Kitabı oku: «Lenin dada»
Über dieses Buch
Waren Lenin und seine Freunde das «Balalaika-Orchester», das am Eröffnungsabend des Cabaret Voltaire «entzückende russische Volkslieder und Tänze» gespielt hatte? Sass Lenin im Publikum und rief da! da! (ja! ja!)?
Dominique Noguez geht genau dieser Frage nach und zeigt, dass Lenin schon ein Dadaist war, bevor Dada da war, dass er an den Soireen im Cabaret Voltaire teilnahm und gar ein dadaistisches Gedicht verfasste. Doch damit nicht genug: «Es ist vor allem in der Politik, wo Lenin dada ist.» Und so landet das sinnfreie und absurde Treiben der Dadaisten plötzlich in der Realpolitik. Die Tatsache, dass zwei der wichtigsten Bewegungen des 20. Jahrhunderts in unmittelbarer Nachbarschaft ihren Anfang nahmen, war also alles andere als ein Zufall und Lenins Revolution ein grosses dadaistisches Unterfangen in den Fussstapfen von Père Ubu.

Dominique Noguez, geboren 1942, studierte Philosophie und war Dozent an der Sorbonne Paris für Film- und Literatur-Ästhetik. Er schrieb zahlreiche Arbeiten über Experimental- und Avantgarde-Filme, Essays, Romane und wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Prix Femina. 2012 wurde er mit den höchsten Ehren des Collège de Pataphysique – der Ernennung zum Satrapen – ausgezeichnet.

Jan Morgenthaler, geboren 1956 in Zürich. Studium der Medizin an der Universität Zürich, seit 1980 publizistische Tätigkeit sowie Arbeiten als Autor / Kurator im Bereich Theater, Film, Bildende Künste in Zürich und in Esfahan / Iran. Projekte u. a. «Transit 1999, Reisende Denkmäler – ein flüchtiger Sommer in Zürich» oder «Swiss Transit Esfahan – visual» (als Initiant und Organisator einer Ausstellung mit 10 Künstler/innen im Museum für zeitgenössische Kunst in Esfahan / Iran), zuletzt «Zürich Transit Maritim».
Dominique Noguez
Lenin Dada
Essay
Herausgegeben und – in Zusammenarbeit mit Patrick Straumann – aus dem Französischen übersetzt von Jan Morgenthaler
Limmat Verlag
Zürich
Zum Geleit
Dada hat eine kleine Nase nach russischem Aussehen.
Francis Picabia1
Dadaist sein kann unter Umständen heissen, mehr Kaufmann, mehr Parteimann als Künstler sein – nur zufällig Künstler sein.
Richard Huelsenbeck2
Ja, gewisse Reflexionen Lenins haben tatsächlich alle Züge dessen, was man «Pluralismus» (…) genannt hat.
Louis Althusser3
Lenin (…) dachte in anderen Köpfen, und auch in seinem Kopf dachten andere.
Bertolt Brecht4
I
Eine brisante Offenbarung
Die aussergewöhnliche Tatsache, dass Lenin und die ersten Dadaisten 1916 in Zürich während mehrerer Monate wie zufällig nebeneinander lebten und wirkten, ist lange Zeit ganz und gar unbeachtet geblieben. Vonseiten Lenins oder seiner Nächsten kein Wort. Nichts in der publizierten Korrespondenz.5 Seine Lebensgefährtin Nadeschda Krupskaja, die in ihren Erinnerungen an Lenin nicht mit präzisen Einzelheiten ihres Wohnortes an der Spiegelgasse und ihrer Umgebung geizt, scheint überhaupt nicht zu wissen, dass in ebendieser «kleinen engen Gasse»,6 nur wenige Meter entfernt, das Cabaret Voltaire untergebracht war. Nichts auch bei den wichtigsten Biografen.7 Wir müssen auf die Studie des Historikers Willi Gautschi (Lenin als Emigrant in der Schweiz) und die romanhafte Rekonstruktion von Alexander Solschenizyn (Lenin in Zürich) warten, um – mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Ereignis – auch nur die schlichte Erwähnung des Cabarets im Zusammenhang mit dem berühmten Mann zu finden:
Etwas weiter entfernt, an der Münstergasse, liegt die «Meierei», wo sich das Cabaret Voltaire befand, in dem Anfang Februar 1916 der Dadaismus seine Geburtsstunde erlebte.8
– und überdies, im zweiten Fall, ohne Dada überhaupt zu erwähnen:
Auf eben dieser Strasse begleitet Willi [Münzenberg] seinen Lehrer [Lenin] in die Richtung, wo das Cabaret «Voltaire» ist, in dem die jungen Bohemiens ihre Nächte durch toben …9

Abb. 1: Münstergasse in Zürich. Rechts die Spiegelgasse mit Eckhaus Nr. 1, wo das Cabaret Voltaire eröffnet wurde (Foto: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich.
Die Dadaisten sind kaum gesprächiger. Im Tagebuch von Hugo Ball, publiziert 1927, finden wir die früheste Erwähnung dieser Nachbarschaft, allerdings als Eintrag vom 7. Juni 1917, das heisst erst mehrere Monate nach der Abreise Lenins. Der Eintrag liest sich weniger als direktes Zeugnis denn als eine nachträgliche Entdeckung:
Mogadino, 7. VI. [1917]
Seltsame Begebnisse: während wir in Zürich, Spiegelgasse 1, das Kabarett hatten, wohnte uns gegenüber in derselben Spiegelgasse, Nr. 6, wenn ich nicht irre,* Herr Ulianow-Lenin. Er musste jeden Abend unsere Musiken und Tiraden hören, ich weiss nicht, ob mit Lust und Gewinn. Und während wir in der Bahnhofstrasse die Galerie eröffneten, reisten die Russen nach Petersburg, um die Revolution auf die Beine zu stellen.10
* Er irrt sich: Es war die Nr. 14 (siehe folgende die zwei Anmerkungen).

Spiegelgasse Nr. 14, in welchem Lenin wohnte, was auch durch die Schrifttafel zwischen erstem und zweitem Stockwerk angezeigt wird (Foto: Schweizerisches Sozialarchiv Zürich).
Ebenso einfach stellt das Georges Hugnet und später Hans Richter fest. Georges Hugnet, der kein direkter Zeuge war, ist auch der entschiedenste in seinem Urteil:
Das Cabaret befand sich an der Spiegelgasse 1. Lenin wohnte zusammen mit seiner Frau Krupskaja im Haus Nr. 12 derselben Strasse.* Lenin pflegte im Café Terrasse Schach zu spielen, einige Dadaisten ebenfalls. Sie ignorierten sich aufs herzlichste.11
* Auch er irrte sich (siehe folgende Anmerkung).
