Kitabı oku: «Das offene Geheimnis»

Yazı tipi:

Doree Valerie

Das offene Geheimnis

Eine halbwegs wahre Geschichte

Romantische Erzählung


Doree Valerie

Das offene Geheimnis

Eine halbwegs wahre Geschichte

Romantische Erzählung

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.

Der Umschlag wurde nach einem Aquarell der Autorin gestaltet.

Alle Rechte vorbehalten!

© Herbst 2017

Impressum

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eISBN 978-3-96136-018-5


Eine Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist nicht beabsichtigt. Die Umstände sind der Fantasie geschuldet.

Sollte sich der Leser dennoch in einer Figur wiederfinden, so hat sich wohl die Fantasie mit dem Leben vereint.

Fantasie ist der Luxus derer,

die arm an käuflichen Gütern sind.

D. V.

Bloßes Sehnen,

Schwärmen,

Hoffen …

bis alles zerbricht

und in schwarzer Traurigkeit endet.

W o l l e nSie, dass es so endet?

Contents

Das offene Geheimnis

Epilog

Erläuterungen

„Und weißt du noch …?“,

begann ihre Erzählung, als wir uns nach Jahren das erste Mal wieder trafen.

In einem Alter, in dem Mädchen sich über die Liebe mokieren, weil sie sie nicht kennen, gestand sie, sie sei verliebt. Doch würden ihre Gefühle niemals erwidert werden, war sie zutiefst überzeugt.

Sie war siebzehn. Er vierunddreißig.

Es geschah in einer Zeit, in der man das Recht, wichtige Entscheidungen zu treffen, erst mit einundzwanzig Jahren erhielt. Mädchen bei Auftritten der ‚Beatles‘ aus hysterischer Begeisterung in Ohnmacht fielen. Und man Unterhaltungsmusik, aus der ‚Pop‘-Musik wurde, nur auf Englisch oder Italienisch ertrug.

In dieser Zeit hatte sie die erste Liebe erfahren.

Er hatte Jura studiert. Alle Examen bestanden. War Assessor geworden.

Das hatte sie beeindruckt. War ihr aber nicht wichtig.

Dass er schön war, hatte sie ins Herz getroffen.

Deshalb huschte, wenn sie an ihn dachte, immer ein Lächeln über ihr Gesicht.

Dass er nicht nur äußerliche Schönheit besaß, war ihr noch unbewusst. Doch ahnte sie, dass seine Züge, sein olivfarbener Teint, seine zartgliedrigen Hände, eine tiefere als nur äußerliche Schönheit bedeuteten.

Seine knabenhafte und dennoch männliche Anmut war es, die ihre Seele berührte. Dieser männliche Knabe – oder noch knabenhafte Mann – hatte sie, ohne dass er dies im Schilde geführt hatte, mit besonderem Charme bestochen. Einem Zauber, einem Reiz, einer Liebenswürdigkeit, denen sie erlegen war.

Niemals war das, was sie bewegte, seine Absicht gewesen. Er bestach ganz einfach. So wie er war:

Sanft und elegant. Schön und gebildet. Leichtfüßig und ernsthaft zugleich.

Der Traum eines empfindsamen Mädchens.

Doch vor allem zogen sie seine dämmergrauen Augen in ihren Bann. Die in ihrem ins Grün spielenden Grau der Tiefe des Meeres glichen. Augen, die von gebogenen Wimpern gesäumt waren. In deren Iris Goldtupfen tanzten. Die melancholischen Ernst ahnen ließen. Verträumte Augen, die Sanftheit versprachen. Wie seine Gesten und auch sein Gang.

Dabei war es nur natürlich, dass dieser männliche Knabe Sanftheit versprach, verinnerlicht wirkte und den geschmeidigen Gang einer hochbeinigen Katze besaß. Denn seine Berufswahl wäre eine andere als die des Advokaten gewesen.

Niemals wollte er aus innerem Antrieb die Rechte studieren. Noch das Recht für Rechtlose oder Rechtsbrecher erstreiten. Die Vernunft des Vaters hatte zu dieser Berufswahl geführt. Entgegen dem Wesen des Knaben.

Denn hätte er sich von seiner Sehnsucht leiten lassen, hätte diese Wahl gegensätzlicher nicht ausfallen können:

Er wäre Tänzer geworden.

Die Mutter, eine Künstlerin, die seinerzeit mit dem Kind im Ausland lebte, hatte dem Neunjährigen ermöglicht – ohne Wissen des nüchtern denkenden Vaters – zuerst in eine Kinderballettschule, später, mit vierzehn, in eine Elevenklasse eintreten zu können.

Jahre verbargen Mutter und Sohn ihr tänzerisches Geheimnis. Bis die Mutter von der Ernsthaftigkeit der Neigung des Heranwachsenden und dessen Begabung überzeugt war, und sie dem Vater die Wahrheit gestand.

Doch der widersetzte aus vernünftiger Absicht dem Tanz ein entschiedenes ‚Nein‘. Zog die Erziehung der künstlerischen Seele mit nicht widerlegbaren Argumenten an sich. Und erzog so lange an dem fügsamen Knaben herum, bis dieser den Tanz vergessen lernte.

In Wahrheit hatte er den Tanz jedoch niemals vergessen. Und übte und tanzte weiter heimlich bei jeder Gelegenheit. Denn seine Gliedmaßen, sein Gang, doch vor allem seine Seele, trugen den Tänzer in sich.

So wählte er – kaum der väterlichen Erziehung entkommen – zum vernünftigen Berufe des Juristen einen zweiten, ‚unvernünftigen‘ Beruf hinzu.

Da diese zweite Berufswahl, zur Erfüllung eines sehnlichen Wunsches, mit Tanz zu tun haben musste, er aber, um klassischer Tänzer werden zu können, das Alter überschritten hatte, traf er einen Kompromiss:

Er ließ sich zum Tanzlehrer heranwachsender Mädchen und Jungen ausbilden.

Der Ausweg, Tanzlehrer zu werden, der bestenfalls Mittelmaß sein konnte, aber keinesfalls seinem Traum, Tänzer werden zu wollen entsprach, hatte seinen Augen eine leise Trauer verliehen.

Diese Trauer und der ihr innewohnende Ernst waren es, die sie berührten.

Und so verliebte sie sich.

Erst gefiel ihr der Schöne so, wie er auch anderen gefiel. Dann entdeckte sie sein tänzerisches Talent. Die Leichtigkeit, mit der sein Körper über die Tanzfläche flog. Die Sicherheit, mit der er tanzend den Raum ausfüllte. Die Anmut seiner Gesten. Seine Vergessenheit beim Vorführen von Tanzfiguren. Dazu kam, dass er elegant war, aber keineswegs modisch gekleidet.

Die Wahl der Farben, die er trug, wirkte extravagant. Wie nachtdunkles Violett eines Sakkos oder flüchtig schimmerndes Perltaubengrau einer Weste. Schnitt und Stoffe schienen nicht bei noblen Herrenausstattern erstanden zu sein. Erzählten vielmehr von Reisen und erklärten so seine häufige Abwesenheit. Von Reisen in den Vorderen Orient, auf denen er hier eine ausgefallene Krawatte, dort ein Tuch aus schwerer Seide erstand. Kurz, die Kleidung, die er trug, hatte nicht den Anschein, durch bloßen Kauf erworben zu sein.

All dies Ungewisse, Vermutete, Zusammengereimte beflügelte ihre Wissbegier um den, der sie so verliebt gemacht hatte.

Welche Länder er bereist haben mochte, sinnierte sie. Welchen Menschen er dort begegnet sein mag, hätte sie wissen mögen. Von welchen Sitten er erfahren hatte, wollte sie sich von ihm erzählen lassen. Denn alles, was der Schöne erlebt haben mochte, zeugte von fremden Abenteuern. Fremden Genüssen. Seltenen Schönen. Und Düften wie Zimtblüte und gepresstem Jasmin …


Wie sie aussah, die seine Liebe besaß?

Daran wollte sie nicht denken. War aber gewiss, dass es solch eine Liebe gab. Ihre Sinne gaukelten ihr Frauen vor, an deren Schönheit sie niemals heranreichen würde.

Blauschwarz gewelltes Haar besaß eine von ihnen. Bewegte sich sicher auf höchsten Stöckeln. Wusste zu repräsentieren. Besaß Manieren. Konnte auf nichtssagendes Geplauder mit grazilem Geplänkel parieren. Gebildet würde sie sein. Französisch würde sie sprechen.

Eine andere schüttelte herrisch ihre naturrote Mähne. Wusste zu fechten und zu Pferd zu stolzieren. Die Dritte, ach! Es hatte ja keinen Sinn. Diesen Schönen war sie ganz und gar unterlegen. Konkurrenzlos würde sie im Wettstreit um die Zuneigung dieses Mannes versagen. Schlimmer! Nicht einmal zugelassen zum Wettstreit würde sie sein!

