Kitabı oku: «Von Selbst zu Selbst»
Toni Herbine-Blank
Donna M. Kerpelman
Martha Sweezy
Von Selbst zu Selbst
Die Arbeit mit Persönlichkeitsanteilen (IFS) in der Paartherapie

Aus dem amerikanischen Englisch von Bernhard Kleinschmidt

Arbor Verlag
Freiburg im Breisgau
Inhalt
Vorwort
Einleitung
Phase 1: Anfang
Grundlagen der IFIO-Therapie
Das Paar kennenlernen und die Methode vorstellen
Phase 2: Der Fluss der Mitte und seine Strudel
Kreisläufe entdecken
Mutige Kommunikation
Einzelarbeit
Gegenübertragung in der Paartherapie
Bedürfnisse verhandeln
Du, ich, wir? Der Umgang mit korrespondierenden, aber in Konflikt stehenden Bedürfnissen
Scham und sich beschämt fühlen in der Paartherapie
Vertiefende Erfahrungsarbeit
Was macht einen schwierigen Fall schwierig?
Phase 3: Abschluss
Den Bruch in der Beziehung reparieren
Anhang
Anhang 1
Anhang 2
Glossar
Danksagung der Autorinnen
Literatur
Die Autorinnen
Für alle Menschen, die sich mutig für den manchmal steinigen Weg bewusster, offenherziger Beziehungen entscheiden. Und für Jordan Blank, meinen Mann, der diesen Weg mit mir geht und mich stets dazu anregt, zu praktizieren, was ich predige.
Toni Herbine-Blank
Für Saul, meine Liebe und mein Licht.Und für meine Mutter und meinen Vater, deren beständige Liebe mich immer wieder beflügelt.
Donna M. Kerpelman
Für meine Eltern Nancy und Paul Sweezy, die sich immer wieder für Mut und Klarheit entscheiden.
Martha Sweezy
Vorwort
von Richard C. Schwartz
Es gehört zu den erfreulichsten Dingen für jemanden, der sein Leben der Arbeit an einer bestimmten Form von Psychotherapie widmet, wenn diese Therapie von wirklich talentierten Menschen erweitert, verbessert und geschickt für einen bestimmten Personenkreis angepasst wird. Mein herzlicher Dank gilt Toni Herbine-Blank, die mir mit Hilfe von Donna M. Kerpelman und Martha Sweezy eine solche Erfahrung verschafft hat. Dieses Buch ist ein wunderbarer Beitrag nicht nur zu der wachsenden Literatur über IFS, sondern überhaupt zur Paartherapie.
Das Buch widmet sich einem Thema von gewaltiger Komplexität – wie die zwei inneren Systeme eines Paares miteinander kollidieren und rigide Muster hervorbringen, die sie zur Auflösung treiben – und machen es in einfacher, klarer Sprache verständlich. Dabei werden lange erprobte Techniken vermittelt, die beiden Beteiligten dabei helfen, ihre Waffen sinken zu lassen, den Blick nach innen zu richten und von einem anderen Ort aus miteinander zu sprechen – dem Selbst. Wenn ein Paar dazu in der Lage ist, entwickeln beide unweigerlich neue Einsichten, und entdecken, dass es eine völlig unterschiedliche Reaktion beim Gegenüber hervorruft, wenn man vom Selbst aus für beschützende und verletzliche Teile spricht, statt aus diesen Teilen heraus zu sprechen. »Das Selbst heilt«, sagen wir in IFS, und das gilt für äußere wie für innere Beziehungen. Glücklicherweise befindet sich dieses heilende Selbst direkt unter der Oberfläche, die von den beschützenden Teilen der beiden Personen gebildet wird. Toni Herbine-Blank beschreibt die nötigen Schritte für alle Therapeutinnen und Therapeuten, die eine sichere Grundlage schaffen und dem Paar helfen wollen, Zugang zum Selbst zu finden. Geschieht dies, so heilt die Beziehung von allein.
Dieses Buch hat große Stärken. Zum einen erklärt es nicht nur die Konzepte von IFS und IFIO im Hinblick auf Paare, es bietet auch anschauliche Beispiele mit langen, spannenden Dialogen. Indem man die Perspektive von Toni Herbine-Blank einnimmt, werden ihre Prinzipien und Techniken lebendig.
Zum anderen wird gut dargestellt, welche Rolle die Teile von Therapeutin oder Therapeut spielen. Bei der Arbeit mit Paaren werden zwangsläufig verschiedene solche Teile getriggert, und sobald das geschieht, ist die Therapie zum Scheitern verurteilt, falls wir die Situation nicht erkennen und zur Führung durch unser Selbst zurückfinden können. Indem die Autorin ihre eigenen Erfahrungen bei Sitzungen und häufige bei unserer Arbeit auftretende Trigger darstellt, wird dieses Thema im ganzen Buch gründlich behandelt. Die Kommentare vermitteln durchgängig, wie man das Paar dabei unterstützen kann, eine Kehrtwende zu vollziehen und die Teile zu entdecken und zu heilen, die in aus der Kindheit stammenden Szenen erstarrt sind und den Konflikt dadurch schüren.
Grundsätzlich baut dieses Buch auf dem Gerüst auf, das ich für die Arbeit mit Paaren entwickelt habe. Es macht dieses Material aber nicht nur für Therapeutinnen und Therapeuten verfügbar, sondern fügt auch die wichtigen Konzepte und Methoden von IFIO hinzu, die nicht in meinen Schriften enthalten sind. Die therapeutischen Dialoge sind so gut dargestellt, dass es mich beim Lesen immer wieder tief berührt hat, welche Muster beschrieben werden und welchen Mut die beiden Beteiligten aufbringen mussten, um endlich ihre Verletzlichkeit auszudrücken.
Zu guter Letzt demonstriert dieses Buch auch, welche Entwicklung Toni Herbine-Blank als Therapeutin, Lehrerin und Theoretikerin durchlaufen hat. Als ich sie vor fünfzehn Jahren kennenlernte, habe ich dieses Potenzial bereits gesehen – Tonis Charisma, ihre besondere Präsenz, ihr Ausdrucksvermögen und ihre Sensibilität. Dieses Werk reflektiert ihr persönliches Wachstum, durch das ihr Selbst erstrahlen kann und ihr eine Führungsrolle in der IFS-Gemeinschaft verschafft hat. Wenn es Gerechtigkeit auf der Welt gibt, wird Toni eine bedeutende Rolle auf dem Gebiet der Paartherapie spielen. Ich freue mich, dass IFS dort unter dem Banner von IFIO seinen Platz gefunden hat. *
Richard C. Schwartz
Boston, 1. Dezember 2014
* Anmerkung des Verlags: Toni Herbine-Blank verwendet für die von ihr auf Grundlage des IFS-Modells entwickelte Form der Paartherapie den Namen Intimacy from the Inside out, abgekürzt IFIO©. Eine Übersetzung ins Deutsche erreicht nicht die kurze Prägnanz des Originals, daher haben wir entschieden, auch in der deutschen Ausgabe die Abkürzung IFIO zu verwenden.
Einleitung
Meine Laufbahn als Paartherapeutin begann Anfang der 1990er-Jahre, gleich nach meinem Studium. Als ich einige Jahre später das Bedürfnis verspürte, die Menschen, die bei mir in Paartherapie waren, bei ihrer innerpsychischen Arbeit zu unterstützen, machte mich eine gute Freundin auf IFS, die Therapie mit dem System der Inneren Familie, aufmerksam. Diese Methode zur Arbeit mit Einzelpersonen und Familien hat Richard Schwartz in den 1980er-Jahren entwickelt (Schwartz 2018) und später für Paare erweitert, was er in seinem Buch Mutige Liebe (Schwartz 2019) darstellt. Obwohl mich sein Modell zuerst verwirrt hat, konnte ich die Kraft und Schönheit seiner Arbeit sehen. Sein Vertrauen in die Resilienz seiner Klientinnen und Klienten, sein fachliches Geschick, sein Respekt und seine Geduld waren so inspirierend, dass ich mehr darüber erfahren wollte. Ich hatte das Glück, mehrere Jahre von Richard Schwartz selbst betreut und ausgebildet zu werden, bevor ich 2006 selbst IFS-Ausbilderin wurde.
In der Ausbildung habe ich zuerst die Grundlagen des IFS-Modells bei der Arbeit mit Einzelpersonen unterrichtet, mit der Zeit aber auch die Paartherapie eingeschlossen. Dabei stellte ich fest, dass ich mehr zu sagen hatte, als in die zur Verfügung stehenden Unterrichtsstunden passte. Da Beziehungsarbeit schon lange mein Interesse und meine Leidenschaft war, verbrachte ich die folgenden Jahre damit, eine Methodik der Paartherapie zu entwickeln, die hauptsächlich auf IFS basiert, sich aber auch auf das stützt, was ich in meiner früheren Ausbildung und zahllosen Therapiestunden mit Paaren erfahren habe. Erstmals habe ich Intimacy from the Inside Out© (IFIO) 2009 in Boston unterrichtet, in einer Gruppe von erfahrenen IFS-Therapeutinnen und -Therapeuten. Seither befindet IFIO sich in ständiger Entwicklung, was ich ausgesprochen aufregend finde. Meine Ko-Autorinnen und ich haben dieses Buch als Leitfaden für alle geschrieben, die meine Vorgehensweise erlernen und anwenden wollen.
Die Grundstruktur von IFIO
Bei der Paartherapie im Kontext von IFIO geht es um die Dialektik zwischen der Planung der allgemeingültigen Aspekte, die wir vorhersehen können, und der geschickten Reaktion auf alles andere. Vorhersehen können wir zum Beispiel, dass unsere Klientinnen und Klienten sich sicher fühlen wollen, dass sie lieben und geliebt werden wollen. Ebenso vorhersehbar ist, dass sie verletzte Teile in sich tragen, die von beschützenden Teilen auf verschiedene Weise zu Verbannten gemacht wurden. Der Schutz durch diese Teile war zwar früher einmal nötig, ist inzwischen jedoch zu einem wesentlichen Aspekt des Problems geworden. Vorhersehbar ist weiter, dass wir bei der Therapie die Kooperation der Beschützerteile des Paares erlangen müssen, damit die Behandlung Erfolg hat. In den folgenden Kapiteln werden viele weitere vorhersehbare Aspekte von Denken und Verhalten zur Sprache kommen.
Im Gegensatz dazu gibt es ein breites Spektrum an inhaltlichen Problemen (wie etwa eine Affäre) und während einer Sitzung auftretenden Verhaltensinteraktionen (wie Ärger oder Wut), die bei jedem Paar vorkommen können, aber nicht vorhersehbar sind, weil sie nicht immer auftreten. Sie treffen uns als Behandelnde eher unvorbereitet. In IFIO ist es unser Ziel, uns von unseren eigenen beschützenden Teilen zu lösen. Egal, was geschieht, können wir dann spontan und vom Herzen her auf das Paar reagieren. Wir können unsere durch innere Weisheit, Lebenserfahrung und Ausbildung entstandene Kompetenz anwenden, ohne uns an Vorstellungen zu klammern, wie es in der Therapie laufen sollte.
Grundlegende Dialektik der therapeutischen Rolle: Vorbereitet sein und vom Selbst geführt werden
Auf der einen Seite dieser Grundstruktur steht die Fähigkeit, vorbereitet zu sein. Wie erwähnt, sollten wir wissen und verstehen, was universell und vorhersehbar ist, nämlich die komplexe Struktur des menschlichen Geistes und seine Funktion. Dazu gehören Teile (wie Schwartz diese Phänomene nannte) und der unbeschädigte Kern: das Selbst (Schwartz 2018). Dieses Selbst, das wir alle besitzen, kanalisiert die für unser psychisches Gleichgewicht nötigen Emotionen, darunter Interesse und Mitgefühl. Es stellt eine bemerkenswerte emotionale Stabilität und Weisheit zur Schau. Werden wir jedoch beschämt, treten beschützende Teile in Aktion. Kurzfristig können deren Strategien lebensrettend sein, aber langfristig bewirken sie eine innere wie äußere Wiederholung der ursprünglichen Verletzung. Über das alles wissen wir Bescheid.
