Kitabı oku: «Spiritual Care in der Praxis»

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Die Autorin


Doris Wierzbicki, Dipl. PAss.in, Dipl. Päd.in MASSc, absolvierte das Seminar für kirchliche Berufe (vier Jahre Diplom), besuchte den Lehrgang für die Lehramtsprüfung und verschiedene Zusatzausbildungen und beendete erfolgreich den Masterstudiengang Spiritual Care an der Medizinischen Fakultät der Universität Basel. Sie wirkt und wirkte als Pfarrassistentin (Pfarrleitung), Pastoralassistentin, Religionslehrerin, Vortragende in der Krankenpflegeschule, beim Masterlehrgang Spiritual Care in Basel, beim Internationalen Spiessel Symposium Basel, beim Pflegekongress in Wien, bei verschiedenen Berufsgemeinschaften, beim Lehrgang Spiritual Care Competency Wien, bei Schulungen für Mitarbeiter in Kurz- und Langzeitpflege und in einem Kindergarten sowie Altenheimseelsorgerin, Dekanatsassistentin mit leitender Funktion, Referentin in der Erwachsenenbildung, Leitung Seelsorge und Spiritual Care in der Klinik Diakonissen Linz, Mitarbeiterin der Abteilung Diakonische Identitätsentwicklung mit dem Schwerpunkt Spiritual Care im Diakoniewerk und Koordinatorin des »Innovation Center Spiritual Care in Organisations«.

Doris Wierzbicki

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1. Auflage 2022

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-039770-5

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-039771-2

epub: ISBN 978-3-17-039772-9

Geleitwort
von Hans-Florian Zeilhofer

Zum Thema Spiritual Care finden wir in den vergangenen Jahren im deutschsprachigen Raum eine stetig wachsende Anzahl an Publikationen. Jeder, der in einem Krankenhaus tätig ist und mit Patienten regelmäßigen Kontakt hat, muss unabhängig welcher der vielen verschiedenen Berufsgruppen sie oder er angehört – sei es das Reinigungspersonal, sei es die Pflege oder die Ärzteschaft, sei es die Administration – damit rechnen, dass von Patientenseite die Frage an sie/ihn herangetragen wird: Warum gerade ich? Die gewählte Reihenfolge der genannten Personengruppen ist nicht zufällig, sondern spiegelt den jeweiligen Zeitpunkt wider, in der diese erfahrungsgemäß in direktem Austausch mit Patienten stehen. Auf eine solche Kernfrage nun eine befriedigende Antwort zu finden, erfordert grundsätzlich andere Kompetenzen als eine professionelle Auskunft oder Aufklärung über diagnostische oder therapeutische Details. Voraussetzung für eine authentische Antwort ist die eigene Auseinandersetzung mit den damit untrennbar verbundenen existenziellen Fragen.

Der moderne klinische Alltag ist jedoch geprägt von komplexen prozessualen Abläufen, gepaart mit hohen Anforderungen an die Interprofessionalität innerhalb eng gesteckter ökonomischer und zeitlicher Rahmenbedingungen. Daher stellt sich die Frage: Bleibt da noch Zeit für Spiritual Care?

Umso erstaunlicher ist es, dass sich gerade die Geschäftsleitung einer Klinik – und nicht die Krankenseelsorge oder vereinzelte kompetent zum Thema weitergebildete Medizinalberufe – für eine großflächige Implementierung von Spiritual Care in ihrer Klinik entscheiden.

Das vorliegende Buch versteht sich als ein praktischer Leitfaden für eine erfolgreiche Umsetzung von Spiritual Care in der Praxis, ein Kochbuch mit erprobten Rezepten. Es möchte andere Klinikleitungen ermutigen, dem Vorbild der Klinik Diakonissen Linz nachzueifern. Zufriedene Patientinnen und Patienten und Mitarbeitende bestätigen die Richtigkeit und Wichtigkeit dieses Projekts vollumfänglich, der finanzielle Aufwand ist gut kalkulierbar und gerechtfertigt.

Das Ankerprojekt der Diakonissen Linz mit der Einführung von Spiritual Care ist hoch innovativ und beschreitet mutig einen neuen Weg: der »Spirit« oder die »Kultur« der Trägereinrichtung Diakonie wird neu interpretiert und findet in einem »human centered approach«, der den Patienten als eine somato-psycho-sozio-spirituelle Einheit wahrnimmt, einen adäquaten Ausdruck. Das reicht weit und visionär über die vielerorts üblichen »Leitlinien« im Umgang mit den zu behandelnden Personen oder der Kundschaft und Mitarbeitenden hinaus.

Ein innovatives Pilotprojekt, das im Verlauf der letzten Jahre zum Ankerprojekt wurde – es lässt sich daran ablesen, von welch entscheidender Wichtigkeit dieser neu beschrittene Weg ist. Es wurde eine Wegmarke gesetzt, ein »Anker gelegt«, der ein symbolträchtiges Zeichen ist für die Sicherheit und die Überzeugung, die hinter diesem Paradigmenwechsel in der Patientenwahrnehmung steht, verbunden mit der Hoffnung, dass viele weitere Projekte und Kliniken diesem Beispiel in naher Zukunft folgen werden.

Für den berufsbegleitenden Studiengang »Master of Advanced Science in Spiritual Care« an der Universität Basel ist dieses Projekt eine große Freude und Bestätigung zugleich, dass aus bescheidenen Anfängen, wie klein sie auch sein mögen, in zahlreichen Gesprächen und fruchtbarem interdisziplinären Austausch ein wichtiges, die regionalen Grenzen überschreitendes Projekt entstehen kann.

Ich wünsche dem Buch eine große Verbreitung und viele Nachahmer.

Prof. Dr. med. Dr. dent. Dr. H.c. Hans-Florian Zeilhofer

Chefarzt der Kliniken für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie am Universitätsspital Basel/CH, Senior Consultant, ehem. Mitglied der Studiengangsleitung »Master of Advanced Science in Spiritual Care«, Spitzenforscher und Start-up-Gründer

Geleitwort
von Josef F. Macher

In Zeiten hoher Informationsdichte und rasanter Veränderungen bleibt oft wenig Raum, sich selbst und die Beziehung zu seinen Mitmenschen zu reflektieren. In persönlicher Not, wie zum Beispiel einer Erkrankung oder einer anstehenden Operation, verschieben sich die Wertigkeiten. Aus meiner Erfahrung als Anästhesist und Schmerzmediziner gibt es Momente, beispielsweise bei einer Narkose, in denen man als Patient zu 100 % im positivsten Sinne »ausgeliefert« ist und anderen Menschen vertrauen muss. Dies fordert von allen Mitarbeitenden einer Klinik nicht nur Empathie. Es braucht einfach »MEHR«.

In Sinne der diakonischen Weiterentwicklung unserer Klinik haben unsere Seelsorgerin Doris Wierzbicki und ich beschlossen, dass sie den Master-Lehrgang Spiritual Care an der Universität in Basel besuchen sollte. Nach vier Semestern hat die Autorin dieses Buches die Ausbildung mit Bravour absolviert.

Ihre Persönlichkeit und das Wissen aus dem Universitätslehrgang führten zu einem völlig neuen Zugang der diakonischen Organisationsentwicklung in unserer Klinik. Alle Mitarbeitende der Klinik – patientennah und patientenfern – waren und sind eingeladen an Fokus- und Reflexionstagen teilzunehmen, die von beinahe allen Mitarbeitenden sehr gerne angenommen wurden und werden.

Das Meta-Ziel Spiritual Care war und ist: »Wir kümmern uns um unsere Patienten und unsere Kollegen.« Wir wollen eine verstärkte Sensibilisierung ermöglichen, uns untereinander und unsere Patienten, also jeden Einzelnen in seiner Körperlichkeit und insbesondere seiner Seele achtsam wahrnehmen. Dieses gelebte Kümmern wird von unseren Patienten als Geborgenheit empfunden und es wird immer wieder davon spontan berichtet.

Das vorliegende Buch zeigt eindrucksvoll die Sinnhaftigkeit des Einsatzes von Doris Wierzbicki und die Notwendigkeit, das Thema Spiritual Care im medizinischen Alltag zu implementieren.

Es ist mir ein Anliegen, mich an dieser Stelle bei dir, liebe Doris, ganz herzlich zu bedanken.

Ich bin stolz darauf, dass du als Vorreiterin in Österreich dieses wichtige Thema an unserer Klinik initiiert hast!

Für die weitere Verbreitung von »Spiritual Care in der Praxis« wünsche ich dir auch zukünftig so viel Elan und Erfolg.

Prim. Dr. Josef F. Macher

Geschäftsführung Klink Diakonissen Linz

Geleitwort
von Rainer Wettreck

Wann waren Sie als Mitarbeitende im Sozial- und Gesundheitswesen in letzter Zeit erfüllt, stolz, zutiefst berührt in Ihrer Arbeit – mit dem Gefühl, genau dafür in den Beruf gegangen zu sein? Angesichts von wachsendem Cool Out, Burn Out und Drop-Out in den Gesundheitsberufen hier die gute Nachricht: Doris Wierzbicki vermittelt mit ihrem Praxisbuch fulminante Einblicke in den beispielhaften Aufbruch einer modernen Klinik – in Richtung neuer heilsamer Sozial- und Gesundheitsorganisationen »mit Identität, Sinn und Seele«. (ISCO Manifest www.isco.info)

Unter den Bedingungen heutiger Professionalität, Wirtschaftlichkeitsanforderungen und moderner kultureller und religiöser Vielfalt zeichnet sie einen methodischen Pfad zu einer neuen ganzheitlichen Achtsamkeit für Mitarbeitende und für Klienten und Klientinnen, zur heilsamen kulturellen Selbstentwicklung in der Organisation und zu einer neuen Sinngemeinschaft im Tun – über die gemeinschaftliche Dimension der Spiritualität und gemeinsam vertiefte Grundhaltungen, gespeist aus den Potenzialen diakonischer Identität und Tradition.

International wurden in den vergangenen Jahren vielfältige wichtige Konzeptbeiträge, Praxisimpulse und Projektbeispiele für die Umsetzung von Spiritual Care erarbeitet. Erstmals legt Doris Wierzbicki hier nun – frisch aus dem Entwicklungsprozess in der Klinik Diakonissen Linz und im Diakoniewerk – den Einblick in einen unternehmenskulturellen Praxisweg für eine Gesamtorganisation vor, als wesentlicher Beitrag zur erfolgreichen Organisationsentwicklung einer modernen Klinik

Mit einem leidenschaftlich kulturentwicklerischen und bildungsbezogenen Impuls lädt Doris Wierzbicki dazu ein, von der Ebene der Konzeptdiskussion und der singulären Bildungsangebote aus einzusteigen in den konkreten Entdeckungs- und Entwicklungsmodus im gelebten Unternehmensalltag, »radikal« resonanz- und wirkungsorientiert im Einsetzen, Umsetzen, Zusammensetzen; demütig vor den Äußerungen und Erfahrungen der Menschen selbst; systemisch passend zur strategischen Entwicklung der Gesamtorganisation – im neuen Praxisfeld von »Spiritual Care in Organisations«.

Mit vitaler »best practice« vermittelt sie modellhaft, einladend und ermöglichend Perspektiven synergetischer Kultur- und Kompetenzentwicklung, auf einem erfolgreichen Praxispfad, der Lust macht zur Ergänzung, Fortentwicklung, Übertragung. Entstanden ist ein spannender Reisebericht, und zudem noch ein praktisches Methodenbuch: Es zeigt eine eindrucksvolle, kostbare und inspirierende Auswahl bewährter praktischer Methoden vielfältiger Herkunft in einer Haltung des Entdeckens und probenden Entwickelns im Neuland.

