Kitabı oku: «Im Stillen klagte ich die Welt an»

Yazı tipi:

Im Sommer 1934 werden zwei Mädchen aus der Stadt Bern auf einen abgelegenen Bauernhof in Pflege gegeben. Die Mutter will nach der Scheidung wieder heiraten, dabei stören die Kinder.

Auf dem Hof herrscht ein harsches Regiment, die beiden werden als ‹Gratismägde› ausgenutzt, sie müssen neben der Schule hart arbeiten, erhalten wenig zu essen und werden wegen Kleinigkeiten verprügelt. Und nicht genug: Sie werden verhöhnt, und der Bauer erweist sich als Lüstling. Dann kommen die Missstände aus, die Kinder werden umplatziert. Aber sie kommen vom Regen in die Traufe: Wieder verrichten sie harte Arbeit, dabei werden sie von einer launischen ‹Mutter› gequält. Als nach vier Jahren ihr Vater sie endlich zu sich holen kann, sind die Elf- und Zwölfjährige für ihr Leben geprägt: vom Gefühl, nichts wert zu sein.

Dora Stettler erzählt mit feinem Gespür für die wichtigen Details von all den kleinen und grossen Grausamkeiten ihrer vier Jahre als «Angenommene», die sie bis heute verfolgen.


Dora Stettler, geboren 1927 in Bern. Technische Zeichnerin während 36 Jahren bei Hasler AG und PTT. Nach der Pensionierung begann sie, ihre Geschichte als Verdingkind aufzuschreiben. Dora Stettler lebt in Muri bei Bern.

Dora Stettler

Im Stillen klagte ich die Welt an

Als «Pflegekind» im Emmental

Mit einem Nachwort von Jacqueline Fehr

Limmat Verlag

Zürich

Das elterliche Heim

Meine ersten Erinnerungen stammen aus einer Wohnung im Beundenfeldquartier in Bern. Ich war vier Jahre alt, damals im Jahr 1931.

Es muss im späten Frühling gewesen sein. Mama hatte mir eine frische Schürze angezogen, mich zur Türe begleitet und gesagt: «Nun, Kätheli, kannst draussen spielen gehen.»

Ich lief durch den Vorgarten zum Tor. Eine Hauptstrasse führte an unserem Hause vorbei. Nebst den Personenwagen, die an einer Hand abgezählt werden konnten, verkehrten noch der Verkaufswagen der Migros, der Milchwagen sowie der Strassenspritzwagen, dem zur Sommerszeit die Buben in den Badehosen johlend nachsprangen, um sich an einer kühlen Dusche zu erfrischen. Als Verkehrsmittel hatten wir das Tram, das jeweils einen unverkennbar singenden Ton erzeugte, wenn es bei der nahen Haltestelle anhielt oder wegfuhr.

Da stand ich nun am Gartentor und schaute auf die Wiese, die sich uns gegenüber wie ein Teppich ausbreitete. Sie war nicht grün, sondern leuchtete in einem satten Gelb. Der Löwenzahn stand in voller Blüte.

Diese schöne Blumenwiese wollte ich mir näher ansehen. Hüpfend überquerte ich die Strasse und stand am Rande des Feldes. So etwas Strahlendes hatte ich in meinem kleinen Leben noch nie gesehen. Die Wiese kam mir unendlich gross vor.

Voll Begeisterung pflückte ich etliche von diesen gelben Blumen in meine Schürze und brachte sie nach Hause. Mama zeigte sich erfreut darüber, die verfleckte Schürze zog sie mir augenrollend aus und drückte sie in den hölzernen Wasch­zuber.

Unsere Mutter war eine zierliche Person. Sie hatte dunkelbraunes, krauses Haar, das ihr anmutiges Gesicht harmonisch umrahmte.

Am häufigsten hielten wir uns in der grossen Wohnküche auf. Links vom Eingang stand der Holz-Kochherd, der vorwiegend im Winter gebraucht wurde, in der übrigen Zeit benutzten wir den Gasherd.

Der Esstisch stand in einer eigens dafür ausgesparten Nische. Der Wand entlang zog sich eine lange Bank. Dort war der Platz für meine Schwester Elsbeth und für mich. Papa sass gleich neben mir am Tischende, Mama mir gegenüber, und mein Bruder Markus nahm den Platz am andern Ende ein. Diese Tischordnung hat sich mir nachhaltig eingeprägt, weil wir dort die schönen und glücklichen Stunden verbrachten, die bald einmal abrupt beendet wurden und nie mehr wiederkehrten.

Papa war mit seiner beträchtlichen Körpergrösse eine dominierende Erscheinung. Er war der grösste Mann in unserer Umgebung. Er war recht impulsiv, und um seinen Reden Nachdruck zu verschaffen, schlug er ab und zu kräftig auf den Tisch. Dann wusste man, wo es lang ging. Wir mochten und liebten jedoch einander, jedes auf seine Weise. In späteren Jahren dachte ich oft mit Wehmut an die gemeinsamen Mahlzeiten am Familientisch.

Oft beschäftigte sich Papa in seiner Werkstatt im Keller, wo er eine Hobelbank aufgestellt hatte. Von seinen Arbeiten ist mir ein wunderschöner Vogelkäfig aus rotem Kirschbaumholz in Erinnerung geblieben, den ich gerne als Spielzeug benutzt hätte.

Mit meinem um vier Jahre älteren Bruder verstand ich mich besser als mit der Schwester, die nur sechzehn Monate mehr zählte als ich. Elsbeth hatte, ähnlich wie Mama, dunkle, gewellte Haare, die ihrem hübschen Gesicht noch ein besonders gewinnendes Aussehen verliehen.

Einen kleinen Knopf nannte mich mein Bruder oft ne­ckisch. Darauf betrachtete ich aufmerksam die Knöpfe an meiner Weste und widersprach: «So klein kann ich doch gar nicht sein. Ich kann ja schon seit geraumer Zeit über den Tisch blicken und den Lichtschalter drehen.»

Wie mein Bruder damals ausgesehen hat, hab ich nur noch nebelhaft in Erinnerung. Natürlich war er viel grösser als ich. Er hatte hellere Haare als wir Mädchen und ein freundliches rundliches Gesicht. Auf der Strasse vergnügte er sich mit einem Reif oder einem Zwirbel. Mit gleichaltrigen Knaben spielte er Versteckspiel, wobei sie das ganze Quartier beanspruchten. Wenn sie im Suchen erfolgreich waren, schrien sie aus vollen Kehlen «Tschuepp, tschuepp, tschuepp» in den Gassen herum, dass es an den Hauswänden widerhallte. Die Namen, die sie sich zuriefen, erinnerten kaum mehr an die richtigen: «Äschu», «Käru», «Housi» und «Pesche», was Ernst, Karl, Hans und Peter heissen sollte. Oft stand ich am Gartentor und beobachtete mit Stolz meinen Bruder, der zu den Grossen gehörte und mit ihnen spielen durfte.

In meiner frühen Kinderzeit gab es einmal einen grossen Aufruhr. Sämtliche Kinder und etliche Erwachsene aus der Nachbarschaft strömten in unsere Strasse. Die Leute streck­ten ihre Hälse und fuchtelten mit den Armen nach oben. Ein Schatten huschte wie eine dicke Wolke über die Gebäude. Darauf folgte kaum hörbar ein silbern glänzendes Riesending.

«Der Zeppelin, der Zeppelin kommt», schrien die Leute.

Nah und gigantisch glitt er über unser Quartier. Er fuhr so tief, weil er die nahe Allmend angepeilt hatte. Jedermann wollte dabei sein, wenn das imposante Luftgefährt auf Berns Boden niederging. Markus und ich wollten diese Sensation auch nicht verpassen. Damit ich in der Menschenmenge nicht verloren ging, führte er mich an der Hand. Aus den hinteren Reihen konnten wir den Zeppelin betrachten, der sich langsam dem Boden näherte. Zum Greifen nahe schwebte er über unseren Köpfen dahin.

«Warum hat er denn ein Tram angehängt», wollte ich wissen.

«Ach wo, das ist doch kein Tram», grinste Markus, «sondern die Passagierkabine. Die Leute können doch nicht im Gasballon sitzen.»

Völlig überwältigt erzählten wir am Abend den Eltern, wir hätten den Zeppelin gesehen, wie er nah über den Wohnblöcken geschwebt und beinahe die Kamine gestreift habe.

