technik»
| Wissen | Können Computer und Roboter denken? Wie sieht die Welt für ein Tier aus? Haben Pflanzen Gefühle? Können wir die Welt vollständig wahrnehmen mit unseren Sinnen? Sehen alle dasselbe? Wenn jemand an einem Sommerabend friert und jemand anderer schwitzt, wie kann man dann wissen, ob es warm oder kalt ist? Kann man auf einem Foto alles erkennen? Was bleibt verborgen? Warum gibt es verschiedene Lebewesen? Warum hat das Haus in meinem Auge Platz? |
|---|---|
| Tun | Darf man jede Maschine bauen, die man bauen kann? Können Pflanzen glücklich sein, können sich Fische freuen? Wie sollten wir mit Pflanzen und Tieren umgehen? Darf man Bäume fällen? |
| Hoffen | Können wir durch Naturwissenschaft alles erklären? Kann uns die Natur sagen, wie wir leben sollen? Warum leben wir nicht ewig? Oder gibt es ewiges Leben? Woher kommt das Universum? |
| Mensch | Ist das Leben durch Technik besser geworden? Was wäre, wenn man Menschen künstlich herstellen könnte? Ist ein Mensch, dem man ein Organ transplantiert hat, noch derselbe Mensch? Braucht der Mensch die Natur? Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Warum sind Frauen und Männer anders? Worin sind sie gleich? Tut alt werden weh? |
| Weitere Beispiele | Was ist Natur? Wer definiert das? Was ist lebendig? Bestimmt der Mensch über die Natur oder bestimmt die Natur über den Menschen? Wie wäre es, wenn Tiere und Pflanzen dieselben Rechte hätten wie Menschen? |
Beispiele für «Wirtschaft, Arbeit, Haushalt»
| Wissen | Wie können wir wissen, was gut für uns ist? Wie hat der Mensch eigentlich herausgefunden, was man essen kann? Warum soll es so klar sein, dass Männer arbeiten und Frauen Kinder erziehen? |
|---|---|
| Tun | Wie billig darf ein T-Shirt sein? Darf man Tiere schlachten? Wie soll man Tiere halten? Wer bestimmt, wer viel oder wenig verdient, und ist das gerecht? |
| Hoffen | Ist gesund leben eine neue Religion? Werden wir durch Konsum selig? |
| Mensch | Ist der Mensch, was er isst? Warum finden manche Menschen Insekten köstlich und andere ekeln sich davor? Machen Kleider Leute? Warum sammeln Menschen Dinge? Brauchen wir Freizeit und Ferien? |
| Weitere Beispiele | Kann man alles haben? Warum wollen wir nicht nur genügend, sondern auch lecker essen? Spielt es eine Rolle, ob Essen schön angerichtet ist oder nicht? |
Beispiele für «Ethik, Religionen, Gemeinschaft»
| Wissen | Wie weiss ich, dass ich «ich» bin? Können wir wissen, was nach dem Tod geschieht? Warum gibt es unterschiedliche Religionen? Wie kann man weise werden? Wie kann man Traum und Wirklichkeit unterscheiden? Was sind Gefühle? Woher kommt die Angst? Kann man Gott beweisen? |
|---|---|
| Tun | Was ist Gerechtigkeit? Soll man immer die Wahrheit sagen? Warum funktionieren Lügen nicht immer? Wozu braucht man Regeln und Gesetze? Geht es auch ohne sie? |
| Hoffen | Was geschieht nach dem Tod? Was sind Träume und wozu brauchen wir sie? Ist Liebe das Wichtigste im Leben? Was ist der Sinn des Lebens? |
| Mensch | Wer bin ich und was macht mich aus? Was darf man bei einem Menschen nicht verändern, damit er der gleiche Mensch bleibt? Brauchen Menschen eine Religion? Wie wäre es, jemand anderes zu sein? Warum gibt es gute und böse Menschen? Warum gibt es Krieg? Warum glauben Menschen an Gott? |
| Weitere Beispiele | Was ist Freundschaft? Kann man zwischen Irrtum und Lüge eindeutig unterscheiden? Gibt es Engel? Warum feiern Menschen Feste? |
Mit Philosophieren bildungsrelevante Unterrichtsgegenstände formulieren
Eine solche philosophische Frage kann als Thema einer Unterrichtseinheit für «Natur, Mensch, Gesellschaft» gewählt werden. Sie dient sowohl der Perspektivenintegration als auch dem Nachdenken auf der Metaebene.