Lesen wir aber bei Richter nach, so ist dies dennoch ganz ungewiss. Wenn auch er, der Maler, sich in der Adresse von Lenin irrt, so war er damals immerhin in Zürich und hat ihn gesehen:
Das Cabaret Voltaire spielte und radaute in der Spiegelgasse Nr. 1. Schräg gegenüber, in der Spiegelgasse Nr. 12, in demselben Engpasse also, in dem das Kabarett nächtlich seine Gesangs-, Gedichts- und Tanzorgien aufführte wohnte Lenin.* – Radek, Lenin, Sinowjew durften frei herumlaufen. Ich habe Lenin in der Bibliothek mehrmals gesehen und ihn auch einmal in Bern in einer Versammlung sprechen hören. Er sprach gut Deutsch.12
* Tatsächlich wohnte Lenin im Haus Nr. 14. In einem Brief (Brief Nr. 257, Werke Bd. 37) gibt Lenin als Adresse zwar die Spiegelgasse 12 an, doch sehr bald korrigiert er sich: Spiegelgasse 14II (Briefe Nr. 259, 260, 261), später kurz und bündig: Spiegelgasse 14 (Briefe Nr. 262, 263 in Bd. 37). In seinem Lenin als Emigrant in der Schweiz, Tafel XXVIII, zeigt auch Willi Gautschi die Fassade des Hauses «Spiegelgasse 14». Jedenfalls können Neugierige diese Tatsache heute noch verifizieren anhand der Schrifttafel, die die Zürcher Behörden unter dem Fenster des von Lenin und Krupskaja bewohnten Zimmers angebracht haben.
Gewiss, Hans Richter gelangte wahrscheinlich frühestens Ende Juni 1916 in die Schweiz und kam nach eigener Aussage13 erst am 15. September 1916 in Kontakt mit dem, was sich bereits «Dada» nannte. Halten wir aber noch einmal fest, dass Richter in diesem Augenzeugenbericht zugibt, Lenin gekannt und gehört zu haben, und sei es nur von weitem.
Richard Huelsenbeck, der am 26. Februar zum Cabaret Voltaire stösst,* gibt uns 1972 eine kostbare Information, wenn auch in zweifelhafter Form:
* Dies bestätigen sowohl Hugo Ball bereits am 15. Mai 1916 im Vorwort zur Sammlung Cabaret Voltaire (faksimiliert in: Hans Richter, Dada – Kunst und Anti-Kunst, a. a. O., S. 13) als auch Tristan Tzara in seiner «Chronique zurichoise 1915–1919» im Dada Almanach (a. a. O., S. 11). Es wurden jedoch noch zwei weitere Ankunftsdaten vorgeschlagen. Nämlich der 11. Februar 1916, ebenfalls von Ball, aber diesmal in seinem Tagebuch Die Flucht aus der Zeit (a. a. O., S. 72), das erst elf Jahre später publiziert wurde («Huelsenbeck ist angekommen. Er plädiert dafür, dass man den Rhythmus verstärkt …»). Unter «Huelsenbeck» taucht im «Personenregister» am Ende des Bandes Briefe (1911–1927) von Hugo Ball sogar das Datum des 8. Februar auf; möglicherweise verdanken wir dies Annemarie Schütt-Hennings (Einsiedeln, Zürich, Köln, Benziger Verlag, 1957, S. 310): «Kam auf Aufforderung von Hugo Ball am 8. Februar 1916 nach Zürich, kurz nach der Gründung des ‹Cabaret’s [sic] Voltaire› …»
Von Lenin hörten wir sehr wenig – sie sagten, er sei einmal ins Cabaret gekommen –, ich sah ihn nie. Ich weiss nicht einmal, wie er aussieht.14
Diese Information wird vom Kunstkritiker Hans J. Kleinschmidt bestätigt. In seinem Vorwort zu Huelsenbecks Memoirs of a Dada Drummer entschlüpft ihm jedoch noch eine andere Information, deren Bedeutung uns schon bald im umfassenden Sinn klar werden wird:
Arp, Ball und Huelsenbeck sind Lenin nie begegnet, wohingegen Tzara später gegenüber Freunden in Paris erzählte, er habe mit ihm «Ideen ausgetauscht» …15
Der Schweizer Historiker Sergius Golowin unterstreicht 1966 also durchaus zu Recht die Tatsache, dass sich «zumindest rein geografisch» der Dadaismus und der Bolschewismus «berührten».16 Aber es kommt noch besser. Es gibt ein anderes Zeugnis, wie jenes von Richter aus erster Hand, doch darüber hinaus von jemandem, der vor Richter, ja selbst noch vor Huelsenbeck, nämlich seit dem 5. Februar 1916, dem Tag der Eröffnung, im Cabaret Voltaire anwesend war: Es ist jenes des rumänischen Malers Marcel Janco. Wir wundern uns nur, dass es unbemerkt geblieben sein soll, verloren in einem 1957 publizierten Gemeinschaftswerk, und dass noch niemand die ausserordentliche Information, die es in seinem zehnten Paragrafen birgt, enthüllt hat:
[Das Cabaret Voltaire] war der Treffpunkt der Künste. Hier trafen sich Maler, Studenten, Revolutionäre, Touristen, internationale Betrüger, Psychiater, die Halbwelt, Bildhauer und nette Spione auf der Suche nach Informationen. Im dichten Rauch, inmitten von Rezitationen oder Volksliedern erschien plötzlich das eindrucksvolle mongolische Gesicht Lenins, umgeben von seiner Gruppe, oder Laban, der grosse Tänzer mit dem assyrischen Bart.17
Lenin, und umgeben von einer Gruppe! Welch wundervolle Offenbarung mit unabsehbaren Folgen! Also begnügt sich der zukünftige Führer der sowjetischen Revolution nicht damit, Nachbar des Cabaret Voltaire zu sein, er betritt es! Auch gibt er sich nicht damit zufrieden, zu Hause die undeutlichen Geräusche der DadaSoireen zu hören: Es zieht ihn hinein! Mehr noch – und es sei uns die starke Wirkung einer solchen Feststellung verziehen –, er macht mit! Dies wenigstens ist die Schlussfolgerung, die, wie auch wir, alle Gutgläubigen zwingend ziehen müssen, sofern sie bereit sind, das Bündel Tatsachen, das wir im Folgenden zur Sprache bringen werden, mit Geduld und Sachlichkeit zu prüfen.
