Kitabı oku: «Der Mantel der Vergangenheit»
Das Buch
1943 Harry Molter, ein junger Landwirt in Düsseldorf, wird wegen der »Schwarzschlachtung« einer Sau denunziert und von der Gestapo verhaftet. Der Gestapo-Offizier Richard Augsburger stellt ihn vor die Wahl: Gefängnis oder Ostfront.
1951 Auf dem Speicher ihres Wohnhauses bemerkt die zehnjährige Rosa eine düstere Gestalt. Harry Molter! Nach einer langen Odyssee zwischen Front, Lazarett und Irrenanstalt, psychisch nahezu gebrochen, lebt er obdachlos in den Trümmern Düsseldorfs. Seine Frau und seine Kinder sind verschollen. Die langsam wachsende ungleiche Freundschaft mit dem Mädchen entfacht einen neuen Lebenswillen. Doch auch Augsburger lebt unentdeckt und unter falscher Identität in den Trümmern. Der Nazi müsste wissen, wo sich Harrys Familie befindet. Wird Harry ihn zum Sprechen bringen?
Die Autorin
Doris Bender-Diebels, geboren 1948 in Düsseldorf und dort aufgewachsen, lebt in Wuppertal. Viele Jahre arbeitete sie als Krankenschwester, Familientherapeutin und Dozentin für Pflegeberufe in verschiedenen Bereichen der Psychiatrie. Vor allem die Geschichte der Psychiatrie, insbesondere die Verfolgung von psychisch Kranken und von geistig behinderten Menschen im Nationalsozialismus und im zweiten Weltkrieg fanden bis heute ihr Interesse.
Mit diesem Buch legt sie ihren ersten Roman vor. Szenen einer Kindheit in den Nachkriegsjahren in Düsseldorf wurden zu einer spannenden Kriminalgeschichte verwoben, die im Kriegsjahr 1943 beginnt und von Willkür, Tod, Mitmenschlichkeit, Freundschaft und Liebe erzählt.
Alle Ähnlichkeiten mit lebenden und toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Doris Bender-Diebels
Der Mantel der Vergangenheit
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Für Ernst
Zuversicht ist nichts Greifbares,
es ist ein Zustand,
in den man hineinwachsen muss.
Mahatma Gandhi
1
Düsseldorf-Bilk, März 1951
»Geheimnisse aller Art zu lüften« könnte man als die besondere Leidenschaft der zehnjährigen Rosa Martens beschreiben. Entdeckte sie die Spur zu etwas Verborgenem, fühlte sie eine detektivische Neugier, die ihre Fantasie für das Versteckte und Verbotene belebte. Vor allem ihre ausgeprägte Beobachtungsgabe, von Erwachsenen oft als kindliche Einbildungskraft belächelt, ließ sie solche Entdeckungen machen. Dazu kam ihr Mut, auf andere Menschen zuzugehen.
Rosa wachte auf. Ein Blick auf den Wecker genügte, sich gähnend wieder unter ihre Bettdecke zu kuscheln. Erst sechs Uhr. Um acht begann die Schule. Sie schloss die Augen.
Ihre Schwester Iris, mit der sie das Schlafsofa teilte, kniff sie wenig später in die Seite: »Du musst aufstehen, heute bist du dran. Schon vergessen?«
»Nein … aber nur weil du älter bist, brauchst du mir nicht zu sagen, wann ich aufstehen soll.«
»Fauch mich nicht so an. Ich kann doch nichts dafür, dass wir kein eigenes Klo haben und nachts auf den blöden Pott gehen müssen.« Iris drehte ihr den Rücken zu. Demonstrativ zog sie ihre Decke über den Kopf.
Nun konnte Rosa nicht mehr einschlafen und stand auf. Vorsichtig zog sie den Nachttopf unter dem Bett hervor. Sie wollte ihre Mutter nicht wecken, deshalb schlich sie auf Zehenspitzen, den Topf in beiden Händen balancierend in die Küche. Sie wusch sich am Spülbecken, zog ihre Sachen an und schlüpfte in ihre Pantoffeln. Mit dem Pipipott ging sie hinaus ins Treppenhaus. Das Klo der Familie Martens befand sich auf dem Speicher in der fünften Etage des Hauses, ein Stockwerk über ihrer Wohnung. Der Dachboden und die dortige kleine Wohnung wurden bei einem Bombenangriff durch Brand teilweise zerstört. Rosas Vater Herbert setzte die Toilette wieder instand. Oft erschreckte Rosa der Flügelschlag von Tauben, die durch das meist offen stehende Dachfenster ein- und ausflogen. Wenn sie allein im Halbdunkel hierher kam, begleitete Rosa die Furcht, jemand könne sich hinter der Mauer versteckt halten. Auch jetzt musste sie gegen diese Angst ankämpfen. Mit Herzklopfen stieg sie die Treppe hoch, wobei sie den Nachttopf fest umklammerte. Um diese Zeit war es draußen zwar schon hell, aber das kleine Fenster zwischen der vierten und fünften Etage ließ nur wenig Licht hinein. Wie immer flackerte die nackte Birne in der Fassung am mittleren Treppenabsatz. Bei der siebten Stufe angekommen sah sie auf dem Podest ein rundes, silbrig glänzendes Ding liegen. Es schien ein Knopf zu sein. Der hatte gestern Abend, als sie vor dem Zubettgehen aufs Klo gegangen war, noch nicht da gelegen. Das wäre ihr aufgefallen; denn Rosa war eine Sammlerin. Alles was sie fand, wurde in ihren Augen zu etwas Besonderem. Sie hob es auf, verwahrte es sorgfältig in einer Schachtel und schaute es immer wieder an, bis es eine Geschichte ergab, die sie mit ihrer Freundin Esther teilen konnte.
Sie stellte den Nachttopf ab, ergriff den Knopf und steckte ihn in die Tasche ihres Kleides. Dann schnappte sie sich erneut den Pinkelpott und wollte gerade die nächste Stufe nehmen, als ein leises Geräusch sie innehalten ließ. Lieber Gott, bitte, lass es lediglich eine Maus sein, betete sie. Doch ein Blick nach oben, in die Richtung des Geräusches, und ihre Beine froren ein. Da war etwas! Es bewegte sich! Nicht schnell … spürbar nur wie ein Hauch.
Im Nu pochte ihr Herz so heftig, dass das Blut in ihren Ohren rauschte. Wie angewurzelt blieb sie stehen. Die Angst hinderte sie zwar daran, genauer hinzuschauen, dennoch nahm sie einige Schemen wahr: Auf dem oberen Podest sah sie die Umrisse einer Gestalt. Vom schwachen Deckenlicht beleuchtet, machte sie lange dunkle Haare aus, die auch über das Gesicht fielen. Oder war da gar kein Gesicht? Sie erkannte weder Augen, Mund noch Nase. Die Erscheinung wurde von einem Mantel umhüllt. Dieses Wesen wie aus einem Albtraum rührte sich nicht, stand einfach am Geländer. Rosa hörte nur ein leises Atemgeräusch. Dann nahm sie eine Bewegung wahr, einen zaghaften Schritt auf die Treppe zu … und plötzlich, von einer Heidenangst ergriffen, drehte sie sich um und lief schreiend die Stufen hinunter. Scheppernd fiel der Nachttopf zu Boden, und sein Inhalt ergoss sich auf das Podest vor ihrer Wohnung.
»Rosa, warum schreist du denn so, du weckst ja das ganze Haus auf! Ach herrje, was ist denn hier so nass?« Hanne Martens trat im Morgenmantel vor die Tür und rutschte beinahe in der Urinpfütze aus. Hinter ihr erschien Iris, die drehte sich sofort mit einem Kopfschütteln um und ging zurück in die Wohnung.
»Da oben ist jemand, Mutti, da gehe ich nie mehr hin. Jemand mit langen schwarzen Haaren, ganz groß, eine scheußliche Gestalt ohne Augen und Mund, ohne Nase, ich schwöre, da ist jemand auf dem Speicher mit einem Mantel.« Sie schluchzte und sank ihrer Mutter in die Arme.
Die Nachbarstür öffnete sich, und Frau König streckte den Kopf heraus: »Watt iss denn hier widder loss? Wer krakeelt denn hier so errüm? Kamma nich ma länger schlafe? Immer dat Jeschrei vonne Blagen. Un watt stenke denn hier eso?« Sie sah die gelbliche Nässe auf dem Boden. »Datt iss ja woll nich wahr, die Pisse hier – datt wird hoffentlich wech jemacht!« Sie drehte auf dem Absatz um und verschwand in ihrer Wohnung. Die Tür fiel krachend ins Schloss.
Hanne Martens verdrehte die Augen. Immer das Gleiche mit dieser nörgelnden Frau! Hanne wollte keinen Streit mit ihr. Wusste sie doch, dass Frau König erst seit der Nachricht über den Tod ihres Mannes in der Gefangenschaft so unduldsam war.
»Ich glaube, du hast geträumt«, versuchte sie, Rosa zu beruhigen und drückte sie an sich. »Wer sollte denn dort oben sein? Du hast wahrscheinlich ein Geräusch gehört und warst noch gar nicht richtig wach. Dann weiß man nicht so genau, ist das wahr oder ein Traum? Jetzt komm erst mal frühstücken, die Schule fängt gleich an.«
»Nein, ich will kein Frühstück, ich will, dass du mir glaubst. Geh’ doch hoch, dann wirst du ja selbst sehen, dass diese fürchterliche Gestalt da oben ist«, beharrte Rosa und entwand sich der Umarmung. Ihre sonst meist lachenden blauen Augen blitzten die Mutter wütend an. Hanne Martens kannte ihre Tochter und wusste, dass Rosa keine Ruhe geben würde, wenn sie nicht sofort mit ihr auf die Suche nach dieser Gestalt ging.
»Na gut, ich ziehe mir erst mal was an, und dann können wir gemeinsam gucken.«
Rosa beruhigte sich. Gleich würde Mutti schon sehen, dass sie sich nichts eingebildet hatte. Schnell griff sie sich Eimer und Putzlappen und wischte den Urin vom Boden auf. Mit einer Taschenlampe bewaffnet stiegen sie und ihre Mutter kurz darauf die Stufen zum Speicher hoch.
»Siehst du, hier ist doch niemand«, sagte Hanne mit beruhigender Stimme, während sie in den hinteren Raum leuchtete, den Mauerreste vom Klo trennten. Eine Taube schreckte auf und flatterte durch das offen stehende Dachfenster davon. Sonst befand sich da wirklich keine Seele. Rosa verstand die Welt nicht mehr. Diese Gestalt musste noch hier sein. Ich bin doch nicht verrückt, wie die alte Frau Prack, dachte sie, die, wie Mutti ihr erzählte, immer noch ihren Sohn vor sich sah und mit diesem sprach, obwohl er schon seit vielen Jahren tot war. Den silbrigen Knopf in ihrer Tasche vergaß Rosa in der Aufregung völlig.
»Komm, jetzt machen wir erst mal Frühstück, sogar mit einem Ei«, versuchte Hanne ihre Tochter von dem Schrecken abzulenken. Eier gab es sonst nur an Sonntagen. Dazu ließ sich Rosa gern überreden. Auch Iris zeigte sich jetzt am Tisch, vom Kaffeegeruch angezogen.
Nach dem Frühstück machte Rosa sich auf den Weg zur Schule, immer noch aufgewühlt von dem Erlebnis auf dem Speicher. Sie war sich sicher, die Gestalt gesehen zu haben, und ihre Gedanken liefen in abenteuerliche Richtungen. Auf der Straße wartete Brunhilde. Wie an jedem Tag. »Komm, gib mir die Hand«, forderte Brunhilde die Freundin auf. Sie war größer und etwas kräftiger als Rosa und meinte, sie daher beschützen zu müssen. Rosa hasste es, von ihr an die Hand genommen zu werden.
»Lass das«, blaffte sie, »wenn du das nicht lässt, dann kannst du bis zum Ende der Schulzeit alleine gehen, du blöde Kuh. Ich will nicht an die Hand genommen werden, merke dir das.« Rosa schäumte vor Wut. »Du bist nicht meine Mutter, ich habe schon eine!«
Brunhilde schnaubte und lief schneller voraus.
Das muss ich Esther erzählen. Die wird mir glauben. Und bestimmt werden wir zusammen herausfinden, was oder wen ich gesehen habe, dachte Rosa. Ihre Neugier gewann langsam wieder die Oberhand.
2
Düsseldorf-Hamm, 20. März 1943
Wie so oft in diesem Jahr fand Harry Molter auch in der vergangenen Nacht kaum Schlaf. Mittlerweile musste er zu jeder Tages- und Nachtzeit darauf gefasst sein, vom durchdringenden Sirenenton der Bomberwarnung aufgeweckt zu werden. Und dann war Eile nötig. Nach dem Schließen der Bunkertür blieb keine andere Wahl, als sich eine andere Schutzmöglichkeit zu suchen. Die Tür durfte bis zur Entwarnung nicht mehr geöffnet werden. Und das hatte seinen Grund. Denn wenn just in diesem Moment eine Granate in das Bunkerinnere gelangte, bedeutete das den Tod aller darin Schutz suchenden Menschen. Die Vorstellung, mit seiner Familie vor der verschlossenen Bunkertür zu stehen, entfachte in ihm immer wieder Angst und ließ ihn nachts nicht mehr in einen tiefen und erholsamen Schlaf sinken. Eine untergründige Beklemmung nagte in ihm, wie in vielen Zeitgenossen, seit sie spürten, dass Deutschland angreifbar war.