»Zeit für unseren Spirit!« Mit diesem Buch ermöglicht indirekt auch das Diakoniewerk Einblick in seinen internen Prozess der Unternehmenskulturentwicklung. Der einzigartige Schatz unserer Identität wird für die heutige Zeit neu »übersetzt«, entdeckt, freigesetzt und ins Spiel gebracht wird, das besondere Potenzial des »Glaubens unserer Mütter« und der »Berufung« als Diakoniewerk verbindet sich mit einem bewusst einladenden, offenen, ermutigenden Spiritualitätsverständnis »für Alle« und »mit Allen«. Wie in der Klinik Diakonissen Linz geht es auch im Diakoniewerk insgesamt – eingebettet in die Gesamtentwicklung der Organisation – um ein neues Erlebnis von Teilhabe, Identifikation und Sinngemeinschaft in aller Vielfalt und Unterschiedlichkeit – im Zusammenklang von »Identität, Culture & People«, mit einem klaren Fokus auf dem »kulturellen Empowerment« von Teams und Mitarbeitenden, mit einer inspirierenden Verbindung von Mensch und Organisation.

Wir wünschen diesem Buch von Herzen eine große Verbreitung und vielfältige Resonanz in der Umsetzung von Spiritual Care in Organisationen.

Dr. Rainer Wettreck

Diakonisch-Theologischer Vorstand des Diakoniewerks

Inhalt

1  Geleitwort

2  von Hans-Florian Zeilhofer

3  Geleitwort

4  von Josef F. Macher

5  Geleitwort

6  von Rainer Wettreck

7  Vorwort

8  Dank

9  Einleitung

10  1 Wie alles begann …

11  1.1 Ausgangslage und Hintergründe zur Klinik

12  1.1.1 Die Klinik Diakonissen Linz

13  1.1.2 Doch was ist eigentlich Spiritual Care?

14  1.2 Spiritualität – eine Begriffsklärung

15  1.2.1 Geschichtlicher Exkurs zum Begriff

16  1.2.2 Religion und Spiritualität – eine Begriffsdifferenzierung

17  1.2.3 Spiritualität und Transzendenz

18  1.2.4 Spiritualität als universales Merkmal des Menschen

19  1.2.5 Spiritualität und Medizin

20  1.2.6 Spiritual Care als Begriff

21  1.3 Ein Blick in die Literatur

22  1.3.1 Drei Positionen zu Spiritual Care

23  1.4 Haltungen als Basiskompetenzen

24  1.4.1 Spirituelle Basiskompetenzen

25  1.4.2 Spezifische spirituelle Kompetenzen

26  1.4.3 Zusätzliche spirituelle Kompetenzen

27  1.4.4 Arbeitskreis Spiritualität – Situation der Teilnehmenden

28  1.5 Relevante Evaluationsergebnisse als Basis für ein Fortbildungskonzept

29  1.5.1 Die umfassende Sorge um kranke Menschen, deren Angehörige und deren spirituelle Bedürfnisse

30  1.5.2 Die Sorge um die eigene Motivation und die eigenen Kraftquellen

31  1.5.3 Die Sorge um die Organisation Gesundheitswesen, damit sie die umfassende Begleitung um leidende Menschen gewährleistet

32  1.5.4 Empfehlungen

33  2 Umsetzungsphase – erste Ergebnisse werden sichtbar

34  2.1 Fortbildungskonzept – die Implementierung von Spiritual Care

35  2.2 Ablauf und Inhalt der einzelnen aufeinander aufbauenden Angebote

36  2.2.1 Fokus Tag

37  2.2.2 Follow up 1

38  2.2.3 Follow up 2

39  2.3 Ablauf und Inhalt von spezifischen Schulungen

40  2.3.1 Schulung der Reinigungskräfte

41  2.3.2 Fokus Tag für die Geschäftsführung

42  2.3.3 Multiplikatoren-Schulung

43  2.3.4 Einbindung der Fachärzte

44  2.4 Unverzichtbare Begleitmaßnahmen

45  2.5 Erfahrungen mit Spiritual Care aus der Praxis

46  2.6 Reflexionen von außen

47  2.7 Spiritual Care und Seelsorge-Schulungen mit Krankenhaus- und Altenheimseelsorgern

48  2.8 Evaluationsergebnisse mit Ausblick

49  3 Ausblick in die Zukunft

50  3.1 Wie alles begann

51  3.2 Spiritual Care in der Langzeitpflege

52  3.3 Fokus Tag im Haus Elisabeth

53  3.3.1 Was danach geschah:

54  3.4 Vertiefungstag

55  3.5 Erfahrungen aus der Praxis mit Spiritual Care

56  3.6 Angebote in Spiritual Care für das Diakoniewerk während der Coronakrise

57  3.7 Reflexionen des diakonisch-theologischen Vorstandes des Diakoniewerkes und Leiter von ISCO (Innovation Center Spiritual Care in Organisations) anlässlich der Gründung von ISCO

58  Literatur

59  Internetquellen

60  Stichwortverzeichnis

Vorwort

Stellen Sie sich vor, Sie werden mit der Diagnose Krebs konfrontiert. Was würden Sie sich dann wünschen? Sicherlich einen Arzt, der Sie genau aufklärt. Aber wäre es nicht auch äußerst hilfreich, wenn dieser Arzt nicht fluchtartig das Zimmer verlässt, sobald er seine Mission erfüllt hat, sondern die im Moment hereinbrechende Ohnmacht mitaushält, Dasein, Aushalten – nur so ist es möglich, in Situationen, in denen nichts mehr hält und scheinbar alles zusammenbricht, Patientinnen und Patienten Halt zu geben.

»Herr Doktor, wie geht es eigentlich Ihnen, wenn Sie Patienten solch schlimme Nachrichten überbringen müssen?« Interessanterweise stellte eine 92-jährige Patientin diese Frage ihrem Internisten, der sie kurz davor darüber aufklären musste, dass sie an einem fortschreitenden Pankreaskarzinom leidet. »Nicht gut!« war die Antwort, dem ein Schweigen, ein miteinander Überlegen, ein Aushalten und »ein Ausschauhalten« nach den nächsten Schritten folgten. Nach dem intensiven Gespräch bat der einfühlsame Internist die Pflegefachfrau, sie möge mich verständigen und schrieb in die Kurve »Seelsorge«.

»Wie geht es Ihnen, wenn Sie Patienten solch schlimme Nachrichten überbringen müssen?« Mit dieser Frage trifft die Patientin mitten ins Schwarze. Als Ärztin oder Arzt, als Pflegekraft, Servicemitarbeitende, Reinigungskraft und Seelsorgerin oder Seelsorger ist der Einzelne immer mit seiner Person als Werkzeug gefragt, um auf die spirituellen Bedürfnisse von den zu behandelnden Personen heilsam eingehen zu können. Dies ist Aufgabe eines »Spiritual Care Giver«, der Schulung, Unterstützung, immer wieder Inspiration und ein aufbauendes Bildungskonzept braucht.

Schlimme Diagnosen sind nicht die einzigen Situationen, in denen spirituelle Bedürfnisse entstehen. Es sind Erfahrungen wie die, dass man nicht mehr so wie früher für sich selbst sorgen kann und in die eigene Wohnung zurückkehren kann. Die Gewissheit, dass man liebgewonnene Tätigkeiten nicht mehr ausführen kann. Die Frage, warum gerade mir das eine oder andere widerfährt. Gerade, wenn plötzlich Zeit ist nachzudenken, steigen Fragen aus dem Inneren der Seele hoch und kommen an die Oberfläche.

»Warum müssen meine Lieblingsenkel verstreut auf der ganzen Welt leben?« Das Gespräch mit einer anderen Patientin, das harmlos und oberflächlich begann, mündete in dieser Sinnfrage. Auch wenn sie deren Beweggründe völlig versteht, hätte sie ihre Liebsten so gerne um sich herum, gerade weil es mit ihren eigenen Kindern nicht ganz leicht ist. Am Ende dieses Gesprächs sagte die Patientin zu mir, die Tage zuvor am Knie operiert wurde: »Wissen Sie, das ist schräg, aber jetzt sind meine Schmerzen im Knie leichter.«

»So ein Personal kann man nur jedem Krankenhaus wünschen« (Zitat aus einem Patientenfragebogen). »Bei uns geschieht Heilung anders« (ärztlicher Leiter, Klinik Diakonissen Linz). »Seit der Implementierung von Spiritual Care brauchen wir weniger Supervision, weil die Mitarbeitenden auf sich und einander besser schauen. Wenn ich nach dem Befinden von Patientinnen und Patienten frage, bekomme ich eine viel differenziertere Auskunft« (Pflegedienstleitung, Klinik Diakonissen Linz). »Wir merken, dass die Krankenstände und die Fluktuation im Personalbereich zurückgegangen sind. Wir dürfen uns über Blindbewerbungen freuen. Auch wenn wir uns nicht aus diesen Gründen für die Implementierung von Spiritual Care entschieden haben, freuen wir uns über diese schönen Nebeneffekte« (Bereichsleiter Finanzen, Klinik Diakonissen Linz). »In der Zeit vor 15 Jahren hat der Geist noch Platz gehabt. Dann kam die Professionalisierung, die Wirtschaftlichkeit in den Vordergrund. Das war nötig – es ist dadurch aber auch viel verloren gegangen, und es ist auch immer etwas kälter geworden. Jetzt mit Spiritual Care findet sich das auf einmal wieder: Ich als Mensch in der Arbeit mit meinen persönlichen Bedürfnissen und Anliegen und auch mit Ritualen, mit Spiritualität« (Regionalleitung Seniorenarbeit und Heimleiter, Haus Elisabeth).

Was bewegt Mitarbeitende der verschiedensten Führungsebenen mit ganz unterschiedlichen und auch unterschiedlich intensiven spirituellen Zugängen zu diesen Aussagen? Sie alle beobachten die positiven Auswirkungen der Einführung von Spiritual Care.

Das Buch möchte einen Weg aufzeigen, wie die Implementierung von Spiritual Care in einer Klinik gelingen und wie man den Versuch der Übertragung auf die Langzeitpflege angehen kann. Von der Recherche bis zur Umsetzung will das Buch vermitteln, wie es möglich ist, dass die Implementierung eines Fortbildungsprogrammes in Spiritual Care die Arbeitsatmosphäre verbessern, zu einer höheren Identifizierung der Mitarbeitenden mit der Institution und zu einem vermehrten Wohlbefinden der Patientinnen und Patienten führen kann.

Untermauert mit wissenschaftlichen Studien, angereichert mit vielen Praxisbeispielen und Methoden der Umsetzung wird das Buch aufzeigen, wie es dieser Ansatz geschafft hat, zum »Ankerprojet Klinik Diakonissen Linz« für das Diakoniewerk Gallneukirchen (ein Unternehmen mit ca. 3.800 Mitarbeitende) zu werden. Mit »Ankerprojekt« (Benennung vom Diakonisch-theologischen Vorstand des Diakoniewerkes) wird die Klinik Diakonissen bezeichnet, weil hier der Implementierungsprozess am weitesten fortgeschritten ist und durch eine externe Mitarbeiterbefragung, viele Evaluationsergebnisse sowie beobachtbare Veränderungen dieser Fortschritt auch gut belegt ist. Daher greift das Diakoniewerk immer wieder auf diese Erfahrungen zurück. Die guten Ergebnisse aus der Klinik führten zu neuen Versuchen, ein ähnliches Konzept in eine weitere Institution des Diakoniewerkes einzuführen, einem sogenannten Pilotprojekt. Weiters wurde das »Innovation Center Spiritual Care in Organisations« (ISCO) mit Wissenschaftlich-kulturellem Beirat in Netzwerkpartnerschaft mit der Universität Basel und der Klinik Diakonissen Linz gegründet.1

1 Einige Auseinandersetzungen hatten wir hinsichtlich einer geschlechtergerechten Sprache und lernten dadurch einiges über unsere verschiedenen Sprach- und auch Kränkungserfahrungen. Unser Kompromiss: Wir benutzen hauptsächliche geschlechterneutrale Formulierungen und das »generische Maskulinum«, wenn es unumgänglich ist und wir alle Geschlechter meinen, und verwenden in den Beispielen vorwiegend weibliche Formen, um daran zu erinnern, dass sowohl die meisten Mitarbeitenden in Medizin und Kirche als auch Patienten Frauen sind.

Dank

»Könnte uns jemand von oben betrachten, er sähe so viele Menschen auf der Welt in ständiger Eile, erhitzt und erschöpft und er sähe ihre verlorenen Seelen, die nicht mehr Schritt halten können mit den Menschen zu denen sie gehören« (Tokarczuk 2017, S. 33).