II
Wladimir Uljanows Schwäche fürs Cabaret
Eine Bemerkung zunächst: Was Janco wie beiläufig offenbart hat, dürfte diejenigen, die mit der Lebensgeschichte Lenins vertraut sind, nicht überraschen. Wladimir Uljanows Schwäche fürs Cabaret hat ihren Ursprung nicht erst im Jahr 1916. Die durchaus verständliche Verschwiegenheit von Historikern oder Zeugen desselben politischen Lagers, wie auch jene des Betroffenen selbst in seiner Korrespondenz, konnte nicht verhindern, dass einige präzise Hinweise durchgesickert sind. Krupskaja verrät uns schon viel, wenn wir sie nur richtig zu lesen wissen. Die 1901 bis 1902 in München verbrachte Zeit etwa blieb dem revolutionären Paar, wie sie schreibt, «stets in angenehmer Erinnerung». Schamhaft versucht sie, «die harmlose Fröhlichkeit zu erklären, mit der wir uns auf dem Karneval amüsierten, und jene übermütige Laune, die allerseits (…) herrschte».18 Ein wenig später, in London, treibt sein Gefallen an der Arbeiterklasse Wladimir Iljitsch gar so weit, sich überall dorthin zu begeben, «wo er die Massen traf: ins Freie, (…) in die Trinkhallen …».19 Zudem verrät sie uns an anderer Stelle, dass Lenin den Gesang liebt:
In Paris begeisterten wir uns, wie ich mich erinnere, eine Zeit lang für das französische revolutionäre Chanson. Wladimir Iljitsch schloss Bekanntschaft mit Montéhus, einem ausserordentlich talentierten Verfasser und Sänger revolutionärer Lieder.20
Das Ehepaar geht an die entlegensten Orte, um den Sänger zu hören. Aline, ein Zeitzeuge, schildert die erste Begegnung:
Nach der Vorstellung von Montéhus verschwand Lenin. Wir suchten ihn im Saal, aber er war nicht mehr da. Wir erfuhren, dass er hinter den Kulissen Bekanntschaft mit dem Chansonnier geschlossen hatte. Im Laufe ihrer Unterhaltung begeisterten sie sich derart füreinander, dass sie, ohne es zu merken, bis vier Uhr morgens blieben.21
Diese «Begeisterung», die uns einen nachtschwärmerischen Lenin offenbart, führte sogar zu einer Einladung: «Montéhus», schreibt Krupskaja, «kam einmal an einer unserer russischen Soireen singen.»22 (Man merke sich den Ausdruck.) Fahren wir fort: In Brüssel fand im Juli / August 1903 der zweite Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands statt. Krupskaja berichtet:
Die Delegierten schlugen im «Goldenen Hahn» ihr lärmendes Quartier auf, und Gussew [Delegierter der Don-Region] sang abends, wenn er ein Gläschen Kognak getrunken hatte, mit so mächtiger Stimme Opernarien, dass sich unter den Fenstern des Gasthofes eine Menge ansammelte. Wladimir Iljitsch liebte Gussews Gesang sehr. Besonders gern hörte er das Lied «Nicht in der Kirche sind wir getraut».23
Bei seinem Biografen Jean Jacoby lesen wir, dass sich der berühmte Mann nicht damit begnügte, zuzuhören:
… während der Kongress-Arbeiten isolierte sich die Gruppe von Lenin; abends versammelte man sich in einem Kaffeehaus, wo die lärmende Bande mit ihrem Heisshunger, ihrem Lachen und ihren Gesängen die Stammgäste in Staunen versetzte. Der Russe ist Musiker aus Instinkt; er hat das Bedürfnis, seine Empfindungen lyrisch auszudrücken. Es brauchte sich nur eine Melodie zu erheben, ein Motiv, und sei es kaum hörbar, von weit entfernt, die Diskussionen verstummten, die Gesichter veränderten ihren Ausdruck je nach Laune der Musik. Und so sang man im Chor …24
Ein weniger schönfärberisches, dafür ernsthafteres Bild zeichnet sein Bruder Dmitri, wenn er uns dessen Freude am Singen – allein oder in der Gruppe – bestätigt. Sie kam wahrscheinlich von der Mutter, denn sie «liebte das Klavierspiel sehr. Sie musizierte und sang viele alte Lieder und Romanzen.»25 «In den Jahren 1888 bis 1890», präzisiert Dmitri Uljanow, «sang Wladimir Iljitsch oft mit Olga [seiner Schwester] zum Klavier»; und er fährt fort, Lenins Lieblingslieder – darunter das berühmte Kriegslied von Valentin aus dem Faust von Gounod – aufzuzählen.26 Ebenso berichtet uns Krupskaja, wie sie und Lenin einige Jahre später während des Exils in Sibirien, wo sie ihn wirklich kennenlernt, mit einigen Freunden zusammen heitere Lieder in «Russisch, dann (…) auf Polnisch» anstimmen.27 Und in Paris, so erzählen André Beucler und Grégoire Alexinsky, habe der für Montéhus schwärmende Lenin keine Gelegenheit verpasst, «in den Refrain des Saales einzustimmen».28
Wie hätte dieser in Gesang und herzliches Beisammensein vernarrte Mann sich denn auch um den Genuss von häufigen Cabaret-Besuchen bringen können, zumal in einer Stadt wie Paris, wo solche in Hülle und Fülle vorhanden sind? Jean Fréville hat sich wie viele Historiker oder Geschichtsschreiber, die der Kommunistischen Partei nahestehen, Mühe gegeben, uns in seinem Lénine à Paris davon zu überzeugen, dass Wladimir Iljitsch die literarische und künstlerische Boheme des Montparnasse gemieden hätte und dass bei ihm im Allgemeinen «die Zerstreuungen, wo andere sich zu vergessen suchen», kaum Anklang fanden.29 Ärgerlich ist nur, dass eine Reihe zeitgenössischer Schilderungen genau das Gegenteil belegen. Es sind da zuerst die eingeschobenen Bemerkungen von Lise de K. zu erwähnen, die Lenin von 1905 bis 1914 kannte – und, so scheint es, sehr intim –, Bemerkungen, die von Beucler und Alexinsky gesammelt und kommentiert worden sind. Mit der Zeit, so erfahren wir da, habe Lenin
die Bibliothèque nationale immer seltener besucht und es stattdessen vorgezogen, in Gesellschaft Kamenews, Sinowjews und anderer oder, falls es Pariser waren, mit Rykow und Schuljatikow, dem Säufer der Bande, Bier trinken zu gehen. (…) Er hätte Museen und Konzerte besuchen und in künstlerischen Kreisen verkehren können, aber er bevorzugte Fabriken, Kaffeehäuser und die Vorstädte.30
Vor allem aber gibt es diese «Nacht im Rabelais», von der Franz Toussaint in einem Kapitel seines Lénine inconnu so mitreissend berichtet, aufgrund von Notizen, die er sich, wie er sagt, unmittelbar nach dem Ereignis gemacht hat. Ereignis in der Tat für den Erzähler, der Lenin (er wohnte damals – im Sommer 1911 – in Longjumeau) völlig überraschend in einem Pariser Etablissement begegnet ist:
Lenin im Rabelais, diesem grossen Nachtlokal, dessen Champagner so miserabel ist wie die zwei Orchester! Vabre [der gemeinsame Freund, der den Autor eingeladen hat] hätte mich wahrscheinlich weniger ins Staunen versetzt, wenn er mir mitgeteilt hätte, der Erzbischof von Paris wäre im Tabarin und der Präsident der Republik ginge kommenden Sonntag in Lourdes zum Abendmahl. (…) Lenin, in einer dieser Spelunken, wo Greise, ein Papphut auf dem Kopf, mit Papierschlagen um sich werfen und satten Affen gleich rülpsen! Lenin, betäubt von amerikanischen Trompeten, angeekelt von argentinischen Tangos, angerempelt von Tänzern und umworben von Mädchen!31
Ein Wunsch trieb den zukünftigen Chef der sowjetischen Revolution an diesen so besonderen Ort, er wollte einen Georgier wiedersehen, den er zur Zeit seiner Gefangenschaft in Samara gekannt und der ihm damals Dienste erwiesen hatte. Dank diesem Georgier, den das Schicksal nach Paris verschlagen hatte, wo er als Kellermeister eine Anstellung fand – und heimlich die Etiketten wechselt –, konnten Lenin und seine Freunde «Mumm extra-sec» zum Preis eines gewöhnlichen Fusels trinken. Die drei Gäste entkorken eben ihre vierte Flasche und kommen auf jenen Schriftsteller zu sprechen, dessen Name dem Cabaret als Aushängeschild dient – eine Art Hommage, wie sie Hugo Ball in Zürich, 1916, spontan wiederfinden wird! –, da antwortete Lenin auf die Frage, ob er Rabelais liebt, welch Zufall (oder welch Vorahnung!), mit folgenden Worten:
Ja und nein. Aber eher ja. (…) Er hat Voltaire den Weg bereitet. Rabelais und Voltaire sind eure besten «Jahrgänge»!32
Apropos Wein, hier sei noch geschildert, wie der Abend – immer gemäss den Notizen von Franz Toussaint – zu Ende gegangen ist:
Wir sind um fünf Uhr morgens gegangen. Der Georgier hatte nicht wiederkommen wollen, trotz der Ermahnungen des Oberkellners. Vabre folgerte daraus, dass es eine Geschichte gegeben hatte wegen der Flaschen.33
Lenin im Cabaret! Fréville kann es nicht glauben. In einer Anmerkung seines Buches qualifiziert er das Zeugnis von Toussaint als «absurde Hirngespinste», «Dummheiten» und «Unwahrscheinlichkeiten» ab.34 Wie peinlich für ihn, dass es der Betroffene selber in seinen Briefen bestätigt. Am 2. Januar 1910 etwa schreibt er seiner Schwester Manjascha, die nach Russland zurückgekehrt ist:
Überhaupt haben wir an den Feiertagen «gebummelt» (…). Auch heute habe ich vor, in ein Vergnügungslokal zu gehen, wo «Sänger» (ungeschickte Übersetzung von chansonniers) goguettes révolutionnaires* singen.35
* revolutionäre Liedchen, Couplets (Hervorhebung vom Autor)
Gut, könnte man sagen. Aber es ist nicht das Gleiche, ob einer manchmal ein Cabaret betritt oder ob ihm das auch noch gefällt, er sein Wort an Nachbarn richtet und fröhlich lärmt, das heisst: ob er wirklich teilnimmt! Wohlan denn, darüber besteht kein Zweifel: Lenin hat teilgenommen! Hören wir Lise de K.:
Lenin hatte sich für diese Gelegenheit mit einem hellgrauen Anzug gekleidet, der auf wundersame Weise von sämtlichen Flecken gereinigt worden war, und er trug seinen steifen Hut schief auf dem Kopf, wie es einige Pariser taten, die ich mit ihm in den Cabarets des Boulevard de Clichy und in den Kaffeehäusern der Place de la République gesehen hatte.36
Dann der Genosse Aline (es handelt sich um einen Abend am Neujahrstag im Keller eines Kaffeehauses nahe der Porte d’Orléans):
Alle amüsierten sich. Wir sangen. Lenin sang aus vollem Herzen mit, als wir «Stienka Rasin» anstimmten. Er versuchte, den Bariton zu intonieren, aber es gelang ihm nicht, und so fuhr er fort, so gut er konnte, und schlenkerte dabei verzweifelt mit den Armen. Gegen vier Uhr spazierten wir angeheitert auf dem verlassenen Boulevard. Die Frau von N. A. Semaschko und Ilja Safir (Moissejew) begannen einen russischen Tanz. Aber Polizisten auf Fahrrädern verlangten höflich, dem Lärm ein Ende zu bereiten.37
Offensichtlich sind Frau Semaschko und Moissejew nicht die einzigen, die liebend gerne tanzen. Krupskaja zum Beispiel erzählt, dass sich Wladimir Iljitsch und sie im Sommer 1916 während sechs Wochen in den Flumserbergen im Erholungsheim Tschudiwiese, unweit von Zürich, aufgehalten haben: «Abends spielte der Sohn der Wirtin auf seiner Harmonika, und die Gäste traten zum Tanz an …»38 Und wie schaffte es Lenin, gut zu tanzen? So wie er alles tat: mit einem ungewöhnlichen Eifer. Denn wenn er ruhigere Zeiten verbrachte, erklärt uns Nicolas Valentinov, der ihn gut kannte,
war dies nur von kurzer, manchmal minimaler Dauer. Der Normalzustand wich einer Leidenschaftlichkeit; dann veränderte Lenin sich psychisch. Dieser neue Zustand zeichnete sich durch Masslosigkeit und ein Element immenser Begeisterung aus, was Krupskaja mit einer «Raserei» verglichen hat. Dieser Persönlichkeitswandel kam im Laufe seines Lebens in Sibirien plötzlich zum Vorschein: Nachdem er sich Schlittschuhe gekauft hatte, begann Lenin von morgens früh bis abends spät auf dem Fluss eiszulaufen und, wie Krupskaja erzählt, «die Bewohner durch seine Riesenschritte und seine spanischen Sprünge in Erstaunen zu setzen».39
Dieses erstaunlich farbige und bewegte Lenin-Bild, ein wenig Don Quichotte und Monsieur Fenouillard, gewinnt in der Tat noch an Glaubwürdigkeit, wenn uns seine Gefährtin selbst beschreibt, wie er in Sibirien jagte:
Wladimir Iljitsch war ein leidenschaftlicher Jäger, er schaffte sich Lederhosen an und stapfte durch alle Sümpfe.40
Für einen Augenblick ist zu unserem grössten Vergnügen dieser Lenin dem Flaubert von Bouvard et Pécuchet und dem Daudet von Tartarin sehr ähnlich.
Zum Schluss legt uns ein anderer Schriftsteller nahe, dass diese kabarettistische Lebenskraft sich noch andere Ventile als den Tanz zu finden wusste. Es ist dies – wer hätte das geglaubt? – der liebenswürdige und fromme Julien Green, der am 5. Februar 1932 in seinem Tagebuch notiert:
Ein Maler erzählt mir von Lenin, den er 1912 im Quartier Latin kennengelernt hat. «Wir teilten unsere Mädchen. Lenin war sehr lustig, sehr gut und, in der Liebe, sehr schamlos.»41

«Ein Element immenser Begeisterung ...» Lenin, rechts, 1908 in Capri, zusammen mit Alexander Bogdanow, links, und Maxim Gorki (Foto: Editions Robert Laffont SA, Paris).