Kappes-Hamm, wie der Stadtteil wegen des großflächigen Anbaus von Kohl auch genannt wurde, hatte seinen Dorfcharakter bewahren können. Enge Gassen zwischen Backsteinhäusern, Feldwegen und Straßen verbanden den Zugang zum Rhein durch das Deichtor und setzten sich über den Deich fort bis in die Rheinwiesen. Nicht weit entfernt befuhren Züge die Hammer Eisenbahnbrücke auf die linke Rheinseite nach Neuss. Pioniere der Wehrmacht bewachten zwar das Rheinufer, waren aber im Vergleich mit den amerikanischen Streitkräften auf der anderen, der Neusser Rheinseite für eine Abwehr nicht gut gerüstet.
Hier war Harry aufgewachsen und mit seinen achtunddreißig Jahren einer der jüngeren Bauern, die selbständig einen Hof führten. Er liebte seine Arbeit auf dem Feld und mit den Tieren. Steckrüben, Kohl und Kartoffeln – den Molters gehörten seit vier Generationen viele Hektar Ackerland. Den Spargelanbau mussten sie mit Beginn des Krieges leider aufgeben. Ein paar Schweine fanden im Innenhof ihren Platz in einem Stall.
»Jung, denk immer daran, auf dich kommt es an, dass die Menschen auch im Krieg was zum Beißen haben. Gerade jetzt sind sie auf unsere Arbeit und die Ernte angewiesen«, erinnerte ihn sein Vater erst noch vor drei Wochen beim gemeinsamen Abendessen an seine Pflicht als Landwirt.
Und dann lag er vier Tage später tot im Stall. Ein Schlaganfall sei es gewesen, behaupteten die Ärzte. Seitdem ruhte die Verantwortung allein auf Harrys Schultern. Von seinen beiden jüngeren Brüdern kamen schon lange keine Feldpostbriefe mehr. Sie waren – der eine auf dem Vormarsch in Frankreich, der andere in der Nähe von Prag – gefallen.
Groll und Müdigkeit kosteten viel Energie und entfachten seine Selbstzweifel, die oftmals in Selbstgesprächen endeten. Er bemühte sich, die Angst vor der Familie zu verbergen.
»Wie soll ich das alleine schaffen, wenn ich die Arbeit immer wieder unterbrechen muss wegen der Brandbomben, die auf unsere Felder und Häuser fallen? Wenn Zwangsarbeiter als Ersatz für kräftige Landarbeiter, die zum Wehrdienst eingezogen worden waren, schwere Arbeiten auf den Feldern verrichten müssen? Wenn deren Körper jedoch wegen Unterernährung so ausgemergelt sind, dass sie die Arbeit kaum bewältigten?«
Seine Gedanken kamen ins Jetzt zurück. Heute war ihr Hochzeitstag, aber schöne Empfindungen wollten dennoch nicht kommen. »Der Krieg zerstört alles, was normales Leben sonst bedeutet: Seine Freude mit Menschen teilen, die man liebt, Freunde und Nachbarn haben, mit denen man feiert, denen man seine Pläne anvertrauen kann, Frieden …«
»Harry wo bist du?«, Reginas Ruf unterbrach die Grübelei.
»Ich komme schon.«
Harry ging zum Haus, wo seine Frau vor der Tür auf ihn wartete. In der Hand trug sie den ›Schweineeimer‹ mit den wenigen Speiseabfällen, die in diesen Kriegszeiten für die Tiere noch abfielen und zu den Rübenschnitzen in die Tröge verteilt werden mussten.
»Kommst du mit in den Stall, Harry? Wir müssen füttern.«
Harry atmete tief durch. Seine Sorgen und Gedanken durften ihm den elften Hochzeitstag nicht verderben. Gerade heute sollten sie sich nicht in seinen Kopf eingraben.
»Ich folge dir doch überall hin, meine Liebste und Schönste«, flüsterte er Regina mit seinem besten Lächeln zu. »Seit elf Jahren lauf ich dir hinterher.«
»Nicht erst seit elf Jahren, mein Lieber, schon vor zwölf Jahren wolltest du was von mir. Erinnerst du dich nicht mehr?«
»Wie könnte ich das vergessen?« Harry musste grinsen. Er dachte daran zurück. Der Hund von Reginas Familie flitzte auf ihn zu, als er über den Gartenzaun ihres kleinen Häuschens am Rand des Dorfes kletterte. Er erwischte ihn am Hosenbein und riss den Stoff an der Naht in voller Länge auf. Harry stand mit nacktem Bein auf Freiers Füßen.
»War das peinlich. Und du standest am Fenster und konntest dich nicht mehr einkriegen vor Lachen.«
Mehr als der Stoff kam nicht zu Schaden. Die anschließende Nacht wurde jedoch für beide »der Himmel auf Erden«. Regina gab ihm am nächsten Morgen eine Hose ihres Vaters, damit er nicht halbnackt durch das Dorf nach Hause laufen musste.
Mit einem Kuss beendeten sie die gemeinsame Erinnerung an ihre ›himmlische‹ Vergangenheit. Regina Molter seufzte. Sich in dieser Zeit einen Himmel auf Erden zu wünschen, schien überheblich oder vermessen im Angesicht der Kriegsschicksale zahlreicher Menschen … der Soldaten, Familien, der Ausgebombten.
Sie hakten sich unter und gingen zum Stall.
»Gut, dass du mich zum Lachen gebracht hast, Schatz. Wir haben es doch immer noch besser als viele andere Familien. Unsere Mädchen sind gesund. Und sie lieben das Leben, trotz Bombenhagel und Bunker.« Sie löste sich von ihm und setzte den Schweineeimer ab.
Erneut streckte er ihr seine Hände entgegen, sie nahm sie, schmiegte sich an ihn.
»Regina, ich möchte dich nie verlieren.« Seine Augen tauchten lange in ihre. Das Glück zu fühlen und es im Blick des Anderen zu sehen, rieselte durch ihre Körper wie ein warmer Regen im Sommer.
Für diese eine Minute vergaßen sie ihre Sorgen, als gäbe es nur sie beide auf einer Insel des Friedens.
»Was meinst du, sollen wir heute Abend mal einen Spaziergang am Rhein machen? Wenn es keinen Bombenalarm gibt, könnten wir bis Himmelgeist laufen. Das haben wir schon so lange nicht mehr gemacht.«
Harrys Hand fuhr zärtlich durch ihre roten Locken. Er setzte noch einen Kuss auf ihre Stupsnase, die sie so keck aussehen ließ.
»Wir können uns höchstens mit den Kindern hinter den Deich ins Gras setzen und Brote mitnehmen als kleines Picknick, mein Schatz«, antwortete Regina. »Falls es wieder Alarm gibt, sollten wir doch in der Nähe des Bunkers bleiben.«
»Du hast Recht, man vergisst das nur zu gerne«, gab Harry zu.
Die Zeit, die sie dort verbringen mussten, wurde inzwischen immer länger. Und der Alarm kam häufig. Die Kinder fanden es besonders schlimm. Auch wenn sie zu Kleidung, Handtuch und Seife außerdem Bücher mitnehmen durften, konnten diese nicht den Lärm, den Schweißgestank und das Geschrei im Schutzraum vergessen machen, während draußen Bomben und Luftminen explodierten. Und die Enge kam als Problem hinzu. Zu Hause wachten sie oft nachts auf und weinten, weil die Aufenthalte im Bunker sie selbst in ihren Träumen verfolgte.
Das Ehepaar füllte die Tröge. Das Grunzen und Schmatzen der Tiere, die sich nun auf die gekochten Rübenschnitze und Kartoffelschalen stürzten, war die vertraute Hintergrundmusik ihrer Arbeit. Regina sah den Schweinen beim Fressen zu. Sie liebte diese Tiere ganz besonders. In drei Wochen würden Ferkel auf die Welt kommen. Die brächten wieder Leben in den Stall. Auch Agnes und Martina konnten mit ihren zehn Jahren schon mehrmals bei Geburten helfen oder zusehen, und sie liebten die neugeborenen Ferkel. »Laufende Fleischklößchen mit Steckernase«, nannten sie die Kleinen mit unschuldiger Grausamkeit.
Als Kind hätte sich Regina nie vorstellen können, auf einem Bauernhof zu leben. Sie hatte Köchin gelernt und bis zur Hochzeit in einem bekannten Hotel in Düsseldorf gearbeitet. 1933 wurde sie Mutter von Zwillingen. Ihren Beruf durfte sie danach nicht mehr ausüben. Neben der Versorgung der Kinder ging sie der Schwiegermutter zur Hand und übernahm Stall- und Gartenarbeiten. So war es üblich für Frauen in einer Bauernfamilie.
Wehmut mischte sich in die frohe Stimmung, die sie eben noch bei den Gedanken an den bevorstehenden Neuzugang im Schweinestall gefühlt hatte. Mittlerweile waren die Tröge geleert, und die Schweine liefen nach draußen in den eingezäunten Hof, wo sie Stroh und Gras fanden.
»Komm, lass uns gehen, die Kinder haben bestimmt schon das Frühstück vorbereitet«, bat Regina ihren Mann, der ihr folgte.
»Jetzt freue ich mich auf ein gutes Frühstück mit Marmelade«, meinte der, »wobei – ein Schinkenbrot wäre mir lieber.«
»Das glaube ich dir gerne. Und zum Mittag ein saftiges Kotelett, nicht wahr?«, lachte Regina. Beim Gedanken daran lief auch Regina das Wasser im Mund zusammen.
»Die Zeit dafür wird wieder kommen, Schatz«, tröstete sie ihren Mann.
Sie verließen den Stall. Gerade fuhr ein Auto in den Hof. Die beiden schauten sich an. Der Ortsbauernführer des Bezirks stieg aus dem kleinen Volkswagen. Sie waren mal dicke Freunde gewesen, Harry und er. In Hamm aufgewachsen, gingen sie einst zusammen zur Schule. Doch dann wurde Günther ein eiferndes Mitglied der NSDAP. Anfangs verhielt er sich, wie Harry es nannte, noch zivilisiert. Zu dieser Zeit trafen sie sich gelegentlich im ›Hammer Krug‹ auf ein Bier. Solange sie nur über alte Erinnerungen und die unmittelbare Landarbeit sprachen, blieb die Stimmung freundlich. Seit Günther allerdings in der Partei Karriere machte, schnellte der rechte Arm immer schneller hoch, selbst dann, wenn es nicht verlangt wurde. Nachdem er aber am neunten November 1938 bei den Plünderungen und Schmierereien jüdischer Geschäfte die Schläger der SA anfeuerte, war für Harry die Freundschaft beendet. Das verzieh er Günther nie. Damals erkannte er mit Schrecken die menschenverachtenden Ziele dieser Partei. Vorher kümmerten ihn allgemeine Politikfragen nicht besonders. Er wählte vor der Machtübernahme die Zentrumspartei. Mit deren Politik für die Landwirtschaft war er zufrieden gewesen. Nach dem Pogrom gegen jüdische Bürger wollte Harry mit Günther kein privates Wort mehr sprechen und ging ihm aus dem Weg.
Harry ahnte nichts Gutes, als Günther nun auf ihn zukam.
»Geh schon mal zu den Kindern, ich komme gleich nach, das wird ja bestimmt nicht lange dauern«, bat er Regina. Sie nickte, schaute sich aber noch einmal um und runzelte nachdenklich die Stirn, bevor sie das Haus betrat.
Was will Günther denn hier, überlegte Harry. Irgendetwas musste passiert sein. Freiwillig käme Günther nicht auf seinen Hof. Zwei Jahre zuvor kam ein Gestapobeamter mit Hilfspolizisten auf den Hof und beschuldigte Harry, er habe Waffen in einem der Felder vergraben. Sie gruben das Kartoffelfeld um in der Hoffnung, etwas zu finden, weswegen sie ihn hätten bestrafen können. Sie fanden nichts und zogen am nächsten Tag maulend ab. Wer ihn denunzierte, konnte Harry nie in Erfahrung bringen. Das Kartoffelfeld bot ein schreckliches Bild, wie von hundert Wildschweinen durchwühlt.
Dieses Ereignis ging ihm durch den Kopf, als Günther Schmitz näher kam. In seinem Bauch grummelte es.
»Hallo Harry« Günther streckte ihm die Hand entgegen und verzichtete auf den deutschen Gruß.
»Hallo« erwiderte Harry, ohne die Hand des anderen zu nehmen. »Was willst du?«
Günther presste die Lippen aufeinander und atmete tief durch die Nase ein. »Hör mal«, sagte er dann leise und drehte den Kopf seitlich, fast vertraulich. »Jemand hat dich bei mir und der Gestapo angezeigt. Wegen Volksschädigung. Die werden heute noch mit zwei Polizisten und einem Polizeihund kommen, du kennst ja den alten Bollo. Die werden den Hof durchsuchen. Der Bollo ist schon sehr alt, der bedeutet sicher keine Gefahr.«
Er schaute Harry an, wartete auf dessen Reaktion. Als diese unterblieb, redete er weiter: »Ich bekam schon gestern die Nachricht, konnte dich aber nicht sofort informieren. Ist was dazwischen gekommen, was auch sehr dringend erledigt werden musste. Du weißt doch, wie die Gauleiter so sind. Wenn die sich was ausgedacht haben, dann muss es manchmal ganz schnell gehen mit der Umsetzung. Und unser Gauleiter Florian ist besonders ungeduldig.«
»Mach doch keine große Einleitung, komm schon zur Sache«, fauchte Harry.