Die polnische Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk für Literatur 2018 geht in ihrem Buch »Die verlorene Seele« auf sehr einfühlsame Art und Weise auf eine sich zuspitzende Not unserer Zeit ein. Ausgehend von dieser Wahrnehmung, die viele in den verschiedensten Berufssparten teilen, ist es nicht überraschend, dass das Anliegen, sich um seelische Bedürfnisse zu kümmern, steigt. Der Theologe und Pädagoge Anton A. Bucher sagt in seinem Ausblick: »Gerade aber die harten Wissenschaften, speziell Quantenphysik und Neurophysiologie, lieferten bisher noch nie gesehene Einblicke in das Phänomen des Spirituellen, sei es die Verbundenheit von allem auf der subatomaren Ebene, sei es in die Macht des Geistes, die neurologische Strukturen zu transformieren vermag. Zudem begreifen sich mehr und mehr Zeitgenossen als spirituelle Wesen, auch wenn sie nicht mehr kirchlich eingebunden sind, und wünschen als solche ernst genommen zu werden, zumal am Krankenbett oder in der Therapie.« (Bucher 2014, S. 205)

Umso dankbarer bin ich all jenen mutigen Entscheidungsträgern in der Klinik Diakonissen Linz, im Diakoniewerk, im Haus Elisabeth und in anderen Einrichtungen, die sich entschieden haben, Spiritual Care zu implementieren. Einen besonderen Dank möchte ich all meinen Kolleginnen und Kollegen aussprechen, die sich auf die Fortbildungsangebote einließen und sich mit großer Hingabe Patienten, Bewohnern und Klienten zuwenden. Ich kann mich an keinen einzigen Schulungstag erinnern, an dem ich nicht tief berührt von den Wahrnehmungen und persönlichen Zugängen der jeweiligen Teilnehmenden zur Spiritualität heimfuhr.

Zuletzt gilt mein Dank speziell meinem Mann, der mich immer wieder zu diesem Buch ermutigt hat, unseren beiden geduldigen Kindern und meiner weiteren Familie, Freunden und Bekannten, die mich bei diesem Projekt unterstützten.

Einleitung

Die Wahrnehmung von spirituellen Bedürfnissen wird in der heutigen Gesellschaft zunehmend wichtiger. Obwohl einerseits ein deutlicher Rückgang von Personen zu verzeichnen ist, die sich traditionellen religiösen Institutionen zugehörig fühlen, gewinnt andererseits das Phänomen individueller Religiosität und Spiritualität an Bedeutung.

Als Seelsorgerin der Klinik-Diakonissen Linz erlebe ich, dass viele Mitarbeitende sich wünschen, Patienten und Patientinnen »Heilsames« zukommen zu lassen. Dies betrifft die Ärzteschaft, Beschäftigte in der Pflege, im Service, sogar in der Verwaltung. Immer mehr schärft sich bei mir das Bewusstsein, dass dies nicht allein auf den medizinischen Bereich reduzierbar ist.

Dabei denke ich nicht an Dienstleistungen, sondern an ein Beziehungsgeschehen, welches über das rein Funktionale, Somatische und Materielle hinausgeht. Das sind Begegnungen, die im Inneren berühren und den Heilungsprozess, wie auch immer dieser aussehen mag, unterstützen. Diese Art von Kontakten ist nicht machbar, weil Spiritualität einen für den Menschen unverfügbaren, transzendentalen und geschenkhaften Aspekt beinhaltet. Allerdings müsste es möglich sein, Rahmenbedingungen zu schaffen, die solche Begegnungen erleichtern.

Meiner Beobachtung nach fehlt Mitarbeitenden im Umgang mit spirituellen Bedürfnissen oft die nötige Kompetenz. Dies äußert sich dadurch, dass sie einerseits schwierigen spirituellen Fragestellungen ausweichen, oder andererseits so tun, als hätten sie die Anfrage nicht gehört.

Ursachen können dabei eine fehlende Selbstwahrnehmung und eine nicht ausreichende Patientenwahrnehmung sein. Ein weiterer Grund ist die Angst, das Falsche zu sagen. Dahinter kann die Unsicherheit stecken, auf Ohnmachtssituationen zu reagieren. Ein Aspekt ist dabei eventuell die Sorge, sich nicht ausreichend gegen belastende Situationen abgrenzen zu können.

Demzufolge fühlen sich zu behandelnde Personen nicht ernst genommen. So bleiben sie mit ihren Bedürfnissen allein zurück und wertvolle, vielleicht sogar das »Heilwerden« unterstützende Prozesse, werden durch Schlaf- sowie Beruhigungsmittel zugedeckt. Daher beschäftigten mich die Fragen: Welche Fähigkeiten und Kompetenzen brauchen Mitarbeitende, um spirituelle Bedürfnisse der Patienten und Patientinnen wahrnehmen und darauf heilsam eingehen zu können? Sind solche Kompetenzen schulbar?

In der Bangkok Charta für Gesundheitsförderung (2005) wird von der WHO ausdrücklich gefordert, neben dem physischen, psychischen und sozialen Wohlbefinden, auch spirituelles Wohlbefinden gleichermaßen als ein fundamentales Grundrecht eines jeden Menschen anzusehen. (World Health Organisation 2005)

Dieses Bewusstsein setzt sich immer mehr im medizinischen Bereich durch. Dennoch ist es für Geschäftsführer einer Klinik – in Zeiten knapper werdender zeitlicher und finanzieller Ressourcen – schwierig, sich auch für das spirituelle Wohlbefinden der Patienten und Patientinnen verantwortlich zu fühlen und sich damit für die Einführung von Spiritual Care zu entscheiden.

Die Frage dabei ist, wie kann man Angebote für Mitarbeitende schaffen, die sowohl deren spirituelle Kompetenz erweitern als auch in einen effektiven Klinikalltag passen.

Mit diesem Buch soll daher vorgestellt werden, welche Kompetenzen Mitarbeitende brauchen, um spirituelle Bedürfnisse der Patienten und Patientinnen wahrnehmen und darauf heilsam eingehen zu können. Darüber hinaus soll veranschaulicht werden, wie sich diese Kompetenzen im Kontext einer Klinik schulen lassen und welche positiven Auswirkungen dadurch entstehen.

Für Spiritual Care gibt es verschiedenste Ausbildungsangebote, nicht nur in den USA, England, den Niederlanden, sondern auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Angebote reichen von einfachen Kursmodulen bis hin zu einer Ausbildung mit Bachelor- oder gar Masterabschluss. Auch sind konkrete Überlegungen dazu in der Fachliteratur zu finden. Hemma Prenner beschäftigt sich z. B. mit der spirituellen Dimension in der Pflegeausbildung (Prenner 2014). Uneinigkeit besteht nach Meinung von der Theologin und Medizinerin Doris Nauer darin, von wem, wie und wo die jeweils als notwendig erachteten Kompetenzen für Spiritual Care erworben werden sollen. Ihrer Meinung nach reicht da die Angebotspalette von Wochenendseminaren und Online-Kursen bis hin zu Zusatzqualifikationskursen und äußerst anspruchsvollen Intensiv-Lehrgängen im Rahmen beruflicher Aus-, Weiter- und Fortbildung (Nauer 2015). Spirituelle Begleitende fühlen sich überfordert, wenn keine kontinuierlichen Weiterbildungsmaßnahmen implementiert werden. Dies konnte von Michael Balbonie und nachfolgend auch von anderen nachgewiesen werden (Balboni et al. 2013).

Jochen Dutzmann verweist in seinem Artikel auf eine Studie von Piret Paal, Traugott Roser und Eckhard Frick, die unter den Mitgliedern der IGGS (Internationale Gesellschaft für Gesundheit und Spiritualität) eine Umfrage zum Thema »Developments in spiritual care education in German – speaking countries« starteten (Paal 2014). Die Autoren der Umfrage unterscheiden in der Lehre von Spiritual Care folgende drei Lehrebenen: »Haltung, Wissen und Fertigkeiten« (Dutzmann 2016, S. 30). An Hand von vier ausgewiesenen Spezialisten und deren einschlägigen Publikationen möchte ich in diesem Buch aufzeigen, welche Kompetenzen in erster Linie dafür notwendig sind, um diesen drei genannten Ebenen gerecht zu werden.

Das darauf basierende Fortbildungsprogramm hat beeindruckende Ergebnisse erzielt, die diesen Ansatz für das Diakoniewerk als Ganzes interessant machen. Unter dem Titel »Leitprozess Spiritual Care« im Weiterbildungsprogramm 2020 der Diakonieakademie ist zu lesen: »Mit dem Linzer Modell unserer Klinik Diakonissen Linz ist für den deutschsprachigen Raum ein innovatives Ankerbeispiel zur Umsetzung von Spiritual Care in Organisationen (SCO) entstanden – vor dem kostbaren Hintergrund unserer Diakonissentradition« (Wettreck 2019, S. 15). Dies trug dazu bei, sich mit dieser Thematik »Spiritual Care als Lernprozess in unserem Kulturprozess« intensiver zu beschäftigen und sich für die Gründung eines Innovationscenters Spiritual Care in Organisationen zu entscheiden. So formulierte der Diakonisch-theologische Vorstand des Diakoniewerkes anlässlich der Einladung zum Innovationsdialog im Zuge der Gründung von ISCO (wissenschaftlicher Beirat und geladene Gäste): »Der Bedarf an Ganzheitlichkeit und Achtsamkeit im Sozial- und Gesundheitswesen, aber auch in der Wirtschaft, steigt. Spiritualität zeigt sich als ein möglicher wichtiger Schlüsselfaktor und missing link für die Sinnsuche, die Selbstsorge und die Beziehungs- und Gemeinschaftsdimension – gerade auch vor dem Hintergrund von erschwerten Bedingungen in Care Berufen. Das Diakoniewerk wagt mit dem Ansatz Spiritual Care in Organisationen (SCO) den spirituellen Schritt in eine neue Zeit – mit dem Schatz seiner Tradition und auf Basis des international als beispielhaft wahrgenommenen Ankerbeispiels Klinik Diakonissen Linz.«

1 Wie alles begann …


Abb. 1.1: Außenansicht Klinik Diakonissen Linz

Warum ergriffen Sie einen Beruf im Gesundheits- und Krankenpflegebereich, als Arzt oder Ärztin, im Sozialbereich für Altenarbeit, in der Pflegeassistenz in einem Krankenhaus oder einer Pflegeeinrichtung? Vermutlich waren unter den vielen Beweggründen auch Motive wie »um Menschen zu helfen« oder »um die Welt heller zu machen« dabei. Der Pflegealltag sieht aber in der Realität anders aus.

Mich bewegte in den Anfängen meiner Tätigkeit im Krankenhaus das Schicksal einer Führungskraft eines öffentlichen Pflegeheims. Mit unerträglichen Schmerzen und einem völligen Burnout suchte sie Hilfe in unserem Krankenhaus. Nach einigen sehr bewegenden Gesprächen gestand sie mir: »Ich weiß nicht, ob ich in meinem Beruf jemals wieder zurückkehren kann. Ich ertrage es nicht mehr, dass wir den Bewohnern nicht die Pflege angedeihen lassen können, die sie eigentlich brauchen.«

Ich bin davon überzeugt, dass vielen von uns diese Not bewusst ist. Hohe Cold out- und Suizidraten im medizinischen, pflegerischen Bereich – über all diese Phänomene gibt es bereits viele Studien. Eindrücklich beschreibt dies unter anderem Rainer Wettreck im Rahmen der Pflegefallen in seinem Buch »Am Bett ist alles anders« (Wettreck 2020). Dieser fachlich fundierte Hintergrund begründet vermutlich seine Begeisterung für die Umsetzung von Spiritual Care in der Klinik Diakonissen Linz.

Die Implementierung von Spiritual Care kann diesen Entwicklungen in manchem entgegenwirken. Mitarbeitende berichten, dass sie dadurch in einer Weise arbeiten und Erfahrungen machen können, wie sie es am Anfang ihrer Berufswahl erhofft haben. In der Folge lassen sich in der Klinik Diakonissen Linz Veränderungen in Richtung einer höheren Personalbindung beobachten. Darüber hinaus dürfen wir uns immer wieder über Blindbewerbungen freuen.