Der Breitenrain und das Beundenfeld waren unser Spielrevier. Wir streiften kaum über den Breitenrainplatz hinaus. Aber einmal unternahm ich mit zwei gleichaltrigen Mädchen, Myrtha und Rita, an einem schönen Sommertag einen Spaziergang. Wir führten unsere Puppen aus wie die Mütter, die sich mit ihren Kindern in den Park begaben, um sie dort, während sie strickten, zu überwachen.

Mit unseren Vehikeln steuerten wir der kleinen Promenade bei der Johanneskirche zu. Dort belegten wir eine Bank, setzten unsere Puppen darauf und betteten indessen die Wagen neu ein. Bei all dem Spielen vergassen wir gänzlich die vorgerückte Zeit. Als gleich drei Kinder aus unserem Wohnblock nicht zum Nachtessen erschienen, kamen die Mütter in grosse Aufregung. Mama lief auf den Polizeiposten und meldete die Mädchen als vermisst. Ein Polizist schwang sich auf das Fahrrad und fuhr die Quartierstrassen ab.

Eine Weile später meldete er den verängstigten Müttern, es kämen da drei Nöggeli plaudernd und gestikulierend den Breitenrainstutz herauf. Um die Kinder nicht zu erschrecken, habe er sie nicht angesprochen, sie jedoch eine Weile im Auge behalten. Diese Puppenmütter würden demnächst in unsere Strasse einbiegen.

Als man uns vor dem Gartentor in Empfang nahm, konnte ich die Aufregung gar nicht begreifen. Angehörige und Fremde hatten sich aus Anteilnahme oder aus Neugier vor dem Haus versammelt. Unsere Mütter reagierten unterschiedlich. Rita verspürte gleich Mutters Handfläche auf dem Sitzteil, und Myrtha wurde von ihrer ältesten Schwester unzimperlich die Treppe hochgezerrt. Mama tat nichts dergleichen. Sie half mir den Wagen die Treppe hinauftragen. Ich war ihr dankbar, dass sie mich nicht vor allen Leuten gemassregelt hatte. Erst oben in der Küche warnte sie mich mit erhobenem Finger: «Lauf nie mehr so weit von zu Hause weg, sonst wirds dir wie der Rita ergehen.»

Es bedeutete mir immer besonders viel, wenn Mama mich mit zur Stadt nahm, um «Kommissionen zu machen». Ich fühlte mich geborgen, ihr zugehörig, wenn ich an ihrer Hand durchs Quartier und über die Kornhausbrücke trippelte. Der Kindlifresser auf dem Brunnensockel am Stadteingang zog mich stets von neuem in den Bann. Die furchterregende Gestalt machte einen ungeheuren Eindruck auf alle Kinder.

Die Innerstadt mit ihren gemütlichen, schützenden Lauben, der Zytglogge sowie der Bärengraben waren für mich der Inbegriff meiner geliebten Stadt Bern.

Wir legten meist erstaunlich lange Strecken zu Fuss zurück. Tramfahrten waren damals nicht üblich. Sie passten schon gar nicht in unser Budget. So hatten wir eben einen erheblichen Schuhverschleiss. Wir Mädchen trugen vorwiegend die traditionellen schwarzen Spangenschuhe mit dem kniffligen Knopfverschluss, der nur mit einem speziellen Häkchen und etlichem Aufwand geschlossen werden konnte.

Im Schuhgeschäft an der Marktgasse erhielt ich jeweils einen bunten Ballon, den mir die Verkäuferin ans Handgelenk band. An dieser fliegenden Kugel konnte ich mich enorm begeistern. Alle meine Bewegungen machte sie in leichter Verzögerung mit. Zu Hause knüpfte ich den Ballon an meinem Puppenwagen fest und rannte damit auf dem Trottoir hin und her. Abends im Zimmer beschäftigte ich mich immer noch mit diesem Wunderding.

Immer wenn Weihnachten näher rückte, nahm Mama im Warenhaus Loeb an der Spitalgasse eine Stelle an. Sie arbeitete dort als Verkäuferin während der Wintersaison. Das ergab einen geschätzten Zustupf in die Haushaltkasse. Diese Zeit verbrachten wir noch nicht schulpflichtigen Kinder im städtischen Jugendheim im Mattenhofquartier. Dort seien wir gut aufgehoben, versuchten uns die Eltern verständlich zu machen.

In diesem Heim herrschte eine strikte Tagesordnung. Zum Frühstück gab es regelmässig den kernigen, verhassten Haferbrei. Auf harten Bänken sassen wir an langen Tischen und schauten zu, wie die «Tanten» uns einen Schöpflöffel voller Brei auf die Teller klatschten. Eine andere Tante band uns den Esslatz um. Sie schnürte ihn so eng, dass man kaum noch Luft holen konnte. Gelang es uns nicht, im richtigen Moment den Finger zwischen Latz und Hals zu schieben, wurden wir fast stranguliert, und der Haferbrei rutschte nur mühsam die Kehle runter.

Tag für Tag trugen alle Kinder die selben karierten Ärmelschürzen. Blaue für die Mädchen und rote für die Knaben. Zum Schutz gegen Wind und Kälte wurden wir für den täglichen Spaziergang in dicke schwarze Pelerinen gehüllt. Den Rest des Tages verbrachten wir vorwiegend im Hause beim Spielen. Einmal im Zimmer, durften wir diesen Raum ohne Abmeldung nicht mehr verlassen. Etwa wöchentlich einmal erschien die Vorsteherin im Spielzimmer, klatschte in die Hände, sang ein Lied und hüpfte mit uns im Kreise herum. Danach war ihr Kontakt-Soll erfüllt, und sie überliess uns wieder den Tanten, die sich mehr oder weniger gefühlvoll mit uns abgaben.

Nachts wurden wir an den Füssen ans Gitterbett gefesselt, weil die Tanten nicht mochten, dass wir die Decke wegstrampelten. Umdrehen im Bett war somit unmöglich. Wir muss­ten die ganze Nacht in der selben Position verbringen. Ich ­bewunderte meinen Bettnachbarn, dem es gelang, die Fussbänder zu lösen. Das Kopfkissen, in dem wir uns verkuscheln wollten, wurde uns unter dem Kopf weggerissen. Ein Kissen sei ungesund und führe zu einem Buckel.

Diese Umplatzierung ins Heim hatte zur Folge, dass uns eine Weihnachtsfeier im Kreise der Familie nicht beschieden war. Ein Christfest zu Hause habe ich ein einziges Mal bewusst erlebt, als ich sechs Jahre alt war. Elsbeth war wie Markus schulpflichtig geworden und musste nicht mehr ins Heim. Dadurch hatte ich das Glück, dass ich nicht allein dorthin abgeschoben wurde. Wir hatten mindestens drei lange, freudlose und trübe Winter in diesem Kinderheim verbracht. Erst als sich der Frühling ankündete, wurden wir von den Eltern dort wieder herausgeholt.

An gewissen Tagen machte der Migros-Verkaufswagen im Nord-Quartier die Runde. Soeben hatte er in unserer Strasse Halt gemacht. Der Fahrer, der zugleich als Verkäufer amtierte, liess eine Glocke erklingen, dann erschienen aus allen Hauseingängen kurz darauf Frauen in langen Röcken und bunten Rüschenschürzen. Mit und ohne Kinder strebten sie zum mobilen Warenladen.

Mama hatte uns, meine sechsjährige Schwester und mich, beauftragt, dort am Stand Gemüse und Käse einzukaufen. Mit einem Küchengefäss in der einen, einem Zweifrankenstück in der andern Hand und mich als Fünfjährige im Schlepptau näherte sich Elsbeth dem Gerangel.

Die ganze Käuferschaft drängte sich wie ein Knäuel um den Verkaufsstand. Schubsen war an der Tagesordnung, diszipliniertes Anstehen kannte man zu jener Zeit noch nicht. Kinder wurden meist rücksichtslos zur Seite geschoben.

Die korpulente Frau Zuber aus dem Nachbarhaus hatte keine Mühe, ihren Platz in der Menge zu behaupten. Schritt um Schritt rückte sie wie eine Walze vor. Mit anderer Taktik kam die schlanke Frau Eberhard an ihr Ziel. Sie machte sich jede zufällige Lücke zu Nutze, um nach vorne zu kommen und die schönsten Äpfel und den frischesten Salat zu erwischen.