»Ich bin als Ortsbauernführer beauftragt worden, der Sache nachzugehen«, fuhr Günther fort. »Ich mach das wirklich nicht gerne. Wenn da was dran ist, solltest du mir das jetzt sagen, Harry. Vielleicht kann ich dann was für dich tun. Denn wenn das stimmt, was gegen dich vorgebracht wird, dann sieht es wirklich nicht gut aus, das kann ich dir sagen.« Günther hielt inne.
Harry sah ihn an. Er gab sich nach außen ganz gefasst, aber ihm wurde fast schwindlig vor Aufregung und Angst.
»Jetzt sag doch endlich, was los ist. Ich habe noch einiges zu tun, muss noch den Stall ausmisten und aufs Feld. Falls du dich noch daran erinnern kannst, welche Arbeit auf einem Hof ansteht«, stichelte Harry. Er versuchte, seine Nervosität zu verbergen. Sein Herz klopfte, als er an jene Sau dachte, die er vorgestern Nacht geschlachtet hatte.
»Und musst du noch die Schweine füttern?« Günthers Augen lauerten. Er war gekränkt, seine Warnung und Hilfsbereitschaft liefen ins Leere. Er wollte sie als ein Angebot aus alter Freundschaft verstanden wissen. Harry konnte mit dem, was gegen ihn vorlag, seine Existenz und die Freiheit von Regina und den Kindern aufs Höchste gefährden. Entweder ist er naiv, dachte Günther, oder er will sich nicht helfen lassen. Wie auch immer, das ist seine Entscheidung. Dann kann ich auch nichts für ihn tun.
»Aber du kamst ja gerade aus dem Stall, nicht wahr?«, fuhr er fort, »wie ist das denn, wenn man abends noch sechs Schweine hat und morgens plötzlich nur noch fünf? Gefiel es einer Sau nicht mehr bei euch? Vielleicht ist sie auf der Suche nach einem Eber abgehauen und hat sich in Luft aufgelöst?«
Günther redete sich in Rage. Dass Harry ihm den Handschlag verwehrte und seine Warnung in den Wind schlug, nagte an ihm. Und er ärgerte sich darüber, dass der Gestapobeamte, der Augsburger, den er auch nicht besonders mochte, gerade ihn, Günther, beauftragt hatte, dieser Sache nachzugehen. Man wusste in der Leitstelle durchaus von ihrer ehemaligen Freundschaft. Er wollte damit nichts zu tun haben.
Seine Frau Marianne, ihrerseits mit Regina befreundet, verstand nicht, warum er sich nicht für Harry einsetzte. »Du musst was für ihn tun, wenn das stimmt, was man Harry vorwirft. Schwarzschlachten machen die meisten Bauern. Du hast genügend kameradschaftliche Parteigenossen, auch bei der Gestapo, die ihm helfen könnten.«
Aber wenn Harry nicht mitspielte, nutzte all das nichts.
Harry wurde bleich. Wer konnte von der Schlachtung vor zwei Nächten wissen? Regina und er hatten alle Fenster verdunkelt, der Sau gaben sie Bier mit Schlafmittel, damit sie einschlief und nicht quieken konnte, als er mit dem großen Hammer kam. Die Gefahr spürten die Tiere sofort. Mit Reginas Hilfe nahm er den Hals des Tieres zwischen die Schenkel, und drosch mit kräftigen Schlägen auf die Stirnplatte. Dann ließen sie das Blut aus der durchschnittenen Halsschlagader ab. Nach dem Töten mussten sie das Tier einen Tag an einer Leiter in der angrenzenden alten Scheune in einen Topf ausbluten lassen. Gestern Nacht zerteilten sie es und packten die Teile in vier saubere Kartoffelsäcke. Zur Vorsicht vor Kontrollen versteckten sie die Säcke bis zur heute geplanten Verarbeitung unter den Misthaufen im Garten.
»Nun, über was denkst du nach, Harry«?
»Ich frage mich, wer darauf kommt, dass ein Schwein fehlt. Zurzeit sind wir doch in Deutschland gesegnet mit Schweinen.« Sein Sarkasmus wirkte bei Günther nicht.
»Aber mal ehrlich. Wer behauptet denn, dass ich geschlachtet habe. Schau mal in deine Unterlagen, wann sind die letzten Ferkel gemeldet worden? Und wie war der Bestand der Sauen an dem Tag? Ich erinnere mich nämlich genau daran, das war vor zwei Jahren. Da besaß ich fünf Sauen, davon lag für zwei Sauen die amtliche Erlaubnis zum Schlachten vor, blieben also noch drei im Stall, wovon eine leider nur zwei lebende Ferkel bekam. Die ich auch ordnungsgemäß gemeldet habe. Und das sind heute wieder fünf Schweine nach Adam Riese.«
Günther blätterte in der Akte. Was Harry sagte, entsprach den Eintragungen. Aber wieso zum Teufel behauptete Parteigenosse Helmut Schneider, der Postbote, Harry habe sechs Schweine? Er hätte sie gesehen, als er neulich Briefe zum Hof brachte. Es gab keinen Grund, Helmut zu misstrauen. Bisher stimmten dessen Informationen immer.
Trotzdem wurde Günther unsicher. Vielleicht täuschte sich Schneider ja doch? Er wusste selbst, dass viele Bauern Schweine ohne Genehmigung schlachteten.
Denunzianten waren aber meist nicht die anderen Bauern, sondern neidische Mitbürger. Helmut trug erst seit kurzem die Post hier in Hamm aus. Vertretungsweise für einen erkrankten Kollegen.
»Vielleicht warf deine Sau damals ja nicht nur zwei, sondern drei Ferkel. Hat das niemand kontrolliert?«
»Stimmt, hat niemand kontrolliert. Wem glaubst du mehr, deinem Spion oder mir?«
Günther überlegte, was am besten wäre: Den Hof durchsuchen lassen und nichts finden? Dann wäre er in Hamm bei vielen Bauern unten durch. Denn Harry war bei den meisten Hammer Bürgern beliebt und angesehen, auch ohne Parteibuch. Konnte er die Sache unter den Tisch kehren? Das würde er am liebsten tun. Aber das könnte für ihn selbst zum Problem werden. Die Anschuldigung des Postboten gab es schriftlich. Er bestand darauf, seinen Angaben nachzugehen. Und wenn seine Aussage stimmte, dann war Harry nach dem Kriegswirtschaftsgesetz strafbar geworden, weil er dem Volk Fleisch entzog. Er würde sich vor Gericht verantworten müssen. »Harry«, er wandte sich ihm zu, »die kommen gleich mit Bollo. Ich kann nichts tun. Du hast es nicht anders gewollt.«
Grußlos ging Günther zurück zum Auto, stieg ein und fuhr langsam los. Bollo ist alt, und wenn Harry wirklich geschlachtet hat, dann wird er das tote Schwein ja vom Hof geschafft haben. Für blöd halte ich ihn nicht, sagte er sich. Ein unsicheres Gefühl blieb.
Das Auto mit einem Beamten der Gestapo und zwei Hilfspolizisten fuhr auf den Hof, vorbei an Günthers Auto, das ihnen dabei entgegen kam.
Harry blieb zurück. In seinem Kopf rauschte es, und ein schmerzhafter Druck verstärkte sich hinter seinem rechten Auge.
Als der Gestapobeamte und die Polizisten aus dem Wagen stiegen und nicht Bollo, sondern der neue junge Polizeihund Hasso heraus sprang, brach ihm der Schweiß aus. Dessen Nase entging sicher nichts.
Mittlerweile war auch Regina wieder nach draußen gekommen und zu Harry gegangen. »Was ist denn hier los? Mein Gott, du bist ja ganz weiß im Gesicht und deine Hände zittern.«
Sie ahnte die Gefahr und ließ die Polizisten nicht aus den Augen. Ihr Herz hämmerte. Harry zog seine Frau zur Seite.
»Die suchen das tote Schwein. Es kann sein, dass sie mich verhaften. Die werden mich ins Polizeipräsidium bringen, und wenn es sehr schlecht läuft, muss ich ins Gefängnis. Wenn ich gefragt werde, habe ich ohne deine Zustimmung und Hilfe geschlachtet, merke dir das. Dann können sie dich nur als Zeugin befragen.«
Die Polizisten hielten dem Hund einen mit Schweineblut getränkten Lappen unter die Nase und schickten ihn auf die Suche. Hasso lief los, die Nase nur kurz über der Erde. Die Leine zwischen ihm und dem führenden Polizisten spannte sich, so schnell verfolgte der Hund eine Spur, die ihn in Richtung Schweinestall laufen ließ, dann drehte das Tier abrupt ab und näherte sich zügig dem Misthaufen. Er bohrte die Nase tief in den Mist, verharrte dort, hob den Kopf und bellte. Das war‘s. Einer der beiden Polizisten nahm eine Mistgabel, der andere die Schaufel. Nach wenigen Minuten kamen die Säcke zum Vorschein, die sofort geöffnet wurden.
»War das dein Schwein?« Der Polizist zeigte auf den Fund.
»Ja«, bestätigte Harry leise.
»Dann verabschiede dich von deiner Frau, Molter, wir nehmen dich mit ins Präsidium.«
»Packen Sie ein paar Sachen für Ihren Mann ein zum Wechseln. Wie lange das Verhör dauern und wann er verurteilt wird, weiß man nicht«, forderte einer der Polizisten mit harter Stimme Regina auf, die fassungslos dastand.
Sie rannte ins Haus, wobei ihr die Tränen über die Wangen rannen. Agnes und Martina, die gerade am Frühstückstisch Platz nehmen wollten, rissen die Augen auf.
»Mama, was ist denn mit dir, du weinst ja. Was ist los?«
»Ich kann euch das nicht so schnell erklären, Kinder. Ich muss für den Papa ganz schnell Sachen einpacken. Die Polizei ist da. Bleibt bitte hier, wir gehen gleich raus.« Sie lief zum Schrank, warf schluchzend einige Kleidungsstücke in eine Tasche und betrat zusammen mit den Kindern erneut den Hof. Dort warteten die Polizisten mit Harry vor dem Polizeiauto.
Harry nahm seine weinende Frau in den Arm. »Ich komme bestimmt bald zurück. Sei vorsichtig. Wenn du Hilfe brauchst, dann wende dich an Günther. Er ist der einzige, der was für euch tun kann, wenn sie mich ins Gefängnis sperren und du belästigt wirst. Ich liebe dich.«
»Ich will mitfahren zum Präsidium. Sie können dich doch nicht einfach wegbringen«, schrie Regina unter Tränen. Die Polizisten zogen sie von Harry fort. In diesem Moment liefen die beiden Mädchen auf Harry zu. Die Polizisten griffen seinen Arm und drängten ihn zum Auto. Harry wehrte sich, blieb stehen. Er wollte nicht ohne Abschied von seinen Kindern ins Auto steigen.
Diese klammerten sich an ihn, tränenüberströmt, schluchzend.
»Papi, Papi, bleib hier, warum nehmen die dich mit? Papi!«.
Harry versuchte, sie zu beruhigen. »Ich komme wieder, ganz bestimmt!«
Die Polizisten ließen ihn los.
Er durfte die Mädchen umarmen und ihnen einen Kuss geben, dann drückten sie ihm den Kopf herunter und schoben ihn ins Auto.
»Ich komme zurück!«, rief er ihnen durch die noch offene Tür zu.
Regina stellte sich zu den weinenden Kindern und nahm sie in die Arme. Das Auto fuhr los. Auf der Rückbank sitzend konnte er durch das kleine Rückfenster seine Familie sehen, Regina und die Mädchen, die am Hoftor standen und deren Gestalten immer kleiner und kleiner wurden bis er sie nicht mehr sehen konnte.
3
Düsseldorf, 20. März 1943 – Gestapo-Leitstelle
Sie brachten Harry Molter zur Gestapo-Leitstelle in die Prinz-Georg-Straße. Ein Beamter führte ihn ins Vernehmungszimmer und zeigte zum Tisch. »Setz dich!«, forderte er Harry barsch auf. Harry folgte ihm und setzte sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch.