Die Identifikation und das Mitarbeiterengagement sind gestiegen. Ebenso sind eine höhere Motivation und Leistungsfähigkeit, mehr Flexibilität der Mitarbeitenden wahrnehmbar. Die Offenheit gegenüber Innovationen ist spürbar größer. Auch hat sich einiges im Bereich Resilienz positiv verändert, was an einem wahrnehmbaren Rückgang der Krankenstandzahlen zu bemerken ist. Mehr Vertrauen und eine angstfreiere Dialogkultur sind im Haus vorherrschend. Dieses authentische Zusammenspiel bewirkt eine ebenso steigende Patientenzufriedenheit.

Nach aussagefähigen Forschungsergebnissen sind ca. 30 % des Geschäftserfolgs auf Wirkungen der Unternehmenskultur zurückzuführen (Hauser et al. 2008).

1.1 Ausgangslage und Hintergründe zur Klinik

Betten: 120 (aktuell)

4 OP-Säle

Radiologie

Endoskopie

Augenzentrum

Rund 6.000 zu behandelnden Personen/Jahr

Rund 260 Mitarbeitende

40 Belegärztinnen und -ärzte

Um die Umsetzung von Spiritual Care in der Klinik Diakonissen Linz ( Abb. 1.1) besser nachvollziehen zu können, lade ich Sie ein, einem Blick in die jüngere Geschichte zu wagen.

»Denken Sie völlig frei.« Mit dieser Aufforderung beauftragte mich 2014 kurz nach meinem Dienstantritt der ärztliche Geschäftsführer mit der Entwicklung eines Konzeptes, um die Klinik auf eine spirituellere Basis zu stellen. Als katholische Seelsorgerin war mir dies in einem evangelisch geprägten Haus insofern sehr gut möglich, da ich keine »Grauen Eminenzen« in meinem Rücken spürte, die einen unbeeinflussten Blick erschwerten. Im Rückblick war dies ein entscheidender Faktor, der mir neue Wege öffnete.

1.1.1 Die Klinik Diakonissen Linz

1906 wurde das Krankenhaus in Linz als evangelisches Kranken- und Pflegeasyl von den Diakonissen gegründet. Träger der Klinik Diakonissen Linz ist das Evangelische Diakoniewerk Gallneukirchen.2

Die Persönlichkeiten an der Spitze dieser Linzer Privatklinik sorgen mit Weitblick und persönlichem Einsatz für eine erfolgreiche Positionierung und stetige Weiterentwicklung des Hauses. Die Klinik Diakonissen Linz verfügt auch über ein privates Fachärztezentrum »medz«, das in direkter Anbindung zur Klinik steht.

Integriert war lange auch eine Gesundheits- und Krankenpflegeschule, welche einen wesentlichen Beitrag für die optimale Ausbildung des Pflegepersonals leistete. Hier wurden von mir bereits in allen drei Jahrgängen (im Ausmaß von je 16, 14 und 18 Einheiten) Inhalte von Spiritual Care vermittelt.3 Im Moment ist die Schule aufgrund fehlender Fördermittel vonseiten des Landes Oberösterreich (OÖ) ruhend gestellt. 2020 entschied sich die ehemalige Direktorin dieser Ausbildungsstätte ebenfalls den Masterstudiengang Spiritual Care in Basel zu machen.

Laut Klinikleitbild versteht sich das Krankenhaus als führende Expertenklinik im Bereich der Privatmedizin.4 Dieses zeichnet sich auch im Pflegemodell und Pflegeleitbild ab. Das Pflegemodell beruht auf den pflegewissenschaftlich anerkannten Theorien von Dorothea Orem (Schwerpunkte Selbstfürsorge, Gesundheitsförderung und ressourcenerhaltende Begleitung), Hilde Peplau (Kommunikation und Interaktion) und Roper-Logan-Tierney (Lebensaktivitäten). Deren Pflegemodell und -leitbild stammen aus dem Jahr 2011.

Es gehört zum Pflegeverständnis des Hauses, individuelle Bedürfnisse der zu behandelnden Personen zu erkennen, zu berücksichtigen und zu akzeptieren. D. h. es gibt für jeden Patienten einen individuellen Pflegeplan, der sich an den Patientenbedürfnissen orientiert mit laufender Evaluierung und Anpassung des formulierten Pflegeziels. Die Pflege erfolgt in Gruppen. Ein bis zwei Pflegepersonen, die sich die einzelnen Pflegeaufgaben selbst aufteilen, sind für eine Gruppe von Patienten zuständig. Sie verstehen sich als Teil eines multiprofessionellen Gesundheitsteams. Die Kategorisierung der Pflegetätigkeiten in Minuten, wie dies in den OÖ Landesspitälern üblich ist, wird in der Linzer Privatklinik seit mehreren Jahren so nicht mehr praktiziert.

Das Klinikleitbild aus dem Jahr 2013 bildet eine wichtige Basis für das Verständnis der konzeptionellen Arbeit im Bereich Spiritual Care. Dieses elf Seiten starke Heft erhält jeder Mitarbeitende. Besonders wichtig sind als Fundament drei Handlungsprinzipien und die daraus resultierenden Leitsätze für Mitarbeitende, Führungskräfte und medizinische Expertenschaft. Das diakonische Leitbild geht auf das bio-psycho-sozio-spirituelle Modell aus der Medizin ein unter Einbeziehung des christlichen Menschenbildes evangelischer Prägung. Von der Diagnose bis zur Behandlung hat der Patient der Klinik Diakonissen nur einen fachärztlichen Ansprechpartner, so beschrieben im Persönlichkeitsprinzip. Unter dem Dual-Service Prinzip versteht man, dass alle Berufsgruppen der Klinik Diakonissen mit den Fachärzten in gegenseitiger Wertschätzung eine »Serviceeinheit« bilden. In den Leitsätzen werden Empathie, Kommunikation in der interprofessionellen Teamarbeit und das wirtschaftliche Handeln betont.

In der Zusammenschau dieser Leitsätze und Handlungsprinzipien wird deutlich, dass die Klinik Diakonissen für die Einführung von Spiritual Care bestens geeignet ist. Kompetenzen wie Empathie, Kommunikation, Dienst, Zusammenarbeit und gegenseitige Wertschätzung werden eindeutig von allen Klinik-Mitarbeitenden eingefordert. Doch die Praxis zeigt, dass Vision und Realität nicht immer ganz beieinanderliegen. Ausdruck fand dies in der Mitarbeiterbefragung 2014. Defizitäre Brennpunkte wurden mitunter im Bereich der Wertschätzung, der Kommunikation, des Vertrauens und der Entlastung festgestellt.

In der Geschäftsleitung entstand, wie einleitend erwähnt, der Wunsch, die Klinik auf eine spirituellere Basis zu stellen. So entwickelte ich auch als Leiterin der damaligen Stabstelle Seelsorge aus dem Klinikleitbild, der Mitarbeiterbefragung und dem ganzheitlichen Körper-Geist-Seele-Modell ein Konzept, das mithilfe eines sogenannten Denkkreises weitergeführt wurde. Ziel dieses Denkkreises und späteren Arbeitskreises Spiritualität war es, den Aufbau eines spirituelleren Fundamentes für die Klinik Diakonissen voranzutreiben. Dennoch war es für die Klinik-Geschäftsleitung trotz Bekenntnis zu einer spirituellen Ausrichtung zunächst nicht einfach, sich auf einen möglichen Implementierungsprozess für Spiritual Care einzulassen. Unsicherheiten bzgl. Inhalte und Finanzierung machten es anfänglich schwierig, die Spitze für diesen Weg zu begeistern. Doch mit schrittweiser Überzeugungsarbeit und einer gewissen grundsätzlichen Offenheit vonseiten der Geschäftsführung gelang es, zunächst einzelne Projekte wie z. B. die Fokus Tage voranzutreiben. Nach den ersten beiden erfolgreichen Fokus Tagen wurde sogar ein dritter für April 2017 fixiert sowie ein Arbeitsschwerpunkt in Spiritual Care für das gesamte Krankenhaus festgelegt.

Im Jahr 2015 startete der erste Masterlehrgang Spiritual Care in Basel. Aufgrund der Anregung und Unterstützung meines evangelischen Kollegen beschloss ich teilzunehmen und das erst entstandene Konzept, welches bei der Studienleitung auf großes Interesse stieß, professionell und wissenschaftlich reflektiert weiter zu entwickeln. In dieser Zeit ermunterte mich mein damaliger Kollege und späterer Chef und Leiter der Abteilung diakonische Identitätsentwicklung enorm, den finanziellen Rahmen abzustecken und diese Idee gemeinsam bei der Geschäftsführung der Klinik Diakonissen zu lancieren. Er war von der ersten Stunde an von Spiritual Care begeistert. Nach den ersten geglückten Versuchen der Implementierung von Spiritual Care gelang es meinem damaligen Kollegen den Gedanken von Spiritual Care in das Diakoniewerk zu tragen. Ihm ist es zu verdanken, dass die Idee von Spiritual Care auch an Entscheidungsträger des Diakoniewerkes immer wieder herangetragen wurde. Schon bevor sich dieser Weg abzeichnete, war der Leiter der Abteilung Diakonische Identitätsentwicklung jener, der als erster Visionen in Richtung eines Spiritual Care Zentrums im Diakoniewerk entwickelte.

Rückblickend bin ich froh den Schritt nach Basel gewagt zu haben, obwohl die Entscheidung sich als sehr fordernd herausstellte. Nicht nur zeitliche und finanzielle Hürden waren zu nehmen. Es brauchte auch viel Überzeugungsarbeit bei meinen Ansprechpartnern und Dienstvorgesetzen. Spiritual Care kam damals allmählich in Diskussion, aber was man darunter verstehen konnte, war nicht klar und erzeugte daher unter manchen Kollegen sogar Angst und Ressentiments.

Key Messages

Hilfreich für die Implementierung sind:

• Institution mit überschaubaren Strukturen

• Orientierung am Klinikleitbild

• Individueller Pflegeplan

• »Denken Sie völlig frei« – Mut zur Frage: Was braucht es heute wirklich?

1.1.2 Doch was ist eigentlich Spiritual Care?

Schnell kamen wir in unserem Studiengang zu der Erkenntnis, dass Spiritual Care eine sehr junge Disziplin ist. Der damalige Studienplan versuchte selbstverständlich auf alle relevanten Teildisziplinen und Fachexpertisen einzugehen. Dennoch entfachte dieser Suchprozess in unserem Studiengang immer wieder lebendige und leidenschaftliche Diskussionen, die eine innere Klärung bei jedem einzelnen vorantrieben. Schon in den ersten Monaten kristallisierte sich der Forschungsschwerpunkt meiner Masterarbeit heraus:

Welche Kompetenzen brauchen Mitarbeitende, um spirituelle Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten wahrnehmen und darauf heilsam eingehen zu können? Wie lassen sich diese Kompetenzen im Kontext einer Klinik schulen?

Zunächst braucht es die Abklärung, was unter spirituellen Bedürfnissen zu verstehen ist. Unter dem Begriff Bedürfnis findet sich im Brockhaus 1997 die Erklärung: »Gefühl eines Mangels und der Wunsch diesem abzuhelfen« Im Duden steht: »Wunsch, Verlangen nach etwas; Gefühl, jemandes, einer Sache zu bedürfen; jemanden, etwas nötig zu haben«

Anders verhält es sich mit dem Begriff Spiritualität. Hier stößt man auf viele und differenziertere Definitionen, wie nachfolgende Ausführungen verdeutlichen. Dabei zeigt sich, wie unterschiedlich das Verständnis dieses Begriffs ist, gerade auch im Blick auf sich daraus ergebende notwendige Kompetenzen. Am Anfang meines Buches möchte ich darum dessen spirituelle Wurzeln verdeutlichen und einer möglichen Klärung besondere Aufmerksamkeit schenken.

1.2 Spiritualität – eine Begriffsklärung

Was ist eigentlich Spiritualität? Diese Frage löst oft heftige Diskussionen aus. Vielen ist der Begriff zu schwammig oder er wird als eine Art Modewort mit esoterischem Touch gesehen. Daher möchte ich dazu ermutige, einen intensiveren Blick darauf zu wagen, um leichter verständlich zu machen, warum gerade jüngere Generationen sich eher mit Spiritualität identifizieren als mit Religion.