Auf der anderen Seite unserer therapeutischen Grundstruktur steht die Fähigkeit zur Selbstführung (Schwartz 2018), durch die wir mit dem umgehen können, was nicht vorhersehbar ist. Vom Selbst geführt zu sein bedeutet, eine gute Beziehung zu unseren Teilen zu haben, damit wir uns von ihnen lösen können (Schwartz 2018), um bei allem, was geschieht, präsent zu sein. Wir wenden dann die Energie des Selbst und unser intuitives Wissen an, um zu entscheiden, welches Werkzeug im jeweiligen Augenblick geeignet ist. Auf der Basis dieser Dialektik zwischen dem Vorhersehbaren und dem Unvorhersehbaren führen wir durch die drei Behandlungsphasen, die in diesem Buch vorgestellt werden: Anfang, Mitte und Ende.
Die drei Phasen der Behandlung
Um die erste Phase, den Anfang, geht es im 2. Kapitel. Hier wird dargestellt, worauf man achten sollte, während man sich mit dem Paar vertraut macht, und wie das IFIO-Modell in der Therapie eingeführt wird.
Die mittlere zweite Phase umfasst den Großteil der Therapie. Wir haben ihr den Titel Der Fluss der Mitte und seine Strudel gegeben. Ausgedrückt werden soll damit einerseits die Vorwärtsbewegung, die durch den Wunsch des Paares entsteht, wieder eine Verbindung zueinander herzustellen, und andererseits das unvermeidliche Kreisen an steinigen Stellen, das die therapeutische Arbeit darstellt. Unser Prozess ist nicht linear. Wir wiederholen Neugelerntes, das einen Gegensatz zu den alten, lang gehegten Vorstellungen des Paares darüber darstellt, was Sicherheit und Geborgenheit bedeutet, wir stellen die fest verwurzelten beschützenden Teile behutsam auf den Prüfstand, und wir helfen den beiden, alte Wunden zu heilen. Notwendigerweise bewegen wir uns dabei hin und her zwischen dem, was wir wissen – dem Vorhersehbaren –, und dem, was in diesem Moment bei diesem speziellen Paar zum Vorschein kommt – dem Unvorhersehbaren. Um mit Letzterem umzugehen, verknüpfen wir unseren Schatz an Wissen mit der Bereitschaft, uns anregen zu lassen und zu improvisieren.
Diese mittlere Phase wird in neun Kapiteln beschrieben. Den Anfang bildet das 3. Kapitel, das darstellt, wie wir die negativen Interaktionszyklen des Paares identifizieren und aufdecken. Diese Methode setzen wir während der gesamten Behandlung ein, um dem Paar zu helfen, sich von beschützenden Teilen zu lösen und Abstand vom Inhalt zu gewinnen. Dadurch kann es erkennen, wie unbefriedigte Bedürfnisse, vor allem solche nach Sicherheit, Verbundenheit und Liebe, den Streit anfachen. Sobald diese Bedürfnisse identifiziert sind, können die Partner sich vertikal in ihre persönliche Last aus Verletzungen, Übergriffen und durch Trauma verursachten Überzeugungen versenken und an der inneren Heilung arbeiten. Die Gelegenheit zu individueller Arbeit kann sich zwar in jeder Phase der Behandlung ergeben, behandelt wird dieses Thema jedoch im 5. Kapitel.
Zuerst geht es jedoch im 4. Kapitel darum, dem Paar neue Kommunikationsfertigkeiten zu vermitteln. Sie ermöglichen es, sich von den eigenen Teilen zu lösen, um für diese Teile sprechen und ihnen vom Selbst aus zuhören zu können. Beim Einüben dieser Fertigkeiten interessiert uns besonders, dass das Paar ein Gefühl für die Regulierung des vegetativen Nervensystems bekommt und dass es genügend Vertrauen zu uns entwickelt, damit wir als Teile-Detektor (Schwartz 2018) dienen können. Das heißt, wir erhalten die Erlaubnis, zu erkennen, wenn eine Verschmelzung mit einem Teil vorhanden ist. Dann unterbrechen wir das Geschehen, damit eine Lösung von dem beschützenden (oder verbannten) Teil stattfinden kann. In der Rolle als Teile-Detektor geben wir auch ein Beispiel dafür, dass man sich nicht schämen muss, indem wir Interesse für verabscheute oder blamierte Teile zeigen. Um zu vermeiden, Klienten zu beschämen, und um ihre Kooperation zu erlangen, machen wir sie ferner auf unsere Ziele aufmerksam und erhalten von ihnen die Erlaubnis für die Rolle, die wir spielen, und für die Strategien, die wir anwenden wollen. Weil das bedeutet, dass beide Beteiligten dieses Angebot ablehnen können, ist es wichtig, weitere Optionen zur Hand zu haben und bereit zu sein, sich entsprechend anzupassen.
Im 5. Kapitel behandeln wir die innere Arbeit, mit der Wunden geheilt werden. Sie ist zwar von IFS abgeleitet, aber bei der Arbeit mit einem Paar kommt das Element der Beziehungsentlastung hinzu. Bei der Einzelarbeit fangen wir mit der Lösung von beschützenden Teilen an, bei einem Paar müssen beide sich so von ihren Teilen lösen, dass sie die verletzten, belasteten Teile der anderen Person mit Mitgefühl erleben können. Wenn man sich eng mit einem jungen, verletzlichen Teil verbunden fühlt, und die andere Person darauf reagiert, indem sie diesem inneren Kind Liebe und Fürsorge zukommen lässt, entstehen heilsame Momente der Verbundenheit. Und wenn Partnerin oder Partner fähig sind, diesem Teil gegenüber mitfühlender Zeuge oder Zeugin zu sein (und manchmal auch behutsam Unterstützung zu bieten), ergibt sich durch den Einklang einer Verbindung von Selbst zu Selbst (Schwartz 2018) eine wunderbare Gelegenheit für das Paar, neue Kommunikationsfertigkeiten einzuüben.
Im 6. Kapitel geht es um den Erwerb der wichtigsten Fähigkeiten unseres Therapieansatzes. Er basiert auf unserer eigenen Praxis als Therapeutin oder Therapeut, uns von unseren Teilen zu lösen, unsere Beschämung aufzugeben und uns zu entlasten. Diese Methoden aus der IFS-Therapie vermitteln wir an das Paar.
Nachdem das Paar im 2. bis 6. Kapitel gelernt hat, sich von seinen Teilen zu lösen, sich selbst zu regulieren, auf neue Weise miteinander zu kommunizieren und aus der Vergangenheit stammendes Trauma zu entlasten, ist eine gute Grundlage entstanden, um uns im 7. Kapitel dem schwierigen Austausch über die Unterschiede und Bedürfnisse zuzuwenden, mit denen die beiden zur Therapie gekommen sind, weil ihnen die entsprechende Fähigkeit zur Toleranz fehlte. Da sie nun das Kindheitsdilemma der anderen Person verstehen und fähig sind, ihre Bedürfnisse einladend statt bedrohlich vorzubringen, sind sie bereit, mit offenem Herzen zu kommunizieren. Wir vermitteln ihnen nun, wie man Bedürfnisse verhandelt, Enttäuschungen aushält und eine neue Art, zu sprechen und sich zu verhalten praktiziert, um Bedürfnisse zu erfüllen. Außerdem lernen sie, jene Momente der Verbundenheit zu nutzen, die eine Beziehungsentlastung ermöglichen.
Im 8. Kapitel vertiefen wir das Thema Bedürfnisse, wobei wir uns darauf konzentrieren, was geschieht, wenn Bedürfnisse sich treffen und wenn sie sich im Konflikt befinden. Alle Menschen brauchen Liebe und Verbundenheit, aber ihre hart arbeitenden beschützenden Teile sind oft polarisiert, sowohl innerlich (mit anderen Teilen) als auch äußerlich (mit den beschützenden Teilen der anderen Person). Unser Ziel ist es, beiden zu helfen, sich von ihren Beschützern zu lösen und deren Polarisierung zu beenden, damit sie bei der unvermeidlichen Verhandlung über Bedürfnisse geschickter vorgehen können.
Im 9. Kapitel betrachten wir das Gefühl der Beschämung aus der Beziehungsperspektive und beschäftigen uns mit der Schlüsselrolle, die der Akt des Beschämens und das Gefühl der Beschämung bei allen psychischen Lasten spielen. Wir unterstützen das Paar dabei, das Wesen von Beschämung zu verstehen, den Teufelskreis von Beschämung und Schuldzuweisung zu durchbrechen und die beschämten Teile zu heilen.
Im 10. Kapitel kommt die Kreativität zum Zug, die wir im gesamten Buch propagieren. Die Erfahrung des Paares wird vertieft, indem wir es während der Therapiesitzung dazu auffordern, mit neuen Verhaltensweisen zu experimentieren.
Im 11. Kapitel geht es um die Frage, weshalb schwierige Fälle aus unserer Perspektive schwierig sind. Um mit IFIO Erfolg zu haben, müssen wir aufmerksam auf unser eigenes inneres System lauschen und in der Lage sein, uns schnell und häufig von unseren Teilen zu lösen. Wir greifen daher auf das 6. Kapitel zurück und stellen ausführlicher dar, inwiefern unsere persönliche Arbeit als Therapeutin oder Therapeut, uns von Teilen zu lösen und die Beziehung zwischen unseren Teilen und dem Selbst zu entwickeln, entscheidend für eine geschickte Reaktion auf das Geschehen in der Sitzung ist, egal, wie das Paar sich verhält. Damit endet die zweite Phase.
In der dritten Phase, die im 12. Kapitel behandelt wird, stehen Versöhnung und der Schritt in die Zukunft im Vordergrund. Dieser Abschluss der Behandlung, der wie der Anfang die breite und vielfältige mittlere Phase einrahmt, hat wieder einen engeren Fokus. Hier geht es um Wiedergutmachung, Auflösung, Vergebung und den Beginn einer Beziehung, in der Toleranz für die vorhandenen Unterschiede (wenn nicht sogar die Freude daran) im selben Maße vorhanden ist wie Liebe und Gegenseitigkeit.
Die drei Phasen der Paartherapie in IFIO
Phase 1: Anfang
Erstes Gespräch mit dem Paar, um den Grad an Differenzierung zu beurteilen.
Erfahren, was die beiden fürchten.
Erfahren, was sie wollen, welche Hoffnungen, Wünsche und Ziele sie haben.
Möglichkeiten anbieten.
Phase 2: Der Fluss der Mitte und seine Strudel
Was wir tun:
Dem Paar neue Kommunikationsfähigkeiten vermitteln, die beiden helfen, sich von ihren Teilen zu lösen und ihr vegetatives Nervensystem zu regulieren.
Die Erlaubnis erhalten, die Rolle eines Teile-Detektors einzunehmen.
Aufdecken, wie die beiden streiten und auf welche Weise sie verletzlich sind, darunter:wie sie Bedürfnisse verhandeln;wie sie sich gegenseitig beschämen;wie sie auf die Beschämung reagieren (das heißt, wie ihre beschützenden Teile sie beschämen).
Den beiden die neuen Kommunikationsfertigkeiten aufzeigen, die wir ihnen vermitteln wollen.
Ihnen Körperbewusstsein vermitteln und ihre Arbeit mit Erfahrungsübungen vertiefen.
