Kitabı oku: «Pläne sind zum Ändern da»
Dorina Kasten
PLÄNE SIND
ZUM ÄNDERN DA
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2017
Personen und Handlung des Romans sind frei erfunden.
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Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte bei der Autorin
Titelfoto: Small old railway station in rural area © pyty (FOTOLIA)
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Für Bernd
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Über das Buch
Impressum
Widmung
Prolog
Teil I
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Teil II
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Teil III
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Prolog
Als Nora auf den Hof fuhr, sah sie Ralfs roten Pick-up vor dem Pferdestall stehen. Die Fahrertür war offen. Da hatte er es wohl eilig, dachte sie beiläufig und stieg aus.
Im Stall schien es dunkel zu sein. Die schwere Holztür mit der schönen, alten Schnitzerei war nur angelehnt. Vor Jahren hatte sie das auffällige Stück bei einem Trödler entdeckt und mithilfe ihres Kollegen restauriert. Angeblich stammte die Tür von einem niedersächsischen Bauernhof. Sie bestand aus zwei Teilen, und man nannte sie Klöntür. Der obere Teil ließ sich separat öffnen. Bei schlechtem Wetter, wenn die Pferde nicht auf die Weide gelassen wurden, konnten sie wenigstens hinausschauen. Jetzt aber war Sommer, und die beiden Stuten blieben auch nachts draußen.
Nora wollte die Tür schließen. Da hörte sie ein Geräusch, ein lautes Rascheln im Stroh. War noch eine Katze drinnen? Oder etwa der Marder, der neuerdings auf dem Dachboden hauste? Sie packte die dreizackige Heugabel, die an der Wand lehnte, öffnete die Tür ganz und trat ein. Stallgeruch schlug ihr entgegen und sie musste gegen das Halbdunkel blinzeln. Das Bild, das sich ihr im nächsten Augenblick bot, war bizarr. Einige Sekunden lang starrte sie ungläubig auf das Paar, das sich zu ihren Füßen im Stroh wälzte. Unfähig zu schreien, sog sie scharf die Luft ein. Sie wollte nicht glauben, was sie sah, nämlich, dass der halbnackte Mann da unten im Stroh ihr Mann war. Ihr Ralf, leicht übergewichtig, saß rittlings auf einer Frau. Sie schloss kurz die Augen, weil sie hoffte, das Bild würde verschwinden. Währenddessen kämpfte sie gegen die aufsteigende Übelkeit an, die eiskalten Schweiß in ihre Poren trieb. „Der Klassiker!“, stöhnte sie lautlos. Jetzt fehlte nur noch, dass er sagen würde: „Ich kann dir das erklären. Es ist nicht so, wie es aussieht.“
Sie stierte auf ihn herab, zu gelähmt, um irgendein Wort hervorzubringen. Auf die Heugabel gestützt, gelang es ihr nicht, den Blick von dem Paar abzuwenden. Ihre natürliche Scham schien ihr in dieser Ausnahmesituation abhandengekommen zu sein, stellte sie irritiert fest.
„Ich kann dir das erklären…“, ertönte es von unten.
Sie warf die Heugabel weg und erbrach sich ins Stroh. Dann ergriff sie die Flucht.
Teil I
1
„Igitt! Was für ein Schietwetter!“, fluchte Nora leise vor sich hin. Als sie den Motor abstellte und die Arme des Scheibenwischers ihres alten Golfs aufhörten, verzweifelt zu rudern, war die Frontscheibe sofort regenblind. Der Mai fing ja gut an! Sie stieg aus dem Auto, bemüht, nicht gleich in eine Pfütze zu treten und spannte den Schirm auf. Besser, sie gewöhnte sich schon mal daran. Auf Island würde es auch nicht anders sein: wenig Sonne, viel Regen und Wind, Norddeutschland in verschärfter Variante sozusagen. Trotzdem klopfte ihr Herz bei dem Gedanken daran sofort etwas schneller. In gut fünf Monaten war es endlich soweit. Ihre Auszeit oder modern ausgedrückt, ihr Sabbatical, sollte beginnen. Die erste Station ihrer Reise war Reykjavik. Sie hatte nicht lange überlegt, als Ralf eine gemeinsame Weltreise vorgeschlagen hatte. Er war fest entschlossen, seine Tierarztpraxis zu verkaufen und sich fortan nur noch der Pferdezucht zu widmen. Sie wusste, dass ihm dieser Schritt nicht leichtfallen würde. So von hundert auf null, das ging eben nicht, hatte er ihr erklärt. Früher oder später musste es sein, und letztendlich hatte er genug von der schweren Arbeit eines Landtierarztes, die durchaus körperliche Spuren hinterlassen hatte. Nora fand auch, dass er seine Knochen den tretenden Rindern und ausschlagenden Pferden genug hingehalten hatte. Von seichten Vorabendserien war die Realität des Berufes weit entfernt. Sollte er in tausend Jahren ausgegraben werden, so prophezeite sie ihm, würden die Archäologen denken, sie hätten angesichts der Verletzungen einen Ritter vor sich. Ihr Ritter, ja, das war er eigentlich noch immer.
Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen, damals vor dreißig Jahren. Er war als junger Absolvent in ihr Heimatdorf gekommen und hatte seine langjährige Beziehung am Studienort zurückgelassen. Nora hatte gerade ihre von Anfang an verkorkste Verlobung gelöst und war mit ihren Eltern zum Dorffasching gegangen, fest entschlossen, sich gut zu amüsieren. Der Fasching im alten Feuerwehrhaus war legendär. Jung und Alt kamen dort zusammen, extra angereiste ehemalige Einwohner und auch ein paar Leute aus benachbarten Orten füllten bald die Tanzfläche.
Nora hatte sich als Burgfräulein verkleidet, ziemlich einfallslos angesichts des Mottos „Mittelalter“, und sich nach etlichen Tänzen mit Kollegen ihres Vaters allein an die Bar gesetzt, gegenüber der Eingangstür. Sie trank einen Wermut und wollte wieder aufstehen, weil es zog. Da sah sie ihn hereinkommen: groß, das dunkle Haar kurzgeschnitten, runde Brille, in einem komischen, zu kurzen Umhang und mit einem zum Ritterhelm umfunktionierten Motorradhelm unter dem Arm. Sie hatte ihn angestarrt wie eine Erscheinung. Ihre Augen schossen Blitze in seine Richtung ab; ihr Gehirn sendete unablässig eine Botschaft: Das ist er!
Erleichtert registrierte sie, dass er sich neben sie auf den schäbigen, ungepolsterten Barhocker setzte. „Bin ich zu spät?“, hatte er lächelnd gefragt.
„Genau richtig.“
Von da an waren sie unzertrennlich. Keine acht Wochen später wusste Nora, dass sie schwanger war...
„Guten Morgen, Nora!“ Der Gruß des Hausmeisters riss sie aus ihren Gedanken. „Warum guckst du denn so verbiestert? Hast du etwa wieder geträumt, dass die Ausstellung nicht fertig wird?“
Das hatte sie in letzter Zeit tatsächlich. Sie reichte ihm die Hand. „Guten Morgen, Lindemann! Sie muss wohl fertig werden, was? Viel Zeit haben wir ja nicht mehr. Kannst du mir heute noch ein paar Kartons ins Büro bringen? Ich will schon einige Sachen einpacken, die nicht gebraucht werden, wenn ich weg bin.“
„Für dich doch immer, bin gegen zehn da“, versprach er.
Nun hatte sie es plötzlich eilig. Wie konnte sie nur so in Gedanken versinken? Eigentlich sollte sie andere Dinge bedenken, als ihre Ehe, die doch eigentlich ganz gut lief. Mit schnellen Schritten verließ sie den Parkplatz und eilte zum Verwaltungseingang der Galerie.
2
„Jawohl, Frau Barkow, das machen wir so. Ja, ich habe Ihre E-Mail schon gelesen. Wir sehen uns dann nächste Woche. Schönen Tag noch!“ Günther Börner legte den Hörer auf und öffnete den obersten Knopf seines Hemdes. Diese Frau schlief wohl nie. Ihre erste E-Mail war heute Morgen um fünf gekommen. Ihm war heiß. Und das nicht nur wegen der Heizung, die, obwohl es schon Mai war, noch immer lief. Er musste unbedingt Lindemann deswegen Bescheid sagen. Andererseits, dann beschwerten sich wieder die Frauen. Die froren ja dauernd. Er wischte sich mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirn und ließ sich schwerfällig auf seinen Schreibtischstuhl fallen. Komischerweise stand er jedes Mal auf, wenn die Bürgermeisterin anrief. Und das kam in letzter Zeit oft vor. Seit sie vor einem Jahr ins Amt gewählt worden war, schien sie einen Narren an der Galerie gefressen zu haben. Das war ihm einerseits unheimlich, andererseits schmeichelte es ihm. Sie galt als ziemlich kaltschnäuzig und wurde von den Mitarbeitern der Stadtverwaltung nur die „Schneekönigin“ genannt. Nach der Schließung des hiesigen Stadtmuseums - offiziell von der Bauaufsicht, hinter vorgehaltener Hand jedoch war davon die Rede, das Gebäude zu verkaufen - war es ihre Idee gewesen, dessen nicht allzu umfangreichen Fundus in die Städtische Galerie zu integrieren. Freilich musste Börner zwei Räume der Galerie, die in einer Jugendstilvilla untergebracht war, nun für die neue Dauerausstellung zur Stadtgeschichte abzweigen, aber im Grunde fand er den Gedanken gar nicht mal so übel. Ständig hatte sich das Stadtparlament über sinkende Besucherzahlen bei ihm beschwert und größeres Engagement gefordert. Wenn er allerdings mehr Geld für Sonderausstellungen und Marketing brauchte, beriefen die Abgeordneten sich darauf, dass Kultur ja schließlich keine Pflichtaufgabe sei. Darüber konnte er sich jedes Mal wieder neu empören. Ja, was glaubten denn die Damen und Herren, wie man zu mehr Besuchern kam? Mit der geplanten neuen Präsentation der Stadtgeschichte eröffneten sich nun aber ganz andere Möglichkeiten. Plötzlich stellte die Stadtverwaltung Förderanträge und warb Sponsorengelder ein. Ihm sollte das nur recht sein.
Er lehnte sich etwas in seinem Schreibtischstuhl zurück, legte die Hände auf den üppigen Bauch, über dem sich das zu eng gewordene, nicht ganz saubere Hemd spannte und lächelte versonnen. Bis jetzt waren sie ganz gut im Plan. Sein Blick fiel auf seinen Schreibtisch. Da stapelte sich mal wieder die Post, wie er zerknirscht registrierte. Der schöne Jugendstilschreibtisch, der noch aus der Ersteinrichtung der Villa stammte und den die ehemaligen Besitzer zurückgelassen hatten, war mit Katalogen, Schriftstücken und Einladungen zu Ausstellungseröffnungen übersäht. Er rieb sich das Kinn und betrachtete das Chaos. Im nächsten Moment fiel ihm die E-Mail der Bürgermeisterin wieder ein. Er hatte sie noch gar nicht zu Ende gelesen. Gut, dass sie nicht nach Einzelheiten gefragt hatte. Er scrollte im Text weiter nach unten und überflog die Zeilen. Dann stutzte er. Der Termin für die Eröffnung der neuen stadtgeschichtlichen Abteilung passte dem Minister nicht, deshalb hatte die Schneekönigin ihn einfach um vier Wochen vorverlegt und ihm das in ihrer gestrigen E-Mail mitgeteilt, schrieb sie. Angeblich habe er zugestimmt. Da bis heute Morgen um acht Uhr keine Antwort von ihm eingegangen sei, habe sie das als Einverständnis gewertet und den Minister informiert, der seinerseits nun sein Kommen zugesagt habe. Das meinte sie also vorhin mit ihrem „Ich vertraue Ihnen voll und ganz, Herr Dr. Börner“. Das durfte doch nicht wahr sein! Sie hatte ihn aufs Kreuz gelegt! Na ja, genau genommen hätte er einfach nur ihre E-Mails lesen müssen. Ganz abgesehen davon, auch ohne diesen billigen Trick hätte sie das Eröffnungsdatum willkürlich festlegen können.
Er schwitzte und fuhr sich mit der Rechten über den fast kahlen Schädel. Hastig lockerte er den Schlipsknoten. Der ganze Plan geriet durcheinander; es war fraglich, ob sie das schaffen konnten. Nora würde außer sich sein. Ratlos blickte er aus dem Fenster.
Es regnete noch immer. Die Turmuhr von St. Josef zeigte halb zehn. Noras Teamsitzung hatte wohl schon begonnen. Besser, er beichtete ihr gleich das Dilemma. Wie sie reagieren würde, mochte er sich nicht vorstellen. Dabei konnte er doch gar nichts dafür! Er hasste es, zwischen Baum und Borke zu stehen. Es kam ja kaum infrage, der Schneekönigin öffentlich die Schuld zu geben. Er stöhnte.
Jetzt brauchte er eine Stärkung. Er drehte seinen Stuhl herum zum Bücherregal. Mit der linken Hand zog er zwei Bände des Thieme/Becker heraus und griff mit der rechten in die Lücke. Die Flasche war noch halbvoll. Er goss einen Schluck in seine Teetasse und stellte Flasche und Bücher zurück. Dann füllte er die Tasse mit schwarzem Tee auf und trank.
3
Nora nippte an ihrem Kaffee, der inzwischen kalt geworden war. Sie behielt den Schluck einen Moment lang im Mund, um den leicht bitteren Koffeingeschmack auf der Zunge zu haben. Es war warm in ihrem nicht allzu geräumigen Büro. Sie zog ihre Strickjacke aus, stand auf und öffnete das Fenster. Anschließend setzte sie sich wieder zu ihren Kollegen und ließ kurz den Blick durch den Raum schweifen. Im Gegensatz zu ihrem Chef bevorzugte sie moderne Büromöbel. Nur ihr Bücherregal war eine Biedermeier-Vitrine. An den Wänden hingen alle verfügbaren Pferdebilder, die der Galerie-Fundus hergab. Na, und? Es konnte jeder wissen, dass sie eine Pferdenärrin war. Sie hatte Andrea, die Magazinmeisterin, die sowieso immer über Platzmangel in den Depoträumen klagte, zu dieser Extrawurst überredet. Normalerweise hatten die Gemälde, die nicht ausgestellt waren, im Magazin zu sein. Auf ihrem Schreibtisch stand gar die Skulptur eines berühmten Zuchthengstes von einem ebenso berühmten Künstler. Sie freute sich jeden Tag an der kleinen Figur und war sich sicher, dass hier der beste Platz dafür war, sowohl für den Bronzehengst als auch für sie.
Seit mehr als vierzehn Jahren arbeitete sie jetzt schon in der Neustädter Galerie und war für die große Gemäldesammlung verantwortlich. Schon gleich nach dem Zweiten Weltkrieg hatte ein rühriger Verein zu sammeln begonnen und war in die Villa gezogen. Kurze Zeit später übernahm die Stadt die Galerie. So etwas passierte heute leider nur noch umgekehrt. Im Fundus waren bis auf einige Werke international bekannter Künstler vor allem die sogenannten Lokalmatadoren vertreten, einheimische Malerinnen und Maler von mehr oder weniger guter Qualität, dafür aber beliebt bei den hiesigen Museumsbesuchern.
Nora wandte sich wieder ihren Kollegen zu. Seit einer halben Stunde saßen sie zusammen und berieten wie fast jede Woche über die Arbeit an der neuen Ausstellung.
Ihr Chef hatte die Teamleitung für den Ausstellungsaufbau Nora übertragen. „Du hast das richtige Händchen dafür, glaub mir!“, hatte er ihr geschmeichelt. Das war gar nicht nötig, denn er konnte das schließlich bestimmen. „Als Kulturwissenschaftlerin bist du genau die Richtige für die praktische Durchführung und kannst Leute motivieren. Komm schon! Du schaffst das! Du bist ordentlich, stets gut vorbereitet, und dein Arbeitszimmer ist aufgeräumt.“ Als ob davon der Erfolg einer Ausstellung abhängen würde! Aber es stimmte, in so einer Möhle, wie sie bei ihm herrschte, konnte sie nicht denken.