III
Zürich im Februar 1916
Dies ist also ein lustiger Bruder, etwas exzentrisch, Experte in Gesang und russischem Tanz, fähig, Nachtlokale bis spät in der Nacht zu besuchen und dort eine gute Figur abzugeben, den wir im Februar 1916 in Zürich wiederfinden. Was aber sucht er dort? Einige Werke in den, verglichen mit Bern, viel besser dotierten Bibliotheken zu Rate ziehen – dies ist die offizielle Version.42 In Wahrheit aber sucht er Gelegenheiten, sich zu zerstreuen. Krupskaja gibt es in ihren Erinnerungen an Lenin zu: «Dann schoben wir unsere Rückkehr nach Bern wieder hinaus, bis wir schliesslich ganz in Zürich blieben, das (…) lebhafter als Bern war. (…) Überhaupt machte sich der kleinbürgerliche Geist weniger stark geltend.»43 In ihrer «Lebhaftigkeit» stand die kleine Russen-Gruppe den Stadtzürchern wahrhaftig nicht nach. Hören wir dazu Valeriu Marcu, der damals mit Lenin und dessen Freunden in Berührung kam:
Die Moskowiter (…) belebten aber als landfremde Elemente die Tische einheimischer Kaffeehäuser.44
Solche Zeugnisse tragen dazu bei, dass wir schliesslich eines der Rätsel aufklären können, welches noch immer die Anfänge des Cabaret Voltaire umgibt. Im sonst ausserordentlich genauen Bericht über den Eröffnungsabend vom 5. Februar, den sein Organisator Hugo Ball kurz danach niederschreibt, bleibt ein Programmpunkt tatsächlich merkwürdig dunkel, da anonym:
Mde. Hennings und Mde. Leconte sangen französische und dänische Chansons. Herr Tristan Tzara rezitierte rumänische Verse. Ein Balalaika-Orchester spielte entzückende russische Volkslieder und Tänze.45
Augenblicklich bemächtigt sich eine Hypothese unseres Verstandes: Lenin und seine Freunde! Wahrhaftig, wer sonst, wenn nicht sie, diese aufrichtigen Russen von revolutionärer Gesinnung, hätte es denn wagen können, in einem Künstler-Cabaret der Avantgarde zu singen, um den «Volksliedern» Russlands im Zürich von 1916 den Weg zu bereiten? Einige könnten an ein Orchester auf der Durchreise denken, das an diesem Tag in der Schweizer Stadt haltgemacht hat. Das käme einem Wunder gleich. Denn viele Russen waren damals auf den Strassen nicht anzutreffen, auch auf den schweizerischen nicht. Kommt hinzu, dass diese russische Präsenz keineswegs von kurzer Dauer war. Hugo Ball erklärt im bereits zitierten Text, dass sie nach dem Eröffnungsabend eine «Russische Soiree» veranstaltet hätten. Und unter dem Stichwort «Russische Soiree» vermerkt er am 4. März 1916 in seinem Tagebuch:
Ein kleiner gutmütiger Herr, der schon beklatscht wurde, ehe er noch auf dem Podium stand, Herr Dolgaleff (sic), brachte zwei Humoresken von Tschechow, dann sang er Volkslieder. (…)
Eine fremde Dame liest Jegoruschka von Turgenjew und Verse von Nekrassow.46
Wir wissen um den Kult, den Lenin mit genau diesen drei Schriftstellern trieb, was so mancher Historiker, Biograf oder Zeuge bestätigt, Krupskaja* an erster Stelle, die ihm darin wie in so vielem anderen** folgte, und wir dürfen so mit gutem Recht die wahre Identität dieses sogenannten Herrn Dolgaleff vermuten und auch kaum Mühe haben zu erraten, wer diese «fremde Dame» sein könnte, die ihn begleitete. Immerhin schliesst Hugo Ball seine Präsentation des Cabaret Voltaire mit den Worten: «Das kleine Heft, das wir heute [15. Mai 1916, d. h. dreieinhalb Monate später] herausgeben, verdanken wir (…) der Beihilfe unserer Freunde in Frankreich, Italien und Russland.»47 Beweis genug für die kontinuierliche Anwesenheit und Unterstützung.
* «Anton Tschechow (…) hatte Lenin gern. [Die] Erzählungen Tschechows, deren Gestalten ihm im Gedächtnis blieben, sowie seine Dramen gefielen ihm. (…) Von Sibirien aus bat Lenin seine Mutter im Jahre 1898, ihm eine 12-bändige Ausgabe von Turgenjew in russischer Sprache zu schicken, dessen durchsichtiger klassischer Stil ihm Freude machte. Später bat er seine Schwester Anna, ihm Turgenjew auf Deutsch zu schicken, damit er durch den Vergleich der beiden Ausgaben Deutsch lernen könne» (Louis Fischer, Das Leben Lenins, a. a. O., S. 603). «Wladimir Iljitsch hatte Turgenjew (…) nicht einmal, sondern mehrere Male gelesen; er kannte die Klassiker ausgezeichnet und schätzte sie sehr» (Nadeschda Krupskaja, Erinnerungen an Lenin, a. a. O., S. 44). «Abends las Wladimir Iljitsch» im sibirischen Schuschenskoje «gewöhnlich (…) Nekrassow» (ibd.). «Nekrassow ist sicherlich eine jener literarischen Gestalten, die Lenin am meisten schätzte» (Jean-Michel Palmier, Lénine, l’art et la révolution, Paris, Payot, «Bibliothèque historique», 1975, S. 170). «Wolodja [Kosename für Wladimir] kann (…) Nekrassow schon fast auswendig» (Krupskaja in einem Brief vom 26. Dezember 1913 an die Mutter von Lenin, der diesen mitunterzeichnet, in: Werke Bd. 37, a. a. O., S. 442). ** Siehe etwa den Brief vom 26. Dezember 1913, der in der vorangehenden Fussnote zitiert wurde. Eine Passage dieses Briefes handelt von ihrem künstlerischen Geschmack, und Krupskaja drückt mit dem fortwährenden «wir» aus, dass sie in ihrem wie in Lenins Namen spricht. Was Nekrassow betrifft, berichtet Krupskaja in einem anderen Aufguss ihrer Erinnerungen, dass sie ihm die Werke nach Sibirien gebracht und zum Lesen gegeben habe («Was Iljitsch aus der schönen Literatur gefiel», in: Das ist Lenin, a. a. O., S. 112).