Die Beziehungsentlastung fördern und verstärken.
Einzelarbeit, darunter:Lösen von Teilen;Entlastung von Beschämung;Partnerin oder Partner als Zeugen haben;neue Kommunikationsfertigkeiten üben;Rückkehr zu den Beziehungsbedürfnissen;Einüben von Fertigkeiten, die eher zur Befriedigung von Bedürfnissen führen.
Phase 3: Abschluss
Hier wirken wir unterstützend und lenkend, während das Paar, das jetzt fähig ist, sich von seinen Teilen zu lösen, allmählich das Geschehen übernimmt:
Die andere Person als Ressource sehen statt als die Person, die verletzt oder als Retter(in):den Reparaturprozess anleiten;Vergebung zustande bringen.
Wenn die beiden vorwärtsschreiten, eine Beziehung erschaffen, in der zugleich Unterschiede anerkannt werden und eine gemeinsame Vision vorhanden ist.
Phase 1

Anfang
Grundlagen der IFIO-Therapie
Paarbeziehungen bilden den Kern unserer sozialen Verbindungen, indem sie uns helfen, uns zu entwickeln, tiefe Liebe zu empfinden und Verluste zu ertragen (Bowlby 2006; Coan 2006; Johnson 2009, 2014). Wenn ein Paar in einem Zustand von Entfremdung, Wut und Trauer über den Verlust der Vertrautheit mit einer Therapie beginnt, hat es oft zwei Ziele, die ihm wie Gegensätze vorkommen: sich sicher zu fühlen und die Vertrautheit wiederherzustellen. Der IFIO-Ansatz bietet eine Methode, diese Ziele zu erreichen. In den folgenden Kapiteln beschäftigen wir uns damit, wie Vertrautheit hergestellt wird, und erforschen, was dem in die Quere kommt, vor allem, wenn man einander beschämt und sich beschämt fühlt. Wir vermitteln dabei, wie man als Paar mit den natürlich in unserer Psyche vorhandenen Unterpersönlichkeiten, unseren Teilen, arbeitet.
Da IFIO von den Konzepten und dem Modell der Psyche ausgeht, die von Richard C. Schwartz im Rahmen von IFS entwickelt wurden, soll zuerst darauf eingegangen werden. Fangen wir mit den Teilen an. Alle Modelle der Psyche, die sich mit innerpsychischen Konflikten beschäftigen, gehen von mehreren psychischen Anteilen aus. Freud (2000) spricht von Es, Ich und Über-Ich, Jung (1991) von Archetypen und Komplexen, Assagioli (2004) von Unterpersönlichkeiten; von Watkins und Watkins (2019) stammt die Ego-State-Therapie. Dazu kommen verschiedene Ansätze, die mit dem inneren Kind arbeiten. Laut Schwartz (2018) denken und fühlen unsere Teile, sie haben Überzeugungen, führen alltägliche Handlungen aus und wirken in komplexer Weise auf unsere Beziehungen ein. Jeder Teil besitzt seinen eigenen Erfahrungsschatz. Wenn es den Teilen überlassen bleibt, ihre Erfahrungen ohne Führung einer zuverlässigen Elternfigur zu bewältigen, können sie von Emotionen überflutet, kognitiv verwirrt und mit untragbaren Überzeugungen belastet werden. Ist das der Fall, übernehmen manche Teile eine beschützende Rolle und entwickeln Überlebensstrategien, die dem Augenblick und der Entwicklungsstufe der Person angepasst sind. In dem Moment sind diese Strategien zwar nützlich, aber sie sind oft alles andere als optimal, was die spätere Lebensqualität und ein langfristiges inneres Wachstum angeht.
Egal, wie dysfunktional das Verhalten solcher beschützender Teile wirkt, sobald die Krise vorüber ist, vertreten sie eine altruistische Motivation, wenn wir mit ihnen sprechen (was wir tun können). Sie handeln im Dienste des Überlebens und nach besten Kräften. Daher besteht das Ziel der Behandlung nicht darin, sie zu kontrollieren oder loszuwerden, sondern sie zu befreien. Glücklicherweise können wir unseren verletzlichen, konfliktträchtigen Teilen helfen, weil wir ein Selbst besitzen. Das Selbst in jedem von uns ist fähig, verwundete Teile zu heilen und unser inneres System mit Mut, Weisheit und Mitgefühl zu führen (Schwartz 2018). Die Vorstellung eines Selbst ähnelt dem, was in verschiedenen spirituellen und philosophischen Traditionen als Buddha-Natur, Seele, inneres Licht, Tao oder Flowzustand bezeichnet wird. Es handelt sich um einen energetischen Zustand, der uns allen verfügbar ist und der weder verwundet noch beschädigt werden kann. Dennoch kann es schwierig sein, Zugang dazu zu finden, vor allem, wenn in der Kindheit problematische Umstände geherrscht haben. Der IFIO-Ansatz hilft einem Paar, Zugang zum Selbst beider Personen zu erhalten. Dadurch wird diese wirksame Ressource – zusammen mit dem Konzept der Teile – im Rahmen der Beziehung zu einem Instrument, das zu Wachstum und Heilung der beiden Individuen und des Paares beiträgt.
Die Teile
Was sind unsere Teile überhaupt? Jenseits der subjektiven Erfahrung wissen wir das nicht. Aber wenn bestimmte Glaubenssysteme (darunter verschiedene Religionen, Psychotherapiemodelle und Selbsthilfemethoden) unsere Teile als unerwünschte negative Impulse betrachten, animieren sie uns dazu, diese Teile zu ignorieren, zu beschämen oder aus dem Bewusstsein zu verbannen. Richard Schwartz berichtet, dass die Arbeit mit seinen Klientinnen und Klienten ihn gelehrt hat, das Gegenteil zu tun, nämlich alle Teile willkommen zu heißen und ihnen zuzuhören. Unsere Teile helfen uns zu überleben; sie bereichern unser Leben mit ihrem Verstand, ihren Gaben und Talenten, und sie reagieren entsprechend, wenn sie gehört werden und Wertschätzung erfahren.
Obwohl wir nicht wissen, was Teile sind, können wir sie entdecken, wenn wir in unserem Innern auf unsere Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen und Handlungsimpulse achten. Tun wir das, so merken wir, dass sie unsere Selbstidentität formen und unser Verhalten beeinflussen. Und wenn wir mit ihnen sprechen, antworten sie (oder kommunizieren in irgendeiner Weise mit uns). Teile können beschreiben, was sie durch zwischenmenschliche Beziehungen gelernt haben und wie sie in Beziehung zueinander existieren. Zum Beispiel hören wir, dass ein Teil eine aus einer Beziehung stammende Verletzung als Identität angenommen hat (Ich bin unsympathisch, ich bin ein schlechter Mensch), was andere Teile dazu gebracht hat, eine beschützende Rolle zu übernehmen. Die erste Kategorie von Teilen bezeichnet Schwartz als verbannte, die zweite als beschützende Teile. Außerdem unterscheidet er die Taktik beschützender Teile in das aktive Verhalten von Managern und das reagierende Verhalten von Feuerbekämpfern (mehr über die IFS-Begrifflichkeit im Glossar).
IFS stellt uns ein Gerüst und eine Sprache zu Verfügung, um jeden Teil kennenzulernen, egal welche Rolle er in der inneren Familie spielt, und um die Beziehung zwischen den Teilen zu verstehen. Bei der Arbeit mit Paaren gehen wir ebenso vor wie bei der Einzelarbeit – wir würdigen die Entscheidungen, die alle Teile angesichts der Umstände getroffen haben, wir nehmen die guten Absichten ihrer Bemühungen wahr, und wir versichern ihnen, dass wir sie im Verlauf des Therapieprozesses nicht beseitigen werden. Laut den Grundsätzen des IFS-Modells, die sich nach unserer Erfahrung als valide erwiesen haben, verfügen alle Teile über eine ihnen eigene Gabe, die sie dem System zu bieten haben, sobald sie entlastet wurden. Diese Therapieform heißt alle Aspekte von uns willkommen, vor allem jene Teile, die verbannt wurden, und fügt sie wieder zu einem Ganzen zusammen.
Die Optionen der Teile: Verschmelzen und Lösen
Weil die Beziehung zwischen den Teilen und dem Selbst Klarheit fördert und sowohl schwierige wie traumatische Erfahrungen heilt, besteht das wichtigste Ziel der IFS-Therapie darin, diese Beziehung zu entwickeln. Alles, was sie beeinträchtigt, kann für die Behandlung fruchtbar sein, und das ist für Paare wie für das Individuum in erster Linie das Verschmelzen.
Vom Verschmelzen spricht man, wenn ein Teil die Führung über das Bewusstsein übernimmt. Nehmen wir an, wir fahren an einem wunderschönen Frühlingstag mit dem Auto nach Hause. Das Fenster ist offen, im Radio läuft Musik; wir singen mit und freuen uns darauf, den Abend zu Hause zu verbringen. Plötzlich überholt uns ein anderer Wagen und schneidet uns. Wir treten fluchend auf die Bremse, wir sind wütend und verspüren den Impuls, diesen Trottel, der da davonrast, zu verfolgen, um ihm ordentlich die Meinung zu sagen. Aus der Perspektive von IFS hat dabei gerade ein wütender Teil die Führung übernommen; er ist mit uns verschmolzen. Wo ist nur das unbeschwerte Gefühl von vorher geblieben? Ist es für immer verschwunden? Richard Schwartz würde sagen, dass dieses Gefühl von einem Teil stammte, der momentan in unserem Bewusstsein durch etwas anderes ersetzt worden ist. Sobald sich der wütende Teil beruhigt hat, kann der unbeschwerte Teil allmählich zurückkehren und wieder Freude verbreiten.
Ein solcher Vorgang stellt die natürliche Aktivität unserer Teile dar. Sie verschmelzen mit uns und lösen sich von uns. Sie üben Einfluss auf unser Bewusstsein aus und ziehen sich dann wieder zurück, was der in der Achtsamkeitsliteratur beschriebenen Dezentrierung entspricht (Kabat-Zinn 2019). Wenn alles gut läuft, ist ihre Rolle zeitlich und räumlich ausgewogen; sie erhalten Unterstützung durch die Führung des Selbst und tragen dazu bei, dass das gesamte System optimal funktioniert. Steht die Sorge um die eigene Sicherheit jedoch an erster Stelle und hat man wenig eigene Erfahrung mit Selbstführung (und auch kein Vorbild in dieser Hinsicht), so verwenden die beschützenden Teile das, was sie gelernt haben, um zurechtzukommen und Sicherheit herzustellen. Oft ist das jedoch genau die Taktik, der sie selbst auf schädliche Weise ausgesetzt waren. Die erste Phase der IFS-Therapie widmet sich daher der Aufgabe, Freundschaft mit unseren beschützenden Teilen zu schließen und ihnen zu vermitteln, dass sie sich gefahrlos von uns lösen können. Wenn ein Teil sich weigert, sich zu lösen und dem Selbst von Klientin oder Klient die Führung zu überlassen, kann unser eigenes Selbst in der therapeutischen Rolle, in der wir immer ein Beispiel an Selbst-Führung sein sollten, vorläufig als Vertretung dienen.
Das IFS-Verfahren mit den zusätzlichen Dimensionen von IFIO
IFIO ist eine erfahrungsorientierte Methode der Paartherapie, die im Lauf der vergangenen zehn Jahre entstanden ist, während ich die Konzepte von IFS verwendet habe, um sowohl dem Paar als auch den beiden Individuen zu Wachstum und Heilung zu verhelfen. Meine Verfahrensweise in der Paartherapie ist dazu gedacht, die Stärken und Ressourcen beider Personen und des Paares zu entdecken, um Wunden zu heilen, die frisch entstanden sind, aus früheren Beziehungen herrühren oder aus der Kindheit stammen. Das Ziel ist es, eine gesunde, vertrauensvolle Verbindung zwischen den beiden Personen so zu fördern, wie es ihrer Vorstellung entspricht.