Heute allerdings war der große Besprechungstisch mit Raumplänen, Papieren und Notizbüchern übersät. Dazwischen standen Tassen und die große Keksdose aus Blech, die Nora stets auffüllte.
Johannes, ihr Praktikant, berichtete von seinem Besuch bei der Grafikerin. Sie war froh, dass er ausgerechnet jetzt ein Praktikum bei ihr absolvierte. Er war vor zwei Jahren, als Student, schon einmal für sechs Wochen dagewesen. Nun hatte er bereits seinen Bachelor in der Tasche und wollte die Zeit bis zu seinem geplanten Masterstudium damit verbringen, Berufserfahrung zu sammeln. Glücklicherweise konnte er aus den plötzlich fließenden Fördermitteln ein Honorar bekommen. Johannes war ein stiller, junger Mann, keine dreiundzwanzig Jahre, mit wilden schwarzen Locken, die nach allen Seiten abstanden. Nur, wenn er von einem Kunstwerk fasziniert war, kam er aus sich heraus und gestikulierte heftig. Dann wurden die Augen hinter seinen dicken Brillengläsern immer größer, als ob er sicherstellen wollte, dass die Begeisterungsfunken, die sie versprühten, sein Gegenüber auch tatsächlich erreichten. Er alberte nie herum und beteiligte sich auch nicht an den allgemeinen Witzeleien beim Frühstück. Aber dann und wann kam eine wirklich humorvolle Bemerkung von ihm, sodass ihn alle erstaunt ansahen und lachen mussten. Sie würde ihn vermissen, wenn seine Zeit hier um war.
„Wann ist denn der späteste Abgabetermin für die Texte, Johannes? Haben Sie mit Frau Krentz darüber gesprochen?“, fragte Nora nun etwas ungeduldig und wippte mit dem Fuß auf und ab.
Ihr Praktikant hatte sich gerade über die umfangreiche und moderne Technik ausgelassen, die der Grafikerin zur Verfügung stand. Er räusperte sich und spielte mit dem Kugelschreiber in seiner Hand. „Bis zum ersten Juli sollten wir alles abgeschickt haben, Frau Schönemann. Sie bringt die Texte dann in Form und mailt sie zum Übersetzungsbüro. Dann müssen wir wieder Korrektur lesen, die Texte endgültig absegnen, und dann gehen sie in Druck. Aber bis Mitte Oktober schaffen wir das dicke, meinte sie.“
„Hoffen wir’s!“, schaltete sich der Restaurator ein.
Leo, Noras Lieblingskollege, hatte bis jetzt geschwiegen, sich aber eifrig Notizen gemacht. Er steckte sein Heft in die Tasche seines blauen Kittels, den er auch trug, wenn er nicht in seiner Werkstatt war. „Wenn ihr den Transportplan für die Leihgaben macht, denkt daran, dass ich die beiden Gemälde aus Privatbesitz noch restaurieren muss. Zwei Monate werde ich schon brauchen. Größere Schäden sind’s ja nicht, aber wer weiß, was noch zutage kommt, wenn ich erst mal angefangen habe.“ Den Leihvertrag für die beiden Gemälde, zwei Bürgermeisterporträts aus dem achtzehnten Jahrhundert, hatte Nora einem Autohausbesitzer abgeschwatzt. Sie passten wunderbar in die Darstellung der Stadtgeschichte. Anfangs wollte er sie nicht als Dauerleihgabe hergeben, aber die Aussicht darauf, dass sie in der Galerie kostenlos restauriert werden sollten und sein Name als Leihgeber genannt würde, hatte ihn schließlich überzeugt. „Den Transportplan macht Andrea, da kannst du ganz beruhigt sein, Leo.“
Sie wandte sich der jungen Magazinmeisterin mit dem schwer zu bändigenden, blonden Kraushaar zu, die sofort in den Kalender schaute und mit ihrer hellen, leicht kieksenden Stimme antwortete: „Sobald ich die Rückmeldung von der Kunsttransportfirma habe, sag ich dir Bescheid. Die beiden Bilder werden eh zuerst geholt, weil das Autohaus abseits der anderen Routen liegt.“ Auf Andrea konnte sie sich verlassen. Sie hatte schon mehrmals bewiesen, dass sie logistisches Talent besaß. Sie arbeitete nur fünfzehn Stunden pro Woche für die Galerie, man hatte aber stets das Gefühl, dass sie immer da sei.
Zwei der drei Depots waren außerhalb der Villa untergebracht. In allen herrschte eine mustergültige Ordnung, die selbst Nora manchmal unheimlich war und in ihrer Branche wohl ihresgleichen suchte.
„Dann haben wir für heute alles besprochen“, hob Nora die Runde auf. „Ich stelle noch mal die Aufgaben für jeden zusammen und passe den Zeitplan an. Ich schicke euch alles per E-Mail. Wir treffen uns nächste Woche wieder.“
Als auch die anderen sich erhoben, klopfte es an die Tür. Noch ehe Nora „Herein!“ rufen konnte, hatte Günther Börner den Raum betreten. „Setzt euch wieder hin, Leute!“ Damit ließ er sich selbst auf den erstbesten Stuhl sinken und zerrte an seinem Schlipsknoten.
Nora kannte ihn lange genug, um zu ahnen, dass jetzt nichts Gutes kam.
Er war rot und verschwitzt, wahrscheinlich vom Treppensteigen und hatte das unvermeidliche Eukalyptusbonbon zwischen den Zähnen. „Es ist also so …“, begann er umständlich, „dass wir eine Planänderung haben. Der, äh, Eröffnungstermin ist verschoben worden.“
Na toll, dachte Nora, hoffentlich nicht bis nach meiner Abreise!
„Macht doch nichts“, flüsterte Johannes ihr zu, „dann schaffen wir das erst recht, wenn wir noch ein bisschen mehr Zeit haben.“
„Genau genommen“, fuhr ihr Chef fort, „um vier Wochen nach vorn.“
„Waaas?“, riefen alle fast gleichzeitig und redeten durcheinander.
Börner hob die Hände: „Ich kann da auch nichts machen“, meinte er bedauernd, „die Schnee…äh die Bürgermeisterin hat das so festgelegt, weil der Minister später keine Zeit mehr hat. Und wir wollen doch, dass er kommt. Schließlich ist das alles ganz hoch angebunden.“
Nora war sprachlos. Sie überschlug kurz den Zeitplan, den sie gerade festgelegt hatten und ahnte, dass es ganz knapp werden würde. Zu viele Wochen hatten sie schon mit der Konzeption vertrödelt, die andauernd erneut den finanziellen Vorgaben angepasst werden musste. Die Bürgermeisterin hatte wirklich überhaupt keine Ahnung, wie viel Arbeit in so einer Ausstellungsvorbereitung steckte. Woher auch?
Da alle anderen schwiegen und sie ansahen, wandte sie sich an Günther: „Du musst ihr klarmachen, dass das so nicht geht! Rede noch mal mit ihr, vielleicht kann der Minister ja was anderes absagen, und du schlägst wenigstens zwei Wochen raus! Das können die doch nicht einfach mit uns machen!“, nun wurde sie richtig wütend. Sie riss die Augen auf und hob unwillkürlich ihre Stimme. „Das ist alles ganz knapp kalkuliert, und außerdem will sie doch, dass wir Qualität abliefern“, appellierte sie an sein Verständnis. „Rufst du sie noch mal an?“
Er war schon an der Tür. „Versprochen!“, kam es über seine Schulter. Es klang halbherzig. Vielleicht war es auch etwas naiv anzunehmen, ein Minister würde seine Pläne ihretwegen ändern. Im Grunde wusste sie, dass Günther die Einmischung der Bürgermeisterin hinnehmen würde. Eher würde er seine Leute oder sich selbst antreiben, als dass er eine Entscheidung der Obrigkeit infrage stellte. Dauernd hatte er Angst, anzuecken und sagte zu allem Ja und Amen. Sie seufzte.
4
Wie jeden Mittwoch machte sich Nora gleich nach der Arbeit auf den Weg zu ihren Eltern. Sie stieg ins Auto, drehte das Radio lauter und versuchte, die Probleme in der Galerie hinter sich zu lassen. Sie fuhr gern in ihr Heimatdorf. Es war immer wie eine Zeitreise. Jede Straße, jeder Baum und jedes Haus, mochten sie sich auch noch so verändert haben, erinnerten sie an ihre Kindheit. Die gestutzten Linden in der kleinen Einkaufsstraße, die wie abgebrochene Streichhölzer in einer Reihe standen, das rote Backsteinhaus mit der Dorfkneipe, die alte Schule mit der geschnitzten und bemalten Eingangstür und natürlich die ewig rauschende Pappelallee, die zum Sportplatz führte, die Bilder all dessen hatte sie für immer abgespeichert. Bis auf wenige Zugezogene kannte sie fast alle Menschen, die hier wohnten. Viele ihrer Schulfreunde lebten noch dort. Manche waren zuerst weggezogen und dann wieder zurückgekommen.
Wie hatte Uwe beim letzten Klassentreffen gesagt? „Friedrichshagen hat etwas Magisches.“ Na ja, das war ein bisschen übertrieben für ihren Geschmack. Aber vielleicht hatte die Heimat eines Menschen allgemein etwas Magisches für ihn. In ihrem Kopf jedenfalls schwirrten stets einzelne Puzzleteile von Episoden aus ihrer Kindheit herum, bis sie sich eins schnappte und die Geschichte wieder ganz wurde.
Gerade kam sie an dem See vorbei, in dem sie als Kinder Kaulquappen gefangen hatten. Sie füllten sie in ein Einweckglas und wollten beobachten, wie Frösche daraus wurden. Leider dachte niemand daran, einen Deckel auf das Glas zu tun und so hatte die Katze ihren biologischen Forschungen ein Ende gesetzt.
Sie musste lächeln. Hier am See hatte sie auch ihren ersten Kuss bekommen, mit neun. Buck und Ben, die Zwillingsbrüder aus der Nachbarschaft, hatten sie öfter abgeholt. Räuber und Schandarm war ihr Lieblingsspiel gewesen. Meistens musste Nora das Opfer sein und irgendwo reglos herumliegen. Einmal wollte Ben sie zum Abschied auf den Mund küssen. Instinktiv hatte sie den Kopf weggedreht, und er traf nur ihr rechtes Ohr. Das Gefühl seiner feuchten Lippen und das schmatzende Geräusch hatte sie nie vergessen.
Lautes Hupen katapultierte sie unsanft in die Gegenwart. Ihr gegenüber an der Kreuzung stand Uwe. Er ließ die Scheibe seines Lieferwagens herunter und warf ihr im Vorbeifahren eine Kusshand zu. Sie drohte ihm mit dem Zeigefinger und lachte. Komisch, gerade hatte sie an ihn gedacht, und schon tauchte er auf. So war das in diesem Nest.
Nora bog in die kurze Auffahrt zum Hof ihrer Eltern ein. Sie parkte neben dem Hühnerstall und stieg aus. Sogleich spürte sie, wie die Katze sich an ihre Beine schmiegte. Sie beugte sich hinab, um sie zu streicheln. „Na, altes Mädchen?“ Ihre Eltern hatten immer Katzen gehabt, alle hießen Tante Frieda, egal, ob Weiblein oder Männlein. Einen Unterschied gab es aber natürlich doch. Die weiblichen Tiere sperrte ihre Mutter regelmäßig ein, wenn sie rollig waren. Sie wollte nicht, dass sie Junge bekamen. Früher wäre hier niemand auf die Idee gekommen, Katzen kastrieren zu lassen. Überzählige Katzenbabys wurden seit Urzeiten im Wassereimer ertränkt. Keiner dachte sich etwas dabei. Das hatten Nora und ihre Schwester erst viel später kapiert und waren Else dankbar. Nora schüttelte den Kopf und kam wieder hoch. Was ihr aber auch alles in den Sinn kam, wenn sie hier war!
Ihr Vater humpelte ihr entgegen. Seit Kurzem ging er am Krückstock. Er diente ihm nicht nur als Gehhilfe, sondern auch als Werkzeug, wie ihre Mutter Nora neulich zugeflüstert hatte. Er jagte damit die Hühner in den Stall und pulte das Unkraut aus den Fugen des Gehwegs. Seit ihr Vater sich nicht mehr so wie früher bewegen und auch nicht mehr Fahrrad fahren konnte, hatte er oft schlechte Laune.
Heute aber strahlte er sie an. „Ich war bei Dr. Marx. Alles in Ordnung! Sie sagt, ich könne noch hundert werden!“
„Na, das ist ja toll, Papa.“ Nora umarmte ihn zur Begrüßung. Wie dünn er geworden war! Seine alte, an den Knien abgewetzte Cordhose hielt sich nur dank der Hosenträger auf den schmalen Hüften. Auch die Gartenarbeit hatte er aufgegeben. Er wirkte nicht mehr so kräftig wie noch vor einem Jahr. Von ihrer Mutter wusste sie, dass ihr Vater diverse Tabletten nehmen musste und dass er keineswegs gesund war. Diese Tatsache verschwieg er meistens oder vielleicht verdrängte er sie ja auch. Darin waren viele Männer Meister.
Diese Erfahrung hatte Nora jedenfalls gemacht. Wenn sie plötzlich, wodurch auch immer, zu einem neuen Standpunkt gelangten, vergaßen sie ihre früheren Gegenargumente, als hätte es sie nie gegeben. Sie konnten sich alles schönreden. Da brauchte sie nur an ihren Chef zu denken. Günther würde auch die Vorverlegung des Eröffnungstermins durch die Bürgermeisterin noch als Superidee hinstellen. Wahrscheinlich war diese Art von Anpassung eine Überlebenstaktik, die noch aus der Evolution stammte, überlegte Nora giftig. Sie begann schon wieder, sich zu ärgern. Sie streichelte noch einmal Tante Frieda und ging dann ins Haus.
Es war eine kleine Kate aus dem neuzehnten Jahrhundert, in welcher schon ihre Großeltern gewohnt hatten. Drinnen roch es noch genau wie in ihrer Kindheit: im Flur nach Katze, in der Küche nach gedämpften Kartoffeln für die Hühner und im Wohnzimmer nach Lavendel. Alle Räume lagen in einem Rundgang. Vom Flur ging man rechts in die Küche, von dort ins Wohnzimmer, dann ins Elternschlafzimmer, von da ins Kinderzimmer, das Nora sich mit Hanna geteilt hatte, und von dort gelangte man wieder in den Flur. Eine Treppe führte zum Dachboden, der aber nie ausgebaut worden war. Die Fußböden waren inzwischen gefliest und auch neue Fenster eingebaut worden. Die Einrichtung jedoch hatten ihre Eltern behalten. Ihre Mutter wollte nie einsehen, warum sie ihre schöne Eichenholz-Vitrine, die sie geerbt hatte, gegen eine Anbauwand aus Sperrholz eintauschen sollte.
Nora konnte das gut verstehen. Sie liebte selbst alte Sachen, lediglich im Büro bevorzugte sie moderne, praktische Schränke.
Der einzige Kompromiss, den ihre Mutter gemacht hatte, war die Küchenzeile. Die hatte sie erst vor zehn Jahren noch einmal erneuert.
Else saß im Sessel und las, die alte Patchwork-Decke auf den Knien. Sie trug wie immer einen Rock, an Hosen hatte sie sich nie gewöhnt. Während ihrer Jugendzeit in Friedrichshagen trug keine Frau welche. Die langen, weißen Haare hatte sie zum Knoten aufgesteckt. „Kind, du bist ja schon da!“, rief sie überrascht, als Nora ins Zimmer trat. Schwerfällig stand sie auf. „Ich mach uns erst mal Kaffee.“ Den Roman legte sie aber nicht weg, sondern las noch mit dem Wasserkocher in der Hand die Seite zu Ende.