Diese Vorstellung machte sie mutlos. Vergraute ihr schönste Sonnentage. Verdarb ihre arglose Heiterkeit. Ließ ihr Lachen in Tränen enden. Bis dieses Lachen seltener wurde. Ihre Kehle verschnürte. Und bald völlig zerbrach.

Sie war jung. Ein Gänseblümchen im Vergleich zu diesen mondänen Geschöpfen. Unbedeutend, verglichen mit diesen Schönen. Niemals würde sie auch nur einen Hauch von Anerkennung von diesem Manne erringen. Dazu kam seine Bildung, die unüberwindliche Gräben zwischen dem geliebten Wesen und der Verliebten auftun würde.

Seine fremdsprachigen Töne sog die Verliebte in ihr gefühlvolles Herz, wenn er spanische oder französische Worte anklingen ließ. Wenn er von andalusischem Flamenco sprach. Oder die vage Tristesse von französischen Chansons anklingen ließ.

All das war ihr fremd. Berührte aber umso tiefer ihre durstigen Sinne.

Mehr wollte sie wissen, von dem, was ihn begeisterte. Wollte begreifen, was seine Seele im Innersten mit dem Tanz verband.

All das steigerte noch ihre romantische Verliebtheit. Rührte eine Saite ihres Wesens. Von der sie nicht wusste, dass sie sie besaß.

Ihre Herkunft war eine andere als die seine gewesen. Mit beiden Beinen fest auf dem Boden war sie erzogen. Hatte den Sinn für alles Natürliche und Unantastbare der zu schützenden Natur erlernt.

Der Vater war Forstmann gewesen. Und hatte darum seinen Kindern Namen gegeben, die der Natur entlehnt waren:

Flora wurde das Mädchen getauft. Horst und Sylvester die Söhne.

Indes hatte sich Flora immer noch sehnsüchtiger in Leander Wolffeck – so hieß der Schöne – verliebt, ohne dass der Geliebte darum eine Ahnung besaß. Rätselte darüber, wie sie ihm auffallen könnte, ohne auffällig zu werden. Was sie tun müsse, um anziehend zu scheinen. Um unter denen, die ihm gefallen mochten, die Besondere zu sein. Wie ihre Schwärmerei endlich Erfüllung fände.

Sann darüber, was sie ihm vorgaukeln müsse, um schöner zu wirken als sie in Wahrheit war. Wollte ihn andererseits nicht mit falschem Schein betrügen.

Hatte doch aber gelesen, dass Männer verführt – gewissermaßen dennoch betrogen sein wollten – und wusste nicht weiter. Verfiel deshalb auf die Idee, sie brauche ja nur, um den Künstler in ihm zu begeistern, zu behaupten, dass aller Regen, statt von oben herab, von der Erde in den Himmel hinauftröpfeln würde! Ihn glauben machen, dass jeder einzelne Tropfen aus geweintem Gold der Sonne bestand!

Doch Leander Wolffeck ahnte nichts von Floras Gedanken. Und behandelte die eine wie die andere Tanzschülerin mit gleicher Zuvorkommenheit.

Erklärte geduldig die Schrittfolge, die manch einer schwer erklärlich erschien. Ließ niemals Vorlieben erkennen. Nur der Tanz war es, dem er erlag. In dem er versank. Dem seine Liebe galt.

Wenn er die Stimmung beschwor, die ein Tanz ausdrücken sollte, er sie mit Gesten und Schritten vollführte und sich dabei leidenschaftlich verlor, weckte dies bei Flora immer von Neuem die Hoffnung, er möge diese Leidenschaft auch der schenken, die doch so verliebt in ihn war.

Aber vergebens.

Nach Monaten hoffnungsloser Qual fasste die Verliebte einen Entschluss:

Sie wollte dem Wesen nahe sein, für das sie so tief empfand. Mit ihm etwas gemeinsam haben. Ein Geheimnis mit ihm teilen. Ein Geheimnis, von dem selbst der Geliebte nicht wissen durfte, mit wem er es teilte. So geheim sollte es sein. Ein Geheimnis, das rätselhaft bleiben sollte:

Sie würde ihm namenlos schreiben.

Ihr unruhiges Herz würde dann ruhiger. Die Trostlosigkeit, die auf ihr lastete, würde verfliegen, hoffte sie. Heiter würde sie wieder. Lachen wie früher könnte sie bald. Ihre trüben Tränen würden zu hellen Tränen des Glücks.

Und wenn er erst erfuhr, dass eine verliebt in ihn war, würde ihn das vielleicht sogar glücklich machen! Die verhaltene Trauer, die seinem Blick den Ernst verlieh, von ihm nehmen!

Doch vor allem: Wenn er ihr Antwort schrieb! Dann wäre sie genesen!

Dann hätte sie etwas Greifbares von ihm. Etwas, das sie berühren könnte. Küssen könnte. An ihr Herz drücken würde. Dann wäre sie mit ihm eins und zufrieden.

Aber zuvor sollte Dorothee Leander Wolffeck beim Tanz kennenlernen. Sollte mitfühlen. Begreifen. Überzeugt werden, weshalb Flora verliebt sein musste! Weshalb es keinen Ausweg aus ihren Gefühlen geben konnte!

Dorothee lehnte ab.

Das sei zu durchsichtig! Zu leicht zu entlarven! Wenn sie mitten in einen Tanzkursus eine Freundin mitbringen würde! Möglicherweise hatte sich Flora bereits auffällig benommen. Er würde Fragen stellen. Und sie hätten keine Antwort parat. Am Ende würde eine von beiden verlegen oder – noch schlimmer – erröten. Dann könnte sie niemals mehr in geheimen Briefwechsel mit ihm treten.

Flora ließ sich überzeugen. Gab aber nicht nach.

Dorothee musste diesen Mann kennenlernen.

Noch bevor Flora ihm schrieb. So trafen sie die Entscheidung:

Dorothee solle die Tanzschule, in der der Umschwärmte an Sonnabenden agierte, besuchen.

Allein.

Das sei unverfänglich. Da an Sonnabenden Tanztees arrangiert würden, die, wenn man einen Gutschein besaß, für jedermann zugänglich waren.

Flora besaß diese Gutscheine zu Hauf, da sie in der Tanzschule, in der der Geliebte unterrichtete, mehrere Grundkurse und nun auch – weil die Anziehungskraft dieses Mannes sie nicht loslassen wollte – mehrere fortgeschrittene Kurse besucht hatte. Dorothee brauche nur zu sagen, man habe ihr einen Gutschein geschenkt. Das genüge.

Damit Flora und Dorothee nicht über ihn tuscheln konnten und am Ende ertappt würden. Damit sie keine bedeutsamen Blicke tauschen konnten, die er entlarven würde. Damit sie sich nichts verräterisch zuraunen konnten, kamen sie endgültig überein: Dorothee solle ohne Floras Begleitung zu einem dieser Tanztees gehen.

Dann wäre sie frei. Könnte unbeschwert etwas, das mit Tanz zu tun hatte, erfragen. Den Tanzlehrer in der Pause in ein Gespräch verwickeln.

„Das wird dir doch gelingen! Denn du bist ja nicht in ihn verliebt!“

„Du bist aber ganz schön mutig für mich! Na ja, das werde ich schon irgendwie hinkriegen! Aber du weißt doch, dass ich nicht tanzen kann! Dass ich Schrittfolgen nicht umsetzen kann! Dass ich kein räumliches Gedächtnis besitze! Wie einer, der Buchstaben nicht eindeutig zu deuten weiß, kann ich Tanzschritte in meinem Kopf einfach nicht behalten!“

„Dann lässt du dich eben führen! Stell dich doch nicht so an!“

„Aber das ist ja noch schlimmer! Das kann ich erst recht nicht! Und außerdem kann ich nicht ausstehen, wenn mich ein Mann führt! Dann habe ich immer das Gefühl, dass ich mich ihm unterwerfe! Muss ausgerechnet ich diesen Mann kennenlernen?“, diskutierten endlos die beiden.

Über Wochen bat Flora Dorothee, ihrem Drängen nachzugeben.

Dorothee sollte es sein. Keiner anderen wollte sie ihr Geheimnis anvertrauen. Unter Seufzen gab Dorothee endlich nach.

Schweren Herzens wollte sie nun das Versprechen halten, Leander Wolffeck gewissermaßen unter die Lupe zu nehmen. Prüfen, ob er für Floras Gefühle taugte. Was nicht eigentlich Floras Absicht gewesen war. Die nur auf die Bestätigung hoffte, dass sie gar nicht anders könne als verliebt in Leander Wolffeck zu sein. Da er doch so hinreißend schön und betörend sei.

Sie würde also hingehen, versicherte Dorothee. Allein. Zum Tanztee in die Tanzschule. Die höheren Töchtern vorbehalten war.

Aber es würde ihr unbehaglich zu Mute sein. Unaufrichtig würde sie sich vorkommen, als sei sie eine Spionin. Nicht der Wunsch Floras, etwas über das ‚Objekt‘ ihrer Liebe zu erfahren, mehr über den Schönen zu erkunden, war es, der Dorothee Unbehagen verursachte. Die Unaufrichtigkeit, die vorgetäuschten Umstände, unter denen sie dem Schönen begegnen würde, belasteten sie.