Es ist keine leichte Aufgabe, zwei Menschen und ihre Teile dazu zu bringen, auf aufgeschlossene und befriedigende Weise zu interagieren, wenn ständig Verbannte getriggert werden und wenn die beschützenden Teile extrem wachsam und reaktionsfreudig sind. Wie im ganzen Buch deutlich werden wird, umfasst eine Paartherapiesitzung offenkundig mehr Teile und mehr Personen als eine Sitzung für Einzelpersonen. Es gibt natürlich Unterschiede zwischen den jeweiligen Sitzungen, aber im Allgemeinen geht es unter anderem darum, nach innen zu gehen. Das heißt, man richtet die Aufmerksamkeit auf Körperempfindungen, lauscht darauf, ob eine Stimme sich meldet und/oder ob bildliche Vorstellungen auftauchen. Dieser Fokus nach innen kann uns in einen fast schon meditativen Zustand bringen, in dem Empfindungen, Gefühle oder Gedanken einen Teil oder mehrere Teile offenbaren, die Aufmerksamkeit brauchen. Da es unsere Aufgabe ist, die Kooperation von Teilen zu fördern und ihnen dabei zu helfen, ihre Vorgehensweise grundlegend zu ändern, suchen wir nach verschiedenen Möglichkeiten, sie zu bitten, sich zu lösen und während des Prozesses in einer Beziehung zum Selbst zu sein. Kurz gesagt, nutzt die IFIO-Paartherapie die Techniken von IFS und fügt weitere hinzu, um den Bedürfnissen des größeren Beziehungssystems gerecht zu werden.
Das Intrapersonelle und das Interpersonelle heilen
Weil äußere Beziehungen ein Spiegel der inneren Beziehungen zwischen unseren Teilen und dem Selbst sind, integrieren wir das Interpersonelle und das Intrapersonelle. Während die beiden Personen sich mit der interpersonellen Aufgabe beschäftigen, die Beziehung zu erforschen, zu heilen und wieder eine Verbundenheit zueinander herzustellen, leisten sie zugleich die innere Arbeit, Verletzungen zu heilen und schädliche innere Beziehungen umzuwandeln. Diese beiden Ebenen des Prozesses verstärken und unterstützen sich gegenseitig. Verbundenheit wird von innen nach außen und umgekehrt geschaffen, wobei das Ziel darin besteht, liebevolle und authentische, aber auch anpassungs- und entwicklungsfähige Beziehungen herzustellen, sowohl in inter- wie in intrapersoneller Hinsicht.
Wie in der Einleitung erläutert, besteht IFIO aus drei Behandlungsphasen. In der ersten Phase setze ich mich mit dem Paar zusammen, um den Grad seiner Differenzierung einzuschätzen (die Fähigkeit der beiden Personen, zu akzeptieren, dass sie verschieden voneinander sind). Ich erkundige mich nach ihren Hoffnungen und Zielen und erkläre ihnen, welche Möglichkeiten es aus meiner Sicht gibt. In der längeren mittleren Phase helfe ich den beiden, sich zu differenzieren, sowohl innerlich (von ihren Teilen) wie äußerlich (voneinander). Das ist meiner Ansicht nach entscheidend dafür, dass sie lieben und geliebt werden können, aber auch dafür, dass ich ihnen helfen kann, die Beziehung zu erschaffen, nach der sie sich sehnen. Dieser Prozess besteht aus mehreren Aspekten, die zu einer der folgenden Kategorien gehören: Verhaltensmuster beurteilen, neue Fähigkeiten vermitteln (darunter neue Möglichkeiten, miteinander zu kommunizieren und um etwas zu bitten) und die individuelle Arbeit des Entlastens leisten.
Um Verhaltensmuster zu beurteilen und die Differenzierung zu unterstützen, fange ich damit an, die Verletzlichkeit zu erforschen, die dem Streit des Paares zugrunde liegt. Innerlich bedeutet dies jeweils, das Selbst von den Teilen zu unterscheiden, also sich von den Teilen zu lösen. Das hilft den beiden dabei, ihr vegetatives Nervensystem zu regulieren. Zu diesem Zweck bitte ich beide, für ihre Teile statt als oder aus ihnen heraus zu sprechen, was einen erheblichen Grad an Losgelöstheit von den Teilen erfordert. Außerdem unterstütze ich beide darin, ihre emotionalen Bedürfnisse zu erkennen und geschickter dafür zu sorgen, dass diese erfüllt werden. Wenn wir zur individuellen Arbeit kommen, helfe ich ihnen, ihre Kindheitswunden zu heilen, indem die Beschämung entlastet wird. Unabhängig davon, was gerade geschieht, gehe ich erfahrungsbezogen vor, um die beiden in ihren Körper zu holen, und ich fördere die Beziehungsentlastung, eine zwischen den Partner stattfindende Heilung, durch die sowohl innere wie äußere Beziehungen wiederhergestellt werden.
Die dritte Phase der Behandlung ist erreicht, wenn die beiden fähig sind, sich gegenseitig als Ressource zu sehen statt als die Person, die verletzt, oder als Retter(in). Außerdem arbeiten wir daran, die Beziehung wiederherzustellen. Das erneuerte Gefühl der Verbundenheit, das dadurch entsteht, gibt dem Paar die Freiheit, das nächste Kapitel der Beziehung aufzuschlagen, in dem beide ihre Unterschiede akzeptieren (oder sogar begrüßen) und sich in Liebe verbinden.
Negative Kreisläufe identifizieren, um den Streit zu begreifen
Mit IFIO erforschen wir, auf welche Weise die emotionalen Reaktionen von jungen, verängstigten Teilen (in IFS als Verbannte bezeichnet) das Verhalten der beschützenden Teile im System beeinflussen. Anders ausgedrückt, regen wir in der therapeutischen Rolle die beiden Personen dazu an, zu begreifen, inwieweit das, was sie bei einem Streit tun oder sagen, durch Verletzlichkeit und Bedürftigkeit motiviert ist.
Xander und Naomi
Bei Naomi ist es in der Arbeit heute schlecht gelaufen, und als sie nach Hause kam, forderten die Kinder ihre Aufmerksamkeit. Obwohl Naomi erschöpft und überfordert war, hat sie getan, was getan werden musste. Sie hat überlegt, was sie zum Abendessen kochen soll, sie hat den Hund gefüttert und Karotten für die Kinder geschält, damit sie aufhören, Käse und Cracker zu futtern. Dennoch haben scheinbar weder ihr Mann Xander noch die Kinder wahrgenommen oder anerkannt, was sie alles getan hat. Ein Teil in ihrem Innern fühlt sich allein, nicht wertgeschätzt und wird immer ärgerlicher. Eigentlich will dieser Teil von Xander getröstet werden, aber Naomi ist mit einem Teil verschmolzen, den man als »Manager-Mama« bezeichnen könnte. Dann fällt ihr auch noch auf, dass Xander vergessen hat, den Abfall runterzubringen. Wieder einmal! Für den sich nicht wertgeschätzt fühlenden Teil, der Trost und Zuneigung bräuchte, ist das ein weiterer Beweis, dass niemand sich um ihn kümmert. Deshalb tritt ein wütender beschützender Teil auf den Plan. Und weil Naomis System mit Wut überschwemmt wird, nimmt sie die Bedürfnisse des Teils, der sich nicht wertgeschätzt fühlt, überhaupt nicht wahr. Stattdessen denkt sie, Xander müsste doch wissen, wie sehr sie es verabscheut, in der Küche mehrere stinkende Müllsäcke vorzufinden, wenn sie nach Hause kommt.
Eigentlich will Naomi sich wertgeschätzt und geliebt fühlen, und ihr System war verständlicherweise der Ansicht, dass Xander das leisten könnte. Aber statt Xander mitzuteilen, dass sie seine Aufmerksamkeit und Unterstützung braucht, geht sie in die Luft. Ihr wütender Teil hofft dabei, dass Xander ihr Bedürfnis erkennt und sie rettet, aber das ist ihr nicht bewusst.
Verständlicherweise ist Xander von Naomis Wut überrascht und verletzt. Auch er hatte einen langen Arbeitstag; er war gerade damit fertig, die Einkäufe einzuräumen, die er auf der Fahrt nach Hause besorgt hat. Ein Teil von Xander fühlt sich daher – wer hätte das gedacht? – ebenfalls überfordert und nicht wertgeschätzt. Jetzt leiden beide. Xander blafft zurück und beschuldigt Naomi, zu meckern und ihn anzugreifen. Der Streit untergräbt das Vergnügen daran, am Tagesende zu Hause zu sein, gemeinsam zu kochen, sich auf eine gute Mahlzeit mit den Kindern zu freuen und so weiter. Beide haben von der anderen Person nicht das bekommen, was sie wollten und brauchten.
Weshalb ist es dazu gekommen? Weshalb ernten wir das Gegenteil dessen, was wir uns erhofft haben? Weil wir zu der Illusion neigen, unsere Entscheidungen wären bewusst, erwachsen und auf die aktuelle Situation angepasst, während wir in Wirklichkeit so reagieren, wie frühere Erfahrungen es uns gelehrt haben. Gegenwart und Vergangenheit sind im Gehirn eng miteinander verknüpft. Wenn wir uns bedroht fühlen, wird in der Amygdala, dem primitiven Teil des Gehirns, das sich um unser Überleben und unsere Sicherheit kümmert, eine Reaktion ausgelöst. In der Amygdala ist unser implizites Gedächtnis gespeichert, das existiert, ohne bewusst wahrgenommen zu werden. Zum Beispiel wissen wir ohne Beteiligung des Bewusstseins, wie man Rad oder Auto fährt. Implizite Gedächtnisinhalte, die unter anderem zum Selbstschutz verwendet werden, bilden sich hauptsächlich in der Kindheit, in Zeiten von starkem Stress und dann, wenn unser Überleben gefährdet ist. Wenn in der Gegenwart implizite Erinnerungen wachgerufen werden, reagiert das Gehirn so, als befände es sich in der Vergangenheit (Cozolino 2002).
Wenn unser Gegenüber also etwas sagt oder tut, was uns an eine schmerzhafte frühere Erfahrung erinnert, kommt die Schutzreaktion oft ausgesprochen stark und blitzschnell. Als Naomi die vollen Müllsäcke sah, hat sich ein Teil von ihr, der sich früher ungeliebt (und nicht liebenswert) gefühlt hat, wieder so gefühlt. Als Reaktion darauf ist ihr beschützender Teil zum Angriff übergegangen. Passiert ist das, bevor sie auch nur einen Moment Zeit hatte, sich daran zu erinnern, dass Xander sie liebt, egal, ob er den Müll runtergebracht hat oder nicht. Die Geschwindigkeit, mit der wir emotionale Gefahren verarbeiten, verhindert Beurteilung, Reife und Weisheit (Cozolino 2002 und 2008; Siegel 2009). Die entscheidende Perspektive, die wir von unserem Zeitgefühl ableiten, wird durch die aktuelle Bedrohung außer Kraft gesetzt. In der Sprache unserer Therapiemethode versucht ein beschützender Teil ein stark aktiviertes inneres System abzuschirmen. Neurowissenschaftlich ausgedrückt, manifestiert die Aktivierung der Amygdala sich als Über- oder Untererregung. Das Paar trifft keine bewussten Entscheidungen, was nicht seine Schuld ist. Es verhält sich schlicht und einfach menschlich.