Die Frage nach dem allgemeinen Sprachgebrauch führt zunächst bei ersten Recherchen zu verschiedenen Lexika.

Der unterschiedliche Umgang mit diesem Begriff wird in der Enzyklopädie Brockhaus sichtbar. So findet man bereits 1993 eine relativ umfangreiche und differenzierte Darstellung: »Spiritualität, heute gleichbedeutend mit Frömmigkeit, …«. In den Ausgaben von 1997 kommt der Begriff Spiritualität überhaupt nicht vor. Es ist ausschließlich von Spiritismus, Spiritual, Spiritualen, Spiritualien, Spiritualismus die Rede (Strzysch und Weiß 1997, S. 215).

Im Duden sind Definitionen wie »Geistigkeit; inneres Leben, geistiges Wesen« zu finden. Eine ähnliche Definition für Spiritualität ist im Lexikon für Psychologie zu entdecken: »Frömmigkeit, eine vom Glauben getragene geistige Orientierung und Lebensform, die im Gegensatz zur vorherrschenden materialistisch-mechanischen Weltsicht steht.« 2005 findet man im Lexikon »Die Zeit« unter dem Begriff Spiritualität »die, Religion: die durch seinen Glauben begründete und durch seine konkreten Lebensbedingungen ausgeformte geistig-geistliche Orientierung und Lebenspraxis eines Menschen« (Weiß 2005, S. 24).

1.2.1 Geschichtlicher Exkurs zum Begriff

Im Unterschied zu weltlichen, materiellen und körperlichen Dingen bezeichnet das lateinische Wort spiritualis im europäischen Mittelalter geistliche Dinge. Das lateinische Wort spiritus führt uns noch weiter in der Geschichte zurück: es ist die Übertragung des hebräischen Wortes ruah bzw. die des griechischen Wortes pneuma und meint den Geist Gottes.

Das Wort Spiritualität taucht Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich in der christlichen Ordenstheologie auf und bezieht sich damit vor allem auf Frömmigkeit, Askese und Mystik. In der deutschen Sprache wird es um 1940 erstmals im Rahmen des katholischen und etwas später schließlich auch im Rahmen des evangelischen Christentums verwendet.

Heute wird der Begriff Spiritualität ganz selbstverständlich von allen Religionen gebraucht. Man spricht von christlicher, jüdischer, muslimischer usw. Spiritualität. Sie wird als eigentlicher Kern jeder religiösen Tradition verstanden. Alle bekannten Religionen beziehen sich auf religiöse Erfahrungen, das lebendige, religiöse Erleben von Stifterfiguren, auf visionäre Persönlichkeiten, auf Propheten und Prophetinnen, auf Mystiker und Mystikerinnen (Heller 2014). Corinna Dahlgrün, die sich vor allem mit christlicher Spiritualität auseinandergesetzt hat, sagt in ihrem Werk über verschiedene christliche Zugänge dazu: »Nach meiner Auffassung gehören zum Phänomen »Spiritualität« verschiedene Komponenten« (Dahlgrün 2009, S. 1); als erstes nennt sie die Beziehung zu Gott, oder vorsichtiger formuliert, zu einer transzendent wahrgenommenen Macht. Weiters braucht es ihrer Meinung nach eine dadurch konstituierte Gottes- bzw. Transzendenzerfahrung seitens des Menschen und eine Gestaltung dieser Beziehung in seinem Lebenslauf (Dahlgrün 2009).

1.2.2 Religion und Spiritualität – eine Begriffsdifferenzierung

Der Religionswissenschaftler Jürgen Mohn (Lehreinheit 4, Religionswissenschaften, 28./29. August 2015, zusammengefasst von Christa Gäbler-Kaindl 2016a) begreift unter Religion ein Spektrum individueller Erfahrungen sowie einen gesellschaftlichen Zusammenhang wie z. B. Religionsgemeinschaften, Kirchen. Er beschreibt Religion als ein Phänomen, das nicht auf den Punkt zu bringen ist. Wenn wir von Religion reden, dann kann es gemäß Mohn um viel Verschiedenes gehen: z. B. Erfahrung, Heimat, Bindung, Glaube, Gott etc. (Gäbler-Kaindl 2016a).

Für die Theologin und Psychiaterin Elisabeth Grözinger (Lehreinheit 7, Psychologie, 27./28. November 2015, Gäbler-Kaindl 2016a) ist Religion ein Sprachsystem, und Spiritualität bezeichnet das individuelle Sprechen dieser Sprache (Gäbler-Kaindl 2016a).

Birgit Heller bezeichnet den Begriff Spiritualität als schillerndes und unscharfes Modewort. Dennoch geht sie davon aus, dass Spiritualität eine Basisqualität des Menschen ist. In den Definitionen von Spiritualität überwiegen ihrer Meinung nach die Dimensionen der Sinnsuche, Sinngebung, und die Fähigkeit zur (Selbst-)Transzendenz. Laut Birgit Heller wird Spiritualität sowohl auf Religiosität bezogen als auch davon abgegrenzt. Nur eine Minderheit, so ihre Erkenntnis, trennt de facto scharf zwischen Religiosität und Spiritualität.

Birgit Heller trifft folgende Unterscheidung: Religion werde meist als System betrachtet und erscheine als an eine Glaubensgemeinschaft gebunden, während Religiosität als die subjektive Dimension von Religion gelte. Spiritualität wird ihrer Meinung nach als Gegensatz oder Alternative zu religiösen Organisationsformen vor allem zur Kirche gesehen. Religion gelte als eher rückständig, einengend, formal und dogmatisch, Spiritualität wirke hingegen modern, offen, erfahrungsorientiert und authentisch (Heller 2014).

Diese Gedanken von Birgit Heller werden auch von Doris Nauer in ihrem Buch »Spiritual Care statt Seelsorge« aufgegriffen. Doris Nauer präzisiert sie jedoch weiter, in dem sie wie Paul Zulehner davon spricht, dass sich eine Art Respiritualisierung in westlich geprägten Gesellschaften abzeichnet (Nauer 2015).

Diese postsäkulare Spiritualität weist einige Spezifika auf, die sich auf Spiritual Care auswirken. Auch darauf weist sowohl Doris Nauer als auch Schneidereit-Mauth hin (Nauer 2015).

1.2.3 Spiritualität und Transzendenz

Nach Auffassung von Birgit Heller bezeichnet der Begriff Transzendenz eine Selbst-Überschreitung oder besser Ich-Überschreitung (Heller 2014). »Während beispielsweise der Kauf eines Autos oder der Bau eines Hauses Beispiele für so genannte kleine Transzendenzen darstellen, sind große Transzendenzen mit den fundamentalen Lebensfragen nach dem Woher, dem Wohin und dem Warum verbunden« (Heller 2014, S. 59).

Albrecht Grözinger spricht in Bezug auf Transzendenz von einer horizontalen (sich verbunden fühlen mit der wahrnehmbaren Wirklichkeit) und einer vertikalen Spiritualität (das Verbunden sein mit dem Unsichtbaren, Heiligen) (Gäbler-Kaindl 2016a).

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Tatjana Schnell in ihrer Forschung. Die Professorin am Institut für Psychologie in Innsbruck hat in ihrer Studie das Inventar der fünf Sinndimensionen und ihrer sinngebenden 26 Lebensbedeutungen erforscht. Sie spricht auch von vertikaler und horizontaler Selbsttranszendenz: je breiter und tiefer Sinnquellen genutzt würden und je mehr Dimensionen einer Sinngebung daraus beteiligt seien, desto höher werde auch die Wahrscheinlichkeit einer Sinnerfüllung (Schnell 2014).

Kritisch betrachtet dies Elisabeth Grözinger im Kontext der dargestellten Positionen (Lehreinheit 7, 27./28. November 2015). Sie bezweifelt aus psychiatrischer Sicht, ob jeder Mensch Sinn sucht oder Sinn braucht. Das Finden von Orientierung und Geborgenheit sei wichtiger (Gäbler-Kaindl 2016a).

Von einem vertikal geweiteten Spiritualitätsverständnis spricht Giovanni Maio. Der Blick könne dadurch vom rein Materiell-Leiblichen dahingehend geweitet werden, das Leben als Geschenk zu betrachten (Maio 2013).

1.2.4 Spiritualität als universales Merkmal des Menschen

Bereits in der Vergangenheit taucht im theologischen Diskurs die Frage auf, ob der Mensch als »unheilbar religiös« einzustufen sei. Die Antworten sind vielfältig. Birgit Heller stuft die von vielen Protagonisten geteilte Einschätzung, dass jeder Mensch spirituell sei, als problematisch ein (Heller 2014). Sie meint: »Der Respekt gegenüber einer individuellen, einzigartigen Person erfordert, dass das jeweilige Selbstverständnis anerkannt wird, auch wenn es vielleicht nicht mit der eigenen Weltanschauung übereinstimmt.« (Heller 2014, S. 68).

Insgesamt laufen die meisten Auseinandersetzungen mit dem Begriff Spiritualität auf die Beschreibung einer offenen Spiritualität hinaus, die sich von Religion unterscheidet. Doch was bedeuten diese vielen unterschiedlichen Positionen von Spiritualität für Spiritual Care in einem Krankenhaus?

1.2.5 Spiritualität und Medizin

Aufgrund der Weite des Begriffes ist das Verhältnis von Spiritualität und Medizin vielfältig und komplex.

Birgit Heller stellt fest: »Die Trennung zwischen Materie/Körper und Seele/Geist ist in den verschiedenen Kulturen der Menschheitsgeschichte selten absolut. In den meisten Kulturen außerhalb der westlichen Welt wird die Trennung des Menschen in Materie und Geist nicht so strikt vorgenommen, wie in der europäischen Wissenschaftstradition seit Descartes.« Und sie setzt fort: »Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass postmoderne Spiritualität das moderne dualistische Denken hinter sich lässt und wieder an traditionelle Weltbilder anknüpft. So gesehen stellt die vermeintlich neue Ganzheitlichkeit eigentlich eine Rückwende dar« (Heller 2014, S. 63).

Ulrich Körtner teilt diese Ansicht. Die religiösen Grundüberzeugungen seien bei den unterschiedlichen Spielarten einer Alternativ- oder Ganzheitsmedizin unübersehbar. Seiner Meinung nach steigt das Interesse für die religiöse Dimension von Krankheit, auch wenn die Wechselwirkungen zwischen Religion und Gesundheit komplex seien wie z. B. sowohl die positive als auch negative Wirkung von Gebeten. Wenn über Spiritualität als möglichen Teil ärztlichen Handels nachgedacht werden soll, so ist es nach Körtner auch hier notwendig, den Begriff der Spiritualität zu präzisieren (Körtner 2011).

Eckhard Frick, Theologe und Mediziner, spricht sich hingegen für ein bewusst entgrenztes, definitorisch offenes Verständnis von Spiritualität aus (Frick 2012).

Auch wenn der evangelische Theologe Traugott Roser die offensichtliche Begriffsunschärfe als Problem erkennt, so geht er noch weiter, in dem er sagt: »Spiritualität im Palliativkontext ist diesem Verständnis nach genau – und ausschließlich – das, was der Patient dafür hält« (Roser und Gratz 2011, S. 57).

Eine etwas andere Position nimmt Erhard Weiher ein, wenn er formuliert: »Spiritualität ist eine innerste Gestimmtheit, ein bewusster oder nicht bewusster innerer Geist, der das Alltagsleben transzendiert, aus dem heraus Menschen ihr Leben empfinden, sich inspiriert fühlen und ihr Leben gestalten« (Weiher 2014, S. 24). Seiner Meinung nach geschieht spirituelle Erfahrung dort, wo sich ein Mensch mit dem Geheimnis des Lebens in Verbindung weiß. Für ihn ist Spiritualität ins Leben eingewoben. Gemeint ist dessen innerste Gestimmtheit, das Motiv, aus dem das Leben bewusst oder – viel öfter – implizit verstanden und entworfen wird (Weiher 2014).