Beispiel: Macht uns Reisen klug?
Stellen Sie sich vor, Sie unterrichten eine sechste Klasse. Vor den Sommerferien haben Sie eine Schulreise unternommen, bei der Sie eine besonders artenreiche Auenlandschaft besucht haben, was Sie stimmig ins Unterrichtsthema «Warum sollten wir die Natur schützen?» (übrigens eine philosophische Frage) einbinden konnten. In den Ferien sind einige Schülerinnen und Schüler verreist, andere sind zu Hause geblieben. Sie selbst waren ebenfalls auf einer Reise und haben umfangreiches Dokumentationsmaterial erstellt. Diese drei Anlässe nehmen Sie als Ankerpunkte für folgende unterrichtsleitende Frage: Macht uns Reisen klug?
Entlang dieser Frage können Sie zahlreiche Aspekte erarbeiten:
•von Ferienerlebnissen erzählen und menschliche Grunderfahrungen wie Erholungsbedarf, Neugierde, Langeweile usw. festhalten (NMG.11.1);
•Berufe im Tourismus (kundige Führerin einer Sehenswürdigkeit, Hotelrezeptionist, Carchauffeurin, Bergbahnangestellter, Reiseführerautorin) (NMG.6.2);
•Bedürfnisse, die hinter Urlaub und Reise stehen, ergründen und Reisen als Konsumgut wahrnehmen (NMG.6.5 und 7.3);
•Lebensweisen zu Hause und an anderen Orten vergleichen (NMG.7.1 und 7.2);
•die Nutzung von Orten, Landschaften usw. durch den Tourismus betrachten (NMG.8.2);
•ferne und nahe Orte unterscheiden und Hilfsmittel wie Globus und Karten verwenden (NMG.8.4);
•ethische Aspekte des Tourismus verhandeln wie Umweltbelastung, wirtschaftlichen Nutzen, kulturelle Bereicherung, sozialen Austausch (NMG.11.4);
•über die Frage nachdenken, ob Reisen klug mache (NMG.11.2).
Eine solche umfassende Zugangsweise befördert das Staunen und Wundern, nimmt ungeklärte Fragen ernst und gibt sich nicht mit dem Vorgegebenen zufrieden, verbindet verschiedene Perspektiven und lotet deren Grenzen aus (weil nicht eine allein diese Frage beantworten kann).
3 Philosophieren anleiten
Wenn wir in der Schule zum Philosophieren anleiten, dann gibt es bestimmte Haltungen, Methoden und Konzepte, die dieses unterstützen. In diesem Kapitel sollen sie umrissen werden.
Rolle und Aufgaben der Lehrperson
Es gibt einige Grundvoraussetzungen, die für das Gelingen des Philosophierens erfüllt sein müssen. Sie gelten gleichermassen für Lehrpersonen und Lernende. Wenn die Lehrperson allerdings keine glaubhafte Haltung vertritt, dann werden die Schülerinnen und Schüler kaum einsehen, weshalb sie selbst dies tun sollten. Zu diesen Voraussetzungen gehören:
•Staunen können;
•den Rätseln der Welt auf die Spur kommen wollen;
•sich wundern und anfangen, über Fragen nachzudenken;
•nicht auf alles (sofort) eine Antwort haben;
•immer wieder für neue Fragen und Möglichkeiten offen sein.