Der Raum wirkte schäbig, außer dem Schreibtisch und zwei Stühlen sah er noch einen Aktenschrank und einen Stuhl mit Schreibablage für den Protokollanten, der sich aber nicht im Zimmer aufhielt. Ein verstaubtes Fenster ließ wenig Licht herein. Hitlers Porträt an der Wand erschien ihm riesengroß. Am liebsten hätte Harry sich davon abgewandt gesetzt. Der Gestapo-Beamte, ein schlanker Mann mit kurzen blonden Haaren, etwa in seinem Alter, nahm ihm gegenüber Platz, knallte eine Akte zwischen sie und musterte ihn mit einem Grinsen. Ohne sich mit Namen vorzustellen begann er das Verhör:
»Na, wieder einer, der ein Schwein schlachtet, ohne das anzumelden? Du meintest wohl, wir kommen nicht dahinter, was? Dass ihr Brüder das noch nicht gemerkt habt, wir haben nicht nur zwei Augen, wir haben viele Augen. So einem wie dich, der den hungernden Menschen und vor allem den tapferen Soldaten das Fleisch stiehlt, den Männern, die für das Vaterland kämpfen, sich jeden Tag dem Feind entgegenwerfen, dem sollte man …, aber Hauptsache, deine Familie hat genug zu fressen, was? Gott sei Dank gibt es treue Kameraden, die so was melden. Ja, und da haste gestaunt, dass der Hasso was gerochen hat, nicht wahr? Du hast nämlich die Blutspur des Schweins nicht gut genug vernichtet, warst dir zu sicher. Wenn man den Hals nicht vollkriegt, dann fällt man auf. Unser Führer sieht alles.« Sein stechender Blick fixierte ihn. »Hast du was dazu zu sagen?«
Harrys Herz pochte vor Zorn und Angst. Ich muss vorsichtig sein, nahm er sich vor, wer weiß, was sonst Regina und den Kindern blüht? »Sie sehen nicht älter aus als ich, aber vielleicht haben Sie Hunger noch nie am eigenen Leib erfahren. Für ein Fünftel des Schweins, das man als Bauer selbst behalten kann, bekommt man weniger Lebensmittelkarten. Um eine vierköpfige Familie zu ernähren, reicht das nicht. Die Kinder wachsen und Fleisch …«, der Gestapo-Beamte unterbrach ihn barsch: »Die Kinder der Soldaten wachsen auch. Was du getan hast, ist eine Straftat. Recht ist, was dem Volk nützt. Hat man dir das nie beigebracht?«
»Als Bauer arbeite ich nicht erst seit Kriegsbeginn für die Bevölkerung. Alle profitieren von unserer Arbeit. Ja, ich habe zum ersten Mal ein Schwein illegal geschlachtet, ohne das der Steuerbehörde zuvor zu melden. Warum? Weil wir Bauern weniger Fleischmarken bekommen als andere Bürger. Meine Kinder, die zur Schule gehen und lernen müssen – wie denn, mit Hunger im Bauch und …«
»Halt endlich dein Maul, Molter!« Der Beamte sprang hoch und baute sich vor ihm auf: »Was bildest du dir denn ein? Du bist ein Volksschädling, Bauer hin, Bauer her. Wer sich mit solchen Handlungen wie Schwarzschlachten gegen Gesetze des Reiches stellt, der muss mit den Folgen rechnen. Das gilt auch für deine Familie, ich hoffe du verstehst, was ich meine.«
»Nein, verstehe ich nicht, Herr …?«
Der Gestapo-Beamte reagierte nicht auf Harrys Wunsch, seinen Namen zu erfahren. »Deine Frau, Regina heißt sie doch, nicht wahr?« Er öffnete die Akte, die vor ihm lag. »Kontakte zu Sozis, ah …«, murmelte er und blätterte weiter, »sieht gut aus, deine Frau, die wird bestimmt nicht lange allein schlafen. Es gibt Stimmen in meiner Partei, die meinen, wer dem Führer nicht folgt, so wie du und sie, die muss man doch mal fragen, ob die denn noch Deutsche sind? Das gilt auch für deine Frau. Nur zwei Kinder, das sieht der Führer nicht so gerne. Arische Menschen sollten sich schon bemühen, die wundervollen Ideen des Führers umzusetzen und die arische Rasse zu vermehren. Da hat sie ja auch noch was zu tun.« Mit diesem Satz verzog ein Grinsen sein Gesicht.
»Du weißt, was ich meine, sie hat so schönes Haar und große Augen. Bestimmt blau, oder? Das schreit doch nach einem weiteren Kind für den Führer.«
Harry sprang auf. Ihm war egal, was mit ihm passierte, aber seine Frau und die Kinder … »wehe, wenn Sie meiner Familie etwas antun«, schrie er, um im nächsten Augenblick innezuhalten. »Ich werde dich finden, das schwöre ich!«, fügte er leise hinzu. Er wollte sich beruhigen. Setzte sich wieder.
Der Beamte lachte auf und schlug Harry ins Gesicht. Aus dessen Nase tropfte Blut. Er wischte es mit seinem Jackenärmel ab. Diesem Schwein würde er keine Schwäche zeigen.
»Also, ich gehöre nicht zu denen, die alleinstehende ungehorsame Frauen belästigen«, fuhr der Kommissar fort, »aber für manche Kollegen kann ich nicht garantieren. Ich bin ja nur ein Kriminalkommissar, der die Vernehmungen macht und Gesetze zu achten hat. Wieso ist sie eigentlich nicht ins Arbeitslager gekommen, als man von ihren Kontakten zu den Sozialdemokraten erfahren hat?« Er schaute in die Akte. »Das war 1932. Hast du dir mal überlegt, wer sie damals beschützt haben könnte? Ach, das kann ich selbst herausfinden, wenn ich will. Aber das spielt jetzt keine Rolle. Wichtig für dich müsste sein, wer sie schützen kann, während du im Knast bist? Neulich hat jemand in Kleve, auch ein Volksschädling wie du, ebenfalls ein Bauernfritze, versucht, die Kriegswirtschaftsgesetze zu missachten. Der wandert jetzt für zwei Jahre in den Knast. Wenn du einen Rat willst, dann gib deine Straftat zu, unterschreibe dein Geständnis, und dann gehst du in die Zelle zurück. Deine Frau wird dann nur als Zeugin verhört, obwohl sie ja dabei gewesen sein muss. Wir wollen deine Familie nicht zerstören. Aber wenn du nicht unterschreibst, wird auch deine Frau beschuldigt werden. Morgen kommt der Untersuchungsrichter und wird dir dann zeigen, wie dein Leben weiter geht, mein Freund. Stell dich schon mal auf längere Zeit im Gefängnis ein.«
Er machte eine Pause, beobachtete Harrys Reaktion. Dieser saß nach seinem Gefühlsausbruch zusammengesunken im Stuhl. Das hätte mir nicht passieren dürfen, hämmerten die Gedanken in seinem Kopf. Der Gestapo-Beamte schob ihm ein Protokoll zur Unterschrift über den Tisch. »Hier, unterschreibe das, das ist dein Geständnis. Kannst du das lesen, oder muss ich es dir vorlesen?«
»Was soll die Frage? Natürlich kann ich lesen.«
»Morgen reden wir weiter, jetzt unterschreibe schon.«
Während Harry unterschrieb, fiel ihm auf, dass der Schriftsatz bereits eine andere Unterschrift, die des Kommissars, trug. Die musste schon vor diesem Verhör dort gewesen sein. Der Text schien ein Standardtext für Vergehen wie Schwarzschlachten sein. Es gelang ihm gerade noch, den Namen zu lesen, mit dem der Beamte unterschrieben hatte: Augsburger. Den Namen würde er niemals vergessen, schwor er.
Ein zweiter Polizist kam und legte ihm Handschellen an. Beim Hinausgehen würdigte er den Kommissar keines Blickes mehr. Er wurde in eine Zelle gebracht. Er hämmerte seinen Zorn und seine Machtlosigkeit mit den Fäusten an die Zellenwand, bis seine Handkanten bluteten. Sein Kopf dröhnte und drückte vor Schmerzen, als platze er jeden Augenblick.
Wie weit war es mit ihm gekommen? Vorige Woche hatte er sich noch mit anderen Bauern zum Bierchen getroffen, sie sprachen über die bevorstehende Gemüseernte und den großen Fleischmangel, der allen zu schaffen machte. Natürlich auch über die letzten Bombennächte. Erst recht sparten sie nicht mit Kritik an ihrem Ortsbauernführer Günther Schmitz. »Den Nazis so in den Arsch zu kriechen, den erkennt man ja nicht wieder. Der arbeitet doch nur noch für die Partei, sitzt im Büro und lässt seine Frau, die Marianne, mit Zwangsarbeitern schuften, die von den Nazis auf den Hof gebracht werden. Ich sage euch, das machen die nicht mehr lang, im englischen Radio hieß es, dass mehr und mehr Luftangriffe von den Engländern und den Amis kommen werden und die Wehrmacht im Osten hohe Verluste habe«, flüsterte Otto. Die Einschätzung seines Nachbarn war nur für ihren kleinen Kreis bestimmt.
Der und die beiden anderen hielten all die Zeit zu ihm, verteidigten ihn vor jenen Bauern, die in die Partei eingetreten waren und Harrys Parteilosigkeit störte, so als hätten sie selbst Nachteile dadurch. Fast alle, die Schweine aufzogen, schlachteten mitunter schwarz. Aber nie war vor ihm einer deswegen denunziert worden.
So wanderten seine Gedanken im Kreis, bis sie ihn wieder zu seiner ohnmächtigen Angst um Regina und seine Mädchen führten. Es würde seine Schuld sein, wenn ihnen etwas zustieße. Regina nahm vor einigen Jahren ein paar Mal an Treffen der Sozialdemokraten in Düsseldorf teil. Deshalb legte man wohl damals die Akte über sie an. Er dachte nach. Was könnten die Nazis noch über sie gesammelt haben? Nur die Teilnahme an drei oder vier Versammlungen 1932 machte sie kaum zur Volksverräterin. Die Art, wie der Kommissar über sie gesprochen und das Bild in ihrer Akte mit diesem lüsternen Blick verschlungen hatte, ließ ihn schaudern.
Regina wollte ihn vom Schlachten abbringen, sie stritten sich sogar deswegen, aber er musste sich ja unbedingt durchsetzen. Er kannte doch die Gefahren, die das mit sich bringen würde. Politik interessierte ihn nicht. Ihm wurde übel, und er erbrach Galle in den Toilettentopf. Er hatte den Tag über ja noch nichts gegessen oder getrunken. Er ging zur Tür und klopfte laut dagegen. Das musste er mehrmals machen, es dauerte lange, bis jemand kam und die Klappe öffnete. »Was willst du?«
»Wasser!«
Wortlos verriegelte der Wärter das Fenster. Nach einer gefühlten Ewigkeit sperrte er es wieder auf und reichte ein Glas Wasser hindurch. Ohne ein Wort zu sagen, stieß er die Öffnung abermals zu. Harry trank hastig das Wasser. Es rann kühl seine Kehle hinunter, ohne seinen Durst gänzlich zu löschen. Vor Erschöpfung fiel er in einen unruhigen Schlaf.
Düsseldorf, 21. März 1943 – Gestapoleitstelle
Schwaches Tageslicht drang durch das vergitterte Fenster, das nur einen kleinen Ausschnitt des wolkenverhangenen Himmels freigab. Die Klappe in der Zellentür wurde geöffnet, und jemand reichte ihm Wasser und zwei Scheiben Brot herein.
»Beeil dich mit Essen, um neun will der Herr Kriminalkommissar Augsburger noch mit dir sprechen. In zehn Minuten hole ich dich ab.« Der Wärter schloss die Luke. Der Name Augsburger trieb Harrys Herzschlag an. Er wusch sein Gesicht und die Hände an dem kleinen Waschbecken in der Zelle und verrichtete seine Notdurft. Er trank nur das Wasser. Ein paar Bisse ins trockene Brot genügten ihm, Hunger spürte er nicht mehr. Kurz danach öffnete sich die Zellentür. Ein Wärter trat mit einem knappen »Guten Morgen« ein. Dann nahm er Harrys Arm und dirigierte ihn aus der Zelle hinaus zum Vernehmungszimmer. Augsburger empfing ihn im selben Zimmer wie tags zuvor.