Diesen Mann einzuschätzen, das würde sie sich zutrauen. Schließlich lernte sie in ‚Besinnungsaufsätzen‘ ein Thema erschöpfend zu behandeln. Von allen Seiten zu betrachten, mit Argumenten und Gegenargumenten zu agieren. So würde sie auch bei diesem Mann vorgehen.

Sie würde vorgehen, als lautete ein Schulaufsatz: ‚Beurteilen Sie einen Fremden! Sie hatten zuvor die Möglichkeit, sich mit ihm eine Viertelstunde zu unterhalten! Nennen Sie die Beweggründe, die Sie zu Ihrer Beurteilung brachten!‘

Doch gleichzeitig sollte sie mit ihm tanzen und vorgeben, dass ihr dies ein Vergnügen sei. Auch das war Lügerei und obendrein leicht zu entlarven. Dorothee hatte dennoch verstanden. Sie musste sich für die Freundin überwinden. Musste ihr Versprechen einlösen. War es doch für Flora eine Herzensangelegenheit.

Endlich fand Dorothee die Lösung:

Sie würde diesen Gang als eine unangenehme Arbeit auffassen, die es zu erledigen galt. Der man sich nicht entziehen konnte. Wie eine Klassenarbeit in Mathematik. Und bei aller Minderbegabung für den Tanz wollte sie ihre Arbeit zumindest leidlich verrichten: Schlechtestens mit Note Vier.

So bat sie Flora, die eine gute Tänzerin war, ihr grundlegende Tanzschritte beizubringen wie die des langsamen Walzers, des herrischen Tangos oder des flippigen Charlestons. Schritte, die Dorothee vergebens geübt, aber niemals erfasst hatte.

„So geht das doch nicht! Du tanzt ja wie ein bockiges Kind! Hat das etwa psychische Gründe?“, lästerte Flora. „Natürlich musst du nach oben sehen! Aber doch nicht gleich bis in den Himmel! Bleibe vor allem entspannt! Schließlich ist Tanzen doch ein Vergnügen!“

„Aber für mich ist es jetzt Pflicht! Und ich habe dir ja hundert Mal gesagt! Ich begreife die Schrittfolgen nicht! Ich bin eben irgendwie unbegabt!“

Dorothee wollte dennoch nicht auf sich sitzen lassen, was ihr selbst unbegreiflich war. Dass sie nicht einmal verstand, was jedes andere Mädchen sofort verstand: Sich beim Tanz unterzuordnen. Sich führen zu lassen.

„Stell dir vor, was er von dir denkt, wenn er feststellt, dass du eine dumme Gans zur Freundin hast! Dabei irrt er sich! In Wahrheit bin ich zu intelligent! Ob er das mitkriegt? Aber deswegen gehe ich ja hin! Um ihn zu testen!

Du weißt doch, dass die Narren früher bei Hofe nur verrückt oder gar dumm schienen, es aber nicht waren. Ähnlich ist es auch bei mir!“, rechtfertigte sich Dorothee.

Flora, die fraglos die Vernünftigere war, hatte nun ganz gegen ihre Gewohnheit – ihrer heillosen Liebe wegen – eine verrückte, wie die Bayern sagen würden, ‚schbinnade‘ Idee:

„Du musst dich, wenn wir üben, kleiden, als gingest du zu einem Ball! Und dann probieren wir weiter!“ Dorothee zog hochhackige Schuhe an. Tat Schritte, die sie nie tun durfte:

Zu enge. Zu weite. Vergaß zu drehen. Verlor den Rhythmus. Zählte die Takte. Sah zu Boden. Verhedderte sich.

„Das gibt es einfach nicht! Du stellst dich wirklich unbegreiflich an! Oder tust du nur so? Weil du nicht hingehen willst?“

„Nein, ich schwöre, ich bin wirklich minderbegabt! Aber es ist nur eine Art Mangel, an dem ich leide! Ich spiele keine Komödie! Das musst du mir glauben!“

Flora gab nicht nach.

„Du musst ein langes Kleid zu den hohen Stöckeln tragen! Sonst wirkt das nicht! Und du kommst nicht in Stimmung!“

Und sie tanzten. Und tanzten … Und immer noch tanzte Dorothee falsch.

„Du musst dir die Haare hochstecken!“, riet Flora verzweifelt. „Du bist immer noch nicht richtig in Laune! Du musst dich schminken, um dir das Gefühl zu vermitteln, du seist auf einem Ball!“, drang sie auf Dorothee ein.

Dorothee blieb hölzern trotz der schönen Frisur. Ihre Beine störrisch. Sie passten nicht zueinander. Stolperten über Dinge, die es nicht gab.

Flora gab dennoch nicht auf.

„Aber kennenlernen musst du ihn! Egal wie schlecht du tanzt!“

Nun hatte Dorothee eine Idee:

„Es funktioniert nicht. Weil du kein Mann bist!“

„Das ist doch Unsinn!“

„Egal! Probieren wir es!“

„Was gibt es denn da zu probieren? Sollen wir etwa einen Mann einladen, der dann alles herumerzählt?“

„Nein! Du kleidest dich einfach wie ein Mann!“

„Du spinnst!“

„Nein! Tu‘ ich nicht! Aber erst trinken wir ein Glas Sekt! Deine Eltern sind ja nicht da! Dann können wir allen Unsinn der Welt veranstalten! Du willst doch, dass ich deinen Leander kennenlerne! Also, stell du dich jetzt nicht so an! Zieh Männerhosen an!“, befahl Dorothee.

Trotz allem sollte Flora hochhackige Schuhe tragen, damit sie als Mann nicht zu klein erschien.

„Wenn du kleiner bist als ich, kann ich dich nicht ernst nehmen! Wie soll ich jemand ernst nehmen, über den ich hinwegsehen kann! Und fang bloß nicht an, mich zu führen! Sonst muss ich immer an – na du weißt schon an wen – denken!“

„Du bist aber ganz schön schräg drauf!“, begehrte Flora auf.

„Na, du bist doch die Komplizierte! Bist verliebt und wagst es nicht zu zeigen! Außerdem siehst du ja immer noch wie Flora aus! Ich will, dass du dir einen Lippenbart anklebst!“

Beide kreischten.

Nach dem zweiten Glas Sekt dachten sie nicht mehr an den Schönen, der doch niemals Interesse an der unglücklich Verliebten fände.

Mit dem Tanz zu zweien hatte es nicht geklappt.

Doch sie gaben noch immer nicht auf.

Diesmal kam Flora verändert aus dem Bad. Sie glich einem ungünstig aussehenden Mann, der einem gutaussehenden gleichen wollte. Was ihr auch gelang.

Hatte die Haare mit glitschigem Gel aus der Stirn geklebt. Trug Hose und Hemd ihres Vaters. Hosenträger aus Gummizügen hielten den Bund lasch im Zaum. Der schüttere Bart eines gewesenen Faschings saß dünnlich über ihrer oberen Lippe. Dazu trug sie eine männliche Brille. Aus tierischem Horn.

„Brav!“, bemerkte Dorothee, die im Tanz unbegabt war und ihre Schwäche wieder wettmachen wollte. „Wie kannst du dich bloß in so einen schmalzigen Typen verlieben!“

„Aber so sieht er doch nicht aus!“

„Wer weiß? ‚Ach, Mäusezahn!‘“, neckte Dorothee sie. Oder ihn? Und sie tanzten etwas, was es nicht gab.

Flora als Primoballerino. Dorothee als Tanzgespielin.

So flogen sie einzeln in Pirouetten, weil es gemeinsam nicht klappte. Tanzte eine jede mit launigen Schritten. Tanzten sie ausgelassene Heiterkeit. Begegneten sie sich lose in offenen Kreisen. Und imitierten bald in getrenntem ‚Pas de deux‘ Einfühlsamkeit.

Der Tanz wurde langsam, dann innig. Zeigte wehmütige Verliebtheit in graziösen Schritten. Den Blick an den fernen Geliebten gerichtet, schwangen vier Arme wie Hälse von Schwänen. Mädchenbeine ertanzten das Sehnen und Schwärmen um vergebliche Liebe. Und bargen in ihrem Tanz doch die Hoffnung, dass sie erfüllt werden möge. Und nicht in Vergeblichkeit ende …

So vergaßen die Tänzerinnen alles tänzerische Geplänkel. Aus dem getanzten Geplänkel war Ernst geworden. Schwermut, die in schleppenden Schritten ausgedrückt war. Bis der Durst mit einem weiteren Glas Sekt die Stimmung wieder aufhellen sollte.