Wir standen hinter der dicht gedrängten Menschenansammlung und schauten dem Treiben unfreiwillig von unten zu. Neu eintreffende Käuferinnen stiessen uns immer wieder weg. Dies wollte schliesslich meine Schwester nicht mehr länger hinnehmen und versuchte, sich zwischen den Leuten durchzuschlängeln. Dabei wurde sie von einer Frau heftig angestossen, und ihr fiel das Geldstück aus der Hand. Es rollte zwischen den Schuhen der Wartenden davon und verschwand. Die langen Röcke der Käuferinnen wirkten wie ein dichter Vorhang.

Als die Leute begriffen hatten, warum wir vordrängen wollten, war die Münze nirgends mehr zu sehen. Sie konnte in die Abwasserrinne gerollt sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich jemand schnell danach gebückt hatte, lag wohl näher. Aber niemand hatte etwas gesehen oder gehört. Elsbeth war fassungslos; sie konnte sich der Tränen nicht erwehren, ich schluchzte mit. Was sollten wir bloss tun? Mama wartete bestimmt schon ungeduldig auf das Gemüse.

Die Hausfrauen hatten ihre Einkäufe erledigt und waren gegangen. Ratlos verweilten wir neben dem Stand und konnten uns nicht entschliessen, nach Hause zu gehen. Zu unserem Leidwesen begann der Verkäufer, die Ware für die Weiterfahrt einzuräumen. Da nahm mich Elsbeth an der Hand und sagte resigniert: «Komm, wir gehen.»

Sie musste mich mit Gewalt vom Wagen wegziehen. Den Blick auf die Ware gerichtet, lief ich beinah rückwärts. Elsbeth reagierte ungehalten, sie schüttelte mich am Arm und sagte: «Beweg dich endlich, sonst lass ich dich stehen.»

Der Wagenführer hatte seine Aufräumarbeiten beendet. Er beobachtete uns nachdenklich und zog seine Mütze zurecht. Gleich würde er mit dem noch vollgestopften Wagen wegfahren, während wir mit unserem leeren kleinen Gefäss abziehen mussten. Da winkte er uns zu und rief: «Hallo, ihr Mädchen, kommt doch mal zurück.»

Wir blieben stehen. Der Mann kam uns entgegen, nahm meiner Schwester das verbeulte Löcherbecken aus der Hand und fragte aufmunternd: «Nun, ihr Kinder, was hättet ihr denn haben sollen?»

Elsbeth wischte sich mit dem Handrücken die Tränenspuren weg und zählte auf: «Ein Kilogramm Kartoffeln, vier oder fünf Karotten und dann noch etwas Käse fürs Geld – aber wir haben ja keines mehr», fügte sie erschrocken hinzu.

«Keine Bange, sicher hat jemand euer Geld eingesteckt», erwiderte er, deckte die Gemüseharasse noch einmal ab, füllte das Aluminiumbecken mit Kartoffeln und Karotten und überreichte es meiner Schwester. Dann holte er ein abgeschnittenes Käsestück, das offenbar einer Kundin nicht genügt hatte, unter der Glasglocke hervor, wickelte es ein und drückte mir das Päcklein in die Hand. «Das darfst du deinem Vater bringen. Und nun beeilt euch, bevor euch die Mutti suchen kommt.»

Elsbeth trug das Gemüsegefäss wie ein kostbares Gut behutsam vor sich her, während ich das Käsestück fest umklammert in meinen Händen hielt. Voll Freude und Dankbarkeit strebten wir leichtfüssig unserer Wohnung zu. Vor dem Gartentor hielt Elsbeth kurz inne und sagte leise: «Sag zu Hause nicht, dass ich das Geld verloren habe!»

In der Küche wartete Mama schon ungeduldig auf die Karotten. Wir stellten die Ware wortlos auf den Tisch und entzogen uns Mamas möglichen Fragen!

Papa hatte am Stadtrand auf einem Familiengarten-Areal ein Stück Pflanzland gepachtet. Das Gartenhäuschen mit den Kaninchenställen – ein Prachtsexemplar unter den übrigen Freizeitgebäuden – hatte er sich in den Abendstunden selbst zusammengezimmert. Der Ertrag aus der Pflanzung war eine willkommene Bereicherung für den Vorratsraum. So gelang es Mama, trotz des schmalen Haushaltungsbudgets täglich eine nahrhafte Mahlzeit auf den Tisch zu bringen.

Als gelernte Schneiderin nähte Mama für uns hübsche Kleider. Oft sah ich ihr zu, wie sie auf der alten Singer-Tretnähmaschine Naht um Naht zusammenfügte. Dabei sang sie uns mit ihrer hellen Stimme Lieder vor; Lieder, die man heute kaum mehr kennt. Wie etwa das Lied vom Blümchen Ig ha am ene Ort es Blüemli gseh oder «Das Laub fällt von den Bäumen».

Einmal legte sie die Arme um Elsbeth und um mich, spazierte mit uns durch Zimmer und Korridor und sang das Lied:

Dür ds Oberland uf,

dür ds Oberland ab,

da han i zwöi Schätzli,

wär chouft mir eis ab.

Sofort reagierten wir beide und flehten Mama an: «Bitte Mama, verkauf uns nicht.»

«Nein, wie sollte ich auch», tröstete sie uns.

Dass dieser Text aber in nicht allzu ferner Zeit für uns in gewisser Weise Wirklichkeit werden sollte, hätte niemand von uns je für möglich gehalten.

Mamas Eltern besassen im Sulgenbachquartier ein altes Fünffamilienhaus, in dem sie das unterste Geschoss selbst bewohnten. Die Grossmutter pflegte mit Hingabe ihre Rosen, die sie im grossen Garten angepflanzt hatte, während der Grossvater als Schuhmacher auf dem Beschlagfuss herumhämmerte. Hinter dem Hause sprudelte der alte Brunnen, den wir oft und zu Mamas Leidwesen in unser Spiel mit einbezogen.

Um ins Sulgenbachquartier zu gelangen, benutzten wir die gedeckte rote Brücke, die den unteren Breitenrain mit der Stadt verband. Diese Brücke hatte ihre Tücken. Auf dem Dach dieser Aareüberquerung fuhren die Züge vom und zum nahen Bahnhof. Wenn nun gleichzeitig mit den lärmenden ­Zügen die Bereiter von der nahen Reithalle auf ihren Pferden kamen und über diese Brücke gingen, bäumten sich die erschreck­ten Tiere wild auf und tanzten und stampften auf zwei Beinen in der ganzen Passage herum.

Niemand wollte diesen wildgewordenen Pferden begegnen. Bevor wir jeweils diesen tunnelähnlichen Übergang benutzten, setzte Mama uns Mädchen in den hochrädrigen Kinderwagen, wartete eine günstige Zeit ab und rannte dann, was Lunge und Beine hergaben, durch die Passage, begleitet von Markus, der Mamas Tempo mühelos mithalten konnte. Oft fand ein regelrechtes Kinderwagenrennen in dieser gedeck­ten Aarebrücke statt.

Papas Vater, seit etwa zwei Jahren verwitwet, wohnte ganz in unserer Nähe, ebenfalls in seinem eigenen Haus. Er besass wie der Sulgenbach-Grossvater eine Schuhmacher-Werkstatt. Dazu beschäftigte er noch einen Gehilfen.

Unserem Grossvater war Mama nicht genehm. Er hatte sich für seinen einzigen Sohn eine andere Schwiegertochter vorgestellt. Das liess in der Ehe meiner Eltern eine gewisse Disharmonie keimen. Dazu kam die Arbeitslosigkeit, die ganze Berufsschichten zum Stempeln zwang. Papa musste manchmal auch mit der Arbeit auf dem Bau aussetzen. Dann arbeitete Mama wieder als Verkäuferin im Warenhaus Loeb. Damit gelang es, die Familie einigermassen über Wasser zu halten.

Es war schon herbstlich kalt, als wir in eine andere Wohnung zügelten. Sie lag nicht weit vom alten Wohnort entfernt. Der Wohnblock stand auf dem einstigen goldenen Blumenfeld, Papa machte beim Umzug widerwillig mit. Er fand, dass ein Wohnungswechsel in dieser schweren Zeit nicht das Nötigste gewesen wäre. Mama setzte sich aber durch. Sie wünschte sich begreiflicherweise etwas mehr Komfort. Die neue Wohnung war grösser und heller als die bisherige, verfügte über eine Veranda, ein modernes Badezimmer und eine Mansarde.

Das Verhältnis meiner Eltern wurde immer angespannter. Eines Tages erschien Papa nicht mehr zu Hause, sein Platz am Tisch blieb leer. Mama erklärte uns, wir würden von nun an ohne Papa in diesem Haushalt leben müssen.