Etwas grundsätzlicher lässt sich die Rolle der Lehrperson im didaktischen Dreieck zeigen (siehe Abb. 5).

Häufig übernimmt die Lehrperson die Rolle der Gesprächsleitung. Dies ist allerdings nicht zwingend, falls die Schülerinnen und Schüler schon umfassendere Erfahrung mit dem Philosophieren haben und die Gesprächsleitung selbstständig wahrnehmen können. Ansonsten hat die Gesprächsleitung folgende Aufgaben:[87]
•Fragestellungen anregen/formulieren;
•roten Faden im Auge behalten;
•Widersprüche herausarbeiten / subjektive Sichtweisen miteinander vergleichen;
•bei Unklarheiten nachfragen;
•für faire, angenehme Gesprächskultur sorgen;
•gegebenenfalls Wissen zum Thema einbringen;
•Gesprächsverlauf zusammenfassen, Zwischenergebnisse festhalten.
Mit Hebammenfragen Gedanken gebären helfen: Der Fragenkatalog als Grundinstrument
| «Der berühmte Philosoph Sokrates lebte von 469–399 v. Chr. in Athen. Er schrieb keine Bücher, sondern befragte alte und junge Menschen auf dem Marktplatz nach ihren Meinungen und Gedanken über das gute Leben und wie man es führen sollte. Seine Art zu philosophieren soll er mit der Arbeit seiner eigenen Mutter, die Hebamme war, verglichen haben. Er helfe zwar nicht bei der Geburt von Kindern, aber durch seine Fragetechnik leiste er den Menschen Hilfe beim ‹Gebären› eigener Gedanken. Beim Philosophieren mit Kindern versuchen wir, es ihm gleichzutun. Durch unsere ‹Hebammenfragen› leiten wir Kinder an, ein Thema sorgfältig und kritisch zu durchdenken, Meinungen darüber zu hinterfragen, gute Gründe für ihre Ansichten zu suchen und ihre Ideen verständlich zu formulieren, sei es in Worten oder manchmal auch durch Zeichnungen oder szenische Darstellungen. So leisten wir ‹Geburtshilfe› für ihre ‹Weisheiten›. So helfen wir ihnen, selber zu denken, denn: Selber denken macht schlau!»[88] | ![]() |
|---|
Das Zitat von Eva Zoller Morf macht deutlich, dass das Philosophieren mit Kindern in der Primarschule kein Philosophieunterricht ist, sondern eben Hebammenkunst (gr. Mäeutik). Ein in Kategorien gegliederter Katalog von Fragen hat die Funktion, die Ziele des Philosophierens als Methode des Nachdenkens praktisch umzusetzen, indem Fragen zu verschiedenen Fragekategorien gestellt werden. Er bildet die Grundlage für ein philosophisches Gespräch. Dabei werden verschiedene Fragetypen voneinander unterschieden:
Typen von Hebammenfragen am Beispiel der Frage «Warum sammeln Menschen Dinge?»
Viele Menschen sammeln etwas: Feriensouvenirs, Kakteen, Figuren, Bücher, Rezepte, Fotos, Witze usw. Interessant an diesem Phänomen ist, dass Menschen Dinge sammeln, obwohl sie sie nicht zum Überleben brauchen oder sie zuweilen überhaupt nicht «für etwas» brauchen.
Im Spiegel dessen, was Menschen sammeln, lässt sich vieles über ihre Vorlieben, Charaktereigenschaften, Interessen usw. erfahren. Aus diesem Grund wäre diese philosophische Frage im Unterricht im Zusammenhang mit dem Thema Identität oder mit der (ebenfalls philosophischen) Frage «Wer bin ich?» zu stellen. Aus dem Klassenzimmer wird dabei eine Zeit lang ein Museum der Schätze. Die Schülerinnen und Schüler dürfen etwas mitbringen, was sie sammeln. In einer Morgenrunde stellen jeweils einige Kinder den Gegenstand und seine Geschichte vor.