Diese Definitionen haben tendenziell die Begleitkomponente von Spiritual Care noch wenig im Blick. Darum ist auf jene existenziell sehr wichtige Bewegung des Menschen zu verweisen, die Albrecht Grözinger beschreibt: Der Mensch gewinnt Identität nicht nur durch ein »bei sich selbst bleiben«, sondern indem er aus sich selber heraustritt und zu Gott/ zu Transzendentem/zu Anderem in Beziehung tritt. Von dort soll er getröstet in sein Ich zurückkehren (Gäbler-Kaindl 2016a). Nur aus diesem Verständnis ist so etwas wie Begegnung, Begleitung möglich.

In diesem Zusammenhang ist Kohli Reichenbach zu erwähnen. Für den Zugang zur Spiritualität einer hilfesuchenden Person empfiehlt sie die Unterscheidung zwischen religiöser und offener Sprache. Darunter versteht sie die religiöse (z. B. liturgische Texte und Handlungen, Salbungen, Segnungen, Gebete) und die offene Sprache (Gespräche, erzählen lassen, selbst gestaltete Rituale, Streicheln etc.) (Gäbler-Kaindl 2016a).

Dies führt zur Sichtweise des Epidemiologen, Sozialmediziners und Gesundheitsforschers Friedrich Wilhelm Schwartz (Lehreinheit 2, Medizinische Grundlagen, 6./7. Juni 2015, Gäbler-Kaindl 2016a), der eine religiös institutionalisierte, gebundene Spiritualität einer subjektiven, ungebundenen Spiritualität gegenüberstellt (Gäbler-Kaindl 2016a).

Doris Nauer tritt für ein offeneres Spiritualitätsverständnis ein. Spiritualität wird für sie zunehmend entmonopolisiert, pluralistisch sowie synkretistisch, antidogmatisch und erfahrungsorientiert, individualisiert und personalisiert. Außerdem wird Spiritualität aus Sicht von Doris Nauer bzw. Schneidereit-Mauth immer mehr im Sinne einer Ressource mit heilsamer Wirkung gesehen. Dies wird zunehmend auch im Gesundheitssystem so wahrgenommen (Nauer 2015).

Schneidereit-Mauth vertieft die Frage, was Gesundheit fördert. Sie geht dabei besonders auf das Modell der Salutogenese von Aaron Antonovsky ein und verweist auch auf die krankmachende Seite von Spiritualität. Dabei greift sie das Bild von Antonovsky auf: es gehe nicht darum, den Strom mit seinen Stromschnellen zu begradigen. Ziel sei es vielmehr, die Menschen zu guten Schwimmern zu machen. Sie meint, aus einer salutogenen Sichtweise komme der Spiritualität ein eigenes Gewicht zu. Daher möchte sie die Sorge um die spirituellen Bedürfnisse nicht nur den Gesundheitswissenschaftlern überlassen. Die spirituellen Bedürfnisse von Patienten und Patientinnen seien oft sehr komplex und verlangten, ebenso wie andere medizinische Spezialgebiete, eine fundierte Ausbildung (Schneidereit-Mauth 2013).

Im Verhältnis von Medizin und Spiritualität ist eine offene Spiritualität, die sich zugleich von Religion unterscheidet, wichtig. Bei Fortbildungsangeboten für Mitarbeitende in Spiritual Care ist es daher empfehlenswert, diese nicht im Kontext einer konkreten Spiritualität zu schulen. Allgemein hat sich in der Gesellschaft der Zugang zu Spiritualität und Religion schon sehr gewandelt und tut es noch immer. Bei einer Fortbildung für Seelsorger meinte eine Kollegin nach der Vorstellung verschiedener Spiritualitätsdefinitionen: »Als Theologen brauchen wir uns damit nicht mehr so lange zu beschäftigen, wir wissen ohnehin, was Spiritualität ist.« Hier erlebe ich einen wesentlichen Knackpunkt, warum es für manche Theologen so schwierig ist Angebote im Rahmen von Spiritual Care für Mitarbeitende ansprechend zu gestalten. Wir sind uns in unserem Verständnis der Sache sehr sicher. Dadurch kommt der Respekt vor dem andersartigen Zugang vieler Mitarbeitenden oft zu kurz. Durch meine Kolleginnen und Kollegen im Krankenhaus durfte ich bei Schulungen immer wieder erfahren, wie unterschiedlich spirituelle Zugänge sind. Ich erlebe mich immer wieder als Lernende und bin aufs Neue herausgefordert, in meinem Denken noch freier und toleranter zu werden.

In der Masterstudiengruppe Spiritual Care (2015–2017) aus Basel haben sich die Teilnehmenden unter dem Begriff Spiritualität zusammenfassend auf folgendes geeinigt: »Spiritualität ist eine menschliche Qualität, ein Raum in seinem Inneren. Sie zeigt sich im Verbunden-sein mit dem Nächsten, mit der Welt, mit der Natur, mit sich selbst und mit einem Transzendenten (Heiligen, Gott). Sie ist wirksam bei der Suche nach Sinn, nach Halt und Orientierung. Sie hilft mit Sinnlosigkeit umzugehen. Spiritualität ist ein Geschenk, sie ist unverfügbar und ein Geheimnis.« (Gäbler-Kaindl 2016b)

Wie brauchbar sind solch offene Beschreibungen von Spiritualität für Spiritual Care?

1.2.6 Spiritual Care als Begriff

Die Herkunft des Begriffes Spiritual Care, so Doris Nauer, lässt sich schwer fixieren. Das Wort »spiritual« kann »geistig, geistlich, vergeistigt, ideell, seelisch, spirituell« bedeutet und »care« heißt übersetzt so viel wie »sorgen«.

Vor mehr als 25 Jahren wurde im Gesundheitswesen Spiritual Care als Begriff vor allem in England, Nordamerika und Kanada etabliert. In Europa hielt der Begriff zunächst in den Niederlanden und etwas später in Deutschland Einzug. Generell ist festzuhalten, dass sich der gesellschaftliche Um- und Zugang zu Themen wie Spiritualität und Religion in Europa von jenem in Amerika stark unterscheidet (Nauer 2015).

Die Masterstudiengruppe Spiritual Care(2015–2017) aus Basel versteht unter Spiritual Care die Begleitung beim Finden der eigenen Wahrheit und die Stärkung der Ressource Spiritualität sowie die Sorge um die Atmosphäre in einer Institution (Gäbler-Kaindl 2016b): »Spiritual Care erfordert eine Haltung von Aufmerksamkeit, Präsenz, Offenheit, Vertrauen und Liebe. Spiritual Care ist Begegnung« (Gäbler-Kaindl 2016b).

Unter Spiritual Care wird von den drei Professoren Gäbler-Kaindl, Leiggener und Zeilhofer ein Konzept im Gesundheitswesen verstanden, das drei Aspekte umfasst:

• »Erstens die umfassende Sorge um kranke Menschen, zu der das Eingehen auf spirituelle Bedürfnisse Leidender und ihrer Angehörigen gehört.

• Zweitens die Sorge um die eigene Motivation, zu der die Pflege spiritueller Bedürfnisse gehört.

• Drittens die Sorge um die Organisation Gesundheitswesen, damit sie die umfassende Sorge um leidende Menschen gewährleistet.« (Gäbler-Kaindl et al. 2015)

Key Messages

Die Implementierung von Spiritual Care erfordert:

• ein offenes Spiritualitätsverständnis, das sich von Religion unterscheidet

• die Wahrnehmung der Komplexität des Verhältnisses von Spiritualität und Medizin

• viel kritische Selbstreflexion

• Spiritual Care als Konzept auf drei Ebenen

1.3 Ein Blick in die Literatur

Namhafte Wissenschaftler haben sich im deutschen Sprachraum in ausführlicher Form mit den Kompetenzen für Spiritual Care auseinandergesetzt. Ihre Fragestellung bezieht sich dabei insbesondere auf die notwendigen Kompetenzen für Mitarbeitende im Gesundheitswesen. Im Folgenden werden Ulrich Körtner, Birgit und Andreas Heller sowie Doris Nauer mit ihren Ansichten darüber, welche Kompetenzen ihrer Meinung nach für Spiritual Care als unentbehrlich gelten, vorgestellt.

Der in Österreich lehrende evangelische Theologe Ulrich H. J. Körtner geht mit großem Hintergrundwissen zu medizinethischen Fragen an dieses Thema heran. Körtner meint, dass Spiritualität, die in die Kultur einer Institution integriert werden soll, offen sein muss für Menschen unterschiedlicher Konfessionen, Religionen und Weltanschauungen. Deshalb muss anhand der Strukturen der Arbeits- und Lebensbedingungen in einer Klinik oder in einem Pflegeheim die Frage gestellt werden, ob eine Atmosphäre entsteht, die die Kommunikation von spirituellen Themen fördert oder verhindert (Körnter 2011).

Die zwei in Österreich wirkenden katholischen Theologen Andreas und Birgit Heller haben ihren Zugang zum Thema durch verschiedene Untersuchungen auf dem Gebiet von Palliativ Care gewonnen. Andreas Heller, Spezialist für Organisationsethik, betont die bedeutsame Rolle der Institution, in welche die verschiedenen Beziehungen für Spiritual Care eingebettet sind. Tatsache ist für sie, dass durch Spiritual Care der Mensch wieder in seiner Ganzheitlichkeit entdeckt wird, gerade was die Wahrnehmung von Schmerz und Leiden betrifft.

Das Fachgebiet der vierten Autorin, der in Deutschland tätigen katholische Theologin Doris Nauer ist die Seelsorge. Ähnlich wie Heller und Heller stellt auch sie kritische Fragen in Bezug auf das Verhältnis von Spiritual Care zur Krankenhausseelsorge. Ihre intensive Auseinandersetzung mit dem pastoraltheologischen Bereich der Seelsorge ermöglicht ihr einen sehr differenzierten Blick auf die Frage der Kompetenzen, die Mitarbeitenden benötigen, um spirituelle Bedürfnisse wahrnehmen zu können.5

Aus der zunächst theoretischen Erarbeitung entstand in einem ersten Schritt ein Fortbildungsangebot mit dem Fokus auf der Lehrebene der Haltungen – ein Sensibilisierungstag, welcher mit zwei zeitlich aufeinander folgenden Fragebögen evaluiert wurde. Das Ergebnis zeigt auf welche Faktoren die Schulbarkeit dieser Kompetenzen beeinflussen. Darüber hinaus wird sichtbar, dass neben der Sorge um die Patienten und Angehörigen, auch die Sorge um die eigene Motivation als auch die Sorge um die Organisation im vorgestellten Konzept von Spiritual Care relevant sind, um Kompetenzen im ganzheitlichen Sinn zu fördern.

1.3.1 Drei Positionen zu Spiritual Care
Ulrich H. J. Körtner

Ulrich Körtners Ausführungen zu Spiritual Care findet man erstmals in einem Skriptum (9. bzw. 14.11.2007) verfasst nach der Podiumsdiskussion am 5. November 2007 in Wien zum Thema »Spiritualität – Teil ärztlichen Handelns?!«.

So fragt Ulrich Körtner ganz bewusst, in welchem Sinne sich – theologisch verantwortlich – von Spiritualität in der Medizin sprechen lässt. Dadurch werden einige sehr wesentliche Kompetenzen für Mitarbeitende einer Klink und Entwicklungsbereiche der jeweiligen Institution sichtbar:

A. »Professional attitudes«: Das Wort Spiritualität, so Körtner, kommt vom lateinischen »spiritus = Geist«. Gemeint sei der göttliche Geist, der auch im Menschen Platz greifen will und soll. Zur Spiritualität gehörte jedoch ebenso die Frage, aus welchem Geist heraus ich meine Arbeit tue, meinen Beruf ausübe und anderen Menschen begegne. Neudeutsch gesprochen hat laut Körtner Spiritualität etwas mit den »professional attitudes« von Ärzten und Pflegenden zu tun. Empathie, Nächstenliebe, Fürsorglichkeit und Barmherzigkeit sind Geistesgaben, die nach dem Verständnis des Autors die Grundhaltung von Medizinern und Pflegenden prägen sollten (Körtner 2007).

Aus ethischen Gesichtspunkten ließen sich die Begriffe Menschenwürde, Respekt, Mitgefühl und Gerechtigkeit ergänzen. Gemeint ist also ein reflektorischer Zugang (Körtner 2015).