An dieser Stelle könnte uns ein Einwand dazu zwingen, unsere Studien abzubrechen. Der Einwand nämlich, dass Lenin am 5. Februar 1916 noch gar nicht in Zürich angekommen sei! Wenigstens dann, wenn wir uns auf das Gedächtnis von Krupskaja verlassen. Erst «Mitte Februar», schreibt sie 1931 (fünfzehn Jahre später, vergessen wir das nicht), «hatte Lenin in den Zürcher Bibliotheken zu arbeiten».48 Die übrigen Biografen schliessen sich dem selbstverständlich an.* «Ungefähr Mitte Februar», schreibt beispielsweise Maurice Pianzola, «fuhr Lenin (…) nach Zürich.»49 Auf der Schrifttafel, die die Stadtzürcher Behörden an der Fassade des Hauses Spiegelgasse 14 anbringen liessen, können wir heute noch lesen, dass Lenin vom 21. Februar 1916 bis 2. April 1917 hier gelebt habe. Willi Gautschi jedoch spricht vom 20. Februar.50 Die Unsicherheit wird bei der Durchsicht von Lenins Korrespondenz noch vergrössert, obwohl dieses Dokument aus erster Hand eigentlich alle Zweifel ausräumen sollte. Ist nicht ein Brief von Zürich an Olga S. N. Rawitsch mit «13. Februar 1916» datiert? Lenin gibt dort als Adresse an: «Uljanow (bei Frau Prelog) 7I Geigergasse 7I. Zürich. i.»51 Tatsächlich wissen wir aus den Erinnerungen von Krupskaja, dass sich das Paar nicht sofort an der Spiegelgasse niedergelassen hat. «Wir suchten uns ein Zimmer», schreibt sie. «Dabei kamen wir zu einer gewissen Frau Prelog, die eher den Eindruck einer Wienerin als einer Schweizerin machte.»52 Doch, so fährt sie fort, «wir hatten uns schon bei ihr eingerichtet, als sich am nächsten Tag herausstellte, dass ihr früherer Mieter wieder zu ihr zurückkehrte. (…) Frau Prelog bat uns, ein anderes Zimmer zu suchen.» (ibd.) Das bestätigt auch Pianzola: Lenin verliess das Zimmer bei Frau Prelog «schon am folgenden Tag».53 Wenn der Brief Lenins, der die Unterkunft bei Frau Prelog angibt, vom 13. Februar datiert, so müsste der Umzug zur «Schuhmacherfamilie Kammerer»,54 wohin sie gemäss allen Biografen, an erster Stelle Krupskaja, sogleich gingen, am 14. Februar stattgefunden haben. Was also geschah zwischen dem 14. und dem 20. oder 21. Februar (dem offiziellen Datum ihres Einzuges in die Spiegelgasse)? Ein erstes Rätsel. Aber es gibt noch ein weiteres: dass nämlich Lenin sogar schon vor dem 13. in Zürich ist! Tatsächlich ist ein Brief erhalten geblieben, den Lenin am 12. Februar von Zürich an Gregor Sinowjew geschickt hat.55 Und es kommt noch besser: In einem Brief von Bern an Moissei Markowitsch Charitonow, datiert vom 29. Januar 1916, kündet Lenin an:
* Mit Ausnahme David Shubs, der in seinem Lenin, Geburt des Bolschewismus erklärt: «Im Januar 1916 zogen Lenin und seine Frau aus Bern nach Zürich» (S. 170, Hervorhebung des Autors). Leider können wir dieser Aussage nicht den geringsten Glauben schenken, obwohl sie doch so gut in unser Konzept passen würde. Nicht nur mangelt es ihr an Beweisen oder Erörterung, sie beruht auch auf gänzlicher Unkenntnis der Korrespondenz Lenins, die unzweifelhaft beweist (siehe weiter unten), dass sich unser Mann noch am 30. Januar 1916 in Bern aufhielt!
Lieber Genosse! (…) Wir kommen am 4. Februar. Wenn möglich, suchen Sie uns ein Zimmer, das man jeweils für eine Woche mieten kann, für zwei Personen.56
Konnte das (Wohn-)Problem geregelt werden, und ist somit der 4. Februar das reale Ankunftsdatum Lenins in Zürich? Oder müssen wir gar noch weiter zurückgehen? Ein präziser Hinweis drängt uns dazu: Ein weiterer Brief vom folgenden Tag an denselben Empfänger weist uns auf den Mittwoch, 2. Februar. Denn dieser mit «Sonntag Abend» (30. Januar) datierte Brief ist ganz einem einzigen Ereignis gewidmet, das drei Tage später stattfinden soll:
Lieber Genosse! Eben erst habe ich erfahren, dass am Mittwoch in Zürich eine internationale Konferenz des Büros der Jugendorganisationen stattfindet. (…) Ich bitte Sie sehr, 1. in Erfahrung zu bringen (taktvoll: das ist alles konspirativ), und zwar möglichst konkret: Datum, Ort, Dauer, Zusammensetzung; 2. festzustellen, ob nicht auch ein Vertreter unserer Partei teilnehmen kann.57
Hier mag Lenin der Form halber Charitonow noch so sehr nahelegen, «selbst teilzunehmen», wir begreifen rasch, dass er darauf brennt, dieser Vertreter zu sein. Ein einziger Umstand scheint dem zu widersprechen, dass er dort war: seine Teilnahme an einer politischen Versammlung am Abend des 8. Februar in Bern, wovon ein Artikel in der Berner Tagwacht zeugt.58 Die beiden Städte aber liegen so weit nicht auseinander – hundertdreissig Kilometer in der Eisenbahn –, und nichts hindert Lenin, sich in Zürich niederzulassen und für einen Abend nach Bern zurückzukehren. Erwiesenermassen verfuhr er bei anderer Gelegenheit ebenso: Etwa am 25. Februar 1916, als er nach Bern kam, um eine Veranstaltung unter dem Titel «Zwei Internationalen» abzuhalten.59 Ausserdem belegt sein Brief vom 17. Februar 1916 an Olga S. N. Rawitsch, dass Lenin den Fahrplan der Züge ab Zürich genauestens kannte und sich daraus auch seinen Vorteil zu ziehen wusste:
Legen Sie also bitte den Termin des Referats selbst fest, entweder vor dem 25. oder nach dem 26., und benachrichtigen Sie mich rechtzeitig. Ich bitte Sie auch sehr, sich mit Lausanne in Verbindung zu setzen, damit ich in 2 Tagen alles erledigen (…) kann. (…) Es gibt einen günstigen Zug: Er kommt in Genf 9.15 abends an. Ob ich den benutzen kann? Falls nicht, kann dann das Referat in Lausanne nicht am Tag vorher gehalten werden?60
Wenn wir im weiteren berücksichtigen, dass er nicht sofort jede seiner Adressänderungen allen seinen Briefpartnerinnen mitteilte (erst am 12. März 1916 zum Beispiel meldet er seiner Mutter: «Meine liebe Mama! Ich schicke Dir Fotografien (…). Wir wohnen jetzt in Zürich.»61), so werden wir es als sehr wahrscheinlich gelten lassen, dass er sich in Zürich schon einige Zeit vor dem ungefähren Datum («Mitte Februar») aufgehalten hat, an das sich Krupskaja fünfzehn Jahre später erinnert und das – diskussionslos – von allen Biografen übernommen wurde. Anders gesagt: Lenin war früh genug in Zürich, um am Eröffnungsabend des Cabaret Voltaire teilzunehmen. Und der Einzug Lenins in unmittelbarer Nachbarschaft erscheint uns nicht länger als Zufall, wie wir eingangs dachten, sondern als ganz und gar gewollter Akt.