Nora war jedes Mal fasziniert, wie sehr sich ihre Mutter in ein Buch vertiefen konnte. Früher war ihr nicht selten das Essen angebrannt, weil sie lesend am Herd gestanden und vergessen hatte, im Topf zu rühren. Ihr Vater tat das als ihren „Lesefimmel“ ab. Nora aber war stolz auf die anhaltende Liebe ihrer Mutter zur Literatur und freute sich, dass die Diskussion über Bücher ein wichtiges Gesprächsthema zwischen ihnen war. Am liebsten lasen sie beide historische Romane und konnten stundenlang die Charaktere analysieren und über die Figuren schimpfen, als ob es echte Personen wären.
Nora packte den mitgebrachten Kuchen aus, legte ihn auf einen Teller und setzte sich mit ihren Eltern an den kleinen Küchentisch.
„Ist der von Bäcker Kunkel?“, fragte ihr Vater und langte zu.
„Nein, den hab ich aus der Stadt mitgebracht, Papa, Kunkel ist doch letztes Jahr gestorben, hast du das vergessen?“
„Hat er“, antwortete ihre Mutter für ihn und wischte sich die Krümel vom Mund. „Alles vergisst er, aber so ist das eben mit alten Leuten, da müsst ihr jetzt durch, du und deine Schwester.“
„Damals im Krieg hatten wir gar keinen Kuchen“, ergänzte ihr Vater, „nich‘, Else?“
„Ja, und die Alten hatten keine Altersdemenz, sondern waren einfach nur wunderlich.“
„Stimmt“, nickte Otto, „Demenz hatten wir auch noch nicht. Die wurde erst später erfunden, nich‘, Else?“
Die lächelte verschmitzt, und Nora fragte sich, ob ihre Eltern sie gerade veralberten, als ihr Handy klingelte. Sie kramte in ihrer Tasche danach.
Es war Ralf. „Hallo, Schatz, ich wollte dir nur sagen, dass ich heute später komme. Warte nicht auf mich, es kann ein langer Abend werden. Du weißt doch, die Dienstversammlung ist heute.“ Nein, wusste sie zwar nicht, aber vielleicht hatte er es erwähnt. Nora hörte im Hintergrund lautes Muhen. Dann war er also in irgendeinem Kuhstall.
Noch bevor sie antworten konnte, raunzte Ralf genervt seinen Praktikanten an: „Meine Güte, wie oft hab ich Ihnen schon gesagt, wo Sie die Kanüle ansetzen sollen? So wird das nie was! Entschuldige, Nora, ich muss hier dringend eingreifen, dann also bis morgen. Kuss.“
Nora steckte das Handy zurück in die Tasche. Ihr stand mal wieder ein einsamer Abend bevor. Es wurde wirklich Zeit, dass sie wegkamen von diesem ganzen Stress.
„Musst du schon los?“, fragte Noras Mutter, als sie eine halbe Stunde später aufstand und nach ihrem Autoschlüssel griff. „Ja, aber du weißt doch, Mutti, dass ich nächste Woche wiederkomme.“
„Wann geht eigentlich eure Weltreise los?“ Die Frage ihrer Mutter klang etwas ängstlich.
Nora hatte sie auch schon mehrmals beantwortet. „Wenn alles klappt im Oktober. Und bevor du fragst: in sechs Monaten sind wir wieder hier.“
„Sechs Monate sind eine lange Zeit“, sagte ihre Mutter leise.
„Denn kann ick all dot sin!“ Ihr Vater wechselte ins Plattdeutsche, was in letzter Zeit öfter vorkam.
Ihre Eltern hatten miteinander immer Platt gesprochen, mit Nora und ihrer drei Jahre jüngeren Schwester Hanna aber nie. Sie sollten es in der Schule nicht so schwer haben und etwa Hochdeutsch als erste Fremdsprache lernen müssen.
„Vorhin wolltest du noch hundert werden, Papa.“ Sie verkniff sich das „schon vergessen?“ und fügte noch hinzu: „Ihr wisst doch, dass Hanna sich dann um euch kümmern wird. Im Herbst zieht sie wieder nach Friedrichshagen, das Haus ist ja schon fast fertig.“
Manchmal dachte Nora wirklich mit schlechtem Gewissen an ihr Vorhaben, so lange wegzufahren. Was, wenn ihre Eltern inzwischen starben? Aber letztendlich hatten Else und Otto ihre Töchter von jeher ermuntert, ihr eigenes Leben zu führen. Beide waren früh aus dem Haus gegangen. Und einsam waren ihre Eltern nicht. Sie hatten einen großen Freundes- und Bekanntenkreis, glücklicherweise auch unter jüngeren Leuten. Ihre Mutter hatte bis zur Rente in einem Waisenhaus gearbeitet. Viele ihrer damaligen Schützlinge hielten Kontakt und besuchten sie mit Kindern und Enkeln. Außerdem wurde Nachbarschaftshilfe in Friedrichshagen großgeschrieben.
„Ach ja, was ich noch sagen wollte, Uwe kümmert sich um euren Garten, ich habe beim Klassentreffen mit ihm gesprochen.“
„Oh, das ist schön“, freute sich ihre Mutter, „ob er auch ein paar Schalen bepflanzt?“
„Sicher, alles, was du willst, Mutti, er macht uns einen Freundschaftspreis.“
„Der hat doch keine Ahnung, das kann ich alles machen“, krähte ihr Vater entrüstet.
Leider nicht mehr, dachte Nora, laut sagte sie: „Er kann dir ja ein bisschen helfen.“ Sie zwinkerte ihrer Mutter zu. „Jetzt muss ich aber los. Falls ich noch was einkaufen soll bis nächsten Mittwoch, ruft mich an.“ Im Rückspiegel sah sie ihren Vater mit dem Stock in Richtung Hühnerstall humpeln.
5
Zu Hause angekommen, fütterte Nora als Erstes die Pferde. Wenn Ralf spät heimkam, war das ihre Aufgabe. Weil es nachts noch ziemlich kalt werden konnte, entschloss sie sich, die beiden Stuten von der Weide zu holen. Sie machte in der Futterkammer zwei Eimer mit Hafer fertig und kippte sie in die Krippen der beiden Boxen. Als Nächstes öffnete sie das Tor zur Koppel. Als die Pferde das Klappern hörten, kamen sie erst langsam angetrottet und wurden dann immer schneller. Auf dem Platz vor dem Stall hielten sie an und ließen sich von Nora über die Nasen streicheln. Sie schmiegte sich an die warmen Leiber und genoss den vertrauten Geruch der Tiere. Jedes ging in seine Box und machte sich über das Futter her. Die beiden Füchse gehörten Ralf. Sie waren zwar seine alten Turnierpferde, aber noch jung genug, um Fohlen zu bringen. Er war nie wirklich erfolgreich gewesen und hatte auch viel zu wenig Zeit für das Training gehabt. Irgendwann hatte er die Turnierreiterei ganz aufgegeben. Jetzt ritt er nur noch selten. Schon das Aufsteigen bereitete ihm große Mühe. Nora fand das schade, denn etwas Sport würde ihm guttun. Vielleicht konnte sie ihn auf Island dazu überreden.
Sie gähnte. Es wurde langsam dunkel. Eine Weile sah sie den Pferden noch beim Fressen zu und ging dann zum Haus zurück. Der Katzennapf vor dem Eingang war noch halbvoll. Den würde sie erst morgen früh wieder auffüllen müssen. Sie selbst hatte auch keinen Hunger. Der Kuchen vom Nachmittag reichte völlig aus.
In der Küche las sie kurz Zeitung und räumte den Geschirrspüler ein. Anschließend ging sie durch alle Zimmer und schloss die noch geöffneten Fenster. Das alte Bauernhaus war viel zu groß für sie und Ralf geworden. Als Bea noch zur Schule ging, hatten hier öfter ihre Freundinnen übernachtet und sich in allen Räumen breitgemacht, sodass Nora ihr Schlafzimmer beinahe verteidigen musste. Wenn Bea am Wochenende mal von der Uni nach Hause kam, hatte sie in fast jedem Zimmer irgendwelche Dinge fallen lassen. Überall lagen Haarklammern, Bürsten, Unterwäsche, Taschen, Schmuck oder Bücher von ihr herum. Im Gegenzug benutzte sie alle Sachen ihrer Mutter, die dann fehlten, wenn sie wieder weg war. Ralf hatte scherzhaft erklärt, sie hinterlasse ihre Duftmarke. Nora räumte entnervt hinter ihr her und fand sie einfach nur unordentlich. Jetzt musste sie manchmal feststellen, dass ihr diese gewisse Unordnung fehlte, weil sie Lebendigkeit und Dynamik bedeutete und das Gegenteil von Einsamkeit war, die sie in diesem Riesenhaus manchmal empfand. Sie verzehrte sich als Mutter sicher nicht über ein gesundes Maß hinaus nach ihrer Tochter, aber manchmal vermisste sie die Zeit, als Bea klein gewesen war. In diesen Momenten wurde ihr schmerzlich bewusst, wie lange das schon her war. Der oft geseufzte Satz ihrer Mutter fiel ihr ein: „Kinder, wo ist die Zeit geblieben?“ Mehr als einmal fragte sie sich, was wohl noch kam in ihrem eigenen Leben. War es das jetzt? Eilte ihr Zug weiter auf seinem eingefahrenen Gleis oder wurde noch eine Weiche gestellt, die in eine unbekannte Richtung wies? Aber in welche? Eine unbestimmte Sehnsucht machte sich breit in ihrer Brust und drohte, ihr die Luft zu nehmen. Verwirrt brach sie ihre Gedankengänge ab. Vielleicht sollte sie einfach zufrieden sein mit dem Leben, das sie hatte. Eine Viertelstunde später stieg Nora in die Badewanne. Das Wasser war ziemlich heiß, aber nach dem kühlen Regenwetter tat das gut. Sie hatte eine Kerze angezündet und das Radio eingeschaltet, damit es nicht so still war. Sie war nicht gern allein in dem großen Haus. Seit Beas Auszug kam das natürlich oft vor, denn Ralf wurde manchmal mitten in der Nacht zu Notfällen gerufen und musste ja auch regelmäßig am Wochenende arbeiten. Dass er, so wie heute, zur Versammlung fuhr, war seltener. Sie hätte gern mit ihm über die neuesten Ereignisse in der Galerie gesprochen, ihm ihre Sorgen hinsichtlich der Ausstellungseröffnung mitgeteilt. Aber daraus wurde, wie so oft, nun nichts. Morgen würde es neue Ereignisse, möglicherweise neue Sorgen oder auch Lösungen geben, und irgendwann verpasste man dann den Zeitpunkt, dem Partner alles, was einen bewegte, zu erzählen. Ging das nur ihnen so? Oder war das ein Problem einer langjährigen Beziehung? Früher hatten sie sich alles erzählt. Oder hatten sie damals mehr Zeit gehabt? Oder den Drang, den anderen an der noch so kleinsten Gefühlsregung teilhaben zu lassen? Sie wusste es nicht. Aber wann immer sie zur Ruhe kam, musste sie darüber nachdenken. Sie hatte das Gefühl, als rasten sie nur noch durch den Alltag, alle beide. Obwohl er angeblich das Ende seines Arbeitslebens herbeisehnte, kam es ihr vor, als ob er jede Minute bis dahin auskostete - so wie ein dem Tod Geweihter, der noch möglichst viel erleben will. Das war paradox. Er führte ellenlange Beratungsgespräche mit den Besitzern seiner Patienten, trug sich freiwillig für Wochenenddienste ein und telefonierte beim Abendbrot mit Pharmavertretern. Sie hatte versucht, mit Ralf darüber zu reden.
Er hatte ihre Gedanken belächelt und sich wieder dem Fernseher zugewandt, so als ob ihr Problem nicht existieren würde.
Aber sie konnte doch nicht alles auf die „Zeit danach“ verschieben, die Zeit von Ralfs Rentnerdasein und ihrem Sabbatical. Sie lebten schließlich jetzt! Sie musste noch einmal versuchen, mit ihm zu sprechen. Es war allerdings schwierig, mit ihm zu diskutieren, wenn er ihre Zweifel und Gedanken nicht teilte. Dann hatte er keine Lust, all das „durchzukauen“, wie er es nannte. „Das ist eben so!“, war sein Standardsatz.
Bald war ihr dreißigster Hochzeitstag. Sie würde ihn zu einem Ausflug einladen oder zum Essen. Sie stieg aus der Wanne und trocknete sich ab. Danach stand sie vor dem großen Badezimmerspiegel und ließ das Handtuch fallen. Sie betrachtete ihren Körper, als ob in dem Bild von ihr die Lösung lag. Sie hatte ihre Figur stets gemocht, schaute sich auch jetzt, mit über fünfzig, gern an. Sie war immer noch schlank, nicht allzu klein und nur wenig Grau hatte sich unter die blonden Haare gemischt. Wenn sie nicht gerade in den Vergrößerungsspiegel sah, konnte sie außer den Krähenfüßen um die braunen Augen herum nicht viele Falten im Gesicht erkennen. Über der Oberlippe prangte ein kleines, etwa fünf Millimeter großes, dunkelbraunes Muttermal. Mit etwas Fantasie konnte man es herzförmig nennen. Als ihre Hautärztin vorgeschlagen hatte, es zu entfernen, hatte sie abgelehnt. Es gehörte zu ihr, seit sie denken konnte. Sie wollte es behalten. Die Brüste, na ja, die waren nicht mehr so schön wie früher, aber das konnte man wohl auch nicht erwarten. Groß und schwer, ja, aber prall? Das war einmal.
Was sah Ralf, wenn er sie anschaute? Diese Frage schlich sich sofort ein. Wann war das überhaupt zum letzten Mal gewesen? Meist liebten sie sich im Dunkeln, wobei das Wort „meist“ schon eine Übertreibung war. Irgendwas lief hier falsch. Sie musste nur herausfinden, was. Aber war das nicht auch normal in ihrem Alter, dass die Lust aufeinander nachließ? Dreiundzwanzig Uhr war jedoch eindeutig zu spät, um solche Gedanken zu wälzen.
Nora zog ihr Nachthemd an und ging ins Bett. Irgendwann gegen Morgen wachte sie vom Motorgeräusch eines Autos auf, schlief aber sofort wieder ein.
6
Am nächsten Tag in der Galerie machte Nora sich als Erstes daran, den Zeitplan bis zur Ausstellungseröffnung zu aktualisieren. Wie oft hatte sie das in den letzten Wochen getan? Sie hatte sich mit Günther zusammengesetzt, und sie waren noch einmal alle Punkte durchgegangen. Ganz genau hatten sie überlegt, was alles in welcher Reihenfolge erledigt werden musste, damit sie am Tag der Eröffnung fertig sein würden.
„Mein Kollege aus dem Museum in Wilkendorf hat erzählt, dass sie, kurz bevor die ersten Besucher vorne hereinkamen, hinten noch Schilder angeschraubt haben. Und fertig ist die Ausstellung nach wie vor nicht. Das ist heute so Mode, Nora. Damit zeigt man in unseren Kreisen, wie wahnsinnig viel man zu tun hat.“ Günther lachte und stand auf, um das Fenster zu öffnen und um sich die Hose hochzuziehen. Das tat er neuerdings dauernd.
Kein Wunder, dachte sie, der Bauch hängt über dem Gürtel. Sie fand, dass er sich ziemlich gehenließ.
Als sie ihn kennenlernte, hatte er sich noch mehr Mühe mit seinem Aussehen gegeben und war auch wesentlich schlanker gewesen. Aber schließlich wurde er bald sechzig; das Alter machte eben auch vor den Männern nicht halt. Sie hatten ja sogar so etwas wie Wechseljahre.
Nachdem ihr Chef sich wieder hingesetzt hatte, äußerte Nora etwas spitz: „Ich weiß ja nicht, in was für Kreisen du verkehrst, aber in dieser Galerie haben wir bisher immer alles bis zum Termin geschafft, und das werden wir auch diesmal.“ Dann fuhr sie versöhnlicher fort: „Ich gebe zu, dass nichts dazwischenkommen und auch niemand krank werden darf. Natürlich werden wir in den letzten vier Wochen sicher mal länger machen müssen. Urlaubssperre versteht sich von selbst. Lass uns noch über die Eröffnungsfeier reden! Gibt es schon genaue Pläne? Da wird ja sicher deine Schneekönigin mitmischen wollen. Jetzt, wo klar ist, dass der Minister kommt.“ Den Seitenhieb konnte sie sich nicht verkneifen. Sie sah ihren Chef gespannt an.