»Na, wie hat das Frühstück geschmeckt? Brot mit Schweinebauch wäre besser gewesen, nicht wahr, mein Freund?« Hell auflachend klopfte er sich auf die Schenkel. »Die Hochzeitsnacht allein in der Zelle. Ja, ich habe in der Akte gelesen, ihr hattet gestern den elften Hochzeitstag.« Seine Lippen verzogen sich wieder zu jenem Grinsen. »Aber nach so langer Ehe ist es mit der Liebe bestimmt nicht mehr so doll, nicht wahr? Da kann man doch stattdessen eine Nacht in einer unserer hübschen Zellen verbringen, ohne was zu vermissen, ist doch so, oder?«
Er wartete keine Antwort ab, fuhr plötzlich in milderem Ton, fast schon freundlich fort: »Ich möchte dir helfen. Der Günther, dein Freund, oder soll ich sagen, dein ehemaliger Freund, hat mich gestern noch angerufen und gefragt, ob ich nicht was für dich tun könne, du seist doch kein übler Straftäter, der dem Führer habe schaden wollen mit dem Schwarzschlachten. Und so ein guter Bauer, du habest im Dorf nie schlecht über die Politik des Führers gesprochen, auch wenn du kein Parteigenosse bist. Ich habe dem Günther gesagt, sicher könne ich was tun, aber dann hätte ich auch was gut bei dir. Das hat er eingesehen. Wir sind uns schnell einig geworden. Günther wird auf deine Familie aufpassen, damit Regina nichts Unerfreuliches passiert. Du verstehst schon, was ich meine, oder? Ich kann ja nicht täglich auf deinem Hof nach dem Rechten schauen, habe ja genug zu tun. Aber ich mache dir einen Vorschlag: Du meldest dich freiwillig zur Wehrmacht, es werden Soldaten für den Endsieg gebraucht. Dann musst du nicht ins Gefängnis. Hier, ich lese dir mal die Kriegswirtschaftsverordnung vor, gegen die du verstoßen hast. Er legte ein Blatt auf den Tisch und begann zu lesen: »§1 Abs. (1) Wer Rohstoffe oder Erzeugnisse, die zum lebenswichtigen Bedarf der Bevölkerung gehören, vernichtet, beiseite schafft oder zurückhält und dadurch böswillig die Deckung dieses Bedarfs gefährdet, wird mit Zuchthaus oder Gefängnis bestraft. In besonders schweren Fällen kann auf Todesstrafe erkannt werden. Da siehst du, wie schwer deine Tat wiegt und was dir dafür blühen kann. Erfahrungsgemäß gibt es Richter bei den Sondergerichten, die das sehr hart bestrafen. Wenn du aber meinem Rat folgst, kommst Du stattdessen für kurze Zeit in eine Ausbildungseinheit der Wehrmacht und wirst dann dahin geschickt, wo du gebraucht wirst. Du wirst sozusagen vom Schädling zum Helden für Volk und Vaterland. Wir nennen das Frontbewährung. Offiziell! Mit hoher Wahrscheinlichkeit gibt es aber hinter der Front genug Arbeit. Hast ja keine soldatische Erfahrung. Und ich sorge dafür, dass du spätestens nach sechs Monaten wieder zurück sein wirst bei deiner Frau und den Mädchen. Dann bist du ein freier Mann, niemand wird von der Strafsache erfahren, in deiner Akte wird kein Eintrag darüber sein. Das ist doch besser, als ins Gefängnis zu gehen, zu den anderen Verbrechern, die dich als Volksschädling behandeln werden. Wer weiß, ob du aus der Ulmer Höh lebend raus kommst? Die Wärter dort …«, er zog die Augenbrauen hoch, »du weißt schon, hast es bestimmt schon gehört, brauch ich dir nicht erklären, spricht sich ja herum.«
Der Kommissar machte eine Pause und beobachtete die Wirkung seiner Worte. Harry verlor jegliche Farbe aus dem Gesicht. »Günther wird deine Regina schon aus alter Freundschaft beschützen.«
Harry überlegte. Warum wollte dieser Mann ihm etwas ersparen? Was hatte Günther denn überhaupt mit diesem Menschen zu tun? Eine Hand wäscht die andere?
»Du hast jetzt zwei Stunden Zeit, dir das zu überlegen. Höchstens zwei Stunden, nicht länger. Dann lass ich dich holen. Ich lege dir ein Blatt hierhin, und wenn du dich entschieden hast für die Wehrmacht, dann stelle den Aufnahmeantrag. Da muss drinstehen, dass du dich freiwillig meldest. Dann können wir uns das andere Verfahren ganz ersparen. Und unser Richter, der für dich zuständig ist, freut sich über jeden neuen Soldaten. Ich hoffe, du hast mich verstanden!«
»Kann ich darüber mit meiner Frau sprechen?«
»Nein, kannst du nicht. Du musst schon selbst entscheiden.« Damit wandte Augsburger sich um und verließ grußlos den Raum.
In Harrys Kopf drehte sich alles. Klar denken fiel ihm schwer. Könnte er sich doch nur mit Regina beraten. Zwei Stunden Zeit, um solch eine schwer wiegende Entscheidung zu fällen! Bisher entschieden sie sämtliche wichtigen Dinge zusammen. Sie waren nicht immer einer Meinung, konnten aber jedes Mal Kompromisse finden, wenn das notwendig gewesen war.
4
Düsseldorf-Bilk, März 1951
Das ehemalige Wohnhaus in der Neckarstraße 11 war nur noch eine Ruine. Die Seitenwände und die vordere Hausfassade hatten den Bombenangriff überstanden. Die Rückseite war bis auf die erste Etage zerstört, das Dach weggerissen bis auf verbrannte Reste. Die frühere Eingangstür ließ sich nicht mehr schließen. Durch den Spalt drückten sich Kinder in den Innenhof und liefen von dort aus über acht Stufen hinab in die Kellerräume. Im Hof oder gar in den Kellerräumen zu spielen, verboten die Eltern natürlich. Es sei zu gefährlich. Aber sie konnten es nicht verhindern. Die Kinder und Jugendlichen kannten viele Wege, in das Trümmerhaus zu gelangen, ohne erwischt zu werden.
So auch die besten, gleichaltrigen Freundinnen Rosa und Esther. Beide besuchten sie die Katholische Volksschule und teilten die gleichen Leidenschaften: Fußball, Völkerball und sonstige Spiele, die man zusammen mit anderen Kindern draußen spielen konnte. Beide vertrauten einander, tauschten Geheimnisse aus. Die Zahl der Familien, die im Hafenviertel wohnten, nahm nach Kriegsende stetig zu. Daher konnten Rosa und Esther sicher sein, neue Spielgefährten auf der Straße und im Trümmerhaus anzutreffen.
Die älteren Jungen trugen gammelige Matratzen in die Keller und machten es sich darauf gemütlich. Hier rauchten sie gesammelte Tabakreste und Stumpen. Man lungerte einfach nur herum. Die Themen, über die sie sich unterhielten, wechselten meist vom allgemeinen Fußball zu speziellen Ansichten über den besten deutschen Torwart Toni Turek bei der Fortuna Düsseldorf und endeten mit Bemerkungen zu den Mädchen aus der Clique. Über ein anderes Thema, die Heimkehr ihrer Väter aus dem Krieg, sprachen sie kaum miteinander. Da verarbeitete jedes Kind, jeder Jugendliche seine eigenen Erfahrungen, gute wie schlechte. Man wollte sich nicht schämen, wenn häufiger Streit das Familienleben nach der Heimkehr des Vaters prägte.
»Gut, dass du da bist«, begrüßte Rosa ihre Freundin, die vor dem Trümmerhaus schon auf sie wartete. Sie umarmten sich. Eine beste Freundin zu haben, fand sie wunderbar.
»Was sollen wir denn jetzt machen? Wozu hast du Lust? Sollen wir mal gucken, wo die Jungs sind? Vielleicht können wir mit denen Fußball spielen«, fragte Esther. »Nein, lass uns lieber zur Brache gehen und uns dort auf die Steine setzen. Ich muss dir was ganz Unheimliches erzählen.« Rosa fasste ihre Freundin an der Hand, bevor sie antworten konnte, und zog sie mit sich in den Trümmerhof. Niemand außer ihnen war dort. Sie gingen in Richtung Brache.
»Jetzt sag schon, was ist denn passiert?« Esther war gespannt auf eine neue Geschichte. Sie kamen an der Brache an. Auch keiner zu sehen. Sonst spielten um diese Uhrzeit meist Kinder hier. Aber es fiel ein leichter Nieselregen. Sie setzten sich auf einen Steinbrocken, der am Boden lag.
»Esther, ich muss dir was sagen. Was ganz Wichtiges, du musst mir versprechen, dass du niemandem davon erzählst.«
Esthers Augen wurden groß. »Was denn, ein Geheimnis?«
Rosa erzählte ihr von der Gestalt auf dem Speicher. Esther war beeindruckt. Ihr gruselte allein beim Gedanken daran, so etwas erleben zu müssen. Sie glaubte Rosa sofort. »Hast du die Gestalt denn danach noch einmal gesehen?«
»Nee, ich bin ja nur heute Mittag nochmal auf den Speicher gestiegen, dort war niemand. Aber ich weiß nicht, ob ich so jemandem noch einmal begegnen will. Das war so aufregend, und ich weiß ja nicht, was die oder der auf dem Speicher wollte.«
»Hast du jetzt noch mehr Angst, da hoch zu gehen?«
»Nur ein bisschen. Heute Mittag bin ich ganz langsam die Treppe hoch gegangen. Meine Mutter glaubt mir immer noch nicht.«
»Das mit dem Pinkelpott finde ich lustig«, kicherte Esther, »und stell dir mal vor, wie die blöde König im Nachthemd auf dem Podest ausrutscht und in die Pipipfütze fällt …« Beide Mädchen prusteten los.
»Sagst du mir, wenn du die Gestalt noch einmal siehst? Ich will die dann auch sehen.«
»Aber ob die noch mal zu uns auf den Speicher kommt, weiß ich ja nicht. Wenn die mir noch mal begegnet, dann müssen wir herausfinden, wer das ist. Ich habe ja gehört, dass sie geatmet hat. Das kann ja kein Geist gewesen sein.«
»Wenn das ein Mensch gewesen ist, war das bestimmt ein Mann.«
Rosa nickte. »Kann sein. Wenn der nicht auf dem Speicher schläft, wo könnte der denn dann schlafen?«
»Vielleicht in Hauseingängen oder in Kirchen? Rita hat mal erzählt, dass im Trümmerhaus in der Erftstraße jemand gesehen worden ist, der dort eine Zeit lang übernachtet hat.«
»Aber der Eingang ist ja jetzt zugenagelt worden. Wir müssen halt aufpassen und uns umhören. Und wir sollten die älteren Jungs fragen, ob die schon mal in Neckar 11 einen gesehen haben, der da geschlafen hat. Ich muss dich aber noch was fragen: Hast du schon mal den alten Mann gesehen, der so oft hier herumschleicht, als ob der was sucht?«
»Ja«, erinnerte sich Esther, »ab und zu habe ich den schon gesehen. Der hat eine komische Frisur, so gelbes Haar mit einem Zopf hinten.« Beide lachten, auch Rosa konnte sich an diesen Zopf erinnern.
»Ja, das ist er, den meine ich. Der sieht von hinten aus wie eine Frau.«
»Mein Papa hat den auch gesehen, als wir vorige Woche durch die Gilbachstraße gingen und hat den Kopf geschüttelt«, antwortete Esther. »Der ist bestimmt vom anderen Ufer, den haben sie auch vergessen zu vergasen«, sagte er.
»Was meinte er denn mit vergasen?«, wollte Rosa wissen. »Weißt du, was das ist … vergasen?«
»Nee, weiß ich auch nicht, irgendwas mit Gas jedenfalls«, sagte Esther. »Ich habe das auch schon mal gehört, als ein Nachbar so was zu meinem Vater gesagt hat, als die über den polnischen Mann gesprochen haben, der über uns wohnt und kaum deutsch spricht. Frag doch deinen Vater mal, was damit gemeint ist. Weißt du denn, wo der Mann wohnt?«
»Weiß ich nicht, warum willst du das denn wissen?« fragte Esther.
»Wir könnten herausfinden, wo der wohnt. Vielleicht hat der ganz in der Nähe eine Wohnung, in der Gilbachstraße vielleicht? Sollen wir ihn jetzt immer den Gelben nennen?« Rosa sah Esther an. Die nickte.
»Der ist mir schon mal im Trümmerhof entgegen gekommen und meinte, ich solle abhauen, ich hätte da nix zu suchen. Und der guckte mich mit so zusammengekniffenen Augen an. Hast du mal diese Augen gesehen? Da kriegt man Angst. Ich glaube, die sind auch ganz gelb. Machst du mit, den genau zu beobachten? Alleine traue ich mich nicht. Stell dir vor, der sieht mich im Keller und schlägt mich dann vielleicht oder bringt mich sogar um.«
»Meinst du, das würde der machen? Das ist ja spannend.« Esther strahlte. Nach einem langweiligen Wochenende nun so etwas Aufregendes. Am liebsten wollte sie sofort aufstehen, den ›Gelben‹ suchen und beobachten, die Polizei rufen … »Ja, ich mache mit!« Das klang begeistert. »Aber was ist, wenn der eine Pistole hat? Mein Vater besitzt ein Schweizer Messer, soll ich das mitbringen?«
»Ja toll«, Rosa klatschte in die Hände, »hat der auch eine Taschenlampe?«
»Ja, hat er.«
»Bringst du die beim nächsten Mal mit? Dann haben wir zwei Lampen.«
Esther nickte, und Rosa entwickelte einen Plan:
»Dann müssen wir jetzt nur überlegen, wie wir ihn beobachten. Der darf uns ja nicht sehen. Wir sollten uns auf die Lauer legen, irgendwo im Gebüsch da vorne«, Rosa zeigte auf den Ausgang zur Gilbachstraße. »Und wir könnten auch in den zweiten Kellerraum gehen und suchen, was da noch sein könnte. Ich habe neulich, als ich im hinteren Raum stöberte, zwei silberne Esslöffel gefunden, mit eingeritzten Buchstaben im Löffelstil: Ein L und ein A. Vielleicht entdecken wir ja noch mehr Wertvolles. Rosa gefiel die Vorstellung, dort unter den Trümmern Reichtümer zu finden, die niemandem gehörten.
Mittlerweile regnete es leicht. Das machte das Sitzen ungemütlich. Sie standen auf und gingen in Richtung Gilbachstraße. Dabei erzählte Rosa ihrer Freundin andere Neuigkeiten der letzten Tage.