IV
Begegnungen und Rätsel
Zwei Fragen sind noch unbeantwortet: Wie sind sich Lenin und die künftigen Dadaisten begegnet? Und warum diese Beharrlichkeit, mit welcher von beiden Seiten eine solche Zusammenkunft verborgen, ja gar bestritten wird?
Auf die erste Frage können wir nur mit Hypothesen antworten. Am plausibelsten ist die einer Begegnung zwischen Ball und Lenin, entweder in Zürich, wo Lenin schon lange vor dem Februar 1916 an Konferenzen teilgenommen hat (beispielsweise Ende Oktober 191562), oder in Bern, wo sich auch Ball eine Zeit lang aufhielt, bevor er nach Zürich kam, um sein Cabaret aus der Taufe zu heben. Denn Ball interessierte sich seit jeher für die russischen Revolutionäre. Huelsenbeck bezeugt es:
Er interessierte sich für Bakunin, und er ging zu einer anarchistischen Gruppe in Zürich – auch ich ging dorthin, obwohl ich regelmässig fast einschlief vor Langeweile –, Ball war daran sehr interessiert.63
Gewiss, von Bakunin zu Lenin ist ein langer Weg, aber für einen Internationalisten wie Ball, zugleich skeptisch64 und ökumenisch,* ist jede Stimme gut genug, gehört zu werden, sind alle Begegnungen wünschenswert. Zweite Hypothese: Die beiden Männer sind sich ganz einfach am Eröffnungsabend, dem 5. Februar 1916, begegnet. Schliesslich erschien ja in der Lokalpresse am 2. Februar ein Communiqué, das die Gründung eines Cabarets ankündet, wo «bei den täglichen Zusammenkünften musikalische und rezitatorische Vorträge stattfinden», und das «die junge Künstlerschaft Zürichs» einlädt, «sich ohne Rücksicht auf eine besondere Richtung» einzufinden. Lenin könnte sehr wohl diese rätselhafte Persönlichkeit sein, die jener «orientalisch» anmutenden Delegation angehörte, die sich, so Ball in seinem Tagebuch, an jenem Abend beim Organisator vorstellte:
* Erwähnen wir jetzt schon die Worte des Aufrufes vom 2. Februar (siehe weiter unten): «… es ergeht an die jüngere Künstlerschaft Zürichs die Einladung, sich ohne Rücksicht auf eine besondere Richtung mit Vorschlägen und Beiträgen einzufinden» (Hervorhebung des Autors) (Zit. nach Hugo Ball, Die Flucht aus der Zeit, a. a. O., S. 71 ; siehe auch Hans Richter, Dada – Kunst und Anti-Kunst, a. a. O., S. 14).
5.11. (…) Gegen sechs Uhr abends (…) erschien eine orientalisch aussehende Deputation von vier Männlein, Mappen und Bilder unter dem Arm; vielmals diskret sich verbeugend. Es stellten sich vor: Marcel Janco, der Maler, Tristan Tzara, Georges Janco und ein vierter Herr, dessen Name mir entging.65
Orientalische Gesichtszüge, kleine Statur:* passt alles zusammen. Diese Hypothese erklärt gewiss nicht, wie Lenin vorher mit den Brüdern Janco und Tzara (oder sie mit ihm) in Kontakt gekommen war, aber sich dies zu erklären, braucht wenig Vorstellungskraft: Alle waren sie im Exil, Slawen, die aus benachbarten Ländern stammen, und alle waren sie am gesellschaftlichen Umsturz interessiert; alles Gründe, die eine Begegnung begünstigen. Ein Ort wie das Café Terrasse in Zürich, wo auch Richter ausgerechnet die drei Rumänen kennenlernte,66 ist im Übrigen einer solchen Begegnung noch förderlich, zumal auch Lenin gern dorthin zum Schachspiel ging.67
* Darüber eine einzige Zeugenaussage – von grosser Statur sozusagen: jene von Joseph Stalin, als er über seine erste Begegnung mit «dem Adler unserer Partei» berichtet, die er im Dezember 1905 anlässlich der Konferenz der Bolschewiki im finnischen Tammerfors hatte. «Ich sah», sagt er, «einen gewöhnlichen Mann von unterdurchschnittlicher Grösse …» (Lénine tel qu’il fut, mit Beiträgen von J. Stalin, W. Molotow, K. Worochilow u. a. Paris, Bureau d’éditions, 1934, S. 21. Hervorhebung des Autors).
Ball ist darüber von Anfang an auf dem Laufenden. Warum aber – und dies ist unsere zweite Frage –, warum aber hat er bis Juni 1917 gewartet, um die Anwesenheit Lenins überhaupt zu erwähnen, und noch dazu, wie wir gesehen haben, in einer so ungenauen Art und Weise?* Wir wären versucht zu antworten: Eben genau weil Lenin zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in Zürich ist, sondern unter den bekannt abenteuerlichen Umständen nach Russland zurückgekehrt und deshalb keiner Gefahr mehr ausgesetzt war. Denn für einen politischen Flüchtling wie ihn war es nicht ungefährlich, sich im Cabaret Voltaire öffentlich sehen zu lassen. Alle Zeitzeugen haben die Ironie jener Situation hervorgehoben, in welcher die dadaistischen Spassvögel von der Polizei bespitzelt oder sogar belästigt wurden, während sie jene, die im Begriffe waren, eine der grössten Revolutionen der Geschichte vorzubereiten, glänzend ignorierte.68 Weder Lenin noch die paar Dadaisten, die seine wahre Identität kannten, hatten ein Interesse, daran etwas zu ändern.
* Siehe oben. Das heisst, dass Ball zu durchsichtigen Anspielungen durchaus fähig ist. Siehe unten, Kap. IX, Anm. I.