Der Ausgangspunkt einer Paartherapie zeichnet sich daher typischerweise durch negative Argumentationsmuster aus. Unabhängig vom Inhalt und davon, wer angefangen hat, sind solche Interaktionen vorhersehbar. In IFIO suchen wir wie in der systemischen Familientherapie nach zyklischem Verhalten (Minuchin und Fishman 1992). Zwischen dem klassischen familientherapeutischen Ansatz und IFIO gibt es jedoch einen Unterschied. Statt uns nur auf die interpersonellen Interaktionen zu konzentrieren, beschäftigen wir uns auch mit den inneren Interaktionen, speziell damit, wie das Verhalten von beschützenden Teilen durch die emotionale Reaktivität von verängstigten jungen Teilen (den Verbannten) hervorgerufen wird. Anders ausgedrückt, vermitteln wir den beiden Personen ein Verständnis dafür, inwiefern das, was sie in einer Streitsituation tun oder sagen, durch Verletzlichkeit und Bedürftigkeit motiviert ist. Wie auf diesen Seiten immer wieder deutlich werden wird, ist es von entscheidender Bedeutung, die Gefühle und Reaktionen im Innern wie im Äußeren zu verfolgen.
Unsere beschützenden Teile in einer Beziehung
Nehmen Sie sich jetzt bitte einen Moment Zeit, darüber nachzudenken, was mit Ihnen passiert, wenn Sie sich in einer Paarbeziehung verletzt oder verängstigt fühlen. Wozu neigen Ihre beschützenden Teile? Wollen sie davonlaufen? Sich wehren? Nicht mehr zuhören? Intellektualisieren? Sich unterwerfen? Egal, welche Taktik Ihre beschützenden Teile anwenden, sie haben das geradezu unheimliche Talent, genau das hervorzurufen, was Sie zu vermeiden hofften, so wie es Naomi in unserem Beispiel getan hat. Diese Teile haben sich während unserer Entwicklung herausgebildet, weil sie zum entsprechenden Zeitpunkt gebraucht wurden, aber anschließend sind sie bei uns geblieben und wiederholen nun dieselbe alte Taktik als Reaktion auf Stress oder Bedrohungen, obwohl unser Leben sich verändert hat. Wir wirken und reden zwar wie Erwachsene, aber wenn unsere kindlichen Teile aufgrund von impliziten Erinnerungen auf Bedrohungen reagieren, reißen sie uns mit.
In IFIO durchbrechen wir diesen Kreislauf, indem wir das tun, was Schwartz (2019) als radikale Kehrtwende (U-Turn) bezeichnet. Es ist eine Strategie, mit der die entscheidende Beziehung des Selbst zu den Teilen entwickelt wird. Durch diese Kehrtwende konzentrieren die beiden Personen sich in erster Linie auf ihr eigenes Verhalten statt auf das ihres Gegenübers. Schon im Voraus sei warnend darauf hingewiesen, dass mit heftigen Reaktionen zu rechnen ist, wenn die beschützenden Teile den Prozess als Forderung verstehen, starke Reaktionen zu unterdrücken und ein unannehmbares Verhalten der anderen Person zuzulassen. Deshalb zeigen wir verschiedene Möglichkeiten auf, die Kehrtwende so zu vollführen, dass die beschützenden Teile sie als das erkennen, was sie ist: eine Einladung, nach innen zu gehen, um mit Neugier und Mitgefühl zuzuhören.
Bei den folgenden Fallbeispielen geht es unter anderem darum, dass eine der beiden Personen sich von ihren Teilen löst und Zugang zum Selbst findet, was ihr dabei hilft, ihr vegetatives Nervensystem zu regulieren, effizienter zu kommunizieren und schließlich ihre Beschämung zu entlasten. Eine solche innere Heilung hat eine direkte Wirkung auf die Beziehung (Schwartz 2018).
Zum Gespräch zurückkehren
Nach der Kehrtwende kehren wir zum Gespräch zurück und richten den Fokus wieder auf das Paar. Wir helfen den beiden, von ihren Teilen gelöst zu bleiben, damit sie leichter miteinander über ihre Hoffnungen und Ängste sprechen können, über ihre früheren Verletzungen, darüber, wie ihre Bedürfnisse erfüllt werden können, und was sie von sich und voneinander erwarten. Zuerst lernt das Paar, die verletzlichen Teile zu erkennen, die seinem Konflikt zugrunde liegen, und dann lernt es, sich um diese Teile zu kümmern. Dadurch können die beiden miteinander auf ganz andere Weise präsent sein. Auch das wird in den folgenden Kapiteln ausgeführt.
Eine neue Beziehung
Ein liebevolles Verhältnis wiederherzustellen, kann die Wunden heilen, die in einer Beziehung entstanden sind. Dadurch verändert sich das Verhalten und dadurch auch das Gehirn. Daher kann eine Paartherapie eine Variante der Entlastung bieten, die ich als Beziehungsentlastung bezeichne. Während eine der beiden Personen innerlich zum Zeugen für ihre jungen Verbannten wird, wird die andere Person auch zum Zeugen. Diese Entlastung, die verschiedene zeitliche Schichten hat und verschiedene Aspekte der Verbundenheit anspricht, ermöglicht es den Verbannten, innerlich wie äußerlich eine korrigierende Erfahrung zu erleben (Ecker u.a. 2016).
Es ist unser Ziel, das Paar zu einer beiderseitig zufriedenstellenden Situation zu führen, was immer das für die beiden bedeuten mag. Statt ihnen zu helfen, Probleme zu lösen oder Lösungen für unvermeidliche Kämpfe zu finden, wollen wir eine Beziehung mit einer sicheren Bindung entstehen lassen. Das fördert offene, fürsorgliche Interaktionen und die Wertschätzung für Unterschiede ebenso wie für Gemeinsamkeiten. Wenn die beiden sich sicher genug fühlen, ihre Teile und zugleich die ihres Gegenübers zu verstehen und für sie zu sorgen, verändert sich die Interaktionsweise meist dramatisch. Dann können endlich jene schwierigen Gespräche geführt werden, in denen es um Sicherheit, Geborgenheit, Ärger, Wut und Sex geht, darum, wer den Abfall runterbringt und darum, wie man um Vergebung bittet und vergibt.
Das Paar kennenlernen und die Methode vorstellen
In diesem Kapitel stellen wir den Ablauf einer typischen ersten Sitzung (oder der ersten paar Sitzungen) vor. Ich bekomme ein Gefühl für das Paar, schätze seinen Grad an Differenzierung ein und spreche mit den beiden darüber, welche Bedenken sie hinsichtlich der Therapie haben, aber auch über ihre Hoffnungen und Ziele. Außerdem erkläre ich ihnen die Methode und biete ihnen einen Überblick über die vorhandenen Möglichkeiten. Und ich entlocke ihnen die Informationen, die ich von ihnen haben will. Unter anderem sind das Einzelheiten über die erste Zeit ihrer Beziehung, über die Ursprungsfamilien, darüber, wie sie streiten und wie sie um Vergebung bitten (falls sie das tun). Von Interesse sind auch die Bürden, die sie momentan mit sich herumschleppen, darunter die normalen Stressfaktoren des Lebens, besondere unglückliche Umstände und vorhandenes Fehlverhalten.
Die Rolle von IFIO-Therapeutin oder -Therapeut
In IFIO haben wir die maßgebliche Aufgabe, dem Paar zu helfen, ein optimales Erregungsniveau zu erreichen, was phasenweise bedeutet, alles uns Mögliche zu tun, um Schaden zu verhüten. Mit diesem Ziel im Blick achten wir darauf, welche Teile gerade auftauchen (unsere oder die des Paares), wir nehmen den Grand an Verschmelzung wahr und stimmen uns besonders auf die beschützenden Teile ein, die angreifen oder erstarren. Das heißt, wir fungieren als Teile-Detektor (Schwartz 2019) für das Mini-System, das aus dem Paar und uns selbst besteht. Um diese Rolle einnehmen zu können, bitten wir um die Erlaubnis, Angriffe zu verhindern, indem wir das Geschehen so oft und so schnell unterbrechen, wie wir es für nötig halten. Außerdem halten wir Ausschau nach Teilen, die nicht angreifen, sondern die betreffende Person erstarren lassen, durch Dissoziation, Betäubung oder geistige Abwesenheit. In den ersten Sitzungen kommt das zwar nur selten vor, aber – wie wir sehen werden – später in der Therapie ziemlich häufig.
Die erste Sitzung mit Susan und Marco
»Nun, was hat Sie hierher geführt?«, fragte ich.
»Die letzten paar Jahre waren katastrophal«, fängt Susan an. »Ich weiß gar nicht, was da passiert, aber wir haben immer öfter Streit ... und der dauert tagelang.«
Marco nickt. »Ja, es war hart. Obwohl wir einander lieben, das stimmt doch, Sue, oder?« Er wirft ihr einen Blick zu. »Trotzdem tun wir einander weh und haben keine Ahnung, wie wir auf die Bremse treten können.«
Studien weisen darauf hin, dass ein Paar im Durchschnitt sechs Jahre unglücklich ist, bevor es in die Therapie kommt (Notarius und Buon-giorno 1992). Dann fühlt es sich bereits entmutigt, ausgelaugt und traurig. Wenn wir den beiden vermitteln, dass es Teile und das Selbst gibt, fällt es ihnen normalerweise leichter, für das, was in der Beziehung geschieht, präsent zu sein. Im weiteren Verlauf besteht unser Ziel darin, dass die beiden lernen, geschickt miteinander zu kommunizieren, weniger impulsiv zu reagieren, ihre Lasten abzulegen, die Beziehung zu reparieren und sich neue Verhaltensweisen im Umgang miteinander anzugewöhnen. In der ersten Sitzung geht es vor allem darum, ein Fundament für dies alles zu schaffen und eine möglichst sichere Umgebung herzustellen. Wie alle Lebewesen brauchen wir Menschen Sicherheit. Weil wir ständig Ausschau nach Gefahren halten (besonders in einer Beziehung) und weil nur ein Gefühl der Sicherheit defensive Reaktionen verhindert (Porges 2007), müssen wir unbedingt dafür sorgen, dass unsere Klienten sich sicher fühlen.
Am Beginn jeder Behandlung bin ich mir bewusst, dass die Geschichte des betreffenden Paares sich über einen bestimmten, oft viele Jahre umfassenden Zeitraum entwickelt hat. Dabei haben beide wahrscheinlich das Gefühl, dass ihre jeweilige Perspektive nie gewürdigt worden ist. Indem ich ihnen zuhöre, erfahre ich, weshalb sie Hilfe suchen und wie sie sich in der Beziehung verhalten. Während ich mich mit ihrer Erfahrung vertraut mache, helfe ich ihnen, mir zu vertrauen und zu spüren, dass eine Veränderung möglich ist. Während der gesamten Therapie verhalten wir uns in der therapeutischen Rolle interessiert und nicht wertend. Diese Haltung ist unverzichtbar, wenn wichtige Probleme und intensive Emotionen erforscht werden sollen. In diesem frühen Stadium ist unsere Fähigkeit zu spiegeln, zu reflektieren, zu normalisieren und zu würdigen von entscheidender Bedeutung. Wir hören zu. Wieder und wieder bemühen wir uns zu verstehen, was die beiden sagen. Wir fragen uns: Verstehe ich das richtig? Zur Vorbereitung auf die nächste Therapiephase achten wir außerdem auf Muster, wie die beiden sich aufeinander beziehen.
In den folgenden Ausschnitten aus einer frühen Sitzung mit Susan und Marco stelle ich fest, was die beiden anstreben und weshalb sie Hilfe suchen. Zudem biete ich ihnen Entwicklungs- und Veränderungsmöglichkeiten mit den Mitteln von IFIO an. Einige der häufigsten Fragen, die ich einem Paar am Anfang einer Therapie stelle, sind fett gedruckt.