Sie holte den geflochtenen Reisekoffer vom Estrich, füllte ihn mit Papas Kleider und Effekten und stellte ihn im Korridor zum Abholen bereit. Am folgenden Morgen war dieses Gepäck nicht mehr da. Dies alles schien mir so hart, so endgültig.

Papa fehlte mir sehr. Nun hatte ich niemanden mehr, dem ich auf die Knie klettern konnte, der mit mir «Käse kehren» spielte, mir Tierbücher zeigte und den Atlas erklärte. Jeweils am Sonntagvormittag holte Papa mich zum Spaziergang ab. Dann wanderten wir durch die langen Alleen, die in Bern-Ost aufs Land hinausführten. Papa konnte bei seinem Vater in einer Dachstube wohnen, wo ich ihn oft besuchte.

Meine Schwester konnte sich nach einer längeren Diphterieerkrankung nicht mehr problemlos an eine neue Klasse gewöhnen. Sie blieb oft der Schule fern. Das ging so weit, bis sie im Unterricht nicht mehr geduldet wurde. Man brachte sie in ein Kinderheim nach Kirchlindach.

Unsere neue Wohnung musste auch gepflegt und gereinigt werden. Da Mama ganztägig arbeitete, blieb ihr dafür wenig Zeit. Nun dachte sie an die Anschaffung eines Staubsaugers. Tatsächlich erschien bald darauf ein Reisender mit einem solchen Luxusgerät und führte es Mama und uns staunenden Kindern vor.

Mama benahm sich seltsam, wie ich sie nicht kannte. Zudem war mir sofort klar, dass mir dieser Mann schon einmal begegnet war! Es blieb nicht beim einzigen Besuch, mehrmals kam der Vertreter vorbei, bis der Staubsauger endlich gekauft wurde. Als dann dieser Mann einmal mit lederner Motorradmütze und einer Schutzbrille bei uns erschien, erinnerte ich mich. Ich erkannte den Mann, den Mama vor mehr als einem Jahr «zufällig» beim Spitalacker-Schulhaus getroffen hatte, als wir Elsbeth von der Schule abholen wollten. Mama hatte den Blick nicht aufs Schulhausportal gerichtet, wo Elsbeth hätte erscheinen sollen, sie schaute auffallend nervös gegen die Strasse hin. Bald kam ein Fahrer angebraust und hielt exakt neben Mama an. Der Mann trug eben diese Ledermütze, plauderte vertraulich mit Mama, ignorierte mich und löste dadurch bei mir Eifersucht aus. Auf dem Nachhauseweg erhielt ich von Mama Schelte, weil ich mich trotzig benommen hätte.

Wozu sollte ich einem Fremden gegenüber freundlich gesinnt sein, von dem ich fühlte, dass er zu meinem Nachteil im Begriff war, die Gunst meiner Mutter zu erlangen – oder schon erlangt hatte! Ich vergass diese Begegnung, bis dieser Fremde in erwähnter Montur in unserer Wohnung auftrat.

Er war Mamas Freund. Papas verschiedentliche Versuche, zu uns zurückzukommen, scheiterten, weil sich dieser Karl, wie er hiess, nicht mehr aus Mamas Leben verdrängen liess. Ein gerichtlicher Entscheid verfügte, dass wir Kinder, einem damaligen Vorrecht der Mütter entsprechend, der Mama ­zugesprochen wurden. Das war ein schicksalsträchtiger Beschluss.

Im folgenden Frühling begann nun auch für mich die Schulzeit. Ich wurde ins imposante Spitalacker-Schulhaus eingewiesen. Einen neuen Schulsack erhielt ich nicht. Irgend­wo konnte Mama eine alte abgewetzte Segeltuchtasche mit den entsprechenden Tragriemen auftreiben, die ich dann in der Schule neben die nigelnagelneuen Taschen meiner Mitschülerinnen hängen musste.

Karl ging jetzt ungehindert in unserem Haushalt ein und aus, durfte aber noch nicht bei uns wohnen. Nach einer Intervention Papas hatte er die Schlafstätte in unserer Wohnung verlassen müssen. Papa hatte unserer Mutter erklärt, er weigere sich, ihr den monatlichen Mietzins zu bezahlen, solange sich dieser Eindringling in unserer Wohnung eingenistet habe. Demzufolge musste Karl das Feld räumen und sich mit der Dachkammer im Nebenhaus begnügen, die ihm Mama mit Kleinmöbeln und Wäsche aus unserer Haushaltung wohnlich eingerichtet hatte. Markus und ich fühlten, dass wir verdrängt wurden. Platz Nummer eins hatte Karl eingenommen.

An einem Sonntag besuchten wir Elsbeth im Kinderheim. Markus war nicht dabei. An der Postautohaltestelle am Bollwerk liessen Mama und Karl mich draussen warten, während sie das Billett lösen gingen. Plötzlich wurde ich von hinten hochgehoben und ins Postauto gestellt. Vor Schreck schrie ich laut auf, ich sah nicht, wer mich kidnappte. Der Chauffeur höhnte: «Wer wird jetzt dermassen schreien, wenn man schon Postauto fahren darf.»

Als der Schreck nachliess, hörte ich Papas Stimme und erkannte seine Hände, die mich immer noch umfasst hielten. Er sprach beruhigend auf mich ein und setzte mich auf einen Sitz am Fenster, nahm Platz neben mir, als wollte er damit demonstrieren: «Meine Tochter holt hier niemand weg.»

Papa wollte ebenfalls Elsbeth besuchen und konnte es nicht mitansehen, dass Mamas Freund in meiner Nähe war.

Mama und Karl bestiegen auch dieses Postauto. Sie setzten sich hinten auf die Bank. Wohlweislich liessen sie mich neben Papa sitzen. Während der Fahrt drehte ich mich um und wollte die Atmosphäre auf der hinteren Bank erkunden, da flüsterte Papa mir zu: «Schau nicht nach hinten, diese Leute gehen uns nichts an.»

Die Zeit der Sommerferien begann, in welcher wir zwei Kinder nicht recht wussten, wo wir uns aufhalten sollten. Wir strichen gemeinsam durchs Quartier, hielten uns im Kaser­nen­areal unter den schattigen Kastanienbäumen auf oder schlenderten stillschweigend durch den Rosengarten. Ins Aarebad Lorraine konnten wir ohne Mama nicht mehr problemlos gehen. Als Schulmädchen hatte ich nicht mehr Zutritt in den Bueber wie vor Jahresfrist, als mich Markus dorthin mitnahm. Und allein mochte ich mich auch nicht im Frauenbad aufhalten. Es war ein heisser Sommer, in den Strassen war der Asphalt flüssig. Wir mieden diese Strecken und schlichen am Abend im Schatten der Häuserreihen müde und freudlos unserer Wohnstrasse zu.

Der geheimnisvolle Ausflug

Mama versprach uns – Markus und mir –, man würde im Laufe der Sommerferien eine Reise ins Grüne unternehmen. Wir freuten uns darauf, wunderten uns aber, dass sie diesen Ausflug immer wieder verschob. Auch aus Karl war nichts herauszukriegen.

Dann endlich, am Ende unserer Ferien im August im Jahre 1934, schien ihr der Termin zu passen. Es war ein denkwürdiger Tag, ein Tag, der unserem Leben eine unglaubliche Wende gab.

Mama betrat unser Zimmer und sagte: «Wir machen heute eine Reise ins Oberland. Beeilt euch, zieht die Sonntagskleider an. Wir müssen gleich zur Bahn.»

Schnell machten wir uns reisefertig und standen bald erwartungsvoll bei Mama in der Küche. Karl war auch schon da, er durfte natürlich bei diesem Ausflug nicht fehlen.

Der Zug führte uns über Land, Richtung Süden, den Bergen entgegen. Nach etlichen Stationen wechselten wir auf eine kleinere Bahn, dann wartete schon das Postauto auf uns. In unzähligen Kurven tuckerte das Gefährt einen Hügel empor. Wir durchfuhren einen Tannenwald, bevor das Auto die Kuppe eines langgestreckten Höhenzuges erreichte, von welchem wir eine freie Sicht in Berge und Täler hatten. Noch nie zuvor hatte ich die imposanten Felswände so greifbar nah zu Gesicht bekommen. In gehobener Stimmung verliessen wir das Postauto und bewunderten das Panorama.

Im Osten reichte der Blick bis hin zu den schroffen Wänden des Hohgant. Das Jungfraumassiv liess sich hinter einem bewaldeten Hügelzug leicht erahnen. Der weisse Gipfel des bekannten Berges ragte hinter den dunklen Tannenspitzen empor. Die trotzige Niesenpyramide dominierte am westlichen Horizont.