Sie tranken hastig. Doch die Stimmung blieb ernst. Dorothee fand als Erste aus der Ernsthaftigkeit heraus:

„Sie gefallen meiner Freundin Flora wirklich ganz außerordentlich! Wissen Sie das nicht, Sie süßer Knabe?“, und zupfte sein schräges Bärtchen zurecht. „Aber eigentlich, wenn ich es recht bedenke, finde ich Sie auch richtig niedlich! Darf ich Sie wirklich ‚Mäusezahn‘ nennen? Und wenn Sie, ‚Mäusezahn‘, uns beide lieb hätten, dann hätten wir Sie auch beide lieb!“, flötete Dorothee in Floras rechtes rosiges Ohr. „Denn, das werden Sie zugeben müssen, in Wahrheit sind Sie zu schade nur für eine allein …!“

„Oh, das wird aber heikel! Dazu brauche ich Bedenkzeit! Sie verwirren mein schlichtes Gemüt! Denn als Jurist muss ich mir die Sache erst vom ‚Bürgerlichen Gesetzbuch‘ her überlegen! Vielleicht brauche ich dazu auch noch den ‚Code Napoléon‘! L’amour! L’amour! Wer weiß, was da alles verboten ist!“, hüstelte Dorothee geziert, jetzt selbst den Tanzlehrer gebend. Und hielt ungewollt, nach weiterem Zupfen, dessen schütteren Bart in der Hand.

„Dann wird es ja wohl nichts mit uns Dreien! Denn wir suchen einen Mann mit klaren Entscheidungen! Verstehen Sie? Einen Mann! Einen richtigen Mann! So einen, den schon Marlene Dietrich beschwor: ‚Kinder, die Jungs häng‘n mir schon zum Halse raus! Einen Mann! Einen richtigen Mann!‘“

„Ach, wissen Sie, mein Fräulein! Wenn ich mir ‘s so recht überlege! Für Ihr Ansinnen bin ich denn doch zu unschuldig!“, gab Dorothee gestelzt den Tanzlehrer weiter.

„Sie und unschuldig! Nicht mal Ihr Bart ist ja echt! So wird es natürlich nichts mit uns Dreien! Wir sind nämlich echt verdorben! Wenn Sie verstehen, was wir meinen! Wir haben da gewisse Erwartungen …“, verschleierte Dorothee ihr Ansinnen mit verruchtem Blick. Und bis der Sekt in ihren Köpfen verflogen war, tanzten sie weiter nach erfundener Choreografie …

Flora hatte eingesehen, dass es hoffnungslos war, Dorothee zum Tanzabend schicken zu wollen. Entband sie aber dennoch nicht von ihrem Wunsch: „Ich will unbedingt, dass du diesen Mann kennenlernst! Ich muss wissen, wie du ihn findest! Ob ich mich in ein Trugbild verrannt habe, oder du nachfühlen kannst, wieso er mich so verliebt machen konnte! Meine Gedanken ständig um ihn kreisen! Ich immerzu an alles denke, was ich von ihm weiß. Ich mich in Gedanken mit ihm unterhalte! Obwohl, muss ich zugeben, ohne dass er sich je ein einziges Mal um mich bemüht hätte! Ohne dass ich ihm auch nur ein einziges Mal aufgefallen wäre! Ich glaube sogar, er weiß gar nicht, dass es mich gibt.“

„Wir werden uns eben irgendetwas anderes einfallen lassen müssen!“, tröstete Dorothee die hoffnungslose Verliebte.


Es war Sonnabend, später Nachmittag. Dorothee ging allein zur Tanzschule.

Klangvoll trug sie den Namen ihres Besitzers.

Möglicherweise schmeichelte der italienische Name aber nur der Eitelkeit dieses Besitzers, der in Wahrheit, vermutete man, ein echter Deutscher sein sollte. Aber gern nach dem Süden hin schielte. Hinterrücks mochte er Adalbert Stumpf oder auch Degenhart Jagdbein geheißen haben, was sich schlecht mit dem Tanz verband. Was ihn begreiflicherweise eine andere Wahl hatte treffen lassen.

Und obwohl er in seinem Innersten dem leichtfüßigen Italiener – ‚grazie, mille grazie‘ – misstraute, hatte er für seine Tanzschule einen italienischen Namen gewählt.

Die Tanzschule war in den Räumen eines einstöckigen Gebäudes untergebracht und lag in einer unauffälligen Gasse. Unmerklich zweigte sie von der Maximilianstraße ab, einer der eindrucksvollsten Straßen der Stadt. Eine Schrittlänge vom renommiertesten Hotel entfernt, dem ‚Vier Jahreszeiten‘.

Die Werbung auf dem Türschild ließ keinen Zweifel: Hier verkehrten Menschen einer höheren Bürgerschicht. Was ganz natürlich anmutete. Da doch eines der kostspieligsten Hotels nur einen Katzensprung um die Ecke lag. Auch zur Staatsoper waren es kaum fünf Minuten zu gehen. Und wenn der Wind günstig, das heißt, um die Ecke blies, kamen Gesangfetzen der probierenden Tenöre bis in die Tanzschule geflogen.

Die Wortwahl auf seinem Türschilde hatte der namentlich zum Italiener gewandelte Besitzer selbst kreiert. Damit Sippe und Anhang oberschichtiger Töchter einordnen konnten, um welch Etablissement es sich handelte.

‚Etablissement‘, bedeutete der Besitzer, sei hier französisch zu verstehen! Also mit ‚Institut‘ zu übersetzen! Und habe nichts, aber auch gar nichts, mit dem vulgär anmutenden ‚Etablissement‘, wie man es im Deutschen verstehe, gemein! Deshalb schreibe er dieses in Gedanken mit ‚Accent aigu‘!

„Universitäts-Tanzschule Dr. h. c. Giorgio Biasari da Venezia“ stand in goldenen Lettern geschrieben. Und war die einzige Tanzschule der Stadt, die solch verwegenen Titel führte.

So mussten Töchter, die auf Gesellschaftliches hielten, in diesem Etablissement das Tanzen erlernen. Kein anderes konnte gleichwertig sein. Adalbert Stumpf oder auch Degenhart Jagdbein, von Natur mit kleinwüchsiger – eher süditalienischer – Statur versehen, war redegewandt. Charmant und galant, wenn er mit Damen parlierte. Er war es, der die ‚Münchner Française‘ populär machte, den Tanz, der aus den französischen Kontratänzen des 18. Jahrhunderts entstanden war.

Seiner ergrauten Locken wegen schien er der geborene Künstler zu sein. Überzeugend gab er auch den italienischen ‚Conte‘. Besonders da er nicht auf den Fehler verfiel – obwohl in die besten Jahre gekommen – diese Locken von einem ‚Figaro hier, Figaro da‘ nachschwärzen zu lassen.

Zu seinem künstlerischen Anschein gesellte sich daher Distinguiertheit hinzu. Mit einer ‚Contessa‘ schmückte sich Giorgio Biasari da Venezia nie.

Nicht nur, da er keine besaß. Denn diese hätte womöglich – zwar wusste man es nicht wirklich zu sagen – aus dem eleganten Pfauen einen einfachen Häher gemacht.

Da der scheinbare ‚Conte‘ bei der Anrede einer Gattin – der höheren Mutter einer höheren Tochter – den Titel ihres Gatten einfließen ließ, ja sie sogar mit dessen Titel benannte, war er bei diesen Damen beliebt.

Nur beschlich Giorgio Biasari da Venezia, somit Adalbert Stumpf alias Degenhart Jagdbein, bisweilen das ungute Gefühl, ob er seinen Namen richtig gewählt haben mochte. Genauer gesagt, ob das Adelsprädikat korrekt gewählt worden war.

Denn unsicher machte es ihn, ob ‚da‘ Venezia möglicherweise nur ‚aus‘ Venedig besagte, etwa wie bei Leonardo ‚da‘ Vinci. Was lediglich die Herkunft aus einem Orte beschrieb. Oder aber, ob es dem deutschen ‚von‘ gleichkäme. Der Zugehörigkeit zu einer gehobenen Schicht. Ob er sich schließlich geadelt hatte oder fälschlicherweise doch eben nicht. Zu seinem Leidwesen sprach da Venezia kein Italienisch. Was er damit erklärte, dass seine Eltern bereits vor seiner Geburt emigriert seien. Doch seine Statur, sein immerwährendes ‚Parlando‘ – wie er seine Spracheigentümlichkeit nannte und die Gabe, um Nichts gewählte Worte zu machen – machten glaubhaft, dass italienisches Blut es sein musste, das durch seine deutschen Adern jagte.

Zu seinem weiteren Leidwesen konnte da Venezia, was den fraglichen Adelsstand seines Namens anging, keinen echten Italiener befragen. Denn dieser hätte zu recht zurückfragen können, dass da Venezia doch schließlich wissen müsse, ob er von Adel sei oder nicht. Ob er von Erbadel, Landadel oder gar Hofadel sei. Oder lediglich dem niederen Adel oder dem noch niederen Beamtenadel entstamme.

Zu diesem Problem hätte es sich zwar angeboten, im nahegelegenen ‚Roma‘, einem italienischen Café, einen der muttersprachlichen Ober zu Rate zu ziehen. Doch da bei Nachfrage all dessen schöne Ober auf den Namen ‚Mario‘ hörten und jungen Mädchen nachpfiffen, zweifelte Giorgio Biasari da Venezia, als innerlich doch eben Deutscher, an deren Solidität.