B. Endlichkeit zu akzeptieren sieht Körtner als wesentliche Grundkompetenz. Spiritualität weiß seiner Meinung nach um den Geschenkcharakter von Leben und Gesundheit, um ihre Unverfügbarkeit und Kontingenz. Es ist zu bedenken, dass bei aller Professionalität das Gelingen therapeutischer Prozesse doch eine Gnade und ein Grund zu Demut und Dankbarkeit ist. Eine alte Weisheit, die Körtner in seinen Erläuterungen immer wieder einbaut, lautet: »Medicus curat, natura sanat, Deus salvat«. Heilung liegt demnach nicht allein in Menschenhand. Spiritualität in der Medizin bedeutet, sich mit der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen. Es heißt aber auch, die Endlichkeit der Heilkunst zu akzeptieren und diese nicht zur Heilslehre zu überhöhen. Ärzte und Patienten sollten sich wechselseitig von übertriebenen Erwartungen entlasten und lernen, mit vermeintlichem Scheitern und Misserfolgen umzugehen. Besonders wichtig wird dieser Aspekt im Fall von unheilbarer oder chronischer Krankheit (Körtner 2007). In seinem Vortrag auf der 42. Kaiserswerther Generalkonferenz in Gallneukirchen fragt er, wie auch Henning Luther, ob die modernen Ideale der Vollkommenheit und Ganzheit, die sich im utopischen Gesundheitsbegriff unserer Gegenwart widerspiegeln, nicht in Wahrheit zerstörerisch statt heilend wirken. »Zerstören sie nicht das lebbare Leben? Unser Leben mit all seinen Brüchen, Fehlern, Unvollkommenheiten, Schwächen« (Luther 1991, S. 263).

C. Zur Spiritualität gehört nach Körtner die Einsicht, dass Medizin und Pflege nicht nur eine Technik, sondern auch eine Kunst sind, die wie jede Kunst auch der Inspiration und des Kairos, des rechten Augenblicks und der Fügungen bedarf. Wie Rössler und der katholische Krankenhausverband schreibt auch Körtner, es gelte oft unausgesprochen die Überzeugung, dass Ärzte oder Pflegende Probleme einfach sachgerecht, d. h. fachlich, lösen würden. Wäre dies wirklich so, dann hätten wir es bei den Ärzten mit Medizintechnikern zu tun, die den Namen Arzt nicht verdienen, und bei den Pflegenden mit Pflegerobotern, die den Namen Schwester oder Pfleger nicht verdienen (Körtner 2007).

D.Spiritualität hat für Körtner in Medizin und Pflege ganz wesentlich mit der Ressource Vertrauen zu tun, ohne die therapeutische und pflegerische Prozesse nicht gelingen können. Wie Dietrich Rössler beschreibt Körtner, dass Ärzte und Pflegende einerseits Selbstvertrauen und Vertrauen in ihre Fähigkeiten und die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel brauchten. Andererseits brauchen Patientinnen und Patienten und ihre Angehörigen jedoch genauso Vertrauen in die Heil- und die Pflegekunst der Ärzte und Pflegekräfte. Körtner verweist gemeinsam mit dem Mediziner und evangelischen Theologen Dietrich Rössler darauf, dass Vertrauen akzeptierte Abhängigkeit sei, ein Faktor, den er in seinen verschiedenen Schriften immer wieder nennt. Für Körtner liegt darin ein Hinweis auf das Bewusstsein von Abhängigkeit schlechthin, das der große protestantische Theologe Friedrich Schleiermacher als Wesen der Religion beschrieben hat. Vertrauen sei immer auch eine Glaubenssache. Damit meint er nicht nur den Glauben an die Kompetenz eines Arztes, sondern auch den Glauben an Gott als Tiefendimension unseres Daseins. Zur Spiritualität gehört es nach Meinung von Körtner, diese Tiefendimension menschlichen Vertrauens und Hoffens freizulegen und nach Quellen des Vertrauens zu suchen. Nach seinem Spiritualitätsverständnis ist es wesentlich, sich den vielfältigen Ängsten, den eigenen wie den fremden zu stellen. Statt die Lebensangst, die doch immer auch Todesangst ist, zu tabuisieren, wie dies in unserer Gesellschaft und im medizinischen Alltag häufig geschieht, sei es wichtig, ihr bewusst Raum zu geben.

E.Spiritualität bedeutet nach Auffassung von Ulrich Körtner Kommunikation. Kommunikation zwischen Mensch und Gott bzw. zwischen den Menschen untereinander ist unumgänglich. Er meint, dass der Geist Kommunikation stiftet und eröffnet. Der Geist ist die Atmosphäre, in der die Kommunikation zwischen Arzt und Patient stattfinde. Sein Wirken ereigne sich zwischen Arzt und Patient. Der Geist sei der Zwischenraum menschlicher Kommunikation, der das Ich und Du ebenso verbindet, wie voneinander abgrenzt und unterscheidet.

F. Das Thema Spiritualität hat nach Körtner nicht nur mit der Haltung und Einstellung des Einzelnen, des Patienten, des Arztes oder der Pflegenden zu tun, sondern auch mit der Kultur einer medizinischen oder pflegerischen Einrichtung. Er meint damit den Geist, der in einem Haus herrscht. Damit ist Spiritualität auch ein organisationstheoretisches Thema. Architektur und Strukturen eines Hauses können gewissermaßen Objektivationen des Geistes sein. Diese vermitteln eine bestimmte Atmosphäre, ermöglichen, fördern oder verhindern Kommunikationsprozesse. Zur Dimension der Spiritualität gehört nach Körtner daher die Frage nach den Strukturen, den Arbeits- und Lebensbedingungen in einer Klinik oder einem Pflegeheim. Natürlich zählt dazu auch, welche Budgets für Angebote der Seelsorge sowie der entsprechenden Fort- und Weiterbildung zur Verfügung stehen (Körtner 2007).

Dem würde Thomas Steinforth sicherlich zustimmen, denn er sieht die Förderung der spirituellen Kompetenz auf drei Ebenen: in der Personalauswahl, in der berufsbezogenen Begleitung und Ermöglichung der Weiterbildung der Mitarbeitenden sowie in der Organisation- und Kulturentwicklung eines Betriebes (Steinforth 2013).

Dem großem Ethik-Fachmann Ulrich Körtner ist natürlich die Förderung der ethischen Kompetenz aller Mitarbeitenden besonders wichtig. Er sieht dies als entscheidenden Beitrag für das Qualitätsmanagement, gerade in einer zunehmend pluralistischeren Gesellschaft (Körnter 2009).

Birgit Heller und Andreas Heller

Ausgehend von der These, dass Spiritual Care alle etwas angeht, müsste sie nach Andreas und Birgit Heller konsequenterweise in einem multidisziplinären Team verortet werden. Derzeit ist ein besonderes Interesse an spiritueller Begleitung und die Übernahme von Zuständigkeit seitens der Pflegepersonen festzustellen. Nachvollziehbar ist dies aufgrund der hohen Präsenz und Kontinuität von Pflegenden in der Sorge für kranke und sterbende Menschen. Dadurch sind sie prädestiniert für die Wahrnehmung spiritueller Bedürfnisse (Heller und Heller 2014). Doch sind es auch zunehmend Ärzte, die eine tragende Rolle im Kontext von Spiritual Care für ihre Profession beanspruchen und sich dabei auf entsprechende Studienergebnisse berufen. Demnach möchten viele Patienten ihre spirituellen Belange am liebsten in die Hände des behandelnden Arztes legen (Borasio 2011). Im Vergleich zu den bereits genannten Wissenschaftlern nennt das Ehepaar Heller klar und deutlich auch das Reinigungspersonal in Gesundheitseinrichtungen als Gesprächspartner für spirituelle Themen. Auch wenn deren Tätigkeiten hierarchisch auf der niedrigsten Ebene der Institution angesiedelt sind, scheint die existenziell-spirituelle Dimension hier am meisten Raum zu finden. Gerade alltagsnahe, niederschwellige und unmittelbare Kontakte ermöglichen eher eine existenzielle Kommunikation, der eine spirituelle Dimension zugeschrieben werden kann. Grund dafür kann sein, dass dieser Raum des Spirituellen frei von Absichten und Erwartungsdruck ist und vielleicht gerade deshalb geschätzt wird (Heller und Heller 2014).

In der folgenden Abbildung ( Abb. 1.2) werden die verschiedenen Ebenen der Zuständigkeit dargestellt.


Abb. 1.2: Verschiedenen Ebenen der Zuständigkeit (nach Heller und Heller 2018, S. 30)

Man darf laut Andreas und Birgit Heller über all den Debatten professioneller Zuständigkeit nicht vergessen, dass zuallererst die Verantwortung bei dem kranken oder sterbenden Menschen selbst liegt, sich mit dem ihm wirklich Wichtigen auseinanderzusetzen, mit dem was dem eigenen Leben und Sterben einen letzten Sinn gibt, mit dem was in der Erfahrung der Einsamkeit und Angst hält und trägt, und dem was angesichts von Zweifel und Verzweiflung hoffen lässt (Heller und Heller 2014).

Aus diesem Modell der verschiedenen Zuständigkeiten ( Abb. 1.2) ist sehr gut ersichtlich, welche Kompetenzen von den verschiedenen Mitarbeitenden gebraucht werden.

Mit der Ebene der »spirituellen Begleitungskompetenz aller im Feld« ist jene Basis gemeint, die sowohl allen professionellen als auch ehrenamtlichen Begleitpersonen gemeinsam sein muss. Dazu zählen Kompetenzen wie absichtslos umsorgen, aktiv zuhören, compathisch sein, dienen (Demut), würdigen, wertschätzen. Dabei geht es weniger um spirituelles Sorgen als um eine Spiritualität der Sorge. Heller und Heller sind der Meinung, Spiritual Care– als Fundament von Sorgekultur – setze voraus, dass Menschen aus der Krankenrolle herausgelöst werden müssen (Heller und Heller 2014).

Davon lässt sich nun eine weitere Ebene der besonderen spirituellen Kompetenz unterscheiden, die eine tiefgreifende, existenzielle Auseinandersetzung voraussetzt: die »sozialkommunikative, therapeutische, spirituelle Professionalität«. Besonders die verschiedenen religiösen Experten und professionellen Rollen, d. h. Betätigungsfelder der Seelsorge hier angesiedelt, wobei die rituellen Kompetenzen viel höher gewichtet werden als die spirituellen. Laut Ehepaar Heller sind diese Betätigungsfelder nicht deckungsgleich, sie überschneiden sich. Beispielsweise drückt sich Spiritualität in der Gestaltung von Abschiedsritualen für die betroffenen Menschen und für diejenigen, die sich ihrer angenommen haben, aus.

Daneben entstehen nach der Psychologin Claudia Wenzel Formen einer neuen spirituellen Professionalität. Das Ehepaar Heller nennt zum einen die einzelnen Vertreter der verschiedenen Professionsgruppen im Gesundheitswesen, die auf individuellen Bahnen ein besonders spirituelles Interesse ausbilden und in ihren Tätigkeitsbereich einbringen. Zum anderen meinen sie die Anbieter aus dem komplementär-alternativmedizinischen Bereich, sowie der ganzheitlichen Körper-Bewusstsein-Praktiken wie z. B. Yoga, Tai-Chi oder Shiatsu. Hier ist Spiritual Care ein selbstständiger und selbstverständlicher Aspekt der professionellen Zuwendung. Impulse für die spirituelle Entwicklung könnten neben den traditionellen Formen der Seelsorge für konfessionell-religiöse und interessierte Menschen durch Spiritual Care und in Kooperation mit den unterschiedlichen komplementär- und alternativmedizinischen Angeboten sowie energetischen Methoden und Meditationsformen freigesetzt werden (Heller und Heller 2014).

Nach Andreas und Birgit Heller bezieht sich die dritte Ebene auf Funktionen oder Rollen, die in einer Organisation generell den Rahmen für Spiritual Care herstellen. Sie nennen diese Ebene »spezialisierte Funktionen und Rollen in und durch Organisationen«. Gemeint sind Verständigungsprozesse zum spezifischen Zugang zu Spiritual Care im Leitbild der jeweiligen Organisation, aber auch die Koordination der spirituellen Angebote. Allerdings ist nicht von vornherein klar, wer dafür zuständig ist. Alle Berufsgruppen kommen nach ihrer Einschätzung dafür infrage. Vielleicht, so das Ehepaar Heller, ist es sogar günstiger, wenn nicht automatisch spiritual caregivers diese Aufgabe übernehmen (Heller und Heller 2014).