Diese unbeschwerte Freude sollte aber nicht lange dauern. An der Haltestelle stand eine schwarz gekleidete Frau, die uns ständig beobachtet hatte. Langsam schritt sie auf uns zu und begrüsste Mama und Karl. Das löste in mir ein mulmiges Gefühl aus. Ein Blick auf den Bruder zeigte, dass es ihm ebenso erging.

Nun streckte die Frau auch uns die Hand zum Gruss entgegen. Sie forderte uns alle auf, ihr zu folgen. Ein steiniger Feldweg führte uns abwärts an Blumenwiesen, Kartoffel­äckern und Stoppelfeldern vorbei. Die fremde Frau geleitete uns zu einem der verstreut liegenden Bauernhöfe. Bergseits reichte das mächtige Dach bis zum Boden. Den Zugang zum Wohnteil säumten mannshohe Topinamburstauden.

Zögernd betrat ich als Letzte das Bauernhaus. Ich nahm den fremden Geruch einer Bauernküche wahr. Es roch nach Holz, Rauch und Molkerei. Dazu mischte sich der würzig starke Geruch, den die blau-weiss gestreifte Melkerbluse am Haken hinter der Tür ausströmte. Die Bauersfrau führte uns in die gute Stube. Diese hatte einen rohen Boden aus Tannenholz mit erhöhten Astansätzen.

Drinnen herrschte eine gespannte Stille. Ich wünschte, wir würden den Raum so bald wie möglich wieder verlassen. Aber Mama schien keine Eile zu haben. Zögernd stellte sie die schwere Reisetasche, in welcher ich den Imbiss vermutet hatte, neben dem Tisch auf den Boden. Jedermann wartete auf den Gesprächsbeginn des andern.

Endlich unterbrach Mama das Schweigen. Sie wandte sich an Markus und an mich: «Nun, ihr Kinder, hört mal her. – Dies ist jetzt euer neues Zuhause. – Ihr werdet von nun an hier wohnen!»

Ihre Stimme klang seltsam, ihr Tonfall fremd.

Einen Moment lang stockte das Blut in meinen Adern. – Wie konnte Mama so etwas tun! Sie durfte uns doch nicht allein zurücklassen, hier in diesem abgelegenen Hügelland, fern von der Stadt.

Wie versteinert stand ich da und schaute sprachlos meine Mutter an. Ihre Entschiedenheit war unmissverständlich, ich sah es in ihrem Gesicht! Ich begriff, dass künftig nicht mehr meine Mama, sondern diese schwarz gekleidete Frau sich um mich kümmern würde.

Mama und Karl schickten sich an, mit den Bauern ins Gespräch zu kommen. Indessen entspannte ich mich ein wenig. Ängstlich, doch neugierig schaute ich mich im Raum um. Da stand ein Kinderbett neben dem Ofen. Ich wollte wissen, wer denn darin schlafen würde.

«Du, Katharina, wirst darin schlafen», belehrte mich die Bäuerin.

Geschockt von der Antwort und weil sie mich Katharina genannt hatte, war ich der Verzweiflung nahe. Trotzdem ­deutete ich verschüchtert auf das grosse Bett neben der Tür. Ich wollte wissen, ob vielleicht mein Bruder hier schlafen würde.

«Nein», war die Antwort, «der wird nicht hier wohnen, er kommt zu einem Bauern in der Nachbarschaft.»

Dieser niederschmetternde Bescheid brachte mich aus der Fassung. Ich brach in Tränen aus und wollte wieder nach Hause mitgenommen werden. Damit kam ich aber schlecht an. Mama hielt mir vor: «Jetzt musst nicht noch heulen, da doch sonst alles so glatt gelaufen ist.»

Mamas Antwort traf mich schmerzlich. Ich war doch erst sieben Jahre alt! Aufgebracht riss ich die Türe auf und stürzte ins Freie. Ich wollte fort, weg von diesen Leuten … Aber wohin? Markus lief mir gleich hinterher. Aber niemand folgte uns, um uns zu trösten. Wir wurden mit unserer Angst, der Trauer und der grenzenlosen Enttäuschung allein gelassen. Wir Kinder sollten auch noch voneinander getrennt werden. So nebensächlich wie möglich wurde uns dieser Umstand beigebracht. Vor kaum einer Stunde sagte Mama «ihr», also wir beide sollten nun hier wohnen!

Langsam trippelte ich das Bord hinauf, liess mich auf die Knie und dann auf den Boden fallen. Dann liess ich den Tränen freien Lauf. Markus konnte mich nicht trösten. Er musste selbst mit der neuen Situation fertig werden.

Nach geraumer Zeit versiegten meine Tränen. Ich hob den Kopf und schaute mich um. Ich fühlte mich in eine neue Welt verpflanzt. Vorsichtig drehte ich mich um und rollte das Bord hinunter – im Sonntagskleid, aber das war nun auch egal.

Unten am Abhang hätte ich beinah ein Huhn überrollt. Flatternd und gackernd lief es davon. Ich erhob mich und strich mir das Kleid glatt. Darauf stieg ich wieder nach oben und rollte gleich noch ein weiteres Mal hinunter.

Da öffnete sich im Bauernhaus die Tür, durch die man gleich in die Küche gelangte. Die Bäuerin stand da und winkte uns herbei. «Ihr dürft die Hühner nicht so erschre­cken, sonst legen sie keine Eier mehr», erklärte sie uns. Diese Belehrung ist mir mein Lebtag in Erinnerung geblieben wie alles an jenem ereignisreichen Tag.

Die Bäuerin rief uns ins Haus, die Mutter wolle sich verabschieden.

Mit gemischten Gefühlen betrat ich die Stube, stellte mich vor Mama hin und sagte: «Da du uns nicht mehr zurücknehmen willst, musst eben allein nach Hause gehen!»

Es war ein Notschrei aus meinem aufgewühlten Innern. Das Verhältnis zu meiner Mutter sah ich plötzlich aus einer ganz neuen Perspektive. Wir hatten schmerzhaft zur Kenntnis nehmen müssen, dass Mama nicht mehr uns gehörte und wir fühlten, dass wir ihr lästig waren.

Nachdem sie dann noch Markus «abgeliefert» hatten, hakte sich Mama bei Karl ein und flüsterte ihm zu: «Nun haben wirs geschafft, jetzt sind wir frei.» Markus stand zum Lebewohl winken gleich hinter ihnen und musste diese Worte mit anhören.

Bis zur letzten Minute hatte ich gehofft, Mama würde sich erbarmen und uns wieder mit nach Hause nehmen. Als sie aber gegen den Zufahrtsweg geschritten war, schwand jegliche Hoffnung dahin.

Wie angewurzelt blieb ich auf dem steinigen Vorplatz stehen. Im Geiste sah ich mein Zuhause, die Stadt mit den Laubenbogen, den Zytglogge und Papas Gartenhäuschen; ich hörte das singende Tram … Dies alles sollte ich für lange Zeit nicht mehr wiedersehn. Ich durfte nicht mehr an Mamas Hand über die Kornhausbrücke trippeln.

Verbittert und traurig blieb ich im Hof und starrte auf die Topinamburstauden, hinter denen meine Angehörigen verschwunden waren. Ich fühlte mich verlassen; allein unter fremden Leuten auf diesem Bauerngut.

Vom Hause her näherte sich meine neue Betreuerin, Frau Burri. Sie nahm mich an der Hand und sagte: «Komm, wir gehen jetzt auf den Hohbüehl.»

Stumm schritt ich neben der fremden Frau einher. Sie führte mich über einen Graben und auf Waldwegen einer Anhöhe zu. Wir näherten uns einem Haus, von dem vorerst lediglich das mächtige, steile Dach erkennbar war. Dort, wo der Brunnen plätscherte, schlüpften wir unter das Riesendach.

Der Hohbüehl war Frau Burris Elternhof. Dort wurde ich ausführlich begutachtet: «Jawohl, da hast du nun es gäbigs Meetscheli, das kann dir Kommissionen machen oder dir in der Küche zur Hand gehen», meinte die Hohbüehl-Bäuerin zu ihrer Tochter, meiner Betreuerin. Vor dem Kommissionenmachen graute mir schon jetzt. Ich fürchtete die vielen grossen Hofhunde, die einsamen Wege und den dunklen Wald, den wir durchquert hatten.