Schlimmstenfalls, hatte sich da Venezia zurechtgelegt, würde er bei Nachfrage nach seinem Adelsgeschlechte behaupten, sein Name sei der Kunst des Tanzes wegen als Künstlername gewählt. Dieses würde er mit dem Zwinkern eines Auges begleiten. Sodass sein Gegenüber niemals tatsächlich etwas aus dieser Erklärung schließen konnte.

Gehörte sein Gegenüber jedoch der kritischen Bürger-Elite an, würde er mit eben dem gleichen einäugigen Zwinkern – in diesem Falle des anderen Auges – bedeuten, dass er unter ‚Adel‘, selbst wenn er als Prädikat vernehmlich sei, immer doch nur den ‚Adel des Geistes‘ verstehe.

Persönliche Nähe oder gar Kumpanei ließ da Venezia nicht zu.

Um besser agieren zu können, schuf er Beinfreiheit für sich und die Seinen – was sich in einer Tanzschule nachgerade von selbst verstand – gegen alles Banale.

Zu bemerken wäre noch, dass der Begriff ‚Universität‘ nicht ausschließlich auf dem Türschilde prangte. Abgewandelt tauchte er mehrfach in der Werbebroschüre der Tanzschule auf:

Als Kompositum, attributiv angewandt sowie als Adverb. Was der akademischen Fürsorge Boesras von Boesenheim geschuldet war. Der umsichtigen Empfangssekretärin.

Da irrten Begriffe durch den broschierten Text, wie ‚Universitäts-Tanzlehrer‘, ‚universelle Bildung‘ sowie ‚universal garantiert‘. Dies alles wurde vom Besitzer des Institutes mit raumgreifenden Lettern bestätigt:

„Dr. h.c. Giorgio Biasari da Venezia“, was er innerlich mit einem Ausrufungszeichen versah: „!“


Die Tanzteestunde sollte um siebzehn Uhr beginnen. Dorothee war eine halbe Stunde früher gekommen. Tags zuvor hatte sie sich als Journalistin einer Schülerzeitschrift ausgegeben. Sie besuche eine nahegelegene Oberrealschule, hatte sie sich am Telefon vorgestellt. Ihre Schule sei trotz des religiös anklingenden Namens aber nicht konfessionell gebunden. Sie wolle einen Bericht über die Tanzschule schreiben.

„Universitäts-Tanzschule Giorgio Biasari da Venezia! Sie sind mit Boesra Freiin von Boesenheim verbunden!“, hatte die unaussprechliche Vorstellung am vorzimmerlichen Telefon gelautet. Und die Blasiertheit der Empfangsdamenstimme hatte durchblicken lassen, nicht darauf angewiesen zu sein, für Geld arbeiten zu müssen. „Mein Name schreibt sich jedoch mit o-e!“, belehrte die Dame. Da sie Boesra ‚Bosra‘ und Boesenheim ‚Bosenheim‘ auszusprechen wünschte. Doch nur die, die dies verstanden hatten, handelten danach.

All dies war nicht ‚boese‘ gemeint. Boesra von Boesenheim besaß lediglich zu viel Süße in ihrem Sprachfluss. Die das Resultat zu guter Erziehung war.

„Fassen Sie sich kurz! Meine Zeit ist begrenzt! Ebenso wie die des Herrn Doktor!“

‚Ziege‘, hatte Dorothee auch schon verschluckt. Und dachte, mit dieser Art ist sie aber hundert Jahre hinter der Zeit! Sicher hat sie überhaupt keine Bedeutung! Lebt vom Dünkel! Und außerdem fehlt ihr das Genitiv – s – am Ende des Doktors! (Oder eher auch nicht?) Doch dieser ‚Doktor‘, das war er. Genau den wollte Dorothee um ein Interview bitten. „Oh, verzeihen Sie, ich bin wohl versehentlich mit einer Arztpraxis verbunden! Ich dachte, ich hätte die Nummer einer ganz normalen Tanzschule gewählt!“, meinte Dorothee ironisch, was die Dame ihres Standes wegen nicht verstand, denn sie fuhr fort:

„Aber ich bitte Sie, liebes Kind!“

„Ich bin kein Kind!“, korrigierte Dorothee die adelige Stimme.

„Ich besuche eine Oberrealschule, stehe kurz vor dem Abitur und bin als Journalistin für unsere Zeitschrift tätig!“ Das sollte sitzen.

„Also mein Kind!“, blieb die Dame beharrlich.

„Wenn Sie etwas über unser Institut erfahren möchten, – wir sind beileibe keine normale Tanzschule – wenden Sie sich an den Herrn Doktor!“

„Hat dieser Herr einen Namen?“, wollte Dorothee wissen.

„Ganz gewiss, liebes Kind!“, wurde Dorothee noch immer mit Zucker bepudert. „Doch ich muss Sie in Kenntnis setzen, dass unsere Einrichtung sich zum Grundsatz gemacht hat, niemals die Namen ihrer Institutsleiter an Personen weiterzugeben, die nicht in unserem Kreise verkehren!“, fächerte sie ihren Dünkel wie einen Schutzschild gegen die Anruferin auf. Bis alles, was weder adelig klang noch akademischen Anschein trug, durch ein Raster fiel. Und sich im gemeinen Volk wiederfand.

Auch jene, die ihre Güter mit bloßer Hand und nicht durch abwartendes Erben erwarben, fanden vor Boesra von Boesenheim nicht wirklich Gehör. Zwar war die Dame verarmt. Verbittert. Und auch verlassen. Trug aber einen längeren Namen.

Woher sie eigentlich wissen wollte, begehrte Dorothee auf, dass die Anruferin nicht in ihrem Kreise verkehrte? Wenn sie wüsste …!

Dass Flora in diesen Mann total verliebt ist! Sie mehr über ihn weiß, als die Honigstimme je von ihm erfahren würde!

Vielleicht küsst sie ihn eines Tages! In ihrer Fantasie tut sie es längst! Und wenn sie wüsste, dass ich ihn testen werde, ob er das alles auch verdient …, trumpfte Dorothee gegen Boesra Freiin von Boesenheim auf.

Tat dies aber nur in Gedanken.

„Sagen Sie dem Herrn, Dorothea Doro von Sankt Anna möchte ihn am Sonnabend sprechen! Sie wolle ein Interview mit ihm machen!“

Das angeheiratete adelige Blut der Dame aus dem Tanzschulvorzimmer war beeindruckt. Und verriet den Namen des Mannes, der nur gewissen Kreisen zugänglich war.

Dabei hatte Dorothee, was ihren aufwendigen Namen anging, gar nicht gelogen. Offiziell hieß sie Dorothea. Nannte sich aber Dorothee. Als Kind hatte man sie Doro gerufen. Selbst beim adeligen Prädikat ‚von‘ war sie bei der Wahrheit geblieben. Denn die Schule, die sie besuchte, hieß ‚Sankt Anna‘ Oberrealschule. Und schließlich kam sie ‚von‘ dieser Schule. Auch Dorothee war von sich beeindruckt.


Es war halb sechs.

Ein sonnabendlicher Sommertag.

Die Stadt litt träge am feuchtwarmen Wetter.

Die Luft drückte schwül.

Wolken hingen tief im Violett.

Schweres Grau verhieß späte Gewitter.

Dorothee hatte Flora verschwiegen, dass sie just an diesem Tag ihren Geliebten aufsuchen würde. Hatte nichts von dem Plan berichtet, den sie ausgeheckt hatte, um nicht in die Situation zu geraten, linkisch im Tanzunterricht dazustehen. Nicht Herr der Situation zu sein. Und am Ende gar nichts für Flora ausrichten zu können.

Flora hatte, ohne ihr Wissen, Dorothee auf diese Idee gebracht. In wichtigen Lebenssituationen hatte sie oft so gehandelt:

„Wenn ich etwas vor mir habe, das mich beunruhigt, mir Sorge bereitet, dass ich versagen könnte, lasse ich diesen wichtigen Tag nie meine Mutter wissen! Mit meinem Lampenfieber bin ich lieber allein!“ Was bedeuten sollte, Flora hatte stets alle Prüfungsangst mit sich selbst ausgemacht, um dann der bangenden Mutter berichten zu können: „Mama, ich habe die Prüfung bestanden!“

„Aber Flora, die Prüfung ist doch erst in einer Woche! Was redest du da!“

Ebenso verhielt sich nun Dorothee gegenüber Flora. Während Flora noch grübelte, wie die gemeinsame ‚Sache‘ am geschicktesten einzufädeln sei, war Dorothee schon auf dem Weg zum Tanzlehrer.

Um einen Mann zu testen, der doppelt so alt wie sie selbst war! Ob er gut genug für Flora sei! Würdig für ihr großes Gefühl!

Das war aber keineswegs wirklich der Wunsch Floras gewesen! Die doch gewiss war, dass der Mann, in den sie so verliebt war, niemals ein Taugenichts sein konnte! Weder ein Blender noch ein Frauenheld sein würde!