»Hast du von Winnie gehört? Der ist vom Eisenbalken in der Ruine Erftstraße gefallen. Meine Mutter hat sich sehr aufgeregt und geweint, als sie davon erfuhr. Sie kennt die Mutter vom Winnie gut.«
»Warst du dabei, als das passiert ist?«
»Nee … ich habe da gerade das Baby von Jasines verwahrt, die im Keller von Neckar 23 wohnt, die kennst du doch«, antwortete Rosa. »Aber die Jungs, die dabei gewesen sind, erzählten mir, wie die Mutter von Winfried geschrien hat, als man sie zur Unglücksstelle brachte und sie ihren Winnie da so liegen sah. Der sei ganz bleich gewesen und hätte im Blut gelegen«, fuhr Rosa fort. »Sie stürzte sich auf ihn, wollte ihn an sich ziehen und sein Gesicht streicheln, hat der Rudi erzählt, aber der Arzt und die Feuerwehrleute haben sie weggerissen und zum Rettungswagen gebracht. Da hat sie weiter geschrien. Dann gab der Arzt ihr eine Spritze. Sie wurde ins Martinus-Krankenhaus gebracht. Jetzt ist der Eingang zum Trümmerhaus mit Brettern zugenagelt. Schade. Bleibt nur noch unsere Neckar 11.«
»Und Winnie?«
»Der ist tot.«
»Wirklich? Warum ist der denn auf den Balken gestiegen?«, fragte Esther.
»War eine Mutprobe, machen die doch oft, die großen Jungs. Lass uns jetzt aber nicht mehr darüber sprechen«, bat Rosa. »Treffen wir uns morgen nach der Schule im Keller?«
Sie waren fast am Ende der Brache angekommen. »Du … es ist ja noch hell, lass uns doch jetzt mal schnell in den zweiten Keller gehen und suchen«, schlug Esther vor.
Rosa nickte ihr zu. Sie drehten um und liefen zum Rand der Ruine. Es war leicht, über die Steinhaufen zum schmalen Durchgang zu gelangen, der auf den Innenhof führte. Schnell erreichten sie ihn und stiegen hinunter in den hinteren Kellerraum.
»Guck mal, hier lagen die Silberlöffel herum. Vielleicht finden wir noch etwas.« Rosa zeigte in den Raum auf den Fundort der Löffel. Für solche Suchaktionen trug Rosa meistens die kleine Taschenlampe in der Rocktasche. So auch heute. Beide suchten im Lichtkegel der Lampe den Raum ab. Im hinteren Drittel lagen größere Steinbrocken aufeinander, dazwischen alte Decken, zerrissene uralte Kleidungsstücke, vom Staub bedeckt, manche von Ratten angenagt. Auch jetzt hörte sich ein Geräusch so an, als versuche eine Maus oder Ratte das Weite zu suchen.
Als Rosa sich bückte, sah sie wieder ein kleines rundes silbrig scheinendes Ding auf der Erde liegen. Sie hob es auf und staunte … es war ein Knopf, wie der, den sie auf ihrem Weg zum Speicher gefunden hatte. »Esther«, rief sie aufgeregt, »guck mal, was ich gefunden habe.«
Esther kam aus der anderen Ecke und betrachtete den Knopf. Sie drehte ihn um. »Hier ist was eingeritzt. M O T Z, was bedeutet das wohl?«
Das Geräusch näher kommender Schritte aus dem vorderen Keller ließ sie innehalten.
Rosa und Esther drehten sich um. Eine Person blieb im Durchgang zum hinteren Kellerraum stehen, schaute sie an. Rosa leuchtete mit der Taschenlampe in seine Richtung und erkannte den alten Mann, den ›Gelben‹. Als er die Kinder erblickte, wandte er sich kurz um und ging dann zurück durch den ersten Keller in Richtung Treppenaufgang. Esther lief hinterher und prallte gegen ihn, als der Mann plötzlich stehenblieb. Nun ging alles ganz schnell: Der Gelbe versetzte Esther einen leichten Schubs, sie fiel hin. Er rannte weg, die Treppen hoch und hinaus auf den Hof. Dort stolperte er und wäre fast gestürzt, konnte sich aber gerade noch fangen und lief weiter über die Steine zur Brache. Esthers Herz pochte. Sie rappelte sich auf und folgte ihm in den Hof, als sie plötzlich ein rotes Büchlein auf dem Boden liegen sah. Ihre Wangen glühten.
»Guck mal, der hat was verloren.« Esther hob es auf. Das kleine Buch mit rotem Buchdeckel musste dem Mann beim Stolpern aus der Manteltasche gerutscht sein.
»Mach mal auf!« Rosa, die ihr gefolgt war, hüpfte von einem Bein aufs andere, gespannt wie noch nie.
Esther öffnete das Buch. Es bestand nur aus fünf Seiten, alle weiteren hatte jemand herausgerissen. Der Einband trug einen Adler auf der Vorderseite. Sie blätterten die zweite Seite auf.
»NATIONALISTISCHE ARBEITERPARTEI DEUTSCHLAND«, las Esther vor.
»Mitglied: Richard Augsburger, Wohnhaft: Neckarstraße 11, Düsseldorf«, las sie weiter. Ihr verschlug es fast die Sprache.
»Boah … guck mal, das ist ja die Adresse von hier, vom Trümmerhaus.«
Sie blickten sich erstaunt an.
»Komm schnell, das müssen wir den anderen zeigen«, rief Rosa aufgeregt. »Vielleicht sind Rita und Walter ja auf der Straße.«
Sie klappten das Buch zu und verließen den Hof durch den Ausgang zur Neckarstraße.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite lungerte eine Gruppe älterer Nachbarskinder vor einem der Hauseingänge herum. Zu ihnen gehörte die vierzehnjährige Rita, Esthers Schwester. Sie hatte schon einen heimlichen Freund, Walter, mit dem sie oft eng umschlungen im Hafen spazieren ging. Alle wussten das. Er war sechzehn und stand auch dabei, zusammen mit seinem Freund Stefan.
Diese Größeren besaßen die Arroganz der Pubertät von Leuten, die, wie sie sagten, schon allerhand mitgemacht hätten. In gewisser Weise war das richtig, denn der Krieg und die Zeit unmittelbar nach dem Zusammenbruch hatten ihnen die Kindheit gestohlen und sie mit dem brutalen Zwang zum Überleben viel zu rasch älter werden lassen. Sie rauchten, tranken Bier, konnten alles irgendwie besorgen, wollten ein paar Mark verdienen und taten so, als kannten sie das Leben in- und auswendig und als könne sie nichts mehr zum Staunen bringen. Das Wichtigste für sie war Fußball, die Fortuna, Toni Turek und das Stadion. Auch wenn sich Rosa und Esther bei den Großen wohlfühlten, bekamen sie oft, vor allem von Stefan und Walter, zu spüren, dass sie nicht ernst genommen wurden. Dann lachten die beiden Jungs über die Kleinen und den Kinderkram in ihren Geschichten. Doch heute glaubten Rosa und Esther, sie mit ihrem Fund beeindrucken zu können.
»Sollen wir euch mal zeigen, was wir gerade im Hof vom Trümmerkeller gefunden haben?« Rosa zog stolz das rote Büchlein und den Knopf aus ihrer Jackentasche.
»Auweia, das ist doch ein Parteibuch der Nazis«, rief Stefan aus, »mein Vater hat auch so eins. Im Schrank versteckt! Die darf man heute nicht mehr zeigen, hat er gesagt. Aber in ein paar Jahren könne man die für viel Geld verkaufen.«
Rita war neugierig geworden. »Lass mal gucken, das habe ich noch nie gesehen.«
Stefan gab ihr das Buch. Sie blätterte darin herum. Es war Mitgliedsbuch und Personalausweis in einem. Wieso lag ein rotes Parteibuch im Trümmerhof? Vor einigen Tagen war sie mit Stefan und Walter noch dort gewesen, aber da hatte kein Buch gelegen, der leuchtend rote Einband mit Adler und Hakenkreuz wäre ihnen aufgefallen.
»Mensch, das ist ja wahnsinnig. Das gehörte einem Herrn Richard Augsburger. Guckt mal, ein Foto von dem ist da drin, mit Hakenkreuz an der Jacke. Der sieht jung aus. Das Buch ist von 1932.«
»Wir haben noch etwas gefunden, den Knopf hier. Da steht auch was drauf: M O T Z.«
Rosa legte den Knopf in ihre Handfläche, so dass die anderen ihn sehen konnten.
»Das ist doch ein Knopf von einem Soldatenmantel«, erklärte Walter. Er kannte solche Knöpfe vom alten Mantel seines Vaters. »Verkauft ihr mir das Parteibuch? Ich sammle so was.«
Rosa schüttelte den Kopf. »Das Buch brauchen wir noch. Das ist nämlich wichtig. Der Mann auf dem Foto sieht so ähnlich aus wie der Gelbe, der ist nur älter als der auf dem Foto und hat einen gelben Pferdeschwanz.«
»Hä? Der Gelbe? Wer ist das denn? Erzählt mal.«
Rita war gespannt. Was hatten denn die beiden Kleinen mit einem Mann mit langen gelben Haaren zu tun? Sie wusste, dass Rosa und Esther manches Mal fantastische Geschichten erzählten über fremde Leute, die ihnen verdächtig vorkamen. Dann beobachteten sie die Person und sammelten sogenannte Beweise dafür, dass ein Verbrechen, wie sie es nannten, im Gange war. Die Geschichten wirkten oft übertrieben. Dumme Kindergeschichten, also kaum zu glauben. Aber das rote Buch lag in ihrer Hand, und das bewies, dass es diesmal keine Fantasien der beiden waren.
Stefan sah sich das Buch noch einmal an. »Rosa, was macht denn der sogenannte Gelbe im Trümmerkeller?«
Rosa zuckte die Achseln. »Weiß ich nicht. Der sucht was. Ich habe da auch schon Silberlöffel gefunden«, erklärte sie.
Walter griff nun zu dem Büchlein. »Und wo habt ihr den Gelben sonst noch gesehen?«
»Im Trümmerhof, aber der Mann geht immer zur Gilbachstraße raus, klettert hinten vom Hof über die Steine, die da herumliegen und läuft raus auf die große Wiese hinter dem Gestrüpp.«
»Wenn euer Gelber wirklich ein Nazi gewesen ist und hier wohnte und nun zur Gilbach hinaus schleicht, dann könntet ihr doch mal herausfinden, ob der jetzt dort in der Gegend wohnt. Ihr müsst aber vorsichtig sein. Kapiert? Der kann gefährlich sein. Wer weiß, was der sucht?«
Stefan hatte schon einiges über die Nationalsozialisten gehört und gelesen. Manchmal erzählte sogar sein Vater davon, jedoch nicht gern. Es hieß immer nur, die Nazis seien scharfe Hunde gewesen und hätten mit jedem, der den Mund aufmachte, kurzen Prozess gemacht. Oder es hieß, das war die schlimme Zeit. Allerdings lebte sein Vater doch auch in dieser Zeit. Er spürte, dass niemand etwas Genaues sagen wollte. Daraus schloss er, ohne es wirklich zu verstehen, dass von einem Typen wie dem Mann mit den gelben Haaren eine Gefahr ausgehen musste.
Er redete weiter zu den Mädchen: »Ein Nazi, der sich im Keller seines ehemaligen Wohnhauses herumtreibt, könnte etwas suchen, was er in der Kriegszeit dort versteckte. Vielleicht auch Waffen. Dieser Keller ist ja als Unterkunft sogar noch fast bewohnbar, wenn man sonst kein Dach über dem Kopf hat, so wie einige andere im Viertel auch. Also Vorsicht, verstanden, ihr Dötze?«
»Ja, ja … wir sind ja keine kleinen Kinder mehr, schon gar keine Dötze«, fauchte Rosa zurück. »Krieg dich wieder ein, ich habe es ja nicht böse gemeint«, entschuldigte sich Stefan.
»Wenn der Gelbe uns was tun will, rufen wir euch. Wir sind vorsichtig, versprochen. Aber nichts den Eltern sagen! Wir müssen jetzt auch gehen. Tschühüüs!«
Rosa nahm das rote Buch und den Knopf, und die Mädchen gingen die Straße hinunter, setzten sich auf die hohe Bordsteinkante, die den Fahrweg säumte. Das war der Treffpunkt für die jüngeren Mädchen der Nachbarschaft. Sie packten ihre Glanzbilder aus und saßen nicht lange dort, als auch Brunhilde und ihre Kusine sich mit ihren Bildern dazu gesellten. Das Tauschgeschäft konnte beginnen.
Rita und die beiden Jungen standen noch eine Weile zusammen und sprachen über die Kinder und ihren Fund.
»Lasst uns mal ein Auge auf die beiden haben. Wer weiß, was das für ein Typ ist, dieser Gelbe«, schlug Rita vor. Unsere Eltern müssten auch Bescheid wissen. Was meint ihr?«
Die beiden Jungs stimmten ihr zu. Wirst du es deinen Eltern sagen?«
»Ja, aber erst werde ich heute Abend mit Esther noch mal darüber sprechen«, entgegnete Rita. Ich muss gleich zum Turnen. Also, macht’s gut. Treffen wir uns Samstag im Trümmerkeller um drei? Ich bringe was zu Trinken mit.«
»Auch was für Männer oder mehr so ein Mädchengebräu?« Walter sah Stefan an, und beide lachten.
»Lasst euch überraschen, ihr harten Kerle«, frotzelte Rita. Walter allerdings warf sie eine Kusshand zu.
5
Düsseldorf, April 1951
Er torkelte durch Bilk. Trübe Gedanken verführten zum Trinken, wie so oft schon. Für billigen Fusel reichte sein Geld gerade noch, die paar Kröten, die er durch Hilfstätigkeiten im Obdachlosenasyl verdiente.