Die Leute auf dem Hohbüehl mochten mich. Der Hohbüehl war ein grosser, alter Hof. Die Küche sehr geräumig und rabenschwarz, eine typische Rauchküche. Erst konnte ich rein nichts sehen in dieser Dunkelheit, dann musste ich immer die Augen zukneifen, weil mich der Rauch brannte. Als die Vorführ-Visite zu Ende war, mussten wir beinah im Laufschritt zurück auf die Lischenmatte, auf den Bauernhof, der künftig mein neues Zuhause sein sollte.

Dort beschäftigte sich die Bäuerin gleich am Holzherd. Indessen schaute ich mir noch einmal meine neue Schlafstätte an: ein Holzbett mit Sprossenwänden, auf der Vorderseite eine etwas niedrigere, um bequem einsteigen zu können. Dies alles nahm ich durch einen Schleier von Tränen wahr, gegen die ich dauernd ankämpfen musste.

Dicht neben diesem Bett befand sich eine Tür, die in die hintere Stube führte. Überrascht starrte ich in diesen Raum. Dort lagen auf einem Bett alle meine Kleider! Alles war da, auch Winterkleider. Demnach musste ich längere Zeit hier verbringen. Eine Bestätigung mehr, die Hoffnung auf eine Rückkehr nach Hause zu vergraben.

Mama hatte wirklich alles planmässig vorbereitet. Ohne dass wir etwas ahnten, hatte sie unser Hab und Gut, Puppen und etliches Spielzeug inbegriffen, schon Tage zuvor in diese abgelegene Gegend befördert. Natürlich mit Hilfe ihres Freundes Karl.

Uns fiel bei diesem Zusammenpacken nichts Besonderes auf. Mama hatte zu diesem Zeitpunkt ohnehin den ganzen Hausrat in Kisten verstaut. Sie war im Begriff, in eine neue Wohnung im Sulgenbach-Quartier umzusiedeln. Beiläufig teilte sie uns mit, künftig werde auch Karl in diesem Haushalt leben! Für uns Kinder jedoch hatte das neue Paar offenbar keinen Platz vorgesehen.

Als Angenommene

Nun lebte ich also gezwungenermassen bei diesem Ehepaar auf der Lischenmatte. Kürzlich hatten sie ihren dreijährigen Sohn verloren. An was er starb, habe ich nie herausgefunden.

Der Bauer war eher klein, breitschultrig und hatte einen schleppenden Gang. Dies zeigte sich besonders, wenn er mit dem Melkerkessel über die Bretter der Güllengrube schlarpte. Die Frau war schlank, was ihre schwarze Kleidung noch betonte. Sie hatte ein frisches Gesicht und stets rote Wangen. Ich glaubte, sie hätte sie angemalt, wie etliche Stadtfrauen es taten.

Die beleidigte Bäuerin entgegnete empört: «Was stellst du dir eigentlich vor? Das haben wir doch nicht nötig. Für einen solchen Blödsinn hätten wir ohnehin weder Geld noch Zeit. Wir sehen nicht aus wie gebleichte Leintücher; unsere Farbe ist echt.»

Ich lernte sehr bald, dass Stadt und Land verschiedene «Gesichter» hatten. Ein Städter war unter der Landbevölkerung leicht zu erkennen und galt als Fremdling. Umgekehrt fühlte sich ein Bauer in der Stadt deplatziert.

In dieser Landwirtschaftsgegend hatte die Schule noch nicht begonnen; die Kinder genossen zwölf Wochen Sommerferien. Erstaunlicherweise fand ich auch meinen alten Schulsack in der hinteren Stube.

Wo immer es ging, musste ich bei der Arbeit mithelfen. So etwa Kleeblümchen abzupfen, die bestimmt waren für den Samen im folgenden Jahr, Hühner füttern, Holz herbeitragen, Geschirr trocknen und abends den Hühnerstall schliessen. Die Arbeit, die ich nicht mochte und mir Mühe machte, war die Mithilfe bei der Kartoffelernte. Ich kniete neben dem Kratten und sortierte die so genannten «Säuer» von den Speisekartoffeln aus. Die Gefässe wollten und wollten sich nicht füllen. «Wenn du so weitermachst, gibt es keinen Ankebock zum zʼVieri», warnten sie mich.

Von Heimweh geplagt und in Gedanken versunken, zerdrückte ich in meiner Hand eine harte Erdknolle, schaute zu, wie der Sand zwischen den Fingern auf die Erde rieselte, dann sagte ich im Flüsterton: «Ich mag gar keinen Ankebock; viel lieber möchte ich wieder nach Hause gehen.»

Die Bauersleute antworteten nicht. Sie kehrten mir wieder den Rücken zu, schlugen den Karst in die Ackerfurchen und beförderten ganze Nester von neuen Kartoffeln ans Tageslicht. Als ich dann zur Imbisszeit die Küche betrat, richtete ich doch zuerst den Blick auf meinen Platz am Tisch. Beruhigt stellte ich fest, dass sie mir trotzdem ein Butterbrot hingelegt hatten.

Tage und Wochen vergingen, da eröffnete mir eines Morgens Frau Burri, sie möchten noch ein weiteres Kind annehmen. Einen Buben, dreijährig. Nach diesem überraschenden Bericht wurde mir sehr bange. Ich fühlte, dass ein Neuzuzüger unweigerlich erhebliche Veränderungen in meinen nun schon gewohnten Tagesablauf bringen würde.

Es war jedoch schon längst beschlossene Sache. Dieser Knabe, Walter mit Name, war ziemlich verwahrlost, hatte kaum Kleider und konnte nicht sprechen. Zudem hatte er einen Ausschlag auf dem Kopf. Die ganze Kopfhaut war mit Krusten bedeckt. Während des Essens sass der Kleine neben dem Bauern. Der hatte dann nichts Besseres zu tun, als dem Kind die Krusten abzukratzen. Das ging einige Tage so, bis doch die Bäuerin ihn aufforderte, diese Kratzerei am Tische zu unterlassen.

Mein Bett neben dem Ofen wurde Walti zugewiesen. Ich konnte eine Schlafstätte in der hinteren Stube beziehen. Der gewohnte Tagesablauf hatte sich geändert. Mir wurde eine neue Aufgabe zugeteilt. Ich musste dieses Kind hüten.

Erst versuchte ich, dem Buben einige Wörter beizubringen. Vor allem seinen Namen «Walti». Es dauerte einige Zeit, bis er wenigstens «Alti» aussprechen konnte. Auch Milch und Kaffee sollte er sagen können, verlangte Frau Burri. Aber er verwechselte oft die Buchstaben und sprach Maffee oder Filch. Das ärgerte die Bäuerin, tagelang musste er ihr Wörter nachsprechen, die sie ihm vorsagte. Was man an ihm in drei Jahren an Erziehung und Fürsorge unterlassen hatte, wollte sie ihm in zehn Tagen einpauken. So sagte er eben aus lauter Angst und völlig verwirrt immer wieder Maffee oder Filch. Als er statt seines Namens noch Malti sagte, flippte die Bäuerin aus und versetzte dem dreijährigen Buben eine Ohrfeige.

Ich erschrak ebenso wie der Kleine. Wenn die für so etwas dreinschlägt, muss auch ich mich ganz schön in Acht nehmen, warnte ich mich selbst.

Meine ganze Familie war nun komplett auseinander gerissen worden. Geschwister, Vater, Mutter – und was mich besonders schmerzte, war die weite Distanz zu meiner geliebten Stadt.

Meine Schwester Elsbeth lebte schon eine gewisse Zeit im Heim nördlich von Bern. Irgend jemand hatte nun die Idee, dieses Kind auch hierher zu einem Bauern zu bringen.

Nach Verhandlungen mit Burris waren diese einverstanden, Elisabeth, wie sie mit vollem Namen hiess, auch anzunehmen. Gegen Kostgeld natürlich, um das ging es ja in erster Linie. Darauf wurde meine Schwester aus dem Kinderheim, in welchem sie sich schon gut angepasst hatte, herausgeholt und auf die Lischenmatte gebracht.

Damit hatte die junge Frau innert kürzester Zeit gleich drei fremde Kinder ins Haus bekommen. Drei-, sieben- und achtjährig waren wir. Dieser Situation war die Bäuerin keineswegs gewachsen. Von Einfühlungsvermögen und Verständnis uns gegenüber war sie weit entfernt. Dazu kam, dass sie den Verlust ihres eigenen Kindes noch nicht verarbeitet hatte. Es musste sterben und Walti, der Angenommene, durfte leben. Oft schaute sie in die Schublade, wo die Sachen des Verstorbenen lagen, nahm etwas heraus, versorgte es aber gleich wieder mit den Worten: «Nein, diese Kleider kann ich dem Walti nicht anziehen, die gehörten meinem Robertli.» Sie arbeitete sich zwanghaft in eine Neidsituation hinein.