Während der «Eisbrecher» Nähe zwischen dem Phänomen oder der Frage und den Schülerinnen und Schülern herstellt und klärt, was etwas für mich und in meinem Leben ist, klären die nachfolgenden Fragekategorien, was etwas für sich selbst ist.[89] Sie schaffen Distanz, um die Phänomene und Fragen zu objektivieren.
| Tabelle 4 Hebammenfragen | |
|---|---|
| Fragetyp und seine Funktion | Beispiele zum Thema «Sammeln» |
| Philosophische Frage Sie beschreibt das, was im Zentrum des Philosophierens steht. Dies ist wichtig, damit alle wissen, worum es sich dreht. Sie wird zu Beginn des Gesprächs oder der Unterrichtseinheit unterbreitet und aufgeschrieben. Dies gibt dem Nachdenken ein Zentrum, auf das hin alle Gedanken gerichtet werden sollen. | Warum sammeln Menschen Dinge? |
| Einstiegsfrage («Eisbrecher») Sie folgt gleich im Anschluss und hat die Funktion, die Schülerinnen und Schüler in ihrer Lebenswelt abzuholen. Sie ist so beschaffen, dass die Schülerinnen und Schüler zunächst von persönlichen Erfahrungen erzählen können. Auf diese Weise wird eine Verbindung zwischen dem Thema und den Schülerinnen und Schülern hergestellt; es wird das Eis gebrochen, um das Gespräch in Gang zu bringen. | Was sammelst du? Stell es uns vor. |
| Tabelle 5 Typen von Hebammenfragen | |
|---|---|
| Sachverhalte beschreiben und Begriffe klären Im Gespräch wird versucht, das Phänomen oder die Frage, die behandelt wird, ganz genau zu beschreiben (Phänomenologie). Dies hilft, danach Umschreibungen und Definitionen für das Phänomen zu finden (Analytik). •«Was ist genau x?» •«Warum nennen wir es so?» •«Wie kann man x beschreiben?» •«Was bedeutet x? •«Wie ist es, wenn man ...» •«Was tut man, wenn man ...» •«Was meint genau xy?» •«Was bedeutet yx?» •«Woran sieht man, dass xy xy ist?» | Was gefällt uns am Sammeln? Was bedeutet es uns? Worauf achten wir bei einem neuen Stück? Wozu sammeln wir Dinge, obwohl wir sie nicht nötig haben? Gibt es Menschen, die gar nichts sammeln? Sammeln die meisten Menschen etwas? Aus welchen Gründen? Was würde ihnen fehlen, wenn sie es nicht tun würden? |
| Unterschiede und Ähnlichkeiten herausarbeiten Eine hilfreiche Technik ist es, Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen verschiedenen Phänomenen herauszuarbeiten und zu benennen. Damit lassen sich Phänomene gegeneinander abgrenzen und man erhält einen schärferen Begriff davon (ebenfalls Phänomenologie und Analytik). •«Gibt es verschiedene Arten von xy?» •«Was sind Merkmale von x und y?» •«Sind x und y dasselbe?» •«Worin gleichen sich x und y?» | Gibt es Lieblingsstücke? Was macht sie zu dem? Welches Objekt würden wir hergeben? Welches nicht? Was unterscheidet das Sammeln von anderen Dingen, die wir ebenfalls besitzen? |
| Meinungen begründen und Wertungen reflektieren Beim Philosophieren geht es ja auch darum, dass genau überprüft wird, wie ein Gedanke oder eine Aussage zustande kommt. Dabei spielt die fachliche, geschlechtsspezifische, kulturelle, subjektive Perspektive eine Rolle. Auf diese Weise gelingt es, sich in eine Perspektive hineinzuversetzen und zwischen verschiedenen Perspektiven zu wechseln (Hermeneutik, Dialektik). Meinungen werden gegenübergestellt. •«Was meinst du, wenn du sagst ...?» •«Hast du ein Beispiel dafür?» •«Warum denkst du, dass dies so sei?» •«Stimmst du der Aussage zu?» •«Wer ist auch dieser Meinung?» •«Peter sagt ..., Janine sagt ...» | Wem würde deine Sammlung auch gefallen? Gibt es Dinge, die man nicht sammeln sollte? Warum? Ist es besser A statt B zu sammeln? Warum? |