THERAPEUTISCHE TIPPS 
Wenn wir sorgfältig zuhören und die von den Teilen erzählten Geschichten aufdecken und zurückspiegeln, verankert das die Geschichte des Paares in unserem Denken.
Indem wir unsere eigenen Therapeutenteile, die in der Expertenrolle bleiben wollen, behutsam bitten beiseitezutreten, können wir uns besser auf die Bedürfnisse des Paares einstellen.
Je langsamer und bewusster wir vorgehen, desto besser sind wir in der Lage, unsere eigenen Reaktionen auf das, was wir hören, zu verfolgen.
Innerlich auf das Paar eingestimmt zu bleiben, ist entscheidend, um präsent zu sein.
Achten Sie darauf, welche Ihrer eigenen Teile aktiviert werden, während Sie den Geschichten des Paares zuhören.
Susan und Marco
»Früher dachte ich, wir hätten eine gute Beziehung, aber jetzt habe ich den Eindruck, Marco lässt mich nicht so sein, wie ich sein will«, fängt Susan an. »Er kritisiert mich und entzieht sich mir.«
»Sag mal, Susan, wie kommst du drauf, dass ich dich irgendwas nicht sein lasse?«, erwidert Marco. »Das hört sich an, als wäre ich dein Vater. Völlig lächerlich!«
Die Sprache der beiden besteht aus Schuldzuweisungen und Wertungen. Sie verweist auf eine gewaltige Menge an aufgespeicherter Verbitterung und Hoffnungslosigkeit, was am Anfang der Behandlung häufig vorkommt.
»Ich nehme gerade wahr«, unterbreche ich, »dass Ihnen früher alles leichter vorgekommen ist, während sich in letzter Zeit eine gewisse Dynamik entwickelt hat. Ich glaube, Sie haben vorher von Streit gesprochen, was nicht gut klingt. Außerdem, Susan, nehme ich wahr, dass Sie sich kritisiert fühlen. Stimmt das so?«
»Ja«, antworten beide im Chor.
»Können Sie mir sagen, was vor ein paar Jahren passiert ist, als die ersten Schwierigkeiten zwischen Ihnen aufgetaucht sind?«, frage ich.
Zu den Stressfaktoren, die mir berichtet werden, gehört, dass ein betagter Elternteil Symptome von Alzheimer zeigt und dass Marco beruflich mehr Verantwortung übernommen hat, wodurch er mehr Zeit in der Arbeit verbringt.
»Das hört sich ganz so an, als hätten Sie mit allerhand fertigwerden müssen«, sagte ich. »Haben Sie mal überlegt, ob irgendwas davon eine Rolle bei dem spielt, was zwischen Ihnen beiden abläuft?«
»Tja, das ist ganz bestimmt der Fall«, sagt Marco.
»Angesichts dieser Stressfaktoren«, sage ich, »was passiert, wenn es zu einem Konflikt zwischen Ihnen kommt?«
»Wir streiten die ganze Zeit«, erwidert Susan.
»Und wie sieht das aus?«, frage ich.
»Ich habe den Eindruck, Marco wartet bloß darauf, dass ich was falsch mache.«
»Und wenn Sie sich kritisiert fühlen, was tun Sie dann?«, frage ich.
»Ich mache dicht und höre auf zu reden«, sagt Susan.
»Und was passiert mit Ihnen, Marco?«
»Ich denke, sie ist zu empfindlich.«
»Was sagen Sie zu sich selbst oder was tun Sie, wenn Sie meinen, dass Susan zu empfindlich ist?«
»Ich werde sauer, glaube ich.«
»Das hört sich ziemlich verfahren an. Nach allem, was Sie mir erzählt haben, ist es verständlich, dass Sie Hilfe brauchen. Was erhoffen Sie beide sich hier?«
Beide sagen, sie würden sich eine bessere Kommunikation, weniger Konflikte und mehr Verbundenheit erhoffen.
Ich fasse zusammen: »Natürlich müssen wir noch mehr erforschen, aber an diesem Punkt habe ich den Eindruck, dass Sie lernen wollen, anders miteinander zu kommunizieren. Außerdem wollen Sie wieder mehr Nähe spüren. Habe ich das richtig verstanden?«
Erste Fragen an das Paar
Was hat Sie hierher geführt?
Können Sie mir sagen, was passiert ist, als die ersten Schwierigkeiten aufgetaucht sind?
Was geschieht in Ihrem Innern, wenn Sie sich emotional überfordert fühlen?
Und was sagen Sie dann zu sich oder was tun Sie?
Habe ich das richtig verstanden?
Haben Sie schon mal gemeinsam eine Therapie gemacht?
Möchten Sie sich mit Ihrer sexuellen Beziehung beschäftigen?
War irgendwann Alkohol- oder Drogenmissbrauch im Spiel?
Gibt es momentan irgendwelche Stressfaktoren in Ihrem Leben?
Wie ist es für Sie, heute hier zu sein?
Was war bei Ihrer letzten Therapie hilfreich und was nicht?
Was sind Ihre Ziele in der Therapie und was erhoffen Sie sich hier?
Wie bitten Sie um Vergebung und wie vergeben Sie einander?
Haben Sie Fragen darüber, wie ich in der Therapie vorgehe?
Bedenken hinsichtlich der Therapie
Während die Geschichte des Paares zum Vorschein kommt, reagieren wir einladend auf Fragen und Bedenken; wir hören zu, wenn bei einem oder beiden Teile vorhanden sind, die nicht mitmachen wollen. Manchmal liegt das daran, dass sie bei früheren Therapieversuchen negative Erfahrungen gemacht haben, manchmal sind die sie beschützenden Teile besorgt darüber, was in der Therapie aufgedeckt werden könnte. In anderen Fällen fühlt eine der beiden Personen sich genötigt oder in die Enge getrieben.
Wenn einer oder beide Bedenken äußern, müssen wir mit dem dafür verantwortlichen Teil verhandeln. Zum Beispiel können wir vorschlagen, vor der Entscheidung zu einer längeren therapeutischen Arbeit erst drei oder vier Sitzungen abzuhalten. Außerdem können wir darauf hinweisen, dass grundsätzlich beide jederzeit beschließen können aufzuhören. Fragen wie Was war in Ihrer letzten Therapie hilfreich und was nicht? und Wie ist es für Sie, heute hier zu sein? locken Teile hervor, die sonst unter Umständen stumm bleiben.
Fragen kann das Paar auch zu uns selbst und zur Behandlungsmethode haben: Welche Ausbildung mussten Sie machen? Welche Philosophie steckt hinter der Methode? Wie sind Ihrer Erfahrung nach die Erfolgschancen damit? Offen für alle Teile des Paares zu bleiben, trägt dazu bei, Sicherheit und Verbundenheit zu schaffen. Die Arbeit beginnt, sobald wir neugierig auf die Bedenken der beiden sind, eine Therapie zu machen.
»Haben Sie irgendwelche Fragen über meine Arbeitsweise?«, frage ich.
»Da wüsste ich gar nicht, wo ich anfangen soll«, sagt Marco.
»Haben Sie denn schon mal gemeinsam eine Therapie gemacht?«
»Ich war vor Jahren mal bei einer Beratung«, sagt Susan. »Marco hat noch nie eine Therapie gemacht, und in der Eheberatung waren wir auch noch nicht.«
»Wie ist es denn für Sie, heute hier zu sein, Marco?«, frage ich und sehe ihn an.
»Ganz in Ordnung, denke ich«, antwortet er. »So richtig wohl fühle ich mich allerdings nicht, wenn Sie darauf rauswollen. Ich musste erst mal überzeugt werden, dass das eine gute Idee ist.«
»Haben Sie denn spezifische Bedenken darüber, hier zu sein?«
»Ich weiß, dass wir Hilfe brauchen, und deshalb bin ich hier. Aber ich will nicht unter Druck gesetzt werden. Sie wissen schon: zwei Frauen, ein Mann, so in der Richtung.«
»Danke, dass Sie das offen ausdrücken«, sage ich. »Ich will auf keinen Fall, dass Sie sich unter Druck gesetzt fühlen. Wenn das doch mal der Fall sein sollte, würde es mir helfen, wenn Sie es mir sagen.«
»Okay«, sagt er. »Das mache ich.«
»Darauf können Sie sich verlassen!«, sagt Susan lächelnd.
»Wie steht es mit Ihnen, Susan?«, frage ich. »Irgendwelche Bedenken?«
»Ich bin eher erleichtert als besorgt, hier zu sein«, sagt Susan.
THERAPEUTISCHE TIPPS 
Um Sicherheit zu schaffen, müssen wir offen für die Bedenken des Paares sein und auch jene seiner Teile willkommen heißen, die sich nicht so leicht äußern.
Viele Menschen sprechen nicht von sich aus über zwiespältige Gefühle, Ängste und Skepsis; außerdem geben sie eventuell nur zögernd zu, dass sie in einer früheren Therapie verletzt wurden.
Sich nach Bedenken zu erkundigen, kann auch für uns in der therapeutischen Rolle befreiend wirken. Wenn wir die Einstellung jener Teile erfahren haben, die nicht in der Sitzung sein wollten, hilft uns das zu verstehen und zu akzeptieren, falls das Paar sich entscheidet, nicht wiederzukommen.
Ziele und Wünsche
Die Ziele und Absichten des Paares, die sich unweigerlich im Lauf der Zeit verändern, geben unsere Richtung vor und halten den Therapieprozess auf Kurs. Besteht ein Ziel zum Beispiel darin, die Art der Kommunikation zu ändern, ermöglicht uns das, auf dysfunktionale Kommunikationsmuster hinzuweisen. Wenn wir umgekehrt Fortschritte hinsichtlich der Ziele bemerken, ist das von unschätzbarem Wert in jenen schwierigen Momenten, wenn die Partner den Eindruck haben, mit den ewig gleichen Themen im Kreis zu gehen. Das äußert sich etwa in Ansichten wie Wenn er sich nicht ändert, kann ich einfach nicht weitermachen oder Das Problem ist doch eigentlich meine Frau – können Sie die vielleicht wieder hinbekommen?
Wir sollten es uns immer zum Prinzip machen, Erwartungen, Hoffnungen und Wünsche der beiden wahrzunehmen. Dann können wir darauf reagieren, indem wir ihnen versichern, dass ihre Sorgen während der Therapie erforscht werden.
Susan und Marco
In einer frühen Therapiephase ist das Paar oft in einer Polarität zwischen hoffnungslosen und hoffnungsvollen Teilen gefangen. Wenn sich die Beziehung gerade stabil anfühlt oder wenn eine Therapiesitzung gut läuft, dominiert die Hoffnung, und mit gutem Timing kann sie zu Veränderungen beitragen. Verfrühte Hoffnung führt jedoch eher zu Enttäuschung, weil es doch wieder zu Konflikten kommt und weil bei den Therapiesitzungen ein Gefühl der Unvollständigkeit herrscht. Um eine solche Polarität zu entschärfen, spreche ich mit dem Paar über die vorhandenen Möglichkeiten.
»Das hört sich ganz so an, also ob Sie beide manchmal darin festhängen, sich abwechselnd hoffnungsvoll und hoffnungslos zu fühlen?«, frage ich.
»Ja, und das Hin und Her ist schlicht erschöpfend«, sagt Susan.