Wir waren so genannte Angenommene, Fremdlinge, nicht Bauernkinder. Wir stammten aus einem anderen Umfeld. Wir fühlten, dass wir nicht dazu gehörten. Nicht aus Liebe oder Berufung wurden wir gehalten, es war reine Berechnung. Pflegekinder waren bei gewissen Bauern gesuchte Objekte. Bargeld war damals rar. Solches gab es nur bei der Milchzahlung. Die Bauern lebten hauptsächlich vom Ertrag aus Feld, Stall und Garten. Und die Ernte kam ja auch nicht von allein ins Haus. Also schauten sie sich nach solchen Kindern um. Dabei hatten sie gleich zwei Fliegen auf einen Schlag. Sie kassierten Bargeld und verfügten zugleich über eine Arbeitskraft.

Die Burris boten uns nicht an, sie als Vater und Mutter anzusprechen. Daher nannten wir sie wie am ersten Tag Herr und Frau Burri. Sie korrigierten uns nie.

Herr Burri nannte seine Frau selten beim Namen. Daher war ich recht ergriffen, als er einmal in meiner Anwesenheit seine Frau Rosi rief. Diese starre, in Trauer gehüllte Frau hatte einen Vornamen. Sie war auch einmal ein Mädchen, ein Kind. Aus dieser plötzlichen Überlegung heraus erhoffte ich mir mehr Nähe zu ihr. Aber die Distanz blieb. Wenn Frau Rosi, wie ich sie heimlich nannte, ihren Gatten mit Fritz ansprach, musste schon ein Sonderfall vorliegen.

Werktags durften auf dem Bauernhof keine Spielsachen herumliegen. Das fiel uns leicht, denn wir hatten kaum solche. Was Mama uns mitgegeben hatte, ergab nicht ein halbes Dutzend. Nach Feierabend oder an Sonntagen spielte ich mit einer ausrangierten Mausefalle. Sie bestand aus einem ausgehöhlten Baumstammstück. Meine Fantasie hatte sie zu einem Puppenhaus umfunktioniert.

Wir wurden schon bald zu allen möglichen Arbeiten herangezogen. Meiner Schwester zeigte Frau Rosi, wie sie den Küchenboden schrubben und aufwischen solle. Ihr trockne der Boden gleich hinter dem Lappen her, prahlte sie. Mit ihren kräftigen Händen konnte sie den Lappen mühelos ausdrücken. Bei Elsbeths Aufwaschen blieb der Boden längere Zeit nass. Deswegen wurde sie heftig an den Haaren geschüttelt und als Nichtsnutz hingestellt.

Arbeit und Schule

Am Morgen musste ich mit dem Bauern und dem Graskarren aufs Feld. Offensichtlich wollte man mich mit den Arbeiten «draussen» vertraut machen. Meine Schwester war als Hilfe in der Küche vorgesehen. Den kleinen Walti konnten sie noch nicht einspannen, also musste ich mich damit abfinden und Feldarbeiten verrichten.

Erst schritt ich in einigem Abstand hinter dem Bauern her, der breitspurig Fuss um Fuss vorsetzte und dabei weit ausholend die Sense schwang. Das taunasse Gras fiel dabei in gleichmässigem Rhythmus zu Boden. Mich faszinierte, wie das blanke Metall durch die üppige Wiese zischte. Gleichzeitig lösten sich bei jedem Schnitt die silberglänzenden Wasserperlen. Tausend Tropfen sprangen von den Halmen. Mit Wohlbehagen atmete ich den aromatisch würzigen Duft von frisch geschnittenem Gras ein. Dieses Gefühl von klarer, reiner Natur ist seitdem nie mehr aus meiner Erinnerung gewichen.

Während ich den Mähvorgang bestaunte, hatte der Bauer die erste Mahd geschnitten. Er drehte sich um, zog den Wetzstein aus dem Fass und begann die aufgestellte Sense zu wetzen. Zugleich deutete er mit dem Kopf gegen den Wagen hin und sagte: «Dort ist eine kleine Gabel. Du kannst damit Gras zusammenstossen und auf den Wagen laden.»

Ich behändigte das ungewohnte Werkzeug, schob den Graswalm vor mir her, bis genug auf der Gabel lag, dann warf ich die Ladung auf den hohen Wagen. Etwas davon landete auf dem Gefährt, der Rest in meinen Haaren und wieder auf dem Boden.

Zum Frühstück, wie auch sehr oft zum Abendessen, gab es jeweils die schmackhafte Kartoffelrösti. Die beiden Bauersleute assen sie gleich mit dem Suppenlöffel aus der Platte. Uns Kindern schöpften sie eine Portion in die Teller.

Wenn Frau Burri diese Speise abends zubereitete, beobachtete ich, wie sie kurz vor dem Anrichten einen Schuss Brunnenwasser – Gätzischmutz – dazugoss. Damit gab sie dem Gericht die nötige Flüssigkeit zurück, die sich während der Bratzeit verflüchtigt hatte. Darauf stürzte sie diese goldgelbe Kartoffelspeise auf die traditionelle Röstiplatte.

Ich war für die Gschwellten zuständig und damit verantwortlich dafür, dass immer genug gekochte Kartoffeln vorhanden waren. Im kleinen Brunnentrog traktierte ich die ­rohen Kartoffeln so lange mit dem Besen, bis sie einigermassen sauber waren. Dann holte ich die Knollen aus dem kalten Wasser und liess sie in einem Drahtkorb abtropfen. Aber anscheinend zu wenig lange. Ich schleppte das Gefäss in die ­Küche. Der schwere Korb, den ich kaum zu heben vermochte, hinterliess vom Brunnen bis zum Kochherd eine nasse Schleifspur.

Weil Rosi Burri allergisch auf nasse Küchenböden war, quittierte sie meine Arbeit mit einer Strublete. Sie schüttelte mich heftig am Haarbusch, den sie mir mit einer Schleife ­zusammengebunden hatte. Völlig verschüchtert stand ich da. Ich hatte eher ein Lob erwartet, weil ich mich so beeilt hatte mit der Herrichtung der Kartoffeln. Aber bald lernte ich, dass Angenommene nichts zu erwarten hatten. Eher hätte ich mich noch für die Strublete bedanken sollen, für die so genannte gute Erziehung, die sie uns allzu oft angedeihen liess.

Die Bauern verlangten, dass wir uns stets überall und für alles bedankten. Sie liessen uns bei Tisch das Gebet sprechen. Jeden Morgen und jeden Abend las der Bauer aus der Bibel vor, die er mit einem Handgriff von einem Tablar über sich herunter holte. Im «Neukirchener Kalender» war angegeben, welchen Text er am jeweiligen Tag lesen musste. «Bete und arbeite» war die oberste Devise.

Alles drehte sich um die Kartoffel. Sie galt als Hauptnahrungsmittel, nebst dem Brot. Selbst die Schweine erhielten ihre «Säuer»-Ration. In einem eigens dafür bestimmten Gerät wurden die gesottenen Kartoffeln für sie zerkleinert und gemahlen. Während ich diese Drehmühle bediente, konnte ich den Betrieb im Hof eingehend beobachten.

Der Schweinestall befand sich im hinteren Hofteil. Der Weg dorthin führte über die Güllengrube. Sobald nun Rosi Burri im stampfenden Schritt mit dem gefüllten «Säuhafen» die ersten Güllenlatten betreten hatte, ging im Schweinestall ein ohrenbetäubendes Geschrei und Grunzen los. Die Tiere wussten genau, dass sie nun gefüttert würden. Noch bevor etwas im Trog lag, steckten die Schweine ihre Köpfe hinein. Sie besetzten die Plätze, um als Erste ans Futter heranzukommen. Die Bäuerin goss ihnen kurzerhand die ganze Suppe mit Kartoffeln, Speiseresten und was auch immer sich darin befand, über die Köpfe. Dann ging das Schnalzen und Schmatzen los. Die Frau klappte den Trogdeckel wieder zu. Wie sich dann die Sauen die übergossenen Gringe säuberten, blieb ihnen selbst überlassen.