Doch Dorothee vertraute diesem Urteil nicht. Sie würde hart mit diesem Leander Wolffeck ins Gericht gehen! Gleichgültig, wie schön er war! Gleichgültig, was Flora sich vormachen wollte!

Sie war überzeugt, Flora war in die typische Mädchenfalle gegangen!

Sie vermisste den Vater, der in einem anderen Landesteil tätig war! Vermisste Horst und Sylvester, die Brüder, die im Ausland lebten!

Deswegen fühlt sie sich von einem ‚älteren‘ Mann angezogen! Deswegen sucht sie den Beschützer! Die gefährlichste Falle, in die ein Mädchen geraten kann!

Sicherlich ist er onkelhaft und betulich! Ein Pudel, den man zum Salonlöwen frisiert hat! Und seine ältlichen Tanten haben ihn auch noch zum Schoßhund dressiert!

Will Mädchen zum Anstand erziehen! In Tanzknickse sollen sie vor ihm fallen! Im Kreis lässt er sie im wahrsten Sinne des Wortes antanzen! Er in der Mitte als Hahn, weil es zum Pfau nicht gereicht hat, steigerte sich Dorothee immer weiter in ihre Abneigung gegen den Tanzlehrer hinein und fuhr innerlich fort:

Und diese Gänseblümchen sind alle in ihn verliebt! Im Schafspelz mit künstlichen Locken kommt er daher! Und die Gänschen und Blümchen finden das auch noch toll!

Immer vernascht er die Schönste von ihnen!

Manchmal auch die Zweitschönste nur!

Das bereitet ihm besonderes Vergnügen!

Denn die Zweitschönste war ihm auch noch dankbar dafür, dass er sie fraß, ließ Dorothee ihrer Empörung freien Lauf.

Wütend auf einen Mann, den sie nicht kannte. Wütend, dass sie sich auf diese unehrliche Geschichte eingelassen hatte. Wütend, da sie in Wahrheit fürchtete, diesem Mann und der Situation, in die sie sich gebracht hatte, nicht gewachsen zu sein.

Flora darf nichts geschehen! Ich gehe diesen Weg nur, um sie vor dem Wolf zu schützen, den er doch schon im Namen trägt!


Flora bestach durch ihr argloses Wesen.

War ohne falsche Zier. Ohne gesponnenen Zucker. Ungeniert gab sie sich, wie sie hieß: ‚Flora‘, ‚Die Welt der Pflanzen‘.

Wie der frische Duft einer Wiese war sie. Mit hellgrünem Wind am Morgen. Mit tiefgrüner Kühle bei Nacht. Dann wieder ernst wie die Stille des Waldes. Sich dessen nicht bewusst, dies aber ahnend, hatte sich Flora als zweiten Namen ‚Silva‘ gewählt. Oder war es die Nähe zum Bruder ‚Sylvester‘, gewesen, die sie ausdrücken wollte?

Als zartgrüne Pflanze hatte sie ihr Herz an einen ungewöhnlichen Mann verloren. Unbekümmert wie die Blume sich am Schmetterling erfreut, dem sie ganz natürlich zugetan ist, war sie bald unsäglich verliebt. Und kostete ihre Verliebtheit in diesen außergewöhnlichen Schmetterling aus:

Verlor sich in Tagträumen, die sie romantisch ausspann. Verkehrte die Rollen, in denen er der eigentlich Verliebte war. Führte Zwiegespräche, in denen sie die Überlegene war. Ließ ihren Schmetterling nach Laune fliegen oder fing ihn nach Gutdünken bald wieder ein …

So hatte Flora zu Beginn ihrer Verliebtheit Vergnügen daran, auf ihre Weise verliebt zu sein. Bis dieses harmlose Vergnügen ihr nicht mehr genügte. Und sie Lust auf mehr Vergnügen bekam. Da dieses aber keine Erfüllung fand, verfiel sie in Melancholie.

Er hüstelt sicher verlegen, wenn ihm ein Mädchen gefällt! Doch heimlich leckt er sich die Finger! Denn sie gefallen ihm alle! Aber für Flora ist er – auch wenn er noch so unwiderstehlich sein sollte – zu alt, genoss Dorothee ihre Empörung über den Tanzlehrer weiter, den sie kein einziges Mal zu Gesicht bekommen hatte. Und malte ihn sich immer abstoßender aus.

Fühlte in Wahrheit immer mehr Unbehagen. Unbehagen vor der falschen Rolle, die sie gleich spielen würde. Unbehagen, dabei zu versagen.

Womit hatte dieser Mann Flora verzaubert? Sie, die aus der ‚Welt der Pflanzen‘ mit ihren Wurzeln fest auf dem Boden stand? Sie, die die Bodenständige, die Vernünftigere war?

Immer war es Flora, die Dorothee auslachte, wenn diese etwas Alltägliches nicht zustande bekam. Sei es ein Kleid zu kürzen. Einen Nagel so in die Wand zu schlagen, dass das Bild daran gerade oder überhaupt erst hing. Immer ging Flora die Dinge mit praktischem Verstand an. Nahm Maß. Nahm einen Dübel zur Hand. Und war erfolgreich.

Während Dorothee auf der höheren Schule Dinge erfuhr, von denen Flora nichts wissen wollte, widmete Dorothee sich diesen Dingen, die auch sie nicht wirklich wissen wollte. Die sie doch aber stolz machten, ein gewisses Wissen um sie zu besitzen.

So quälte sie Flora mit umständlichen Formeln aus der organischen Chemie. Dann wieder führte sie ihr das untere Hinterbein der gemeinen Stubenfliege, der ‚musca domestica’, vor. Der über die ganze Erde verbreiteten Art der Vollfliege. Hörte Dorothee trotz des Widerstandes Floras nicht auf, ihr ihr Wissen aufdrängen zu wollen, bewarf Flora sie als Antwort mit einem Kissen.

Als Dorothee eines Tages über einen Dichter sprechen wollte, im Überschwang drängend wurde, um Flora in ihre Begeisterung mitzureißen, oder sie gar zur Begeisterung zu zwingen, meinte diese:

„Das ist ja alles ganz schön! Aber Bilder muss immer ich dir aufhängen! Säume von Kleidern muss ich dir umnähen! Und kochen kannst du auch nicht die Bohne! Besonders gescheit scheint es nicht zu sein, was du da lernst! Ich kann nichts damit anfangen! Im Übrigen interessiert es mich auch nicht!“

„Aber Flora! Du kannst doch nicht schon wissen, dass dich etwas nicht interessiert, wenn du es gar nicht kennst!

Nimm diesen Dichter, über den wir im FranzösischUnterricht gesprochen haben. Hör dir sein Gedicht ‚Der Albatros‘ einfach mal an:

Mit wenigen Worten erzählt er eine Geschichte. Und schon zieht er dich mitten hinein. Denn du weißt nichts über den Albatros. Weißt nicht, was in früheren Zeiten die Seeleute mit ihm trieben.

Von diesem Vogel sagt der Dichter, er habe riesige Schwingen.

Er nennt ihn den ‚König des Azurs‘. Den ‚Prinzen der Wolken‘.

Der Albatros ist ein Segler.

Der Dichter klagt, dass er einem Albatros gleich sei. Dass ihn die Menschen in ihre Welt zwingen wollen, die doch niemals die seine sein kann.

Er klagt, so wie die Menschen diesen Vogel der Freiheit berauben, die er nur im freien Flug besitzt, rauben sie ihm, dem Dichter, die Freiheit! Die Freiheit, schreiben zu dürfen, was er fühlt, was er denkt.

Dazu musst du wissen, dass ‚Baudelaire‘, so lautet sein Name, wegen Beleidigung der öffentlichen Moral sogar vor Gericht gestellt wurde! Natürlich nicht wegen dieses Gedichtes, du unwissendes Wesen!

Also, ist der Albatros erst auf ein Schiff geschleift, wird er linkisch! Erbärmlich!

Zieht seine riesigen Flügel wie sperrige Holzruder neben sich her!

Er, der in den Lüften herrlich, elegant und hochmütig war!

Und die Schiffsleute lachen sich tot über das komische Tier!

Ebenso gedemütigt fühlt sich der Dichter, wenn er seiner Verse wegen verlacht wird! Verlacht von Menschen, die ihn nicht verstehen! Die aber die Macht besitzen, ihm verbieten zu können, zu schreiben, was ihn bewegt!

So ähnlich muss man das deuten.

‚Souvent, pour s’amuser, les hommes d’équipage Prennent des albatros, vastes oiseaux des mers, …‘ beginnt das Gedicht in französischer Sprache.“ Flora schwieg.


Ein Knabe öffnete Dorothee die Tür.

Dorothee war erleichtert.

Atmete erlöst auf.

Ihr blieb eine Frist.

Bis der Tanzlehrer kam, würde es dauern. Sie würde ihrer Aufregung Herr werden. Und so lässig erscheinen, als sei es alltäglich, was sie vorhatte zu tun. Außerdem konnte sie vielleicht noch etwas über den Geliebten Floras erfahren.

„Ich möchte nur auf jemanden warten!“, meinte sie zu dem grüßenden jungen Mann.