„Frau Barkow ist meine Vorgesetzte, Nora, und ich muss sagen, nach dem unrühmlichen Abgang ihres Vorgängers, der im Übrigen keinen Finger für uns gerührt hat, bin ich ganz froh, dass sie sich ein bisschen für unsere Galerie interessiert.“
Nora warf empört „ein bisschen?“ ein, wurde aber sofort von Günther unterbrochen. „Nein, Nora, lass mich ausreden! Sie zeigt uns, dass sie die Galerie will. Andere Städte haben sich längst von ihren Kultureinrichtungen getrennt, Museen geschlossen oder in andere Trägerschaften überführt. Da kann ich dir Dutzende von Beispielen aufzählen. Letztendlich ist mit unserem Stadtmuseum auch nichts anderes passiert. Für die Politik ist Kultur keine Pflichtaufgabe, das weißt du ganz genau. Aber Politik wird nun mal von Menschen gemacht, und da kann es nicht schaden, die Bürgermeisterin auf unserer Seite zu haben. So, und jetzt du!“
„Okay, okay, du hast ja recht, wir werden das Beste draus machen. Was bleibt uns auch anderes übrig.“
„Und wenn Frau Barkow und das ganze Stadtparlament sich am Ende mit unserer neu präsentierten Stadtgeschichte schmücken und hier mit ihren Gästen herkommen, kann das ja nur gut für uns sein. Vielleicht wird dann auch wieder mehr Geld für Sonderausstellungen fließen“, schloss Günther.
„Was ist denn nun mit der Eröffnung? Hast du schon Musik?“, hakte Nora noch einmal nach.
„Ja, Musik ist klar. Ich hab eine Big Band engagiert, die ich von einem Konzert kenne. Ziemlich abgefahren, die Jungs.“ Er grinste und sah plötzlich sehr jung aus. „Ich dachte, das ist mal was anderes. Büfett ist auch geregelt, wird vom DEUTSCHEN HOF gesponsert. Dann das Übliche, Reden, Grußworte und so weiter. Und die Schneekönigin wollte noch Kinderballett, also hab ich das auch organisiert. Natürlich Schwanensee.“ Er verdrehte die Augen. „Find ich ja bisschen übertrieben, aber was soll’s! Den Sekt servieren dann die älteren Ballettmädchen der Jugend-Theatergruppe.“
„Na, das klingt ja ganz toll. Da hast du wohl deine Hausaufgaben schon gemacht.“
„Nur die Einladungsliste fehlt noch, das Plakat und die Kleinigkeit der Ausstellung.“ Nora tippte auf ihren Zeitplan. „Wie gesagt, wir tun alles, deshalb muss ich jetzt los. Lass uns nächste Woche wieder reden, und bitte, unterschreib die Leihverträge und schick sie ab! Mit der Versicherung hab ich telefoniert, Herr Meyer ist mit der Summe einverstanden.“
„Wird gemacht, Frau Schönemann.“
Günther schloss hinter Nora die Tür und atmete tief durch. Er setzte sich an den Schreibtisch und fühlte sich auf einmal sehr erschöpft. Langsam drehte er sich um und zog den Thieme/Becker aus dem Regal.
7
Es klopfte. Johannes steckte seinen Lockenkopf durch den Türspalt. „Sie wollten mich sprechen, Chefin?“
„Setzen Sie sich, Johannes. Ich hab Ihnen den neuen Zeitplan gemailt. Wie wir ja nun seit gestern wissen, haben wir nicht mehr so viel Zeit bis zur Eröffnung. Schauen Sie sich’s mal an! In diesem Monat muss unbedingt noch die Liste mit den exakten Nummern für die einzelnen Exponate fertig werden. Die Nummern sind ja dann später identisch mit den Beschriftungsnummern in den Vitrinen. Wie weit sind Sie denn damit?“
„Fast fertig. Nur der Abschnitt Neustadt im neunzehnten Jahrhundert fehlt noch.“
„Ja, ich weiß, darum kümmere ich mich in den nächsten Tagen. Da wollten wir die aufstrebende Wirtschaft anhand von neu entstehenden Unternehmen zeigen. Ich glaube, im Fundus des ehemaligen Stadtmuseums finden wir dazu schöne Beispielobjekte. Ich werde mich mit Leo mal umsehen. Dann kann er gleich den Zustand prüfen und zur Not noch das eine oder andere restaurieren. Wir bringen die Sachen ins Zwischenmagazin, sodass Sie alles aufnehmen und vermessen können. Die Karteikarten mit Angaben zu jedem Exponat lege ich bei. Ach ja, und geben Sie gleich alles in das Inventarisierungsprogramm ein! Das ist ein Abwasch. Der PC dort ist wieder in Ordnung.“
Ihr Handy klingelte. Hanna war dran. Sie gab Johannes ein Zeichen, dass sie fertig waren.
„Hanna! Na, Schwesterherz? Was gibt’s denn?“
„Oh, nichts Besonderes. Ich dachte nur, wir könnten mal wieder zusammen Kaffee trinken? Hast du heute Zeit?“
Nora überlegte kurz. „Wie wär’s um vier im PUSSICAT?“ „Abgemacht! Bis nachher. Muss noch ein Schwergewicht massieren. Danach kann ich eine Stärkung gebrauchen.“ Sie lachte gackernd, und Nora fiel mit ein. So hatten sie schon als Kinder herumgealbert und noch jetzt, als erwachsene Frauen, konnten sie jede Geburtstagsrunde mit ihrem ansteckenden Lachen erheitern oder nerven, je nachdem. Hannas Ex hatte immer eine Augenbraue gehoben und keine Miene verzogen, aber das war eine andere Geschichte.
Drei Stunden später saß Nora auf einer Couch im PUSSICAT und wartete auf ihre Schwester, die fast jedes Mal zu spät kam. Das Café hatte im letzten Jahr neu eröffnet und war der Renner in Neustadt. Inzwischen musste man reservieren, um einen Tisch zu bekommen. Die Inhaberin war eine üppige Mittvierzigerin, die sich damit einen Lebenstraum erfüllte. Sie stand selbst hinterm Tresen, begrüßte alle Gäste persönlich und nahm die Bestellungen auf. Den Kaffee und selbstgebackenen Kuchen brachten dann die Herren, die sie aufs Feinste angelernt hatte. Alle kamen aus artfremden Berufen und waren zuvor arbeitslos gewesen. Sie trugen lange Kellnerschürzen und weiße Hemden. Man kam sich wegen ihrer ausgesuchten Höflichkeit vor, wie in einem Wiener Kaffeehaus. Auch die Ausstattung des Lokals ähnelte einem solchen. Es gab runde Holztische mit geschwungenen Beinen, Sessel und Sofas mit Biedermeier-Bezügen, Rüschengardinen, Rosen in kleinen Vasen und gedimmtes Licht. Was Nora besonders freute, war, dass an den Wänden Gemälde von Neustädter Künstlern hingen, Landschaften und Stillleben, die die Wirtin eigens angekauft hatte. Rosi selbst war stets sorgfältig geschminkt und frisiert. Die dunklen Locken hatte sie mit einem breiten Band gezähmt. Heute war es ein grünes. Sie war ziemlich groß und versteckte ihre drallen Rundungen in einer Haremshose und einem sogenannten Überwurf. Der hatte aber einen so tiefen Ausschnitt, dass wenigstens ihr toller Busen zur Geltung kam, nicht zuletzt durch die goldene Kette mit einem Pfeil als Anhänger, der direkt darauf zeigte.
Nora war jedes Mal beeindruckt von ihrer Aufmachung. Sie selbst hatte zwar Schuhe mit hohen Absätzen an, aber kombiniert mit Jeans und Pullover. Morgens musste es immer schnell gehen. Sie schminkte nur die Wimpern und pinselte etwas Rouge auf, damit sie nicht so blass wirkte. Aus Schmuck machte sie sich nichts, sie trug lediglich ihren Ehering und fast immer die gleichen Ohrringe.
Jetzt kam Rosi an ihren Tisch. Inzwischen kannten sie sich schon etwas, und Nora nahm ihr nicht übel, dass sie sagte: „Na, Schätzchen, du wartest doch nicht etwa auf einen Lover?“
Nora lachte. „Nein, auf meine Schwester. Sie kommt sicher gleich.“
Hanna arbeitete als Physiotherapeutin in einer Praxis in Neustadt. Nach ihrer Scheidung war sie von Friedrichshagen hierhergezogen. Sie hatte vor fünfzehn Jahren ihre Familie wegen eines anderen Mannes verlassen. Das war damals in ihrem Heimatort ein ziemlicher Skandal gewesen. Auch ihre Eltern hatten sehr darunter gelitten, zumal Anton, ihr Neuer, der Neffe ihrer Mutter war. Hanna, dieses Schaf, hatte alle Schmach auf sich genommen und war ausgezogen.
Nora war von Anfang an klar gewesen, dass sie wohl kaum die alleinige Schuld am Scheitern ihrer Ehe trug. Erst viel später hatte sich herausgestellt, dass auch ihr Schwager längst eine andere liebte. Er hatte es nur nicht an die große Glocke gehängt.
Am schlimmsten war das Gezerre um die Kinder gewesen. Hannas Anwalt hatte ihr geraten, die beiden Mädchen vorerst beim Vater zu lassen und dann einen Antrag auf das Sorgerecht zu stellen. Zu Nora hatte sie damals gesagt, es war, als hätte man ihr beide Arme abgehackt. Einerseits fühlte sie sich schuldig an der Misere, andererseits wollte sie auch nicht zurück.
Ein paar Monate später kam die kleine Marta dann per Gerichtsbeschluss zu ihr. Mandy war schon vierzehn und wollte bei ihrem Vater bleiben. Inzwischen waren sie erwachsen und die Probleme von damals verblasst.
„Warum hast du deine Stirn in Falten gelegt? Mach das weg! Das bleibt sonst so stehen!“ Hanna, die eben an den Tisch fegte, gackerte sofort los.
„Ich weiß“, antwortete Nora schuldbewusst, „das hat Mutti immer gesagt, wenn wir Grimassen geschnitten haben.“
Die beiden Frauen begrüßten sich herzlich. Hanna ließ sich neben ihrer Schwester auf dem Sofa nieder. Sie hatte wie immer ein Kleid an und legte, genau wie Rosi, viel Wert auf ihr äußeres Erscheinungsbild. Die blondgefärbten Haare waren lang und etwas abgestuft. Auch Schmuck trug sie reichlich. Nora wusste, dass Anton sie großzügig behängte, wie er scherzhaft zu sagen pflegte. Die Wirtin kam an ihren Tisch und nahm in ihrer unnachahmlichen Art die Bestellung auf: „Na, meine Süßen? Was darf ich euch bringen lassen?“, säuselte sie und warf dabei ihre Mähne zurück.
„Für mich ein Kännchen Kaffee und ein Stück Mohntorte“, erwiderte Nora.
Hanna wollte nur einen großen Milchkaffee. „Ich bin auf Diät.“ Das war sie seit gefühlten vierzig Jahren. Zugegeben, sie war etwas fülliger als Nora, und irgendwann in letzter Zeit war auch ihre Taille abhandengekommen, aber diese Diäten hatten ihr noch nie etwas anderes als schlechte Laune eingebracht.
„Warum willst du denn abnehmen? Anton liebt dich doch so wie du bist.“
„Bald ist Urlaubszeit, da will ich in den Badeanzug vom letzten Jahr passen“, erklärte Hanna.
„Kauf dir einen neuen. Rosi! Können wir bitte noch ein Stück Mohntorte haben?“
„Hast ja recht. Jetzt in den Wechseljahren bringt es sowieso nichts mehr“, stellte Hanna resigniert fest; ein paar Minuten später schob sie sich genüsslich ein Stückchen Torte in den Mund.
„Wann zieht ihr um?“, fragte Nora nun.
Hanna und Anton hatten ein Haus in Friedrichshagen gebaut und wollten sich um ihre Eltern kümmern. Nora war froh darüber. Auch Antons Mutter lebte noch dort und brauchte mehr und mehr Hilfe.
„Spätestens im September, denke ich. Am Anfang werden sich bestimmt einige das Maul zerreißen, wenn die Rabenmutter, die ihre Kinder verlassen hat, wieder da ist. Aber was soll’s, da müssen sie durch.“
„Ach komm, das ist eben auf dem Lande so. Der Tratsch geht auch vorbei, zumal dein Ex ja längst nicht mehr in Friedrichshagen wohnt.“
Hanna nahm einen großen Schluck Kaffee und wischte sich den Schaum mit dem Handrücken von der Oberlippe. „Mag sein. Inzwischen ist es mir auch egal. Ich freue mich jedenfalls, wieder dort zu wohnen. Und das Haus wird schön!“, schwärmte sie.
„Hoffentlich zieht ihr nicht vor Ende September um. Davor habe ich nicht viel Zeit, um dir beim Packen zu helfen.“ Nora berichtete ihrer Schwester in groben Zügen von der Terminverschiebung der Ausstellungseröffnung.
Hannas Augen wurden groß. „Das ist ja ein dicker Hund! So, so, die Schneekönigin, von der hört man ja nur solche Sachen. Hast du die schon mal lachen sehen? Ich nicht. Ständig total verkniffen, auf allen Zeitungsfotos. Dabei ist sie gerade erst vierzig. Schade um das Mädel!“
„Sie soll uns einfach nur unsere Arbeit machen lassen. Das würde mir schon reichen“, klagte Nora.
Rosi kam zum Kassieren und wünschte den Schwestern „schöne Stunden bis zum Wiedersehen“.
„Ich muss noch mal aufs Klo. Kommst du mit?“, fragte Hanna. Zu zweit gingen sie die schmale Treppe zum WC hinunter. Wie das Café, war natürlich auch das Örtchen etwas Besonderes. Rosentapeten säumten den Weg dorthin; sogar das Toilettenpapier war mit Blumen bedruckt. Walzermusik ertönte aus den Lautsprechern.
Beim Händewaschen, selbstverständlich mit Rosenseife, fragte Nora ihre Schwester: „Schläfst du eigentlich noch mit Anton?“
Hanna starrte sie verständnislos an: „Ja, mit wem denn sonst?“
Nora wurde rot. „Die Betonung lag eigentlich auf dem ersten Wort.“
„Na, aber hallo! Was dachtest du denn?“
„Ach, nur so …“
„Jetzt, wo man nicht mehr verhüten muss, ist das doch alles noch viel entspannter.“
Daran hatte Nora noch gar nicht gedacht.
Endlich fiel bei Hanna der Groschen: „Ja, dann lass dir doch mal was einfallen! Verführ ihn, mit Spitzenunterwäsche und so, klappt immer.“ Sie lächelte aufmunternd.
8
Nora sah aus dem Küchenfenster zu Ralfs Praxis hinüber. Sie lag genau gegenüber von ihrem Wohnhaus. Schon vor fünfundzwanzig Jahren hatten sie den alten Bauernhof in Hickelshagen übernommen und nach und nach alle Gebäude ausgebaut. Das hatte mehrere Jahre gedauert. Nora hatte manchmal gedacht, sie lebe auf einer Baustelle. Ständig hatten sie Zementstaub und anderen Dreck mit in die Wohnung getragen. Im Flur ließ Nora dauerhaft einen Wischeimer stehen. Manchmal fragte sie sich, wie sie das damals alles geschafft hatte, die Arbeit, das Kind, den Haushalt, die Putzerei und das Kochen für die Handwerker am Wochenende. Aber irgendwie war es wohl gegangen. Ralf hatte auch viel gearbeitet, dennoch hatten sie sich immer mal ein paar Stunden zu zweit gegönnt, um dem Alltag zu entkommen. Bea war bei Else und Otto gewesen, und sie beide waren einem für Nora unbekanntem Ziel entgegengefahren.