»Das verstehe ich«, sagte ich. »Sogar so gut, dass ich Ihnen etwas Neues vorschlagen will. Statt sich so angestrengt an Hoffnungen zu klammern und dann doch enttäuscht zu werden, könnten Sie sich vorläufig daran festhalten, dass es eine Möglichkeit zur Veränderung gibt. Hoffnung orientiert Sie nämlich in die Zukunft, während Hoffnungslosigkeit Sie in die Vergangenheit zurückwirft. Wenn Sie sich aber an das halten, was hier und jetzt möglich ist, wenn Sie einen Schritt nach dem anderen tun und sich auf Ihre Absicht konzentrieren, Ihre Beziehung zu verändern, verschafft Ihnen das meiner Erfahrung nach einen gewissen Abstand vom Auf und Ab der hoffnungsvollen und hoffnungslosen Teile. Das sind Teile, die Ihre Hilfe brauchen, und ich kann Ihnen zeigen, wie Sie ihnen helfen können.«
»Ich glaube, ich verfange mich in diesem Kreislauf öfter als Marco«, sagt Susan.
»Nein, mir passiert das auch«, sagt er. »Es ist schwer, das nicht zu tun, weil es so schnell passiert.«
Die Anfänge der Beziehung
Wenn in den ersten ein oder zwei Sitzungen genügend Zeit ist, sollte man sich nach dem Anfang der Beziehung erkundigen. Wie hat das Paar sich kennengelernt, was am anderen hat sie angezogen, wie war es, miteinander auszugehen und sich zu verlieben? Oft entspannen beide sich dann und erinnern sich daran, wieso sie zusammen sind. Außerdem löst es die wichtige Frage aus: Was ist eigentlich mit uns passiert? Das Gespräch darüber könnte man wie folgt einleiten.
Susan und Marco
»Erzählen Sie mir doch mal, wie Sie sich kennengelernt haben und was sie aneinander angezogen hat!«
Die beiden lächeln sich an.
»Willst du anfangen?«, fragt Susan.
»Ich weiß noch, wie ich Susan zum ersten Mal gesehen habe«, erzählt Marco. »Ich war richtig überwältigt. Damals hat sie im Sommerlager einen Lauf organisiert, an dem ich teilgenommen habe. Sie war nicht nur kompetent, sondern hat auch noch toll ausgesehen. Aber als ich versucht habe, sie auf mich aufmerksam zu machen, hat sie mich völlig ignoriert.«
»Ich war doch total mit der Organisation beschäftigt! Außerdem war ich verschwitzt, dreckig und erschöpft. Überhaupt nicht sexy.«
»O doch, total sexy«, sagt Marco.
»Und wie ging es weiter?«, fragte ich.
»Er hat sich bei einer Freundin meine Telefonnummer besorgt«, berichtet Susan. »Ich habe mich gar nicht an ihn erinnert, aber diese Freundin hatte mich schon angerufen und mir gesagt, ich soll unbedingt mit ihm ausgehen. Deshalb habe ich das getan!«
»Und?«, frage ich.
»Er war toll. Warmherzig, lustig, charmant.«
»Wie ist es, sich daran zu erinnern?«, fragte ich.
»Schön«, sagt Susan.
»Traurig«, sagt Marco.
Dem Paar die Konzepte von IFIO vorstellen
Während wir zuhören, wie die beiden ihre Geschichte erzählen und ihre Absichten, Visionen und Ziele erforschen, führen wir langsam die grundlegenden Konzepte des IFIO-Modells ein, und zeigen auf, wie unser Gehirn in einer Beziehung funktioniert. Dabei reagieren manche Paare eher skeptisch, während andere mit der Vorstellung, dass der menschliche Geist aus vielen unterschiedlichen Teilen besteht, sofort etwas anfangen können. Es beruhigt sie zu hören, dass wir alle Verbundenheit brauchen, dass Bedürftigkeit jedoch Verletzlichkeit hervorruft, was oft zu Frustration führt.
Unser Ziel ist es, dass die beiden sich zunehmend von ihren Teilen lösen, damit sie ihre Probleme mit mehr Objektivität und Mitgefühl angehen können. Da ein bisschen Erklärung viel bewirkt, ist es am Anfang womöglich am wichtigsten, ihnen die Sprache der Teile zu vermitteln. Aussagen wie Ich nehme wahr, dass ein Teil von Ihnen X empfindet, ein anderer Teil hingegen Y macht die beiden darauf aufmerksam, dass sie solche Teile in sich tragen. Das ist der erste Schritt in dem relativ langen Prozess zu lernen, wie man sich von Teilen löst (zu einer ausführlichen Beschreibung dieses Vorgangs siehe Anhang 1). Von diesem Thema war bereits die Rede, und es wird uns auch weiter beschäftigen.
Wenn eine Klientin oder ein Klient sich gegen die Vorstellung sperrt, dass unsere Teile Gefühle haben, darf man sich nicht entmutigen lassen. Es ist völlig in Ordnung, nach einer individuell akzeptablen Ausdrucksweise zu suchen. Zum Beispiel können wir von Aspekten des Selbst, inneren Stimmen oder von Gedanken, Körperempfindungen und Gefühlen sprechen. Es kommt alles infrage, was den beiden dabei hilft, ihr inneres Erleben zu erkunden und neue Vorstellungen zu akzeptieren.
Susan und Marco
»Sie bestehen beide aus vielen verschiedenen Teilen – wie wir alle. Und genau wie Sie beide nicht immer einer Meinung sind, stimmen auch Ihre Teile nicht immer überein. Ich will mal erklären, was ich damit meine. Sie fühlen sich doch beide ab und zu in der Defensive, oder?« Susan und Marco nicken. »Versetzen Sie sich bitte in die letzte Situation hinein, als das so war, heute vielleicht, und sagen Sie mir, wenn Sie so weit sind ... Also, was passiert gerade in Ihrem Körper?«
Nach einem Augenblick sagt Susan: »Mein Bauch fühlt sich angespannt an.«
»Marco?«, frage ich.
»Ich weiß nicht recht.«
»Das ist in Ordnung«, sage ich. »Hören Sie denn, was Sie zu sich selbst sagen?«
»Sie hat unrecht«, sagt Marco.
»Gut. Und Sie, Susan?«
»Was für ein Trottel.«
»Konzentrieren Sie sich jetzt auf diese Worte und das dazugehörige Gefühl. Sie können die Augen schließen, wenn es Ihnen dann leichter fällt. Was will dieser Teil von Ihnen?«
»Mein Ärger will, dass Marco was erwidert«, sagt Susan.
»Weshalb?«, frage ich.
»Weil ich wissen will, dass er zuhört.«
»Ihr verärgerter Teil will, dass Marco Ihnen zuhört?«, frage ich nach.
»Genau.«
»Und wie funktioniert das?«
»Nicht besonders gut.«
»Wenn ich Ihnen helfen könnte, so miteinander umzugehen, dass Sie sich eher gehört fühlen«, sage ich, wohl wissend, dass ich eine rhetorische Frage stelle, »wären Sie dann daran interessiert?«
Der Begriff des Selbst
Die Vorstellung, dass es ein Selbst mit einer bestimmten Energie gibt, ist am Anfang unter Umständen schwerer zu begreifen als das Konzept der Teile, weil die Selbst-Energie oft kaum vorhanden ist, wenn Teile sich im Konflikt befinden. Außerdem können unsere Ansichten über das Selbst auch im Widerspruch zu bestimmten religiösen oder spirituellen Überzeugungen stehen. Daher führe ich die Vorstellung, dass wir ein Selbst haben, langsam ein. Ich verwende entweder die Ausdrucksweise des Paares an oder geläufige Synonyme für Freundlichkeit und Mitgefühl, zum Beispiel offenherzig sein und weicher werden. Wenn in der ersten Sitzung genug Zeit dafür ist, sage ich in etwa Folgendes:
»Ich würde Ihnen gern etwas erzählen, was ich glaube. Dadurch erfahren Sie auch ein bisschen mehr darüber, wie ich vorgehe. Also, ich glaube, dass alle Menschen den Wunsch haben, innerlich zu wachsen. Außerdem glaube ich, dass wir im Kern unbeschädigt sind und starke innere Ressourcen haben. Das soll nicht heißen, dass Sie beide nicht leiden. Ich weiß, dass Sie das tun. Aber es heißt, dass Sie die Fähigkeit haben, sich mit den Ressourcen des Herzens Ihren eigenen Verletzungen und denen Ihres Gegenübers zuzuwenden, Ihren Verletzungen und auch Ihrer Wut, Verwirrung und Verzweiflung. Deshalb werde ich Sie gelegentlich auf verschiedene Weise bitten, vom Herzen aus zu sprechen oder zuzuhören.«
Wie streiten die beiden? Bitten sie um Vergebung?
Gern erkundige ich mich bei dem Paar auch früh danach, wie es mit Konflikten in der Beziehung umgeht und ob den beiden klar ist, was an ihrem Verhalten die andere Person frustriert oder verletzt. Dadurch erhalte ich Informationen darüber, wie bewusst das Verhalten der beiden ist und wie gut sie aufeinander abgestimmt sind. Die Frage danach, ob sie um Vergebung bitten, liefert mir Informationen über Verletzungen, die ungeheilt bleiben, und über die Fähigkeit des Paares, etwas wiedergutzumachen und zu vergeben.
Susan und Marco
»Mich würde interessieren, wie Sie streiten«, sage ich zu Marco und Susan.
»Wir werden wütend«, erwidert Susan. »Eigentlich will keiner von uns gerne nachgeben, aber normalerweise zieht Marco sich zuerst aus dem Gespräch zurück.«
Ich sehe Marco an, der sagt: »Da hat sie recht.«
»Sind Sie sich bewusst, welches Verhalten dem anderen am meisten wehtut?«, frage ich.
»Ich glaube, am schlimmsten ist es für Susan, wenn ich mich abwende«, sagt Marco.
Susan nickt. »Und ich glaube, am meisten ist Marco verletzt, wenn ich missbilligend schweige.« Marco nickt.
»Und wie bitten Sie einander um Vergebung?«, frage ich beide.
»Überhaupt nicht«, antwortet Susan. »Das ist ein Teil des Problems, glaube ich. Wir schließen einen Streit nie ab. Ich habe den Eindruck, dass sich deshalb im Lauf der Zeit allerhand Gefühle angestaut haben.«
Die Herkunftsfamilie
Ein weiteres wichtiges Thema ist die Herkunftsfamilie. Manche Paare haben nie darüber nachgedacht, was sie in ihrer Kindheit und Jugend über Beziehungen gelernt haben. Haben die Eltern gestritten? Falls ja, wie haben sie das getan? Haben sie Meinungsverschiedenheiten gelöst? Was haben die beiden in der Kindheit sonst noch gesehen und gelernt? Die Antworten auf diese Fragen bringen sie dazu, neugierig darauf zu sein, wie sie beeinflusst wurden. Uns wiederum vermitteln sie ein besseres Verständnis dafür, welche Ursprünge die Beziehungsdynamik hat.
Susan und Marco
»Was haben Sie von Ihren Eltern über Konflikte gelernt?«, frage ich.
Susan und Marco sehen sich wissend an.
»Ich habe gelernt, den Kopf einzuziehen und abzuhauen«, sagt Marco. »Warte nicht ab, was da gerade läuft – bloß weg hier!«
»Und meine Eltern haben vor uns Kindern einfach nicht gestritten«, sagt Susan.
»Irgendwelche Vorbilder, wie man um Vergebung bittet?«, frage ich.
»Tja«, sagt Susan lachend, »da wir keinen Streit erlebt haben, haben wir auch nicht erlebt, wie jemand sich entschuldigt hat.«
»Und ich kann mich nicht dran erinnern«, sagt Marco.
»Leuchtet es Ihnen ein, dass alle Paare bestimmte Methoden brauchen, um Konflikte hinter sich zu bringen und um Vergebung zu bitten?«, frage ich.