„Aber gern! Wie Sie möchten!“, erwiderte er. Kaum älter als sie, schien der aushelfende Tanzschüler sich hier ein Taschengeld zu verdienen. Gewandt wies er Dorothee zu einem Sessel.

Hörbar holte sie Atem. Stieß ebenso hörbar den Atem wieder aus. Und hatte sich leidlich gefangen: „Sagen Sie, ich sage es auch nicht weiter! Ist er wirklich so schrecklich?“, wandte sie sich glucksend an den jungen Mann.

„Wen meinen Sie genau?“, fragte er leicht irritiert. „Na den, auf den ich hier warte! Diesen komischen Tanzlehrer! Ich muss gleich ein Interview mit ihm machen!“

„Ach so, auf den warten Sie!“, lachte er auf. Und schien jetzt zu verstehen, wen Dorothee meinte.

„Wieso den? Gibt es denn mehrere?“

„Natürlich! Es gibt deren drei!“

„Drei?“, fragte Dorothee erschrocken. Und wurde leicht blass.

„Oh Gott! Hoffentlich ist es auch der Richtige, auf den ich warte!“

„In welcher Beziehung der ‚Richtige‘?“, fragte der junge Mann nach.

„Na, der, der so betulich ist! Onkelhaft, bisschen affig! Sie wissen schon …! Und irgendwie auch zu alt!“, winkte sie ab. „Der, der bei den Mädchen den Herzensbrecher spielt!“, wollte sich Dorothee noch weiter in ihre gewohnte Empörung gegen den Tanzlehrer hineinsteigern. Ließ es doch aber sein. „Aber das bleibt unter uns!“, bat sie sich aus, erschrocken über ihre Mitteilsamkeit.

„Darauf können Sie sich verlassen! Sie scheinen ihn aber doch schon ganz gut zu kennen, so wie Sie ihn beschreiben, diesen Tanzlehrer! Betulich, onkelhaft, ein bisschen affig! Das trifft auch ganz gut das Klischee eines Tanzlehrers! Nur, seine Rolle als Herzensbrecher ist mir nicht so ganz klar! Herzensbrecher habe ich mir bis jetzt immer irgendwie anders vorgestellt! Gar nicht betulich! Überhaupt nicht affig! Und schon gar nicht onkelhaft!“, musste er auflachen.

„Aber, das ist es doch gerade! Ich habe ihn ja noch nicht einmal gesehen!“

„Na, dann bin ich ja beruhigt!“

Wieso beruhigt?, fragte sich Dorothee. Und dachte, sie könnten sich eigentlich duzen, so offen und ehrlich und jung wie er war.

„Jetzt habe ich Sie, ohne darüber nachzudenken, zu meinem Komplizen gemacht! Das war ja wohl für eine Journalistin ein Kardinalfehler! Na gut! Vergessen Sie, was ich gesagt habe! Ich habe ja eigentlich auch gar keine Ahnung! Ich bin nur wütend auf diesen Mann! Und auch aufgeregt! Darüber bin ich auch wütend. Aber das ist eine andere Geschichte!“, sagte sie mehr zu sich selbst.

„Jetzt wird es aber spannend! Was ist denn das für eine Geschichte?“

„Also, mein Lieber! Jetzt hab‘ ich schon was gelernt! Das behält eine Journalistin natürlich für sich!“, sah sie ihn herausfordernd an.

„Aber wenn es Sie beruhigt! So einen komischen Vogel, wie Sie ihn gern hätten, haben wir gar nicht vorrätig!“

„Da bin ich aber gar nicht so sicher! Denn aus Ihrer Sicht beurteilen Sie die Sache natürlich nicht richtig!“

„Sie trauen mir nicht?“

„Natürlich nicht! Als männliches Wesen haben Sie doch wenig Ahnung, was Frauen an Männern nicht ausstehen können!“

„Na, darüber würde ich jetzt aber gern mehr von Ihnen erfahren!“, sagte der Knabe. Zog einen Sessel zu Dorothee und nahm ihr gegenüber Platz.

„Sie sind ja ganz schön mutig! Haben Sie denn gar keine Angst, dass Ihr Chef in Anführungszeichen“, bedeutete sie mit zwei beugenden Zeigefingern, „plötzlich hereinschneit? Ich meine natürlich hereintanzt!“, prustete Dorothee. „Er tänzelt doch sicher so durch die Tür!“, vollführte sie alberne Tanzschritte. Und beide lachten darüber. „Aber meinetwegen, okay. Wir können ja, wenn der Typ wieder weg ist, darüber reden!“

„Aber warum denn so kompliziert! Warum die Dinge unnütz verschieben? Wenn wir doch gerade so angeregt darüber sprechen! Ich habe Zeit und höre Ihnen gern zu! Denn von Ihnen kann man wirklich etwas lernen! Noch dazu, da Sie doch Journalistin sind!“

„Seien Sie doch nicht albern! Natürlich bin ich nicht wirklich Journalistin! Ich möchte nur für unsere Schülerzeitung ein Interview mit diesem komischen Vogel machen. Obwohl Sie ja gar keinen hier haben! Also kann ich eigentlich gar kein Interview mit ihm machen! Das ist ja beinah absurd!“, kicherte sie über sich selbst.

„Aber Sie tun es doch bereits!“

„Ich meine doch nicht Sie!“, lachte ihn Dorothee aus. „Das wissen Sie genau!“

„Und wenn doch?“, kostete er seine Rolle aus und lehnte sich entspannt in seinen Sessel zurück.

Dorothees Herz setzte einen Schlag aus. Um sich darauf zu überschlagen. Aber das durfte nicht sein, hoffte sie kläglich.

Ihr Gesicht indes überzog sich langsam aber stetig mit schamvollem Rot.

Der Knabe, mit dem sie soeben noch herumgealbert hatte, glich jetzt, da er ernst wurde, einem Mann.

„Sie? Sie sind Tanzlehrer? Aber Sie sind doch … “, viel zu jung, wollte sie sagen.

„Ich sagte doch, diesen komischen Vogel, den Sie beschrieben, haben wir nicht vorrätig!“

„Aber ich meine doch nicht Sie! Einen der anderen beiden! Einen richtigen Tanzlehrer meine ich!“, wurde Dorothees Blick flehend.

„Wenn Sie nichts einzuwenden haben! Leander Wolffeck, richtiger Tanzlehrer!“, hatte sich Leander Wolffeck erhoben und artig verbeugt.

Dorothee trieb es noch tiefer die Röte der Scham ins Gesicht.

‚Leander Wolffeck‘, den hatte sie doch zu sprechen gewünscht! So hieß er! Das hatte ihr Flora doch tausend Mal gesagt! Sie hatte ihn auch als sehr jung aussehend beschrieben! Das hätte sie warnen müssen! Aber Dorothee hatte ihren Worten nie Glauben geschenkt! Hatte sie doch Flora die Gewissheit voraus, dass dieser Tanzlehrer schrecklich sein müsse!

„Machen Sie sich nichts daraus! Ich muss mich entschuldigen! Die wenigsten halten mich für den, der ich bin! Und ich mache mir gern ein Spiel daraus! Ich habe Sie in die Falle gelockt! Es tut mir leid! Ich bitte um Entschuldigung!“

Ein Knabe!

In einen Knaben hatte sich Flora verliebt! Nicht in einen Mann!

Sein Haar glich nicht der aufbegehrenden Mähne des Revolutionärs! Nicht dem des widerspenstigen Löwen! Und schon gar nicht dem des ältlichen Mädchenfängers! Es war das in weichen Wellen fallende Haar des Künstlers!

Wenn er ernst wurde, hatte er verträumt melancholische Züge. Wie man sie auf alten Gemälden fand, als Maler solch ein Gesicht ‚Bildnis eines schönen Jünglings‘ nannten.

Und mit einem Mal hatte Dorothee Flora verstanden. Verstanden, weshalb Flora so verliebt in diesen Mann war.

„Sie wollen ein Interview mit mir machen? Das schmeichelt mir! Fangen wir doch einfach an! Was wollen Sie von mir wissen?“, zeigte er ein gewollt unschuldiges Jungenlächeln und glich wieder dem Knaben, den Dorothee soeben noch in ihm gesehen hatte.

Das ist die strafende Gerechtigkeit, die sich jetzt an mir rächt! Ich will einen Mann entlarven, von dem ich kaum etwas weiß! Und der, um den es sich handelt, ertappt mich! Beschämt mich! Erweist sich sogar als liebenswürdig! Oh Gott, was habe ich in meinem Hochmut angerichtet, war Dorothee erschrocken bewusst geworden.

Um ihr Zeit zu geben, sich wieder zu fangen, schlug Leander Wolffeck vor:

„Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Dann plaudert es sich leichter!“

Die durch Heirat geadelte Vorzimmerdame brachte zwei Tassen Kaffee auf einem Silbertablett. Ihr ehemals schwarzes Haar trug müde den Staub der Jahre. Als sei sie vor langer Zeit enttäuscht, gekränkt und vergessen worden, wirkte ihr blasses Gesicht.