Bei dem Gedanken an Ralfs Einfallsreichtum musste sie lächeln. Einmal hatte er sich einen Jeep geliehen; sie hatten mitten im Wald auf dem Hochsitz eines befreundeten Jägers übernachtet, der sehr komfortabel mit einer Schlafcouch eingerichtet war. Noch jetzt schlug ihr Herz heftiger, wenn sie an diese Nacht dachte. Wie lange das alles schon her war! Die Sprechstunde war fast vorbei. Heute, am Sonnabendvormittag, waren nicht so viele Leute mit ihren kranken Tieren gekommen. Nachmittags hatte Ralf noch Hausbesuche vor. Nora wollte die Zeit nutzen, um sein Lieblingsessen zu kochen, denn heute war ihr dreißigster Hochzeitstag. Ob er wohl daran denken würde? In der Vergangenheit war es selten vorgekommen, dass er diesen Tag vergessen hatte. Meistens brachte er ihr ein kleines Geschenk mit oder lud sie in ein Restaurant ein.
Na ja, mal schauen, sagte sie sich. Heute hatten sie sich noch gar nicht gesehen. Er war früh aufgestanden, und sie hatte etwas länger geschlafen.
Sie verharrte immer noch mit ihrer Kaffeetasse am Fenster, als ein großer Jeep auf den Parkplatz einbog. Umständlich kletterte eine Frau aus dem Auto, bemüht, mit ihren spitzen Absätzen nicht in den Rasengittersteinen hängen zu bleiben. Über den roten Locken trug sie einen riesigen Hut, so in Sombrero-Art, wie Nora belustigt feststellte: Ella von Bredenbrick. Die bekannteste Frau in Hickelshagen und darüber hinaus. Nora kam selbst vom Lande und wusste, wie hier, wo jeder jeden kannte, getratscht wurde. Aber wenn nur die Hälfte von dem stimmte, was über Ella von Bredenbrick erzählt wurde, hatte die Frau eine bewegte Vergangenheit.
Sie war ungefähr vierzig Jahre alt und lebte in einem großen Haus zusammen mit zehn Hunden. Sie kam fast täglich in die Praxis mit einem der Viecher. Irgendwas war ja immer: Entwurmung, Tollwutspritze oder Durchfall.
Frau Keipke, Ralfs Mitarbeiterin, hatte sie „Hundemutter“ getauft, weil sie die Tiere wie Kinder behandelte. Zwei Ehemänner hatte sie schon unter die Erde gebracht, die allerdings sehr viel älter als sie gewesen waren. Graf von Bredenbrick, dessen Namen sie trug, war an einem Zuckerschock gestorben. Irgendwie hatte der Notarzt es nicht rechtzeitig zu ihm geschafft. Ihr zweiter Gatte, Ulli Höffer, ein hiesiger Bauunternehmer, war eines Tages aus ungeklärter Ursache vom Gerüst gestürzt. Die Dame hatte nun Geld genug und brauchte nicht zu arbeiten.
Nora beobachtete amüsiert, wie sie mehrfach versuchte, die Heckklappe ihres Jeeps zu öffnen, um drei Körbe herauszuholen, in denen sich kleinere Hunde befanden. Sie ließ die Körbe stehen und stöckelte in Richtung Praxis.
Noch bevor sie die Eingangstür erreicht hatte, kam Ralf ihr entgegen, nahm die Körbe und trug sie zur Tür wie ein Diener.
Nora war sprachlos. So viel Aufmerksamkeit hätte sie sich von ihm gewünscht, wenn sie mit vollen Einkaufskisten nach Hause kam. Aber sie wollte nicht ungerecht sein. Die Patienten gingen natürlich vor. Eine Stunde später stand der Jeep der Hundemutter nach wie vor auf dem Parkplatz. Was machte die so lange in der Praxis? Frau Keipke war längst gegangen und die Sprechstunde offiziell schon vorbei.
Endlich sah Nora sie wegfahren.
Ralf kam zur Tür herein. Inzwischen war es Nachmittag. Sie hatte also noch Zeit zu kochen, damit es dann mit dem geplanten Candle-Light-Dinner klappte. Sie ging auf ihn zu und schlang die Arme um seinen Hals.
„Lass mal, mein Shirt ist schmutzig.“ Er trat einen Schritt zurück.
Sie ließ die Arme sinken.
„Ich fahre noch zu ein paar Patienten und bin heute Abend wieder da. Kann später werden.“ Damit drehte er sich um und ging zur Tür. Er kam noch einmal zurück, nahm sich einen Apfel aus der Obstschale und biss kräftig hinein.
Leicht panisch rief Nora ihm nach: „Du weißt aber schon, was für ein Tag heute ist?“
„Sonnabend!“ Damit fiel die Tür ins Schloss.
Nora blieb ratlos stehen. „Na gut“, sprach sie laut zu sich selbst, „warten wir es ab!“
Sie ging zum Kühlschrank und holte das Kasseler, das sie beim Metzger gekauft hatte, heraus. Sie bestreute das Fleisch mit Pfeffer, gab etwas Öl in die Pfanne und legte den Braten hinein. Dann schob sie die Bratpfanne in den Backofen und stellte die Temperatur ein. Mechanisch schälte sie Kartoffeln, kochte Rotkohl und Schokoladenpudding. Mit den Gedanken war sie woanders. Was war los mit Ralf? Warum wich er ihr aus? Oder bildete sie sich das alles nur ein? Heute Abend, nach dem Essen, würde sie mit ihm reden. Natürlich musste sie das geschickt anstellen, nicht mit der Tür ins Haus fallen. Immerhin war es ihr Hochzeitstag, und der Abend sollte doch harmonisch verlaufen. Sie würde über die geplante Reise mit ihm sprechen. Langsam mussten sie auch den Flug buchen.
Inzwischen war der Braten fast gar. Jetzt konnte sie noch die Soße zubereiten und alles warm stellen. Dann war Zeit für ein Bad. Und nun kam die wichtigste Frage: Was sollte sie anziehen? Sie besaß nur ein schwarzes Kleid. Glücklicherweise passte es noch. Darunter trug sie die Spitzenunterwäsche, die sie am Freitag erstanden hatte. Nun hieß es warten. Gegen Mitternacht löschte sie die Kerzen und stellte das Essen in den Kühlschrank. Den restlichen Wein kippte sie weg. Sie wollte Ralf nicht hinterhertelefonieren, wählte schließlich aber doch seine Nummer. Mailbox.
Kurze Zeit später rief er zurück. „Was ist denn?“
„Wo bleibst du? Ich warte seit Stunden auf dich!“
„Du, ich mach hier ‘nen Kaiserschnitt, geht grad nich‘.“ Er legte auf.
Sie setzte sich ins dunkle Wohnzimmer. Eine halbe Stunde später klappte die Autotür. Sie hörte, wie er in den Keller ging.
Er kam mit einer Flasche Bier herein, die er im Stehen austrank. „Zehn Welpen, meine Güte. War das ein Tag! Wie siehst du eigentlich aus? Warst du weg? Ich geh duschen. Nacht.“
9
Nora stand früh auf und kochte Kaffee. Sie konnte sowieso nicht mehr schlafen. Als das Frühstück fertig war, erschien Ralf in der Küche. Er setzte sich im Schlafanzug an den Tisch und langte zu. „Ich bin vielleicht fertig! Und heute wieder Bereitschaftsdienst. Na ja, was soll‘s, hilft ja nix. Kannst du die Pferde nachher rauslassen? Ich muss wahrscheinlich noch mal weg. Was machst du heute?“
„Schön, dass du dich dafür interessierst, was ich mache“, sagte sie spitz. „Weißt du eigentlich, dass gestern unser Hochzeitstag war?“ Sie hatte beschlossen, die Flucht nach vorn anzutreten. „Ich hatte gekocht und den ganzen Abend auf dich gewartet.“
„Echt? Den hab ich glatt vergessen. Hatte einfach zu viel zu tun. Das musst du doch verstehen. So kurz, bevor ich hier alles aufgebe, liegt eben noch viel an.“ Er köpfte ein Ei, streute reichlich Salz drauf und löffelte es aus.
„Das muss ich schon seit Jahren verstehen, Ralf. Aber wenigstens unseren Hochzeitstag hast du kaum je vergessen.“
Natürlich ging er nicht weiter darauf ein, sondern sagte stattdessen: „Brandner hat sich auch noch nicht wieder gemeldet. Ich hoffe, dass er noch zu seinem Wort steht.“ Olaf Brandner war der potenzielle Käufer von Ralfs Praxis. Er wollte ihn, wenn Nora und Ralf auf Weltreise waren, vertreten und danach die Praxis kaufen. Eigentlich hatte er auch fest zugesagt, sich aber schon länger nicht mehr gemeldet. Im schlimmsten Fall musste Ralf nach ihrer Rückkehr weiterarbeiten, bis er einen neuen Käufer gefunden hatte.
„Ruf ihn doch an, dann weißt du es genau. Langsam sollte das wenigstens mit der Vertretung klar sein, oder? Wenn wir Mitte Oktober loswollen, wäre es schön, wenn er ein paar Tage eher kommen würde. So könntest du ihn noch etwas begleiten und ihm alles zeigen. Oder was meinst du? Hast du dich denn schon mal um die Flüge gekümmert? Oder wollen wir erst, wenn wir bei Bea sind, alles Weitere planen?“ Nora schluckte den letzten Bissen des Brötchens herunter und stellte ihren Teller beiseite. „Mir wäre es jedenfalls lieber, wenn die nächsten Stationen unserer Reise bald feststehen würden. Schon allein wegen der Sachen, die ich mitnehmen muss. Von Island nach Amerika und dann nach Australien, das war doch schon klar, oder? Und bleibt es dabei, dass wir da ein Wohnmobil mieten? Dann könnte ich ja schon mal nach Anbietern schauen.“
Ralf hatte sie die ganze Zeit angesehen und mehrmals zu einer Antwort angesetzt. Er goss sich noch Kaffee ein und trank einen Schluck. Den Löffel ließ er in der Tasse. Diese Angewohnheit hatte er von jeher. Nora dachte jedes Mal, er würde sich damit ins Auge pieken. „Mach es doch nicht so kompliziert, Nora. Es ist erst Mai. Wenn wir die Flüge im Juli buchen, reicht das ewig noch. Dann planen wir eben mal nicht alles vorher ganz genau. Meinetwegen guck nach Wohnmobilen! Wenn Brandner nicht kommt, können wir das sowieso vergessen.“
„Was? In dem Fall musst du eine neue Vertretung finden! Schließlich war das doch alles deine Idee. Oder hat sich an deinem Plan mit der Weltreise was geändert? In ein paar Wochen unterschreibe ich den Vertrag für meine Freistellung, und meine Stelle wird befristet ausgeschrieben. Dann kann ich erst nächstes Jahr im Mai wieder zurück.“
„Wir werden sehen. Ich rufe ihn mal an.“ Wahrscheinlich hatte er recht. Bei Nora musste stets alles nach Plan laufen. Dabei sagte ihre Mutter immer: „Wer einmal plant, muss meistens zweimal planen.“ Und so war es ja auch oft. Ralf war im Gegensatz zu ihr ein spontaner Mensch. Wenn sie allein daran dachte, wie er seine Autos kaufte! Während sie noch über die Farbe grübelte, saß er schon beim Verkäufer und unterschrieb den Vertrag. Auch als sie das Haus ausgesucht hatten, war es ähnlich gelaufen. Er hatte es einmal von außen gesehen und die Zusage gemacht. Allerdings musste sie zugeben, dass er seine spontanen Entscheidungen nur selten zu bereuen brauchte.
Sie schaute ihn an. Auch nach dreißig Jahren fand sie ihn attraktiv. Der Drei-Tage-Bart stand ihm. Auch wenn er etwas dicker war als früher, hatte er seine breiten Schultern behalten. „Tierarzt zu sein, erspart das Fitnessstudio“, pflegte er zu sagen. Seinen Kopf rasierte er schon seit Jahren kahl, sodass man nicht genau gemerkt hatte, seit wann er wirklich kaum noch Haare hatte. „Aber zum Schluss hängen wir noch einen Badeurlaub dran, irgendwo da, wo es nicht so überlaufen ist, ja?“ Sie blickte träumerisch aus dem Fenster und sah, wie die Sonne sich langsam hinter den Wolken hervorquälte. Sie musste gähnen. Es war eigentlich viel zu früh am Sonntag. Ob sie noch mal ins Bett schlüpfen sollte? Vielleicht kam Ralf ja mit? Früher hatten sie das öfter getan – nach dem Frühstück ins Bett. Glücklicherweise hatte sie die neue Spitzenunterwäsche wieder an. Sie stand auf und ging um den Tisch herum auf ihn zu.
Sein Handy klingelte. Ein paar Sekunden später war er aus der Tür.
Nora zuckte mit den Schultern. Ja, was sollte sie heute machen? Eigentlich gab es nur eins, das gegen jeglichen Frust half, das ihr alle Traurigkeit nahm und alle Probleme vergessen ließ: Reiten. Und genau das würde sie heute machen.
10
Nora musste nicht weit fahren. Der Reiterhof, auf dem sie ihr Pferd untergebracht hatte, lag nur fünfzehn Minuten entfernt. Sie kannte das Ehepaar, dem der Hof gehörte, von gemeinsamen Turnieren. Als sie sich vor zehn Jahren aus dem Turniersport verabschiedet hatte, war ihr die Wahl nicht schwergefallen.
Sie hatte Jana und Ron gefragt, ob sie ihren Wallach Jupiter aufnehmen würden, der damals fünf Jahre alt war. Jupiter war gut eingeschlagen und hatte schon einige Jungpferdeprüfungen gewonnen. Nora stellte ihn Jana als Turnierpferd zur Verfügung und ritt selbst nur noch, wenn sie Lust dazu hatte. Das war meist einmal in der Woche. Manchmal nahm sie auch am Unterricht teil, den Ron Reitschülern gab, um sich korrigieren zu lassen.
Heute aber wollte sie ausreiten und einfach nur das schöne Wetter genießen. Diese Idee hatten scheinbar viele, denn der Parkplatz stand voller Autos, als Nora um die Ecke bog. Hier wehte ein kräftiger Wind. Sie war froh, dass sie ihre gefütterte Reitweste angezogen hatte. Sie holte noch den Eimer mit Hafer und Möhren aus dem Kofferraum, tauschte ihre Turnschuhe gegen die Reitstiefel und ging in Richtung Sattelkammer.
Ron kam ihr entgegen und umarmte sie zur Begrüßung fest. Er duftete herrlich nach Heu und Hafer. Nora liebte diesen Geruch seit ihrer Kindheit. „Hallo, Nora, schönes Wetter hast du dir für deinen Ausritt ausgesucht. Oder willst du mit in den Unterricht?“
„Nein, heute nicht, ich geh lieber ausreiten, das hast du schon richtig erkannt. Ich muss mal den Kopf etwas freikriegen.“
Er machte ein gequältes Gesicht. „Ja, ja, ihr Büromenschen, für mich wäre das ja nichts. Ich dreh schon durch, wenn ich Rechnungen schreiben muss und bin froh, dass Jana das meistens erledigt. Na dann viel Spaß beim Entspannen.“ Er tippte sich an sein Basecap, das er auf seinen allmählich grau werdenden, üppigen Schopf gesetzt hatte. „Dein Jupiter ist gut drauf. Er ist auf der Ostweide, hab ihn und seine Kumpels vorhin gerade rausgelassen.“
Zwei junge Mädchen kamen mit ihren Pferden vorbei, um sie zur Weide zurückzubringen.
Ron schloss sich ihnen an.
Nora ging weiter und begegnete einer Gruppe von Frauen, die im Begriff waren, ins Gelände zu reiten. Sie kannte die meisten und blieb kurz stehen, um ein paar Worte zu wechseln.