| Hypothesen erstellen und Folgen überlegen (Gedankenexperimente) Das Anliegen des Gedankenexperiments (auch Spekulation) ist es, Vorgegebenes infrage zu stellen oder darüber hinaus zu denken. Damit wird die Phantasie der Schülerinnen und Schüler angeregt und sie werden ermutigt, vermeintlich Klares nicht einfach hinzunehmen. •«Könnte es noch ganz anders sein?» •«Ist das gut so, wie es ist?» •«Was wäre, wenn ...?» •«Ist es erstrebenswert, wenn ...» | Welche Sammelleidenschaft könnte dich anstecken? Wenn du nicht mehr sammeln würdest, würde dir etwas fehlen? Wärst du traurig darüber, wenn deine Sammlung verloren ginge? Würdest du wieder dieselben Dinge sammeln? |
Eulengespräche inszenieren. Gestaltungshilfen beim Philosophieren
Ein unterrichtliches Grundprinzip der Primarstufe ist, dass Lerngelegenheiten inszeniert werden. Die Einkleidung des Lernprozesses fördert die Aufmerksamkeit und das Erinnerungsvermögen und schafft eine Ritualisierung. Nachfolgend einige Möglichkeiten, das Philosophieren stufengerecht im Unterricht zu inszenieren.
Die Inszenierung beginnt beim Vokabular. Man kann Philosophieren als solches bezeichnen oder – insbesondere in der Unterstufe – als «Eulengespräch». Um die Idee einzuführen, eignet sich die unten stehende Erklärung (siehe Kasten) oder eine kurze Geschichte, die sich zwischen zwei Eulen abspielt. Diese Figuren mit Namen Philo und Sophia können aus Föhrenzapfen, Wollpompons oder Kartonrollen gefertigt werden. Ein bestimmtes Zeichen (z. B. Gong) markiert Anfang und Ende des Gesprächs. Ein farbiges Tuch in der Mitte, auf das die Figuren oder auch im Gespräch verwendete Gegenstände gelegt werden, unterstreicht die Ritualisierung. Auch können Karten mit einem Eulenmotiv als Eintrittstickets für das philosophische Gespräch verteilt werden, gewissermassen als Lizenz zum Nachdenken.
| Eule der Weisheit Die Eule resp. der Steinkauz ist das Attribut der griechischen Göttin Athene, Stadtgöttin Athens und Göttin der Weisheit/Klugheit, weshalb sie auch die Patronin der Philosophie war. Angeblich nisteten an den Hängen der Akropolis zahlreiche Steinkauze. Aristophanes prägte um 400 v. Chr. die Redewendung «Eulen nach Athen tragen» für eine sinnlose, überflüssige Handlung (vgl. «Wasser in die Reuss tragen». Homer bezeichnet Athene als glaukopis = eulenäugig, womit wohl «Hellsichtigkeit» gemeint ist, da die Eule bekanntlich ein nachtaktives Tier ist, das in der Dunkelheit gut sehen kann. In Rom wurde aus Athene Minerva, das Symboltier blieb erhalten. |
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Beachtung verdient auch die Sitzordnung. Ein Kreis symbolisiert Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit, die Gesprächsleitung hat keinen besonderen Platz, es gibt keine Ränder.
Um die Idee der «Echolot-Didaktik» zu visualisieren, eignen sich Taucherbrille, Taschenlampe, Feldstecher oder Lupe. Die Botschaft ist stets dieselbe: genau hinschauen.
Um bei perspektivenübergreifenden Fragestellungen verschiedene fachliche Perspektiven voneinander zu unterscheiden, eignen sich farbige Brillen.