Kritisch sieht das Ehepaar Heller Anamnesegespräche zur Erhebung spiritueller Bedürfnisse. So stellen sie die Frage, ob sich spirituelle Einstellungen wie Diätbesonderheiten abfragen lassen. Für sie ist Spiritual Care keine planbare Technik, sondern wächst aus Beziehungen. Dazu braucht es wechselseitiges Vertrauen, eine Nähe, in der sich Verstehen und Gleichklang, ein achtsames Sein-Lassen, Halt gebende Erfahrungen und Sinnzusammenhänge öffnen können. Fraglich ist daher, ob die Vorstellung umsetzbar ist, dass spirituelle Bedürfnisse eines Kranken zu einer Kategorie der Pflegeplanung werden können, die dann bei der Dienstübergabe im Schichtwechsel zu bedienen ist. Das Ehepaar Heller nennt Weiher, Cassidy, Renz, Müller, und Puchalski um aufzuzeigen, dass trotz deren verschiedener Entwürfen von Spiritual Care, diese (wenn auch unterschiedlich akzentuiert) einigen ethischen Grundprinzipien folgen wie: Mitgefühl/Empathie, Verantwortung, Absichtslosigkeit, Demut und Dienst. Immer wieder taucht der Gedanke auf, dass das Mitgefühl in der Erfahrung der eigenen Verletzlichkeit gründet. Allerdings unterscheiden sich hier Entwürfe, die stärker von einem therapeutischen Beziehungsrahmen bestimmt sind, von jenen, die den kranken und sterbenden Menschen auf »Augenhöhe« begegnen. Dabei ist es natürlich ein großer Unterschied, ob sich der Blick auf Defizite richtet oder den betroffenen Menschen auch als Spiegel des eigenen Weges wahrnimmt. Grundsätzlich ist aber das Prinzip der Würdigung, von dem immer wieder die Rede ist, nur realisierbar, wenn sich Menschen auf derselben Ebene begegnen (Heller und Heller 2014). Abschließend ist festzuhalten, dass Heller und Heller immer wieder betonen: »Spiritualität ist Weg und Ergebnis eines lebenslangen Prozesses, der nicht erst in der Phase der Krankheit oder des Sterbens beginnt« (Heller und Heller 2014, S. 38).

Doris Nauer

Doris Nauer, Theologin und Medizinerin, greift zur Beantwortung der Frage nach den Kompetenzen der Mitarbeitenden vielfach auf Literatur aus dem palliativen Bereich zurück. Allerdings geht sie auf Unterschiede ein (Nauer 2015). Sie betont eine gewisse Abgrenzung, indem sie Eckhard Frick zitiert: »Selbstverständlich ist Spiritualität nicht auf Onkologie und Palliativmedizin einzuengen. So kann auch ein allgemein-chirurgischer Patient in eine spirituelle Krise geraten und ganz besonders diese Ressourcen, die ihm seine Spiritualität bietet, brauchen. Spiritual Care betrifft viele Momente im Leben – von ganz am Anfang, von der Neonatologie angefangen« (Frick 2014, S. 56). Darum, so schließt Doris Nauer, lässt sich nach Frick schlussfolgern: »Spiritual Care ist Teil des evidenzbasierten Paradigmas und gehört in den Fächerkanon der Gesundheitsberufe, und zwar nicht erst am Lebensende« (Frick 2014, S. 56).

Die folgende Skizze ( Abb. 1.3) von Doris Nauer soll verdeutlichen, dass sich das Angebot von Spiritual Care für alle Teammitglieder in einer Vielfalt von Handlungsmöglichkeiten gestaltet, welche ineinanderfließen (Nauer 2015).

Geht man der Frage nach, welche Berufsgruppen Doris Nauer hauptsächlich als Seelsorgende sieht, dann sind in erster Linie Ärzte, Krankenschwestern, Physiotherapeuten und Seelsorger zu nennen (Nauer 2015).

Betont werden muss dabei, dass zu Spiritual Care nicht nur verbale, sondern auch nonverbale Prozesse gehören, genauso wie Rituale, Symbol- und Segenshandlungen und


Abb. 1.3: Schaubild zur Alltagspraxis von Spiritual Care (in Anlehnung an Nauer 2015)

liturgische Feiern. Kreative Praxis ist gefordert, um dem Unsagbaren Ausdruck zu verleihen.

Es braucht Vernetzungsarbeit, sowohl interpersonell als auch institutionell. Spirituelle Begleiter bringen nicht nur Patienten und deren Angehörige zusammen, sondern kümmern sich sehr oft auch um ehrenamtlich Engagierte, und tragen zur interdisziplinären Kooperation bei. Bei diesen ganz alltagspraktischen Aufgaben verdeutlicht sich, dass es neben den spirituellen Begleitern im weiten Sinn auch professionelle Seelsorgende bzw. professionelle, spirituelle Begleiter braucht (Nauer 2015).

Aufgrund ihrer Erfahrungen bringen alle haupt- und ehrenamtlich Tätigen sowohl berufsspezifische als auch persönlichkeitsspezifische Kompetenzen mit. Ob sie zusätzlich noch den Erwerb von spezifischen Kompetenzen benötigen darüber gehen die Meinungen auseinander (Nauer 2015).

Als Vertreter für die erste Position nennt Doris Nauer den Theologen Stefan Stiegler: »Das größte Missverständnis in Sachen Spiritual Care ist die Vermutung oder Unterstellung, es handle sich dabei um etwas Zusätzliches zum normalen Pflegealltag in einer Klinik oder Altenhilfeeinrichtung, das nur mit viel Mühe und extra Aufwand umgesetzt werden müsse, neben all dem, was die Arbeitsabläufe sowieso schon sehr dicht macht.« (Stiegler 2012, S. 249) Auch mit Traugott Roser teilt sie diesen Zugang, der von einer Art professionsübergreifenden Grund-Haltung spricht, die keine zusätzliche Kompetenzerweiterung braucht (Nauer 2015). Erwähnenswert sind die von Stefan Stiegler angeführten hilfreichen Grundhaltungen wie Dankbarkeit, Wertschätzung, Achtsamkeit und Geistesgegenwart (Stiegler 2013). Er sagt: »Spiritualität betrifft weniger den Bereich des Tuns als des Seins« (Stiegler 2013, S. 43).

Doris Nauer hat (in Anlehnung an die Autoren Nassehi, Frick, Hametner, Renz, Weiß, Schaupp) folgende charakteristische Merkmale einer kompetenten Haltung in Zusammenhang mit Spiritual Care herausgefunden:

• Akzeptanz aller Mit-Menschen trotz ihrer Unterschiedlichkeit

• Empathie/Einfühlungsvermögen in andere Menschen

• Transparenz, Ehrlichkeit und Authentizität statt Distanziertheit

• Leidenschaftliche Präsenz im Hier und Jetzt

• Menschen begegnen, mit ihnen reden/kommunizieren können

• Ohnmacht, Leiden, Sterben und Trauer aushalten können

• Begleiten und Loslassen können

• Bereitschaft zur Teamarbeit

• Prinzipielle Offenheit gegenüber der Dimension des Spirituellen/Religiösen

• Respekt gegenüber spirituell-religiösen Bräuchen/Handlungen/Ritualen (Nauer 2015).

Sie fragt zu Recht, ob sich die dem Arbeitsalltag entstammende Sichtweise Stieglers, der zufolge keine Zusatzqualifikationen nötig sind, mit dem Theoriedesign von Spiritual Care deckt. Reicht also eine gemeinsame Grundhaltung aller Teammitglieder tatsächlich aus? Nauer meint, wenn spezifische Praxisformen wie das Erheben einer spirituellen Anamnese unverzichtbar zu Spiritual Care gehören, dann braucht es spezifischere spirituelle Kompetenzen, die Mitarbeitenden nicht automatisch mitbringen, sondern die erlernt, trainiert und bewahrt werden müssen. Dazu zählen:

• Spirituelle Selbstsorge-Kompetenz: »Team members should have training in self-care, self-reflection, contemplative practice und spirtiual self-care« (Puchalski et al. 2009; Holder-Franz 2014, S. 222).

• Spirituelle Assessment Kompetenz »All health care professionals should be trained in doing a spiritual screening or history« (Puchalski et al. 2009).

• Interkulturell-interreligiöse Kompetenz: »Health care professionals should be trained in the tenets of different faiths and in different cultures in order to provide culturally and spiritually competent care. As part of their training in cultural competency, all team members should have a broad minimum level of training in the spiritual/religious values and beliefs that may influence patient and family decisions regarding life-sustaining treatment und palliative care« (Puchalski et al. 2009).

Doris Nauer meint, wenn schon Spiritualität als Ressource/Kraftquelle erschlossen werden soll, dann darf nicht bei der spirituellen Anamnese stehengeblieben werden. Vielmehr gilt es, qualifiziert spirituell zu begleiten, weshalb ihrer Meinung nach zusätzliche Spezialkompetenzen nötig sind:

• Spirituelle Versprachlichungs-, Dialog- und Deutungskompetenz

• Spirituelle Erschließungs-, Vertiefungs- und Bearbeitungskompetenz

• Rituell-liturgische Kompetenz

• Theologisch-seelsorgliche Kompetenz

Zusammenfassend kann man bei Doris Nauer eine dreistufige Kompetenzerweiterung herauslesen. Alles, schließt die Theologin daraus, was über spirituelle Wahrnehmung und Berührung hinausgeht, liegt demnach im Aufgabenbereich religiös-spiritueller Spezialisten wie z. B. christlicher Seelsorger, die über die dafür notwendigen Spezialkompetenzen verfügen und deshalb in den spirituellen Therapieplan einbezogen werden sollten (Nauer 2015).

Darüber hinaus nennt sie noch weitere Kompetenzen, deren genauere Beschreibung jedoch den Rahmen dieses Buches sprengen würde. Daher folgt eine formlose Nennung:

• Leidenschaft im Sinne engagierter Präsenz (Nauer 2015, S. 66).

• Balance von Nähe und Distanz (Nauer 2015, S. 65).

• Selbstreflexion und Demut (Nauer 2015, S. 64–65).

• Verstehende Räume öffnen – Resonanz ermöglichen (Nauer 2015, S. 67).

• Geistesgegenwärtigkeit (Nauer 2015, S. 98).

Dabei zitiert sie den Religionspädagogen Bernd Beuscher, der meint: »Man kann sich nicht heraushalten, weil sich Heraushalten selbst eine Position ist, die die Patienten sofort spüren und verstehen (…) Neutralität ist keine Option. Unsere Weltanschauungen fließen – so oder so – in unser Hilfehandeln ein. Professionelle Beziehungsarbeit kommt ohne reflektierte Grundannahmen über den Menschen, Gott und die Welt und eine Reflexion der humanen existenziellen Ausgangssituation nicht aus« (Beuscher 2014, S. 561).

Laut Doris Nauer wird mittlerweile im deutschsprachigen Raum an verschiedenen Stellen darüber nachgedacht, wie spirituelle Kompetenzen v. a. im Palliative Care Kontext gefördert werden können, wobei dem Aspekt der spirituellen Selbst-Sorge eine Schlüsselfunktion zugewiesen wird: »Wenn spirituelle Bedürfnisse eines Patienten oder Angehörigen in einen spiritualitätsfernen, spiritualitätsfremden oder spiritualitätsfeindlichen Raum hinein geäußert werden, verhallen sie ungehört oder fallen un- oder missverstanden durch ein Assessmentraster. Spirituelle Äußerungen benötigen einen Resonanzraum, in dem diese zum Klingen gebracht werden bzw. zum Tragen kommen. Die Auseinandersetzung von Mitarbeitenden mit der je eigenen Spiritualität ist unabdingbar für die Herstellung oder Erweiterung eines Resonanzraumes für Patienten und Klienten. Die Bildung eines eigenen Spiritualitätskonzeptes von Behandlern und Begleitern ist generell als Beitrag zur Qualitätsentwicklung zu würdigen, zu fördern und zu stärken« (Müller et al. 2008).

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