In dem Augenblick kam Jana mit dem Traktor angefahren. Als sie Nora sah, hielt sie an und stieg aus. Die beiden Frauen begrüßten sich herzlich. Nora überkam immer ein warmes Gefühl, wenn sie mit Jana und Ron zusammen war. Obwohl sie gar nicht so eng mit ihnen befreundet war und sie außerhalb des Reiterhofes kaum sah, waren sie eine feste Größe in ihrem Leben. Bodenständig und fleißig taten sie alles für die ihnen anvertrauten Pferde. Abgesehen davon, waren sie gute Reiter und Ausbilder. Mit Ralf verstanden sie sich auch gut und fragten ihn oft um Rat, wenn es um die Gesundheit ihrer Pferde ging.
„Na, wie schaut’s aus, Nora? Willst du das schöne Wetter nutzen? Jetzt macht das Ausreiten wieder Spaß. Man merkt richtig, dass die Pferde sich austoben wollen nach dem langen Winter.“ Sie lachte und zog den Zopfgummi in ihrem roten Haar fest. „Aber keine Angst! Ich hatte Jupiter vorgestern im Training und hab ihn anschließend ordentlich über den Feldweg galoppieren lassen.“
„Och, ich hab Zeit“, entgegnete Nora, „meinetwegen kann er laufen und laufen. Sonst alles in Ordnung mit ihm? Trainierst du schon für das Turnier im nächsten Monat?“
„Ja, ich glaub, ich nehme ihn noch mal mit. Zumindest für die leichte Springprüfung werde ich ihn anmelden. Meine Stute ist nicht richtig fit. Die schone ich dieses Jahr.“ Sie wollte wieder auf den Traktor steigen, drehte sich aber noch mal um. „Ach ja, bevor ich’s vergesse, kannst du Ralf mal fragen, ob er mir wieder ein paar Flaschen von diesem sensationellen Insektenspray vorbeibringt? Damit haben wir die Pferde letzten Sommer vor den Geländeritten eingesprüht. Er weiß schon, welches. Gestern Abend habe ich nicht daran gedacht, war ja schon ziemlich spät, als wir noch mal nach den Fohlen gesehen haben. Und dann musste er los.“
„Ach so, ja, es gab einen Notfall, weiß nicht genau, wo das war.“
„Also vorher stand sein Auto bei der Bredenbrick. Die hat doch immerzu was mit den Kötern.“
Jana saß schon auf dem Traktor, als Nora ihr zurief: „Gestern war’s ein Kaiserschnitt.“
„Kaiserschnitt?“ Jana lachte. „Die duldet doch keine Frauen um sich herum. Die hat nur Rüden.“ Damit startete sie den Motor und fuhr los.
Nora blieb verwirrt stehen. Wo war er nun wirklich gewesen?
Eine halbe Stunde später hatte sie Jupiter von der Weide geholt, geputzt und gesattelt. In leichtem Trab ritt sie den Feldweg hinter dem Hof entlang. Es war windig, aber nicht kalt. Ringsherum auf den Feldern blühte der Raps auf.
Nora atmete tief ein. Alle Zweifel und Sorgen waren verschwunden, sobald sie auf ihrem Pferd saß. So war es schon immer gewesen. Reiten erforderte ungeteilte Aufmerksamkeit. Diese Tatsache war ihr in Fleisch und Blut übergegangen. Besonders im Gelände durfte man nicht träumen, sondern musste mit wachen Augen rechtzeitig mögliche Gefahren erkennen. Jede Unachtsamkeit konnte mit einem Sturz bestraft werden. Pferde waren nun einmal Fluchttiere, auch wenn man glaubte, sein Tier gut zu kennen – ein Schwarm Wildbienen hatte eine größere Überzeugungskraft als ein angenommener Zügel. Abgesehen davon brauchte das Pferd die richtigen Hilfen, um die Gänge zu wechseln. Man musste es, wie Ron immer predigte, im Hintern haben, wenn der Trab kam. Das Geheimnis war, sich völlig auf das Tier einzulassen. Nur dann bekam man den Kopf von anderen Dingen frei.
Nora ritt noch bis zum Wald, danach drehte sie um. Die letzten fünfhundert Meter ließ sie Jupiter galoppieren. Jana und Ron hatten recht gehabt. Er war gut drauf und schien den Ausritt auch zu genießen.
Später, im Auto, kehrten die Gedanken, die Nora verscheuchen wollte, natürlich zurück. Eigentlich sollte ihre lange Beziehung zu Ralf über jeden Verdacht erhaben sein. Trotzdem nagten Zweifel an ihrem Vertrauen. Wieso wich er ihr ständig aus? Wo war er gestern Abend gewesen? Sie wollte ihm nicht hinterherspionieren. Das hatte sie nie getan. Sie war ihm immer treu gewesen und hatte geglaubt, nein gewusst, dass er das auch war. Andererseits hatte er ihr ja gar nicht erzählt, bei wem er zum Notfall gewesen war. Bisher hatte er also gar nicht gelogen. Und selbst wenn er später noch bei der Hundemutter gewesen war, hieß das ja noch lange nicht, dass er ein Verhältnis mit ihr hatte. Verhältnis? Jetzt hatte sie dieses Wort tatsächlich gedacht! Sie spann sich hier was zusammen, anstatt ihn einfach zu fragen. Wahrscheinlich war sie sowieso etwas angeschlagen nach der turbulenten Arbeitswoche. Und erst mal würde es so weitergehen. In den kommenden Tagen musste sie sich endlich an die Beschriftungs- und Erläuterungstexte für die Ausstellung machen. Nachdem nun die Auswahl der Objekte so gut wie feststand, war das ihre nächste Aufgabe. Zu Hause angekommen, bemerkte sie, dass Ralf nicht da war. In der Küche stand sein benutztes Geschirr. Er hatte sich über die Reste ihres „Hochzeitstagsmenüs“ hergemacht. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel, auf den er mit seiner großformatigen, schnörkeligen Schrift „Hm, lecker!“ und „Komme später“ gekrakelt hatte. Sie fragte sich, wie Frau Keipke seine Hieroglyphen lesen konnte. Wahrscheinlich brauchte sie nur ein Stichwort zu entziffern, um eine Rechnung daraus zu machen. Jedenfalls wurde es heute also wieder nichts mit einem Gespräch und schon gar nichts mit einem Abend zu zweit. Nora ging früh ins Bett und las. Kaum hatte sie die Nachttischlampe ausgeknipst, kam Ralf nach Hause. Sie hörte die Dusche. Als er ins Schlafzimmer kam, machte sie das Licht wieder an.
„Oh, du bist ja noch wach.“ Mit diesen Worten ließ er sich auf das Bett fallen. „Bin ich kaputt!“ Er lag auf dem Rücken, die Hände über der Brust gefaltet. „Einschlaf-Ausgangsstellung“ nannte er das.
Sie sah ihn an. „Wo hast du eigentlich gestern den Kaiserschnitt gemacht?“
„Kennst du nicht.“ Kurze Zeit später hörte sie ihn schnarchen.
Sie musste es glauben. Aber ein feiner Stachel blieb.
11
Am Montag ging Nora mit Leo in das Depot des ehemaligen Stadtmuseums, das sich unweit der Galerie im Hinterhof eines Stadthauses befand. Das Wetter war schön; sie liefen langsam die paar Straßen entlang. Nora arbeitete gern mit Leo zusammen. Vor zehn Jahren hatten sie sich kennengelernt, als er sich erfolgreich für die neue Stelle des Restaurators in der Galerie beworben hatte. Beide mochten sich auf Anhieb. Für ihn war die Sache aber viel ernster. Er machte keinen Hehl aus seiner heftigen Verliebtheit. Er umwarb sie nach Kräften, und es störte ihn nicht, dass sie verheiratet war. Sie fand ihn witzig und einfühlsam.
Beinahe, aber nur beinahe, hätte sie seinem Drängen nachgegeben.
Sie hatte die vierzig überschritten und kämpfte mit einer leichten Krise. Bea war gerade ausgezogen, und irgendwie machte ihr die Leere im Haus zu schaffen.
Ralf schien die Abwesenheit seiner Tochter nicht zu stören. Er arbeitete genau so viel wie vorher.
Nora jedoch fragte sich ständig, was das Leben wohl noch für sie bereithalten würde und ob das jetzt alles gewesen sei. Sie fühlte sich schrecklich alt, weil sie jetzt kein Kind mehr zu bemuttern hatte. Da kamen ihr die Aufmerksamkeiten und das Werben von Leo gerade recht.
Sie ging mit einem Hochgefühl zur Arbeit. Einmal, als sie allein in seiner Werkstatt waren, ließ sie es zu, dass er sie küsste. Sie war über sich selbst erschrocken. Nach dem Urlaub stellte sie unmissverständlich klar, dass er sich keine Hoffnungen zu machen bräuchte. Sie wolle ihre Ehe nicht aufs Spiel setzen. Wenn sie ehrlich war, hatte ihr nur die Vorstellung gefallen, noch einmal eine frische Verliebtheit zu erleben. Sie liebte Ralf, das war ihr in der Ruhe und Abgeschiedenheit Norwegens wieder klargeworden.
Leo hatte ihre Entscheidung akzeptiert. Geblieben war eine tiefe, jedoch nur kollegiale Freundschaft zwischen ihnen, denn zu Hause konnte Nora ihn nach dieser Vorgeschichte kaum einführen. Sie hatte sich zwar nichts vorzuwerfen, aber umgekehrt hätte sie auch keine Fast-Geliebte von Ralf auf Geburtstagspartys geduldet.
Inzwischen hatten sie das Depot erreicht. Dieses befand sich in einem ungenutzten Bürogebäude der Stadtverwaltung. Es stellte sich heraus, dass die beiden früheren Mitarbeiter des aufgelösten Museums gute Arbeit geleistet hatten. Beim Auszug hatten sie alles sicher verpackt und beschriftet. Und es gab zumindest eine ziemlich vollständige Kartei über die einzelnen Stücke, die Nora schon gesichtet hatte. „Wonach suchen wir denn genau? Was hast du dir für die Darstellung des neunzehnten Jahrhunderts in Neustadt vorgestellt?“, fragte Leo. Er sah irgendwie unausgeschlafen aus, fand Nora. Er hatte tiefe Augenringe und war ziemlich nervös. Zum zigsten Mal versuchte er, sich das Rauchen abzugewöhnen. Das würde wohl auch diesmal nicht klappen. Nicht, wenn er das nur für eine neue Liebe tat, die das von ihm verlangte.
„Ich dachte an Zeugnisse der Porzellanmanufaktur Pankmöller & Co., die 1872 gegründet wurde. Sie ist zwar 1928 pleite gegangen, lief aber bis dahin ganz gut. Ich glaube, das Museum hat etwas aus dem Nachlass der Familie erhalten. Das Kaffeeservice mit dem Veilchen-Muster wurde sogar an den Herzog geliefert. Dann müsste laut Kartei etwas aus der Drechslerei Kowalke existieren. Sie stellte im Familienbetrieb Holzspielzeug her. Erwin Kowalke hatte neun Söhne, die alle im Geschäft halfen. Manche drechselten wie der Vater, andere bemalten das Spielzeug. Nachdem der alte Kowalke vierzig Jahre Erfolg und seiner Familie ein schönes Haus am Stadtrand gebaut hatte, wurde er 1910 von einer Straßenbahn in Berlin überfahren.“ „Puh!“, machte Leo. „Und dann? Lass mich raten: Der älteste Sohn übernahm den Betrieb.“ „Stimmt. Heinrich. Er konnte sich aber nicht mehr gegen die süddeutsche Konkurrenz durchsetzen. Als der Erste Weltkrieg begann, wurden die jüngeren Brüder eingezogen. Er löste die Spielzeug-Manufaktur auf und drechselte nur noch Gebrauchsgegenstände. Die verkaufte er aus dem Rucksack, indem er über Land zog. Die Keramikerin Maria Bruhn in der Fiedlerstraße ist übrigens seine Urenkelin. Falls wir hier nicht fündig werden, könnten wir sie auch fragen. Sie hat bestimmt noch Spielzeug aus ihrer Familie.“
„Was du alles weißt! Du hast dich ja richtig reingekniet“, staunte Leo.
„Das musste ich doch“, rief Nora aus, „und es hat mir auch großen Spaß gemacht.“ Sie fühlte, dass sie ganz rote Wangen bekommen hatte. „Deshalb will ich auch, dass die Ausstellung gut wird und die Neustädter stolz auf ihre Geschichte sein können. Und als Letztes suchen wir etwas zur Eisenbahn. Neustadt wurde ja 1890 an das Bahnnetz angeschlossen. Es ist in der Literatur von einem Gemälde die Rede, das die erste Ankunft eines Zuges auf dem Neustädter Bahnhof zeigt. Ein Künstler namens W. Ernst hat es gemalt. Alle dachten, das sei Wilhelm Ernst. Aber es war eine Frau, nämlich Wilhelmine Ernst, die das Bild schuf. Sie war die Tochter des hiesigen Altermanns der Gewandschneider. Im neunzehnten Jahrhundert war es undenkbar für eine junge Frau aus besseren Kreisen, eigenes Geld zu verdienen, einem Beruf nachzugehen, noch dazu dem einer Künstlerin. Aber genau das wollte sie und äußerte diesen Wunsch gegenüber ihren Eltern.“
„Sie waren nicht begeistert, oder?“, vermutete Leo. „Natürlich nicht“, fuhr Nora fort. „Das fragwürdige Argument ihres Vaters lautete, dass sie damit anderen, die es nötig hätten zu arbeiten, ,das Brot nehmen würde‘. Ihre Aufgabe war es, einen reichen Mann zu heiraten, Kinder zu bekommen und von ihrem Erbe zu leben. Sobald sie volljährig war, ging sie nach Berlin, um bei Professoren zu lernen, die private Kunstschulen betrieben. Sich an einer Universität einzuschreiben, war Frauen ja damals verboten. Sie war ziemlich erfolgreich. Zeitlebens signierte sie aber mit W. Ernst, damit niemand in Neustadt auf die Idee kam, dass ihr Name sich dahinter verbarg. Dieses Bild müssen wir hier finden. Es war 1895 auf der Großen Berliner Kunstausstellung. Und rate mal, wer es gekauft hat?“ „Keine Ahnung, ein Galerist?“, versuchte Leo es.
„Ihr Vater. Vielleicht war er doch stolz auf sie. Es muss dann direkt aus dem Nachlass ihres Großneffen in das Museum gekommen sein.“ Nora hielt inne und sah Leo an. „Sag mal, was kaust du da eigentlich schon wieder? Gab es nicht gerade erst Frühstück?“
Leo zog einen Schokohasen aus der Tasche seines Kittels. Nora stemmte die Hände in die Hüften. „Du hast noch Schokolade von Ostern übrig? Und wann wolltest du mir das beichten?“
Leo schaute sie einen Moment verdutzt an. Wie auf Kommando prusteten sie beide gleichzeitig los. „Ach, Nora, schön, dass wir immer nochmal zusammen lachen können! Ist ja grade alles bescheiden genug.“
„Deine neue Liebe hat sich also schon wieder verabschiedet?“, fragte Nora vorsichtig.
Er nickte. „Sieht wohl so aus. Ich hab einfach kein Glück bei Frauen. Weiß auch nicht, was ich jedes Mal falsch mache.“
Sie nahm ihn in den Arm. „Du machst nichts falsch. Du hast einfach noch nicht die Richtige gefunden.“
„Du hast gut reden. Du hast ja den Richtigen.“
Nora schwieg.