„Süß und mit Sahne?“, fragte sie gezuckert. Und meinte doch alles nur liebenswürdig.

Dorothee wollte beides. Keines von beiden. Und doch alles zugleich.

Noch immer schämte sie sich.

„Ich möchte meinen Fehler wieder gutmachen! Trinken wir dazu den ersten Schluck gemeinsam! Im Übrigen beiße ich nicht! Oder nur selten!“

Wieder war da das unschuldige Lächeln. Das, auf dem ‚Bildnis eines schönen Jünglings‘, der wusste, wie schön er war.

Gemeinsam setzten sie ihre Tasse ab.

„Also, an die Arbeit! Seien Sie professionell! Tun Sie, als sei nichts gewesen! Spielen Sie Theater!“

Dorothee räusperte sich. Begann ihre unehrliche Rolle. Und fühlte sich elend. Denn jetzt, dachte sie, sie betrüge Leander Wolffeck doppelt.

Als er in ihrer Vorstellung der undurchsichtige Mädchenverführer war, hatte sie nur Sorge vor Entdeckung. Denn es geschah einem wie ihm ja recht, dass man ihn mit diesem Theater betrog. Aber jetzt, so wie die Situation sich ergeben hatte, und dieser Mann sich wie ein Gentleman benahm, verhielt sie sich schäbig.

Aber ich tue es doch für Flora, versuchte sie sich selbst loszusprechen.

Der Rat des Tanzlehrers, professionell zu sein, zu tun, als sei nichts gewesen, half Dorothee über ihre Verwirrung hinweg. Und sie spielte tatsächlich Theater:

„Also gut! Fangen wir an! Ich bin im Auftrag meiner Schülerzeitschrift hier! Abgesandte Ihrer Tanzschule kommen zwei Mal jährlich in unsere Schule – eine Mädchenschule – um Reklame für Ihr Institut zu machen!

Offen gesagt, machen wir uns darüber immer ein bisschen lustig! Eigentlich sind wir aber darüber empört! Wir haben nämlich den Eindruck, wenn Sie junge Männer zu uns schicken, die dafür werben, mit ihnen zu tanzen, dass es sich um einen Markt handelt, auf dem wir uns präsentieren sollen! Im weitesten Sinne verschachert werden sollen! Diese jungen Männer sprechen immer nur mit dem Direktor der Schule! Mit dem wollen sie aber gar nicht tanzen!

Wir sind gleichberechtigt! So etwas wollen wir nicht!“, sprach Dorothee forscher als ihr zu Mute war. „Wir werden sozusagen hinter unserem Rücken ‚verhandelt‘!“

Sie hatte Punkte wettgemacht. Er wird sich herausreden müssen! Wird seine Tanzschule verteidigen müssen! Was sollte er auch auf solch einen Vorwurf antworten?

„Wenn ich das so ausgedrückt höre, muss ich eingestehen, dass wir, das Tanzinstitut, uns das zu wenig überlegt haben! Wenn Sie, das heißt, die jungen Mädchen, sich bildlich gesprochen wie Ware vorkommen, sollten wir unbedingt eine andere Lösung finden! Was würden Sie vorschlagen?“

Schlau ist er auch noch, ging es Dorothee durch den Sinn. Jetzt spielt er den Ball an mich zurück! Aber sie hatte sich vorbereitet.

„Die abgesandten jungen Männer gehen jeweils zum Direktor und bitten sozusagen um ‚Material‘. Das ist doch neunzehntes Jahrhundert! Das finden wir nicht angemessen! Die jungen Männer sollten den Mut haben, sich uns in den Klassen persönlich vorzustellen! Sollten etwas über ihre Tanzschule und sich berichten! Sollten vor allem mit uns sprechen!

Wir wollen erfahren, mit wem wir tanzen sollen und dann entscheiden, ob wir das überhaupt wollen!

Sie stattdessen, und Ihre Tanzschule, gehen auf Nummer sicher, wenn ich das so sagen darf! Sie gehen davon aus, dass Sie in einer höheren Schule ein gewisses Niveau bei den Mädchen voraussetzen können! Was wissen wir denn von Ihren Jungs? Wer sie sind? Was sie treiben?“

„Ich werde Ihre Kritik mit dem Besitzer der Tanzschule besprechen! Gehen Sie davon aus, dass wir unser Verhalten ändern werden! Ich möchte sogar so weit gehen, Ihnen für diese Kritik zu danken!“

Dorothee fiel nichts darauf ein. Auf Verständnis war sie nicht gefasst. Ihr Geschlechterkampf, auf den sie sich vorbereitet hatte, war ins Leere gelaufen.

Wenn er doch wenigstens eine Phrase gedroschen hätte! Ihre Kritik weggeredet hätte! Seine alberne Tanzschule mit platten Argumenten verteidigt hätte! Oder wenigstens einem männlichen Klischee entsprochen hätte! Er ihr ein typisches Männerkompliment gemacht hätte:

‚Um so etwas sollten Sie sich doch nicht ihr Köpfchen zerbrechen! Dazu sind Sie doch viel zu hübsch!‘ Aber nein! Nichts dergleichen hatte er gesagt! Dorothee blieb nur, ärgerlich auf sich selbst zu sein. Fand kein Argument, um sich über Leander Wolffeck zu empören.

Stattdessen hörte dieser Mann zu. War kritikfähig. War gescheit. Offen.

Dorothees Gewissen wurde zusehends schlechter. Als sie das Interview nach fünfzehn Minuten beendet hatte, fragte ihr Gegenüber:

„Und mit wem hatte ich das Vergnügen, verehrtes Fräulein?“, setzte er ein wenig ironisch hinzu.

Sie hatte sich in ihrer Verwirrung nicht vorgestellt!

Ein zweiter unverzeihlicher Fehler war Dorothee unterlaufen!

Erneut schämte sie sich:

Über ihr unehrliches Spiel. Das sie zudem verloren hatte.

Über die klägliche Rolle, die sie darin spielte.

Über ihre Überheblichkeit, die sie sich in Gedanken erlaubt hatte.

Und errötete erneut.

Die schwüle Luft hatte sie beeinträchtigt!

Die im Violett hängenden Wolken trugen die Schuld!

Die gewittrige Stimmung hatte sie beeinflusst!

Darum war alles schiefgelaufen!

Dorothee wusste, dass sie sich belog.


Sie entschied, Flora nichts über ihren Besuch bei Leander Wolffeck zu berichten. Sie mochte sie nicht in die unrühmliche Geschichte, in die sie sich verstrickt hatte, hineinziehen. Nicht ihr schlechtes Gewissen, das sie sich selbst zuzuschreiben hatte, auch Flora aufbürden.

Flora sollte sich so unbefangen oder befangen gegenüber dem Geliebten verhalten, wie sie es immer getan hatte. Sich geben können, wie ihr zumute war.

Nie sollte sie erfahren, dass Dorothee versucht hatte, Leander Wolffeck unter einem anderen Vorwand als dem, der ausgemacht war, zu ‚testen‘. Dass sie nicht gekommen war, um ihm während des Tanzens zuzusehen. Oder während eines Tanzes arglos mit ihm zu plaudern.

Dass sie unter einer vorgegebenen Begründung versucht hatte, ihn kennenzulernen, sollte ihr Geheimnis bleiben.

Dorothee musste nur noch eine Geschichte erfinden, weshalb sie dennoch vieles über den Geliebten der Freundin zu sagen wusste.

Die Geschichte würde kompliziert werden. Denn sie musste bei allem Erfindungsgeist glaubwürdig klingen.

So schlug Dorothee Flora vor, sie einmal von der Tanzschule abzuholen, um nach Ende des Tanzunterrichts einen Blick auf ihren Geliebten werfen zu können.

„Dann könnte ich immerhin schon etwas über ihn sagen! Vielleicht ergibt sich ja auch eine Situation, in der ich ihn unbemerkt beobachten kann!“

Als Begründung, dass Leander Wolffeck Dorothee auf keinen Fall sehen dürfe, dass sie ihm keinesfalls vorgestellt werden wolle, sollte die Erklärung dienen, dass Leander Wolffeck niemals eine Verbindung zwischen den Freundinnen herstellen können dürfe:

„Schließlich kann man nicht wissen, wie sich die Dinge entwickeln! Wer weiß? Vielleicht soll ich dir eines Tages unerkannt einen Dienst erweisen? Darum darf er uns beide nie in Verbindung bringen!“

Mit solchen und ähnlich ausgedachten Argumenten konnte Dorothee Flora überzeugen.

Als Dorothee eines Abends Flora vom Tanzunterricht abholte, in der unscheinbaren Gasse, die von der Maximilianstraße abzweigte, flunkerte sie, sie sei bereits in der Pause da gewesen und habe den ‚Heißgeliebten‘ – wie sie ihn Flora gegenüber gern spöttisch nannte – beim Auf- und Abgehen vor der Tanzschule beobachten können. Er habe sich dort mit einem jungen Mann unterhalten. So habe sie sogar seine Stimme gehört.

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