Am Erftplatz traf er vier Kumpane. Einige Stunden standen sie zusammen und tranken.
»Was ist eigentlich mit deiner Hand passiert, Horst? Krieg oder was?«, fragte er den Mann neben sich, den er bereits von solchen Trinkgelagen kannte.
»Natürlich Krieg, wovon sonst?«, antwortete dieser und blickte auf den Stumpf, an dem ehemals seine linke Hand gewesen war.
»Amerikanischer Granatsplitter. Aber die Nationalität der Waffen ist ja scheißegal, das Resultat immer das Gleiche.«
Mit seinen dreißig Jahren der jüngste auf dem Platz, fand er als einhändiger Dachdecker keine Arbeit mehr. Jetzt bekam er nur eine niedrige Rente als Kriegsversehrter. Gott sei Dank arbeitete sein Bruder als Maurer, und der steckte ihm regelmäßig etwas Geld zu. Mit diesen kleinen aber wiederkehrenden monatlichen Almosen war er reich im Vergleich zu den drei anderen. Sie lebten ebenfalls ohne festen Wohnsitz, ohne Familie.
Daraus ergaben sich auch die Themen, über die sie sprachen. Essen, Schlafen, Sicherheit. Das, was für sie am Nächsten lag. Selbst im Obdachlosenasyl gab es keine Gewähr vor Kleiderklau. Manchmal konnte die Decke, die man am Morgen zurückließ, um sie nicht durch die Stadt schleppen zu müssen, nicht mehr aufgefunden werden. Es ging nur ums Überleben. Über Politik schwiegen sie. Das konnte leicht zu Streit und Gewalt führen. Einen weiteren Tag zu überstehen, das war wichtig. Dafür brauchte man seine Energie.
Der Schnaps, den sie sich herumreichten, war bald ausgetrunken, und der Mann fühlte sich nur noch müde. Er verabschiedete sich von seinen Zechgenossen. Er benötigte eine Schlafmöglichkeit nicht weit von hier, weil das Laufen sehr beschwerlich war. Mit dem schmerzenden Fuß konnte er nicht bis zur Unterkunft in der Stadtmitte gehen. Tags zuvor trat er in der Altstadt in einen rostigen Nagel, die dünn gelaufenen Sohlen seiner Schuhe boten keinerlei Schutz. Der Nagel bohrte sich in den Ballen, drang tief ein, und die Wunde entzündete sich sofort. Er sah sich um, kannte sich in diesem Bezirk ja aus. Früher, vor dem Krieg, fuhr er oft von Hamm durch das Hafenviertel mit dem Rad zur Altstadt. Im Trümmerhaus Neckarstraße 11 konnte er in den letzten Monaten auch schon mehrmals übernachten. Die alten Matratzen und Lumpen im zweiten Kellerraum würden bestimmt noch dort sein.
Er humpelte zum Eingang und trat in den Trümmerhof. Ein strenger Geruch wehte ihm entgegen. Als er über die Stufen hinab in den Keller gestiegen und die nach Urin stinkende Matratze vor sich liegen sah, wurde ihm trotz der Wirkung des Alkohols bewusst, wie tief er mittlerweile gesunken war.
Jeden Tag lief er wie ein Gespenst durch die Stadt. Mit verschlossenen, gesenkten Augen ging er oft wie gehetzt. Ziellos, freudlos, ohne Freunde und Familie, die ihm hätten helfen können. Mut fassen, Hoffnung schöpfen. Um sich aus dieser Lage befreien zu können. Er stank, trug den alten Soldatenmantel auf links gedreht. Der Blick zurück verstellte den Blick nach vorn. Das wusste er. Aber nur die Gedanken an die Familie, an die Arbeit, die Felder, die er einst liebte, nur an das ‘Damals‘ gab ihm noch einen Halt. Die Gegenwart bot ihm nichts, sie zeigte sich fremd und bedrohlich. Deshalb floh er in die Erinnerungen, ganz in sich zurückgezogen. Wie ein Mensch, dessen Leben seit langem mit tiefer Schuld verbunden ist. Und mit der Angst vor erneuter Strafe, wie damals wegen des geschlachteten Schweins. Durch die Ereignisse der letzten acht Jahre fühlte er Sicherheit und Heimat nur im Rückblick auf das Verlorene.
Tagsüber sah er nicht die Fortschritte bei der Trümmerbeseitigung, die funktionierende und drängende Geschäftigkeit in den Straßen. Einige Brücken wurden erneut aufgebaut. In den Gesichtern der Menschen sah man wieder Zukunft. Man hörte das Lachen und die Gespräche, die sich um die kleinen Dinge des Lebens drehten.
In dieser neuen Welt verschoben sich seine Koordinaten. Er kehrte in eine Gesellschaft zurück, die nichts mehr wissen wollte von Krieg, von Hitler oder vom Endsieg. Wenn, dann nur hinter vorgehaltener Hand. Das große Schweigen dämpfte sämtliche Geräusche. Und die sogenannten Helden verloren ihre Strahlkraft. Sein Äußeres verkörperte sein Inneres. Das alles verhinderte den Kontakt zu anderen Menschen, verhinderte, den Faden zu finden, der sein Wegweiser hätte sein können. Er gehörte nicht mehr dazu. Wollte er es denn überhaupt? Nicht einmal das konnte er beantworten. Niemand stellte ihm Fragen.
Natürlich könnte er zu einigen Dingen etwas sagen, traute sich aber nicht mehr für seine Meinung einzustehen. Manchmal verspürte er riesige Wut, die er sich selber nicht erklären konnte. Häufig siegte allerdings die Angst, und er fühlte sich schuldig, nur noch schuldig. Er fürchtete jede Ansprache, sah Strafe auf sich zukommen. Wofür, das wusste er, verstand es aber dennoch nicht. Deshalb wollte er lieber in seinem inneren Gefängnis bleiben, statt nochmals von Polizisten, Ärzten, Beamten eingesperrt zu werden. Manchmal wollte er aufhören zu leben, konnte aber keinen Mut für diesen Schritt finden. Dann betrank er sich. Schlief und aß zu wenig, scheute die Menschen. Bis sich sein Körper meldete … das Jucken der Haut in ungewaschener Kleidung. Hunger, Durst, irgendetwas, das ihn weckte und aus seiner Lethargie riss.
Wünsche und Sehnsüchte stiegen in sein Bewusstsein und forderten ihn auf, sich zu bewegen. Das Aufraffen und der nicht enden wollende innere Zwiespalt kosteten so viel Kraft. Wer würde das ändern können? Blieb er nüchtern, verengte sich sein selbstgeschaffener Fluchtraum, die Tagträume verloren ihre Farbe, und sein Kopf rief ihn zur Ordnung und Verantwortung. Er musste etwas zu Ende bringen und etwas wiederfinden. Seine Familie und sich selbst. Und es drängte die ebenso reale wie ungewisse Freiheit.
Vorgestern, das Mädchen auf dem Speicher, das ihn mit weit aufgerissenen Augen angestarrt und zuerst geschrien hatte vor Angst, als sei es dem Tod begegnet, das reagierte doch ganz natürlich und logisch auf ihn. Andere Menschen, die ihm täglich über den Weg liefen, schwiegen, gingen an ihm vorüber, meideten den direkten Kontakt mit ihm. Vielleicht würden die auch am liebsten Schreien vor Angst und Zorn über diesen Menschen, der so aussah wie das personifizierte Kriegsende.
Während ihn diese Gedanken quälten, suchte er im Halbdunkel nach der Liegekuhle für seinen geschundenen Körper. Den Mantel zog er aus, um sich damit zuzudecken. Alkohol und Dunkelheit machten seine Hände fahrig. Er bemerkte nicht den Knopf, der sich beim Versuch, den Mantel zu öffnen, löste und auf die Erde fiel. Er ließ sich auf die Matratze fallen. Innerhalb einer Minute schlief er ein.
Am nächsten Morgen spürte er noch stärkere Schmerzen in seinem Fuß als am Vorabend. Er entdeckte den tiefen Schnitt im Ballen. Die Umgebung der Wunde sah rot und geschwollen aus. Er versuchte aufzustehen und zu laufen, aber der Schmerz jagte durch seinen Fuß bis in die Wade. Dass er nichts zu essen besaß, bereitete ihm keine Sorgen. Im Krieg war das Alltag gewesen. Nur den Durst nahm er wahr. Er beschloss, liegen zu bleiben. Irgendwann würde der Schmerz nachlassen. Dann könnte er zum Obdachlosenasyl gehen.
6
Düsseldorf, 21. März 1943, Vormittag
Regina Molter traf zur Zeugenbefragung in der Gestapo-Leitstelle ein. Der Kommissar war auf das Gespräch vorbereitet. Sie musste beteiligt gewesen sein an der Schlachtung, davon ging er aus. Nachdem er vor einem Tag auf ihre Akte stieß und das Foto von ihr sah, glaubte er sich zu erinnern, dieser Frau mit der auffallend roten Lockenfrisur schon einmal begegnet zu sein. Dann fiel es ihm ein.
Es war 1937 auf einem Sommerfest im Hofgarten in Düsseldorf gewesen, den die Abteilung »Der Mensch«, eine Sektion der landwirtschaftlichen Berufsorganisation ›Reichsnährstand‹, hatte durchführen lassen. An solchen Festveranstaltungen erwartete man, dass die Bauern der Kreis- und Ortsbauernschaften mit ihren Familien und Landarbeitern teilnahmen. Günther Schmitz als Ortsbauernführer hatte ihn damals dazu als Hauptredner eingeladen. Er sollte über die erfolgreiche Erziehung der Kinder in der Hitlerjugend und im Bund Deutscher Mädchen sprechen, hinsichtlich der Aufgaben, die daraus den Familien erwuchsen, theoretisch wie praktisch.
Mit flammenden Worten schilderte er die Disziplin und Begeisterung, die schon bei den Pimpfen und noch stärker und bewusster bei den großen Jungs entwickelt wurden. Er nahm an vielen Gruppenabenden, in den Ferienlagern, beim Singen an den Feuern teil. Die Uniformen, die Fahnen, die Treueschwüre gegenüber Führer, Volk und Vaterland, all das fühlte er warm und klar in seinem Herzen, und die Worte flossen leicht.
Die Partei brachte den Kindern schon jene Eigenschaften bei, die sie brauchten, um später gute Volksgenossen, Handwerker, Bauern und Soldaten zu werden. Die Eltern könnten sicher sein, dass Gehorsam und Treue sich auch zuhause zeigen würden, betonte er, denn sind nicht Familie, Volk und Führer eine unzerstörbare Einheit geworden!?
Mit Strenge behandelte er das Thema Reinhaltung des Blutes und referierte über die Konsequenzen bei Überschreitung der Rassengrenzen. In diesem Sinne thematisierte er die Erbgesundheit. Für manche Bürger vielleicht ein schwieriges Thema, mit dem er sich auch schon persönlich hatte auseinandersetzen müssen. Für ihn bedeutete die Euthanasie einfach den Weg, den ein Volk gehen müsse, um gesund und leistungsstark zu bleiben. Hier ereiferte er sich, wie jedes Mal, wenn das Thema zur Sprache kam.
Er brauchte diesen Eifer, um sich selbst anzuspornen, denn die Erinnerung an seinen jüngeren Bruder holte ihn immer wieder ein: Ein geistiger Krüppel, zwar freundlich und guter Dinge, jedoch zurückgeblieben und dann oft diese Anfälle, schrecklich. Er würde niemals alleine leben können. Die Mutter hing an dem Jungen mit einer Affenliebe – er aber war hin- und hergerissen. Wie konnte so ein Sprössling aus seiner Familie entstehen? Der Kleine liebte ihn, seinen großen Bruder. Er fühlte Widerwille und schämte sich seiner. Seine Kameraden und seine Vorgesetzten durften hier keine Schwächen sehen. Gerade für ihn galt es eine klare Haltung zu zeigen und mehr als alle anderen den konsequenten Weg der Reinhaltung des Blutes und der starken Volksgemeinschaft zu verfolgen.
Auch wenn die eigenen Familienbande mit Schmerz und Härte dafür zerschnitten werden mussten. Es galt, ein neues Reich zu schaffen. Mit geistigen und psychischen Krüppeln? Sie trugen zwar keine Schuld für das Versagen ihrer Erzeuger, die sie in die Welt setzten. Aber sie konnten doch nicht erwarten, dass die Soldaten und die deutschen Menschen die wenige Nahrung mit ihnen teilen sollten. Sie, die ihr Bestes gaben, um dem Führer zum Sieg zu verhelfen. Früher oder später lag es an ihm für den Bruder eine Lösung im Sinne der Idee eines starken deutschen Volkes zu finden.
Er hatte sich gut vorbereitet damals, trug enthusiastisch den Willen der Partei vor. Sie war seine Heimat geworden. Die Ideale von Männlichkeit, Gesundheit und eisernem Willen standen Seite an Seite mit einem sportlich trainierten Körper von Jugend an.
Selbst jetzt erschauerte er, beim Gedanken an den fast frenetischer Beifall, als er seinen nationalpatriotischen Vortrag beendete.