„Sie hat gestern Abend Schluss gemacht. Immerhin, diesmal hat es sechs Monate gehalten.“ Er lächelte schief und sah auf einmal sehr jungenhaft aus. Die grauen Augen blickten traurig und verloren. „Sie meint, dass sie keine Fernbeziehung mehr will. Nach Neustadt ziehen will sie aber auch nicht. Dabei hätte sie es als Lehrerin sicher einfach gehabt, Arbeit zu finden. Sie weiß ganz genau, dass ich wegen Lukas nie weggehen würde.“ Lukas war sein Sohn aus einer früheren Beziehung, der bei seiner Mutter lebte. Neun musste er jetzt sein, überlegte Nora. „Und vielleicht will sie ein Kind, dafür wird es Zeit mit Anfang vierzig. Das hätte sie mir auch gleich sagen können. Ich bin zweiundfünfzig, ich will bestimmt keine Kinder mehr. Wenn ich das eher gewusst hätte, dann … Ach, ich weiß auch nicht, verliebt hätte ich mich trotzdem, ist ja dauernd das Gleiche.“ Er holte tief Luft. „Okay, ich geh mal eine rauchen; wenn ich wieder hier bin, durchforsten wir die Regale und Kisten, die infrage kommen.“
Als er zurück war, hatte Nora das Gemälde von Wilhelmine Ernst gefunden. Es war wunderschön. Man merkte, dass die Künstlerin bei Impressionisten in die Lehre gegangen war. Die Lektion vom Zusammenspiel der Farbe und des Lichts hatte sie gelernt. Das Bild zeigte eine Dampflok bei der Einfahrt in den Bahnhof. Der Lokführer schaute aus dem Fenster und schwenkte seine Mütze. Der dicke Heizer lachte, breitbeinig auf seine Kohlenschaufel gestützt, der wartenden Menge zu. Das musste wohl ein großer Tag für die Neustädter gewesen sein. Viel Volk war auf den Beinen, um den Zug zu empfangen. Die Kleider der Mädchen und Frauen leuchteten; viele hatten Kränze aus bunten Blumen im Haar. Nora war begeistert. „Ich weiß jetzt schon, dass es das Lieblingsbild der Neustädter werden wird. Ich muss nur überlegen, wo wir es am wirkungsvollsten platzieren.“
Leo nickte. „Den Firnis werde ich abnehmen. Bis auf die kleine Fehlstelle da oben rechts scheint es in Ordnung zu sein. Aber der Rahmen ist beschädigt. Das krieg ich hin.“ Bis zum Mittag hatten Nora und Leo alles gefunden, was sie suchten und ins Zwischenmagazin gebracht.
Was Nora allerdings noch ans Tageslicht befördert hatte, verschwieg sie Leo: Ein kleines, in braunes Leder gebundenes Büchlein. Es hatte neben dem Gemälde von Wilhelmine Ernst in einem Pappkarton gelegen, zusammen mit ein paar Haarspangen aus Schildpatt, Kämmen, einem silbernen Löffel und anderen Kleinigkeiten. Der Name auf dem Karton sagte Nora nichts, „Nachlass Marie Kubelka“ hatte darauf gestanden. Nur das Buch hatte sie interessiert, ein Tagebuch aus dem Jahre 1888. Wem mochte es wohl gehören? Marie Kubelka? Es war fest mit einem Band verknotet, sodass Nora nicht sofort hineinschauen konnte. Wenn es jemandem aus Neustadt gehört hatte, der im neunzehnten Jahrhundert hier gelebt hatte, würde es vielleicht neue Details zur Stadtgeschichte liefern; die wollte sie als Erste erfahren. Vorsichtshalber hatte sie das Buch unauffällig in ihre Handtasche gleiten lassen.
Zurück im Büro ging Nora die E-Mails des Architekten durch, die in der Zwischenzeit gekommen waren. Jörg Lehmann hatte die vervollständigten Pläne für die beiden Räume geschickt. Schon im frühen Stadium der Ausstellungsvorbereitung war die Arbeitsgruppe der Stadtverwaltung zusammengekommen und hatte den Fahrplan vorgegeben. Die Ausstellungsmacher sollten bei der Darstellung der Stadtgeschichte nicht mehr der Chronologie folgen, sondern nach Themen geordnet vorgehen. Nora wusste, dass das der Trend in großen Museen war. Dort tobten sich teuer bezahlte Architekten aus, die oft riesige Bauten in dafür zu kleinen Räumen errichteten, um dann möglichst wenige Objekte auszustellen. Am Ende sah es überall gleich aus. Sogenannte Medienstationen ersetzten die Originale durch Fotos. Klar, dass die Stadtverwaltung in Neustadt und ganz besonders die Schneekönigin das Modernste wollten, wenn sie schon Geld in die Hand nahmen. Glücklicherweise war es allerdings um die Finanzen doch nicht so rosig bestellt, und man musste im Rathaus kleinere Brötchen backen. Am Ende redete niemand mehr von Themeninseln. Bei nur zwei Räumen wäre das auch Unfug gewesen, fand Nora. Sie mussten sich sowieso an den vorhandenen Ausstellungsobjekten orientieren. Mit dem Plan von Herrn Lehmann war Nora dann ganz zufrieden. Die Vitrinen waren den Gegebenheiten der Villa angepasst und nicht allzu großzügig umbaut. Für lichtempfindliche Objekte hatte der Architekt Schubladen vorgesehen, die bei Bedarf von den Besuchern geöffnet werden konnten. Medienstationen sollten später nachgerüstet werden. Dafür reichte das Geld erst mal nicht. Nora sah sich die Pläne noch einmal an. Sie wiesen Lücken für die fehlenden Objekte auf.
Spätestens nächste Woche, schrieb Lehmann, müsse sie die Daten liefern, damit die Vitrinen in Auftrag gegeben werden konnten.
Sie griff zum Telefonhörer. „Hallo, Johannes, ich wollte Sie noch bitten, die neuen Objekte zu fotografieren. Sie sind alle schon im Zwischenmagazin.“
„Ich weiß. Leo hat es mir gesagt. Ich fange gleich an.“
Nora holte Luft, aber bevor sie weiterreden konnte, fuhr ihr Praktikant fort: „… und mache alles, was wir besprochen haben. Die Liste bekommen Sie morgen früh, Chefin.“
Sie lächelte. „Danke! Viel Spaß. Es ist ein sehr schönes Gemälde dabei. Sie werden Ihre Freude daran haben.“ Sie legte auf.
Während des Telefonats mit Johannes hatte Nora die ganze Zeit an das Tagebuch in ihrer Tasche gedacht. Jetzt holte sie es hervor und betrachtete es von allen Seiten. Es war fast quadratisch und maß rund fünfzehn Zentimeter auf jeder Seite. Die Schrift auf dem Deckel war goldfarben. Die metallene, leicht verrostete Schließe war mit einem starken Band verknotet. So sehr Nora sich auch bemühte es aufzuknüpfen, gelang es ihr nicht, den Knoten zu lösen. Langsam wurde sie ungeduldig und nahm eine Nadel zu Hilfe. Doch auch damit bekam sie die Schlaufe nicht auf. Sie beschloss, das Problem auf den nächsten Tag zu verschieben und legte das Buch in die unterste Schreibtischschublade. In dem Moment klingelte ihr Handy. Es war Sanne. „Sanne, endlich, bist du gut gelandet?“ Nora freute sich, die Stimme ihrer Freundin zu hören. Sie war drei Wochen im Ausland gewesen und sie hatten kaum voneinander gehört, abgesehen von ein paar SMS. „Ja, alles gut. Ich muss erst mal ins Bett. War sehr anstrengend, aber auch schön. Erzähl ich dir dann. Wann hast du denn Zeit für ein Glas Wein?“
Nora überlegte nicht lange. „Wie sieht es Freitag aus? Ich könnte bei dir übernachten. Und vorher gehen wir was essen.“ Sanne gähnte herzhaft. „Klingt gut, bis dann.“
12
Die Woche verstrich wie im Flug. Nora hatte viel geschafft. Die endgültige Objektliste war fertig. Nun konnte Lehmann weiterarbeiten. Immerhin mussten die Pläne ja noch der Schneekönigin vorgelegt werden, bevor der Auftrag an die Vitrinenbauer ging. Aber Günther hatte ihr wohl schon den vorläufigen Entwurf gezeigt, sodass sie mit ihrem Einverständnis rechnen konnten. Auch mit den Texten hatte Nora bereits begonnen. Das Schwierigste daran war, die vorgegebene Zeichenzahl einzuhalten. Das umfangreiche Material, das sie gesammelt hatte, musste gekürzt werden bis auf die Informationen, die wirklich wichtig waren. Schließlich sollte das Ganze ja für den Besucher noch lesbar sein. Weniger war da manchmal mehr. Eine einheitliche Struktur hatten sie gemeinsam mit der Grafikerin festgelegt. Es war klar, an welchen Stellen der Ausstellung welche Texte in welcher Größe platziert werden sollten. Das erleichterte die Arbeit. Nora war frohen Mutes, dass sie bis zum Abgabetermin fertig werden würde. In größeren Museen erledigten diese Arbeit professionelle Texter. Leider hatte auch dafür das Geld nicht gereicht.
Am Freitag, kurz vor Feierabend, fiel Nora das Tagebuch wieder ein. Beim ersten Versuch, es zu öffnen, war sie vorsichtig gewesen. Jetzt ruckelte und zerrte sie so lange an dem Knoten herum, bis das Band nachgab und sich endlich löste. Gespannt schlug sie es auf. „Oh!“, entfuhr es ihr vor Überraschung. „Wilhelmine Ernst“ stand in deutscher Kurrentschrift auf der ersten Seite. Das war ja ein Ding! Sie hielt tatsächlich das Tagebuch der Malerin in der Hand. Wie es wohl in den Nachlass von Marie Kubelka gekommen war? Sie blätterte weiter. In hastig hingeschmierter, schlecht lesbarer Schrift, hatte Wilhelmine ihre Eintragungen verfasst. Nora runzelte die Stirn. Sie würde sich erst eine Weile einlesen müssen. Leider beschränkten sich die Einträge nur auf einen Zeitraum von fünf Monaten des Jahres 1888, als die Malerin einundzwanzig wurde, wie Nora schnell nachrechnete. Manche Seiten waren mit Zeichnungen verziert. Auch ein loses Blatt mit einem Frauenporträt lag dabei. Wer das wohl sein mochte? Sie würde es sich später genau ansehen. Die spärlichen Informationen, über die sie verfügte, hatte sie alten Aufzeichnungen ihrer Vorgänger entnommen, die Karteien über einheimische Malerinnen und Maler geführt hatten. Vielleicht kam jetzt Licht ins Dunkel und Nora erfuhr mehr über das Leben der Künstlerin Wilhelmine Ernst in Neustadt und in Berlin. War sie mit dem Wissen ihrer Eltern in die Hauptstadt gereist? Wo und vor allem wovon hatte sie dort gelebt? Wohnte sie allein? Nora wusste auch, dass sie zehn Jahre vor ihrem Tod 1930 in ihre Heimatstadt zurückgekehrt war und hier verstarb. Zumindest einmal war sie in der Zwischenzeit in Neustadt gewesen, nämlich 1890 zur Beerdigung ihrer Großmutter. In dem Jahr hatte sie ja auch das Gemälde Die Eisenbahn kommt geschaffen. Nora sah auf die Uhr. Sie musste gleich los. Aber für den ersten Eintrag würde die Zeit wohl noch reichen. Sie setzte ihre Brille wieder auf und begann zu lesen.
7. Januar
Heute erwachte ich spät. Einzelne Sonnenstrahlen quälten sich hie und da durch die Ritzen der dicken Fenstervorhänge. Ich sprang aus dem Bett und zog sie ganz auf. Was für ein herrlicher Tag mich anlachte! Ich holte meine Malsachen und lief im Nachtgewand wieder ans Fenster. Von Zeit zu Zeit schaute ich hinaus in den verschneiten Garten. Dieses weiße, graue, schwarze, rosa Weiß! Der Zeichenstift flitzte wie von selbst über das Papier. Plötzlich empfand ich so eine tiefe Freude. Das stille Winterwetter da draußen, die kleinen Schneehügel und die von Flocken übersäte Tanne am Zaun, alles hielt ich fest. Ich war so glücklich, daß ich das sehen durfte und noch mehr, daß dieser Tag nun für die Ewigkeit festgehalten ward. Aber was sage ich? Für die Ewigkeit? Ich weiß nicht. Manchmal zerreiße ich meine Blätter wieder. Ich bin voller Zweifel. Meine einzige Bewunderin ist mein liebes Mariechen, meine alte, stumme Amme. Sie trat neben mich und ihre Augen wurden groß. Sie staunt jedes Mal, wenn ein Bild fertig ist und verbirgt es sofort in der großen Truhe. Der Vater sieht es nicht gern, wenn ich zeichne. Wie herrlich wars in der Schule! Herr Böhm, unser Zeichenlehrer kannte mein Talent. Ich durfte nachmittags zu ihm gehen und Zeichenunterricht nehmen. Nach Herzenslust gebrauchte ich seine Stifte und Aquarellfarben. Auch mit der Ölmalerei begann ich schon bald. Herr Böhm ist selbst ein wackerer Künstler. An den Wänden in seiner Wohnung hängt eine Menge von ihm gemalter Werke. Er war auch immer sehr geduldig mit mir und schalt nicht, wenn ich ein Bild verdarb. Er blickte mich nur aus seinen gütigen, braunen Augen an, die von Lachfältchen und buschigen Brauen umrandet sind. Dann nahm er selbst den Pinsel in die Hand und corrigierte mich mit wenigen Strichen. Am Schönsten wars, wenn seine Frau sich zu uns gesellte. Sie ist klein und drall. Alsbald holte sie eine Nascherei für mich aus der Tasche ihrer weißen, gestärkten Schürze. Auch war sie immer sehr verzückt, wenn ich etwa eine Blume oder ein Thier besonders gut getroffen hatte. Einmal portraitierte ich sie. Es überkam mich, als ich ihr gegenüber bei Tische saß, an dem wir Thee tranken. Ich schenkte ihr das Conterfey. Sie betrachtete es ausgiebig. Nie werde ich ihr Lächeln vergessen, das sich für immer in mein Herz einnistete. Ich dankte Gott für meine Gabe. Von jenem Tag an glaubte ich daran, daß ich es schaffen könne, daß ich den Menschen mit meiner Kunst etwas gäbe, wenn man mich nur ließe. Als ich das Lyzeum verlassen hatte, verbot mir der Vater, weiter Herrn Böhm zu besuchen. Es schicke sich nicht für eine junge Dame, ich solle lieber Clavierstunden nehmen, damit ich später meinen Gatten unterhalten könne. Außerdem dürfe ich keinen Beruf erlernen wie ein gewöhnlicher Bub. Mit einer Thätigkeit nähme ich anderen, die es nöthiger hätten, das Brot weg. Ich weinte Tag und Nacht, nur getröstet von Mariechen. Mein Zeichenlehrer sagte einmal, es sei direkt schade um mein Talent, weil ich kein Bub sei. Jetzt weiß ich, was er meinte. Seitdem trachte ich, allein zu lernen. Ich zeichne jeden Tag viele Stunden. Ich will besser werden, so wie Herr Böhm oder die berühmten Künstler in meinen Büchern. Warum darf ich nicht Maler werden? Weil ich kein Mann bin? Warum sagt Mutter nichts dazu?
Nora ließ das Buch sinken. Das war ja unglaublich! So einen Fund machte man nicht alle Tage. Warum hatte sich vor ihr nie jemand für das Tagebuch interessiert? Wahrscheinlich, weil es unscheinbar und verknotet im Karton mit den Sachen einer Marie Kubelka lag, die niemand kannte. Keiner hätte vermutet, dass sie die Amme von Wilhelmine Ernst war. Das konnte ja noch spannend werden. Vorläufig jedoch würde sie die Sache für sich behalten.
Mit einer Flasche Wein im Gepäck stand Nora vor der Wohnungstür ihrer Freundin und klingelte.
Sanne öffnete mit dem Handy am Ohr, zog Nora in den Flur und bedeutete ihr, ins Wohnzimmer zu gehen. Nora zog ihre Jacke aus und brachte den Wein in die Küche. Die Wohnung bestand aus drei kleinen Zimmern. Sanne lebte allein. Sie war freie Fotografin und daher viel unterwegs. So wie heute sah es hier eigentlich stets aus, stellte Nora fest. Auch wenn sie länger zu Hause war, stand irgendwo ein halb ausgepackter Koffer herum. Neueste Mitbringsel aus fernen Ländern, die noch keinen Platz auf einem Regal oder Schrank gefunden hatten, bevölkerten den Tisch im Wohnzimmer. Die Stühle und Sessel waren mit frischer oder getragener Kleidung belegt.