In Burris Stall hauste ein grosses Mutterschwein. Dieses sollte man einmal ins Freie lassen, fanden die Bauersleute. Also führte man dieses massige Tier aus dem Stall in den Obstgarten. Mir gaben sie einen Stock in die Hand. Ich sollte das Schwein hüten. In der hinteren Baumreihe stellte ich mich auf, um das Tier aufzuhalten, falls es ins Wiesland wollte. Wir alle aber hatten die Kalkulation ohne das Grunzschwein gemacht.

Sobald dieses frische Luft und Freiheit gerochen hatte, rannte es laut grunzend im Zickzackkurs durch den Obst­garten. Mit einen Sprung hinter einen Apfelbaum konnte ich mich vor ihm retten, sonst hätte es mich zweifellos überrannt.

Der Bauer sah, dass sie mir mit diesem Hütedienst doch zu viel zugemutet hatten. Er kam angerannt, entriss mir den Stock und eilte dem Schwein nach. Es nahm Kurs Richtung Schulhaus. Auf halbem Wege holte er es ein und klemmte es sich zwischen die Beine. Rittlings musste er noch eine Strecke mitlaufen. Dabei packte er das Borstenvieh an den Ohren.

Wir hatten uns indessen auch der Szene genähert. Die Bäuerin schrie ihrem Mann zu: «Pass auf, pass auf, du reisst ihm das Ohr aus.»

Tatsächlich klaffte am Ohransatz ein grosser Riss. Es war ein richtiger Kampf, bis der Bauer das kräftige Tier wieder unter Kontrolle hatte. Mit Fusstritten und Stockhieben beförderte er das übermütige Schwein zurück in den Stall. Von einem neuerlichen Weidegang wurde in Zukunft abgesehen.

Auf den Feldern und überall in der Luft roch es nach verbrannten Kartoffelstauden. Das war ein untrügliches Zeichen, dass der Herbst eingekehrt war. Und mit dem Herbst kam auch wieder der Schulbeginn. Das war Neuland für uns Mädchen.

Der Bauer brachte uns zum Schulhaus. Das Gebäude enthielt nur zwei Schulzimmer, die sich rechts und links von einem langen Flur befanden. An dessen Ende führte eine Treppe ins Obergeschoss. Dort befand sich die Lehrerwohnung, die von einem Ehepaar bewohnt wurde, welches zusammen die neun Klassen unterrichtete.

Die Schüler von der ersten bis zur vierten Klasse wurden von Frau Schaer betreut, während in der Oberschule bis zum neunten Schuljahr ihr Mann das Zepter führte.

Herr Burri liess uns unten an der Treppe warten, während er bei der Lehrerin vorsprach. Da standen wir nun, wir Neulinge, und schauten dem Betrieb zu. Ununterbrochen öffnete sich die Gangtüre. Einzeln oder in Grüppchen kamen die Kinder herein. Die Grossen verschwanden nach links, die Kleinen nach rechts in die Schulstuben. Nicht aber ohne uns von oben bis unten gemustert zu haben, als wären wir Exoten. Kein Wunder, alle Mädchen vom Land trugen damals mehr oder weniger lange, meist rötlichblonde Zöpfe. Wir hatten Pagenschnitt, dunkle Haare und trugen kurze Röcke.

Von irgendwoher ertönte eine Glocke. Gleich darauf kamen die Lehrersleute und der Bauer die Treppe herunter. Die Lehrerin begrüsste uns und öffnete die Tür zum Raume rechts. Wie aufs Kommando drehten sich etwa vierzig Schüler um und ebenso viele Augenpaare blickten uns entgegen.

Ich wurde zu den Kleinen der ersten Klasse gesetzt, während meiner Schwester einen Platz in der zweiten Klasse zugewiesen wurde. Schulbänke im üblichen Sinn gab es nicht. Es waren Vierer- und Fünferbänke, wie zu Ankers Zeiten, und ebensolche Pulte davor, die aus einer einzigen langen Latte bestanden. Zum Aufstehen musste man immer diese Latte zurücklegen.

In einer längeren Zeremonie wurden wir unseren Mitschülern vorgestellt. Viele Kinder hatten den selben Nachnamen. Entweder waren sie Geschwister oder sonstwie untereinander verwandt. Ich atmete entspannt auf, als die Lehrerin an ihrem Pult sass und zur Tagesordnung überging.

Die Kinder waren nett, ich fühlte mich von ihnen akzeptiert. Besonders als sie merkten, dass wir ihnen in den Grundschul-Fächern mindestens ebenbürtig waren.

Mittlerweile hatte Papa herausgefunden, wohin man uns gebracht hatte. Da stand er nun an einem schönen Sonntag, kurz nach Mittag, auf Burris Hof. Der Bauer, der noch am Mittagstisch neben dem Fenster sass, hob ein wenig das karierte Vorhänglein und sagte gelassen: «Was sucht denn dieser lange Kerl hier?»

«Der hat sich wohl verlaufen», entgegnete die Bäuerin.

Erst jetzt wurden Elsbeth und ich auf den Mann da draussen aufmerksam. Ein Blick durchs Fenster genügte. Wir sprangen von den Bänken und zur Türe hinaus in die Arme unseres Vaters. Nun begriffen auch die Burris, wen sie vor sich hatten.

Neben unserem Vater erschienen sie wie Kinder. Er überragte den Bauern um eine ganze Haupteslänge. Es tat mir in der Seele gut, zu sehen, wie der Bauer einmal zu jemandem emporschauen musste. Er sagte danach, Papa würde nicht hierher passen. Der müsse ja jedesmal den Gring einziehen, wenn er durch die Tür gehe; und den Dielenbalken müsste er ein gutes Stück abhobeln, damit er untendurch käme!

Wir begleiteten Papa auf den Riedboden. Er wollte auch Markus sehen und seine Pflegefamilie kennen lernen.

Mama hatte die Bauersleute angewiesen, uns nicht aus den Augen zu lassen, falls der Vater auftauche. Der sei im Stande und nehme uns bei günstiger Gelegenheit gleich mit. Aus diesem Grunde wurden wir auf beiden Höfen mit Argusaugen bewacht.

Es war eine paradoxe Situation. Die Mutter verfügte über uns, wollte uns aber nicht bei sich haben, der Vater jedoch bemühte sich vergeblich, um uns nach Hause zu holen. Ausgerechnet vor diesem Manne, der es gut mit uns meinte, sollten uns die Betreuer schützen! Aber zu dieser Zeit waren die Mütter immer am längeren Hebel und erhielten das Sorgerecht fast automatisch. Eine Frau, die das Sorgerecht nicht erhielt, verlor fast das Gesicht. So liess Mama, als Papa sie gedrängt hatte, ihm das Sorgerecht zu überlassen, uns drei Kinder umgehend bevormunden. Damit verschaffte sie sich behördliche Rückendeckung und schob Papas Bemühungen einen Riegel.

Nun kannten die Burris unsere beiden Elternteile. Mit der Mutter und mit ihrem Begleiter freundeten sie sich an, den Vater aber fürchteten sie in gewisser Hinsicht.

Bei einer einzigen Gelegenheit bloss hatten wir noch Kontakt zur Stadt Bern. Halbjährlich wurden wir in die städtische Schulzahnklinik beordert. Die Reise nach Bern unternahmen Elsbeth und ich ohne Begleitung. Markus war leider nie dabei, er wurde zu einem andern Zeitpunkt aufgeboten. Die zuständigen Behörden, mit welchen sich unsere Mutter ab­sprach, konnten es nicht einrichten, uns alle drei gemeinsam in die Stadt fahren zu lassen. Ein längeres Zusammentreffen wurde uns Geschwistern somit vergönnt. Auch war es uns untersagt, einen Elternteil am Bahnhof zu treffen. Schon gar nicht den Vater. Vom Bahnhofplatz holte uns jeweils eine Jugend­­beamtin ab und begleitete uns zur Zahnklinik, die kaum einen Flintenschuss vom Bahnhof entfernt lag. Später brachte sie uns zurück zum Zug, der uns unweigerlich wieder unserem Zwangsaufenthaltsort zuführte.

Zu den wenigen Spielzeugen, die uns Mama mitgegeben hatte, gehörte auch das Springseil. Auf der Lischenmatte fand sich kein geeigneter Platz, deshalb beschlossen wir, das Seil mit in die Schule zu nehmen. In der Pause hüpften wir einige Male auf dem Schulhausplatz herum und machten damit Furore bei den Kindern. Vom Seilspringen hatten sie keine blasse Ahnung. Die Mädchen wollten das Spiel auch lernen. Eine Mitschülerin brachte sogar ein Kälberseil mit, das sie offenbar dem Vater aus der Tenne abgestaubt hatte.

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