Dann aber stand eine junge Frau mit roten Locken auf und rief: »Ich erziehe meine Kinder selbst, dazu brauche ich keine Partei. Wir Eltern wissen doch am besten, was unsere Kinder brauchen.« So etwas war überraschend und bisher noch nie nach einer seiner Reden vorgekommen. Dass diese Frau in aller Öffentlichkeit das Erziehungsprogramm der Partei in Frage stellte, zeugte von Mut, aber auch von Aufsässigkeit. Und damit nicht genug. Sie machte weiter. »Menschen und besonders Kinder mit Behinderungen als unwertes Leben zu betrachten, das kommt einer Gotteslästerung gleich. Gott hat gesagt, lasset die Kinder zu mir kommen, damit hat er alle Menschen gemeint, denn wir alle sind Kinder Gottes.«
Als sie sich wieder auf ihren Stuhl setzte, blieb es zunächst sehr still im Publikum. Aus zwei Ecken hörte man verhaltenes Händeklatschen. Ihre Meinungsäußerung durfte er nicht übergehen, er musste darauf reagieren. Sonst würde er sich morgen Kritik anhören müssen und von Parteigenossen als schwach beurteilt werden.
»Eine interessante Meinung, die Sie da äußern, die eine klare Antwort erfordert. Wenn Sie schon Gott erwähnen: Der ist doch im Himmel. Dann sollen die Kindlein zu ihm kommen, hat er gesagt? Ja, und genau das wollen wir ja tun. Wir wollen sie auch zu ihm bringen. Wir wollen sie nur nicht so lange leiden lassen, wie Gott das vielleicht vorgehabt hat.«
Im Saal entstand Unruhe. Eine andere Frau stand auf, nahm ihre zwei kleinen Kindern an die Hand, ging zur Tür und zischte leise beim Hinausgehen: »Das Geschwätz kann man ja nicht mehr mit anhören.« Schlagartig spürte er die vorsichtige Aufmerksamkeit der Zuhörer und ging in die Offensive:
»Melden Sie sich morgen im Präsidium bei mir«, rief er der Frau mit den roten Locken in scharfem Ton zu, worauf es viele Heil-Hitler-Rufe gab. Die Rufenden waren mit erhobenem gestreckten Arm aufgesprungen, um als treue Parteimitglieder wahrgenommen zu werden.
Das musste er ihr zubilligen, feige schien sie nicht zu sein. Solche Frauen interessierten ihn. Durchgehen lassen durfte er ihr die frechen Worte aber nicht. Er traute ihr zu, dass sie seiner Aufforderung nicht folgen und am kommenden Tag nicht erscheinen würde. Für diesen Fall wollte er persönlich Kontakt zu ihr aufnehmen, Günther Schmitz könnte ihm dabei helfen. Sie gehörte zu dessen Bezirk.
Doch bei diesem Wunsch blieb es damals, denn Günther Schmitz antwortete auf seine Nachfrage nach der jungen Frau mit den roten Locken: »Vergiss es, die Regina ist verheiratet und hat zwei Kinder, an die wirst du nicht herankommen.«
Das konnte er nun ändern. Seit er zum ersten Mal ihr Foto in der Akte gesehen hatte, erzeugte allein der Gedanke an sie Spannung. Zweifellos käme er bei ihr zum Ziel, so wie immer. Nicht in dieser Situation, aber es würden sich weitere Kontakte ergeben.
Mit Harry kannte er seine Pläne bereits. Der saß jetzt in seiner Zelle und dachte darüber nach, ob er seinem Rat, sich freiwillig zur Wehrmacht zu melden, folgen sollte. Das würde der machen, dessen war er sich sicher. Schon die Angst um seine Familie sollte Molter zum Wehrdienst treiben. Seinen Plan, ihn an die Front zu schicken, wollte er nicht gefährdet sehen. Dafür konnte er seine Kontakte bei der Wehrmacht nutzen.
Während er noch darüber nachdachte, klopfte es an die Tür. Er schaute auf seine Uhr. Punkt Zwölf Uhr dreißig. Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit schätzte Augsburger sehr. Auf sein Herein trat ein Polizist ins Zimmer, gefolgt von einer schlanken, blass aussehenden Frau. Ihre dunkelblauen Augen rahmten Schatten ein. Die roten Haare zu einem Dutt hochgesteckt. Ihre Bekleidung wirkte, als käme sie direkt von der Feldarbeit. Die weit geschnittene Hose wies an den Beinen Schmutz auf, der Pullover schien zwei Nummern zu groß in undefinierbarer Farbe. Statt Arbeitsstiefel trug sie allerdings normale Straßenschuhe.
»Herr Kommissar, das ist Frau Molter«, stellte der Polizist die junge Frau vor. Augsburger stand auf, ging um den Tisch herum und reichte ihr die Hand. »Guten Tag, Frau Molter.«
Regina nickte unmerklich mit dem Kopf zur Begrüßung. Zögernd nahm sie seine Hand.
»Mein Name ist Augsburger. Bitte setzen Sie sich doch. Möchten Sie etwas trinken? Ich kann nur Wasser anbieten, der Krieg – Sie wissen ja.«
Regina lehnte ab und setzte sich. Augsburger sah sie an. Zwischen dem Bild in der Akte und heute lagen zehn Jahre, sie sah jetzt erheblich älter und mitgenommen, aber immer noch attraktiv aus. Ob sie sich an ihn als Redner bei dem Sommerfest damals erinnerte?
Er begann das Gespräch: »Frau Molter, ich frage Sie jetzt als Zeugin, nicht als Verdächtige. Ihr Mann, Harry Molter, hat in der Nacht vom 18. auf den 19. März eine Sau geschlachtet. Ist das richtig?«
Regina nickte nur. Der Kommissar kam sofort zur Sache: »Das Schlachten ohne Genehmigung ist eine Straftat nach § 1 der Kriegswirtschaftsverordnung von 1939. Das wissen sie auch, nicht wahr?«
Regina nickte abermals.
»Ich weiß natürlich, dass viele Bauern das machen und das leider nur als Mundraub ansehen. Aber ihr Mann, Frau Molter, ist angezeigt worden. Und dann müssen wir die Straftat verständlicherweise verfolgen. Das werden Sie verstehen, oder?« Bei dem Wort ›oder‹ hob sich die Stimmlage, und die Schärfe der Aussprache veränderte sich.
Regina stand kurz davor, ihren Tränen Lauf zu lassen, deshalb nickte sie abermals nur kaum sichtbar.
»Tja, man hat halt nicht nur Freunde.« Augsburger atmete tief durch. »Ich habe Ihrem Mann vorgeschlagen, sich freiwillig zur Wehrmacht zu melden, statt ins Gefängnis zu gehen.«
Von Reginas Aufschluchzen ließ er sich einen Moment unterbrechen, um dann fortzufahren: »Das Gefängnis Ulmer Höh kennen Sie bestimmt. Ich meine natürlich nicht von innen.« Er schaute sie durchdringend an: »Da würde es Ihrem Mann sehr schlecht ergehen. Als Volksschädling bekommt er da Sonderbehandlungen, Sie verstehen?« Beim letzten Wort zog er seine Augenbrauen hoch, während er sie beobachtete. »Die Wärter sind da kaum kontrollierbar. Unsere guten Männer sind an der Front, auf die müssen wir hier als Aufseher verzichten. Wissen Sie, ich kann doch die Menschen verstehen, die aus Hunger so etwas machen, was im ersten Augenblick nur wie eine Bagatelle aussieht. Und wenn sie dann, wie Sie und Ihr Mann, auch noch an der Quelle sitzen – also direkt am Schweinestall«, er lachte laut auf und schlug sich dabei mit einer Hand auf den Schenkel, »dann scheint die Versuchung doch groß zu sein. Sie möchten Ihren Kindern auch mal eine größere Portion Fleisch geben. Welche Eltern möchten das nicht? Aber – wie der Führer ganz richtig verfügt hat», hier schwoll seine Stimme wieder an, »unsere Soldaten sind so zu ernähren, dass sie den Sieg erkämpfen können. Ihr Bauern sitzt auf eurer Scholle, zieht Wurzelgemüse und Kohlköpfe aus dem Boden und lasst den Soldat, der an der Front kämpft, einen guten Mann sein!«
Er beobachtete sie genau. Wie mochten seine Worte auf diese sonst so selbstsichere Frau wirken, die im Augenblick jedoch wie ein Häufchen Elend vor ihm saß. Ein wenig tat sie ihm auch leid. Aber Gefühle hatten jetzt und hier nichts zu suchen. Günther Schmitz müsste ihm mehr über diese Frau erzählen. Der kannte sie ja schon Jahre lang, seit der gemeinsamen Kindheit.
»Ich werde dem Staatsanwalt keine Anzeige gegen Sie vorlegen. Ich habe Ihrem Mann versprochen, dass ich Sie und die Kinder unter meinen persönlichen Schutz stelle. Ich kann da einiges tun, habe da meine guten Kontakte. Und ich kann diese Kontakte auch dafür nutzen, dass Ihr Mann nicht ins Gefecht muss. Es gibt ja auch hinter der Front genügend Aufgaben. Übrigens, der Günther Schmitz wird immer an Ihrer Seite sein, das hat er mir gegenüber beteuert. Ich weiß nicht, ob Sie das wissen, der hat sich für Sie und Ihren Mann außergewöhnlich stark eingesetzt. Wissen Sie, ich möchte nicht, dass Ihnen wegen Ihrer lang zurückliegenden Kontakte zu den Sozis noch was passiert. Im Übrigen gibt es ja kaum noch welche von denen. Die Akte«, er zeigte auf die vor ihm liegenden Schriftstücke, »wird aber in meinem Schreibtisch unter Verschluss bleiben. Dann kann niemand Sie deswegen erneut unter Verdacht stellen. Es gibt ja noch versprengte Nester von Widerstandskämpfern, die auch vom Ausland aus agieren. Was meinen Sie dazu?« Regina wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie identifizierte sich mit den Ideen der Sozialdemokraten und empfand Solidarität mit ihnen. Die Treffen besuchte sie aber nur ein paar Mal, während ihrer Ausbildung zur Köchin, die sie vor der Hochzeit mit Harry abschließen konnte. Sie musste in jener Zeit von jemandem gesehen und angeschwärzt worden sein. Dass es eine Akte über sie gab, war für sie neu. Sie wurde auch nie vorgeladen. Jetzt wünschte sie sich nur eins. Sie wollte mit Harry sprechen.
»Was soll ich dazu sagen? Seit damals pflege ich keine Kontakte mehr zu Sozis. Und warum soll ich denn glauben, dass Sie Einfluss darauf nehmen können, wohin mein Mann von der Wehrmacht geschickt wird? Man hört doch, dass die Männer dringend an der Ostfront gebraucht werden.«
»Ach … glauben Sie das doch nicht. Das ist doch reine Propaganda, Frau Molter, wer erzählt denn so was? Die Russen haben hohe Verluste. Die haben wir in höchstens drei Wochen besiegt. Nein, will ich gar nicht wissen, wer solche Lügen verbreitet … und woher Sie solche Informationen haben. Der Führer und wir alle sind eine große Gemeinschaft. Ich weiß, wen ich ansprechen kann bei der Wehrmacht. Also, sind Sie damit einverstanden, dass ich Sie als Zeugin benenne und Sie nicht einem Sondergericht zuführe?« Er schaute sie an.
Regina zuckte die Schulter. »In dieser Lage habe ich doch keine Wahl. Ich werde als Zeugin unterschreiben. Aber kann ich jetzt mit meinem Mann sprechen? Das ist ganz wichtig.« Ihre Stimme klang belegt.
Augsburger nickte. »Kurz, meinetwegen. Wenn er sich für den Wehrdienst entscheidet, dann wird er noch heute Nachmittag zur Kurzausbildung überstellt, bevor er dann eingesetzt wird. Ich muss mich nur erkundigen, ob er nicht gerade beim Arzt ist, er muss noch untersucht werden, bevor die ihn auf die Reise schicken.« Er wählte eine Nummer am Telefon und fragte nach Molter. »Ach, schon beim Arzt? Ich sagte doch, ihr solltet den Termin so legen, dass die Frau noch mit ihm sprechen kann. Ach, der Arzt … verstehe … ja, ja, immer das Gleiche, nicht wahr? Gut. Heil Hitler.« Sogar beim Telefonieren hob er den rechten Arm zum Gruß. Er wandte sich an Regina: »Tut mir leid, ihr Mann ist schon beim Arzt, wie lange das dauert, weiß man nicht. Er muss ja tauglich sein, das erfordert einige Untersuchungen. Ein Fahrer wird sie nach Hause bringen, und wenn ihr Mann wieder hier ist, lasse ich Sie erneut abholen, ist ja nicht weit bis Hamm. Einverstanden?« Regina konnte nicht sprechen, weil sie krampfhaft versuchte, ihre Tränen zurück zu halten. Die ganze Nacht hatte sie sich auf ein Wiedersehen mit Harry vorbereitet und gehofft, ihn zu sehen. So viele Dinge wollte sie ihm sagen. Vor diesem Kommissar durfte sie nicht weinen. »Sie müssen noch die Zeugenaussage unterschreiben«, erinnerte Augsburger und schob das Blatt über den Tisch. Darin stand, dass sie Tathergang und Täter beim Schlachten bezeugen könne. Sie unterschrieb, wobei doch ein paar Tränen auf das Papier fielen. Aber sie musste auch an ihre Kinder denken, die jetzt mehr denn je ihre Mutter brauchten.
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