Nora war jedes Mal versucht, aufzuräumen, wusste aber, dass Sanne ihr das übelnehmen würde und ließ es.
Stattdessen sah sie sich die neuen Fotos an den Wänden an. Ihre Freundin war diesmal für einen deutschen Auftraggeber in Asien unterwegs gewesen und hatte unter anderem China und Vietnam bereist. Sie hatte dort Lebensmittelmärkte und exotische Früchte fotografiert. Die Aufnahmen waren unter anderem für ein Kochbuch gedacht. Damit verdiente sie ihr Geld. Ihre eigentliche Passion aber war die künstlerische Fotografie. Dadurch hatte Nora die zehn Jahre Jüngere kennengelernt – auf einer Vernissage. Sie war eine begabte Aktfotografin, die schon sehr erfolgreich ausgestellt hatte.
Nora setzte sich auf die Couch und lehnte sich zurück. Sie freute sich auf den Abend mit Sanne. Statt in eine Kneipe zu gehen, hatten sie beschlossen, Pizza zu bestellen und zu Hause zu bleiben.
Ralf hatte mal wieder Bereitschaftsdienst und nur mit den Schultern gezuckt, als sie ihm mitgeteilt hatte, sie wolle bei Sanne übernachten. Geredet hatte sie nach wie vor noch nicht mit ihm. Es hatte sich keine Gelegenheit ergeben. Sanne kam ins Zimmer, Geschirr in der Hand. „Der Pizzabote muss gleich hier sein. Den Wein habe ich kaltgestellt. Erzähl mal zuerst in Kurzfassung, was in den letzten drei Wochen hier so los war.“
Nora berichtete von der vorgezogenen Ausstellungseröffnung und wie weit sie mit ihrer Vorbereitung schon gekommen war. Sie erzählte auch von Wilhelmines schönem Gemälde. „Das Bild wird dir gefallen und vor allem die Story der Malerin. So eine unabhängige, emanzipierte Frau ist sicher ganz nach deinem Geschmack.“
Sanne seufzte. „Manchmal finde ich es schon schade, dass ich meistens allein einschlafe und aufwache und niemand hier ist, wenn ich von einer Reise komme. Es ist eben kompliziert, eine Beziehung zu führen, wenn man so viel unterwegs ist. Aber andererseits ist mir auch noch keiner begegnet, mit dem ich es ernsthaft versuchen wollte. Und je älter ich werde, desto schwieriger ist es. Du hast es gut, Nora. Du hast Ralf getroffen, als du noch ganz jung warst, da macht jeder mehr Kompromisse. Und schließlich seid ihr immer noch zusammen. Ein bisschen beneide ich dich deswegen.“
Es klingelte und Sanne stand auf.
Nora, vorerst froh, keinen Kommentar abgeben zu müssen, sah ihr nach. Sie war ziemlich dünn geworden, die Reise musste sie wohl wirklich angestrengt haben. Das kastanienbraune, lange Haar hatte sie zu einem Zopf geflochten. Das meergrüne Kleid sah toll aus. Es passte zu ihren graugrünen Augen. Es hatte einen raffinierten Ausschnitt und war in der Taille gerafft. Falls es aus Asien war, musste sie es wohl am Anfang der Reise gekauft haben, als sie noch ein paar mehr Kilo auf die Waage gebracht hatte.
„So, hier ist die Pizza. Sieht lecker aus.“ Sanne kam mit einem Tablett wieder zurück, und die beiden Frauen setzen sich an den großen Esstisch.
„Erzähl mal, wie war’s denn nun im fernen Asien?“ Nora war wirklich gespannt auf ihren Bericht. Ralf und sie wollten ja auch nach China. Aber eigentlich nur nach Peking und Shanghai.
Sanne konnte sehr lebendig und gestenreich erzählen. Man hörte ihr gern zu. Sie schmückte ihre Erlebnisse blumig mit witzigen Details aus und nahm sich manchmal auch selbst auf die Schippe. Das mochte Nora besonders an ihr, dass sie über sich lachen konnte. Gerade berichtete sie, wie sie sich beim Essen mit chinesischen Bekannten blamiert hatte. „Stell dir mal vor, es gab Skorpion am Spieß!“ Sie schüttelte sich. „Erst haben sie sich darüber kaputtgelacht, wie dämlich ich mich beim Reisessen mit den Stäbchen angestellt habe, und als das einigermaßen klappte, haben sie gelacht, weil ich das Fleisch vom Skorpion auch mit den Stäbchen aufspießen wollte. Ich hab einfach kein anderes Werkzeug auf dem Tisch gefunden. Das isst man natürlich mit den Fingern. Na ja, irgendwann hab ich’s geschnallt. Erst als ich ihnen beim unvermeidlichen Karaoke die Tina Turner geträllert habe, waren sie beeindruckt und haben sogar geklatscht.“ Sie lehnte sich zurück und grinste.
Das konnte Nora sich gut vorstellen, wie Sanne mit ihrer rauen Stimme „Simply the best“ geröhrt hatte.
„Willst du noch ein Glas?“ Sanne hielt die fast leere Weinflasche hoch. „Ich hab auch noch zwei schöne Flaschen. Hat der Rote Rudi hiergelassen.“ Sie kicherte.
Rudi Ahlert war beim Wachdienst der Galerie beschäftigt und hatte Sanne wochenlang belagert. Er hatte rote Haare, und wenn er mit ihr sprach, nahm sein Gesicht die Farbe einer Tomate an. Deshalb hatten sie den armen Rudi so getauft. Er war ein netter Kerl, aber Sanne konnte sich dann doch nicht für ihn erwärmen und beließ es bei diesem einen Rendezvous. Sie stand auf und schlenderte in Richtung Küche
Nora unterdrückte ein Gähnen. „Na gut, eins nehme ich noch.“ Freitag war eigentlich kein guter Tag, um lange aufzubleiben. Sie holte ihr Handy aus der Handtasche, um zu gucken, wie spät es schon war. Erst 22 Uhr. Sie griff noch mal in die Tasche. Wo war eigentlich ihr Hausschlüssel? Sie stand auf, um in der Jackentasche nachzuschauen. Fehlanzeige. Offensichtlich hatte sie ihn heute Morgen vergessen. Ob sie Ralf noch einmal anrief, um ihm zu sagen, dass er den Ersatzschlüssel in den Schuppen legte? Sonst würde sie nicht ins Haus kommen, wenn er zur Arbeit war. Sie wählte die Nummer vom Hausanschluss. Der Anrufbeantworter schaltete sich ein. Komisch. Er wollte doch zu Hause bleiben. Vielleicht war er zu einem Notfall gerufen worden. Sie versuchte es auf dem Handy. Mailbox.
Ratlos saß sie auf der Couch, als Sanne mit dem Wein zurückkam.
Die Freundin goss ihr das Glas voll. „Sag mal, wie siehst du denn aus? Was ist los?“
„Ach Sanne, ich weiß auch nicht. Ralf benimmt sich so komisch in letzter Zeit. Er ist entweder nicht zu Hause oder weicht mir aus. Ich will mich ja nicht lächerlich machen mit meinen Verdächtigungen, aber langsam weiß ich nicht mehr, was ich davon halten soll. Unseren Hochzeitstag hat er auch vergessen. Ich habe mit dem Essen gewartet, und er war angeblich bei einem Kaiserschnitt. Von Jana weiß ich, dass sein Auto vorm Haus der Hundemutter, also der Bredenbrick, stand, die aber wiederum nur Rüden hat. Verstehst du das?“ „Nee, aber, wenn ich Bredenbrick höre, schrillen bei mir alle Alarmglocken“, empörte sich Sanne. „Weißt du nicht mehr, wie sie der Frau vom Bauunternehmer Höffer den Mann ausgespannt hat? Sie hatte dauernd was zu bauen an ihrer Villa. Und der Dussel hat gebaut und gebaut, bis sie ihn im Bett und dann im Grab hatte.“
„Ach, das glaub ich nicht.“ Nora wedelte mit der Hand, als wolle sie die Verdächtigung verscheuchen wie eine lästige Fliege. „Ralf macht sich eigentlich immer lustig über sie.“ „Nora, du bist einfach zu blauäugig! Statistisch gesehen geht jeder zweite Mann fremd. Ich wäre jedenfalls skeptisch. Du musst ihn ans Bett fesseln, damit er nicht auf dumme Gedanken kommt.“
„Wenn das so einfach wäre. Entweder er kommt nach Hause, wenn ich schon schlafe, oder er geht vor mir ins Bett. Die Versuche, die ich sonst noch in letzter Zeit gestartet habe, sind jedenfalls ins Leere gelaufen.“ Nora fand selbst, dass sie ziemlich resigniert klang.
„Hm, hört sich nicht gut an. Du solltest das auf jeden Fall im Auge behalten. Wenn ihr erst mal auf Reisen seid, kann er dir wenigstens nicht mehr ausweichen.“
„Das ist ja das nächste Problem: Wenn ich darüber reden will, wie nun alles werden soll und ob er nicht mal langsam die Flüge buchen will, meint er, das habe Zeit, und ich solle mir nicht so viele Gedanken machen.“ Sie nahm noch einen Schluck Wein. „Früher waren wir ein richtig gutes Team, haben uns blind verstanden. Auch wenn das kitschig klingt, aber abends haben wir uns erzählt, was am Tag so gelaufen ist. Ich weiß nicht mehr, wann das angefangen hat, das Gehetze durch die Woche. Und selbst am Sonntag bleibt keine Zeit, um miteinander was zu unternehmen. Ich hoffe nur, dass wirklich alles anders wird, wenn Ralf die Praxis nicht mehr hat. Vielleicht kommt er dann zur Ruhe.“
„Trotzdem, Nora, soweit ist es ja noch nicht. Und bis dahin kann er dich nicht behandeln, als wärst du Luft. Ich dachte immer, dass er stolz auf dich ist und sich für deinen Beruf interessiert, der so ganz anders ist als seiner. Da kann doch nicht bloß sein Stress dahinterstecken.“
Nora hatte plötzlich keine Lust mehr, das Thema noch zu vertiefen. Sie fühlte sich unendlich müde. „Lass uns zu Bett gehen, ich bin völlig erledigt.“ Sie gähnte wieder. Einschlafen konnte sie jedoch nicht.
13
„Mutti, ich bin schon wieder erkältet! Ich werde noch wahnsinnig!“ Bea hustete und schniefte.
Nora zuckte zusammen, obwohl sie nur mit ihrer Tochter skypte und ihr nicht wirklich gegenübersaß. Sie konnte ihr selbst über den Bildschirm ansehen, wie angeschlagen sie war. Ihr hübsches sommersprossiges Gesicht war blass, die rotbraunen langen Haare hatte sie nachlässig zusammengebunden. Andererseits wusste Nora, dass sie zum Drama neigte, wenn irgendetwas mit ihrer Gesundheit nicht in Ordnung war. Sie hatte von allen immer die schlimmste Erkältung und litt am meisten. Das kam bestimmt daher, dass sie ein Einzelkind war.
„Wenn das so weitergeht, muss ich den Laden zumachen. Sóley habe ich auch schon angesteckt und nach Hause geschickt.“ Sóley, eine isländische Studentin, war ihre Aushilfe. Der Laden lag etwas versteckt in einer Seitenstraße in Reykjavik. Bea verkaufte dort Bücher, hauptsächlich Reiseliteratur, in allen möglichen Sprachen. Seit der Tourismus auf Island boomte, lief das Geschäft ganz gut, besonders den Sommer über. Im Winterhalbjahr jobbte sie an der Uni in Reykjavik, wo sie auch studiert hatte. Nach dem Studium war sie im Land geblieben, der Liebe wegen. Das mit der Liebe hatte sich bald erledigt. Zurzeit war sie mit Sigmar, einem Kinderarzt, liiert. „Dabei habe ich ihn nach dem langen Winter gerade wiedereröffnet. Die ersten Bücherlieferungen haben wir schon ausgepackt. Noch sind ja nicht viele Touristen da, aber spätestens ab Juni muss ich wieder fit sein.“ Sie nieste mehrmals.
Nora konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.
„Lach du nur“, beschwerte sich ihre Tochter, „Wenn du erst mal auf Island bist, wirst du schon sehen, wie schnell man sich hier was wegholt. Bei der Kälte.“
„Pflegt dein Kinderarzt dich denn nicht? Du hast doch jemanden vom Fach im Haus.“
„Sigmar, ach so ja, nee, der wohnt nicht mehr hier. Ist zurück zu seiner Frau.“
„Was? Er war verheiratet? Kind, was denkst du dir eigentlich? Gibt es keine ledigen Männer auf Island?“
„Sei nicht so spießig, Mutti! Das ist doch sein Problem. Kann ich eigentlich noch mal mit Papa reden?“
Das würde ich selbst gern, dachte Nora. „Nein, er ist zu Oma nach Burgfelde gefahren, kommt erst morgen wieder.“
Als Nora am Sonnabendmittag von Sanne zurückgekommen war, hatte Ralf gerade seine Tasche gepackt und ihr erklärt, dass er zu seiner Mutter fahren wolle. Sie fand das etwas ungewöhnlich, weil er sie sonst höchstens zu den Feiertagen besuchte. „Ich sehe sie ja ab Herbst längere Zeit nicht“, hatte er gebrummt und seine Sachen im Auto verstaut.
„Na gut, dann vielleicht das nächste Mal. Sag mal, wie weit seid ihr eigentlich mit eurer Ausstellung? Wie kommt ihr voran? Und wann ist die Eröffnung?“ Bea hatte sich von jeher für die Arbeit ihrer Mutter interessiert. Schon als Kind war sie gern mit in die Galerie gekommen und hatte ehrfürchtig die Gemälde betrachtet. In der Schule hatte sie stolz davon berichtet, wo ihre Mutter arbeitete. Auch jetzt noch beteuerte sie, dass sie sich nicht vernachlässigt gefühlt habe, weil ihre Mutter berufstätig gewesen war. Als Ralf sich als Tierarzt selbstständig machte, hatten sie sich das gar nicht leisten können, dass Nora zu Hause blieb, und später wollte sie nicht mehr. Sie arbeitete gern und hatte auch gern ihr eigenes Geld.
Sie erzählte Bea von der Verschiebung des Eröffnungstermins und natürlich von Wilhelmines Bild.
„Bleibt denn die Ausstellung länger?“, erkundigte sich Bea. „Wenn ich mal wieder zu Hause bin“, sie sagte immer noch zu Hause, stellte Nora belustigt fest, „dann will ich sie auch sehen.“
„Das kannst du. Vorläufig gibt es sowieso kein Geld für weitere Veränderungen. Sag mal, wer oder was klappert da eigentlich immerzu bei dir?“ Nora war das schon die ganze Zeit aufgefallen.
„Ach das“, Bea zögerte, „das ist Bragi. Er kocht.“
„D er Bragi?“, fragte Nora. Wegen Bragi, der als Deutschlehrer arbeitete, war Bea auf Island hängen geblieben.
„Wir wollen es noch mal miteinander versuchen. Vielleicht klappt es ja diesmal.“ Sie lächelte.
Nora fiel es schwer zu akzeptieren, dass ihr manches im Leben ihrer Tochter entging. Dass sie im Ausland lebte und die Kommunikation meist über Skype stattfand, machte es nicht leichter. Aber das würde vorerst so bleiben und wäre wohl auch nicht anders, wenn sie irgendwo in Süddeutschland wohnen würde. Sie war erwachsen und ging ihren eigenen Weg. Trotz der Entfernung hatten sie ein gutes Verhältnis, tröstete Nora sich, auch wenn sie ihr manchmal, so wie jetzt, alles aus der Nase ziehen musste. „Aha. Dann viel Erfolg! Ich würde mich freuen.“ Sie mochte Bragi. Er machte einen ruhigen und besonnenen Eindruck.
„Skypen wir in zwei Wochen wieder?“
„Klar, und dann bist du hoffentlich wieder gesund!“
Bea warf ihrer Mutter eine Kusshand zu und schwenkte das Taschentuch.
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