Übliche Stressfaktoren, unglückliche Umstände, Fehlverhalten
Informationen über äußere Umstände, darunter Kinder und die erweiterte Familie, sind wichtige Aspekte. Vieles hat Einfluss auf das Paar gehabt, sowohl in normalen Lebensphasen als auch bei Ereignissen, über die es keine Kontrolle hatte. Sind Kinder gerade dabei, das Elternhaus zu verlassen? Ziehen betagte Eltern ein oder liegen sie im Sterben? Hat jemand seine Arbeit verloren? Vielleicht gibt es auch Unterschiede in der Libido, vielleicht hat eine der beiden Personen eine Affäre, eine affektive Störung, eine traumatische Vergangenheit oder Suchtprobleme. Da viele Paare nicht von sich aus über heikle Dinge sprechen, wenn wir nicht aus therapeutischer Sicht nachfragen, ist es wichtig, den beiden klarzumachen, dass wir über alles sprechen können. Explosivere Themen wie Wut und Geheimnisse werden in späteren Kapiteln behandelt.
Susan und Marco
»Ich würde Ihnen gerne ein paar Fragen stellen«, fange ich an. »Möchten Sie sich mit Ihrer sexuellen Beziehung beschäftigen?«
Susan und Marco sehen sich an.
»Tja, Susan ist mit unserem Sexualleben nicht besonders zufrieden«, sagt Marco. »Ich weiß, dass viele Leute mit so was Probleme haben. Aber es ist peinlich, darüber zu sprechen, und ich kann mir nicht vorstellen, das zu tun, wenn jemand anders dabei ist.«
Eine Weile herrscht Schweigen. Dann sagt Susan: »Früher ist es uns total gut damit gegangen, aber jetzt kommt es mir vor, als hätte Marco einfach kein Interesse mehr daran, und wir können nicht darüber sprechen, ohne uns zu streiten. Mir würde es also helfen.«
»Wenn wir uns besser kennenlernen, wird Ihr Umgang miteinander sich ändern und außerdem werden Sie sich wohler mit mir fühlen«, sage ich. »Dann werde ich Ihnen helfen, Ihre sexuelle Beziehung zu erforschen und zu verstehen, was Sie beide brauchen, um wieder zueinander zu finden.«
Marco blickt aus dem Fenster. Susan nickt.
»Irgendwelche weiteren Stressfaktoren?«, frage ich. »Krankheiten, Depression, betagte Eltern, Probleme mit den Kindern? Hatte einer von Ihnen eine Affäre?«
Wenn eine der beiden Personen sich entscheidet, schon in der ersten Sitzung eine Affäre einzugestehen, kann das sowohl für die andere Person als auch für uns in der therapeutischen Rolle extrem schmerzhaft und schwierig sein. Da wir jedoch im Hier und Jetzt arbeiten, gehen wir jede Situation, die sich ergibt, direkt und mit so viel Selbst-Führung wie irgend möglich an. Nach meiner Erfahrung kommt es nur selten zu so etwas, aber wenn doch, müssen wir schnell unser eigenes System beruhigen, um präsent und offen für die Gefühle des Paares zu sein.
»Ich nicht«, sagt Susan. »Was ist mit dir, Marco?« Sie sieht ihn an.
»Nichts dergleichen«, sagt er. »Und wir haben absichtlich keine Kinder bekommen. Wir haben beide sehr fordernde Berufe, die wir lieben, und haben uns bewusst dafür entschieden statt für Kinder.«
»Gibt es beruflichen Stress?«, frage ich.
»Ja. Wir stehen beide extrem unter Druck.«
Am Ende der Sitzung
Am Ende einer Sitzung lasse ich immer etwas Zeit dafür, über den Kern dessen nachzudenken, was ich gehört habe, und um zu erklären, wie ich dem Paar helfen könnte.
»Bevor wir heute aufhören«, sage ich, »will ich Ihnen ein paar Dinge sagen. Ich nehme einen Wunsch danach wahr, anders miteinander umzugehen, und ich nehme wahr, dass bestimmte Teile von Ihnen wenig Vertrauen in Ihre Fähigkeit haben, solche Veränderungen zustande zu bringen. Meine Aufgabe ist es, Ihnen zu vermitteln, wie Sie anders miteinander kommunizieren können, damit einerseits Raum dafür bleibt, unterschiedliche Bedürfnisse zu verhandeln, und damit Sie andererseits wieder die Verbindung zueinander herstellen können, die Sie vermissen. Zu diesem Zweck bin ich auch dafür da, eine Umgebung zu schaffen, in der Ihre beschützenden Teile sich sicher genug fühlen, ihre Waffen abzulegen. Mit etwas Zeit und intensiver Arbeit kann Ihr Umgang miteinander sich ändern, da bin ich mir ziemlich sicher.«
THERAPEUTISCHE TIPPS 
Stellen Sie sich einen Moment vor, wie Sie eine andere Richtung vorgeben, wenn Klientin oder Klient in einer der ersten Sitzungen mit hoffnungslosen, wütenden Teilen verschmolzen ist.
Spüren Sie in Ihren Körper hinein.Welchen Impuls haben Sie?Wie fühlen Sie sich?Was hören Sie sich zu sich selbst sagen?Was tun Sie?
Bei unangenehmen Interaktionen ruhig zu bleiben, erfordert Selbstwahrnehmung und die Fähigkeit, sich schnell von den eigenen Teilen zu lösen, damit man ihnen Mitgefühl und Fürsorge zukommen lassen kann.
Zusammenfassung
Die obigen Ausschnitte aus einer Therapiesitzung demonstrieren einige der Fragen, die ich stelle, um herauszufinden, ob äußere Zwänge, Druck auf einen oder beide Personen oder irgendwelche schweren Vertrauensbrüche vorhanden sind. Allgemein gesagt, sammle ich Informationen, während ich zu den nächsten Schritten weitergehe, wie in späteren Kapiteln deutlich werden wird. Man braucht viele Sitzungen, um die gesamte Geschichte eines Paares kennenzulernen, um zu erfahren, womit die beiden kämpfen und welche Dynamik sie am dringendsten ändern wollen. Manchmal kommen später Geheimnisse oder heikle Erfahrungen zum Vorschein, aber egal, ob früh oder spät, es ist entscheidend, im Selbst zu bleiben, um mit unerwarteten Dingen umgehen und entsprechend reagieren zu können.
Alle erwähnten Themen können in einer langen ersten Sitzung oder im Laufe mehrerer Sitzungen zur Sprache kommen. Manche tauchen jedoch vielleicht nie auf. Manche Paare wollen erst einmal Bericht erstatten, andere fangen sofort an, an ihren Problemen zu arbeiten. Folgen Sie einfach dem, was das Paar vorgibt, und halten Sie mit ihm Schritt. Nach meiner Erfahrung bemühen die meisten Paare sich in der ersten Sitzung, ruhig und gefasst zu bleiben. So wütend oder frustriert die beiden auch sein mögen, sie wollen sich hilfreich verhalten und sind bereit, starke Emotionen lange genug zurückzuhalten, um ihre Situation und ihre Probleme zu beschreiben. Indem wir spiegeln, was sie sagen, indem wir eine Verbindung zu ihnen herstellen, einen sicheren Raum schaffen und die Möglichkeit zur Veränderung anbieten, unterstützen wir sie bei der maßgeblichen Aufgabe, ihr vegetatives Nervensystem zu beruhigen. Wir sollten nämlich so schnell wie möglich eine Alternative zu dem Muster entwickeln, entweder der Reaktion des sympathischen Nervensystems zu folgen (Kampf oder Flucht) oder jener des Parasympathikus (krampfhaft auf die Bremse treten und erstarren).
Als Therapeutin oder Therapeut haben wir natürlich alle unseren eigenen Stil und unsere eigene Methode, uns mit einem neuen Paar vertraut zu machen. Bei jeder therapeutischen Unternehmung entsteht ein einzigartiges Mini-System aus dem Paar und Therapeutin oder Therapeut, in dem alle Beteiligten unweigerlich einen bestimmten Gesprächs- und Umgangsstil entwickeln. Daher möchte ich Ihnen nicht vorschlagen, Ihre Vorgehensweise zu ändern, außer sie steht in direktem Konflikt zum Konzept von IFIO. Behalten Sie Ihren Werkzeugkasten bei! Vorrangiges Ziel muss es immer sein, in Verbindung mit unseren eigenen Teilen zu bleiben und uns auf das innere System von Klientin oder Klient einzustimmen.
Phase 2

Der Fluss der Mitte und seine Strudel
Kreisläufe entdecken
In diesem Kapitel geht es um eine Methode, die ich schon früh einsetze und während der ganzen Behandlung wiederaufnehme, wenn es nötig ist. Sie wird als Tracking bezeichnet und ist ein wirkungsvolles Instrument, das von den Pionieren der Familientherapie entwickelt wurde, um Verhaltensmuster zu erforschen (Minuchin und Fishman 1992). Richard Schwartz hat es für die Beobachtung innerer Abläufe adaptiert. Indem wir die interpersonelle und intrapersonelle Interaktion des Paares aufdecken, helfen wir den beiden, sich von ihren Teilen zu lösen und wahrzunehmen, dass ihr Verhalten mehr mit unbefriedigten Bedürfnissen (vor allem nach Sicherheit, Verbundenheit und Liebe) zu tun hat als mit den Inhalten, die sie bei ihren Auseinandersetzungen ständig wiederholen. Demonstriert wird auf den folgenden Seiten außerdem, wie ich am Anfang der Therapie mit Zielen umgehe. Wenn beide darauf ausgerichtet sind, sich gegenseitig zu ändern, mache ich ihnen klar, dass es bei unserem Prozess nie darum gehen wird, die eine der beiden Personen zu ändern, damit die andere so bleiben kann, wie sie ist.
Wieso »Tracking«?
In IFIO lösen wir keine Probleme, wir unterstützen das Paar vielmehr darin, die Kompetenz zu entwickeln, Probleme gut zu lösen. Daher richtet sich unser Interesse auf die Motivation, nicht auf den Inhalt. Wir wollen das Paar davon abbringen, sich auf die Inhalte ihres Streits zu konzen-trieren, damit sie neugierig darauf werden, was dem Streit zugrunde liegt. Deshalb gehört es in IFIO zu den ersten Schritten, Verhaltensweisen aufzuspüren und zu beobachten, die durch starke Emotionen hervorgerufen werden. Das wirkt beruhigend auf das Paar, es macht sich wiederholende Muster deutlich und hilft uns, die verletzlichen verbannten Teile zu erkennen, deren Gefühle das problematische Verhalten auslösen.
Negative Kreisläufe
In unangenehmen Situationen haben wir alle unsere bevorzugten Reaktionsmuster. Unsere beschützenden Teile ziehen sich eventuell zurück, sie argumentieren, unterwerfen sich, erklären, greifen zum Mobiltelefon, toben oder lösen irgendwelche anderen Verhaltensweisen aus, die uns vom emotionalen Schmerz ablenken und diesen verringern sollen. Als negativen Kreislauf bezeichnen wir hier ein zu erwartendes Interaktionsmuster, das unabhängig von Inhalt und Ergebnis der Interaktion wiederholt wird. Natürlich wirken negative Kreisläufe destruktiv und erschöpfend. Sie aufzudecken, unterbricht das betreffende Verhalten und bringt oft zum ersten Mal die Hoffnungen des beschützenden und die Bedürfnisse des verbannten Teils zum Vorschein. Während der Behandlung kommen wir wiederholt auf diese Methode zurück, um zu verdeutlichen, inwiefern das zugrunde liegende Motiv für den Kreislauf von größerer Bedeutung ist als der Inhalt der Streitereien. Unser Ziel ist es, dass beide Personen eine Kehrtwende vollziehen und sich der Selbsterforschung widmen. Das heißt, sie sollen den Fokus nach innen richten statt auf die andere Person, vor allem am Anfang.
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