Doch als Lenin im April 1917 in seine Heimat zurückgekehrt war, hätte die Dadaisten nichts mehr gehindert, zu reden und den wichtigen Anteil, den Lenin in den Anfängen ihrer Bewegung leistete, hervorzuheben. Erstaunlich also ist, wie wir gesehen haben, ihr Schweigen, oder mindestens die Ungenauigkeit ihrer Zeugenaussage. Der Schlüssel zum Verständnis dieser Merkwürdigkeit ist nicht unbedingt in einer zähen Komplizenschaft mit dem bolschewistischen Führer zu finden, so als ob sein dadaistisches Abenteuer ein schwerer Fehler gewesen wäre, das der Welt für immer hätte verschwiegen werden sollen. Die einleuchtendste Erklärung ist so viel naheliegender: Die meisten Dadaisten haben gar nicht gewusst, dass Lenin in Zürich einer der ihren war. Das war besser so. Denn es existierte nicht nur die äussere Bedrohung durch die Schweizer Polizei: Im Innern selbst des Cabaret Voltaire wimmelte es nur so von seltsamen Typen. Wiederholen wir, welche hauptsächlich vertretenen Gattungen Marcel Janco in seinen Erinnerungen aufzählt:
… Maler, Studenten, Revolutionäre, Touristen, internationale Betrüger, Psychiater, die Halbwelt, Bildhauer und nette Spione auf der Suche nach Informationen.69
Valeriu Marcu bestätigt die Bedeutung dieses letztgenannten Gelichters in Zürich, was in einem neutralen Land zur Zeit des Weltkrieges unschwer erklärt werden kann:
Jede Strassenecke hatte Ohren, Hände schrieben verstohlen in Notizbücher, jeder Laut aus der Fremde wurde aufgenommen und weitergegeben. Das neutrale Land war das einzige Fenster ins feindliche Gebiet. Kein Quadratmillimeter der Öffnung blieb unbesetzt.70
Marcu, wir haben es bereits weiter oben erwähnt, lebte zu dieser Zeit in Zürich und weiss, wovon er spricht; punkto «russischer Emigration» fügt er noch das folgende interessante Detail an: «Alle Fraktionen verfluchten sich in gewohnter Frische …»71
Unter diesen Umständen verstehen wir, dass Lenin keinerlei Wert darauf legte, die Aufmerksamkeit der einen oder anderen dieser liebenswürdigen Bruderschaften oder Klüngel auf sich zu ziehen, ganz zu schweigen von einigen menschewistischen «Genossen» oder Gegnern der Zimmerwalder Konferenz (1915), deren kleinbürgerliche Ansichten er damals gegeisselt hatte und die nun ihrerseits mit Genuss seine nachtschwärmerisch-artistischen Eskapaden dazu verwenden würden, ihm das Kompliment zu erwidern. Ganz abgesehen von einzelnen aufdringlichen Besuchen aus seinem eigenen politischen Lager, wie etwa dieser «Neffe der Genossin Semljatschka», der – wie Krupskaja zu berichten weiss – «so schmutzig und abgerissen» war, «dass die Schweizer Bibliotheken ihm schliesslich den Eintritt verwehrten». Mit seinen regelmässigen Besuchen fiel er Lenin stark auf die Nerven, insbesondere da er «prinzipielle Fragen» mit ihm erörtern wollte.72 Lenin musste also Vorsichtsmassnahmen ergreifen. So wie der Vizekönig in Offenbachs Périchole genoss er die Vorteile seines Inkognitos. Wer die Biografie Lenins auch nur etwas kennt, weiss im Übrigen, dass er nicht abgeneigt war, sich zu verkleiden. «1905 bis 1907 hat er die russische Grenze nur verkleidet passiert», erzählt Ivan V. Pouzyna, indem er sich zum Beispiel als Typograf namens Erwin Weikow ausgewiesen habe und eines Tages sogar «als kirchlicher Vorsänger verkleidet» in Moskau angekommen sei.73 Eine Fotografie in der von der sowjetischen Kommunistischen Partei herausgegebenen Biografie zeigt ihn uns im August 1917 rasiert, geschminkt und mit Perücke (Abb. 3 und 4); wir wissen, dass er sich allein in diesem Monat nacheinander als Arbeiter der Waffenfabrik von Sestrorezk, als Schnitter am Ufer des Rasliw-Sees und als Lokomotivführer zwischen Udelnaja und Finnland ausgegeben hat.74

Abb. 3: Lenin, geschminkt und mit Perücke, August 1917 (Foto: D. Leschtschenko).

Abb. 4: Die Perücke von Lenin (Foto: Roger–Viollet, Paris).
Eine letzte, an sich unwichtige Frage: War Krupskaja auf dem Laufenden oder nicht? Lenin und sie hatten wohl ein Eheleben und teilten nachts das gleiche kleine Zimmer, tagsüber waren sie selten beisammen: Lenin war meist in der Bibliothek,* Krupskaja als Sekretärin im Büro der russischen Emigrantenkasse tätig. Dieses Büro unter der Leitung von Felix Jakowlewitsch machte es sich in Zürich zur Aufgabe, die kranken «Genossen» und Arbeitslosen zu unterstützen.75 Die Kasse des Büros war damals «ziemlich leer», aber an Projekten mangelte es, wie sie selbst sagt, nicht: Ihre Tage waren derart ausgefüllt, dass sie kaum in der Lage war, genau zu wissen, was Wladimir Iljitsch mit den seinen tat. Ein lesenswerter Abschnitt in Das ist Lenin scheint dennoch darauf hinzuweisen, dass sie mehr darüber wusste, als sie gerade zugeben wollte:
* «Er bemühte sich, die Zeit voll auszunutzen, in der die Bibliothek geöffnet war. Morgens ging er Punkt neun Uhr in die Bibliothek und sass bis zwölf Uhr mittags dort (von zwölf bis ein Uhr war die Bibliothek geschlossen); dann ging er nach Hause, wo er genau zehn Minuten nach zwölf Uhr eintraf; nach dem Mittagessen ging er sofort wieder in die Bibliothek und blieb bis sechs Uhr abends, bis sie geschlossen wurde, dort. Zu Hause war es damals nicht sehr günstig zu arbeiten» (Nadeschda Krupskaja, Erinnerungen an Lenin, a. a. O., S. 375).
Er nahm das Leben in all seiner Kompliziertheit und Vielseitigkeit in sich auf. Bei Asketen aber kommt das ja wohl kaum vor.
Am allerwenigsten war Iljitsch – mit seinem Verständnis für das Leben und die Menschen, mit seiner so leidenschaftlichen Einstellung zu allem – jener tugendhafte Spiessbürger, als der er jetzt zuweilen dargestellt wird: ein mustergültiger Hausvater mit seiner Gattin, mit Kindern; Bilder der Angehörigen stehen auf dem Tisch, da ist ein Buch, ein wattegefütterter Hausrock, ein schnurrender Kater sitzt auf seinen Knien (…). Es wäre besser, weniger solche Sachen zu schreiben.76
Interessanterweise zitieren im Oktober 1930 die jungen Redakteure der zweiten Ausgabe von Surréalisme au service de la Révolution das Wichtigste dieser Passage, so als ob sie – scharfsinniger als die Zürcher Dadaisten – erraten hätten, wie nahe der wirkliche Lenin einigen der ersten Avantgarden Europas stand.77
Fügen wir dem noch eine eingeschobene Bemerkung derselben Krupskaja an:
Zwar war unser Zimmer hell, aber seine Fenster gingen auf den Hof hinaus, in dem es fürchterlich roch, weil sich dort eine Wurstfabrik befand. Nur spät nachts konnten wir die Fenster öffnen.78
Natürlich bedeutet dies nichts, aber es klingt in diesem Nichts doch die Möglichkeit an – was sage ich? –, die Glaubwürdigkeit, ja die Wahrscheinlichkeit von abendlichen Besuchen im benachbarten Cabaret Voltaire, und wäre es nur anlässlich der berühmtesten Soireen (am 3. Juni etwa oder am 23. Juni 1916), als es während der heissen Sommernächte in der ärmlichen Wohnung an der Spiegelgasse 14 schwierig wird, ein Auge zu schliessen, gequält von den Dämpfen der Wursterei.
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