Vor dem jeweiligen Gespräch sollten Gesprächsregeln vereinbart und in Erinnerung gerufen werden. Es ist ratsam, sie zu notieren und für alle gut sichtbar aufzustellen.
Um den Grundsatz erlebbar zu machen, dass immer nur eine Person spricht, eignet sich ein Gesprächsstab oder ein Gesprächsball. Wer immer den Gesprächsstab hat, darf sprechen. Der Gesprächsstab unterstützt auch, dass die Schülerinnen und Schüler das Wort selbstständig weitergeben lernen. Es kann auch als Ziel vereinbart werden, dass während eines Gesprächs alle einmal den Gesprächsstab halten und einen Beitrag liefern sollen.
Ablauf eines philosophischen Gesprächs
Ein philosophisches Gespräch umfasst drei Phasen: eine präreflexiv-vorbereitende, eine reflexive und eine postreflexiv-nachbereitende Phase.[90] Als Grundlage dient der Fragenkatalog, der zuvor zur philosophischen Frage erstellt worden ist. Die Fragen werden jedoch keineswegs in der erarbeiteten Reihenfolge «abgearbeitet». Vielmehr bringt man jene Fragen ein, die sich gut in den Gesprächsverlauf einfügen.
Die fettgedruckten Titel entsprechen den Typen von Hebammenfragen, wie sie oben beschrieben worden sind.
1. Phase: Vorbereitungsphase
| Philosophische Frage: Klare Grundfrage, philosophisches Problem oder Grundaussage formulieren | «Heute möchte ich mit euch über folgende Frage nachdenken: ...?» «Wir sind im NMG-Unterricht auf folgendes Problem gestossen: ... Darüber möchten wir uns unterhalten.» |
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| Arbeitsweisen festlegen | «Wir machen zwei Gruppen.» «Nina und Stefan schreiben Argumente auf.» «Ich führe / Sarina führt durch das Gespräch.» |
| Gesprächsregeln aufstellen | «Zuhören. Ausreden lassen. Es spricht immer nur einer. Beim Thema bleiben. Einander anschauen.» |
2. Phase: Philosophisches Gespräch
| «Eisbrecher»: Erfahrungen der Lernenden aktivieren | «Habt ihr schon mal darüber nachgedacht?» «Ist es euch auch schon so ergangen?» «Welche Erfahrung habt ihr mit ...?» |
|---|---|
| Schwerpunkte setzen | «Was fandet ihr besonders interessant?» «Ich möchte gerne auf folgende Frage eingehen: ...» |
| Bearbeitung des philosophischen Problems | Die einzelnen Fragekategorien werden nicht in einer bestimmten Reihenfolge «abgearbeitet», sondern dem Gesprächsverlauf entsprechend gestellt. •Sachverhalte beschreiben und Begriffe klären •Unterschiede und Ähnlichkeiten herausarbeiten •Meinungen begründen und Wertungen reflektieren •Hypothesen erstellen und Folgen überlegen (Gedankenexperimente) |
| Immer wieder: Zwischenergebnis zusammenfassen | «Bis jetzt können wir sagen, dass …» «Fassen wir zusammen: Unendlich nennen wir etwas, wenn ...» |
3. Phase: Metagespräch
| Ergebnisse zusammenfassen und Resultate festhalten | «Einige meinen, ..., weil …; andere meinen, ... weil…» «Xy nennen wir also einen Zustand, der ...» «Wir können also sagen, dass ...» «Alle stimmen überein, dass ...» «Wir haben eine Meinungsverschiedenheit darüber, ...» |
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| Daraus evtl. neue Fragestellung formulieren | «Offen bleibt, ob ...» «Es stellt sich nun die Frage, ...» |
| Auf den Gesprächsverlauf zurückblicken | «Waren die Aufgaben klar?» «Wurden die Gesprächsregeln eingehalten?» «Kamen alle zum Zug?» «Was ist gut gelaufen?» «Was müssten wir anders machen?» |
Herausforderungen bei der Gesprächsführung
Philosophische Gespräche anzuleiten benötigt etwas Übung – für die Lehrpersonen wie für die Schülerinnen und Schüler. Man darf nicht erwarten, beim ersten Mal bereits eine Sternstunde zu erleben. Bei der Beobachtung von Gesprächen lassen sich einige Muster beobachten, die man nach Möglichkeit beachten sollte.
| Keine Antworten vorgeben | Die Vorstellungen von Erwachsenen entsprechen nicht immer den Vorstellungen von Kindern. Sie sollten ihnen daher nicht aufgezwungen werden. Kinder merken schnell, wenn ein Gespräch auf ein bestimmtes Ziel hinführen soll: «Sie wissen die Antwort ja schon.» |
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| Übersicht gewinnen | Zuweilen stellen die Schülerinnen und Schüler selbst eine ganze Anzahl von Fragen. Dabei kann es schwierig werden, den Überblick zu wahren. Man muss sich gut überlegen, wie man zu einer Auswahl oder Reihenfolge kommt. Wenig sinnvoll ist, wenn einfach die Fragen jener Schülerinnen und Schüler berücksichtigt werden, die sich am lautesten melden oder besonders eloquent sind. Es empfiehlt sich, die Fragen zu notieren und gemeinsam zu entscheiden, welche nun sachlich angezeigt sind. |
| Stille aushalten | Wenn Gespräche stocken, neigt man gerne dazu, rasch aufeinander folgend weitere Fragen zu stellen und sich auf jene Schülerinnen und Schüler zu konzentrieren, die gesprächig sind. Dabei liegt in Gesprächspausen durchaus Potenzial: Zeit zum Nachdenken geben, alle zum Denken motivieren (nicht nur die schnellen). Man kann das auch als «Power of Silence» bezeichnen. |
| Ping-Pong vermeiden | Kinder sollten miteinander ins Gespräch gebracht werden. Wenn das Gespräch immer zwischen Lehrperson und Schülerinnen und Schülern hin und her geht, entsteht kein richtiges Gespräch. Dies kann man mit wenigen Übungen korrigieren: kurze Murmelrunden zu zweit oder zu dritt einbauen, in Kleingruppen philosophieren, einander einen Gesprächsball zuwerfen. Hilfreich ist auch, wenn die Schülerinnen und Schüler sich je eine Frage überlegen und diese einbringen. |
| Weniger gesprächige Schüler einbeziehen | Kinder, die sich nicht gerne oder sprachlich unsicher ausdrücken, gehen häufig vergessen oder werden übergangen, wenn sie keine Antwort wissen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass er oder sie nicht mitdenkt. Solche Schülerinnen und Schüler dürfen nicht im Regen stehen gelassen, sondern ihnen sollte eine Hilfe angeboten werden: «Kannst du es beschreiben?», «Weiss jemand anders weiter?» Auch andere Ausdrucksmöglichkeiten helfen in diesem Fall wie Murmelrunden, Pause einlegen, pantomimisch ausdrücken. |
| Mit reisserischen Themen umgehen | Schülerinnen und Schüler bleiben gerne an einem «krassen» Thema hängen (Dinosaurier, Unfälle), zum Teil, weil sie sie beschäftigen, zum Teil, weil sie Sensationswert haben. Es empfiehlt sich, diesen Themen Zeit zu geben. Die Frage ist nur, welches der richtige Zeitpunkt ist. Grundsätzlich sollte das Gespräch immer auf die Ausgangsfrage fokussiert bleiben. Nimmt ein Thema zu viel Raum ein, gibt es zwei Möglichkeiten: den Plan ändern, sich dem neuen Thema widmen und das ursprüngliche auf den nächsten Tag verschieben oder umgekehrt das Thema, das die Kinder beschäftigt, in einen Themenspeicher notieren und zu einem späteren Zeitpunkt aufgreifen. |
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